kalbenser Fliegenklatsche

DangerK

Bd.3 "Das Einrichtungsmagazin für Rumtreiber"

fliegenklatsche

Ausgabe 03

Frühjahr 2017

Das Einrichtungsmagazin für Rumtreiber

Heimat

Ausgewählte Geschichten und gedanken

Perlen der Volxmusik & allerlei Bemerkenswertes

Mit extra kleiner schrift für mehr rätselspaSS


Cover-Artwork by Eugenia Loli eugenialoli.tictail.com


Liebe Leserinnen und Leser,

Haha sie sind reingefallen, ist gar kein Heimatroman! Damit Sie das Heft

aber nun nicht gleich enttäuscht zerreißen und aufessen, möchte ich ihnen

zumindest die Einleitung möglichst harmonisch und ergreifend gestalten:

Wo der milde Wildbach rauscht.

Der stolze Himmel tauchte die malerische Szenerie bedeutungsschwer in

Licht und Schatten. Über den flachen aber dennoch majestätischen Bergmassiven

lag ein güldener Schein. Auch die stillen blass-grünen Wiesen

und saftigen Felder, welche von tüchtigen Menschen zeugten, waren von

zartem Dunst umhüllt. Hans, der einst den Verlockungen der großen Stadt

erlag und der daraufhin als unschuldiger Bub im gottlosen Getümmel

Berlins um seine Ehre kämpfen musste und darüber beinahe seine große

Liebe vergaß, war nun endlich, geläutert und voller Sehnsucht, auf dem

Weg Heim in sein beschauliches Dorf. Der trotzige Wildbach zu seinen

Füßen wallte und brodelte - grad so wie es in seinem Inneren zuging. Mit

pochendem Herzen ließ Hans seinen Blick schweifen, weit über die anmutige

Landschaft. Ein Greif stob zu Boden. Schon konnte er in der Ferne

den geliebten Kirchturm erblicken. Tränen des Glücks traten ihm in die

Augen. Übermannt von tiefen Gefühlen begann er zu laufen. Immer und

immer schneller. Die schwere Last seines Koffers war ihm dabei Einerlei.

Erst unter der ehrwürdigen Eiche, aus der er als Bub immer gefallen war

hielt er inne. Einige Kinder tollten überschwänglich mit ihren neumodischen

Handys herum, versuchten ihm neckisch seinen Filzhut zu stibitzen,

nahmen aber sonst kaum Notiz von dem Fremden. Noch schmunzelnd

darob schickte sich Hans an weiter zu gehen, um so bald als möglich die

geliebten Eltern wieder in seine kräftigen Arme zu schließen zu können.

Es herrschte eine wohltuende mittägliche Ruhe, nur gelegentlich unterbrochen

vom Zwitschern der Vögel und dem schallenden Gelächter aus

der Schänke, das vom einträchtigen Leben der lieben Bauern kündete.

Da fiel sein Blick auf eine traurige Gestalt im Schatten der Wirtschaft.

Gerade als sie sich abwandte, erkannte Hans sie. „Inge!“, rief er mit erstickter

Stimme. Sie zögerte kurz, doch dann gewannen überschäumende

Gefühle die Oberhand und beide stürmten aufeinander los. Hans nahm

sie fest in seine muskulösen Arme und küsste sie so recht von Herzen.

Inge rang mit ihren Gefühlen, gab dann jedoch nach und schmiegte sich

glücklich an seinen gestählten Körper. - E N D E -

So, für den Rest des Heftes sind sie nun aber

ganz auf sich allein gestellt. Für eventuelle Verwirrungen,

sowie für Verwerfungen Ihres Weltbildes

kann keine Haftung übernommen werden.

Viel Glück. Und möge das große fliegende

Spaghettimonster Ihnen beistehen.

Marko Kühnel


Kein Land in Sicht

von Lisa Wiedemuth

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Alltag lässt die Heimat vergessen, deswegen habe ich auf diesen Moment gewartet. Ich bin

an Bord zwischen Niemands- und Festland. Bis vor einer halben Stunde zeugte noch ein Zug

von Möwen, dass der Boden unter den Füßen nicht weit entfernt liegt. Ich bin das erste Mal

auf einem Schiff, einem modellierten Zwischenraum mit Hotelambiente, dessen Charakter

doch eher einem Bahnhof gleicht. Aufeinander geworfene Menschen müssen nirgendwo hin,

sie warten nur, bis sie irgendwohin gebracht werden. Wie auf einem Flughafen, nur ohne

Hafen. Sie sind Darsteller der Verlorenheit: Die Rauchenden auf dem Deck, die Trinkenden

an der Bar, die Streitenden in der Lobby. Ich bin allein, aber nicht einsam, seit zehn Tagen

auf Reisen, bis jetzt auf festem Grund. Jeder Tag beginnt und endet mit mir, die Zeit schmilzt

langsam, während die Gedanken fliegen. Das Nurichirgendwo fragt mich immer wieder, wer

ich bin und wo ich eigentlich hingehöre. Meine Wurzeln habe ich mir selbst abgeschnitten,

lange Zeit bevor ich auf Reisen ging. Wenn jemand unterwegs wissen will, woher ich komme,

dann fällt mir die Antwort meistens schwer. Wo fühle ich mich zuhause? Wo zieht es mich

hin? Wo bin ich geboren? Nur die Antwort der letzten Frage zählt. Demnach komme ich aus

einem Ort, in dem eine Heimat verteidigt wird, die so nicht existiert. Denke ich an Dresden,

ist der Begriff Heimat nicht mehr als eine Erinnerung an Kindheitsspiele und Jugendabenteuer,

ein Begriff ohne Gegenwart. Meine Platte war mein Zuhause: Die Nachbarskinder,

die Spielplatz-Spinne, das Apfelsine-Mandarine-Hopp, das Klopfen unter meinen Fenster,

wenn der Sohn von Immlers wieder Drogen verkaufte. Ich rief ihn immer „Immel, Schimmel

am Pimmel“, bis irgendwann die Polizei kam und die Familie plötzlich nicht mehr da war.

Über uns ein Alkoholiker, nebenan ein Exhibitionist, gegenüber eine Familie denen Wasser

und Strom abgestellt wurde: Ich habe mich mit all diesen Menschen gut arrangiert, ich lebte

unbekümmert und sorgenfrei, meine Platte war mein Paradies, meine Erinnerung daran ist

warm. Denn zu dieser Zeit gab es für mich nur diese eine Realität. Ich habe damals „Mein

Block“ von Sido nur zur Hälfte verstanden, aber ich selbst fühlte mich verstanden. Vom Blockbalkon

bot sich ein weiter Blick auf den Stadtrand und die Feldschlösschen-Brauerei. Heute,

wenn ich irgendwo in der großen weiten Welt auf den Geruch von Malz stoße, muss ich an

diese geschlossene Realität denken, an Heimat. Das Gefühl, etwas in- und auswendig zu

kennen und zu genießen. Das Verlangen Raum und Zeit anzuhalten und zu bleiben

Doch das ist nicht mehr als der Geruch einer Erinnerung.

Vom Plattenkind

bin ich nun zu einer

gediegenen Altbau-

Mieterin mit Verdrängungscharakter in Berlin

Neukölln geworden.

Ich wollte nie in diese Stadt. Der Bildungsweg

hat gerufen und ich

bin gefolgt. Nach anfänglichen Startschwie-

rigkeiten, habe ich

mittlerweile meine Nischen gefunden. Nischen,

die mir weiß machen,

dass Berlin doch nicht so grau ist. Ich habe die Stadt zu schätzen gelernt. Wertschätzung ist

jedoch noch längst kein Synonym für Heimatgefühl. Ich muss hier nicht bleiben. Berlin ist

mein persönlicher Zwischenraum, mein Schiff, ohne Hafen. Eine Stadt in der sich alle suchen.

Die meisten finden auch etwas (Wichtiges für sich selbst) dann bleiben sie oder gehen

wieder. Und ich? Ich bin nicht wirklich auf der Suche. Ich konsumiere eine Stadt, die mich

nicht braucht. Im Sog des ständigen Inputs, ohne Entzug, das macht kreativ, krank und/oder

unkonkret. Mir fehlt etwas, sobald ich nicht in Berlin bin. Ganz unkonkret: Mir fehlen die Kontraste.

Komme ich dann wieder zu Hause an, werden die Kontraste zu Störfaktoren, denen

ich mich entziehen möchte. Es ist also ziemlich offensichtlich: Ich bin ganz schön verwirrt und

heimatlos. Und im gleichen Atemzug genieße ich diese Heimatlosigkeit, wie all die Anderen,

die Berlin dann irgendwie doch zu ihrem Zuhause machen.

Aber brauche ich überhaupt ein Zuhause? Macht Heimat nicht träge? Ich kann heute überall

leben, von verschiedenen Mentalitäten lernen, mir überall ein Stückchen mitnehmen und auf

Trab bleiben. Der Mensch wird mir so klarer in seinen Gemeinsamkeiten, die Unterschiede

verschwimmen. Die Welt wird plötzlich zu einem großen Ganzen, zu einem Möglichkeitsraum.

Das Bedürfnis diesen Raum und mich selbst auf die Probe zu stellen, wächst mit jedem

Jahr. Es ist wie eine Sucht, ohne Stoff, die Suche nach Andersartigkeit und die Angst vielleicht

doch zu zeitig anzuhalten. Dresden wirkt dagegen wie ein kleines Nest, in dem es sich die

Menschen ein wenig zu gemütlich gemacht haben und nun die Ungemütlichkeiten dieser

Welt mit einfachen Antworten bekämpfen. Anstatt meine Heimat gegen diese Menschen zu

verteidigen, wettere ich gegen sie und weiß genau, ich will da nicht zurück. Es ist ja auch

keiner mehr da. Wir sind alle zerstreut. Vom Winde verweht, nur ohne Krieg. Mit der Hoffnung,

dass all unsere lebhaften Zwischenräume nicht zu einer Endstation Sehnsucht werden.

Dass wir den Absprung schaffen, uns zuhause zu fühlen, uns niederzulassen, die Unruhe und

das Verlangen möglichst viel gesehen zu haben beiseiteschieben. Denn dafür gibt’s doch

schließlich auch Urlaub, oder nicht?

Kein Land in Sicht. Der Boden unter den Füßen schaukelt fast unmerklich. Mir gefällt es in

dem Zwischenraum. Mir darf es auch gefallen, denn ich weiß das alles zu schätzen. Andere

haben diese Heimatlosigkeit nicht gewählt, während ich von ihren Möglichkeiten profitiere,

sie solange ausschöpfe bis sich am Horizont die ersten Konturen abzeichnen. Das Nichts hellt

sich auf und die Sonne über dem Meer wagt einen theatralischen Aufgang. In weiter Ferne

sehe ich ein Stückchen Sizilien. Ich weiß, dass am Hafen jemand auf mich wartet. Ich atme

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lange aus und denke, wenn es diesen Menschen gibt dann gibt es vielleicht auch irgendwo

diesen Ort. Bis dahin ist meine Heimat da wo meine Füße den Boden berühren. Auf einer

Insel, in einer Wohnung, auf einem Schiff.

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Wat? Wem? Heimat?

Gedanken zum Sinn und Unsinn des Begriffs,

zu seiner Verwendung und möglichen Deutungen

Eigentlich wollte ich ja so beginnen: Ich bin kein Heimatologe,

aber... das wurde jedoch, mit Hinweis auf die angespannte politische

Lage und die grammatikalische Fragwürdigkeit abgelehnt.

Also, dachte ich mir, fangen wir eben so an:

Wie so viele Begriffe im menschlichen Sprachgebrauch, ist auch

der der Heimat für mich ein eher diffuser. Er besitzt nur in der

subjektiven Wahrnehmung eine Bedeutung. Ich bin ein bisschen

in der Welt herum gekommen und konnte dabei Eines feststellen,

dass Heimat überall in erster Linie mit zwei Worten übersetzt

wird: ‚zu Hause‘. Aber da haben Alle unrecht!* ‚Zu Hause‘ bedeutet

etwas ganz Anderes! Zu Hause ist etwas zutiefst Persönliches.

Heimat dagegen nicht. Genau genommen kann es kaum

unpersönlicher werden, weil der Begriff Alle und Alles beinhaltet,

das an besagtem Ort existiert. Ich werde hier nicht über einzigartige

Landschaften berichten, die der Heimat ihr Gesicht geben,

oder über die Leistungen, die einige ihrer talentierteren Sprösslinge

erbracht haben, so wie in Deutschland Goethe, Nietzsche,

Rammstein oder die Fußball-Nationalmannschaft (wenn sie gewinnt!),

derer sich dann jedoch Personen rühmen, die, in Ermangelung

eigener Leistungen oder intellektueller Fähigkeiten,

gar nicht daran beteiligt waren. Meistens reicht es, dass sie das

gleiche Geschlecht haben, zum selben Volk gehören, oder, noch

schlimmer, zur selben Rasse, um diesen Reflex auszulösen. Da

Landschaft aber eine geologische, der Ort eine geographische

und Geschlecht, Rasse und Hautfarbe biologische Zufälligkeit

ist, erschließt sich mir nicht ganz der Sinn hinter dieser Denkungsart.

Wie kann man auf eine Leistung stolz sein, die sich

völlig dem eigenen Einfluss entzieht? Das war mir dann jedoch

ein bisschen zu trocken, schulmeisterhaft und intellektuell.

Und plötzlich kam mir die Erleuchtung. Warum beginnen wir

die ganze Peinlichkeit, nicht einfach mit einem Lied...? ‚Unsere

Heimat, das sind nicht nur die Städte und Dörfer...‘

In dieser höchst suspekten Einschätzung eines fragwürdigen

Kinderliedes aus einem obskuren Staatsgebilde namens DDR,

kommt schon alles zum Ausdruck, was mit dem Begriff Heimat

nicht in Ordnung ist. Es sagt nämlich aus, sie ist mehr als das

mehr als die Summe ihrer Landmasse und all Dessen, was darauf

kreucht und fleucht, mehr als das, was Menschen darin zustande

gebracht haben. Sie ist sozusagen größer, als ihr Gesamtbild.

Da ich den Artikel im Urlaub in Griechenland schreibe, wo ich keinen Zugang zu meiner Datenbank habe, muss

ich jetzt den Eindruck vermitteln, als sei jedes einzelne Foto absichtsvoll entstanden und textbezogen in den Artikel

eingepasst... Knifflig! ( Das ist so ein Anker-Ding. Den meisten von Euch, bekannt aus Funk und Fernsehen.)

*Ich habe mir fest vorgenommen in Zukunft bescheidener zu sein und meine absolut angebrachte

Besserwisserei auf ein weniger ungesundes Maß zu reduzieren... Aber das ist sehr

schwer. Es ist ein sehr langer, beschwerlicher Weg, übersät mit vielen Schlaglöchern und

Stolpersteinen, in Form von Idioten!

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Doch bei genauerer Betrachtung fällt einem auf, es kann durchaus

auch das Gegenteil bedeuten. Es könnte also auch schlimmer

sein...! Aber natürlich nicht, wenn man dem Liedtext weiter

bis zum Ende folgt. Denn da heißt es‚ ‘und wir lieben die Heimat

die Schöne. Und wir lieben sie, weil sie dem Volke gehört, weil

sie unserem Volke gehört‘. Tja, und genau da liegt die Schwäche

des Liedes. Nicht etwa darin, wie es weiter geht, sondern

darin, dass es weiter geht. Man stelle sich die zweifellos hitzigen,

philosophischen Debatten vor, die es ausgelöst hätte, wenn

nach der ersten Zeile nur noch La-la-la und Schubi-dubidu gefolgt

wäre. Der Dichter säße wahrscheinlich, rein prophylaktisch,

im Knast und die Subversiven würden im Geheimen Infoblätter

davon herumgehen lassen, wie man es auf der Gitarre spielt.

Wolf Biermann könnte man wohl nur mit einer Brechstange daran

hindern eine Erweiterung des ursprünglichen Textes beizutragen

und zwar in seiner typisch selbstgefälligen Klugscheißer

Art, um dann, wie immer, vollkommen am Gesang zu scheitern.

Die SED-Führung hätte offiziell verlautbart, dass es dieses Lied,

in unserem schönen Heimatland, gar nicht gibt und dass es von

westlichen Provokateuren und ihren imperialistischen Medien im

Land verbreitet würde, um unsere Jugend zu vergiften, die so

einen Dreck natürlich nicht hört und auch gar nicht hören kann,

weil es das Lied ja immer noch nicht gibt. Das wäre ein herrlicher

Spaß geworden.

Da es jedoch weiter ging und die philosophischen Debatten ausblieben,

wenden wir uns nun der Hauptvokabel in der unnötigen

Fortsetzung des dummen, kleinen Liedes zu: Das Volk! Also, der

Personenkreis, der die sogenannte Heimat bevölkert und liebt,

oder es zumindest sollte. Fragen wir uns zuerst, was ist das Volk

überhaupt? Das sind wir Alle. Jeder Einzelne von uns. Nur ist es

nun mal so, dass neben denen die wir kennen, die wir lieben

oder die wir für echt coole Typen halten, es auch Diejenigen

einbezieht die total bescheuert sind, die wir nicht leiden können

oder Jene-Welche die wir gar nicht kennen und auch nie kennenlernen

werden, und die natürlich am allerbescheuertsten von

allen sind! Wir sind ein Brei aus Individuen, der nur statistische

Relevanz besitzt. Und, peng, schon stehen wir vor der nächsten

großen Herausforderung, nämlich festzustellen, was nun wieder

diese Individualität für ein seltsames Ding ist. Nun, da Sie schon

fragen: Individualität bedeutet: Jeder Einzelne von uns ist einzigartig

und etwas ganz Besonderes, mit einem freien Willen ausgestattet

und der mentalen Fähigkeit eigene Entscheidungen zu

treffen. Das stimmt soweit. Der tiefere Sinn dahinter hält jedoch

eine unschöne Wahrheit bereit, welche lautet:

Wäre es nicht ein anrührendes Bild, wenn man sich vorstellte, dass der Autor dieses Artikels, unter diesem über 100

Jahre alten Olivenbaum gesessen und sich Gedanken zu Sinn und Sein gemacht hätte? Und dann auch noch in

schwarz/weiß...? (Hat er aber nicht. Er fand nur den Baum gut.)

...oder vielleicht hat er sich beim Anblick dieser aus dem Kreidefels auf Milos gewaschenen Schlucht, tiefgründige

Gedanken über das Werden und Vergehen der Dinge gemacht. (Hier sei erläuternd angeführt, dass er die Schlucht

auch gut fand.)

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Wenn wirklich jeder etwas ganz Besonderes ist, ist es gleichzeitig

Niemand mehr! Dummerweise ist auch das vollkommen korrekt.

Was uns natürlich alle sehr betrübt, weil es im Umkehrschluss

bedeutet, dass ich persönlich und so auch Du, werter Leser, dass

wir nicht mehr sind, als der statistische Nennwert eins.

Straßenschilder erfreuen sich heutzutage ja auch wachsender Beliebtheit.

Das Griechenland sich in einer wirtschaftlichen Schräglage befindet, ist ja hinlänglich bekannt, aber so schlimm

hatte ich es mir nicht vorgestellt!

Hier denkt der Autor offensichtlich über gar nichts nach. Also ignorieren sie dieses Foto bitte.

Das heißt ich bin aus politischer Sicht nur ein Wähler, aus wirtschaftlicher

Sicht nur ein Konsument und Produzent von Gütern,

aus biologischer Sicht nur ein Säugetier unter Vielen, aus finanztechnischer

Sicht nur eine nicht ausreichend kapitalisierte Nummernfolge,

ergo letzthin unbedeutend – aber es kommt noch

schlimmer – aus kosmischer Sicht nämlich bin ich nur ein unwesentliches,

mikroskopisch kleines Puzzleteil der Biomasse dieses

Planeten und sonst gar nichts. Also wenn diese Einsicht nicht

deprimierend ist, was dann?! Und seien wir doch mal ehrlich,

statistische Einheiten haben gar keine Heimat, außer natürlich

das Dokument in dem sie erfasst wurden. Folgte man dieser Logik

weiter, wäre unsere Heimat nichts anderes als eine staubige

Akte in der Schublade eines vertrockneten Bürokraten. Und für

eine bestimmte Anzahl dieser Einträge haben sich Abermillionen

andere statistische Einheiten auf den Schlachtfeldern dieser Welt

abschlachten lassen. Die hatten dann zumindest Gelegenheit

vor ihrem eigenen Ableben herauszufinden, wie viel Blut in so

einem einfachen Nennwert stecken konnte, wie er jämmerlich

nach Mama schrie und seine herausquellenden Eingeweide mit

den Händen in den Bauch zurück zu drücken versuchte... vergeblich!

Das ist kein schönes Bild, aber so sieht es aus. Das

Volk ist eine willfährige Masse. Ein Erfüllungsgehilfe ihrer großen

und kleinen Manipulatoren, die den Begriff Heimat immer schon

dazu benutzt haben, Menschen zu Handlungen zu verleiten, die

sie unter normalen Umständen für absolut schwachsinnig halten

würden.

Mein Lieblingsschriftsteller (Terry Pratchett) hat dazu folgenden

genialen Satz verfasst. ‘Der Intelligenzquotient einer Masse von

Menschen beträgt ungefähr so viel, wie der ihres dümmsten

Mitglieds... geteilt durch die Anzahl der Gruppenmitglieder.‘

Womit er uneingeschränkt Recht hat. In der Heimat gibt es nur

die Mitglieder der Masse. Individuen existieren in diesem Bedeutungszusammenhang

nicht. Und die Masse hat nur eine

Schwarm-Intelligenz. Schwarm-Intelligenz jedoch ist ein unter

Wissenschaftlern gebräuchlicher Terminus, um zum Ausdruck

zu bringen, wie rätselhaft es ihnen erscheint, dass eine, in ihrer

Anzahl begrenzte, zusammengehörige Population von tierischen

Lebewesen, mit jeweils nur drei aktiven Neuronen im Kopf, ein

ganzes Staatsgefüge funktionstüchtig halten kann. Im Grunde

kann in diesem Zusammenhang also von Intelligenz gar nicht

die Rede sein.

Denn die Intelligenz die gemeint ist, ist nur eine Virtuelle. Es ist

ein strukturiertes Verhalten, das zwar verblüffend komplex sein

kann, aber eben nur die vorhandenen Gegebenheiten in ihr

Handlungsspektrum einbezieht. Soll heißen, der Schwarm reagiert

auf Veränderungen in seinem direkten Umfeld und folgt

so dem Instinkt zu Überleben. Das ist alles was er kann. Wenn

aber ein Schwarm nichts anderes tut, als einfach nur seine vitalen

Interessen zu schützen, fragt man sich, als vernunftbegabter

Mensch, nicht unweigerlich ‚Macht das ein Schimmelpilz nicht

auch?‘ Und die Antwort lautet: Ja. Ganz genau, das tut er! Aber

trotzdem würde sich niemand ernsthaft mit einem Schimmelpilz

hinsetzen wollen und die Umschuldungsprobleme der dritten

Welt diskutieren.

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Setzen wir also der Heimat mein Bild von zu Hause entgegen:

Wenn man ein zu Hause hat, verbindet man es zwangsläufig

mit gewissen Emotionen. Meistens ist es Liebe. Manchmal ist es

eine Art wohlwollende Neutralität. In seltenen Fällen, ein alles

verzehrender Hass, aus was-weiß-ich-für-Gründen (Vielleicht ist

der Lebenspartner unausstehlich und weil man sich so wenig zu

sagen hat, hat man durch ein falsch verstandenes Harmonieverständnis,

plötzlich zwölf Blagen am Hals und muss sie versorgen.

Interessanterweise hat das die Beziehung zum Partner

nicht grundlegend verbessert. Man höre und staune!) Sollten es

aber positive Emotionen sein, ist es dort, wo deine Freunde dich

finden.

Zu Hause ist da, wo dein bequemes Sitzmöbel steht und ein

Bett. Zu Hause ist dort, wo du von deinem Partner bekocht wirst,

oder Selbiges für Ihn erledigst, oder einer von euch beiden weiß

zumindest, wie man die Nummer des Lieferservice wählt. Du

kannst auch durchaus allein in deinem zu Hause leben und ganz

nonchalant Einen fahren lassen, ohne das dich jemand dafür

verurteilt. Da ist vielleicht nur eine Katze, die dich ein bisschen

schief ansieht. Zu Hause ist dein Ruhepol. Es ist da, wo du hingehörst.

Es ist deine Küche, in der du nächtelang mit Freunden

geredet hast. In der sich, bei Partys, immer die interessanteren

Leute versammelt haben und über die Spießer im Wohnzimmer

hergezogen sind. Und je größer der Kreis deiner Freunde oder

auch deiner Familie desto größer das Ausmaß deines zu Hauses.

Es ist deine Welt, in der andere Spielregeln gelten als da draußen.

Es gibt unendliche viele Möglichkeiten, die einen beliebigen

Ort zu deinem zu Hause machen. Hingegen benutzen wir

den Heimatbegriff eher, wenn wir aus der Ferne an ein Ideal denken,

oder in einer Abstraktion über einen Ort reden an dem, in

einer verklärten Vorstellung, vielleicht das richtige Volk am richtigen

Platz steht und mehr begreift als einen Scheißdreck, wo die

Liebe zu Hause ist, wo alles gut zu sein scheint, wo es Freunde

gibt (Nicht die Speziellen, sondern eher die Allgemeinen), wo ein

bequemes Sitzelement auf dich wartet, wo man deine Sprache

spricht, wo die viel gescholtene Beamtenschaft dafür sorgt, dass

gewisse Dinge ordnungsgemäß und in chronologischer Exaktheit

abgewickelt werden und die Straßen richtige Straßen sind...

Man übersieht dabei aber schnell, dass auch die Vollidioten,

der Stumpfsinn, die Hässlichkeit und die viel gescholtene Beamtenschaft

dazu gehören, die dein Leben zur Hölle machen, mit

der Resignation, die von Stumpfsinn und Hässlichkeit ausgelöst

werden kann, mit all der Borniertheit, zu der Idioten und Beamte

fähig sind. Und alle wollen sie, dass du ihrer Meinung bist,

Formulare ausfüllst, oder einfach nur dein Geld! ( Von richtigen

Pechvögeln, wollen sie auch gerne mal Alles auf einmal.) Ergo;

man spricht zwar sehnsuchtsvoll von der Heimat, meint aber eigentlich

einen Ort an dem dies alles keine Relevanz besitzt... zu

Hause eben. Vielleicht ist das aber auch ganz anders. Vielleicht

verwechsle ich Heimatgefühle mit Nationalismus oder Patriotismus.

Wohl möglich ist das auch das Selbe. Heimat ist nur ein

Wort und am Ende ist es die Entscheidung jedes Einzelnen, wie

er die Sache betrachten will. Bevor es hier aber noch kompliziert

wird, mache ich Feierabend, um jenen zu entgehen, die dem

Irrglauben erlegen sind, ich würde diskutieren wollen.

So kann´s gehen; man möchte ein Naturwunder bestaunen... und wundert sich dann bloß noch darüber, woher die

vielen dicken Leute plötzlich gekommen sind.

Hier sieht man eine christlich-orthodoxe Kapelle, mit äh... interessanten, äh, Leuten... die äh... die Gewagtheit so

manch luftigen Sommer-Ensembles zur Schau stellen. (Ich habe keine Ahnung, wie das Bild in diesen hochgeistigen

Artikel geraten ist. Wird wohl der Herausgeber hinein geschummelt haben, um die Verkaufszahlen zu steigern.)

Mit freundlichen Grüßen: Michael Körner

koerner-foto.de

Tja, das hier ist nur ein kaputtes Schiff, unter Wasser. (Meine Güte! Das habe ich wirklich wunderbar hinbekommen!

Man merkt praktisch gar nicht, dass die Fotos nicht das Geringste mit dem Text zu tun haben: Jetzt kann ich aber

wirklich mächtig stolz auf mich sein. Ich bin ja geradezu genial veranlagt. Also wirklich! Junge-Junge! Das muss

man schon sagen! ...verdammt! Habe ich das gerade laut geschrieben?!?)

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Ilka Erl

HEIMAT

was für ein gewichtiges und heute noch unangenehm besetztes Wort ...

„Sofort hörte ich den Wildbach rauschen, den Schürzenjäger im Zillertal mit

der feschen Geier-Walli jodeln und vor meinem geistigen Auge trampelten

röhrende Hirsche in Springerstiefeln vorbei. Als ich jedoch ne Weile drüber

grübelte, fand ich den Begriff dann doch irgendwie interessant, weil mir auch

melancholische Gedanken an eine schöne, heilere vergangene Kinderzeit

durch den Kopf gingen, Lieblingsorte, wie eine riesige Linde oder das Dach

eines alten Holzschuppens.“

Marko Kühnel

…auch in meinem Kopf bewegen sich ähnliche Gedanken beim Wort HEIMAT

und ich muss zwangsläufig an das Lied „Meine Heimat“ denken, das wir in

der Unterstufe sangen: „ ... und wir lieben die Heimat, die schöne und wir

schützen sie, weil sie dem Volke gehört ...“


„Dieselben Menschen [in Deutschland], die feuchte Augen bekommen, wenn

ein alter Indio in den Anden zum tausendsten Male „El Cóndor Pasa“ in seine

Panflöte bläst, kriegen Pickel, wenn man sie auf die Melodien ihrer Heimat

anspricht. “

Hayden Chisholm (Musiker)

Für einen neuseeländischen Musiker wie Hayden Chisholm mag das befremdlich

sein, doch der Begriff Heimat und die damit verbundenen Volkslieder

lösten auch in mir bisher eher ein Unbehagen aus, als eine wohlige

Wärme der Verbunden- oder Geborgenheit. Durch die Vereinnahmung des

Heimatbegriffs und des deutschen Liedguts durch die völkische Bewegung

stehen Begriffe wie Heimat und Heimatbewegung in Bezug zu einer „unverwechselbaren

völkischen Eigenart und Überlebensfähigkeit“. Bei der die

Betonung auf völkischer Überlegenheit lag. Heutige rechtsextreme Gruppierungen

wie die Freien Kameradschaften sowie Angehörige der Neuen Rechten

verbinden Themen wie Umweltschutz, Natur- und Heimatverbundenheit

mit einer völkischen Blut-und-Boden-Ideologie. Deshalb haftet den Begriffen

Heimat und Volkslied wohl immer etwas Anrüchiges an.

Ins Englische lässt sich das Wort am ehesten mit homeland oder native land

übersetzen. Auf Französisch kann man lieu d’origine sagen oder pays natal.

Ähnlich intim wie das deutsche Wort Heimat klingt die tschechische Vokabel

domov. Sie enthält denselben Wortstamm wie dům „Haus“ und domek

„Häuschen“. Auf Ungarisch heißt „Heimat“ „szülőföld“ („Elternerde“). Das

russische Wort für Heimat, Родина, bedeutet zudem auch Vaterland. Üblicherweise

wird der Begriff Heimat im Singular gebraucht, was suggeriert,

dass jeder Mensch nur genau eine Heimat habe. So findet sich im Duden

unter Heimat der Hinweis: „Plural nicht üblich“. Der Begriff Heimat verweist

zumeist auf eine Beziehung zwischen Mensch und Raum. Er wird auf den Ort

angewendet, in den ein Mensch hinein geboren wird und in dem er die frühesten

Sozialisationserlebnisse erfährt und die seine Identität, seinen Charakter,

seine Mentalität, seine Einstellungen und Weltauffassungen prägen.

Heimat ist im Gehirn jedes Menschen präsent. Je länger er an einem Ort

verweilt, desto stärker sind die an diesem Ort gemachten Erfahrungen und

Erlebnisse bei ihm gefestigt. Wenn sie positiv waren, manifestieren sich dort

Heimatgefühle. Wenn es emotional bejaht wird, können daher auch mehrere

Orte für einen bestimmtem Menschen zur Heimat werden. Auf ähnliche Weise

entstehen dann nicht ortsgebundene Heimatgefühle (wie sich heimisch

fühlen in einer Sprache). Die einen fühlen sich so mit dem Ort verwurzelt,

in dem sie aufgewachsen sind, dass sie dort am liebsten für immer bleiben

möchten. Andere verlassen ihr gewohntes Zuhause freiwillig, um in der Ferne

ihr Glück zu suchen und Neues zu erleben. Andere Menschen verlieren

ihre Heimat durch Krieg, Vertreibung oder Flucht. Gerade dann kann die Erinnerung

an die eigene Heimat sehr schmerzhaft sein und zu Heimweh führen.

Heimweh kann sich auch auf verlorene Gemeinschaften beziehen, wenn der

Einzelne sich (besonders in „schweren Zeiten“ und psychischen Krisen) „in

der großen Stadt“, „unter lauter Fremden“ usw. einsam fühlt. Der Verlust

vertrauter Umgebung wird dann als besonders schmerzhaft empfunden und

Deutsche Volksmusik?

Nee, lass ma gut sein!

Dabei muss man das Wort nur ganz leicht verändern. Tausche das K einfach

gegen ein X - und schon steht da Volxmusik. „Sound of Heimat - Deutschland

singt! Das Roadmovie zur deutschen Volxmusik“ Antistadl: „La Brass Banda“,

„Bamberger BoXgalopp“ und „Kellerkommando“ – so heißen die neuen

Bands, die überall in Süddeutschland wie die Pilze aus dem Boden schießen.

Es gibt keine Regeln. Alles geht. Ganz unbekümmert wird die Volksmusik hier

aufgemischt.

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Hayden Chisholm (Musiker)

Arne Birkenstock und Jan Tengeler haben den neuseeländischen Musikstudenten

Hayden Chisholm 2010 auf Entdeckungsreise durch Deutschland

geschickt, um herauszufinden, warum besonders jüngere Menschen hier so

große Probleme mit deutscher Volksmusik haben. Chisholm, ein musikalisch

begnadeter Weltenbummler, „trifft auf eine lebendige Vielfalt regionaler

Bräuche und Aktivitäten. Dabei beleuchten die Regisseure Arne Birkenstock

und Jan Tengeler in SOUND OF HEIMAT auch die in Deutschland so weit

verbreitete ambivalente Haltung zur Volksmusik und dem eigenen Heimatverständnis:

Themen, welche durch die vergangene Ideologisierung und

die „Heile Welt“ des Musikantenstadls vielerorts in Vergessenheit geraten

sind. Unbeschwert spielt, singt und tanzt Hayden Chisholm mit dem "GewandhausChor"

in Leipzig, der Kneipentruppe "Singender Holunder" und

den Hip-Hoppern um "BamBam Babylon Bajasch" in Köln, der Jodel-Lehrerin

Loni Kuisle im Allgäu, den Bands um die Bamberger Partyreihe „Antistadl“,

den Schwestern um das Volksmusik-Kabarett "Wellküren" in Bayern oder der

Rocksängerin Bobo in Sachsen- Anhalt. Auf wen auch immer der neuseeländische

Musiker Hayden Chisholm bei seiner Entdeckungsreise trifft, stets eröffnet

er uns

überraschende und erstaunliche Einblicke in die kreative und lebendige Vielfalt

zeitgenössischer deutscher Volksmusik. Nebenbei widerlegt er so einige

Vorurteile über die angebliche Verstaubtheit und Heimattümelei und zeigt

uns, wie viel Freude wir Deutschen an Musik und Gesang haben. “

Quelle:Presseheft SOUND OF HEIMAT Deutschland singt!

Das Roadmovie zur deutschen Volxmusik.


die Hoffnung auf eine Besserung durch die Rückkehr in seine als Halt gebend

empfundene Heimat wird verstärkt. Doch jeder versteht unter Heimat natürlich

etwas anderes. Für die einen ist es eine bestimmte Kindheitserinnerung,

für andere ein besonderer Geruch oder der Lieblingsplatz im Garten und für

wieder einen anderen ist es die Melodie eines bestimmten Liedes oder eine

Mundart, eine andere Sprache, eine bestimmte Speise, ein bestimmter Gegenstand...

Das können auch Dinge sein, die an jedem Ort der Welt mit dabei

waren und fester Bestandteil und somit Sicherheit und Halt in einer neuer

Umgebung gaben .... Unser Verständnis von Heimat ist also eher sehr individuell

und oft mehr ein Gefühl als ein tatsächlicher Ort. Wenn man dieses

Gefühl einmal kennenlernen dufte, verlässt es einen ohnehin wohl nie im

Leben. Manche Menschen sehnen sich ein Leben lang danach, ohne dass es

jemals wieder erreichbar zu sein scheint.

Wie entsteht aber nun Heimat? Und was verbindet man mit ihr? Ist es der

Wohnort, der Geburtsort oder doch eher ein Gefühl? Wer sich mit seiner

Heimat auseinandersetzt, weiß wo er hingehört. Hier lässt sich die eigene

Umgebung erforschen und herausfinden, was Heimatgefühle ausmacht.

Neue Perspektiven eröffnen sich beim Nachdenken darüber was Heimat

wohl für ein Kind bedeutet, dessen Eltern, Job bedingt, ständig für ein paar

Jahre an verschiedenen Orten der Welt leben. Eine Vorstellung von dem was

Heimat für einen ist, entsteht auch durch das soziale Erleben - durch Prägung

und Erfahrung im sozialen Umfeld der Familie, der Freunde usw. Das Nachdenken

über „Heimat“ erfordert somit auch die Auseinandersetzung mit den

eigenen Gefühlen. Gleichzeitig ebnet die Reflexion den Weg zu einem positiven

Umgang mit allem Neuen. Es versetzt in die Lage, Heimat und Vielfalt

miteinander zu verknüpfen und das direkte Umfeld als einen wertvollen Bereich

zu erleben und zu gestalten.

Wenn man von seiner Heimat getrennt ist, kann das mal mehr mal weniger

schlimm sein. Wie fühlen sich Menschen, die ihr Heimatland dauerhaft verlassen

müssen, um woanders zu leben? Kriege, Flucht, Asyl - viele wurden

gewaltsam von ihrer Heimat getrennt und müssen nun in der Ferne heimisch

werden. Andere, zum Beispiel Straßenkinder und Obdachlose, leben ohne

ein festes Zuhause. Aber auch ein Verlust eines geliebten Menschen kann

das Gefühl von Heimat verändern. Heimat ist nicht nur ein Ort. Heimat sind

auch andere Menschen. Wer das weiß, kann sich zu Hause fühlen, egal wo

er gerade ist. Die Nomaden zum Beispiel sind immer unterwegs und haben

ihr Zuhause einfach bei sich. Bekannte Traditionen, Feste und Rituale können

dabei helfen, an einem neuen Ort heimisch zu werden. Auch an einem neuen

Wohnort kann man sich zu Hause fühlen – wenn man sich seiner eigenen

Wurzeln bewusst ist. Heimat prägt uns. Sie ist für viele eine verlässliche Größe

im Lebenslauf. Umso wichtiger ist es, sich über seine Heimat Gedanken zu

machen und sie bewusst zu erleben. Jugendliche mit Migrationshintergrund

vertreten nicht selten ein ausgeprägtes Heimatgefühl, das sich manchmal jedoch

nicht auf Deutschland, sondern vielmehr auf das Herkunftsland ihrer Eltern

und Großeltern bezieht. Oft wird das Gefühl mangelnder Akzeptanz und

Integration in Deutschland kompensiert mit einem besonderen Nationalstolz

in Bezug auf das ursprüngliche Herkunftsland der Familie. Andere wiederum

haben das Gefühl, nirgendwo richtig zu Hause zu sein und zwischen allen

Stühlen zu sitzen, da sie in Deutschland als Migranten wahrgenommen

werden und sich auch im Herkunftsland nicht mehr zugehörig und zu Hause

fühlen. Für wiederum andere ist es dagegen völlig natürlich, sich an mehreren

Orten heimisch zu fühlen und dies als Privileg zu verstehen. Schließlich

- und ganz unabhängig von einem möglichen Migrationshintergrund – gibt es

auch viele Menschen, die sich keinem geographischen Ort zugehörig fühlen,

sondern dort heimisch sind, wo sie beispielsweise Familienangehörige oder

andere wichtige Bezugspersonen haben. Heimat ist also ein Begriff, der sehr

vielseitig, oft extrem emotional aufgeladen und fast immer ambivalent ist.

Heimat ist für mich persönlich deshalb ein Ort, an dem ich Verbundenheit

und Zugehörigkeit empfinde, ein Ort, an dem ich als Wesen eine Einheit erlebe,

die mir eine Ahnung von meinem Ur-sprung gibt. Somit gibt es für mich

verschiedene Arten von Heimat. Heimat und Frieden sind, sicher nicht ganz

zufällig, in dieser Welt stark besetzt und werden weitgehend als etwas Äußerliches

wahrgenommen. Die Suche nach Heimat und Frieden in der äußeren

Welt muss jedoch ergebnislos bleiben, wenn sie nicht als Teil der inneren

Wirklichkeit erkannt wird. Und das gilt für so vieles: Der Mensch sucht häufig

im Außen, ist häufig mit dem Außen und dem Äußerlichen beschäftigt. Häufig

hat es sogar den Eindruck, als laufe er dauernd vor sich selbst weg, vor

den Antworten, Wahrheiten und Wirklichkeiten in sich selbst. Er verausgabt

und erschöpft sich dabei immer mehr im sich schneller und schneller

drehenden Hamsterrad seines gehetzten Lebens.

Durch Chisholms unvoreingenommene Art

findet er schnell Kontakt und plaudert mit seinen Protagonisten,

fühlt sich mit seinem Saxofon in ihre Melodien hinein. Nach und

nach beginnt man zu verstehen, was deutsche Volksmusik bedeuten

kann. Vor allem: Zusammenhalt und Geborgensein. Als

Zuschauer beginnt man, ob man nun will oder nicht, im Kinosessel

mit den Füßen zu wippen. Vor allem dann, wenn Chisholm

jungen Musikern begegnet, die alte Volkslieder neu interpretieren.

Ja, man ist manchmal sogar kurz davor, lauthals mitzusingen.

Gegen Ende des Films wird dann doch noch thematisiert, was

manchmal noch Unbehagen auslöst, wenn ein Volkslied erklingt.

Chisholm fährt nach Buchenwald und spricht hier vor der KZGedenkstätte

mit einem Ex-Inhaftierten. Dieser erzählt ihm, wie er

und seine Mithäftlinge immer „Alle Vögel sind schon da“ singen

mussten, wenn die Wärter einen entflohen Häftling zurück brachten,

den sie erwischt hatten. Die Nazis haben uns unsere schöne

Volksmusik madig gemacht, so in etwa könnte das knappe Fazit

lauten. Aber auch die Schöpfer von Heimatfilmen und Schunkel

- Spektakeln à la „Musikantenstadl“ haben die Volksmusik nach

dem Missbrauch durch die Nazis als „Schmiermittel“ benutzt,

dass dabei half, die Vergangenheit zu verdrängen und sie durch

eine schön schön schön - Gegenwart zu ersetzen.

Beim Schauen des Films überkamen mich daher hin und wieder

Gedanken, dass einige Szenen auch aus einem Heimatfilm aus

den Fünfzigern stammen könnten. Man rechnet schon damit,

dass plötzlich ein „heimisches“ Reh in der Landschaft auftauchen

oder am Himmel ein Adler kreisen müsste.

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freiwillige Hausaufgabe

von Frank Winter

Au prima… „Wunschthema“ Heimat. Das hat Verve. Das hat Glamour. Da hat der Dikta…äh Chef-Redakteur

ja ein echtes Bonbon aus der bunten Synapsen-Kiste gezogen, um den geknechteten Kleinkünstler

zu piesacken. Danke dafür. Vermutlich chillt der feine Don Marko gerade auf seiner Designer-Ranch,

bei einem offenen „Château Lafite Rothschild“ und streichelt, süffisant vor sich hin lächelnd, die weiße

Superschurken-Katze auf dem Schoss. Na, egal. Bin ja nun mal knebelvertraglich dazu verpflichtet, mich

(für eine nicht existente Gage!) zum Thema zu äußern.

12

Also altgemärkt: Heimat!? Ist das nicht da, wo

man Laub harken muss? Der Landstrich, wo man

schon die frühen Kindheitstage abgerissen hat,

weil man dort zusammen mit Familie und Weggefährten

so zufällig hin geboren wurde? Oder vielleicht

da, wo man sich mittlerweile dauerhaft aufhält,

oder schlicht wohlfühlt? Kann man Heimat

eventuell sogar annektieren? Geht alles. Russland

hat es jüngst vorgemacht. Da der Zar schon immer

eine Schwäche für uniformierte Krimtataren

hatte, freute es Onkel Putin außerordentlich, dass

seine Lieblings-Halbinsel, dank eines lupenreinen,

basisdemokratischen Volksentscheids, wieder von

Mütterchen Russland geschnupft werden konnte.

„Komm Reich ins Heim!“ (oder so) sagte auch mein

Opa immer. Das muss er damals von diesem österreichischem

„Kanzler“ aufgeschnappt haben, der

ebenfalls der Auffassung war, dass „Heimat“ ein

dehnbarer Begriff sei. Zu jener Zeit mussten erstmals

die Worte „Memelland“ und „abgebrannt“

aufeinander gereimt werden. Ja, der große Traum

von „Ost-Holstein an der Beringsee“ wurde relativ

schnell begraben. War ja sicherlich heimatpolitisch

„nett gemeint“ vom OKW und dem GröFaZ…allerdings

kam es bekanntermaßen so, wie es nun

mal kommen musste! Diese Idioten!

Da kann ich mich mit dem Gedankenansatz der

NASA schon eher anfreunden. Jedoch, bis jemand

seine neue Heimat auf „Kepler-186f“ aufmacht, gehen vermutlich noch etliche Monde ins Land. Aber

genug abgeschweift. Die richtig echte, bescheidene Heimat definiert sich wohl eher klassisch aus Wohnsitz,

Familie, Freunden, Feinden, Erinnerungen, Traditionen, Vertrautheiten und aktuellen Grundstückspreisen.

Heimat ist erfahrungsgemäß irgendwie etwas Gelebtes, was Gemütliches, was Emotionales, etwas,

was dem Außenstehenden nur schwerlich mit Worten zu umschreiben ist. Insbesondere dann, wenn die

Heimat im Schwäbischen liegt. Der Altmärker hat hingegen Glück gehabt. Die Altmark war schon immer

ein hübscher, verständlicher und wegweisender Landstrich. Hier hat einst der „Moderne Fritz“ (wie

er früher genannt wurde) größere Moorlandschaften trockengelegt um neuartige Grundnahrungsmittel

zu etablieren. Ein Eldorado für Stärke- und Fruchtbarkeitsliebhaber. Ist außerdem eine super Gegend

für Pilzfreunde, emsige Traktoristen und depressive Down-Hill Biker. Als gesellschaftliche Zugabe gibt es

diese wirklich erlebenswerte Mentalität und einen Dialekt vom Allerfeinsten! Einwandfreies Hochdeutsch

mit preußischem Einschlag. Da können die Nachbarn aus der Börde nur von träumen! Auch bedeutsame

Persönlichkeiten brachte die Mark hervor. Hierbei galt selbstredend immer die Maxime: Qualität statt

Quantität! Nix hier mit Kardashians, versnobten Bibern und albernen Staatsvertretern.

Ich präsentiere stattdessen: „Albrecht der Bär“, Stand-up-Comedian Otto Reutter, Jenny Marx, sowie

Deutschlanderfinder und Eisenkanzler Otto Eduard Leopold von Bismarck-Schönhausen. Doch genug

der Prahlerei. Ausgesprochen religiös ist er nicht, der Altmärker. Oftmals ist er einfach nur Colbitz-

Letzlinger „Heide“ und der nüchterne Pragmatismus sein Götze. Allerdings beten etliche Eingeborene die

heidnische OPEG um günstige Oktankurse an, da man viel auf Achse ist. Bei weiterer Durchleuchtung,

kommt mir noch die Erinnerung hoch, dass ich einst zu Friedenszeiten, zusammen mit einem Heer aus

Thälmann-Zwangsrekrutierten, jahrelang, sozialistische Lobgesänge auf die volkseigene Heimat darbieten

durfte. Der Liedtext konnte dabei stets Spuren von weißen Tauben und kommunistischen Lichtgestalten

enthalten. Auch kam gerne darin vor, wie sich aus zerschossenen Ruinen, einem Hammer, einem

Zirkel und einem Ährenkranz ein cooler Arbeiter- und Bauernstaat zusammenwerkeln lässt.

Im Übrigen wurden die „Offiziellen“ niemals müde, zu betonen, wie schnafte es doch ist, die großbrüderliche

Rot-Armee auf heimischen Boden unter Waffen stehen zu haben.

Nun, auch das ging irgendwann vorbei und ist schon längst Teil der Geschichte. Apropos Geschichte.

Opa musste früher, gezwungenermaßen aus ideologischen Gründen, den heimischen Boden noch eigenhändig

gegen Feinde verteidigen. Laut den Erzählungen, hat er über Lüffingen mehrere amerikanische

Flugzeuge abgeschossen. Das war jetzt im April vor fünf Jahren. Meine olle Heimatstadt ist derweil

zur Metropole „befördert“ worden. Gardelfingen hat sich, quasi über Nacht, zur drittgrößten Stadt

Deutschlands hochgeschlafen. POWW! Kartoffel-Town hat‘s geschafft!

Die gute, alte Zwangsgebietsreform machte es möglich. Und nun tobt der Deibel in „The Big Potatoe“!

Mittlerweile kann man sich vor lauter internationalem Tourismus kaum noch retten, das Nachtleben

ist DER HAMMER und riesige Prestige-Bauten kreieren, zusammen mit unzähligen Baukränen eine

beeindruckende Skyline. Ja...ham wa jelacht! Ganz nach nationalem Vorbild hipper Großstädte fanden

natürlich bereits erste Sondierungen statt, sich ebenfalls ein niemals fertiges, aber dafür stetig teurer


werdendes Milliardenprojekt fehlplanen zu lassen. Zugfreier Bahnhof und unterirdischer Flughafen sind

aber leider schon weg. Gardebeulen ist dafür meines Wissens die einzige Großstadt weltweit, bei der man

zwischen den einzelnen Stadtteilen auf Feldwegen unterwegs ist. Das ist definitiv ein Alleinstellungs-

Altmärkmal! Sowas gibt’s nicht mal in Alaska. Ah und wo wir gerade einmal auf diesem Staatsgebiet

sind…in dem besten und beliebtesten Land der Welt, stellte man sich schon mal vorsorglich, vor lauter

geopolitischer Irritationen, das größte Heimatschutzministerium der ganzen Milchstraße in den Vorgarten.

Den Ausschlag zur Erschaffung dieser Monster-Behörde gaben ebenfalls amerikanische Flugzeuge.

Nun ja, vermutlich Zufall…

So, was hatten wir jetzt noch nicht? Ach ja, Flora und Fauna. Landschaftlich betrachtet sind in diesen

Breiten mittlerweile Aloe Vera-Strunk, Süßwasserkrokodil und Windrad auf dem Vormarsch.

Die ollen Linden wurden Stück für Stück abgeholzt, weil alle ökologisch-nachhaltig heizten und die

Blütenpracht des Laubgehölzes ewig rumnervte, da sie stets diese unverwüstlich-klebrige Patina auf

dem parkenden Opel Alpaka hinterließ. Ebenso wurde das einst so stolze Schwarzwild stark dezimiert.

Zum einen, weil neuerdings wieder Ritze-Ratze-Isegrim im heimischen Wald dem Schweinchen gute

Nacht sagt und zum anderen, weil des Keilers Rüsselscheibe „irgendwie nicht mit dem Ladekabel vom

Sumsang Galaxor kompatibel“ war. Das verstehe wer will. Dafür gibt es aber nun öfters fluffige 21°C

von März bis November und hübsche, kleine Hurricanes über Kalbe. Schöne neue Welt. Mit dem Begriff

Heimat verbindet man zwar immer eine Ecke Nostalgie, jedoch musste der Heimatkonsument seit jeher

Veränderungen über sich ergehen lassen. Die Hauptsache bleibt hierbei, dat die olle Tante für jeden von

uns immer etwas Besonderes sein wird, oder zumindest sein sollte. Sie war schon immer da, keiner hat

versucht sie uns wegzunehmen, und man kann immer wieder zu ihr angeschissen kommen. Hierzu geht

noch mein mitfühlender Gruß an all jene Menschen, denen Krieg, Vertreibung bzw. der Ami über den

Hals kam und dies somit den Verlust des gewohnten Habitats zur Folge hatte. Zwangsräumung ist die

absolute Höchststrafe! Aber vielleicht möchte ja die ein oder andere arme, entwurzelte Seele gerne im

hier umschriebenen Gebiet neue Triebe schlagen? (Natürlich, sofern es die Umstände und die Bereitschaft

zur friedlichen Koexistenz erlauben.) Wir hätten da durchaus noch räumliche und gesellschaftliche

Vakanzen. Wichtig wäre für den kulturellen Einsteiger nur: Nicht unbedingt gleich nach Klötze ziehen.

Der Einreitende findet ansonsten eine vielerorts aufgeklärte Gegend vor, in der aber nie Alle gleichzeitig

zuhause sind. (u.a. deshalb weil dem gemeinen, Altmärker „Beutewessi“ ein namhafter Wolfsburger

Abgashersteller, nebst Lieferantenhofstaat, die verfügbare Lebenszeit einteilt) Naja, ihr könnt ja mal

klingeln. Schätze, der Interessierte kommt vorbei und der Kenner wird heimisch. Selbstverständlich gilt

auch hierzulande: Wo Licht ist, ist auch Schatten. Der Warnhinweis für Autobahn-Einreisende lautete

im gesamten Anhalt-Sektor unlängst noch: „Das Land der Frühaufsteher“. (Da wusste man sogleich, wo

und wann die Reise hingeht.) Auch bietet das strenge Altmärker Tischgesetz („Et jibbt dat, wat die Kelle

kleckt!“ Anm.d.Red.) wenig Spielraum für „Extrawürste“. Und wenn man einen Altmärker nach seinem

Lebenscredo befragt, könnte dieser so etwas antworten wie: „Von nüschts kommt nüschts und viel hilft

viel“. Zusammengefasst erkennt man die Eigenschaften: aufgeweckt, versorgt und altklug. Dem gibt es

eigentlich nichts mehr hinzuzufügen.

Zugegeben, es ist ein spezieller, aber liebenswerter Flecken. Untrügliche Erkennungsmerkmale der Altmark

und zugleich Werbebotschaft: Dort fegt der neueste „Claas X-Ypsilon“ über die 0,38% Gefälle. Nur

da gibt’s den teuren Edelspargel in der weltbesten Hochzeitssuppe bzw. noch richtig viel Soße auf die

mehlige Kartoffel. Des Weiteren zeugen die rituellen Bräuche und Festspiele eindeutig von Humor und

einladender Geselligkeit. Zu guter Letzt, sein die vielen, tollen und verhaltensoriginellen Eingeborenen

erwähnt, die den ganzen Laden am Laufen halten! Verdient für mich ganz klar das Prädikat „Anheimelnd“.

Will sagen: Danke, Mutti!

PS. Hoffe auf ne gute Note, Herr Kühnel!

Als Rektum dieser Anstalt genießen Sie meine volle Anerkennung.

Buchempfehlung

T. S. Spivet ist zwölf Jahre

alt und ein genialer Kartograph.

Denn er weiß genau,

dass nichts von Dauer

ist. Der Whiskykonsum seines

Vaters wird ebenso in Diagrammen festgehalten wie die Anatomie

von Glühwürmchen. Inmitten seiner merkwürdigen Familie

lebt er auf einer Ranch in einem flachen Tal in Montana. Eines

Nachts begibt sich T.S. auf die Reise nach Washington und damit

in ein unglaubliches Abenteuer.Reif Larsens Debüt ist ein Juwel:

Ein mit vielen Karten und wundervollen Zeichnungen versehener

Roman über Freundschaft, Kindheit, Schuld und über Zuhausesein.

Ergreifend, geheimnisvoll und verspielt, ein wahres Feuerwerk

von Gefühlen und Ideen.»Die Karte meiner Träume« besitzt

den Schimmer eines alten Hollywood-Films und ist

gleichzeitig auf einzigartige Weise neu.

Dieses Buch ist ein Gesamtkunstwerk.

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Heimatspaziergang

Tino Fellenberg

So oft es immer geht, nehm ich mir entschlossen Zeit

und verlasse die aus Stein und Stahl gehauene Örtlichkeit.

Obgleich der Mond in klarer Nachte hängt,

sich weißer Nebel in den Mooren senkt,

die Sonne zum Zenite steigt

oder Regen auf die Erde peitscht.

Etwas ruft mich immer wieder in die Ferne

und ich folge dem Verlagen, ach wie gerne.

Ich tausche also ein, das dumpfige Gebälk,

gegen Gottes, großes Himmelszelt.

Mein wölfisch-wildes Herz will durch die Wälder streifen,

das wache Auge über Feld und Aue schweifen.

Die müden Füße wollen Mutter Erde spüren,

die reinste Luft soll durch die Lunge führen.

Und bei jedem Gang da raus, gibt es immer diesen einen Reiz:

dass ich mich und diese Welt, mit jedem Schritt ein bisschen mehr begreif.

Und wie ich dieses Mal so gehe, fällt mir auf,

dass ich mich frag: worauf?

Soll dieses Land mir Heimat sein?

Und wenn ja, was heißt das allgemein?

Da entsinn ich, einem Austausch zwei betagter Männer,

sie kamen durch ihr reden auf den gleichen Nenner:

Wo immer auch Verwandtschaft ringsumher,

ist eben auch die Heimat, bitte sehr.

Doch zweifelsohne gibt es in Familien ebenso die Spaltung,

ergo, käm es heimatlich dann zur Enteignung!

Zudem sei jede Waise,

Heimatlos bei ihrer anfänglichen Reise.

Mir kam außerdem zu Ohren,

dass Heimat da wo man geboren.

Nehme man das also an,

wären wenige Verbunden mit dem Land.

Denn es gibt nicht viele, die einen Wohnsitz übernommen,

wo sie als Kindlein auf die Welt gekommen.

Ich persönlich würd es so erfassen,

dass Heimat, wo man aufgewachsen!

Doch dann sei mir die Frage: warum gerade DAS,

als Beschreibung für die Meisten passt?

Als ich fragend dann so gehe

und versuche zu verstehen,

zieht an mir der endlos schöne Wald vorbei,

und ich mach nichts, als in mir Platz für Wahrheit frei.

Und so dauert es nicht lang, bis ich erkenne was es heißt:

So wie alles andre, ist auch Heimat, nichts als Geist.

Denn letztlich bildet man in sich ein Heim

und bindet dort Personen, Orte, Zeiten ein.

Somit kann das Land allein,

niemals Heimat sein!

Es ist im Grunde nur die Decke,

worin der Inhalt sich verstecke.

Und da man in den Kindertagen,

unbefangen und in allen Farben,

reichlich diese Hülle füllt,

kennt man von der Heimat oft nur dieses Bild.

Nun da die Natur um mich allmählich weicht,

und das Lichtermeer der Stadt sich preist.

Ja, als ich dann nach meinem Gang,

in das, wieder hochgeschätzte, Hause fand.

Schaute ich, beseelt vom langen Marsche,

verträumt, durchs Fenster auf die Straße.

Und als ich blickte, die Gesichter, die vorüber ziehen

konnte ich ein letztes, deutlich in den Augen sehen:

Angela Ufer

Selbst die Erde ist uns nur bedingt ein Heim,

denn das Ewige in uns, kann nur bei Gott zu Hause sein.

spirit-now.de

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Satzspiegel = 144 x 220 mm

Heimat, ....

16 linke Seite

50

Der folgende Beitrag ist ein Auszug aus dem Buch „Geschichten aus dem GrandHotel“, welches aus Seite 25 vorgestellt wird.


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»Flucht und Asyl«, lautete das Thema, mit dem sich im

Somersemester 2015 die »Projektgruppe Comicwerkstatt«

der Fakultät für Gestaltung an der Hochschule

Augsburg beschäftigte. Es sollten Comicreportagen entstehen,

die sowohl Fluchtursachen beleuchten, als auch

den Alltag von Asylsuchenden, deren Sorgen und Hoffnungen.

Die Studierenden recherchierten in Flüchtlingsunterkünften

vor Ort. Sehr schnell wurde eine Unterkunft

zur Hauptanlaufstelle: Das Grandhotel Cosmopolis. Die

offene und freundliche Atmosphäre, die hier aus der

Verbindung von Café- und Kulturbetrieb, Hotellerie und

Asylherberge resultiert, machte die Kontaktaufnahme

besonders leicht. Und so wandelte sich das Thema von

der allgemeinen Betrachtung der Asylproblematik, hin

zur konkreten Reportage über das Grandhotel Cosmopolis.

Recherchiert wurde mit Zustimmung aber nicht im

Auftrag des Grandhotel Cosmopolis. Im offenen Cafébereich

der Unterkunft fanden alle Begegnungen statt,

über die in diesem Heft berichtet wird. Es kamen nicht

nur Flüchtlinge zu Wort.

Ein Aktivist der ersten Stunde gab seine Sicht der Startphase

des Projekts zu Protokoll, zwei bereits anerkannte

Flüchtlinge, die weiterhin ehrenamtlich im Haus tätig

sind erzählten, warum sie nach Deutschland kamen, und

auch die Studierenden selbst begannen, ihre persönlichen

Wahrnehmungen des Projekts zu reflektieren und

aufzuzeichnen. So entstanden acht Comicreportagen.

Locker verbunden durch mehrere fiktionale Sequenzen.

Letztere ergänzen die Inhalte, fügen ortstypisches Lokalkolorit

hinzu und lassen Augsburgs historische Verknüpfungen

zum Thema Krieg und Religionsfrieden anklingen.

Der Ton der Erzählungen wechselt zwischen heiter

und ernst – ganz wie das Leben …

Cover und Backcover: Mike Loos

Comics von: Samuel Boeck, Dennis Ego, Hannah Hageraats,

Mike Loos, Marte Negele, Paul Rietzl, Wolfgang

Speer, Julian Wienand, Miriam Wöllner.

Grußwort: Dr. Stefan Kiefer, dritter Bürgermeister der

Stadt Augsburg, Sozialreferat

Vorwort und Nachwort: Mike Loos

Herausgeber: Prof. Mike Loos

Verlegt durch den Wißner Verlag Augsburg

ISBN 578-3-95786-000-2

25 25


So begab es sich, dass nach einer kurzen Nacht plötzlich ein Ruf

durch die weiten kalten, schneebedeckten, nordischen Wälder hallte

– der Ruf eines Daheimgebliebenen – einer, der noch in der alten

Heimat lebt und mich fragt: „Du, der du so weit weg bist, dass man 6

mal die Pferde wechseln muss, dass man von Sommerbehufung auf

Winterbehufung und hochbeinig wechseln muss, um nicht im Schnee

zu versacken, kannst du mir sagen oder gar schreiben, was du unter

verlorener Heimat verstehst?“

Und was soll ich sagen: „Ik sach et ma so, in der aldn heematlichn

Mundart: Klar kann ik dich dazu wat sachn. Sperr ma de Lauscha uff

un mach jar nich de Glotzn dicht!

Weesste, für mich is Heemat nüscht rechtet, nüscht linket, nüscht

vonne FDP, AFP, Grüne oda Rode oda von nen andren Jesangsvaein.

Et is ooch nüscht verwerflichet oda abstruset – et is janz eenfach nur

een jutet Jefühl. Een Jefühl, dat dich jut schlafn lässt un dich morjens

jut uffstehn lässt. Dat sind Ainnarung‘n an dat eene oda andre

Fest midde Kumpels. Dat sin ooch Ainnarung‘n an ussjesoffene

Glühweenkübl mit Rum inna schrilln Nacht oda spontane Jehirnfürze

in warma Sommanacht. (Räusper – Hooptsache de Muddi liest dat

jetzte nich.) Dat sin aba ooch Jedankn‘n daran, warum man wech

jejang‘n is, wat man falorn hat, un wat man jefundn hat. De Altmarch

wird imma meene alde Heemat sin. Dat isso un wird ooch imma so

bleem.“

Allerdings habe ich eine neue Heimat gefunden, in der ich ebenfalls

gut schlafen und am kommenden Morgen frohen Mutes aufwachen

kann. Ja, diese neue Heimat ist recht weit entfernt und so kommt es

auch vor, dass ich in manchen stillen Nächten etwas wehmütig an die

alte Heimat denke, an das, was ich quasi verloren und aufgegeben

habe, und ich mich frage, ob der Mond zu Hause noch genauso

aussieht, wie damals als ich ging.

Das sind aber auch Gedanken an alte Freunde, die plötzlich „verschwunden“

sind, dass sich nahe Verwandte nur noch alle hundert

Monde oder gar nicht mehr melden, aber erwarten, dass man sich

immer wieder meldet, dass man einfach mal so durchklingelt. Und

wenn sich dann doch einmal ein Anruf zu einem verirrt, dann hat dieser

seltene Anruf meist nichts Gutes zum Inhalt. Entweder gab es irgendwo

krassen Streit, jemand ist ins Krankenhaus geliefert worden,

irgendwer ist verstorben oder es gab irgendwo im Ort einen Aufzug

von so genannten RTL Journalisten. Selten bekommt man Anrufe, in

denen man einfach nur gefragt wird: „Wie jeht et dir eejentlich so?

Wat machste? Kannste Besuch fatrajn? - Un janz ehrlich: Besuch

kann ik imma fatrajn.“ Das stimmt mich traurig und dann weiß ich

mit Gewissheit, dass ich die alte Heimat verloren habe oder besser

geschrieben, dass mich die alte Heimat einfach nur vergessen hat.

So beschreibe ich für mich den Begriff verlorene Heimat.

Wie anfangs bereits beschrieben, ist Heimat aber weder ein Ort oder

eine Zusammenkunft, sondern ein wundervolles, wohliges, warmes

Gefühl. Die alte Heimat, an die ich mich erinnere, wird von den

fantastisch schönen Erinnerungen der Kindheit, Jugendzeit und auch

Erwachsenenzeit genährt, als wir alle noch bei Oma und Opa unsere

8 Wochen Sommerferien zusammen verbrachten, als sich noch

wirklich alle aus der Familie zu Familienfesten und zu Weihnachten

einfanden, als Geld, Krankheits- und Todesfälle nicht noch das

tägliche Gesprächsthema waren. Das sind Erinnerungen, als ich mit

Kumpels die ersten „schwarzen“ Ausflüge auf dem Wuppdich in die

nahe gelegenen Wälder und Feldwege unternahm. Für mich ist die

verlorene Heimat die unendliche Fülle an schönen Erinnerungen aus

bereits vergangenen Tagen, die so nie wiederkommen werden.

Aber Heimat kann niemals verloren gehen, sie verändert sich im Laufe

der Zeit, nur das Gefühl, was Heimat bedeutet, bleibt immer gleich

und wird sich niemals verändern. Heimat ist die erfüllte Sehnsucht

nach Geborgenheit, egal wo man dieses auch finden mag.

PS: Meinen Namen brauche ich wohl nicht zu nennen, denn der eine

oder andere wird sich in meinen Erinnerungen wiederfinden ;-)

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„Es war ganz herrlich wieder hier zu sein. Mein

Mann war wie neugeboren, dass er wieder zu

Hause war. Er hat immer geträumt von Vienau

und immer Heimweh nach Vienau gehabt sein

ganzes Leben.

Es hat ihm so eine Freude gemacht.

Vor allem hier hat er immer gesessen,

hier am Teich. Und die Fische beobachtet.“

Ingeborg von Kalben, 2016

) Aus dem Videointerview „Vienau I“ von Carmen Westermeier & Julia Hainz

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Gesa Kolb

Über Leichtigkeit und Schwermut

Ich habe begonnen mich heimisch zu

fühlen in diesen alten Gemäuern. In

denen der Putz schon von den Mauern

fällt wie Ascheregen und in der

sich unendliche Hände mit Schmutz,

Öl und Edding in den hintersten

Ecken und auf dem Stuck der Wände

verewigt haben. Wie mögen die Nonnen

und die Adligen durch diese Räume

geschritten sein, was für Tänze

wurden auf diesen Böden getanzt, die

jetzt bedeckt sind mit einer Schicht

aus Farbe, violetter Pastellkreide und

Schmutz. Manches Mal knacken die

Heizungsrohre als würden Geister

über die Dielen poltern oder es sind die Mäuse, die sich an unseren

Essensresten in der Küche satt fressen. Es stapeln sich die Vorräte

unzähliger Studenten, die Spüle ist bedeckt von schwarzen Punkten

aus Kaffeepulver und verdreckten Tellern. „Die Küche ist halt autonom,

da kannst du nicht erwarten, dass sich jemand an Regeln hält“,

haben sie gesagt und seit dem die Abflussrohre kaputt gegangen

sind, ist es unmöglich hier unten auch nur gemütlich eine Zigarette

zu rauchen, so sehr stinkt es.

Manch einer überlegt schon, sich einen Camping-Kocher oder eine

mobile Herdplatte zu besorgen. Wer malt, muss schließlich auch essen

und Hasenleim und Lack anrühren und kochen können. In den

letzten Monaten hat es begonnen, durch die hohen Fenster zu ziehen

und sie schließen das Tor jetzt wie an der Hauptstelle sonntags ab.

Ich musste schmunzeln bei dem Gedanken an die Jungs, die es nicht

vom sonntäglichen Arbeiten abhalten wird, mit ihren Fahrrädern

beladen über die meterhohen Stäbe zu klettern. Sie stellen sich manches

Mal, wenn die Toiletten wieder abgeschlossen sind und sie zu

faul sind, durchs Fenster in den Garten zu klettern, in ihre hohen

Fensterrahmen, öffnen eine der Türen und halten ihre Schwänze in

die kalte Luft, ohne darauf zu achten ob ihre Pisse an der Hauswand

hinabläuft oder auf den halb gefrorenen Boden tropft. Sie sind so

ungezwungen in ihrer jugendlichen, männlichen Leichtigkeit, kiffen

sich die Nächte voller Sterne und sphärischer Musik, wie es nur

Männer Anfang zwanzig können, leben hedonistisch in den Tag hinein

ohne irgendeine Konsequenz. Sie sind.

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N. beschreibt das Einatmen des Rauches wie das kalte Prickeln von

Fischerman‘s Friends im Hals, nur weiter unten in der Lunge und

vielleicht auch ein wenig wärmer. Wir liegen auf dem Boden, ich

kann nicht genau sagen, ob wir gerade die Stuckdecke betrachten

oder den freien Himmel über uns, das Zirpen der Zikaden unter

uns und die ISS in ihrem Orbit schwebend. Ich bin verliebt in diese

Leichtigkeit; der Schalk im Nacken von F.; N.‘s flinke, verdrehte Wendigkeit

in M.‘s Stuhl, als sie ihn fotografiert. Manches Mal kann ich

mich zwischen ihnen nicht entscheiden. Sie sind so schön auf ihre

komplementäre Art. Der große dunkle F. mit den Samurai-Locken

und dem Geist, der so voll ist von dunklen, tiefen Seen und der

schmale N. mit seinem sympathischen Akzent und dem schnellen,

bunten Verstand, immer ein Grinch-Grinsen auf den Lippen. Sie sind

wohl das absolute Gegenteil zu meiner unsicheren-sicheren Welt,

mit der von außen behüteten Ordnung. Bei Ihnen herrscht kreatives

Chaos, im Inneren wie im Äußeren. Wenn man so will, haben

sie ihre Spuren dadurch schon hinterlassen. Der violette Staub aus

Pastell, die Runen an den Wänden. Sie beschädigen und fügen doch

etwas hinzu: die Lebendigkeit in diesem toten Gemäuer. Die Nonnen

in ihren weißen Hauben mögen hier ihre Gebete gesprochen und mit

ihren Knien die Böden glatt geschmirgelt haben. Doch was bleibt von

ihnen übrig außer der wagen Erzählung einer alten Frau. Selbst vom

Bauherr des Schlosses bleibt eben nur noch der Stuck an der Decke

bestehen. Aus seinen Ländereien ist nun ein stupider Golfplatz für

neureiche Manager geworden. Sein erhabener Wald zum Flanieren

und Jagen gedacht, wird zum schweißtreibenden Fitnesspart für

Jogger und Walker (aka Zombies mit und ohne Stöcke). Sein Lustschloss,

einst mit Leben gefüllt, wird zum leeren Raum. Eine Projektionsfläche

für unbekannte Eitelkeiten. Die große Freiheit. Wie fühlt

man sich heimisch in leerem Raum?

Indem man ihn füllt.


lenateresaflohrschuetz.com

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III°III

eine Klanginstallation in DIN A4

von

Karola Pfandt

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Wenn die Luft schwingt, wird

manchmal Musik draus...

Es war warm und es war Sommer und es war 1991. Seit gut drei Stunden mühten wir uns nun schon ab, diesem verdammten SID einen Ton zu entlocken.

Wir, das waren mein bildschirmgebräunter Kumpel Dazze und ich, aka ZakMcK. Neben unseren selbst vergebenen Nerd-ID’s als Kleinstadthacker

teilten wir auch noch die gemeinsame Revoluzer-Attitüden, die Kippen und den Quellcode. Und SID, das war das Sound Interface Device des

Commodore C64, dem wohl großartigsten und mit Abstand meist verkauften Heimcomputer der jemals gelebt … ähhh gebaut wurde. Der Code, auf

dem wir gerade rumhackten, sollte die Gamesounds a la Draconus, The Last Ninja oder Giana Sisters in den Schatten stellen. Naja also, jedenfalls

wir wollten überhaupt erstmal etwas hören. Also los ging’s: LOAD „*“, 8,1. Ich bin mir nicht mehr ganz sicher, ob wir mit dem selbstgequirlten Basic-

Quellcode noch etwas Hörbares hinbekamen, aber ein wirklicher Ohrenschmaus wurde letztlich doch nicht draus. Aber ohne es zu bemerken, betraten

wir an diesem Nachmittag mit einem Bein die Landstraße der elektronischen Musik, welche sich bald in eine Autobahn verwandeln würde.

Dazze stand allerdings nicht mehr so auf C64, er hatte sich jüngst einen Amiga 500 zugelegt. Der konnte zwar ohne seine Workbench noch nicht einmal

husten, war aber – das kann ich heute zugeben – dem C64 in Grafik und Sound schon ein kleines bisschen überlegen (wirklich nur ganz wenig).

Das Coolste aber war, der Amiga konnte mit einem Zusatzsteckmodul sampeln, also Stücke aus bestehenden Sounds digital aufnehmen. Das kann

heute zwar jedes drittklassige Handy, aber in der Welt von zwei postpubertierenden Jugendlichen gab es bis dato nur Schallplatten, Kassetten, olle

Gitarren, Klanghölzer und den SKR-700. So schlossen wir dann auch den Plattenspieler an das Modul des Amiga an, um fröhlich draufloszusampeln.

Als geeignetes Medium wählten wir einstimmig die von Dazze jüngst auf dem Flohmarkt erbeutete Slime-Platte „Alle gegen Alle“ aus. Als hätten wir

es schon hundert Mal getan, übertrugen wir die Zeile: „Du weißt nicht, was zu tun - große Langeweile, anstatt dich auszuruhen, schnapp dir ‘ne Baseballkeule“

von ihrem analogen Plattenbett auf den RAM des Amigas. Letztlich konnten wir mit diesem 12-Sekunden-Sample nichts weiter machen als

es immer und immer wieder abzuspielen. Aber das war egal, wir hatten ja nun auch das zweite Bein auf die digitale Landstraße der E-Musik gesetzt.

In Verzückung und Ehrfurcht tanzten wir im Geiste um den Amiga wie Derwische um ein Lagerfeuer.

Sebastian Krüger

Load „Kid Knorkes Elektropunk-Alphabet“, 8,1

A wie Atari

Fängt wie „Achtziger“ mit A an. Nicht, dass ich die Achtziger sonderlich

mag, aber wenn ich alte Heimcomputer und Spielekonsolen sehe, juckt

der Joystickfinger gleich wieder, ganz automatisch. Verrückte Technik!

Bei der rasanten Entwicklung der Unterhaltungselektronik ist es für den

konsumbegeisterten Smartphonebesitzer sicherlich eine ulkige Idee sich

an dem ganzen uralten Computerkram zu erfreuen. Ist es aber gar nicht.

B wie Bits

Wenn mit alten Computern, Spielekonsolen (oder sogar Taschenrechnern

mit modifizierbaren Piepstönen) Musik gemacht wird, nennt sich

das Ganze Chiptune oder 8bit-Musik. Es gibt diverse Festivals und Konzertreihen

wo Freunde dieser Biep-Biep-lastigen Musik auf Ihre Kosten

kommen und wo gilt: Je verfrickelter und komplizierter das Setup und je

oller die Geräte aus denen der Sound kommt sind, desto besser. Dabei

wird vor keiner Musikrichtung und keinem Genre Halt gemacht.

C wie Commodore

Nicht totzukriegen! Hab auch noch den C64 in Verwendung zum Mucke

machen. Gibt sicher modernere Geräte und bessere Synthesizer zur

Klangerzeugung, aber wenn man auf den speziellen Retro-Sound steht

der aus dem Brotkasten kommt, nimmt man die Herausforderung gern

an aus der ollen Kiste die speziellen Sounds rauszukitzeln.

D wie Disko Crunch

Eine Band aus Hamburg. Live gesehen vor ein paar Jahren und in dem

Moment beschlossen, dass ich auch elektronische Mucke mit Punkeinschlägen

machen will. Bin dann eine Weile hinter denen hergestalkt

und hab mir die geheimen Moves abgeschaut. Die kriegen den Spagat

zwischen Electro und handgemachtem Punk großartig hin. Inzwischen

hatten wir schon ein paar gemeinsame Gigs gespielt und das eine oder

andere Bierchen getrunken. Grüße an dieser Stelle!

Wie das klingt? Nun das kann ich dem interessiertem Leser nicht vermitteln.

Über Musik schreiben ist wie zu Architektur tanzen.

E wie Elektropunk

Punk begleitet mich schon seit über 20 Jahren und jeder der sich die

Lederjacke nicht komplett bis über die Ohren gezogen hat, kommt auch

irgendwann nicht drum herum sich mit anderen Musikrichtungen auseinander

zu setzen. Bands wie Atari Teenage Riot, Alien Sex Fiend oder

Welle Erdball fand ich immer schon spannend, weil es anders als die

Weichspül House/Dance/Pop Sachen war die sonst so unter „Elektronische

Musik“ zu finden sind. Ich mag die Kombination aus retro/verzerrten

Computersounds und Gesang - und als Kid Knorke hab ich viel Platz

mich dazwischen musikalisch auszutoben.

F wie Fraktus

Lustig! Den Film kann man sich auch mehrmals ansehen, musikalisch

auch voll ins Schwarze.

G wie Giana Sisters

Ich weiss gar nicht wie viele Joysticks ich zerrockert habe als ich in den

Neunzigern meinen ersten C64 bekam. Ob ich Giana Sisters jemals

durchgespielt habe, weiss ich nicht mehr. Auf jeden Fall gilt: Giana Sisters

schlägt Super Mario. Schon allein wegen der InGame Musik von

Chris Huelsbeck.

H wie Handheld

Computer werden ja immer kleiner. Schrecklich. Je klobiger und oller, je

besser - finde ich. Als Programmierer kann ich mir sowieso nicht vorstellen

an was anderem zu arbeiten als an einem riesigen Bildschirm und

einer sperrigen, klappernden Cherry Tastatur. Oldschool!

I wie Intellivision

Eine uralte Spielkonsole von Mattel. Gibt es sicherlich auch Liebhaber

für. Kenne aber keinen. Mich persönlich reizen auch weniger Spiele sondern

die Möglichkeit die alten Kisten so zu modifizieren, dass es als Instrument

verwendet werden kann.

J wie Japan

Nintendo kommt aus Japan. Damit hört mein Fachwissen aber auch

schon auf. Wer sich für Musik interessiert die aus 8bit Sounds und Retrocomputern

gemacht wird, der kommt wohl an japanischen Künstlern

nicht vorbei. Eine riesige Szene scheint es da zu geben.

K wie Kassetten

Immerhin haltbarer als CD‘s (behaupte ich mal). Auf meiner Liste der

haltbarsten Speichermedien für Audiosignale auf Platz 3. Hinter Schallplatte

und Leierkasten.

36


SEARCHING FOR „KNORKE“

LOADING

READY.

LIST

o (adj.) ugs. f. 'gut‘, 'ausgezeichnet‘, 'zufrieden‘

102 “KID KNORKE“: Nerd/Elektropunk - Hamburg PRG

L wie Lucas Arts

Die Monty Pythons unter den Spieleentwicklern („Benutz Hamster mit

Mikrowelle“). Maniac Mansion oder Monkey Island gehörten in jede

gutsortierte zusammenkopierte Diskettensammlung.

M wie Mario

Den springenden Klempner der gern Pilze nascht, kennt glaube ich jeder.

Wenn man Mario heißt und Chiptune/8bit-Musik macht, ist das

auch ein prima Einstieg für Gespräche („Ach, du heißt echt Mario? Das

ist ja witzig!“). Danke Muddi.

N wie Nintendo

Erfolgreichstes Zugpferd: Der Gameboy. Damals fand ich den doof

(war zu klein und ich hab auf dem Monochrom Display nie was erkannt).

Inzwischen hab ich aber einen (oder 2) und er kommt oft zum

Einsatz in meinen Songs. Der Sound der kleinen Dinger ist einzigartig.

O wie Ohrenschmerzen

Böse Sache das. Dann einfach mal ein paar Stunden kein Kid Knorke

hören, danach geht‘s wieder.

P wie Pac-Man

Zu komischer Musik im Dunkeln rumlaufen und bunte Teile futtern. Klar

das sich so ein Spiel durchsetzt und so große Erfolge gefeiert hat. Glaube

war Vorbild ganzer Jugendbewegungen.

Q wie Qix

Musste ich googlen. Klingt als wäre das sowas wie der Vorgänger zur

SMS und existierte von 1995 bis 2000. Brauchte ich nie. Aber irgendein

Wort mit Q musste hier verarbeitet werden.

R wie Raubkopien

Ich erinnere mich noch wie ich mit den besten Kumpels in den Neunzigern

noch aufm Moped ins Nachbardorf gefahren bin, zu fremden

Leuten von denen man nur wusste „Der hat ooch nen C64!“. Vollgepackt

mit seiner Diskettensammlung wurde dann im Kinderzimmer eifrig

der Bestand abgeglichen und nächtelang kopiert was das Zeug hielt.

Inzwischen hat sich sowas mit der Verbreitung des Internets ja erledigt.

War aber trotzdem schön.

S wie Space Invaders

Ein uraltes Spiel (1978!). Die „Aliens“ aus dem pixeligem Shooter sind

beliebte T-Shirt Motive und Bestandteil fast jeder ambitionierten Retro

Spielesammlung.

T wie Trompete

Als es mich so um 2000 aus der ostdeutschen Provinz nach Hamburg

zog, war mein Plan Trompete zu lernen und in eine Ska Band einzusteigen.

Nachdem ich wusste wie rum man die Trompete hält und wo

man reinpusten muss, wurde ich auch schon als Punkrock-Trompeter

verpflichtet. Aus der Nummer komm ich auch nicht mehr raus glaub

ich - macht mir auch ehrlich gesagt zu viel Spaß um das zu wollen.

U wie Umsonst

Software, Musik, Kleiderbügel, Liebe ... die schönsten Dinge im Leben

sollten umsonst sein.

V wie Verrückt

Verrückt oder Normal. „Normal“ ist lediglich eine Einstellung am Wäschetrockner.

Ob man verrückt ist weil man einen komischen Hut auf

hat oder mit Gameboys musiziert oder sonntags sein Auto wäscht, mögen

doch bitte andere entscheiden.

W wie Wario

Der Mr. Hyde des Nintendo Universums.

X wie Xbox

Nie gehabt. Aber es gibt auch verdammt wenige brauchbare X Wörter

für so A-Z Interviews wie dieses Xylophon.

Y wie Yuppies

Einer meiner ersten Songs. Gut das du fragst. Da kann ich nochmal auf

meine „Zombienerd EP“ hinweisen, die man sich umsonst bei Superpapukaija

runterladen kann.

Z wie Zitronenhund

Der Zitronenhund ist ein Onlinemagazin/Fanzine in dem es hauptsächlich

um Comics und Musik geht. Sehr speziell, sehr nerdy. Dort wurde

auch ein Interview von mir veröffentlicht, in ähnlicher Form. Wen sowas

interessiert: http://zitronenhund.blogspot.de

https://soundcloud.com/kid-knorke

37


esondere

Ein ganz besonderer Ort ist für mich der Sportplatz.

Hier schalte ich ab. Der Ort bedeutet für mich, einfach

loszugehen, den Ball mitzunehmen und loszukicken. Es

macht einfach nur Spaß, man vergisst alles um sich herum,

man achtet nur auf den Ball. Ich freue mich, wenn

eine Kombination mit einem Mitspieler gelingt und der

Ball dann im Tor liegt. In anderen Situationen gelingt

mir vieles nicht so, z.B. in der Schule Wenn wir aber ein

Spiel gewinnen, ist es ein schönes gefühl, weil ich weiß,

dass ich dafür gearbeitet habe. Das macht mich stolz.

Das Adrenalin und der Nervenkitzel sind toll. Oft habe

ich Angst zu verlieren, aber auch das gehört dazu. Jede

Mannschaft verliert einmal. Dann konzentriere ich mich

auf das nächste Spiel und trainiere weiter.

So ist das Spiel, das macht Spaß.

Maik Schmidt

Orte

Ein besonderer Ort für mich ist der Secantsgraben,

auch Flotte genannt. Dort stehen zwei Bänke, man

kann dort super den Sonnenuntergang genießen. Ich

sitze meistens dort, um einfach mal von allem abzuschalten,

ich höre Musik und denke über alles nach.

Meistens kommt mein Freund Max vorbei und wir

plaudern über die Schule, Freundin, Freizeit usw. Immer

mal wieder kommen Bekannte vorbei, auch meine

Oma. Dann unterhalte ich mich auch mit ihr über alles

Mögliche. Es ist ein ganz besonderer Ort, ich bin oft

dort.

Florian Müller

In meinem Dorf Wernstedt gibt es eine Wiese. Da geh‘

ich gern hin, wenn ich allein sein möchte. Im Sommer

ist es dort besonders schön, da viele Blumen blühen,

und das in den schönsten Farben der Welt. Früher war

ich oft mit meiner besten Freundin dort. Da sie jetzt

aber in Salzwedel wohnt, sehen wir uns nur noch sehr

selten. Wenn ich sie besonders vermisse, gehe ich auf

meine Wiese und kann mich an die schöne Zeit

erinnern, die ich mit meiner Freundin hatte.

Vanessa Schulze

Ich bin sehr gern bei meiner Oma, weil ich mich bei

ihr sehr wohl fühle. Sie wohnt mit in unserem Haus.

An den Wochenenden und in den Ferien verbringe

ich sehr viel Zeit bei ihr. Ich hab ihr geholfen, als mein

Opa gestorben ist und sie hat mir geholfen, als ich

traurig war. Vor einem halben Jahr ist sie ins Krankenhaus

gekommen, weil sie operiert werden musste.

Ihre Chancen waren nicht so gut, aber sie hat es geschafft

und konnte vor einigen Wochen wieder nach

Hause. Darüber bin ich sehr froh und ich helfe ihr jetzt

noch mehr, weil sie nicht mehr so gut laufen kann.

Pascal Heier

38

38

Freundlich unterstützt durch den Heimatverein Kalbe/Milde: heimatverein-kalbe.de

Interessantes zur Kalbenser Geschichte auch zu finden unter: kalbe-milde.de


Ein Denkmal in Güssefeld.

An diesem Denkmal sitze ich abends sehr gern,

träume von schönen Sachen.

Beobachte jeden leuchtenden Stern,

ob sie genauso träumen und schöne Dinge machen?

Das Denkmal ist ein besonderer Ort,

er ist ruhig und man kann sich erholen.

Einfach nur sitzen und sich treffen mit Freunden dort.

Es ist mein Ort, hier wird mir nichts befohlen.

Anna Werner

Besonders wohl fühle ich mich, wenn ich bei

Oma und Opa in Schwiesau bin. Sie besitzen

einen Bauernhof mit Scheune, Garten und

mehreren Tieren. Die müssen jeden Tag gefüttert

werden, dabei helfe ich gern. In der Scheune

gibt es einen großen Heu- und Strohspeicher.

Dort kann ich mich von der harten Arbeit

ausruhen. Wenn meine Oma im Garten ist,

helfe ich ihr auch. Oma schneidet die Blumen

und ich erledige die scheren Aufgaben. Aber

meistens ist sie drinnen und kocht sehr lecker.

Im Sommer bin ich mit meinen Freunden oft im

Schwiesauer Wald zu finden. Es gibt es einen

kleinen Stausee. Dort können wir schwimmen

und in der Sonne liegen.

Marcel Frieß

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Motiv „Vertical Landscape“ Quelle: Pinterest

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Vom Ankommen.

Früher hab ich mir Mühe gegeben nicht so aufzufallen. Das hab ich

jetzt hinter mir gelassen, meistens jedenfalls. Als Spiel mache ich es

noch oder wenn ich müde bin. Fremdsein fühlt sich vertraut an. Weggehen

kann ich daher sehr gut. Muss ich auch, alles andere macht

mich unruhig. Irritiert alle die mich nicht gut kennen. Die anderen wissen,

dass ich wiederkomme. Manchmal macht es sie trotzdem traurig.

Ich weiß nicht einmal ob ich etwas Suche in der Fremde. Dass ich

weglaufe glaub ich nicht. Vielleicht muss ich mir das auch erzählen

um nicht den Mut zu verlieren. Heimat finde ich schwer. Immer schon.

Sehnsucht habe ich nach einem sicheren Ort, aber ich muss mein

Nest nicht immer an derselben Stelle bauen. Zuhause fühle ich mich

in Momenten. Mit oder ohne Menschen. Wenn keiner erwartet, dass

ich mich verstelle. Ich nicht das Gefühl habe, zu viel zu sein oder zu

wenig. Selbst dann werde ich manchmal fremd. Die Frau des Pfarrers

auf Hamarsheiði nannte es: Nú ert þú í þínum eigin heimi. Ich verstand

nicht was sie meinte, weil die Isländischen Worte für zuhause (heimili)

und Welt (heimur) sich so nah sind. Zuhause war ich ja nicht auf Hamersheiði;

ich fühlte mich sogar ausdrücklich als Fremdkörper in der

Runde. Beim dritten Anlauf sagte sie es auf Englisch: You are now in

your own world. Ich glaube jetzt, dass beides stimmt.

Beate Körner

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40

beatekoerner.com


Jens Eichenberg

Wo ist Heimat

Hab Heimat erfahren

Und wieder verloren

Erinnerung trübt sich

Wunden vernarben

Doch bleibt ein Schmerz

Vertrautes gesucht

Sehnsucht gefühlt

Zu hoffen gewagt

Im Herzen gefunden

Was verloren schien

Heimat ist in mir

War nie verschwunden

Ist nicht nur ein Ort

Den zu finden

Mir schwer fiel

Vertraute Gesänge

Gelebte Gefühle

Düfte am Morgen

Und wärmende Worte

Von Menschen und Glück

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42

WARTEN AUF DAS GLÜCK

There will be no miracles here.


Heimat – meine Wurzeln und ich

Dzzs Bar (Dschhhh), Budapest. Irgendwann im November 2016.

„Nice to meet you. What are you doing?“

Die Essenz des Fundaments jeder Form von Heimat in zwei Sätzen

destiliert. Die Dächer, Stühle, Betten und Lichter, Gerüche,

Klänge und Bilder, Gesichter, Hände und Stimmen, kurz, die

Eindrücke des letzten Jahres nebeln durch meinen zunehmend

internationalisierten Geist und köcheln wieder und wieder in einer

losen Mischung aus Zweifel und Überzeugung im Kosmos

meines Weltbildes nach oben. Nicht weniger hier, im verrauchten

Vorraum einer anonymen Spelunke großstädtischer Art als

am Kicker einer Badel`scher Punkerkneipe, ist ein Fragment

meiner Heimat zu Hause. Nicht weniger an den von Menschen

hochfrequentierten Ufern der innerstädtischen Donau im osteuropäisch-winterlichen

Ungarn als im menschenleeren Schilf der

Milde. Nicht weniger an der Transfagarasan in Rumänien als am

Brunauer Sportplatz.

Wie zum Geier soll ich darüber konkret werden? Erstmal noch

ein „Big Face“ (Rotbier, sehr zu empfehlen!) Ah ja, der Deutsche

in mir. Grübel grübel, schluck, schluck. Aaah. Also gut, ich versuchs.

Was ist denn kategorisch nicht meine Heimat? Ich, Homo

Sapiens Sapiens mit Tendenzen zum Digitalis, ein radikaler

Humanist, kategorischer Individualist, heimatloser Franke, will

an dieser Stelle klarstellen: Meine Heimat ist das Lächeln. Das

Wohlfühlen, das „Aus-sich heraus-treten“ hin zum Gegenüber.

Als Teil meiner Ich-Werdung musste ich lernen, wie viele meiner

Mitdeutschen ihre Heimat verstehen. Wir ziehen Grenzen in unseren

Köpfen. Wir und die Anderen.

Das Bekannte ist ein wohliges, Sicherheiten spendendes Gefühl.

Alles hat seine Ordnung. Vielleicht aus dem Wunsch nach

Ordnung heraus, vielleicht aus Sorge vor der „bösen Überraschung“.

Warum ist die „gute Überraschung“ kein geflügeltes

Wort der deutschen

Sprache? Schluck schluck schluck.

Hmm. Bier machen können sie, die Ungarn.

Fränkisch-hyperkritisches Siegel drunter.

Ehrliches Lächeln und ehrliche Offenheit. Meine Ingredienzien

für Heimat. Sie entsteht schneller als man denkt. Sie ist ein Gefühl,

und somit dem geistigen Wandel alteingebrannter Überzeugungen

immer ein Riesenstück voraus. Der Mensch spürt de

facto schneller als er lernt. Und vom „sich gewöhnen“ will ich gar

nicht anfangen. Ich schau mich um. Offene Gesichter überall

um mich herum. Manche sind weniger klar zu lesen als andere.

Neugierig machen sie mich alle. Fühle ich mich hier nicht zu

Hause? Ich denke an meine Mutter, meine Großmutter, dem vertrauten

Garten hinter ihrem Haus. Familie. Freunde. Sie wollen,

dass ich glücklich bin. Meine Heimat ist, wo ich glücklich bin.

Ich kenne die Mechanismen in mir, die warnenden, isolierenden

Stimmen, die mich eine unbekannte Umgebung beobachten lassen

wollen, statt daran teilzunehmen. Hier in Budapest gibt es

einen geflügelten Lacher unter den gleichaltrigen meiner Generation.

Der Deutsche steht auf jeder Party als letzter zum Tanzen

auf. Aber dann tanzt er als gäbe es kein Morgen.

Schluck schluck.

Heinrich Zschokke, Magdeburger Sohn eines Tuchmacher, Deutscher

durch und durch, sagte einmal „Wer Egoisten heilen will,

muss sie auf Reisen schicken.“

Na dann Prost, ihr heimatlichen Grenzenzieher, ihr völkischen

Schisser, ihr populistischen Angstmacher. Was ihr verpasst ist

euer Ding, was ihr den Anderen vorenthalten wollt ist nichts weiter

als eure als Realismus getarnte Ignoranz.

Und ein von Herzen gutgemeintes, einladendes und ermutigendes

egészségére euch heimatliebenden Europäern, Kalbensern,

familiären Traditionalisten, Trinkt eunen auf uns. Wir, die Anderen,

trinken auf euch und euer Glück!

Grüße aus der heimatlichen Nachbarschaft

Yannick Wende yannick-wende.jimdo.com

Ausgabe 03, Januar 2017 mit Beiträgen von:

IMPRESSUM

Kalbenser Fliegenklatsche

Herausgeber:

Marko Kühnel

Gardelegener Straße 28

39624 Kalbe Milde

Mail: fliegenklatsche-kalbe@online.de

Web: Fliegenklatsche-Magazin.de

Tel: 039080 40946

Hat sie in diesem Heft etwas besonders gefreut oder geärgert. Oder sie

möchten auch gern einen, wie auch immer gearteten Beitrag in der Fliegenklatsche

veröffentlichen - dann schreiben sie bitte einen Brief oder

eine Mail an die oben genannte Adresse.

Ich freue mich auf Post von Ihnen!

Lena Teresa Flohrschütz - cargovalley.com - lenateresaflohrschuetz.com

Dennis Ego - Fakultät für Gestaltung an der Hochschule Augsburg

Vanessa Schulze, Maik Schmidt, Anna Werner,

Florian Müller, Pascal Heier, Marcel Frieß

Yannick Wende - yannick-wende.jimdo.com

Jens Eichenberg - eichenberg-naturstein.de

Frank Winter - alias Etzekiel van Blubberich

Kid Knorke - soundcloud.com/kid-knorke

Eugenia Loli- eugenialoli.tictail.com

Michael Körner - koerner-foto.de

Beate Körner - beatekoerner.com

Gesa Kolb - feegesa.tumblr.com

Tino Fellenberg - spirit-now.de

Carmen Westermeier

Sebastian Krüger

Lisa Wiedemuth

Karola Pfandt

Julia Hainz

Angela Ufer

Ilka Erl

Vielen Dank für eure tiefgründigen, scharfsinnigen und mutigen Beiträge. Das

war ein schwieriges Thema, aber ihr habt der Gefahr mutig ins Auge geblickt

und es besiegt. Bravo! Ja, ihr seid echt großartig und nein, Gage gibt‘s natürlich

wieder nicht. Aber seid nicht traurig. Ihr wisst doch, wo jederzeit ein

schales Bier, eine Magnumflasche Wein und ein paar tröstende Worte am

Feuerchen auf euch warten.

Ebenfalls möchte ich mich bei meiner lieben Freundin Cathleen Hoffmann

fürs Korrekturlesen bedanken: Du hast viel Kauderwelsch aufgestöbert, aber

in manschen Fellen hast selbst du keine Schanze (hihi). Und Dir Frauchen, 43

vielen Dank für wertvolle Tipps, die du mir im Vorbeigehen zuwirfst, als wäre

es gar nichts weiter.

43

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