Begleitheft Sonderausstellung

birkel1960

Städsches Museum Hann. Münden

NEU ENTDECKEN!

Gustav H. Eberlein (1847 - 1926)


Begleitheft zur Ausstellung

Anlässlich des 170. Geburtstages von Gustav Eberlein ehren die Stadt Hann. Münden

und die Gustav-Eberlein-Forschung e.V. einen ihrer bedeutendsten Künstler.

Der Bildhauer, Maler und Poet Gustav Eberlein gehört zu den wohl bekanntesten und

auch produktivsten Künstlern im Deutschland der Kaiserzeit. Er war Mitglied der Königlichen

Akademie der Künste zu Berlin, wurde 1893 zum Professor ernannt und

war um 1900 mit Reinhold Begas der meist beschäftigte Künstler der Berliner Bildhauerschule.

Das Städtische Museum von Hann. Münden beherbergt im Schloss einen bedeutenden

und umfangreichen Bestand von Eberleins Werken, überwiegend kostbare fragile

Gipsunikate. In der Ausstellung werden neben Gemälden eine Reihe dieser Gipsunikate

gezeigt, ebenso Exponate aus anderen Materialien wie Mamor und Bronze.

Es wird ein Begleitprogramm geben, welches das umfangreiche Schaffen des Künstlers

in vielen Facetten zeigen wird.

3


Kunst.

Wohl mag es sein, so kündet die Geschichte,

Daß uns ein Großer neue Bahnen zeigt,

Wohl mag es sein, daß leuchtend im Gedichte

Ein Genius bis zu den Sternen reicht,

Ein Künstler in der Phantasie Gesichte

Für alle Zeit Unsterbliches erzeugt.

Doch glaubt, auch Werke, die schon längst versunken,

Stehn wieder auf und sprühen Himmelsfunken.

Gustav Eberlein

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Gewidmet

Eberleinforscher und -experte Prof. Rolf Grimm

Heimatforscher Günther Kaerger †

Bildhauer und Maler Erhard Joseph,

die die Werke Gustav Eberleins zu neuem Leben

erweckt haben.

5


Danksagung

Wir bedanken uns bei allen herzlich, die es uns ermöglicht haben, sowohl die Dauerausstellung

neu zu gestalten als auch die Sonderausstellung durchzuführen.

Wir danken den zahlreichen Helfern, die im „Hintergrund“ gearbeitet und unsere

Ideen und Vorstellungen in die Tat umgesetzt haben.

Besonderer Dank gilt Herrn Prof. Rolf Grimm, den Begründer der Gustav-Eberlein-

Forschung e.V. und über 30 Jahre erster Vorsitzender derselben. Er hat uns während

der gesamten Vorbereitungszeit mit zahlreichen Informationen versorgt, viele

Fragen zum wiederholten Mal beantwortet und uns damit an seinem enormen Wissen

teilhaben lassen.

Weiterhin möchten wir Frau Krug, Museumsleiterin des Städtischen Museums Hann.

Münden, danken. Sie hat uns während der häufigen Arbeitsgruppen -Treffen in den

letzten Monaten inspirierend zur Seite gestanden.

In den 1980er Jahren hat der Bildhauer und Maler Erhard Joseph an der Restaurierung

von Eberleinwerken viele Jahre gearbeitet. Seither gilt er als „Eberlein-

Restaurator“ regional und überregional. Aus den abertausenden Scherben hat er

Eberleins Werke wieder zum Leben erweckt. Dafür danken wir ihm ebenfalls herzlich.

In unseren besonderen Dank schließen wir alle Leihgeber aus Hann. Münden, Hannover,

Essen, Hemmingen, Oldenburg und Leibniz in Österreich ein. Mit ihrer Hilfe

können wir der Öffentlichkeit viele bisher nicht ausgestellte Eberleinwerke jetzt vorstellen.

Elgard Steinmüller

Geschä%sfüherin

Gustav-Eberlein-Forschung e.V.

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Grußwort von Bürgermeister Harald Wegener

Zum 170. Geburtstag von Prof. Gustav Heinrich Eberlein, gratuliere

ich stellvertretend dem Vorstand der Gustav-Eberlein-

Forschung e.V. zu einer gelungenen Jubiläumsausstellung in

unserem Städtischen Museum.

Aus vielen Berichten ist bekannt, dass der Künstler Eberlein

seine Heimatstadt Münden geliebt hat und noch heute besitzt

unser Museum einen der größten Originalbestände an Werken

eines in aller Welt bekannten Künstlers.

Viele Ehrenamtliche, Künstler und auch die Verantwortlichen in Politik und Verwaltung

haben sich immer wieder das Ziel gesetzt, ein neues Bewusstsein für den berühmten

Bildhauer, Maler und Poeten Gustav Heinrich Eberlein zu schaffen.

Einen großen Teil meiner Anerkennung für die unermüdliche Restaurierungsarbeit

spreche ich allen Mitgliedern im Vorstand der Gustav-Eberlein-Forschung e.V. aus.

Ihnen und auch unserer Museumsleiterin Frau Martina Krug sage ich Dank für eine

umfangreiche Arbeit der Vorbereitung dieser besonderen Ausstellung.

Drehen wir die Parkbänke und unsere Blicke mit Stolz hin zu den Kunstwerken, die

uns im alltäglichen Leben unserer Stadt, in unserem Museum und im Eberleinzimmer

auf der Tillyschanze jetzt wieder neu bewundert werden können.

Mein Dank gilt der Sparkasse Münden, durch deren Unterstützung die Gestaltung

dieser Sonderausstellung gefördert worden ist.

Ich wünsche uns allen, wie es auch in der Einladung steht, dass diese Ausstellung

für viele in unserer Stadt zu einer Wiederbelebung des Ansehens Gustav Eberleins

sorgt.

Den Veranstaltern wünsche ich viele Besucherinnen und Besucher, ein gut besuchtes

Begleitprogramm und viel Freude am weiteren Tun zu Gunsten des Künstlers

Gustav Heinrich Eberlein.

Harald Wegener

Bürgermeister

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Inhaltsverzeichnis

Scherben 9

Biografie 13

Künstlerisches Schaffen 14

Die fünf Schwerpnkte der Ausstellung

(Museumsplan)

- Lebensumfeld des Künstlers 16

15

- Denkmäler und Bauplastik 23

- Christliche Themen 33

- Inspirationsquelle: Mythologie 40

- Dauerausstellung 48

Werke in Hann. Münden und Umgebung 56

Quellenverzeichnis 58

8


Scherben

So titelte am 05.08.1997 die Hannoversche Allgemeine.

Was waren die Hintergründe?

Die jetzt ausgestellten Werke stellen höchstens ein Drittel der ehemals im Museum

vorhandenen Skulpturen und Gemälde dar. Vernichtet sind überwiegend die größeren,

teilweise überlebensgroßen Skulpturen, wie Fotoaufnahmen des Museums im

Jahr 1898 und 1931/37 sowie die Museumskataloge von 1905 und 1931 bestätigen.

Die größten Verluste musste das Museum hinnehmen, als im Frühjahr 1960 bei der

Erneuerung des Fußbodens im Dachraum des Schlosses eine Vielzahl von überwiegend

sehr qualitätsvollen Skulpturen, die im Wege standen, entfernt und andere zu

einer Fußbodenpacklage zerkleinert wurden.

Die Bergung und Restaurierung dieser 1982 von dem Verein auf dem Dachboden

über dem Museum im Schloss aufgefundenen Gipstrümmer von Originalmodellen

sowie von beschädigten Gemälden ist dem Engagement von Prof. Rolf Grimm und

dem Flurnamenforscher Günther Kaerger zu verdanken.

1982 wurden in einer Art "Geheimaktion" von Mitgliedern der Gustav-Eberlein-

Forschung die ersten Bodendielen auf dem Dachboden im Schloss aufgenommen.

1983 nahm sich dann die Stadt Hann. Münden organisatorisch der Sache an, nachdem

der Gustav-Eberlein-Forschung ein Zuschuss in Höhe von DM 2000,- vom Niedersächsischen

Ministerium für Wissenschaft und Kultur für die Bergung der Scherben

in Aussicht gestellt war.

Zwischen 1983 und 1993 konnten unter der Leitung von Prof. Grimm von den Restauratoren

Erhard Joseph und Bernd Eger, den Kunsthistorikerinnen Ute Hoffmann

und Heidi von Pein sowie Herrn Kaerger und ihm selbst insgesamt 69 Skulpturen der

auf dem Dachboden beschädigt aufgefundenen Werke, teilweise mit einem Gewicht

von bis zu 8 Zentnern, sowie 10 Gemälde durch den Restaurator Manfred Lausmann

wiederhergestellt werden. Reste von 92 Skulpturen wurden gesichert und zum Teil

für eine Restaurierung vorbereitet.

Der Wert der durchgeführten Arbeiten betrug rd. 630.000,- DM. Die Kosten wurden

überwiegend durch Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und durch das Kulturelle-

Zonenrandföderungs-Programm (KZP) gedeckt. Die Sparkasse finanzierte im Verbund

mit der Nds. Sparkassenstiftung die Restaurierung des 7x3 m großen Ölgemäldes

"Die Macht des Meeres", das heute im Rittersaal des Schlosses hängt. Einen

Anteil im Wert von rd. 130.000,- DM brachten Prof. Grimm mit 2.800 und Herr Kaer-

9


ger mit 600 Arbeitsstunden in der Restaurierungswerkstatt für die Gustav-Eberlein-

Forschung e.V. ehrenamtlich ein. Die Stadt Hann. Münden beteiligte sich mit rd.

90.000,- DM. Den Hauptanteil trugen der Bund und das Land Niedersachsen, -

"korrekterweise" die Steuerzahler.

Die Scherbenhaufen auf dem Dachboden des Schlosses

„Eva an der Leiche Abels“ (siehe S. 38)

10


Prof. Rolf Grimm, ermattet von

der Scherbensuche

Günther Kaerger setzt die Skulptur

„Der Tanz“ (siehe S. 44) zusammen

Erhard Joseph restauriert den

„Liebestraum“

Ute Sellmer (ehem. Ute Hoffmann)

präsentiert die „Nachtwandlerin“

(siehe S. 50)

11


„Der versteckte Köcher“

(siehe S. 43)

Kaiser Wilhelm I - Reiterdenkmal

(siehe S. 32)

Das Kolossalgemälde „Die Macht des Meeres“ wird gesichert

Prof. Rolf Grimm, Ute Sellmer (ehem. Ute Hoffmann), Heidi von Pein

12


Biografie

Gustav Heinrich Eberlein

1847 wird in Spiekershausen, einem

kleinen Dorf an der Fulda geboren.

Sein Vater war Grenzaufseher,

seine Mutter eine Bauerntochter.

1855 verbringt seine Schulzeit und die

Lehrzeit als Goldschmied in Hann.

Münden, in der Radbrunnenstraße

Nr.40.

1864 absolviert die Gesellenzeit in

Hildesheim und Kassel.

1866-1869 studiert an der Kunstgewerbeschule

in Nürnberg unter

August von Kreling. Diese Ausbildung

wird durch Gönner ermöglicht.

1870 geht danach nach Berlin und gewinnt

ein Stipendium für eine Studienzeit

in Italien. Aufenthalte in

Venedig, Florenz und Rom beeindrucken

ihn tief, so dass es ihn in

späteren Jahren immer wieder

dorthin zieht.

1873 heiratet Helene von Frankenberg

und Ludwigstein; Sohn

Anzio wird 1878 geboren und

stirbt mit drei Jahren.

1880 unterrichtet kurzzeitig an der

Kunstgewerbeschule Berlin.

1887 wird zum ordentlichen Mitglied

der Königlichen Akademie

der Künste in Berlin gewählt.

1891 seine Ehe wird geschieden.

1892 seine zweite Ehefrau wird die

junge Künstlerin Gräfin Maria

von Hertzberg.

1893 wird zum Professor ernannt. Bewohnt

in Berlin am Lützowufer 29

ein Haus mit einem großen Atelier

und lässt sich 1893 in Hann. Münden

die "Eberburg" als Sommersitz

sowie 1903 das "Weserkastell"

bauen. Er unterhält Werkstätten in

Rom, New York und Buenos Aires.

1918-1923 verliert durch die Inflation

nach dem Ersten Weltkrieg sein

Vermögen. Seine Kunst findet

keine Käufer mehr. Er arbeitet

jetzt hauptsächlich in Hann. Münden.

Sein Atelier auf der

"Eberburg" brennt 1932 ab. Damit

sind alle fünf Bände seiner unveröffentlichten

Autobiografie verloren.

1926 stirbt im 79. Lebensjahr in Berlin.

Sein Grab befindet sich auf dem

Alten Sankt-Matthäus-Kirchhof in

Berlin.

13


Künstlerisches Schaffen

Gustav Heinrich Eberlein

gehört zu dem Kreis der Berliner Künstler, die in der Gründerzeit arbeiteten. Eberlein

war nach Reinhold Begas der meist beschäftigte Künstler der Berliner Bildhauerschule

im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert. Sein Schaffen

umfasste Werke der Bildhauerei, der Malerei und der Dichtkunst. Rund 600 Skulpturen,

ca. 300 Bildwerke sowie 200 Gedichte und Prosa stammen von ihm. 1872

ermöglichte ihm der Auftrag für das Mündener Gefallenendenkmal ("Mundenia")

den Sprung von einer kärglichen Selbstständigkeit hin zu künstlerischem und wirtschaftlichem

Erfolg. Dies gelang mit der Schaffung zahlreicher Großdenkmäler und

verschiedener Hohenzollernstandbilder. In Folge dessen ist es ihm auch möglich,

eine Vielzahl freier Werke ohne Auftrag ausführen zu können. Dazu gehört ebenso

das 1888 für seine Heimatstadt gestaltete Kolossal-Relief "Belagerung der Stadt

Münden durch Tilly". Gustav Eberleins künstlerisch produktivste Schaffenszeit kann

man in drei Perioden einteilen:

Ab 1880 Die erste Periode ist ganz von der Antike geprägt. Neben Bauplastiken,

Grabmälern und Brunnen entwirft er viele Kleinplastiken. Mit dem 1880 geschaffenen

„Dornauszieher“ gelingt ihm der Durchbruch.

Ab 1893 Die zweite Periode bildet den Höhepunkt seiner Karriere mit vielen prämierten

Entwürfen zu Kaiser- und Reiterdenkmälern, von denen einige auch ausgeführt

werden.

Ab 1900 Die dritte Periode umfasst den Zeitraum, der vor allem von christlichen

Themen und Porträtbüsten geprägt ist. In diese Zeit fällt aber auch die Schaffung

mehrerer Personendenkmäler, u.a. des Richard-Wagner-Denkmals im Berliner

Tiergarten und des Goethe-Denkmals in Rom. Eberlein ist in nahezu allen Kunstausstellungen,

u.a. in Berlin, München, Dresden und Wien vertreten. Auf den Weltausstellungen

in Chicago (1893), Paris (1900) und St. Louis (1904) sind Werke

von ihm ausgestellt. Erfolge mit seiner Kunst hat er in Nord- und Südamerika, das

er zwischen 1908 und 1913 besucht. Sein Entwurf für das argentinische Nationaldenkmal

in Buenos Aires wird unter Verwendung eines bereits vorhandenen älteren

Reiters 1910 gebaut. Danach wird 1913 der "Deutsche Brunnen" in Santiago

de Chile ausgeführt. In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg kommt Eberlein immer

mehr in Konflikt mit seiner Umgebung, u.a. dadurch, dass er Skulpturen von Marx,

Engels und Lassalle modelliert, Persönlichkeiten, die er für die Entwicklung der

Menschheit als prägend ansieht.

14


Die fünf Schwerpunkte der Ausstellung

15


Lebensumfeld des Künstlers

Kindheit und Jugend

Gustav Eberlein wird am 14. Juli 1847 in Spiekershausen geboren und im Alter

von 8 Jahren zieht die Familie nach Hann. Münden.

„Über meine kleine Person hörte ich in späteren Jahren erzählen, daß ich als sechsbis

siebenjähriger Junge äußerst widerhaarig und von leidenschaftlichstem Ungehorsam

gegen jede elterliche Autorität gewesen sei. Ich fühlte mich innerlich fremd, unverstanden

und darum ungeliebt.

Ich war kränklich, der Welt abgewendet, ein immer in meinen Fantasien lebender

Jüngling. Oft fühlte ich mich ganz einsam und ruhelos von der einzigen Sehnsucht

nach Kunst fast wenn voll verfolgt. Meine Eltern haben mich in ihrer Herzensgüte

gefördert, mich getröstet, beschützt und mir alles gegeben, was sie in Besitz hatten.

Ebenso voll Liebe und Bescheidenheit trat meine jüngere Schwester gegen mich zurück.“

(Quelle. Gustav Eberlein: Michelangelo)

Berlin

Im Herbst 1870 kommt Eberlein am Potsdamer Bahnhof an:

„Der Pulsschlag des großstädtischen Lebens, der durch diese mir damals schon fabelhaft

erleuchtet scheinende Straße wogte, benahm mir den Atem.

... Eiskalt legte sich die ungeheure Einsamkeit der Millionenstadt um mein Herz.“

(Quelle. Gustav Eberlein: Michelangelo)

„Ich verheiratete mich mit 25 Jahren (1873) mit einem Frl. v. Frankenberg, ebenso

arm an irdischen Gütern als ich. Durch Anfertigung von kunstgewerblichen Sachen ...

hielt ich mich und meine Familie notdürftig lange Zeit über Wasser.“

(Quelle: Personalnachrichten Akademie der Künste – Lebenslauf, 1887)

„1887 wurde ich zum ordentlichen Mitglied der Akademie der Künste gewählt.“

(Quelle: Akademie-Lebenslauf von 1898)

Nach seiner Scheidung heiratet Eberlein 1893 die junge Künstlerin Maria Gräfin von

Hertzberg.

„Gustav Eberleins geistreiche Gattin versammelt im vollsten Sinne des Wortes die

Blüte der Gesellschaft um sich. Minister und Gesandte trifft man da an, die schönen

Frauen der Hofgesellschaft, die ersten Vertreter der Finanz, die Männer und Frauen

der Feder, Forscher und Gelehrte.“

(Quelle: G. von Lieres und Wilkau: Künstlerfeste, S. 512)

16


Bekannte von Eberlein in Berlin schildern ihn als nicht sehr groß, ehrgeizig, von der

Arbeit besessen und doch kontaktfreudig, gebildet, vornehm, zurückhaltend, auch zu

einfachen Mitarbeitern kollegial, tolerant und sehr gutmütig.

Hann. Münden

„Welche schöpferische Fruchtbarkeit, welche staunenswerte Entfaltung, welche Vielseitigkeit

seiner künstlerischen Begabung! Er versteht es, seine überquellende Empfindung

in reizenden Dichtungen zum vollendeten Ausdruck zu bringen, findet spielend

wohllautende Melodien dazu wenn er dann seine Lieder von der Laute unterstützt

vorträgt, am liebsten im Freien.“

(Quelle: Auszug aus "Mündensche Nachrichten vom 15.Juli 1917)

Eberlein als Menschen kann man am besten aus seinen Gedichten und der Prosa,

die immer einen Bezug zu inneren und äußeren Geschehnissen haben, kennen lernen.

"Er selbst hat sich zu allen Zeiten seines Lebens, wo er auch war, als Mündener Kind

gefühlt und Münden nie vergessen. Immer von neuem kehrte er zu uns zurück und

suchte hier die Erholung, den Frieden und die Ruhe die er sonst nirgends in der Welt

fand.

…Aber ein noch größeres Denkmal, das dauernder ist als Erz und Stein hat er sich in

unseren Herzen gesetzt, er bedarf wahrlich keiner äußeren Ehrung, um zu beweisen,

daß er unser Mitbürger ist, und wir haben ein Recht, auf ihn stolz zu sein.“

(Quelle: Mündensche Nachrichten vom 15.Juli 1917 - anlässlich Eberleins 70. Geburtstag)

17


„Gute Musik“, 1878, Gipsrelief,

H 0,22 m, B 0,30 m, T 0,02 m

Ermattet, liegendes Mädchen,

um 1907, Gips,

H 0,36 m, B 0,34 m, T 0,20 m

Büste eines Knaben mit Hütchen,

Gips, H 0,33 m

Denkmal eines Cellisten

(Prof. Schleich), 1905, Gips,

H 0,34 m

18


Selbstbildnis, (Kolossalrelief Tillyschanze),

1888, Gipsnachguss,

H 0,24 m, B 0,20 m

Selbstbildnis Eberlein, 1900,

Gips, H 0,22 m

Maria Eberlein, geb. Gräfin von

Hertzberg, 1896, Gips, H 0,27 m

Standuhr, um 1882, mit Darst. „Krieg“

und „Frieden“, Bronze,

H 0,70 m, B 0,30 m, T 0,30 m

19


Anzio, 1882, Ölbild,

H 0,36 m, B 0,30 m

Anzio, 1882, Foto,

H 0,35 m, B 0,29 m

Helene Eberlein, geb. von Frankenberg, vor 1892 Ölbilder

H 0,26 m, B 0,20 m H 1,38 m, B 0,77 m

20


Maria Gräfin von Hertzberg

als Mädchen, 1901, Pastellzeichnung,

H 0,55 m, B 0,45 m

Anneliese: Portrait des Kindes einer

Haushälterin, 1922, Ölbild,

H 0,27 m, B 0,22 m

„Junges Mädchen“ nach J.B. Geuze

vor 1880, Ölbild, H 0,35 m, B 0,29 m

Eberlein (Portrait von Gscheidel),

Ölbild, H 0,77 m, B 0,55 m

21


Landschaft, o.J., Ölbild, H 0,16 m, B 0,28 m

Die Vertreibung, vor 1897, Ölbild, H 0,81 m, B 0,98 m

22


Denkmäler und Bauplastik

Denkmäler im öffentlichen Raum

„Ein Denkmal ist eine Verbeugung der Zeit vor ihrem eigenen Geiste."

(Gustav Eberlein, Michelangelo nebst andere Dichtungen und 'Gedanken über Kunst)

Gustav Eberlein entwarf im letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts vor allem

zahlreiche Reiterstandbilder. Er beteiligte sich oftmals an Denkmalskonkurrenzen,

von denen viele, jedoch nicht alle, ausgeführt wurden. Heute noch zu sehen ist z.B.

das Denkmal für Kaiser Wilhelm I in Hamburg Altona vor dem dortigen Rathaus. Weitere

entstanden für die Orte Mannheim, Gera und Nürnberg.

1895 wollte der Künstler auch seiner Heimatstadt Hann. Münden ein Reiterstandbild

des Kaisers in galvanoplastischer Ausführung schenken. Da es aber Differenzen zwischen

den Stadtherren und dem Künstler bezüglich der materiellen Ausführung gab,

stellte Eberlein das Denkmal auf der Terrasse vor seiner Eberburg auf. Von dort hatte

der Kaiser einen herrlichen Blick hinunter auf die Stadt. Erst nach 1956 wurde das

Denkmal dort entfernt.

23


Neben den Reiterstandbildern schuf Gustav Eberlein auch phantasiereiche

Entwürfe für öffentliche monumentale Brunnenlagen. Ein Beispiel dafür ist der hier

in der Ausstellung zu sehende Entwurf für den Schießplatz in Mannheim, bei denen

Eberlein an das barocke Pathos eines Reinhold Begas anknüpfte.

In den Jahren nach 1880 beteiligte sich Gustav Eberlein auch an Ausschreibungen

und Aufträgen zu dekorativer Architekturplastik. Z.B. ist der hier ausgestellte Leonardo

da Vinci das Modell für die 3,50 m hohe Sandsteinfigur an der Fassade der

neu zu erbauenden Technischen Hochschule in Berlin Charlottenburg (1882, nicht

mehr erhalten).

Neben der Bauplastik schuf Eberlein im ausgehenden Jahrhundert auch Denkmäler

für bedeutende Persönlichkeiten aus Kultur (Goethe, Lessing, Wagner), Politik

(Bismarck) und dem gesellschaftlichen Leben (Gauss).

Das Richard-Wagner-Denkmal (1903) im Berliner Tiergarten und das Goethe Denkmal

(1904) in Rom zeugen bis heute davon.

Bedeutende Großdenkmäler von Eberlein werden zwischen 1910 und 1913 in Buenos

Aires (Nationaldenkmal "General San Martin") und Santiago de Chile ("Deutscher

Brunnen") geschaffen und sind auch dort noch zu sehen.

Darüber hinaus fertigte Eberlein viele Grabdenkmäler an, die heute noch in

Dresden, Berlin, Hamburg und weiteren deutschen Städten zu finden sind.

Die Popularität von Gustav Eberlein in dieser Zeit zeigt sich auch daran, dass er oft

explizit zur Teilnahme an öffentlichen Denkmalsausschreibungen eingeladen war.

Wenn seine Entwürfe auch nicht immer ausgeführt wurden, so gehörten diese Entwürfe

doch oft zu denen, die mit einem Preis bedacht wurden.

„Ein Denkmal ist ein Gedankenstrich zwischen Vergangenheit und Zukunft,

auf dem die Gegenwart spazieren geht“

(Gustav Eberlein, Michelangelo nebst andere Dichtungen und Gedanken über Kunst)

Bis in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts war das Denkmal im Wesentlichen der

Darstellung adliger Persönlichkeiten und Fürstenhäusern vorbehalten. Erst mit der

Aufklärung und dem Erstarken des bürgerlichen Bewusstseins entstand eine Vielzahl

von Denkmälern, die Dichter, Denker und andere Persönlichkeiten zeigten, welche

sich mit ihren Werken und Wirken einen positiven Namen gemacht hatten. So wurde

das 19. Jahrhundert zum „Jahrhundert des Denkmals“.

24


Modell des Goethe-Denkmals

in Rom, 1902, Gips,

H 1,75 m, B 1,40 m, T 1,40 m

Eberlein war ein glühender Verehrer Goethes

und spielte schon seit Jahren mit dem

Gedanken an ein repräsentatives Goethe-

Denkmal. Eberleins Goethe-Denkmal steht in

Rom auf dem Pincio am Viale Goethe vor

der Villa Borghese nahe der Piazza del populo,

dem Platz, über den Goethe auf seiner

"Italienischen Reise" zum ersten mal Rom

betrat. Das 9 Meter hohe Monument aus

weißem Carraramarmor war ein Geschenk

Kaiser Wilhelm II an die Stadt Rom anlässlich

seines 43. Geburtstages am 27. Januar

1902. Es wurde am 5. August 1904 im Beisein

des italienischen Königs Vittorio Emanuele

II und natürlich des Bildhauers mit seiner

Frau (s. Abb.) enthüllt. Der Deutsche Kaiser

ist nicht anwesend, da er dokumentieren

wollte, dass das Denkmal ein Geschenk des

deutschen Volkes sei.

Das Goethe-Denkmal in Rom, Marmor, H 9,00 m, eingeweiht 5. August 1904

25


Goethe-Mappe, 1904

Mignon und der Harfner,

Goethe-Denkmal

Iphigenie und Orest,

Goethe-Denkmal

Faust und Mephisto,

Goethe-Denkmal

26


Richard-Wagner-Denkmal im Berliner Tiergarten: Einweihung 01.10.1903

Richard-Wagner-Denkmal im Berliner Tiergarten nach der Restaurierung 2016

27


Gustav Eberleins Siegesgruppen-Denkmal König Friedrich I. in der Zitadelle

Spandau

Seit April 2016 zeigt die Dauerausstellung in der Zitadelle in Berlin-Spandau historische

Denkmäler und Entwürfe aus den letzten Jahrhunderten unter dem Titel:

«Enthüllt. Berlin und seine Denkmäler»

Es sind Skulpturen, die teils seit Jahrzehnten aus dem Stadtbild verschwunden waren,

eingelagert und versteckt in Magazinen und Depots. Die Denkmäler werden mit

all ihren Spuren gezeigt – auch mit abgeschlagenen Händen und Köpfen. Überlebensgroße

Skulpturen der damals 750 Meter langen Siegesallee im Großen Tiergarten

können hier u.a. besichtigt werden. Gustav Eberleins Denkmalgruppe „König

Friedrich I. (1657–1713) mit seinem Minister Eberhard von Danckelmann und dem

Bildhauer-Architekten Andreas Schlüter“ stehen vollständig in Originalgröße in einem

gesonderten abgedunkelten Raum.

Die neun Meter lange halbrunde Marmorsitzbank wurde nachgebildet. Vor den Wänden

sind Stoffbahnen gespannt, auf denen Bäume zu sehen sind. Aus Lautsprechern

ist Vogelgezwitscher zu hören, auch Pferdegetrappel, dann wieder ein Gewitterguss.

Simuliert wird so ein Berliner Sommertag im Jahr 1907.

28


Königin Luise steht wieder in Tilsit

Das Original des Denkmals der Königin

Luise von Gustav Eberlein bestand

aus Carrara-Marmor und wurde

am 22. September 1900 in Tilsit im

Beisein des Kaisers Wilhelm II. feierlich

eingeweiht. Nach dem Zweiten

Weltkrieg wurde es jedoch zerstört

und nach 1956 entfernt.

Über 100 Jahre später konnte am 6.

Juli 2014 aber in Sowjetsk

(ehm.Tilsit), heute eine Stadt im Gebiet

Kaliningrad (Königsberg) Russland,

das Denkmal für die Königin

Luise von Preußen im Stadtpark Jakobsruh

erneut eingeweiht werden.

Das Denkmal ist eine originalgetreue

Rekonstruktion des 8 m hohen Königin-Luise-Monuments

in Kunststein.

Luise in Tilsit, Marmororiginal um 1900

Bemerkenswert ist, dass die russischen

Bildhauer Pavel Ignatev und

Denis Prasolov das Denkmal im St.

Petersburger Atelier innerhalb nur

eines Jahres nach Darstellungen auf

alten Photographien und Postkarten

im 3D-Verfahren rekonstruieren konnten.

Hierzu traf sich Pavel Ignatev mit Prof.

Rolf Grimm von der Gustav-Eberlein-

Forschung 2014 in Hannover. Anhand

von Ansichtskarten, Fotos und anderem

Quellenmaterial von Werken

Eberleins machte sich Pavel Ignatev

mit der künstlerischen Handschrift

Eberleins vertraut und konnte dieses

Werk in Eberleins Sinne wieder erstehen

lassen

Luise in Tilsit, Nachbildung 2013/14

29


Pokal: Dank der Stadt Tilsit

Inschrift des Pokals

Vorderseite: Dem hochverehrten Künstler Herrn Professor

G. Eberlein

Rückseite:

Zur freundlichen Erinnerung

an den 22. September 1900

Das dankbare Komitee für die Errichtung

eines Denkmals der Königin Luise in Tilsit

30


Leonardo da Vinci, Modell, 1882,

Gips, H 0,51 m

Techn. Hochschule Berlin, Charlottenburg,

Bauzeichnung von 1886

Schiffsbauer, 1882,

Zinkbronze, H 1,18 m

Brunnen „Reichtum der Rheinlande“,

ehem. Mannheim, Gips, H 0,70 m

31


„Mundenia“ Gefallenen-Denkmal,

1872

Kaiser Wilhelm I, - Reiterdenkmal,

1889, Gips,

H 1,70 m, B 2,50 m, T 0,50 m

„Staatswissenschaft“, o.J., Gips,

H 0,56 m, B 0,44 m, T 0,42 m

„Geschichte“, o.J., Gips,

H 0,57 m, B 0,54 m, T 0,42 m

32


Christliche Themen

Die Kruzifixe von Gustav Eberlein

Die Religion hatte immer eine tiefe, innerliche Bedeutung für Eberlein. Dabei

zeigt sich der künstlerische Werdegang und die Entwicklung charakteristisch an

der Gestaltung der Kruzifixe. Dieses christliche Symbol hat den Künstler in allen

Lebensphasen seines Schaffens persönlich intensiv beschäftigt.

Phase 1 - Beginn und Aufstieg der künstlerischen Tätigkeit

1866

Das Kruzifix für die St. Blasiikirche in Hann. Münden zeugt von der

idealisierenden Lebensvorstellung des angehenden Künstlers. Es war

die erste Schnitzarbeit, für die Gustav Eberlein zum ersten Mal ein

Entgelt von 13 Thalern erhalten hat. Die Gestaltung des Körpers ist in

einer sehr idealisierten Form dargestellt und zeugt von einem klassizistischen

Empfinden. Der ganze Körper zeigt keinerlei Merkmale der

erlittenen Qualen, alles ist sehr idealisierend, dem italienischen Renaissance-Typus

entsprechend aufgefasst.

Eberlein hat die Gedanken, die ihn bei der Entstehung, des Werkes bewegten, in

einem Gedicht festgehalten, in dem er gleichzeitig sein künstlerisches Glaubensbekenntnis

abgibt.

„ ….Doch strebt ich nach der hohen Offenbarung

des Gottes in der menschlichen Gestalt,

Und durch die Blässe seines Martertodes

da sollte noch des Ew´gen Schönheit leuchten…“

(Gustav Eberlein, Meine Jugend- und Lehrjahre, 1901)

Eberlein schnitzte das Holzkruzifix nach einem Tonmodell, welches sein Vater im

Garten des elterlichen Hauses vor Eberleins Abreise nach Nürnberg vergrub.

Gustav Eberlein beginnt jetzt seine künstlerische Ausbildung an der Kunstschule

in Nürnberg. Die akademisch klassizistische Formbildung zeigt sich nun an dem

Kruzifix für die Kirche in Nienhagen.

33


1868

Das Kruzifix für die Kirche in Nienhagen ist Gustav Eberleins

erste Auftragsarbeit Er sollte für die neu errichtete Kirche im

neogotischen Stil eine Christusfigur schnitzen. Die ganze Figur ist

idealtypisch wiedergegeben. Der Körper ist aufrecht, die sorgfältige

Detailbehandlung und die ausgewogenen Proportionen zeugen

von dem akademischen Antikenstudium an der Kunstschule.

1870 geht Eberlein nach Berlin, um dort am künstlerischen Leben der aufstrebenden

Metropole des zukünftigen Kaiserreiches teilzuhaben.

Phase 2 - Höhepunkt der künstlerischen Tätigkeit - Naturalismus

Eberlein avanciert jetzt zu einem der bekanntesten Bildhauer des Wilhelminischen

Kaiserreichs im ausgehenden 19. Jahrhundert. Die künstlerische Fertigkeit in der

Formvollendung zeigt sich am Kruzifix in Spiekershausen.

1898

Christus ist lebend dargestellt. Den Kopf hat er zurückgelegt und

den Blick nach oben gerichtet. Der Mund ist einen Spalt geöffnet,

auf den Lippen liegen die Worte:

"Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände"

Eberlein schenkte der kleinen, im Bau 1319 begonnenen Kirche

seines Geburtsortes das Kruzifix. Die Weihung fand am 15. September

1898 statt. Das 2,50 Meter hohe Kreuz war ursprünglich

braun gebeizt. Eberlein hat das Kruzifix offenbar genau für diese

Kirche konzipiert, denn sowohl er Lichteinfall wie auch die Größenverhältnisse

bringen die Figur optimal zur Geltung. Das Licht, welches,

durch das schmale Fenster der rechten Apsidenwand in den

Raum eindringt, fällt scharf auf die Figur Christi und unterstreicht

die plastisch herausgearbeiteten Höhen und Tiefen der naturalistisch

modellierten Skulptur. Der Christuskopf trägt die Porträtzüge

des Künstlers.

Phase 3 - Der Lebensabend - Expressionismus

Durch die Inflation verarmt, von Krankheit gezeichnet und von herbem Kummer

und Sorgen geschwächt, modelliert der 77-jährige Künstler dieses Kruzifix.

Er schafft damit zum Ende seines Lebens ein ausdrucksstarkes Werk seiner

inneren Verzweiflung, einer Verzweiflung, die nicht nur in persönlichen Gründen

ihre Ursache hatte, sondern auch aus der allgemeinen pessimistischen Stimmung

34


der Kriegs- und Nachkriegsjahre resultierte, Diess Thema des leidenden und sterbenden

Christus war ein Hauptthema expressionistischer Kunst.

Das Werk zeugt von einer subjektiven Verinnerlichung, welche charakteristisch ist für

den künstlerischen Altersstil. Aus tiefer christlicher Überzeugung entstanden, geprägt

von subjektiver Verinnerlichung, zeigt sich hierin der künstlerische Altersstil.

1924

Das letzte Kruzifix ist in Ton modelliert. In einer sehr

effektvollen Formensprache, die in aller Drastik die

vom Herrn am Kreuz erlittenen Qualen nachvollzieht,

verstärkt Eberlein diesen Eindruck in einer

gotischen Übersteigerung.

Der ganze Körper zeigt sich in einer disproportionierten

Formensprache.

Das Kreuz selber ist aus groben Ästen zusammengezimmert.

Hier wird nicht mehr der siegreich Überwindende

dargestellt, sondern der bis zum äußersten Gequälte.

In der Rückschau seines Lebens scheint sich der

Künstler im Angesicht des nahenden Todes mit dem

leidenden Christus zu identifizieren.

Das Kruzifix ist leider nur in einer Photographie erhalten, welche mit folgendem Zusatz

von der Hand des Künstlers bezeichnet ist:

"Gustav Eberlein

Das letzte Werk, das diesen Sommer

1924 auf der Eberburg

In Hann. Münden entstand

von der Hand des Bildhauers, Malers

Architekten und Dichter, Groß

Comteurs, Ritter der italienischen Krone"

Eberleins Entwicklung führt demnach aus einer klassizistisch - akademischen Tradition

zu einem gemäßigten Naturalismus der Jahrhundertwende. Erst in hohem Alter

steigert er sie zu einem expressiven Naturalismus in dem auf alles Beschönigende

verzichtet wird.

35


St. Blasius-Kirche Hann. Münden, Foto,

„Kruzifix“ auf dem Altar, 1866

und „Christus segnet die Kinder“, 1899

Kruzifix, 1904, Foto,

St. Ägidienkirche Hann. Münden

Kruzifix, 1898,

Kirche Spiekershausen

Kruzifix, 1898, Bronze,

Garnison-Kirche, Kiel

36


Das erste Schauen, 1898, Gips,

H 0,56 m, B 0,56 m, T 0,32 m

Der erste Kuss, 1898, Gips,

H 0,56 m, B 0,56 m, T 0,30 m

Nach dem Sündenfall, 1897, Gips,

H 0,60 m, B 0,36 m, T 0,22 m

Adam senkt die Leiche Evas ins Grab,

1899, Gips,

H 0,62 m, B 0,48 m, T 0,30 m

37


Eva an der Leiche Abels, 1899, Gips,

H 1,04 m, B 1,50 m, T 0,78 m

(nicht ausgestellt)

Engel wälzen den Stein vom Grabe,

1899, Gips,

H 0,78 m, B 0,27 m, T 0,32 m

(nicht ausgestellt)

Abel, 1898, Gips,

H 1,07 m, B 0,40 m, T 0,35 m

Kain, 1898, Gips,

H 1,20 m, B 0,50 m, T 0,40 m

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„Gottvater haucht Adam den Odem ein“,

1897, 1904 gestiftet, für Hann. Münden,

Schlesierplatz

Relief „Stille Nacht, heilige Nacht“, 1887

Gipsrelief, H 0,47 m, B 0,59 m, T 0,10 m

Kruzifix, 1924,

Letztes Werk Eberleins

mit eigenhändiger Unterschrift

39


Inspirationsquelle: Mythologie

In der Zeit zwischen 1885 und 1895 schuf Gustav Eberlein mit besonderer Vorliebe

Szenen mit mythologischem Inhalt. Diese Genregruppen entsprachen dem Zeitgeschmack.

Die Darstellung des nackten menschlichen Körpers erhielt durch die griechische

und römische Mythologie letztendlich ihre Legitimation.

Vor allem die „Venus-Amor-Gruppen“ nahmen einen breiten Raum ein. Hier erhielt

der Künstler einerseits Anregungen aus der Antike. Andererseits verarbeitete er Beobachtungen,

die er bei seiner Frau Helene und ihrem gemeinsamen, im Alter von

nur drei Jahren 1882 verstorbenen, Sohn Anzio gemacht hatte.

Beispiele sind die hier ausgestellten Gruppen: „Mutterglück", „Venus züchtigt

Amor" (Marmor), „Die Ermahnung“, „Venus versteckt Pfeil und Bogen Amors“,

„Der versteckte Köcher“, „Er will nicht beten“, „Die schlafende Venus" und

„Venus lehrt Amor das Stelzen laufen“.

Kleine Einzelfiguren, teils mythologischen Inhalts, schuf Eberlein zu Beginn seiner

künstlerischen Laufbahn.

Dazu schrieb 1903 Adolf Rosenberg, der Verfasser der Eberlein-Künstlermonografie:

„Eines dieser Werke kam einem Kunsthändler zu Gesicht, der ihren Schöpfer bewog.

getönte Gipsabgüsse dieser kleinen Arbeiten in den Handel zu bringen, die schnell

ihre Liebhaber fanden. so daß viele Tausende Exemplare verkauft wurden. Später

bemächtigten sich die Bronzegießereien der rasch beliebt gewordenen Motive mit

gleichem Erfolg. Sie haben sich lange Jahre in der Gunst des Publikums behauptet

und noch jetzt sind etwa dreißig verschiedene Gruppen in den Verkaufsläden der

Bronzegießer zu haben.“

Auf der Kunstausstellung 1884 stellte Eberlein die erste „Psyche“ aus. Sie bildete

den Anfang einer Reihe von Psyche-Darstellungen.

„Psyche" war in der Antike die Bezeichnung der menschlichen Seele, hatte aber

auch die Bedeutung Schmetterling. Aus dieser Zweideutigkeit heraus formte sich das

Wesen der Psyche mit den Schmetterlingsflügeln.

Im Museum zu sehen sind die Exponate: „Psyche", „Amor empfängt Psyche im

Olymp" und „Frühlingserwachen (ohne Flügel)".

Das kleine Gipsmodel der Gruppe „Der große Pan" wurde nur als Abbildung durch

Eberleins Publikationen bekannte. Auf den privaten Charakter der Gruppe könnte

verweisen, dass die Nymphe die Porträtzüge der zweiten Frau des Künstlers, Maria

Gräfin von Hertzberg, trägt. Zudem scheint sich der Künstler selbst als Pan dargestellt

zu haben.

Der „Große Pan" als Marmorausführung (1904, 2,25 m hoch) ist heute in der Halle

des Rathauses Staufenberg zu besichtigen.

40


In der Mythologie ist Pan der griechische Hirten- und Waldgott im Gefolge des Dionysos.

Er ist hat Ziegenhörner und Ziegenfüße. Er stellt den Nymphen nach. Die

Nymphe Syrinx wird auf der Flucht vor Pan von ihren Schwestern in ein Schilfrohr

verwandelt. Pan schneidet einige Rohre ab, legt sie an den Mund und wird so zum

Erfinder der Hirtenflöte.

Außer „Der große Pan", „Die verwundete Nymphe", „Schlechte Musik“

(Bronze) und „Nymphen und Silen“, die in dieser Ausstellung gezeigt

werden, gibt es noch weitere Gruppen zu diesem Thema des Wald- und Hirtengottes

in Museums- und Privatbesitz.

41


Der große Pan, 1888, Gips,

H 0,80 m, B 0,30 m, T 0,34 m

Bacchantengruppe = Trunkener Silen,

1900, Gips,

H 0,84 m, B 0,60 m, T 0,44m

„Pantöffelchen“, o.J, Gips,

H 0,28 m, Ø 0,08 m

Mutterglück, 1879, Gips,

H 0,30 m, B 0,10 m, T 0,44 m

42


Er will nicht beten, 1894, Gips,

H 0,30 m, B 0,10 m, T 0,12 m

Venus lehrt Amor das Stelzenlaufen,

1896, Gips,

H 0,84 m, B 0,33 m, T 0,50 m

Venus versteckt Pfeil und Bogen

Amors, 1890, Gips,

H 1,27 m, B 0,36 m, T 0,34 m

Der versteckte Köcher, 1896, Gips,

H 0,82 m, B 0,85 m, T 0,42 m

43


„Schmollies“, Brüderschaft, 1898,

Gips, H 0,85 m, B 0,42 m, T 0,35 m

Tänzerin, sich drehend, mit der Linken

ins Haar fassend, 1898, Gips,

H 0,55 m, B 0,25 m, T 0,21 m

Tänzerin, mit beiden Händen ins

Haar fassend, 1899, Gips,

H 1,07 m

„Der Tanz“ , o.J., Gips,

H 0,64 m, Ø 0,26 m

44


Amor,

Bronze, H 0,17 m

Der Rosenkavalier, um 1880,

Bronze, H 0,40 m

Flora, vermutl. um 1905

Bronze, H 0,37 m

Die Badende,

Bronze, H 0,17 m

45


Erwachen des Frühlings, 1884,

Gips, H 1,30 m, B 0,40 m, T 0,35 m

„Die Fuldanixe“,

Ton, H 0,32 m, B 0,14 m, T 0,15 m

Halbrelief: Der Traum, 1900, Gips,

H 0,64 m, B 0,60 m, T 0,50 m

46


Verstorbener Jüngling, vor 1892,

Pastell, H 0,85 m, B 0,62 m

Mädchenkopf - mit Tauben, vor 1892,

Pastell, H 0,30 m, B 0,22 m

Paar mit „Harfe“, vor 1892, Pastell,

H 1,24 m, B 0,82 m

47


Dauerausstellung

Seit Jahren ist in diesem Raum eine kleine Auswahl von Eberleins Werken zu sehen,

die im März 2017 neu gestaltet worden ist.

Der Raum der Dauerausstellung wird geprägt von dem Foto, das einen Eindruck

von der Werkstatt Eberleins widergibt. Es zeigt sein Atelier in Berlin, Lützowufer 29,

um 1900.

Atelier in Berlin, Lützowufer 29,

um 1900, Foto

48


21 exemplarisch ausgewählte Exponate aus den Bereichen Skulptur und Malerei

sollen das vielseitige Schaffen von Gustav Eberlein zeigen.

Dem Dornauszieher kommt eine besondere Bedeutung zu, da Eberlein mit diesem

Werk 1879 der künstlerische Durchbruch gelang.

Bei dem Gipsbozetto „Gottvater haucht Adam den Odem ein“ handelt es sich um

eine Vorstudie zu der überlebensgroßen Figurengruppe in den Parkanlagen in Hann.

Münden auf dem Schlesierplatz.

Alle 21 Exponate sind in einem gesonderten Begleitheft beschrieben.

"Gottvater haucht Adam den

Odem ein", um 1900, Gipsbozetto,

H 0,46 m, B 0,24 m, T 0,28 m

Dornauszieher, 1879, Gips,

H 1,50 m, B 0,58 m, T 0,80 m

49


Maria Eberlein, 1897, Gips,

H 0,85 m, B 0,47 m, T 0,32 m

Die Nachtwandlerin, vor 1892,

Ölbild, H 2,00 m, B 1,00 m

"Verschämte Psyche", 1890,

Bronze, ohne Sockel H 0,56 m,

B 0,10 m, T 0,17 m

Wasserträgerin (auch "Rebekka",

"Sklavin), 1897, Zinkbronze,

H 1,12 m, B 0,60 m, T 0,60 m

50


"Schuld", 1899, Gips,

H 0,72 m, B 0,60 m, T 0,40 m

Strafe, 1899, Gips,

H 0,72 m, B 0,60 m, T 0,40 m

Walküre führt den erschlagenen

Helden nach Walhalla, o.J, Gips,

H 0,90 m, B 0,52 m, T 0,36 m

"Das Leid", 1900, Gips getönt,

H 0,98 m, B 0,40 m, T 0,42 m

51


Amor empfängt Psyche im Olymp,

1884, Gips,

H 1,35 m, B 0,50 m, T 0,50 m

"Schlechte Musik", 1878, Bronze,

H 0,54 m, B 0,65 m, T 0,40 m

Das Verbot / Die Ermahnung, 1893,

Gips, H 0,77 m, B 0,38 m, T 0,32 m

Venus züchtigt Amor, 1891, Marmor

H 0,67 m, B 0,28 m, T 0,40 m

52


Verkündigungs-Relief, 1865, Buchsbaum,

H 0,50 m, B 0,46 m, T 0,04 m

Adam mit der Leiche Abels, 1897,

Gips, H 0,57 m, B 0,34 m, T 0,27 m

Adam und Eva nach dem Sündenfall,

1897, Bronze,

H 0,60 m, B 0,36 m, T 0,22 m

Adam und Eva am Ende ihres Lebens,

1898, Gips,

H 0,51 m, B 0,25 m, T 0,20 m

53


Mutterglück, um 1880, Zeichnung

Der Frühling, vor 1913, Zeichnung

Römischer Akt (Bettler), 1874,

Zeichnung

Römischer Knabe, 1874, Zeichnung

54


"Amor geigt", um 1880, Zeichnung

Bismarck auf dem Weg nach

Canossa, vor 1875, Zeichnung

Entwurf zum Deckel für den

"Willkomm-Pokal" der Mündener

Kaufmannsgilde, um 1890

Deckel für den "Willkomm-Pokal",

um 1890, H 0,25 m, Ø 0,20 m

55


Werke in Hann. Münden und Umgebung

56


QR-Code für Google Maps Karte mit Eberleinwerken

57


Quellenverzeichnis

Gustav Eberlein:

Gustav Eberlein:

Michelangelo nebst anderen Dichtungen und Gedanken

über Kunst, Berlin 1902, Meisenbach, Riffahrt & Co, Berlin-

Schönefeld

Aus eines Bildners Seelenleben, Plastik, Malerei und

Poesie, Berlin 1890/92

Gustav Eberlein: Riekchen Niedlichs Besuch in Münden, um 1875, 1885, 90,

Wilhelm Gronaus Buchdruckerei, Berlin W.

Ute Hoffmann:

Rolf Grimm:

Rolf Grimm:

Günther Kaerger:

Adolf Rosenberg:

Gustav H. Eberlein, Werke des Bildhauers, Malers und

Dichters im Raum Münden - Göttingen, hrsg. von Gustav-

Eberlein-Forschung e.V., Hann. Münden, 1984,

ISBN 3-9800986-0-5

Werkverzeichnis des Bildhauers, Malers und Dichters Prof.

Gustav H. Eberlein, 3005 Hemmingen, Grimm-Verlag,

1983, ISBN 3-9800823-O-X

Privates Fotoarchiv

Der Bildhauer Gustav H. Eberlein, Das Leben eines großen

Künstlers aus Hannoversch Münden, Sydekum-Schriften

zur Geschichte der Stadt Münden, Heft 10, 1983

Gustav Eberlein, Künstlermonographien, hrsg. von Hermann

Knackfuß , Band 66, Leipzig/Bielefeld 1903

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Städtisches Museum Hann. Münden,

Schlossplatz 5, 34346 Hann. Münden

Tel. 05541 / 75348 oder 75202

museum@hann.muenden.de

Gustav-Eberlein-Forschung e.V.

Postmeisterstraße 5, 34346 Hann. Münden

Te. 05541 / 31564

info@gustav-eberlein.org

Impressung:

Herausgegeben von der Gustav-Eberlein-Forschung e.V.

Layout:

Hans-Georg Münder

Texte:

Prof. Rolf Grimm

Martin Henze

Rosemarie Münder

Ute Sellmer

Elgard Steinmüller

Druck:

Rinke & Rinke, Hann. Münden

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Gustav-Eberlein-Forschung e.V.

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