Aon Holdings Austria - Kammer der Architekten und ...

archwest.at

Aon Holdings Austria - Kammer der Architekten und ...

Von oben Von oben sieht man nicht, wie hoch oben

das Wetter-Observatorium liegt. „Wolkenhaus“

war sein ursprünglicher Name, „Sonnblick“ ist sein

euphemistisch-offizieller, „Nebelblick“ sein unter

Meteorologen üblicher Name. Der höchstgelegene

Arbeitsplatz Österreichs befindet sich auf 3106 m

inmitten des Nationalparks Hohe Tauern. Kontinuierliche

Messreihen seit mehr als 125 Jahren sind

in Zeiten der Klimakrise ein Kapital, von dem man

nie geahnt hätte, dass es eines Tages so hoch im

Kurs steht.

Fern der Zivilisation kann man hier von Emis-

sionen unbehelligt forschen. Das macht die Daten

so rein wie die Luft, deren nahezu homöopathische

Verunreinigungen hier störungsfrei messbar wer-

den. Gewandelt haben sich die gestellten Fragen.

1886 wollte man die höheren Luftschichten erforschen.

In den 1970er-Jahren den „sauren Regen“.

Heute die Rückbildung der Gletscher, radioaktive

Grüße aus Fukushima und die Erwärmung der

Erde. Immer aufwendiger wurde die Messtechnik.

Manche Apparate erzeugen so viel Abwärme, dass

in der Hütte Unterdruck hergestellt werden muss,

um die Messgenauigkeit nicht zu gefährden. Die

heiße Luft wird über einen 20 m hohen Turm

ausgeblasen. Die Hütte saugt und atmet! Aber auch

das sieht man natürlich nicht, von oben betrachtet.

Wolfgang Pauser �

285

285, Zeitschrift der Bundeskammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

März 2012, www.daskonstruktiv.at, Euro 9,– | gz 12z039152 m | vpa 1070 Wien

285,

anders als geWohnt Kein Zweifel, die Frage nach dem

„weiter wohnen wie gewohnt“ stellt sich

unter wechselnden gesellschaftlichen und

wirtschaftlichen Bedingungen seit dem Beginn des

bürgerlichen Zeitalters um 1800 immer wieder aufs Neue.

Das wird auch so bleiben – eine ebenso spannende

wie anspruchsvolle Herausforderung für alle, die sich

mit dem facettenreichen Wohnungswesen befassen.


2 | 3

Inhalt

7

8 – 11

12 – 15

16 – 17

18 – 21

22 – 24

25 – 27

3

4

5

6

anders als geWohnt

285

Editorial, Pendls Standpunkt

Puntigams Kolumne, Dusls Schwerpunkt

Standpunkte: Rudolf Kolbe, Klaus Thürriedl, Alfred Brunnsteiner

Plus / Minus: Shared Space Thomas Pilz / Hans-Peter Auer

Weiter wohnen wie gewohnt? | Vom Wohnen und dem Wohnungsbau aus

soziologischer und sozialpsychologischer Sicht Susanne Gysi

Wohnen in Österreich – Zwischen Hauseigentum und Miete |

Aktuelle Wohnungsmarktstrukturen und künftige Entwicklungen Josef Kohlbacher & Ursula Reeger

Sozialer und öffentlich geförderter Wohnbau in Zeiten des Finanzkapitalismus |

Über die Ökonomisierung aller Lebensbereiche Andreas Rumpfhuber

wohn-ware standby | Technikkonzepte für zu Hause Renate Hammer & Peter Holzer

Partizipation als Innovation im Wohnbau |

Über Selbstorganisation, Urbanitätskerne und Stadtmotoren Robert Temel

Wohnraum und Gesellschaft |

Vergleichende Reflexionen von Europa und den USA Elisabeth Lichtenberger

32 – 35 Wirtschaftliche Standortbestimmung der Branche |

Durchgeführt von Triconsult im Auftrag der bAIK

36 – 37 Die Integrationsmaschine |

Über Doug Saunders’ bahnbrechendes Buch „Arrival City“ Michael Krassnitzer

40 Empfehlungen

41 Jüngste Entscheidung, Krassnitzers Lektüren

42 Porträt: Josef Linsinger | Magdalena Klemun

43 Fehlanzeige, Das nächste Heft

44 Von oben

Impressum

Medieninhaber und Herausgeber

Erscheinungsweise

Auflage

Einzelpreis

Abopreis pro Jahr

Redaktion, Anzeigen & Aboverwaltung

Redaktionsteam

Redaktionsbeirat

konstruktiv 285

Bundeskammer der Architekten

und Ingenieurkonsulenten (bAIK)

1040 Wien, Karlsgasse 9

T: 01-505 58 07-0, F: 01-505 32 11

www.daskonstruktiv.at

vier Mal jährlich

13.300 Stück

9,00 Euro

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art:phalanx Kunst- und Kommunikationsbüro

Clemens Kopetzky (Geschäftsleitung)

Susanne Haider, Sebastian Jobst, Heide Linzer

1070 Wien, Neubaugasse 25 /1 /11

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redaktion@daskonstruktiv.at, anzeigen@

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arge Walter Bohatsch / Reinhard Gassner, Gerald

Fuxjäger (Präsident der Kammer der Architekten

und Ingenieurkonsulenten für Steiermark und

Kärnten), Georg Pendl (Präsident der bAIK), Rudolf

Kolbe (Vizepräsident der bAIK und Präsident der

Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

für Oberösterreich und Salzburg), Sabine

Oppolzer (Kulturjournalistin), Wolfgang Pauser

(Konsumforscher & Berater), Walter Stelzhammer

(Präsident der Kammer der Architekten und

Ingenieurkonsulenten für Wien, Niederösterreich

und Burgenland)

Lektorat

Gestaltung

Druck

Abbildungen

F. = Fotograf

A. = Architekt

Dorrit Korger

Gassner Redolfi, Schlins

Bohatsch und Partner, Wien

Ueberreuter Print GmbH, Korneuburg

Gedruckt auf SoporSet Premium

Seite 3: F.: Dietmar Tollerian / Konzept: Andreas

Strauss | Seite 4: Ingo Pertramer, Andrea Maria Dusl

| Seite 5: ©Kammer der Architekten und Ingenieur-

konsulenten | Seite 7 – 21: Filip Dujardin | Seite 15,

20: Grafik: Gassner Redolfi/Bohatsch und Partner |

Seite 23: ©>kabelwerk< bauträger gmbh | Seite 24:

Per Hoffmann Olsen, A.: Franz Kuzmich | Seite 26:

Archiv Gabriele Reiterer | Seite 27: Siemens Cor-

porate Archives, Mark Faviell | Seite 32 – 35: Grafik:

Gassner Redolfi/Bohatsch und Partner | Seite 36:

Sue Ann Harkey | Seite 37: Peter Gugerell | Seite 40:

www.mediathek.at, Adam & Harborth, www.

thewildernessdowntown.com | Seite 42: Josef

Linsinger | Seite 43: André Krammer, F.: Frank

Kleinbach, Installation: Peter Dittmer | Seite 44:

Land Salzburg, Landesplanung und sagis

Die Redaktion ersucht diejenigen Urheber,

Rechtsnachfolger und Werknutzungsberechtigten,

die nicht kontaktiert werden konnten, im Falle

des fehlenden Einverständnisses zur Vervielfältigung,

Veröffentlichung und Verwertung von

Werkabbildungen bzw. Fotografien im Rahmen

dieser Publikation um Kontaktaufnahme.

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Beiträge und Abbildungen sind urheberrechtlich

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Zugunsten der Lesbarkeit wird, wenn von den

Autorinnen und Autoren nicht anders vorgesehen,

auf geschlechtsspezifische Endungen verzichtet.

Das Zitat auf dem Titel wurde dem Text

„Weiter wohnen wie gewohnt? Vom Wohnen

und dem Wohnungsbau aus soziologischer und

soziopsychologischer Sicht“ von Susanne Gysi

entnommen.

Fehlanzeige Verordneter Anachronismus Die Stellplatzverpflichtung, insbesondere

die Koppelung von Wohneinheit und Stellplatz, ist ein problematisches Erbe einer längst überholten

Planungsdoktrin. Das Regulativ wurde hierzulande erstmals in der ns-Zeit in der Bauordnung verankert

und wurde auch in der Zeit nach 1945 zu einem unhinterfragten Dogma der „autogerechten Stadt“.

Aber nicht nur aus ökologischen Gründen handelt es sich um eine unzeitgemäße Verordnung. Auch die

Statistik – ca. 40 % der Wiener Haushalte verfügen beispielsweise über kein eigenes Auto – spricht gegen

die Errichtung eines Stellplatzes pro Wohneinheit, wie es etwa das Wiener Garagengesetz verlangt.

Partielles Umdenken hat zu Klauseln geführt, die Ausnahmeregelungen im Bebauungsplan erlauben.

Einzelne Pilotprojekte mit reduziertem Stellplatzschlüssel oder gar autofreie Mustersiedlungen sind

entstanden. Eine generelle Hinterfragung des Regulativs hingegen ist ausgeblieben. Dabei könnten frei

werdende Mittel beim Entfall teurer und nicht benötigter Garagenfläche sinnvoll investiert werden,

etwa in die Erhöhung der Wohn- und Außenraumqualität. André Krammer �

Schalten und Walten [Die Amme – Die Amme_5]

von Peter Dittmer

Im Rahmen dieser Installation tritt der

Museumsbesucher mit einer Maschine

in Dialog, regelrecht widerspenstig geht sie

dabei mit Fragen und Bemerkungen um und

legt die Grenzen der Kommunikation zwischen

Mensch und Computer frei. Die aufgezeich-

neten Dialoge und nähere Informationen sind

unter www.dieamme.de zu finden.

Das nächste Heft Digitalisierung ist mehr als die elektronische

Speicherung von Information, die Übersetzung in

eine binäre Sprache ist vielmehr eine Interpretation der

eigentlichen Information. Denn die innere Logik eines jeden

digitalen Systems lässt nur zwei Werte zu. Daraus ergibt

sich, dass die Maschine nur in Stufen „denken“ kann und

dennoch – oder gerade deshalb – ermöglichen computergestützte

Berechnungen Planungen und Entwürfe, die der

Mensch auf sich allein gestellt nicht bewältigen kann.

Das scheint nur natürlich, hat sich der homo faber doch

immer schon Werkzeuge geschaffen, um seine Umwelt zu

manipulieren. Ungewöhnlich scheint vielmehr die Erfindung

eines Werkzeugs, dessen innere Logik so fremd ist.

Das kommende Heft wird sich daher der Frage widmen,

wie sehr die Digitalisierung der Welt bereits vorangeschritten

ist und zu welchem Ergebnis das führt.


Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

anders als gewohnt oder weiter wohnen wie

gehabt? Synonyme für Veränderung und/oder

Stillstand? Der Strukturwandel und der Wertepluralismus

in unserer Gesellschaft fordern

ihr Tribut in vielen Bereichen unseres alltäglichen

Lebens. „Veränderung von Haushaltsformen

und Wohnweisen“ so die Schweizer

Sozialwissenschaftlerin Susanne Gysi, „lassen

sowohl wandelnde Normen und Werthaltungen

als auch demografischen Wandel und

Pendls Standpunkt

Wohnbau, insbesondere sozialer wohnbau

hat in österreich höchstes niveau. Das zeigen

auch wieder die artikel in diesem heft. Wohnungen

sind leistbar, auch für finanzschwächere,

und das bei hoher qualität hinsichtlich

energiestandard, nachhaltigkeit, freiraumgestaltung

und nicht zuletzt des kerns der uns

betreffenden aufgabe, der architektur. Kritik

am wohnbau bewegt sich daher immer auf

hohem niveau, nicht immer die kritik selbst,

aber eben die objekte derselben. Diesen standard

gemeinsam mit den bauträgern zu halten

und auszubauen ist unser arbeitsprogramm

als architekten und ingenieure, die rahmenbedingungen

dazu zu verbessern jenes der

berufsvertretung.

Erstmals öffnete das

parkhotel vor dem Linzer

Brucknerhaus 2005 seine

Pforten.

neue Anforderungen der Arbeitswelt an die

Privathaushalte (Anm: in Mitteleuropa) erkennen.“

Doch was bedeutet dies tatsächlich

für unsere Lebensphasen und (Wohn)Biografien,

welche Ansätze und Innovationen sind erkennbar?

Partizipatives Planen; generationenübergreifendes

Wohnen, Lifestyle vs. Wohnbedarf;

der öffentliche Raum; Mobilität und

Sesshaftigkeit, Familienwohnung oder Cluster-

Grundriss; Eigentum oder Miete; Immigration

und demografische Alterung; Technikkonzepte

für den Privatraum; Effizienz, Konsistenz und

Die forderung an die politik ist in diesem zusammenhang

recht einfach, aber umso dringlicher:

zweckbindung der wohnbauförderungsmittel.

Diese dürfen nicht – wie leider in den

letzten jahren in einigen bundesländern üblich

– für anderes verwendet werden, sondern

nur gemäß ihrer bezeichnung: für die wohnbauförderung.

In diesem heft wird auch die umfrage der

bAIK vom letzten jahr vorgestellt, welche wir

nun schon dreimal durchgeführt haben. Zwei

für mich maßgebliche kernaussagen seien kurz

umrissen: Die österreichischen architektInnen

nehmen zu 51 % an wettbewerben teil, investieren

dabei 52,1 mio. euro und lukrieren

eine gesamtauftragssumme von 213,4 mio.

euro. Für diese investition in baukultur, welche

in dieser form und in diesem umfang von

Suffizienz; öffentlicher und sozialer Wohnbau?

Wo geht es hin? Diese Schlagwörter dienen

an dieser Stelle nur als Kurzfassung der Themen,

die uns zum aktuellen Schwerpunkt anders

als geWohnt interessiert haben und ließen sich

leicht fortsetzen.

Suffizienz im Sinne der Frage nach dem

rechten Maß benötigt ein Umdenken, ein

Überdenken unserer Lebens- und Wirtschaftsweisen

und damit last but not least auch

das Entwickeln von Wohnformen anders als

gewohnt. In diesem Sinne wünschen wir eine

anregende Lektüre! Heide Linzer (Redaktion) �

keinem anderen beruf eingebracht wird, verlangen

wir nicht mehr, aber auch nicht weniger,

als dass die von uns in über 150-jähriger

tradition entstandenen und weiterentwickelten

regeln von allen beteiligten respektiert

werden.

In der WE, dem kammereigenen pensionssystem,

welches zu führen uns gesetzlich

auferlegt ist, möchten lediglich 10 % der mitglieder

verbleiben, während sich 73 % der mitglieder

für eine überführung in das allgemeine

sozialversicherungssystem aussprechen. Für

mich keine überraschung, aber ein gewichtiges

argument für die legitimität genau dieses

anliegens bei den nun anstehenden verhandlungen

mit den ministerien. … Auf dass die

übung gelinge. Georg Pendl (Präsident der Bundeskammer

der Architekten und Ingenieurkonsulenten) �


Wohnraum Mensch

Martin Puntigam

Kabarettist, Autor und MC der Science Busters

Menschen auf der Suche nach Wohnraum

sind gleichzeitig Wohnraum für eine gigantische

Anzahl an Lebewesen.

Ein erwachsener Mensch besteht nämlich

nicht nur aus Haut und Haar, Fleisch und

Knochen, sondern auch aus circa 1000 Spinnentieren,

etlichen Hundert Madenwürmern,

ein paar Dutzend Amöben und etwa hundert

Billionen Bakterien. Wir selber sind bei uns

nur eine extreme Randgruppe.

Mit dem Austritt des Kopfes aus der

Scheide, praktisch wenn noch ein Teil des

Babys in der Mutter ist, landen die ersten

Bakterien und machen es sich bequem. Wobei

bequem eher übertrieben ist. Sie vermehren

sich sofort rasant und haben dauernd alle

Hände voll zu tun, andere Mikroorganismen

abzuwehren, die ihren Platz besetzen wollen.

Einfach mit einem Handtuch den Platz reservieren

und dann zum Frühstück weggehen,

das geht in der Bakterienwelt nicht. Wohnraum

ist knapp und muss permanent neu erobert

werden.

Wuchereria bancrofti, Escherichia, Staphylococcus,

Klebsiella, Helicobacter, you

Dusls Schwerpunkt

name it. Auf praktisch allen Körperteilen, die

irgendwie Kontakt mit der Außenwelt haben,

inklusive 400 Quadratmetern Schleimhaut

herrscht eine Mikrobendichte, gegen die

Hongkong wie eine Wüstenei wirkt. Und sie

können niemals sicher sein, dass ihr Wohnrecht

erhalten bleibt, selbst wenn sie glauben

im Grundbuch zu stehen. Im Magen etwa können

nur wenige Bakterienarten überl eben,

weil das Salzsäureaufkommen die Wohnqualität

stark schmälert. Wenn Helicobacter-

pylori-Bakterien sich dort ansiedeln und eine

House-Warming-Party schmeißen, dann nennen

Menschen das Magengeschwür, nehmen

Antibiotika und die ganze Mühe mit den Umzugskartons,

extra ausmalen, Bodenabschleifen,

neue Fenster, Designerlampen usw. war

umsonst.

Denn natürlich gestalten auch Bakterien

ihren Wohnraum gerne ein bisschen individuell,

mit viel Liebe zum Detail. Tischtuch,

Blumenschmuck, Kerzen, ein paar Schmuckmurmeln

da, ein paar Duftblätter dort, und

schon wirkt der ganze Raum wie verwandelt.

Wir Menschen nennen das dann Mundgeruch. �

Cross check

Rudolf Kolbe

Vizepräsident der Bundeskammer der Architekten

und Ingenieurkonsulenten

Unverhofft kommt oft

Manchmal passieren Hoppalas. Manchmal ist

es lustig und es passiert nichts. Manchmal ist

es nicht lustig und wir reden dann von einem

Problem. Ein Hoppala, das gar nicht so selten

im Bauwesen passiert, ist, wenn Materiengesetze

übersehen und Dritte geschädigt werden.

Ein Problem.

Zum Beispiel das Wasserrecht (WRG 1959).

Beim Bauen geht es sehr oft in den Untergrund

– auch bei Hochbauten – und dort ist Grundwasser.

So kann es passieren, dass trotz Baubewilligung

Hausbesitzer, durchaus einige 100 m

weit entfernt vom Bauplatz, Ersatz für ihre versiegten

Hausbrunnen fordern.

Nach § 10, Abs. 1 WRG 1959 benötigen

Brunnen zur Abdeckung des eigenen Haus-

und Wirtschaftsbedarf auf eigenem Grund

und Boden keine Bewilligung, somit werden

Schneelast

Alfred Brunnsteiner

Präsident der Kammer der Architekten und Ingenieurkonsulenten

für Tirol und Vorarlberg

Alfred Brunnsteiner gibt allen Hauseigentümern

den dringenden Rat, die Schneelasten

auf ihren Dächern kontinuierlich, also regel-

„Cabin crew, doors in flight and cross check.“

Je ein Flugbegleiter verriegelt die Tür und

kontrolliert dann an der jeweils gegenüberliegenden,

ob sein Kollege dies auch ordnungsgemäß

gemacht hat. Ein ganz selbstverständlicher

Vorgang im Flugbetrieb, kein Infragestellen,

ob denn diese Kontrolle eines an sich

unkomplizierten Vorganges nicht übertrieben

und damit einsparbar wäre. Es hängt einfach

zu viel davon ab, als dass man hier Kompromisse

eingehen würde.

Szenenwechsel. Aus dem Text einer rezenten

Ausschreibung: „Die Erstellung bzw.

Beibringung der notwendigen tragwerkstechnischen

Nachweise ist in die Einheitspreise

einzukalkulieren …“ Keine Präzisierung, was zu

liefern ist, keine Vorgaben, welche Qualifikation

zur Erstellung benötigt wird, und schon

diese auch nirgendwo vermerkt. Trotzdem

entsteht ein Wasserrecht, das durch die Errichtung

von Gebäuden, auch in einiger Entfernung,

nicht beeinträchtigt werden darf.

Jeder Bauherr ist also gut beraten, nicht

nur die Frage des Baugrundes bereits in der

Einreichphase abzuklären, sondern auch die

Fragen des Grundwassers. Dabei ist die Sache

beim Bauen im Grundwasser vergleichsweise

einfach. Beim Kluftwasser im Festgestein

wird es da schon aufwendig, denn Eingriffe in

wasserführende Klüfte können weit entfernte

Hausbrunnen trockenlegen. Der Verursacher

ist dann verpflichtet, Ersatzwasser zu

beschaffen.

Der kluge Mann baut daher vor und erhebt

durchaus großzügig im Umfeld seines

Bauvorhabens alle Hausbrunnen. Empfehlenswert

ist, zu diesem Zweck einen Kollegen

aus dem Bereich der Geologie oder Kulturtech-

mäßig und wiederkehrend, zu messen und

allenfalls das Dach abzuschöpfen. „Als Hauseigentümer

bin ich verpflichtet, zu überprüfen,

wie viel Schnee auf dem Dach meines

Hauses liegt. Diese Messung kann jeder

Hauseigentümer selbst vornehmen oder

durch Zimmermeister, Baumeister oder Ziviltechniker

machen lassen“, betont Brunnsteiner.

Die erhöhten Schneelasten können nämlich

auch der Festigkeit der gesamten

Ge bäu dekonstruktion erheblichen Schaden

zufügen. Deshalb sollte auch die Standfestigkeit

des Gebäudes ständig und wiederkehrend

kontrolliert und geprüft und durch ein

Prüfprotokoll des Fachmannes bestätigt

werden.

Sinnvoll wäre auch ein Tragsicherheits-

bzw. Gebrauchstauglichkeitsausweis für Gebäude.

Alle Prüfberichte könnten in einem

Gebäudeausweis gesammelt werden, schlägt

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Puntigams Kolumne | Dusls Schwerpunkt

Standpunkte

gar keine Vorschreibung einer unabhängigen

Prüfung.

Bis Redaktionsschluss brachte der diesjährige

Winter noch keine größere Zahl von

Dächern zum Einsturz und auch sonst sind –

Gott sei Dank – durch schlechte Tragwerksberechnung

ausgelöste Unfälle oder Schäden

so selten wie Flugzeugabstürze.

Also lehnen wir uns zurück und verzichten

wieder einmal bei Umsetzung der OIB-Richtlinien

in unsere Landesgesetze auf die Verbindlichmachung

der Maßnahmen zur Qualitätssicherung

der Planung oder auch die Ein führung

eines Prüfingenieurs, wie er in anderen eu-

Ländern längst Standard ist. Guten Flug. �

Weitere Informationen zur oib-Richtlinie auf

www.aikammeros.org

Klaus Thürriedl

Vorsitzender der Bundessektion Ingenieurkonsulenten

nik und Wasserwirtschaft zu konsultieren,

um abzuklären, welche Hausbrunnen einem

Beweissicherungsverfahren unterzogen werden

sollen. Leider ist das nicht ganz billig, doch

lassen sich auf diese Weise kostenintensive

Ersatzforderungen vermeiden. �

Brunnsteiner vor. Gemessen wird die Schneelast,

indem man ein einfaches Plastikrohr

durch die Schneedecke bis auf die Dachhaut

drückt. Dann wird das Rohr mit dem Schneeinhalt

auf eine Waage gestellt und der Inhalt

von Schnee und Eis gewogen und durch die

Querschnittsfläche des Rohres dividiert.

Übersteigt das Gewicht den Normwert, muss

das Gebäudedach abgeschöpft werden.

Die Sicherheitsbeiwerte, die bei der Berechnung

und Dimensionierung angesetzt

werden, dürfen nicht für die Aufnahme von

höheren Lasten herangezogen werden. Die

Sicherheitsbeiwerte wurden geschaffen, um

Imperfektionen im Material, Imperfektionen

bei der Ausführung, Lastausmitten und ungewollte

Lastumlagerungen in den Berechnungen

abzudecken. �


Shared Space

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Die neue Kultur des öffentlichen Raums

An der Schnittstelle von Stadtplanung, Verkehrstechnik

und Architektur des öffentlichen

Raums hat sich in den vergangenen Jahren

das Shared-Space-Paradigma erfolgreich etabliert.

Shared Space hat sich aus den aufmerksamen

Beobachtungen des Verkehrssicherheitsexperten

Hans Monderman in Holland

entwickelt und bewährt sich heute in vielen

Städten in ganz Europa. Das Konzept bricht

mit zentralen Mythen der Verkehrsplanung:

Straßen im urbanen Kontext werden nicht

mehr primär als Verkehrsraum aufgefasst,

sondern als prinzipiell multifunk tional und

sozial organisierter öffentlicher Raum; Sicherheit

entsteht nicht durch Segregation (die

führt nur zu Tempo, Unaufmerksamkeit und

dem erhöhten Zwang zum Regelfolgen), sondern

durch das maßvolle Mischen von Verkehrsarten

(ohne die Ausbildung von Territorien

und unter Vermeidung von rechtlichen

Reglementierungen); je mehr Menschen im

Raum anwesend sind, desto sicherer ist die

Situation (weil die real gefahrenen Geschwindigkeiten

sinken); die angemessene Planung

öffentlicher Räume erfolgt nicht durch Verkehrsexperten,

sondern unter intensiver Einbindung

der Bürger vor Ort. Die Logik der Planung

ist damit umgekehrt: Es wird zunächst

ein attraktiver öffentlicher Raum gestaltet,

in den erst dann die Erfordernisse des Verkehrs

integriert werden.

Die positiven Effekte sind verblüffend:

angepasste Geschwindigkeiten, erhöhte Aufmerksamkeit,

sinkende Unfallzahlen, Neubelebung

des Raumes. In Österreich sind so

unterschiedliche Projekte wie die Ortsdurchfahrt

in Gleinstätten (dtv 7000) und der Sonnenfelsplatz

in Graz (dtv 14.000) die ersten

Umsetzungsorte – in beiden Fällen bewährt

sich das Konzept. Und Projekte wie die Exhibition

Road in London oder die Schwarzenburgstraße

in Köniz bei Bern (dtv bis 19.000) zeigen,

dass diese Prinzipien auch in innerstädtischen

Räumen mit sehr hohen Verkehrsfrequenzen

bestens funktionieren. Thomas Pilz �

Plus/Minus

Fluch oder Segen?

Shared Space ist ein neues Konzept zur umfassenden

Gestaltung des öffentlichen Raumes.

Straßen, Plätze und Wege werden als

Lebensraum aufgefasst, der von allen Mitgliedern

der Gesellschaft geteilt und gemeinsam

genutzt wird. Dieser Raum wird nicht

durch Ampeln, Verkehrsschilder, Fußgängerinseln

und andere Barrieren organisiert, sondern

durch die Möglichkeit der Verständigung

aller Verkehrsteilnehmer. Wie sieht jedoch

die Praxis aus? Gleinstätten, eine 1500-Einwohner-Gemeinde

mit etwa 7400 Fahrzeugen

pro Tag war hier Pionier in der Steiermark.

Einbindung der Bevölkerung, Beachtung öffentlicher

Einrichtungen, Gespräche mit Gewerbetreibenden

und letztendlich auch den

Verkehrsteilnehmern waren die Basis für

eine gute und nachhaltige Planung bzw. Umsetzung.

Nach wie vor (die Eröffnung war im

September 2010) gibt es keine Unfälle mit

Personenschäden und funktioniert dieses

Konzept dort. Die Umsetzung am Grazer Sonnenfelsplatz

muss hier aber kritischer betrachtet

werden. 5-sternförmig angeordnete

Zu- bzw. Abfahrten, die doppelte Anzahl an

Fahrzeugen (15.000), über 3400 Fußgänger

und pro Stunde an die 640 Radfahrer stellen

eine Dimension dar, die normalerweise klare

Regelung benötigt. Zu verkehrsintensiven

Zeiten sind chaotische Zustände, Unsicherheit

und Gefahren die Folge dieser Neugestaltung.

Hinzu kommt, dass der Sonnenfelsplatz

nicht wie die insgesamt 107 bereits

umgesetzten Shared Spaces in Holland vollständig

ohne Barrieren gestaltet ist, sondern

dass es in Graz sehr wohl Begrenzungen, einen

angedeuteten Kreisverkehr sowie auch

Steinbarrieren gibt. Gespräche mit Anrainern

und Betroffenen zeigen auch deutlich

die Schwachstellen auf. Viele umfahren den

Sonnenfelsplatz, weil sie Angst haben, viele

berichten uns von gefährlichen Situationen.

Bisher gab es lediglich Unfälle mit Blechschäden.

Bei der Planung dieser Shared Spaces

sollten daher aus unserer Sicht einfache und

klarer strukturierte Straßenzüge in Betracht

kommen, was wiederum für kleinere Gemeinden

und nicht innerstädtische Bereiche mit

hohen Frequenzen von Verkehrsteilnehmern

spricht. Großstädte haben eigene Anforderungen

und Verkehrsteilnehmer von Jung bis Alt

brauchen hier klare Regelungen des Miteinander

– damit Gefahren größtmöglich ausgeschlossen

werden können. Hans-Peter Auer �

anders als geWohnt

Aus Versatzstücken der Realität setzt Filip Dujardin fiktive architektonische

Szenarien zusammen. Obwohl diese wirken, als wären fundamentale

Naturgesetze und Normen gesellschaftlichen Zusammenlebens

außer Kraft gesetzt worden, gelingt es Dujardin, diese utopischen Gebilde

und Konstruktionen in eine Aura des Alltäglichen zu hüllen. Seine Fiktionen

konfrontieren den Betrachter mit den eigenen Vorstellungen und

Konzeptionen architektonischer Gestaltung und Auffassungen des eigenen

Lebensraums. Doch auch in den Bildern selbst prallen planerische

Strukturen und der Wunsch der Bewohner nach eigenbestimmter Lebensraumgestaltung

aufeinander. Trotz der Generierung der Bilder am

Computer haftet ihnen die Vertrautheit dokumentarischer Fotografie

an, denn bei Dujardins fiktiven Architekturen handelt es sich nicht um

Renderings, sondern um detailverliebte digitale Fotocollagen. Gerade

die Witterungs- und Gebrauchsspuren verschleiern den Entstehungsprozess

und laden dazu ein, jedes Detail als Referenz auf tatsächlich

Gebautes zu enträtseln. Bilder aus der Serie Fictions begleiten daher die

Texte des Schwerpunkts und laden Sie ein, Wohnraum „anders als

geWohnt“ zu betrachten. Die Redaktion �


Weiter wohnen wie gewohnt? |

Vom Wohnen und dem Wohnungsbau aus

soziologischer und sozialpsychologischer Sicht

Susanne Gysi ist Sozialwissenschaftlerin.

Sie

war 1990 Mitbegründerin

des eth Wohnforums,

einer Forschungsstelle

am Departement

Archi tektur der eth

Zürich, wo sie bis 2008

forschte und lehrte (www.

wohnforum.arch.ethz.ch).

Als freiberuflich Tätige

bleibt sie dem eth

Wohnforum assoziiert.

1 Andritzky, Michael

(1979), Weiter wohnen

wie gewohnt? Ausstellung

Deutscher Werkbund,

Darmstadt 1979

2 Gysi, Susanne (2009),

Zwischen „Lifestyle“ und

Wohnbedarf. Was der

Mensch zum Wohnen

braucht. In: Eberle, D.

und Glaser, M. A. (Hrsg),

Wohnen – Im Wechselspiel

zwischen öffentlich

und privat. Niggli Verlag

Sulgen/Zürich

3 Hugentobler, Margrit,

Susanne Gysi (1996),

Sonnenhalb – schattenhalb.

Wohngeschichten

und Wohnsituationen

von Frauen in der

Schweiz, Limmat, Zürich

4 Huber, Andreas, (Hrsg.),

eth Zürich (2008), Neues

Wohnen in der zweiten

Lebenshälfte. Birkhäuser,

Basel

5 Hilti, Nicola (2009),

Multilokales Wohnen

zwischen Mobilität und

Sesshaftigkeit, in:

Andexlinger, Wolfgang/

Obkircher, Stefan/

Saurwein, Karin (Hrsg.),

Dokonara. 2. InternationalesDoktorandInnenkolleg

Nachhaltige

Raumentwicklung,

Innsbruck, University of

Innsbruck Press, S. 47–61

6 Hofer, Andreas, Von der

Familienwohnung zum

Cluster-Grundriss, in:

tec21 Nr. 7/2011, sia,

Zürich

„Weiter wohnen wie gewohnt?“ So lautete im Jahr

1979 der Titel des von Michael Andritzky 1 verfassten

Text-Bilderbuchs zur gleichnamigen Werkbund-

Ausstellung über Geschichte, Gegenwart und Alternativen

des Wohnens. Das Mädchen auf dem Titelblatt

sitzt eingemauert in einem Fauteuil aus Beton.

Beklagt werden die lebensfeindlichen Bedingungen

des Massenwohnungsbaus mit seinen beengenden

Grundrissen und Regelungen, aber auch rigide Vorstellungen

darüber, wie „man wohnt“. Kein Zweifel,

die Frage nach dem „weiter wohnen wie gewohnt“

stellt sich unter wechselnden gesellschaftlichen

und wirtschaftlichen Bedingungen seit dem Beginn

des bürgerlichen Zeitalters um 1800 immer wieder

aufs Neue. Das wird auch so bleiben – eine ebenso

spannende wie anspruchsvolle Herausforderung für

alle, die sich mit dem facettenreichen Wohnungswesen

befassen.

Zur Entwicklung der Haushaltformen

Die Nachkriegsbevölkerung in Mitteleuropa ist

demografisch geprägt durch Babyboom, Wanderungsströme,

wachsenden Wohlstand und steigende

Lebenserwartung. In einigen Ländern und Regionen

nimmt sie aus reproduktiven und migrationsbedingten

Gründen ab; älter wird sie überall. Ungleich

verteilte Chancen wirtschaftlicher und individueller

Teilnahme und Teilhabe innerhalb und an den Rändern

Europas – das Ende der aktuellen Wirtschafts-

und Finanzkrise ist noch nicht abzusehen – hinterlassen

bereits wieder deutliche Spuren in neuen

Migrationsmustern: Bevölkerungswachstum hier,

Bevölkerungsschrumpfung dort.

Ähnlich entwickeln sich dagegen die Haushaltgrößen

in Mitteleuropa; sie haben sich zwischen

Anfang und Ende des letzten Jahrhunderts auf knapp

über zwei Personen halbiert, in den Städten liegen

sie bereits darunter. In 35 bis 40 % aller Haushalte

lebt eine Einzelperson. In den Großstädten machen

sie bereits die Hälfte aus.

Wer den Begriff „Haushalt“ mit „Familie“ gleichsetzt,

liegt folglich in zwei von drei Fällen falsch.

Vielfältige Haushaltformen und Wohnweisen lassen

sowohl wandelnde Normen und Werthaltungen

als auch demografischen Wandel und neue Anforderungen

der Arbeitswelt an die Privathaushalte

erkennen. 2 In der Schweiz charakterisieren heute

drei ähnlich große Haushaltformen die Wohnbevölkerung:

Einpersonenhaushalte, Mehrpersonenhaushalte

ohne Kinder und Mehrpersonenhaushalte

mit Kindern.

Einpersonenhaushalte

Aus dem wachsenden Anteil Alleinlebender einen

generellen Trend zum lebenslänglichen Dasein als

„Swinging Single“ oder gar der Vereinzelung abzuleiten

wäre unzulässig, wie ein Blick auf die Altersstruktur

und neuere Studien in Deutschland und

der Schweiz zeigen.

Die Gruppe der Alleinlebenden ist heterogen

und befindet sich in sehr unterschiedlichen

Lebensphasen.

Mit 60 % dominieren die ledigen und verwitweten

Frauen zu gleichen Teilen; die über 64-Jährigen

machen die Mehrheit aus. Mehr als die Hälfte der

alleinlebenden Männer hingegen ist jünger als 40

und lebt öfter als gleichaltrige Frauen geschieden

oder getrennt. Alleinlebende Menschen zeichnen

sich mehrheitlich durch hohe soziale Integration

und vielfältige Beziehungen aus: Jüngere pflegen

gute Kontakte zur Herkunftsfamilie, sind nicht

selten „in festen Händen“, während Ältere ihre

Kontakte nach dem Prinzip „Intimität auf Distanz“

pflegen.

Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder

Der Anteil der Mehrpersonenhaushalte ohne Kinder

– zumeist Paare in der Vorfamilienphase und

Ehepaare in der Nachfamilienphase – hat sich seit

den 60er-Jahren mehr als verdoppelt. Er beträgt in

der Schweiz und in Deutschland rund ein Drittel

aller Haushalte, in Österreich gut 20 %, mit steigendem

Anteil. Jüngere Paare gründen später und

seltener eine Familie als ihre Eltern. Babyboom und

höhere Lebenserwartung lassen den Anteil älterer

Ehepaare und die ihnen verbleibende Lebenszeit

steigen. Andere Formen wie Wohngemeinschaften,

Geschwisterhaushalte oder Haushalte Erwachsener

mit Eltern(teil) sind anteilsmäßig eher unbedeutend

und tendenziell abnehmend. Mehrpersonenhaushalte

ohne Kinder weisen aufgrund ihrer

Altersstruktur sehr heterogene Lebensweisen auf.

Jüngere Paare leben eher in städtischen Gebieten,

ältere auch im suburbanen und ländlichen

Raum.

Mehrpersonenhaushalte mit Kindern

Noch immer bilden hier klassische Kernfamilien mit

Mutter, Vater und zwei Kindern die Mehrzahl. Drei

und mehr Kinder sind seltener geworden, Kernfamilien

mit einem Kind häufiger – im Durchschnitt

noch 1,5 Kinder pro Schweizerin gegenüber 1,25

in Österreich und Deutschland. Weitere Tendenzen

lassen sich ebenfalls ausmachen:

Dreigenerationenhaushalte sind fast gänzlich Steigend ist dage-

verschwunden, ebenso Familienhaushalte mit gen der Anteil

Drittpersonen.

der „Patchworkfamilien“,

deren

Kinder aus zwei oder drei Ehen stammen. Eine

weitere, oft vorübergehende Haushaltform ist die

der zumeist weiblichen Alleinerziehenden. Sie

nimmt aufgrund steigender Scheidungszahlen

ebenfalls stark zu. Mittlerweile machen Alleinerziehende

in der Schweiz 15 % aller Familienhaushalte

mit Kindern aus, in Österreich sind es 19 %.

Lifestyles und Trends: medial überbewertet

Schenkte man Lifestylemagazinen und Trendmeldungen

der Wochenendpresse Glauben, würden

unsere Mitmenschen in atemberaubender Abfolge

durch immer neue „Gesellschaften“ katapultiert,

von der Zweidrittel- zur Multioptionsgesellschaft,

von der Konsum- über die Geiz- und Spaß- hin zur

Sinngesellschaft.

8 | 9 285

Weiter wohnen wie gewohnt? Weiter wohnen wie gewohnt?

Dass das aktuell proklamierte „Minus-Zeitalter“

für manche ungewollt zur schmerzhaften

Realität geworden ist, zeigt die Negativentwicklung

der frei verfügbaren Haushaltbudgets.

Wohl lassen hoher Wohlstand, struktureller

Wandel, Wertepluralisierung und die quantitativ

gelöste Wohnungsfrage vermuten, dass heute

jeder und jede die eigene Lebens- und Wohn-

biografie stets aufs Neue komponieren kann

und will.

Doch relativieren neuere Studien über

den sozialen und kulturellen Wandel der letzten

50 Jahre diese Freiheitserwartung. So stellen sie

zwar „ab Ende der 50er-Jahre eine Aufweichung,

ja in den 60er- und 80er-Jahren eine Erosion kollektiver,

klassen- und regionenspezifischer Lebensformen

und Lebensmuster“ fest. Aber dieser Pluralisierung

individueller Handlungsspielräume steht

das Beharrungsvermögen tradi tioneller Strukturen


und Mentalitäten der Bevölkerungsmehrheit gegenüber;

es gerät zu Unrecht aus dem Blickfeld der

Öffentlichkeit.

Lebensphasen, Übergänge und Wohnbiografien in

der Zusammenschau

– Lebensbereiche,

die sich gleichermaßen

bedingen

wie verstärken.

In dieser dynamischenZusammenschau

erst erschließen sie das Patchwork, welches

Biografien ausmacht und statistische Daten erhellt.

Besonders deutlich zeigt sich dieser Zusammenhang

in der Analyse von Lebensverläufen und

Wohnbiografien mehrerer Frauengenerationen im

Vergleich. 3 Hinter jeder Wohngeschichte steht eine Lebensgeschichte,

geprägt durch die soziale und

geografische Herkunft, weitergestrickt in der

eigenen Familien-, Bildungs-, Erwerbs- und Wohngeschichte

Fast immer ist die Kette sich folgender

Lebensphasen klar gekennzeichnet durch gleichzeitige

oder zeitlich nur leicht verschobene Veränderungen

in mehreren Lebensbereichen. Biografische

Übergänge gehen mit räumlichen Veränderungen

einher – einem Wohnungswechsel, baulichen Maßnahmen

oder veränderten Nutzungsweisen verfügbarer

Wohn flächen. Der wechselnde Stellenwert

des Wohnens verstärkt zudem die Konturen aufeinander

folgender Lebensphasen.

Die jungen Erwachsenen: Ausziehen oder bleiben?

Bis weit in die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts

lebten junge Erwachsene vor ihrer Heirat meist im

elterlichen Haushalt, allenfalls erwerbs- oder studienbedingt

zur Untermiete oder in einem Kollektivhaushalt.

Danach zogen junge Erwachsene immer

früher aus dem Elternhaus; männliche Jugendliche

bleiben länger zu Hause als weibliche. Inzwischen

hat sich dieser Trend des frühen Wegzugs aus dem

Elternhaus allerdings gewendet: Junge Erwachsene,

auch „Generation Praktikum“ genannt, verbleiben

wieder länger im „Hotel Mama“, und manche kehren

– nicht immer zur Freude ihrer Eltern – als „Baby-

Boomerang-Generation“ zwischen wechselnden

Studien- und Arbeitsorten, Wohnorten, Partnerschaften

und Wohnungen wiederholt dorthin zurück,

erlauben doch großzügigere Raumverhältnisse und

ein verändertes Generationen verständnis heute

autonome Wohnweisen für beide Generationen.

Zunächst reicht die häufig gewechselte „Loge“

als Unterkunft, denn Ausgehen und Dabeisein

ist wichtiger als das Ausgestalten des häuslichen

Bereichs, die Wohnkosten wollen tief gehalten

werden. Erst mit der beruflichen Festigung gewinnt

die Wohnsituation mehr Bedeutung. Sie muss nun

funktionale wie repräsentative Anforderungen

erfüllen, primär die Zugehörigkeit zur „richtigen“

Lebensstilgruppe manifestieren und sich zunehmend

auch als Basis für flexibilisierte Arbeitsverhältnisse

eignen. Es folgt häufig ein Umzug an eine

zentrale, städtische Lage, denn die Nähe zu Arbeitsort

und Auftraggebern, die Erreichbarkeit des kulturellen

Angebots und die gute Verkehrsanbindung

zählen, ist doch „Living apart together“ – ein Drittel

aller „Singles“ lebt in fester Partnerschaft – aus laufbahnstrategischen

und ökonomischen Gründen ein

oft praktiziertes Muster des Zusammenlebens bis

zum Moment der Familiengründung.

Die Familienphase: Die „Hausfrau und Mutter“

verabschiedet sich

Fast immer folgt dem Eintritt in die Familienphase

ein Umzug in eine größere Wohnung. Kleinräum -

liche Standortqualitäten rücken in den Vordergrund:

ein kindergerechtes Wohnumfeld, familienergänzende

Kinderbetreuungsangebote, Einkaufs- und

Naherholungsmöglichkeiten.

Die Mehrzahl junger Frauen ist heute gut

qualifiziert und nicht mehr bereit, sich

zwischen Berufstätigkeit und Mutterschaft

zu entscheiden.

Für sie und eine Minderheit junger Männer steht

zu Beginn der Familienphase auch eine Weichenstellung

im Erwerbsleben an: Wer Berufs- und

Familienarbeit verbinden will, reduziert die Arbeitszeit,

wechselt die Arbeitsstelle oder verkürzt die

Distanz zwischen Wohn- und Arbeitsort. Attraktive

Miet- und Eigentumswohnungen in städtischen

Lagen werden dem Eigenheim im Grünen oft vorgezogen.

Die Überwindung der räumlich getrennten

Wohn- und Arbeitsbereiche gelingt trotz neuer

Technologien und flexibilisierter Arbeitsverträge

nur ansatzweise. Der Doppelspagat lässt sich nur

dank sozialer Wohnumfeldqualitäten bewältigen

wie institutionalisierte Betreuungsangebote,

gegenseitige Unterstützung durch Freund/innen,

Nachbarn und – nach wie vor – Familienangehörige.

Gemeinschaftsorientierte, familienfreundliche

Siedlungen kommen den Bedürfnissen junger

Familien am besten entgegen, liegt doch in dieser

Phase der Lebensmittelpunkt klar im Wohn-

bereich. Wer später mit schulpflichtigen Kindern

den Traum vom Einfamilienhaus im Grünen realisieren

kann, wohnt wohl selbstbestimmter und

großzügiger, vermisst aber oft gerade die aufgegebenen

kleinräumlichen und sozialen Standort-

qualitäten.

Häufiger als früher entscheiden sich des Herum-

chauffierens ihrer Teenager müde gewordene

Eltern für einen Umzug in eine zentraler gelegene,

pflegeleichtere Wohnung und rücken wieder

näher an ein differenziertes Bildungs-, Arbeitsplatz-

und Kulturangebot.

Die Nachfamilienphase oder: Das Nest ist selten leer

Nach dem Wegzug der Kinder leben Paare gemäß

Statistik in vergleichsweise großzügigen Platzverhältnissen;

der gelebte Alltag hingegen weist auf

komplexere Realitäten: Wohl lässt sich der Beginn

der Familienphase präzise terminieren, seltener

aber deren Abschluss. Erwachsene Kinder behalten

ihr Zimmer oft weit über den Zeitpunkt ihres ersten

Auszugs, sei es für Wochenendbesuche, die zahlrei-

chen Übergangsphasen oder auch nur, um es als Ort

der Kindheitserinnerungen aufrechtzuerhalten.

Das gewachsene Autonomiebedürfnis der

Eltern zeigt sich oft in getrennten Schlaf- und eigenen

Arbeitsräumen, einem Luxus, den man sich

endlich leisten kann und will. Lebens- oder zumindest

Wohnstilmetamorphosen sind nicht nur als

Folge familienbiografischer Brüche – die Scheidungsrate

steigt nochmals – zu beobachten, sondern

auch als auseinanderdriftende Perspektiven der

Lebenspartner: Die den Erziehungspflichten enthobene

Ehefrau entwirft ihre nächste Lebensphase,

orientiert sich beruflich neu, drückt ihr neues

Selbstver ständnis auch mittels Neugestaltung des

Wohnbereichs aus, während der meist etwas ältere

Lebenspartner sich der letzten Phase seines Berufslebens

nähert und zumindest im Wohnbereich

am liebsten auf Gewohntem verharrt.

Die vierte Lebensphase oder: Wie ich wohne,

bestimm ich selber

Steht die Pensionierung an, steigt die Umzugsbereitschaft

erneut. Zentral gelegene, altersgerechte

Wohnungen sind gefragt. Räumliche Nähe zu

Kindern und Enkeln ist erwünscht, die eigene

Privatsphäre bleibt aber wichtig. Bereits erprobt

die Achtundsechzigergeneration Modelle des

autonomen und individuellen Wohnens in altershomogener

oder -heterogener Umgebung, hält Ausschau

nach Häusern, Projekten und Bauträgern. 4

So viel sei vorweggenommen:

Die Wohnweisen der „jungen Alten“ werden sich Altersdurchmischte

weiterhin durch wachsende Vielfalt auszeichnen – Wohnsiedlungen

individuell und in selbst gewählter, sich gegen-

und Quartiere mit

Serviceleistungen

seitig unterstützender Nachbarschaft.

sind heute ebenso

gefragt wie Alters- und Pflegeeinrichtungen, welche

die individuellen Präferenzen und Fähigkeiten ihrer

PensionärInnen respektieren.

Innovative Ansätze oder Trends?

Innovative Ansätze weisen zunächst auf Disfunk- Ob und unter weltionalitäten

im Wohnungsmarkt und der konvenchen Bedingungen

tionellen Wohnungsproduktion; sie verdienen

sie sich zum „Trend“

entwickeln, lässt

Beachtung in ihrer Funktion als Frühindikatoren.

sich erst rückblickend

beurteilen. Erneut stellt sich heute die Frage:

„Weiter bauen und wohnen wie gewohnt?“ Beäng stigende

Staatsdefizite der öffentlichen Haushalte

lassen erahnen, dass die mittels staatlicher Umverteilung

finanzierte Wohnbauförderung bald ein

Ende nehmen könnte. Drohende Immobilienblasen,

privatwirtschaftliche Überproduktion, Bankenund

Wirtschaftskrise verunsichern manchen

Wohnbauträger, während Wohnungssuchende sich

ernsthafter als auch schon früher fragen, wie viel

kann, will, muss ich kurz und mittelfristig für das

Wohnen bezahlen?

10 | 11 285

Weiter wohnen wie gewohnt? Weiter wohnen wie gewohnt?

Die alleinige Verantwortung der gemeinnützigen

Bauträger für eine angemessene Wohnraumversorgung

aller Bevölkerungsschichten, die marginalisierten

eingeschlossen, ist zu hinterfragen. Hierin

lassen sich nebst Energie- und Kosteneffizienz die

sozialen Aspekte einer nachhaltigen Wohnwirtschaft

am deutlichsten messen. Soll sie mehr des

Gewohnten auf immer mehr Fläche pro Wohnung

oder mehr Diversität in der Struktur des Wohnungsangebots

produzieren? Hat sie Antworten auf die

soziodemografische Entwicklung, das unübersehbare

Phänomen des freiwilligen oder erzwungenen

multilokalen oder temporären Wohnens, 5 der verbreiteten

innerhäuslichen Erwerbsarbeit, des Wunsches

nach autonomem Wohnen in Gemeinschaft

in allen Lebensphasen oder Serviceleistungen

à la carte?

Noch sind es, zumindest in der Schweiz mit

ihrer tiefen Wohneigentumsquote von 35 %, vor

allem die Wohnbaugenossenschaften, welche Neues

wagen, nicht selten inspiriert durch Bottom-up-

Initiativgruppen auf der Suche nach Bauträgern

für ihre Anliegen. Seit Kurzem zeigen sich erfreulicherweise

auch einzelne Privatinvestoren und

Anlagestiftungen offener für neue Lösungsansätze;

ein Zeichen wachsender Sensibilität, vielleicht

auch wirtschaftlicher Verunsicherung.

Wer sich auf Wohnexkursion begibt, wird

Anschauungsunterricht und Erfahrungen sammeln

können. Bereits erwähnt sind differenzierte Wohnformen

für die zweite Lebenshälfte, generationenübergreifendes

Wohnen eingeschlossen. Neue

Lösungen lassen sich oft dem Titel „Less is more“

zuordnen. Autofreie und autoarme Siedlungen

werden im Kampf gegen behördliche Vorschriften

erkämpft. Zwangskomfort bezüglich üblicher

Wohnflächen und -ausstattungen wird hinterfragt:

Braucht wirklich jede Dreizimmerwohnung 95 m 2

Nettowohnfläche und zwei voll ausgestattete Nasszellen?

Genügen den Kleinsthaushalten auch flächen-

und kostensparende Clustergrundrisse mit

Individualräumen samt Kochnische und Nasszelle

bei großzügigen Gemeinschaftsflächen? 6 Kommt

das Einküchenhaus in Neuauflage zurück?

Auch Planungsprozesse mit verändertem Fokus

lassen sich beobachten, weg von lebensphasenspezifischen

Ansätzen wie Siedlungen für junge

Familien und hin zu Mehrgenerationensiedlungen,

weg von der intimen, exkludierenden zur quartierökonomischen,

inkludierenden Betrachtungs-

ebene: eine hoffnungsvolle Entwicklung, die es zu

verfolgen gilt. Das gewohnte Angebot wird der

veränderten Nachfrage mit überraschenden Lösungen

Platz machen, gerade auch im Umgang mit dem

Erbe des Baubooms. Man darf gespannt bleiben. �


Wohnen in Österreich – Zwischen Hauseigentum und Miete |

Aktuelle Wohnungsmarktstrukturen und künftige Entwicklungen

Viele Jahre hindurch geisterte das Gespenst der

Wohnungsknappheit durch die Medien. Konnte

dieses durch wohnpolitische Maßnahmen erfolg-

reich gebannt werden? Faktum ist, Österreich zählt

im europäischen Vergleich nach wie vor zu den

durch einen hohen Level wohnungspolitischer

Aktivitäten charakterisierten Staaten. Gute Wohnbedingungen

und hohe Wohnzufriedenheit sind

besondere Pluspunkte. Wichtige Trends der vergangenen

Dekaden manifestierten sich in einer

Verbesserung der Wohnungsausstattung sowie der

Vergrößerung der Wohnnutzflächen.

Bundesländerspezifisch kristallisieren sich aber

deutliche Disparitäten hinsichtlich der Struktur

und Ausstattung des Wohnungsbestandes heraus.

2010 wurde bereits ein Drittel der Wohnungen von

nur einer Person benützt. Wichtige demografische

Trends wie steigende Zuwanderung und die Singularisierung

sind in erster Linie auf städtische

Ballungszentren, allen voran Wien, beschränkt.

Die Mietenpolitik sowie bestehende Fördermodelle

haben sich auf diese Veränderungen der Bevölkerungs-

und Wohnungsnachfragestruktur einzustellen.

Josef Kohlbacher,

geboren 1958 in Lilienfeld,

Studium der Soziologie,

Kulturanthropologie

und Geschichte an der Uni-

versität Wien, seit 1988

Mitarbeiter und ab 2006

stv. Direktor des Instituts

für Stadt- und Regional-

forschung der Österreichischen

Akademie der

Wissenschaften; inhalt-

liche Schwerpunkte:

Wohnintegration von

Migranten, interethnische

Kontakte auf der lokalen

Ebene, städtische Integra-

tionspolitik.

Ursula Reeger, geboren

1965 in Wien, Studium der

Geografie (Studienzweig

Raumforschung und

Raumordnung) an der

Universität Wien, seit 1989

wissenschaftliche Mit-

arbeiterin am Institut für

Stadt- und Regionalforschung

der Österreichischen

Akademie der

Wissenschaften; For -

schungsinteressen:

Migration und Integration

(vor allem auf dem

Wohnungsmarkt), interethnischesZusammenleben,

Stadtentwicklung.

Zudem erhebt sich die Frage, welche Gruppen auf

dem Wohnungsmarkt nach wie vor benachteiligt

sind und mit welchen Trends zu rechnen sein dürfte.

Österreicher sind vor allem Hauseigentümer

oder Mieter

Die Zahl der Hauptwohnsitzwohnungen betrug in

Österreich im Jahresdurchschnitt 2010 3.624.300;

ein Vergleich zeigt, dass die Zahl der Wohnungen in

den zweieinhalb Dekaden seit 1985 erheblich stärker

(+23,5 %) gewachsen ist als die Bevölkerung (+9,8 %).

Dieser Wert, dem auch die Zahl der Privathaushalte

entspricht, war somit um 26.000 höher als 2009. Herr

oder Frau Österreicher sind entweder Haus eigentümer

oder leben zur Miete. Beide Rechtsformen

halten einander mit fast 40 % die Waage. Hierbei

kristallisiert sich aber ein deutliches Stadt-Land-

Gefälle heraus. Während in Kleingemeinden des

ländlichen Raums, aber auch in den Speckgürteln

der suburbanen Zonen der Einfamilienhausbesitz

bei Weitem dominiert, sind Hauptmieten vor allem

eine Rechtsform des Wohnungsmarktes in größeren

Agglomerationen, allen voran in der Bundeshauptstadt.

In Relation dazu schwächer ausgeprägt

war seit 1985 die Zunahme beim Wohnungseigentum.

Ein Blick auf das Alter des Wohnungsbestands

lässt eine recht gleichmäßige Verteilung erkennen.

Durch Abrisse stark reduziert (–11,7 %) hat sich lediglich

das vor 1919 errichtete Bausegment, welches

sich aber in erster Linie auf Wien konzentriert.

Den hohen Scheidungsraten zum Trotz lebt das Gros

der österreichischen Bevölkerung (62,6 % der Haushalte)

nach wie vor in Familienhaushalten, wobei in

diese Kategorie statistisch auch kinderlose Ehepaare

sowie AlleinerzieherInnen inkludiert werden. Der

Familienhaushalt dominiert nach wie vor im ländlichen

und kleinstädtischen Kontext.

Das in erster Linie urbane Phänomen der So konnte die

Singularisierung hat allerdings auch vor Öster- Kategorie der

Einpersonenhausreich

nicht haltgemacht und spiegelt sich in

halte innerhalb

einer Reduktion der Haushaltsgrößen wider.

von nur fünf Jahren

(2005–2010) einen beachtlichen Zuwachs von 8,1 %

verzeichnen! Mehr als 1,3 Mio. Österreicher leben

alleine, darunter deutlich mehr Frauen als Männer.

Die Zunahme bei den Familienhaushalten, in erster

Linie Kleinfamilien, bleibt demgegenüber mit

nicht einmal 2 % bescheiden. Die Mehrgenerationengroßfamilie

gehört auch in den peripher-ländlichen

Räumen bereits nahezu der Vergangenheit an.

Deutliche Verbesserung des Wohnstandards und

Disparitäten zwischen den Bundesländern

Die Positionierung von Haushalten auf dem Wohnungsmarkt

wird in erster Linie durch die verfügbaren

finanziellen Ressourcen determiniert.

Schlüsselfaktoren der Wohnintegration, auch im

internationalen Vergleich, sind daher die Leistbarkeit,

die Größe und die Qualität von Wohnungen.

Die Leistbarkeit spiegelt sich im Anteil der Wohnaufwendungen

am Haushaltseinkommen wider,

die pro Person zur Verfügung stehende Wohnnutz-

fläche repräsentiert ein objektiv vergleichbares

Belagskriterium. Die durchschnittliche Personenzahl

pro bewohnte Wohnung lag 2010 bei 2,29, wobei

die Belegungsdichte in den Familienhaushalten

mit 3,03 signifikant höher war. Die Wohnfläche ist

in den vergangenen Dekaden kontinuierlich angestiegen.

So lag die durchschnittliche Nutzfläche

pro Wohnung, die 2000 noch 90,6 m² betrug, 2010

bereits bei 99,1 m². Damit stehen nun jedem Österreicher

im Durchschnitt 43,3 m² zur Verfügung.

Krass tritt der Unterschied zwischen Familien-

und Singlehaushalten zutage. Letztere können

mit fast 75 m² rund doppelt so viel Wohnraum

nutzen wie in Familienhaushalten lebende

Personen, wobei bei Letzteren kinderlose Ehe -

paare, aber auch alleinerziehende Väter deutlich

besser gestellt sind als alleinerziehende Frauen

und vor allem Paare mit Kindern.

Es besteht ein deutliches Land-Stadt-Gefälle in

Bezug auf Wohnflächen und Wohnqualität. Überbelag

ist in erster Linie ein urbanes Phänomen,

ebenso standardmäßig defizitäre Wohnungsausstattung.

Laut Mikrozensus fehlte 2007 nur in 1,9 %

der österreichischen Hauptsitzwohnungen ein

Innen-WC, in Wien war der Anteil mit 5,6 % deutlich

höher (Statistik Austria 2008). Zugleich hat sich

auch der Wohnstandard wesentlich verbessert.

So hat die beste Ausstattungskategorie A (mit Badezimmer

oder Duschnische, WC und Zentralheizung)

seit 1985 um nahezu 40 % zugenommen, bei entsprechender

Reduktion der Kategorien B bis D.

2010 wiesen 91,4 % der Wohnungen im Bundesgebiet

bereits einen optimalen Standard auf – gegenüber

noch 84,9 % im Jahr 2000. Stark zugenommen

hat auch die Beheizung mittels Zentralheizung

oder Fernwärme, gestiegen ist allerdings auch der

durchschnittliche Wohnungsaufwand, was zu einer

Verstärkung der sozioökonomischen Polarisierung

beigetragen hat.

Der Vergleich zwischen den Bundesländern

belegt auch hinsichtlich des Wohnens ausgeprägte

strukturelle Unterschiede. So weist die Bundeshauptstadt

Wien traditionell einen vom Mietwohnungssektor

geprägten Wohnungsmarkt auf. Mehr

als 75 % der Wiener bewohnen Hauptmietwohnungen,

etwas mehr als 13 % weisen den Status von

Wohnungseigentümern auf und bloß eine kleine

Minderheit von 7,9 % gehört der privilegierten Kategorie

der Hauseigentümer an.

In Niederösterreich liegt der Anteil der Hauseigentümer

bei zwei Dritteln. Von Wien einmal abgesehen,

sind es Salzburg und Tirol, wo die Anteile des

Hauseigentums vergleichsweise geringer ausfallen.

Naturgemäß unterscheidet sich Wien auch hinsichtlich

der Bebauungsstruktur gravierend vom Rest

des Bundesgebiets. Während im Gesamtdurchschnitt

bloß 13,1 % der Österreicher in Gebäuden mit

20 und mehr Wohnungen leben, sind es in Wien

45,8 % und im Burgenland sogar nur 1,2 %.

12 | 13 285

Wohnen in Österreich – Zwischen Hauseigentum und Miete Wohnen in Österreich – Zwischen Hauseigentum und Miete


Haushalte mit Migrationshintergrund besonders

benachteiligt

Die mit Abstand meisten Hauseigentümer (79,3 %) Die Entwicklungen

leben jedoch nicht in den wohlhabenderen west- auf dem Arbeits-

lichen Bundesländern, sondern im Burgenland.

markt haben nachhaltigeAuswirkungen

auf den Zugang zum Wohnungsmarkt.

In den letzten Jahren nahmen auch im Sozialstaat

ökonomische Marginalisierung und soziale Polarisierung

zu. Armutsgefährdung und die damit einhergehenden

Konsequenzen für das Wohnen wie

überproportionale Wohnkostenbelastung, Überbe-

lag und unterdurchschnittliche

Wohnqualität

betreffen vor allem

Haushalte von

Zuwanderern, aber auch Arbeitslose und Alleinerziehende

(in erster Linie Mütter) sowie alleinlebende

Frauen. Die Wohnkostenbelastung betrifft vor allem

armutsgefährdete Haushalte überproportional.

Laut eu-silc 2007 wenden 38 % der Haushalte in

Gemeindewohnungen mehr als ein Viertel des

Einkommens für Wohnkosten auf. Haushalte mit

Migrationshintergrund leben – den Beschäftigungsmöglichkeiten

auf dem Arbeitsmarkt gemäß – vor

allem in Städten und damit auch seltener in Ein-

oder Zweifamilienhäusern, sondern vor allem im

Geschoßwohnbau.

Markant ist die Benachteiligung von Personen

mit Migrationshintergrund auf dem Wohnungsmarkt,

wobei sich aber deutliche Unterschiede

zwischen eu-Bürgern und Drittstaatsangehörigen

manifestieren.

Soziale und ökonomische Ungleichheiten

spiegeln sich auch und gerade in der Wohnversorgung

wider.

Literatur und Quellen:

Karl Czasny et al. (2008),

Wohnzufriedenheit

und Wohnbedingungen

in Österreich im europäischen

Vergleich, srz,

Wien.

Datler, G. & M. Mahidi

(2009), Armutsgefährdung

und Wohnsituation,

Statistische Nachrichten

6, S. 458–473.

Donner, Ch. (o. J.), Zur

Neudefinition der

österreichischen Wohnungspolitik.

Ist die

Wohnbauförderung so-

zial treffsicher und

ökonomisch effizient?

(http://www.donner.at/

christian/texte/neudef.

html).

Raiffeisen (Hg.)

(2011), Die Wohntrends

der Zukunft.

Statistik Austria (Hg.)

(2008), Wohnen. Ergebnisse

der Wohnungserhebung

im Mikrozensus.

Jahresdurchschnitt

2007, Wien.

Statistik Austria (Hg.)

(2011), Wohnen. Ergebnisse

der Wohnungserhebung

im Mikrozensus.

Jahresdurchschnitt

2010.

Unabhängig vom Einkommen gilt, dass österreichische

Staatsbürger im Durchschnitt doppelt so

viel Wohnfläche (36 m²) zur Verfügung haben wie

Personen ohne eu-Staatsbürgerschaft (19 m²).

In Haushalten mit Kindern tritt Überbelag überhaupt

häufiger auf, besonders bei geringem Haushaltseinkommen.

Die Diskriminierung hinsichtlich

der Wohnfläche betrifft in erster Linie die türkische

(21 m²) sowie die ex-jugoslawische (26 m²) Wohnbevölkerung.

eu-Bürgerinnen verfügen mit 47 m²

sogar über überdurchschnittlich viel Wohnraum.

Generell hat sich die Wohnversorgung im Vergleich

zwischen erster und zweiter Zuwanderergeneration

zwar deutlich verbessert, bei Migranten aus der

Türkei allerdings am wenigsten.

Herausforderungen in der Zukunft: Immigration

und demografische Alterung

Wie positioniert sich Österreich im eu-Vergleich

und welche wohnungspolitischen Trends sind für

die Zukunft zu prognostizieren? Österreich zählt

zu den durch effiziente wohnungspolitische Aktivitäten

charakterisierten Wohlfahrtsstaaten. Wie

die Analyse der Daten aus dem Eurobarometer, dem

European Quality of Life Survey (eqls) und dem

European Social Survey (ess) belegen, stellen gute

Wohnbedingungen und hohe Wohnzufriedenheit

einen der wichtigen Pluspunkte Österreichs im

internationalen Vergleich dar. Die Alpenrepublik

befindet sich hinsichtlich der allgemeinen Lebenszufriedenheit

sogar im europäischen Spitzenfeld.

Bei anhaltend steigender Lebenserwartung und

einem Mehr an Zuwanderung könnte die Einwohnerzahl

der Meinung von H. Faßmann (Raiffeisen 2011)

gemäß bis 2030 auf 9 Millionen steigen. Damit wird

auch die Zahl der Haushalte wachsen.

Hinzu kommt der anhaltende Trend zur Singularisierung,

der sich infolge der demografischen

Alterung noch verstärken wird.

Doch nicht nur quantitative, sondern auch qualitative

Faktoren werden zu einer Steigerung der Wohnungsnachfrage

beitragen. Die Wohnansprüche der

Österreicher sowie auch jene der Zuwanderer sind

in den vergangenen Dekaden kontinuierlich gestiegen,

dies betrifft sowohl die Wohnflächen als auch

die standardmäßige Ausstattung. Es ist davon auszugehen,

dass sich das Wohnanspruchsniveau auch

in Zukunft nicht verringern wird. In den aktuellen

Zeiten der Krise steigt die Nachfrage auf dem Immobiliensektor

zusätzlich durch das Bedürfnis vieler

Anleger, ihr monetäres Vermögen in relativ sichere

Vermögenswerte zu investieren. Aus geografischer

Perspektive werden sich diese Trends aber vor allem

in den urbanen Agglomerationen und deren Suburbia

vollziehen. Diese sind die Gewinner der Internationalisierung

und des Strukturwandels. Der

ländliche Raum wird Wohnbevölkerung eher verlieren,

leer stehender Wohnbestand wird bestenfalls

an städtische Zweitwohnsitzer abgestoßen werden

können. Die Alterung wird die Umsetzung innovativer

Wohnmodelle wie betreutes und altersgerechtes

Wohnen erfordern. Die anhaltende Zuwanderung

lässt auch den Bedarf an integrativen Wohnformen

steigen.

Die Autoren plädieren für die Fortführung einer

aktiven und sozial orientierten Wohnungspolitik.

Zudem erscheint es wichtig, das Volumen der Wohnbauförderung

an den infolge einer kontinuierlich

hohen Migration (vor allem in den städtischen

Agglomerationen der Ostregion) steigenden Wohnungsbedarf

anzupassen. In der Mietenpolitik ist

ein verbesserter rechtlicher Schutz gegen Wohnkostenanstiege

und gegen die aufgrund verstärkten

Nachfragedrucks steigenden Preise angebracht.

Wohn- und Sozialpolitik sind aufgefordert, weitere

Anstrengungen zur Erhaltung des hohen Standards

des heimischen Wohlfahrtssystems unter den sich

verändernden wirtschaftlichen Rahmenbedingungen

zu unternehmen. �

Personen in Privatwohnungen nach dem Rechtsverhältnis und

Bundesländern, 2010 (Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus)

Durchschnittliche Nutzfläche in m 2 pro Person nach Haushalts- und

Familientypen, 2010 (Quelle: Statistik Austria, Mikrozensus)

0 10 20 30 40 50 60 70

14 | 15 285

Wohnen in Österreich – Zwischen Hauseigentum und Miete Wohnen in Österreich – Zwischen Hauseigentum und Miete

Österreich

Burgenland

Niederösterreich

Kärnten

Steiermark

Vorarlberg

Oberösterreich

Tirol

Salzburg

Wien

0% 20% 40% 60% 80% 100%

Hauseigentümer

Wohnungseigentümer

Hauptmieter

Sonstige

Familienhaushalte

Einfamilienhaushalte

Ehepaar ohne Kind

Ehepaar mit Kind(ern)

Vater mit Kind(ern)

Mutter mit Kind(ern)

Zwei- oder Mehrfamilienhaushalte

Nichtfamilienhaushalte

Einpersonenhaushalte

darunter: Männer

darunter: Frauen

Mehrpersonenhaushalte

insgesamt


Andreas Rumpfhuber ist

Architekt und Forscher

mit Arbeitsschwerpunkt

(innen)räumlicher Orga-

nisation, neue Arbeitsverhältnisse

und Architektur

als emanzipatorische und

politische Praxis. Zurzeit

ist er Projektleiter des

Wiener Teilprojektes des

hera/esf-Projektes scibe

und leitet das fwf-Einzelprojekt

„Architektur der

Organisationskybernetik“

und veranstaltet seit 2010

den Theoriesalon in Wien.

www.expandeddesign.org

Sozialer und öffentlich geförderter Wohnbau

in Zeiten des Finanzkapitalismus 1 |

Über die Ökonomisierung aller Lebensbereiche

Öffentlicher und sozialer Wohnbau waren einst

allgemein legitimierte Mittel der westeuropäischen

Politik, um in die wirtschaftlichen, sozialen und

kulturellen Prozesse der Gesellschaft einzugreifen.

Vordergründiges Ziel war, eine möglichst gleiche

Verteilung des sich immer weiter ausdehnenden

Wohlstandes für möglichst alle zu gewährleisten

und damit auch pädagogisch und kulturell auf die

zu erziehende und zu regierende Bevölkerung einzuwirken.

Mit anderen Worten war der Plan die

Implementierung einer toleranten, möglichst konfliktfreien,

sozial-liberalen Wohlfahrtsgesellschaft,

deren Ökonomie auf der Vorstellung von zyklischem

Wachstum und konstantem Überfluss fußte und

durch staatliche Marktregulierungen und dem

Ausbau sozialer Sicherheitssysteme gesteuert wurde.

Eine der Architektur zugesprochene Rolle war es, Mit der aktuellen

rationale Entwurfsmethoden, standardisierte Finanzkrise und

Design- und Raumlösungen zu schaffen, die direkt

der damit einhergehenden

allseits

auf die allgemeine Zufriedenheit der Bevölkerung

gutgläubig goutier-

einwirkten und ihr friedfertiges Zusammenleben ten oder zumin-

sicherstellen sollten.

dest für notwendig

befundenen Sparpolitik

wird eine dem sozialdemokratischen Wohlfahrtsstaat

gegenläufige Entwicklung des Finanzkapitalismus

seit den 1970er-Jahren überdeutlich.

Allgemein kann man diese postdemokratische

Ideologie 2 mit der radikalen Ökonomisierung

aller Lebensbereiche unseres Lebens beschreiben.

Sie stellt die Raumproduktion und insbesondere den

sozialen und öffentlichen Wohnungsbau vor neue

Herausforderungen, die nicht nur bloß empirisch,

sondern vorerst systematisch verstanden werden

müssen.

Die Geschichte der modernen, funktional ausdifferenzierten

Wohlfahrtsgesellschaft und ihres

Wohnbaus war keinesfalls gleichförmig, wie sie

heute mitunter mythologisiert wird. Die demokratische

Gesellschaft im Allgemeinen war und ist

eingebettet in ein Netz von unterschiedlichen Interessen,

geprägt von gegenläufigen Dynamiken, von

Brüchen, Konflikten und Protestbewegungen. Im

Architekturdiskurs war es direkt nach dem Krieg

zum Beispiel die Kybernetik, die eine emanzipatorische

Designpraxis durch den Einsatz von Rechenautomaten

und Standardisierung versprach.

Mit den Protestbewegungen Ende der 1960er-

Jahre wurde dann zunehmend eben diese

Rationalisierung und Technologiegläubigkeit

als Produktivkraft für das kapitalistische

Wirtschaftssystem des Wohlfahrtsstaates

offen kritisiert und im Wohnbau dann durch

die partizipative Einbindung zukünftiger

Be woh nerinnen und Bewohner in den Entwurf

des standardisierten Fertigteilbaus erweitert.

Viele dieser Experimente waren damals nicht von

der öffentlichen Hand finanziert, sondern waren

wie bei Ottokar Uhl durch die Kirche unterstützt

oder waren, gar gleich wie im Beispiel des Architekten

Fritz Matzinger, komplett freifinanziert. Als

Einzelunternehmer, der seit 1974 als Developer-

Architekt auftrat, affirmierte der Linzer zudem einen

gesellschaftlichen Umbruch, der für die heutige

Finanzkrise, ihre einhergehende Sparpolitik und

die allgemeine Diskussion über sozialen Wohnbau

maßgeblich ist. Zum einen wird dieser Umbruch

durch die weitgehende Entkoppelung der Wirtschaft

vom Realkapital markiert. Seit der Auflösung des

Bretton-Woods-Abkommens 1973 und der dadurch

einhergehenden Instabilität von Wechselkursen,

Rohstoffpreisen, Aktienkursen und Zinssätzen hat

sich das Gewinnstreben von real- zu finanzwirtschaftlichen

Aktivitäten, bei bedeutend geringerem

Wirtschaftswachstum in den Jahren zuvor, ent wickelt.

Gleichzeitig stieg die Arbeitslosigkeit und die

Staatsverschuldung erhöhte sich. Damit wurde à la

longue die Position des Sozialstaats und seiner

Instrumente wie den sozialen Wohnbau geschwächt. 3

16 | 17 285

Sozialer und öffentlich geförderter Wohnbau

1 Die Forschung zu

diesem Text wird vom

European Science Fund/

heranet.info im Rahmen

des Forschungsprojektes

scibe – Scarcity and

Creativity in the Built

Environment (www.

scibe.eu) gefördert. Der

Autor ist Projektleiter

des Wiener Teilprojektes

„Modelling Vienna“.

2 Vgl. Colin Crouch,

Postdemokratie, Suhrkamp

Verlag, 2008;

Jacques Rancière, Das

Unvernehmen: Politik

Und Philosophie, Suhrkamp

Verlag, 2002.

3 Vgl. Stephan Schulmeister,

Anmerkungen

zu Wirtschaftspolitik

und Wachstumsdynamik

in Österreich seit

1955, in: Physiognomie

Der 2. Republik, hg.

Gerbert Frodl, Paul

Kruntorad and Manfried

Rauchensteiner, Czernin

Verlag, Wien 2005, S.

333–365.

4 Maurizio Lazzarato,

Immaterielle Arbeit, in:

Umherschweifende

Produzenten, immaterielle

Arbeit und Subversion,

hg. Thomas Atzert,

1. Auflage, ID-Verlag,

Berlin 1998, S. 39–52.

5 Mario Tronti, Arbeiter

und Kapital, Verlag Neue

Kritik, Frankfurt 1974.

6 Andreas Rumpfhuber,

Michael Klein and Georg

Kolmayr, Hg., Das Modell

Wiener Wohnbau. Vom

Superblock zur Überstadt,

in: Dérive, Zeitschrift für

Stadtforschung, no. #46,

(März 2012).

7 Luc Boltanski and Ève

Chiapello, Der neue

Geist des Kapitalismus,

Édition Discours 38,

uvk Verlagsgesellschaft,

Konstanz 2006.

8 Friedrich Engels, Zur

Wohnungsfrage, in:

Werke, von Karl Marx

und Friedrich Engels,

Bd. 18, Dietz Verlag,

Berlin 1973, http://www.

mlwerke.de/me/me18/

me18_209.htm.

Zum anderen ist es die allgemeine Restrukturierung

der Arbeitsprozesse seit den 1960er-Jahren hin

zu einer heute in den westlichen Industriestaaten

dominierenden Form der immateriellen Arbeit, 4 des

zunehmenden Service- und Dienstleistungssektors,

die den sozialen Wohnbau in seiner modernistischen

Ausformung als reine Wohnstätte problematisiert.

Für die Architektur und Wohnraumproduktion

ist vor allem die vom italienischen Philosophen

Mario Tronti treffend als die gesellschaftliche

Fabrik bezeichnete Entgrenzung der vormals klar

definierten städtischen Funktionen der Moderne –

Arbeiten, Wohnen, Freizeit – signifikant. 5

Von dem abgesehen, dass auch Hausarbeit als

Teil des gesellschaftlichen Produktionsprozesses

mitgedacht werden muss, wird die Wohnung

zunehmend auch zum Arbeitsplatz für (kreative)

Einzelunternehmer und Heimarbeiter, die

zudem mitunter nicht mehr im standardisierten

Familienverbund Mann-Frau-Kind(er)-Haustier(e)

leben, sondern alternative Lebensentwürfe

praktizieren.

Es hat sich also seit den frühen 1970er-Jahren eine

Situation für den sozialen und öffentlichen Wohnbau

herausgebildet, die die öffentliche Förderung

oder Finanzierung infrage stellt und die räumliche

Organisation des standardisierten Wohnraums vor

neue Herausforderungen stellt.

Auf einer gesellschaftlichen und politischen

Ebene reagierten die Kommunen und Länder auf

die neuen Herausforderungen oft mit der Privatisierung

des öffentlichen Wohnungsbaus. In Wien zum

Beispiel wurde dagegen eine Liberalisierung der

Wohnbauproduktion durchgeführt, die es der

Stadtverwaltung bis heute erlaubte, nicht nur die

Gemeindebauten weiterhin zu verwalten, sondern

zudem ihren Einfluss auf die Raumproduktion

durch Grundstücksbereitstellung, städtebauliche

Rahmen, die Einführung von Qualitätskriterien

sogar noch auszuweiten und heute nicht nur

bei nahe 50 % des Wohnraums direkt und indirekt

zu steuern und damit auch weitgehend die Immobilienpreise

und die Qualität des kompletten

Marktes zu bestimmen. 6

All diese Reaktionen spiegeln die Logik der

finanzkapitalistischen Ökonomie und ihren Diskurs

wider, die seit den 1970er-Jahre ein ungeahntes

exponentielles Wachstum an Reichtum und Freiheit

für jeden Einzelnen durch Individualisierung und

Privatisierung verspricht. Jede und jeder ist von nun

an für die eigenen Handlungen, für das wirtschaft-

In der konkreten Raumproduktion reagierte

man mit verschiedenen räumlichen und sozialen

Stra te gien der Individualisierung: seien es

tetrisartige Raumgefüge, die möglichst viele

verschiedene Wohnungstypen in einem Geschossbau

zur Ver fügung stellen, seien es Stra-

tegien des Selbst(aus)baus und der Partizipation.

liche Glück, das

hier mit dem persönlichen

Glück

gleichgesetzt wird,

selbst verantwortlich.

Alle können

sich kreativ und

spontan ihren

Lebenstraum er-

füllen, so das populäre Versprechen. Jedoch wird in

dieser bekannten Erzählung unter anderem darauf

vergessen, dass Kreativität, Spontaneität, Originalität

nicht mehr nur der Sphäre jenseits reproduktiver

Zwänge zuzuordnen sind, sondern viel mehr mit der

Restrukturierung und Entgrenzung unserer Arbeitswelt

hin zur gesellschaftlichen Fabrik direkt verknüpft

sind und heute eine wichtige Produktivkraft

des aktuellen Wirtschaftssystems sind. 7

Die finanzkapitalistische Ökonomie produziert

nicht nur einen virtuellen Überfluss, sondern gleichzeitig

auch, wie bereits oben kurz angedeutet, eine

Knappheit in der Realökonomie, die die Utopien des

Keynesianismus regelrecht verkehrt haben.

War die Freizeitgesellschaft, oder zumindest die

30-Stunden-Woche in den 1960er-Jahren noch

eine realistische Hoffnung aller Arbeiter und

Arbeitnehmer, so sind wir heute weiter denn je

davon entfernt. Ähnliches trifft auch auf den

sozialen und öffentlich geförderten Wohnbau zu.

Anstatt weiterhin Wohnen für alle zu realisieren

oder zumindest noch zu denken (zu versuchen) und

dabei die aktuellen räumlichen, organisatorischen

sozialen und finanziellen Anforderungen kritisch

zu reflektieren und gemeinsam an Lösungen für ein

zeitgenössisches Zusammenleben aller zu arbeiten,

wird das Instrument sozialer und öffentlich ge förderter

Wohnbau zum einen zunehmend durch

Themen- und Baugruppenwohnbauten für ein je

bestimmtes Zielpublikum und ihr bestimmtes

Konsumverhalten partikularisiert und nicht individualisiert,

wie so oft argumentiert wird. Zum

anderen wird ganz allgemein und offen die soziale

und öffentlich geförderte Wohnbauproduktion

zugunsten einer „maßgeschneiderten“ und vor

allem kurzfristig billigeren Subjektförderung für

die sogenannten sozialen Ränder der Gesellschaft

infrage gestellt. Genau dies aber sind Maßnahmen,

die bereits un kritisch die liberale Ökonomie des

Finanzkapitalismus akzeptieren, die Aktualität der

Wohnungsfrage 8 ignorieren und die voranschreitende

Ökonomisierung unserer Gesellschaft verstärken.

In dieser Situation gilt es, auf mehreren

Ebenen das Design der sozialistischen Wohnbaupraxis

zu aktualisieren, in dem ein ausgeweitetes

Verständnis von Architektur und Design jenseits

des bloß ästhetischen Objektes unabdingbar ist. �

Sozialer und öffentlich geförderter Wohnbau


wohn-ware standby |

Technikkonzepte für zu Hause

Renate Hammer *1969 /

Seit 2011 Dekanin der

Fakultät für Kunst, Kultur

und Bau der Donau-Universität

Krems, Mitglied des

Beirats für Baukultur im

Bundeskanzleramt.

Studium der Architektur an

der Technischen Universi-

tät Wien und der Philoso-

phie an der Universität

Wien. Postgradual: Urban

Engineering an der Univer-

sity of Tokio, Solararchitektur

an der Donau-Universität

Krems.

Peter Holzer *1967 /

Seit 2008 Leiter des

Departments für Bauen

und Umwelt der Donau-

Universität Krems, seit

2011 geschäftsführender

Gesellschafter der ipj

Ingenieurbüro P.Jung

GmbH.

Die Autoren gründeten

2009 die Kompetenzzentrum

Future Building GmbH.

1 Le Corbusier, Feststellungen

zu Architektur

und Städtebau, in: Bauwelt

Fundamente Nr. 12,

Braunschweig/

Wiesbaden 1964

(2. Auflage 1987), S. 88.

2 Umweltbundesamt

(Hrsg.), Bericht: Treibhausgasemissionen

1990–2009, Stand 2011,

http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/

site/presse/news_2011/

thgemissionen2009.pdf.

3 Umweltbundesamt

(Hrsg.), Bericht: Treibhausgasemissionen

1990–2009, Stand 2011,

http://www.umweltbundesamt.at/fileadmin/

site/presse/news_2011/

thgemissionen2009.pdf.

4 http://www.passiv.de/

(Abfrage vom 02.02.2012)

5 http://www.passivhaustagung.de/

Passiv haus_D/Passivhaus_Definition.html,

aktualisiert: 16.09.2005

© Passivhaus Institut;

6 http://www.igpassivhaus.at,

Stand 2009,

Abfrage vom 07.02.2012.

1921 löst Le Corbusier mit seiner Wortschöpfung

„Wohnmaschine“ die Diskussion des Wohnens in

der Industriegesellschaft aus. Selbst bemerkt er

dazu: „Wenn der Ausdruck Aufsehen erregt hat,

so deshalb, weil er den Begriff ‚Maschine‘ enthält,

der offenbar in allen Geistern die Vorstellung von

Betrieb, Leistung, Arbeit, Produktion erweckt. Und

der Ausdruck ‚Wohnen‘ lässt an ethische Begriffe

denken, an ein Dauerndes, an die Organisation der

Existenz – sodass ein vollkommener Missklang

entsteht.“ 1

Heute leben wir unmittelbar mit der Maschine

und vielfach in der Maschine,

was aber so gut wie nichts mit der ingenieursmäßigen

Konzeption des Wohnens an sich zu tun hat,

wie sie Le Corbusier vorschwebte. Vielmehr speisen

heute Einfamilienhausdach-integrierte Minikraftwerke

Strom in öffentliche Netze und steuern softwarebasierte

haustechnische Anlagen die Konditionierung

des Innenraumklimas unserer Wohnungen.

„Die Fenster kann man trotzdem aufmachen“ beschwichtigt

oft und überzeugt selten in der Auseinandersetzung

um das Anrecht auf Selbstbestimmtheit

und die Umsetzung individueller Wohnwünsche

versus maximaler Effizienz durch Technikeinsatz.

Denn die Gestaltung des Wohnens ist wider Erwarten

keine Privatsache, sondern angesichts von Ressourcenknappheit

speziell im Bereich der Energie und

des Klimawandels Gegenstand öffentlichen Interesses

und politischer Lenkungsmaßnahmen.

Die Aufbringung von Raumwärme und sonstiger

Kleinverbrauch beim Wohnen verursacht in Österreich

aktuell rund 14 % der Treibhausgasemissionen. 2

Seit 1990 ist der Ausstoß um 21,8 % zurückgegangen,

was die Optimierungspotenziale dieses

Sektors deutlich macht.

Um eine langfristige Klimastabilisierung zu erreichen,

bedarf es laut Klimaexperten aber einer Verringerung

um insgesamt etwa 80 % also um rund weitere

60 % innerhalb der nächsten Jahrzehnte. 3

Wohngebäude, die zur Erreichung dieses Wertes

beitragen, müssen eine signifikant bessere Performance

zeigen als der durchschnittliche Bestand.

Die Umsetzung von drei grundlegenden Strategien

hinsichtlich des Energiehaushaltes ist dafür unabdingbar

umzusetzen: die Minimierung von Verlusten,

die Maximierung passiver Gewinne und die

Deckung des Restbedarfs aus regenerativen Quellen.

Rund um die Gewichtung dieser Strategien haben

sich verschiedene Konzepte mit entsprechenden

Bezeichnungen wie Aktivhaus, Passivhaus, Nullenergiehaus

oder Plusenergiehaus entwickelt –

begleitet von teils erbittert geführten Grundsatzdiskussionen.

Die Grafik auf Seite 20 zeigt den

kumulierten Energiebedarf exemplarischer Haustypen

in Deutschland. 4

Eine verbindliche Standardisierung und Zertifizierung

liegt derzeit für das Passivhaus vor.

„Ein Passivhaus ist ein Gebäude, in welchem die

thermische Behaglichkeit (iso 7730) allein durch

Nachheizen oder Nachkühlen des Frischluftvolumenstroms,

der für ausreichende Luftqualität

(din 1946) erforderlich ist, gewährleistet werden

kann – ohne dazu zusätzlich Umluft zu verwenden.“

5

Jede der drei Grundstrategien zur energetischen

Optimierung lässt sich in Hinsicht auf die Bedürfnisse

individueller Bewohner und generellen Anforderungen

an das Wohnen kritisch diskutieren.

Die Minimierung von energetischen Verlusten

aus dem Gebäudeinneren durch Transmission und

Lüftung hat weitreichende Veränderungen der Gebäudegestaltung

und des Gebäudebetriebs gebracht.

Um geringste Verluste zu gewährleisten, bedarf es

einer kompakten Form mit reduzierten Oberflächen

im Verhältnis zum umbauten Raum. Die Gebäudehülle

muss luft- und winddicht sein und einen hohen

Wärmedurchgangswiderstand aufweisen. Daraus

resultieren je nach Konstruktionsweise Wandstärken

zwischen 38 und 60 cm. Fenster sind aus Sicht der

Verlustminimierung die Schwachstellen des Gebäudes.

Ihr Flächenanteil ist daher gering zu halten,

beziehungsweise sind sie mit Bedacht auf ihre Orientierung

zu positionieren und zu dimensionieren.

Die Dichtheit der Gebäudehülle erfordert in der

kalten Jahreszeit den Betrieb einer Lüftungsanlage,

die mit Wärmerückgewinnung ausgestattet wird.

Unter Einhaltung strikter Rahmenbedingungen

kann das Gebäude auch ausschließlich über die

Lüftungsanlage beheizt werden.

Obwohl gerade in diesen Gebäuden die haustechnischen

Anlagen hochgradig reduziert sind,

sind es die verlustminimierenden Bauweisen, die in

der Fachdiskussion häufig als die heutigen „Wohnmaschinen“

kritisch diskutiert werden. Die betonte

Notwendigkeit dichter Bauweise, die mechanische

Lüftung, die gleichmäßige Temperaturverteilung in

den Räumen, demnach ausgerechnet die von BefürworterInnen

gelobten Qualitäten, stehen nach wie

vor hoch in der Gunst des kritischen Fachdiskurses.

Die Maximierung passiver Gewinne setzt auf die

Ernte solarer Wärmeeinträge auf geeigneten

Glasflächen im Zusammenspiel mit speicherwirksamen

Massen.

Das Prinzip ist alt. Sokrates beschrieb es vor knapp

2500 Jahren. Mit der rasanten Entwicklung technischer

Funktionsglasscheiben in tatsächlich den letz-

ten Jahren haben sich neue Möglichkeiten ergeben.

Selbst nach Norden ausgerichtete Fenster zeigen an

heimischen Klimastandorten über die Heizperiode

bilanziert keine schlechtere Gesamtperformance als

passivhaustaug lich gedämmte Wände. Trotz ihrer

Sonnenverbunden heit benötigen diese Gebäude aber

vollumfängliche Heizsysteme: Wärmeerzeugung,

-speicherung, -verteilung, -abgabe. Durchaus problematisch

ist die Performance dieser Gebäude auch

im Zusammenhang mit dem Auftreten von Überhitzung.

Leben im Kollektor. Zu diskutieren sind an

diesem Gebäudetyp auch die häufig vorzufindende

18 | 19 285

wohn-ware standby wohn-ware standby

Unterordnung der Grundrisse an die Fassade, seine

typologische Beschränkung auf tendenziell kleinvolumige

Strukturen und sicherlich auch der Umgang

mit dem Bedürfnis nach Uneinsichtigkeit und

mit der Möblierbarkeit großzügig verglaster Wohngebäude

speziell im niedrigeren Preissegment mit

kleinen Wohneinheiten. Dennoch sind diese Gebäude

seltener Gegenstand kontroversieller Fachdiskussion,

als es der zuvor beschriebene verlustminimierende

Gebäudetyp ist, was sicherlich auch ihrer

vorrangigen Verankerung im kleinvolumigen, privat

finanzierten Segment geschuldet ist.


Altbau

WSchVO 1984

SB N 1980

WSchVO 1995

Niedrigenergiehaus

Passivhaus

Nullheizenergiehaus

Nullenergiehaus

Endenergiekennwert kWh⁄ (m 2 a)

0 50 100 150 200 250 300

Heizung Warmwasser Lüfterstrom Haushaltsstrom

20 | 21 285

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18

16

14

12

10

8

6

Treibhausgasemissionen Sektor Raumwärme 1990–2009

in Mio. t CO2-Äquivalente

Veränderung 1990–2009: -21,8 %

1990 1995 2000 2005 2008 2009

2012

Treibhausgasemissionen 1990–2009

Klimastrategie 2007: Ziel 2008–2012

Eine konsequente Umsetzung der Strategie der

Deckung des Restenergiebedarfs durch regenerative

Energie führt schließlich zur Bereitstellung von Energie

am Gebäude und Grundstück selbst. Die Palette

verfügbarer Technologien in unterschied lichen

Entwicklungsstadien erstreckt sich mittlerweile auf

vielfältige Kombinationen aus Biomasse kesseln,

Erdkollektoren, Wärmepumpen, Blockheizkraftwerken,

Brennstoffzellen, thermischer Solartechnik,

pv-Anlagen und neu auch Kleinstwindkraftwerken.

Um die Effizienz der teuren technischen Anlagen

ausschöpfen zu können, ist ihre konsequente Auslastung

und – im Fall der Solartechnik – eine konsequente

Ausrichtung zur Sonne unerlässlich. Was

aber an Strahlung für die Energiegewinnung geerntet

wird, steht für die Tagesbelichtung der Innenräume

nicht mehr zur Verfügung. Statt leben im

Kollektor ein Leben hinter und unter dem Kollektor?

Typische Herausforderungen bei diesen mit regenerativen

Energien auf Nullenergie- oder Nullemissionsbilanzen

zielenden Gebäuden liegen in ihrer

gestalterischen Qualität, im hohen Finanzierungsbedarf

und auch in technischen Schwierigkeiten der

Netzeinbindung, der Energiepufferung: Fieberhaft

wird an neuen Speichertechnologien geforscht,

thermisch wie auch elektrisch. Phasenwechselspeicher

sollen eine kompakte Alternative zu den raumgreifenden

Warmwasserspeichern bieten. Smart

grids und e-mobility sind Hoffnungsträger im

Management des erneuerbaren, aber unregelmäßig

produzierten Stroms.

Die neuen Gebäudekonzepte funktionieren,

wenn sie funktionieren, belegt in zahlreichen Pilotbauten.

Der Pilotphase eindeutig entwachsen ist

das zuerst beschriebene Gebäudekonzept, die verlustminimierende

Bauweise, mit mehr als 3000

Wohnungen im Passivhausstandard bereits 2009

allein in Österreich. 6

Als Ursachen für ein dennoch auftretendes Auseinanderklaffen

von Theorie und Praxis können im

Einzelfall fast immer individuelle Fehler in Planung,

Ausführung, Betrieb und Wartung benannt werden.

Manchmal auch unrealistische Versprechungen

an die künftigen NutzerInnen. Wie immer besteht

Verbesserungsspielraum nach oben, für eine pauschale

Verunglimpfung der „neuen“ Gebäudestandards

besteht aber keine Grundlage: Die NutzerInnenzufriedenheit

in ihnen ist statistisch jedenfalls

höher als in „herkömmlichen“ Gebäuden. Und mit

einem Mindestmaß an Ergebniskontrolle, Monitoring

also, kann die reale Performance fast immer an

die prognostizierten Werte herangeführt werden.

Kritisch zu hinterfragen sind aber tatsächlich

alle erreichten Qualitäten innenräumlichen Wohnkomforts.

Sie beruhen auf Normierungen, die hinsichtlich

der evolutionären Konzeption des Menschen für

ein Leben im Außenraum nicht tauglich sind.

Der menschliche Organismus ist gebaut für wechselnde

Temperatur- und Strahlungsbedingungen,

für klare tages- und jahreszeitliche Rhythmen, für

hohe Strahlungsintensitäten und vollumfängliche

Solarstrahlungsspektren, wie wir sie in unseren

konditionierten Innenräumen nicht vorfinden bzw.

derzeit nicht vorfinden können. Wir kennen Kriterien,

die unseren Aufenthalt im Innenraum ungesund

machen. Wir können für den de facto vorliegenden

Daueraufenthalt in Innenräumen kaum eine Definition

für dessen physisch und psychisch gesunderhaltende

Qualitäten definieren. Wir sind in den

Innenraum übersiedelt und müssen aus dieser Perspektive

neu denken.

All die neuen Anforderungen sind Ideen des

Neubaus und treffen zum weitaus überwiegenden

Großteil ebenso zu auf gebauten Bestand. Angesichts

der Herausforderung der Wohngebäudesanierung

nimmt sich die Diskussion um die Beglückung oder

Überforderung von Bewohnern durch vollautomatisierte

smart homes wie eine Nebenfront aus – man

ist versucht, die Stand-by-taste zu drücken.

Vieles muss also weitergedacht werden im Themenkreis

qualitätvollen Bauens für die Zukunft,

also Bauens in der Gegenwart. Einige Eckpunkte

kristallisieren sich dabei heraus:

Feststeht: Die Herausforderungen der Klimastabilisierung

und der Abkopplung von begrenzten

und preislich instabilen fossilen Energieimporten

sind zu real und von zu großer sozialer Tragweite, als

dass die notwendige Diskussion unterschiedlicher

Gebäudekonzepte zu einem Innehalten im Nutzen

der Potenziale von Energieeffizienz und Ressourcenschonung

missbraucht werden dürfen. Angesichts

der Evidenz der Herausforderung wäre Nicht-Handeln

unverzeihlich schuldhaft.

Feststeht auch: Sowohl der Neubau als auch die

Sanierung von Gebäuden muss angesichts der Verantwortung

für deren Zukunftsfähigkeit immer als

eine konzeptive Aufgabe begriffen werden, mit einer

starken gestalterischen Komponente, weit über die

bloße bautechnische Dimension hinaus.

Feststeht auch: Neben der Effizienz und der Konsistenz

muss auch die Suffizienz als ein Paradigma

qualitätvoller Baumaßnahmen begriffen werden.

Suffizienz im Sinne ihrer Angemessenheit, etwa

hinsichtlich ihrer Dimension, hinsichtlich ihrer

Einbettung in umräumliche Strukturen und nicht

zuletzt hinsichtlich ihrer sensiblen Nutzung klimatischer

Potenziale. �

wohn-ware standby


Partizipation als Innovation im Wohnbau |

Über Selbstorganisation, Urbanitätskerne und Stadtmotoren

Robert Temel

ist Architektur- und Stadt -

forscher in Wien mit

Schwerpunkt auf Wohnbau

und öffentlichen

Raum. 2009 Mitgründer

der Initiative für gemeinschaftliches

Bauen und

Wohnen. Diplomstudium

der Architektur an der

Universität für angewandte

Kunst Wien,

Doktoratsstudium an der

Technischen Universität

Wien und Scholarship in

Sociology am Institute for

Advanced Studies Wien.

Weitere Informationen

zum Thema finden sich

auf der Website der

Initiative für gemeinschaftliches

Bauen und

Wohnen: gemeinsambauen-wohnen.org

Eine vergessen geglaubte Praxis des Wohnbaus

findet in Österreich seit wenigen Jahren wieder

starken Zuspruch: partizipatives Planen, ja sogar

vollständig selbst organisierter Wohnbau – Wohnprojekt

oder Baugemeinschaft genannt. Bei Letzterem

handelt es sich um Gruppen von Leuten,

Einzelpersonen, Paare, Familien und/oder andere

Lebensformen, die gemeinsam ein Grundstück

erwerben, einen Architekten oder eine Architektin

beauftragen und zusammen ihr zukünftiges Wohnen

planen und bauen.

Während Baugemeinschaften meist sehr weitgehend

von den zukünftigen BewohnerInnen bestimmt

werden, gibt es auch Mitbestimmungsprojekte, in

denen etliches vorbestimmt ist und sich die Nutzer-

Innen nur an Gestaltungsfragen der eigenen Wohnung

und eventuell noch einiger Gemeinschaftsflächen

beteiligen können. Ein Beispiel dafür, also

partizipatives Planen in einem vorbestimmten

Rahmen, ist das Projekt Sovieso (Sonnwendviertel

solidarisch) am Hauptbahnhofareal in Wien-Favoriten.

Die Architektin Cornelia Schindler (s&s Architekten),

die langjährige Erfahrung mit partizipativer

Planung besitzt, entwarf für den Bauträger bws

und mit Betreuung von Raimund Gutmann (Wohnbund

Consult) einen flexiblen Rahmen, der einerseits

die Notwendigkeiten des Wiener Bauträgerwettbewerbs

und des Wohnungsvergabesystems

durch das Wohnservice Wien erfüllt und andererseits

jenen, die sich für eine Wohnung in diesem

Projekt melden, die Möglichkeit gibt, die Anlage

ihrer Wohnung weitgehend selbst zu bestimmen.

Die Baukörper bestehen aus einer flexiblen Struktur

mit tragenden Pfeilerreihen in den Fassaden und

einer Mittel-„Wand“, die auch weitgehend die Elektroinstallationen

aufnehmen, sodass die nichttragenden

Trennwände nicht nur zu Beginn flexibel

platziert werden können, sondern auch langfristig

veränderbar bleiben. Durch die Balkonkonstruktion

können die BewohnerInnen in einem vorgegebenen

Rahmen Lage und Größe der Balkons auswählen.

Aus einem vorgegebenen Wohnungskatalog können

sie ihre Variante aussuchen, adaptieren und, je nach

Stand der Voranmeldungen, auch die Lage im Gebäude

bestimmen.

Einen ähnlichen Weg gehen einige Projekte,

die zwar nicht partizipativ entwickelt werden, die

jedoch frühzeitig versuchen, die zukünftigen Nachbarn

miteinander bekannt zu machen und so eine

Form von Gemeinschaft zu stiften. Dazu gehören

etwa die „Wohngruppen für Fortgeschrittene“ für

die Zielgruppe 50+, die der Bauträger gewog/Neue

Heimat mit Wohnbund Consult bisher in Wien-

Ottakring und Wien-Penzing errichtet hat; diese

Gruppen sind in konventionelle Wohnbauten integriert,

in denen sie einzelne Stiegenhäuser oder

Bereiche einnehmen und somit einen Gemeinschafts-Nukleus

bilden.

Das neue Interesse an Partizipation der letzten Jahre

trug in Wien jedenfalls auch dazu bei, dass die lange

Zeit weitgehend dem Vergessen anheim gefallenen

MieterInnenbeiräte und das Mitbestimmungsstatut

wieder hervorgeholt und thematisiert werden. Das

Statut wurde in den 1980er-Jahren ausgehend von

der damaligen Konjunktur des partizipativen Wohnbaus

entwickelt – doch nachdem Partizipation nach

und nach seinen InteressentInnenkreis verlor, wurden

auch diese fortschrittlichen Elemente im Wiener

Wohnbausystem in den Hintergrund gedrängt.

Doch Mitbestimmung im Wohnbau kann auch

weiter gehen, wenn die zukünftigen Bewohner-

Innen dazu bereit sind, Zeit und Energie in die

Entwicklung eines Projektes zu investieren:

Baugemeinschaften, die selbstbestimmtes Wohnen

bieten, werden entweder von den BewohnerInnen

selbst gestartet, das heißt diese können auch über

Lage des Grundstücks, zu beauftragende Architektin

oder Architekten sowie die Grundstruktur der

zukünftigen Gemeinschaft und des Gebäudes bestimmen;

oder sie werden von ArchitektInnen oder

ProjektentwicklerInnen gestartet, wodurch sich das

Ausmaß der Mitbestimmung reduziert.

Obwohl es seit den 1960er-Jahren und insbesondere

in den 1980ern und 1990ern eine Vielzahl österreichischer

Projekte gab, von der Siedlung Halde

mit Hans Purin in Bludenz bis zu Les Paletuviers

mit Fritz Matzinger in Linz-Leonding, von der Baugemeinschaft

Karmelitergasse (Walter Stelzhammer)

bis zum bisher größten österreichischen Projekt,

der Sargfabrik (bkk-2), war hierzulande zuletzt etwa

zehn Jahre lang Pause beim selbstbestimmten

Wohnbau, während das Thema in Deutschland und

in der Schweiz boomte. Unter den ersten „Neuen“

waren die Wiener Projekte Frauenwohnprojekt rosa

Donaustadt (Sabine Pollak), Frauenwohnprojekt

[ro*sa] KalYpso im Kabelwerk (Markus Spiegelfeld)

sowie das Projekt b.r.o.t. 2 in Kalksburg (Franz

Kuzmich), ein Folgeprojekt des von Ottokar Uhl in

der Geblergasse realisierten „Familienklosters“.

Diese drei konnten 2009 besiedelt werden und seither

entsteht eine Vielzahl neuer Baugemeinschaften

unter anderem in Wien, darunter als besonders

interessantes Beispiel das Wohnprojekt Wien am

Nordbahnhof: Die BewohnerInnengruppe zusammen

mit Einszueins Architektur und Raum &

Kommunikation als Projektkoordinator packte die

Gelegenheit eines Bauträgerwettbewerbs für eine

sehr attraktive Wohnlage in Wien-Leopoldstadt beim

Schopf, tat sich mit dem Bauträger Schwarzatal

zusammen und entwickelte gemeinsam ein Projekt,

das schließlich gewann und demnächst realisiert

wird. Die Baugemeinschaft wird nicht aus Mietwohnungen

bestehen, sondern als Heim geführt, wie

das bereits bei Sargfabrik und b.r.o.t. der Fall ist;

die BewohnerInnen gründeten zusammen einen

Verein, der das gesamte Gebäude vom Bauträger

mietet und somit auch das Risiko von Wohnungsleerstand

trägt.

Neben den Wohnungen wird das Gebäude eine

Vielzahl von ergänzenden Nutzungen enthalten,

um im neu entwickelten Nordbahnhofareal

einen „Urbanisierungskern“ zu bilden:

Projekte wie [ro*sa]

KalYpso am Areal des

Kabelwerks können eine

Vorreiterrolle im Rahmen

großer Stadtentwicklungsprojekteeinnehmen,

wenn sie von Beginn

an mitgeplant werden –

das Konzept der Seestadt

Aspern stellte ein eigenes

Baufeld für Baugemeinschaften

von Anfang an

zur Verfügung.

e-Car-Sharing,

ein Artist-in-Residence-Programm,

ein Wochenmarkt,

partizipative Aktionen

im Viertel und Bezirk und engagierte Stadteilarbeit

sind geplant. Doch das Wohnprojekt Wien ist

bei Weitem nicht alleine, aktuelle Wiener Projekte

sind etwa in der Ottakringer Grundsteingasse und

das Projekt Gennesaret in Wien-Mauer. Eine Vielzahl

weiterer Projekte gibt es in Niederösterreich,

der Steiermark und dem Burgenland. Und überaus

aktiv ist auch die Stadt Graz, wo die rührige Gruppe

wab (Wohnbau Alternative Baugruppen) seit einigen

Jahren das Thema bearbeitet – im Frühjahr 2012

soll eine Informationsplattform eingerichtet werden,

erste Pilotprojekte sind in Planung. Ganz ähnlich ist

seit zwei Jahren in Wien die Initiative für gemeinschaftliches

Bauen und Wohnen aktiv, die das Thema

in ganz Österreich fördern will.

Wohnbauten mit partizipativen Anteilen ebenso wie

Baugemeinschaftsprojekte versuchen den engen

Raster des konventionellen Wohnbaus zu verlassen,

sie geben sich nicht mit dem paternalistischen, von

der Stadt oder dem Land und großen Wohnbauträ-

gern dominierten System des geförderten Wohnbaus

zufrieden, aber ebenso wenig wollen sie ins

Einfamilienhaus im Speckgürtel flüchten oder die

frei finanzierte Eigentumswohnung erwerben, die

Wohnraum und Anlageobjekt ist und die Bewohner-

Innen somit zu Kleinst-Immobilieninvestoren

macht. Vielfach versuchen diese Projekte auch den

Nutzen fürs eigene Leben und eigene Wohnen zu

überschreiten und auf Stadt und Umland zu wirken,

wie etwa das Wohnprojekt Wien zeigt.

Doch der selbst organisierte Einfluss aufs Umfeld

kann darüber weit hinausgehen, wenn Projekte

speziell daraufhin angelegt werden, Urbanitätsanker

zu werden.

Ein herausragendes österreichisches Beispiel dafür

ist das Baugemeinschafts-Baufeld in der zukünftigen

Seestadt Aspern: Die Entwicklungsgesellschaft

Wien 3420 startete 2011 ein Vergabeverfahren für

Grundstücke in diesem Baufeld, das ausschließlich

an Baugemeinschaften gerichtet war. Dadurch wurde

einerseits das größte Problem für Baugemeinschaften

in diesem einen Fall behoben, nämlich der

schwierige Zugang zu geeigneten Grundstücken;

und es wurde dadurch, dass ein ganzes Baufeld mit

insgesamt etwa 160 Wohnungen ausschließlich aus

Baugemeinschaften bestehen sollte, ein dichter

Kern an Aktivität erzeugt, der aufs konventionell

entwickelte Umfeld wirken soll – so jedenfalls die

Absicht. Derzeit läuft die zweite Stufe des Verfah-

22 | 23 285

Partizipation als Innovation im Wohnbau

Partizipation als Innovation im Wohnbau


.r.o.t. Kalksburg

beweist, dass partizipative

Wohnbauprojekte

nicht nur ein urbanes

Phänomen sind.

rens und fünf Gruppen sind im Rennen. Dabei handelt

es sich einerseits um b.r.o.t. 3, also ein weiteres

Projekt des b.r.o.t.-Verbands nach Geblergasse und

Kalksburg, diesmal interkonfessionell angelegt,

das wieder stark auf eine spirituelle Gemeinschaft

ausgerichtet ist und von Architekt Franz Kuzmich

geplant wird. Weiters um JAspern, das einzige eigentumsorientierte

Projekt am Baufeld, das von pos

Architekten geplant wird und am ehesten dem derzeit

sehr erfolgreichen Berliner Baugemeinschaftsmodell

entspricht; sowie um Orange 3, ein Ablegerprojekt

der bekannten Wiener Sargfabrik und somit

stark kulturbezogen-engagiert ausgelegt, geplant

von dem Architekten Helmut Wimmer. Weiters gibt

es die Baugruppe Pegasus, geplant von Georg

Baldass, betreut von Raimund Gutmann und realisiert

mit dem Bauträger Neunkirchen. Und schließlich

die Gruppe Seestern Aspern, die wieder mit

Einszueins Architektur und realitylab.at als Berater

ein Projekt entwickelt, das der BewohnerInnenverein

vom Bauträger Migra/Arwag als Gesamtes mieten

und an seine Mitglieder vergeben wird. Die fünf

Gruppen entwickeln ihre Projekte parallel, arbeiten

in mancher Hinsicht jedoch auch zusammen, etwa

indem sie den gemeinsamen Innenhof des Bau-

felds kooperativ planen und betreiben und die Gemeinschaftsflächen

aller Projekte aufeinander

abstimmen. Damit geht hier die Kooperation zwischen

Wohnbauprojekten weiter, als es gemeinnützige

Bauträger im Wiener Wohnbau schaffen. Das

Baufeld liegt günstig am Stadtteilpark und Schulcampus

in der zukünftigen Seestadt, es liegt aber

auch inmitten der Baufelder des geförderten Wohnbaus

und der Wohnbauoffensive – die Hoffnung

ist, dass das Engagement der Baugemeinschafts-

Bewohner Innen auf ihr Umfeld abstrahlt und sich

die Initiativen so potenzieren.

Ein noch ambitionierteres Projekt ist die Initiative

Möckernkiez in Berlin: Auf einem drei Hektar

großen Baufeld auf dem ehemaligen Anhalter Güterbahnhof

in Kreuzberg, nicht mehr als einen Kilometer

vom Potsdamer Platz entfernt, sollen 400

Wohnungen sowie Flächen für soziales Gewerbe

gemeinschaftlich errichtet werden. 2007 entstand

eine Bürgerinitiative mit Unterstützung der Bezirkspolitik,

die eine spekulative Bebauung durch einen

Investor verhindern wollte; bald danach entstand

ein Verein und schließlich eine Genossenschaft mit

weit über 400 Mitgliedern, die 2010 das Grundstück

um zehn Millionen Euro erwarb, die Wohnungen

sollen 2013 bezogen werden. Den städtebaulichen

Rahmen bilden Projekte von den Baufröschen und

Baumschlager Eberle; die Gebäude werden weiters

von dem Solararchitekturpionier Ralf Disch, den

Baugruppenarchitekten Roedig Schop sowie Schulte-

Frohlinde Architekten geplant, allesamt Sieger

eines Architektenwettbewerbs. Die Standards sind

für Berliner Verhältnisse hoch, beispielsweise

werden ausschließlich Passivhäuser gebaut – und

es werden sowohl zum Aufbau von Eigenkapital

Wohnungen verkauft als auch welche an Mitglieder

vergeben. Eine ag Solidarische Finanzierung soll

auch jenen das Wohnen im zukünftigen Möckernkiez

erlauben, die sich die etwa 2000 Euro, die pro

Quadratmeter zu finanzieren sind, ob nun im Eigentum

oder genossenschaftlich, nicht leisten können.

Und als noch weitergehend kann man den Tübinger

Ansatz bezeichnen, der erstmals für das Französische

Viertel in der Tübinger Südstadt gewählt wurde

und seither, immer wieder leicht adaptiert, bei allen

neuen Stadtentwicklungsprojekten der südwestdeutschen

Universitätsstadt zum Tragen kommt:

Dort werden Baugemeinschaften als zentraler Motor

der Stadtentwicklung angesehen und eingesetzt,

das Französische Viertel mit etwa 1000 Wohnungen

wurde zwischen 1996 und 2006 fast ausschließlich

mit Baugemeinschaften errichtet. Dies schien für

die Stadt und ihren Stadtplaner Andreas Feldtkeller

der beste Weg, um die für diesen Stadtteil angestrebten

zentralen Grundsätze umsetzen zu können,

und die langjährige Erfahrung zeigt, dass sie damit

recht hatten:

Kleinteilige Nutzungsmischung und Parzellierung,

hohe Dichte, Sanierung von Altbauten,

Investition in öffentlichen Raum und öffentlichen

Verkehr sowie Integration sozialer und

kultureller Infrastruktur –

Tübingen ist damit erfolgreich und macht mit seinen

Stadtentwicklungsprojekten sogar Gewinne,

obwohl die Wohnungen vergleichsweise kostengünstig

sind und die Mieten (die meisten Wohnungen

stehen im Wohnungseigentum) vertraglich

begrenzt werden.

Entscheidend für derartig großmaßstäbliche Stadtentwicklungsprojekte

mit Baugemeinschaften ist

sicherlich, ob ein faires Verhältnis zwischen Engagement

und Nutzen für die BewohnerInnen erreicht

wird – die großen Hoffnungen, die teils in derartige

„Urbanisierungskerne“ gesetzt werden, könnten

auch leicht zu Überlastungen der Baugemeinschaften

führen, die ja schon genug mit der Entwicklung

ihres eigenen Projektes zu tun haben, aber auch für

den Stadtraum rundum aktiv werden sollen. Tatsache

ist jedoch, dass Modelle wie jenes in Tübingen

zeigen, wie eine sinnvolle Balance erreicht werden

kann – bisher eher im kleinstädtischen Rahmen,

aber die aktuellen Projekte lassen Ähnliches in

Zukunft auch in den Großstädten erwarten. Und

dass das Modell Baugemeinschaft der Diversität

und Varietät von Stadtentwicklungsgebieten zugute

kommt und somit die viel beschworene, aber nicht

leicht realisierte Urbanität fördert, kann schwerlich

bestritten werden. �

Elisabeth Lichtenberger,

1925 in Wien geboren,

wurde 1972 als erste Frau

in Österreich auf ein

Ordinariat für Geografie

berufen, 1987 zum wirklichen

Mitglied der öaw

gewählt und 1999 in die

Kurie für Wissenschaft

und Kunst aufgenommen.

Ihre Mitgliedschaften in

der Academia Europea,

der British Academy, den

Geografischen Gesellschaften

von Österreich,

Ungarn und Italien sowie

in der Royal Geographic

Society zeugen von ihrem

internationalen

Renommee.

Aristoteles differenzierte

in seiner Naturphilosophie

zwischen inneren

und äußeren Ursachen

eines Geschehens. Im

Gegensatz zum Kausalprinzip

werden durch die

causa finalis (Finalursache)

Situationen durch

ihr Ziel oder ihren Nutzen

beschrieben.

Durch die causa efficiencia

(Wirkursache) definierte

Aristoteles die

äußere Ursache, wodurch

Veränderung oder Stagnation

hervorgerufen

wird.

Mit der causa formalis

(Formursache) erklärt

Aristoteles die Ursache

der Struktur und Form,

die er zu den inneren

Ursachen seiner Naturphilosophie

zählte.

causa materialis (Stoffursache):

Die Beschaffenheit

eines Materials determiniert

den jeweiligen

Einsatz, das Material ist

somit laut Aristoteles

Ursache für einen Gegenstand.

In der Präambel der am

4. Juli 1776 verabschiedeten

Verfassung der usa

ist das Streben nach

Glück als eines der

unabdingbaren Rechte

jedes Menschen festgehalten.

// „We hold these

truths to be self-evident,

that all men are created

equal, that they are

endowed by their Creator

with certain unalienable

Rights, that among these

are Life, Liberty and the

pursuit of Happiness.“

Wohnraum und Gesellschaft |

Vergleichende Reflexionen von Europa und den USA

Präambel: Leben und Wohnen

Zwei Begriffe: Leben und Wohnen, seien an den Anfang gestellt. In der Weltsprache

des 21. Jahrhunderts, dem Englischen, fehlt interessanterweise der Begriff des

Wohnens, es gibt nur den Begriff des Lebens. Anders im Französischen, Spanischen

und Italienischen, wo beide Begriffe existieren und daneben noch weitere Zeitwörter

für differenzierte Formen des Wohnens in Gebrauch sind.

Damit ist die grundsätzliche Thematik dokumentiert, welche die Herauslösung von

mehreren Tätigkeitsfeldern des Menschen aus dem ursprünglich allumfassenden

Begriff des Lebens widerspiegelt. Es geht um den in der Stadtplanung hochstilisierten

Begriff der Grunddaseinsfunktionen von Wohnen, Arbeiten, Freizeit, Verkehr und

technischer Infrastruktur und die Standorte von Betrieben des sekundären, tertiären

und quartären Sektors. Von all diesen Funktionen stellt das Wohnen nur mehr eine,

wenn auch wichtige Funktion dar.

Beginnend mit den antiken Stadtkulturen und bis zur Postmoderne herauf entstanden

immer neue Tätigkeitsfelder und lösten sich aus dem ursprünglich die Grundlage

des Lebens darstellenden Begriff des Wohnens heraus. Sodass in der Postmoderne

mit Recht von Häußermann und Siebel in der Soziologie des Wohnens die Frage

gestellt werden kann: Was ist eigentlich Wohnen heute? Die Antwort verweist auf

das Paradoxon von steigender Wohnfläche – in der brd 39 m 2 pro Person–, bei gleichzeitiger

Herausnahme von Aktivitäten wie die Auslagerung der Alten und Kranken,

die Unterbringung von Kindern in eigenen Krippen und Tagesstätten.

Die zunehmende marktkonforme beziehungsweise staatlich gesteuerte Organisation

erfasst immer weitere Lebensbereiche. Ironisch vermerken die Autoren, dass am

Ende eines langen Prozesses, „nur noch der Single mit einem Haufen von Sachen

in der Wohnung geblieben ist, 1 welche jenseits ihrer Funktionen als austauschbare

Servicestation und als Schlafstelle, als Basislager für Kleider und Freizeitgerät und

als Relaisstation für Telekommunikation durch wachsende Privatisierung der

Bedürfnisbefriedigung interessanterweise wieder an Bedeutung gewonnen hat“.

Das historische Gegensatzpaar von

Eigenhaus und Mietshaus

Die folgenden Ausführungen beschränken

sich auf das historische Gegensatzpaar

von Eigenhaus und Mietshaus,

welches auf die antike Stadtkultur

zurückgeht. Bereits in der Antike lassen

sich die Prototypen in den griechischen

Stadtstaaten und in Rom, der Kapitale

des Römischen Imperiums, nachweisen.

Das Eigenhaus

In der griechischen Polis war das Haus

des Bürgers ein Eigenhaus, für dessen

Errichtung Aristoteles 2 vier Ursachen

angab: An erster Stelle steht die causa

finalis, d. h. der Zweck, zu dem das Haus

erbaut wurde. Damit wird in die Zukunft

hinein gedacht, und zwar aus einem

aus der Generationsfolge resultierenden

Zeitbegriff. Als wissenschaftliches

Problem entstand daraus die Frage

nach dem gesellschaftlichen Wandel

im baulichen Gehäuse, welche bis zur

Schwelle der Gegenwart herauf für

das Verhältnis von Wohnraum und

Gesellschaft in der europäischen

Stadtforschung von zentraler Bedeutung

geblieben ist, und zwar aufgrund der

Tatsache, dass Wohnbauten in den

Städten Europas im Allgemeinen eine

längere Lebensdauer besaßen als die

darin wohnende Bevölkerung.

Die zweite Ursache nach Aristoteles, die

causa efficiencia, umfasst die Aussagen

über die Mittel, d. h. über den Einsatz

von Kapital und Arbeits kräften, mit

denen das Haus gebaut wird. Hierbei

bestehen gegenwärtig die größten

Unterschiede zwischen weiten Teilen

Europas, vor allem den ländlichen

Räumen und der suburbanen Bautätigkeit

in Nordamerika (vgl. unten).

Als dritte Ursache wurde von

Aristoteles die causa formalis, der

Bauplan, genannt, der auswählend die

Materialien bestimmt, die als causa

materialis ebenfalls beim Hausbau

notwendig sind. Bis heute ist der Wohnungsbau

in Hinblick auf die Fertigungsverfahren

und Baustoffe abhängig von

dem jeweiligen technologischen Stand

der Bauwirtschaft und der Baustoffproduktion.

Stellt man die Konzeption des

Eigenhauses hinein in die jeweilige

soziale Organisation der Gesellschaft, so

ist einsichtig, dass in jedem politischen

System die führenden sozialen Schichten

stets am besten ihre Wohnvorstellungen

verwirklichen können. Als Beispiele sind

in diesem Zusammenhang das Bürger -

haus des Mittelalters, der barocke Adels -

palast, die gründerzeitliche Villa und

schließlich das repräsentative Eigenhaus

der Gegenwart anzuführen.

24 | 25 285

Partizipation als Innovation im Wohnbau Chronik

Diese Identifizierung mit einem eigenen

Haus ist jedoch grundsätzlich im Verlaufe

des Verstädterungsprozesses immer

weniger Menschen möglich geworden.

Derart zieht sich durch die Geschichte

des Städtebaus die Konfrontation von

Eigenhaus und Mietshaus, und es kann

kein Zweifel darüber bestehen, dass

in den dicht besiedelten Staaten dem

Letzteren die Zukunft gehört.

Ein Vergleich des Einfamilienhauses

in Europa und in den USA

Aufgrund folgender Parameter bestehen

grundsätzliche Unterschiede zwischen

der Struktur der Einfamilienhäuser in

Europa und in den usa. 3 Das Demokratieverständnis

der usa wird getragen von

der Selbstverantwortung des Bürgers,

der das Recht auf Freiheit, auf persönliches

Glück, Besitz und Privatsphäre für

sich beansprucht. „Der gute Mann steht

allein“ ist die Basisphilosophie für die

Person, „das gute Haus steht allein“ lässt

sich als Übertragung in die Siedlungslandschaft

von Suburbia formulieren.

Getragen von der enormen Mobilität der

Bevölkerung bewegt sich die perfekte

kapitalistische Aufschließungsmaschine

– getragen vom Renditedenken – hinein

in den exurbanen Raum. Dem Zensus von

2000 ist zu entnehmen, dass dieser damals

bereits mit 27 Mio. Wohneinheiten be gonnen

hat, die Kernstädte einzuholen, auf

welche nur mehr 32 Mio. Einheiten entfallen

sind, während in den Suburbs 53 Mio.

Wohneinheiten verzeichnet wurden.

Insgesamt haben sich seit der

Zwischenkriegszeit Großorganisationen

von Baugesellschaften, Realitätenbüros

und Hypothekenbanken um das Eigenhaus

angenommen, ähnlich wie dies vor

1914 beim kontinentaleuropäischen

Mietshaus der Fall war.

Das amerikanische Einfamilienhaus

hat keine Funktion im Generationentransfer.

Seine jeweilige Wahl entspricht

dem Status im Lebenszyklus, dem beruflichen

Prestige, dem Lebensstil und bei

Familien mit Kindern dem Schulstandort

und einer möglichst kurzen Pendlerdistanz

zum Arbeitsplatz, wobei der zeitliche

Aufwand auf derzeit rund 20 Minuten

abgenommen hat.


Im Vorfeld der Französischen

Revolution etabliert

sich der Begriff des

vierten Standes im Zuge

der Forderung nach

Repräsentation einer

gesellschaftlichen

Gruppe, die heute als

Arbeitnehmer bezeichnet

werden würde. Bis

dahin waren lediglich

der Adel, Klerus und der

dritte Stand (Großbürgertum,

Handwerkerschaft

bis hin zu den Bauern)

politisch vertreten.

Die Posse „Zu ebener

Erde und erster Stock“

mit Gesang von Johann

Nestroy wurde am 24.

September 1835 am

Theater an der Wien

uraufgeführt.

Der Begriff der Beletage

(von der französischen

bel étage) und des piano

nobile (erstmals im

Venedig des 12. Jahrhunderts)

etablierte

sich in Österreich in der

Gründerzeit.

Das Einfamilienhaus ist – last not least –

der Träger des lokalen Steuersystems.

Die real estate tax beträgt rund 60 % des

lokalen Steuersystems.

Ihre Höhe wird in Abhängigkeit

vom Marktwert der Häuser jährlich festgelegt

und beläuft sich im Durchschnitt

auf 1,5 % desselben. Je höher der Durchschnittswert

der Eigenhäuser ist, desto

besser können die Schulen ausgestattet

bzw. Polizeischutz gewährleistet werden.

Die Verknüpfung von der

Immobilienökonomie mit der privaten

Pensionsversicherung erklärt auch

das Mitwandern der Mittelschichten

mit steigenden Boden- und Immobilienpreisen.

Der massive Einbruch des

Immobilienmarktes durch die aktuelle

Finanzkrise hat daher für den Europäer

kaum vorstellbare Konsequenzen.

Abschließend sei angeführt, dass

aufgrund der Leichtestbauweise einer

industriellen Massenproduktion aus Holz

die Lebenszeit der Bauten wesentlich

kürzer ist als in Europa und eine soziale

Abwertung nach wenigen Jahrzehnten

zur Regel gehört.

Das europäische Eigenhaus

unterscheidet sich in nahezu allen

Aussagen vom amerikanischen. In Konti-

nentaleuropa fehlen Großorganisationen

der Finanzierung und Vermarktung. Die

Fertigung durch relativ kleine Baubetriebe

beherrscht nach wie vor die Szene.

Fertighäuser gibt es zwar, sie sind jedoch

noch nicht marktbeherrschend.

Nicht ökonomische Variable wie Eigentumsbegriff

und Generationsdenken

stehen vielfach noch bei der Errichtung

von Einfamilienhäusern im Vordergrund.

Sie bestimmen auch das Investitionsverhalten

bei Reparaturen, Erneuerung,

Um- und Ausbauten, das renditefreudigen

Amerikanern nur Kopfschütteln abringen

kann, da die Frage, ob die Investitionen den

Verkaufswert des Hauses steigern, kaum

gestellt wird. Dieses fehlende Renditedenken

zeigt sich besonders in der Gastar -

beiterperipherie Europas von Portugal

bis Südosteuropa und bis in die Ukraine

hinein, wo von den Gastarbeitern an

der Peripherie großer Städte, aber auch

in abgelegenen Gebieten in jahrelanger,

mühevoller Arbeit sehr geräumige

Einfamilienhäuser errichtet werden,

deren Erbauer, wenn überhaupt, erst

im Rentenalter zurückkehren. Aufgrund

dieses traditionellen Verhaltens

besteht bisher ein grundsätzlicher

Unterschied zur nordamerikanischen

Situation insofern, als die Errichtung

von Einfamilienhäusern mit einer

Immobilisierung der Bevölkerung

verbunden ist.

Infolge der Substitution von

Kapital durch Arbeitskraft in großen

Teilen Europas, vor allem außerhalb

der Stadtregionen, ist es verständlich,

dass die Größe der neu erbauten

Einfamilienhäuser in keinem Zusam-

menhang mit der Wirtschaftskraft des

jeweiligen Staates steht. Man ist

daher immer wieder überrascht von

den beachtlichen Dimensionen

von Einfamilienhäusern bis tief in die

Ukraine hinein.

In manchen Teilen Europas konnte

das Einfamilienhaus auch zusätzliche

Funktionen gewinnen wie in den

österreichischen Alpen für den Fremden-

verkehr oder in der Bundesrepublik durch

Errichtung von Einliegerwohnungen,

welche vermietet werden. In Hinblick auf

den Standort sondern sich Kleinstädte

und Pendlerdörfer noch immer durch

das Vorherrschen des Einfamilienhauses

von den großen Agglomerationen ab, in

denen die Ausbreitung einer Einfamilienhausperipherie

im Großen und Ganzen

abgestoppt ist.

Das Mietshaus

Die Konzeption des Mietshauses verbindet

sich in der generellen Vorstellung

mit der Gründerzeit. Diese Auffassung ist

jedoch zu revidieren, da die Anfänge des

Mietshauses in Abhängigkeit von der

Stadtgröße bereits an die Wende vom

Mittelalter zur Neuzeit zurückreichen.

Dieses ältere Mietshauswesen hatte

allerdings in erster Linie den Wohnungsbedarf

des bürgerlichen Mittelstandes

zu befriedigen, während ab der Mitte des

19. Jahrhunderts mit der Industrialisierung

und sprunghaft steigenden Verstädterung

der „vierte Stand“ in die Schar der

Wohnungssuchenden eingerückt ist. Die

traditionellen Haushaltsgemeinschaften,

bei denen der Gewerbeherr für die Unterbringung

seiner Gehilfen und Lehrlinge

verantwortlich war, lösten sich mehr und

mehr auf. Dem massenhaft steigenden

Wohnungsbedarf konnte auch die Zunft

des Baugewerbes nicht mehr genügen.

Baugesellschaften bildeten sich und

erschlossen das Gelände, ein Heer von

Agenten fungierte als Zuträger der Grundstücke,

Hypothekenbanken übernahmen

die Finanzierung. Der kapitalistische

Wohnungsmarkt setzte die Spielregeln

für die Wohnungswirtschaft. Der Hausbesitz

wurde zur günstigen Kapitalanlage

breiter Schichten des Bürgertums.

Hohe Mieten, hohe Mobilität der Mieter

und das berüchtigte Wort von den

„Großstadtnomaden“ kennzeichnete die

andere Seite des Systems, in dem in den

Arbeiterbezirken der großen Städte ein

Drittel der Mieter jährlich die Wohnung

zu wechseln hatte. Standardisierte und

sozial differenzierte Mietshaustypen

entstanden. Die Hauptstädte Paris, Wien

und Berlin schufen sie. Von hier breiteten

sie sich dann über das Netz der Groß- und

Mittelstädte aus.

Das französische Modell der Wohnklassengesellschaft

verdient in diesem

Zusammenhang unser Interesse, welches

über die Wohnkarrieren von Angehörigen

des oberen Bürgertums, der Mittelschicht

und der Arbeiterklasse informiert, wobei

drei Stufen des potenziellen Aufstieges in

der Wohnkarriere angegeben sind: 4 Hölle,

Fegefeuer und Paradies. Die Grundschicht

und die Oberschicht weisen die erstaunliche

Gemeinsamkeit auf: in einem freistehenden

Haus und zwar einerseits in

einem schlichten Einfamilienhaus und

andererseits in einer schlossartigen Villa

ihr Wohnideal zu sehen, während die

Mittelschicht das gut ausgestattete, von

der Straße zurückgerückte mehrgeschoßige

Apartmenthaus als ideale Wohnform

bevorzugt. 5

Die vertikale soziale Differenzierung

im kontinentaleuropäischen

Mietshaus des frühen 19. Jahrhunderts

ist durch die Nestroysche Posse „Zu

ebener Erde und Erster Stock“ in die

Literaturgeschichte eingegangen. Sie

kennzeichnete nicht nur Wien, sondern

das kontinentaleuropäische Mietshaus

schlechthin. Die Zeichnung eines

französischen Mietshauses um die Mitte

des 19. Jahrhunderts bietet dafür eine

vorzügliche Illustration. 6 Demnach übte

der Concierge, der Hausbesorger, der im

Erdgeschoß wohnte, eine Kontrolle über

die ein- und ausgehenden Personen aus

und war über das Privatleben der Mieter

bestens informiert. Im Erdgeschoß

befand sich ferner ein Wohnladen mit

angeschlossener Wohnung. Der erste

Stock war als Beletage dem Hausbesitzer

vorbehalten, der den Repräsentationsstil

des einstigen französischen Adels

übernommen hatte und als „Kapitalist“

von den Mieteinnahmen seiner

Mietshäuser lebte. Auch im zweiten Stock

waren noch Wohnungen für etwas

bescheidenere bürgerliche Familien, im

dritten Stock sieht man, dass ein Mieter

gerade vom Verwalter den Kündigungsbrief

erhält, im vierten Stock haben arme

Leute und Künstler ihr „Obdach“.

1 Hartmut Häußermann,

Walter Siebel (1996),

Soziologie des Wohnens,

Weinheim und

München, S. 14.

2 aristoteles (1958),

Politik, übersetzt von

Eugen Rolfes, 3.Auflage,

Philosophische Bibliothek

7, Hamburg.

3 Elisabeth Lichtenberger

(2002), Die Stadt,

Von der Polis zur Metropolis,

Darmstadt,

S. 281 ff.

1853 löste Elisha Graves

Otis, Gründer der Otis

Elevator Company, mit

der Präsentation des

ersten absturzsicheren

Aufzugbaus den flächendeckenden

Einsatz von

Personenliften in Gebäuden

in den USA aus.

Erst mit der Vorstellung

des ersten elektrischen

Lifts in Mannheim

1880 durch Werner von

Siemens (siehe Abbildung

oben) sollte sich

diese Entwicklung auch

in Europa wiederholen.

gentrification (im

Deutschen auch Gentrifizierung)

der Begriff

wurde 1964 durch eine

Publikation von Ruth

Glass, einer britischen

Stadtsoziologin, geprägt

und leitet sich von der

britischen Bezeichnung

des niedrigen Adels

(gentry) ab. Glass beschrieb

damit den

Zuzug wohlhabender

Mittelklassefamilien in

den ursprünglich ökonomisch

schwachen

Londoner Stadtteil

Islington. Heute wird

unter dem Begriff

allgemein ein sozioökonomischer

urbaner

Umstrukturierungsprozess

verstanden,

der durch den Zuzug

ökonomisch stärkerer

Bevölkerungsgruppen

in bis dahin schwach

entwickelte Stadtteile

charakterisiert wird.

Als les grands ensembles

werden die ab den

1950er-Jahren erbauten

suburbanen Großwohnsiedlungenfranzösischer

Städte bezeichnet,

die 2005 durch die

Unruhen in den Banlieues

international

traurige Bekanntheit

gewannen.

4 Duby G. (1985), Histoire

de la France urbaine. La

ville aujourd’hui, Paris,

Bd. 5, S. 452.

5 Elisabeth Lichtenberger

(2002), Die Stadt,

S. 241/242.

6 Benevolo (1993), Die

Geschichte der Stadt,

7. Auflage

7 Elisabeth Lichtenberger

(2002), Wem gehört

die 3. Dimension der

Stadt? Mitt. Österr.

Geogr. Ges. 143. Jg,

Wien S. 7 – 34.

8 Die Stadt, S. 284.

Die Drehung des Sozialprofils im

Mietshaus des 20. Jahrhunderts 7

Erst der Aufzugbau hat eine Egalisierung

der Geschoße gebracht, und die Verkehrs-

und Umweltbelastung der letzten Jahrzehnte

hat schließlich zu einer Drehung

des Sozialprofils geführt. Gegenwärtig

erfolgt eine gewisse Polarisierung

zwischen Verfallsphänomenen im

Erdgeschoß und „gentrification“ mittels

penthouseartiger Strukturen im Dachgeschoß.

Diese Akzentuierung der sehr

differenzierten Bewertung der einzelnen

Geschoße geht Hand in Hand mit sozialen

und ethnischen Segregationsvorgängen

in der Miethausstruktur von Großstädten.

Mieter aus sozial schwachen Gruppen im

Erdgeschoß reflektieren die Effekte des

traffic blight, während andererseits das

Paradoxon besteht, dass die „ökologisch

orientierte Subventionspolitik“ einer

sozialdemokratischen Stadtverwaltung

für den Dachausbau und die Anlage von

Dachgärten indirekt Bezieher höherer

Einkommen privilegiert.

Vom Mietshaus zur Wohnanlage: Ein

Vergleich der USA mit Europa

Das kontinentaleuropäische Mietshaus

des 19. Jahrhunderts ist nicht nach

Nordamerika ausgewandert. Mietshäuser

treten dort überhaupt erst spät,

nämlich in der Zwischenkriegszeit auf,

einerseits beeinflusst von den großen

City-Apartmenthäusern in London,

andererseits vom sozialen Wohnungsbau

in Wien. Gleichzeitig begann eine

soziale Polarisierung, d. h. die wirklich

Reichen und die wirklich Armen zählten

und zählen zu den Bewohnern. Beispiele

für Erstere finden sich im Anschluss an

die Downtowns wie längs der Gold Coast

in Chicago, rings um den Central Park in

New York, auf dem Russian Hill in San

Francisco und andererseits in Suburbs

wie in den Cleveland Heights. Freilich ist

dieser Typ der luxuriösen Apartmenthäuser

auf einige wenige Weltstädte

und Millionenstädte beschränkt

geblieben. Das andere Extrem stellen

die Massenmietshäuser des sozialen

Wohnbaus dar, die im Zuge des urban

renewal entstanden.

Die Bautradition des zur Straße

ausgerichteten kontinentaleuropäischen

Mietshauses und der Reihenhausverbauung

ist mit dem Ersten Weltkrieg

ebenso abgerissen wie das kapitalistische

System der Bauträger. Doch haben

in den sozialen Wohlfahrtsstaaten

Europas große öffentliche Kapitalgeber

sich des Mietshauses in der neuen Form

der Wohnanlage angenommen.

26 | 27 285

Chronik Chronik

Über den sozialen Wohnungsbau der

Zwischenkriegszeit reicht die Entwicklung

herauf bis zum schwedischen

Modell der Satellitenstädte mit Großwohnanlagen.

Die zweite Hälfte des 20.

Jahrhunderts war über Europa hinweg in

allen großen Städten durch einen breiten

Vormarsch des Mietshauses einschließlich

der neuen Form des Eigentumswohnbaus

gekennzeichnet. Im Hinblick auf

die bereits erreichten Dimensionen der

Wohnblöcke am Stadtrand stehen die

grands ensembles in Frankreich in

größenmäßiger Parallele zu den Wohnanlagen

in den Metropolen der ehemaligen

Ostblockstaaten, Ostberlin, Prag,

Budapest, Belgrad, Bukarest und Sofia.

Nur in Hinblick auf die Wohnungsgröße

besteht ein West- Ost- Gefälle, das von

vier Zimmern in Paris-Sarcelles, über drei

Zimmer in Frankfurt und Berlin bis zu

zwei Zimmern in den Oststaaten reicht.

Im Großen und Ganzen hat sich in

der Nachkriegszeit die Entwicklung der

Gründerzeit wiederholt, als man die Unterbringung

der massenhaft vom Land in die

Stadt ziehenden Bevölkerung nur mittels

Mietskasernen bewältigen konnte.

Eine Besonderheit Europas bildet

das Zweitwohnungswesen. 8 Von der

Villa des Römischen Reiches führt die Linie

herauf zur Villa der Renaissance in der

Toskana, zu den barocken Sommerschlössern

des Adels, den Landhäusern der

bürgerlichen Gesellschaft im 19. Jahrhundert.

In der Nachkriegszeit haben die

Niedrigmietenpolitik und der staatliche

Wohnungsbau in den sozialistischen

Ländern die Doppelung der Wohnstandorte

mit der Arbeitswohnung im städtischen

Mietshaus und dem Freizeitwohnsitz,

der Datscha, im ländlichen Raum mit

subventioniert. Neuerdings mit dem

Begriff „Multilokalität“ ausgestattet, hat

sich damit ein neuer Lebensstil in breiten

Bevölkerungsschichten verankert. Die

Zweitwohnungsperipherie um die großen

Städte kann als das europäische Pendant

zur Exurbanisierung in Nordamerika

aufgefasst werden.


Meine Entscheidung:

Bewusst bauen mit Sto-Fassadendämmsystemen.

Eine Sto-Fassade ist mehr als das Gesicht eines

Hauses. Sie beeindruckt auf den ersten Blick durch

Ästhetik und weckt Lust auf mehr. Wer aber ihre

inneren Werte kennt, weiß, was perfekte Fassaden

ausmacht: Top-Qualität, innovative Technologien,

perfekte Abstimmung von Systemen und Zubehör,

erstklassige Beratung und umfassender Service.

An meine Fassade kommt nur Sto – das Beste.

Die technischen Belange des modernen Holzbaues

werden im Eurocode 5

(ÖNORM EN 1995-1-1 und B 1995-1-1) geregelt.

Die umfassende Erforschung des Baustoffes Holz der

letzten Jahrzehnte und bahnbrechende Entwicklungen

in der Verbindungstechnik finden im Regelwerk

ihren Ausdruck.

Im Gegensatz zu Fachbüchern folgt der Inhalt dieses

Arbeitsheftes strikt der Nummerierung des Normentextes.

> Punkte, für die im Anhang Regelungen getroffen

werden, sind zur besseren Übersicht direkt im

laufenden Text eingearbeitet.

> Die einzelnen fachlichen Regelungen werden

durch erklärende Zeichnungen, Diagramme und

Hinweise auf weiterführende bzw. abweichende

Regelungen (z. B. in der DIN) kommentiert.

> Einige Formeln können mithilfe von kostenlosen

ECXEL-Programmen berechnet werden.

Die Inhalte richten sich gleichermaßen an:

> Ziviltechniker und Ingenieure,

> planerisch tätige, Holz verarbeitende Betriebe

wie Zimmereien und Holzleimbaufirmen

> und den gesamten Ausbildungsbereich.

Insgesamt sollen mit dieser Arbeitshilfe diese

wesentlichen Ziele erreicht werden:

> Sinn erfassendes Arbeiten

> sichere Anwendungen der Regeln

> Vermeidung von Rechenfehlern

> rationelles Arbeiten

> Stärkung des Baustoffes Holz durch die grundlegende

Vereinfachung in der Planung

Diese Publikation ist in der

Service-GmbH der WKO erhältlich:

Bestellservice

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Fax: 05 90 900 DW 236

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Entwicklungsgeschichte, medialer Diskurs,

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Bauen innerhalb der internationalen Entwicklungszusammenarbeit

Wann 18.4.2012, 19:00 Uhr

Wo Architekturzentrum Wien, Museumsplatz 1

im MQ, 1070 Wien

Wer Gruppe Architektur ohne Grenzen Austria

Und wer noch Karoline Mayer, Az W; Gunda Maurer,

Gründerin AoGA; Dick Urban Vestbro, Generalsekretär

ASF International; Martin Rauch, Experte Lehmbau;

Helena Sandman, Hollmen Reuter Sandman architects,

Finnland; Brigitte Öppinger-Walchshofer, Geschäftsführerin

ADA; Fritz Oettl, str. Vorsitzender

AoGA; Carl Pruscha, Architekt; Andrea Rieger-Jandl,

Prof. für kulturvergleichende Architekturgeschichte,

TU Wien; Elke Krasny, Kulturtheoretikerin

Architektur ohne Grenzen Austria wurde Ende 2010

als Teil des internationalen Netzwerkes architecture

sans frontières international gegründet. Die

10-köpfige interdisziplinäre Gruppe arbeitet nunmehr

an der Umsetzung von Bauprojekten innerhalb der

internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Auf -

bauend auf Forschungsergebnissen in der jeweiligen

Region werden Möglichkeiten entwickelt, lokales

Bauhandwerk, anonyme Bautradition, Technik

und Ökologie in eine zeitgemäß gebaute Form zu

übertragen. Damit leistet sie einen Mehrwert im

Hinblick auf Lebensdauer, Umwelt, Energie, Komfort

und Wirtschaftlichkeit. Durch das Zusammenspiel

dieser Aspekte entsteht innovative Architektur = die

Schaffung einer menschenwürdigen Lebensform.

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monatlich einen Vortragsabend zu den Themen des

Vergabe- und Baurechts mit den Top-Vergabeexperten

Österreichs

jeweils Donnerstag ab 17 Uhr

Ort: 1010 Wien, Bartensteingasse 2 (3. Stock),

Vortragssaal

Keine Teilnahmegebühr

Beginn der Vortragsreihe:

29. März 2012, 17 Uhr

„Aktuelle Neuerungen im Vergaberecht“

mit Fruhmann (Bundeskanzleramt)

Weitere Informationen und Programm:

Schramm Öhler Rechtsanwälte OG

1010 Wien, Bartensteingasse 2

Tel +43 (0)14097609

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anders als

geWohnt WW

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dem Motto „anders als geWohnt“ wieder zu einem außergewöhnlichen Architekturereignis ein! Ein umfang-

reiches Programm bietet vielfältige Möglichkeiten, Architektur, mit einem Schwerpunkt im Bereich ‚Wohnen’,

hautnah zu erleben, Neues zu entdecken und Ungewöhnliches zu verstehen.

Ein Projekt der Kammern der Architekten und Ingenieurkonsulenten und der Architekturstiftung Österreich

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Über welche Befugnis(se) verfügen Sie? Sind Sie

persönlich ArchitektIn oder IngenieurkonsulentIn?

ezt / zt-Gesellschaften – Anzahl der Betriebe (absolut),

Netto-Umsatz und Brutto-Jahresgewinn 2009 (in Euro)

5.000

4.500

4.000

3.500

3.000

2.500

2.000

1.500

1.000

500

0

4.440

(4.215 / 2010)

Total

IngenieurkonsulentInnen

ArchitektInnen

1.706

(1.608 / 2010)

281.344.000 €

(332.821.000 € / 2009)

Wirtschaftliche Standortbestimmung der Branche

2.751

(2.607 / 2010)

143.366.000 €

(156.965 .000 € / 2009)

Durchgeführt von Triconsult im Auftrag der Bundeskammer der Architekten und

Ingenieurkonsulenten (bAIK), erschienen im Januar 2012

Ende 2011 untersuchte Triconsult bereits zum dritten Mal

im Auftrag der bAIK den aktuellen Status der Architekt-

Innen (A) und IngenieurkonsulentInnen (IK). Die TeilnehmerInnen

der Umfrage (gegliedert in zwei Zielgruppen:

Kammermitglieder mit aktiver Befugnis und zt-Gesellschaften)

beantworteten auch in diesem Jahr Fragen zu

den Themenfeldern: Umsatz, Kosten und Ertrag, Beschäftigte

und Stundensätze, zu Kalkulationsmethoden und

ihrer Teilnahme an Wettbewerben. Neu eingeführt wurde

2011 der Fragenkomplex zum Thema der Eingliederung

der Wohlfahrtseinrichtungen in die fsvg. In diesem

Zusammenhang wurde auch die Verteilung der we-Beiträge

als Kontrollgruppe erhoben, was eine Reduzierung

der Umsatzzahlen gegenüber den Vorjahren mit sich

brachte. Auch in diesem Jahr wurden die Ergebnisse auf

der Basis der Kammermitglieder pro Bundesland

Wie hoch war Ihr Jahresgewinn/ Jahresverlust 2010

aus Ihrem Büro/ Unternehmen – vor Steuern ?

139.522.000 €

(179.290.000 € /2009)

789.787.000 €

(1.162.982.000 € / 2009)

974.448.000 €

(968.709.000 € / 2009)

Wie hoch war der Netto-Umsatz (ohne USt)

Ihres Büros / Unternehmens im Jahr 2010 ?

1.756.099.000 €

(2.121.935.000 € / 2009)

gewichtet und auf die Mitgliederzahlen hochgerechnet.

Eine Zusammenfassung der aktuellen Standortbestimmung

finden Sie auf den folgenden Seiten. Für die Gesamtsicht

haben wir die Ergebnisse von Einzelziviltechniker-

Innen (ezt) und zt-Gesellschaften gemeinsam dargestellt.

Umsatz, Kosten und Ertrag

In Summe erwirtschaften 4440 Betriebe (1706 IK und

2751 A) knapp 1,8 Mrd. Euro Umsatz im Jahr 2010. Die

IngenieurkonsulentInnen sind daran mit knapp einer

Milliarde Euro beteiligt, die ArchitektInnen mit knapp

800 Mio. Euro. Allerdings überwiegt der Anteil der Büros,

die Umsätze verloren haben, die Gewinner deutlich.

In Summe erzielen die Betriebe (zt-Gesellschaften und

ezt zusammen) einen Bruttojahresgewinn von rund

281 Mio. Euro. 145 Mio. Euro davon entfallen auf Inge-

ezt / zt-Gesellschaften – Anzahl der Beschäftigten 2011 (aktuell),

Anteil an Anwesenheitsstunden 2010 (in Prozent)

Wie viele Personen arbeiten in Ihrem Büro ?

nieurkonsulent Innen und 140 Mio. Euro auf Architekt-

Innen. Von den befragten ezt weisen 2010 bei den

Inge nieurkonsulentInnen nur noch 86 % (nach 91,3 % im

Jahr 2009) einen Gewinn auf. Bei den ArchitektInnen sind

es relativ konstante 82,4 % mit Gewinn. zt-Gesellschaften

machen bei den IngenieurkonsulentInnen in 87,7 % der

Fälle Gewinn, bei den ArchitektInnen beträgt der Anteil

86,6 % . Im Verlustfall sind es knapp mehr als 30.000 Euro

pro Gesellschaft.

Beschäftigte und Stundensätze

Die Branche beschäftigt 2010 knapp 24.000 Menschen.

Gegenüber dem Vorjahr bedeutet das sowohl bei IngenieurkonsulentInnen

als auch ArchitektInnen leichte

Personalzuwächse, die sich insgesamt auf ca. 600 Mit arbeiterInnen

summieren. Nach Angaben der Befragten

Welcher Anteil der Anwesenheitsstunden

entfällt auf … verrechenbare Stunden ? … externe bzw. interne Schulung ?

können IK erneut rund 73 % der Anwesenheitsstunden

verrechnen, ArchitektInnen etwa 71 % (was einer leichten

Steigerung entspricht). Auf Schulungen entfallen rund

7 % (IK) bzw. 6 % (A). Andere nicht verrechenbare Stunden

machen bei IngenieurkonsulentInnen ein Fünftel der

Anwesenheitsstunden aus, bei ArchitektInnen wieder

aber fast ein Viertel. Die Nettostundensätze (im Jahr 2009)

sind bei IngenieurkonsulentInnen – wie auch in den Vor -

jahren – in allen Qualifikationsstufen höher als bei Architekt-

Innen. Im Schnitt beträgt der Nettostundensatz für zt

80 Euro, technische AkademikerInnen werden mit 73 Euro

verrechnet (5 Euro mehr als 2010), andere Akademiker-

Innen mit 72 Euro (plus 6 Euro) und Techniker Innen ohne

akademischen Abschluss mit 58 Euro (plus 3 Euro). Die

Stundensätze sind damit in Jahresfrist bei den MitarbeiterInnen

deutlich stärker gestiegen als bei den zt selbst.

32 | 33 285

Wirtschaftliche Standortbestimmung der Branche Wirtschaftliche Standortbestimmung der Branche

24.000

22.000

20.000

18.000

16.000

14.000

12.000

10.000

8.000

6.000

4.000

2.000

0

23.639

Total

Ingenieurkonsulenten

Architekten

11.189

12.541

72,5%

Netto-Umsatzentwicklung (in Prozent) Ziviltechnikergesellschaften

Wird der Netto-Umsatz 2011 höher,

gleich hoch oder niedriger sein als 2010?

2010 – 2011

2009 – 2010

3,4 %

3,2 %

6,7%

1,1 % 5,1 %

1,0% 4,9 %

War der Netto-Umsatz 2010 höher,

gleich hoch oder niedriger als 2009?

20,9%

70,8%

5,9%

EinzelziviltechnikerInnen

… andere nicht verrechenbare Stunden ?

(Urlaub, Krankenstand, Administration etc.)

23,4%

3,9 % 1,6 % 5 %

1,9 % 3,8 %

0,5 %

0 %

0 %


2.000

1.800

1.600

1.400

1.200

1.000

800

600

400

200

0

ezt / zt-Gesellschaften – Teilnehmer und Teilnahmen

an Wettbewerben 2010 (absolut),

Stundenaufwand für Wettbewerbe 2010 (absolut in Std.)

Total

IngenieurkonsulentInnen

ArchitektInnen

Hat Ihr Büro / Unternehmen 2010

an Wettbewerben teilgenommen ?

1.654

(1.868 / 2009)

6.631

(7.741 / 2009)

193

(236/ 2019)

1.326

(1.893 / 2009)

1.470

(1.637 / 2019)

5.359

(5.908 /2009)

An wie vielen Wettbewerben hat Ihr

Büro / Unternehmen teilgenommen?

Wie hoch war Ihr Stundenaufwand

2009 insgesamt für Wettbewerbe?

1.500.000

1.350.000

1.200.000

1.050.000

900.000

750.000

600.000

450.000

300.000

150.000

Teilnahme an Wettbewerben

32 % der ezt und 46 % der zt-Gesellschaften (nach zuletzt

62 %) haben 2010 an Wettbewerben teilgenommen. Das

Verhältnis nach Befugnis hat sich gegenüber dem Jahr

2008 wenig verändert: 11 % der IngenieurkonsulentInnen

und 51 % der ArchitektInnen (zuletzt aber 60 %) nehmen an

Wettbewerben teil. Das bedeutet, dass in Summe fast

1500 an Wettbewerben teilnehmende ArchitektInnen auf

rund 5400 Wettbewerbsteilnahmen kommen, bei den

rund 200 IngenieurkonsulentInnen sind es etwas mehr

1300 Wettbewerbsteilnahmen. Offene Wettbewerbe

(mehr als 3000 Teilnahmen) sind die häufigste Form

(2500 Teilnahmen durch ArchitektInnen) vor geladenen

Wettbewerben (2300 Teilnahmen, davon rund 1900 durch

0

1.321.924

(1.491.549 / 2009)

136.666

(74.241 / 2019)

273.499.000 €

(349.670.000 € / 2009)

1.190.925

(1.422.259 / 2019)

63.221.000 €

(26.209.000 € / 2009)

8.593.000 € (4.196.000 € / 2009)

60.317.000 € (87.042.000 € / 2009)

An wie vielen Wettbewerben hat Ihr Büro / Unternehmen

pro Kategorie im Jahr 2010 teilgenommen?

3.022 Offene Wettbewerbe

533

2.491

ezt / zt-Gesellschaften – Stundenaufwand für

Wettbewerbe 2010 (absolut in Std.),

Auftragssumme aus Wettbewerben und

Netto-Gesamtkosten für Wettbewerbsteilnahmen

2010 (in Euro)

Wie hoch war die Gesamtauftragssumme Ihres

Büros aus im Jahr 2010 gewonnenen Wettbewerben ?

213.396.000 €

(324.231.000 € /2009)

2.306 Geladene Wettbewerbe

421

1.918

52.109.000 € (83.467.000 € /2009)

Wie hoch waren die Netto-Gesamtkosten

für Wettbewerbsteilnahmen

Ihres Büros im Jahr 2010 ?

510 Bauträger-Wettbewerbe

209

302

794 Private Auslober

281

649

ArchitektInnen). Private AusloberInnen spielen im

Wettbewerbswesen mit 800 Teilnahmen keine dominierende,

aber eine nicht unbeträchtliche Rolle. Auch hier

überwiegen die ArchitektInnen mit 650 TeilnehmerInnen.

Der einzige Bereich, wo IngenieurkonsulentInnen und

ArchitektInnen in der Anzahl der Teilnahmen näher

beieinanderliegen, ist der Bereich der Bauträgerwettbewerbe

mit insgesamt 500 Teilnahmen. Im Vergleich zum

Jahr 2009 ist der Aufwand der ZiviltechnikerInnen für

Wettbewerbe korrespondierend zu den rückläufigen

Teilnahmen auf rund 1,3 Mio. Arbeitsstunden gefallen.

In Summe sind das etwa 300.000 Arbeitsstunden weniger.

Noch immer investieren ArchitektInnen mit 1,2 Mio.

Arbeitsstunden den größten Anteil, allerdings mit deutlich

ezt / zt-Gesellschaften – Wettbewerbsteilnahmen insgesamt

2010 2009 2010 2009 2010 2009

Anteile der Unternehmen, die an

Wettbewerben teilnehmen (in Prozent) 35,6 43,2 10,7 13,2 51,2 63,6

Unternehmen, die an Wettbewerben

teilnehmen 1.654 1.868 193 236 1470 1.637

Teilnahmen an Wettbewerben (insgesamt) 6.631 7.801 1.326 1.893 5.359 5.908

Durchschnittliche Anzahl an

Wettbewerbsteilnahmen 4,0 4,1 6,9 8,0 3,6 3,6

Durchschnittlicher Stundenaufwand 799 745 710 310 810 816

Durchschnittlicher Kostenaufwand

(in 1000 Euro) 36,5 46,6 44,6 17,8 35,5 45,6

Durchschnittliches Netto-Preisgeld und

Aufwandsentschädigungen (in 1000 Euro) 2,9 10,7 1,0 9,7 3,3 11,0

Durchschnittliche Anzahl an Aufträgen

aus Wettbewerben 0,5 0,8 1,2 1,4 0,5 0,7

Durchschnittliches Auftragsvolumen

aus Wettbewerben (in 1000 Euro) 490 446 559 228 471 509

Durchschnittliches Bauvolumen

aus Wettbewerben (in 1000 Euro) 6.122 7.280 9.401 9.227 5.322 6.928

rückläufiger Tendenz, während die IngenieurkonsulentInnen

den Stundenaufwand fast verdoppeln.

Die Gesamtkosten für Wettbewerbe sind gegenüber

dem Vorjahr um mehr als 20 Mio. Euro auf nunmehr

60 Mio. Euro gefallen. Der Anteil der ArchitektInnen

beläuft sich dabei auf rund 52 Mio. Euro. Häufiger gehen

nun auch die IngenieurkonsulentInnen in der Wettbewerbssituation

leer aus. Nur rund jede sechste Teilnahme

bedeutet auch einen Auftrag. Damit ist die Conversion

Rate bei den IngenieurkonsulentInnen gleichauf mit der

der ArchitektInnen, bei denen jede siebte Teilnahme an

einem Wettbewerb für einen Auftrag sorgt. Was allerdings

die Aufträge der Büros anlangt, steigen IngenieurkonsulentInnen

deutlich besser aus: WettbewerbsteilnehmerInnen

im Bereich der IngenieurkonsulentInnen erzielen pro

Büro im Schnitt 1,2 Aufträge, bei den ArchitektInnen sind

es nur 0,5 Aufträge pro Büro. Als Aufwandsentschädigung

erhalten ArchitektInnen etwa knapp 16 Mio. Euro und

damit über 2 Mio. Euro weniger als 2009, bei den IngenieurkonsulentInnen

ist es 1 Mio. Euro. Wesentlich relevanter

als die Aufwandsentschädigungen sind die aus Wettbewerben

resultierenden Aufträge. Die 670 Aufträge an

ArchitektInnen summieren sich zu einem Auftragsvolumen

von 213 Mio. Euro. Bei IngenieurkonsulentInnen bedeuten

240 Wettbewerbssiege ein Auftragsvolumen von 63 Mio.

Euro. Äußerst beeindruckend sind die Gesamt baukosten,

der in Wettbewerben vergebenen Planungs aufträge. In

Summe beträgt das Bauvolumen der Projekte, deren

Planung 2010 im Wettbewerb vergeben wurde, rund

3419 Mio. Euro. Etwa 1000 Mio. Euro entfallen dabei auf

Pro jekte, bei denen IngenieurkonsulentInnen Wettbewerbsaufträge

erhalten haben und mehr als 2400 Mio.

Euro auf Bauten, die an ArchitektInnen im Wettbewerb

vergeben wurden.

Total

IngenieurkonsulentInnen

ArchitektInnen

Wohlfahrtseinrichtungen (we)

Angesichts der aktuellen Diskussion wurde ein umfangreicher

Block rund um die Wahrnehmung der we aufgenommen.

Auf die Frage „Würden Sie persönlich lieber im

System der we der Kammer bleiben oder wären Sie lieber

im staatlichen System der fsvg (Sozialversicherung

freiberuflich selbstständig Erwerbstätiger) versichert?“

bevorzugen 10 % einen Verbleib in den we und 73 % die

staatliche fsvg. IngenieurkonsulentInnen, männliche und

ältere Befragte tendieren eher zu den we. Fast die Hälfte

der Befragten ist neben der WE noch bei einer anderen

Institution versichert. Mit 13 % dominiert dabei die sva;

8 % sind als Angestellte versichert, 5 % als Beamte und

weitere 10 % in einer anderen Konfiguration. Immerhin 10 %

sind freiwillig bei asvg oder gsvg weiterversichert. Je

kleiner das Büro und je länger die Gründung zurückliegt

bzw. je älter die Befragten sind, desto höher ist der Anteil

der Befragten mit einer weiteren Versicherung neben der

we. Rund die Hälfte der zt überlegt, bei einem Scheitern

der Überführung der we in die fsvg-Maßnahmen zu

setzen. In erster Linie wäre das der Versuch, ein weiteres

Standbein aufzubauen (26 %). 8 % würden versuchen, als

Angestellte Versicherungsschutz zu erlangen, und immerhin

15 % ziehen eine Ruhendlegung der Befugnis in

Betracht. Die Befugnis ruhend legen wollen vor allem

Frauen und zt, die kaum Perspektiven für höhere

Auftragsstände sehen. Das zweite Standbein ist vor allem

für ArchitektInnen eine Option und wird eher von den

jüngeren Befragten als Option gesehen. Je größer das

Büro ist, je älter die Befragten sind und je positiver die

Entwicklung eingeschätzt wird, desto höher ist der Anteil

derjenigen, die keine Maßnahmen setzen wollen. Die

persönliche Relevanz des Themas wird auch durch die

Bereitschaft, die Position der Kammer durch politische

Aktionen zu unterstützen, deutlich. Mehr als die Hälfte

bekunden eine solche Bereitschaft. ArchtitektInnen sind

dabei deutlich stärker mobilisierbar. Die we-Beiträge

werden von 15 % als existenzbedrohend und von weiteren

48 % als sehr hoch erlebt. 31 % betrachten die Beiträge als

hoch und lediglich 6 % sehen sie als nicht zu hoch an. �

34 | 35 285

Wirtschaftliche Standortbestimmung der Branche Wirtschaftliche Standortbestimmung der Branche

Langfassung unter: www.arching.at


Die Integrationsmaschine |

Über Doug Saunders’ bahnbrechendes Buch „Arrival City“

Michael Krassnitzer,

geboren 1967 in Graz,

Studium der Philosophie.

Lebt als freier Journalist

mit den Schwerpunkten

Kulturgeschichte und

Medizin in Wien.

Das Amsterdamer Stadtviertel Slotervaart hatte alles, was

des Städteplaners Herz begehrt: funktionale, nicht allzu

hohe Wohnblöcke; dazwischen großzügige Grünanlagen

mit ruhigen, gewundenen Fußwegen; Autos waren von

den meisten öffentlichen Plätzen verbannt. Betriebe oder

andere Unternehmen gab es in Slotervaart keine, nur

einige kleine Geschäfte, auf dass der Trubel der Konsumgesellschaft

nicht die beschauliche Ruhe der Einwohner

störe. Doch die vermeintliche Idylle war zu einem der

Problembezirke der Metropole geworden. Die Kriminalitätsrate

war in erschreckende Höhen geklettert, Gangs

männlicher Jugendlicher hatten die Grünanlagen zu

ihrem Territorium erklärt, unter den muslimischen Ein -

wanderern des Viertels, die hier die Mehrheit stellen,

hatte sich ein radikaler Islam breitgemacht. Der Mörder

des Filmemachers Theo van Gogh stammt von hier.

Warum Slotervaart zwangsläufig zum Krisenviertel

werden musste, erklärt der kanadische Publizist Doug

Saunders in seinem Buch „Arrival City“ auf verblüffend

einleuchtende Weise. In seinem bahnbrechenden Werk

– eine „wahre Sensation“, wie Peter Sloterdijk schwärmt –

beschäftigt sich Saunders mit dem weltweiten Phänomen

der Migration und zäumt dabei das Pferd auf eine

gänzlich neue Weise auf: Er richtet den Blick nämlich auf

36 | 37 285

Die Integrationsmaschine

jene Orte, an denen Migranten am Ende ihrer Suche nach

besserer Lebensqualität für sich und ihre Kinder ankommen.

Von diesen Orten, so lautet Saunders’ These, hängt

es ab, ob Migration den Einwanderern und dem Einwanderungsland

Nutzen oder Schaden bringt. Funktioniert

eine Ankunftsstadt nicht, so wird sie zum sozialen Pulverfass,

zur Brutstätte von Kriminalität und Extremismus,

ja kann sogar das Staatsgefüge ins Wanken bringen.

Die Französische Revolution 1789 und die Islamische

Revolution in Persien 1979 begannen beide als Revolten in

den damaligen Ankunftsstädten von Paris beziehungsweise

Teheran. Funktioniert eine Ankunftsstadt hingegen,

so wird sie zu einer „Integrationsmaschine“ und ermöglicht

einem Teil ihrer Bewohner den ersehnten Aufstieg in

die Mittelschicht und den Umzug in ein Viertel mit

höherem Status.

„Ankunftsstadt“ („Arrival City“): So nennt Saunders

jene Orte. Das können neue Stadtviertel sein, die von den

Migranten errichtet werden oder ein engmaschiges

Netzwerk von Migranten, das in einem unterprivilegierten

Bezirk eine Minderheit bildet, eine „virtuelle Ankunftsstadt“.

Damit die Ankunftsstadt gedeiht, das belegt

Saunders anhand zahlreicher Beispiele, müssen einige

wenige Grundbedingungen erfüllt sein. Erstens muss es

Die Bebauungsdichte

und die ausgeglichene

Nutzungsmischung

des Areals rund um den

Brunnenmarkt und

Yppenplatz sind die

besten Voraussetzungen

für eine Ankunftsstadt.

den Migranten möglich sein, unkompliziert Kleinunternehmen

zu gründen. Mit einem kleinen Geschäft, einer

Imbissbude oder einer Näherei in einem Hinterhof lässt

sich Geld verdienen, das in die Ausbildung der Kinder

investiert wird oder den im Herkunftsland verbliebenen

Verwandten zugutekommen. Zweitens muss der Erwerb

von billigem Grund- und Wohnungseigentum möglich

sein. Der Besitz einer Hütte, einer Kleinstwohnung oder

eines Geschäftslokals gibt nicht nur Sicherheit, sondern

ist auch ein Kapital. Drittens muss die Ankunftsstadt über

eine hohe Bevölkerungsdichte verfügen, damit sich die

für die Migranten wichtigen, von ihrer Herkunft geprägten

sozialen Netzwerke entfalten können. Und viertens muss

es den Migranten möglich sein, die Ankunftsstadt nach

ihren wirtschaftlichen Bedürfnissen zu gestalten.

Angesichts dieser Prämissen ist klar, warum

Slotervaart und ähnliche Viertel (zu den abschreckendsten

Beispielen gehören die Banlieue-Siedlungen in

Frankreich) nicht funktionieren: Sie sind ausschließlich

zum Wohnen erbaut und bieten weder die Möglichkeit

für Eigentumserwerb noch für wirtschaftliche Nutzung.

Die Architektur hält die Bevölkerungsdichte niedrig und

unterbindet auch jede Form der Gestaltung durch die

Bewohner. Mittlerweile haben die Amsterdamer Stadtverantwortlichen

die Konsequenzen gezogen: In Slotervaart

wurden viele Grünflächen mit dicht aneinanderstehenden

Häusern verbaut, die zur Straßenseite eine geschlossene

Front bildeten. Zonierungen und Nutzungsbeschränkungen

wurden aufgehoben, der Erwerb von Eigentum

ermöglicht. Wie in einer organisch gewachsenen Stadt

befinden sich in den oberen Etagen Wohnungen, im

Erdgeschoß Geschäftslokale und gewerblich genutzte

Flächen. Auf den neu entstandenen engen Straßen, die

nunmehr für den Fahrzeugverkehr freigegeben sind,

tummeln sich die Menschen, auf verbliebenen größeren

Flächen entstanden bunte Märkte. In Slotervaart wurde

die irrige Vorstellung, ein beengtes, dichtes Zusammenwohnen

und ein allgemeines Durcheinander seien ein zu

beseitigendes Zeichen für Elend, zu Grabe getragen.

„Die erfolgreichsten Stadtviertel der Welt sind Bezirke

mit einer extrem hohen Nutzungsdichte und einer stark

gemischten Nutzung“, betont Saunders.

„Arrival City“ führt den Leser nach Berlin-Kreuzberg und

in die Pariser Vorstädte ebenso wie in die chinesische

Sonderwirtschaftszone Shenzhen oder ein ehemaliges

Slum in Rio de Janeiro. Von Österreich ist nur an einer

Stelle in Zusammenhang mit den Wiener Zinskasernen

die Rede, gleichsam den Vorort-Wohnblocks der Gründerzeit.

Dabei gibt es hierzulande natürlich auch Ankunftsstädte,

wie etwa den Bezirk Gries in Graz oder das

Makartviertel in Linz. In Wien ist Ottakring eine der

Ankunftsstädte. Der Anteil an Migranten mit ausländischer

Staatsbürgerschaft im 16. Gemeindebezirk beträgt

23,8 Prozent, Migranten mit österreichischer Staatsbürgerschaft

sind in dieser Zahl nicht enthalten.

Geht es nach der stellvertretenden Bezirksvorsteherin

Eva Weißmann, so ist Ottakring eine gut funktionierende

Ankunftsstadt im Sinne Saunders’. „Ottakring ist

ein lebendiger, bunter Bezirk, der in den letzten Jahren

einen deutlichen Aufschwung erlebt hat“, erklärt die

Sozialdemokratin. An Unternehmen, die von Migranten

aufgebaut und geführt werden, besteht kein Mangel.

Die größeren Straßen sind gesäumt von Imbissbuden,

einfachen Restaurants, Computerquetschen, Callshops

und Geschäften aller Art. Türkische Friseursalons

schießen wie Pilze aus dem Boden, auch die schon

beinahe ausgestorben geglaubten Änderungsschneidereien

erfuhren durch türkische Schneider eine Renaissance.

Unter jenen, die Wohnungseigentum erwerben,

befinden sich auch in der Mittelklasse angekommene

Migranten, so Weißmann, vorrangig aus dem ehemaligen

Jugoslawien. Von chronischer Gewalt wie in den Ankunftsstädten

Berlins oder von Aufruhren, wie sie immer wieder

in den französischen Ankunftsstädten in den Banlieues

ausbrechen, ist im 16. Bezirk nichts zu bemerken. Im

Gegenteil: In der Umgebung des populären Brunnenmarktes

hat bereits die Gentrifizierung eingesetzt, nachdem

zuerst die üblichen Pioniere (Künstler und Kreative) und

dann die Investoren auf das Viertel aufmerksam geworden

sind.

Für den Erfolg Ottakrings sind, das lässt sich aus den

in „Arrival City“ gezogenen Erkenntnissen ableiten, die

städtebaulichen und architektonischen Gegebenheiten

zumindest teilweise verantwortlich. Die dichte, aus dem

19. Jahrhundert stammende Bebauung und die selbstverständliche

Mischung unterschiedlicher Nutzungen boten

den dort angekommenen Migranten die Voraussetzungen,

den Weg in die Mitte der österreichischen Gesellschaft

anzutreten. Mögen möglichst viele dort ankommen. �

Die Integrationsmaschine


Hör- und Linkempfehlung

Gleich ob Szenen aus dem Wurstelprater um

1900, ZeitzeugInnen-Berichte zum Staatsvertrag

oder Einblicke in das Schellackarchiv des

legendären Radiomoderators Günther Schifter,

auf der Seite der Österreichischen Mediathek

(OeM), einer Außenstelle des Technischen

Museum Wien, werden Sie fündig. Sie

gewährt mit ihrem äußerst vielfältigen und

rund 1,5 Millionen Einzelaufnahmen fassenden

Bestand einen einmaligen Einblick in die

audiovisuelle Kultur- und Zeitgeschichte Österreichs.

Dank zunehmender Digitalisierung

von analogen Trägern kann man nun von zu

Hause oder unterwegs u. a. der einzigen (!)

Tonaufnahme Sigmund Freuds (1939) lauschen,

Erwin Schrödingers Erläuterungen zur

Linkempfehlung

Spätestens als mtv 1981 mit dem Track „Video

killed the Radio Star“ von the Buggles on air

ging, wurde der Songtitel Realität – ein neues

populärkulturelles Leitmedium war geboren.

Knapp 31 Jahre später ist dieser soziotechnologischen

Tragödie längst ein weiteres Kapitel

angefügt, „Internet killed the Video Star“

von the Limousines klingt denkbar unoriginell,

diagnostiziert dennoch unumstritten, was

offensichtlich ist: mtv wurde von einer globalen

Musik- und Lifestylemaschine zu einem

Bezahlsender äußerst begrenzter Relevanz

und das Internet zum viralen Netz der Ideen.

Materie folgen (1952) oder Heinz Zemaneks

Ausführungen zu den Gefahren und Chancen

des Computers (1997) aus heutiger Perspektive

reflektieren.

Ihre Archivbestände macht die OeM im

Marchettischlössl, zentral im sechsten Bezirk

gelegen, für BesucherInnen zugänglich. Neben

analogen Playern, die für Schellacks,

Schallplatten, Tonbänder etc. benutzt werden

können, bietet die OeM ihrem Publikum

ein besonderes Feature an: „Ihr Wort für die

Ewigkeit“. Zwei Minuten stehen jedem/jeder

zur Verfügung, um seine/ihre akustische Botschaft

für immer im digitalen System der OeM

zu archivieren. Aktuell entwickelte die OeM

eine Free- Software-Applikation zur Videodigitalisierung,

die international richtungsweisend

ist. „DVA-Profession“ ist eine Gesamtlö-

Adapter-Empfehlung

Design ist, was man nicht verwenden kann.

Diese populäre Definition widerspricht zwar

den Absichten fast aller Designer, hat aber auch

den einen oder anderen guten Grund. Als Ikone

des von schnöder Zweckmäßigkeit befreiten

Designs hat die spinnenbeinige Zitronenpresse

von Philippe Starck Weltruhm erlangt.

Mit ihr hat die Skulptur Eingang ins moderne

Wohnen gefunden. Kaum eine teure Küche

kommt aus ohne ihre Zier, seit 22 Jahren.

Wer je versucht hat, mit dem Wunderding

Zitronen zu pressen, wurde vom Design

alsbald eines Besseren belehrt. Man vergreift

sich nicht an Standbildern der luxuriösen Verschwendung!

Doch wir wollen der Spinne nicht unrecht

tun. Ihre Arbeitsverweigerung gegenüber

dem Küchenalltag hatte doch ursprünglich

einen guten Zweck: Mit ihren dünnen

Beinchen stellte sie sich stolz erhobenen

Hauptes der rigiden Ideologie des Funktiona-

Es scheint daher nicht überraschend, dass

sich dem neuen Medium nun auch die Inhalte

anpassen. Chris Milk, gefeierter Musikvideoregisseur,

nimmt dabei eine Vorreiterrolle ein.

In Kooperation mit Google kon zipierte er ein

personalisierbares Musikvideo zu dem Song

„We Used To Wait“ von Arcade Fire. Der Betrachter

bestimmt den Schauplatz, an dem

sich die Handlung der „Videocollage“ entfaltet.

Am Bildschirm greifen sodann Ansichten

aus Google Earth und -Streets, Animationen

und ein konventionelles Musikvideo ineinander.

Die Abbilder der realen Welt korrespondieren

durch Kameraschwenks und Überlagerungen

mit der fiktiven Narration.

40 | 41 285

Empfehlungen

sung für die Digitalisierung von Videoma-

terial für den Archivgebrauch und steht

kostenfrei inklusive ausführlicher Dokumentation

zum Download bereit.

www.mediathek.at Maja Sito �

lismus entgegen. Und wurde zum Wappentier

des „Emotional Design“, jener Bewegung, die

der Devise „Form follows Emotion“ zum

Durchbruch verhalf.

Untätig und verstaubt harrte Starcks

Spinne in allen Luxusküchen ihrer Rettung,

bis endlich im Jahre 2000 die Berliner Designer

Adam und Harborth sich ihrer erbarmten

und einen Adapter entwarfen, den man bloß

aufstecken muss, und schon werden die Kerne

aufgefangen. Damit ist die Funktion zurückgewonnen,

nichts steht mehr einer dem

Namen Zitronenpresse entsprechenden Verwendung

entgegen.

„Dies ist keine sehr gute Zitronenpresse“,

schrieb Großmeister Philippe Starck einst

persönlich an Alberto Alessi, „meine Idee war

es, damit beim Auspacken der Hochzeitsgeschenke

Gesprächsstoff und Freude zu erzeugen.“

Das sind immerhin klar definierte Funktionen!

Den Adapter sollte man daher erst

aufstecken, wenn die Flitterwochen vorbei

sind. Wolfgang Pauser �

Vielleicht zeigt dieses Experiment tatsächlich

die Grundzüge morgiger Medien inhalte

auf oder ist einfach nur ein interessantes Kuriosum,

in jedem Fall ist www.thewildernessdowntown.com

einen Besuch wert.

Sebastian Jobst �

Achtung, Falle!

Eignungskriterien können im Leistungsverzeichnis

versteckt sein.

Der Verwaltungsgerichtshof (kurz: VwGH)

hatte die Vergabe von Bautischlerarbeiten im

Rahmen eines Sanierungs- und Dachgeschoßausbaus

zu beurteilen. Die zweitgereihte Bieterin

bekämpfte die Zuschlagsentscheidung

mit der Begründung, das Angebot der erstgereihten

Bieterin sei unvollständig und daher

auszuscheiden gewesen. Die ag hätte im Leistungsverzeichnis

betreffend die Wohungseingangstüren

Folgendes festgelegt: „Zum Nachweis

der Einbruchs- und Brandhemmung sind

[…] Prüfzeugnisse vorzulegen.“ Die erstgereihte

Bieterin habe ihrem Angebot jedoch keine

Zeugnisse beigelegt.

Die Erstgereihte hielt dem entgegen, die

Verpflichtung zur Vorlage der Zeugnisse sei in

den relevanten Positionen des Leistungsverzeichnisses

enthalten gewesen. Die ag habe

ausdrücklich nicht verlangt, die Zeugnisse mit

dem Angebot vorzulegen. Die Zeugnisse bei

Raum, verschraubt mit der Zeit

– Space, Twisted with Time /

Architekturjahrbuch Graz

Steiermark 2010

Hubertus Adam

Hg. von Eva Guttmann,

HDA Haus der Architektur Graz

Birkhäuser Verlag, Basel 2011

„Kaum eine Buchgattung ist langweiliger

als das typische Architekturjahrbuch

mit der monotonen

Reihung von Bildern, Projektbeschreibung

und Plänen“, schreibt

Hubertus Adam, Architekturkritiker

und Kurator des Architekturpreises

des Landes Steiermark –

und das ausgerechnet im Archi -

tekturjahrbuch Graz Steiermark

2010. Auf dieses sein Werk freilich

bzw. nach Herstellung der Wohnungseingangstüren

erstellen zu lassen und vorzulegen

sei branchenüblich und im Einklang mit

der ÖNORM B 2110.

Der VwGH bestätigte die Ausscheidung:

Die Zeugnisse seien Nachweis der technischen

Leistungsfähigkeit. Beachtenswert ist,

dass der VwGH dies nicht näher begründet,

obwohl die Verpflichtung zur Vorlage nur im

Leistungsverzeichnis enthalten ist. Er betrachtet

die Verpflichtung zur Vorlage der

Zeugnisse als Eignungsnachweis gem. § 75

Abs 5 Z 5 BVergG 2006. Dort heißt es: „Bescheinigungen,

die von zuständigen Instituten oder

amtlichen Stellen für Qualitätskontrolle ausgestellt

wurden, mit denen bestätigt wird,

dass die durch entsprechende Bezugnahmen

genau bezeichneten Waren bestimmten Spezifikationen

oder Normen entsprechen“.

Für die Praxis wird es damit erforderlich,

das Leistungsverzeichnis von Ausschreibungsunterlagen

genau auf Verpflichtungen zur

Vorlage von (nunmehr) gemäß § 75 Abs 5 bis

Abs 7 BVergG 2006 zulässigen Nachweisen der

trifft das vernichtende Verdikt

nicht zu. Im Gegenteil: „Raum, verschraubt

mit der Zeit“ wurde mit

einem Preis beim Wettbewerb

„Schönste Bücher Österreichs

2011“ und der Goldmedaille im

Wettbewerb der schönsten Bücher

aus aller Welt, die erstmals

nach Österreich geht, ausgezeichnet.

Klappt man den schlichten

Leineneinband auf, so erscheinen

ein Text- und ein Bildteil, die sich

jeweils wie ein eigener Band öffnen

lassen. Die bewusst in einem

subjektiven Ton gehaltenen Essays

des ersten Teils sind übersichtlich

und grafisch ansprechend

mit den Überschriften,

Fußnoten und sparsam eingesetzten

Zeichnungen verzahnt,

nein: verschraubt. Der zweite Teil

enthält einen klassischen Fotoessay

in Schwarz-Weiß von Hertha

Hurnaus, der die für den Architekturpreis

nominierten Projekte unprätentiös

präsentiert, darunter

das schließlich preisgekrönte Einfamilienhaus

efh_surplus value

01 von weichlbauer / ortis in Laufnitzdorf,

dessen Fassaden und

Flachdächer mit Kunstrasen überzogen

sind.

Ignaz Gridl

Eisenkonstruktionen

Alfred Fogarassy (Hg.),

Nora Schoeller (Fotos)

Christian Brandstätter Verlag,

Wien/München 2011

Kaum ein Großbau der ausgehenden

Donaumonarchie, an dem

nicht die Firma Ignaz Gridl beteiligt

war. Ein prächtiger Band mit

erhellenden Textbeiträgen sowie

historischen und aktuellen Fotografien

setzt sich mit jenem Wiener

Unternehmen auseinander,

das gegen Ende des 19. Jahrhunderts

österreichischer Marktführer

in Sachen Eisen- und Stahlkonstruktion

war. Wenn es um den

Bau von Kuppeln, Dächern, Brücken,

Gewächshäusern oder Stern warten

ging, war Ignaz Gridl zur Stelle.

Die Firma errichtete unter ande-

technischen Leistungsfähigkeit zu durchsuchen.

Besteht auch nur der geringste Zweifel,

ob eine Festlegung im Leistungsverzeichnis

ein solcherart verstecktes Eignungskriterium

oder ein bloßer Nachweis der Erfüllung eines

Leistungskriteriums darstellt, empfiehlt es

sich für Bieter, eine Auskunft des Auftraggebers

zu dieser Frage einzuholen.

Im vorliegenden Fall war das Angebot

aus Sicht des VwGH mit einem unbehebbaren

Mangel behaftet, da die technische Leistungsfähigkeit

zum (im offenen Verfahren

entscheidenden) Zeitpunkt der Angebotsöffnung

nicht vorgelegen ist.

(VwGH 22.11.2011, 2006/04/0056; VKS Wien

23.01.2006, VKS-3922/05)

Jüngste Entscheidung | Krassnitzers Lektüren

Johannes Schramm/Michael Weiner

(Schramm Öhler Rechtsanwälte) �

rem das Palmenhaus im Park von

Schönbrunn, die Dachkonstruktionen

zahlreicher Ringstraßenbauten

(Parlament, Rathaus, Universität,

Burgtheater, Kunsthistorisches

Museum), die Überdachung

des Salzburger Hauptbahnhofes,

die Donaubrücke zwischen Stein

und Mautern und den Mozartsteg

in Salzburg. Ebenso wie die

Eisenkonstruktionen in historistischen

Prachtbauten hinter Mauerwerk

und Stuck verborgen blieben,

verschwindet normalerweise

auch der Konstrukteur hinter

dem Namen des planenden Architekten.

Das von Alfred Fogarassy

herausgegebene Buch „Ignaz Gridl.

Eisenkonstruktionen“ entreißt

den führenden Eisenkonstruktionsbetrieb

Österreich-Ungarns,

der 1934 von der Waagner-Biró ag

geschluckt wurde, dem Vergessen.

Zugleich ist es ein spannender

Beitrag zur Geschichte der

Eisenkonstruktion in Österreich.

Michael Krassnitzer �


Die schönen Künste konservieren,

mit der Präzision des Technikers |

Josef Linsinger im Porträt

Magdalena Klemun

studierte Elektrotechnik

an der Technischen

Universität Wien und ist

als freie journalistische

Mitarbeiterin für „Die

Presse“ tätig.

Im Tempel von Shuilu

in Xian, China, galt es,

hochempfindliche

Terrakottastatuen zu

dokumentieren.

42 | 43 285

Die Exaktheit mit der Leidenschaft für Ästhetik zu ver -

binden, täglich als Techniker und als Freund der schönen

Künste zugleich tätig sein zu können – so könnte man das

Privileg einer beruflichen Laufbahn beschreiben, wie sie

Josef Linsinger hinter sich hat: 1965 schloss der Salzburger

an der tu Graz das Studium des Vermessungswesens ab

und begann Erfahrungen im Kraftwerksbau zu sammeln.

Lange sollte es ihn dort nicht halten. Es war die Architektur

und ihre Dokumentation, die so starke Anziehung auf

Linsinger ausübte, dass er sich in den 1970er-Jahren

spontan eine fotogrammetrische Ausrüstung zulegte –

das grundlegende Werkzeug, um fotografische Messbilder

und daraus möglichst realitätsgetreue Pläne dreidimensionaler

Objekte erzeugen zu können. „Ich habe in

meinem Leben viele wichtige Entscheidungen in wenigen

Minuten getroffen“, so Linsinger, der sein renommiertes

Salzburger Büro 2010 an seinen Sohn Stefan übergab,

„aber es waren letztlich die richtigen“. Heute ist das Büro

in St. Johann im Pongau, das Linsinger aufgebaut hat, über

Salzburgs Grenzen hinaus für präzise Kulturgutvermessung

bekannt. 2006 wurde das Unternehmen mit dem

Österreichischen Staatspreis für Technisches Consulting

ausgezeichnet.

Aber zunächst noch einmal ein Blick zurück zu den

ersten Zentimetern am Lebensweg des Vermessers Josef

Linsinger: Ähnlich kurzfristig wie der Kauf der Ausrüstung

kam eine noch frühere Entscheidung zustande, Linsingers

Studienwahl. „In der Nähe vom Bauernhof meiner Familie

sind eines Tages Techniker aufgetaucht, die die Waldränder

dokumentiert haben“, erzählt er, „ich habe ihnen

ein paar Minuten zugesehen, dann wusste ich, das ist

mein Beruf.“ Enttäuscht hat ihn der Studienplan anfangs

dennoch, da war zunächst viel Mathematik und wenig

Geodäsie zu lernen. Doch das Durchhalten habe sich

ausgezahlt. Später, mit etwas Erfahrung und der „leichtsinnig“

erworbenen Ausrüstung im Gepäck, war es seine

Frau, die auf Akquisitionsreisen erste Aufträge an Land zog.

Die Vermessung von Fachwerkshäusern im deutschen

Tübingen war ein frühes Projekt, später folgten Aufträge

zur Dokumentation von Burgen in Luxemburg und

Detail aufnahmen im Wiener Stephansdom. 2007 führte

ein Auftrag Josef Linsinger sogar über den Atlantik, bis

nach Bolivien: Fußabdrücke von Dinosauriern sollten

dort dokumentiert werden. Verwendet wurden dafür

Verfahren wie Laserscanning, bei der ein Laserstrahl

das zu vermessende Objekt abtastet und so ein digitales

Erfassen der Oberflächengeometrie ermöglicht.

Das Verfahren der Fotogrammetrie, das Erstellen

spezieller Aufnahmen von Objekten und Landschaften,

die die Rekonstruktion der geometrischen Lage einzelner

Punkte zueinander ermöglichen, hat Josef Linsinger von

der Geburtsstunde an begleitet: „Mich hat ein Besuch

bei Hans Foramitti, dem Pionier der Fotogrammetrie am

Bundesdenkmalamt in Wien, so begeistert, dass ich auch

so arbeiten wollte“, erzählt Linsinger, „dabei bin ich damals

auf der Suche nach Aufträgen oft auf taube Ohren ge stoßen,

weil die Methode noch unbekannt war.“ Mittlerweile hat

sich der Name Linsinger zu einer Marke in der europäischen

Kulturgutvermessung entwickelt, Aufträge am Schloss

Neuschwanstein, dem Opernhaus in Bayreuth oder dem

Tempel Shuilu im chinesischen Xian gehören zum inter -

nationalen Alltag des Büros.

Ob der Rückzug aus dem Berufsleben bei so viel Erfolg

nicht schwierig gewesen sei? Linsinger antwortet gelassen:

„Ich habe das Glück, ab und zu noch gerne im Büro gesehen

zu werden, den einen oder anderen Tipp geben zu können.“

Doch abseits all der Leidenschaft scheut Linsinger sich

nicht, Härten anzusprechen, seine Arbeit auch als „widrig,

kompliziert und lästig“ zu beschreiben. Doch es wirkt bei

Linsinger bestenfalls bodenständig, nie wirklich negativ,

wenn er vom schwierigen Aufbau der Messgeräte in

verwinkelten Gassen erzählt. Oder von der Verantwortung,

ein Büro zu leiten: „Mit der Pension ist mir auch eine

Last genommen worden, es gibt ja immer ein Problem,

das der Chef lösen muss.“ Aber vielleicht war es auch die

Vorstellung der Konservierung architektonischer Ideen,

dieser technische Schritt in Richtung Ewigkeit, der

Linsinger die Freude am Beruf erhalten hat: „Wenn ein

Gebäude verschwindet, dann haben wir es im Archiv

erhalten.“ Aber abgesehen von den großen Fragen der

Vergäng lichkeit kann sich Linsinger in der Pension

leichterem Zeitvertreib widmen – der Fütterung von

Rehen im Gebirge etwa. �

Porträt Josef Linsinger

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