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Per Aspera Ad Astra

„Der steinige Weg zu den Sternen”

Deutscher Biotechnologie-Report 2004


Information

Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte, auch die der Übersetzung des Nachdrucks

und der Vervielfältigung des Buches oder Teilen daraus, sind vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf

ohne schriftliche Genehmigung der Ernst &Young AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft in irgendeiner

Form (Fotokopie, Mikrofilm, Datenträger oder einem anderen Verfahren) reproduziert oder unter

Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Die Wiedergabe von Gebrauchs- und Handelsnamen sowie Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk

berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne

der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten wären und

daher von jedermann benutzt werden dürfen.

Die Zahlenangaben und Informationen basieren auf Daten, die im Rahmen einer Primärdatenerhebung

sowie Sekundärdatenrecherche von relevanten Unternehmen ermittelt wurden. Die in

diesem Report wiedergegebenen qualitativen und quantitativen Einschätzungen wurden mit hoher

Sorgfalt ermittelt, jedoch übernimmt der Herausgeber keine Haftung für die Richtigkeit und

Vollständigkeit der Angaben.

© Ernst & Young AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft, Mai 2004

Layout und Produktion: Flad & Flad Communication GmbH

Herausgegeben von Ernst & Young AG Wirtschaftsprüfungsgesellschaft

Theodor-Heuss-Anlage 2, 68165 Mannheim

Titelbild:

UV-bestrahlte Muntjak Hautfibroblasten mit Mitochondrien-Schäden. Fixierte permeabilisierte Zellen

wurden mit „Texas-Rot-Phalloidin“ gefärbt um F-Aktin im Zytoskelett sichtbar zu machen. Endogenes

mitochondriales Biotin wurde mit „Alexa Fluor 488 Streptavidin“ nachgewiesen. Zellkerne sind mit

„DAPI“ angefärbt.

Das Bild stammt von Jerrod J. Salisbury, Molecular Probes Inc., Eugene, Oregon, und erhielt den

4. Platz im “Nikon International Small World” Wettbewerb im Jahr 2002.


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Per Aspera Ad Astra

„Der steinige Weg zu den Sternen”

Deutscher Biotechnologie-Report 2004

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Per Aspera Ad Astra

„Der steinige Weg zu den Sternen”

Ernst & Youngs Deutscher Biotechnologie-Report 2004

Projektleitung: Dr. Julia Schüler

Unter Mitarbeit von Stefan Bauer, MBA, und Dr. Ira Oldenettel

Eine Publikation dieser Art ist das Resultat der Kooperation zahlreicher Personen. Wir danken allen, deren professionelle Arbeit

und Kompetenz zum Gelingen dieses Reports beigetragen haben.

Als gesamtverantwortliche Projektleiterin der Studie entwickelte Dr. Julia Schüler Struktur und Inhalt des Reports und koordinierte

sämtliche Arbeiten im Rahmen der Studie. Weitere Mitarbeiter des Projektes waren Stefan Bauer und Dr. Ira Oldenettel. Ihnen sei

für ihre wertvolle Unterstützung während des Projektes besonders gedankt.

Weiterer Dank gilt den Kolleginnen und Kollegen aus dem Ernst & Young Health Sciences-Team in Mannheim. Insbesondere Dr.

Siegfried Bialojan, Industry Leader Health Sciences, trug durch seine fachliche Beratung sowie redaktionelle Unterstützung

wesentlich zum Gelingen der Studie bei. Auch Frau Nina Dunzweiler sei für ihren unermüdlichen Einsatz bei der Organisation des

Reportes sowie vor allem des Supplements zur Vorstellung von deutschen BioParks und der Biotech-Landkarte gedankt. Den

anderen Mitarbeitern im Health-Sciences Team von Ernst & Young, Dr. Manuel Bauer in München sowie Dr. Susanne Wosch in

Köln, gilt ebenfalls Dank für ihre Unterstützung bei der Organisation von Beiträgen zum Report.

Wir danken Alfred Müller, Mitglied des Vorstandes der Ernst & Young AG und Leiter der Deutschen Health Sciences Practice, für

seine Unterstützung des Projekts.

Weiterhin zum Dank verpflichtet sind wir Dr. Ludger Wess von BioCentury für seine professionelle textliche Überarbeitung sowie

den Projekt-Mitarbeiterinnen der Agentur Flad & Flad Communication GmbH, Frau Katja Herrmann und Frau Grane Queitzsch

für ihre professionelle und flexible Umsetzung unseres Textes und unserer Graphiken in ein ansprechendes Layout. Wir danken

auch Dr. Peter Roberts, Marketing Manager Molecular Probes Europe in Leiden, Niederlande, für die Bereitstellung des Titelbildes.

Schließlich sei den an der Primärerhebung teilnehmenden Firmen sowie den Autoren der Expertenbeiträge für Ihren wertvollen

Input gedankt, ohne den diese Studie in der vorliegenden Form nicht hätte realisiert werden können. Besonderen Dank für

wertvollen Input schulden wir einem Team von ausgewiesenen Branchenkennern, mit denen wir die Primärdaten und die daraus

abzuleitenden Aussagen für die vorliegende Studie erörtert haben. Unsere Diskussionspartner waren: Dr. Thomas Höger (DZ

Bank), Dr. Karsten Henco (Evotec OAI), Wolfgang Kroner (medgen press) sowie Dr. Peter Stadler (Artemis Pharmaceuticals).

Dieser Report hat das Ziel, einen Überblick über die unternehmerisch geprägte Biotechnologie-Industrie in Deutschland zu vermitteln.

Es handelt sich um einen unabhängigen Branchenbericht ohne externen Auftraggeber, auf dessen Inhalt kein Einfluss durch

einzelne Unternehmen oder Institutionen ausgeübt wurde.

Dr. Julia Schüler, Senior Industry Specialist Health Sciences

Ernst & Young AG, Mannheim

2 PER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Inhalt

Grußwort von Bundesministerin Edelgard Bulmahn 4

Vorwort von Alfred Müller, Vorstandsmitglied Ernst & Young AG 5

Einführung von Dr. Peter Heinrich, Vorstand MediGene AG 6

1. Kommerzielle Biotechnologie in Deutschland – Ein Überblick 7

2. Technologien und Produkte 17

2.1 Technologien, Plattformen & neue Forschungsansätze 17

2.2 Produkte in der Biotechnologie 23

3. Geschäfts- und Kommerzialisierungsstrategien 49

3.1 Geschäftsmodelle,

Strategien, Wachstumshemmnisse und Erfolge 49

3.2. M&A, Partnerschaften und Deals 65

3.3. Erfolgsfaktor „Wertschöpfungsnetz“ – Biotechnologie

und deutsche Pharma-Industrie 77

4. Finanzierung und Kapitalmarkt 85

4.1 Biotech-Investoren im Blickfeld 85

4.2 Die Finanzierung der Biotech-Firmen 90

4.3 Kapitalmarkt und Börse 104

5. Der Biotech-Standort Deutschland 109

5.1 Aktivitäten auf Bundesebene 111

5.2 Bio-Regionen im Visier 114

Anhang 116

Methodik und Definitionen 116

Verzeichnis der Expertenbeiträge 118

Verzeichnis der Tabellen und Abbildungen 120

3


Grußwort

Edelgard Bulmahn,

Bundesministerin für Bildung und Forschung

Deutschland als Land mit einer auf den Export ausgerichteten Wirtschaft besitzt ausgewiesene

Kompetenz und Innovationsstärke in den Schlüsseltechnologien. Sie prägen

den Strukturwandel der Wirtschaft, entscheiden über Positionen in globalen Märkten

und ermöglichen zukunftssichere Arbeitsplätze.

Die Biotechnologie spielt bei der Zukunftsfähigkeit des Wissenschafts- und

Wirtschaftsstandortes Deutschland eine entscheidende Rolle. Nicht nur die Wissenschaft,

auch die für die Kommerzialisierung der Biotechnologie eintretende Wirtschaft

steht dabei am Anfang einer biotechnologischen Revolution.

Das enorme Potenzial der Biotechnologie wird deutlich,

wenn man allein an ihren möglichen Einfluss auf die

Humanmedizin denkt. Dies ist nach wie vor das bedeutendste

Anwendungsfeld mit viel versprechenden Innovations-

und Marktpotenzialen, aber auch ein Anwendungsfeld,

das mit großen Hoffnungen verbunden ist. Bis

heute kann lediglich ein Drittel aller bekannten rund

35.000 Krankheiten therapiert werden. Zu einem

erheblichen Teil können dabei nach wie vor nur Symptome

behandelt, die eigentlichen Krankheiten jedoch

nicht geheilt werden.

Ermutigt durch die Erfolge des ersten biotechnologischen Medikaments, dem Humaninsulin,

vor 20 Jahren haben viele Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler ihre

Forschungsarbeiten vorangetrieben. Heute gibt es weltweit etwa 5.000 Biotechnologie-

Unternehmen und bereits über 130 von Biotechnologie-Unternehmen entwickelte

Medikamente auf dem Markt.

In der weißen, der blauen und der grünen Biotechnologie ist der wissenschaftliche

Erkenntnisgewinn zwischenzeitlich ebenfalls weit fortgeschritten. Die breite wirtschaftliche

Anwendung steckt jedoch noch in den Kinderschuhen. Sie wird nach allen Vorhersagen

in ihrem Innovations- und Marktpotenzial der roten Biotechnologie keinesfalls

nachstehen.

Neue Märkte entstehen und werden jetzt verteilt. Die Förderung von heute bewirkt die

Innovationen von morgen. Durch eine gezielte Strategie werden die Kommerzialisierungsperspektiven

für deutsche Unternehmen wachsen. Das Bundesministerium für Bildung

und Forschung fördert daher die Genom- und Proteomforschung und auch die Bioinformatik

und die Nanobiotechnologie.

Die Voraussetzungen für die Verwertung biotechnologischer Neuerungen in Deutschland

sind geschaffen. Seit Ende der 90er Jahre ist in unserem Land eine Biotechnologie-

Branche entstanden, deren Unternehmen heute zu 80 Prozent im Life-Science-Bereich

tätig sind.

Wie alle neu wachsenden Industrien durchlaufen auch die jungen deutschen Biotechnologie-Unternehmen

einen Wechsel von Phasen des Booms und der Konsolidierung.

Mutmaßungen über Konkurse von einem Großteil der Unternehmen, wie sie noch vor

wenigen Monaten häufiger zu lesen waren, sind dabei ebenso fehl am Platz wie überzogene

Erwartungen an schnelle Gewinne, hohe Umsätze und signifikante Beschäftigungszuwächse

quasi über Nacht. Biotechnologie braucht einen langen Atem.

Ohne Zweifel kämpft die Branche nach wie vor mit Geldmangel, weil der Venture-Capital-

Markt noch nicht wieder in Schwung gekommen ist. Dennoch gibt es eine Reihe von

Signalen, die hoffnungsvoll für einen neuen Aufschwung stimmen. Die Anzahl der

Produkte in späteren Phasen klinischer Studien ist signifikant gestiegen. Es finden

wieder Neugründungen von Unternehmen statt, die zwar Abgänge

noch nicht vollständig, aber zu einem erheblichen Teil kompensieren.

Mehr als 70 Prozent der ausscheidenden Unternehmen werden durch

neue ersetzt.

Aufgrund der strategischen Bindung zwischen Biotechnologie- und

Pharma-Industrie hat die Zahl der Kooperationen von der Einlizenzierung

über Partnerschaften bis hin zu Beteiligungen oder Firmenübernahmen

rapide zugenommen. Ende letzten Jahres ist es darüber

hinaus zum ersten Mal einem deutschen Biotechnologie-

Unternehmen gelungen, eine Wirkstoffzulassung zu erhalten. Auch

wenn es sich hierbei um ein einlizenziertes Produkt handelt, ist dieses

erfolgreiche Zulassungsverfahren positiv zu werten.

Und noch eine Nachricht lässt aufhorchen. Der „Prime IG Biotechnology

Kursindex“ vollzieht zurzeit eine dynamische Kursentwicklung und hat seit

Dezember des letzten Jahres um mehr als 10 Prozent zugelegt. Dies zeigt, dass die

Anleger an den deutschen Börsen die Biotechnologie wieder entdeckt haben.

Dass in Deutschland eine starke Biotechnologie-Branche heranwächst, die nicht nur bei

der Anzahl der Unternehmen, sondern auch bei Umsatz und Beschäftigung in Europa zur

Spitze gehört, ist ein wesentliches Anliegen der Bundesregierung. Das Innovationspotenzial

der Biotechnologie muss gezielter erschlossen und in Wachstum und Beschäftigung

umgemünzt werden. Dies erfordert innovationsfreundliche Rahmenbedingungen,

wissenschaftliche Exzellenz, einen funktionierenden Technologietransfer und Kapitalmarkt

sowie ein erfolgreiches Unternehmertum.

Die Bundesregierung hat in den letzten Monaten mit „BioChancePLUS“ für den Mittelstand,

dem Beteiligungskapital-Dachfonds und dem High Tech-Masterplan ein aufeinander

abgestimmtes Maßnahmenbündel gestartet, das dazu beiträgt, Innovationen aus

der Biotechnologie in der gegenwärtigen Phase wirksam voranzubringen. Ich wünsche

mir, dass die Branche aus den vielen hoffnungsvollen Signalen Mut schöpft und zu neuer

Stärke findet.

4 PER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Vorwort

Alfred Müller,

Mitglied des Vorstands der Ernst & Young AG und

Leiter der Deutschen Health Sciences Practice –

Initiator der Europäischen und Deutschen Biotech Reports

Ernst &Young präsentiert Ihnen zum fünften Mal den Deutschen Biotechnologie Report.

Wie in den vergangenen Jahren wird dieser Bericht mit seiner Detailübersicht über die

Biotech-Industrie in Deutschland eingebettet sein in ein internationales Konzept, mit

dem Ernst &Young weltweit die Biotech-Branche beobachtet, analysiert und in Form von

Trendaussagen hinsichtlich ihrer zukünftigen Entwicklung beurteilt.

Neben diesem Bericht werden zeitnah der 11. Europäische Biotech Report, der

18. American Biotech Report sowie zum ersten Mal ein Biotech Report für die Asia

Pacific Region erscheinen. In allen kontinentalen Berichten wird darüber hinaus in einem

gemeinsamen Kapitel die Biotech-Industrie aus globaler Sicht

beschrieben.

Biotechnologie ist ein traditionell starkes Standbein der ausgeprägten

Industrie-Expertise bei Ernst & Young im Bereich Health

Sciences.

Diese Expertise erstreckt sich jedoch ebenso auf die Pharmaindustrie

sowie inzwischen zusehends stärker auch auf die Medizintechnik

und den Bereich Health Care – basierend auf vielfältigen

Schnittstellen zwischen diesen Teilgebieten und unserer festen

Überzeugung hinsichtlich der wichtigen Funktion all dieser Segmente

in einem integrierten Gesundheitssystem.

Über den Schwerpunkt Biotechnologie hinausgehend wird in diesem Jahr der zweite

Ernst & Young Global Pharmaceutical Report erscheinen, der sich vornehmlich mit den

wichtigsten Aufgabenstellungen der internationalen Pharma-Industrie auseinandersetzt.

„Per Aspera Ad Astra“, zu Deutsch: „Der steinige Weg zu den Sternen“ – der Titel des

neuen Deutschen Biotechnologie Reports 2004 gibt unserer Ansicht nach am besten

die gegenwärtige Situation der Biotech-Industrie in Deutschland wieder. Die bereits im

letzten Jahr einsetzende Konsolidierung der Branche setzt sich weiter fort; viele Firmen

müssen in diesem Zusammenhang erkennen, wie steinig der Weg tatsächlich ist und wie

weit die Sterne möglicherweise noch entfernt sind.

Nach wie vor bestimmen Maßnahmen zur Kostenreduktion – Freisetzung von Mitarbeitern,

Aussetzen von Projekten und Fokussierung auf das Kerngeschäft – die

Agenda der Firmen.

Auf der anderen Seite haben sich die Auslöser der Konsolidierung, allen voran die

Kapitalmärkte und die daran geknüpften Finanzierungsbedingungen für die Branche

noch nicht wesentlich erholt. Wenngleich die deutlich positivere Stimmung in den USA

einen Hoffnungsschimmer auch in Europa aufkommen lässt, kann in Deutschland noch

nicht von der Überwindung der Talsohle gesprochen werden.

Immerhin bestätigen Beobachter der Branche mittlerweile auch, dass die Unternehmen

konsequent auf die Lage reagiert haben und die getroffenen Maßnahmen fruchten. Die

Tatsache, dass insgesamt der größte Teil der Firmen nach wie vor operativ tätig ist, nährt

die Erwartung, dass auch ein größerer Teil von ihnen die Krise überleben wird, als in den

pessimistischen Prognosen befürchtet worden war.

Die Erfolge von reiferen Biotech-Firmen in den USA, aber auch die Zulassung für das

erste Medikament einer deutschen Biotech-Firma haben deutlich dazu beigetragen,

dass Vertrauen in die Branche zurückkehrt. Dies zeigen die gestiegenen Aktienkurse,

aber auch ein Anziehen der internationalen Transaktionsaktivitäten. Die bekannten

„Sterne“ oder Stars der Biotechnologie beweisen auch, dass der steinige Weg erfolgreich

sein kann.

Zwar muss die noch junge Branche in Deutschland vorläufig noch eher Steine aus dem

Weg räumen, die Sternenziele scheinen aber dennoch

nicht nur Illusion.

Mit der Erstellung der Biotechnologie-Reports verfolgen

wir neben der Bereitstellung von Zahlen und Trends für

die Industrie und assoziierte Interessengruppen deutlich

weiter gehende Ziele. Die Beschäftigung mit der

Branche – mit den Firmen, den Technologien, der

Intellectual Property sowie mit den Geschäftsmodellen

und der Situation auf der Finanzierungsseite – begründet

eine vertiefte Industrieexpertise, die uns in vielen

Gesprächen immer wieder bestätigt wird.

Unsere Industrieexpertise setzen wir als wichtigen Bestandteil unseres Dienstleistungsportfolios

zum Mehrwert für unsere Kunden ein.

Die aktuelle Wirtschaftslage, die gerade die noch jungen deutschen Biotech-Firmen

hart trifft, erfordert verstärkt die professionelle Unterstützung durch den „Business

Advisor“, der somit in zunehmendem Maße zum Erfolgsfaktor wird. Kern dieser Dienstleistungen

ist die multidisziplinäre Praxis, die alle notwendigen Fachexpertisen aus den

Bereichen risikoorientierte Prüfung, Steuerberatung, Corporate Finance und Rechtsberatung

in sich vereinigt. Die enge Verzahnung der multidisziplinären Praxis mit der

Industrie-Expertise gewährleistet, dass ausgearbeitete Lösungen sehr spezifisch auf die

Branche und den individuellen Kunden zugeschnitten werden können.

Ich hoffe, dass die vorliegende Studie Ihnen neben dem Zahlenmaterial hilfreiche

Anregungen liefert und würde mich freuen, wenn Ernst & Young auf Grund dieser Studie

in einen konstruktiven Dialog mit Ihnen eintreten könnte.

5


Einführung

Die MediGene AG aus München hat es als erstes deutsches Biotech-Unternehmen geschafft,

eine Medikamentenentwicklung zur Marktzulassung zu bringen und prüft zudem ein weiteres

Medikament in Phase III. Dr. Peter Heinrich (CEO MediGene AG) führt mit seiner Perspektive

zur Entwicklung der deutschen Biotechnologie in die Thematik dieser Studie ein.

Dr. Peter Heinrich, Vorstandsvorsitzender MediGene AG,

Vorstandsvorsitzender VBU

Wie kann Biotechnologie ein bedeutender

Wirtschaftsfaktor für Deutschland werden?

Biotech ist eine spannende, innovative, unternehmerische Industrie. Ihre Anwendungsmöglichkeiten

reichen von der Medizin über klassische Nahrungsmittelerzeugung

und Landwirtschaft bis hin zur Bioinformatik. In zunehmendem Maß wird sie als Basisoder

Schlüsseltechnologie für die kommenden

Jahrzehnte bezeichnet und ihr ein ähnlicher Stellenwert

wie der Mikroelektronik und der Informationstechnik

beigemessen. Als noch junge Branche – ihre Ursprünge

begannen Ende der 1970er-Jahre in den USA, Deutschland

zog erst Anfang der 90er-Jahre nach – gehören ihr

heute rund 4.500 Unternehmen weltweit an. Besonders

im medizinischen Bereich haben biotechnologische

Methoden bislang deutliche Fortschritte ermöglicht. Insbesondere

dank der Gentechnik und neuer zellbiologischer

Methoden können Krankheitsursachen besser

identifiziert, Herstellungsverfahren optimiert und neue

Therapeutika entwickelt werden, die häufig gezielter,

schonender und effektiver wirken. Viele der heute verwendeten Medikamente sind überhaupt

nur mittels biotechnischer Verfahren zugänglich. Experten gehen davon aus, dass

im Jahr 2010 bereits die Hälfte aller neuen Medikamente ihren Ursprung in Biotechnologie-Firmen

genommen haben werden.

Während zur amerikanischen Biotech-Industrie bereits eine Reihe von reifen

Unternehmen gehören, die in Profit, Mitarbeiterzahlen und Börsenwert manch alteingesessene

Pharmakonzerne übertreffen, befindet sich die europäische und deutsche

Biotechnologie-Branche noch in der Aufbauphase. Etwa 350 Biotechnologie-

Unternehmen gibt es in Deutschland, die ältesten darunter sind kaum älter als zehn

Jahre alt. Der Großteil dieser Firmen arbeitet noch mit Verlusten und wird erst in den

nächsten Jahren die Gewinnschwelle erreichen. Die Entwicklung neuer Medikamente

und Technologien erfordert diese Zeit. Auf dem Weg, die deutsche Biotechnologie zu

einem bedeutenden Wirtschaftsfaktor zu machen, haben die Unternehmen selbst, aber

auch Finanzinvestoren, die Pharmabranche und nicht zuletzt die Politik eine entscheidende

Rolle zu spielen.

Die Unternehmen müssen in den nächsten Jahren greifbare Ergebnisse zeigen, also:

Erste Medikamente auf den Markt bringen und Technologien breit vermarkten, um zu

zeigen, dass ihre Ideen realisierbar und vor allem kommerzialisierbar sind. Sie müssen

ihre Geschäftsmodelle verstärkt auf ihre Kunden zuschneiden, sich gegebenenfalls auf

Kernbereiche fokussieren und ihre Ressourcen bündeln, um möglichst bald profitabel zu

werden. Dies gilt auch für die Branche als Ganzes: Firmen sollten sich zusammenschließen,

um Synergien herzustellen und Unternehmen mit ausreichender Größe zu

bilden. Hierbei sind auch die Finanzinvestoren gefragt. Sie sollten diesen Prozess unterstützen

und darüber hinaus ihre Finanzierungspolitik weniger nach

dem Gießkannenprinzip ausrichten, sondern besser nach strengen

Qualitätsmaßstäben in eine geringere Anzahl von Unternehmen

investieren. Letzteres gilt auch für die staatlichen Förderinstrumente.

Die Pharmabranche als Partner von Biotech ist aufgerufen, ihre

Bereitschaft zur Zusammenarbeit nicht aus taktischen Gründen auf

Eis zu legen, denn letztlich wird ihr eine gesunde Biotech-Branche

nutzen. Schließlich müssen politische Entscheidungen getroffen

werden, die Innovationen ermöglichen und die Bereitschaft von

Investitionen fördern: So gilt es dringend, die steuerlichen Rahmenbedingungen

zu verbessern, damit Investitionen in Deutschland

wieder so interessant werden wie in anderen Ländern Europas, die

bereits steuerliche Vorteile bieten. Europäisches Recht muss baldmöglichst

in nationales Recht umgesetzt werden. Das betrifft z. B. die europäische

Patentrichtlinie. Deutschland gehört zu den wenigen EU-Ländern, die diese noch nicht in

deutsches Recht übernommen haben, obwohl sie die Gratwanderung zwischen

notwendigem Schutz und erforderlichem Entwicklungsspielraum in vorbildlicher Weise

meistert. Es gilt aber ebenso für die Neuformulierung des deutschen Gentechnik-

Gesetzes. Hier sieht die zugrunde liegende, europäische Richtlinie zahlreiche Vereinfachungen

und Erleichterungen vor, die vollständig umgesetzt werden sollten, um zu verhindern,

dass Unternehmen abwandern und Investoren von Investitionen in Deutschland

abgeschreckt werden. Ich halte es für gut, dass in Deutschland Bedenken gegenüber

neuen Technologien ihren Platz haben. Wir dürfen aber nicht die Chancen aus den Augen

verlieren, die mit neuen Möglichkeiten verbunden sind, und wir müssen uns bewusst

sein, dass uns nur begrenzte Zeit bleibt, diese Chancen zu nutzen!

Die Zukunftsfähigkeit des Technologiestandorts Deutschland wird entscheidend von

der Entwicklung der Biotechnologie-Industrie mitbestimmt werden. Biotech gehört zu

den wenigen rohstoffunabhängigen Spitzentechnologien, die wir haben. Deutschland

verfügt über die wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Ressourcen, aus diesem

Potential eine Erfolgsstory zu gestalten. Zum Nutzen aller: Patienten, Verbraucher,

Gesellschaft und Industrie gleichermaßen.

6 PER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


1. Kommerzielle Biotechnologie in Deutschland – Ein Überblick

Per Aspera Ad Astra

Per aspera ad astra – aus dem Lateinischen ins Deutsche

übersetzt, heißt soviel wie „der steinige Weg zu den Sternen“.

Dies charakterisiert die derzeitige Lage der deutschen Biotech-

Industrie. Denn noch hat die deutsche Biotech-Branche die Talsohle

nicht durchschritten – im Gegensatz zur US-amerikanischen

Biotech-Industrie, die bereits „back on track“ und erneut

energiegeladen ist.

In den USA sind jedoch die Ausgangsvoraussetzungen deutlich

anders: Vor dem „Downturn“ der letzten Jahre waren

bereits therapeutische Produkte auf dem Markt, und es wurden

mit etwa 30 Milliarden US$ Umsätze in zweistelliger

Milliarden-Höhe erzielt. Zum Vergleich: Die deutsche Biotech-

Industrie kam im Jahr 2001 erstmals auf einen Branchen-

Umsatz von knapp über einer Milliarde €. Auch die europäische

Biotech-Industrie liegt trotz zweistelliger Milliarden-Umsätze

(gut 10 Mrd. €) nur bei einem Drittel des Umsatzes des USA-

Sektors, obwohl es in Europa mehr Biotech-Unternehmen gibt.

Doch obwohl der Weg steinig ist, führt er zu den Sternen und

die Biotechnologie ist noch immer unbestritten Schlüsseltechnologie

und damit ein Fixstern des 21. Jahrhunderts, denn

die Aussichten für Biotech-Firmen, die es schaffen, neue

Medikamente auf den Markt zu bringen, sind rosig.

Bestes Beispiel dafür ist das US-Unternehmen Genentech, das

bereits früh Erfolge zu verzeichnen hatte, seit es in den 80er

Jahren mit Partner Eli Lilly das weltweit erste gentechnisch

hergestellte Medikament auf den Markt brachte. Mittlerweile

hat Genentech 13 Medikamente auf dem Markt und eine gut

gefüllte Pipeline – dies zeigen die drei Zulassungen neuer

Medikamente in jüngster Zeit. Allein die Nachricht von

positiven Ergebnissen der klinischen Studie von Avastin –

einem neuartigen Medikament gegen Krebs – sowie die

nachfolgende US-Zulassung im Februar 2004 führte zur

Verdreifachung des Wertes der Genentech-Aktie.

Gerade aber die Erfahrung der deutschen Biotech-Industrie in den

letzten Jahren zeigt, dass der „Weg zu den Sternen steinig“ ist.

Steinig ist der Weg, weil Rückschläge bei der Medikamentenentwicklung

eingesteckt werden mussten; steinig auch, weil die

Verschlechterung der Kapitalmarktsituation mit nachfolgendem

Versiegen der externen Finanzierungsquellen die Branche

mitten im Aufbruch traf und somit beispielsweise auch viel

versprechende Projekte mangels Kapital eingefroren werden

mussten.

Viele Unternehmen kämpfen nach wie vor um das Überleben

und die Industrie ist somit weiterhin von Konsolidierung durch

Übernahmen und Insolvenzen geprägt. Jedoch sollte die

gegenwärtige Konsolidierung, die im Übrigen nach wie vor

nicht in übermäßigem Ausmaß auftritt, positiv gesehen werden,

da sie dazu verhilft, der Branche nach steinigen Jahren einen

Neuanfang zu ermöglichen, aus dem sie gestärkt hervorgehen

wird.

Es gibt aber auch Positives zu vermelden: Die Münchener

MediGene AG hat es als erstes deutsches Biotech-Unternehmen

geschafft, ein Produkt durch die Zulassung zu bringen und wird

das Krebsmedikament Eligard in Partnerschaft mit dem

japanischen Pharmakonzern Yamanouchi in diesem Jahr auf den

Markt bringen. Diese Zulassung dürfte der deutschen Biotech-

Branche internationale Beachtung verschaffen und wesentlich

zu einer Verbesserung der noch immer sehr zaghaften

Stimmung und einem Zukunftsoptimismus beitragen.

Die Bilanz auf einen Blick für das Jahr 2003 ergibt:

• eine weitere negative Entwicklung der Kennzahlen,

• dennoch Anzeichen für Fortschritt in einzelnen Bereichen wie

zum Beispiel weniger Firmen, die gar keinen Umsatz haben

und eine zunehmende Anzahl an Wirkstoffen in Phase I, II

und III,

• kein Anstieg der Insolvenzen gegenüber 2002, dafür deutlich

mehr Akquisitionen,

• eine Zunahme der Serviceorientierung sowie eine Neuausrichtung

von Firmen durch Restrukturierung,

• leicht gestiegenes Volumen an Risikokapitalfinanzierungen

sowie Hoffnung auf ein sich öffnendes Börsenfenster,

• neue Initiativen auf Bundesebene zur Unterstützung der

Branche.

7


Eckdaten

Nach 2002 hat sich im Jahr 2003 zum zweiten Mal in Folge die

Anzahl der Firmen verringert, die sich überwiegend auf die

Kommerzialisierung der modernen Biotechnologie konzentrieren.

Die Zahl der Neugründungen des Jahres 2003 konnte

wiederum die gestiegene Anzahl an Insolvenzen, Geschäftsauflösungen

und Übernahmen nicht aufwiegen.

Weiterhin abgenommen haben ebenfalls die wichtigsten Kennzahlen

wie Anzahl der Mitarbeiter, Höhe der FuE-Ausgaben

und Umsatz.

Technologien und Produkte

Als Technologiebasis werden in den Firmen neben Genomics-

Technologien insbesondere Screening- und Assay-Methoden

sowie Zell- und Gewebekulturen eingesetzt. Aber auch Bioinformatik

und Proteomics sind nach wie vor wichtige Grundlagen

in der modernen biotechnologischen Forschung.

Das Geschäftsfeld, in dem die Biotech-Firmen am stärksten

aktiv sind, ist unverändert die Entwicklung von therapeutischen

Wirkstoffen, obwohl ihr Anteil an der Gesamtzahl an Firmen im

Vergleich zum Vorjahr leicht abgenommen hat. Danach folgen

Unternehmen, die Molekulardiagnostika entwickeln. Das heißt

auch, dass die überwiegende Zahl der Biotech-Unternehmen

(92 Prozent) sich wie bislang mit dem „roten Bereich“ der

Biotechnologie beschäftigt, also mit medizinischen Anwendungen.

Erfreulicherweise hat sich die Zahl der Wirkstoffe in der

Entwicklungspipeline deutscher Core-Biotech-Unternehmen im

Vergleich zum Vorjahr leicht erhöht. Damit konnte der

vorherige Rückgang, unter anderem verursacht durch die

Akquisition von Unternehmen mit Entwicklungsprodukten

durch ausländische Firmen, wieder aufgeholt werden. Sowohl

bei den Wirkstoffen in Phase I und II als auch der Phase III der

klinischen Entwicklung ist ein weiterer, deutlicher Fortschritt zu

erkennen. Somit hat sich die Zahl der Wirkstoffe in der klinischen

Pipeline mit 68 Kandidaten bemerkbar erhöht. Zudem

erfolgte wie bereits erwähnt mit Eligard, einem Produkt der

MediGene AG im Dezember 2003 die erste Zulassung eines

Produktes einer deutschen Biotech-Firma.

Dagegen sind viele von deutschen Biotech-Firmen entwickelte

Molekulardiagnostika schon am Markt etabliert, und auch Produkte

aus dem Bereich Tissue Engineering werden bereits als

Therapeutika am Markt angeboten.

KOMMERZIELLE B IOTECHNOLOGIE IN D EUTSCHLAND

Der Bereich der „grünen“ Biotechnologie, der Anwendungen in

Landwirtschaft und Lebensmittelindustrie umfasst, ist im

Gegensatz zur „roten“ Biotechnologie nach wie vor weniger

stark vertreten. Gerade mal 13 Prozent der deutschen Core-

Biotech-Firmen beschäftigen sich mit diesem Bereich, der

neben der Entwicklung von transgenen Pflanzen für verschiedene

Zwecke vor allem die molekulare Diagnostik im

Lebensmittelbereich umfasst.

Gleichauf liegen mit 13 Prozent die Unternehmen, die sich mit

der so genannten „grauen“ oder „weißen“ Biotechnologie

befassen, das heißt, Anwendungen in Umweltschutz und

Industrie verfolgen.

Geschäfts- und Kommerzialisierungsstrategien

Bei den Geschäftsmodellen hat sich die Zahl der rein produktentwickelnden

Firmen deutlich reduziert. Entsprechend ist der

Anteil an Firmen, die Produkte entwickeln und gleichzeitig

Service anbieten, signifikant gestiegen. Dieser Trend bei der

Geschäftsausrichtung erklärt vermutlich das Überleben vieler

Firmen. Zudem vollzogen einige Firmen umfangreiche

Restrukturierungsmaßnahmen, um durch eine Neuausrichtung

bessere Überlebenschancen zu haben.

Finanzierung und Kapitalmarkt

Venture Capital war im vergangenen Jahr weiterhin die einzige

Eigenkapital-Quelle für die deutsche Biotech-Industrie. Der

Gesamtbetrag an investiertem Risikokapital lag mit rund 216

Millionen € immerhin leicht über dem Niveau vom Jahr 2002

(207 Millionen €), so dass hier kein weiterer Einbruch erfolgte.

Erfolgreiche Biotech-Börsengänge in den USA nähren auch in

Europa und Deutschland die Hoffnung, in näherer Zukunft

wieder auf diese Finanzierungsquelle zählen zu können.

Biotech-Standort Deutschland

Zur Stärkung des Technologiestandortes Deutschland hat die

Bundesregierung Anfang diesen Jahres den High-Tech Masterplan

vorgestellt. Dieser umfasst insbesondere einen verbesserten

Zugang zu Wagniskapital sowie die Schaffung international

wettbewerbsfähiger steuerlicher Rahmenbedingungen und zielt

insofern auch auf die deutschen Biotech-Firmen. Maßnahmen

in Nachbarländern wie zum Beispiel Frankreich mit ähnlicher

Zielrichtung können hier jedoch zum Teil als effektiver angesehen

werden.

8 PER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Stand der deutschen Core-Biotech-

Industrie im Jahr 2003

Im Fokus der vorliegenden Studie stehen Firmen, die vorwiegend

moderne Methoden der Biotechnologie entwickeln

oder nutzen und die hier als Core-Biotech-Unternehmen bezeichnet

werden. Dieser Begriff wurde ursprünglich von

Ernst & Young geprägt, wird jedoch zunehmend von weiteren

Kreisen – leider auch oft für die Beschreibung einer anderen,

eigenen Abgrenzung von Biotech-Firmen – genutzt.

Ziel dieser Fokussierung ist es, den Kern der Branche abzubilden

und somit eine homogene Menge an Firmen zu erfassen,

die mit ähnlichen Methoden arbeiten und deshalb bezüglich der

untersuchten Parameter (Geschäftsmodell, Geschäftsfelder etc.)

besser vergleichbar sind.

Diese Betrachtung beinhaltet folglich keine Firmen, die sich

zum Beispiel mit klassischen Methoden der Biotechnologie

beschäftigen oder in der Medizintechnik tätig sind. Detaillierte

Ausführungen zu Definitionen, Abgrenzungen und Methodik

der vorliegenden Untersuchung finden sich im Anhang.

Ebenso nicht im engeren Fokus stehen traditionelle Mittelstands-

und Großunternehmen aus der Pharma- und Agroindustrie,

auch wenn sie mit Methoden der modernen Biotechnologie

arbeiten. Um jedoch deren Bedeutung innerhalb der

deutschen Core-Biotech-Industrie zu betonen, wird der deutschen

Pharmaindustrie und ihrem Bezug zur Biotechnologie ein

eigenes Kapitel in dieser Studie gewidmet (siehe Kapitel 3.3).

Tabelle 1-1:

Eckdaten der deutschen Core-Biotech-Industrie

Auch wenn der weite Bereich der Firmen, die von Ernst &

Young nicht zu den Core-Biotech-Unternehmen gezählt

werden, nicht im Fokus dieser Studie steht, so sind sie natürlich

ein wichtiger Bestandteil des „Wertschöpfungsnetzwerks

Biotechnologie“. Es handelt sich hier beispielsweise um Firmen

aus den Bereichen ELISA-Immundiagnostik, biomagnetische

Separation, Hersteller monoklonaler Antikörper zu Forschungszwecken,

Nanopartikel, Pharmakoservices, biochemische

und biosensorische Analytik, klassische Fermentation,

Geräte- und Materiallieferanten. Stellvertretend für viele seien

hier einige große und namhafte Vertreter dieser Bereiche

genannt: ScheBo Biotech und BRAHMS, Miltenyi Biotec und

chemagen, BIOGENES und nanoTOOLS, Nanopharm, Across

Barriers und GenPharmTox, Trace, Girindus, CyBio und Vivascience.

Werden diese Firmen aus dem weiteren Bereich der Biotechnologie

hinzugezählt, so finden sich in der deutschen Industrie

nach verschiedenen Quellen ungefähr 500 plus X Firmen, die

im weitesten Sinne mit der Biotechnologie zu tun haben.

Unter Berücksichtigung der im Anhang ausführlich dargestellten

Definition und Abgrenzung der Core-Biotech-Firmen durch

Ernst & Young, die auch den internationalen Reports von

Ernst & Young zu Grunde liegt, beläuft sich die aktuelle

Firmenanzahl der deutschen Core-Biotech-Industrie auf 350

Unternehmen.

Gesamt-

Industrie

Börsennotierte

Unternehmen

Jahr 2001 2002 2003 2003

Allgemeine Kennzahlen

Anzahl der Unternehmen 365 –1 % 360 –3 % 350 11

Anzahl der Beschäftigten 14.408 –7 % 13.400 –14 % 11.535 3.431

in FuE 7.858 –7 % 7.308 –16 % 6.120 1.333

Finanzdaten (in Mio. €)

Umsatz 1.045 –3 % 1.014 –5 % 960 469

FuE-Ausgaben 1.228 –11 % 1.090 –11 % 966 141

Verlust –551 +20 % -661 –17 % –549 –100

Quelle: Ernst & Young, 2004

9


Per Aspera Ad Astra

Nach der „Zeit der Bewährung“ im Jahr 2002 kann der Zustand

der deutschen Core-Biotech-Industrie im Jahr 2003 mit dem

Bild des „steinigen Wegs zu den Sternen“ beschrieben werden.

Vermutlich sind sich alle Branchenvertreter einig, dass die

kommerzielle Umsetzung der modernen Biotechnologie als

Schlüsseltechnologie – und damit als Stern – des 21. Jahrhunderts

gilt. Dennoch musste – vor allem nach dem rasanten

Wachstum zwischen den Jahren 1996 und 2000 – die Industrie

in den letzten Jahren erkennen, dass viele Hoffnungen und

Visionen nicht so schnell umgesetzt werden konnten, wie

anfänglich erwartet. Die Biotech-Industrie ist endgültig in der

Realität angekommen. Nach dem Platzen der Börsen- und

anderen Erwartungsblasen haben die realen Marktbedingungen

wie Finanzierung, Produktentwicklung, Vertrieb und Kundengewinnung

die deutschen Biotech-Firmen wieder auf den Boden

der betriebswirtschaftlichen Tatsachen gebracht.

Im Grunde kann weiterhin von einer Bewährungsprobe gesprochen

werden, da sich die Branche noch nicht erholt und die

Phase der Stagnation bzw. der rückläufigen Kennzahlen sich

weiter fortgesetzt hat. Allerdings liefern die Eckdaten, die über

die Zahl von Unternehmen und Mitarbeitern sowie die

finanziellen Kenndaten wie Umsatz, Forschungs- und Entwicklungsausgaben

sowie Verlust Auskunft geben, lediglich ein

statistisch gemitteltes Bild der deutschen Core-Biotech-

Industrie. Sie spiegeln nicht wider, dass es im Einzelfall auch

sehr erfolgreiche Firmenentwicklungen gab. Gerade Restrukturierungen,

oft einhergehend mit Mitarbeiterabbau, waren

notwendig, um die Unternehmen wieder fit für die Zukunft zu

machen. Diese Bemühungen, sich auf dem „steinigen Weg zu

den Sternen“ zurecht zu finden, erklären auch, warum es zum

Beispiel sehr viel weniger Insolvenzen gab als vielfach

erwartet. Von Entwarnung kann allerdings noch keine Rede

sein, da vermutlich viele Unternehmen in eine Art

„Winterschlaf“ verfallen sind, bei dem sie durch entsprechende

Maßnahmen Energie sparen und Kräfte für den nächsten

Frühling sammeln. Einige werden es schaffen, andere jedoch

haben die Energie so weit heruntergefahren, dass ein Erwachen

sehr schwer fallen oder gar nicht erfolgen wird.

Wann die in der US-Biotech-Industrie bereits wieder sehr

positive Stimmung Relevanz für die hiesige Industrie haben

wird, bleibt einstweilen eine offene Frage.

KOMMERZIELLE B IOTECHNOLOGIE IN D EUTSCHLAND

Allgemeine Kennzahlen der deutschen Core-Biotech-

Unternehmen im Jahresvergleich

Nach 2002 ist die Anzahl der deutschen Core-Biotech-

Unternehmen (im Folgenden auch nur „Biotech-Unternehmen“

genannt) im Jahr 2003 zum zweiten Mal in Folge nicht weiter

gestiegen, nachdem in den wachstumsstarken Jahren zeitweise

Zuwächse um mehr als 20 Prozent erfolgten.

Mit 350 Firmen ist die Unternehmenszahl im Vergleich zum

Vorjahr (360 Firmen) weiter gesunken. Der Rückgang beläuft

sich auf rund drei Prozent.

Abbildung 1-1:

Historische Entwicklung der Anzahl an

Core-Biotech-Unternehmen

Dennoch hat ein in der Branche vielfach diskutierter und befürchteter

Einbruch von 50 Prozent bei der Anzahl an Firmen nicht

statt gefunden und wird vermutlich auch in Zukunft nicht erfolgen.

Eine Analyse der 350 deutschen Biotech-Firmen nach ihrer

Finanzierungsquelle hat ergeben, dass aktuell lediglich 32 Prozent

der Unternehmen mit Risikokapital finanziert sind. Damit sind

68 Prozent der deutschen Biotech-Firmen von dieser externen

Kapitalquelle und ihrer derzeitigen Schwäche weitestgehend

unabhängig. Mit der Annahme, dass eventuell die Hälfte der

VC-finanzierten Unternehmen keine weitere Risikokapital-

Finanzierung erhalten, wäre in diesem Bereich ein maximaler

Einbruch von ca. 50 Firmen möglich. Allerdings ist bei einer

solchen Betrachtung auch zu berücksichtigen, dass auch die

nicht VC-finanzierten Firmen sich am Markt behaupten müssen.

10 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

400

350

300

250

200

150

100

50

0

104

1996

173

1997

222

1998

279

1999

332

2000

365

360

350

2001 2002 2003

Quelle: Ernst & Young, 2004


Der Rückgang der Zahl an Biotech-Firmen beruht darauf, dass

die Zahl der Neugründungen des Jahres 2003 wiederum die

gestiegene Anzahl an Insolvenzen, Geschäftsauflösungen und

Übernahmen nicht aufwiegen konnte.

Abbildung 1-2:

Übersicht zu Abgängen und Neugründungen der letzten Jahre

Anzahl der Unternehmen/Neugründungen

400

350

300

250

200

150

100

50

0

279

57

332

6

59

365 360

1999 2000 2001 2002

Die Abgänge machen jedoch nach wie vor weniger als zehn

Prozent der Gesamtzahl an Core-Biotech-Unternehmen aus; ein

Anteil, der offenkundig nicht den oft erwarteten massiven

Einbruch bei der Firmenanzahl repräsentiert. Insbesondere die

mehr oder weniger gleich gebliebene Anzahl an Insolvenzen ist

sicher nicht erwartet worden.

Im Vergleich zu den hier ermittelten 24 Insolvenzen von Core-

Biotech-Firmen werden in der Branche auch andere, weitaus

höhere Angaben zu Insolvenzen diskutiert. Jedoch umfassen

diese auch Insolvenzen von Unternehmen, die nicht im Fokus

dieser Studie stehen, und somit würden bei deren Erfassung

falsche Aussagen abgeleitet werden. Der Anteil an Abgängen

beträgt beispielsweise nach BIOCOM im gesamten Bereich der

Biotech-Industrie knapp 10 Prozent und deckt sich somit mit

dem hier ermittelten Anteil.

44

25

*350

34

2003

*Die Zahl 350 enthält zusätzlich zwei Neuzugänge sowie einen

Abgang aus früheren Jahren, die erst jetzt berücksichtigt wurden.

11

30

23

40

35

30

25

20

15

10

5

0

Insgesamt beläuft sich die Anzahl der Abgänge auf 34. Diesen

Abgängen standen im letzten Jahr 23 Neugründungen gegenüber.

Der Trend zu weniger Neugründungen, der im Jahre 2001

begann, hat sich somit nicht weiter fortgesetzt. Allerdings ist die

Zahl der Neugründungen im Vergleich

Anzahl der Abgänge

Unternehmen

insgesamt

zum Vorjahr einigermaßen stabil geblieben,

ansonsten wäre der Einbruch bei der

Gesamt-Firmenzahl vermutlich deutlicher

ausgefallen.

Von den Neugründungen sind drei mit

Risikokapital finanziert worden. Die

anderen bieten vor allem Service in den

Bereichen Genomic-Dienstleistungen, Auftragsproduktion,

und Bioinformatik an.

Unter den Neugründungen finden sich

auch zwei „Restarts“ vorher insolvent

gemeldeter Firmen: Nascacell und

BioTissue Technologies.

Neugründungen

Bei den Abgängen wird deutlich, dass

Abgänge eine Konsolidierung nun über eine vermehrte

Anzahl an Akquisitionen erfolgt.

Quelle: Ernst & Young, 2004 Bemerkenswert ist auch, dass immerhin

drei der vorher insolvent gemeldeten

Firmen später von anderen Unternehmen übernommen wurden:

Abeta, bioLeads und memorec.

Abbildung 1-3:

Zusammensetzung der Abgänge

insgesamt

davon

Akquisitionen

davon

Fusionen

davon

Insolvenzen/

Auflösungen

1

1

4

9

Anzahl der Abgänge

25

24

0 5 10 15 20 25 30 35 40

30

34

2002

2003

Quelle: Ernst & Young, 2004

11


Mitarbeiterentwicklung

Neben der Stagnation bei der Anzahl der Firmen ist als weiteres

Charakteristikum der derzeitigen Branchenlage eine nochmalige

deutliche Reduktion der Zahl der Beschäftigten zu

beobachten.

Zum einen ist dieses auf die bereits angesprochenen Abgänge

zurückzuführen (wobei die Neugründungen mit eher kleiner

Mitarbeiterzahl nicht viel zu einer Steigerung der Mitarbeiterzahl

beitragen konnten), zum anderen wurden jedoch auf Grund

von Restrukturierungsmaßnahmen in vielen Firmen Mitarbeiter

abgebaut.

Der Rückgang der Mitarbeiterzahl bei den 350 Unternehmen

betrug im Vergleich der Jahre 2002 und 2003 7 bzw. 14 Prozent.

Der Wert für 2003 liegt damit doppelt so hoch wie der Mitarbeiterabbau

im Jahr 2002. Neben der Verringerung der Mitarbeiterzahl

durch Restrukturierung mussten viele Unternehmen

Personal entlassen, um weiter Kosten zu sparen bzw. um überhaupt

eine Chance zum Überleben zu haben. Absolut gesehen

sank die Beschäftigtenzahl von 13.400 auf 11.535. Es waren

somit im vergangenen Jahr in der deutschen Core-Biotech-

Industrie fast 2.000 Mitarbeiter weniger beschäftigt als im Vorjahr.

Somit hat die deutsche Biotech-Industrie im Bereich der Mitarbeiterstärke

einen Stand erreicht, der den Jahren vor der

„Finanzierungsblase“ entspricht.

KOMMERZIELLE B IOTECHNOLOGIE IN D EUTSCHLAND

Abbildung 1-4:

Entwicklung der Anzahl an Mitarbeitern in Core-Biotech-Unternehmen

Anzahl der Mitarbeiter insgesamt

16.000

14.000

12.000

10.000

8.000

6.000

4.000

2.000

0

23

4.013

25

5.650

29

8.124

32

10.673

39

14.408

37

13.400

33

11.535

1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003

40

35

30

25

20

15

10

5

0

Bedauerlicherweise findet dieser weitere Rückschritt nach wie

vor in einem Stadium statt, in dem die bisherige Entwicklung

noch keine größere Zahl an stabilen Firmen hervorgebracht hat.

Als Folge der gesunkenen Mitarbeiterzahl hat sich zwangsläufig

ebenfalls die Mitarbeiterzahl pro Unternehmen weiter

verringert, die bis zum Jahr 2001

Mitarbeiter

insgesamt

Mitarbeiter pro

Unternehmen

kontinuierlich gewachsen war. Sie lag im

Jahr 2003 bei 33 Beschäftigten pro Core-

Biotech-Firma und damit deutlich niedriger

als im Jahr 2002, in dem die durchschnittliche

Mitarbeiterzahl nur leicht

von 39 auf 37 gesunken war.

Auch wenn diese Entwicklung als

„Gesundschrumpfung“ begrüßt werden

kann, stellt sich andererseits doch die

Frage, ob der nun deutlich erkennbare

Mitarbeiterrückgang in Zukunft aufgehalten

werden kann, um über einen

längeren Zeitraum hinweg eine stabile

Industrie aufzubauen. So ist zum Beispiel

in den schwierigen Jahren (1996 bis

1998) der Entwicklung der US-Biotech-

Industrie zwar ebenfalls die Anzahl an

Unternehmen rückläufig gewesen,

dennoch hat sich hier die Zahl der Mit-

arbeiter stets (wenn auch teilweise gering) erhöht.

Im Bereich der Mitarbeiter in Forschung und Entwicklung

(FuE) hat sich ein sogar noch deutlicherer Rückgang um 16

Prozent ergeben. Absolut gesehen sank die Zahl der FuE-Mitarbeiter

von 7.308 im Jahre 2002 auf 6.120 im Jahr 2003. Einen

sehr großen Einfluss haben hierbei die börsengelisteten Core-

Biotech-Unternehmen gehabt: Bei ihnen beläuft sich der Rückgang

allein auf 22 Prozent. Im Vergleich dazu wurde bei den

privaten Biotech-Firmen 14 Prozent der FuE-Belegschaft abgebaut.

Es kann davon ausgegangen werden, dass insbesondere

in den Bereichen der Technologieentwicklung bzw. der Grundlagenforschung

Personal eingespart wurde, um Ressourcen

vermehrt auf die Produktentwicklung zu legen. Hierzu bleibt

jedoch festzuhalten, dass mit dem Weggang der Mitarbeiter

auch entsprechendes Know-how verloren geht, das später

gegebenenfalls wieder aufgebaut werden muss.

12 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Anzahl der Mitarbeiter pro Unternehmen

Quelle: Ernst & Young, 2004


Mitarbeiterverteilung

Eine genaue Betrachtung der Mitarbeiterverteilung zeigt, dass

die durchschnittliche Mitarbeiterzahl von 33 oder mehr

Beschäftigten lediglich in 20 Prozent der Firmen vorhanden ist

(siehe Abbildung 1-5). Im Vergleich zum Jahr 2002 (23 Prozent)

hat sich dieser Anteil sogar noch verringert.

Abbildung 1-5:

Mitarbeiterverteilung der Core-Biotech-Unternehmen im Jahresvergleich

1 bis 10

11 bis 30

31 bis 50

51 bis 100

101 bis 300

> 300

0

3

2

1

1

9

8

Somit beschäftigen 80 Prozent aller

Unternehmen weniger als 30 Mitarbeiter;

im Jahr 2002 lag dieser Anteil noch bei

77 Prozent.

Der Vergleich der Jahre 2002 und 2003

zeigt, dass das vergangene Jahr sogar

eine weitere Erhöhung des Anteiles an

Firmen mit weniger als zehn Beschäftigten

erbrachte. Das Gleiche trifft für die

Kategorie „11 bis 30 Mitarbeiter“ zu.

An dieser Stelle kann jedoch auch vorsichtig

die Frage gestellt werden, ob nicht

gerade der hohe Anteil an kleinen Firmen

mit einer Überlebensstrategie auf sehr

niedrigem Niveau einen größeren Einbruch

bei der Firmenzahl verhindern

wird.

9

10

33

34

44

46

2002

2003

Anzahl der Firmen in %

10 20 30 40 50 Quelle: Ernst & Young, 2004

Diese These wird gestützt durch die Ergebnisse der Analyse der

Finanzierungsbasis der kleinen Firmen. Abbildung 1-6 zeigt

hierzu die Verteilung der Mitarbeiterkategorien auf den Anteil

an Unternehmen, die aktuell durch Risikokapital finanziert sind

sowie auf den Anteil an Firmen, die ohne Risikokapital auskommen.

Letztere finanzieren sich im Wesentlichen durch

Umsätze, staatliche Mittel, Privatvermögen, tbg-Gelder und

auch strategische Investoren.

Insbesondere bei den Biotech-Firmen mit

einer Mitarbeiterzahl bis zu 10 Beschäftigten

ist der Anteil an risikokapitalunabhängigen

Firmen sehr hoch. Bei

diesen Firmen spielen vor allem der

Umsatz, staatliche Mittel und speziell

auch Privatvermögen als Finanzierungsquelle

eine große Rolle.

Ab der Mitarbeiterkategorie „11 bis 30

Mitarbeiter“ hält sich der Anteil an nicht

risikofinanzierten und VC-finanzierten

Firmen die Waage.

Abbildung 1-6:

Mitarbeiterverteilung bei nicht VC- und VC-finanzierten Core-Biotech-

Unternehmen im Jahresvergleich

1 bis 10

11 bis 30

31 bis 50

51 bis 100

101 bis 300

> 300

10

10

0

5

6

17

5

3

4 5

4 4

21

11

34

39

16

18 16

VC-finanziert

nicht VC-finanziert

10

10 20 30 40 50

7

2002

2003

Anzahl der Firmen in %

Quelle: Ernst & Young, 2004

13


Finanzdaten der deutschen Core-Biotech-Unternehmen

im Jahresvergleich

Umsatz

Nachdem die deutsche Core-Biotech-Industrie bereits im Jahr

2002 erstmalig Umsatzeinbußen von drei Prozent hinnehmen

musste, brachte das Jahr 2003 einen Umsatzrückgang um

weitere fünf Prozent. Mit der Gesamtsumme von 960 Millionen €

wurde die Grenze von einer Milliarde € Umsatz wieder unterschritten,

nachdem sie im Jahre 2001 zum ersten Mal

überschritten worden war.

Bei den börsennotierten Unternehmen, die mit einem sehr

geringen Anteil (3 Prozent) an der Gesamtzahl der Biotech-

Firmen jedoch fast die Hälfte des Umsatzes stellen, ist sogar ein

stärkerer Rückgang von neun Prozent zu verzeichnen. Bei

diesen konnte allein Evotec OAI seinen Umsatz um 10 Prozent

steigern und damit erstmals einen Gewinn vor Zinsen, Steuern

und Abschreibungen erzielen.

Dies bedeutet andererseits, dass bei den privaten Unternehmen

der Rückgang beim Umsatz mit nur zwei Prozent eher moderat

ausfällt. Erfreuliche Erkenntnisse erbringt hierbei eine Analyse

der Firmen mit einem Umsatz von weniger als je vier Millionen €.

Abbildung 1-7:

Umsatzverteilung im Jahresvergleich

Anzahl in % von antwortenden Unternehmen

in 2002 und 2003

60

50

40

30

20

10

0

27

16

Umsatz = 0 Umsatz < 1 Umsatz

1 bis 4 Mio.

Der Anteil an Firmen, die gar keinen Umsatz erwirtschaften, hat

sich deutlich verringert. In den Bereichen kleiner eine Million €

und ein bis vier Millionen € hat sich jeweils eine Steigerung des

Anteils an Firmen ergeben.

43

49

KOMMERZIELLE B IOTECHNOLOGIE IN D EUTSCHLAND

19

24

11 11

Umsatz

> 4 Mio.

Erwähnenswert zu den Firmen mit einem Umsatz im Bereich

kleiner eine Million € ist, dass hier ein signifikanter Anteil

deutlich über 100.000 € Umsatz erzielt und damit eine Basis

geschaffen hat, den „Winterschlaf“ zu überstehen.

Insgesamt eröffnet diese Entwicklung vorsichtig die Hoffnung,

dass in Zukunft vermehrt Firmen den „steinigen Weg“ zum

Markt finden und einen – wenn auch anfänglich bescheidenen –

Umsatz erwirtschaften können.

Verlust

Die deutsche Core-Biotech-Branche bezifferte im vergangenen

Jahr ihren Verlust auf 549 Millionen €. Der Verlust hat sich

damit im Vergleich zum Vorjahr erstmals verringert. Ein sehr

großer Anteil bei dieser Verringerung ist jedoch den börsennotierten

Firmen zuzurechnen, die ihren Verlust um 64 Prozent

reduzieren konnten. Damit ist es ihnen auch gelungen, ihren

Anteil am Gesamt-Verlust der Industrie zu verkleinern: von 42

Prozent auf 18 Prozent. Andererseits bedeutet dieses für die

privaten Firmen einen weiteren Anstieg beim Verlust um 17

Prozent. Dennoch fällt dieser Anstieg im Vergleich zum Anstieg

in früheren Jahren eher moderat aus und zeigt, dass die Biotech-

Firmen in der derzeitigen schwierigen wirtschaftlichen Lage

nach wie vor Anstrengungen unternehmen,

ihre „Burn Rate“ zu senken.

Beachtlich ist an dieser Stelle jedoch,

dass immerhin bereits 20 Prozent der

Unternehmen angeben, Gewinn – wenn

auch auf niedrigem Niveau – zu machen

(2001 und 2002 je 17 Prozent).

FuE-Ausgaben

2002

Gegenüber dem Vorjahr sind auch die

FuE-Ausgaben der deutschen Core-Bio-

2003

tech-Unternehmen nochmals gesunken,

und zwar um 11 Prozent auf 966

Millionen €. Auch hier ist wiederum der

Einfluss der börsennotierten Firmen sehr

Quelle: Ernst & Young, 2004

ausschlaggebend, denn sie reduzierten

den FuE-Aufwand um 34 Prozent. Bei

den privaten Unternehmen belief sich der Rückgang lediglich

auf sechs Prozent. Für den weiteren Fortschritt der Industrie

dürfte diese Entwicklung kontraproduktiv sein. Es bleibt zu

hoffen, dass der Rückgang der FuE-Ausgaben eine

vorübergehende, der schlechten Konjunktur sowie der

Konsolidierung geschuldete Erscheinung ist.

14 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Bayern

Baden-Württemberg

Nordrhein-Westfalen

Berlin

Niedersachsen

Hessen

Brandenburg

Sachsen

Hamburg

Sachsen-Anhalt

Mecklenburg-

Vorpommern

Thüringen 7 7

Rheinland-Pfalz 6

Schleswig-Holstein

Bremen

Saarland

Abbildung 1-8:

Anzahl der Core-Biotech-Unternehmen nach Bundesländern

3 4

3

6 7

0 10

9

11

9

10

Die regionale Verteilung der deutschen Core-Biotech-

Unternehmen

8

An der Rangfolge der Bundesländer hinsichtlich der Anzahl an

Core-Biotech-Firmen haben sich gegenüber dem Vorjahr kaum

Veränderungen ergeben. Nach wie vor nimmt Bayern mit 86

Unternehmen die Spitzenstellung ein und konnte diese sogar

geringfügig ausbauen.

Die meisten der anderen starken Bundesländer wie Baden-

Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Berlin-Brandenburg

mussten jedoch einen stärkeren Rückgang bei der Firmenzahl

hinnehmen, der sich dadurch ergab, dass die Anzahl an Neugründungen

die Zahl der Abgänge in Form von Übernahmen

und Insolvenzen nicht aufwiegen konnte.

12

13

11

11

17

18

17 19

24

26

33 36

37

42

20 30 40 50 60 70 80 90 100

63

67

85

86

2002

2003

Quelle: Ernst & Young, 2004

Eine geringfügige Zunahme bei der Firmenanzahl erfolgte in

den Bundesländern Niedersachsen, Hessen, Sachsen, Sachsen-

Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern. Hamburg, Thüringen

und das Saarland blieben stabil.

Zu beachten bleibt, dass es sich bei der Biotech-Branche um

eine globale Industrie handelt, die mit vielen anderen Regionen

in der Welt in Konkurrenz steht. Entscheidend ist letztlich nicht

die Anzahl an Firmen, sondern das Vorhandensein starker

Firmen mit globaler Bedeutung.

Der regionale Aspekt sollte daher zunehmend in den Hintergrund

treten und das nationale Interesse vornehmlich darauf

ausgerichtet werden, die Industrie in Deutschland insgesamt

voranzubringen.

15


KOMMERZIELLE B IOTECHNOLOGIE IN D EUTSCHLAND

Abbildung 1-9:

Bundesweite Verteilung der deutschen Core-Biotech-Unternehmen

Düsseldorf

Köln

Saarbrücken

Münster

Mainz

Freiburg

Tübingen

Bremen

Marburg

Frankfurt

Darmstadt

Hannover

Heidelberg

Stuttgart

Ulm

Kiel

Hamburg

Göttingen

Würzburg

München

16 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Lübeck

Braunschweig

Rostock

Magdeburg

Ein Punkt kann ein

oder mehrere Unternehmen

repräsentieren. Quelle: Ernst & Young, 2004

Jena

Halle

Leipzig

Regensburg

Greifswald

Potsdam

Berlin

Dresden


2. Technologien und Produkte

2.1 Technologien, Plattformen & neue Forschungsansätze

Die nachfolgenden Ausführungen beziehen sich – wenn nicht

anders erwähnt – auf diejenigen Unternehmen, die Ernst &

Young in einer Umfrage Informationen zur Verfügung gestellt

haben. Ein Überblick zur Methodik der Studie findet sich im

Anhang.

Die Abbildung 2-1 zeigt, welche Technologien hauptsächlich

die Basis für die Geschäftstätigkeit der Sample-Unternehmen

sind. Bei der Hälfte der Firmen spielen Genomics, Screening &

Assays sowie Zell- und Gewebekulturen eine wichtige Rolle.

Auch Proteomics und Bioinformatik nehmen einen bedeutenden

Anteil ein. Biochips, Molecular Modelling, kombinatorische

Biologie und Chemie sowie Modellorganismen und Antikörper

sind weitere Technologien bzw. Plattformen, die zu

einem nennenswerten Anteil eingesetzt werden.

Abbildung 2-1:

Technologiebasis der Sample-Unternehmen

Bioinformatik 8 %

Proteomics 11 %

Zell-/Gewebekultur 13 %

Molecular Modelling 5 %

Biochips/Mikroarray 6 %

Weitere Technologien, die im Bereich „Anderes“ genannt

wurden, sind zum Beispiel RNA-Interferenz, Naturstoffforschung,

Biokatalyse, Peptidomics und Decoy-Oligonukleotid-Technologie,

die nachfolgend von dem Unternehmen

Avontec vorgestellt wird.

Obwohl der Einsatz der „Target-Validierung“ als alleinige Basis

für ein funktionierendes Geschäftsmodell (ohne eigene

Produktentwicklung) nach einigen Insolvenzen in diesem

Bereich in Frage gestellt werden kann, gibt es hier auch sehr

viel versprechende Ansätze wie zum Beispiel von der

Münchener Xantos Biomedicine, der im Folgenden ebenfalls

vorgestellt wird.

Kombinatorik 4 %

Screening/Assays 17 %

Modellorganismen 3 %

Antikörper 2 %

Anderes 11 %

Genomics 20 %

Quelle: Ernst & Young, 2004

17


Prof. Dr. Heiko von der Leyen, CSO AVONTEC GmbH,

Göttingen/München

Decoy-Oligonukleotid-Technologie als Plattform für

neue Produkte

Von den 25.000–30.000 Genen des humanen Genoms kodieren einige Tausend für

spezifische Transkriptionsfaktoren, die physiologisch die Kontrolle über Entwicklung und

Differenzierung des Körpers haben. Wenn Transkriptionsfaktoren zum falschen Zeitpunkt

aktiviert werden, resultiert eine pathologische Genexpression mit entsprechendem

Krankheitsgeschehen.

Transkriptionsfaktoren sind Proteine, die im Zellkern, aber auch im Zytosol einer Zelle als

negative oder positive Regulatoren die Expression bestimmter Gene beeinflussen. Diese

regulatorischen Proteine binden mit hoher Selektivität im Steuerungsbereich (Promoter)

des betreffenden Gens an spezifische Erkennungssequenzen ihrer Ziel-DNA. Die

Bindungssequenzen sind in der Regel 6–20 Basenpaare lang. Obwohl die Interaktion

zwischen Protein (Transkriptionsfaktor) und DNA (Zielgen) sequenzspezifisch ist, kann

sich auf unterschiedlichen Genen das Bindungsmotiv für einen bestimmten Transkriptionsfaktor

durchaus um einige Basenpaare unterscheiden. Es kann

aber in der Regel ein gemeinsames zentrales Bindungsmotiv

(„consensus binding site“) identifiziert werden. Die hohe Bindungsselektivität

bildet einen hochinteressanten Ansatzpunkt für das

Design und die Entwicklung von sequenzspezifischen Liganden für

DNA-Bindungsproteine (Transkriptionsfaktoren). Solche „künstlichen“

Liganden stellen einen hochwirksamen Ansatz zur (gesteuerten)

Regulation von Genexpression dar. Dieser neue pharmakologische

Wirkungsmechanismus ist Grundlage der Produktentwicklung der

AVONTEC GmbH und benutzt kurze doppelsträngige DNA-Moleküle

(„Decoy“-Oligonukleotide), die die Bindungssequenz von bestimmten

Transkriptionsfaktoren auf der genomischen DNA nachahmen. Durch

die kompetitive Bindung des Transkriptionsfaktors an die künstlichen

DNA-Bindungsstellen (engl. „decoy“ = „Falle“) wird der Transkriptionsfaktor „weggefangen“

und die Aktivierung bzw. Deaktivierung des Zielgens unterbunden.

Im Gegensatz zu den von AVONTEC entwickelten doppelsträngigen „Decoy“-Oligonukleotiden

zeigen andere Substanzen auf der Basis von Nukleinsäuren, wie z. B. Antisense-

oder RNAi-Oligonukleotide, ohne unterstützende chemische (z. B. Liposomen)

oder physikalische Maßnahmen nur eine schwache zelluläre Aufnahme. Für die doppelsträngigen

„Decoy“-Oligonukleotide hat AVONTEC kürzlich einen neuen Aufnahmemechanismus

identifiziert, der auch pharmakologisch beeinflusst werden kann.

Dieser „carrier“-abhängige Transport wird durch ein Membranprotein ermöglicht,

welches die aktive Aufnahme des Decoy-Oligonukleotids (z. B. in humane Endothelzellen)

durch einen ionenabhängigen Transportmechanismus ermöglicht.

T ECHNOLOGIEN, PLATTFORMEN & NEUE F ORSCHUNGSANSÄTZE

Einzelsträngige RNA/DNA antisense-Oligonukleotide hybridisieren mit der Ziel-mRNA,

wodurch es in der Folge zu einer Degradierung der Ziel-mRNA und Hemmung der Translation

zum Protein kommt. Doppelsträngige RNAi-Oligonukleotide rufen einen ähnlichen

Effekt hervor, wirken aber durch einen anderen Mechanismus. RNAi-Oligonukleotide

triggern eine zelluläre Abwehr, die zum selektiven enzymatischen Abbau der Ziel-mRNA

führt. Im Gegensatz zu Antisense-Oligonukleotiden scheinen RNAi-Oligonukleotide einen

sich selbst verstärkenden Mechanismus zu haben, der zu einer Wirkungsverlängerung

führen könnte.

Unter Ausnutzung der oben beschriebenen „Decoy-Technologie“ legt die AVONTEC

GmbH den Schwerpunkt auf die Entwicklung neuartiger antiinflammatorischer Substanzen

zur Behandlung von chronischen Entzündungskrankheiten, für die der dringende

Bedarf nach sicheren und wirksamen Medikamenten besteht. Schwerpunktmäßig

entwickelt AVONTEC derzeit lokal applizierbare Produkte gegen Krankheiten des

respiratorischen Systems und der Haut. Innerhalb von 18 Monaten hat AVONTEC in den

Indikationen „Allergisches Asthma“ und „Psoriasis“ zwei Produkte in die klinische

Prüfung (Phase IIa) geführt, drei weitere Produkte (Rheuma, Transplantation, Restenose)

befinden sich in der präklinischen Entwicklung. AVONTEC hat im Mai 2003 mit der Fa.

Biotronik, Berlin, eine Zusammenarbeit zur Entwicklung

eines mit Decoy-Oligonukleotidbeschichteten Stents

neuerer Generation vereinbart, mit dem die Restenose

nach Stentimplantation wirksam und nebenwirkungsfrei

behandelt werden soll. AVONTEC ist neben der

Ausweitung des Indikationsspektrums vorrangig mit der

klinischen Prüfung der Transkriptionsfaktor-Wirkstoffe

beschäftigt. Indikationsschwerpunkte der klinischen

Entwicklung sind zur Zeit chronische Entzündungserkrankungen

wie Asthma und Schuppenflechte.

Die AVONTEC GmbH wurde 2001 von Prof. Dr. Gerd

Hasenfuß, Zentrum Innere Medizin, Abteilung Kardiologie

und Pneumologie, und Prof. Dr. Markus Hecker, Abteilung Herz- und Kreislaufphysiologie,

der Georg-August-Universität Göttingen, gegründet. Ziel der Gründung war

die präklinische und klinische Weiterentwicklung der von den Gründern entwickelten

Decoy-Oligonukleotid-Technologie. Im August 2002 wurde die erste Finanzierungsrunde

geschlossen (DVC Deutsche Venture Capital, Mediport Venture GmbH, Innovations-

Capital Göttingen, UBG Göttingen Hildesheim mbH und tbg). Die AVONTEC war 2.

Preisträger des Businessplan-Wettbewerbs der Universität Göttingen. Im Juni 2003

erhielt die AVONTEC GmbH den deutschen Gründerpreis in der Kategorie „Konzept“.

www.avontec.de

18 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Prof. Peter Buckel, Mitgründer und Vorsitzender des

wissenschaftlichen Beirats, und Stephan Wehselau,

CEO Xantos Biomedicine AG, München

Industrialisierte Target-Validierung

In Erwartung der „Entschlüsselung“ des menschlichen Genoms wurde Ende des letzten

und zu Beginn des neuen Jahrhunderts bevorzugt in Genomforschung investiert. Venture-

Capital-Firmen engagierten sich zunehmend in genomorientierten Technologie-

Unternehmen. Solche Investitionen wurden zum Teil mit phantastischen Börsengängen

belohnt, auch wenn in den meisten Fällen noch keine vermarktbaren Produkte sichtbar

waren. Pharmafirmen gingen Partnerschaften in Höhe dreistelliger Millionenbeträge ein,

um noch rechtzeitig von den Ergebnissen profitieren zu können.

Diese Erwartung in die schnelle Entwicklung „genomischer Blockbuster“ konnte nicht

immer erfüllt werden und hat inzwischen zu einer Technologieenttäuschung und zu einer

Fokussierung der Kooperationsaktivitäten der Pharmafirmen auf

klinische Produkte geführt. Jedoch kristallisiert sich nun immer mehr

die Rollenverteilung der Akteure entlang der Arzneimittel-Wertschöpfungskette

heraus:

Aufgrund der langen Entwicklungswege von der Targetdiscovery bis

zur Klinik wird der akademischen Forschung eine zunehmende Rolle

bei der Aufklärung von Krankheitsmechanismen und der Targetidentifizierung

zukommen, möglicherweise bis hin zur Entwicklung von

frühen Leitstrukturen. Die Pharmaindustrie wird sich dagegen auf

Grund ihrer globalen Infrastruktur und finanziellen Leistungsfähigkeit

immer mehr auf die klinische Entwicklung und Vermarktung

fokussieren.

Zwischen Targetidentifizierung und global angelegten klinischen Studien liegen jedoch

Leitstruktur-Suche und -Optimierung, präklinische Forschung und der Wirksamkeitsnachweis

im Menschen. Diese Bereiche der Targetvalidierung decken einen hohen

Wertschöpfungsgrad in einem planbaren Zeithorizont ab. Hier können sich viele Spieler

mit spezifischer Kompetenz in Indikationsbereichen und (Nischen-)Märkten positionieren.

Definierte Segmente der Targetvalidierung und Entwicklung bis zur klinischen

Phase I/II werden in Zukunft vermehrt die Domäne der frühen Biotech-Firmen sein, die

sich aktiv an der Arzneimittelentwicklung beteiligen. Schon heute ist sichtbar, dass sich

viele Biotech-Unternehmen, auch solche die mit Targetdiscovery-Plattformen begonnen

haben, vor allem auf die präklinsche und klinische Entwicklung konzentrieren, sobald

Produktkandidaten verfügbar sind. Dennoch ist das Verständnis von Krankheitsmechanismen

essentiell, um geeignete Leitstrukturen zur Wirkstoffentwicklung auswählen zu

können. Diese notwendige Grundlage der Aufklärung komplexer biologischer Prozesse

erfordert immer mehr genomweite Ansätze, die nur mit industrialisierten Versuchsanordnungen

erreichbar sind.

Wie wurden nun die wissenschaftliche Notwendigkeit der Aufklärung komplexer biologischer

Prozesse und das hohe Potential industrialisierter Technologieplattformen mit

den Geschäftszielen einer Biotech-Firma zusammengebracht?

Die Gründung der Xantos Biomedicine AG basierte auf einer Idee aus dem akademischen

Umfeld zum Aufbau einer industriellen Technologieplattform. Eine Firmengründung

erschien angebracht, weil die Industrialisierung dieses genomweiten Ansatzes

in einer akademischen Forschungsgruppe finanziell nicht möglich war und auch von den

notwendigen standardisierten Routineabläufen nicht in das Selbstverständnis

akademischer Grundlagenforschung passte. Die Technologie von Xantos ermöglicht es,

praktisch jede Genfunktion in geeigneten Zellsystemen zu testen, um krankheitsrelevante

Gene zu erkennen.

Für die eigene Produktentwicklung fokussiert sich Xantos auf neue therapeutische

Proteine oder Targets für Antikörper in den Bereichen Onkologie und Diabetes/Obesity.

Solche Produkte können erfahrungsgemäß rascher in die klinische Entwicklung gebracht

werden als chemische Arzneimittel. Die mittels der eigenen Technologie entdeckten

neuen Wirkstoffkandidaten werden in spezifischen

Indikationsfeldern bis zur klinischen Phase I/II entwickelt

und dann zusammen mit Pharmafirmen bis zur Produktreife

gebracht. Die Technologieplattform dient der Kooperation

mit der Pharmaindustrie, steht aber vor allem

akademischen Gruppen (mit Fördermittelfinanzierung)

zur Verfügung, die bereits geeignete Zell- und Testsysteme

haben, um rasch zu neuen Produktkandidaten

zu kommen. Die Validierung und Weiterentwicklung der

identifizierten Targets wird gemeinsam in Abstimmung

mit dem akademischen Partner durchgeführt. Dieser

verfolgt dann mehr das wissenschaftliche und Xantos

das wirtschaftliche Potential.

Zudem wird die Nutzung der Technologieplattform zur

Identifikation und Validierung von Wirkstoffkandidaten und deren Targets auch auf einer

„Fee-for-Service“-Basis angeboten. Hier bietet Xantos Möglichkeiten zum Auffinden

neuer Interaktionspartner oder Signalwege für neue oder für bereits vorhandene oder in

Entwicklung befindliche Arzneimittel mit bislang unbekannten Zielmolekülen. Dass

Nachfrage nach derartigen Angeboten besteht, wurde durch eine im Dezember 2003

geschlossene Vereinbarung mit der Roche Pharma Research in Penzberg bestätigt.

Diese sieht die Identifizierung von Targets für einen Wirkstoff gegen Krebserkrankungen

vor.

So erlaubt das Geschäftsmodell von Xantos eine geeignete Positionierung innerhalb der

Wertschöpfungskette der Arzneimittelentwicklung unter gleichzeitiger Nutzung der

Technologieplattform für Produktinnovationen zum Füllen der Entwicklungspipeline.

www.xantos.de

19


Kombinatorik

Ursprünglich aus der Chemie stammend, spielen kombinatorische

Ansätze zunehmend auch in der modernen Biotechnologie

eine wichtige Rolle. Kombinatorik umfasst Methoden,

die es ermöglichen, über zufälliges Zusammenfügen und Kombinieren

von Molekülen zu neuen Wirkstoffen und anderen

gewünschten Substanzen zu gelangen.

Von daher werden Firmen, die diese Technologie einsetzen, in

dieser Studie als wichtiger Bestandteil der Industrie ebenfalls zu

den Core-Biotech-Unternehmen gezählt.

Ausgewählte Firmen, die Kombinatorik einsetzen

4SC AG, München

verfügt über eine virtuelle, computerbasierte Datenbank von

vorhandenen Molekülen sowie über virtuelle, kombinatorische

Bibliotheken auf deren Basis bei Bedarf interessante

chemische Strukturen mit kombinatorischen und parallelen

Synthesetechniken hergestellt werden können. Diese Technologie

ermöglicht eine signifikant schnellere Wirkstofffindung.

Alantos Pharmaceuticals AG, Heidelberg

verfolgt einen neuartigen Ansatz in der Wirkstoffforschung

namens TACE, der kombinatorische Synthese und Screening

in einem Schritt vereint und somit Geschwindigkeit und

Effizienz in der Wirkstoffforschung erhöht.

EMC microcollections GmbH, Tübingen

hat sich unter anderem auf die Auftragssynthese von kombinatorischen

Molekülen für die Entwicklung von Leitstrukturen

spezialisiert und bietet dabei eine beachtliche Sammlung

von neuen und komplexen Strukturen an.

Graffinity Pharmaceuticals AG, Heidelberg

stellt mit Hilfe der kombinatorischen Chemie Bibliotheken

für ihre chemischen Microarrays her, die zur Informationsgewinnung

über Proteinfamilien zu einem sehr frühen

Zeitpunkt vor einer funktionalen Validierung zum Einsatz

kommen.

T ECHNOLOGIEN, PLATTFORMEN & NEUE F ORSCHUNGSANSÄTZE

In der Regel steht der Begriff Kombinatorik für chemische

Syntheseverfahren, bei denen die Reaktion von chemischen

Bausteinen in allen möglichen Kombinationen zu einer großen

Zahl von neuen Molekülen führt. Dadurch entsteht eine Art

„Bibliothek“ von Substanzen mit möglichst verschiedenen

Eigenschaften, die dann in der Hochdurchsatzanalyse für eine

Vielzahl unterschiedlicher biologischer Zielmoleküle Wechselwirkungs-Partner

anbieten können. Letztlich ist damit das

schnelle Auffinden neuer therapeutischer Wirkstoffe möglich.

Kombinatorische Ansätze werden jedoch zunehmend auch mit

biologischen Molekülen wie Peptiden, Enzymen, Antikörpern

und Naturstoffen durchgeführt, um hier ebenfalls Bibliotheken

mit einer Vielzahl an unterschiedlichen Molekülen mit potenziell

therapeutischer Wirkung aufzubauen.

Jerini AG, Berlin

nutzt die kombinatorische Synthese von Peptiden im Rahmen

der so genannten SPOT-Technologie zur Herstellung von

Molekülbibliotheken mit denen anschließend im Hochdurchsatz

Interaktionspartner für wichtige Zielmoleküle (Targets)

zur Medikamentenentwicklung identifiziert und näher

charakterisiert werden können.

Morphochem AG, München

nutzt ihre so genannte „Multi-component reaction (MCR)“-

Plattform in Verbindung mit Expertise in Medizinalchemie

zur Optimierung und Synthese von neuartigen Leitstrukturen.

MorphoSys AG, München

verfügt über die kombinatorische HuCAL-Technologie, die

ein einzigartiges und neuartiges Konzept für die In-vitro-

Herstellung hochspezifischer, vollständig humaner Antikörper

darstellt.

Selecore GmbH, Göttingen

erzeugt kombinatorische Bibliotheken aus Varianten natürlich

vorkommender so genannter „Microproteine“, die später nach

evolutionärer Optimierung Anwendung als innovative

Therapeutika finden können.

WonDrug Biosciences GmbH, Marburg

erweitert natürlich vorkommende Substanzen mittels kombinatorischer

Synthese, um Varianten mit veränderten Wirkeigenschaften

zu finden.

20 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Dr. Rolf Zettl, CEO Combinature Biopharm AG, Berlin

Kombinatorische Biosynthese eröffnet neue Wege in

der Naturstoffforschung

Die chemische Komplexität von Naturstoffen und die daraus resultierenden Limitationen

im Bezug auf deren chemische Veränderbarkeit hat in der Vergangenheit häufig dazu

geführt, dass viel versprechende Wirkstoff-Entwicklungskandidaten nicht zu entsprechenden

Medikamenten weiterentwickelt werden konnten. Die hiermit verbundenen

Frustrationen sind ein wesentlicher Grund für die Zurückhaltung großer Pharmaunternehmen

gegenüber naturstoffbasierter Wirkstoffforschung.

Möglichkeiten, mit Hilfe von Enzymen und Manipulationen am genetischen Bauplan der

Naturstoffe (zusammengefasst unter dem Begriff „kombinatorische Biosynthese“) diese

zielgerichtet zu verändern, eröffnen nun einen neuen, innovativen Zugang zur Naturstoffforschung.

Dazu hat Combinature Biopharm seit der Gründung im Jahr 2000 kontinuierlich

eine leistungsstarke Technologieplattform aufgebaut, deren zentrales

Element eine umfangreiche Sammlung von Enzymen bzw. Enzyme kodierenden Genen

darstellt. Das Unternehmen setzt diese Technologieplattform ein, um

chemisch komplexe Wirkstoffe, Entwicklungskandidaten oder auch

auf dem Markt befindliche Medikamente zu verändern, insbesondere

im Hinblick auf verbesserte Wirksamkeit, verbesserte physikochemische

Eigenschaften (Löslichkeit, Aufnahme etc.) oder verringerte

Nebenwirkungen. Combinatures Technologieplattform ist

immer dann von besonderem Vorteil, wenn chemisch nicht oder nur

mit großem Aufwand zu modifizierende Substanzen bearbeitet

werden sollen, was insbesondere bei Naturstoffen häufig der Fall ist.

Somit eröffnet Combinatures kombinatorische-Biosynthese-

Technologieplattform einen Weg, das gewaltige Potenzial von

Naturstoffen für die Pharmaproduktentwicklung effizient zu erschließen.

Neben der zielgerichteten Modifikation bestimmter

Naturstoffe ermöglicht der Einsatz der kombinatorischen Biosynthese aber auch die

Herstellung gänzlich neuartiger, so genannter „unnatürlicher Naturstoffe“, die den von

der Natur vorgegebenen strukturellen Diversitätsraum nochmals vergrößern. Diese

strukturelle Vielfalt ist für die Zusammenstellung von Substanz-Screeningbibliotheken

von hoher Bedeutung und daher für Pharmaunternehmen von besonderem Interesse.

Erst kürzlich konnte mit der Schering AG erneut ein bedeutendes Pharmaunternehmen

als Projektpartner und Kunde gewonnen werden. Auch in diesem Projekt wird mit Hilfe

der kombinatorischen Biosynthese eine Substanz bearbeitet, die nach bestimmten

Modifikationen direkt in die präklinische Forschung überführt werden soll. Aufgrund

der Bedeutung des Beitrags von Combinature in diesem gemeinsamen Entwicklungs-

projekt konnten neben Zahlungen für Combinatures F&E-Aufwendungen auch Meilensteinzahlungen

und Royalties vereinbart werden. So ist sichergestellt, dass Combinature

im Falle der erfolgreichen Entwicklung der bearbeiteten Substanz auch am wirtschaftlichen

Potenzial in angemessener Weise beteiligt ist. Somit enthält Combinatures

Business Model von Beginn der Unternehmensentwicklung an das Konzept der Nutzung

dieser einzigartigen Technologieplattform auch für Projekte mit Partnerunternehmen.

Ein unter Kommerzialisierungsaspekten entscheidender Vorteil der Technologieplattform

ist hier nun die breite Nutzbarkeit auch über den Pharmabereich hinaus.

So konnten bereits früh mit Degussa, DSM und Novozymes Partner für gemeinsame

Projekte gefunden werden, die in den Marktsegmenten „technische Enzyme, Pharma-

Intermediate“ und „Feinchemie“ anzusiedeln sind. Diese Projekte beinhalteten die

Auffindung und Bereitstellung bestimmter Enzyme, wobei Combinature stets darauf

achtete, dass die im Rahmen der Projekte neu gefundenen Enzyme auch nach Abschluss

der Projekte für Combinature und weitere Projekte nutzbar bleiben. Im Rahmen der

Projekte entstanden somit, finanziert durch die Partner-Unternehmen, aber auch

gefördert durch ein BioChance-Projekt des BMBF, „werthaltige biologische Zwischenprodukte

– assets“, die nun in zukünftigen Projekten

eingesetzt werden können.

Trotz der im Pharmageschäft zu erzielenden attraktiveren

Vertragskonstruktionen ist das Enzymgeschäft in

keiner Weise zu vernachlässigen. Der Bedarf an enantiomerenreinen

Wirkstoffen wächst und viele Pharmafirmen

verstärken ihre Biokatalyse und Biotransformationskapazitäten.

Aus diesen Bedürfnissen entwickelt

sich auch ein zunehmendes Bestreben nach Enzym-

Discovery-Projekten oder ein konkreter Bedarf nach

bereits existierenden Enzymsammlungen, welcher von

Combinature gedeckt werden kann.

Neben den beschriebenen „Co-Development“-Projekten werden aber auch interne Projekte

vorangetrieben. Schwerpunkt der eigenen Produktenwicklung sind Naturstoff-Substanzen

mit antiinfektiver Wirkung, die bei geeigneter Wirksamkeit in die Präklinik überführt

und anschließend auslizenziert werden. Zusammengefasst ist es Combinature

gelungen, eine einzigartige Technologieplattform zu entwickeln und für Wirkstoff-Optimierungsprojekte

zum Einsatz zu bringen und gleichzeitig das zentrale Element der

Technologieplattform, nämlich die Enzymsammlung, separat zu kommerzialisieren.

Durch Kooperationsprojekte wurden gleichermaßen Werte geschaffen und Umsatz

generiert. Mittels dieser Strategie kann eine Unabhängigkeit vom VC-Markt durchaus

erreicht werden, was vielen reinen „Produkt-Unternehmen“ in der Phase der Produktentwicklung

verwehrt ist.

www.combinature.com

21


Systembiologie

Ziel der Systembiologie ist es, aus der Kenntnis aller molekularen

Bestandteile eines biologischen Systems ein Verständnis

für den Gesamtorganismus zu entwickeln. Sie gehört zu den

ambitionierten Forschungsgebieten, die aus den Ergebnissen

des Humangenomprojekts erwachsen sind. Wurden über lange

Jahre mittels Genomics, Proteomics sowie weiterer „omics“-

Technologien die einzelnen Moleküle der Zelle intensiv

erforscht, stellte sich anschließend die Herausforderung, die

Resultate in einen Gesamtzusammenhang zu bringen, um die

Funktion und Bedeutungsweise der einzelnen Moleküle im

Gesamtorganismus vollständig zu verstehen.

In der Systembiologie, die das umfangreiche Datenmaterial

über biologische Systeme virtuell zu einem Gesamtbild modelliert,

werden mittels computergestützter Modelle Untersuchungen

zur Gesamtfunktion der Zelle durchgeführt. Dabei werden

Methoden aus der Biologie, der Mathematik, den Systemwissenschaften,

der Informatik und den Ingenieurwissenschaften

eng ver-

zahnt. Aber erst

durch die weitere

Entwicklung von

Computern mit

enormer Rechnerkapazität

konnte

dieses Ziel letztlich

verwirklicht

werden. Im Fokus

steht die Schaf-

Technologie

erste

Generation

fung virtueller Zellen, die funktionelle Zusammenhänge der

einzelnen Zellkomponenten bis auf die molekulare Ebene

abbilden und Reaktionen auf äußere Einflüsse simulieren und

vorhersagen können.

Bereits 1999 wurde in Seattle das erste Institut für Systembiologie

gegründet. Mit der Gründung dieses Instituts begann in

den USA eine ganze Welle ähnlicher Projekte und Dutzende

von Universitäten und Biotech-Firmen riefen in der Folge interdisziplinäre

Programme mit systembiologischen Inhalten ins

Leben. Dabei genießt das Institut für Systembiologie in Seattle

immer noch den besten Ruf und hat ein Netzwerk mit führenden

Wissenschaftlern gegründet, dessen Ziel es ist, viele der hoch

automatisierten Arbeitsabläufe der Systembiologie auf einem

Silizium-Chip von nur einem Quadratzentimeter Größe

unterzubringen. Entschlüsselt ist bereits der Hefe-Stoffwechsel.

T ECHNOLOGIEN, PLATTFORMEN & NEUE F ORSCHUNGSANSÄTZE

dritte

Generation

heute

zweite

Generation

Quelle: www.insilico-biotechnology.com

Auch in Deutschland wurde das Potenzial der Systembiologie

bereits erkannt. So steht im Mittelpunkt einer BMBF-Förderaktivität

zur Systembiologie, die im Januar 2004 gestartet

wurde, das Modellsystem „Leber“ mit Fokus auf den Hepatozyten.

Die Auswahl dieses Modells erfolgte auf Grund seiner

zentralen Funktion im Organismus höherer Lebewesen und den

sich daraus unmittelbar ableitenden Applikationsmöglichkeiten

für Medizin, Pharmaforschung und andere Bereiche.

Gefördert wird ein Netzwerk von Projektverbünden: In

Stuttgart beschäftigen sich verschiedene Arbeitsgruppen mit

dem hepatischen Metabolismus und insbesondere Entgiftungsprozessen

der Leber. In Freiburg und Heidelberg liegt der Fokus

auf den molekularen Mechanismen der Leber-Regeneration.

Eine Gruppe von Forschern aus Aachen widmet sich der

Erforschung von Membrantransport und Rezeptorinternalisierung

bei Hepatozyten. Sämtliche Projektverbünde sollen in

Zukunft durch die Leipziger „Plattform Zellbiologie“ mit Invitro-Systemen

von Hepatozyten versorgt werden.

Der gesamte Verbund „Systembiologie“ soll in den nächsten

drei Jahren mit ca. 14 Millionen €

gefördert werden.

Und auch die Industrie beschäftigt sich

bereits mit der Systembiologie: So misst

Boehringer Ingelheim der rechnergestützten

Analyse von intrazellulären

Signal-, Stoffwechsel- und Genregulationsvorgängen

Bedeutung für die Wirkstoffforschung

zu. Um die Chancen der

Zeit systembiologischen Analyse komplexer

Netzwerke zu nutzen, setzt Boehringer

auf eine Kooperation mit der Stuttgarter Biotech-Firma Insilico

biotechnology.

Dabei wird Insilico am Computer ein in silico-Modell einer

kompletten Säugerzelle erstellen, das auch In-vivo-Daten aus

gemeinsam mit Boehringer durchgeführten Experimenten integrieren

kann. Die Ergebnisse werden dann sowohl für diagnostische

Zwecke als auch bei der Entwicklung rationaler Metabolic-Engineering-Strategien

eingesetzt. Dem Biotech-Unternehmen

fließen über die Kooperation einmalige sowie weitere,

erfolgsabhängige Zahlungen in nicht genannter Höhe zu.

Systembiologie

„-omics”-Technologien

klassische Biotechnologien

22 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


2.2 Produkte in der Biotechnologie

Das vergangene Jahr hat im Bereich der Produktentwicklung

einen deutlichen Fortschritt gebracht. Dennoch steht ein Marktdurchbruch

von Wirkstoffen, die von deutschen Core-Biotech-

Firmen entwickelt wurden, erst noch bevor.

Produkte, die sich bereits auf dem Markt befinden, umfassen

vor allem Molekular- und Lebensmitteldiagnostika, Tissue-

Engineering-Produkte, Biochips, Enzyme sowie Bioinformatik-

Lösungen. Darüber hinaus werden Dienstleistungen in verschiedensten

Bereichen angeboten, die jedoch erst in Kapitel 3.1

betrachtet werden.

Die unten stehende Abbildung zeigt im Überblick die am

stärksten vertretenen Produktbereiche der Unternehmen, deren

Aussagen dieser Studie zugrunde liegen. Nach wie vor steht die

Entwicklung von biopharmazeutischen Therapeutika im

Vordergrund.

Abbildung 2-2:

Produktbereiche der Sample-Unternehmen im Jahresvergleich

Therapeutika

Molekulardiagnostika

Drug Delivery

Tissue Engineering

Feinchemikalien

Lebensmittel (inkl. Diagnostik)

Bioinformatik

transgene Pflanzen

4

3

4

5

5

3

8

7

8

6

6

9

Anzahl der Firmen in % (Mehrfachnennungen möglich)

Ungefähr die Hälfte der befragten deutschen Core-Biotech-

Firmen konzentriert sich auf diesen Teilbereich der „roten“

Biotechnologie. Im Jahresvergleich hat jedoch der Anteil an

Firmen, die Therapeutika entwickeln, leicht abgenommen. Dies

ist vermutlich auf die derzeit angespannte Finanzierungssituation

zurückzuführen, die dazu geführt hat, dass sich einige

Firmen aus diesem Bereich (vorerst) zurückgezogen haben, um

Ressourcen zu strecken. Zudem sind einige Produktentwickler

im letzten Jahr insolvent geworden.

Ein weiterer Schwerpunkt liegt bei den Molekulardiagnostika.

Der Anteil an Sample-Firmen, die sich damit beschäftigen, hat

im Jahresvergleich ebenfalls abgenommen. Hier schlagen vermutlich

auch einige der Insolvenzen zu Buche.

Unter Berücksichtigung weiterer Felder der „roten“ Biotechnologie

– Drug-Delivery-Systeme und Tissue Engineering – ist

somit der überwiegende Teil der deutschen Core-Biotech-

Firmen in diesem Segment beschäftigt.

28

2002

2003

0 5 10 15 20 25 30 35 40 45 50 55 60

30

52

56

Quelle: Ernst & Young, 2004

23


Wirkstoffentwicklung

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Während im Jahr 2002 die Anzahl an Wirkstoffen in der

Entwicklungspipeline der deutschen Core-Biotech-Unternehmen

in den meisten Phasen eher rückläufig war, so ist für das vergangene

Jahr ein deutlicher Fortschritt zu erkennen.

Abbildung 2-3:

Wirkstoff-Entwicklungspipeline der Sample-Unternehmen nach Phase

140

120

100

80

60

40

20

0

69

122 117

Präklinik

133

11

27 34

Phase I

Die Anzahl an Projekten in der Präklinik ist stark gestiegen.

Wenn auch die Zunahme in Phase I und II nicht entsprechend

kräftig ausfällt, so wird doch sehr deutlich, dass sich in der

deutschen Core-Biotech-Industrie mittlerweile eine „Pipeline“

aufbaut.

Ein sehr positives Ereignis für die ganze deutsche Branche war

hierbei der Zulassungsbescheid für die Münchener MediGene

im Dezember für ihr Krebsmedikament Leuprogel ® , das in

diesem Jahr zusammen mit dem japanischen Partner Yamanouchi

unter dem neuen Namen Eligard ® in Deutschland auf den Markt

gebracht wird.

Kurz vor der Zulassungsphase steht die LipoNova aus

Hannover, die laut einer Meldung von Anfang diesen Jahres als

erstes Unternehmen in Europa den Antrag auf europaweite Zulassung

eines autologen Tumorimpfstoffs gegen Nierenkrebserkrankungen

bei der Europäischen Zulassungsbehörde

(EMEA) gestellt hat. Experten betonen den Pioniercharakter

des Antrags in Europa, da hierdurch erstmals Rahmenbedingungen

für die Zulassung, Vermarktung und rechtliche

Bewertung von Tumorimpfstoffen geschaffen werden.

Zur finanziellen Absicherung des Zulassungsprozesses hatte

LipoNova bereits im April 2003 eine zweite Finanzierungs-

38

15

27 22 26

Phase II

runde mit der SHS Gesellschaft für Beteiligungsmanagement

mit Sitz in Tübingen und Leipzig abgeschlossen. Zudem konnte

die Firma Anfang des Jahres vermelden, dass sie mit dem

international agierenden Pharmaunternehmen STADA ein

strategisches Bündnis geschlossen und damit die Weichen für die

europaweite Markteinführung des neuen Tumorimpfstoffes

gestellt hat, dessen

Phase III

Zulassung für das

zweite Halbjahr 2004

erwartet wird.

Bei den Phase-III-

Produkten hat sich

im Jahresvergleich

nur eine Änderung

ergeben: GPC Biotech

erhielt im September

die Freigabe

der FDA für den

Beginn der Phase-

III-Studie für das

Anti-Krebsmedikament

Satraplatin.

Ein sehr deutlicher

Sprung ist dagegen

bei den Wirkstoffen in Phase II zu verzeichnen, obwohl hier

einige Produkte zunächst aus der Statistik genommen werden

mussten, da die entwickelnde Firma (Zentaris) von einem

ausländischen Unternehmen übernommen wurde. Zudem

wurde die weitere Entwicklung des in Phase I/II befindlichen

G207-Projekts von MediGene aus Kostengründen ausgesetzt.

Des Weiteren gab ein anderer Therapeutika-Entwickler

verschiedene Indikationen und damit Phase-II-Projekte auf.

Zu den 12 deutschen Core-Biotech-Unternehmen, die bereits

Wirkstoffe in Phase II entwickeln, kamen im vergangenen Jahr

12 Firmen hinzu, die ein Produkt neu in die Phase II bringen

konnten. So startete beispielsweise das Unternehmen Avontec nach

Abschluss einer Phase-I-Studie im November 2003 noch im selben

Jahr die Phase II für ihr Projekt AVT-01 gegen allergisches

Asthma. Mittlerweile hat auch ein zweites Produkt, AVT-02 zur

Therapie von Psoriasis, die klinische Phase II erreicht.

Auf Grund der Erteilung des „Orphan-Drug-Status“ durch die

FDA war es der Münchener CellControl Biomedical Laboratories

möglich, eine beschleunigte Produktentwicklung für ihren Wirkstoff

ACA 125 zur Behandlung epithelialer Ovarialkarzinome

durchzuführen.

24 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

0

4 4

5

1999

2001

2002

2003

0 3 1 0

Zulassungs-Phase

Quelle: Ernst & Young, Stand 31.12.2003


Dr. Nils Behnke, CEO CellControl Biomedical

Laboratories AG, Martinsried

Vorteile in der Produktentwicklung

durch Orphan Drug Status

Der Orphan Drug Status (ODS) ist zu deutsch die „Ausweisung von Arzneimitteln als

Arzneimittel für seltene Leiden“. Er wird in der Entwicklung befindlichen Medikamenten

auf Antrag durch die Zulassungsbehörden EMEA für die EU und die FDA für die USA

zuerkannt. Als „seltene Leiden“ sind in der EU Erkrankungen definiert, von denen nicht

mehr als 5 in 10.000 Menschen betroffen sind, also rund 200.000

Fälle in der gesamten Gemeinschaft. In den USA beträgt die Obergrenze

ebenfalls 200.000 erkrankte Personen.

Mit dem ODS sollen besondere ökonomische Anreize für die pharmazeutische

Industrie geschaffen werden, damit auch Medikamente

für Erkrankungen mit nur relativ wenigen betroffenen Patienten

entwickelt werden. Da in diesen „Nischenindikationen“ vornehmlich

Biotech-Unternehmen tätig sind, ist dieses Thema für die Biotech-

Branche von großer Bedeutung.

Ein Beispiel für eine seltene Erkrankung ist das Ovarialkarzinom (Eierstockkrebs),

die gefährlichste gynäkologische Krebserkrankung, an

der in Deutschland zwar nur 7.400 Patientinnen pro Jahr neu erkranken (Zum Vergleich:

An Darmkrebs erkranken jährlich 57.000 Menschen neu.), an der aber mehr als 70 % der

Erkrankten versterben. Damit besteht ein erhebliches medizinisches Interesse an der

Entwicklung neuer Medikamente hierzu. Für diese Indikation wurde dem führenden

Produkt der CellControl Biomedical Laboratories AG, dem Krebsmedikament ACA 125, in

2003 der ODS in den USA und in der EU erteilt. Dabei konnten einige interessante

Erfahrungen gesammelt werden:

Zunächst einmal führt, entgegen landläufiger Meinung, die Erteilung des ODS nicht per

se zu einer Beschleunigung der Produktentwicklung, auch wenn die Erteilung dieses

Status häufig die Basis für eine später zugestandene beschleunigte Zulassung bildet.

Darüber hinaus ist die Erteilung des ODS mit einer Reihe zusätzlicher Vorteile verbunden.

Besonders attraktiv ist eine Marktexklusivität für Orphan Drugs von sieben (USA) bzw.

zehn Jahren (EU) und die darin begründete Möglichkeit, gleichartige Medikamente von

Wettbewerbern vom Marktzutritt in dieser Periode auszuschließen, falls diese sich nicht

als erheblich effektiver erweisen. Weitere Vorteile dieses Status liegen u. a. in der

Verbilligung der Zulassung, Steuervorteilen (USA), der verbesserten wissenschaftlichen

Beratung durch die Zulassungsbehörden (EU) und ggf. der Bereitstellung von

Forschungszuschüssen. Aufgrund dieser Vergünstigungen ist in den letzten Jahren im

Bereich der biopharmazeutischen Krebsmedikamentenentwicklung die Anmeldung zum

Orphan Drug in kleineren Indikationen von den Biotech-Unternehmen mit Nachdruck

verfolgt worden.

Der Erfolg der Orphan-Drug-Ausweisung hat allerdings für die Unternehmen in jüngerer

Zeit zu einem Problem geführt – das Feld ist in einigen „populären“ Krebsindikationen

mittlerweile sehr eng geworden, weil z. T. bereits mehrere Medikamente den ODS erhalten

haben. Deswegen versuchen einerseits die Biotech-Unternehmen, so früh wie

möglich neue Medikamente zum Orphan Drug anzumelden, andererseits fordert die

EMEA in letzter Zeit zunehmend detailliertere Informationen, insbesondere zur klinischen

Wirksamkeit der Produkte, bereits vor einer Orphan-Drug-Designation. Hier ist

seitens der Unternehmen ein genaues Verständnis des Wirkmechanismus vonnöten,

damit im Hinblick auf eine spätere Marktexklusivität die notwendige Abgrenzung von

anderen Produkten, insbesondere solchen mit bereits

erteiltem ODS, vorgenommen werden kann. Der Cell-

Control Biomedical Laboratories AG ist dies für den ACA

125 durch die Darlegung klinischer Daten gelungen, mit

denen gegenüber Antikörpern mit funktioneller

Ähnlichkeit eine klinische Überlegenheit auf Grund

höherer Immunogenität und besserem Nebenwirkungsprofil

dargestellt werden konnte.

Wenn man bedenkt, dass insgesamt bis Ende 2003 bei

der EMEA 322 Anträge auf ODS eingereicht worden sind

und bereits 12 solcher Produkte in Europa vermarktet

wurden, erklärt dies eine zunehmende Selektivität der

EMEA bezüglich der Vergabe des ODS. Weit bedenklicher erscheint jedoch die gegenwärtige

Diskussion in Europa über „exzessive“ Gewinne, die angeblich bei Pharmaunternehmen

durch die „Ausnutzung“ der Orphan-Drug-Regulierung entstünden. Diese

Diskussion passt zwar in das gegenwärtige Bild strikter europäischer Preisfestsetzungen,

widerspricht jedoch dem Grundgedanken der Orphan-Drug-Designation: Die

wirtschaftliche Attraktivität der Produktentwicklung ist doch ihr erklärtes Ziel gewesen.

Sollte es hier zu preispolitisch motivierten Einschränkungen kommen, wird dies sicherlich

nicht helfen, die EU im Bereich der Biotechnologie an die Spitze der internationalen

Wettbewerbsfähigkeit zu bringen. Trotz dieser aktuellen Diskussion kann insgesamt kein

Zweifel daran bestehen, dass die Vorteile des ODS dessen Nachteile bei weitem

überwiegen.

Die CellControl Biomedical Laboratories AG aus Martinsried ist dem medizinischen

Fortschritt in der Krebsbehandlung verpflichtet. Ihr führendes Produkt ist der ACA 125,

ein anti-idiotypischer Antikörper gegen das tumorassoziierte Antigen CA 125. Erste

klinische Prüfungen haben das günstige Nebenwirkungsprofil und die hohe Wirksamkeit

dieser neuen Therapieform beim Ovarialkarzinom bestätigt.

Voraussichtlich im Herbst dieses Jahres wird der ACA 125 in die klinischen Phase III in

Europa und den USA gehen. Bei erfolgreichem Abschluss dieser Prüfungen wird das

Medikament Krebspatienten in spätestens vier Jahren zur Verfügung stehen.

www.cellcontrol.de

25


P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Auch die Regensburger Antisense Pharma hat im April vergangenen

Jahres eine Phase-II-Studie gestartet, nachdem die

klinischen Studien zur Phase I/II des Wirkstoffkandidaten AP

12009 zur Behandlung maligner Hirntumoren erfolgreich

abgeschlossen wurden. Zudem hat das Medikament sowohl in

Europa als auch in den USA den „Orphan Drug Status“

erhalten. Micromet’s humaner Antikörper MT 201 mit der

Indikation Prostatakarzinom befindet sich nun ebenfalls in

Phase II, wie auch der Wirkstoff MBT-0206 zur Behandlung

von fortgeschrittenem metastasierenden Brust- und Pankreaskrebs

des Unternehmens Munich Biotech.

Der Berliner Jerini, die derzeit sogar gleich zwei Wirkstoffe in

Phase II prüft, wurde im vergangenen Jahr ebenfalls von der

FDA der „Orphan Drug Status“ für den Kandidaten Icatibant

zur Behandlung des Angioödems zugesprochen. Bei der Paion

aus Aachen wird bereits ein Protokoll für eine Phase-III-Studie

entwickelt, nachdem im Oktober die Phase II mit dem

Medikament Desmoteplase erfolgreich abgeschlossen wurde,

obwohl die Indikation Schlaganfall als besonders schwierig gilt:

In der Vergangenheit scheiterten mehr als 50 Prozent der

Medikamentenkandidaten in diesem Sektor. An der Schwelle

zur Phase III steht schließlich auch der monoklonale Antikörper

Rencarex (WX-G250) der Münchener Wilex mit der Indikation

metastasierender Nierenzellkrebs. Zudem testet das Unternehmen

den Krebswirkstoff WX-G250RIT seit Ende Juni 2003

zur Behandlung des selten auftretenden Gallenblasen- und

Gallengangkrebs in einer klinischen Studie I/II.

Die Anzahl neu hinzugekommener Unternehmen mit

Kandidaten in Phase I fällt nicht so deutlich aus wie bei den

Phase-II-Wirkstoffen (siehe Abbildung 2-4).

Neu in die Phase I kam beispielsweise bei Wilex WX-UK1, der

nun an Patienten mit Kopf-Hals-Tumoren geprüft wird. Die

FDA bewilligte ein Prüfungsprotokoll für eine klinische Phase-

I-Studie in den USA.

Auch die Münchener Curacyte erhielt Anfang Juli von der FDA

die Erlaubnis für den Beginn einer Phase-I-Studie, um den

Wirkstoff PHP in Kombination mit einer hoch dosierten Interleukin-Therapie

bei Patienten mit metastasischem Nierenzellkarzinom

oder Melanom zu testen. Die 4SC aus München hat

im vergangenen Jahr mit der klinischen Phase I ihres ersten

niedermolekularen Produktkandidaten SC12267 zur Behandlung

rheumatoider Arthritis begonnen. Weitere Wirkstoffkandidaten

in Phase I meldeten die ebenfalls in München

ansässigen Unternehmen Switch Biotech mit ihrem Wirkstoff

SWT01.100 gegen Schuppenflechte sowie die IDEA mit ihrem

Projekt IDEA-070 zur Behandlung von Hautreaktionen, die

durch Sonnenbrand, Histamin oder Capsaicin ausgelöst werden.

Besonders beeindruckend ist der starke Anstieg von Projekten

in der Präklinik im vergangenen Jahr. Es bleibt zu hoffen, dass

aus diesen Projekten erfolgreich klinische Produkte entstehen.

Ein Beispiel ist die Münchener Procorde mit ihrem Kandidaten

PR-15 mit Indikation Herzinfarkt und Schlaganfall.

Abbildung 2-4:

Wirkstoff-Entwicklungspipeline nach Anzahl

Unternehmen im Jahresvergleich

Anzahl Wirkstoffe

140

120

100

80

60

40

20

0

133

70

117

4 5

Präklinik Phase I Phase II Phase III

26 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

56

23 26

34

38

Anzahl Unternehmen

Anzahl Wirkstoffe 2002

Anzahl Wirkstoffe 2003

14

22

25

26

4 5

80

70

60

50

40

30

20

10

0

Anzahl Unternehmen

Quelle: Ernst & Young, 2004


Dr. Wolfgang Söhngen, CEO PAION GmbH, Aachen

Management des Produktportfolios in Zeiten knapper

Mittel

Die hinlänglich bekannten Veränderungen der Kapitalmärkte in den letzten Jahren haben

hohe und teilweise sehr widersprüchliche Anforderungen an Produkt entwickelnde

Firmen gestellt. Finanzierungsentscheidungen waren in 2002/2003 noch stärker als

zuvor geprägt von dem Wunsch, Risiko zu minimieren und das Unternehmen bis zu einem

profitablen Ausstieg finanzieren zu können. Aus Investorensicht bedeutet dies ein

breites und viel versprechendes Produktportfolio mit großer Marktnähe in einer sicheren

Indikation und damit eine Abkehr von Plattformtechnologien. Dieser Trend hin zu Product

Companies ist getrieben von der Tatsache, dass ein anderer Ausstieg als ein Börsengang

mit einem relativ reifen Projekt die höchste Realisierungschance hat.

Das Management der klinischen Studien und die mit

zunehmender Marktnähe des Produkts steigenden regulatorischen

Auflagen – z. B. Produktion nach Maßstab

der Good Manufacturing Practice (GMP) und Anforderungen

der FDA – stellen eine große Herausforderung

für die Unternehmen dar. Der Wunsch der Investoren

nach klinischen Projekten ist damit derzeit durch Firmen

in Europa nur adressierbar, wenn die späte klinische

Entwicklung von Pharma-Partnern mitgetragen wird. Für

die Unternehmen ergibt sich ein Spagat zwischen

Finanzierungsfähigkeit und Wertentwicklung. Versuchen

die Firmen, frühzeitig Pharmapartner zur Erhöhung der

Liquidität zu finden, so geben sie auch frühzeitig Rechte zu einem niedrigen Preis ab und

reduzieren die Chance auf hohen Wertzuwachs und einen attraktiven Ausstieg in der

Zukunft. Das Management des Produktportfolios ist damit auch ein Management von

Investoreninteressen.

Die PAION GmbH hat sich seit ihrer Gründung im Jahr 2000 auf den Schlaganfall als eine

Indikation mit sehr hohem medizinischen Bedarf und erheblichem Marktpotenzial

konzentriert. Der Schlaganfall gilt aber auch als hoch riskante Indikation. In den letzten

Jahrzehnten sind etliche, insbesondere neuroprotektive Substanzen in diesem Bereich

gescheitert. Für das in der Pipeline am weitesten entwickelte Produkt Desmoteplase

prüft PAION einen klaren und durch die schon vermarktete Substanz rt-PA grundsätzlich

bewiesenen Wirkzusammenhang in kleinen klinischen Studien. So wurde die Erschließung

einer Indikation mit hohen Gewinnmöglichkeiten bei niedrigem Risiko möglich.

Nach dem September 2001 und der vorübergehenden Zurückstellung eines IPO zur

Finanzierung eines breiten Portfolio wurden die Ressourcen auf die Desmoteplase als

den größten Werttreiber fokussiert. Mit begrenztem Personal wurden in kürzester Zeit

gute Ergebnisse in der klinischen Entwicklung erzielt. So hat PAION den Proof of

Principle zu einem Bruchteil der Kosten erreicht, die bei einem etablierten Pharmaunternehmen

angefallen wären. Gleichzeitig musste eine zur Erweiterung des Portfolios

von Millennium Inc. lizenzierte Substanz zurückgegeben werden, da es zum damaligen

Zeitpunkt nicht möglich war, ausreichende finanzielle Mittel für die Entwicklung zu

akzeptablen Bewertungen einzuwerben. Ebenso wurden die anderen präklinischen

Projekte zurückgestellt und Ende 2003 entschieden, nicht weiter in die vorhandene

Plattformtechnologie zu investieren. Letztlich wurde durch die Einbeziehung von

Privatinvestoren aktiv der zur Verfügung stehende Kapitalmarkt erweitert.

Für die PAION GmbH sind die sehr guten Ergebnisse der Phase II von Desmoteplase der

beste Startpunkt für die Suche nach einem globalen oder mehreren regionalen Partnern

für Desmoteplase. Auf diesem Weg kann das finanzielle Risiko der Phase III geteilt

werden und es entsteht Liquidität für den Ausbau eines fokussierten

Portfolios. Die Verhandlungen sind ein Balanceakt zwischen der

Notwendigkeit, kurzfristig Kapital für die klinische Entwicklung von

Desmoteplase und weiteren Produkten einzuholen und sich dennoch

über Teilrechte Optionen auf Vermarktung und eigene Gewinne in der

Zukunft zu erhalten. Mit der möglichen Einbehaltung von Vermarktungsrechten

für einzelne Regionen oder von Zweitvermarktungsrechten

würde zudem mittelfristig die Option für einen Börsengang

entstehen. Die PAION GmbH wird versuchen, bei einer guten Entwicklung

der Finanzmärkte den bisherigen Shareholdern den IPO

weiterhin als eine unter anderen möglichen Ausstiegsoptionen bieten

zu können.

Wenn für Unternehmen mit klinischem Proof of Principle – auch wenn sie noch privat

sind – durch ein gutes Partnering die Liquidität steigt, können weitere Mittel

eingeworben werden, um das Portfolio weiter auszubauen. Entscheidend ist dabei der

Zeitpunkt des Partnerings – wobei der Entwicklungszustand des Produkts mit den u. U.

sehr verschiedenen Interessen der Shareholder und der Lage des Kapitalmarktes

abgestimmt werden muss. Das Management des Produktportfolios in Zeiten knapper

Mittel bewegt sich zwischen verschiedensten Investoreninteressen: Fokussierung (Burn

Rate), Breite (IPO Story) sowie kurz- und langfristigen Zielen. Im Auf und Ab der Märkte

nicht nur zu überleben, sondern sich zukunftsorientiert weiterzuentwickeln, stellt hohe

Anforderungen und ist dann am aussichtsreichsten, wenn die Kernkompetenz zur

klinischen Entwicklung im Unternehmen vorhanden ist. Es wird erwartet, dass die

Probleme und Risiken der Transformation von einer reinen Plattform Company zu einer

Product Company in Zukunft auf deutscher und europäischer Ebene vermehrt durch

M&A-Aktivitäten überwunden werden – viele Experten sehen dies als unvermeidbaren

Schritt an.

www.paion.de

27


Prof. Dr. Jens Schneider-Mergener, CEO Jerini AG, Berlin

Beschleunigte Wirkstoffentwicklung mit Peptiden

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Mit der Aufklärung des menschlichen Genoms im Jahre 2000 ist ein wichtiger Schritt

gelungen, die molekularen Ursachen der Entstehung von Krankheiten immer besser zu

verstehen. Ein entscheidender Schritt wird nun die Aufklärung des komplexen Wechselspiels

von Proteinen im menschlichen Organismus sein. Dieses wird für die erfolgreiche

Entwicklung von Medikamenten für viele bisher nicht heilbare Krankheiten essentiell

sein. Es gibt im menschlichen Organismus mehr als 30.000 unterschiedliche Proteine,

von denen etwa 3.000–5.000 als mögliche Zielorte („Targets“) für Medikamente

betrachtet werden. In den 90er Jahren haben sich im Wesentlichen zwei technologische

Ansätze zur Adressierung von Wirkstofftargets etabliert: die chemische Hochdurchsatzsynthese

von so genannten „small molecules“ oder die Herstellung von

Antikörpern/ Proteinen mit Hilfe gentechnologischer

Methoden. Beide Verfahren haben ihre Stärken und

Schwächen und können jeweils nur für bestimmte

Klassen von Targets eingesetzt werden.

Die Jerini AG erforscht nun eine dritte Klasse von

Molekülen – so genannte Peptide – für den systematischen

Einsatz in der Wirkstofffindung. Peptide sind aus

Aminosäuren zusammengesetzte kleine Einweißbausteine

(Proteinbruchstücke), die synthetisch hergestellt

werden können und sich dabei bau- und wirkungsgleich

zu körpereigenen Substanzen verhalten. Die Firma

erkannte das Potential dieser „Stoffklasse“ schon früh

und fokussierte sich auf Peptide als Vorläufer für die

medizinische Wirkstoffforschung und -entwicklung. Als Basis diente die so genannte

SPOT-Technologie, die neben der Synthese mehrerer tausend Peptide gleichzeitig, auch

die Untersuchung ihrer Wechselwirkungen mit potentiellen Targetproteinen, welche bei

Krankheiten eine wichtige Rolle spielen, ermöglicht. Mit dieser Methode können

Wirkstoffe einfacher und schneller identifiziert sowie die Entwicklungszeiten für neue

Medikamente verkürzt werden.

Schnelle Produktentwicklung durch Peptides-to-Drugs- (P2D)-Strategie

Hat Jerini ein Target als interessant identifiziert, entwickelt die Firma in einem dualen

Ansatz mit Hilfe seiner Peptides-to-Drugs- (P2D)-Plattform entweder so genannte

Peptidmimetika und/oder „small molecules“. Welche dieser beiden Verbindungsklassen

eingesetzt wird, hängt von der jeweiligen Indikation ab.

Der Vorteil der P2D-Strategie liegt in folgenden Punkten:

• die „attrition rates“ (Ausschussraten) bis zum Eintritt und beim Durchlaufen der

klinischen Phasen können verringert werden,

• es können sowohl akute als auch chronische Indikationen mit dem gleichen Target

adressiert werden,

• der duale Ansatz erlaubt auf einem Target mehr als ein Lizenz- und/oder

Marketingabkommen einzugehen.

Vorteilhaft für eine schnelle Produktentwicklung war zudem eine gezielte und frühe

Fokussierung auf wenige Projekte, um die vorhandenen Personal- und Finanzressourcen

effizient einsetzen zu können. Das Unternehmen hat in enger Zusammenarbeit mit

Experten relevante Indikationen bzw. Nischenindikationen identifiziert. Ein professionelles

Projekt- inkl. Risikomanagement haben diese Maßnahmen begleitet. Wichtigste

Basis der nachhaltigen und erfolgreichen Weiterentwicklung von Jerini war das

Einwerben benötigter Expertise durch gezielte Erweiterung des Managements um

Mitglieder mit jahrelanger Erfahrung im Pharmabereich.

1994 als Spin-off des Universitätsklinikums Charité Berlin gegründet, ist die Jerini AG

inzwischen in zwei Segmente gegliedert: Jerini Peptide Technologies (JPT) und Jerini

Pharmaceuticals. Der Dienstleistungsbereich JPT produziert ein breites Spektrum von

Peptiden und peptidbasierten Chips für internationale Pharma- und Biotech-

Unternehmen sowie Forschungsinstitutionen. JPT ist profitabel und

führt seine Gewinne an den Pharmabereich ab. Im Drug-Discovery-

Bereich setzt Jerini seine Technologie sowohl in Kooperationen mit

Pharmaunternehmen als auch auf eigenen Projekten ein. Das erste

Produkt, das sich in klinischer Testung befindet, ist der Wirkstoff

Icatibant, der für Anwendungen beim erblichen Angioödem sowie bei

der refraktären Aszites in Leberzirrhose entwickelt wird. Icatibant

wurde 2001 von der Firma Aventis einlizenziert, weil Jerini den

Wirkstoff als wichtige strategische Option identifiziert hat. Der

Wirkstoff komplementiert Jerinis Pipeline perfekt und ermöglichte

eine Vorwärtsintegration in Richtung Marktnähe. Icatibant ist

ein Peptidomimetikum, das hochspezifisch den menschlichen

Bradykinin-B2-Rezeptor blockiert. Es wurde in den beiden o. g.

Indikationen bereits in der Phase II mit positivem Ausgang getestet. In der Indikation

Angioödem beginnt Jerini in diesem Jahr bereits mit der Zulassungsstudie. Die

Markteinführung ist für das Jahr 2006 geplant.

Jerini startete 1994 ganz ohne Venture Capital und sicherte die Unternehmensexpansion

und die Weiterentwicklung der Technologien durch erfolgreiche Auftragsforschung

und -entwicklung für renommierte, internationale Pharmaunternehmen. Die

erste Finanzierungsrunde erfolgte im Januar 2000 (4,5 Mio. €) mit dem Ziel der

Umwandlung von einer Dienstleistungsfirma/Technologiefirma in eine Drug-Discovery-

Company. Im Oktober 2001 schloss Jerini eine zweite Finanzierungsrunde (20 Mio. €) ab.

Jerini hat Lizenz- und Kooperationsabkommen mit den Firmen Bayer, Baxter und Merck

KGaA abgeschlossen.

www.jerini.com

28 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Insgesamt befinden sich bei den analysierten deutschen Biotech-Firmen

202 Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline, das

sind 14 Prozent mehr als im Jahr 2002. Von den 202 Wirkstoffen

sind 69 in der klinischen Entwicklung, das heißt in

Phase I bis III oder in der Zulassung. Auf dem Markt waren im

Jahr 2003 noch keine aus der Entwicklung einer deutschen

Core-Biotech-Firma stammenden Wirkstoffe. Dies wird jedoch

für das laufende Jahr von MediGene

erwartet.

Eine Ausnahme stellen bereits auf dem

Markt befindliche Produkte der autologen

Zelltransplantation dar, die von

einigen zwar als Wirkstoff bzw. Therapeutikum

angesehen werden, in strengem

Sinne jedoch eher dem Tissue Engineering

zuzuordnen sind. Diese Therapeutika

sind gerichtete Arzneimittel, die

keine Zulassung, sondern nur eine Herstellerlaubnis nach

Arzneimittelgesetz benötigen.

Beispiele hierfür sind die autologen Chondrozyten-Transplantate

der Firmen CellGenix und CellTec. Ebenfalls als Rezepturarzneimittel

angeboten werden azelluläre Therapeutika wie

beispielsweise autologe Wachstumsfaktoren der Leipziger

Firma euroderm.

Abbildung 2-5 zeigt die Anzahl der Entwicklungsprojekte pro

Firma in den Produktportfolios der Sample-Unternehmen. Hier

hat sich im Jahresvergleich auf Grund der gestiegenen

absoluten Anzahl an Wirkstoffen in der Entwicklungspipeline

ebenfalls ein Fortschritt ergeben.

Abbildung 2-5:

Wirkstoffportfolio der Sample-Unternehmen im Jahresvergleich

Anzahl Firmen

30

25

20

15

10

5

0

27

1

30

20

2

22

11

Anzahl der Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline

3

13

Wenn auch die Zahl an Firmen weiter zugenommen hat, die nur

ein oder zwei Wirkstoffe im Portfolio haben, so ist mit einer

Verdoppelung der Zahl an Firmen mit je vier oder fünf Wirkstoffen

in der Pipeline eine wesentlich deutlichere Zunahme zu

verzeichnen.

Dies ist vor dem Hintergrund der derzeit sehr angespannten

Finanzierungssituation eine sehr erfreuliche Entwicklung.

Tabelle 2-1:

Anzahl der Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline nach Firmenstatus

(Firmenanzahl in Klammern)

Status Präklinik Ph I Ph II Ph III

Jahr 2002 2003 2002 2003 2002 2003 2002 2003

privat 110 (53) 125 (67) 30 (21) 35 (25) 19 (12) 24 (23) 3 (3) 3 (3)

börsennotiert 7 (3) 8 (3) 4 (2) 3 (1) 3 (2) 2 (2) 1 (1) 2 (2)

Quelle: Ernst & Young, 2004

4

8

4 5

9

4 4

Damit besteht natürlich der Wunsch bzw. die Hoffnung, dass

diese Fortschritte durch bessere Möglichkeiten zur Kapitalaufnahme

bald weiter vorangetrieben werden können. Denn

nach wie ist die Wirkstoffentwicklung ein sehr kostspieliger

Prozess. Viele Firmen konzentrieren derzeit ihre Ressourcen

daher auf die am weitesten fortgeschrittenen Produkte, um über

eine Vermarktung letztlich auch wieder Nachfolgeprodukte mit

finanzieren zu können.

Die oben stehende Tabelle zeigt die Aufteilung der Entwicklungspipeline

auf private und börsennotierte Firmen. Die Bedeutung

der privaten Biotech-Firmen ist im Vergleich zum Vorjahr

konstant geblieben. Ihr Anteil an der Anzahl aller Wirkstoffe

in der Entwicklungspipeline lag nach wie vor bei 92 Prozent.

2002

2003

2

mehr als 5

Quelle: Ernst & Young, 2004

Insgesamt wird die Entwicklungspipeline

der deutschen Core-Biotech-Industrie

derzeit durch 82 Unternehmen repräsentiert.

Davon sind börsennotiert die GPC

Biotech, MediGene, Mologen und

MorphoSys. Hinzu kommen 30 Firmen,

die bisher lediglich Projekte in der

Forschung vorweisen können.

29


Einlizenzierung versus Eigenentwicklung

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Die unten stehende Abbildung zeigt den Anteil an einlizenzierten

und eigenentwickelten Wirkstoffen in der Entwicklungspipeline

der analysierten deutschen Core-Biotech-Unternehmen

im Jahresvergleich. Unterschieden wurde dabei nach Einlizenzierungen

aus der Pharma- und Biotech-Industrie sowie aus

dem akademischen Bereich.

Es wird dabei deutlich, dass Produkte, die aus eigener Entwicklung

stammen, sich überwiegend in der Präklinik oder bereits in

der Phase I befinden.

Abbildung 2-6:

Herkunft der Produkte in der Entwicklungspipeline:

Eigenentwicklung versus Einlizenzierung im Jahresvergleich

Präklinik

Phase I

Phase II

0

Anzahl der Wirkstoffe in %

Quelle: Ernst & Young, 2004

10 20 30 40 50 60 70 80 90 100

2002

2003

Zudem ist klar erkennbar, dass der Anteil von Wirkstoffen aus

der akademischen Forschung eine nicht unwesentliche Rolle

spielt. Solche Wirkstoffe sind neuerdings auch zu einem größeren

Anteil bei Wirkstoffen zu finden, die derzeit in Phase II

getestet werden. Dies ist darauf zurückzuführen, dass im Jahr

2003 12 Unternehmen mit 12 Produkten neu in die Phase II

gekommen sind und hierbei allein 4 Wirkstoffe ursprünglich

aus der akademischen Forschung einlizenziert worden waren.

Der Anteil an Eigenentwicklungen ist bei den Phase-II-Wirkstoffen

immerhin noch doppelt so hoch wie der Anteil von Produkten,

die von Pharmafirmen einlizenziert wurden.

Für die Biotech-Unternehmen haben die aus der Pharmaindustrie

stammenden Wirkstoffe insofern eine große Bedeutung,

da sie ein nicht ausreichendes Portfolio an eigenentwickelten

Projekten ergänzen und damit die Zeit bis zum Markteintritt

verkürzen können.

Die Phase III, die hier nicht abgebildet ist, ist noch deutlicher

zugunsten der Einlizenzierung verschoben. (in 2002: eine

Eigenentwicklung/drei Einlizenzierungen; in 2003: eine Eigenentwicklung/vier

Einlizenzierungen).

Eigenentwicklung

von Akademie

von Biotech

von Pharma

Wirkstoff-Portfolio nach Indikation

In der aktuellen Entwicklungs-Pipeline ist nach wie vor die

Indikation Krebs vor den Infektionskrankheiten am stärksten

vertreten, obwohl im Jahresvergleich der Anteil an Wirkstoffen

in diesen Indikationen abgenommen hat (siehe Abbildung 2-7).

Auf absoluter Basis stecken jedoch sechs Krebswirkstoffe mehr

in der Entwicklungs-Pipeline als im Jahr zuvor. Die Verschiebung

des Anteils ergibt sich somit auf Grund eines

erhöhten Anteils an Wirkstoffen in den Indikationen Entzündung,

Herz-Kreislauf, Haut sowie Metabolismus.

Wirkstoffe gegen Entzündungserkrankungen lösen damit die

ZNS-Wirkstoffe in der Rangfolge auf Platz drei ab. Alle weiteren

aufgezeigten Indikationsgebiete erreichen einen Anteil von

weniger als fünf Prozent. Acht Prozent der Wirkstoffe sind

anderen Indikationen zuzuordnen.

30 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Abbildung 2-7:

Entwicklungsportfolio nach Indikation im Jahresvergleich

Onkologie

Infektion

13

12

ZNS 7

10

Entzündung 6

8

Kardiovaskular 5

6

Haut 4

6

Atemwege

1

3

Stoffwechsel 2

5

Magen/Darm 1

1

Schmerz 1

2

Produktportfolio nach Art des Wirkstoffs

Die Analyse des Entwicklungsportfolios der Biotech-Firmen

nach Art des Wirkstoffs zeigt, dass der größte Anteil der in

Entwicklung befindlichen Produkte die so genannten „small

molecules“ sind. Sie nehmen einen Anteil von 34 Prozent ein.

An zweiter Stelle folgen die rekombinanten Proteine mit einem

Anteil von 18 Prozent, dicht gefolgt von

den therapeutischen Antikörpern mit 16

Prozent. Die Antikörper werden üblicherweise

heute ebenfalls auf rekombinanter

Basis gewonnen, wurden hier jedoch auf

Grund ihrer zunehmenden Bedeutung als

gesonderte Wirkstoffklasse aufgeführt.

Weitere Wirkstoffarten mit bedeutsamem

Anteil sind Impfstoffe sowie Zelltherapeutika.

2002

2003

0 5 10 15 20 25 30 35 40

Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline in %

weitere 8 % sind anderen Indikationen zuzuordnen

Quelle: Ernst & Young, 2004

44

49

In der unten stehenden Abbildung ist darüber hinaus noch der

Anteil an Antisense/Nukleotid-Wirkstoffen, Gentherapie sowie

Peptiden dargestellt.

Im Jahresvergleich ist eine deutliche Zunahme, vor allem bei

den therapeutischen Antikörpern, zu erkennen. Ursache ist die

Aufnahme mehrerer neuer Wirkstoffe dieser Art in die

Präklinik.

Abbildung 2-8:

Entwicklungsportfolio nach Art des Wirkstoffs im Jahresvergleich

small molecule

rekombinantes Protein

20

Antikörper (Fragment)

Impfstoff

8

Zelltherapie 4

10

Antisense/Nukleotid

Gentherapie 3

Peptide 3

4

2002

Sonstiges

5

10

2003

0 5 10 15 20 25 30 35 40

9

34

16

5

1

5

34

18

12

Wirkstoffe in der Entwicklungspipeline in %

Quelle: Ernst & Young, 2004

31


P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Die Zunahme der therapeutischen Antikörper in der Entwicklungspipeline

ist in einzelnen Indikationen besonders deutlich

ausgeprägt, so zum Beispiel bei der Entwicklung von Wirkstoffen

gegen Krebs und Entzündungen, wie auch bei Projekten in der

Forschung gegen Infektionskrankheiten (siehe Abbildung 2-9).

Abbildung 2-9:

Ausgewählte Indikationen nach Art des Wirkstoffs im Jahresvergleich

Krebstherapien nach Art des Wirkstoffs (in der Entwicklungspipeline)

Small

molecule

Antikörper

(Fragment)

rekombinantes

Protein

Impfstoff

8

9

14

18

18

0 10 20 30 40 50

Anteil Wirkstoffe in %

(Auf die Darstellung der Anteile der restlichen Wirkstoffe wurde verzichtet.)

27

29

33

2002

2003

Die zunehmende Bedeutung von therapeutischen Antikörpern

wird im Folgenden im Detail betrachtet.

Krebstherapien nach Art des Wirkstoffs (in der Forschung)

Small

molecule

Antikörper

(Fragment)

rekombinantes

Protein

Impfstoff

0 10 20 30 40 50

Anteil Wirkstoffe in %

(Auf die Darstellung der Anteile der restlichen Wirkstoffe wurde verzichtet.)

Infektionstherapien nach Art des Wirkstoffs (in der Entwicklungspipeline) Infektionstherapien nach Art des Wirkstoffs (in der Forschung)

Small

molecule

Antikörper

(Fragment)

rekombinantes

Protein

Impfstoff

Entzündungs-Therapien nach Art des Wirkstoffs (in der Entwicklungspipeline) Entzündungs-Therapien nach Art des Wirkstoffs (in der Forschung)

Small

molecule

Antikörper

(Fragment)

rekombinantes

Protein

4

5

14

0 10 20 30 40 50

Anteil Wirkstoffe in %

11

13

19

22

25

27

29

32

38

2002

2003

0 10 20 30 40 50 60 70

Anteil Wirkstoffe in %

44

67

2002

2003

Small

molecule

Antikörper

(Fragment)

rekombinantes

Protein

Impfstoff

Small

molecule

Antikörper

(Fragment)

rekombinantes

Protein

32 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

0

6

8

8

8

11

17

17

21

23

25

29

46

2002

2003

0 10 20 30 40 50

Anteil Wirkstoffe in %

17

18

18

18

28

28

33

44

2002

2003

2002

2003

0 10 20 30 40 50

Anteil Wirkstoffe in %

Quelle: Ernst & Young, 2004

45


Entwicklung und Markt therapeutischer Antikörper

Therapeutische Antikörper sind nach der Entwicklung rekombinanter

Proteine die wichtigste Innovation in der Biotech-

Industrie der letzten 20 Jahre.

Basierte die Produktion von monoklonalen Antikörpern 1975

noch auf der Immunisierung mit Antigenen in murinen Systemen,

wurde schon 1976 mittels der neuartigen Hybridoma-

Technologie eine Herstellung in vitro – also ohne die Nutzung

von Versuchstieren – ermöglicht. Bei dieser Methode werden

monoklonale Antikörper durch die Fusion von immortalisierten

Zellen mit antikörperproduzierenden Lymphozyten hervorgebracht.

Kommerziell wurde die neue Technologie bereits früh von dem

Unternehmen Roche genutzt, um monoklonale Antikörper für

den Einsatz in der diagnostischen Forschung zu entwickeln.

Die Hoffnungen auf einen Einsatz als hochspezifische Therapeutika,

die zielgenau und neben-

wirkungsarm eingesetzt werden

können, zerschlugen sich

aber zunächst. Denn monoklonale

Maus-Antikörper sind

für den humantherapeutischen

Einsatz schlecht geeignet, da

ihre murine Herkunft das

menschliche Immunsystem zu

Abwehrreaktionen aktiviert.

Als Folge wird die gewünschte

Wirkung unterdrückt und es

kann sogar zu anaphylaktischen

Schockreaktionen kommen.

Die ersten chimären und

humanisierten Antikörper, die

in der Lage waren, diese Probleme

zu umgehen, wurden in

der zweiten Hälfte der 80er Jahre hergestellt. Bei humanisierten

Antikörpern stammen nur noch die kleinen, Antigen bindenden

Regionen von den Maus-Antikörpern, während der gesamte

Rest einem humanen Antikörper entspricht.

Doch auch diese Form der Antikörper führte letztlich vor allem

bei Dauerapplikation zur Bildung von Anti-Idiotypen und damit

einhergehendem Wirkverlust. Die weitere Entwicklung zielte

deshalb darauf ab, die Antikörper vollständig zu humanisieren.

Dazu wurden beispielsweise transgene Mäuse erzeugt, in deren

Genom der gesamte Genabschnitt, der zur Bildung von

Antikörpern erforderlich ist, vom Menschen stammt.

C H2

C H3

Maus

Antikörper

C H1

C L

Erst Techniken der Molekularbiologie ermöglichten somit die

Herstellung von heute üblichen humanen Antikörpern zur

therapeutischen Anwendung.

Laut Datamonitor waren bereits 2001 weltweit mehr als 100

Antikörper oder Antikörperfragmente in klinischen Versuchen.

Der über die letzten Jahre unerwartet hohe Anstieg an FDAzugelassenen

und an in der klinischen Entwicklung befindlichen

monoklonalen Antikörpern stellt große Herausforderungen an

das „Scale-up“ von Produktionsprozessen biotechnologisch

hergestellter Antikörper. Mit der Erwartung weiterer Zulassungen

von therapeutischen Antikörpern besteht eine große Nachfrage

an Produktionskapazitäten und somit auch an neuartigen

Produktionstechnologien. Zur Zeit werden 75 Prozent der

Säugerzell-Produktionskapazitäten allein von drei Unternehmen

gehalten: Genentech, Boehringer Ingelheim und Lonza.

Dabei bieten die beiden zuletzt genannten Firmen die Produktion

als Service an. Darüber hinaus wurde von der Greenovation

in Kooperation mit der bri-

V H

chimärer Antikörper humanisierter Antikörper

V L

CDR

Menschlicher

Antikörper

tischen Aeres im vergangenen

Jahr eine erfolgreiche Antikörperproduktion

in Pflanzenzellen

(Moos) demonstriert.

Bislang wurden folgende

therapeutische Antikörperklassen

entwickelt: murine,

chimäre, humanisierte, vollständig

humane, Konjugate

sowie Antikörperfragmente.

Obwohl laut Datamonitor das

Marktwachstum auf dem Anstieg

humanisierter und vollständiger

humaner Antikörper

beruhen wird, dominieren momentan

noch die chimären

Antikörperprodukte den Markt.

Führend bei den chimären Antikörperprodukten sind Remicade

von Centocor/Johnson & Johnson sowie Rituxan von

Genentech/Biogen Idec. Remicade ist ein anti-TNF Antikörper,

der seit 1998 bei Morbus Crohn sowie seit 1999 für rheumatoide

Arthritis zugelassen ist. Rituxan (Rituximab) ist ein Antikörper

zur Behandlung von B-Zell-Non Hodgkin’s Lymphomen. Mit

Remicade hat Johnson & Johnson allein im dritten Quartal des

Jahres 2002 Umsätze von 300 Millionen US$ erzielt. Der Umsatz

von Rituxan ist seit 2001 von 819 Millionen US$ auf 1,4

Milliarden US$ in 2003 gestiegen.

33


P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Der weltweite Gesamtmarkt – basierend auf 200 „Global

Playern“, die in Forschung, Entwicklung, Produktion und

Marketing involviert sind – wird nach Datamonitor auf derzeit

5,4 Milliarden US$ geschätzt (2002) und soll sich bis 2008 auf

bis zu 16,7 Milliarden US$ verdreifachen. Die chimären Antikörper

nehmen vom derzeitigen Markt einen Anteil von 70,5

Prozent ein. Allein zwischen den Jahren 2001 und 2002 ist der

Wert des therapeutischen Antikörper-Marktes um 37,5 Prozent

gestiegen, wobei das Wachstum der chimären Antikörper bei

43,2 Prozent und das der humanisierten Antikörper bei 29

Prozent lag.

Große Hoffnungen werden vor allem in therapeutische Antikörper

zur Behandlung von Krebserkrankungen, immunologischen

Dysfunktionen (zum Beispiel rheumatoide Arthritis),

Asthma sowie der Multiplen Sklerose gesetzt.

Tabelle 2-2:

Jüngst zugelassene und in Phase III befindliche therapeutische Antikörper

Produktname Target Indikation Phase Entwickler/Partner

Viele Analysten bezeichnen das jüngst zugelassene Darmkrebsmedikament

Avastin von Genentech als das wichtigste

Produkt, das seit Jahren aus der Biotech-Industrie hervorgegangen

ist. Es werden dafür Umsatzprognosen von über zwei

Milliarden US$ im Jahr und mehr abgegeben. In den USA wird

Avastin von Genentech vertrieben, in Europa von der Schweizer

Roche, die im Dezember 2003 die europäische Zulassung bei

der EMEA beantragt hat. Eine Therapie mit Avastin wird in den

USA um die 4.400 US$ kosten.

Im Vergleich dazu kostet eine Therapie mit Erbitux von

ImClone, ebenfalls gegen Darmkrebs, um die 10.000 US$, wird

jedoch eine kürzere Anwendungszeit benötigen, da Avastin als

Abschlusstherapie mit einer begleitenden Chemotherapie

eingesetzt wird. Seit Dezember 2003 hält die deutsche Merck

die Zulassung von Erbitux in der Schweiz. Die europaweite

Zulassung wird für Mitte 2004 erwartet.

Nachfolgende Tabelle zeigt einen Überblick der in 2003 und

2004 zugelassenen sowie in Phase III befindlichen therapeutischen

Antikörper.

Erbitux Verschiedene Zulassung ImClone/BMS (Vertrieb USA)/

(cetuximab) Anti-EGFr Krebs-Formen Februar 2004 Merck KGaA (Vertrieb Deutschland)

Bexxar Non-Hodgkin- Zugelassen bei der Corixa/GSK

(tositumomab) Anti-CD20 Lymphoma FDA Mitte 2003

Zugelassen bei der

Xolair Anti-IgE Asthma FDA Juni 2003 Novartis/Tanox/Genentech

Raptiva Zugelassen bei der

(vorher Xanelim) Anti-CD11a Psoriasis FDA Oktober 2003 Genentech/Xoma/Serono

Rheumatoide Zugelassen bei der

Humira Anti-TNF Arthritis FDA Dezember 2003 CAT/Abbott

Zugelassen bei der

Avastin Anti-VEGF Darmkrebs FDA Februar 2004 Genentech/Roche

Pemtumomab Anti-PEM Eierstockkrebs Phase III Antisoma/Roche

Anti-idiotypischer

BEC 2 Ganglioside GD3

Mitumomab Imitator SCLC Phase III ImClone/Merck KGaA

Phase III, Elan/Biogen Idec

Antegren Multiple FDA-Zulassung wird

(natalizumab) Anti-VLA-4 Sklerose Mitte 2004 beantragt

Anti-TNF Rheumatoide

CDP-870 alpha Arthritis Phase III Celltech/Pfizer

Quelle: Ernst & Young, 2004

34 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Tabelle 2-3:

Ausgewählte Projekte zu therapeutischen Antikörpern bei deutschen Core-Biotech-Firmen

Produktname Target Indikation Phase Entwickler/Partner

WX-250/Rencarex MN Antigen Nierenzellkrebs In Kürze Phase III Centocor/Wilex

1D09C3 MHC-Klasse II Lymphoma Präklinik GPC Biotech/MorphoSys

Moleküle

MT-201 EpCAM Prostatakrebs Phase II Micromet

Triomab EpCAM/Her2/neu Eierstockkrebs Phase I/II Trion Pharma

(removab/rexomun)

1999 lizenzierte Wilex den Antikörper Rencarex/WX-G250 von

Centocor ein und brachte ihn in die klinische Entwicklung.

Wilex erhielt von den Zulassungsbehörden FDA und EMEA für

Rencarex in der Indikation Nierenkrebs den „Orphan Drug Status“,

der dem Unternehmen ein exklusives Vermarktungsrecht für 7

Jahre in den USA und für 10 Jahre in der Europäischen Union,

jeweils ab Marktzulassung, garantiert. Der chimäre monoklonale

Antikörper stellt nach Ansicht führender Onkologen einen der

vielversprechendsten Therapieansätze zur Behandlung von

Nierenzellkrebs dar. Gegen Nierenzellkrebs ist derzeit keine

sichere und gut verträgliche Standardtherapie verfügbar. Wilex

entwickelt ebenfalls den radioaktiv markierten Antikörper WX-

G250RIT als Radio-Immuntherapie zur Behandlung von nicht

operablem Gallenblasen- und Gallengangkrebs. In dieser Indikation

ist derzeit ebenfalls keine Standardtherapie verfügbar.

Wilex besitzt die weltweiten Marketingrechte für WX-G250

und WX-G250RIT. Ausgenommen sind die USA, in denen die

Vermarktungsrechte bei Centocor/Johnson & Johnson liegen.

GPC Biotech präsentierte im September 2003 neue viel

versprechende Daten für den Anti-Krebs-Antikörper 1D09C3 in

Kombination mit Rituxan. Dieser Antikörper wurde in Zusammenarbeit

mit MorphoSys aus deren HuCAL-Bibliothek komplett

humaner Antikörper isoliert. 1D09C3 bindet an spezifische

Zelloberflächenrezeptoren, so genannte MHC-Klasse-II-

Moleküle. Dies führt zum gezielten Absterben aktivierter, sich

vermehrender MHC-Klasse-II-positiver Tumorzellen, darunter

B-Zell- und T-Zell-Lymphome sowie weiterer Blutkrebszellen.

Bei einem In-vivo-Modell des Non-Hodgkin-Lymphoms konnte

in Kombinationsstudien mit Rituxan deutlich eine synergistische

Wirksamkeit der beiden Antikörper gezeigt werden.

Genehmigungen zum Beginn klinischer Studien in Europa

liegen bereits vor.

Quelle: Ernst & Young, 2004

Micromet setzt Antikörper ein, um das Immunsystem für die

Erkennung von Tumoren zu sensibilisieren und verwendet dazu

voll humane Antikörper. Der humane MT201-Antikörper

befindet sich zur Zeit in einer klinischen Phase-II-Studie zur

Behandlung von Prostatakrebs und Micromet hat mit Boehringer

Ingelheim eine Allianz zur Produktion und Prozessentwicklung

geschlossen. Darüber hinaus entwickelt Micromet Antikörper-

Derivate, neuartige Substanzen, die bestimmte T-Zellen aktivieren,

die die wirksamsten Killer-Zellen des Immunsystems

sind. Im Vergleich zu traditionellen Antikörpern sind die

Derivate um den Faktor 100.000 wirksamer.

Trion Pharma entwickelt eine neue Generation von intakten

bispezifischen Antikörpern (triomab), die spezifisch gegen

charakteristische Antigene epithelialer Tumore gerichtet sind.

Die triomab-Antikörper removab und rexomun haben den

Vorteil, dass sie gleichzeitig zwei immunologische Kaskaden

aktivieren. Sie erkennen die auf Tumorzellen vorkommenden

Antigene EpCAM und Her2/neu und koppeln ferner an die

beiden freien Bindungsstellen der triomab-Antikörper T-

Lymphozyten und Fresszellen an. Durch die effektive Ausbildung

eines Tri-Zell-Komplexes werden die Immunzellen

direkt an den Tumor herangeführt und gezielt aktiviert. Diese

Konstellation führt zu einer von herkömmlichen therapeutischen

Antikörpern bisher nicht erreichten Effizienz bei der

Zerstörung von Krebszellen. Die Wirksamkeit der triomab

Antikörper wurde in Tiermodellen sowie bei der Entfernung

von Tumorzellen aus Stammzellpräparaten von Brust- und

Eierstockkrebs-Patientinnen eindeutig belegt. Mit Beginn der

klinischen Prüfungen und der bereits abgeschlossenen Phase-

I/II-Studie bei Eierstockkrebs-Patientinnen mit malignem

Aszites wurde bereits eine neue Stufe der Arzneimittelentwicklung

erreicht.

35


Bio-Generika

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Bis zum Jahr 2006 werden 11 biopharmazeutische Produkte aus

der ersten Generation (Markteintritt in den 80er und frühen 90er

Jahren) mit heute über 13 Milliarden € Umsatz ihren Patentschutz

verlieren. Damit werden sie zum Ziel von Generika-

Herstellern, denn mit ihren potenziell hohen Umsätzen und

komfortablen Margen, die oft höher liegen als diejenigen

klassischer Pharmazeutika, sind die Biopharmazeutika ein

attraktives Geschäftsfeld.

Vom Ablauf der Patente wird zuerst der europäische Markt

betroffen sein, denn in den USA sind die meisten dieser Produkte

noch einige Jahre geschützt. Noch in diesem Jahr wird

beispielsweise in Europa das Patent für das gentechnisch

hergestellte Erythropoietin der Firma Amgen ablaufen. So ist es

nur konsequent, dass bereits einige Firmen in den Startlöchern

stehen, um nachgeahmte Biopharmazeutika, so genannte Bio-

Generika, zu entwickeln und zu vermarkten. Beispiele hierfür

sind die Hexal und die Stada Arzneimittel, die über ihre

Tochterfirma Biogenerics in Kooperation mit der niederländischen

DSM-Gruppe die Produktion von Bio-Generika

verfolgt. Auch die Ratiopharm entwickelt mit ihrer Biotech-

Tochter BioGeneriX aus Mannheim solche Substanzen.

Noch im Jahr 1989 wurde laut Adamant Biomedical Investments

mit Biopharmazeutika weniger als 50 Millionen US$

Umsatz gemacht, in 2003 belief sich deren weltweites

Marktvolumen bereits auf rund 30 Milliarden US$ und soll sich

bis 2010 noch verdoppeln. Bei den Bio-Generika rechnen

Analysten der DZ Bank für den europäischen und USamerikanischen

Markt mit einem Umsatzvolumen von vier

Milliarden US$ in 2005. In Osteuropa, Asien und Südamerika

besteht bereits heute ein Markt für Bio-Generika. Hier sind die

gesetzlichen Bestimmungen für Patente und Entwicklungen

patentgeschützter Medikamente nicht so streng wie in den USA

oder Europa. Auf Grund des in Europa noch nicht gesicherten

gesetzlichen Zulassungsrahmens für Bio-Generika sowie einer

Reihe von komplexen Fragen zu Produktions- und Qualitätssicherung

ist mit einer Vermarktung in Europa frühestens in

2005/2006 zu rechnen.

Die Herausforderung bei der Entwicklung, Produktion und

Zulassung von Bio-Generika liegt darin, dass die Herstellungsprozesse

auf lebenden Zellen oder Organismen basieren.

Hierbei kann oftmals nicht von einer qualitativ und quantitativ

reproduzierbaren Herstellung ausgegangen werden.

Genau dies ist jedoch das Merkmal klassischer, chemischsynthetisch

hergestellter Generika, die dem Ursprungsprodukt

des Originalherstellers insofern weitgehend gleichen, als dass

sie den gleichen Wirkstoff in der gleichen Menge enthalten. Der

Wirkstoff ist somit qualitativ und quantitativ identisch mit dem

Wirkstoff des Originalpräparates. Nur deswegen wird im

Zulassungsverfahren von der therapeutischen Gleichwertigkeit

des Generikums ausgegangen und auf eine erneute klinische

Prüfung auf Wirksamkeit und Unbedenklichkeit weitgehend

verzichtet. Die Zulassung des Generikums erfolgt somit unter

Berufung auf entsprechende Unterlagen des Originalherstellers.

Als einzige Anforderung muss lediglich die Bioäquivalenz in

kleineren und wenig kostspieligen Studien nachgewiesen

werden.

Bei den Biopharmazeutika dagegen können bereits kleine

Änderungen im Herstellungsprozess, zum Beispiel der

Fermentationsbedingungen, zu Unterschieden im Wirkmolekül

führen, die die Wirksamkeit des Medikaments oder auch dessen

Verträglichkeit nachhaltig verändern. Schon kleine Veränderungen

in der räumlichen Molekülstruktur können Allergien

und Immunreaktionen hervorrufen. Zudem kann es sehr

spezifische Formulierungsbedingungen (zum Beispiel Hilfsstoffe,

Konjugation oder spezielle, chemikalische oder

physikalische Bedingungen) erfordern, um bei der Verabreichung

eine bestimmte biologische Aktivität zu entfalten.

Diese Faktoren müssen bei der Entwicklung und Produktion

von Bio-Generika berücksichtigt werden. Der stringente Nachweis

der klinischen Äquivalenz kann zeitaufwändig und teuer

sein und wird durch das Fehlen klarer Zulassungsrichtlinien

erschwert, denn in der EU gibt es bisher keine speziellen

Vorschriften für biologische Generika. So muss in Europa für

jedes biogenerische Produkt individuell abgeklärt werden,

welcher Nachweis nötig sein wird und ob neue Tier- und

Humanversuche durchgeführt werden müssen. Selbst in den

USA ist die FDA mit klaren Richtlinien für Bio-Generika

zurückhaltend.

Einige Generikaproduzenten entwickeln bereits Kopien von

Biopharmazeutika und versuchen dabei auch, den Patentschutz

zu umgehen, indem sie einen alternativen Weg für die

Herstellung identischer oder fast identischer Wirksubstanzen

suchen. Patenthürden zu umgehen, erweist sich aber als

besonders schwierig, da der Originalhersteller meist nicht nur

das Patent für die Wirksubstanz sondern auch Patente auf den

Herstellungsprozess und die Formulierung besitzt.

36 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Elmar Schäfer, CEO und Dr. Klaus Maleck, CFO

BioGeneriX AG, Mannheim

Mit Biogenerika zum voll integrierten Biotech-Unternehmen

– Herausforderungen an Geschäftsstrategien

und Entwicklungskompetenz

Kunststudenten kopieren große Meister, um ihre technischen Fähigkeiten so weit zu

verbessern, dass sie ihre eigenen Ideen eines Tages selbst umsetzen können. Die in einigen

Bereichen zurück liegende, deutsche Biotech-Industrie würde davon profitieren,

große (zumeist US-amerikanische) Meister nachzuahmen, um eine nachhaltige Strukturentwicklung

in dieser Schlüsselbranche zu ermöglichen. Besonders die Fähigkeit zur

Produktentwicklung, Grundlage, um aus kreativen Plänen auch kommerziell verwertbare

Produkte entstehen zu lassen, weist Schwächen auf.

Die BioGeneriX AG betritt seit Mitte 2000 neue Wege, um risikooptimiert zu einem integrierten

Biotech-Unternehmen heranzuwachsen. Als Pilotprojekte dienen dazu „similar

biologics“, also Arzneimittel, deren Wirkmechanismus bekannt ist und die vom Markt als

„me-too’s“ charakterisiert, regulatorisch aber als neue Wirkstoffmoleküle angesehen

werden. Der Markt für diese Produkte, der sich auf Grund von Patentabläufen erst jetzt

und sukzessiv öffnet, wird in den nächsten 5 Jahren auf knapp 20 Mrd. Euro anwachsen.

Biotechnologisch hergestellte Wirkstoffe wie Insulin, G-CSF und Erythropoeitin verlieren

in diesen Jahren ihren (europäischen)

Patentschutz und werden auf Grund

ihrer überragenden therapeutischen

Eigenschaften und des damit verbundenen

Markterfolgs Ziel von Nachentwicklungen

sein. In diesen Fällen

handelt es sich nicht um reine Generika-Entwicklungen.

Vielmehr müssen

alle Stufen der komplexen Arzneimittelentwicklung

neu gestaltet und

durchlaufen werden, um moderne,

qualitativ hochstehende und sichere

Medikamente anbieten zu können.

Diese eigenständigen Entwicklungen umfassen insbesondere die Erprobung des

Arzneimittels am Menschen in klinischen Prüfungen.

Die Projektwahl der „similar biologics“ ermöglicht also nicht nur das frühe Forschungsund

spätere Vermarktungsrisiko überschaubar zu halten, sondern erlaubt auch eine

ganzheitliche und optimierte Projektplanung der diversen Entwicklungsphasen von Beginn

an. Diese Fokussierung begründet eine resultatorientierte, strategische Ausrichtung und

die Ableitung eines Zielsystems, das die Motivation aller BioGeneriX-Mitarbeiter plausibel

unterstützt. Organisatorisch spiegelt sich die projektbedingte Komplexität in der

funktional breiten Aufstellung seit dem ersten Jahr wieder: die klinische Forschung und

die Zulassung waren nach weniger als einem Jahr ebenso an Bord wie die pharmazeutische

und biotechnologische (Verfahrens-)Entwicklung sowie das Business Development.

Obwohl jeder Bereich zunächst nur durch jeweils einen Spezialisten abgedeckt wurde,

erlaubte dies ein interdisziplinäres, vorausschauendes Arbeiten an den Projekten.

In dieser frühen Phase wurden sämtliche praktische Arbeiten fremdvergeben und durch

die internen Spezialisten betreut und ausgewertet. Dieses „semi-virtuelle“ Konzept

wurde bewusst gewählt, um einerseits den strengen Anforderungen an eine Arzneimittelentwicklung

gerecht zu werden, andererseits aber die Investitionen und Fixkosten

gering zu halten. Eine Fixkostenbegrenzung schien notwendig, da die Risiken der

Entwicklung und Vermarktung besonders zu Beginn, sehr hoch waren. Ungeklärte

regulatorische und politische Rahmenbedingungen, patentrechtliche Probleme, Abwehrstrategien

von Originatoren (inklusive Nachfolgepräparate), neue Marketingstrategien

und schwierige Vertriebsbedingungen zwangen zu dieser finanziellen Vorsicht. Die Synergien

zum bekannten Generika-Geschäft wurden als gering eingeschätzt. Dies begründete

auch die Entscheidung, eine dedizierte, autonome Firma auszugründen, die gezielt

Flexibilität im Umgang mit langen Zeitachsen und hohen Kosten ermöglichen sollte.

Die BioGeneriX AG hat sich seit dem Jahr 2000 als kompetenter und versierter Auftraggeber

für viele Biotech- und mittelständische Pharmafirmen national und international

etablieren können. Projektkoordination ist folglich eine der tragenden Säulen

unseres Geschäfts geworden.

Mit der Einweihung des S1-Labors im High-Tech-Park Mannheim stehen der BioGeneriX

seit Juni 2001 auch eigene Entwicklungskompetenzen zur Verfügung. Zell- und

molekularbiologische sowie proteinanalytische Arbeiten werden nun verstärkt in Eigenregie

durchgeführt. Die erste Kompletteigenentwicklung

soll in diesem Jahr in

die präklinischen Phasen gebracht

werden. Dazu wird das Labor auf einen

„GMP-like“ Status gebracht, der die

Entwicklung und Herstellung von Wirkstoff

im Pilotmaßstab ermöglicht. Eine

Ausdehnung der Laborkapazitäten zur

galenischen Entwicklung von Proteinformulierungen

ist ebenso nahe

liegend. Mit fortschreitenden Projekten

(4 Projekte werden im Jahr 2004 in

den klinischen Phasen sein) spielen

auch Herstellkosten zunehmend eine Rolle. Langfristig wird es Sinn machen, die Herstellkosten

zu senken und sowohl die Wirkstoff- als auch die Arzneimittelproduktion zu

integrieren.

Zusammen mit der Vermarktungskompetenz unserer Vertriebspartner ist die BioGeneriX

somit auf dem Weg, zu einem der ersten voll integrierten Biotech-Unternehmen in

Deutschland zu werden. In der Folge wird BioGeneriX prädestiniert sein, wissenschaftlich

anspruchsvollere und innovative Projekte zu bearbeiten. Bereits heute verfügt

BioGeneriX über mehrere eigene Patente und ausgezeichnetes proprietäres Know-how

im Bereich therapeutischer Proteine.

www.biogenerix.com

37


Molekulardiagnostika

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Das zweithäufigste Geschäftsfeld, auf dem die deutschen Core-

Biotech-Unternehmen der „roten“ Biotechnologie aktiv sind,

sind die Molekulardiagnostika.

Molekulardiagnostik umfasst alle Methoden zur Identifizierung

von Krankheiten oder deren Prädisposition mittels der

Analyse von DNA oder RNA eines Organismus. Insbesondere

die Detektion von Infektionskrankheiten, die virale Genotypisierung,

die Krebs- und Prädispositionsdiagnostik, genetische

Tests von Erbkrankheiten sowie forensische und pharmakogenetische

Tests profitieren vom Einsatz der Molekulardiagnostika.

Derartige Testsysteme beruhen vor allem auf dem

Einsatz der PCR-Technologie, deren grundlegende Lizenz bei

der Schweizer Roche liegt, jedoch im Jahre 2005 abläuft. Auf

Basis dieser Technologie lassen sich in der Regel sehr spezifisch

und schnell diagnostische Ergebnisse erzielen.

Es kann davon ausgegangen werden, dass mittelfristig die

gezielte Molekulardiagnostik durch ihre Präzision dazu beitragen

wird, Kosten für aufwändige und langwierige Diagnoseverfahren

und anschließende Therapiemaßnahmen zu senken.

Jedoch muss auch gesehen werden, dass die Umsetzung

von neuen Technologien und Anwendungen in der Klinik sehr

langsam vorangeht. Die Gründe liegen zum einen bei den

derzeitigen Einsparungsbestrebungen im Gesundheitssystem.

Zum anderen sehen sich innovative Biotech-Unternehmen mit

ihren Dienstleistungen und neuen Produkten aber auch dem

Problem mangelnder Akzeptanz seitens der Kliniken gegenüber.

So gab eine in der Molekulardiagnostik tätige Firma als Wachstumshemmnis

an, dass die DNA-Diagnostik, die von Naturwissenschaftlern

(Chemikern, Biologen) durchgeführt wird,

keine Lobby hat und mit Medizinern in Konflikt gerät, die

dagegen eine starke Lobby haben. Auch werden Firmen mit

einem starken Preisverfall konfrontiert, der aus den angebotenen

Konkurrenzprodukten aus Tschechien, Australien,

England und den USA resultiert.

Dennoch wird der Molekulardiagnostik ein großer zukünftiger

Markt zugeschrieben. Laut dem Cambridge Institute of Health

ist der klinische Markt für derartige Produkte weltweit in einer

Dekade von weniger als 50 Millionen US$ auf über eine

Milliarde US$ angewachsen und wird sich bis zum Jahr 2008

weiter auf drei Milliarden US$ steigern.

Vor allem die Krebsdiagnostik wird hierbei eine wichtige Rolle

spielen. Auf dieses Feld setzt zum Beispiel die Heidelberger

mtm Laboratories, die sich mit ihrer molekularbiologischen

Herangehensweise auf die Detektion von Gebärmutterhalskrebs

fokussiert. Der Glaube an die Zukunftsperspektiven der Firma

wurde im vergangenen Jahr durch den Abschluss einer zweiten

Finanzierungsrunde mit insgesamt 12 Millionen € eindeutig

unterstrichen.

Mit dem Aufkommen der Lungenkrankheit SARS im vergangenen

Jahr, die durch eine Variante des Coronavirus verursacht

wird, konnte die Molekulardiagnostik zeigen, welches Potenzial

in ihr steckt: Der Erreger-Virus kann inzwischen mit Hilfe neu

entwickelter molekularbiologischer Tests innerhalb von nur

zwei Stunden nachgewiesen werden. Die weltweit erste Markteinführung

eines SARS-Tests und damit die Marktführerschaft

gelang hierbei einem deutschen Biotech-Unternehmen, der

Hamburger artus. Zudem arbeitet die Berliner Minerva Biolabs

an der Entwicklung eines schnellen SARS-Nachweissystems.

Konkurrenz erhalten die Biotech-Firmen dabei vom Diagnostik-

Weltmarktführer Roche, der in einer Rekord-Entwicklungszeit

von nur acht Wochen an seinem Forschungsstandort Penzberg

ebenfalls einen Test zum Nachweis des SARS-Virus entwickelt

hat. Der Test wird weltweit jedoch ausschließlich zum Einsatz

in der Forschung vermarktet.

Ein anderer Erreger mit hohem Bekanntheitsgrad, das BSE-

Prion, wird in Kürze mit einem hochsensitiven Post-mortem-

Test der Leipziger Roboscreen nachgewiesen werden können.

Alle entscheidenden Testbausteine – unter anderem ein rekombinantes

Prionenprotein und ein monoklonaler Antikörper –

stellt das Unternehmen selbst her. Der Test soll laut Roboscreen

erhebliche Preisvorteile gegenüber anderen, bereits auf dem

Markt befindlichen Test haben.

Im Bereich „LabChips“ ist die Erlanger november über ihre

Kooperation mit der Regensburger Wilden einen Schritt weitergekommen.

Als Marktführer in der Fertigung medizinischer

Kunststoffsysteme wird Wilden in die Weiterentwicklung und

Serienfertigung eines Chips aus transparentem mikrostrukturiertem

Kunststoff eingebunden. Auf dem Chip werden für die

Nukleinsäurediagnostik verschiedene Funktionsbereiche wie

Probeaufnahme, Vorratsbehälter, Reaktionskammer und Detektionseinheit

integriert, mit dem Ziel, eine Bedienungszeit von

weniger als einer Minute zu erreichen.

38 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Ulrich Spengler, Geschäftsführer und Mitgründer

artus GmbH, Hamburg – San Francisco – Kuala Lumpur

Molekulardiagnostik

– Die Zukunft für Diagnostik-Unternehmen

SARS und die jüngsten Fälle der Übertragung der Vogelgrippe auf den Menschen

machen deutlich, dass Infektionskrankheiten im 21. Jahrhundert eine der großen

medizinischen Herausforderungen darstellen werden. Die SARS-Epidemie im Frühling

des vergangenen Jahres zeigt zudem, dass Infektionserreger heute durch den globalen

Flugverkehr innerhalb sehr kurzer Zeit über die ganze Welt verbreitet werden können.

Eine schnelle Diagnose des Erregers ist daher nicht nur wichtig, um

die einzelne infizierte Person zu behandeln, sondern auch um die Ausdehnung

der Infektion zu begrenzen.

Die artus GmbH stellt sich dieser neuen Herausforderung und bietet

mit Hilfe molekulardiagnostischer Nachweisverfahren schnelle und

moderne Möglichkeiten der Detektion und der Prävention von

Infektionserkrankungen. So entwickelt, produziert und vertreibt das

Unternehmen Erregerdiagnostika für den humanen und veterinären

Bereich. Mit seinen RealArt-Erreger-Nachweissystemen, die auf der

Real-time-PCR-Technologie (PCR = engl. „polymerase chain reaction“,

dt. Polymerase-Kettenreaktion) beruhen, ist das Biotechnologieunternehmen

weltweit einer der größten Anbieter auf diesem Gebiet

und eine der wenigen Firmen, die diese IVD-Produkte (IVD = In-vitro-

Diagnostika) weltweit lizenziert anbieten kann.

artus als Anbieter hochwertiger Diagnostikprodukte

Als Hersteller von Real-time PCR basierten Nachweissystemen für Erreger hat sich die

artus GmbH weltweit den Ruf eines universellen Anbieters dieser hochwertigen und

modernen Diagnostikprodukte erworben. Neben einer möglichst breit angelegten

Produktpalette, die die Diagnose einer Vielzahl von Infektionserkrankungen erlaubt,

fokussiert das Unternehmen insbesondere auf die Entwicklung von Nachweisverfahren

für neu auftretende Erreger, wie z. B. das HPA-Coronavirus der SARS-Infektion. Die

schnelle und flexible Bereitstellung derartiger Verfahren im Markt stärkt wiederum die

Position der artus GmbH als kompetenten Ansprechpartner für Real-time PCR basierte

Nachweissysteme. Begleitet werden die Einführung und der Verkauf der Produkte durch

eine intensive Beratung und Betreuung, die das Unternehmen den Kunden über seine

drei Niederlassungen in Hamburg, Kuala Lumpur und San Francisco anbietet.

artus bietet derzeit mehr als 60 Produkte, d. h. Testsysteme, die auf dem Verfahren der

Real-time PCR beruhen, für den spezifischen Nachweis von Viren, Bakterien und

Parasiten. Die Kunden für diese Produkte sind in erster Linie Diagnostiklabore, Krankenhaus-

und Forschungseinrichtungen sowie die Industrie, die sich mit molekulardiagnostischen

Verfahren beschäftigen.

Die Real-time PCR

Die PCR ist eine Methode zur Vervielfältigung von spezifischen Nukleinsäureabschnitten

und mittlerweile eine Standardmethode in vielen Analyse-Laboren geworden. Das

Verfahren wird u. a. im Bereich der Infektiologie, der Genetik und der Onkologie

routinemäßig eingesetzt. Die Real-time PCR ist eine Weiterentwicklung des PCR-

Verfahrens, mit dessen Hilfe die Nukleinsäureabschnitte durch Fluoreszenzfarbstoffe

im Verlauf der Vervielfältigung nachgewiesen und auf einem Monitor dargestellt werden

können. Im Vergleich zu klassischen Methoden der Diagnostik ermöglicht das Real-time-

PCR-Verfahren einen sehr schnellen, sensitiven und hoch spezifischen Nachweis der

Erreger.

Über artus

Die artus GmbH ist eine Ausgründung des Bernhard-

Nocht-Instituts für Tropenmedizin (BNI), Hamburg. Hier

wagten 1998 sechs Wissenschaftler den Sprung in die

Selbstständigkeit mit dem Ziel, diagnostische Nachweisverfahren

auf Real-time-PCR-Basis zu entwickeln und zu

vertreiben.

1999 erwarb das Unternehmen die exklusive Lizenz der

Firma Prionics, Schweiz, zur Durchführung von BSE-Tests

in Norddeutschland. Rund ein Jahr später identifizierte

artus als erstes Labor in Deutschland ein positives BSE-

Rind und zog weltweites Interesse auf sich. Mitte April

2003 rückte das Unternehmen erneut ins Zentrum des

öffentlichen Interesses, als es in Zusammenarbeit mit dem Bernhard-Nocht-Institut als

erste Firma ein HPA-Coronavirus-Detektionssystem – zum Nachweis des SARS-Erregers

– auf den Markt brachte. 2002 erwarb artus von der F. Hoffmann-La Roche Lizenzen zur

diagnostischen Nutzung der Polymerase-Kettenreaktion zum Nachweis von Herpesviren,

tierpathogenen Erregern und Tropenkrankheiten mittels PCR und legte damit den Grundstein

für die weltweite Vermarktung erster PCR-gestützter Nachweissysteme. Im

Dezember 2003 folgte die dritte, so genannte breite Lizenz, mit der artus seine

RealArt-PCR-Kits für die In-vitro-Diagnostik beim Menschen in den Bereichen

Infektiologie, Genetik, Onkologie, Gewebetypisierung sowie zur Überwachung

medikamentöser Therapien herstellen und auf dem Markt vertreiben darf. Heute

beschäftigt artus mehr als 80 Mitarbeiter. Der weltweite Vertrieb erfolgt über die Büros

in Hamburg, San Francisco und Kuala Lumpur sowie über Vertriebspartner in mehr als 30

Ländern Europas, Asiens, Lateinamerikas und des pazifischen Raums.

www.artus-biotech.de

39


Tissue Engineering

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Auch der Bereich „Tissue Engineering“ – also die Herstellung

von menschlichen Zellen, Geweben und ganzen Organen aus

körpereigenen Zellen – wird von einigen der deutschen Core-

Biotech-Firmen verfolgt.

Eine aktuelle Studie des Fraunhofer-Instituts für Systemtechnik

und Innovationsforschung in Karlsruhe für die EU-Kommission

zeigt jedoch, dass sich für die Biotechnologie-, Pharma- und

Medizintechnikbranche die Umsatzhoffnungen des „Tissue

Engineerings“ bislang nicht erfüllt haben. Danach erzielt die

Branche derzeit weltweit nicht mehr als 60 Millionen € Umsatz

pro Jahr. Dennoch gibt die Studie auch Prognosen für die

Zukunft ab, nach denen die Hoffnungen „nicht gleich komplett

begraben“ werden müssen. So wird das Potenzial für Geweberekonstruktion

und regenerative Medizin als wesentlich größer

eingeschätzt, als es der aktuelle Markt auf Grund erster

vermarktbarer Produkte, wie in vitro gezüchtetem Knorpel-,

Knochen- und Hautersatz, zeigt.

Nach den Prognosen verschiedener Experten soll beispielsweise

der Markt für Hautersatz und Wundheilung, in dem laut

Studie zur Zeit ein Jahresumsatz von 20 Millionen € erzielt

wird, mittelfristig auf eine Größe zwischen 800 Millionen € und

gut sechs Milliarden € anwachsen.

Auswahl deutscher Biotech-Firmen, die sich mit Tissue

Engineering beschäftigen

Ars Arthro AG, Esslingen

Entwicklung, Vertrieb und Produktion von menschlichem

Gewebe auf Basis einer patentierten Kollagen-I-Matrix; erstes

Produkt am Markt ist ein autologes, matrixgekoppeltes

Chondrozytentransplantat.

AutoTissue GmbH, Berlin

Erforschung und Produktion von kardiovaskulären Implantaten,

wie z. B. biologische Herzklappen und Bypass-Gefäße

CellTec GmbH, Hamburg

Herstellung von autologen Zelltransplantaten

Im Bereich der künstlichen Knorpel kann der aktuell bestehende

Weltmarkt von 40 Millionen € ein Volumen von 1,5

Milliarden bis 25 Milliarden € erreichen. Auf den Gebieten

Herz-Kreislauf-Erkrankungen (künstliche Herzklappen, Gefäße

und Kardiomyozoten), Neurologie und extrakorporale Organe

wie künstliche Leber und Pankreas können neue Wachstumsmärkte

erschlossen werden.

Der ernüchternde Befund liegt laut den Autoren der Studie

darin, dass künstliche Gewebe erst noch beweisen müssten, dass

sie als Ersatz für etablierte Behandlungsmethoden langfristig

wirksamer oder Kosten sparender sind. Zudem ist die Kostenübernahme

durch die Krankenkassen vielfach noch ungeklärt.

Ein weiterer Hemmschuh – die rechtliche Unsicherheit – soll

nach Angaben der EU-Kommission schon bald durch eine

spezielle Verordnung für das Inverkehrbringen von Produkten

des Tissue Engineerings ausgeräumt werden.

Von den Sample-Unternehmen, die sich auf „Tissue

Engineering“ konzentrieren, sind bereits ein Drittel der Produkte

auf dem Markt. Die anderen zwei Drittel der Projekte befinden

sich noch in Forschung und Entwicklung. Neben den bereits

bekannten und börsennotierten Firmen wie der co.don aus Berlin

und der mittlerweile von der Börse genommenen und neu

gegründeten BioTissue Technologies aus Freiburg gibt es eine

Reihe weiterer privater Tissue-Engineering-Firmen.

euroderm GmbH, Leipzig

Herstellung von Hauttransplantaten für den Wundmarkt

Heart BioSystems GmbH, Heidelberg

Tissue Engineering mit adulten Stammzellen

Phenion GmbH & Co. KG, Frankfurt am Main

Entwicklung und Vermarktung innovativer Produkte/

Wirkstoffe für die Haut

TETEC AG, Reutlingen

Zellkultivierung für autologe Chondrozytentransplantation.

Weiterentwicklung im Bereich des Stütz- u. Bewegungsapparates

40 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


„Grüne“ Biotechnologie

In der „grünen“ Biotechnologie, sprich den Anwendungen der

modernen Biotechnologie im Agrarsektor, sind die kleinen

Biotech-Firmen nach wie vor eher in Nischen tätig. Der Markt

wird von den großen Agro-Konzernen beherrscht und noch

immer von Diskussionen zur „Gefahr“ transgener Pflanzen

sowie entsprechenden Regelwerken beeinträchtigt.

„Kabinett legt Entwurf vor“

Quelle: transkript, März 2004

Die Bundesregierung hat dem von Verbraucherministerin Künast

vorgelegten Entwurf für ein neues Gentechnik-Gesetz Mitte

Februar zugestimmt. Künast bezeichnete das Regelwerk bei

seiner Vorstellung in Berlin als „Gesetz zum Schutz des gentechnikfreien

Anbaus in Deutschland“ und zeigte sich optimistisch,

dass es nach der Sommerpause rechtskräftig werde. Bundesforschungsministerin

Edelgard Bulmahn meinte: „Wir haben die

Interessen der Forschung und des Verbraucherschutzes in ein

ausgewogenes Verhältnis gebracht.“

Einhellige Ablehnung

Kritik hagelte es dagegen von Verbänden, die sich für oder gegen

den Anbau gentechnisch veränderter (GV) Pflanzen in Deutschland

engagieren – für einen Vertreter des Verbraucherschutzministeriums

„ein Zeichen, dass man mit dem Gesetz die

richtige Mitte getroffen habe“. Den Gentechnik-Gegnern gehen

Künasts Regeln, die ein Nebeneinander von GV- und anderen

Pflanzen gewährleisten sollen, nicht weit genug. Die Befürworter

sprechen dagegen von einem „Gentechnik-Verhinderungsgesetz“,

das Bauern, die GV-Pflanzen anbauen wollen,

einseitig Steine in den Weg lege. Angeheizt wurde die

Stimmung davon, dass keiner der zahlreichen Änderungsvorschläge,

die die Verbände auf einer eigens vom Verbraucherschutzministerium

anberaumten Anhörung in Bonn eingebracht

hatten, in dem Gesetzestext berücksichtigt wurde. Entsprechend

erzürnt reagierten die Verbandsvertreter.

Den 20 in Bonn versammelten Vertretern der Gentechnik-

Skeptiker geht der Gesetzesentwurf nicht weit genug und

gewährleistet „keinen gentechnikfreien Anbau“. Sie forderten

Mitte Januar diesen Jahres hat sich nach drei Verhandlungsrunden

im Bundeskanzleramt das Verbraucherministerium mit

dem Bundesforschungs- und Bundeswirtschaftsministerium auf

gemeinsame Eckpunkte für ein novelliertes Gentechnik-Gesetz

geeinigt. Das Gesetz wurde Mitte Februar beschlossen und

damit die Freisetzungsrichtlinie der EU zu transgenen Pflanzen

umgesetzt. Geregelt werden vor allem die Risikobewertung, das

Risikomanagement, die Kennzeichnung und die Überwachung

von gentechnisch veränderten Organismen.

unter anderem, dass die Verursacher von „Gentechnik-

Verunreinigungen“ in konventionellen und Ökoprodukten bei

Rechtsstreitigkeiten die Analysenkosten tragen müssten oder

dass zumindest ein Haftungsfonds eingerichtet werden müsse.

Zudem sollten – nach Ansicht von Greenpeace – nicht nur die

Bauern, sondern auch Verbände das Recht erhalten, detaillierte

Auskünfte über die Standorte gentechnisch veränderter

Pflanzen zu erhalten. „Der Entwurf des deutschen Gentechnik-

Gesetzes regelt nicht, wer haftet, wenn Umweltschäden

entstehen“, kritisierte Dr. Felix Prinz zu Löwenstein vom Bund

ökologische Lebensmittelwirtschaft (BÖLW). Das Öko-Institut

Freiburg plädierte dafür, gentechnikfreie Anbauflächen zu

schaffen.

Dr. Ricardo Gent, Geschäftsführer der Deutschen Industrievereinigung

Biotechnologie, kritisierte dagegen gemeinsam mit

neun Verbänden aus dem Lager der Gentechnik-Befürworter,

dass durch das Gesetz den Bauern einseitig kostenträchtige

Vorsorgepflichten und Haftungsrisiken aufgezwungen würden,

wenn sie GV-Pflanzen anbauen wollen. Dies behindere jede

Anwendung der grünen Gentechnik. Als „bürokratisch, einseitig

und innovationsfeindlich“ bezeichneten auch die Präsidenten

der Gesellschaft für Genetik, Prof. Dr. Rudi Balling, und

des Verbandes deutscher Biologen, Dr. Hans-Jörg Jacobsen, die

Vorlage. Zusätzliche Kontrollinstanzen wie das Bundesamt für

Naturschutz erzeugen laut Balling nur „zusätzliche Kosten und

verzögern Forschung und Entwicklung“. Zugleich schade das

Gesetz der Forschung, „denn die Bedingungen von Freisetzungen

zu wissenschaftlichen und wirtschaftlichen Zwecken

werden gleichgestellt“, so Jacobsen.

In den Beratungen über das zustimmungspflichtige Gesetz im

Bundestag und -rat liegen die Positionen von Regierung und

Opposition so weit auseinander, dass ein Vermittlungsverfahren

bevorsteht.

41


P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Als Vertreter eines Biotech-Unternehmens hat sich Dr. Harald

Seulberger von der Sungene in Gatersleben zu den aktuellen

Entwicklungen geäußert.

Grüne Biotechnologie erobert die Welt – Wo bleibt

Deutschland?

Dr. Harald Seulberger, SunGene GmbH & Co. KGaA, Gatersleben

Grüne Biotechnologie bewährt sich weltweit

Die wirtschaftliche Nutzung von Produkten aus der grünen

Biotechnologie schreitet weltweit rasant voran. Inzwischen werden

global fast 70 Millionen Hektar an gentechnisch verbesserten

Pflanzen angebaut. Der Flächenzuwachs lag 2003 bei

15 %. Dabei werden transgene Pflanzen inzwischen von nahezu

7 Millionen Landwirten in 18 Ländern eingesetzt, 85 % davon

sind Kleinbauern aus Schwellen- und Entwicklungsländern.

Der großflächige Anbau und die Sicherheitsbegleitforschung

der letzten 15 Jahre zeigen dabei ganz eindeutig: Die heute

zugelassenen transgenen Pflanzen und die daraus hergestellten

Produkte sind mindestens so sicher wie konventionell gezüchtete

Pflanzen. Dies wurde auch seitens der Bundesregierung

mehrfach bestätigt.

Wirtschaftliches Potenzial der grünen Biotechnologie

Die erste Produktgeneration der grünen Biotechnologie umfasst

hauptsächlich innovative Problemlösungen im Pflanzenschutz,

d. h. für die Unkraut- und Schädlingsbekämpfung, und trägt

primär zu einer höheren Wertschöpfung beim Landwirt bei. Im

globalen Markt erhöht sie damit seine Wettbewerbsfähigkeit.

Nach aktuellen Studien wird das Marktpotenzial für diese

Produkte bis zum Jahr 2015 weltweit auf 30 Milliarden US$

geschätzt. Ein noch größeres Potenzial von über 100 Milliarden

US$ wird gemäß diesen Studien von den Produkten der zweiten

und dritten Generation zu erwarten sein.

Diese umfassen Pflanzen mit Veränderungen des Gehalts oder

der Zusammensetzung von wertvollen Pflanzeninhaltsstoffen.

Durch das so veränderte Eigenschaftsprofil kann die Pflanze

im Hinblick auf ihre jeweilige Verwendung erheblich an Wert

gewinnen, wie etwa Pflanzenöle, die durch veränderte

Fettsäurezusammensetzung helfen, Herz-Kreislauf-Erkrankungen

zu verhindern. Schließlich können gentechnisch veränderte

Pflanzen als „grüne Fabriken“ dienen. Sie sollen künftig

Materialien wie Kunststoffe, Fasern oder auch industrielle Fette

und Öle auf ökonomische, umwelt- und ressourcenschonende

Weise herstellen.

Seulberger gab auf einem von der DECHEMA initiierten

Pressegespräch im Februar, zum Thema „Quo vadis grüne

Gentechnik“ das nachfolgende Statement ab.

Trotz Bewegung in Brüssel, weiter Hürden in Berlin?

Entgegen dem internationalen Trend kommt die wirtschaftliche

Nutzung der grünen Biotechnologie in Europa und Deutschland

seit Jahren nicht voran. Das 5-jährige De-facto-Moratorium für

die Zulassung gentechnisch veränderter Nutzpflanzen in der EU

sowie die Blockadepolitik aus dem Bundesministerium für

Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft (BMVEL)

haben nahezu zu einem Stillstand auf diesem Arbeitsgebiet

geführt. Landwirte und Verbraucher erhalten nicht die Chance,

sich mit den Produkten der grünen Biotechnologie vertraut zu

machen.

Inzwischen haben sich die Voraussetzungen auf europäischer

Ebene geändert und wir gehen davon aus, dass das Moratorium

mit der europäischen Zulassung neuer GVO-Sorten bald auch

praktisch fällt. Getragen von dieser positiven Entwicklung hat

der Anbau von GVO-Mais in Spanien im letzten Jahr um etwa

30 % zugelegt. In Deutschland hingegen werden immer wieder

Hürden errichtet, die eine schnelle Nutzung und Weiterentwicklung

dieser innovativen Technologie verhindern.

Keine Verschärfungen bei der Umsetzung der EU-

Freisetzungsrichtlinie

Inzwischen wurde vom BMVEL die zügige Umsetzung der

Freisetzungsrichtlinie in Aussicht gestellt. Auch wenn wir

diesen längst überfälligen Schritt begrüßen, darf es dabei zu

keinen nationalen Verschärfungen und zu keiner einseitigen

Benachteiligung des Anbaus transgener Kulturpflanzen

kommen.

Der neue Gesetzesentwurf stellt die grüne Biotechnologie aber

fälschlicherweise als Risikotechnologie dar und enthält

Verschärfungen, die über die EU-Richtlinie hinausgehen.

Sollten diese Verschärfungen, insbesondere hinsichtlich der

Haftung, tatsächlich deutsches Recht werden, würden die

Anwender von transgenen Kulturpflanzen so benachteiligt, dass

die wirtschaftliche Nutzung der grünen Biotechnologie in

Deutschland praktisch unmöglich würde.

42 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Nationale Haftungsregelungen ausreichend

Der neue Gesetzesentwurf enthält Verschärfungen, die sich

insbesondere auf die Haftung beziehen. Dabei geht es primär

um das Vorkommen von nicht vermeidbaren Spuren an gentechnisch

verbesserten Pflanzen in konventionell oder ökologisch

angebauten Produkten, die technisch bedingt bzw. durch

Auskreuzungen im Rahmen der Koexistenz der verschiedenen

Anbauformen entstehen könnten. Sollte ein Produkt deshalb mit

abweichender Kennzeichnung und nur mit einem Preisabschlag

verkauft werden können, könnte gemäß dem Gesetzesentwurf

ein Haftungsfall entstehen. Durch die Einführung einer allgemeinen

Verursachungsvermutung und einer damit im Zusammenhang

stehenden gesamtschuldnerischen Haftung zulasten

der GVO-Anwender werden diese in unakzeptabler Weise

einseitig benachteiligt.

Das geltende deutsche Recht enthält bereits umfangreiche

Regelungen zur Haftung. Es besteht kein Bedarf an der

Änderung bestehender Haftungsgesetze und wir lehnen diese

strikt ab. Mit den vorgesehenen Änderungen wird lediglich der

an sicheren transgenen Pflanzen interessierte Landwirt von der

Nutzung der Technologie abgeschreckt.

Register nicht missbrauchen

Ziel des Anbauregisters in der EU-Freisetzungsrichtlinie ist es

vorrangig, den Behörden Hilfestellung für das so genannte

Monitoring zu geben, das sich bei Bedarf aus der Umweltverträglichkeitsprüfung

ergeben kann. Daran muss sich auch

die Umsetzung in deutsches Recht orientieren. Das BMVEL

plant offensichtlich, dass über Register die genaue Lage der Felder

mit gentechnisch veränderten Pflanzen zugänglich wird. Auch

wir unterstützen den Ruf nach mehr Transparenz und Information.

Aber diese Maßnahmen werden eher militante Gentechnikgegner

unterstützen, die bereits in der Vergangenheit durch

Zerstörungen große wirtschaftliche Schäden verursacht haben.

Entscheidungsfreiheit für den Anbau mit und ohne Gentechnik

Die deutsche Biotechnologieindustrie will eine verantwortungsbewusste

Anwendung und Weiterentwicklung der

grünen Biotechnologie auf der Basis wissenschaftlicher Bewertungen

und nachvollziehbarer Standards. Dies kann nur unter

Praxisbedingungen gelingen. Dazu bedarf es neben einer Wahlfreiheit

für die Konsumenten auch einer Wahlfreiheit für die

Produzenten. In der Praxis benötigen wir also eine faire Koexistenz

der verschiedenen Anbauformen mit und ohne

Gentechnik.

Der Agrarkommissar der EU, Franz Fischler, hat den Mitgliedstaaten

Leitlinien zur Koexistenz an die Hand gegeben.

Ziel ist es, keine der Anbauformen zu benachteiligen oder

auszuschließen. Die Kommission hat sich bewusst für diese

Rechtsform anstelle von starren gesetzlichen Einheitsregelungen

entschieden. Leitlinien bieten den Landwirten die nötige Handlungsfreiheit,

zugleich aber auch eine Orientierungslinie für die

Anbaupraxis, die den regionalen Besonderheiten Rechnung

trägt.

Wir unterstützen diesen Impuls der EU-Kommission und sind

der Auffassung, dass der Landwirt selbst entscheiden soll,

welche Anbaumaßnahmen für ihn effizient, kostengünstig und

praktikabel sind, um die gewünschten Produktqualitäten zu erzielen.

Wir fordern daher, so schnell wie möglich in Abstimmung

und im Dialog mit der Landwirtschaft und unterstützt

durch die Politik mit Erprobungsanbauprogrammen in Deutschland

zu beginnen. Sie sollen helfen, die jeweils konkreten und

sinnvollen regionalen Maßnahmen für die Koexistenz zu

beschreiben. Eine Festlegung von Koexistenzmaßnahmen am

grünen Tisch ist aus unserer Sicht hierbei wenig zielführend.

Nationale Biotechnologiestrategie mit sicherem Umfeld für die

grüne Gentechnik

Die EU-Kommission hat in ihrem Aktionsplan zur Förderung

der Biowissenschaften die politischen Entscheidungsträger

aufgefordert, eine von Sachlichkeit geprägte Führungsrolle in

der Gentechnik-Diskussion zu übernehmen. Die Bundesregierung

sollte diese Chance ergreifen und eine nationale

Umsetzungsstrategie für die Biotechnologie entwerfen, die auch

ein sicheres rechtliches Umfeld für die grüne Gentechnik

schafft. Und die Zeit drängt: Unternehmen und Fachkräfte

wandern ins Ausland ab, Start-ups auf dem Gebiet der grünen

Biotechnologie können kaum noch Finanzmittel einwerben oder

sind von Insolvenz bedroht.

Die grüne Biotechnologie trägt seit über zehn Jahren in fast

allen Teilen der Erde zu einer effizienteren und Ressourcenschonenderen

Landwirtschaft mit qualitativ besseren Produkten

bei. Viele Regionen, mit denen wir im globalen Wettbewerb

stehen, haben die Weichen gestellt: Dort beobachten wir eine

steigende Zahl von Zulassungen für gentechnisch verbesserte

Pflanzen und kontinuierlich wachsende Anbauflächen. Auch die

Europäer und wir Deutschen sollten eigene Innovationen der

grünen Biotechnologie fördern. Es bleibt uns noch eine Chance,

das Label „Green Biotechnology made in Germany“ zu einem

Gütezeichen für Wissenschaft, Wirtschaft und Landwirtschaft

zu machen. Aber dafür brauchen wir jetzt eindeutige politische

Signale aus allen zuständigen Ministerien. Anderenfalls wird

Deutschland den Anschluss bei dieser innovativen Technologie

verpassen.

43


Die europäische Ebene

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

In den Staaten der Europäischen Gemeinschaft ist die Zahl der

Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen seit

1998 um etwa 80 Prozent gesunken. Das zeigt eine Untersuchung,

die das Fraunhofer-Institut für Systemtechnik und

Innovationsforschung ISI, Karlsruhe, zusammen mit der

Universität Hohenheim und dem Institute for Prospective

Technological Studies, Sevilla (Spanien), für die Europäische

Kommission erstellte. Grund dafür war das EU-weit geltende

Moratorium für einen Anbau solcher Pflanzen. Weltweit stieg

die Fläche, auf der gentechnisch veränderte Pflanzen angebaut

wurden, im Jahr 2002 dagegen auf fast 60 Millionen Hektar.

Die Gründe für die Zurückhaltung in Europa sind vielfältig.

Zusätzlich zu dem Moratorium, auf das sich der EU-Umweltministerrat

1999 geeinigt hatte, ist die Akzeptanz gentechnisch

veränderter Produkte bei den Verbrauchern ausgesprochen

gering. Daraus ergeben sich erhebliche Marktunsicherheiten für

die Hersteller. So ist es nicht verwunderlich, dass vornehmlich

multinationale, finanzkräftige Firmen auf diesem Gebiet aktiv

sind. Sie führen gut 65 Prozent aller Freisetzungsversuche

durch. Kleine oder mittlere Unternehmen sind mit einem Anteil

von 6 Prozent dagegen wesentlich zurückhaltender und versuchen,

sich vorwiegend in Nischenmärkten zu positionieren.

Der Rest der Freisetzungen entfällt auf öffentliche Forschungsstätten,

Universitäten oder andere Einrichtungen.

Dennoch ist die Pipeline mit gentechnisch veränderten Organismen

für die Landwirtschaft auch in den europäischen Ländern

prall gefüllt. Seit im Oktober vergangenen Jahres eine EU-

Richtlinie das Freisetzen gentechnisch veränderter Organismen

neu regelte, erwartet die Europäische Union wieder ein Anwachsen

bei den Feldversuchen. Zunächst konzentrieren sich

die Hersteller nach den Untersuchungen des Fraunhofer ISI auf

die Herbizidresistenz von Pflanzen sowie auf die Stärkung der

Widerstandskräfte gegenüber Insektenbefall und Krankheiten.

Voraussichtlich erst im nächsten Jahrzehnt sind dann verstärkt

Pflanzen mit gesundheitsfördernden Substanzen oder allergenreduzierte

Pflanzen für die menschliche Ernährung zu erwarten.

Ergebnisse einer Studie der Deutschen Bank zur

„grünen“ Biotechnologie

Autor: Uwe Perlitz, Januar 2004

• Über den Einsatz der grünen Biotechnologie wird in Europa

heftig diskutiert. Der liberalen Einstellung der EU-Kommission

steht die ablehnende Haltung der Mehrheit der EU-

Mitgliedsstaaten gegenüber. Die Regierungen folgen dabei

vor allem den Vorschlägen für schärfere Auflagen von Verbraucherschützern.

Bei der Umsetzung der EU-Richtlinien

(z. B. Freisetzungsrichtlinie) kommt es daher zu zeitlichen

Verzögerungen.

• Deutschland ist zwar führend auf dem Gebiet der Grundlagenforschung.

Durch die zögerliche Umsetzung könnten

Unternehmen aber noch mehr als bisher gezwungen sein, auf

andere Geschäftsfelder auszuweichen (z. B. Biopharmazeutika)

oder ihre F&E-Aktivitäten nach Übersee zu verlagern.

• Während in Europa Genpflanzen (von Ausnahmen abgesehen)

nur zu Versuchszwecken angebaut werden, erreichte

die weltweite Anbaufläche 2002 schon 60 Mio. Hektar; dies

ist etwa sechsmal so viel wie die gesamte landwirtschaftliche

Anbaufläche in Deutschland.

• Die Gen-Anbaufläche in der Welt könnte sich bis 2010 in

etwa verdoppeln, während sie in Europa kaum zunehmen

dürfte. Die größte Fläche werden auch weiterhin die USA

aufweisen, gefolgt von Argentinien und Kanada.

• Da weltweit die landwirtschaftliche Nutzfläche ohne massive

technologische und organisatorische Fortschritte (z. B.

Bewässerung) kaum wesentlich vergrößert werden kann,

müssen zur Versorgung einer zunehmenden Bevölkerungszahl

in der Welt die Hektarerträge deutlich gesteigert werden.

Hier liegen große Chancen der grünen Gentechnik. Sie wird

traditionelle Anbaumethoden zwar nicht ersetzen, aber

wesentlich ergänzen und erweitern.

• Vorteile der Genpflanzen gegenüber dem traditionellen

Anbau bestehen vor allem in höheren Erträgen, verbesserter

Erntequalität und einer Entlastung der Umwelt. Nachteile

könnten in noch nicht absehbaren ökologischen und

gesundheitlichen Risiken liegen.

• In der EU dürfte der Austausch von traditionellem Mais,

Zuckerrüben und Kartoffeln durch entsprechende Gensorten

die Erntemengen um knapp 8 Mio. Tonnen (+ rd. 4 %)

und die Nettoeinkommen der Landwirte um 1 Mrd. € pro

Jahr steigern; absolut und relativ am höchsten wären die

Vorteile in Frankreich und in Deutschland.

• Die Akzeptanz von Genpflanzen ließe sich in Europa erhöhen,

wenn die Vorteile stärker transparent würden. So

haben etwa viele genetisch veränderte Lebensmittel gesundheitsfördernde

Wirkungen (sog. Functional-Food). Allerdings

dürfte vor allem in Deutschland der Weg der Aufklärung

und Überzeugung lang und dornenreich sein, da sich

derzeit noch 70 % der Bevölkerung gegen gentechnisch

veränderte Lebensmittel aussprechen.

44 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Akzeptanz

Ende Dezember 2003 wurde in Brüssel eine neue Studie zur

Akzeptanz gentechnisch hergestellter Lebensmittel vorgestellt.

Sie umfasst Ergebnisse einer Befragung von 3.500 Bürgern der

Europäischen Union (EU), die Marktforscher der KRC Research

Mitte vorigen Jahres in Großbritannien, Frankreich, Deutschland,

Italien und Spanien durchgeführt haben. Auftraggeber der

Studie war ein Konsortium von sechs in der grünen Biotechnologie

engagierten Unternehmen.

Der Anteil der Befragten, die „auf keinen Fall gentechnisch

veränderte Produkte kaufen würden“, lag bei 48 Prozent (2001:

61 Prozent). Zugleich erhöhte sich der Anteil unentschlossener

Verbraucher von drei auf 29 Prozent. Gentechnisch veränderte

Lebensmittel kaufen würden 23 Prozent (2001: 36 Prozent).

Nach der aktuellen Umfrage sind weniger Europäer (31 Prozent)

der Meinung, gentechnisch veränderte Nutzpflanzen und

Ausgewählte deutsche Core-Biotech-Firmen, die in der

„grünen“ Biotechnologie tätig sind

Agrobiogen GmbH, Hilgertshausen

Forschung und Entwicklung; Service und Dienstleistung im

Bereich Rückverfolgbarkeit von Tieren und Lebensmitteln;

Tierseuchenbekämpfung; Generierung von transgenen Tieren;

Genotypisierungen

GreenTec GmbH, Köln

Konventionelle und molekularbiologische Methoden zur Entwicklung,

Produktion und Dienstleistung im Bereich Nutraceuticals,

Phytopharmaka und molekulare Marker

Metanomics GmbH & Co. KGaA, Berlin

Metabolite-profiling; Services für die Agro-Biotech, Pharma

und Ernährungsindustrie; neue Leitgene für Pflanzen-Traits

SunGene GmbH & Co. KGaA, Gatersleben

Forschung und Entwicklung; Prototypen von Kulturpflanzen

mit gesteigerten Konzentrationen an wertvollen Inhaltsstoffen.

Auftragsforschung zur Pflanzentransformation und

Screening nach Regulationselementen

daraus hergestellte Nahrungsmittel seien weniger sicher als

konventionell gezüchtete Nutzpflanzen und Lebensmittel. Zugleich

stieg die Zahl der in dieser Frage Unentschiedenen seit

2001 um 30 Prozent an.

Gleichwohl unterstützen aktuell nur 21 Prozent der europäischen

Verbraucher (2002: 16 Prozent) die Anwendung gentechnisch

veränderter Nutzpflanzen und der daraus hergestellten

Nahrungsmittel. Zur Frage der Regulationen antworteten 2003

51 Prozent (2001: 62 Prozent) der Befragten, dass Pflanzen

nicht streng genug reglementiert sind. Gleichzeitig glauben

weniger EU-Verbraucher (2003: 48 Prozent, 2001: 62 Prozent),

dass gentechnisch veränderte Pflanzen und Nahrungsmittel vor

ihrer Anwendung nicht ausreichend getestet wurden.

Für eine eindeutige Etikettierung von gentechnisch veränderten

Nahrungsmitteln sprechen sich derweil fast alle Befragten (96

Prozent) aus. 82 Prozent äußerten die Meinung, dass Verbraucher

die Wahl haben sollten, ob sie diese kaufen oder nicht.

Epigene GmbH, Freising

Differentielle Genexpressionsuntersuchungen an Pflanzenpathogenen

(v. a. Pilze), Pflanzenschutzresistenzuntersuchungen,

Lebensmitteldiagnostik, Umweltmonitoring

TraitGenetics GmbH, Gatersleben

Forschung, Entwicklung und Dienstleistungen im Bereich

molekularer Marker; Genomforschung für die Pflanzenzüchtung,

Diagnostik wichtiger landwirtschaftlicher Merkmale,

Saatgutqualität

TaRes Targeted Research GmbH, Hamburg

Molekularbiologische Bearbeitung (Phyto-)pathogener Pilze;

Suche nach Virulenz-/Pathogenitätsgenen; Produkte können

für rationales Fungizid-Design oder das Design resistenter

transgener Pflanzen verwendet werden.

VitiGen AG, Siebeldingen

Entschlüsselung und Verkauf aller Gene der Weinrebe; Funktionsaufklärung;

gewebespezifische Promotoren; zelluläre

Lokalisation von Genprodukten

45


Prof. Dr. Yuri Y. Gleba, CEO Icon Genetics AG,

München/Halle

Pflanzenbiotechnologie – mehr als gene food

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Mit der Aufhebung des Moratoriums für den Import und Anbau transgener

Kulturpflanzen in Europa und der Umsetzung der europäischen GVO-Freisetzungs- und

Kennzeichnungsverordnungen in nationales Recht gewinnt auch der europäische

Binnenmarkt an Bedeutung für die „grüne Biotechnologie“. Die inländische Kommerzialisierung

der Pflanzenbiotechnologie wird dann mit einer Verspätung von 10–15

Jahren gegenüber Nordamerika, Argentinien, Brasilien, China und weiteren wichtigen

Produzentenländern erfolgen, die 2003 bereits gentechnisch veränderte Kulturpflanzen

auf insgesamt 67 Mio. Hektar angebaut haben. Pflanzenbiotechnologie ist damit ein

Paradebeispiel dafür, wie die Umsetzung von Innovationen und wissenschaftlichtechnischer

Kompetenz in wirtschaftliches Geschehen über Jahre verzögert werden

kann, wenn „erst über die Risiken diskutiert wird und dann über die Chancen“. Die

Entscheidungsgründe, warum Landwirte andernorts transgene Hochleistungssorten

präferieren, und die Tatsache, dass Abnehmer und Konsumenten

die daraus hergestellten Lebensmittel keineswegs

verschmähen, überzeugen Öffentlichkeit und Verbraucher

hierzulande offenbar nicht. Die Diskussion in

Deutschland benötigt nach über 10 Jahren auch neue

Impulse. Ein wichtiger Beitrag, um von der Theoriedebatte

hin zu praktischen Erfahrungen zu kommen,

könnte der Erprobungsanbau sein, der in Sachsen-

Anhalt für 2004 initiiert worden ist.

Pflanzenbiotechnologie ist aber weit mehr als „gene

food“. Grüne Gentechnik senkt bereits heute den

Chemikalieneinsatz in der Landwirtschaft, und hier

insbesondere den Einsatz von Pestiziden, und leistet

damit einen wesentlichen Beitrag zum Umweltschutz und der Pflanzengesundheit.

Pflanzengesundheit bedeutet gesündere Nahrung und bessere Qualität. Genau darauf

zielt auch der Einsatz weiterer transgener Merkmale, die z. B. die in Mittel- und

Nordeuropa von Virusbefall bedrohten Getreidearten verbessern sollen. Virusresistente

Pflanzen sind weniger anfällig gegen Pilzbefall, Brot- und Futtergetreide aus

virusresistenten Sorten ist weniger Mykotoxin-belastet – „eingebauter Pflanzenschutz“

ist ökologischer Pflanzenschutz par excellence.

Die Pflanze als neues eukaryotisches Expressionssystem

Pflanzenbiotechnologie macht die Pflanze auch für Anwendungsbereiche nutzbar, die

völlig außerhalb des Nahrungsmittelsektors liegen – als Arzneipflanzen für rekombinante

Proteinwirkstoffe. Weltweit arbeiten ca. 20 Biotechnologieunternehmen mit

Pflanzen als eukaryotischen Expressionswirten für Antikörper, Impfstoffe und humanidentische

Proteinwirkstoffe. Als Expressionswirte bieten sich dabei insbesondere

solche Pflanzen an, die keine Verwendung im Nahrungs- und Futtermittelbereich finden.

Die Pflanze stellt damit der pharmazeutischen Industrie ein zusätzliches rekombinantes

Produktionsverfahren neben mikrobiellen Systemen und der tierischen Zellkultur zur

Verfügung.

Industriepflanzen mit neuen Inhaltsstoffen

Chancen für das System Pflanze als „Fabrik“ bestehen insbesondere auch im Bereich

neuer chemisch-technischer Inhaltsstoffe. Auch hier ist das Potenzial der klassischen

Pflanzenzüchtung, die mit Mais, Raps und Zuckerrübe bereits wichtige Rohstoffe für die

industrielle Verarbeitung zu Food- und Non-Food-Produkten geschaffen hat, nahezu

erschöpft. Pflanzen mit neuen Inhaltsstoffen, die auf dem pflanzlichen Primärstoffwechsel

aufbauen, lassen sich nur durch gentechnische Verfahren züchten.

Der Ansatz von Icon Genetics

Icon Genetics steht diesem breiten Anwendungspotenzial der Pflanzenbiotechnologie

und der gentechnisch optimierten Kulturpflanzen in jeder Hinsicht positiv gegenüber, hat

aber auch die Grenzen der grünen Gentechnik der „ersten Generation“ im Visier. Als

Biotechnologieunternehmen entwickelt Icon Genetics neue

pflanzliche Genexpressionsverfahren, die „schneller, besser, sicherer

und kostengünstiger sind“ – das ist unser Leistungsangebot. Der

Bedarf dafür ist groß. Die Testung neuer genetischer Konstrukte in

Zielpflanzen dauert Jahre. Icon Genetics hat ein transientes

Expressionssystem entwickelt, das das Tabakblatt wie die Petrischale

der Mikrobiologen benutzt: Hunderte von neuen genetischen

Konstrukten können parallel auf einer einzigen Tabakpflanze auf

biologische Wirksamkeit getestet werden – die Ergebnisse liegen

nach 7–10 Tagen vor. Auch für die Pflanze als „Fabrik“ haben wir

wesentliche Verbesserungen erreicht. Mit unseren proviralen

Hochexpressionssystemen können wir den Stoffwechsel gezielt auf

Produktsynthese umprogrammieren, beispielsweise nur in der

Blattmasse oder nur in den Samen. Pflanzenwachstum und

Produktbildung können auf diese Weise völlig voneinander getrennt werden, so dass

sich neue Proteine und biochemische Inhaltsstoffe selbst dann mit wirtschaftlich hoher

Produktivität herstellen lassen, wenn sie das Pflanzenwachstum negativ beeinflussen.

Die von Icon Genetics entwickelte Genfragment-Technologie verhindert, dass transgene

Merkmale in funktional aktiver Form auf die Folgegeneration übertragen werden oder

sich durch Pollenflug in der Umwelt verbreiten. Neben derartigen „eingebauten“

Sicherheitsmaßnahmen bietet Icon Genetics ein universelles DNA-barcoding-System

für die routinemäßige Identifizierung transgenen Materials in Endprodukten an. Unsere

neuen Technologien sind mit über 40 Schutzrechtsfamilien gesichert, so dass Icon

Genetics seinen Kunden Hightech-Performance und Freedom to Operate als „one-stopshopping“

anbieten kann.

www.icongenetics.com

info@icongenetics.com

46 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


„Weiße“ und „graue“ Biotechnologie

Die „weiße“ Biotechnologie befasst sich mit industriellen

Anwendungen in der Chemie- und Kosmetikindustrie. Der

Einsatz der modernen Biotechnologie liegt dabei vor allem in

der rekombinanten Herstellung von technischen Enzymen und

anderen Feinchemikalien (Vitamine, Detergentien). Dabei hat

sie ein sehr hohes Potenzial, die Entwicklung von Treibhausgasen

und die Verwendung fossiler Brennstoffe und Rohstoffe

signifikant zu verringern und zu sauberen und nachhaltigeren

Industrieprozessen zu führen.

Eine Studie von McKinsey sieht die Zukunftsaussichten der

weißen Biotechnologie rosig: Je nach dem Tempo der Marktdurchdringung

– in manchen Sparten könnte ein Drittel der

Produktion per Biotech erfolgen – wird für das Jahr 2010 ein

zusätzlicher Profit für die chemische Industrie von 11 bis 22

Milliarden € prognostiziert.

Ausgewählte deutsche Biotech-Firmen, die in der

„weißen/grauen“ Biotechnologie tätig sind

BioSpring GmbH, Frankfurt am Main

Die Plattform PHENOlution ® ermöglicht eine schnelle, effiziente

und möglichst optimale Anpassung eines Enzyms an

bestimmte industrielle Anwendungen.

bitop GmbH, Witten

Fermentation extremophiler Mikroorganismen: kompatible

Solute, Stabilisatoren; Anwendung in Pharma und Kosmetik

B.R.A.I.N AG, Zwingenberg

Erschließung mikrobieller Ressourcen für BioActives und

Enzyme. Proprietäre Metagenom-Technologie für unkultivierbare

Mikroorganismen; Prozessentwicklung und Proteinexpression

DIREVO Biotech AG, Köln

Proprietäre Technologieplattform zur effizienten Erzeugung

von Mutanten und rekombinierten Genen; Anwendung auch

im Bereich von technischen und Lebensmittelenzymen

Der Begriff der „grauen“ Biotechnologie bezieht sich auf deren

Einsatz im Bereich Umwelt. Dazu zählen der Umweltschutz

sowie die molekulare Diagnostik im Umweltbereich.

Beide Anwendungsbereiche haben innerhalb der modernen

Biotechnologie bei weitem nicht den Stellenwert erreicht wie

die „rote“ Biotechnologie. Wie bereits erwähnt, wird insbesondere

der „weißen“ Biotechnologie eine größere Bedeutung

in der Zukunft zugesprochen. Neben den großen deutschen

Chemieunternehmen wie BASF, Henkel und Degussa oder

ausländischen Firmen wie DSM, Novozymes und DuPont tritt

die Handvoll deutscher Core-Biotech-Unternehmen in diesem

Bereich vermeintlich in den Hintergrund. Jedoch entwickeln

gerade diese kleinen Unternehmen sehr innovative Ansätze, die

dann sogar Interesse der Großen finden, wie einige Partnerschaften

zum Beispiel der B.R.A.I.N oder Direvo zeigen.

Jülich Fine Chemicals GmbH, Jülich

Produktion von Spezialenzymen für die chemische und

pharmazeutische Industrie

MiB Munich Innovative Biomaterials GmbH, Marburg

Weltweit der einzige Hersteller von rekombinanten Bakteriorhodopsin-Farbstoffen

in technisch relevanten Mengen zum

Einsatz in der Darstellung, Speicherung und Verarbeitung

optischer Informationen

vermicon AG, München

Die vermicon AG entwickelt innovative Nachweissysteme zur

Analyse von Mikroorganismen in Klärschlamm.

X-Zyme GmbH, Düsseldorf

Neue molekularbiologische Methoden für die Zufalls- und

ortsspezifische Mutagenese mit dem Ziel der Erschaffung

großer Bibliotheken von Enzymvarianten

47


Dr. Jiri Snaidr, CEO vermicon AG, München

Mit Gensonden auf Bakterien und Wachstum zielen

P RODUKTE IN DER B IOTECHNOLOGIE

Alles wäre besser, wenn die Menschen mit den Bakterien tauschen könnten. Wir würden

nicht mit dem Problem der Überbevölkerung kämpfen. In einem Milliliter Klärschlamm

könnten 5 Milliarden Menschen leben und sich an den Abfällen der „bakteriellen

Zivilisation“ satt essen. Während die unflexiblen abfallproduzierenden Bakterien nur

einen Wimpernschlag lang die Erde bewohnen würden, wären wir sicher, nach den

Anfängen allen Lebens, in vielen Milliarden Jahren auch die spektakuläre Supernova,

den letzten Moment auf dem blauen Planeten, erleben zu dürfen.

Stattdessen sind es wir, die kontinuierlich Unmengen an Abfall

produzieren. Allein in Deutschland reinigen Tausende von Kläranlagen

täglich unser Abwasser. Paradoxerweise konzentrieren sich die

Ingenieure bei der Konstruktion der Anlagen auf viele verschiedene

Parameter, nicht aber auf die Hauptverantwortlichen der Schadstoffeliminierung

– die Bakterien. Diese einfach aufgebauten Zellen

zerlegen u. a. mühelos komplexe hochmolekulare organische

Verbindungen, wozu ansonsten ein hoher Energieaufwand notwendig

wäre. Und doch gibt es heutzutage nur wenige Erkenntnisse über die

komplexe mikrobielle Diversität. Der Grund hierfür liegt an der Art

und Weise wie Bakterien heutzutage mühsam über Kultivierung

nachgewiesen werden. Die Bakterien werden hierbei aus ihrem natürlichen Lebensraum

auf künstliche Nährmedien übertragen und im Brutschrank zum Wachstum angeregt.

Mittlerweile ist aber bekannt, dass nur 0,1–1 % aller Bakterien im Abwasser mittels

Kultivierung nachgewiesen werden können. Der Bau einer Kläranlage jedoch, die auf den

Ergebnissen der Kultivierung fußt, ist vergleichbar mit dem Bau eines Wolkenkratzers

„per Daumenfaktor“. Mag sein, dass er nicht umfällt, aber wehe, eine unvorhergesehene

Störung tritt ein.

Die vermicon AG verwendet die VIT (vermicon identification technology) Gensondentechnologie

zum Nachweis von Bakterien. Hierbei können nahezu 100 % aller Bakterien

mit kultivierungsunabhängigen Verfahren direkt im Belebtschlamm nachgewiesen

werden. Sie bedient sich programmierter farbstoffmarkierter Gensonden, die die

Bakterien zum Leuchten bringen und unter dem Fluoreszenzmikroskop spezifisch

sichtbar machen. Auf diese Weise können in Kläranlagen die Bakterienpopulationen

schnell und spezifisch nachgewiesen und deren Veränderungen verfolgt werden. Eine

völlig neue und effiziente Anlagenführung wird ermöglicht. Das Verfahren vermarktet

vermicon in einfach zu handhabenden „Testkits“ – kleinen Minilabors, die alle

notwendigen Reagenzien enthalten und dem Betriebsleiter die Durchführung des

Bakteriennachweises direkt vor Ort auf der Anlage erlauben. Ein Beitrag zur

Kostensenkung, zur sichereren Betriebsführung und zum Umweltschutz.

Als das Unternehmen im Jahr 2001 mit dem ersten Produkt zum Nachweis von nitrifizierenden

Bakterien auf den Markt kam, da erwarteten wir neben dem Leuchten der

Bakterien im Klärschlamm auch ein Leuchten der Begeisterung im Auge der Anwender

vorzufinden. So groß war der Quantensprung für die Anlagenführung, so groß die

Vorteile gegenüber allem Bisherigen, dass wir sehr optimistisch waren, alsbald Einzug

auf allen Kläranlagen Deutschlands halten zu können. Die vermicon AG war und ist bis

heute weltweit das einzige Unternehmen, das derartige Lösungen anbietet. Doch wie in

anderen Märkten auch, ist der Vorbehalt gegenüber neuen Technologien oft sehr groß

und muss durch jahrelange Verbands- und Sisyphusarbeit mühsam abgebaut werden.

Die vermicon AG hat zwar recht kurze Produktentwicklungszeiten,

doch im Gegensatz zur roten

Biotechnologie steht die graue Biotechnologie nicht

unter solch einem Leidensdruck. Im Gegenteil: Unter

dem Motto: „Wir Deutsche sind doch sowieso führend

im Umweltschutz“, wird Innovationen oft nur wenig

Beachtung geschenkt. Daher benötigt ein Unternehmen,

welches in die graue Biotechnologie investiert, vor allem

eins: Zeit. Unglücklicherweise ist diese Ressource in der

vom schnelllebigen Venture Capital getriebenen Investitionslandschaft

Deutschland nicht im Überfluss zu

finden. Es war für das Unternehmen daher wichtig,

Partner zu finden, die auf quantifizierbare Nachhaltigkeit

setzen. Mit den Konzernen RWE, MVV Energie und Henkel wurden Partner gefunden, die

das langfristige Potenzial der Gensondentechnologien erkannten und bereit waren,

neben dem Aufbau und Ausbau des Unternehmens, in die langjährige, aber stetig

steigende Marktpenetration zu investieren. Sie unterstützen damit die Entwicklung eines

Unternehmens, das Werte und Umsatz durch ein konstant wachsendes Produktportfolio

schafft. Eigentlich eine kleine Besonderheit in unserer kurzlebigen und von Insolvenzen

arg belasteten deutschen Biotechnologielandschaft.

Die vermicon AG wurde 1997 gegründet und entwickelt und vermarktet Testkits zum

schnellen und spezifischen Nachweis von Mikroorganismen in Wasser, Abwasser,

Getränken und Lebensmitteln. Die Testkits basieren auf Hochleistungs-Gensondentechnologien

und ermöglichen dem Anwender die Durchführung einer hocheffizienten

In-house-Diagnostik. Die einfach zu handhabenden Testkits setzen durch ihre

Schnelligkeit und Sicherheit neue Standards in der mikrobiellen Diagnostik. Im Jahre

2000 beteiligte sich die Henkel KGaA an der vermicon AG, im Jahre 2003 folgten die

Venture-Capital-Gesellschaften der Konzerne RWE AG und MVV Energie AG. Die Testkits

werden neben Deutschland und Europa u. a. erfolgreich in den USA, Japan, Korea,

Australien und Neuseeland vertrieben.

www.vermicon.com

48 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


3. Geschäfts- und Kommerzialisierungsstrategien

3.1 Geschäftsmodelle, Strategien, Wachstumshemmnisse und Erfolge

Die folgende Darstellung geht der Frage nach, mit welchen

Strategien die deutschen Core-Biotech-Unternehmen den Markt

erfolgreich erreichen und sich dort etablieren können.

Dem Motto „per aspera ad astra“ folgend, mussten die Biotech-

Firmen im letzten Jahr einige Anstrengungen unternehmen, um

den „steinigen Weg“ bzw. die harten Zeiten geringer externer

Finanzierung bei gleichzeitig noch nicht marktfähigen Produkten

durchzustehen. Dies trifft streng genommen hauptsächlich

auf die Geschäftsmodelle derjenigen Firmen zu, die Wirkstoffe

entwickeln, denn sie benötigen zwangsläufig einen langen

Atem. Auf der anderen Seite gibt es in der deutschen Core-

Biotech-Industrie durchaus viele Firmen, die bereits Produkte

am Markt anbieten und somit Umsatz tätigen. Oft reicht dieser

Umsatz jedoch noch nicht aus, um gegenüber den Aufwendungen

im Saldo ein Plus zu erzielen. Die Entwicklung zeigt jedoch

in die richtige Richtung.

Abbildung 3-1:

Sample-Unternehmen nach ihrer Geschäftsausrichtung

Produkt 33 %

davon VC-finanziert 24 %

ohne VC 9 %

Service & Produkt 50 %

davon VC-finanziert 13 %

ohne VC 37 %

Service 17 %

davon VC-finanziert 3 %

ohne VC 14 %

Quelle: Ernst & Young, 2004

Zur kurzfristigen Generierung von Einnahmen ist im vergangenen

Jahr darüber hinaus eine zunehmende Zahl von Firmen

dazu übergegangen, Serviceleistungen am Markt anzubieten.

Diese Entscheidung trafen auch solche Unternehmen, die in den

Jahren zuvor beschlossen hatten, sich auf die Entwicklung von

Wirkstoffen zu konzentrieren.

Dieser Strategiewechsel kann als ein gewisser Lichtblick

gesehen werden, denn in der Hype-Phase von 2000/2001 sind

viele Firmen auf Druck ihrer Investoren in eine Falle gelaufen,

indem sie sich allein auf die Entwicklung von Therapeutika

konzentrierten. Im gleichen Zeitraum kam nämlich eine gewisse

Zurückhaltung der Pharmaindustrie auf, Kooperationen mit

Biotech-Unternehmen abzuschließen. Die Investoren selbst

mussten in dieser Situation feststellen, dass sie das reine

Produktmodell nicht vollständig mit Risikokapital durchfinanzieren

können. Damit fehlte ein wichtiges Glied in der

„Biotech-Wertschöpfungskette“.

Abbildung 3-1 zeigt die Geschäftsausrichtung des dieser

Untersuchung zugrunde liegenden Samples an Core-Biotech-

Firmen. Im Vergleich zum Jahr 2002, in dem fast die Hälfte

aller Firmen angab, sich allein auf die Entwicklung von Produkten

wie pharmazeutischen Wirkstoffen, Molekulardiagnostika,

Tissue-Engineering-Produkten, Drug-Delivery-Systemen,

Bioinformatik-Lösungen oder – im „grünen“ und „weißen“

Bereich der Biotechnologie – von transgenen Pflanzen und

Enzymen zu konzentrieren, ist deren Anteil im Jahr 2003 auf 33

Prozent gesunken. Bei nahezu gleich bleibendem Anteil von

Firmen, deren Geschäftsstrategie rein auf dem Anbieten von

Dienstleistungen beruht, hat somit der Anteil an Unternehmen,

die neben der Produktentwicklung auch Service anbieten, stark

zugenommen und lag im Jahr 2003 bei 50 Prozent. Im voran

gegangenen Jahr lag dieser Anteil noch bei 36 Prozent.

49


Interessant ist bei der Analyse der Geschäftsausrichtung die

Unterscheidung zwischen Firmen, die mit Risikokapital finanziert

sind und solchen, die davon unabhängig sind.

Insgesamt beläuft sich nämlich der Anteil der aktuell mit

Venture Capital (VC) finanzierten Firmen an den insgesamt 350

deutschen Core-Biotech-Unternehmen auf lediglich 32 Prozent.

Der Rest der Unternehmen finanziert sich derzeit über eigenen

Umsatz, staatliche Fördermittel, Privatvermögen, strategische

Investoren oder stille Beteiligungen von Beteiligungsgesellschaften

bzw. der tbg.

Aus Abbildung 3-1 ist ersichtlich, dass sich der 33-prozentige

Anteil der rein produktorientierten Unternehmen zu 24 Prozent

aus VC-finanzierten und zu neun Prozent aus nicht VCfinanzierten

Firmen zusammensetzt. Die reine Produktentwicklung

wird somit hauptsächlich von Risikokapital unterstützt.

Gerade die kostenintensive Wirkstoff-Forschung und -entwicklung

ist hier häufig auf große Summen an Eigenkapital angewiesen.

Bei den Firmen, die gleichzeitig Produktentwicklung betreiben

und Service anbieten, kehrt sich das Verhältnis von VC- und

nicht VC-finanzierten Unternehmen dagegen um. Die Zusammensetzung

liegt hier bei 13 Prozent Firmen, die mittels Risikokapital

finanziert und 37 Prozent, die davon unabhängig sind.

Zwangsläufig muss hier der größere Teil an nicht-risikofinanzierten

Unternehmen seine Existenz mit anderen Mitteln –

so zum Beispiel Umsatz durch Service – bestreiten.

Bei den Firmen, die ausschließlich Dienstleistungen anbieten,

liegt der Schwerpunkt mit 14 zu 3 Prozent notwendigerweise

eindeutig bei den Firmen, die von Risikokapital unabhängig

sind. Unternehmen, die sich trotz VC-Finanzierung nur auf

Service konzentrieren, bieten in der Regel Plattformen an, die

einer gewissen Anschubfinanzierung bedürfen, bis sie sich über

die Dienstleistung kostenmäßig selber tragen.

Abbildung 3-1a zeigt die Aufteilung der Geschäftsausrichtung

im Sample der VC-finanzierten Firmen. Hier wird die

eindeutige Fokussierung der VC-Investoren auf produktorientierte

Unternehmen sehr deutlich. Die Verteilung auf

Produktorientierung, Produktentwicklung plus Service bzw.

Service allein beträgt 60 zu 33 Prozent zu sieben Prozent.

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

Abbildung 3-1a:

VC-finanzierte Sample-Unternehmen

nach ihrer Geschäftsausrichtung

Produkt 60 %

Aufschlussreich ist auch eine Analyse der Geschäftstätigkeiten

der Firmen, die Therapeutika entwickeln. Fast ein Drittel der

Unternehmen fokussiert sich dabei allein auf die Entwicklung

von Therapeutika, 29 Prozent bieten daneben noch zusätzliche

Dienstleistungen an und 40 Prozent sind darüber hinaus auf

noch weiteren Feldern tätig, wie zum Beispiel im Bereich

Molekulardiagnostika, Drug Delivery, Tissue Engineering oder

Feinchemikalienproduktion.

50 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Service 7 %

Service & Produkt 33 %

Quelle: Ernst & Young, 2004

Abbildung 3-2:

Verteilung von Geschäftstätigkeiten bei Sample-

Unternehmen, die Therapeutika entwickeln

Therapeutika

& Service &

Anderes

41 %

nur Therapeutika

30 %

Therapeutika

& Service

29 %

Quelle: Ernst & Young, 2004


Dr. Holger Eickhoff, CEO SCIENION AG, Berlin

Solides Geschäft mit moderner Technologie:

Erfolgreiche Kombination aus Service und Produkten

Die Geschäftsstrategie geht auf: Nicht das vielfach favorisierte Geschäftsmodell für die

Entwicklung von Medikamenten wird bei der Scienion AG verfolgt, sondern die

Vermarktung einer soliden Technologie, die Probleme nachhaltig löst und von einem

plattformweiten Service begleitet wird. Im dynamischen und kompetitiven Wettbewerbsumfeld

der BioChip-Technologie hat sich das im Dezember 2000 gegründete Berliner

Unternehmen mittlerweile erfolgreich etabliert.

Ein leichter Weg war das nicht – auch Scienion musste

sich von einigen Visionen aus den Zeiten der Firmengründung,

in der Biotechnologie noch geboomt hat,

verabschieden. Zum Beispiel von dem Plan, Protein-

Microarrays anzubieten. Im Vergleich zu DNA-Arrays ist

die Entwicklung von Protein-Arrays wesentlich kostenintensiver.

Scienion hat Projekte auf diesem Gebiet

deshalb vorerst auf Eis gelegt, denn ohne gesicherten

Absatz der Produkte – etwa durch Kooperationen mit

Pharmafirmen – ist die Finanzierung aus Eigenmitteln

nicht machbar. Es gab noch weitere Anpassungen des

ursprünglichen Businessplans: Das Unternehmenswachstum

wurde nach unten korrigiert und als Folge des

eingebrochenen Kapitalmarkts wurde der umsatzgenerierende Servicebereich deutlich

ausgebaut. Wertvoll für Scienion war und ist dabei die offene und konstruktive Kommunikation

mit den Investoren – Hauptinvestoren sind die 3i Group, PEPPERMINT. Financial

Partners und die IBB Beteiligungsgesellschaft. Die kontinuierliche Analyse äußerer und

unternehmensinterner Bedingungen sowie die Bereitschaft, eigene Positionen kritisch

zu hinterfragen und neu auszurichten, sind die beste Voraussetzung, zukunftsgerichtete

Veränderungsprozesse gezielt zu steuern und umzusetzen. Ein wesentlicher Faktor dabei

ist die Teambildung zwischen Investoren, Management und Belegschaft, um gemeinsam

an einem Strang zu ziehen.

Ausschlaggebend für den bisherigen Firmenerfolg ist die ausgeprägte Marktorientierung.

Neuentwicklungen von Scienion werden konsequent an Kundenbedürfnissen

orientiert – und in enger Kooperation mit Partnern aus Industrie und Forschung vorangetrieben.

Dies gilt für alle Geschäftsbereiche: BioChip-Produkte, -Hardware und -Services.

Innovation, Kundenorientierung und hohe Qualität spiegeln sich auch in den

Unternehmenszahlen wider. Nach nur einer einzigen Finanzierungsrunde im Frühjahr

2001 verzeichnen die Berliner Biochipspezialisten kontinuierlich wachsende Umsätze –

im Jahr 2003 ein Umsatzwachstum von 230 Prozent. Zu den Kunden zählen Pharma- und

Biotech-Unternehmen ebenso wie zahlreiche akademische Forschungseinrichtungen.

Noch in diesem Jahr will das Unternehmen schwarze Zahlen schreiben, um sich auch

weiterhin auf Kunden und die Geschäftsentwicklung zu konzentrieren und nicht auf die

Akquise neuer Investoren.

Verstärkte Nachfrage nach maßgeschneiderten Chips

Im Geschäftsfeld BioChips liegt der Schwerpunkt auf der Entwicklung kundenspezifischer

Microarrays für die Grundlagenforschung und Diagnostik in zwei Bereichen.

Für die Humangenomforschung entwickelt Scienion individuell nach Kundenbedürfnissen

DNA-Microarrays mit Genen, die für die jeweiligen Indikationen relevant sind.

Daneben produziert und vertreibt Scienion Ready-to-use-Chips im Bereich Herz-Kreislauf

und Entzündung sowie Chips mit Genen, die bei programmiertem Zelltod (Apoptose) und

Differenzierungsprozessen eine Rolle spielen.

Besondere Expertise besteht auch bei der Entwicklung von Chips für die funktionelle

Genomforschung und Diagnostik von Mikroorganismen, die beispielsweise

im Hinblick auf Antibiotikaresistenzen aber auch für die

Seuchenprävention und zur Erforschung und schnellen Detektion von

biologischen Waffen eine zentrale Bedeutung haben.

Alle Arrays werden mit Hilfe von Scienions patentierter Plattformtechnologie

hergestellt. Ein herausragendes Merkmal dieser

Technologie ist, dass sie auf alle relevanten Molekülklassen anwendbar

ist. Das bedeutet, DNA- und RNA-Microarrays können damit

genauso hergestellt werden wie Chips, die mit Proteinen, Antikörpern

oder Small Molecules bestückt werden.

Innovative Hardware für Array-Experimente

Mit dem sciFLEXARRAYER hat Scienion ein modular aufgebautes,

flexibles Dispensiersystem auf den Markt gebracht, welches in der

Lage ist, auch komplette Zellen funktional zu aspirieren und dispensieren. Mit Hilfe eines

piezosaktuierten Liquid-Handling-Systems lassen sich kleinste Flüssigkeitsmengen – bis

in den Pikoliterbereich – präzise und kontaktfrei, auch in verschiedene Arrayformate

dosieren. Der sciFLEXARRAYER ist ein zentrales Integrationswerkzeug für die Verbindung

von konventioneller Mikrotiterplattentechnik mit hochintegrierten Lab-On-A-Chip-

Systemen.

Zukunftsvision: Systembiologie und Medizin auf einer Plattform

Parallel zu einem hohen Serviceanteil hat sich Scienion zu einem hochinnovativen

Unternehmen entwickelt, welches in der Lage ist, auch allerneueste Technologien in

kürzester Zeit in den Markt zu bringen. Zu den Alleinstellungsmerkmalen des

Unternehmens zählt die Entwicklung einer technologischen Plattform, die es erlaubt, alle

relevanten Biomoleküle wie DNA, Proteine und Antikörper genauso zu untersuchen wie

komplette Zellen, siRNAs und small molecules. Die Verbindung dieser Plattform gepaart

mit einer exzellenten Marktkenntnis und kompetentem Service verspricht auch für die

Zukunft, insbesondere in der Diagnostik, ein erhebliches Wachstumspotenzial.

www.scienion.de

51


Eine Analyse der Dienstleister unter den Sample-Unternehmen

ergibt, dass immerhin 67 Prozent der Firmen Services in Form

von Auftragsforschung oder Auftragsproduktion durchführen.

Ein Viertel davon sind VC-finanzierte Unternehmen und ein

Drittel der 143 Firmen mit Serviceangebot entwickeln

Therapeutika.

Die Verteilung von Service auf verschiedene Felder zeigt

Abbildung 3-3. Dabei waren Mehrfachnennungen möglich.

Abbildung 3-3:

Verteilung von Services im Bereich Auftragsforschung/-produktion

Screening- & Diagnostik-Services

DNA/RNA-Services

Auftragsproduktion

Sonstiges

Protein-/Peptid-Services

Lead-Discovery-Services

Bioinformatik-Services

0 10

Der größte Anteil entfällt danach auf Dienstleistungen im

Bereich Screening und Diagnostik, gefolgt von DNA/RNA-

Services sowie der Auftragsproduktion. Protein- und Peptid-

Services werden von einem Viertel der Firmen angeboten.

Jeweils knapp 20 Prozent wird bei Dienstleistungen im Bereich

„Lead Discovery“ sowie Bioinformatik erreicht.

Gerade bei den „Lead Discovery“-Services nehmen die Firmen,

die gleichzeitig in der Wirkstoff-Entwicklung tätig sind, den

größten Anteil ein. Offensichtlich gibt es hier entsprechende

Synergien, die für das Anbieten von Dienstleistungen zur

kurzfristigen Generierung von Umsatz genutzt werden können.

4

15

15

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

21 14

15

24 3

19 9

17 8

1

9

20 30 40

Anteil Firmen in % (Mehrfachnennungen möglich)

Quelle: Ernst & Young, 2004

Unter den Therapeutika-Entwicklern ist der Anteil von Unternehmen,

die DNA/RNA- oder Bioinformatik-Services anbieten,

am geringsten. Diese Art von Service wird eher von klassischen

Genomics-Dienstleistern bzw. rein auf Bioinformatik ausgerichteten

Firmen angeboten.

nicht Therapeutika

entwickelnde Firmen

Therapeutika

entwickelnde Firmen

Das bisher oft gezeichnete Bild einer

deutschen Biotech-Industrie, die rein abhängig

von Risikokapital ist und allein

Geschäftsmodelle der Produktausrichtung

verfolgt, kann somit nicht mehr aufrecht

erhalten werden.

Die Umfrage unter den Produktfirmen

nach bereits auf dem Markt befindlichen

Produkten sowie für die kommenden

Jahre geplanten Produkteinführungen

ergab, dass immerhin knapp ein Drittel

bereits ein Produkt auf dem Markt

anbietet. Hierbei handelt es sich zumeist

um Firmen, die sich auf Molekular-

diagnostika spezialisiert haben, aber auch um Unternehmen aus

dem Bereich Tissue Engineering.

Gut ein Viertel der Firmen gab an, Produkteinführungen im

Laufe dieses Jahres zu planen. Ein weiteres knappes Drittel

plant dieses in den nächsten drei Jahren. Nur etwa 10 Prozent

der Firmen wird es erst in vier Jahren oder später möglich sein,

ein Produkt auf den Markt zu bringen. Hierbei handelt es sich

ausnahmslos um Wirkstoffentwickler. Immerhin sind unter den

Unternehmen, die angeben, innerhalb der nächsten drei Jahre

ein Produkt auf den Markt bringen zu wollen, einige

Therapeutika-Firmen.

52 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Strategien

Abbildung 3-4 gibt einen Überblick über die Entwicklungs- und

Vermarktungsstrategien der Sample-Unternehmen.

Abbildung 3-4:

Entwicklungs- und Vermarktungsstrategien der Sample-Unternehmen

eigene Entwicklung &

Vermarktung

eigene Entwicklung ohne

eigene Vermarktung

eigene Entwicklung

bis bestimmte Phase

(ohne eigene Vermarktung)

11 35

8 7

0 10

Anzahl Firmen in %

20 30 40

Fast die Hälfte der befragten Biotech-Firmen strebt eine eigene

Entwicklung und Vermarktung von Produkten an. Dienstleistungen

werden zwangsläufig selbst direkt am Markt angeboten.

Ein kleinerer Teil der Unternehmen folgt der Strategie, ein

Produkt bis zur Marktreife zu entwickeln, ohne jedoch die

Vermarktung selbst zu übernehmen. 40 Prozent der Firmen

wollen Produkte lediglich bis zu einer Phase entwickeln, bei

der der komplette Entwicklungsprozess noch nicht abgeschlossen

ist.

Abbildung 3-5:

Aufteilung von alternativen Vermarktungsstrategien bei

Sample-Firmen, die Produkte nicht selbst vermarkten

Auslizenzierung/

Verkauf

24 %

Co-Entwicklung/

Co-Vermarktung

21 %

38

2

Auslizenzierung/

Verkauf & Co-

Entwicklung/

-Vermarktung

55 %

Quelle: Ernst & Young, 2004

nur Therapeutika

entwickelnde Firmen

nicht Therapeutika

entwickelnde Firmen

50

Quelle: Ernst & Young, 2004

Bei der Datenerhebung wurde auch die Frage gestellt, welche

Schritte geplant sind, wenn keine eigene Vermarktung erfolgt.

Als Optionen wurden Auslizenzierung bzw. Verkauf sowie Co-

Entwicklung bzw. Co-Vermarktung angegeben.

Abbildung 3-5 zeigt die Verteilung dieser Alternativen unter den

Sample-Unternehmen.

Demnach strebt über die Hälfte der Firmen beide Optionen an.

Für 24 Prozent der Unternehmen kommt allein die Auslizenzierungs-

bzw. Verkaufsalternative in Betracht und 21

Prozent verfolgen lediglich die Strategie der Co-Entwicklung

bzw. Co-Vermarktung.

53


Abbildung 3-6:

Entwicklungsstrategien der Therapeutika entwickelnden Sample-

Unternehmen

bis Proof of

Concept/Präklinik

bis Phase I

bis Phase I/II

bis Phase II

bis Phase II/III

bis Phase III

0

5

8

Anzahl Firmen in %

Bei der Analyse der Entwicklungs- und Vermarktungsstrategien

fällt eine Divergenz zwischen Therapeutika-Entwicklern und

dem Rest der Firmen auf.

So liegt – wie aus Abbildung 3-4 ersichtlich – der Schwerpunkt

bei den Therapeutika-Entwicklern eindeutig bei der Strategie,

eigene Produkte nur bis zu einer bestimmten Entwicklungsstufe

zu entwickeln und sie nicht selbst zu vermarkten. Eine Strategie

der komplett eigenen Entwicklung und Vermarktung verfolgen

dagegen hauptsächlich Unternehmen, die sich nicht auf den Geschäftsbereich

Therapeutika fokussieren.

Diese Divergenz beruht zwangsläufig auf den beträchtlichen

zeitlichen, finanziellen und organisatorischen Anforderungen

der Therapeutikaentwicklung. Für viele kleine Biotech-Unternehmen

ist die Bewältigung des gesamten Prozesses von der

Erforschung über die Entwicklung und Vermarktung von

neuartigen Arzneimitteln ressourcenmäßig einfach nicht möglich.

Die Entwicklungs- und Vermarktungsstrategien müssen

hier zwangsläufig eine andere Richtung einschlagen als

beispielsweise bei der Entwicklung von Molekulardiagnostika

und anderen Produkten.

Bei der Strategie der kompletten eigenen Entwicklung ohne

eigene Vermarktung halten sich die beiden Geschäftstypen –

Firmen mit und ohne Therapeutika-Fokus – die Waage.

Abbildung 3-6 zeigt, bis zu welcher Stufe bzw. Phase Therapeutika-Firmen

ihre Produkte entwickeln.

11

12

19

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

5 10 15 20 25 30 35 40 45 50

Hier wird ganz deutlich, dass fast die

Hälfte der befragten Unternehmen mit

dem Schwerpunkt Wirkstoff-Entwicklung

eine eigene Entwicklung bis zur

Phase II anstreben. Diese Strategie ist

sinnvoll, denn je weiter die Firmen mit

ihrer eigenen Wirkstoff-Entwicklung

kommen, desto höher ist der Wert ihres

Produktes, wenn es dann an Pharmaoder

andere Biotech-Unternehmen auslizenziert

oder verkauft wird.

Der Anteil an Firmen, die ihre Wirkstoffe

noch bis in spätere Phasen wie Phase

II/III oder Phase III bringen möchten, ist

zwangsläufig am geringsten, da gerade

diese abschließenden Phasen der klinischen

Entwicklung sehr aufwändig und

teuer sind. Um dieses Entwicklungsstadium zu erreichen, ist

daher eine gewisse kritische Masse und beträchtliches Knowhow

im Unternehmen notwendig. Diesen Anforderungen genügen

zur Zeit nur wenige Firmen in der deutschen Biotech-

Industrie.

Neben der Gruppe von Firmen, die Wirkstoffe bis zur Phase II

entwickeln möchten, ist mit 19 Prozent der Anteil an Firmen am

größten, die die Wirkstoff-Entwicklung bis in Phase I/II planen.

Mit 11 bzw. 12 Prozent etwa gleich hoch liegt der Anteil an

Unternehmen, die ihr Produkt bis zum „Proof of Concept“ oder

Präklinik bzw. bis zur Phase I voranbringen möchten. Hierfür

sind sehr viel weniger Ressourcen nötig, so dass bei der

derzeitigen Finanzierungssituation diese Strategien durchaus

sinnvoll erscheinen.

54 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

46

Quelle: Ernst & Young, 2004


IP-Value-Management für Biotech-Unternehmen

– Wie nutzt man das geistige Eigentum zur Wertsteigerung

des Unternehmens?

In Deutschland wird die Bedeutung des geistigen Eigentums von vielen Unternehmen

immer noch zu gering eingestuft. Gerade in jungen, innovativen Unternehmen besteht

der Wert des Unternehmens oft zu 80 % und mehr aus geistigem Eigentum. Die

Biotechnologie ist hierfür ein Paradebeispiel. Vor dem Erreichen des Marktzugangs mit

neuen Produkten sind oft langwierige Entwicklungsprozesse durchzustehen, in denen

keine Umsätze erzielt werden und Bewertungen sich meist nur auf die vorhandene IP-

Basis und damit verknüpfte Zukunftsprognosen beziehen können.

Dennoch wissen viele Firmen oft nicht einmal, welches geistige Eigentum sie überhaupt

besitzen und wie sie es wirtschaftlich sinnvoll nutzen könnten. Gerade in wirtschaftlich

schwierigen Zeiten kann ein professionelles IP- (Intellectual Property) Management aber

den entscheidenden Unterschied zur Konkurrenz ausmachen und zu einer Wertschöpfung

führen, die weit über Kostensenkung oder Risikominimierung hinausgeht.

Besser ist es also, von Anfang an dafür zu sorgen, dass Rechte des Unternehmens richtig

und professionell geschützt und bei den zuständigen Institutionen registriert werden.

Für nicht durch öffentliche Register geschütztes geistiges Eigentum muss mit vertraglichen

Vereinbarungen sichergestellt werden, dass Miturheber oder Dritte keine Rechte

beanspruchen können.

2. Strategieentwicklung

Jede IP-Strategie sollte vornehmlich darauf abzielen, das geistige Eigentum künftig

besser, Gewinn bringend und im Einklang mit der Gesamtstrategie des Unternehmens zu

nutzen. Nur mit einem klaren Bild über die IP-Rechte in einem Unternehmen kann man

die richtige Strategie für das vorhandene Portfolio entwickeln. Hierbei ist zunächst zu

fragen, welche IP-Rechte künftig benötigt werden oder überflüssig sind und welche

Rechte bestritten sind oder ganz fehlen.

Professioneller Rat ist hier ebenfalls hilfreich. Denn es geht nicht nur um die oftmals

schwierigen juristischen Fragen. Entscheidend für eine erfolgreiche IP-Strategie ist auch,

sich ein möglichst seriöses Bild vom Wert der einzelnen IP-Rechte zu machen und die

Die häufigsten strategi-

steuerrechtlichen Ausschen

Ziele eines pro-

Bestandsaufnahme

Strategieentwicklung

Implementierung

wirkungen zu analysieren.

fessionellenIP-Managements liegen in Folgendem:

IP Inventur

Portfolio-

Bewertung

ZielfestsetzungEntscheidungsprozess

Sicherung

der Rechte

Werte schaffen

Portfolio nutzen

Die Schwierigkeit vieler

Unternehmen besteht ge-

• Schutz und Sicherung

Nutzung des geistigen Eigentums des Unternehmens zur Steigerung des Unternehmeswertes

rade darin, dass sie (z. B.

bestehender und künf-

in der Rechts- oder Steutig

entstehender IP-Rechte gegenüber Wettbewerbern

erabteilung) über Sachverstand im eigenen Haus verfügen, um diese Informationen

• Kostensenkung durch zentrales IP-Portfolio-Management

abzurufen. Diese Bereiche arbeiten beim Thema IP oft aber nicht genug zusammen, so

• Erschließung neuer Einnahmequellen durch entgeltliche Überlassung von IP-Rechten dass eine unternehmenseinheitliche Strategie nicht verfolgt wird. Bei größeren

• Optimierung der Nutzung des IP-Portfolios nach Akquisitionen und Umstrukturierun- Unternehmen mit mehreren Tochtergesellschaften und Beteiligungen mit vielfach dezengen

(IP-Post-Merger-Integration)

tralem IP-Management kann sich oft eine konzerneinheitliche IP-Strategie schon aus

• Entwicklung besicherungsfähiger Vermögenswerte (geistiges Eigentum als diesem Grund nicht entwickeln.

Kreditsicherheit)

Ernst & Young mit seiner Industrieexpertise im Bereich der Biotechnologie kann als

• Aktivierung verdeckter Unternehmenswerte

externer Berater alle drei Bereiche (Recht, Bewertung und Steuern) abdecken und somit

• Erfüllung neuer Bilanzierungsstandards (IAS)

ein integriertes Konzept für das IP-Value-Management anbieten.

• Nutzung steuerlicher Chancen (z. B. durch Gründung einer IP-Holding)

• Steueroptimale Festlegung von IP-Verrechnungspreisen

3. Umsetzung

Auch hier sollte professionell gehandelt werden. Dies gilt einmal für die notwendigen

IP-Value-Management erfolgt nach einem logisch aufgebauten Prozess, der im Vertragsgestaltungen im Konzern und mit Dritten. Neben den erforderlichen, „gerichts-

Folgenden näher beschrieben wird:

festen“ juristischen Regelungen gilt es, ein betriebswirtschaftlich vernünftiges Entgelt

festzulegen, das einerseits den bilanzrechtlichen Regelungen entspricht und anderer-

1. Bestandsaufnahme

seits den bestehenden steuerrechtlichen Spielraum im Sinne der zuvor definierten IP-

Es empfiehlt sich, zunächst zu prüfen, welches geistige Eigentum im Unternehmen Strategie des Unternehmens ausnutzt. Oft wird es vorher jedoch nötig sein, vorhan-

vorhanden ist. Oft stellt sich dabei heraus, dass bestimmte Rechte (z. B. Patente und denes und künftig entstehendes geistiges Eigentum formal zu schützen oder gegen

Lizenzen) gar nicht eindeutig und vollständig dem Unternehmen zugerechnet werden

können. Deshalb sollte in Kooperations- wie auch in Arbeitsverträgen von Anfang an

Wettbewerber zu verteidigen.

klar geregelt werden, wo das (künftige) Recht liegt und inwieweit die Vergütung auch die Nur solche Biotech-Unternehmen, die rechtzeitig und konsequent eine IP-Strategie

gewerbliche Nutzung umfasst. Auch von außen drohen unliebsame Überraschungen, entwickeln und umsetzen, können die Chancen aus einem professionellen IP-Valuewenn

festgestellt wird, dass vermeintlich im eigenen Unternehmen gemachte Erfindungen Management nutzen, um den Wert des Unternehmens nachhaltig zu erhöhen.

durch Dritte gefährdet sind, die schneller waren und ähnliche geistige Schöpfungen bei Von Dr. Fritjof Boerner, EYLaw Luther Menold Rechtsanwaltsgesellschaft mbH, Köln

den zuständigen Stellen rechtlich schützen ließen.

fritjof.boerner@de.eylaw.com

55


Um die rauen Zeiten der letzten ein bis zwei Jahre zu überstehen,

haben viele Firmen Änderungen ihrer Geschäftsstrategie

vorgenommen.

So orientierten sich sehr viele Unternehmen neu, um sich auf

Kernkompetenzen oder auf „machbare“ Projekte zu konzentrieren.

Gleichzeitig wurde die Anzahl von Projekten, vor

allem im Forschungsbereich, reduziert. Die Reduktion der

Projekte steht zunächst im Widerspruch zur im voran

gegangenen Kapitel aufgezeigten Aus-

weitung der Wirkstoff-Entwicklungspipeline.

Dies bedeutet jedoch, dass sich

die Biotech-Firmen auf das Voranbringen

von Projekten in der klinischen Entwicklung

fokussierten.

Weiterhin gab es den Angaben der

Firmen zufolge häufig eine Änderung in

der Unternehmensstrategie in Richtung

Service-Orientierung. Um zu überleben,

konzentrierten die Firmen sich auf

Produkte mit hohem Umsatzpotenzial

oder eine intensivierte Produktentwicklung,

um früher auf den Markt kommen

zu können. Da sich die Entwicklungsgeschwindigkeit

bei Wirkstoffentwick-

lern jedoch nicht beliebig verkürzen lässt, trifft diese Aussage

mehrheitlich auf Firmen aus anderen Bereichen zu. Darüber

hinaus wurde oft der eher „taktische“ Weg des „Downsizings“,

sprich Mitarbeiterabbau und damit Kostenreduktion beschritten.

Insgesamt zielen alle diese Maßnahmen auf die höchstmögliche

Reduktion der „Burn Rate“ ab.

Eine andere Form der Umorientierung bei strategischen

Ausrichtungen war es, Expansionspläne zu verschieben. Einige

Firmen hatten sich jedoch bereits auf eine Verschlechterung der

Branchensituation eingerichtet und von vorneherein bei

Gründung bzw. bereits noch zur Hype-Phase eine vorsichtige

Strategie, beispielsweise eines dualen Geschäftsmodells,

gewählt. Ferner haben sich viele Unternehmen bemüht, Umsatz

in eher kleinen Schritten zu erzielen, das heißt zum Beispiel,

Partnerschaften früher einzugehen oder Produkte eher auszulizenzieren.

Firmen, die bereits Produkte auf dem Markt

haben, orientierten sich stärker auf den Vertrieb. Schließlich

sehen auch einige Unternehmen nach wie vor die Möglichkeit,

durch Fusion oder Übernahme die bestehende Struktur zu

stärken.

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

„IDEA hat bereits frühzeitig den

Schwerpunkt auf die Entwicklung marktnaher

Produkte gesetzt. Vor dem Hintergrund

der aktuellen Branchensituation

wurde diese Fokussierung konsequent

fortgesetzt. Ein Strategiewechsel war

insofern nicht erforderlich, wohl aber

zwingen der enge finanzielle Kapitalmarkt

bzw. der eigene Finanzrahmen zu

sehr maßvollen Investitionen.“

Prof. Gregor Cevc, CEO IDEA AG,

München

Restrukturierungsmaßnahmen und das Anvisieren ausländischer

Märkte waren weitere strategische Optionen der Neuausrichtung.

Insbesondere bei einigen börsennotierten Biotech-Unternehmen

erfolgten einschneidende Aktionen wie Neuausrichtung,

Restrukturierung oder Fokussierung, um die Firmen

besser für die derzeitigen Marktherausforderungen aufzustellen.

So zwangen Anfang letzten Jahres die schwierigen Marktbedingungen

im Biochip-Bereich und

eine erfolglose Partnersuche die

GeneScan Europe AG zur Restrukturierung.

Das Unternehmen konzentriert sich

derzeit nur noch auf den Bereich

AgroFood; für die Tochter Biochip

Technologies GmbH musste Insolvenz

angemeldet werden. Später übernahm

dann der französische Konzern Eurofins

68 Prozent der Anteile von GeneScan.

Die MWG Biotech AG liegt nach einer

Mitte 2001 begonnenen und inzwischen

abgeschlossenen Neuausrichtung auf

deutlichem Erfolgskurs, wie die Firma

im Februar 2003 mitteilte. Bei der Umstrukturierung

wurden drei Geschäftsbereiche

des Unternehmens auf zwei Geschäftsfelder aufgeteilt

und ein Teil der Mitarbeiter entlassen.

Auch GPC Biotech hat sich im vergangenen Jahr verschlankt,

um mit den Einsparungen den Ausbau der Krebs-Medikamentenpipeline

voran zu treiben. Vom Stellenabbau sind vor allem

Mitarbeiter im Bereich der frühen Technologieplattform betroffen.

Trotz der Verstärkung des Fokus auf die Entdeckung und

Entwicklung neuartiger Krebsmedikamente wurde darauf

geachtet, dass die Kompetenz zur Entwicklung innovativer

Technologien weiterhin besteht und entsprechende Mitarbeiter

beschäftigt werden.

MediGene will durch die Verlegung des US-Forschungsbereiches

an den deutschen Hauptstandort München rund fünf

Millionen € pro Jahr sparen. Zudem wurde die ehemalige

Kardiologie-Sparte in Form der Larnax GmbH ausgegründet,

wodurch rund 6,5 Millionen € eingespart werden können.

56 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Herbert Liebl, VP Finance

Ingenium Pharmaceuticals AG, München

Restrukturierung als Basis für eine erfolgreiche

Finanzierungsrunde

Mitte Dezember 2003 gab Ingenium die erfolgreiche Durchführung der 3. Finanzierungsrunde

bekannt. Wie war es möglich vor dem Hintergrund eines nach wie vor konservativen

und zurückhaltenden Investitionsklimas 13,8 Mio. € einzuwerben?

Gestartet war die Ingenium mit dem ersten Entwicklungsziel, mittels eines weltweit

einzigartigen genetischen Screens Zielgene für potentielle innovative Therapien zu

identifizieren. Als nächstes Entwicklungsziel galt die weitere Validierung, um aus der

Vielzahl der klonierten Zielgene die erfolgversprechendsten zu identifizieren und

fokussiert zu bearbeiten. Die wirtschaftliche Verwertung durch den

Abschluss eines großen Kooperationsvertrages war trotz intensiver

Bemühungen und ernstem Interesse auf Seiten verschiedener

Gesprächspartner noch nicht gelungen.

Zeitgleich dazu erfolgte der dramatische Rückgang der Kapitalmärkte

für Biotech als wesentlicher Wachstumsfaktor der noch jungen

Industrie insbesondere in Deutschland. So reichten die finanziellen

Mittel Mitte 2002 noch mehr als ein Jahr für den damaligen

operativen Geschäftsbetrieb aus.

Diese Situation führte zu der Entscheidung, eine tief gehende

Restrukturierung des Unternehmens durchzuführen, mit folgenden

beiden Zielen:

• Stärkung des langfristigen Wertsteigerungspotentials durch Fokussierung auf die

erfolgversprechendsten Forschungsergebnisse und gleichzeitige deutliche Verlängerung

des Cash Horizontes durch Reduktion der Ausgaben

• Realisierung früher wirksam werdender Umsatzpotentiale mittels Entwicklung neuer

Geschäftsfelder basierend auf existierender Technologie

Einfaches „Kostensparen“ ohne Abstimmung zu einer langfristigen Wertsteigerungsstrategie

wurde als strategische Sackgasse erkannt und frühzeitig verworfen. Im

Einzelnen wurden folgende Maßnahmen konzipiert:

1. Einstellung der in der Breite vorgenommenen Untersuchung des Genoms, da mehr

potentielle therapeutische Ansätze zu diesem Zeitpunkt entdeckt wurden als ohne

Partnerschaften weiterverfolgt werden konnten und fokussierte Verwertung der

bereits umfangreich vorliegenden Ergebnisse in Richtung Drug Discovery.

2. Konzentration auf wenige Indikationsfelder mit der einhergehenden Verkleinerung

des Unternehmens (Tiefe anstatt Breite)

3. Vermarktung der aus dem genetischen Screen entwickelten Technologieplattform

INGENOtyping in einer Vielzahl von Kooperationen, um daraus ab 2003 regelmäßig

Umsatz zu generieren.

Diese Eckpunkte der Geschäftsstrategie waren im Juni 2002 formuliert, ergänzt um die

wesentlichen monetären Ziele. Ein Projektteam wurde ins Leben gerufen, um die

organisatorischen Änderungen zu erarbeiten, zugeschnitten auf die modifizierten

Anforderungen. Danach sollte der Mitarbeiterbestand von 140 auf 80 Mitarbeiter

zurückgehen und ein Standort geschlossen werden. Diese deutlich verringerte

Infrastruktur musste immer noch ausreichend dimensioniert sein, um die beabsichtigte

ausbalancierte Strategie von kurzfristigen Einsparungseffekten und langfristiger Wertgenerierung

mit fokussierten Projekten zu gewährleisten. Ein Projektplan mit

Maßnahmen und Umsetzungs-Verantwortlichkeiten sicherte die Realisierung und

inhaltliche Zielerreichung; ein so genanntes Restrukturierungs-Budget je Abteilung die

finanzielle Zielerreichung.

Anfang Juli wurde der Restrukturierungsplan der Belegschaft vorgestellt. Oberste

Maßgabe dabei war es, die ernste Gesamtsituation, die modifizierte Strategie und die

sich daraus unvermeidlich ergebenden Maßnahmen

offen zu kommunizieren. Nach einer Unternehmensversammlung

wurde in den einzelnen Abteilungen weiter

diskutiert und zuletzt in Einzelgesprächen zwischen allen

Mitarbeitern und Vorgesetzen individuell kommuniziert.

Somit war die Phase der Unsicherheit im Unternehmen

sehr kurz. Außerdem wurde für die betroffenen

Mitarbeiter ein gut ausgestatteter Abfindungsplan aufgelegt.

Eine vor kurzem durchgeführte Mitarbeiterbefragung

bescheinigte dem Unternehmen ein positives

Betriebsklima und bestätigte die Richtigkeit des oben

beschriebenen, offenen und direkten Vorgehens.

Im 4. Quartal 2002 waren die Maßnahmen umgesetzt,

der neue Business-Plan, der vor allem das Hybrid-Geschäftsmodell präzisieren sollte,

konnte geschrieben werden. Im 1. Quartal 2003 wurde dieser Plan dem Aufsichtsrat

vorgestellt. Mittlerweile war mit Roche ein erster Partner für THERAmapping gefunden, die

technische Machbarkeit der INGENOtyping-Technologie erwiesen und die Erkenntnisse

des CRA-1-Neurobiologie-Projektes als wichtiges Modell für die ALS-Erkrankung in der

Zeitschrift Science publiziert. Die grundlegende, wirtschaftliche Validierung erhielt

INGENIUM im März 2003, als mit ELAN nach längeren Verhandlungen eine Kooperation

auf dem Gebiet der Schmerzforschung mit einem Volumen von bis zu 50 Mio. €

vereinbart wurde. Zudem wird seit Ende 2002 die INGENOtyping Technologie an mehr als

20 Partner weltweit vermarktet.

Eine restrukturierte Firma, ein überzeugender Businessplan und das Einhalten aller darin

aufgezeigten Meilensteine, hatten für Ingenium den Effekt, dass der Aufsichtsrat im

2. Quartal 2003 für eine neue Finanzierungsrunde grünes Licht gab. Mit HBM war im Juni

2003 ein neuer, externer Lead-Investor gefunden, der von TVM und Polaris unterstützt

wurde. Die Tatsache, dass sich der operative Umsatz und die Kostenstruktur auch im

2. Halbjahr wie geplant entwickelte, war wesentlich, um die Finanzierung wie

beabsichtigt in 2003 abschließen zu können.

www.ingenium-ag.com

57


Trotz einer Restrukturierung und strategischen Neuausrichtung

im Jahr 2002, bei der der Geschäftsschwerpunkt vom hart

umkämpften Markt der Hautersatzprodukte zur Orthopädie

verlagert wurde, musste die Freiburger BioTissue Technologies

auf Grund einer geplatzten Kapitalerhöhung Anfang Juli letzten

Jahres die Insolvenz anmelden. Der Schock war um so größer,

da es sich um die erste Insolvenz eines börsennotierten Core-

Biotech-Unternehmens handelte. Der Firma ist laut Finanzvorstand

schlicht und einfach „die Zeit davon gelaufen“,

nachdem eine Bank im letzten Moment überraschend abgesprungen

war und damit eine Kapitalerhöhung verhindert hatte,

die die Liquidität bis zum angestrebten Erreichen der

Gewinnschwelle im Jahr 2005 sichern sollte. Mit der Deutschen

Industrie Holding fand sich jedoch später ein Investor, der

die Wiederbelebung der Firma ermöglichte: Es erfolgte eine

übertragende Sanierung sowie Neugründung unter dem Namen

BioTissue Technologies GmbH. Die AG wurde abgewickelt und

ein Delisting der Aktie von der Deutschen Börse vollzogen.

Die Insolvenz der BioTissue hat sicher die größte Aufmerksamkeit

erregt, war jedoch nicht die einzige im vergangenen

Jahr: In der deutschen Core-Biotech-Industrie gab es insgesamt

24 Insolvenzen (nicht eingerechnet: Biochip Technologies, da

sie zur GeneScan-Gruppe gehörte und nicht einzeln in der

Statistik geführt wurde). Anschließender Restart (BioTissue,

Nascacell) oder Aufkauf (Abeta, bioLeads, memorec) hat für

einige dieser Firmen immerhin eine Fortführung gebracht, so

dass Know-how und Mitarbeiter gehalten werden konnten.

Auch die Meldung von Genovac ist hier nicht gezählt, da sie bis

zum Ende des Jahres 2003 noch existierte und in Verhandlungen

mit Übernahmepartnern stand.

Von vielen Beobachtern war eine weit höhere Zahl von

Insolvenzen erwartet worden, doch die Gesamtzahl lag mit 24

letztlich sogar noch unter den 25 Insolvenzen des Jahrs 2002.

Die 24 Firmen mit insgesamt 543 Mitarbeitern waren mit 51

Millionen € Risikokapital finanziert, die somit von den

Investoren abgeschrieben werden müssen. Aber auch etwa 18

Millionen € öffentliche Mittel bzw. Gelder von Beteiligungsgesellschaften

waren investiert.

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

Im Vergleich zum Jahr 2002, in dem nur zwei Firmen mit mehr

als 40 Mitarbeitern in die Insolvenz gingen, hat sich im vergangenen

Jahr mit vier Konkursen diese Anzahl verdoppelt (siehe

Abbildung 3-7). Ein großer Teil an insolventen Firmen hatte

eine Mitarbeiterzahl zwischen 11 und 20.

Abbildung 3-7:

Mitarbeiterverteilung der Insolvenzen im Jahresvergleich

Die meisten zahlungsunfähigen Unternehmen waren bereits

älter als drei Jahre. Dies impliziert, dass als Hauptursache für

das Scheitern eine nicht erfolgte zweite Finanzierungsrunde

verantwortlich ist. In der Tat befanden sich die meisten insolventen

Firmen in diesem Stadium, wie später gezeigt wird. Der

Rückgang der Insolvenzen jüngerer Firmen könnte darauf hindeuten,

dass diese möglicherweise doch auf sicherer Grundlage

gegründet wurden.

58 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

< = 10

11 bis 20

21 bis 30

31 bis 40

> 40

0

1

2

3

3

Anzahl Firmen

4

4

7

6

9

10

2002

2003

5 10 15

Abbildung 3-8:

Firmenalter der Insolvenzen im Jahresvergleich

1 bis 2 Jahre

2 bis 3 Jahre

3 bis 5 Jahre

> 5

0

1

Anzahl Firmen

3

3

6

7

9

9

Quelle: Ernst & Young, 2004

11

2 4 6 8 10 12

2002

2003

Quelle: Ernst & Young, 2004


Dr. Fritz Grunert, CSO Genovac GmbH, Freiburg

Gibt es ein (Firmen-)Leben nach der Insolvenz?

Die Firma GENOVAC wurde Ende 1999 als Spin-off der Universität Freiburg gegründet.

Neben einer großen Aufbruchsstimmung, die in das damalige, allgemeine, wirtschaftliche

Klima passte, brachten die drei Gründer eine zündende Idee mit. Diese versprach, gezielt

poly- und monoklonale Antikörper höchster biologischer Qualität gegen fast beliebige

Genprodukte (Proteine) herstellen zu können, ohne das

Protein selber zu benötigen. Nur die Erbinformation ist

notwendig.

Nach einer Anlaufphase in Räumen der Universität

mietete sich GENOVAC eigene Räume und wuchs von 3

auf eine Mitarbeiterzahl von 20. Aufgrund der

wirtschaftlichen Lage Ende 2002 musste sich die Firma

dann aber auf 13 Mitarbeiter verkleinern, obwohl die

Umsätze von 27 Tsd. € 1999 auf über 1 Mio. € 2003

gesteigert werden konnten. Von geplanten 5,5 Mio. €

Kapital konnten 3 Mio. € eingeworben werden. Mitte

2003 wurde dann klar, dass trotz erfolgreicher Lizenzvereinbarungen

mit einer großen, japanischen Firma die

Finanzdecke zu kurz war, um den für 2004/5 geplanten Break-even zu erreichen. Am

5. August 2003 wurde die Insolvenz angemeldet.

Mit der genetischen Immunisierung zielt GENOVAC auf einen kurzfristigen (Dienstleistungs-)

und einen langfristigen (Produktentwicklungs-)Aspekt. Dienstleistungsaufträge

ermöglichen neben sofortigem Umsatz, einem breiten Kundenkreis zu zeigen, dass die

GENOVAC-Technologie das hält, was sie verspricht. Vor allem der direkte Weg vom Gen

zum Antikörper ist nicht nur schneller, sondern führt darüber hinaus zu hochqualitativen

Antikörpern, die in besonderer Weise für den Einsatz in der Identifizierung und Validierung

von krankheitsrelevanten Zielmolekülen, Diagnose und Therapie geeignet sind.

Mit zunehmender Akzeptanz wurde damit auch die Grundlage für den weitaus lukrativeren

Aspekt, die Produktentwicklung, erzeugt. Produktentwicklung bedeutet für

GENOVAC nicht das am Markt fertige Medikament, sondern Miteigentumsrechte an den

von Auftraggebern und Kooperationspartnern zum Therapeutikum oder Diagnostikum

weiterentwickelten Antikörpern. Diese Rechte führen zu Lizenzzahlungen während der

Entwicklung zum Endprodukt und im Stadium der Vermarktung zu einer Umsatzbeteiligung.

Der Markt für die GENOVAC-Technologie war da, die Dienstleistung war akzeptiert, die

Technik zeigte hohe Erfolgsraten: Was ist schiefgegangen?

Ganz banal, das Geld hat nicht gereicht. Zum einen konnten wir trotz guter Wachstumsraten

die zu ehrgeizig gesetzten Umsatzziele nicht erreichen. Ohne diese überehrgeizigen

Ziele hätten wir jedoch kaum eine Chance gehabt, eine Finanzierung zu

bewerkstelligen. Allerdings haben wir den notwendigen Vertriebs- und Marketingaufwand

stark unterschätzt. Zum anderen waren wir von Anfang an unterkapitalisiert.

Vor dem Platzen der Biotech-Börsen-Blase, als es noch leichter möglich war, größere

Summen an Eigenkapital einzuwerben, war es unser Ehrgeiz, möglichst solide und

sparsam zu sein. Als wir erkannten, dass eine neue Finanzierungsrunde notwendig sein

würde, war die Hochstimmung vorbei. So was nennt sich wohl antizyklisch. Wir haben

viele Wege beschritten, um neues Kapital zu beschaffen. Wir sind an Privatinvestoren,

Venture-Capital-Unternehmen, das Land Baden-Württemberg herangetreten – aber es

war einfach nicht genug Geld zu Konditionen zu kriegen, die vertretbar gewesen wären.

In dieser Situation waren wir gezwungen, die Insolvenz anzumelden,

die wir aber nicht als das Ende, sondern als Weg zur Sanierung

betrachteten.

In unseren Augen gab es zwei Sanierungskonzepte in der Insolvenz:

1. In einer anderen Firma mit vergleichbaren Kundenstrukturen und

synergistischen Techniken aufzugehen und daher durch gemeinsame

Ressourcen-Nutzung von Verwaltung, Vertrieb etc. zu signifikanten

Einsparungen und früherem Erreichen der Gewinnschwelle

zu kommen. Erkauft würde das allerdings mit der Aufgabe des

Standortes, dem Verlust von Arbeitsplätzen und Mitarbeitern

(besser Mitkämpfern) und deren Know-how.

2. Übertragen der GENOVAC als Einheit auf eine neue Firma unter

dem Dach einer Muttergesellschaft (übertragende Sanierung). Nicht nur durch Sparen,

sondern durch Wachstum könnte die neue „GENOVAC“ in die Gewinnzone gebracht

werden. Hierzu sollten die Nutzung der Ressourcen der Mutterfirma beitragen. Von

entscheidender Bedeutung wären auch hier die Synergien im Vertrieb, der Marktpräsenz

und des Know-hows, eine höhere Stabilität durch breitere Aufstellung am Markt und ein

dickeres Eigenkapitalpolster.

Es wurde dann aber schmerzlich bewusst, dass alle Zukunfts-Planungen der insolventen

Firma nur so weit tragen, wie ein neuer Eigentümer, wenn er denn gefunden ist, mitgeht.

Mit einem Merger vor Insolvenz hätte man zwar mehr Schulden aber vermutlich auch die

besseren Mitspracherechte. Es liegt auf der Hand, dass wir die Alternative 2 bevorzugten.

Dieses Konzept wurde auch durch den Insolvenzverwalter forciert, was wohl

durchaus nicht selbstverständlich ist.

Mittlerweile sind wir erfolgreich als gesamte GENOVAC von einer amerikanischen Firma

übernommen worden. Ausschlaggebend für die Übernahme war neben dem hohen technischen

Know-how der Standort von GENOVAC im Herzen Europas. Erstaunlich für uns

war die Erfahrung, dass sich keine deutsche oder europäische Firma entschließen

konnte, die Chance bzw. das Risiko einer Investition in angemessener Höhe zu tätigen. Es

blieben zuletzt zwei amerikanische Firmen als ernsthafte Interessenten übrig. Für beide

war ein Stützpunkt in Europa wichtig.

www.genovac.com

59


Es stellt sich die Frage, ob weitere Gemeinsamkeiten als Ursache

für die Insolvenzen vorhanden sind, etwa bei Geschäftsmodellen

oder Kommerzialisierungsstrategien.

Abbildung 3-9:

Geschäftsfelder/Geschäftsmodelle der insolventen

Firmen im Jahresvergleich

Plattformtechnologie

Therapeutika &

Tissue Engineering

Diagnostik

Bioinformatik

Service

Drug Delivery

grüne Biotech &

Feinchemikalien

0

0

1

1

Anzahl Firmen

2

2

2

2

Abbildung 3-9 ist zu entnehmen, dass in den beiden letzten

Jahren jeweils die höchste Zahl an Insolvenzen bei Firmen zu

verzeichnen war, die Plattformtechnologien, Therapeutika oder

Tissue-Engineering-Produkte entwickelten. Gerade in diesen

Segmenten hat es anscheinend Firmengründungen und Finanzierungen

gegeben, deren Konzept in späteren Runden von

anderen/weiteren Investoren nicht mehr akzeptiert wurde.

Immerhin musste hier bis zum Zeitpunkt der Insolvenz der

größte Anteil des investierten Risikokapitals, nämlich 43

Millionen € (84 Prozent) von den insgesamt 51 Millionen €

Verlust bei allen Insolvenzen abgeschrieben werden.

3

4

4

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

2002

2003

2 4 6 8 10

6

6

7

9

Quelle: Ernst & Young, 2004

Die Analyse der Insolvenzen nach ihrem letzten Finanzierungsstatus

ergibt, dass die VC-finanzierten, insolventen Firmen

bereits eine erste Finanzierungsrunde abgeschlossen hatten.

Dieses war im Jahr 2002 ähnlich. Hauptursache für das

Scheitern war somit eine nicht erfolgte, zweite Finanzierungsrunde.

Aber auch nicht VC-finanzierte Firmen wurden im Jahr 2003

insolvent und ihre Zahl ist gegenüber 2002 sogar angestiegen

(siehe Abbildung 3-10).

Die entgegen anderer Erwartungen geringer ausgefallene Zahl

an Insolvenzen bedeutet, dass viele Unternehmen über einschneidende

Maßnahmen und Einschränkungen versuchen, die

gegenwärtige Eiszeit zu überdauern. Auf der anderen Seite

heißt dies jedoch auch, dass jegliche Wachstumsbemühungen in

vielen Fällen brach liegen.

Abbildung 3-10:

Finanzierungsstatus der insolventen Firmen im

Jahresvergleich

Seed-Finanzierung

nach 1. VC-Runde

nach 2. VC-Runde

ohne VC

Anzahl Firmen

60 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

0

1

2

4

4

6

8

11

13

2002

2003

5 10 15

Quelle: Ernst & Young, 2004


Wachstumshemmnisse

So gab bei der Frage nach Wachstumshemmnissen ein Großteil

der Sample-Unternehmen den Mangel an ausreichenden

Finanzmitteln an. Insbesondere wird die mangelnde Risikobereitschaft

und die deutliche Zurückhaltung der Investoren

kritisiert. Andererseits muss berücksichtigt werden, dass auch

VC-Investoren unter Druck stehen, weil sie ihre Kundschaft –

nämlich die Geldgeber – mit einem „Return on Investment“

bedienen müssen. Insofern kann dem derzeit geschlossenen

Kapitalmarkt, der keine Exits ermöglicht, die entscheidende

Rolle als Wachstumshemmer zugesprochen werden. Dennoch

werden die Investoren vermutlich auch bei Besserung der

Kapitalmarktsituation Geschäftskonzepte kritischer prüfen als

früher. Im Biotech-Bereich erfahrene Investoren haben dies

schon früher getan, doch der Hype hatte dazu geführt, dass sehr

viele Biotech-unerfahrene Investoren auf den Zug aufgesprungen

sind, ohne nun den Dampf zu haben, durchzuhalten.

Dementsprechend muss mangelndes Verständnis branchenfremder

Investoren bzw. Gesellschafter ebenfalls als ein Wachstumshemmnis

gesehen werden.

Die Suche nach Kapital zieht ein weiteres Problem mit sich:

Das Management vieler Biotech-Firmen ist derzeit fast ausschließlich

mit der Finanzierung beschäftigt. Durch die Suche

nach Geld und Investoren wird zu viel Managementkapazität

gebunden, die letztlich für die Unternehmensführung fehlt.

Wenn denn überhaupt Finanzierungen erfolgen, so ist dieses für

manche Unternehmen oft sehr teuer. In Folge geringer Bewertungen

durch die Investoren sind die Firmen zur Aufnahme von

einem geringeren Kapitalbetrag gezwungen als eigentlich erforderlich.

Oft müssen sie daher in relativ kurzem Zeitabstand

wieder mit der Geldsuche beginnen, was erneut Managementkapazität

bindet.

Weitere Hemmnisse sind fehlende Investitionssicherheit, eine

fehlende Business-Angel-Kultur sowie die schwierige

Umstrukturierung der stillen Einlagen von TBG/MBG in

Eigenkapital. Schließlich besteht das Problem, dass limitierte

Ressourcen eine limitierte Projektauswahl zur Folge haben.

Insgesamt müssen also neue Investmentstrategien gefunden

werden, die es der deutschen Biotech-Industrie ermöglichen,

eine durchgängige Finanzierungskette von „Angel Money“ bis

zum IPO bzw. Follow-on zu etablieren.

Die allgemein schlechte wirtschaftliche Lage in Verbindung mit

der speziellen Marktkonsolidierung der Biotech-Branche wird

von den Sample-Unternehmen am zweithäufigsten als Ursache

für Wachstumshemmnisse genannt. Ist die Firma nämlich

einmal so weit gekommen, dass sie Produkte oder Dienstleistungen

am Markt anbietet, so sieht sie sich mit rückläufigen

Forschungsetats im öffentlichen und privaten Bereich konfrontiert.

Teilweise wird die Ansicht geäußert, dass ein Wachstum

meist erst nach Erreichen des „break-even“ möglich ist.

Insbesondere das organische Wachstum stößt bei den Biotech-

Unternehmen daher noch oft an seine Grenzen. Auch die

Marktpenetration stellt für viele Unternehmen noch eine große

Herausforderung dar. Teilweise erweist sich ebenso die

Marktgröße als ein Problem für Wachstum, so zum Beispiel im

Bereich Serviceleistungen. Manche Firmen haben die

Erfahrung gemacht, dass sie mit den Komplettlösungen auf

Grund deren Komplexität und Größe nicht die erhoffte Marktakzeptanz

finden.

Speziell in der Pharmaindustrie, die der bedeutendste Kunde

bzw. Partner von Biotech-Unternehmen ist, haben einige

Firmen eine verringerte Bereitschaft zur Investition in und

Kooperationen mit FuE-Unternehmen verspürt. In diesem

Zusammenhang wird auch eine geringe Bedeutung der Pharmaforschung

am Standort Deutschland im Vergleich zu den USA

herausgestellt.

Ein drittes, größeres Wachstumshemmnis wird in der aktuellen

Gesundheitsreform gesehen, insbesondere in Verbindung mit

der Kostenerstattung durch die gesetzlichen Kassen. Vor allem

Firmen, die Tissue-Engineering-Produkte anbieten, haben daher

Schwierigkeiten in der Marktentwicklung. Weitere politische

Rahmenbedingungen wie Steuerpolitik und Rechtssystem

stellen nach Ansicht der Biotech-Firmen ein nicht zu unterschätzendes

Wachstumshemmnis dar. Manche sehen daher

Vorteile für Wettbewerber aus dem Ausland. Zudem wird

wiederholt die deutsche Bürokratie beklagt, die viele Prozesse

verlangsamt, die zum Teil entscheidend für kleine und/oder

junge Unternehmen sind. Speziell in der „grünen“ Biotechnologie

erschweren oder verhindern die gesetzlichen Rahmenbedingungen

in Deutschland das Wachstum der in diesem

Segment tätigen Firmen.

Teilweise haben die Firmen auch Probleme, kompetentes

Personal für Schlüsselpositionen zu gewinnen, um das nächste

Entwicklungsstadium des Unternehmens in Angriff zu nehmen.

61


Michael Raab, Vorstand Fairvest AG, Nürnberg

Wie viel CFO braucht das Biotech-Unternehmen?

In den letzten Jahren haben viele Biotech-Investoren erhebliche Wertberichtigungen in

ihren Portfolien durchführen müssen. Dieser Abschreibungsbedarf sowie die oft nicht

erfüllten Erwartungen ihrer Geldgeber haben das Fundraising in der jüngeren Vergangenheit

deutlich erschwert. Parallel hierzu setzte ein intensives Nachdenken über die

bestmögliche Verwendung der investierten Mittel ein. Ein wesentliches Ergebnis dieses

Prozesses war eine prinzipielle Aufwertung kaufmännischer Fragestellungen.

Kaufmännische Effizienz dringend erforderlich

Dies wird nachfolgend an drei Beispielen verdeutlicht.

Rechtliche Komplexität

Die gängige Praxis, sehr schnell in eine AG zu wandeln und komplexe Stock-Option-Pläne

(SOP’s)/Wandelschuldverschreibungen zu verabschieden, ist oftmals einer vorsichtigeren

kaufmännischen Sichtweise gewichen. Typische Fragen,

die aktuell in Beiräten diskutiert werden, sind: „Wie

lassen sich zu hohe Due-Diligence-Kosten vermeiden?

Wie wahrscheinlich ist ein Börsengang wirklich? Kann ein

SOP noch einige Jahre warten?“

Internationale Rechnungslegung

Biotech ist immer internationales Business. Insofern

richten viele deutsche Biotechs ihre Finanzierungsrunden

zunehmend europäisch/US-amerikanisch aus. Hiermit

verbunden ist regelmäßig ein englischsprachiges,

monatliches Reporting nach US-GAAP/IFRS. Andererseits

ist die Finanzbuchhaltung für den deutschen

Jahresabschluss nach HGB-Standards auszurichten. Eine

zeitnahe internationale Rechnungslegung verlangt effiziente interne IT-Systeme, eine

gut funktionierende Buchhaltung, eine controllingfähige Unternehmensplanung und

nicht zuletzt einen guten Wirtschaftsprüfer mit Branchenerfahrung.

Finanzierungsrunden

Die Zeit zwischen zwei Finanzierungsrunden hat sich in den letzten Jahren erheblich

verkürzt, bei gleichzeitig gestiegenem Zeitbedarf pro Finanzierungsrunde. Die Auszahlung

erfolgt oft stufenweise, wenn wichtige Milestones erreicht werden. Neben der

rechtzeitigen Ausrichtung des Unternehmens auf die Erreichung der Milestones sichert

der kaufmännische Bereich hier den Erfolg durch ein professionelles Reporting und

straffes Projektcontrolling, insbesondere im Product Development.

Doch wer stellt die kaufmännische Effizienz sicher?

CFO – „Allrounder wanted !“

Der erste Schritt ist getan, wenn zwischen Gründern und Investoren eine positive Grundsatzentscheidung

für einen CFO getroffen wurde. Nicht ganz trivial ist dann die genaue

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

Definition der Stelle. Nach unseren Erfahrungen ist es besonders wichtig, folgende

Aspekte genau zu definieren: Abgrenzung zum CEO, Bedarf an Erfahrung in Finanzierungsverhandlungen

und Notwendigkeit der Teilnahme an Lizenzverhandlungen.

Unerlässlich für jeden guten Biotech-CFO sind weiterhin Branchenkenntnis, Erfahrung

mit Venture-Capital-Investoren, ein zumindest gutes rechtliches Erfahrungswissen und

Führungsqualitäten im täglichen Umgang mit den wissenschaftlichen Mitarbeitern.

Durchaus hilfreich ist es weiterhin, wenn bereits Berufserfahrung aus kleinen oder

mittelgroßen Unternehmen vorhanden ist.

Neben den bereits erwähnten Anforderungen muss sich der Biotech-CFO um das Rechnungswesen

und eine ganze Reihe von administrativen Aufgaben kümmern. Erwähnenswert

erscheint hier insbesondere das Management von Buchhaltung, Personalabrechnung,

Zahlungsverkehr, Controlling und Financial Reporting. Während Letzteres

regelmäßig Vorbehaltsaufgabe des CFO ist, erfolgt die laufende Durchführung des Rechnungswesens

in Abhängigkeit von der Unternehmensgröße durch eigene interne Mitarbeiter

oder Dienstleistungsunternehmen. Nach unserer Erfahrung ist es wichtig, sehr

früh ausreichend Zeit in die Definition und Einrichtung einer zur Unternehmensgröße,

den Investorenanforderungen und den Unternehmenszielen passenden

Struktur zu investieren.

Zur Skalierbarkeit des CFO-Bereichs

Da entsprechend geeignete Biotech-CFOs oft nicht zeitnah verfügbar

sind, im Vorfeld neuer Finanzierungsrunden i. d. R. keine Einstellungen

vorgenommen werden oder die Biotech-Unternehmen noch zu klein

sind, einen CFO sinnvoll auszulasten, kann ein Interim-CFO eine gute

Alternative sein. Je nach Einzelfall kann der Interim-CFO von wenigen

Monaten (oft Vollzeit) bis zu zwei Jahren (einige Tage pro Monat) tätig

sein. Hierdurch kann die Zeitspanne bis zur Beschäftigung eines fest

angestellten CFOs ideal überbrückt und ggf. ausreichend Zeit für die

Suche nach dem Top-Kandidaten gewonnen werden. Ein zusätzlicher

Vorteil aus dem Einsatz eines Interim-CFOs im Vorfeld nahender

Finanzierungsrunden ist dessen oft vorhandene Kenntnis über das aktuelle Investitionsverhalten

von Venture-Capital-Gebern sowie im Einzelfall entsprechend gute

Kontakte.

Fazit

Zusammenfassend kann festgestellt werden, dass die Bedeutung des CFO im Biotech-

Unternehmen stark zugenommen hat und eine vielseitige und anspruchsvolle Managementaufgabe

darstellt.

Kurzprofil der Fairvest AG

Die Fairvest AG unterstützt Biotech-Unternehmen durch Interim-Management sowie den

Aufbau und Betrieb des kaufmännischen Bereichs. Seit der Unternehmensgründung im

Jahr 2000 wurden deutschlandweit 25 Biotech-Kunden in über 40 Projekten betreut.

Das Unternehmen beschäftigt aktuell 15 Mitarbeiter und hat seinen Umsatz seit der

Gründung jährlich verdoppelt.

www. fairvest.de

62 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Dabei erschweren hohe Lohn- und Lohnnebenkosten zum Teil

die Neueinstellungen. Und schließlich stellt der derzeitige

Dollar-Wechselkurs für viele Unternehmen eine Herausforderung

dar. So hätte beispielsweise bei gegenüber 2002

unverändertem Wechselkurs die Evotec OAI ein Umsatzwachstum

von 21 Prozent erzielt und damit die im November

2002 abgegebene Prognose deutlich übertroffen. Mit der

Schwäche des US-Dollars gegenüber dem Euro lag das

Umsatzwachstum nur bei 10 Prozent.

Auch bei der MWG Biotech ist für das

Jahr 2003 ein Umsatzrückgang auf

Währungseffekte durch den gegenüber

Dollar und Pfund sehr hohen Euro

zurückzuführen.

Die Wachstumshemmnisse hinderten die

Branche jedoch nicht, auch hervorragende

Innovationen auf den Weg zu

bringen. Die Verleihung von verschiedenen

Preisen belegt dies eindrucksvoll.

So wurde der bayerische Gründungspreis

für den „Aufsteiger des Jahres“ an die

Regensburger Geneart vergeben. Dabei

hatten die Jury ein außerordentliches Umsatzwachstum und das

Potenzial zur Marktführerschaft überzeugt. Das Bremer

Biotech-Unternehmen alcedo biotech erhielt bei den deutschen

Gründer- und Unternehmertagen die Auszeichnung „Gründer-

Champion 2003“. Zuvor wurde die Firma bereits als einer von

drei Landessiegern in einem Start-up-Wettbewerb gekürt. Den

deutschen Gründerpreis 2003 in der Kategorie „Konzept“

erhielt die Göttinger Avontec. Partner beim Gründerpreis sind

der STERN, die Sparkassen, McKinsey & Company sowie das

ZDF. Ein weiterer Preis, der „Freiburger Innovation Award

2002“, wurde im Januar 2003 an die Freiburger Proqinase

vergeben, die die Auszeichnung neben zwei weiteren

Unternehmen erhielt. Schließlich wurde im vergangenen Jahr

erstmals der „European Biotechnica Award for Excellence in

Biotech Business“ verliehen: Der erste Preis in Höhe von

20.000 € ging an die Münchener GPC Biotech, den zweiten

Platz belegte die Intercell aus Wien. Wilex aus München konnte

den dritten Platz für sich verbuchen. Weitere Finalisten waren

die Aachener Paion und die MediGene.

Die Verleihung fand im Rahmen der Eröffnungsfeier zur

letztjährigen Biotechnica-Messe statt, die dieses Mal als ganz

besonderes Stimmungsbarometer galt:

„Insgesamt zeichnete sich das Jahr 2003

durch einen tiefen Pessimismus nicht nur

seitens der Biotech-Branche sondern

insbesondere seitens der Geldgeber und

Investoren aus. Wenn die Euphorie im

Jahre 2002 80 Punkte über die Null Linie

ausschlug, so schlägt der derzeitige

Pessimismus mindestens 140 Punkte

unter der Null-Linie aus.“

Prof. Paul Cullen, CEO, ogham GmbH,

Münster

Den Erfolg der Messe zeigte nicht nur die gute Stimmung an

den Ständen, sondern auch das Ausbleiben eines größeren

Einbruchs der Besucher- und Ausstellerzahlen, der wegen der

derzeitigen Branchenkonsolidierung im Vorfeld erwartet

worden war.

Obwohl ein Großteil der befragten Firmen die Fortdauer der

aktuellen Konsolidierungsphase befürchtet, gibt es auch

vorsichtigen Optimismus. Dabei zeigen die Unternehmen einen

„neuen Realismus“: Orientierung am

Machbaren und Wertorientierung. Es

besteht Konsens, dass gute Unternehmen

gestärkt aus dem Jahr 2004 hervorgehen

werden. Humorvoll wurde dieses in

einem Kommentar wie folgt beschrieben:

„Wer es bis hierher geschafft hat, der ist

auch in Zukunft nicht klein zu kriegen.“

Zudem lassen positive Nachrichten die

Branche auf leichte Erholung hoffen.

Manche glaubten, dass die Talsohle der

Konsolidierungsphase bereits durchschritten

ist und das Wiedereinsetzen von

Wagnisfinanzierungen und gesteigerte

Risikobereitschaft die Branche beflügeln

werden. Dennoch wird es zu einer noch stärkeren Differenzierung

zwischen überlebensfähigen Unternehmen/Geschäftsmodellen

und dem Rest kommen. In gewisser Weise liegt auch

„ein langsamer Neubeginn von (fast) ganz bei Null“ vor, wie

eine Aussage zu der Frage nach Trends lautete.

Ein wichtiger Baustein zur Stärkung der Industrie könnte die

Bildung von Netzwerken sein. Mustergültig zum „Drug

Discovery Net“ zusammengetan haben sich bereits acht Firmen

vorrangig aus dem Raum Tübingen-Reutlingen: Sourcon

Padena, EMC microcollections, CureVac, Labor Dr. Glatthaar,

Dr. Tetry genmedics, ChemCon, das Koordinierungszentrum

Klinische Studien sowie die ActinoDrug Pharmaceuticals.

Letztere wurde jedoch bereits Opfer der Konsolidierung und

ging in die Insolvenz.

Das SciTrix-Netzwerk stellt einen weiteren Verbund dar, dem

die Unternehmen BioGenes, Biosyntan, Proteome Factory,

InVivo und BioProof angehören.

Derartige Netzwerke könnten eine Basis zur Schaffung von

kritischer Masse ohne Übernahmen und Fusionen bilden.

63


Prof. Dr. Paul Cullen, CEO ogham GmbH, Münster

Beschleunigte Entwicklung neuartiger Gen-

Diagnostika durch Netzwerkbildung

In einer Schlüsselszene des Martin-Scorsese-Films „Gangs of New York“ erhält der Held

Amsterdam Vallon folgende irische Lebensweisheit von seinem Mentor Monk McGinn:

„An té nach bhfuil láidir, is gá dó bheith glic“, was so viel heißt wie: „Bist du nicht stark,

so musst du schlau sein.“

So stellt sich auch das Problem vieler kleiner Firmen in der Biotech-

Branche dar. Gegenüber der nahezu heroischen Arbeit, die die

Entwicklung eines neuen Medikaments darstellt, ist die Entwicklung

neuer Diagnostika eine vergleichbar bescheidene Aufgabe. Dennoch

stellt die gesamte Prozesskette von Basistechnologie über Definition

und Zulassung der Anwendung bis zum Markteintritt und schließlich

dem Erfolg am Markt eine Hürde dar, die kaum eine kleine David-Firma

in dieser Welt von Goliath-Multis bewältigen kann.

Daher hat die ogham GmbH die Strategie der Netzwerkbildung

gewählt, um möglichst rasch nach Gründung mit einer völlig neuen

Möglichkeit der genetischen Diagnostik am Markt zu sein.

Schon die Gründung der ogham GmbH im Juni 2000 geht auf eine

Kooperation mit der ClonDiag Chip Technologies GmbH in Jena zurück. ClonDiag verfügt

über eine proprietäre Technologie, DNA-Mikroarrays („Genchips“) von niedriger bis

mittlerer Dichte herzustellen. Daher konnten wir uns bei der ogham GmbH voll auf unsere

Kernkompetenz in der Biologie und Medizin konzentrieren. Nach einiger Zeit wurde klar,

dass ogham nur dann in der hochentwickelten Laborlandschaft erfolgreich sein würde,

wenn es ein ausgereiftes, online-fähiges, diagnostisches System anbietet. So hat ogham

sich an die Systec GmbH in Münster gewandt, einen Spezialisten auf dem Gebiet der

Mechatronik. Mechatronik umfasst die Bereiche Mechanik, Elektronik und Informatik.

Systec war für die Entwicklung und Herstellung des Chip-Readers – sowohl Hardware als

auch Software – verantwortlich. Um eine Vernetzung des Systems im Labor gewährleisten

zu können, ist ogham weiterhin eine Kooperation mit der Firma PrimoCon eingegangen,

die auf die Entwicklung von maßgeschneiderten EDV-Lösungen für medizinische

Laboratorien spezialisiert ist.

Die Gründung dieses schnellen und flexiblen Netzwerks hat es uns erlaubt, bereits im

September 2003 – also erst drei Jahre nach Gründung – das weltweit erste System für

die medizinische Diagnostik auf Genchip-Basis in den Markt zu bringen. Als kleine Bestätigung

unserer guten Zusammenarbeit wurde unser Netzwerk als einziges Beispiel aus

der Biotechnologie im bundesweiten Wettbewerb „Die Beste Kooperation“, gesponsert

vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von der Zeitschrift

„Wirtschaftswoche“, prämiert.

G ESCHÄFTSMODELLE, STRATEGIEN, WACHSTUMSHEMMNISSE UND E RFOLGE

Die erfolgreiche Einführung eines neuen Produkts in den Diagnostikamarkt ist eine

Herausforderung, die den Strapazen der technischen Entwicklung in nichts nachsteht.

Neben dem Problem der allgemein zu knappen Finanzierung tun sich die meisten

Gründer mit ihrem meist rein wissenschaftlichen Hintergrund sehr schwer, diesen Schritt

ohne externe Hilfe zu bewältigen. Das Chaos am Gesundheitsmarkt in Deutschland

macht eine Markteinführung in der heutigen Zeit ebenfalls nicht leichter.

Die derzeit verfügbaren ogham-Tests zielen in erster Linie auf Selbstzahler, die bereit

sind, neben ihrer Krankenversicherung einen privaten

Beitrag zur Krankheitsvermeidung zu leisten. Obwohl

dynamisch wachsend, steckt dieses Marktsegment in

Deutschland noch in den Kinderschuhen und bedarf

einer besonderen Aufarbeitung.

Neben der Betreuung von Schlüsselkunden durch einen

eigenen Außendienst hat ogham deshalb ein umfassendes

Marketing-Konzept erarbeitet, um es den

großen, privaten Laboratorien zu erleichtern, die ogham-

Tests an ihre einsendenden Ärzte zu vermitteln. Dieses

Konzept umfasst die Bereitstellung von umfangreichem

Informationsmaterial für Arzt und Patient, eine wissenschaftlich

fundierte Kommentierung der Ergebnisse

sowie die Organisation von Informationsveranstaltungen für interessierte Ärzte. Im

Weiteren ist eine Medienkampagne zur Bedeutung der genetischen Risikodiagnostik

geplant, um ebenfalls eine Nachfrage „von unten“ zu generieren.

Trotz dieser Maßnahmen gehen wir davon aus, dass es uns nicht gelingen wird, mittelund

langfristig eine ausreichende Marktpenetranz zu erreichen, ohne eine Kooperation

mit einem größeren, am Markt etablierten Unternehmen einzugehen. Erst eine solche

Kooperation wird auch eine international bedeutsame Marktpräsenz ermöglichen.

Neben dem Gen-Chip-Lesegerät „solas 1“ verkauft ogham derzeit vier Genchips, die es

erlauben, das genetische Risiko für verschiedene Erkrankungen zu bestimmen. So gibt

es neben den Genchips thrombo|check (genetisches Risiko für Thrombose und

Lungenembolie) und coro|check (genetisches Risiko für Herzinfarkt) auch die Produkte

osteo|check (genetisches Risiko für Osteoporose) und stroke|check (genetisches Risiko

für Schlaganfall). Weitere Genchips zur Aufklärung genetischer Unfruchtbarkeit beim

Mann (ferti|check-m) sowie zur Diagnostik verschiedener genetischer Erkrankungen

werden im Laufe des Jahres 2004 folgen, zusammen mit Mikroarrays im Bereich der

Infektionsdiagnostik und der Pharmakogenomik.

www.ogham.de

64 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


3.2 M&A, Partnerschaften und Deals

Noch zur Boomphase lag der Schwerpunkt von Akquisitionen

beim Erwerb ausländischer Biotech-Firmen durch deutsche

Unternehmen. Im Rahmen einer Expansionsstrategie ins Ausland

wurden vor allem im Jahr 2000 ausländische Unternehmen

gekauft, und zwar hauptsächlich in den USA. Insgesamt wurden

11 Akquisitionen durch deutsche Biotech-Firmen gezählt.

Tabelle 3-1:

Fusionen und Übernahmen in der deutschen Core-Biotech-Industrie im Jahr 2003

Käufer/Partner 1 Gekaufter/Partner 2 Land Bekanntgabe Anmerkung

Heute sieht die Lage dagegen komplett anders aus: Insgesamt

neun deutsche Core-Biotech-Unternehmen wurden von Firmen

aus dem Ausland übernommen. Dieses waren entweder Übernahmen

von in Insolvenzverwaltung stehenden Unternehmen,

komplette Übernahmen oder Mehrheitsbeteiligungen. Weitere

vier Übernahmen erfolgten unter rein deutscher Beteiligung.

Fusionen & Akquisitionen

Ende Dezember Beteiligung zu 100 %,

Aeterna Laboratories Inc. Zentaris GmbH

COSMIX molecular

KAN/D 2002 Übernahme quasi in 2003 erst wirksam

Gryphon Therapeutics Inc. biologicals GmbH

phase-it intelligent

USA/D Januar Beteiligung zu 100 %

EUROPROTEOME AG Solutions AG

Alpha Bioverfahrens-

D/D Februar Beteiligung zu 100 %

Siegfried Holding AG technik GmbH

GTB GenTherapeutika

CH/D Februar Beteiligung zu 75 %

Bavarian Nordic A/S

Alnylam Pharmaceuticals,

Berlin-Buch GmbH DK/D Mai Beteiligung zu 100 %

Inc. Ribopharma AG USA/D Juli Beteiligung zu 100 %

NewLab Bioquality AG BiBiTec AG

metaGen Pharmaceuticals

D/D August Fusion

Astex Technology Ltd GmbH UK/D Oktober Beteiligung zu 100 %

ViaCell, Inc Kourion Therapeutics AG USA/D November Beteiligung zu 100 %

DeveloGen AG

Ganymed

Peptor Ltd D/Israel November Bekanntgabe der Absicht zu fusionieren

Pharmaceuticals AG ImmuGenics AG D/D Dezember Beteiligung zu 100 %

Akquisitionen von in 2003 als insolvent gemeldeten Firmen (in der Statistik als Abgänge über Insolvenz gezählt)

The Genetics Company Abeta GmbH CH/D Juni Akquisition der „Key Assets“

Biofrontera

Pharmaceuticals BioLeads fungiert nun als

Holding AG bioLeads GmbH D/D Juli Biofrontera Discovery GmbH

Memorec Biotec GmbH fungiert

nun als Tochterfirma von

Miltenyi Biotec GmbH Memorec Stoffel GmbH D/D Juli Miltenyi Biotec GmbH

Akquirierte Firmen, die für 2003 noch in der Statistik eingeschlossen sind

Eurofins Scientific SA GeneScan Europe AG F/D Februar/Juni Eurofins hält 68 % der Anteile von GeneScan

Quelle: Ernst & Young, 2004

65


Dr. Stephan Wnendt, Vorstand Kourion Therapeutics AG,

Langenfeld

Akquisition durch US-BioTech-Unternehmen stärkt die

zukünftige Entwicklung

Sicherlich gibt es viele Beispiele für negativ belegte Akquisitionen im Biotech-Bereich:

Transaktionen, bei denen es ausschließlich um den Erwerb einer Technologie ging;

solche, bei denen der strategische Fit überschätzt wurde, oder jene, bei denen am Ende

die Chemie zwischen den Leitungsmitgliedern nicht passte. Doch es geht auch anders:

Wir sind im Herbst 2003 ganz bewusst und gezielt einen Zusammenschluss mit einem

US-BioTech-Unternehmen eingegangen, weil hierin die besten Chancen für eine erfolgreiche

Entwicklung unserer Technologie und für die Wahrnehmung der Interessen

unserer Aktionäre und Mitarbeiter bestehen.

Die Kourion Therapeutics AG gehört zu den wenigen deutschen BioTech-Unternehmen,

die sich auf die Entwicklung von Stammzell-Therapeutika konzentrieren. Als Grundlage

für die Therapeutikaentwicklung dient uns ein spezieller Typ nicht

hämatopoietischer Stammzellen aus dem menschlichen Nabelschnurrestblut,

die so genannten Unrestricted Somatic Stem Cells

(USSCs), die sich sehr gut in der Zellkultur vermehren lassen – aus

dem Nabelschnurrestblut eines Neugeborenen werden etwa eine

Milliarde gleichartiger Stammzellen gewonnen. Das bei der Geburt

anfallende Nabelschnurrestblut wird normalerweise verworfen; es

handelt sich somit um eine ethisch unbedenkliche Quelle. Als Einsatzgebiete

für diese Nabelschnurblut-Stammzellen wurden Herzinfarkt,

Herzinsuffizienz sowie Knochen- und Knorpeldefekte ausgewählt.

Finanziert durch ein Investment von MPM Capital und eine

Förderung des Landes NRW konnten die ersten präklinischen Erfolge

in einer Reihe von Tierversuchen erzielt werden. Doch der Weg bis

zum zugelassenen Produkt ist bekanntlich recht lang und kann von einem Unternehmen

mit etwa 20 Mitarbeitern ohne massive Mittelzufuhr in der Regel nicht alleine erreicht

werden. Aus diesem Grunde haben wir seit März 2003 intensiv auf den Zusammenschluss

mit einem führenden Unternehmen der Branche hingearbeitet: der Firma ViaCell

in Boston, Massachusetts.

ViaCell entwickelt wie Kourion Stammzelltherapeutika aus dem Nabelschnurrestblut

und bietet darüber hinaus als private Blutbank die Einlagerung von Nabelschnurrestblut

an. Damit verfügt ViaCell über eine eigene Einnahmequelle, die zur Finanzierung der

Therapeutikaentwicklung beiträgt. ViaCell gehört mit seiner Tochter ViaCord in den USA

zu den drei großen Unternehmen, die die Einlagerung von Nabelschnurrestblut für

private Kunden anbieten. Der Umsatz im Jahr 2003 lag bei über 30 Mio. US$. Die Therapeutikaentwicklung

konzentriert sich auf die Rekonstitution des Blut bildenden und des

Immunsystems bei Krebspatienten, die Behandlung der muskulären Dystrophie und des

M&A, PARTNERSCHAFTEN UND D EALS

Diabetes. ViaCell hat in der Krebstherapie Anfang 2004 die erste klinische Studie gestartet,

wobei eine eigene Technologie zur Vermehrung hämatopoietischer Stammzellen

im Nabelschnurrestblut eingesetzt wurde. Die Mitarbeiterzahl lag vor der Akquisition

von Kourion bei 225 nach dem Zusammenschluss bei 245.

Die Akquisition von Kourion war für ViaCell in verschiedener Hinsicht interessant.

Kourion arbeitet mit den USSC an einem besonderen Typ von Stammzellen aus dem

Nabelschnurblut und hat insbesondere in der Anwendung in der Kardiologie ein Erfolg

versprechendes Konzept etabliert. Zugleich bietet Kourion für ViaCell die Plattform für

die europäische Expansion im Bereich der privaten Nabelschnurbluteinlagerung und

weitergehender Serviceangebote sowie klinische Entwicklungsaktivitäten. Für Kourion

eröffnet der Zusammenschluss mit ViaCell den Zugang zum US-Markt, erhöht die

kritische Masse in der Durchführung der Entwicklungsprojekte und bildet das finanzielle

Fundament für die zeitaufwendige Entwicklung der Stammzelltherapeutika bis zum

zugelassenen Arzneimittel. Hinzu kommt die Ausweitung der Geschäftstätigkeit auf die

private Nabelschnurbluteinlagerung und damit verbundene Investitionen in Infrastruktur

und Personal, die ohne den Zusammenschluss als Standalone

nicht realisiert worden wären. Aus übergeordneter,

europäischer Sicht kann die Akquisition auch als positive

Bewertung einer hier entwickelten Technologie

gesehen werden – wobei hervorzuheben ist, dass es sich

nicht um ein Beispiel für den Ausverkauf europäischer

Technologie handelt, denn die Technologie der USSC

wird am bisherigen Standort mit voller Kraft weiterentwickelt

und für die klinische Anwendung in Europa

vorbereitet.

Aus unserer Sicht waren die vier wesentlichen Voraussetzungen

für einen erfolgreichen Zusammenschluss:

1. Strategischer Fit

2. Gute Chemie zwischen dem Management beider Firmen

3. Unterstützung durch die Aktionäre

4. Unermüdliches M&A-Management durch eine externe Agentur.

Die Integration von Kourion in ViaCell verlief sehr gut und ohne Reibungsverluste, nicht

zuletzt weil wir mit diesem Prozess schon in der späten Phase der Deal-Vorbereitung

begonnen haben – man könnte hier eher von einem Merger als von einer Akquisition

sprechen. Das Management arbeitet sehr eng zusammen und hat eine gemeinsame

Vision, Strategie und Entscheidungsfindung. Damit – so hoffen wir – sind die besten

Voraussetzungen für eine erfolgreiche, gemeinsame, globale Entwicklung des

Unternehmens geschaffen.

www.kouriontx.com

66 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Die Fusion der NewLab Bioquality mit der Bibitec im August

vergangenen Jahres war die einzige Fusion, die zu einem Abgang

eines Unternehmens in der Statistik führte.

Eine weitere Fusion – diejenige zwischen DeveloGen und der

israelisch-deutschen Peptor – wurde im vergangenen Jahr zwar

bekannt gegeben, aktuell aber noch nicht vollzogen. Am 31.

Dezember 2003 wurde auch noch die Fusion der Sireen mit der

NAD zur Sirenade bekannt gegeben, jedoch wird dieser

Zusammenschluss hier nicht mehr in den Untersuchungszeitraum

eingerechnet.

Dass die Bekanntgabe einer Fusion nicht unbedingt gleich den

Vollzug bedeuten muss, hat nach der geplatzten Fusion von

MorphoSys und British Biotech im Jahr 2002 auch die

abgesagte Fusion zwischen der Biofrontera Pharmaceuticals

Holding und der niederländischen Kiadis gezeigt. Mitte

November gaben Biofrontera und Kiadis die Beendigung ihrer

seit vergangenem Februar laufenden Fusionsverhandlungen

bekannt, da sich im Laufe des Fusionsprozesses bei beiden

Firmen Entwicklungen ergaben, die auf beiden Seiten die

Bewertungsgrundlage veränderten. So nahm Biofrontera die

Gelegenheit wahr, die unter Insolvenzverwaltung stehende

bioLeads zu übernehmen. Diese gehörte ursprünglich sogar zu

dem engeren Kreis potenzieller Fusionspartner und konnte

damit eine wichtige technologische Lücke bei Biofrontera

schließen. Die holländische Kiadis übernahm ihrerseits ein

Unternehmen mit Schwerpunkt im Bereich der organischen

Synthese und konnte so ebenfalls fehlendes Know-how ergänzen.

Unbeeinträchtigt vom Abbruch der Fusion bleibt die

zwischen beiden Firmen bestehende Forschungskooperation zur

Entwicklung neuer Wirkstoffe gegen neuropathischen Schmerz.

Die Anzahl an vollzogenen Fusionen in der deutschen Biotech-

Branche bleibt somit durch den einen Zusammenschluss auf

dem gleichen, niedrigen Niveau wie im Jahr 2002, in dem es die

eine Fusion zwischen Curacyte und VitaResc gab.

Mit Blick auf die allgemeine Erwartung einer noch fortdauernden

Konsolidierung der deutschen Branche scheint diese

konstant geringe Anzahl an Fusionen weiterhin paradox – um so

mehr, als gerade die befragten Unternehmen selbst zu einem

Großteil von einer Fortsetzung der Konsolidierung ausgehen.

Dies wirft die Vermutung auf, dass viele Unternehmen glauben,

dass andere sich zusammentun, ohne dies für das eigene Unternehmen

zu erwarten – eine durchaus erstaunliche Denkweise.

Allerdings haben die befragten Firmen auch Hindernisse von

Übernahme- und Fusionsprozessen (Merger & Acquisitions:

M&A) thematisiert.

Gründe für Hindernisse werden dabei sowohl extern als auch

intern gesehen. Auf externer Seite spielen vor allem die

beteiligten Investoren eine wichtige Rolle. Nach Ansicht

fusionswilliger Unternehmen liegt dort zum Teil unzulängliche

Kompromissbereitschaft vor, die unter anderem anscheinend

auf unterschiedliche Interessen (Exit-Erwartungen) der verschiedenen

Investoren zurückzuführen ist. So befürchten

manche Unternehmen, dass VC-Partner auf Grund von Steuergesetzgebung

und Rückversicherung eine Insolvenz oft für

günstiger erachten als einen „billigen“ Verkauf. Zudem sind laut

akquisitions- oder fusionsinteressierten Firmen Bewertungsfragen,

Liquidationspräferenzen und „Anti-Dilution-Klauseln“

der VC-Gesellschaften sowie auch stille Beteiligungen und die

potenzielle Verpflichtung zur Zurückzahlung von Fördermitteln

bei zu übernehmenden Unternehmen ein Hemmnis für M&A-

Bestrebungen. Ferner wird bemerkt, dass es wenige erfahrene

VC-Firmen in Deutschland gibt, die einen M&A-Deal

„attraktiv orchestrieren“ können. Und nicht nur Interessensdivergenzen

bei den Investoren untereinander, sondern ebenso

zwischen Kapitalgebern und Management können Probleme

ergeben. Letztlich besteht auch die Frage nach der Finanzierbarkeit

fusionierter Unternehmen, da eine gemeinsame Equity-

Story nicht immer leicht darzustellen ist.

Hinzu kommen weiterhin mögliche, unvereinbare Vorstellungen

der Management-Teams untereinander: Individualismus,

das Ego von Gründern, die persönliche Chemie, die Klärung

der „CEO-Frage“ oder die fehlende Bereitschaft, eigene Positionen

zur Weiterentwicklung des Unternehmens aufzugeben,

sind Stichworte, die von den befragten Unternehmen als

Hindernisse genannt wurden. Ein wichtiger Punkt hierbei ist

zudem die Standortfrage. Auch wird oft angezweifelt, dass ein

echter „strategischer Fit“ vorhanden ist oder dass sich Synergiepotentiale

realisieren lassen. So kann die Post-Merger-Integration

ein großes Risiko für kleine Unternehmen sein. Hier spielt

vermutlich auch mangelnde Erfahrung der Akteure eine Rolle.

Überdies lassen Finanzknappheit und fehlende Ressourcen

keine Zeit zur professionellen Vorbereitung und Durchführung

von M&A-Aktivitäten.

Das Hauptproblem ist vermutlich, dass es bisher keine echten

Erfolgs-Stories in der deutschen Szene gab, aus der sich „role

models“ ableiten ließen.

67


Dr. Alexander Asam, Partner, Deutsche Venture Capital

(DVC), München

„Große“ und „kleine“ Hindernisse bei M&A-Transaktionen

Oftmals werden Gründer, Vorstände oder Kapitalgeber als primäres Hindernis für M&A-

Aktivitäten angesehen. Die Realität ist aber vielschichtig und vor dem Hintergrund

zahlreicher Gespräche und einiger Transaktionen wird ein Sachverhalt, der sich in der

Realität als wichtig herausstellte, bislang aber wenig in der Diskussion beachtet wurde,

beleuchtet.

In der Venture-Capital- (VC-)Szene ist in den letzten Jahren die Realität schmerzlich

gereift, dass M&A-Aktivitäten vielfach und von allen möglichen Parteien propagiert

werden, aber letztlich ein mühevoller Weg sind, der nur in einer geringen Zahl der

avisierten Fälle zum Abschluss führt.

Grundsätzlich sind drei Ebenen für eine M&A-Transaktion

zu beachten. Zu Beginn prüft das Management, ob

ein sinnvoller Zusammenschluss in Bezug auf die wissenschaftliche

Ebene erreicht werden kann. Auf dieser

Ebene stellt sich sehr schnell heraus, ob sich beide

Unternehmen sinnvoll ergänzen. Erfahrungsgemäß wird

hier rasch entschieden, ob die weitere Prüfung einer

Firmenfusion fortgesetzt werden sollte. Selten treten

hier größere Komplikationen auf. Der nächste Schritt ist

die Finanzebene: die Finanzstruktur der Transaktion, die

relativen Bewertungen, die notwendigen Finanzmitteln

für die Zukunft etc. Als dritte Ebene ist abschließend die Personalebene zu nennen.

Diese befasst sich z. B. mit der Organisationsstruktur, welche Expertise braucht das

„neue“ Unternehmen und wie setzen sich Vorstand und Aufsichtsrat zusammen.

Auf der Finanzebene kommt ein Anteilseignerkreis in der Diskussion um M&A hinzu,

der bislang wenig berücksichtigt wurde. Investoren, die nur einen kleinen Anteil am

Unternehmen halten und nicht in der Lage sind, frisches Geld zu investieren, fühlen sich

oftmals in einer M&A-Transaktion übervorteilt. Maßgeblich an der Gründung des

Unternehmens beteiligt gewesen zu sein und nun mit ansehen zu müssen, wie der eigene

Anteil drastisch reduziert oder im Extremfall durch die Anwendung von Liquidationspräferenzen

gar auf Null gesetzt wird, ist schwierig. Venture Capital, insbesondere im

Biotech-Sektor, ist aber dadurch geprägt, hohe Investitionssummen über mehrere

Finanzierungsrunden bereit zu stellen und einen Investitionszeitraum von 4 bis 8 Jahren

in Betracht zu ziehen. Zu Beginn einmalig eine Investition zu tätigen und auf den raschen

Exit mit hohem Ertrag zu bauen, ist kein valides Businessmodell für Investitionen im

Biotech-Sektor. So wie es für viele VC-Unternehmen in Deutschland schwierig war, über

M&A, PARTNERSCHAFTEN UND D EALS

die letzten Jahre fast nur Wertberichtigungen vorzunehmen, so ist es für diese Investoren

schwer, erkennen zu müssen, dass sich ein finanzieller Ertrag ohne Folgeinvestition

nicht erzielen lässt. Dennoch haben Anteilseigner, auch wenn ihr Prozentanteil nur

gering ist, gestützt durch das deutsche Aktienrecht, die Möglichkeit eine Transaktion

deutlich zu verlangsamen oder gar zu verhindern. Schuldrechtlich sind diese Anteilseigner

über die Investitionsverträge verpflichtet, den vorgegebenen Mehrheiten zu

folgen, aktienrechtlich ist dies jedoch nicht der Fall. M&A-Transaktionen stehen meist

unter erheblichem Zeitdruck und Rechte einzuklagen dauert lange und ist für die

Transaktion nicht förderlich. Die Fronten können sich während der Transaktion schnell

verhärten, was weder zielführend ist, noch der Gesellschaft für die Zukunft hilft. Die

„großen“ Investoren, die in der Regel mit dem Management die Transaktion vorbereiten

und strukturieren, sehen diese Anteilseigner als potentielles Risiko für die Gesellschaft.

Grund ist das ansonsten passive Verhalten und wenig konstruktive

In-den-Vordergrund-Stellen der eigenen Position während der Transaktion,

ohne durch neue Kapitalzufuhr die Zukunft der Gesellschaft

sichern zu können. Für die betroffenen kleinen Anteilseigner sind die

„großen“ Investoren die „Bösen“, da sich diese über frisches Geld in

eine vorteilhafte Lage bringen. Verfestigen sich diese Standpunkte

und tritt die emotionale Komponente in den Vordergrund kann dies

schnell zum Scheitern der Transaktion führen.

Die „großen“ Investoren müssen daraus lernen, einen schwierigen

Balanceakt zu meistern: möglichst viele Anteilseigner früh einbinden

und Überzeugungsarbeit für die Transaktion leisten, ohne jedoch jede

Idee mit allen Gesellschaftern diskutieren zu müssen, bevor diese

eine reale Chance hat, verwirklicht zu werden. Auf der anderen Seite

müssen prozentual kleine Anteilseigener akzeptieren, dass manche Entscheidung zur

Sicherung und Stärkung des Unternehmens zu starker Verdünnung oder gar zum Verlust

des Anteils führt und nur kompensiert werden kann, wenn man in der Lage ist, neues

Kapital zuzuführen.

Auch der oben angesprochene Aspekt zeigt, dass M&A-Transaktionen vielschichtige

Prozesse beinhalten und ausgezeichnetes Projektmanagement erfordern. In einem über

die letzten Jahre schwierigen Umfeld werden nur sehr wenige Transaktionen erfolgreich

abgeschlossen, da die Risikobereitschaft niedrig ist und mögliche Hindernisse stärker in

den Vordergrund gerückt werden. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass dagegen in einem

positiven Umfeld mit hohen Bewertungen M&A-Aktivitäten viel leichter vonstatten

gehen. Im Vergleich mit den USA erleben viele VC-Investoren und Anteilseigner in

Deutschland diesen „down cycle“ zum ersten Mal. Die Lernkurve dabei ist steil, die Konsequenzen

daraus nicht einfach zu verkraften, aber für den nächsten Zyklus werden

sie sehr hilfreich sein.

www.dvcg.de

68 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Anderseits stellt sich die Frage, ob in der deutschen Biotech-

Industrie mit ihren vielen unterkritisch kleinen Unternehmen

durch Fusionen tatsächlich Firmen mit hinreichender Masse

entstehen können. Ein Zusammenschluss von zwei eher

schwachen Unternehmen muss nicht zwangsläufig eine starke

Firma ergeben. Von daher stellt sich die Frage nach strategisch

sinnvollen M&As bei nicht ausreichend kritischer Masse.

Zudem wird sich eventuell der derzeit bestehende Käufermarkt

weiter auf der internationalen Ebene auswirken und

möglicherweise vermehrt Übernahmen durch ausländische

Firmen bringen.

Angesichts der geschilderten Schwierigkeiten bei Fusionen und

Akquisition ist zu bedenken, ob nicht eher Partnerschaften und

Firmennetzwerke zu einer Konsolidierung beitragen und damit

eine Alternative zu Firmenzusammenschlüssen und -übernahmen

darstellen können. Immerhin gaben im vergangenen Jahr

wieder zahlreiche deutsche Core-Biotech-Firmen Neuabschlüsse

von kommerziellen Kooperationen bekannt.

Die Aufteilung dieser Deals in verschiedene Kategorien

verdeutlicht Abbildung 3-11.

Abbildung 3-11:

Kommerzielle Deals im Jahr 2003

Produkt-

Kooperation

43 %

Marketing-

Kooperation

13 %

Technologie-

Kooperation

44 %

Quelle: Ernst & Young, 2004

Bei den Technologie-Kooperationen handelt es sich in der Regel

um den Einsatz einer Technologie-Plattform für Forschungszwecke

beim Partner oder um Kooperationen in der früheren

Phase der Forschung und Entwicklung.

Produkt-Kooperationen zielen auf die gemeinsame Entwicklung

eines Produktes, zumeist eines Wirkstoffes für den

pharmazeutischen Bereich. Der Schwerpunkt der Kooperation

liegt somit insbesondere in späteren Phasen der Entwicklung.

Mit Marketing-Kooperationen werden Vereinbarungen zum

gemeinsamen Vertrieb marktreifer Produkte bezeichnet, so zum

Beispiel auf ausländischen Märkten, auf denen einer der Partner

bereits präsent ist.

Im Vergleich zum Jahr 2002, in dem etwa die Hälfte der

abgeschlossenen kommerziellen Deals auf Technologie-

Kooperationen entfiel, ist deren Anteil im vergangenen Jahr auf

44 Prozent gesunken. Der Anteil an Produktkooperationen ist

dagegen dementsprechend gestiegen, und zwar auf 43 Prozent.

Diese Entwicklung spiegelt in gewisser Weise den Fortschritt in

der Wirkstoff-Entwicklungspipeline wider. Weitere 13 Prozent

entfallen auf Marketing-Kooperationen. Diese Verteilung

charakterisiert im Prinzip den Stand der deutschen Biotech-

Industrie: Der Schwerpunkt liegt hier nach wie vor auf

Forschung und Entwicklung. Bei den Marketing-Kooperationen

sind zumeist solche Firmen vertreten, die bereits marktreife

Produkte anbieten, wie zum Beispiel Qiagen, MWG Biotech

oder LION bioscience.

Zum Gesamt-Rückgang der Technologie-Kooperationen ist zu

bemerken, dass hiervon nicht die Kooperationen mit

Pharmaunternehmen betroffen sind, sondern eher diejenigen

zwischen den Biotech-Firmen selbst. Dieses wird aus

Abbildung 3-12 ersichtlich. Die Abbildung zeigt die Verteilung

der bekannt gegebenen kommerziellen Deals im Jahresvergleich

nach Partner und Art.

Im Segment der Produktkooperationen haben die Kooperationen

mit Pharmaunternehmen zugunsten derjenigen mit Partnern

aus anderen industriellen Bereichen abgenommen. Bei den

Marketingkooperationen wird ganz deutlich, dass hier die

Zusammenarbeit mit anderen industriellen Partnern die größte

Rolle spielt.

69


Abbildung 3-12:

Kommerzielle Deals nach Partnerart

Technologie-Kooperationen

Produkt-Kooperationen

Marketing-Kooperationen

Abbildung 3-13 zeigt im Jahresvergleich die veröffentlichten

kommerziellen Deals der deutschen Biotech-Industrie nach

Partnerland.

Technologie-Kooperationen wurden demzufolge zumeist mit

deutschen Biotech-Partnern geschlossen, dicht gefolgt jedoch

von den europäischen Partnern.

Im Segment der Produkt-Kooperationen spielten im Jahr 2003

deutsche Partner eine größere Rolle als noch im Jahr 2002.

Abgenommen hat dagegen der Anteil von US-Partnern. Dies

kann als erfreuliche Entwicklung zur Vernetzung der deutschen

Biotech-Industrie untereinander gewertet werden. Der Rückgang

des Anteils von Partnern aus den

USA kann eventuell in Verbindung mit

Bestrebungen zu Kosteneinsparungen

gebracht werden. Denn zur intensiven

Pflege von Partnerschaften sind sicher

auch häufige persönliche Besuche in den

USA notwendig, die entsprechend Kosten

verursachen.

Bei den Marketing-Kooperationen fällt

auf, dass nach wie vor nur wenige Vereinbarungen

mit deutschen Partnern getroffen

wurden. Im Jahresvergleich liegt in

2003 der Anteil immerhin geringfügig

höher.

M&A, PARTNERSCHAFTEN UND D EALS

Partner Biotech

Partner Pharma

Partner anderer

industrieller Bereich

0 20 40 60 80 100

Anzahl in % Quelle: Ernst & Young, 2004

Hier wird wiederum der derzeitige Stand

der deutschen Industrie deutlich, die vergleichsweise

weniger marktreife Produkte

anzubieten hat als die restliche europäische

und US-Industrie. In diesem

Segment hat im Jahresvergleich insbesondere

der Anteil an Kooperationen

mit Partnern aus den USA zugenommen.

Vermutlich bemühen sich die deutschen

Biotech-Firmen aus Kostengründen vermehrt

darum, statt dem Aufbau eines

eigenen US-Vertriebsbüros eine Marketing-Partnerschaft

mit einem Unterneh-

men vor Ort zu verfolgen.

Der starke Rückgang bei dem Anteil asiatischer Vermarktungs-

Partner kann eventuell damit begründet werden, dass nach einer

anfänglichen Euphorie in Bezug auf die Erschließung des

asiatischen Marktes eine gewisse Ernüchterung auf Grund

kultureller und wirtschaftlich-politischer Herausforderungen

eingekehrt ist. Zudem ist anzunehmen, dass die Durchdringung

des asiatischen Marktes mit höheren Investments verbunden ist,

die wiederum aus Kostengründen nicht verstärkt verfolgt

werden.

70 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

2002

2003

Abbildung 3-13:

Kommerzielle Deals nach Partnerland

Technologie-Kooperationen

Produkt-Kooperationen

Marketing-Kooperationen

0 20 40 60 80 100

2002

2003

Partner Deutsch

Partner Europa

Partner USA

Partner Asien

Anzahl in % Quelle: Ernst & Young, 2004


Dr. Simon E. Moroney, CEO MorphoSys AG, München

Abschied vom Standard Deal zwischen Biotech und

Big Pharma

Wie schafft es eine Biotech-Firma, erfolgreich große Pharma-Deals abzuschließen? Für

die Beantwortung dieser Frage gibt es, wie die Erfahrungen der vergangenen Jahre

gezeigt haben, keine vorgefertigte Antwort. Das grundlegende Prinzip ist bekannt und

wird auch von Pharma-Seite nicht bestritten: Big Pharma braucht die Innovationskraft

der Biotechnologie! Angesichts auslaufender Patente für umsatzstarke Medikamente

und Lücken in den Entwicklungspipelines sind die Global Player der Pharmabranche auf

die innovativen Entwicklungen junger Firmen mehr denn je angewiesen. Ein Standard-

Modell für eine erfolgreiche Kooperation zwischen Biotech und Big Pharma kann es

hingegen nicht geben. Das vergangene Jahr hat allerdings

gezeigt, dass die Pharma-Branche insgesamt

wählerischer und konservativer entscheidet, welche

Partner attraktiv für Sie sind. Pharma-Konzerne achteten

in 2003 viel stärker als früher darauf, dass einlizenzierte

Technologien, Targets sowie Wirkstoffkandidaten eine

höhere Wahrscheinlichkeit haben, marktfähige Produkte

hervorzubringen. Die Tage, in denen Big Pharma bereit

war, in Technologien zu investieren, die in einer frühen

Phase und am Markt noch nicht voll etabliert sind,

scheinen gezählt. Besteht der Biotech-Partner jedoch

diese Prüfungen, sind auch Kooperation mit hohem

finanziellen Volumen keine Seltenheit. Ein zweiter Trend,

der sich im vergangenen Jahre herauskristallisierte, war, dass therapeutische Antikörper

– das Feld, in dem auch MorphoSys aktiv ist – in den Fokus einer sehr großen Zahl von

Kooperationen rückten.

Die Rückkehr der Early-Stage-Deals

Welchem Muster die Partnerschaft zwischen Biotech und Pharma folgen soll, steht seit

langer Zeit im Mittelpunkt einer zum Teil heftig geführten Diskussion. Im Jahr 2002

wurden so genannte Late-Stage- oder Produkt-Deals als zukunftsweisendes Modell für

die Zusammenarbeit zwischen Biotech-Firmen und Big Pharma angepriesen. Das

vergangene Jahr sah hingegen die Rückkehr der so genannten Early-Stage-Deals, bei

denen den Biotech-Unternehmen die Last der Entwicklungsrisiken größtenteils von den

Schultern genommen wird. Eine beträchtliche Anzahl der wichtigsten Partnerschaften

drehte sich dabei direkt um Antikörper oder wurde von Antikörpern beeinflusst. In den

Vereinigten Staaten etwa verhalf die Nachricht über Erfolge in der klinischen

Entwicklung des Krebsantikörpers Avastin dessen Hersteller, Genentech, und sogar der

gesamten US-Börsenlandschaft zu neuer Dynamik. Weniger Beachtung fand hingegen,

dass die klinischen Ergebnisse von Avastin auch die lang erwartete Validierung des

Zielmoleküls VEGF (Vascular Endothelial Growth Factor) darstellten. Im Fahrwasser

dieser Erkenntnis folgte ein Vertrag zwischen Aventis und der US-amerikanischen

Regeneron Pharmaceuticals Inc., der Aventis Zugang zu dem Anti-Angiogenese-Wirkstoff

VEGF-Trap sicherte. Aventis zahlt seinem biopharmazeutischen Partner für die

Kommerzialisierungsrechte 125 Mio. US$ – rund zwei Drittel davon up-front, also als

direkte Zugangszahlung zur Technologie. Das Fusionsprotein VEGF-Trap befindet sich

derzeit in der Phase I der klinischen Entwicklung.

Drei direkt von Antikörpern handelnde Kooperationsverträge veranschaulichen den

gestiegenen Appetit von Big Pharma auf größere Moleküle, insbesondere Antikörper. So

war es erneut der Aventis-Konzern, der sich Mitte Juli entschloss, seine Onkologie-

Sparte durch eine Kooperation zur Entwicklung neuartiger Krebsantikörper mit

ImmunoGen zu erweitern. Der Pharma-Partner sicherte sich die Vermarktungsrechte für

drei Produktkandidaten, die sich derzeit in der frühen Phase von ImmunoGens

Forschungs-Pipeline befinden.

AstraZeneca schloss Mitte Oktober mit der US-amerikanischen Firma

Abgenix eine Zusammenarbeit, bei der in der ersten Instanz

Antikörper gegen bis zu 36 Krebs-Targets identifiziert werden – die

Kooperation geht also von einem sehr frühen Stadium der Wirkstoff-

Forschung aus. Bemerkenswert ist ferner die Vergütungsmethode:

AstraZeneca investiert rund 100 Mio. US$ in Form von

Wandelanleihen.

Im vergangenen Dezember konnte MorphoSys einen Vertrag mit dem

weltgrößten Pharma-Konzern Pfizer abschließen. Pfizers Interesse an

Antikörpern aus der HuCAL®-GOLD-Bibliothek markierte für uns den

gelungenen Ausklang des Jahres 2003. Der US-Pharmakonzern wird

die präklinische und klinische Entwicklung durchführen und ist im Anschluss auch für die

Vermarktung der aus der Kooperation entstandenen Produkte verantwortlich. Diese

Vereinbarung hat einen potenziellen Gesamtwert für MorphoSys von mehr als

50 Mio. US-$.

Ebenso wie Aventis, AstraZeneca und Pfizer bauten auch andere Pharma-Riesen wie

Roche oder Merck KGaA ihre Aktivitäten in puncto Biotechnologie deutlich aus. Das

Interesse an Antikörpern wird dabei maßgeblich durch den wachsenden Erfolg dieser

Medikamenten-Klasse geschürt. Im vergangenen Jahr erhielten vier therapeutische

Antikörper die Marktzulassung – Raptiva, Xolair, Bexxar und Erbitux. Es ist zu erwarten,

dass sich dieser Trend in 2004 weiter fortsetzt und wir neue wichtige Kooperationen

zwischen Biotech und Pharma sehen werden.

Auch das neue Jahr wird dabei einen Mix aus Early-Stage- und Late-Stage-Deals sehen.

Außerdem nimmt die Diversität auch in Hinblick auf die Zahlungsmethode zu. Neben der

üblichen Vergütung in Form von Up-front-, Meilenstein-Zahlungen und Tantiemen werden

sich auch wieder verstärkt Mischformen aus „cash“ und Unternehmensanteilen häufen.

www.morphosys.com

71


M&A, PARTNERSCHAFTEN UND D EALS

Tabelle 3-2:

Ausgewählte, veröffentlichte „Deals“ nach Partnerland und Partnertyp im Jahr 2003

Biotech – Biotech

Biotech – Pharma

Biotech – anderer

industrieller Partner

privat

börsennotiert

privat

börsennotiert

privat

börsennotiert

Deutsch-Deutsch Deutsch-Europäisch Deutsch-US

4 SC – ProQinase

4 SC – Switch Biotech

amaxa – Qiagen

Axxima Pharmaceuticals – Evotec OAI

B.R.A.I.N – BioSpring

EUROPROTEOME – WITA

Evotec OAI – KeyNeurotek

Evotec OAI – DeveloGen

Evotec OAI – Biofrontera

Qiagen – artus

MWG BIOTECH – LYNKEUS BioTech

4 SC – Boehringer Ingelheim

Artemis Pharmaceuticals – Bayer

Biofrontera Pharmaceuticals – Schering

Cellzome – Bayer

Cenix BioScience – Bayer

Combinature Biopharm – Schering

Jerini – Bayer

TeGenero – Boehringer Ingelheim

MorphoSys – Boehringer Ingelheim

MWG BIOTECH – Bayer

Avontec – Biotronik

november – Wilden

EUROPROTEOME – Transgene

Graffinity Pharmaceuticals – Serono

Ingenium Pharmaceuticals – Elan

Ingenium Pharmaceuticals – Oxagen

Evotec OAI – British Biotech

Evotec OAI – Euroscreen

Evotec OAI – Oxagen

MWG BIOTECH – Quanta Biotech

MWG BIOTECH – Allegro Technologies

BioVision – Astra Zeneca

Cardion – Roche

Cellzome – Janssen-Cilag

Epigenomics – Roche

PheneX Pharmaceuticals – Roche

ProCorde – Aventis

morphochem – Novartis

Qiagen – Novartis

Obwohl bei den Kooperationen der Anteil an US-Partnern im

vergangenen Jahr abgenommen hat, konnten folgende deutsche

Biotech-Firmen neue Abschlüsse mit hochrangigen US-

Pharmaunternehmen bekannt geben: Epigenomics, EvotecOAI,

GPC Biotech und MorphoSys.

Zudem wurden von PheneX, BioVision, morphochem,

Procorde und Epigenomics Partnerschaften mit europäischen

Pharmakonzernen wie Roche, Novartis, Aventis und Astra

Zeneca abgeschlossen.

Auch die deutschen Pharmafirmen Bayer, Boehringer Ingelheim

und Schering spielten in 2003 eine wichtige Rolle:

MorphoSys – Lonza

november – Hueck Folien

apovia – Corixa

Cenix BioScience – Ambion

Graffinity Pharmaceuticals – Genentech

Ingenium Pharmaceuticals – Sequenom

Micromet – MedImmune

morphochem – Xenogen

Evotec OAI – Dynogen Pharmaceuticals

Qiagen – Affymetrix

Qiagen – Intradigm

Epigenomics – Wyeth

MorphoSys – Pfizer

GPC Biotech – Eli Lilly

greenovation – Dow Chemical

Xantos Biomedicine – Ardais

LION bioscience – Delta Soft

LION bioscience – Silicon Genetics

Qiagen – Thermo Hybaid

Qiagen – AgilentTechnologies

72 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Quelle: Ernst & Young, 2004

Sie kooperierten zum Beispiel mit 4 SC, Artemis, Biofrontera,

Cellzome, Cenix, Combinature, Jerini, MorphoSys, ProBioGen

oder TeGenero.

Insgesamt sehr aktiv beim Abschluss neuer Kooperationen

waren im vergangenen Jahr die deutschen Biotech-Firmen

MorphoSys, 4SC, Ingenium, november und EvotecOAI mit der

Bekanntgabe von jeweils mindestens drei und mehr neuen

Deals. Spitzenreiter bei der Anzahl an neu abgeschlossenen

Kooperationen waren jedoch die börsennotierte MWG Biotech

und Qiagen.


Jörn Aldag, CEO, Evotec OAI AG, Hamburg

Kooperationsstrategien der Evotec OAI AG

Die Konsolidierung in der Pharmaindustrie schreitet weiter voran. Durch weiteres Wachstum

beabsichtigen führende Pharmaunternehmen, Einsparungspotentiale („economies

of scale“) in der Produktentwicklung sowie in Marketing und Vertrieb zu realisieren. In

der früheren Forschung sind sie heute mehr denn je in der frühen Forschung auf Partner

angewiesen, um ihre Produktentwicklung mit neuen Arzneistoffkandidaten zu versorgen.

Ihre Nachfrage nach Substanzen mit nachgewiesener Wirksamkeit am Menschen übersteigt

das Angebot ihrer eigenen F&E-Abteilungen bei weitem. Zur Ergänzung ihrer

Produktpipeline kaufen sie daher Arzneistoffkandidaten zu, heute oft schon in der präklinischen

Phase.

Auf der anderen Seite verfügen viele Biotech-

Unternehmen über ein tiefes Verständnis der molekularen

Ursachen von Erkrankungen; ihnen fehlen jedoch

oft das Know-how in der modernen Wirkstoffforschung

sowie die kritische Masse und finanziellen Mittel, um die

Entwicklung ihrer Substanzen bis in die klinische Phase

alleine voranzutreiben. Auch sie tun sich mit starken

Partnern zusammen, um sich im Wettbewerb um Kapital

und neue Wirkstoffe zu behaupten.

Dieses Umfeld birgt große Chancen für Evotec OAI, die

einen industrialisierten Forschungsprozess und qualitativ

hochwertige Arzneistoffkandidaten anbietet. Mit

einer hoch modernen, integrierten Forschungsplattform

und der notwendigen kritischen Masse haben wir ein weltweit führendes Forschungsunternehmen

aufgebaut, das die Kluft zwischen früher Wirkstoffforschung und klinischer

Prüfung für unsere Kunden optimal überbrückt. Um den Wert und die Flexibilität unseres

Angebots voll auszuschöpfen und es bestmöglich auf die Kundenbedürfnisse

zuzuschneiden, haben wir unsere Aktivitäten in der Wirkstoffforschung auf zwei Bereiche

aufgeteilt:

Discovery and Development Services (DDS)

DDS bietet Auftragsforschung und -entwicklung für externe Kunden und für unsere

internen Programme. Für unsere Leistungen erhalten wir eine aufwands- und/oder

ergebnisbezogene Vergütung, ggf. auch Meilensteinzahlungen bei erfolgreicher

klinischer Entwicklung und Umsatzbeteiligungen. Für die Substanzen, die wir in der

Zusammenarbeit entwickeln, hält ausschließlich der Kunde die Produkt- und Patentrechte,

während wir Rechte an unserer Forschungsplattform schützen und ausbauen. Mit

unserem Servicegeschäft haben wir ein dichtes Netzwerk an Pharma- und Biotech-

Kunden aufgebaut. Es ist zudem unser wichtigster Umsatzträger.

Dank der Breite und des Integrationsgrads unseres Angebots können wir unsere Kunden

durch mehr Phasen der Wirkstoffforschung und -entwicklung begleiten als jeder unserer

Wettbewerber. So arbeiten wir in diesem Bereich mit zahlreichen Top-10-Pharmaunternehmen,

wie AstraZeneca, GlaxoSmithKline, Merck, Novartis, Pfizer und Roche,

sowie mit führenden Biotech-Unternehmen, u. a. Amgen, Biogen und Vertex, erfolgreich

zusammen.

Unsere strategische Positionierung als Integrator zwischen der „Krankheitsbiologie“ auf

der einen Seite und der späteren klinischen Entwicklung auf der anderen Seite hat zu

neuartigen Vertragsstrukturen geführt. Wir haben 2002 eine innovative Rahmenvereinbarung

mit der VC-Gesellschaft Oxford Bioscience Partners (OBP) geschlossen, die uns

nach sorgfältiger Due Diligence als bevorzugten Partner an die Unternehmen aus ihrem

Beteiligungsportfolio weiterempfiehlt. Dabei kam es OBP darauf an, dass sich ihre

Portfoliounternehmen auf ihre Kernkompetenz – das Krankheitsverständnis – konzentrieren

können und wir alle notwendigen Schritte übernehmen, um Arzneistoffkandidaten

für die klinischen Studien zu entwickeln. Dieses Konzept

erweist sich als sehr erfolgreich, da wir heute bereits für sieben OBP-

Unternehmen arbeiten. Mit einer weiteren, international führenden

VC-Gesellschaft, der MPM Capital, haben wir eine ähnliche Vereinbarung

geschlossen und sprechen zurzeit mit einigen ihrer

Beteiligungsunternehmen über eine mögliche Zusammenarbeit.

Discovery Programs Division (DPD)

In DPD entscheiden wir uns, selbst Patentrechte zu entwickeln und

Phasen der Medikamentenentwicklung auf eigenes Risiko zu durchlaufen.

Wir führen also in eigener Regie oder mit ausgewählten

Partnern Forschungsaktivitäten durch, um viel versprechende

Substanzen zu entwickeln und sie an Pharmakunden zur Stärkung

ihrer Pipelines auszulizenzieren. Bei Aufgaben, bei denen es auf eine

hochwertige Entwicklungsplattform ankommt, kooperiert DPD eng mit DDS und vergibt

Aufträge an unseren Servicebereich. Indem wir in der Forschung in Vorleistung gehen

und gezielt selbst investieren, baut DPD eigenes, geistiges Eigentum auf, um so im

Gegenzug höhere Meilensteinzahlungen und Umsatzbeteiligungen für Evotec OAI zu

generieren. Wir treten dabei nicht mit Pharmaunternehmen in Wettbewerb, sondern

gehen mit ihnen ergebnisorientierte Partnerschaften ein, bei denen sich beide Partner

Chancen und Risiken teilen.

Im Jahr 2003 haben wir in DPD große Fortschritte gemacht. Mit DeveloGen sind wir eine

wegweisende Zusammenarbeit im Bereich Stoffwechselerkrankungen eingegangen und

unsere Tochtergesellschaft Evotec Neurosciences hat einen 20-Mio.-Euro-Vertrag mit

Takeda abgeschlossen sowie fünf Arzneistoffkandidaten für die Behandlung neurodegenerativer

Erkrankungen von Roche einlizenziert.

Unser wichtigstes Ziel für 2004 ist es, unsere strategische Positionierung in der

Wirkstoffforschung weiter auszubauen – als Partner in der Auftragsforschung und als

Anbieter hochwertiger pharmazeutischer Zwischenprodukte.

www.evotecoai.com

73


Einige der in Tabelle 3-2 aufgezählten Deals sind nachfolgend

exemplarisch mit zusätzlichem Hintergrund beschrieben.

Ausgewählte Deals deutscher Core-Biotech-

Unternehmen im Jahr 2003

Quelle: transkript

4SC AG, Martinsried

Neue Wirkstoffkandidaten gegen bestimmte Targets bei

Erkrankungen des Zentralnervensystems soll 4SC mit Hilfe

ihrer 4SCan-Screening-Technologie für die spanische Esteve

S.A. identifizieren. Außerdem wird 4SC die Substanzdatenbank

auf ihre Wirksamkeit gegen drei Krankheitstargets der

Boehringer Ingelheim GmbH hin testen und aussichtsreiche

Kandidaten zur weiteren Untersuchung an den Pharmakonzern

liefern.

BioVisioN AG, Hannover

BioVisioN und der Pharmakonzern AstraZeneca suchen nach

neuen Biomarkern für entzündliche Krankheiten. BioVisioN

wird ihre Phänotypisierungstechnologie anwenden, die auf der

Erstellung hochauflösender Profile von Peptiden und

Proteinen basiert.

Cenix BioScience GmbH, Dresden

Cenix Bioscience hat eine Forschungskooperation mit der

Bayer Healthcare AG geschlossen. Alle bekannten, humanen,

„druggable“ Gene sollen unter Verwendung der RNA-Interferenz-Technologie

gescreent werden, um neue therapeutische

Zielgene für Krankeitsindikationen zu identifizieren und

validieren.

Epigenomics AG, Berlin

Epigenomics hat eine Zusammenarbeit mit der amerikanischen

Wyeth Pharmaceuticals vereinbart. Im Rahmen des

Projekts untersucht Epigenomics die Veränderungen

bestimmter DNA-Methylierungs-Biomarker in Xenotransplantationsmodellen

der Maus nach Verabreichung eines von

Wyeth entwickelten Anti-Krebs-Wirkstoffes. Des Weiteren

schloss Epigenomics eine Kooperation mit Roche

Diagnostics ab, welche die Entwicklung von Produkten zur

Früherkennung von Krebs zum Ziel hat.

M&A, PARTNERSCHAFTEN UND D EALS

Die Vorteile einer Partnerschaft mit einem etablierten Unternehmen

zeigt das Beispiel der Trion Pharma.

Ingenium Pharmaceuticals AG, München

Gemeinsam wollen Ingenium und die irische Elan neue

Schmerztherapeutika entwickeln. Hierzu bringt Ingenium

ihre „Deductive Genomics-Plattform” ein, die eine schnelle

Identifikation und Klonierung von Zielgenen ermöglicht.

PheneX Pharmaceuticals AG, Heidelberg

PheneX wird im Auftrag des Roche-Konzerns nach neuen

Wirkstoffen fahnden, die an einen nukleären Rezeptor

binden. Hierzu wird das Biotech-Unternehmen seine

SNuRM-Plattform (selektiver Nuklearer Rezeptor Modulator)

einsetzen.

Procorde GmbH, Martinsried

Im Kampf gegen Arteriosklerose wollen ProCorde und

Aventis Pharma Deutschland GmbH künftig zusammenarbeiten

und nach neuen Targets zur Entwicklung von

Wirkstoffen suchen. Aventis stellt ausgewählte Kandidatengene

zur Verfügung, die von ProCorde in einem Krankheitsmodell

validiert werden. Anschließend übernimmt Aventis die

weitere Entwicklung zur Identifizierung spezifischer niedermolekularer

Wirksubstanzen.

Protagen AG, Dortmund

Die Beschleunigung der Entwicklung von Protein-Biochips

ist das Ziel einer Zusammenarbeit zwischen Protagen und der

britisch-amerikanischen NextGen Sciences Ltd. auf dem

Gebiet der Proteinproduktion. Die UNIclone-Proteinexpressionsbibliothek

von Protagen und die expressionfactory

® von NextGen sollen zu einer Technologieplattform

für die Proteinproduktion kombiniert werden.

Xerion Pharmaceuticals AG, München

Durch eine Options- und Lizenzvereinbarung mit der

britischen CAT plc. erhält Xerion die Rechte zur Entwicklung

und Vermarktung von humanen, monoklonalen Antikörpern,

die sie aus CATs Antiköper-Bibliothek gewonnen hat und die

gegen Targets gerichtet sind, welche mit Hilfe von Xerions

Xstream -Technologie identifiziert wurden.

74 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Dr. Horst Lindhofer, CEO TRION Pharma GmbH, München

Vorteile der Partnerschaft mit einem mittelständischen

Life-Science-Unternehmen

Aufgrund bestehender, wissenschaftlicher Kontakte der Gründer zum Fresenius-Konzern

wurde sehr bald nach der Gründung der Trion Pharma GmbH ein Kooperations-, Lizenzund

Vertriebsvertrag mit einer Finanzierungskomponente geschlossen, der die Einbindung

von VC-Gesellschaften und damit auch den zeitlichen Druck eines IPO-Exits

erübrigte.

Die vertragliche Vereinbarung mit Fresenius beinhaltet u. a. das Einbringen von zwei trifunktionellen

Antikörpern zur Behandlung epithelialer Tumore, wie z. B. Darm-, Brust-,

Magen-, Eierstock und Lungenkarzinom, welche TRION für den Markt produzieren und

Fresenius klinisch entwickeln, zulassen und vertreiben wird.

Die Vorteile der Vereinbarung für TRION sind:

• Long-term-Investment

• Strategische Allianz mit einem starken Partner, der

Verständnis für langfristige Arzneimittelentwicklung

onkologischer Produkte hat

• Kein kostspieliger Aufbau von Ressourcen im Bereich

Marketing und Vertrieb etc., da durch Fresenius

Biotech GmbH abgedeckt

• Schlanke Strukturen mit Konzentration auf TRIONspezifische

Aufgaben

Da sowohl TRION als auch Fresenius die gleichen Entwicklungsziele

verfolgen und Synergien effizient genutzt

werden, war TRION in der Lage mit einer überschaubaren Anzahl von Mitarbeitern eine

eigene GMP-Produktion für die beiden trifunktionellen Antikörper removab® und

rexomun® aufzubauen. Dies sicherte zum einen das eigene, patentierte Produktions-

Know-how und lieferte zum anderen die Voraussetzung für die Durchführung

zulassungsrelevanter Studien. TRION konnte daher ihre erste Phase-I/II-Studie „Maligner

Aszites beim Ovarialkarzinom“ selbstständig planen, gemeinsam mit Fresenius durchführen

und hat diese im September 2003 erfolgreich abgeschlossen, wobei wertvolle

Erfahrungen für die weiteren Schritte gesammelt wurden.

Durch den überzeugenden Erfolg dieser Studie bei Endstadium-Patienten mit dem

Antikörper removab® (22 von 23 Patientinnen sprachen auf die Therapie an bei einer

Gesamtdosis von nur 45–480 µg), entsteht nun ein erhöhter Bedarf an qualifizierten

Mitarbeitern. Daher plant TRION im Jahr 2004 um weitere 25 % zu wachsen.

Weiterhin erbrachten die Studienresultate den Nachweis der Übertragbarkeit des neuen

Wirkprinzips der trifunktionellen Antikörper von der Präklinik in die Klinik und wecken für

die anderen angelaufenen Studien bei Brust-, Lungenkarzinom, Peritonealkarzinose und

malignen Pleuraergüssen Erwartungen auf eine ähnliche Wirksamkeit. Die Erfolg

versprechenden, klinischen Ergebnisse, welche mit einer neuartigen, weltweit

patentierten Technologie erreicht werden konnten, sowie die eigene GMP-

Produktionsanlage geben TRION eine Sonderstellung im deutschen Biotech-Sektor. Dies

sowie auch positiv zu erwartende Zukunftsaussichten veranlassten Fresenius im

Frühjahr 2002 dazu, sich an TRION mit 25 % zu beteiligen.

Die Strategie der aus dem Fresenius-Konzern neu gegründeten Fresenius Biotech GmbH,

die bisherige Kooperation mit TRION sowie das Zukunftsszenario wurden im Januar 2004

in dem Fresenius-Capital-Market-Day deutlich aufgezeigt. Dabei ergeben sich für

Fresenius folgende Vorteile aus der Kooperation:

• Schlanke eigene Forschungsstrukturen

• Know-how-Austausch/-Transfer

• Früher „Proof of Concept“ durch triomab-Antikörper bereits erfolgt

Sofern eine erfolgreiche Reproduktion der ersten Wirksamkeitsdaten aus der Phase- I/II-

Studie in der in diesem Jahr startenden Phase-II/III-Studie (maligner

Aszites) bestätigt wird, ist die erste Zulassung für Ende 2007 zu

erwarten. Dies bedeutet für TRION Lizenzeinnahmen und damit erste

Umsätze aus operativem Geschäft.

Der bereits jetzt gezeigte „Proof of Concept“ für den removab®-

Antikörper der triomab-Antikörperfamilie hat selbstverständlich

weitere positive Effekte auf die anderen Zukunftsprojekte der TRION,

sowohl im klinischen Bereich als auch für die Produktion. So besitzt

TRION zwei weitere Antikörper in der Entwicklung, die auf dem

gleichen modularen Prinzip aufbauen und gegen B-Zell-Lymphome

und Malignes Melanom gerichtet sind. Für diese Pipelineprodukte ist

TRION momentan noch frei.

TRION Pharma GmbH besitzt ein weltweit einzigartiges, biotechnologisches Verfahren

zur einfachen und kostengünstigen Herstellung von trifunktionellen, bispezifischen

Antikörpern (triomab®). Mit dieser Plattformtechnologie können bereits große Mengen

der patentierten triomab®-Antikörper gemäß GMP produziert werden.

Ziel der Therapie mit den triomab®-Antikörpern ist die vollständige und dauerhafte

Zerstörung von nach Operation und Chemotherapie im Körper verbliebenen, ausgestreuten

Tumorzellen. Diese neuartigen Antikörper haben auf Grund ihrer Trifunktionalität

gegenüber den konventionellen bzw. bispezifischen Antikörpern einen entscheidenden

Vorteil: Sie können nicht nur T-Zellen, sondern zusätzlich über ihre Fc-Region auch akzessorische

Zellen wie Makrophagen, dendritische Zellen und NK-Zellen an die Tumorzellen

heranführen. Die simultane Aktivierung beider Immunzelltypen führt über verschiedene

Zerstörungsmechanismen zu einer besonders effektiven Beseitigung auch von Tumorzellen

mit geringer Zielantigenexpression. Insbesondere durch die Aufnahme von Tumormaterial

durch akzessorische Zellen kann es ebenfalls zur Induktion einer Immunantwort

gegen den Tumor kommen, wie bereits im Tiermodell erfolgreich gezeigt wurde. Die

Krebspatienten könnten somit langfristig im Sinne einer Impfung vor einem Rückfall der

Erkrankung geschützt werden.

www.trionpharma.de

75


Wie Tabelle 3-3 zeigt, haben einige der deutschen Biotech-

Firmen in den vergangenen Jahren bereits ein beachtliches

Netzwerk an Kooperationen aufgebaut.

Nach rechts aufgetragen finden sich in obiger Matrix namhafte

deutsche und internationale Pharmakonzerne; nach unten

aufgetragen ausgewählte deutsche Core-Biotech-Unternehmen,

die mit den entsprechenden Pharma-Firmen kooperieren. Die

Kooperation ist durch ein Kreuz gekennzeichnet.

Insbesondere die börsennotierten Unternehmen Evotec OAI,

GPC Biotech, MorphoSys und Qiagen können jeweils bereits

eine ansehnliche Zahl (vier oder mehr) an verschiedenen

Pharma-Kooperationen aufweisen.

M&A, PARTNERSCHAFTEN UND D EALS

Tabelle 3-3:

Ausgewählte Kooperationsbeziehungen deutscher Biotech-Firmen mit Pharmaunternehmen

Astra

Kooperationspartner aus Pharmaindustrie

Boehringer

Altana Zenca Aventis Baxter Bayer Ingelheim Eli Lilly Merck & Co. Novartis Pfizer Roche Schering Wyeth

4SC

Alantos

x x

Pharmaceuticals

Biofrontera

x

Pharmaceuticals x

Cellzome

Cenix

x

BioScience x

Epigenomics x x

Evotec OAI

GPC

x x x x x

Biotech

Graffinity

x x x x x

Pharmaceuticals x

Jerini

LION

x x

bioscience x

MediGene x x

Micromet x

Morphochem x x x

MorphoSys x x x x x

Qiagen x x x x

Aus Sicht der Pharmakonzerne kooperieren mit deutschen

Biotech-Firmen besonders intensiv (drei oder mehr Partnerschaften)

die deutschen Pharma-Unternehmen Altana, Bayer,

Boehringer Ingelheim und Schering sowie die ausländischen

Pharma-Firmen Aventis, Eli Lilly, Novartis und Roche.

Die Vielzahl der Kooperationen zeigt, dass die großen Pharmakonzerne

durchaus ein Potenzial in den deutschen Biotech-

Firmen sehen und die neuen Technologien und Produkte, die

diese anbieten, schätzen.

Darüber hinaus besteht auch unter den Biotech-Unternehmen

an sich (innerhalb Deutschlands und international) ein

intensives Kooperationsnetzwerk, welches an dieser Stelle der

Wichtigkeit halber zwar angeführt, jedoch nicht gezeigt wird.

76 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Quelle: Ernst & Young, 2004


3.3 Erfolgsfaktor „Wertschöpfungsnetz“

Der vorliegende Biotechnologie-Report von Ernst & Young

beschäftigt sich traditionell mit dem Kern der Branche, den so

genannten Core-Biotech-Unternehmen. Dabei ist klar, dass eine

umfassendere Betrachtung auch solche Unternehmen einschließen

müsste, die entweder klassische, biotechnische

Prozesse als Teil ihrer Wertschöpfungskette nutzen oder als

Dienstleister und Zulieferer wichtige Funktionen für die

Biotech-Branche erfüllen.

Daher soll im Folgenden das erweiterte Umfeld der Core-

Biotech-Industrie und dessen Bedeutung für die Entwicklung

der Biotechnologie in Deutschland im Überblick beleuchtet

werden.

Abbildung 3-14 stellt das erweiterte Biotech-Netzwerk aus

Dienstleistern und Zulieferern schematisch dar.

Im vorliegenden Report liegt der Schwerpunkt auf der

Darstellung der Bedeutung der Pharmaindustrie in diesem

Wertschöpfungsnetz. In Folgeberichten werden entsprechend

auch die weiteren Marktteilnehmer unter die Lupe genommen

werden.

Abbildung 3-14:

Wertschöpfungsnetz Biotechnologie

Chemieindustrie

„Extended-Core”-

Biotech-Firmen

Zulieferer

Pharmaindustrie

Core-Biotech

Diagnostik-Industrie

Biotechnologie und deutsche Pharma-Industrie

Vor einigen Jahrzehnten galt Deutschland mit Pharmafirmen

wie Bayer, Schering und Hoechst als „Apotheke der Welt“.

Heute gibt die Pharmaindustrie in Deutschland ein völlig

anderes Bild ab, nachdem verschiedene Faktoren zur Verlagerung

von Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten ins Ausland

geführt haben (Beispiele: Hoechst/Boston, BASF/Boston,

Bayer/New Haven).

Ursachen waren unter anderem die Behinderung der Forschung

und Entwicklung durch die frühen Versionen des Gentechnikgesetzes,

aber auch die in den USA früh gestartete Biotech-

Industrie mit fortgeschrittenem Know-how.

Heute bremst die Gesundheitsgesetzgebung der letzten Jahre

die Bereitschaft zur Innovation weiter, so dass weitere Pharmafirmen

abwandern bzw. signifikante Teile ihrer Forschungs- und

Entwicklungsaktivitäten ins Ausland verlagern.

Universitäten

Forschungseinrichtungen

Contract-Research-

Organisations

77


Die Bedeutung der Biotechnologie aus Sicht des VFA

Der Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) vertritt die Interessen von

41 Firmen in Deutschland. Diese repräsentieren zwei Drittel des deutschen Arzneimittelmarktes

und umfassen kleine Biotech-Start-ups, etablierte Biotech-Firmen und Pharmafirmen

mittlerer Größe sowie die führenden, global tätigen Konzerne.

Gemeinsames Merkmal dieser Firmen ist ihr Fokus auf Forschung und Entwicklung und

damit auf Innovation: Die F&E-Ausgaben liegen im Durchschnitt bei 16 Prozent des

Umsatzes. Daraus erklärt sich die große Bedeutung der Biotechnologie für diese Firmen,

denn an dieser Technologie kommt keine Firma vorbei, die sich mit der Erforschung und

Entwicklung von neuen innovativen Arzneimitteln befasst.

In allen VFA-Firmen sind biotechnologische Methoden seit längerer Zeit integraler

Bestandteil beim Aufspüren von neuen Angriffspunkten

(Targets) für Arzneimittel, bei der Validierung dieser

Targets und bei der Suche nach geeigneten Wirkstoffen.

Dieser Forschungsbereich hat durch die Entzifferung des

menschlichen Erbguts einen großen Aufschwung

genommen. Aber auch bei der Weiterentwicklung eines

Wirkstoffs, d. h. bei dessen Prüfung auf Wirksamkeit und

Verträglichkeit, kommen inzwischen vermehrt biotechnologische

Methoden zum Einsatz und schließlich werden viele Wirkstoffe mit Hilfe der

Gentechnik hergestellt. Dies hat dazu geführt, dass inzwischen kein Arzneimittel mit

einem neuen Wirkstoff mehr auf den Markt kommt, bei dessen Erforschung, Entwicklung

oder Herstellung die Biotechnologie nicht eine Rolle gespielt hat.

Von den in Deutschland zugelassenen 104 gentechnisch hergestellten Arzneimitteln

mit 75 Wirkstoffen stammen über 80 % von Mitgliedsfirmen des VFA. Und bei den

Entwicklungsprojekten, die voraussichtlich bis zum Jahr 2007 marktreif sind, liegt der

Anteil biotechnologischer Produkte bei geschätzten 20 Prozent. Die VFA-Firmen haben

eine ganze Reihe von Entwicklungsprodukten von Biotech-Start-ups einlizenziert und

unterhalten eine Vielzahl von Forschungs- und/oder Vertriebskooperationen mit solchen

Firmen, sei es, um bei der Entwicklung von konkreten Produkten zusammenzuarbeiten

oder um bestimmte Plattformtechnologien zu nutzen.

Um die Anbahnung solcher Kooperationen zu erleichtern, gibt es auf der VFA-Internetseite

eine eigene Sektion, in der die Präferenzen der einzelnen Firmen mit den jeweiligen

Ansprechpartnern aufgeführt sind. In der Strategiekommission Biotechnologie arbeiten

Vertreter von Biotech-Firmen und der Biotech-Sparten von großen Pharmafirmen sowie

Biotech-Start-ups zusammen, um die Rahmenbedingungen für die Biotechnologie auf

nationaler und europäischer Ebene zu verbessern.

E RFOLGSFAKTOR „WERTSCHÖPFUNGSNETZ“

Zu den in diesem Rahmen behandelten Themen gehören:

• Beschleunigung der Zulassungsverfahren,

• Förderung von Arzneimitteln gegen seltene Krankheiten (Orphan Drugs),

• spezifische Erstattungsprobleme und

• die Nutzenbewertung von Biotech-Arzneimitteln.

Die Mitglieder der Strategiekommission Biotechnologie bringen die hierzu erarbeiteten

Positionen bei Anhörungen und Gesprächen mit Politikern und Ministerien sowie bei

Veranstaltungen und Seminaren ein. Durch die personelle Verzahnung der Strategiekommission

Biotechnologie mit den Arbeitsausschüssen des VFA ist ein kontinuierlicher

Informationsfluss und die Einbringung von biotech-spezifischen Aspekten in die

VFA-Positionen sichergestellt.

Die Zukunftsperspektiven für die pharmazeutische Industrie und

damit auch für die Biotechnologie sind sehr gut: Bisher kann erst ein

Drittel der 30.000 bekannten Krankheiten adäquat behandelt werden

und die weiter steigende Lebenserwartung der Menschen stellt neue

Herausforderungen an die Prävention und Behandlung insbesondere

von chronischen Krankheiten. Hinzu kommen neue Bedrohungen

durch neu entstandene oder neue entdeckte Infektionserreger wie

Ebola, Hanta-, West-Nil-Virus, SARS oder der Vogelgrippe.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, bietet die Biotechnologie noch ein riesiges,

bisher weitgehend unerschlossenes Potential, z. B. im Bereich der Pharmakogenetik

(Berücksichtigung von individuellen Unterschieden im Erbgut bei der Auswahl und

Dosierung eines Arzneimittels) und in der Zell- und Gentherapie.

Der VFA setzt sich deshalb dafür ein, in einer konzertierten Aktion die Rahmenbedingungen

in der Forschungs-, Wirtschafts-, Steuer- und vor allem in der Gesundheitspolitik

so zu setzen, dass dieses Potential auch in Deutschland im Interesse der Patienten, aber

auch der Industrie genutzt werden kann.

Von Dr. Siegfried Throm, Forschung, Entwicklung, Innovation, Verband Forschender

Arzneimittelhersteller e. V., Berlin

www.vfa.de

78 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Davon sind auch deutsche Standorte ausländischer Pharmafirmen

betroffen. Pfizer beispielsweise gab im letzten Jahr unter

Verweis auf die Neuerungen aus dem Gesundheitsmodernisierungsgesetz

(GMG) bekannt, dass es als Folge dieser

Gesetzgebung seine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten

von Karlsruhe nach Großbritannien verlegen wird.

Auch die Investitionsbereitschaft geht zurück. So hat die

Darmstädter Merck KGaA auf Grund der Reformen eine

Großinvestition für die Produktion von Krebsmedikamenten in

Jena auf Eis gelegt.

Ein weiterer Faktor für die Abnahme der Bedeutung des

Pharmastandorts Deutschland sind Konzentrationsprozesse, wie

zum Beispiel die „Mega-Merger“, die die heutigen Spitzenreiter

Pfizer, GlaxoSmithKline oder Astra Zeneca hervorgebracht

haben. Diese Giganten haben die deutschen Konzerne von den

einstigen Spitzenplätzen auf der Weltrangliste der Pharmaunternehmen

verdrängt.

Dennoch haben die deutschen Pharmafirmen an der Entwicklung

der modernen Biotech-Industrie in Deutschland einen

wesentlichen Anteil.

Zu Beginn der 90iger Jahre war auf Grund einer extrem emotional

geführten Diskussion um die Risiken der Gentechnologie

der Aufbau einer breiteren Biotech-Industrie hierzulande nicht

denkbar. In dieser Zeit – immerhin hatten es parallel einige US-

Firmen bereits zu beträchtlichem Erfolg gebracht – wurde die

moderne Biotechnologie in Deutschland lediglich von einer

Handvoll kleiner, beherzter Biotech-Pioniere (zum Beispiel

Rentschler, Qiagen, MWG Biotech, MorphoSys, Orpegen,

Biopharm und Symbiotec) kommerzialisiert und war ansonsten

auf akademische Forschungseinrichtungen und die großen

Pharmafirmen beschränkt. Letztere standen natürlich damals

bereits im internationalen Wettbewerb und mussten entsprechend

auf die neuen Technologien setzen. Wenngleich das

Gentechnikgesetz vor seiner entscheidenden Novellierung

Mitte der 90iger Jahre bei vielen Firmen die Ausweitung dieser

Aktivitäten verhinderte bzw. deren Verlagerung ins Ausland

bewirkte, waren und sind die Pharmaunternehmen von der

Unverzichtbarkeit der Biotechnologie überzeugt.

So haben heute alle forschenden Pharmafirmen in Deutschland

die Biotechnologie als integralen Bestandteil ihrer Forschungsund

Entwicklungsaktivitäten etabliert. Viele namhafte Unternehmen

setzen zusehends auch auf „Biologicals“ in ihrer

Entwicklungspipeline.

Firmen wie Boehringer Ingelheim, die bereits früh das Potenzial

der Biotechnologie erkannten, begannen denn auch entsprechend

früh, in Deutschland zu investieren. So baute

Boehringer Ingelheim den Standort Biberach aus, der heute als

international anerkannte Top-Adresse für die biotechnologische

Herstellung von Pharmazeutika in Zellkulturen gilt. Das

Unternehmen bietet die gesamte biopharmazeutische Prozesskette

von der genetischen Entwicklung der Zelle bis zum

marktfähigen Arzneimittel im wirtschaftlichen Maßstab an.

Darüber hinaus forscht die Firma auf den Gebieten Atemwege,

Herz/Kreislauf, Stoffwechsel, zentrales Nervensystem, Virologie,

Immunologie, Entzündungen, Onkologie, zellbiologische

und molekularbiologische Grundlagenforschung. Durch eine

Kooperation mit der Münchener GPC Biotech konnten neue

Targets für die Prävention und Behandlung des humanen

Papillomavirus (HPV-Infektionen) identifiziert und biochemisch

validiert werden. Zudem arbeitet Boehringer

gemeinsam mit Micromet an der Prozessentwicklung und

Produktion von Micromets Anti-Krebs-Antikörper.

Aber auch die Altana aus Konstanz/Bad Homburg engagiert

sich in der deutschen Biotechnologie. Der eigene Biotechnologiefond,

ALTANA Technology Projects, wurde mit 100

Millionen US$ ausgestattet und verstärkt somit systematisch

die Zusammenarbeit mit Biotech-Partnern. Eine Zusammenarbeit

mit GPC Biotech zielt auf die Identifizierung von Targets

zur Medikamentenentwicklung im Bereich Tumorforschung. Im

Bereich Onkologie wird auch mit der Berliner atugen zusammengearbeitet.

Ziel dieser Kooperation ist die Evaluierung und

Validierung von Arzneimitteltargets, die mit Krebs und Erkrankungen

des Immunsystems assoziiert sind. Ein eigenes

Genomic/Proteomic-Forschungsinstitut wird dagegen von

Altana in den USA betrieben. Dort wurden 120 Millionen US$

investiert.

79


Rolf. G. Werner, Boehringer Ingelheim GmbH

Marktwachstum von Biopharmazeutika aus Sicht der

Pharma-Industrie

Weltweite Geschäftsentwicklung

Der Markt für Biopharmazeutika wächst doppelt so stark wie der für Pharmazeutika und

erreichte in 2003 über 35 Milliarden US$ und wird für das Jahr 2010 mit 100 Milliarden

US$ prognostiziert. Dabei liegen die Hauptmarktanteile für 2003 in Nordamerika mit

22,7 Milliarden US$ und in Europa mit 8,3 Milliarden US$.

Das jährliche Marktwachstum der Biopharmazeutika von durchschnittlich 18 % wird

durch die nachhaltige Pipeline innovativer Forschungsfirmen und forschungsorientierter

Pharma-Unternehmen gestützt. Die therapeutischen Ansätze basieren auf molekularbiologischen

Grundlagen von Krankheitsphänomenen und stellen in den meisten Fällen

einen bedeutenden therapeutischen Fortschritt dar. Die vergleichsweise kurzen Entwicklungszeiten

von 5 bis 8 Jahren zusammen mit den hohen Erfolgsraten

in der Produktentwicklung, die bis zu 20 % über denen für chemischpharmazeutische

Produkte liegen, gewährleisten einen frühen Payback

und lange Patentlaufzeiten. Beides attraktive Faktoren sowohl

für die Anwendung in Therapiegebieten, wo bislang nur unzureichende

Therapiemöglichkeiten zur Verfügung stehen, als auch für KMUs und

die forschende Pharma-Industrie, die in diese Forschung investieren.

Pipeline der Biopharmazeutika

Der Hauptfokus der biopharmazeutischen Forschung liegt auf der

Onkologie. Ein Therapiegebiet, für das noch keine zufrieden stellenden

Arzneimittel zur Verfügung stehen und in dem die molekularbiologischen

Zusammenhänge der Pathophysiologie oft zu komplex

sind für einen monokausalen Therapieansatz. Die Entdeckung tumorrelevanter Rezeptoren

bietet jedoch vielfach die Möglichkeit über monoklonale Antikörper,

Immuntoxinkonjugate oder radioaktiv markierte Antikörper ein Drug Targeting und einen

Therapieerfolg zu erzielen. 2003 waren mehr als 130 Biopharmazeutika in präklinischen

Untersuchungen und mehr als 30 in klinischen Prüfungen.

Dieses Therapiegebiet wird gefolgt von der Immunologie mit den Indikationen rheumatoide

Arthritis, multiple Sklerosis, Psoriasis, Krohn’sche Erkrankung und Immunsuppression.

Mehr als 40 Biopharmazeutika sind in präklinischer Forschung und 30 in

klinischen Studien. In anderen therapeutischen Gebieten wie Herz/Kreislauf, Metabolismus,

Virologie und Atemwegserkrankungen sind ungefähr je 15 Biopharmazeutika in der

Präklinik und 5 in der Klinik.

Die pharmazeutische Industrie wird an dem starken Marktwachstum, das auf dem therapeutischen

Potential der Biopharmazeutika beruht, durch Kooperationen mit

forschungsorientierten KMUs und etablierten Forschungsfirmen partizipieren. Die

E RFOLGSFAKTOR „WERTSCHÖPFUNGSNETZ“

Forschungsfirmen werden dabei den Part der Identifizierung neuer therapeutisch relevanter

und validierter Targets und die Entwicklung spezifischer, monoklonaler, humaner

Antikörper bis hin zum Proof of Concept übernehmen. In den Therapiegebieten

Herz/Kreislauf, Atemwegserkrankungen und Metabolismus wird die Umsetzung der

Erkenntnisse aus funktioneller Genomik und Proteomik in therapierelevante Prinzipien

im Vordergrund stehen. Für diese Therapiegebiete werden insbesondere Moleküle der

zweiten Generation entwickelt, bei denen das natürliche physiologische Prinzip für die

therapeutische Anwendung optimiert wird. Die Orientierung dieser Entwicklung zielt auf

die höhere Selektivität für validierte Targets, bessere Wirksamkeit sowie längere Bioverfügbarkeit

ab und resultiert in niedrigeren therapeutischen Dosen sowie kompetitiven

Therapie-Kosten.

Kooperationen als Erfolgskonzept

Die Pharmaindustrie bietet für Forschungsfirmen, die auf diesem innovativen Thema

arbeiten, die Orientierung für eine marktgerechte Entwicklung, die in Präklinik und Klinik

für eine weltweite Registrierung der Produkte ausgelegt

ist, sowie finanzielle Unterstützung in der Entwicklungsphase

und weltweite Vermarktung, die wiederum

durch Royalties die forschenden Firmen finanziell

stärken.

Eine entscheidende Voraussetzung für die erfolgreiche

Entwicklung von Biopharmazeutika ist die Verfügbarkeit

von Entwicklungs- und Produktionskapazitäten. Ein

wichtiger Erfolgsfaktor ist dabei der Zugang zu der

gesamten Prozesskette, beginnend bei der Etablierung

von Hochexpressionssystemen, genetisch stabilen Produktionsorganismen,

hochtitrigen Fermentationsprozessen,

effizienten Reinigungsverfahren mit hohen Ausbeuten, galenische Formulierungen

mit Langzeitstabilitäten bei Raumtemperatur, die einen unkomplizierten Transport und

Lagerung ermöglichen, bis hin zu patientenfreundlichen Applikationssystemen. Frühzeitig

müssen cGMP-Produktionskapazitäten in Anlagen reserviert werden, die durch

die FDA, EMEA und die MHLW registriert sind. Hierfür kommen insbesondere Partner in

Frage, die in der Lage sind, derartige Großinvestitionen zu tätigen. Neben CMOs bietet

sich auch hier die Pharmaindustrie als idealer Partner für die forschenden Unternehmen

an, die dadurch ein Gesamtkonzept von Entwicklung, Produktion und Vermarktung

erhalten. Die Produktion muss ein integraler Bestandteil der innovativen Entwicklungsstrategie

von Biopharmazeutika sein.

Stärker als in der konventionellen Pharmaentwicklung ist der Erfolg der Biopharmazie

durch Kooperationen geprägt, bei denen sich innovative Forschungsfirmen und die

Pharma-Industrie in hervorragender Weise ergänzen.

www.boehringer-ingelheim.com

80 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Die Berliner Schering investiert in innovative Therapien und

nutzt eine Reihe von neuen Technologien wie die biotechnologische

Herstellung von Wirkstoffen über so genannte

„small molecules“ bis zum Einsatz der regenerativen Medizin.

Schering wendet diese Technologien in einer Reihe von

Entwicklungsprojekten mit Fokus auf Neurologie (Multiple

Sklerose), Tumorforschung (Leukämie) sowie Herz-Kreislauf-

Erkrankungen an. Gegenwärtig führt Schering mit über 900

Patienten die größte klinische Gentherapie-Studie auf dem

Gebiet der Herz-Kreislauf-Forschung durch. Der Ansatz ist auf

dem Gebiet der regenerativen Medizin für das Herz einmalig.

Per Virus wird der Fibroblasten-Wachstumsfaktor 4 (FGF-4) in

die Herzkranzgefäße eingeschleust, um dort das Wachstum

neuer Blutgefäße im Herzmuskel anzuregen.

Schering verfügt über ein weites Netzwerk an Forschungs- und

Entwicklungskooperationen mit führenden akademischen und

industriellen Partnern. Das Unternehmen kooperiert zum

Beispiel mit der Berliner atugen, um mit deren Antisense-

Technologie Targets zu validieren. Eine Kooperation mit der

MorphoSys dient zur Entwicklung von so genannten „singlechain-Antikörpern“

für die Antikörper-Diagnostik und

-Therapie von Krebs.

Die deutsche Merck aus Darmstadt arbeitet mit vier Technologieplattformen

an der Entwicklung gezielter, innovativer

Ansätze zur Krebsbehandlung:

• EGFR-spezifische, monoklonale Antikörper, die das Tumorwachstum

hemmen,

• Immunzytokine, die eine lokale Immunantwort des körpereigenen

Abwehrsystems auslösen,

• Angiogenese-Hemmer, die den Tumor von der für Wachstum

und Absiedelung notwendigen Blutversorgung abschneiden

sowie

• Tumorvakzine, die eine spezifische Immunantwort auslösen.

Mit der Berliner Jerini hat Merck in diesem Jahr eine

Kooperation über 50 Millionen € abgeschlossen.

Merck und seine Tochtergesellschaft Merck Biosciences vermarkten

zudem innovative Produkte und Lösungen für die biotechnologische

Forschung, so zum Beispiel Produkte für die

Aufreinigung von Proteinen und Nukleinsäuren sowie Reagenzien,

Kits und Services für die medizinische Forschung.

Als Teilkonzern der Bayer produziert und vertreibt die Bayer

HealthCare innovative Produkte und bündelt dabei die

Aktivitäten der Divisionen Animal Health, Biologische Produkte,

Consumer Care, Diagnostika sowie Pharma. In dem

Marktsegment Biologische Produkte ist Bayer einer der

weltweit führenden Anbieter. Dieser Geschäftsbereich

beschäftigt 3.000 Mitarbeiter und ist in mehr als 62 Ländern

aktiv. Pionier ist diese Abteilung in der Entwicklung von

gentechnisch hergestellten Proteinen, wie zum Beispiel der

Kogenate-Produktlinie zur Behandlung der Bluterkrankheit.

Hinzu kommt eine Palette von biologischen Produkten, die aus

Blutplasma gewonnen werden. Besonders viel versprechend ist

das aus menschlichem Blutplasma hergestellte Enzym Plasmin,

denn es ist in der Lage, Blutgerinnsel schnell und wirksam

aufzulösen. Intensive Forschung ist bei den biologischen

Produkten der Schlüssel für die Erfolge. So gibt es

Neuentwicklungen wie den Alpha-1-Proteinase-Inhibitor

(Wirkstoff von Prolastin), der aus der Milch transgener Schafen

gewonnen wird und auch in inhalierbarer Form angeboten

werden soll.

Partnerschaften in Forschung und Entwicklung bestehen unter

anderem mit den deutschen Biotech-Unternehmen MorphoSys,

LION bioscience und Epidauros.

Der deutsche Standort Penzberg der schweizerischen Roche gilt

mit 3.050 Mitarbeitern als einer der größten Biotechnologie-

Standorte Europas. Penzberg ist außerdem zu einem der

weltweit größten Zentren für die Krebsforschung avanciert. 72

Millionen € investierte der Konzern in die neuen Gebäude und

Anlagen. In den Labors arbeiten die Wissenschaftler daran, den

entscheidenden genetischen Ursachen für Krebs auf die Spur zu

kommen und gezielt Gegenmittel zu entwickeln. Roche ist

weiterhin ein bedeutender Biotechnologie-Investor. Über

Kooperationen bzw. Beteiligungen hat Roche allein in den

letzten zwei Jahren 350 Millionen US$ in Biotech-

Unternehmen der Zukunft investiert. Dabei nutzt die Firma die

hervorragende Forschung und die schnellen Entscheidungswege

der Biotech-Unternehmen.

Neben zahlreichen Kooperationen mit US-, UK- sowie japanischen

Unternehmen, hat Roche auch Partnerschaften mit

deutschen Biotech-Firmen geschlossen: Dazu gehören

Epigenomics, LION bioscience, MorphoSys, PheneX und Scil.

Von der Cardion hat das Unternehmen im letzten Jahr ein

präklinisches Produkt (Interleukin-15-Antagonist) einlizenziert.

81


Bei der Initialzündung der deutschen Biotech-Industrie im

Zusammenhang mit dem BioRegio-Wettbewerb spielten die

deutschen Pharmafirmen bereits eine wichtige Rolle. Ohne das

(auch finanzielle) Engagement von Firmen wie Boehringer

Mannheim (heute Roche Diagnostics), Merck oder BASF wäre

beispielsweise die Ausgangsbasis der Rhein-Neckar-Region

deutlich geschwächt worden.

Neben den großen Spielern und den wenigen nach wie vor im

Mittelfeld etablierten Unternehmen existieren in Deutschland

ca. 500 kleine Pharmafirmen, die allerdings oft nur geringe

oder gar keine Forschungs- und Entwicklungsaktivitäten haben

und vielfach mit veralteten Portfolien einer zusehends ungewissen

Zukunft im Umfeld der neuen Gesundheitsgesetzgebung

(Erstattung, Negativlisten, Preisregelung) entgegensehen.

All diese Entwicklungen haben deutliche Auswirkungen auf die

Erfolgsprognosen für die deutsche Biotech-Industrie.

Da sich die Core-Biotech-Firmen deutlich auf die Entwicklung

von Medikamenten fokussieren, müssen sie Partner aus dem

Pharmabereich gewinnen, da ihnen die nötige Erfahrung in

Sachen Entwicklung, Zulassung und Vermarktung fehlt; vor

allem aber fehlen die Finanzmittel, um die kostenintensiven und

langwierigen Prozesse alleine bestreiten zu können. Pharmafirmen

als Partner sind somit ein wesentlicher Faktor für den

Erfolg dieses Wertschöpfungsnetzwerkes Biotechnologie. Eine

abnehmende Zahl an führenden Pharmaunternehmen verringert

allerdings die Chancen für erfolgreiche Partnerschaften.

Ausgewählte Pharma-/Life-Sciences-Mittelstandsfirmen

mit Biotechnologie-Aktivitäten

HEXAL AG, Holzkirchen

Hexal gründete in 1998 die Hexal Gentech, um neue molekulare

Therapeutika und Diagnostika gegen Infektions- und

Krebskrankheiten zu entwickeln. Über die Hexal Biotech verfügt

das Unternehmen über ein breites Spektrum an gentechnologischen

und biopharmazeutischen Methoden.

Schwarz Pharma AG, Monheim

Schwarz Biosciences ist die Forschungs- und Entwicklungsorganisation

der Schwarz Gruppe mit dem deutschen Standort

in Monheim sowie weiteren Standorten in Irland, den USA

und Japan. Ein internationales Team arbeitet dabei an neuro-

E RFOLGSFAKTOR „WERTSCHÖPFUNGSNETZ“

Zwar muss die Allianzbildung global angegangen werden;

Tatsache ist jedoch, dass in den letzten beiden Jahren

transatlantische Allianzen deutlich zurückgegangen sind und

somit die regionale Situation an Bedeutung gewinnt. Hinzu

kommt die klare Präferenz der Pharmaindustrie für „late stage“-

Produkte mit hohem Marktpotenzial und geringerem Risikoprofil.

Hier klafft gerade in Deutschland leider eine Lücke, da

sich die überwiegende Zahl der Projekte noch in frühen Phasen

der Entwicklung befindet.

Zusammengenommen lässt sich hieraus eine eher düstere

Prognose für das Fortbestehen vieler deutscher Biotech-

Unternehmen ableiten. Dennoch gibt es eine Reihe von

Pharma-Allianzen, die wichtige Beiträge für die Überlebensstrategie

von Biotech-Firmen leisten. Zudem hat die Krisensituation

weiteres kreatives Potenzial freigesetzt.

Eine Initiative des Bundesverbands der Pharmazeutischen

Industrie (BPI) zielt auf die Zusammenführung von kleinen und

mittleren Pharma- mit Biotech-Firmen, um Synergien aus dem

Innovationspotenzial der Biotechnologie und der Entwicklungsund

Vermarktungsexpertise der Pharmaseite zu entwickeln. Vor

dem Erfolg dieser Initiative wird aber vor allem die

Finanzierung solcher Kooperationen zu klären sein. Darüber

hinaus ist auch hier das bereits beschriebene „Gap“ zwischen

frühen Projekten der deutschen Biotech-Industrie und dem

Bedarf der Pharmafirmen für reife Produkte vorhanden,

wenngleich hier kein Anspruch nach „Blockbustern“ besteht.

logischen und urologischen Projekten. In der Pipeline befinden

sich Produkte für die Parkinson Krankheit, Epilepsie,

schmerzhafte diabetische Neuropathien sowie dem Restless-

Leg-Syndrom. Die Urologie-Projekte haben ihre Schwerpunkte

in den Indikationen Blasenhyperaktivität/Inkontinenz

und gutartige Prostatavergrößerung.

Fresenius AG, Bad Homburg

Fresenius Biotech ist ein Tochter-Unternehmen des Gesundheitskonzerns

Fresenius. Die Fresenius Biotech GmbH ist auf

die Entwicklung und Vermarktung von Biopharmazeutika im

Bereich der Onkologie, Immunologie und der regenerativen

Medizin ausgerichtet. In einer Kollaboration mit Xcyte

Therapies arbeitet Fresenius Biotech an einem T-Zell

basierten Gentherapie-Programm zur Behandlung von HIV.

82 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Kooperationsstrategien für Biotech-Unternehmen und

den pharmazeutischen Mittelstand in Deutschland

Die meisten jungen Biotech-Unternehmen in Deutschland sind im Bereich Biomedizin

tätig und wollen Arzneimittel entwickeln. Dieses ist ein Gewinn für den Pharmastandort

Deutschland, der – einst „Apotheke der Welt“ – heute durch etwa 500 Unternehmen

überwiegend mittlerer Größe geprägt ist. Viele dieser standorttreuen Unternehmen

betreiben eigene F&E und haben langjährige Erfahrung in der Entwicklung sowie bei der

Herstellung und Vermarktung von Arzneimitteln. Die internationale Wettbewerbssituation

und insbesondere die veränderte Gesundheitsgesetzgebung in Deutschland führen

dazu, dass viele dieser Unternehmen jetzt die Weichen für die Zukunft neu stellen

müssen. Sie kommen nicht umhin, sich zukünftig neben der Beschäftigung mit dem

Bewährten verstärkt der Entwicklung des Neuen zu widmen.

Entwicklungsansätze für innovative Arzneimittel kommen dabei zunehmend von jungen

Biotech-Uunternehmen. Somit passen Biotech-Unternehmen als Ideenlieferanten und

Pharmaunternehmen als Know-how-Träger ideal zusammen.

Der Bundesverband der Pharmazeutischen Industrie e. V.

hat vor mehr als zwei Jahren zusammen mit Partnern

eine Initiative begonnen mit dem Ziel, Biotechs mit

geeigneten Projekten und pharmazeutische Unternehmen

mit Erfahrung und Kooperationswillen zusammenzubringen

und so die internationale Wettbewerbsfähigkeit

der Unternehmen am Standort Deutschland zu

erhöhen.

Eine der Erkenntnisse dieses Projektes war, dass trotz

der von allen anerkannten Synergien zwischen Pharma

und Biotech der Prozess der gemeinsamen Entwicklung

von Innovationen von alleine nicht läuft. Es klafft

zwischen Biotechs, die sich meist im präklinischen

Forschungsbereich bewegen und der Pharmaindustrie, die an Produkten in den späteren

Phasen der klinischen Prüfung oder gar fertigen Produkten interessiert ist, eine strategische

Lücke. Für die am Standort Deutschland tätigen pharmazeutischen Unternehmen

konnte gezeigt werden, dass gerade in dieser strategischen Lücke eine große Chance

liegt: Durch das vorhandene Prozess-Knowdhow für klinische Prüfung und Zulassung

und durch kurze Entscheidungswege können diese Unternehmen dafür sorgen, dass

eine zügige Entwicklung der innovativen Ansätze von Biotechs erreicht wird. Für die

Vermarktung stehen dann die bestehenden Vertriebswege und Vertriebspartnerschaften

der Pharmaunternehmen zur Verfügung.

Die Finanziers sehen in solchen Kooperationen durchaus für sich eine Risikominderung

und sind bereit, bei geeigneten Projekten mit einzusteigen. Die an der Initiative

teilnehmenden Biotechs erkannten, dass für eine Vielzahl ihrer „Anentwicklungen“

gerade die standorttreue Industrie ein geeigneter Partner für sie sein kann und

signalisierten Interesse an Kooperationen.

Dennoch: Einige Hürden müssen noch beseitigt werden:

So fehlt es an effizienten Mechanismen zur Identifikation geeigneter Projekte und

Partner, man kennt sich unter Pharmamittelstand und Biotech kaum. Häufig mangelt es

auch an der Finanzierungsbereitschaft für Projekte. Als gravierend offenbarten sich

Kommunikationsprobleme, die auf Grund der unterschiedlichen Kulturen der beiden

Unternehmenscluster bestehen und dazu führen, dass nicht selten nach ersten

Kontakten die Bildung von Kooperationen verhindert bzw. erschwert wird. Auch besteht

vielfach Investitionszurückhaltung bei den Unternehmen auf Grund unsicherer und

wenig innovationsfördernder Rahmenbedingungen.

Zur Überwindung der Hürden wurde im Rahmen der Initiative ein Konzept entwickelt.

Dieses beinhaltet eine spezifische Beratungsstelle beim BPI, die individuell bei der

Suche nach geeigneten Kooperationspartnern berät und Strukturen liefert, durch die

Kompetenzen in Wissenschaft, Biotech und Pharma identifiziert und zusammengefügt

werden können. Angeschlossen daran ist ein Netzwerk von Experten, das bedarfsgerechte

Unterstützungsleistungen, Finanzdienstleistungen und

Mediation bietet.

Viele Aktivitäten im Rahmen dieses Konzeptes sind inzwischen

angelaufen und werden fortgeführt. Über die individuelle Beratung

und Vermittlung hinaus werden spezifische Partneringveranstaltungen

für Biotech- und pharmazeutische Unternehmen sowie

Informationsveranstaltungen, mit denen Impulse gesetzt werden,

angeboten. Hierdurch ist es bereits zu vielen Kontakten gekommen

und das Bewusstsein über diese Partneringmöglichkeit in Deutschland

ist gewachsen. Dazu beigetragen hat, dass die Unternehmen bei

konkreten Kooperationsgesprächen Hilfestellungen aus dem angeschlossenen

Netzwerk nutzen konnten.

Wichtig ist jetzt, die Stärken des Standortes zur Produktivitätssteigerung

voll zu nutzen. Diese sind heute im Pharmabereich zum einen die Forschung

und einige hundert kreative Biotechs, zum anderen die zahlreichen, etablierten, pharmazeutischen

Unternehmen. Ein Zusammenbringen dieser beiden Bereiche lässt

Synergien frei werden, die Deutschland als Pharmastandort auch international wieder

aufholen lassen.

Durch Umsetzung der aus der Initiative resultierenden Strategie „Innovation durch

Kooperation“ gelingt es, Wertschöpfung im Land zu generieren und international zu

vermarkten. Das Potential ist in Deutschland vorhanden, Impulse sind gesetzt, kompetente

Unterstützung wird angeboten. Von Seiten der Politik muss jetzt alles dafür

getan werden, die Rahmenbedingungen und Incentives so zu gestalten, dass die

Unternehmen diesen Weg erfolgreich gehen können. Dabei wird Time-to-Market

entscheidend für unsere Zukunft sein!

Von Dr. Gudrun Tiedemann, Geschäftsführerin Biotechnologie/FuE, Bundesverband der

Pharmazeutischen Industrie e. V., Berlin

www.bpi.de

83


Alternativen zum klassischen Partnering mit Pharmafirmen

werden derzeit von Contract Research Organisationen (CRO)

entwickelt. Sie haben neues Geschäftspotenzial bei Biotech-

Firmen entdeckt und versuchen, über kreative Partnering-Deals

einerseits den Finanzierungsengpass zu beseitigen und andererseits

die Weiterentwicklung und Wertsteigerung der Pipelines

voranzutreiben (siehe auch Beitrag aai Pharma in Kapitel 4.2).

Die gegenwärtige Diskussion zum Thema Interaktion zwischen

Pharma und Biotech wird allzu oft reduziert auf Partnerschaften

zur gemeinsamen Entwicklung von Medikamenten. Die damit

einhergehenden Probleme wurden bereits hinlänglich diskutiert.

Neuerdings reift aber vor allem bei sehr kleinen Biotech-

Unternehmen die Erkenntnis, dass zur Sicherung des Überlebens

auch Dienstleistungen entsprechende Beiträge leisten

können. In diesem Zusammenhang wird die Pharma-Wertschöpfungskette

wieder aus einem anderen Blickwinkel

betrachtet und mögliche Kooperationen mit Pharma auf

breiterer Ebene ins Auge gefasst.

E RFOLGSFAKTOR „WERTSCHÖPFUNGSNETZ“

Abbildung 3-15:

Kooperationsmöglichkeiten in der Pharma-Wertschöpfungskette

Forschung

Präkl.

Forschung

Outsourcing-Bereiche Pharma

Entsprechend bietet auch der in der Pharmaindustrie

zunehmende Trend zum „Outsourcing“ deutlich mehr Möglichkeiten

der Zusammenarbeit beispielsweise auf den Gebieten der

Targetforschung, der Identifizierung und Optimierung von Leitstrukturen,

der präklinischen Forschung (Tiermodelle, Toxizitätsanalysen),

der Diagnostik bis hin zur Produktion von

Biologicals. Selbstverständlich ist diese Art der Zusammenarbeit

nicht neu; es ist dennoch wichtig, dass sie wieder stärker

ins Bewusstsein gerückt und besonders von den kleinen

Biotech-Unternehmen intensiver betrieben wird.

Wenngleich diese servicebasierten Geschäftsmodelle nicht mit

den erhofften Traummargen einer Medikamentenentwicklung

mithalten können, so sind sie sehr wohl in der Lage, essentielle

Beiträge zum Überleben zu leisten und damit als Basis für ein

Anschluss-Wachstum in wirtschaftlich besseren Zeiten zu

dienen.

Formulierung Klinik I Klinik II Klinik III Produktion Marketing Vertrieb Distribution

Kooperationsfelder Biotech

Technologie/Service Produkte

84 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


4. Finanzierung und Kapitalmarkt

4.1 Biotech-Investoren im Blickfeld

Im Rahmen der vorliegenden Studie wurde eine Umfrage unter

Investoren durchgeführt, die Beteiligungen an Biotech-Unternehmen

halten.

Fragen zur Firmen- bzw. Investitionsstruktur umfassten dabei

die Faktoren Kapitalquelle, Fundraising, bevorzugter Exit, Art

und Ziel der Investition sowie Investitionsaktivitäten in Biotechnologie

explizit im Jahre 2003.

Zum Punkt Kapitalquelle gibt nachfolgende Abbildung 4-1 eine

Übersicht.

Im Jahresvergleich haben sich hier sichtbare Verschiebungen

nur bei den Privatinvestoren ergeben. Ansonsten machen nach

wie vor institutionelle Investoren als Geldgeber den größten

Anteil aus, gefolgt von öffentlichen bzw. staatlichen Kapitalquellen.

Insgesamt der geringste Anteil wird von strategischen

Investoren (in der Regel Industrieunternehmen als Geldgeber)

gestellt.

Abbildung 4-1:

Kapitalquellen des Investorensamples

institutionelle Investoren

öffentlich/staatlich

private Investoren

sonstige Quellen

strategische Investoren

0

7

6

7

14

18

21

28

29

34

36

2002

2003

10 20 30 40

Quelle: Ernst & Young, 2004

Lediglich zwei der antwortenden 35 Investoren haben im Jahr

2003 einen neuen Fonds aufgelegt. So gelang es beispielsweise

dem EMBL-Fonds mit einer Summe von eingeworbenen 25

Millionen € die ursprünglich geplanten 17 Millionen € sogar zu

übertreffen.

Das soll nicht heißen, dass der Wille dazu bei anderen Gesellschaften

nicht vorhanden war, jedoch verspürten diese eine der

allgemeinen Wirtschaftslage entsprechende zurückhaltende

Investitionsbereitschaft der Fonds-Investoren. Insbesondere die

allgemeine Zurückhaltung des Bankensektors gestalteten das

Fundraising schwierig. So ist das Fundraising in 2003 auch für

namhafte VC-Investoren noch kritischer geworden. Obwohl in

den USA bereits wieder stark investiert wird, passt sich Europa

dieser Entwicklung nur langsam an. Da die Geldgeber einen

gewissen „Track-Record“ für ihre Investments verlangen,

stecken viele VC-Gesellschaften wegen der nicht vorhandenen

Exit-Möglichkeiten in einer Zwickmühle. Die Latte der Anforderungen

liegt hoch. Auf Grund des verschlossenen Kapitalmarktes

sind manche Investoren dennoch erfolgreich dazu

übergangen, einen Exit über den Verkauf der Beteiligung an

einen strategischen Käufer (Trade Sale) zu erzielen (siehe auch

Abbildung 4-2).

Nachdem der Trade Sale als bevorzugter Exit bereits im Jahr

2002 an Attraktivität gegenüber dem Börsengang (IPO: Initial

Public Offering) gewonnen hatte (im Jahr 2001 lagen beide

Exitmöglichkeiten gleichauf), hat sich dessen Beliebtheit im

vergangenen Jahr nochmals erhöht. So bevorzugen 89 Prozent

der antwortenden Investoren einen Exit über Trade Sale, im Jahr

2002 lag dieser Anteil noch bei 86 Prozent.

Dennoch würden die Investoren nach wie vor auch gern einen

Exit über den Börsengang sehen. Diese Option wurde am

zweithäufigsten genannt.

85


Abbildung 4-2:

Bevorzugter Exit der Investoren im Jahresvergleich

IPO

Trade Sale

Buy Back/MBO/MBI

institutioneller Investor

anderes

3

7

6

5

4

10

11

12

18

0 20

B IOTECH-INVESTOREN IM B LICKFELD

40 60 80

Anteil der Investoren in % (Mehrfachnennungen möglich)

2001

2002

2003

Anteilsmäßig drückt sich das folgendermaßen aus: 74 Prozent

der Investoren würden ihre Beteiligung gerne an der Börse

veräußern. Im Vergleich zum Jahr 2002 ist hier ein sprunghaft

erstarktes Interesse zu erkennen. Dies hängt sicher damit

zusammen, dass in den USA bereits seit letzten Herbst wieder

Biotech-Börsengänge erfolgten. Die Hoffnung besteht daher,

dass sich diese Bewegung ebenfalls auf den europäischen und

auch deutschen Kapitalmarkt auswirkt. Allerdings ist es den

Investoren auch möglich, einen Exit in den USA anzustreben.

Da die Portfolios vieler Gesellschaften, insbesondere bei international

tätigen Investoren, zur Risikostreuung auch mit nichtdeutschen

Firmen bestückt sind, ist ein Exit an ausländischen

Börsensegmenten geplant. So ist aus obiger Abbildung ebenfalls

ersichtlich, dass drei Viertel der Investoren ein nichtdeutsches

Börsensegment bevorzugen.

Mit der allgemeinen Zurückhaltung der Banken geht auch der

deutlich rückläufige Verkauf von Beteiligungen an institutionelle

Investoren einher (siehe Abbildung 4-2): Hier sehen im

Vergleich zu 2002 mit 18 Prozent lediglich noch sechs Prozent

der Investment-Gesellschaften eine geeignete Exit-Option.

61

75

74

77

86

89

Dagegen wird mit 11 Prozent Anteil die Exitmöglichkeit über

Buy Backs (Rückkauf durch Altgesellschafter), MBOs

(Management-Buy-Out) und MBIs (Management-Buy-In) eher

favorisiert.

Dass die befragten Investoren auch in nichtdeutsche Firmen

investieren, wurde bereits erwähnt. Mit der Möglichkeit der

Mehrfachnennung gaben 46 bzw. 34 Prozent der Investment-

Gesellschaften an, auch Anteile an Unternehmen aus dem

europäischen bzw. nichteuropäischen Ausland zu halten. Da die

Auswahl der angeschriebenen Investoren danach erfolgte, dass

sie in deutschen Firmen beteiligt sind, liegt dieser Anteil

zwangsläufig bei 100 Prozent. Fast die Hälfte davon gehen

jedoch rein deutsche Beteiligungen ein. Dagegen beläuft sich

der Anteil an Investoren, die nur zu weniger als 50 Prozent in

deutsche Firmen investieren, auf lediglich sechs Prozent.

Bei der Art der Investitionen liegt die deutliche Mehrheit bei

offenen Beteiligungen (94 Prozent), wobei immerhin fast drei

Viertel der Investoren ausschließlich auf offene Beteiligungen

setzen. Insgesamt geben knapp ein Drittel der befragten

Gesellschaften auch stille Beteiligungen als Investitionsart an.

Interessanterweise sind bei den 33 Investoren, die offene

Beteiligungen eingehen, immerhin fast 40 Prozent dabei, die

nur Minderheitsbeteiligungen halten.

57 Prozent der Investoren schlossen im letzten Jahr auch Erstfinanzierungen

ab, 71 Prozent meldeten Folgefinanzierungen.

86 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

100

Quelle: Ernst & Young, 2004

Bevorzugtes Börsensegment

NASDAQ

27 %

LSE

18 %

AIM

11 %

TecDAX

26 %

SWX

18 %

Quelle: Ernst & Young, 2004


Nur drei Investoren tätigten nur Erstinvestments und acht nur

Folgeinvestments in Biotech-Unternehmen. 17 Investment-

Gesellschaften verfolgten im vergangenen Jahr eine zweigleisige

Strategie von Erst- und Folgeinvestments. Der höhere

Anteil an Folge-Investments überrascht nicht, waren doch zahlreiche

Biotech-Firmen darauf angewiesen, von ihren Investoren

weiterfinanziert zu werden.

Abbildung 4-3 gibt einen Überblick über die größten Hemmnisse

für Neuinvestitionen und somit wichtige Entscheidungskriterien

von Investoren. Danach wird fehlende Qualität des

Managements als das größte Investitionshindernis angesehen.

Danach folgen eine fehlende Alleinstellung bzw. Innovation der

Technologie sowie ein inkonsistentes Geschäftskonzept.

Weitere Barrieren mit noch mittlerer Bedeutung sind nach

Einschätzung der Investoren zu hoher Kapitalverbrauch, die

Kapitalmarktlage, fehlende Produkt-Pipeline, zukünftiger

Kapitalbedarf, fehlende Marktpositionierung, bestehende

Unternehmensbewertung, fehlender Patentschutz, fehlendes

Kapital bei den Investoren selbst sowie ein zu weit entfernter

Break-Even.

Abbildung 4-3:

Ranking von Investitionshemmnissen

Fehlende Business-Development-Aktivitäten sowie fehlende

klinische Studienergebnisse stellen ebenfalls Investitionshemmnisse

dar, die von der Bedeutung her zwar nicht mehr

gleichauf mit den Vorgenannten liegen, dennoch aber durchaus

noch eine Rolle bei den Entscheidungen der Investoren spielen.

Der geringste Einfluss kommt den Aussagen der Investoren

zufolge der zukünftigen Verwässerung, der bestehenden

Gesellschafter- bzw. Kapitalstruktur, der Gesetzgebung, einem

fehlenden Lead-Investor sowie fehlendem Umsatz zu.

Neben diesen Investitionshemmnissen gibt es weitere Punkte,

die bei der Selektion von Investments von den Investoren als

wichtig erachtet werden. So wurde zum Beispiel die Fähigkeit

der Zielfirmen angeführt, „Konsolidierungschancen oder einen

strategischen Fit mit anderen Biotech-Unternehmen zu haben“.

Auch der Reifegrad des Unternehmens (Time-to-Market), eine

klare Vision und ein solides Business-Modell mit eindeutigen

zeitlichen Meilensteinen wird favorisiert. Investitionen werden

bevorzugt in Konsortien mit kleineren Investitionsbeträgen

getätigt. Ganz klar war darüber hinaus im vergangenen Jahr die

weitere Tendenz zu Spätphasenfinanzierung mit der Folge von

weniger Frühphasenprojekten.

Hier lässt sich die Frage stellen, ob die Investoren damit nicht

relativ kurzfristig denken und Investitionen in die Zukunft

verfehlen. Gleichwohl ist hier zu berücksichtigen, dass auf

Grund der fehlenden Exitmöglichkeiten die existierenden Mittel

vorrangig für das bestehende Portfolio aufgewendet werden

müssen.

fehlende Qualität des Managements 3,61

fehlende Alleinstellung/Innovation der Technologie 3,16

inkonsistentes Geschäftskonzept 2,74

zu hoher Kapitalverbrauch 2,48

Kapitalmarktlage 2,45

fehlende Produkt-Pipeline 2,40

zukünftiger Kapitalbedarf 2,40

fehlende Markpositionierung 2,35

Unternehmensbewertung 2,35

fehlender Patentschutz 2,34

fehlendes Kapital 2,33

Break-Even zu weit entfernt 2,33

fehlende Business-Development-Aktivitäten 2,12

fehlende klinische Studienergebnisse 1,98

zukünftige Verwässerung 1,82

bestehende Kapital-/Gesellschafterstruktur 1,80

Gesetzgebung 1,77

fehlender Lead-Investor 1,69

fehlender Umsatz

1,65

1,00 2,00

3,00

4,00

unbedeutend = 1

bedeutend = 6

Quelle: Ernst & Young, 2004

87


Dr. Joachim Rautter, Director Investmentmanagement

PEPPERMINT. Financial Partners, Berlin

Die Notwendigkeit von Frühphasenfinanzierungen

B IOTECH-INVESTOREN IM B LICKFELD

„Ihr Konzept finden wir sehr spannend, allerdings wäre es gut, wenn sie mindestens

einen Produktkandidaten in der Klinik hätten. Wir würden uns daher ihr Projekt gerne

dann wieder anschauen.“

Auf ähnliche Aussagen trafen im vergangenen Jahr viele Unternehmen mit viel versprechenden

Technologieplattformen oder präklinischen Produktportfolios. Im gegenwärtigen

Marktumfeld ist es selbst für gute Konzepte schwer, VC-Investoren zu gewinnen.

Dahinter steht der seit 2001 anhaltende Trend einer Verschiebung des Investmentfokus

zugunsten von späteren Phasen. Während in 2000 noch die Hälfte aller VC-Engagements

Erstinvestments waren, dominieren heute Folgeinvestments mit ca.

80 % das Geschehen in Deutschland. Die Ursachen dieser Entwicklung

sind vielfältig. Im Wesentlichen sind sie jedoch in früheren

Fehlentwicklungen und den daraus resultierenden wirtschaftlichen

Zwängen für Investoren zu suchen.

Warum werden heute so wenig Frühphasenfinanzierungen getätigt ?

Hauptgrund ist, dass in den Boomjahren durch die hohe Verfügbarkeit

von Venture Capital und Fördermitteln zu viele, teilweise nicht

tragfähige Geschäftsmodelle ohne klaren USP auf den Weg gebracht

wurden. Im Ergebnis mussten alle VCs mit Randbedingungen und

Finanzierungsstrukturen aus diesen Boomzeiten-Deals zurechtkommen,

die im Lichte eines realistischen Marktes oft wenig Sinn

machten.

Erschwerte Exitbedingungen sowie der schnelle Aufbau von umfangreichen Portfolios

hat bei vielen VCs zu einem Engpass an Mitteln geführt, so dass die Stabilisierung des

eigenen Portfolios an Priorität gewinnt. Die Knappheit an verfügbarem Kapital verbunden

mit zu hohen Bewertungen hat die gefürchteten Down-Rounds und eine neue

Schärfe in der Anwendung von Investorenschutzrechten zur Folge. Daraus ist ein Klima

der Unsicherheit erwachsen, das deutlich über die Vermeidung der inhärenten Risiken

bei Frühphaseninvestments hinausgeht.

Verstärkt wird diese Abkehr noch durch die Konsolidierung der VC-Branche. Neben dem

Verschwinden meist kleinerer Fonds bauten auch große Player Personal ab und

schlossen Büros in Deutschland. Frühphasenengagements sind jedoch sehr arbeitsintensiv,

da notwendige Strukturen im Unternehmen etabliert werden müssen. Die

notwendige, enge, strategische Begleitung erfordert bei einem Investor sowohl die

Bereitschaft als auch die Fähigkeit eine entsprechende Hands-on-Betreuung für

Unternehmen vor Ort zu gewährleisten. Alles zusammen hat den Trend zu Spätenphaseninvestments

so verstärkt, dass in den letzen Jahren das Pendel zu weit in die entgegengesetzte

Richtung ausgeschlagen ist.

Gibt es einen Seed-Gap?

Aufgrund der Kapitalmarktlage herrscht nach wie vor ein hoher Selektionsdruck bei VC-

Gesellschaften. Institutionelle Investoren, die in VC-Fonds im Early-Stage-Bereich

investieren, sind momentan rar und sehr selektiv. Zu groß waren die Verluste, die in der

Vergangenheit erlitten wurden. Selbst für etablierte VC-Gesellschaften mit exzellentem

Ruf ist es gegenwärtig schwer, neue Fonds in diesem Segment aufzulegen. Dies führt zu

klaren Angebotslücken. Am stärksten unterversorgt ist die Seed-Phase, denn hier

brauchen Investoren einen langen Atem, tiefe Taschen und speziell bei Unternehmen im

Bereich des Drug Developments, die Bereitschaft ein hohes Entwicklungsrisiko mitzutragen.

So gelingt es auch nur wenigen Neugründungen aus dem Biotech-Bereich in Deutschland,

eine erfolgreiche Finanzierung zu erhalten. Neben staatlichen Programmen spielen

heute regionale Beteiligungsgesellschaften der Sparkassen oder Landesbanken hier

eine wichtige Rolle. VC-Runden dagegen sind selten zu

beobachten. Selbst Unternehmen mit eindeutigen Alleinstellungsmerkmalen

und neuartigen Therapieansätzen

haben in diesem Umfeld nur eine Chance, wenn

es ihnen gelingt, früh im Prozess einen Leadinvestor zu

begeistern. Dies gelang im vergangenen Jahr nur wenigen

Unternehmen wie den MPG-Ausgründungen JadoLabs

(Dresden) und NeuroNova (München).

Wer finanziert heute die Spätphasen von morgen?

Deutlich gestiegene Qualitätsanforderungen von Investoren

sind natürlich grundsätzlich zu begrüßen. Mit Aussagen

wie „das regelt der Markt“ oder „gute Projekte

finden auch einen Investor“ macht man es sich aber zu

einfach. Denn Investoren finden für Frühphaseninvestments im Moment ideale Bedingungen

vor. Hohe Barrieren sorgen für motivierte Gründerteams, daneben ist erfahrenes

Management aus der ersten „Gründungswelle“ verfügbar. Attraktive Bewertungen und

geringe Konkurrenz bieten hohe Chancen. Dafür ist jedoch mehr Mut zu antizyklischem

Verhalten seitens der institutionellen Investoren und VC-Gesellschaften erforderlich.

Um für eine nachhaltige Entwicklung der deutschen Biotechnologie zu sorgen, müssen

diese denn auch auf den eigenen Nachschub achten, da es sonst langfristig kaum

Unternehmen geben wird, in deren Spätphase man investieren kann.

Dies wurde auch von der Bundesregierung und dem European Investment Fund erkannt.

Um die Fundraising-Chancen im Frühphasenbereich zu erhöhen, sollen mit dem neuen

EPR-EIF-Dachfonds in den nächsten 5 Jahren 500 Mio. € in VC-Fonds investiert werden.

Nun bleibt zu hoffen, dass private Investoren sich auch daran erinnern, dass der Early-

Stage-Bereich im Branchendurchschnitt der vergangenen 20 Jahre die besten Renditen

geliefert hat. Erstes Indiz für eine Trendwende ist vielleicht der Erfolg von immatics

(Tübingen), der im Februar 2004 die größte Erstrundenfinanzierung eines deutschen

Biotechunternehmens seit 2002 gelang.

www.peppermint-vc.de

88 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Tabelle 4-1:

Investorensample

Investorenname www

Aurelia Private Equity www.aurelia-pe.de

BayTech Venture Capital www.btvc.de

BioM www.bio-m.de

BioMed Venture www.biomed-venture.de

bm-t beteiligungsmanagement

thüringen www.bm-t.com

Breslin Biotech www.breslin.ch

DEWB www.dewb-vc.com

DVC Deutsche Venture Capital www.dvcg.de

Earlybird www.earlybird.com

EMBL Technology Fund www.embl-ventures.com

First Ventury www.firstventury.com

Global Life Science Ventures www.glsv-vc.com

Grazia Equity www.grazia-equity.de

HBM BioVentures www.hbmbioventures.com

Heidelberg Innovation www.hd-innovation.de

HypoVereinsbank www.hvb.de

IBB www.ibb-bet.de

Investorenname www

LeVenture www.leventure.de

LSP www.lspvc.com

MBG Baden-Württemberg www.mbg.de

MBG Hessen www.mbg-hessen.de

MBG Schleswig-Holstein www.mbg-sh.de

Mulligan BioCapital www.mulliganbio.com

Nextech Venture www.nextechventure.com

Park Venture Private Equity www.parkventure.de

PEPPERMINT www.peppermint-vc.de

PolyTechnos Venture-Partners www.polytechnos.com

SWG www.swgmbh.de

SEED www.seed-gmbh.de

SHS www.shsvc.net

S-Refit www.s-refit.de

Süd Venture Capital www.suedvc.de

VCM www.vcm-capital.de

Wellington www.wellington.de

LEA www.l-bank.de Quelle: Ernst & Young, 2004

Weitere wichtige Punkte im Bereich der Finanzierung von

Biotech-Unternehmen, die von den Investoren genannt wurden,

umfassen zum Beispiel die Notwendigkeit einer geschlossenen

Kette „Geldgeber – VC-Gesellschaft – Zielunternehmen - Exit“,

bei der kein Einzelglied ausfallen darf, da sonst die gesamte

Kette bricht. Dies bedeutet eine Kapitalausstattung des

Investorenkreises, die auch für Folgeinvestitionen reicht, sowie

starke Investorensyndikate und reputable Co-Investoren. Ferner

ist bei den Biotech-Firmen selbst ein aktiver und erfahrener

Aufsichtsrat/Beirat essentiell.

Insgesamt werden folgende Trends gesehen:

• Das Closing von Finanzierungsrunden wird schwieriger.

• Viele Firmen, auch gute, sind unterkritisch finanziert.

• Spin-offs werden ins Auge gefasst.

• Restrukturierung der VC-Branche erfolgt ebenfalls.

• Realistische Einschätzung des totalen Finanzierungsvolumens.

• Wenige Unternehmen werden große Finanzierungsrunden

erreichen.

• Indikatoren für gestiegene Finanzierungsbereitschaft sind

bereits sichtbar.

• Keine frühen Wirkstoffentwicklungen; Fokus auf Med-Tech

und Applikationen.

• Spreu trennt sich vom Weizen; mehr ernsthafte IPO-

Vorbereitungen.

• Mehr erfolgsabhängige Bewertungen.

89


4.2 Die Finanzierung der Biotech-Firmen

Nicht alle der Biotech-Unternehmen sind auf eine externe

Finanzierung angewiesen. Dieses Resultat erbrachte die Frage

an die Core-Biotech-Firmen nach ihrer Finanzierungsphase. So

trifft diese Frage für knapp ein Drittel der antwortenden

Unternehmen nicht zu, da sie sich bereits am Markt befinden

und ihn als Finanzierungsquelle nutzen (siehe Abbildung 4-4).

Angesichts der weiterhin angespannten externen Finanzierungssituation

in der Branche ist dies ein erfreulicher Anteil. Die

Frage stellt sich, wie sich die restlichen Firmen finanzieren,

wenn lediglich – wie bereits dargestellt – insgesamt ein weiteres

knappes Drittel der Firmen mit Risikokapital finanziert sind.

Neben der Marktpräsenz und der reinen VC-Finanzierung

nutzen die Biotech-Unternehmen ebenfalls Privatvermögen,

strategische Investoren sowie Fördergelder als Finanzierungsquelle.

Auch hier kann dann von verschiedenen Finanzierungsphasen

bzw. -runden gesprochen werden.

Der geringste Anteil an Firmen ist börsennotiert (fünf Prozent),

jeweils knapp 10 Prozent entfällt auf Unternehmen in der

Gründungs- und in späteren Finanzierungsphasen. Mit je rund

einem Viertel sind diejenigen Firmen vertreten, die bereits eine

erste oder zweite Finanzierungsrunde vollzogen haben.

Abbildung 4-4:

Finanzierungsphase der Sample-Unternehmen

Alle

nicht zutreffend/

Markt

29 %

börsennotiert

5 %

spätere

Finanzierungsrunde

9 %

Gründung/

vor VC-Finanzierung

9 %

nach 1.

Finanzierungsrunde

23 %

nach 2.

Finanzierungsrunde

25 %

In der Gruppe der VC-finanzierten Biotech-Unternehmen

entfällt der größte Anteil auf Firmen nach einer zweiten

Finanzierungsrunde, gefolgt von denjenigen nach einer Erstrunde.

Der Anteil an bereits in späteren Finanzierungsphasen

stehenden Unternehmen beläuft sich auf 24 Prozent und hat

durch einige erfolgte „Later-Stage“-Finanzierungen im vergangenen

Jahr zugenommen.

Ebenfalls hat der Anteil an Firmen nach zweiter Runde

zugenommen, da auch diese im Jahr 2003 von den Investoren

zu Ungunsten der Erstrundenfinanzierungen favorisiert wurden.

Es bleibt zu hoffen, dass der Anteil an Biotech-Firmen, die sich

über den Markt finanzieren können, in Zukunft zunehmen wird.

Wie im vorangegangenen Kapitel 3 dargestellt, existiert bereits

eine gewisse Anzahl Unternehmen, die in den kommenden

Jahren eine Produkteinführung und damit einen Marktzugang

planen. Allerdings heißt das Operieren am Markt nicht immer

auch, dass ein Unternehmen bereits unabhängig von weiteren

Finanzierungsquellen ist. Denn erst das Erreichen des „Break-

Evens“, also der Gewinnzone, sichert den Unternehmen eine

gewisse Unabhängigkeit. Die befragten Firmen gaben in diesem

Rahmen auch Auskunft darüber, wann sie glauben, den Break-

Even zu erzielen.

VC-finanziert

Gründung

2 %

spätere

Finanzierungsrunde

24 % nach 1.

Finanzierungsrunde

31 %

nach 2.

Finanzierungsrunde

43 %

90 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Quelle: Ernst & Young, 2004


Neben den 20 Prozent der befragten Core-Biotech-Unternehmen

in Deutschland, die bereits Gewinn erzielen und somit

den Break-Even bereits erreicht haben, erhofft sich ein nicht

ganz so großer Anteil (15 Prozent) die Überschreitung der

Gewinnschwelle für dieses Jahr. Über die Hälfte der antwortenden

Firmen glaubt darüber hinaus, die Gewinnzone innerhalb

der nächsten drei Jahre erzielen zu können. Darunter befinden

sich wiederum zur Hälfte VC-finanzierte Biotech-Unternehmen,

von denen fast 70 Prozent Therapeutikaentwicklung

betreiben. Diese Erwartungen könnten fast optimistisch

stimmen und wären auf jeden Fall ein Signal für die Erstarkung

der deutschen Biotech-Branche.

Das Erreichen der Gewinnzone würde für die investierten VC-

Gesellschaften jedoch nicht zwangsläufig einen Exit bedeuten.

Allerdings erhöhen sich dementsprechend die Chancen eines

Trade Sales oder eines Börsenganges der Portfolio-Firmen.

Im Moment ist ein solcher Status jedoch noch nicht erreicht

und viele Firmen sind weiterhin auf externe Eigenkapitalquellen

angewiesen. Auf Grund nicht statt gefundener Börsengänge

im vergangenen Jahr nimmt dabei das Risikokapital

wiederum die bedeutendste Stellung ein. Mit einer Summe von

216 Millionen € erhöhte sich das in deutsche Core-Biotech-

Firmen investierte VC-Kapital im Jahresvergleich sogar

geringfügig (siehe Abbildung 4-5).

Abbildung 4-5:

Aufgenommenes Eigenkapital im Jahresvergleich (€ Mio.)

1.600 2000

2001

1.400 2002

2003

1.200

1.000

800

600

400

200

0

565 525

207 216

VC-Kapital

655

23 0

IPO

153

0 1

Follow-on

Bei allen Angaben sind nur deutsche Core-Biotech-Unternehmen berücksichtigt.

0

3

1373

Zusammen mit der Kapitalerhöhung eines bereits börsennotierten

Unternehmens (Follow-on) wurde somit im Jahr 2003

ein Betrag von 219 Millionen € Eigenkapital von den deutschen

Core-Biotech-Firmen eingenommen. Das Niveau von 2002

wurde somit leicht überschritten, die Beträge der Boomjahre

2000 und 2001 blieben jedoch unerreicht.

Abbildung 4-6:

VC-Finanzierung der Core-Biotech-Unternehmen seit 1996

Mio. €

VC-Finanzierung

Ohne die Boomjahre wäre – wie aus Abbildung 4-6 ersichtlich

– die Entwicklung bei der Risikokapitalfinanzierung der Biotech-Firmen

recht konstant gewesen.

Vielleicht wäre eine solche Entwicklung

für die Branche insgesamt nachhaltiger

gewesen, da nicht so viele Erwartungen

geweckt worden wären. Allerdings wären

dann beispielsweise im Jahr 2001 auch

Firmen wie Micromet, DeveloGen,

Cellzome, Axxima, Graffinity, Munich

Biotechnology, Xantos oder Jerini nicht

mit je über 20 Millionen € unterstützt

worden. Insgesamt summierte sich deren

Finanzierung allein auf rund die Hälfte

548

des gesamten Risikokapitals in 2001.

208 219

Gesamt

600

500

400

300

200

100

0

21

Quelle: Ernst & Young, 2004

61

145

175

565

525

1996 1997 1998 1999 2000 2001

207

2002

216

2003

Quelle: Ernst & Young, 2004

91


Die Anzahl der VC-Runden hat sich im vergangenen Jahr erneut

reduziert. Ähnlich wie im Jahr 2001, konnte sich im Jahr 2003

das durchschnittliche Finanzierungsvolumen bei gleichzeitig

weniger Runden erhöhen. Es lag im Jahr 2003 bei 5,1 Millionen €

und stieg von 4,3 Millionen € im Jahr 2002 an.

Abbildung 4-7:

Verteilung VC-Runden im Jahresvergleich

Volumen (Mio. €)

kleiner 5

5 bis 20

20 bis 35

35 bis 50

0

0

3

4

4

5

7

0 10

Anzahl VC-Runden an Gesamtzahl in %

20 30 40

Abbildung 4-7 zeigt die Finanzierungsrunden deutscher Core-

Biotech-Unternehmen über die letzten Jahre nach Volumina.

Danach ist der Anteil an Runden, die

kleiner als fünf Millionen € liegen, deutlich

gestiegen: von 65 Prozent im Jahr

2002 auf 71 Prozent im Jahr 2003.

Insgesamt nehmen diese kleinvolumigen

Finanzierungsrunden somit auch den

weitaus größten Anteil der Gesamtzahl

ein. Im Bereich einer Finanzierungshöhe

zwischen fünf und 20 Millionen € ist der

Anteil an Runden dagegen im Jahresvergleich

deutlich gesunken. Dafür hat

sich der Anteil an Runden mit einem

Volumen zwischen 20 und 35 Millionen €

wieder erhöht.

10

17

19

21

31

D IE F INANZIERUNG DER B IOTECH-FIRMEN

Mehr als 35 Millionen €, wie es in den Boomjahren der Fall

war, wurde in den letzten beiden Jahren in keine deutsche

Biotech-Firma investiert.

Es zeigt sich somit deutlich, dass der Rückgang im mittleren

Segment zugunsten des Anstieges der

Anteile an kleineren und größeren

Runden erfolgte. Die Tendenz besteht,

dass sich der VC-Markt anscheinend in

72

viele kleinvolumige „Low-Risk-Invest-

69

ments“ und einige großvolumige Spät-

65

phaseninvestments bewegt.

71

Aufschlussreich ist zudem die Analyse der

Core-Biotech-Risikokapitalfinanzierungen

des Jahres 2003 nach Beteiligung von

deutschen und internationalen Investoren.

So hat sich der Anteil an internationalen

Investoren im Jahresvergleich von 21 auf

42 Prozent verdoppelt. Noch deutlicher

wird die Erhöhung des Anteiles ausländischer

VC-Gesellschaften bei Betrachtung

von Runden mit einem Volumen von

mehr als fünf Millionen €: der Anteil

springt von 30 auf 65 Prozent.

Dies ist sicher eine sehr erfreuliche

Entwicklung, zeigt sie doch, dass das

Potenzial deutscher Biotech-Firmen vermehrt

auch von internationalen Investoren

erkannt wird.

92 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

2000

2001

2002

2003

50 60 70 80

Quelle: Ernst & Young, 2004

Abbildung 4-8:

Herkunft der Investoren der VC-Runden im Jahresvergleich

alle Runden

Runden > 5 Mio.

79 21

58 42

70

35 65

0 20 40 60 80 100

Anteil Investoren in %

2002

2003

30

deutsche Investoren

internationale Investoren

Quelle: Ernst & Young, 2004


Dr. Ed Stuart, CBO U3 Pharma AG, München

Zweitrundenfinanzierung mit internationaler

Beteiligung in schwierigen Zeiten

Eine besondere Herausforderung an das Management-Team eines nicht börsennotierten

Biotech-Unternehmens ist die Beschaffung von Kapital in einer Zeit angespannter

Finanzmärkte. In letzter Zeit fanden sich daher viele Businessmanager in Europa,

vornehmlich in Deutschland, in einer scheinbar unendlichen „VC-Roadshow“ wieder.

Als einer der größten Stolpersteine auf diesem Weg (zur Finanzierung) erwies sich die

Skepsis der internationalen Finanzwelt gegenüber der deutschen Biotech-Industrie.

Zumal viele ausländische Investoren glauben, dass eine erhebliche Diskrepanz zwischen

der Höhe von Investitionen in die deutsche Biotechnologie und dem damit

erwirtschafteten Gegenwert besteht. Tatsächlich sind die Finanzierungsinstrumente, die

in den Anfängen der deutschen Biotech-Industrie eingesetzt

wurden, bis heute nie optimiert worden. Wir sehen

uns daher nun mit der Bewältigung der Folgen unkontrolliertem

Wachstums der deutschen Branche konfrontiert,

statt mit einem nachhaltig kontrollierten Aufbau.

Diese Punkte geben für internationale Investoren wenig

Anreiz, neue Investments in Deutschland zu tätigen.

Demgegenüber steht der Kapitalbedarf der Industrie,

der die vorhandenen Mittel übersteigt. Wie dem auch

sei – jedes Management-Team muss Lösungen für

seinen spezifischen Finanzierungsbedarf finden unter

gleichzeitiger Berücksichtigung der Wertschaffung.

Seit der Gründung im Jahre 2001 hat U3 Pharma erfolgreich zwei Finanzierungsrunden

abgeschlossen und ca. 18 Millionen € eingespielt, das entspricht ungefähr 1 Mio. €

pro Mitarbeiter. Das wurde in Zeiten eines enormen Konjunktureinbruchs der deutschen

Biotech-Branche erreicht und durch die vier folgenden Prinzipien möglich:

• Höchstmögliche Bündelung von Ressourcen in die Forschung und Entwicklung

• Klare Fokussierung auf den Geschäftsplan und seine Erfüllung

• Offene Kommunikation zwischen jetzigen und zukünftigen, neuen Investoren

• Versprochen wird nur, was auch eingehalten werden kann.

U3 Pharma profitierte dabei von Prof. Axel Ullrich’s weltweit renommierten wissenschaftlichen

Erkenntnissen, begleitet von einer sehr konsequenten Denkweise in Bezug auf

Produktentwicklung und der Art und Weise wie diese Vision und dieses Engagement die

gesamte Firma durchdringt. Unsere Herangehensweise an die Forschung und Entwicklung

ist eine Kombination aus der Zusammenführung aller Schritte der Produktentwicklung:

insbesondere hervorragende Wissenschaft, ein tiefes Verständnis für die

Biologie, die einer Krankheit zugrunde liegt, sowie innovative Technologien und

qualifizierte Mitarbeiter.

Zudem existiert ein erfahrenes und international ausgerichtetes Management-Team, das

hohe Glaubwürdigkeit in der Wissenschafts-, Medizin-, Geschäfts- und Finanzwelt

genießt. Schließlich wurde ein spezielles Geschäftsmodell konzipiert, das den Wandel

von Marktbedingungen berücksichtigt, ohne das Kernkonzept der Entwicklung von

neuartigen Krebsmedikamenten aus den Augen zu verlieren. Während die Industrie in

den vergangenen drei Jahren den allgemeinen Trends gefolgt ist – von Plattform über

Hybriden zu Turbohybriden und „nur-produktorientiert“, hat U3 Pharma stets an seinen

ursprünglichen Zielen festgehalten und Meilensteine erfüllt.

Es ist Teil der Philosophie des Managements, eine konsistente und kontinuierliche

Kommunikation mit den Investoren zu führen, um bisherigen Investoren Transparenz zu

vermitteln und konstant am Aufbau der Beziehung zu neuen Investoren zu arbeiten. Das

hat der Firma die Möglichkeit gegeben, sich auf die Finanzierung zu konzentrieren, ohne

dabei das laufende Tagesgeschäft aus den Augen zu verlieren.

Schlussendlich verlangen das Management und die Erfüllung von

Investorenerwartungen, dass gegebene Versprechen eingehalten

werden. Den Managern von U3 Pharma war von Anfang an klar, dass

die Gewinnung zukünftiger neuer Geldgeber eng mit der Unterstützung

bestehender Investoren verknüpft ist. Das wiederum konnte

nur erreicht werden durch eine klare Darstellung der Verwendung von

Einnahmen sowie einem verantwortungsvollen und Kosten-Nutzen

effektiven Wachstum der Firma. Zudem wurde der Exit sowie der Weg

dorthin klar definiert.

Unter Verwendung dieser Prinzipien ist es U3 Pharma gelungen, die

konjunkturelle Krise der Vergangenheit zu überstehen und im

September 2003 eine Finanzierungsrunde über 13,25 Mio. €

abzuschließen. Die Firma hat genügend Interesse bei drei neuen institutionellen

Investoren geweckt: Atlas Venture, LCF Rothschild Venture Partners und Singapore EDB.

Gemeinsam mit den bereits existierenden Investoren – unter der Führung von Alta

Partners und allen anderen Aktionären – bilden sie eine solide Basis, auf der U3 Pharma

seine neuen Therapeutika entwickeln kann.

Tatsächlich gab es im Jahr 2003 in Deutschland wenig Aktivität bei Neuinvestitionen,

Refinanzierungen beschränkten sich auf Brückenfinanzierungen. Seitdem jedoch

Cellzome, Alantos und U3 Pharma den Abschluss ihrer Finanzierungsrunden bekannt

gaben, besteht die Hoffnung, dass sich das Fenster für Neufinanzierungen langsam

wieder öffnet und damit eine Erholungsphase eingeleitet wird. Das wird auch sicherlich

geschehen, solange Firmen, in die bereits investiert wurde, echte Wertschaffung unter

Beweis stellen können.

www.u3pharma.com

93


D IE F INANZIERUNG DER B IOTECH-FIRMEN

Tabelle 4-2:

Top-10-Venture-Capital-Runden deutscher Core-Biotech-Firmen im Jahr 2003

Unternehmen Volumen Runde Bekanntgabe Lead Investor ausgewählte, weitere Investoren

(Mio. €)

Advent International, Atlas Venture, Heidelberg Innovation,

INVESCO Private Index Ventures, Schroder Ventures Life Sciences,

Cellzome AG 30 Series C März Capital Societe Generale Asset Management, Sofinnova Partners

Oxford Bioscience ABN Amro Capital, Auriga Partners, Earlybird, Heidelberg

Alantos Pharmaceuticals AG 24,1 2 Februar Partners Innovation, Schroder Ventures Life Sciences, Ventech

3i Group, Abingworth Management, Deutsche Venture

Epigenomics AG 21 Series C März Capital, MPM Capital, Wellcome Trust

HBM Bioventures, IKB Venture Capital, Index Ventures,

Ingenium TVM, Polaris Venture Schroder Ventures Life Sciences,

Pharmaceuticals AG 13,8 3 Dezember Partners Sofinnova Partners

Atlas Venture,

LCFRothschild

U3 Pharma AG 13,25 2 September Venture Partners Alta Partners, Bio M , Medicis Venture Management

HBM Bioventures,

MTM Laboratories AG 12 2 Oktober Wellington Partners Heidelberg Innovation

Deutsche Venture

4SC AG 9 3 Mai Capital 3i Group, BDW, Bio M , Mulligan BioCapital

3i Group, NeoMed Management, S-VC RisikoKapital Fonds,

Paion GmbH 8,3 3 Mai Vertex Management

Biofrontera

Pharmaceuticals AG 7,6 3 Juli Heidelberg Innovation 3i Group, LeVenture, Technomedia

Antisense Pharma GmbH 6,5 2 April S-Refit

Quelle: VentureOne, Ernst & Young 2004

Tabelle 4-2 listet die zehn größten publizierten VC-Runden der

deutschen Biotech-Industrie des vergangenen Jahres auf.

Spitzenreiter war die Heidelberger Cellzome mit einer Zusage

von 30 Millionen €. Das Kapital wird zur Intensivierung der

Forschung und Entwicklung sowie zur Durchführung von

Studien für einen „Proof of Concept“ verwendet. Immerhin

wurde damit der gleiche Spitzenwert wie von der febit im Jahr

2002 erzielt.

Weitere Runden über 20 Millionen € konnten sich die

Heidelberger Alantos Pharmaceuticals sowie die Berliner

Epigenomics sichern. Neben den Spät-Runden von Cellzome

und Epigenomics wurden „Later-Stage“-Finanzierungen von

vier weiteren Unternehmen abgeschlossen:

Ingenium Pharmaceuticals, 4SC, Paion und Biofrontera

Pharmaceuticals.

Unter den Top-10-Finanzierungen gab es immerhin noch vier

Zweitrundenfinanzierungen. Die größte davon gelang mit 13

Millionen € der U3 Pharma aus Martinsried, dicht gefolgt von

der Heidelberger mtm Laboratories mit 12 Millionen €.

Schließlich konnte auch die Regensburger Antisense Pharma

eine zweite Finanzierungsrunde abschließen, die noch höher als

fünf Millionen € lag.

Bei den Top 10 knapp nicht dabei war die Finanzierung der neu

gegründeten NeuroNova aus München. Sie konnte eine

Seedfinanzierung über vier Millionen € mit der niederländischen

VC-Gesellschaft Life Science Partners abschließen,

die ein Büro in München unterhält.

94 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Die NeuroNova wurde im vergangenen Jahr von Dr. Herbert

Stadler mitgegründet, der seinerseits bereits 1997 die Gründung

der Göttinger DeveloGen mitgetragen hat. Der Hauptgründer

und wissenschaftliche Kopf, Prof. Dr. Florian Holsboer, kommt

vom Münchener Max-Planck-Institut für Psychiatrie und

bestimmt somit die Ausrichtung der NeuroNova auf innovative

Therapien zerebraler Störungen.

Zwei weitere Seed-Finanzierungen im vergangenen Jahr fielen

mit einem Volumen von jeweils deutlich unter einer Million €

sehr viel geringer aus. Dazu zählen die Marburger WonDrug

Biosciences sowie die Scanbec aus Halle. Der Zellmembran-

Spezialist JadoLabs aus Dresden konnte in einer Erstrunde eine

Summe von 1,8 Millionen € vom VC-Konsortium

PEPPERMINT, Dresden Fonds sowie einem Privatinvestor

einwerben.

Deutlich wird der geringe Anteil an Seed- und Erstrundenfinanzierungen

ebenfalls in der Abbildung 4-9. Im Vergleich

zum Jahr 2002 hat deren Anteil im vergangenen Jahr

abgenommen. Besonders trifft dies für die Erstrundenfinanzierungen

zu, die bezogen auf die Gesamtzahl an VC-

Investments von einem Anteil von 39 Prozent im Jahr 2002 auf

10 Prozent in 2003 gefallen sind.

Abbildung 4-9:

VC-Finanzierungsrunden nach Phasenschwerpunkt im Jahresvergleich

Seed

2. Runde

Later Stage 11

6

8

1. Runde 39

10

0 10

11

in % von Gesamtzahl

15

25

33

39

49

2001

2002

2003

54

20 30 40 50 60

Deutlich zulegen konnte dagegen im Jahresvergleich jeweils der

Anteil an Zweitrunden- und „Later-Stage“-Finanzierungen.

Insgesamt spielten diese die Hauptrolle bei der Anzahl an

Biotech-VC-Runden. Diese Erkenntnis ist nicht weiter

verwunderlich und stimmt mit den Aussagen der Investoren

überein, sich auf spätere Phasen zu konzentrieren. Die VC-

Gesellschaften versuchen, ihre Portfolio-Firmen mit Blick auf

zukünftige Exit-Möglichkeiten weiter voranzubringen und

attraktiver zu machen.

Insbesondere der Bereich „Later Stage“, das heißt Finanzierungen

ab der dritten Runde nahmen sowohl nach Anzahl als

auch nach Volumen zu. So umfassen diese Art Finanzierungen

über die Hälfte des investierten Gesamtbetrags an Risikokapital

(siehe Abbildung 4-9 rechter Teil). Der zweitgrößte Anteil liegt

volumenmäßig gesehen bei den Zweitrundenfinanzierungen.

Die Seed- und Erstrundenfinanzierungen spielen dagegen wertmäßig

kaum eine Rolle. Dies hängt zwangsläufig mit den

geringen Beträgen derartiger Finanzierungsstadien zusammen.

Jedoch ist erkennbar, dass im Jahresvergleich ein sehr

deutlicher Einbruch beim Volumen der Erstrunden stattfand.

Der Anteil ist von immerhin noch 29 bzw. 31 Prozent in den

Jahren 2001 bzw. 2002 auf lediglich zwei Prozent im Jahr 2003

gesunken.

Seed

2. Runde

0

1

2

1. Runde 31

2

Later Stage 28

0 10

in % vom Gesamtvolumen

29

29

42

40

44

52

2001

2002

2003

20 30 40 50 60

Quelle: Ernst & Young, 2004

95


Abbildung 4-10:

VC-Finanzierungsrunden nach Segmenten im Jahresvergleich

Therapeutika

Plattform/

Therapeutika

Plattform/

Service

Diagnostika

Tissue

Engineering

Drug-Delivery-

Systeme

0

0

3

6

10

16

in % von Gesamtzahl

23

23

26

2002

2003

Abbildung 4-10 veranschaulicht die Verteilung der Risikokapitalfinanzierungen

der Jahre 2002 und 2003 auf verschiedene

Segmente der Core-Biotech-Firmen. Der linke Teil zeigt

dabei den Anteil an der Gesamtzahl an Runden, der rechte Teil

den Anteil am Gesamtvolumen.

In beiden Jahren lag sowohl beim Volumen als auch bei der

Anzahl der Schwerpunkt der Investitionen bei Unternehmen,

die mit oder ohne eigene Plattform Therapeutika entwickeln.

Aus dem Vergleich der beiden Jahre 2002 und 2003 ergibt sich

in dieser Gruppe, dass die Investoren die plattformbasierten

Therapeutikaentwickler bevorzugen. Dies trifft sowohl für die

Analyse nach der Gesamtzahl wie auch dem Gesamtvolumen

zu. Vermutlich sehen die investierenden VC-Gesellschaften hier

breitere Möglichkeiten, dass Produkte entwickelt werden

können.

Nach dem Therapeutika-Bereich folgen als zweitgrößter Anteil

die Finanzierungen in Diagnostika-Firmen. Diagnostik kann

zwar nicht die Returns der Therapeutika-Entwicklung bringen,

ist jedoch dafür wesentlich marktnäher. Neben der Therapie

wird zudem die Bedeutung der Diagnostik in Zukunft wachsen.

39

42

D IE F INANZIERUNG DER B IOTECH-FIRMEN

48

48

10 20 30 40 50

Therapeutika

Plattform/

Therapeutika

Plattform/

Service

Diagnostika

Tissue

Engineering

Drug-Delivery-

Systeme

in % vom Gesamtvolumen

So hat auch gemessen an der Gesamtzahl der VC-Runden der

Anteil an Firmen zugelegt, die in der Diagnostikentwicklung

tätig sind.

Im Jahresvergleich ebenfalls deutlich zugelegt hat das Interesse

der Investoren an Tissue-Engineering-Firmen, und zwar sowohl

zahlen- als auch volumenmäßig. Damit steht diese Analyse ein

wenig im Widerspruch zu den Ausführungen des Standes

derartiger Unternehmen in Kapitel 2. Jedoch wird von den

Investoren vermutlich damit gerechnet, dass sich die Marktakzeptanz

entsprechender Produkte erhöhen bzw. die Problematik

der Kostenerstattung lösen wird. Zumindest der Bedarf an

solchen therapeutischen Konzepten scheint angesichts fehlender

Behandlungsalternativen vorhanden.

Firmen, die sich mit der Entwicklung von Drug-Delivery-

Systemen beschäftigen, erhielten im vergangenen Jahr keine

Risikofinanzierung. Der zahlenmäßige Anteil belief sich im

Jahr 2002 immerhin auf noch sechs Prozent und lag damit höher

als derjenige der Tissue-Engineering-Unternehmen.

Wie bereits erwähnt, war die externe Finanzierung über Risikokapital

die hauptsächliche Eigenkapitalquelle für die Biotech-

Unternehmen im vergangenen Jahr. Mit der aufgeführten Problematik,

dass die VC-Gelder nicht allzu üppig ausfielen, stellt

sich die Frage nach alternativen Finanzierungsmöglichkeiten.

96 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

0

3

2

0

9

6

7

17

21

29

28

57

65

2002

2003

10 20 30 40 50 60 70

Quelle: Ernst & Young, 2004


Alternative Finanzierungsmöglichkeiten

Die sicherlich am häufigsten diskutierte Alternative für die

Aufnahme von Eigenkapital ist der Börsengang. Insbesondere

aus Sicht der Investoren steht diese Alternative für eine der

wichtigsten Ablösemöglichkeiten ihrer Engagements in Biotech-Firmen.

Allerdings ließ die aktuelle Kapitalmarktlage in

der jüngeren Vergangenheit keine Biotech-Börsengänge zu und

der Zeitpunkt, wann sich diese Option

wieder ergibt, kann derzeit noch nicht

genau definiert werden.

Daneben wurden von den befragten

Investoren teilweise die Möglichkeiten

der Wandelanleihen sowie „PIPE-Investments“

genannt. In der US-Biotech-

Branche sind diese Finanzierungsinstrumente

bereits weit verbreitet. So konnte

beispielsweise Amgen im Jahr 2002

allein 2,5 Milliarden US$ über die Ausgabe

von Wandelanleihen einnehmen.

Auch die damalige IDEC Pharmaceuticals

erhielt über dieses Finanzierungsinstrument

einen noch recht hohen

Betrag von 675 Millionen US$. Zu den

insgesamt neun Finanzierungen über

Wandelanleihen kamen im Jahr 2002 in

der US-Biotech-Industrie bei den 16 Top-Finanzierungen noch

sieben PIPEs.

In der deutschen Biotech-Industrie spielen insbesondere PIPEs

keine große Rolle, da lediglich fünf Prozent der Unternehmen

börsennotiert sind. In den USA liegt der Anteil öffentlich

gelisteter Biotech-Firmen dagegen bei 22 Prozent. Die größere

Reife der US-Unternehmen ermöglicht auch eher den Einsatz

von Wandelanleihen, die hierzulande höchstens in Form von

Zwischenfinanzierungen mit geringen Volumina von VC-

Gesellschaften abgeschlossen werden.

Der überwiegende Teil der befragten Investoren gab daher auch

an, keine alternativen Finanzierungsinstrumente neben dem

klassischen Risikokapital einzusetzen und dies auch für die

Zukunft nicht zu planen.

Wie bereits erwähnt, nutzen die deutschen Biotech-

Unternehmen neben VC und anderem Beteiligungskapital

vornehmlich den Markt selbst sowie strategische Investoren,

Privatvermögen und Fördermittel.

Fördermittel

Wandelanleihe

Eine Schuldverschreibung eines Unternehmens,

die dem Inhaber das Recht

einräumt, die Anleihe unter bestimmten

Bedingungen und gegen Zahlung

eines bestimmten Geldbetrages in

Aktien des Unternehmens zu tauschen

beziehungsweise zu wandeln.

PIPE (Private Investments in Public

Entities)

Börsennotierte Unternehmen können

statt der Aktienemission am öffentlichen

Kapitalmarkt auch private Kapitalgeber

mittels eines Private Placements

ansprechen.

Staatliche Unterstützung, sei es von Bund oder Land, kann in

manchen Fällen einen stattlichen Betrag erreichen. So

existieren in einigen Bundesländern wie NRW und Bayern

Förderprogramme mit signifikanten Zuwendungssummen.

Der Leverkusener Biofrontera Pharmaceuticals ist es beispielsweise

gelungen, für den Zeitraum 2003 bis 2005 Forschungsmittel

in Höhe von 4 Millionen €

vom Land NRW einzuwerben. Die

Fördergelder werden für die Entdeckung

neuartiger Medikamente in den

Indikationen Schmerz und Morbus

Parkinson eingesetzt.

In der gleichen Größenordnung (jeweils

3,9 Millionen €) liegt die Fördersumme

bei den Unternehmen Direvo aus Köln

und Wilex aus München. Direvo erhält

die Mittel über einen Zeitraum von vier

Jahren ebenfalls vom Land Nordrhein-

Westfalen (Technologie- und Innovationsprogramm

TIP), und zwar zur Finanzierung

eines pharmazeutischen Entwicklungsprojektes.

Die Förderung von Wilex stellt streng

genommen einen Preis des US-Verteidigungsministeriums

dar und wurde im Rahmen eines Brustkrebs-Forschungsprogrammes

an das Münchener Unternehmen

gemeinsam mit seinem akademischen US-Partner Fox Chase

Center vergeben. Die Fördergelder dienen der Finanzierung

zweier klinischer Studien des Medikamentenkandidats WX-

UK1 an Brustkrebspatientinnen, die am Fox Chase Center

durchgeführt werden sollen.

Aus Mitteln der Bayerischen Forschungsstiftung werden die

Sireen aus Martinsried und ihre akademischen Partner mit einer

Million € gefördert. Das Ziel ist, mit Hilfe von Sireens

Technologieplattform neuartige und selektive Wirkstoffe für die

Darmkrebstherapie zu identifizieren.

Mit Unterstützung durch EU-Fördermittel führt die Münchener

4SC in Zusammenarbeit mit Forschern verschiedener

europäischer Universitäten (Lund, Göteborg, Krakau, Sheffield,

Dublin und Warschau) ein Projekt zur Entwicklung neuer

Medikamente gegen Infektionen durch.

97


Eine Analyse, die auf der öffentlich zugänglichen BMBF-

Förderdatenbank (Berichtsjahr 2002, Biotechnologie) beruht,

gibt interessante Einblicke in die Förderprojekte des Bundes. In

dieser Datenbank, die über den Projektträger Jülich zur Verfügung

gestellt wird, sind Detailinformationen zu Förderprogramm,

Inhalt des Projektes, Laufzeit und Fördersumme

vorhanden.

Für den Zeitraum 2000 bis 2003 wurde für die vorliegende

Studie speziell zu den in der Datenbank gelisteten Core-

Biotech-Unternehmen Anzahl, Zuordnung und Förderhöhe der

Projekte untersucht. Dabei wurden Projekte, die vor dem

Untersuchungszeitraum begannen und solche, die darüber

hinausreichen, kostenmäßig nur anteilig berücksichtigt. Zudem

wurde zur Ermittlung der Fördersumme auch nur der

Förderanteil des BMBF berücksichtigt, der in der Regel 50

Prozent des Gesamtvolumens der einzelnen Projekte beträgt.

Die Förderquote durch das BMBF kann dabei aber prinzipiell

von 25 bis 100 Prozent variieren.

Im analysierten Zeitraum lag die Gesamtsumme der Förderung

von Core-Biotech-Firmen bei 51 Millionen €. Diese verteilte

sich auf 107 Firmen mit 140 Projekten. So lag im Schnitt die

Fördersumme bei 0,48 Millionen € pro Firma. Jedoch weichen

absolut gesehen die Förderbeträge pro Firma stark voneinander

ab: von 0,03 bis 2,4 Millionen €. Vereinzelt können derartige

Fördersummen also durchaus eine beachtliche Ergänzung zu

anderen Finanzierungen sein.

D IE F INANZIERUNG DER B IOTECH-FIRMEN

Abbildung 4-11:

Verteilung von Biotech-Förderungen im Zeitraum 2000 bis 2003

nach Anzahl der Projekte

Verbundprojekte

51 %

Sonstige

15 %

BioRegio

12 %

BioChance

21 %

BioProfile

1 %

Beispielsweise wird mit einer Summe von gut zwei Millionen €

ein Verbundprojekt der Frankfurter IonGate gefördert. Die

Firma entwickelt zusammen mit Wissenschaftlern von Aventis,

der MCS Micro Carrier Systems sowie dem Max-Planck-

Institut für Biophysik in Frankfurt neue Wirkstoffe gegen Herz-

Kreislauf-Krankheiten. Die Münchener Axxima erhält eine

BMBF-Förderung in Höhe von einer Million € über drei Jahre

im Rahmen des Schwerpunktprogramms „Neue effiziente

Verfahren für die funktionelle Proteomanalyse“.

Fördermaßnahmen des BMBF sind entweder den bekannten

Förderprogrammen (BioRegio, BioChance, BioProfile) zuzuordnen

oder sie laufen als individuelle Förderungen, die hier in

einer Kategorie „Verbundprojekte“ sowie „sonstige Einzelprojekte“

zusammengefasst sind.

Aus Abbildung 4-11 ist ersichtlich, dass zwei Drittel der

geförderten Projekte individuelle Fördermaßnahmen an Firmen

oder Konsortien sind; lediglich ein Drittel entfällt auf die

BMBF-Förderprogramme. Bezogen auf die Fördervolumina

ergeben sich geringfügige Verschiebungen zugunsten der

Förderprogramme BioRegio, BioChance und BioProfile.

nach Volumen der Projekte

Sonstige

26 %

Verbundprojekte

33 %

BioRegio

14 %

BioProfile

1 %

98 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

BioChance

26 %

Quelle: Ernst & Young, 2004


Abbildung 4-12:

Aufteilung der Biotech-Förderung im Zeitraum

2000 bis 2003 nach Mitarbeiterkategorien

Mitarbeiterzahl der Firmen

23

1 bis 10 23

7,7

11 bis 30

51 bis 100

5

8,5

> 100 10

4,9

0 10

17,2

15

20

31 bis 50 25

12,9

24

20 30 40 50 60

Abbildung 4-12 zeigt die Verteilung der analysierten Förderprojekte

und -summen auf Kategorien an Mitarbeiterzahlen bei

den geförderten Firmen. Hier wird deutlich, dass die größte

44

58

Anzahl Firmen

Anzahl Projekte

Fördersumme (Mio. €)

Quelle: Ernst & Young, 2004

Tabelle 4-3:

Übersicht zu ausgewählten Förder-/Beteiligungsprogrammen ohne Fachgebietsbezug

Programm Kontakt Ziel

Zahl an Projekten Firmen mit 11 bis 30 Beschäftigten betraf.

Entsprechend floss hier auch die größte Fördersumme. Firmen

mit mehr als 100 Mitarbeitern erhielten die geringste Fördersumme

bei gleichzeitig geringster Anzahl an Projekten. Allerdings

muss dazu erwähnt werden, dass in der Gruppe von

Unternehmen mit mehr als 100 Beschäftigten lediglich fünf

Firmen vertreten sind.

So ergibt sich für die Unternehmen mit mehr als 100 Mitarbeitern

ein durchschnittlicher Wert der Förderung von knapp

einer Million €, womit sie bei der Förderung eindeutig an der

Spitze liegen. Im Vergleich dazu beläuft sich der Durchschnittsförderbetrag

bei den Firmen mit 51 bis 100 Beschäftigten bzw.

31 bis 50 Mitarbeitern auf 0,57 bzw. 0,64 Millionen €. Alle Firmen

mit weniger als 30 Mitarbeitern erhalten einen noch niedrigeren

(0,3 bis 0,4 Millionen €) durchschnittlichen Förderbetrag.

Über die fachbezogene Förderung des BMBF hinaus gibt es

eine Reihe weiterer Fördermaßnahmen des Bundes, die auf

kleine und junge Unternehmen abzielen (siehe Tabelle 4-3).

Oftmals stellt die umfassende Eruierung relevanter Förderprogramme

auf nationaler und internationaler Ebene sowie die

Antragstellung selbst einen erheblichen Aufwand dar, der von

Firmen nicht akzeptiert wird und letztlich oftmals zur Vernachlässigung

dieser „Einnahmequelle“ führt. Das Einbeziehen entsprechender

Beratungskompetenzen kann hier einwertvolles

Investment sein.

ERP-Kapital für Gründung/Wachstum KfW Mittelstandsbank Verbreiterung der Eigenkapitalbasis und Erleichterung der Aufnahme von Krediten

zur Finanzierung der Gründungs- oder Festigungs-/Wachstumsinvestitionen

ERP-Beteiligungsprogramm KfW Mittelstandsbank Förderung des Engagements von Beteiligungsgesellschaften

BTU-Start-up-Phase tbg Begleitung innovativer Vorhaben in der Regel mit einer stillen Beteiligung unter der

Voraussetzung, dass sich ein Leadinvestor in gleicher Höhe wie die tbg beteiligt.

BTU-Frühphase tbg Finanzierung junger, innovativer Unternehmen (insbesondere Ausgründungen aus

Hochschulen und Forschungseinrichtungen) in der Frühphase (Pre-Seed-Phase)

Technologie-Beteiligungsprogramm tbg Ergänzung des BTU-Programms mit Schwerpunkt auf Technologieunternehmen

FUTOUR BMWA/PT Jülich Unterstützung von technologieorientierten Unternehmensgründungen in den neuen

Bundesländern und Berlin-Ost

ERP-Innovationsprogramm – KfW Mittelstandsbank Mobilisierung von Beteiligungskapital für innovative Mittelständler. Das Beteiligungs-

Beteiligungsvariante kapital kann für FuE-Maßnahmen und die Markteinführung neuer Produkte oder Verfahren

eingesetzt werden.

KfW-Risikokapitalprogramm KfW Mittelstandsbank Beteiligungsgarantie gegenüber VC-Gesellschaften, insbesondere im Later-Stage-

Bereich, bei Erschließung neuer Geschäftsfelder, Nachfolgeregelungen und Brückenfinanzierungen

Quelle: KfW, Ernst & Young

99


Alternative Finanzierungsquellen:

Fördermittel für Unternehmen der Biotech-Branche

Die Finanzierung innovativer Vorhaben über Risikokapital oder Fremdkapital ist in den

vergangenen Jahren immer schwieriger geworden. Dies trifft auf die Biotech-Branche in

besonderem Maße zu, denn in wenigen Wirtschaftszweigen weisen Neuentwicklungen

ähnlich lange Entwicklungszeiträume mit dauerhaft hohen Entwicklungskosten und

Entwicklungsrisiken auf.

Da verwundert es nicht, dass alternative Finanzierungsquellen wie Fördermittel zunehmend

an Bedeutung gewinnen. Deutschland bietet eine sehr umfassende,

öffentliche Förderinfrastruktur. Länder, Bund und EU haben ein breites Angebot an

Förderprogrammen geschaffen, von denen einige ausdrücklich auf Biotech-

Unternehmen zugeschnitten sind. Allerdings ist

es angesichts der Vielzahl von Fördermöglichkeiten

für Unternehmen nicht immer leicht, den

Überblick zu behalten und die jeweils passenden

aus über 2.000 in Deutschland verfügbaren

Förderprogrammen auszuwählen.

Viele Unternehmen wissen schlicht nicht, welche

Programme es gibt. Zudem ist die Meinung weit verbreitet, Fördergelder seien nur für

notleidende Unternehmen, kleine Betriebe oder Vorhaben in den neuen Bundesländern

vorgesehen. Die Tatsache, dass auch florierende Unternehmen in den Genuss von

staatlicher Unterstützung kommen können, ist einer überraschend hohen Zahl von

Unternehmen nicht bekannt.

Ein weiterer Grund für die geringe Inanspruchnahme von Fördermöglichkeiten mag auch

die Angst vor Bürokratie sein. Fakt ist allerdings, dass Unternehmen, die sich in puncto

Fördermöglichkeiten kompetent beraten lassen und die bestehenden Möglichkeiten

ausschöpfen, deutliche Vorteile gegenüber der Konkurrenz erzielen können. So können

bei Investitionsvorhaben, aber auch bei Forschungs- und Entwicklungsprojekten oftmals

bis zu 50 Prozent der projektrelevanten Kosten durch nicht rückzahlbare Zuschüsse

abgedeckt werden. Bei der Investitionsförderung werden Vorhaben zur Expansion,

Investitionen in einen neuen Standort oder der Erwerb eines stillgelegten oder von der

Stilllegung bedrohten Unternehmens unterstützt. Diese Art der Förderung findet in von

der EU festgelegten Fördergebieten sowohl in den neuen als auch in den alten

Bundesländern statt. Kleine und mittelständische Unternehmen können je nach

Standort im Rahmen der Investitionsförderung für ihre Vorhaben Fördersätze von bis zu

50 Prozent erhalten. Große Unternehmen können mit bis zu 35 Prozent der

Investitionskosten gefördert werden.

D IE F INANZIERUNG DER B IOTECH-FIRMEN

Die Länder, der Bund und die EU fördern zudem Forschungs- und Entwicklungsvorhaben

im Bereich der Biotechnologie. Auf Ebene der Bundesländer steht eine Förderung i. d. R.

im Rahmen der allgemeinen Innovationsförderprogramme primär kleinen und mittleren

Unternehmen zur Verfügung. Auf Bundesebene gibt es ein eigenes Rahmenprogramm

Biotechnologie, das auch großen Unternehmen attraktive Fördermöglichkeiten im

Rahmen verschiedener Ausschreibungen bietet. Ebenfalls von Interesse für viele

Biotech-Unternehmen ist das Rahmenprogramm Gesundheitsforschung. Beide

Rahmenprogramme werden vom Bundesministerium für Bildung und Forschung

aufgelegt.

Schließlich stehen auch auf europäischer Ebene umfangreiche Fördermittel für den

Biotechnologie-Sektor bereit. Hier ist das 6. Forschungsrahmenprogramm der EU zu

nennen, das in den Jahren 2002 bis 2006 für Vorhaben im Themenfeld „Genomik und

Biotechnologie“ im Rahmen von verschiedenen

Ausschreibungen rd. 2,3 Mrd. Euro an Zuschüssen

bereitstellt.

Öffentliche Fördermittel stellen damit eine

attraktive Möglichkeit dar, Investitions- sowie

Forschungs- und Entwicklungskosten erheblich

zu reduzieren. So hat – ceteris paribus – in einem Unternehmen mit fünf Prozent

Umsatzrendite ein Zuschuss von 500.000 Euro dieselbe Ertragswirkung wie ein Umsatz

von zehn Mio. Euro. Jedoch erfordert die Einreichung eines erfolgreichen Förderantrags

nicht nur einen gewissen Eigenaufwand, sondern auch Erfahrung in der Zusammenarbeit

mit Verwaltungen und Behörden.

Ernst & Young unterstützt mit einem multidisziplinären Expertenteam Unternehmen in

allen Projektphasen – von der Auswahl des richtigen Förderprogramms über die

Identifikation und Einbindung von Projektpartnern sowie die Projektkonzeption und die

Antragstellung selbst bis hin zur Fördermitteladministration. Die deutsche Ernst &Young

Förderberatung ist Teil des weltweiten Global-Incentives-Advisor-Netzwerkes. Allein in

Europa ist Ernst &Young mit über 250 Förderberatern und Projektentwicklern im Einsatz.

Wichtiger Bestandteil des Global-Incentives-Advisor-Netzwerks ist ein eigenes EU-

Kontaktbüro in Brüssel. Unsere Förderspezialisten halten vor Ort den direkten Kontakt zu

Vertretern der Europäischen Kommission und anderen europäischen Einrichtungen.

Von Stephan Naumann, Partner bei Ernst & Young Hamburg und Leiter der Abteilung

Förderberatung und Projektentwicklung in Deutschland

Stephan.Naumann@de.ey.com

100 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Partnerschaften als alternative Finanzierungsquelle

Die gegenwärtige Finanzierungssituation, vor allem im Eigenkapitalbereich,

konzentriert sich nach wie vor sehr stark auf die

klassischen Instrumente wie VC. Dabei hat es sich in den

letzten Jahren deutlich gezeigt, dass VC-Finanzierungen sehr

selektiv geworden sind und die Investoren bei weitem nicht in

der Lage sind, das von ihnen favorisierte Geschäftsmodell der

Medikamentenentwickler allein durchzufinanzieren.

Partnerschaften mit Pharmafirmen, die sich entweder in

Produktentwicklungsprogrammen engagieren und dabei auch

finanzielle Verpflichtungen eingehen bis hin zu Trade Sales als

Exit-Optionen werden als zunehmend wichtig erachtet.

Leider werden von diesen Wunschvorstellungen nach wie vor

zu wenige realisiert. Dies liegt vor allem daran, dass die

deutsche Biotech-Industrie als Ganzes fast nur frühe

Entwicklungsprodukte und Forschungsansätze mit dem

entsprechenden Risikoprofil zu bieten hat, während auf der

Einkaufsliste der Pharmafirmen präferentiell marktnahe Entwicklungen

mit entsprechend hoher Markteintrittswahrscheinlichkeit

und konkreten Umsatzgrößen stehen. Dazu kommt die

Tendenz der Pharmafirmen, Kooperationsverträge mit Biotech-

Firmen so zu gestalten, dass sie die bestehenden Risiken zu

einem großen Teil mittragen; Up-front-Zahlungen werden vielfach

zu Gunsten von Meilenstein- und Royalty-Verpflichtungen

niedrig angesetzt. Die somit in die Zukunft projizierten

Zahlungsströme kommen dem Pharmapartner im Sinne der

Risikominimierung entgegen, helfen dem finanzschwachen

Biotech-Unternehmen aber nicht, seine aktuelle Finanzierungsnot

nachhaltig zu überwinden, geschweige denn in Wachstum

umzusetzen.

Auch die im Kapitel 3 beschriebenen Versuche, kleine und

mittlere Pharmafirmen in Deutschland mit Biotech-Firmen

zusammenzubringen, könnten vor allem an der Finanzierung

dieser Modelle scheitern.

Es stellt sich die Frage, wie diese Schere zwischen

Entwicklungsprojektstadien (früh – spät) und Finanzierung

(Mittel zur Weiterentwicklung bis in spätere Phasen) anderweitig

geschlossen werden kann. Eine sich entwickelnde Alternative

kommt aus dem Feld der Contract Research Organisations

(CRO).

Waren CROs in der Vergangenheit oftmals nur der verlängerte

Arm von Pharmafirmen mit dem Auftrag, klinische Studien

nach vorgegebenem Entwicklungsplan als Service-Leistung

durchzuführen, so kommt Ihnen heute zusehends eine wichtigere

Bedeutung zu. Insbesondere für Biotech-Firmen spielen

sie vielfach über die Dienstleistung hinausgehend die Rolle des

Beraters, der einen Entwicklungsplan erstellt und die Planung

entsprechend realisiert.

Damit ist allerdings noch keine Lösung für das finanzielle

Dilemma bei den Biotech-Firmen gefunden.

Hier bewegen sich jedoch die Fronten insofern, als CROs

stärker als zuvor aktiv überlegen, gegen Überlassung von

Produktrechten auch finanzielle Verpflichtungen einzugehen.

Hier könnte tatsächlich eine Brücke gebaut werden, die es

Biotech-Firmen erlauben würde, ihre Entwicklungskandidaten

weiter voranzubringen und deren Wert und Attraktivität entscheidend

zu steigern. CROs hingegen können dank ihres

großen Know-hows im Entwicklungsprozess im eigenen Interesse

sicherstellen, dass die durchgeführten Studien qualitativ

einwandfrei und zielführend ablaufen.

Solche Modelle könnten für Biotech-Unternehmen eine Reihe

von Vorteilen bieten:

• konkrete Finanzierungsquelle

• Erfahrungszuwachs durch qualifizierten Entwicklungspartner

• Wertsteigerungsmöglichkeit im eigenen Unternehmen

• Steigerung der Attraktivität für Pharmapartner (später oder

zusammen mit CRO)

Dieses Modell sollte auch den Interessen von VC-Investoren

entgegenkommen. Je nach Ausgestaltung einer solchen Partnerschaft

können sich der reduzierte Finanzierungsbedarf, die

Einbeziehung eines erfahrenen Entwicklungspartners im Sinne

eines externen Evaluierers wie auch die Möglichkeit eines Exits

selbst als Entscheidungskriterium für eine weitere Finanzierungsrunde

positiv auswirken. Im Folgenden wird ein entsprechendes

Partnerschaftsmodell konkret vorgeschlagen und mit verschiedenen

Optionen näher diskutiert.

Ob solche Modelle sich als Zwischenlösung oder generell als

Ersatz für die geforderten, aber nicht im notwendigen Umfang

tatsächlich stattfindenden Pharma-Biotech-Partnerschaften

eignen, wird die Zukunft zeigen müssen.

101


Brad Benson, aaiPharma – Division AAI Development

Services, Wilmington, NC, USA

APartnership Model for Virtual and Start-up

BioPharmaceutical Companies

This is a new paradigm for how small biotherapeutic companies, virtual or not, can

benefit from a partnership with aaiPharma. This unique, two-pronged business approach

of aaiPharma provides the vehicle for an evolving model or paradigm for working with

small and virtual companies with early funding from venture capital companies or private

investors.

The model in detail is described as follows:

• Development of a product is carried out by AAI Development at some decreased or

no cost to the company or venture capital provider in return for other deferred

compensation.

• The resulting developed molecule or device could then find one of several pathways

for commercialization:

1) aaiPharma could finish the development and add

this product to its growing portfolio of products

for marketing while the virtual company and

venture capital provider would recognize royalties

and/or licensing fees.

2) The product could be licensed to a third party

such as a large Pharma company for marketing

using the business development expertise of

aaiPharma with aaiPharma having added value in

development and sharing in licensing and royalty

compensation.

3) The entire virtual company could be acquired by

aaiPharma if there was a proper strategic fit in terms of pipeline and/or technology

providing earlier exit for the venture capital organization.

4) And finally the product could be carried forward by the virtual company

reimbursing AAI Development for its earlier efforts by royalties, milestone

payments, equity, or whatever other reimbursement vehicle deemed appropriate

by all of the parties involved.

These scenarios offer a virtual company and its venture capital partners a new paradigm

for not only adding value to their company and products, but mechanisms for recognizing

the value more rapidly.

D IE F INANZIERUNG DER B IOTECH-FIRMEN

The described model may also help bridge the gap between German Biotech companies

with an early pipeline and current financial constraints and Pharma companies focusing

their partnering interest primarily on later stage products with proven patient efficacy.

This flexibility provided by aaiPharma allows additional exit strategies for venture capital

providers, who provide funds to start and maintain virtual and small biopharmaceutical

companies as well as helping the small company add value to its products or projects.

However, the traditional IPO route is not excluded in this current example, in fact, a

public offering could occur in a shorter period of time due to skilled drug development

expertise adding value to the product(s) of the smaller company. In this case, aaiPharma

may have taken equity in the virtual company and when funds are obtained from the

public marketplace, aaiPharma would be compensated by its equity position in the small

company.

The business strategy or model of aaiPharma’s is unique and can be described as one of

acquiring therapeutically relevant compounds at various stages of development, as well

as providing world class scientific expertise through its contract

pharmaceutical development division, AAI Development Services.

With a field sales force of nearly 250 representatives, aaiPharma

markets a growing portfolio of well-known branded products while

applying its R&D expertise to increase the commercial potential of

these products. The R&D organization of aaiPharma is also developing

new products to position the company for further near and long term

growth.

While being named by Fortune among the fastest-growing companies

in the U.S. (19th in overall growth, 2nd for earnings growth) aaiPharma

through its AAI Development division, continues to be a world leader

in pharmaceutical development, providing services to customers in

the pharmaceutical, generic, biotechnology and medical device sectors. The range of

service capabilities of AAI Development is among the broadest in the pharmaceutical

development industry. Its capabilities include full formulation development for all types

of dosage forms and containers, stability and laboratory testing, full clinical

development, clinical and niche commercial manufacturing for all types of solid and

liquid dosages, and bioanalytical testing. Underlying all of these services is a

commitment to quality and a regulatory capability developed from nearly a quartercentury

of experience working closely with regulatory agencies. The sizes of the client

companies vary from virtual ones to the largest international Pharma companies.

www.aaidevelopment.com

102 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Kapitalbedarf und Barreserven

Trotz der erfolgreichen Finanzierungen der Core-Biotech-

Industrie im vergangenen Jahr besteht dennoch derzeit eine

enorme Finanzierungslücke. Dies trifft insbesondere auf die

VC-finanzierten Firmen zu.

Abbildung 4-13:

Kapitalbedarf bei den Sample-Unternehmen je nach Geschäftsmodell

davon Produkt

davon Service

3

5

Die für die Studie befragten Unternehmen haben nach eigenen

Angaben einen aktuellen Kapitalbedarf von insgesamt knapp

800 Millionen €, der sich auf rund 100 Firmen, das heißt 46

Prozent der analysierten Unternehmen verteilt. Von den Firmen,

die Kapitalbedarf angegeben haben, entfällt der größere Anteil

(55 Prozent) auf die bereits mit Risikokapital finanzierten

Firmen. Aber auch Firmen, die nicht mit VC finanziert sind,

könnten weiteres Kapital gebrauchen, um weiteres Wachstum

oder das Überleben zu sichern.

VC-finanzierte und nicht VC-finanzierte Unternehmen unterscheiden

sich dabei hinsichtlich des benötigten Kapital-

Volumens beträchtlich (siehe Abbildung 4-13, rechter Teil). Die

56 bereits mit VC ausgestatteten, jedoch neues Kapital

suchenden Firmen der Studie benötigen 640 Millionen €, und

damit einen Anteil von 80 Prozent des Gesamtkapitalbedarfs

der Industrie.

Deutlich wird auch, dass unter den VC-finanzierten Firmen vor

allem die reinen Produktfirmen, die keinerlei Service anbieten,

den größten Kapitalbedarf haben.

Im Gegensatz dazu zeigt sich, dass unter den nicht VCfinanzierten

Firmen Unternehmen, die Produktentwicklung und

Service integrieren, den größten Kapitalbedarf haben.

Anteil an allen Kapital suchenden Firmen in % Anteil am Gesamtkapitalbedarf in %

insgesamt

davon Produkt &

Service

0

4

18

35

35

44

VC-finanziert

55

nicht VC-finanziert

10 20 30 40 50 60

insgesamt

davon Produkt

davon Produkt &

Service

davon Service

0

2

1

1

15

24

Wie Abbildung 4-14 belegt, ist der Zeitdruck bei den Firmen,

die Kapital aufnehmen wollen, beträchtlich. 68 Prozent der VCfinanzierten

Unternehmen stehen Barreserven für weniger als

ein Jahr zur Verfügung. Dies sind in der Tat alarmierende

Ergebnisse, die den weiteren Bestand von einigen Firmen stark

in Zweifel ziehen.

Abbildung 4-14:

Cash-Reserven der Kapital suchenden,

VC-finanzierten Firmen

≤6 Monate

20 %

6 bis 12 Monate

48 %

20

58

80

VC-finanziert

nicht VC-finanziert

20 40 60 80 100

Quelle: Ernst & Young, 2004

> 12 Monate

32 %

Quelle: Ernst & Young, 2004

103


4.3 Kapitalmarkt und Börse

Im vergangenen Jahr wurde die Umstrukturierung an der

Deutschen Börse abgeschlossen: Nachdem zum 1. Januar 2003

die vom Börsenrat der Frankfurter Wertpapierbörse beschlossene

neue Segmentierung des Aktienmarktes in Kraft trat,

entstand für Aktien und aktienvertretende Zertifikate – neben

dem General Standard mit den gesetzlichen Mindestanforderungen

des Amtlichen Marktes oder des Geregelten

Marktes – das neue Segment Prime Standard mit einheitlichen

Zulassungsfolgepflichten.

Das frühere Börsensegment des Neuen Marktes wurde komplett

aufgelöst. Die bis dato dort gelisteten Firmen wurden auf

die anderen neuen und bestehenden Segmente verteilt. 15 der

zuletzt am Neuen Markt gelisteten Biotech-Firmen sind mittlerweile

in das neue Prime-Standard-Segment integriert; unter

anderem sind dies die börsennotierten Core-Biotech-Firmen

Evotec OAI, GPC Biotech, LION bioscience, MediGene,

MorphoSys, MWG Biotech, november und Qiagen.

Die Aktien der ebenfalls börsennotierten Core-Biotech-

Unternehmen Mologen, codon sowie GeneScan Europe werden

im Geregelten Markt geführt.

Am 24. März 2003 begann die Berechnung der neuen Indexsystematik,

die neben dem DAX, MDAX, SDAX und TecDAX

als Hauptindizes weitere Subindizes mit Branchenausrichtung

umfasst.

Der bisherige „Neue Markt Biotech Index“ wurde auf den

„Prime IG Biotechnology Index“ umgestellt, der jedoch

weniger Werte enthält als der Biotech-Index des früheren Neuen

Marktes.

Abbildung 4-15 zeigt eine Fortführung der Marktkapitalisierung

der im ehemaligen „Neuen Markt Biotech Index“ geführten

und heute noch bestehenden Unternehmen, um eine

Vergleichbarkeit zu früheren Jahren zu ermöglichen. Es handelt

sich hier um keine Indexdarstellung, da nicht eine prozentuale

Veränderung, sondern der tatsächliche Wert der Marktkapitalisierung

in Millionen € aufgetragen wird.

Abbildung 4-15:

Veränderung der Gesamtmarktkapitalisierung der Unternehmen im ehemaligen Neuen Markt Biotech Index

Mio. €

22.000

20.000

18.000

16.000

14.000

12.000

10.000

8.000

6.000

4.000

2.000

0

Jul 99

Sep 99

Nov 99

Jan 00

Mrz 00

Mai 00

Jul 00

Sep 00

Nov 00

Jan 01

Mrz 01

Mai 01

104 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004

Jul 01

Sep 01

Nov 01

Jan 02

Mrz 02

Mai 02

Jul 02

Sep 02

Nov 02

Jan 03

Mrz 03

Mai 03

Jul 03

Sep 03

Nov 03

Jan 04

Quelle: Deutsche Börse, Ernst & Young, 2004


Nach dem Börsenboom, der im September 2000 seinen Höhepunkt

fand, ist die Marktkapitalisierung der deutschen Biotech-

Firmen stark gesunken. Sie lag Ende Januar 2004 auf dem

gleichen Niveau wie Mitte 1999. Neben dem Verfall der

Marktkapitalisierung auf Grund der allgemeinen schlechten

Börsenverfassung hat sich die Gesamtkapitalisierung auch

deswegen reduziert, weil einige der früher gelisteten Biotech-

Unternehmen (inländische wie ausländische) die deutsche

Börse verlassen haben.

Im Vergleich zu dem absoluten Tiefpunkt zu Anfang des Jahres

2003 konnte sich die Marktkapitalisierung allerdings wieder

stark erhöhen. Dies wird in der Skala mit den Spitzenwerten

von September/Oktober 2000 (mit über 20 Milliarden €) in

Abbildung 4-15 nicht ganz deutlich.

Das Niveau bleibt zwar im Vergleich nach wie vor gering,

dennoch konnte im Verlauf des Jahres 2003 ein sprunghafter

Anstieg von immerhin über 60 Prozent erzielt werden.

Abbildung 4-16 dient hier einer anschaulicheren Darstellung

(zu beachten ist wiederum, dass es sich hier um keine

Indexdarstellung handelt).

Dies ist eine erfreuliche Entwicklung, nährt sie doch die

Hoffnung, dass die Anleger wieder mehr Vertrauen in die

Biotechnologie finden. Die positive Entwicklung an der

NASDAQ im letzten Jahr hat hier sicher einen größeren

Einfluss gehabt.

Der Zuwachs von 60 Prozent bei der Gesamtmarktkapitalisierung

spiegelt dabei nicht den Erfolg einzelner Aktien wieder.

Spitzenreiter in der Jahres-Performance (Stichtag 26. März

2004) war die Aktie der MWG Biotech mit 366 Prozent

Zuwachs, dicht gefolgt vom Kurs der GPC Biotech mit einem

Zuwachs von mehr als 341 Prozent. Auch die Aktienkurse der

november und der Evotec OAI konnten noch Sprünge von 200

oder mehr Prozent erzielen. Das jeweilige Anfangsniveau war

jedoch sehr niedrig gewesen und schwankte bei den genannten

Aktien zwischen 0,5 und 3 €.

Die in den USA bereits im vergangenen Jahr erfolgten Börsengänge

haben natürlich auch in Europa und in Deutschland die

Zuversicht geweckt, wieder mit dieser Eigenkapitalquelle

rechnen zu können. Die meisten Experten sind sich einig, dass

die positive Stimmung aus den USA auch auf den hiesigen

Märkten Auswirkung haben wird. Die bereits öfter gestellte

Frage hierzu lautet: Wann?

Abbildung 4-16:

Veränderung der Gesamtmarktkapitalisierung der Unternehmen im ehemaligen Neuen Markt Biotech Index im Jahr 2003

Mio. €

3.500

3.000

2.500

2.000

Jan 03

Feb 03

Mrz 03

Apr 03

Mai 03

Jun 03

Jul 03

Aug 03

Sep 03

Okt 03

Nov 03

Dez 03

Jan 04

Quelle: Deutsche Börse, Ernst & Young, 2004

105


Biotech-Börsengänge in Deutschland:

Perspektiven aus Sicht der DZ BANK

K APITALMARKT UND B ÖRSE

Die Anzeichen mehren sich, dass das Kapitalmarktvertrauen in die Biotechnologie wieder

erstarkt. Es scheint, als würde die Enttäuschung der Anleger über die massiven Wertverluste

vieler börsennotierter Biotechs, die sowohl durch Fehlschläge in der klinischen

Entwicklung neuer Medikamente, durch mangelnde Anwendungsbreite oder Vermarktungsgeschwindigkeit

neuer Technologien oder teilweise einfach durch Fehleinschätzung der

eigenen Patentsituation verursacht wurden, einem gesünderen Risikobewusstsein weichen.

Hinzu kommt die Erkenntnis, dass Life Sciences und insbesondere der Biotechnologie

bei der Gesunderhaltung und Ernährung einer sich ständig vergrößernden und

überalternden Bevölkerung eine Schlüsselrolle zukommt und schon allein deswegen ein

attraktives Investment in unsere Zukunft darstellt.

An den Aktienmärkten spiegelt sich diese gestiegene Zuversicht in mehrerer Hinsicht

wieder. Im Zuge der allgemeinen wirtschaftlichen Erholung und beschleunigt durch

Entwicklungsfortschritte bei innovativen Therapien (z. B. Avastin von Genentech, Erbitux

von ImClone) haben die Biotech-Indizes in den letzten 12 Monaten stark an Wert

gewonnen (31.3.04: Nasdaq Biotech-Index (NBI): + 52 %, DZ BANK EU Biotech-Index: + 95 %,

jew. in Landeswährung), wobei nicht nur Produktentwickler (+ 46 %), sondern auch technologie-orientierte

Biotechs (= Dienstleister und Zulieferer (+ 69 %)) von diesem Aufschwung

profitieren konnten. Die US Large Caps haben dabei eher eine mäßige Kursentwicklung

gezeigt, so dass das von kleineren und mittelgroßen Firmen dominierte, europäische

Biotech-Universum den Nasdaq Biotech-Index deutlich outperformen konnte (s.

Abbildung 1).

250

200

150

100

Abbildung 1: Indexierte Kursverläufe von Nasdaq Biotech Index, EU-Biotech-Index (DZ

BANK), Produktentwicklern (EU + US) und Technologie-Providern (EU + US)

vom 31.03.03 bis 31.03.04 Quelle: DZ BANK

50

Mrz03 Apr03 Mai03 Jun03 Jul03 Aug03 Sep03 Okt03 Nov03 Dez03 Jan04 Feb04 Mrz04

EU Biotech all NASDAQ Biotech (US) Technologieanbieter Produkte

In Bezug auf Börsengänge ist der US-Markt jedoch schon einen großen Schritt vorausgeeilt.

Allein von Oktober 2003 bis März 2004 haben sich weit über ein Dutzend klassischer

Biotechs an der Nasdaq notieren lassen und noch mehr Unternehmen haben

dieses Vorhaben durch ihr SEC-Filing bereits untermauert. Es fällt auf, dass der größte

Teil dieser Firmen bereits über Produkte in der klinischen Phase III oder am Markt

verfügt, womit die Emittenten den gestiegenen Reifeanforderungen der Investoren bzw.

deren erhöhter Risikoaversion Rechnung tragen wollen. Ähnlichkeiten existieren auch

hinsichtlich des Emissionsvolumens, welches meist bei 50–100 Mio. US$ lag bzw. liegen

wird. Die derzeit zu beobachtende Sekundärmarktperformance ist dagegen eher enttäuschend,

positive Überraschungen gibt es nur wenige. Nur sieben der insgesamt 17 Unternehmen

notieren derzeit über ihrem Ausgabekurs, wobei sechs von ihnen auch den NBI

schlagen konnten (s. Tab. 1). Europäische Biotech-Firmen geben sich mit ihren Börsenambitionen

generell bescheidener, was jedoch wohl eher am potenziellen Imageverlust

bei Abkehr von dieser Entscheidung als an mangelnder Klasse liegt. Bisher haben

lediglich die mit sehr reifer Pipeline versehene Ark Therapeutics (UK) sowie Basilea (CH)

im März 2004 den Sprung an die Börse gewagt, und der noch mit reichlich VC-Kapital

ausgestattete, hochintegrierte Impfstoffentwickler Intercell (A) hat vor kurzem seine

IPO-Pläne öffentlich konkretisiert.

Auch wenn ein in Phase III befindliches oder bereits vermarktetes Medikament ein gutes

Argument für ein baldiges IPO darstellt, sollte Börsenreife für Biotechs nicht

ausschließlich über den Entwicklungsstand des fortgeschrittensten Produktes definiert

werden. Größe und Wettbewerbssituation der Zielmärkte, Risikodiversifizierung durch

unterschiedliche Wirkstoff- oder Technologie-Plattformen, vermarktungsfähige Basistechnologien,

nachgewiesene Innovationskraft, hohe In-house-Wertschöpfung, erteilte

und nicht nur beantragte Kernpatente, externe Validierung durch Partnerschaften und

Kunden (v. a. bei Technologie-Providern) sind wesentliche, fundamentale Kriterien, die für

einen erfolgreichen Börsengang sprechen. Organisatorische Börsenreife vorausgesetzt,

sollten unabhängig vom Geschäftsmodell auch ein post-IPO-Wert von idealerweise mehr

als 250 Mio. €, ein Liquiditätsbestand der nicht zum Börsengang „zwingt“, ein überzeugender

Mittelverwendungsplan sowie branchenerfahrene Managementmitglieder

und ggf. Investoren vorhanden sein. Zu den aussichtsreichsten Unternehmen aus Europa,

die sehr viele dieser Anforderungen erfüllen, zählen unseres Erachtens Biovitrum (S),

Proskelia (F), Cyclacel (UK), IDM (F), Intercell (A) sowie aus Deutschland u. a. Wilex,

Micromet, Epigenomics und Eppendorf. Sollte bei diesen Firmen ein IPO in Planung sein,

werden derzeit vor allem Fragen nach dem optimalen Zeitpunkt (und damit implizit auch

der Bewertung) sowie nach dem richtigen Börsenplatz die interne Diskussion beherrschen.

Beide Faktoren sind wichtige Einflussgrößen auf Platzierungssicherheit, Höhe

des Mittelzuflusses für das Unternehmen und Sekundärmarktperformance der Aktie.

Zum Thema Timing und Bewertung: auch wenn es grundsätzliches Ziel jedes IPO-

Aspiranten ist, die Kapitalaufnahme beim Börsengang zu maximieren, darf dabei das

Interesse der Investoren nach anschließender und anhaltender Kurssteigerung nicht

vernachlässigt werden. Daher sollte sich die Auswahl des richtigen IPO-Zeitpunkts nicht

auf das optimale Ausnutzen eines günstigen Kapitalmarktmomentums konzentrieren.

Die meisten der o. a. IPO-Kandidaten sind auf Grund ihres Geschäftsmodells als Produktentwickler

auf absehbare Zeit ohnehin nur fundamental und nicht mit klassischen

Marktmultiplikatoren zu bewerten und daher von steigenden Bewertungsniveaus weitgehend

entkoppelt. Zudem haben Investoren und Emissionsbanken gelernt, mit Hilfe

größerer Branchenkenntnisse und risikoadjustierter Pipeline-Bewertungsmodelle realistischer

in der Beurteilung von Biotech-Firmen zu sein, so dass sich ein weiteres Ansteigen

der Biotech-Branchenindizes nur geringfügig auf den erzielbaren Emissionspreis

auswirken dürfte. Eine Bewertungsverbesserung durch Verschiebung des Börsenganges

ist also nur dann zu erwarten, wenn noch operative oder klinische Meilensteine erreicht

werden können, welche das Anlegervertrauen und damit indirekt auch die Platzierungssicherheit

erhöhen, ohne gleichzeitig die Kurssteigerungsphantasien spürbar zu beeinträchtigen.

Auch die Wahl des richtigen Börsenplatzes wird unserer Erfahrung nach von

mehreren Faktoren bestimmt.

106 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Der zu erwartenden Aktienliquidität und der voraussichtlichen Intensität der Analystencoverage

kommen dabei besondere Bedeutung zu. Eine Analyse der DZ BANK bei 198

notierten Biotechs (US: 135, EU: 63) zeigt, dass Nasdaq-gelistete Biotech-Firmen zwar

über Liquiditätsvorteile verfügen, die Unterschiede gegenüber kleinen bis mittelgroßen

Firmen mit Notierung in Europa jedoch relativ gering sind und darüber hinaus auch stark

vom Geschäftsmodell abhängen (s. Abb. 2). Die höhere prozentuale Liquidität der USgelisteten

Firmen mit Marktkapitalisierungen von mehr als 500 Mio. € spielt dabei in der

Praxis eine geringere Rolle, da bei dieser Größenordnung die meisten Transaktionen,

auch der institutionellen Investoren, den Kurs ohnehin kaum beeinflussen werden. Eine

hohe Intensität der Analystenaufmerksamkeit ist unserer Untersuchung zufolge bei einem

Listing innerhalb Europas weitaus wahrscheinlicher als bei Notierung in den USA und das

unabhängig von der Unternehmensgröße. Besonders auffällig werden diese Unterschiede

bei Firmen mit dem Geschäftsfokus „Drug Discovery Services“ (s. Abb. 3). Eine Nasdaq-

Notierung oder Dual-Listing sind aus diesem Blickwinkel daher nur für Großunternehmen

mit stark US-lastigem Geschäft interessant, da sie mit hoher Sekundärmarktliquidität

und guter Analystencoverage rechnen können.

Aufgrund der sich innerhalb Europas sehr ähnelnden, formalen Listing-Anforderungen

bleiben nur noch wenige Kriterien, welche die Wahl des richtigen Börsenplatzes beeinflussen.

Wer Währungsrisiken bei der Kapitalaufnahme ausschließen und gleichzeitig

seinen lokalen Bekanntheitsgrad, z. B. zur Sekundärmarktstabilisierung durch Retailanleger,

ausnutzen möchte, wird sich ohnehin für einen heimatnahen Börsenplatz entscheiden.

Gute Vergleichsunternehmen sind jedoch nicht überall vorhanden, wobei eine

größere Anzahl an Peers mit sehr ähnlichem Geschäftsmodell am gleichen Marktplatz

nicht nur Vorteile birgt, denn sowohl die eigenen Stärken, als auch zeitweilige Schwächeperioden

des Emittenten werden für die Anleger schneller offensichtlich.

Gerade beim Börsenantritt kommt dem Zugang zu qualitativ hochwertigen Biotech-

Investoren eine Schlüsselrolle zu. Ihnen können die komplexen Zusammenhänge, das

Zukunfts- und Risikopotenzial des Unternehmens und damit die Attraktivität der Equity

Story am besten verdeutlicht werden und von ihrem Zeichnungsverhalten hängt ein

Großteil des IPO-Erfolges ab. Obwohl davon ausgegangen werden kann, dass institutionelle

Investoren bei entsprechender Attraktivität des Unternehmens unabhängig vom

Coverage, Mittelwert

6

5

4

3

2

1

USA Biotech

Europa Biotech

0

Produkte Instrumente Drug

Discovery

Services

Consumables

Segment 0–500 Mio. € Marktkapitalisierung

Börsenplatz investieren, sollten Emittent und Emissionsbank bei der Planung der Roadshow

vor dem Börsengang geographische Faktoren berücksichtigen. Unsere Analyse zur

Herkunft der institutionellen Investorengelder in europäische Biotechs kommt zu dem

Ergebnis, dass im Durchschnitt zwar englische und US-Investorenvorherrschen (~ 40 bzw.

~ 30 % des Investitionsvolumens), auf der jeweiligen Landesebene aber häufig lokale

institutionelle Investoren dominieren. Bei deutschen Biotechs stammen z. B. nicht mehr

70 %, sondern nur noch nur noch 27 % des Investitionsvolumens aus England und den

USA, während allein deutsche institutionelle Anleger fast 26 % beisteuern und ein

weiterer großer Block von skandinavischen Investoren kommt (Quelle: Carson – Global

Equity Ownership, Stand: Ende 2003). Dies verdeutlicht, wie wichtig eine gut

vorbereitete und ausgewogene Ansprache dieser Investorengruppen ist, um die

Platzierungssicherheit beim IPO zu maximieren.

von Dr. Bernd Goergen und Sascha Rinno, Abt. Equities und M&A, DZ Bank AG, Frankfurt/M

www.dzbank.de

Tabelle 1:

Übersicht der bisherigen Performance der jüngsten Biotech-IPOs seit Notierungsaufnahme an der NASDAQ Stand: Ende 31.03.04, Quelle: Bloomberg, Preisangaben in Landeswährung

Gelistete Firmen Erstnotiz Emissionsvol. Book- Marktkap. % Perf. vs. % Perf.

(Mio.) building (Mio.) 1. Kurs vs. NBI

Acusphere 07.10.03 $ 52,5 13–15 $ 132,22 –40,36 % –43,09 %

Advancis Pharmaceutical 17.10.03 $ 60,0 12–14 $ 210,73 –8,60 % –17,38 %

Anadys Pharmaceuticals 26.03.04 $ 44,1 11–13 (7–8$) $ 152,4 2,57 % –0,30 %

Ark Therapeutics 03.03.04 £ 55,3 120–146p £ 162,19 –5,56 % –3,51 %

Basilea 25.03.04 CHF 205,8 90–115 CHF 715,78 –1,28 % –7,03 %

CancerVax 29.10.03 $ 72,0 12–14 $ 279,66 –11,58 % –20,09 %

Corgentech 11.02.04 $ 96,0 14–16 $ 482,1 17,00 % 19,63 %

Dynavax Technologies 19.02.04 $ 45,0 12–14 $ 170,45 1,07 % 1,34 %

Eyetech Pharmaceuticals 30.01.04 $ 136,5 18–20 $ 1.283,80 58,10 % 57,66 %

Genitope 30.10.03 $ 33,3 9–13 $ 195,28 26,89 % 17,61 %

GTx 03.02.04 $ 78,3 13–15 $ 250,11 –28,28 % –26,69 %

Myogen 29.10.03 $ 70,0 14–16 $ 424,51 –21,79 % –30,29 %

NitroMed 05.11.03 $ 66,0 11–13 $ 187,49 –28,64 % –38,55 %

Pharmion 05.11.03 $ 84,0 14–16 $ 523,28 61,00 % 51,08 %

Renovis 04.02.04 $ 66,0 13–15 $ 260,11 –15,42 % –16,40 %

Tercica 12.11.03 $ 49,5 11–13 $ 211,30 13,56 % 9,72 %

Xcyte Therapies 10.11.03 $ 32,0 13–15 $ 108,56 –6,38 % –10,21 %

Aktienliquidität, Mittelwert

1,2 %

1,0 %

0,8 %

0,6 %

0,4 %

0,2 %

USA Biotech

Europa Biotech

0,0 %

Produkte Instrumente Drug

Discovery

Services

Consumables

Segment 0–500 Mio. € Marktkapitalisierung

Abbildung 2:

Abhängigkeit der Aktienliquidität

von der Geschäftsausrichtung

bei 159 in den USA

oder Europa notierten Biotechs.

(Liquiditätsmaß ist

durchschnittliche Anzahl täglich

gehandelter Aktien innerhalb

der letzten 6 Monate im

Verhältnis zu Gesamtaktienzahl,

Stand: 31.03.04)

Abbildung 3:

Zusammenhang zwischen Intensität

der Analystencoverage,

gemessen als Anzahl unterschiedlicher

Analystenhäuser

des Unternehmens in den

letzten 12 Monaten, und des

Business-Modells. (Basis:

159 Biotech-Unternehmen

mit Listing in den USA oder in

Europa, Stand: 31.03.04)

107


K APITALMARKT UND B ÖRSE

Dass auch in Deutschland wieder konkret über einen Börsengang

nachgedacht wird, zeigt sich daran, dass sich der Anteil

der Sample-Unternehmen, die sich einen Börsengang als Exit

konkret vorstellen können, im Vergleich der Jahre 2002 und

2003 nahezu verdoppelt hat. Rund ein Viertel der Sample-

Unternehmen hat Pläne in der Schublade, die sich in einem

Zeitfenster von bis zu 36 Monaten bewegen.

Aus Abbildung 4-17 ist ersichtlich, dass dabei der größte Anteil

auf solche Firmen entfällt, die eher mittelfristig für die nächsten

drei Jahre einen Börsengang erwägen. Angesichts der noch

nicht gefestigten Stimmung für erfolgreiche Börsengänge

erscheint ein solcher Zeithorizont bzw. eine entsprechende

Flexibilität sinnvoll. Dennoch gibt es auch forschere Unternehmen,

die einen Börsengang innerhalb der nächsten zwei

Jahre für denkbar halten. Vier Unternehmen gaben an, innerhalb

der nächsten 12 Monate, also noch im Laufe diesen Jahres an

die Börse gehen zu wollen.

Abbildung 4-17:

Planung Börsengang bei Sample-Unternehmen

Anzahl Firmen in %

60

50

40

30

20

10

0

2002

2003

20

32

5

8

0

12 M 24 M 36 M

Quelle: Ernst & Young, 2004

52

Für einen erfolgreichen Börsengang sind viele Faktoren zu

beachten.

Dazu zählt vor allem eine übersichtliche und transparente

Organisationsstruktur des Unternehmens. Dem potentiellen

Investor muss es möglich sein, die Strukturen der Aufbau- und

Ablauforganisation und die Beteiligungsverhältnisse nachzuvollziehen.

Die Erstellung eines vollständigen Businessplans

gilt als eines der wichtigsten Kriterien. Hierbei sind der Analyse

der eigenen Position gegenüber den Wettbewerbern sowie der

Betrachtung von Markteintrittsbarrieren, Perspektiven der

Branche und preispolitischen Spielräumen besondere Aufmerksamkeit

zu schenken.

Auf der Grundlage des Businessplans wird die so genannte

Equity Story „geschrieben“, das heißt, eine spannende

„Verpackung“ des Geschäftsmodells des Unternehmens, die

den Investor für das Unternehmen begeistern soll. Ein funktionierendes

internes und externes Rechnungswesen, das zu zeitnahen

und verwertbaren Ergebnissen führt, ist nicht nur auf

Grund der einzuhaltenden Publizitätspflichten notwendig

(Quartalsberichterstattung nach IAS oder US-GAAP), sondern

auch unerlässlich zur effizienten Steuerung des Unternehmens.

Es ist jedoch darauf zu achten, Prognosen zukünftiger Erträge

plausibel darzulegen und anhand des Businessmodells und der

verfolgten Strategie die geplante Mittelverwendung klar

aufzuzeigen.

Die Erfahrung und die fachliche Kompetenz des Managements

stellt eine Kernvoraussetzung dar. Außerdem muss berücksichtigt

werden, dass der Börsengang viel Zeit beansprucht und

hierfür genügend Managementkapazitäten einzuplanen sind.

Im Rahmen der Equity Story ist das Alleinstellungsmerkmal

des Unternehmens (USP) hervorzuheben. Die Abgrenzung

eigener Produkte und Dienstleistungen zu denen der Konkurrenz

muss dem potentiellen Investor deutlich kommuniziert

werden. Auch nach dem Börsengang ist eine kontinuierliche

Investorenpflege (Investor Relations) erforderlich.

108 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


5. Der Biotech-Standort Deutschland

Die deutsche Biotech-Industrie wird wie andere technologisch

ausgerichtete und innovative Branchen von vielschichtigen

Faktoren beeinflusst, die die Leistungsfähigkeit des Standortes

Deutschland bestimmen.

Im Rahmen dieser Thematik wird vom BMBF seit 1998 jährlich

ein Bericht zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands

herausgegeben. Der zuletzt verfügbare Bericht für das

Jahr 2002 wurde im Februar 2003 veröffentlicht.

Danach ist die technologische Leistungsfähigkeit der deutschen

Wirtschaft nach wie vor hoch. So hat Deutschland im Jahr 2002

eine gesamtwirtschaftliche FuE-Intensität von 2,5 Prozent

halten können. Für das Jahr 2003 wurde dagegen erwartet, dass

die Verunsicherung der Unternehmen über die mittelfristigen

Markt- und Wachstumserwartungen durchschlagen werden,

denn die seit Anfang der 90er Jahre schwache binnenwirtschaftliche

Dynamik geht auch nicht spurlos am Technologiestandort

Deutschland vorüber. Der Aufhol- und Expansionsprozess

Deutschlands im Bereich der Spitzentechnologie gegen

Mitte und Ende der 90er Jahre ist in den vergangenen zwei

Jahren erheblich ins Stocken geraten.

In der Studie wird festgehalten: „Alles andere als ein

Rückfahren der FuE-Budgets dürfte daher überraschen.“

Abbildung 5-1:

Rangplatz Deutschlands nach wichtigen Kriterien der technologischen

Leistungsfähigkeit

Erwerbstätigenproduktivität

Wissensintensive Wirtschaft

IuK-Ausgaben

Hochtechnologiehandel

Sekundarabschluss

Weltmarktpatente

technikrelevante HS-Absolventen

Abbildung 5-1 zeigt den Rangplatz Deutschlands nach

wichtigen Kriterien der technologischen Leistungsfähigkeit.

Verglichen werden dabei die G7-Länder plus die Schweiz,

Schweden, Finnland, die Niederlande und die Republik Korea.

Bei Indikatoren, die gewachsene Strukturen beschreiben, steht

Deutschland recht weit vorne (Wirtschafts- und Außenhandelsstruktur).

Bei investiven Anstrengungen, die den künftigen

Strukturwandel und die Bereitschaft dazu kennzeichnen, fällt

Deutschland dagegen leicht zurück (Bildungs-, FuE- und IuK-

Ausgaben).

Laut Bericht stimmen Wirtschaftsstruktur sowie die Richtung

des Strukturwandels, aber viele andere Länder sind dynamischer

und ziehen nach und nach an Deutschland vorbei. Die

Hauptgründe liegen in einer zunehmenden Knappheit im

Angebot hoch qualifizierter Fachkräfte und in einer über einen

langen Zeitraum hinweg verhaltenen Neigung zu Zukunftsinvestitionen

in FuE, Bildung und IuK. Einzelne erfreuliche

Kursänderungen der letzten Jahre konnten diese Entwicklung

bisher nicht wettmachen.

Abbildung 5-1 zeigt, dass es nicht einen einzigen Faktor gibt,

bei dem Deutschland seine Position signifikant verbessert hat.

Zwar ist es anderen Ländern – vornehmlich

aus Mitteleuropa, z. T. aber auch Japan

– im letzten Jahrzehnt ähnlich ergangen,

Bildungsausgaben

FuE-Ausgaben

Forschungsbeachtung

Quelle: BMBF, Studie zur technologischen Leistungsfähigkeit Deutschlands, 2003

doch darf das kein Maßstab sein, denn

wer die wirtschaftlichen und sozialen

Probleme in Deutschland bewältigen und

in der Weltspitze mitspielen will, darf die

Messlatte im internationalen Technologiewettbewerb

nicht nach unten verschieben.

Er muss vielmehr die Anstrengungen

erhöhen, um wieder die Position

einnehmen zu können, die dem originären

Anspruch – hohes Einkommen und

hoher Beschäftigungsstand – gerecht

wird.

109


Dr. Yoram Karmon, CEO Axxima Pharmaceuticals AG,

München

Eine Lanze für die Internationalisierung

Worin liegt eigentlich der Charme, ein breit gefächertes, internationales Investorenkonsortium

um eine kleine Firma zu scharen, wie bei Axxima geschehen? Jeder Vielreisende

weiß ein Lied zu singen von den Wartezeiten in Lounges, in Check-in-Schlangen, von

kurzen Nächten in fremden Hotelbetten und von langen Flugzeiten. Das ist Zeit, die für

das Führen einer Firma vor Ort verloren geht, die nicht den Kollegen und Mitarbeitern

und ihren Projekten gewidmet werden kann. Nun ist aber die pharmazeutische Industrie,

und in ihrem Gefolge notwendigerweise auch die Biotechnologie, ein sehr internationales

Geschäft. Biotech-Firmen, die langfristig erfolgreich sein

wollen, werden sich früher oder später damit

auseinandersetzen.

Internationalisierung ist auch eines der beiden Schlagworte,

die das Wirtschaftsleben in Deutschland im

vergangenen Jahr mehr geprägt haben als viele andere.

In der öffentlichen Debatte wird Internationalisierung

gerne mit Stellenabwanderung und Preis- oder Lohndumping

verwechselt. Ein Hoffnungsschimmer sind

Hochlohnjobs mit entsprechender Wertschöpfung, zum

Beispiel in Forschung und Entwicklung. Das zweite

Schlagwort ist daher die Innovationsoffensive.

Die Biotech-Industrie darf von sich behaupten, dass Innovation ihr Hauptanliegen ist. Sie

entwickelt Produkte und bietet Dienstleistungen an, die durchweg Neuheitscharakter

haben. Solche Produkte sind immer stark erklärungsbedürftig.

Die Axxima Pharmaceuticals AG zum Beispiel entwickelt Medikamente auf Basis kleiner

Moleküle, die spezifisch bestimmte Proteine, die Kinasen, adressieren. Kinasen spielen

in zellulären Prozessketten (Stichwort: Signaltransduktion) eine zentrale Rolle. Solche

Prozessketten laufen normalerweise „gesund“ ab. Sie können aber auch degenerieren

oder beispielsweise von Krankheitserregern missbraucht werden. Man kennt inzwischen

die Rolle von Kinasen in zahlreichen Krankheitsbildern, wie Krebs, Infektions- oder

Entzündungskrankheiten.

Axxima hat eine einzigartige Technologieplattform auf dem Gebiet der Protein-Kinasen

etabliert, die sich durch eine vollständige Integration von Biologie und Chemie auszeichnet.

Genau diese Technologie, KinaTor genannt, ist der herausragende, strategische

Baustein für Axxima. Der KinaTor ermöglicht u. a. die Selektivität von Kinase-

Hemmstoffen vollständig zu erfassen. Auf diese Weise werden neue, spezifischere und

weniger toxische Entwicklungskandidaten generiert. Axxima hat die notwendige Infrastruktur

geschaffen, um von neu identifizierten Zielmolekülen über neue Leitstrukturen

bis in die klinische Entwicklung der entsprechenden Substanzen zu gelangen.

D ER B IOTECH-STANDORT D EUTSCHLAND

Innovative Medikamentenentwicklung ist immer von sehr hohen Misserfolgsraten

geprägt. Axxima hat also gleichzeitig zwei risikoreiche Wege beschritten: Zur Gründungszeit

waren die Erfolgschancen von Kinasehemmstoffen noch generell angezweifelt

worden. Inzwischen aber hat die Industrie mit Glivec (Novartis) und Iressa (Astra Zeneca)

zwei erfolgreiche Medikamente auf den Markt gebracht und die Ideen der Firma

bestätigt. Viele pharmazeutische Unternehmen verfolgen in der Zwischenzeit dieselben

Strategien und sind auf der Suche nach neuen Wirkstoffen.

Um auf ihrem Weg voranzukommen, hat Axxima daher von Beginn an mit ausgewählten

Investoren zusammengearbeitet. Sie kennzeichnet eine hohe technologische Expertise

und große Erfahrung aus der pharmazeutischen Industrie. Nur solchen Investoren sind

komplexe Innovationen vermittelbar. Es sind auch Investoren, die oft

aus persönlicher Kenntnis heraus von den kurzfristigen Hindernissen

und Rückschlägen der pharmazeutischen Forschung unbeeindruckt

bleiben. Diese Spezialisten haben in der Regel in den Big Pharmas

internationale Erfahrung gesammelt sowie Netzwerke geknüpft und

bleiben auch als VC international aktiv.

Neben der pharmazeutischen Industrie ist auch die Finanzwelt selbst

ein äußerst internationales Geschäft. Die Mechanismen der Finanzbranche

sind deshalb überall ähnlich. Investiert wird nicht aus

Altruismus. Professionelle Investoren, gleich aus welchem Erdteil,

arbeiten ergebnis- und bewertungssensitiv. Kapital überwindet

außerdem schnell alle Grenzen. Für VCs tun sich ständig in diversen

Biotech-Clustern der westlichen Welt, schon bald vielleicht auch in

Ländern wie China, neue Opportunitäten auf. Biotech-Firmen stehen daher auch auf der

Finanzierungsseite in einem stetigen, internationalen Wettbewerb. Investoren werden

auch nicht betriebsblind. Jede Finanzierungsrunde, auch vor den eigenen, bestehenden

Investoren, wird zu einem neuen Werbefeldzug für das Businessmodell und die innovativen

Ideen, die dahinterstecken. Biotech-Unternehmen haben sich daher in letzter

Zeit überall auf kleinere oder gestückelte Private-Equity-Runden einstellen müssen, die

Investoren mehr Spielräume lassen und ihnen die Chancen kurzfristiger Bindung

eröffnen.

Um in diesem Finanzierungsumfeld überhaupt wahrgenommen zu werden, muss ein

Biotechunternehmen sein Profil geschärft haben: Mit einer klaren, finanzierbaren

Strategie, einer nachvollziehbaren, technologischen Fokussierung mit wenigen, dafür

aber umso Erfolg versprechenderen Produkten in der Pipeline und einer erkennbaren

Exitmöglichkeit mit guten Renditechancen für den Private-Equity-Investor. Letztlich aber

wird das Management immer gefordert bleiben, on the road dieses Firmenprofil

Investoren und Partnern weltweit zu vermitteln.

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110 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


5.1 Aktivitäten auf Bundesebene

Pünktlich zu den 5. BMBF-Biotechnologie-Tagen wurde im

vergangenen Oktober in Leipzig von Bundesforschungsministerin

Edelgard Bulmahn ein neues, mit 100 Millionen €

ausgestattetes Programm für kleine und mittlere Biotech-Unternehmen

vorgestellt. Das Mittelstandsförderprogramm namens

BioChancePLUS ist sehr gut angenommen worden, denn bis

Februar diesen Jahres wurden bereits über 220 Projekt-Skizzen

eingereicht.

Inhaltlich liegt der Schwerpunkt der eingereichten Skizzen bei

biomedizinischer Therapie und Diagnostik. Etwa die Hälfte

aller Antragsteller geht davon aus, innerhalb der nächsten zwei

bis drei Jahre Prototypen entwickeln zu können. Rund 90

Prozent der Vorschläge wurden über die Geschäftsstellen der

vom BMBF geförderten Biotechnologie-Regionen eingereicht.

Die meisten Skizzen kamen dabei aus den Regionen München,

Berlin, Stuttgart und Hannover. Bis Ende März 2004 wurde

entschieden, welche Skizzen zu Anträgen weiterentwickelt

werden. Um möglichst viele Unternehmen fördern zu können,

soll der private Finanzanteil im Durchschnitt bei 60 Prozent

liegen. Das Förderprogramm soll so insgesamt 250 Millionen €

mobilisieren.

Nicht direkt biotech-spezifisch, jedoch auf technologieorientierte

Unternehmen ausgerichtet, ist die Initiative der

Bundesregierung zur Verbesserung von Rahmenbedingungen

für Gründungen kleinerer und mittlerer Unternehmen (KMU) in

Deutschland. Im Rahmen der Innovationsoffensive wurde

Anfang diesen Jahres der bereits im Jahr 2003 angekündigte

Die wichtigsten Punkte im High-Tech Masterplan

Quelle: High-Tech Masterplan, herausgegeben vom BMWA und BMBF

• Beteiligungskapital: Mit neuen öffentlichen Finanzierungsinstrumenten

wird der Zugang für junge Technologieunternehmen

verbessert.

• Steuerpolitik: Mit einer Reihe von steuerpolitischen

Verbesserungen für Wagniskapitalgeber und junge Technologieunternehmen

sollen international wettbewerbsfähige

steuerliche Rahmenbedingungen erreicht werden.

• Hightech-Börse: Die Einrichtung eines Segments für junge

Technologieunternehmen kann die Wachstumsfinanzierung

langfristig stärken und die Attraktivität von Börsengängen

erhöhen.

„High-Tech Masterplan“ vorgestellt.

Kernpunkte sind ein verbesserter Zugang zu Wagniskapital, die

Schaffung international wettbewerbsfähiger steuerlicher Rahmenbedingungen

sowie neue Modelle der Zusammenarbeit

zwischen öffentlicher Forschung und KMU. Die Initiative

enthält als wichtiges Element den gemeinsam mit dem

Europäischen Investitionsfonds EIF geschaffenen Dachfonds

für Beteiligungskapital. Mit insgesamt 500 Millionen € sollen

jungen Hightech-Unternehmen wieder Finanzierungsmöglichkeiten

für ihre innovativen Ideen eröffnet werden. Damit

sollen in den nächsten fünf Jahren für diese Unternehmen

zusammen mit privaten Mitteln insgesamt bis zu 1,7 Milliarden €

mobilisiert werden.

Diese Initiative ist sicherlich zu begrüßen. Hinsichtlich der

neuen Kapitalquellen muss jedoch sichergestellt werden, dass

eine im VC-Bereich übliche und entsprechende stringente

Prüfung (Due Diligence) die Vergabe von Finanzmitteln

begleitet. Da die Gelder des Dachfonds an VC-Firmen direkt

gehen soll, ist dieses hoffentlich gewährleistet.

Neben der Gründung des Dachfonds, die Anfang März offiziell

erfolgte, wurden weitere Instrumente der Beteiligungskapitalförderung

an die aktuelle Situation angepasst. So wird ein Start-

Fonds für Investments in Einzelunternehmen aufgelegt, bei dem

offene Beteiligungen möglich sind, um Unternehmen nicht

durch laufende Zinszahlungen für stille Beteiligungen zu

belasten. Bei Bedarf sollen auch spätere Folgefinanzierungen

möglich sein.

• Spin-offs: Der Transfer von Forschungsergebnissen über

Ausgründungen (Spin-offs) von Unternehmen aus Hochschulen

und Forschungseinrichtungen wird durch den Ausbau

entsprechender Förderinstrumente forciert.

• Forschungsförderung: Die Einbindung junger Technologieunternehmen

in Forschungs- und Innovationsnetzwerke wird

verbessert; ihre Forschungsprojekte werden im Rahmen

spezifischer Fachprogramme unterstützt.

• Gründerausbildung und -motivation: Konzepte zur Förderung

einer Gründermentalität in Schulen und Hochschulen werden

ausgebaut, Gründeraktivitäten und -netzwerke an Hochschulen

gestärkt.

111


A KTIVITÄTEN AUF BUNDESEBENE

Zudem wird die Auflage eines Seed-Fonds für FuE-basierte

Gründungen geprüft, um die Finanzierung von frühen Unternehmensphasen

sicherzustellen. Aber auch bereits etablierte

innovative Mittelständler sollen von der neuen Initiative

profitieren können: Unter Federführung der KfW-Mittelstandsbank

wurden zwei Pilotvorhaben entwickelt, die den bisher

vom Markt kaum abgedeckten Bereich zwischen 1 und

5 Millionen € Beteiligungskapital stimulieren sollen.

Neben den seit 2004 geltenden Regelungen der Steuerreform,

die den Höchststeuersatz auf 42 Prozent begrenzt, der damit der

niedrigste Satz ist, den es bisher in der Bundesrepublik gab,

wurde der Körperschaftssteuersatz einheitlich auf 25 Prozent

gesenkt. Dennoch wird durch diese Maßnahmen nicht erreicht,

was Vertreter der Biotech-Unternehmensverbände seit langem

fordern: Die Verrechnung von Verlustvorträgen mit Gewinnen

über einen längeren Zeitraum als acht Jahre sowie die Befreiung

der Unternehmen von Körperschaftssteuern für einen definierten

Zeitraum. Auch die steuerliche Behandlung von Kapitalbeteiligungen

bzw. von Veräußerungsgewinnen geht den

Verbänden nicht weit genug. Hier sieht der High-Tech Masterplan

vor, dass zur Besteuerung des erhöhten Gewinnanteils von

Fonds-Initiatoren das Halbeinkünfteverfahren angewandt wird.

Damit bleibt eine totale Steuerbefreiung ausgenommen.

Statement zum High-Tech Masterplan

Quelle: transkript, März 2004

Dr. Ricardo Gent, Geschäftsführer Deutsche Industrievereinigung

Biotechnologie DIB

Der High-Tech Masterplan ist ein wichtiger Schritt der

Bundesregierung, die technologische Leistungsfähigkeit des

Mittelstandes in Deutschland zu stärken. Wir freuen uns, dass

Aspekte der international wettbewerbsfähigen Besteuerung von

Beteiligungskapital Eingang gefunden haben, wie etwa die

Anwendung des Halbeinkünfteverfahrens bei Besteuerung von

Carried Interest. Einige steuerliche Hemmnisse blieben leider

unangetastet, die wichtig sind für KMU. Zwei Anliegen sollen

hier einmal genannt werden. Zum einen müssen die körperschaftssteuerlichen

Verlustvorträge unbedingt erhalten bleiben,

Der Transfer von Forschungsergebnissen über Ausgründungen

von Unternehmen aus Hochschulen und Forschungseinrichtungen

(Spin-offs) soll durch den Ausbau entsprechender Förderinstrumente

forciert werden. Bereits bestehende Instrumentarien

sind zum Beispiel:

• Die BMBF-Pilotmaßnahme „Erleichterung von Existenzgründungen

aus Forschungseinrichtungen (EEF)“,

• die bereits initiierte Gründung eines Venture-Fonds der Fraunhofer-Gesellschaft

gemeinsam mit externen Investoren,

• die Gründung der Verwertungsgesellschaft „Ascenion“ der

lebenswissenschaftlich orientierten Helmholtz-Zentren. Die

Ascenion GmbH soll die Verwertung von „Life-Science“-

Forschungsergebnissen ermöglichen und unter Umständen

auch über die Helmholtz-Gemeinschaft hinaus aktiv werden.

• Mit der Fördermaßnahme „EXIST-Seed“ wurden in den

ersten fünf EXIST-Regionen bislang über 100 Gründungsvorhaben

mit mehr als 150 beteiligten Gründerinnen und

Gründern gefördert.

um die mit hohen Beträgen in die Forschung investierenden

Biotechnologie-Unternehmen auf den Finanzmärkten nicht zu

benachteiligen. Zum anderen ist die steuerrechtliche Behandlung

von Veräußerungsgewinnen bei Gründern und privaten,

externen Investoren besonders kritisch für eine nachhaltige

Entwicklung von Biotechnologie-Unternehmen und anderen

Hightech-Unternehmen, da bei den risikoorientierten Investitionsentscheidungen

der zu erwartende Wertzuwachs und der

durch eine Veräußerung der Anteile zu erwartende Gewinn eine

wichtige Rolle spielen. Es ist wichtig, die Wesentlichkeitsgrenze

zumindest wieder auf 10 % zu erhöhen. Zudem sollte die

Haltefrist für die steuerfreie Veräußerung von Beteiligungen

von derzeit fünf auf zwei Jahre verkürzt werden. Diese und

andere Hemmnisse müssen noch unbedingt in Angriff

genommen werden.

112 P ER A SPERA A D A STRA - DEUTSCHER B IOTECHNOLOGIE-REPORT 2004


Schließlich wird im High-Tech Masterplan neben der Stärkung

der Forschungsförderung, wie zum Beispiel über das Programm

BioChancePLUS, auch auf neue Konzepte zum Ausbau von

Gründerausbildung und -motivation gesetzt.

Nach der Studie „Global Entrepreneurship Monitor“, die im

Februar 2003 von der Initiative GEM (in Zusammenarbeit mit

Ernst & Young und der Deutschen Ausgleichsbank) zum Stand

der Gründungsaktivitäten des Jahres 2002 in Deutschland im

internationalen Vergleich veröffentlicht wurde, wird vor allem

in der Schulausbildung weltweit zu wenig Wert auf

Gründungsinhalte gelegt. Größter Schwachpunkt sind Inhalte

mit direktem Gründungsbezug (Entrepreneurship, Unternehmensgründung),

aber auch grundlegende Kenntnisse und

Fertigkeiten (Wirtschaftskenntnisse, Kreativität, Eigeninitiative)

werden nicht ausreichend vermittelt. Im Rahmen des

High-Tech Masterplans werden daher von der Bundesregierung

Projekte gestärkt, die bereits heute in Schulen von der öffentlichen

Hand gefördert werden, so zum Beispiel:

• Das Projekt JUNIOR: unter der Schirmherrschaft des BMWA

wird Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit eröffnet,

spielerisch ein eigenes Unternehmen zu gründen und zu

führen.

• Der Planspielwettbewerb „Jugend gründet“: Im Rahmen des

vom BMBF ausgerichteten Wettbewerbs werden die verschiedenen

Phasen forschungs- und technologieorientierter Gründungen

von der Erstellung eines Business-Plans über die

Produktentwicklung und den Markteintritt bis zum Börsengang

virtuell simuliert.

Aber auch in den Hochschulen wird an der Verbesserung des

Gründungsklimas gearbeitet: In den letzten fünf Jahren wurden

fast 50 Lehrstühle für Gründungsforschung und Entrepreneurship

an Fachhochschulen und Universitäten eingerichtet, die zu

zwei Dritteln privatwirtschaftlich finanziert sind. Seit Mitte

2002 hat das BMBF im Rahmen von EXIST-Transfer die

Förderung von Gründungsnetzwerken von zunächst fünf auf

jetzt 15 Hochschulregionen ausgeweitet.

Die Zukunft wird zeigen, inwieweit sich diese Maßnahmen der

Bundesregierung auf den Technologie- und damit auch Biotech-

Standort Deutschland auswirken. Zumindest ist ein erster Schritt

getan, letztlich wird es weltweit jedoch immer konkurrierende

Standorte mit eventuell besseren Bedingungen geben.

Forderungen der VBU (Vereinigung Deutscher

Biotechnologie-Unternehmen) zur Verbesserung von

wirtschaftspolitischen Rahmenbedingungen

Quelle: VBU, Stand Januar 2004

1) Die steuerlichen Rahmenbedingungen

• Befreiung von Körperschaftssteuern und anderen Unternehmenssteuern

für einen definierten Zeitraum

• Verrechnung des Verlustvortrags mit Gewinnen über einen

längeren Zeitraum als acht Jahre

• Zeitliche Ausdehnung der Steuerbefreiung von Veräußerungsgewinnen

von echten und stillen Beteiligungen

• Stock Options werden nicht als geldwerter Vorteil eingestuft

und Verwässerungen derselben sind steuerfrei zu stellen.

• Gewinnanteile der VC-Fonds (carried interest) sind steuerfrei

zu stellen

2) Schaffung eines Technologiesegments an der Deutschen Börse

• Wachstumsfinanzierung der Innovationsunternehmen muss

sichergestellt werden.

• Der Kreis der Finanzierung muss geschlossen bleiben.

(VCs können langfristig nur finanzieren, wenn Exit-

Möglichkeit durch die Börse besteht.)

3) Besserer und intensiverer Technologietransfer aus den

Hochschulen

• Sensibilisierung der Studierenden bezüglich Patenschutz

von Forschungsergebnissen

• Offene Zusammenarbeit zwischen öffentlichen Forschungseinrichtungen

und Unternehmen

4) Bessere Interaktion mit und erhöhte Präsenz bei der EU

• Aktivere Mitwirkung in der EU bei der Planung von neuen,

unsere Branche betreffenden Gesetzen und Förderprogrammen

• Umgehende Umsetzung von EU-Recht in nationales Recht

• Einsetzen für ein europäisches Gemeinschaftspatent

• Vereinfachung von Verfahren

5) Mehr Anreize für eine echte Gründungskultur

6) Umsetzung des bereits in 2003 vom BMBF und der Regierung

diskutierten High-Tech Masterplans für neue Arbeitsplätze durch

Gründung und Wachstumsförderung junger Innovations-

Unternehmen

113


5.2 Bio-Regionen im Visier

Biotechnologiestrategie in Sachsen-Anhalt

und im mitteldeutschen Wirtschaftsraum

Auf die Frage nach wichtigen Biotechnologie-Clustern würde einem nicht spontan

Sachsen-Anhalt einfallen. Dennoch hat diese Region in den letzten Jahren einen interessanten

Weg bestritten. Ebenfalls nicht ganz unwichtig: Die Biotechnologie wird über

Parteigrenzen hinweg als Innovationsmotor angesehen. Mit weit über 100 Millionen Euro

allein in den kommenden fünf Jahren will die Landesregierung diese Entwicklung im

Rahmen ihrer Biotechnologie-Offensive weiter fördern.

Was sind die Besonderheiten der Biotechnologie-Region Sachsen-Anhalt?

Auf den Punkt gebracht, lassen sich folgende Merkmale nennen:

• Umfassende Strategie

• Ausbau von Netzwerken – Pharmabereich/

Neurotechnologie

• Ausbau von Netzwerken – Pflanzenbiotechnologie

• Schaffung von Infrastruktur

• Klare politische Unterstützung

• Rechtliche Rahmenbedingungen

• Wille zur Kooperation mit angrenzenden Regionen

Pläne zur Förderung der Biotechnologie gibt es wie Sand am Meer – aber eine

umfassende, in sich schlüssige Strategie, in der die einzelnen Bausteine ineinander

greifen, findet man selten. Förderpolitik umfasst heute mehr als nur die finanzielle Unterstützung

von Unternehmensgründungen und Forschungsprojekten. Wichtig ist zum

Beispiel auch ein Engagement im Bereich der gesetzlichen Rahmenbedingungen. Die

Biotechnologie-Strategie in Sachsen-Anhalt fokussiert sich auf bestehende Stärken und

will diese weiter ausbauen. Hierzu gehören die Pflanzenbiotechnologie, die biopharmazeutische

Entwicklung und Produktion sowie die Neurotechnologie. Biotech-Start-ups

haben innovative Ideen – aber nur allzu oft noch keine Produkte auf dem Markt. Bestehende

Pharmafirmen haben hier einen Vorsprung – und von denen gibt es in Sachsen-

Anhalt einige: Bayer Bitterfeld, Salutas Pharma, Serumwerk Bernburg, Impfstoffwerk

Dessau-Tornau und die esparma. Aus der Idee, diese beiden Player stärker zusammenzubringen,

sind die Wachstumskerne PharmaMD in Magdeburg (Verknüpfung von Neurobiologie

und Biotechnologie) und der Verbund WWW in Halle (Wertschöpfung mit

Proteinen als Wirkstoffe und Werkzeuge) entstanden.

Keine andere Region in Deutschland hat so gute Voraussetzungen für die Entwicklung

und Anwendung biotechnologischer Verfahren im Agrarbereich. Speziell im Bereich

Pflanzenbiotechnologie ist jedes zweite relevante Start-up in Sachsen-Anhalt angesiedelt.

Die Leibniz-Institute in Gatersleben und Halle sowie das Bundesamt für

Züchtungsforschung in Quedlinburg und die Fachhochschule Anhalt sind international

anerkannt. Diese Ansammlung von Kompetenzen führte im Herbst 2000 zur Prämierung

des InnoRegio-Wettbewerbsbeitrages „InnoPlanta“ durch das BMBF mit ca. 20 Mio. €.

Der regionale Schwerpunkt wird zudem durch die traditionelle Präsenz von Saatzucht-

unternehmen in dieser Region flankiert. Mit einer auf großen Flächen agierenden Landwirtschaft

und einer beachtlichen Veredlungsindustrie sind die potenziellen Anwender

am Standort vorhanden. Mit dem Bio-Zentrum Halle, dem Biotech-Gründerzentrum

Gatersleben (speziell für Pflanzenbiotechnologie) und dem Zentrum für Neurowissenschaftliche

Innovation (ZENIT) in Magdeburg verfügt das Land über eine gute

Gebäudeinfrastruktur. In den Chemieparks Leuna und Bitterfeld existieren günstige

Ansiedlungsbedingungen für biotechnologische Produktionsunternehmen. Der Themenschwerpunkt

Pflanzenbiotechnologie spiegelt sich auch bei den Infrastrukturmaßnahmen

wieder: So ist der Bau eines Bioparks in Gatersleben zur Ansiedlung von Firmen mit

einem maximalen Finanzvolumen von 35 Millionen € und einer Förderung in Höhe von

maximal 90 % geplant. Zielkunden sind vor allem Pflanzenbiotechnologieunternehmen.

Es wird viel über Innovation geredet. Nur

allzu leicht wird dabei vergessen, dass die

Möglichkeit zur Vermarktung genauso

dazu gehört, wie kreative Forschungsansätze.

Aus diesem Grunde hat sich die

Landesregierung entschlossen, die relevanten

Unternehmen bei deren Anbau von

gentechnisch veränderten Pflanzen in

Sachsen-Anhalt zu unterstützen („Initiative

Erprobungsanbau“). Es geht heute nicht mehr nur um Forschungsgelder und Investitionshilfen.

Auch die rechtlichen Rahmenbedingungen müssen stimmen. Sachsen-

Anhalt hat sich deshalb per Bundesratsinitiative dafür eingesetzt, dass die EU-Freisetzungsrichtlinie