26.12.2018 Aufrufe

Heimatbuch Reichelsheim 1992 OCR verlinkt

Reichelsheim in der goldenen Wetterau Historische Betrachtungen von Hagen Behrens Herausgeber: Magistrat der Stadt Reichelsheim Bearbeitung: Hagen Behrens Umschlaggestaltung: Jean Bourdin Gesamtherstellung: Friedrich Bischoff Druckerei GmbH, Frankfurt/Main Erschienen 1992

Reichelsheim in der goldenen Wetterau
Historische Betrachtungen von Hagen Behrens
Herausgeber: Magistrat der Stadt Reichelsheim
Bearbeitung: Hagen Behrens
Umschlaggestaltung: Jean Bourdin
Gesamtherstellung: Friedrich Bischoff Druckerei GmbH, Frankfurt/Main
Erschienen 1992

MEHR ANZEIGEN
WENIGER ANZEIGEN

Erfolgreiche ePaper selbst erstellen

Machen Sie aus Ihren PDF Publikationen ein blätterbares Flipbook mit unserer einzigartigen Google optimierten e-Paper Software.

Reichelsheim

in der goldenen Wetterau

Betrachtungen zu der Geschichte

und den Geschichten

einer Ackerbürgerstadt

Hagen Behrens

1992


„Der Magistrat der Stadt Reichelsheim dankt der Landbank I-lorlofftal, Reichelsheim, die die Herausgabe dieses

Buches finanziell unterstützt hat.“

Herausgeber: Magistrat der Stadt Reichelsheim

Bearbeitung: Hagen Behrens

Umschlaggestaltung: Jean Bourdin

Gesamtherstellung: Friedrich Bischoff Druckerei GmbH, Frankfurt/Main


Zum Geleit

„Was Du ererbt von Deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen.“ Dieses Zitat aus Goethes Faust hat uns vor fünflahren

beflügelt, die Geschichte aller sechs Stadtteile von Reichelsheim aufzuarbeiten und diese an die nachfolgenden Generationen,

aufbereitet in Buchform, weiterzugebcn. Zuerst einmal mußten sämtliche vorhandenen Archivunterlagen

gesichtet und geordnet werden, was in dreijähriger, intensiver Arbeit Herr Gerhard Hofmann besorgte. Die Grundlage

war also geschaffen, unser Vorhaben in die Tat umzusetzen.

Mit einer Neuauflage des Büchleins „Der Hexenmeister von Reichelsheim“ und der Herausgabe des Bildbandes

„Bilder erzählen aus vergangenen Tagen“ wagten wir den Anfang, die Geschichte unserer Stadt jedem zugänglich zu

machen. Das große Interesse und die Anerkennung, die die Bücher fanden, ermutigten uns, weiterzumachen. Den

Stoff hatten wir;jetzt galt es, einen qualifizierten Autor für die Bearbeitung der reichhaltigen Archivunterlagen und das

Verfassen der Geschichtsbände zu finden. Glücklicherweise konnte unser Stadtverordnetenvorsteher, Herr Hagen

Behrens für diese schwierige Aufgabe gewonnen werden, der nach dem Band „Heuchelheim, Einblicke in die Geschichte“,

mit diesem Buch nun seine zweite Arbeit vorlegt.

Es ist wahrscheinlich das erste Mal, daß die Geschichte des Ortes Reichelsheim so intensiv und systematisch bearbeitet

wurde. Außer Einzelbeiträgen in Jubiläumsschriften und dem Heimatbuch von Keller lagen keine umfassenden

Ausarbeitungen vor. Demzufolge mußte der Verfasser sämtliche verfügbaren Archivunterlagen einsehen und auswerten.

Hagen Behrens hat bewußt aufcine lückenlose Gesamtdarstcllung der Geschichte verzichtet. Dies würde den Ral'ı~

men des Buches sprengen. Er hat die Themen so ausgewählt, daß sie einen guten Einblick in das Werden unseres

Heimatortes geben. Es wird ein Bild über Reichelsheim gezeichnet, das wir bisher nicht kannten, ein Bild der sozialen

und politischen Probleme in den zurückliegenden Jahrhunderten.

Mein herzlicher Dank gilt dem Verfasser, Hagen Behrens, der ein Jahr lang seine komplett zur Verfügung stehende

Freizeit einschließlich Urlaubszeit in das Werden dieses Buches investiert hat. Die Staatsarchive in Darmstadt und

Wiesbaden mußten durchforstet, viele Arehivalien, Urkunden und Pläne studiert werden, um die Ausführungen und

Bewertungen, die dieses Buch prägen, mit Fakten zu belegen. So hoffe ich, daß auch dieser Geschichtsband, ebenso wie

die drei zuvor genannten Veröffentlichungen, ein lebhaftes und vielfältiges Echo auslösen und dem heimatgeschichtlich

Interessierten viele neue Erkenntnisse über unser Reichelsheim vermitteln wird.

Reichelsheim, im November 1992

Gerd Wagner

Bürgermeister

3


_.¬..„_._ _ ., _ .»__ _ _--D- -- - ----A -- H_--_----- ' \


Vorwort

Wie vielleicht manchem bekannt, haben sich schon mehrere Reichelsheimer Bürger in den vergangenen Jahrzehnten

mit der Geschichte dieses „Marktfleckens im Nassauer Land“ beschäftigt. Es seien hier nur die Namen Adam Spamer

(1930), Albert Nohl, Heinrich Keller (1935) oder Werner Coburger (1985) genannt. Sie alle beginnen mit der Beschreibung

des Außenbildes dieser Ortschaft im Zentrum der Wetterau. Adam Spamer z. B. beginnt seinen kurzen Abriß zur

Geschichte Reichelsheims in der Festschrift zum 85jährigen Jubiläum des Gesangvereins „Liederkranz“ im Jahre 1930

wie folgt:

„Kommt man mit der Bahn von Friedberg über die Höhe von Beienheim und richtet den Blick ostwärts, so bleibt das

Auge unwiderstehlich an einem Bilde urwüchsigen Mittelalters haften. Aus dem Kranz der lichtgrünen Fluren und der

zahlreichen Wetterauer Dörfer mit ihren leuchtend roten Ziegeldächern und dunklen Obsthainen, hebt sich das Stadtbild

Reichelsheims deutlich heraus, vor allem die die Hausdächer überragende mächtige Kirche mit ihrem quadratischen

Turme, dem noch eine achteckige Pyramide aufgesetzt ist und der mittelalterliche runde Wachtturm mit dem

Storehenneste. Ein wirklich imposantes Panorama, das durch die weiter östlich gelegenen dunklen waldgekrönten

Bergkuppen des Vogelsberges einen malerischen Abschluß finden.“

Heute wirken diese Zeilen von Adam Spamer etwas fremd, vor allem wohl deswegen, weil sich Reichelsheim seit

1945 insbesondere in seinem Außenbereich, also in dem Bereich außerhalb des alten, von Mauern umgebenden Stadtkernes

mehr verändert hat als in den 400 bis .500 Jahren zuvor. Neue Baugebiete, das Verschwinden eines großen Teils

der Streuobstwiesen rund um den engen Wohnbereich der Menschen, neue Straßen, der Braunkohletagebau sowie

dessen Rekultivierung und die zuvor schon eingeleitete und immer weitergeführte Drainierung der Wiesen und Felder

haben ein anderes Reichelsheim entstehen lassen.

Doch welch schönen Anblick muß Reichelsheim vor mehreren Jahrhunderten herannahenden Besuchern, Handelsreisenden,

wandernden Handwerkern oder heimkehrenden Ortsbürgern geboten haben, als die Stadtmauer den

Wohnbereich noch fest umschloß?! Wie schön, ja vielleicht sogar romantisch muß es in der Sommerzeit ausgesehen haben,

wenn die Getreidefelder - vom leichten Süd-West-Wind bewegt - goldgelb das Sonnenlicht reflektierten? Den

Menschen früherer Zeit mag sich ein Bild gezeichnet haben, das man mit den Begriffen „Schutz“, „Sicherheit“ und

„Geborgenheit“ benennen könnte.

Der Außenanblick ist heute anders, wenn man von Beienheim, Weckesheim oder Heuchelheim her kommt. Nur

schwer kann man das von Spamer gezeichnete Bild nachempfinden, denn selbst der Kirchturm wirkt durch die Bebau--

ung im Außenbereich nicht mehr derart „überragend und mächtig“.

Und doch: Wer durch Reichelsheim spazierengeht, wer seine Phantasie mit einiger Faktenkenntnis bei diesem Spaziergang

verknüpft, der wird eine Gemeinde erkennen, die nicht nur vom Heute, sondern an allen Ecken und Enden

auch vom Gestern, von der Vergangenheit zu berichten weiß: z. B. das Rathaus und die Wehrkirche, die Stadtmauern

und die hochragenden Wehrtürme an den markanten Außenstellen des Ortsgebietes. Wie groß die Bedeutung dieser

Wehranlage war, ob und wie sie auf das Bewußtsein der Menschen in diesem „Flecken“ prägend gewirkt haben mag,

das läßt sie nur vermuten bzw. das überläßt sie der Phantasie des neugierigen Spaziergängers.

5


War Reichelsheim eine „Handels-Stadt“ ? War es ein wichtiger Ort für die Wetterau? Was bedeutete es für die damaligen

Reichelsheimer, daß ihr „Flecken“ nicht nur die Stadtrechte sondern auch die „Marktfreiheit“ von Leopold II.,

dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, erhalten hatte? Welche Wirkungen hatte andererseits

die Tatsache, daß Reichelsheim über Jahrhunderte eine Exklave des Grafen- bzw. Herzogtums Nassau war? Führte

diese Abgeschlossenheit des Ortes zu einem besonderen „Wir-Gefühl“, zu einem Gefühl, „anders“ zu sein als die Menschen

in den umliegenden Dörfern?

Andere Fragen stellen sich dem aufmerksamen Spaziergänger: War der „Marktplatz“, die heutige Bingenheimer

Straße, wirklich ein Marktplatz? Was verrät in diesem Zusammenhang die am Historischen Rathaus angebrachte

„Nassauische Elle“?

Reichelsheim - eine Handelsstadt? Wenn „Ja“: Warum gibt es rund um den Marktplatz keine mächtig-prächtigen

Kaufmanns- bzw. Patrizierhäuser? Warum stehen vielmehr rund um diesen zentralen Bereich des Ortes landwirtschaftliche

Anwesen? Wenn der Spaziergänger schon davon gehört hat, daß vor hundert und mehr Jahren von den ca. 220

Haushaltungen über 40% angaben, von der Landwirtschaft zu leben, so wird er sich die Frage stellen, ob Reichelsheim

eine „Acker-Bürger-Stadt“ gewesen sein mag. . ?

Und er wird sich schließlich auch fragen: Und was ist Reichelsheim heute? Ist sie noch eine Stadt der Bauern? Arbeiten

die Menschen, die hier leben, auch in Reichelsheim? Ist Reichelsheim eigentlich noch das Reichelsheim, von dem

die alten Mitbürgerinnen und Mitbürger sprechen? Oder ist es durch die große Zahl der Flüchtlinge und Vertriebenen,

die nach dem letzten Krieg hier aufgenommen wurden, oder durch die „Großstadtflüchtlinge“, die sich vor allem seit

Ende der 60er Jahre aus dem Rhein-Main-Gebiet in diesem Wetterauer Ort ein Haus bauten oder kauften, etwa zu

einer reinen Wohngemeinde geworden?

Fragen - viele Fragen!

Fragen an die eigene Heimat, an den Ort, in dem wir leben, der Vorfahren und uns selbst geprägt hat und der heute

unsere Kinder prägt bzw. noch prägen wird, weil er unser Lebens- und Erfahrungsumfeld war und ist bzw. sein wird. Es

sind alles Fragen, die sich auch der Schreiber dieses Buches stellte und um deren Beantwortung er sich bemühte. Nicht

alle Fragen, die derjeweilige Leser an Reichelsheim haben mag, werden eine Beantwortung finden, dies vor allem deswegen,

weil jeder, der in Reichelsheim wohnt, der sich an diesem Ort interessiert zeigt, ganz persönliche Fragen entwikkelt

hat. Aber vielleicht treffen manche Fragestellungen der Leser mit den Antworten dieses Buches zusammen, d. h.

vielleicht werden viele individuelle Fragen nach dem Lesen der folgenden Kapitel beantwortet sein.

Ich brauche abschließend nicht weiter zu erwähnen, daß dieses Buch nicht vorrangig die Bibliotheken von Historikern

füllen soll. Für Wissenschaftler ist es, wie die oberen Ausführungen deutlich machen sollen, nicht geschrieben,

sondern für Menschen, die neben ihrer Alltagsarbeit wenig Zeit haben, die sich trotzdem aber mit ihrem Heimatort auseinandersetzen

wollen. Deswegen wurde auch eine leichte Lesbarkeit angestrebt.

Ohne die Vorarbeiten und ohne die Unterstützung vieler wäre ich nicht in der Lage gewesen, dieses Buch neben

all meinen anderen Verpflichtungen in relativ kurzer Zeit zu schreiben. Die vorhandenen Ausarbeitungen über die

Geschichte des Ortes, die ich am Anfang erwähnte, waren selbstverständlich eine Hilfe.

6


Bedanken möchte ich mich bei der Archäologin des Wetteraukreises, Frau Dr. Vera Rupp, die mir trotz ihrer vielen

Aufgaben „außer der Reihe“ Material über die Vor- und Frühgeschichte von Reichelsheim zusammenstellte. In diesem

Zusammenhang möchte ich auch Herrn Michael Keller als „hilfreichen Geist“ nennen, den Leiter des Wetteraumuseums,

der mir und Herrn Bürgermeister Wagner dabei behilflich war, die aus Reichelsheim stammenden Fundstükke

einzusehen und für dieses Buch durch Herrn Helmut Haag ablichten zu lassen.

Eine sehr große Hilfe, die größte Hilfe, stellte für mich die Kirchenchronik, das Kirchenbuch der evangelischen Gemeinde

dar, die mir dankenswerterweise Pfarrer Enke zur Einsichtnahme zur Verfügung stellte. Ohne die zeitgebundcnen

Berichte der vielen Pfarrer wäre manch ein Kapitel recht „trocken“ geworden.

Bedanken möchte ich mich bei Frau Ilse Erdmann, Frau Hilda Rohde und Herrn Werner Coburger, die meine „Wissensgeber“

betreffend der Lebens- und Jahresbräuche im früheren Reichelsheim waren und die mir zudem noch über

manche Ecke in und um Reichelsheim Wissens- und Beschrcibcnswertes mitteilten.

Ein Dankeschön möchte ich auch Herrn Wenisch von der Stadtverwaltung sagen, der vieleorganisatorische Arbeiten

für mich erledigt hat.

Besonderen Dank sage ich dem Magistrat der Stadt Reichelsheim, an erster Stelle Herrn BürgermeisterWagner, für

den Auftrag, dieses Buch zu erarbeiten. Die kreative Begleitung und die aktive Unterstützung, die ich durch Herrn

G. Wagner während der Anfertigungszeit erfuhr, waren Voraussetzung für das abschließende Ergebnis meiner Bemühungen.

Was ist in einem Vorwort noch zu sagen? Wovor muß ich den Leser vielleicht sogar warnen ?

Keine Ortschronik kann alles erfassen und wiedergeben - immer wird etwas fehlen, was doch wichtig ist. Manch einer

der Abschnitte, vor allem jene, die von mehreren Mitbürgerinnen und Mitbürgern aus eigener Lebenserfahrung nachvollzogen

werden können. werden möglicherweise auf Widerspruch stoßen. Darüber bin ich mir bewußt - dieses Wissen

sollte mich aber nicht davon abhalten, den Versuch zu machen, eine recht ausführliche, wenn auch keine lückenlose

Chronik zu fertigen. Vielleicht traut sich in I0 oder 20.lahren wiederein Bürger/eine Bürgerin an die „Vergangenheitsbcwältigung“

unserer kleinen Stadt, der oder die dann all die Anregungen, die zu diesem Buch gegeben werden. positiv

berücksichtigen kann.

Für mich selbst hat sich das Schreiben dieses Buches gelohnt: Der Ort ist mir heute viel näher als zuvor.

Reichelsheim/Wetterau, Oktober 1992

Hagen Behrens

7


_....„_._ _ .. _ .»__ _ _--D- -- - -Ma -- e_--_----- ' \


Inhalt

Zum Geleit (Bürgermeister G_Wagner) _ _ _ _ _ 3

Vorwort _ . _ _ _ _ . _ _ . _ _ _ _ . _ _ _ . _ _ _ 5

Inhaltsverzeichnis . _ _ . _ _ _ _ _ _ _ _ . _ _ _ _ 9

l. Geschichtliche Betrachtungen

1. a) Vorgeschichte _ . . . _ . . _ . _ _ _ . _ _ 11

b) Die Zeit nach Christi Geburt . . . . . _ _ 14

c) Von den Römern zu den Franken _ _ _ _ _ 18

2. a) Die Franken - die Namensgeber von

Reichelsheim _ _ . . _ _ _ . . . _ . _ _ _ 21

b) Das Mittelalter . _ . . . _ _ _ . . _ . _ _ 25

c) Die Kirche -für Reichelsheim das Symbol

einer neuen Epoche . . . _ . _ _ _ _ _ _ _ 30

3. Die Reformation - ein Wegweiser

für Reichelsheim und die Reichelsheimer _ _ 35

4. Das 17. Jahrhundert

a) Der Dreißigjährige Krieg _ . _ _ . . _ _ _ 41

b) Der„FREIHEITSBRIEF“

der „Stadt Reichelsheim“ _ _ _ _ _ _ . _ _ 44

c) FEUER! - der Brand von 1665 . . . _ _ _ 49

d) Hexenwahn in Reichelsheim . _ _ _ . _ _ 51

e) Reichelsheim - die Stadt der Jahrmärkte _ 60

f) Handwerker und Zünfte in Reichelsheim _ 68

5. Reichelsheim um 1700

a) Das Erscheinungsbild der Stadt . . _ . _ _ 70

b) Was das Alltagsleben in und um

Reichelsheim prägte _ _ . . . . . . _ _ _ 75

6. Vom „Nassauern“ . _ . _ _ _ _ _ . . . . _ _ 81

7. Das 18. Jahrhundert

a) Eine wichtige Zwischenepochc _ _ . _ _ _ 86

b) Die kurze Herrschaft

des Fürsten v. Schwarzburg _ _ _ _ . _ _ _ 88

c) Der Sieben_jährige Krieg und seine

Auswirkungen . _ _ _ . . . _ _ _ . _ . _ _ 89

d) Neue Rechnungsführung über

Einnahmen/Ausgaben . . . . _ . _ _ . _ _ 93

e) Veränderungen im Erscheinungsbild von

Ort und Gemarkung . . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 95

8. Das 19. Jahrhundert

a) Nassaus Aufstieg durch Napoleon _ _ _ _ _ 98

b) Vom Untertan zum politischen Bürger _ _ 108

c) Das Ende der„lnsellage“ von Reichelsheim 119

d) Aufdem Wegeins 20. Jahrhundert _ _ _ _ 124

9. Das 20. Jahrhundert

a) Die Ruhe vor dem Sturm _ _ _ _ _ _ . _ _ 133

b) Der erste große Krieg _ _ . . _ _ . . . _ _ 136

c) Eine ungeliebte Zwischenstation:

Die Weimarer Republik _ . _ _ _ _ _ . _ _ 142

d) Die Zeit der Verblenduııg: Das ,_3. Reich“ 156

e) Der2. Weltkrieg . _ _ _ _ . . _ _ . . _ _ 162

f) Bruch mit der Vergangenheit und aktiver

Neubeginn _ _ _ _ _ _ _ . _ . _ . . _ _ _ _ 167

|0. 1972: Ende der Selbständigkeit- Beginn der

„Gesamtstadt Reichelsheim/Wetterau“ _ _ _ 174

ll. Wichtiges und Interessantes

1. Aus dem Alltagsleben der Reichelsheimer

a) Der Hausbau _ . . . _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ 175

b) Das Obst - ein wichtiger Vitaminspender

fürjung und alt . _ . . . . . . . _ _ _ _ _ 180

9


Lehrer Keller berichtet in seiner

„Heimatchronik“ aus dem Jahre 1935:

a) Von den Reichelsheimer Vereinen _ _ _

b) Reichelsheim und seine Schulen -

eine wechselvolle Geschichte _ _ _ _ _ _

c) Geschichte der Reichelsheimer Post _ _

3 Sitten und Gebräuche in Reichelsheim _ _

a) Der.lahresablauf _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

b) Der Lebenslauf. _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

c) Kirchliche Vorschriften zu den Feiern

des Lcbenslaufes _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _ _

d) „Der Mäusekuchen“ -eine Reichelsheimer

Besonderheit____..________..

Von Petschau und anderswo nach Reichelsheim

-ein Wegin eine neue Heimat. _ _ _ _ _ _ _ _

Hymnen und Gedichte an die Heimatstadt

Reichelsheim._.___.__.._..

Abschließende Frage: Was heißt das eigentlich:

Reichelsheimer Stehkragenbaucr“? _ _ _ _ _

_

183

188

190

193

194

198

201

203

206

207

209

Anhang:

Flur- und Gcwann-Namen aus dem Schatzungsbuch

von1734bzw.1721

Literaturverzeichnis _ _ _


I. Geschichtliche Betrachtungen

1. a) Vorgeschichte

Wo fruchtbarer Boden urıd gemäßigtes Klima, wo zudem

Wasser in ausreichendem Maße vorhanden ist, da

haben sich seit Urzeiten Menschen niedergelassen, haben

sich einen Unterschlupferrichtet, haben Früchte der

Natur gesammelt, das Wild gejagt bzw. sich eine Hütte

oder ein Haus gebaut, den Boden bearbeitet und Haustiere

gehalten, Handwerke entwickelt und Kulturgüter

geschaffen.

Bodenbeschaffenheit, Klima und geographische Lage

haben die Wetterau seit alters her zu einem begehrten

Siedlungsgebiet der Menschen werden lassen. Deswegen

wundert es nicht, daß sich auch in dem Gemarksgebict

von Reichelsheim, diesem „Flecken im Herzen der Wetterau“,

immer wieder Zeugnisse der Vergangenheit auffanden.

Auch wenn um und in Reichelsheim nicht so intensiv

nach Funden gesucht wurde wie in anderen Gemeinden

der Region, so haben wir doch genügend Zeugnisse aus

jenen alten Zeiten. Wir wissen, daß hier in Reichelsheim

schon in der Jungsteinzeit Menschen siedelten, denn an

mehreren Stellen wurden Steinwerkzeuge gefunden. ln

den Ortschaften rurıd um Reichelsheim hat es zudem

viele Keramikfunde gegeben, die davon Mitteilung machen,

daß hier schon vor 7000 Jahren Anfänge einer

Landwirtschaft zu finden sind und damit auch die Anfänge

der bewußten Umweltveränderung durch Menschenhand,

seien dies Rodungen oder einfache Drainierungen

gewesen. Diese Maßnahmen nahmen über Jahrhunderte

und Jahrtausende zu und machten aus dem ursprünglichen

Wald- und Wiesengebiet der Wetterau das, was wir

heute kennen: eine äußerst intensiv genutzte und deswegen

„ausgeräumte“ Ackerlandschaft_

Die gefundenen Keramikscherben, die dem ungeübten

Laienblick nicht sofort verraten, wie harmonisch die

Gefäße einst geformt waren, teilen uns aber vor allem

Bild der Ste1`naxr,

die in der Reicf/1el.s/2ciım~'r Sac'/


„Zur Besiedlungsstruktur innerhalb der Landschaft

läßt sich aus heutiger Sicht nur sagen, daß man im Abstand

von zwei bis drei Kilometer voneinander Gehöfte

oder kleinere Ansiedlungen rechnen darf, die aber wohl

keinen Dorfcharakter hatten.“

Ist man von der Aussage über die „Siedlungsdichte“

der Wetterau überzeugt, so stellt man bei einem Blick

auf die Landkarte des heutigen Wetteraukreises fest, daß

eben dieser Abstand von zwei bis drei Kilometern zwischen

den einzelnen Dorfkernen besteht- ein möglicher

Hinweis darauf, daß die Siedlungsflecken immer wieder

überbaut wurden, daß also selten alte Ansiedlungen

„aufgelassen“ (= verlassen) und statt dessen neue Fluren

zur Besiedlung ausgesucht wurden.

In der frühen Bronzezeit, also vor ca. dreieinhalb bis

viertausend Jahren, bildeten neben dem Bodenbau die

Viehhaltung bzw. -nutzung (Rinder zu 50%, Schafe/

Ziegen bzw. Schweine zu je ca 20%; s. hierzu Pinsker,

S. 165) die Grundlage der wirtschaftlichen Existenz der

frühen Menschen in der Wetterau.

Daneben mußten aber auch andere Tätigkeiten beherrscht

worden sein, denn Funde aus jener Zeit, z. B.

Webgewichte und Spinnwirtel (= Schwunggewichte),

Weisen auf Textilherstellung und -verarbeitung hin bzw.

Siebgefäße auf die Verarbeitung von Molkereiprodukten

oder Reib- und Mahlsteine auf die Fertigkeit zur

Getreideverarbeitung_

Aber auch Schmuck und Waffen fanden sich ausjener

historisch dunklen Zeit. Eine Bronzenadel, an der Horloff

gefunden, ging leider im letzten Krieg im Landesmuseum

in Darmstadt verloren.

Fundierte Beweise für die Ansiedlung von Menschen

in Reichelsheim gibt es aber aus der „Jüngeren Bronzezeit“,

die 2800 bis 3200 Jahre zurückliegt (also 12. bis

8. Jahrhundert vor Christi Geburt). Urnenfelder an ver-

Messer, gefunden in eirıern Reíchelsheim.er

Brandgrab („Jüngere Bmnzezeit/ Urnenfelderzeit“,

1200-750 v. Chr.) / Foro: H. Haag

schiedenen Stellen bestätigen eine lang andauernde Besiedlung

der .Reichelsheimer Gemarkung zu jener Zeit.

Bei Drainagearbeiten im Jahre 1881, westlich vom alten

Ortskern, etwa 200 Schritt weit vom Friedhof entfernt,

stieß man auf Spuren von Gräbern. Es wurden

auch Urnen (80 bis 90 cm hoch, mit Deckel) mit „Asche

und menschlichen Knochenteilen“ bei Ausgrabungen in

den Jahren 1909, 1910, 1927 und 1933 gefunden, und

zwar im damaligen Hofe des Karl Horack (Im alten Dorf,

nördlich der Stadtmauer: früher hieß dieser Bereich

„Auf dem alten Dorf“) sowie auf der Gänsweide (östlich

des alten Ortskernes, im Bereich des heutigen Kindergartens

und des alten Sportfeldes). Im Wetterauer Museum

sind noch einige dieser Fundstücke aufbewahrt. Sie

zeigen den hohen kunsthandwerklichen Standard während

der Bronzezeit.

Ob die Gegenstände auch hier in Reichelsheim hergestellt

wurden, das weiß man nicht, weil bisher weder hier

noch in der ganzen Wetterau Reste von Brennöfen gefunden

wurden_ Wurden sie nicht hier in Reichelsheim

oder der Wetterau hergestellt, so beweist dies wiederum,

daß zu jener Zeit schon ein reger Handelsverkehr stattgefunden

haben muß.

12


M

/A“

gm

/

1,


fr

'ta

Bretonen enthalten noch heute wesentliche Kennzeichen

der keltischen Sprachgruppc)_

Die Kelten waren ein reges Handelsvolk: Sie tauschtenz.

B. den beliebten Bernstein der Ostsee mit Keramiken

aus Norditalicn, das Kupfer aus Britannien mit dem

Salz der Atlantikküste oder der ınitteleuropäisclıcn Salincn.

Sie waren es erwicscnermaßen_ die in der Bad Nauheimcr

(`ıcmarkung als erste Menschen Salz sicdetcn.

Reste der Siedcöfcn konnten dies beweisen.

/lrı-fczrmg und Nmfcin. ge/iizrtııfwz in Beim:/m`ı~21

(__./Üf'1gcfire Brr›H2ífi'2fciI/ Urnc*fı_/i'/c.l('ı"_:1cil

1200-750 v. (_`/zr. ) / Foto I I. Haag

,_'.

Vor den aus deın Norden vordringeııden Germanen

lebten auch in der Wetterau die Kelten. die ,_Erhabcnen“,

die „Tapferen“. wie die Griechen und die Römer

die Angehörigen dieser Volksgruppe chrfurclıtsvoll

nannten.

Staatenbildend_ wie die Griechen und die Römer oder

später die germanischen Franken, waren die Kelten wenig:

Nur in Notzciten gab es Zusaınmensehlüssc in Stammesform,

was den nach Norden vordringenden römischen

Legionen sehr zum Vorteil gcreichte_

Zu ihrer Glanzzcit - 200 bis 100 vor Christi Geburt -

beherrschten die keltischen Stämme mit ihrer Kultur nahezu

ganz West-, Mittel- und Südosteuropa: Vom Atlantik

bis nach Kleinasien, von Britannien bis nach Norditalien

und Spanien reichte ihr Einflußgcbiet (die eigentlichen

Muttersprachen der Schotten, Waliser, Iren oder

'l`r›ngc_/Zıß, gc'_/imd('ı1 als l:`iı::r'l.m`ı`r'/< in /\'


1. b) Die Zeit nach Christi Geburt

Die Zeit nach Christi Geburt, also die sogenannte Zeitenwende,

ist besicdlungsgeschichtlich unklar: „In der

Forschung wird. _ _ seit längerem die Frage diskutiert, inwieweit

auch die Wetterau in den Jahren um Christi Geburt

und in den folgenden Jahrzehnten germanischc Besiedlung

getragen hat. Wenn dabei besonders an clıattische

Stammessplitter gedacht worden ist, so war das zwar

anhand des spärlichen und spröden Fundmaterials nicht

sicher zu belegen. iın Hinblick auf die spätere Entwicklung

des 2. und 3. Jahrhunderts n. (flır. _jedoch durchaus

vorstellbar (B. Steidl, „Frühkaiserzcitlichc germanischc

Besiedlung in der Wetterau“, in: _,Wcttcrauer Geschichtsblätter“_

Bd. 40, S. 2l7f.)_

Kelten, Germanen (hier besonders die Chatten, die

uns Hessen später ihren Namen gaben, sowie die Alamannen)

und dann die Völker des riesigen römischen

Imperiums trafen hier in der Wetterau zusammen, also

die unterschicdlichsten Kulturen, die unterschiedlichsten

Interessen, Menschen mit unterschiedlichsten Anlagen,

welche diese Region und die Menschen dieser Region

in späteren Generationen prägen sollten.

Besonders kraß und intensiv war das Zusammentreffen

dieser drei genannten Kulturkreise in der Wetterau,

weil der am Ende des 1. Jahrhunderts n. Chr. durch Kaiser

Domitian befohlene Limesbau diese Gegend durchschnitt,

und die damals natürlichen Wanderungen der

Stämme und Völker wesentlich erschwerte: Der LIMES

stellte statt dessen die Kulturräume in Konfrontation zueinander.

Die ersten Versuche der Römer unter Drusus - einem

Stiefsohn des berühmten Kaisers Augustus- im Jahre 10

v. Chr. das rechtsrheinische Gebiet von Mainz aus zu erobern

und dauerhaft zu besetzen, scheiterte. Die Niederlage

der Römer 9 n. Chr. gegen die verbündeten germanischen

Stämme im nördlichen Teil der Mittelgebirge

(„SchIacht im Teutoburger Wa1d“) zwang sie, sich vorübergehend

aus der Wetterau wieder zurückzuziehen.

Ob die Legionen Roms bis dahin auch auf Widerstand

der hier lebenden Menschen gestoßen waren, das ist

nicht bekannt. Aber es ist nicht davon auszugehen, ist

doch unter den Wissenschaftlern heute die Überzeugung

verbreitet, daß dieses Stück fruchtbaren Bodens nordöstlich

der römischen Bastionen Mainz, Höchst und Nida

(= heute: Frankfurt-Heddernheim) zu jener Zeit nur

recht dünn besiedelt war. Die Angriffe der Legionen

führten verständlicherweise eher dazu, daß sich die germanischc

Bevölkerung aus Angst vor Gefangenschaft

und Sklaverei nach Norden hin verzog, meist auch in den

waldreichen Vogelsberg, als in aussichtsloser Lage ihren

Hof verteidigen zu wollen.

Daß die Chatten und die anderen germanischen Stämme

über die Anwesenheit der römischen Eroberer in unserer

Heimatregion nicht erfreut waren, zeigen ihre kriegerischen

Aktionen in den Folgejahrzehnten („Chattenkriege“)_

Sie waren schließlich Anlaß für Kaiser Domitian,

den Befehl zum Bau einer viele hundert Kilometer

langen Grenzbefestigung zu erteilen, den Befehl zum

Bau des LIMES: von Koblenz über den südlichen Taunus

und dann an dessen Osthang nördlich in die Wetterau

bis in die Gegend des heutigen Arnsburg und schließlich

am westlichen Rand des Vogelsberges entlang südlich

dem Main, dem Neckar und schließlich der Donau

zu.

Verlauf des Limes in Oberhessen

14


` Obergermanien um 100 `

V

_

~ - -

V

- ' u

_ - _

_ -

_ _ _

5

\ _ _ l 1

_ _

I\.rfj\§edu@s@±0r†

Afflfibvfu

`

_- š_„__š Nıederberg

ß 1: h -¬\\

La__;:__haac___ __'____

å

5;;-ggf; C H A T T E N

Confluemes an //\w_ __

Provinzgrenze

(Kobienz - f” X”

5 Nida F'*“d_:;}/ `*

Straße

Limes

* Aquae MafliacaeH0fi::§šm HÜGWQBH I U

{Wiesbaden} §11; ff- __í~j_\í3roßkroızenburg .»-«~^\___ . Siedlung

à eıgensa \

Kastell, vermutet

_ ______í§ ß“@-'°:"a”'__ Stockstadt H

Bıfıgıum Mflgßntıa __ 'f Ã; Nieciernberg Legionslager

(Bıngen) (Maing _- §§?ah_à_r§_'__íf _0bernhur

Maršenfeis H9dd9f“h__§Ãm3 ímš'

__\

Mar 'I 9*

- " '=:f.i_„š

__ __ßQ:fl'i3†lB§§_3

'H ___, Gebietsgewinne unter

den F|aviern_VespaSian_

0 B E R \ j/”

ÜELG

- ' '

=_ I _' __ 1/

`I"ıtus und Domitian

Ü.-'.22

(bei Tacitus ats ››decu-

_ B°'b°*°""“9“S


i

l

l

l

l

ı

Wie sehr Reichelsheim von dieser Grenzziehung betroffen

war, kann sich jeder vorstellen, der den hiesigen

Verlauf des Limes betrachtet: Die Kastelle von Echzell

und Florstadt lagen in unmittelbarer Nähe, ja sie und zugleich

das ganze Gebiet von Nordwest nach Südwest waren

von hier hervorragend sichtbar, vor allem von dem

unmittelbar an der Gemarkungsgrenze zu Reichelsheim

gelegenen Loehberg (auch Luh-, Loh- oder Lugberg genannt),

dieser kleinen Basaltkuppe nahe der „Bingenheimer

Mühle“, rechts der Straße von Reichelsheim in

Richtung Bingenheimer Kreuz. Hier stand auch logischerweise

ein römisches Kleinkastcll, ein Steinbau von

etwa 400 qm. „Die Höhe diente als Richtpunkt zum Abstecken

der Grenzlinie“ (s. „Die Römer in Hessen“,

Hrgb. Dietwulf Baatz und Fritz-Rudolf Hermann,

S. 408). Das Gemarktıngsgebiet des heutigen Reichelsheim

war damals also unmittelbares Grenzland, gelegen

im nördlichen Zipfel' des riesigen „Imperium Romanum“,

des römischen Weltreiches.

Es darf allerdings nicht angenommen werden, daß dieser

Grenzwall völlig undurchlässig war. „Passierstellen“,

vor allem bei den gut befestigten Kastellen, erlaubten

einen „Kleinen Grenzverkehr“. Sie führten aber auch

dazu, daß sich mancherorts beidseitig dieses Sehutzwalles

Ansiedlungen bildeten: Manche Fuhre Getreide mag

in das römische Gebiet gefahren, manche „wertvollen

Gebrauchsgüter“, wie Keramiken und Eisengerät, aber

auch Tuchwaren und Schmuck, mögen in das unbesetzte

germanische Gebiet zurückgetauscht worden sein. Der

eine oder andere junge Chatte, Cherusker oder Suebe

wird in Richtung Süden bei Eehzell, Florstadt oder Altenstadt

das Palisadentor des Limes durehschritten ha»

16

l \

Slrecfk cn_/`z`1`/'zrmrg des Limes: / Heucaetaeıu

Ec/:Zell - Lochbcrg - Lc'idhc*c_'/(cn ~

` óê Go

er

___

ı=ıEıcı~ıELsHEIM

¬-.pl

Ofst

0 + tkm

f ›»sı±,§›„°______ __________ J

GETTENAU

0-

ad

l

/

'fahr

o“,

pf

:l:!O`lHOH

_ l

ltl

H":

7 /f Forsthaus

\ _

,I

\

\

ı ıl

I__ 'r

\\\

KX

BQ

K|_- Ü

kastell

LEID

86°

ø

/af

8.10

BQD

t\\ CI

LM

sıssss

NGENHEıM

sí~_,._.'.í'--" Z1

0

90

910

92

ı


`

_

_

.. 1 _ .-1 _,`l

1 v ı_

I

'

`'

ben, um sich gegen gute Münze und verführerische Versprechungen

den „glorreichen“ römischen Legionen anzuschließen.__

Spc'itrr`›`mist:/ze Keramiken, Sr:/'a'i_s'_s'el und Kanne -

ge_fia'1_den in Reic/2eI.s'heim

(4. Ja/ırhanderrn. Chr. ) /Foto H. Haag

Innerhalb des römischen Herrschaftsgebictes, also

auch in der Wetterau, wurde zudem eine rege Siedlungspolitik

betrieben: Die Veteranen des Heeres erhielten

als eine Art „Pension“ zum Abschied oft Land nahe des

Limes übereignet_ Sie ließen sich nieder, bauten sich eine

„Villa rustica“, also ein landwirtschaftliches Anwesen,

bearbeiteten Wald, Wiesen und Felder (oder ließen sie

bearbeiten ~ Sklavenarbeit war in jener Zeit die Regel)

und versorgten damit sich und durch Abgaben oder

Überschüsse die Legionen in den Kastellen oder die Zivilisten

in den Städten des Imperium Romanum.

Daß die Felder und Wiesen des heutigen Reichelsheim

auch zur Ernährung der römischen Heerseharen beitrugen,

das ist sicher. Allerdings gibt aus jener Zeit keine

konkreten Funde. Wie schon an anderer Stelle ausgeführt:

Durch die intensive landwirtschaftliche Nutzung

der Felder über Jahrhunderte, _ja Jahrtausende hinweg

wurde vieles zerstört, wurde vieles dem heutigen Bestreben

nach Bewahrung der Zeugnisse der Vergangenheit

entzogen _

Doch vergessen wir nicht: Am südlichen Rand der Wetterau

lagen die bedeutenden römischen Siedlungen Nida

und Höchst; nicht viel weiter lag Mainz, die imposante Metropole

der Römer in Germania. Aber auch die vielen Kastelle

entlang de_s Limes über den Taunus, allen voran die

(als Rekonstruktion wieder zu bestaunende) Saalburg,

mußten aus der fruchtbaren Ebene zwischen Taunus und

Vogelsberg beliefert werden. I)ic Wetterau ınit ihren ertragreiehen

Wiesen und Felder war damit äußerst wichtig

für die römische Politik zur Sicherung des Nordens des

Weltreiches: Die vielen Römcrstraßen_ die noch heute

schnurgeradc unser Kreisgcbiet durchschneiden, verraten

dies _jcdem interessierten Betrachter.

fü'-av

_.; 1'- "'.'?"_››_¬_

..... _- ;>.-.','.:11f'."__"›--HH-= _ _ '*

'.5 iz _".-.'_...


1. c) Von den Römern zu den Franken

Woher die Bezeichnung „Römerberg“ in Reichelsheim

kommt, darüber gibt es verschiedene Geschichten

bzw. Deutungen. Manch einer bringt es gerne mit der

Tatsache zusammen, daß auf der Erhebung des Römerberges

das Rathaus steht, in welchem verwaltet, in welchem

in gewissem Umfang Orts- und Marktrecht beschlossen

und gesprochen wurde. Den Namen hätten die

Reichelsheimer von dem Rathaus im 40 Kilometer entfernten

Frankfurtam Main, genannt der „Römer“, übernommen.

Das mag sein, wenn auch die Frankfurter

selbst - aber auch Reichelsheimer - solche eine Möglichkeit

ausschließen. Wenn sie zuträfe, so fragen sich

viele, warum haben andere Orte aus dem Rhein-Main-

Gebiet ihr Rathaus nicht auch „Römer“ genannt?

Schön wäre es natürlich, wir könnten die Bezeichnung

für diese höchste Erhebung innerhalb des Altortes Reichelsheim,

von der man aus, denkt man sich alle Häuser

weg, die Horloffaue weit überblicken kann, mit historischen

Funden belegen, also mit Zeugnissen aus der römischen

Herrschaftszeit. Militärs, so weiß man allgemein,

suchen sich für Sieherungsposten gerne vergleichbare

geologische Erhebungen (s. auch auf` der anderen Seite

der Horloffaue den Luh- oder Lochbcrg).

Wenn man zudem bedenkt, daß die Echzeller Kirche

direkt auf römischen Bauten erstellt wurde und die Häuser

der Römer wohl als „Steinbruch“ für das christliche

Gotteshaus genutzt wurden - warum sollte Vergleichbares

nicht auch bei unserem Siedlungsflecken Fakt gewesen

sein. . '?

Zwar wird auf der Höhe des Römerberges eher eine

„VILLA RUSTICA“ gelegen sein als eine militärische

Wachanlage. „Für den Bau einer Hofanlage bevorzugten

die Römer die Hanglage an einer sonnigen Talseite,

möglichst über einem Wasserlauf gelegen. Zusätzliche

Brunnen stellten die Wasserversorgung sicher. Damit

stand eine höher gelegene trockene Zone für den Ackerbau

und eine feuchte Talzone für Weideland zur Verfügung.

_ _ Die meisten Siedlungsplätze lagen nach aktueller

Kartierung an einem Osthang.“ So schreibt Vera

Rupp, die Archäologin des Wetteraukreises, in ihrem

jüngst erschienenen Aufsatz: „Römische Landwirtschaft

in der Wetterau“ („Wcttcrauer Geschichtsblätter“,

Bd.4(), 1991, S.25l). Frau Dr. Rupp beschreibt dabei

zwar nicht den Sicdlungsstandort Reichelsheim zur Zeit

der Besetzung der Wetterau durch die römischen Legionen

- aber alles scheint darauf zu passen: Der Römerberg

hat Osthanglage, an seinem Fuß fließt die Horloff

1.

durch ein fruchtbares Weideland; wasserreiche Brunnen

gab es in frühere Zeit auch, und höher gelegene, also

„trockene“ Ackerflächen waren genügend vorhanden.

Doch konkrete Funde haben wir nieht. Was wir haben,

ist eine Bemerkung des Schriftstellers Georg Schäfer,

der in seinem 1898 verfaßten Heimatroman „Der wilden

Frauen Gestühl“ schrieb:

„Unmittelbar hinter der Reichelsheimer Kirche zieht

sich ein Häuserkomplex hinab, der den Namen Römerberg

führt. Wenn die Einwohner dort einen Keller graben,

einen Brunnen ausschachten oder ein Fundament

ausheben, fördern sie kostbare goldene Armringe, Nadeln

mit Edelsteinen besetzt, Goldmünzen und seltene

Urnen, alles von unschätzbarem Werthe zu Tage.“ G.

Schäfer machte in einer Fußnote (s. S. 2()()f.) den gezielten

Hinweis: „Historisch“, um die Aussage über das

Beschriebene wirklich glaubhaft erscheinen zu lassen.

Wie dem auch sei: Reichelsheims Gemarkungsgebiet

lag seit der Zeitenwende für über 250 Jahre in unmittelbarem

Grenzgebiet des römischen Imperiums zu den

Siedlungsgebieten verschiedener germanischer Stämme.

Aus der Chronik von Echzell („l2()0 Jahre Echzell“)

wissen wir, daß das dortige Kastell, das ca l()()(l Mann be-

|8


herbergte (davon 500 Reiter), mehrfach (zumindest

zweimal) zerstört wurde, einmal in der 2. Hälfte des

2. Jahrhunderts, wahrscheinlich in Zusammenhang mit

germanischen Angriffen, und einmal im Jahre 233 während

eines Alamanneneinfalls.

Die Angriffe, so wissen wir heute, richteten sich auch

gegen die Kastelle Oberflorstadt und Altenstadt. Das

Klcinkastell auf dem Lochbcrg bei unserem Ort wird

gewiß rıicht verschont geblieben sein - und damit auch

nicht die Menschen mit ihrem Hab und Gut, die in dem

damaligen Gebiet von Reichelsheim ihre Siedlungsstelle

hatten.

Die Römer konnten die drängenden Chatten und Alamannen

jeweils zurückdrängen - doch für unsere Region

kündeten die Angriffe einen historischen Wandel an:

nämlich den Rückzug der römischen Legionen und in deren

Folge auch den der römischen Siedler aus der

' : .,-

41 -

ef" 1-

ıı

" of

; ' . \ '

_. __ . _ '.

I _. _' I«

._: _,.__

_



Weckesheim) freigab, ein besonderes Indiz für die längere

Siedlungszeit der Alamannen in der Gemarkung des

heutigen Reichelsheim.

Da Friedhöfe in jener Zeit meist außerhalb des Siedlungsbereiches

lagen, kann darauf geschlossen werden,

daß iın Bereich des heutigen Ortskernes und/oder im Bereich

des Ortsteiles „lm alten Dorf“ vielleicht vor ca.

I600 Jahren Alamannen ihre Heimat hatten.

Fihe/ aus Brt›ftz_e um! (fürtelsrhmtl/e aus Eisen,

ge/:`t.mden in einem Mfittfrtergrrtlı in Reiche/_s'/rein:

(4. .lahrhmtc/ert) / Foto H. Hau_t,f

Gefäße aus einem Mahrtergrab bei Reit;'helshet`m

(4. Jahrhundert) / Foto H. Haag

Hartdge/ertigtes (Iejafß aus dem 4. _/ahrht.-mdert,

geftmden in Re1`c'helsheim / Foto H. Hr.tag

Die Alamannen, die kein festes Staats- und Verwaltungsgefüge

kannten, hatten auf dem Glauberg den Sitz

eines ihrer Kleinkönige. Aber sie waren zu locker organisiert,

und so kam auch das Ende ihrer Siedlungszeit in

der Wetterau nach der Niederlage gegen die Franken.

Von jenen wurden sie schließlich in das Gebiet südlich

der Neckarmündung verdrängt.

In Folge begann die prägende Zeit der aus dem Westen

vordrängenden Franken, beherrscht von dem Geschlecht

der l\/lerowinger und später der Karolinger. Mit

ihnen, mit den Franken, trat Reichelsheim auch an das

Licht der urkundlichen Existenz. Sie waren demnach die

„historischen Urväter“ des heutigen Reichelsheim, zumindest

aber die, die diesem Ort den Namen geben.

20


2. a) Die Franken - die Namensgeber von Reichelsheim

In den Jahren 496/497 n. Chr. besiegte der Frankenkönig

Chlodwig die Alamannen bei Zülpich (heute Kreis

Euskirchen in Nordrhein-Westfalen). 506 n. Chr. wird

der letzte Widerstand der Alamannen bei Straßburg

gebrochen.

Die Frankenkönige aus dem Adelshaus der Merowinger

wollten nicht nur Siedlungsgebiet für ihre Volksscharen,

wie dies bei den anderen germanischen Stämmen

oder Stammesverbänden meist der Fall war; die Frankenkönige

wollten herrschen, wollten ihr Herrschaftsgebiet

ausdehnen. Und sie waren erfolgreich, weil sie

eine funktionierende Verwaltung aufbauten, z. B. durch

einen von ihnen abhängigen Amts- bzw. Verdienstadel,

den sie geschickt einzusetzen wußten. Sie waren aber

auch deswegen erfolgreich, weil sie sich einen starken, in

Verwaltungsfragen kompetenten, weil durch das alte

Römische Reich geprägten Verbündeten suchten: die

christliche Kirche, die sehon damals recht straff vom

Bischof von Rom, dem Papst, geführt wurde.

Ein Jahr nach seinem Sieg über die Alamannen läßt

sich Chlodwig in Reims (im heutigen Frankreich gelegen)

von dem dortigen Bischof taufen. Dieser Vorgang

war kein privates Ereignis - diese sakrale Handlung

machte das Christentum zur fränkischen Staatsreligion!

Die Taufe Chlodwigs wurde für das Reich der Franken

und zugleich für die römische Kirche zum Grundstein

eines großen historischen Erfolges.

Die Ausbreitung des Christentums ging somit einher

mit der Ausbreitung des Frankenreiches. So kam auch

der christliche Glauben schon im 6. Jahrhundert in die

Wetterau. Die fränkischen Könige gaben die eroberten

Gebiete treuen und verdienstvollen Anhängern auf Lebenszeit

„zu Lehen“ oder sie verschenkten große Flächen

an Klöster und Kirchen, welche diese wiederum an

Repräsentanten des alten germanischen Adels oder an

treue fränkische „milites“ (Reiter bzw. Ritter), welche

der Kirche durch besondere Ergebenheit aufgefallen waren,

auf Lebenszeit zu Lehen. Damit gewannen Kirche

und Klöster diese Vertreter der weltlichen Macht endgültig

für den Glauben des Bischofs von Rom, demnach

für das Christentum. Weltlicher Adel und kirchliche

Führer wirkten also im Verbund: Damit konnte am sichersten

der alte Glauben und das Streben nach alter germanischer

Stammesherrschaft überwunden werden.

Bald hatten sich die Franken weit nach Hessen und

Thüringen (das heutige Osthessen war damals Teil Thüringens)

ausgebreitet. Systematisch betrieben sie den

Landesausbau. „Man siedelte meist am Fuß der randlichen

Hügel, über einem Wasserlauf gelegen“ (Vera

Rupp „Spätantike und Frühmittelalter in der Wetterau -

Eine Einführung“, in: „Wetterauer Geschichtsblätter“,

Bd. 40. S. 290). Weiter schreibt Vera Rupp in ihrer wissenschaftlichen

Abhandlung: „Viele fränkische Höfe

liegen offenbar unter heutigen Ortskernen und werden

somit nur in Ausnahmefällen entdeckt.. . In der Wetterau

sind bisher nur wenige Spuren fränkischer Siedlungen

zutage gekommen. Jedoch weisen Ortsnamen mit Endungen

wie -weil oder -heim auf frühfränkische Siedlungsgründungen

hin - z. B. Dortelweil, Petterweil oder

Reichelsheim; bei letztgenanntem Ort fand man einen

frühmittelalterlichen Friedhof.“

Auch in der Chronik unserer Naehbargemeinde Echzell

wird schon auf Reichelsheim als eine frühmittelalterliche,

also zunächst alamannische, dann fränkische Siedlung

hingewiesen: „Unter den benachbarten Königshöfen

in den Gemarkungen Berstadt, Bingenheim, Dauernhcim

und Reichelsheim können die frühmittelalterlichen

Funde besser als die jüngeren Schrifturkunden die

alamannische und seit dem 6. Jahrhundert die fränkische

Nachfolge des weithin agrarisch genutzten, bislang römi-

21


i

ihren

gi“

m

W _í

m

.em ui

í

í

m

_ı_ı-.

mi

í

í

ııxıı

í

m

i

í

W

íıııııı

L

i

í

W

m

----------------------._J

W

.===

===¦ UVÜIZIUIÜ 1 SQC

====

Beispiel einer ()rtsgri'incliing in kar0li`rigı`_s'ch.er Zeit,

hier Würzburg (entn. : E. Lehmann, „Za den

baulicher: Anfängen, der detitscheri Stadt“, S. 225)

schen Dekumatenlandes (_- „ Zehntlandes“, also altrömischf_*K

es olonialgebiet " f 'F in ' Deutschland) _ be zeugen“ * (W.

Jorns_ „ Zur Früh g fesch` _* ic h te von Echzell“ in: „l200Jahre

E

LI.

chzell , S. 22).

Wann Reichelsheim genau gegründet wurde?

Besser: Wann Reichelsheim _ zu einer fränkischen Siedlung

erhoben un

d darauf seinen ` Namen erhielt?

`

Hier bleiben Fragezeichen!

Wir wissen ledigrlic h , daß es wahrscheinlich _ im 6 . und

7. Jahrhundert fester Bestandteil des Frankenreiches

wurde.W`ie ob en schon angefuhrt, " pflegten die Franken

22

Siedlungen die Endung „-weil“ oder„-h eım“ ' anzuhangen.

Diese fügte

n sie ` entweder Namen von Sache n

_

oder von Personen an:

„Stein-heim“ oder „Holz-heim“

Eš _ __...--.\ bzw.: „Heuchel-heim“ (nach „huch'l io“, der Spötter)

\ „Weckes-heim“ (nach „Weggo“, der Schathirte)

Reichels-heim (nach „Richolf , im Mittelalter

= a ii

i

ii

_ ííimmum

ı

ein bel' iebter Mannername, *` in ` der Bedeutung.

ıııııııı \`

ii

í_mıııiı

„Der treu zum Reich steht“).

_--,_-í- tııiıı ›

i ııııfli'-"_

'I

ıiıiı

i ii

I

Wahrscheinlich wurde einem verdienten Franken unsere

Ansiedlung zur Verwaltung und Nutzung gegeben.

i I

immn

ı

ııi

ı

m ı

ıı_iı

I

um iníıiàıı

ı

Da Historiker wie W. Jorns (s. o.) vom Bestehen eines

í

„fränkischen Königshofes“ in Reichelsheim ausgehen

(entweder im Bereich des Ortsbereiches „Im alten Dorf“

dessen Flurbezeichnung bis in das 18. Jahrhundert vielsagend

„Auf dem alten Dorf“ lautete) oder im Bereich des

Römerberges - oder vielleicht auch beides'?), so haben

wir durch diese Bezeichnung die Aussage darüber, daß

einem „Richolf“ vom König der Franken dieser Siedlungsflecken

zu Lehen gegeben worden war, nicht von

der Kirche oder von einem Kloster. Da sich ab dem

8. Jahrhundert aus dem fränkischen Verdienstadel der

Geburtsadel entwickelte - die Könige wurden wegen der

zunehmenden Größe ihres Reiches immer abhängiger von

der militärischen Adelsschicht, also den Rittern und den

Grafen -, wurde der Name des ursprünglich Beschenkten

häufig zum Kern des heute noch existenten Ortsnamens.

Daß die Rö mer ihre ' Siedlungsplatze ` " meist _ an „ e' ınem

Osthang“ errichteten, „an einer sonnigen Talseite, möglichst

über e' inem Wasserlauf ' ` gelegen“ (s _ Vera' Rupp in

ihrem schon genannten Aufsatz „Römische Landwirtschaft

in d er Wetterau“ in ` „ Wetterauer Gesich' ichtsblät-

ter“,Bd.40,S.25l),d' as' wurde schon ¬ im ` vorherigen ` Ka-

dargestellt. Daß die Alamannen sich in der Regel al-

pitel

te römische Siedlungspl"

atze aussuchten, auch das wurde


schon gesagt. Und von den Franken haben wir historisch

belegte Siedluiigsbcispiele. die genau auf Reichelsheim

zu übertragen sind und die die historische Siedlungsabfolge

von den Römern zu den Alamannen zu den Franken

zu beweisen scheinen. ln seinem Aufsatz „Zu den

baulichen Anfängen der deutschen Stadt“ gibt er u. a.

eine Plaiiskizze von Würzburg aus der karolingischen

Zeit, der Zeit, in der auch Reichelsheim als Teil des

Herrscliaftsbereichs der Franken „historisch“, also urkundlich,

das Licht der Welt erblickte (s. nebenstehende

Skizze).

Reichelsheim ~ als „Richolfcsheim“ ~ gehörte als südlicher

Zipfel mit den umliegenden Orten zu dem Gau

„Wetereiba“, also der Wetterau, das die Frankenkönige

schon recht früh dem Bonifatius-Klostei' Fulda gcsclienkt

hatten. Vor allem die Dörfer Berstadt, Echzell,

Dauernhcim, Heuchelheim und Reichelsheim gehörten

zu der „Fuldischen Mark“. Die Grafen und Fürsten zu

Nassau, welche von 1416 Besitzantcile an Reichelsheim

durch Tausch erwarben, mußten bis zum Ende des 18.

Jahrhunderts, also bis zur Auflösung der kirchlichen Fürstentümer

durch den Einfluß Napoleons, jeweils bei ihrem

Regierungsantritt die Verlängerung des Lehens des

halben Ortes Reichelsheim erbitten - was ihnen auch jeweils

gewährt wurde, nachdem sie sich l423 die dem Bistum

Fulda gehörende Hälfte unseres Ortes als „Erblehen“

crkauft hatten (s. hierzu in folgenden Kapiteln die

entsprechenden Urkunden und Textausführungen).

Durch die Vergabe der Orte in der „Mark“ durch das

besitzende Kloster Fulda an Grafen und Ritter der Region

als „Lehen“ ergab sich die Notwendigkeit von Vertragsabschlüssen.

Solche waren auch notwendig, wenn

Ritter und Grafen der Gegend im Streit miteinander lagen.

Zur Klärung der Streitfälle wurden angesehene

Zeugen unter den Staiideskollegen gesucht. Diese Zeugen

wurden in den Verträgen und Akten dann mit dem

Zusatz, aus welchem Ort sie herstammten, benannt.

Damit tauchen für die Zeit von 750 bis 900 n. Chr., in

der sich - wie ausgeführt - im Frankenrcich aus dem

Amts- bzw. Verdienstadel der Geburtsadel entwickelte,

oft erstmals die Namen der timlicgenden Ortschaften

auf. Denn durch die Veränderungen im Standesrccht

kam es nun darauf an, den einst vom König oder von

einem Kloster erhaltenen Besitz auch für die nach folgenden

Generationen unstreitig abzusichern.

Wenn ein Ort „Glück“ hatte, daß ein solches altes

Schriftstück, das seinen Namen auffülirte, erhalten geblieben

ist, so feierte er bereits seinen I200. (ieburtstag

oder seinen llll. Geburtstag oder was auch immer.

Wenn ein Ort nicht dieses „arcliivarisclie Glück“ hatte,

so tauchte sein Naınc erst viel später auf, vielleicht in der

Zeit des Raubrittei'tuirıs (wie dies z. B. bei Heuchelheim

der Fall war) - und feiert deswegen in unseren .Iahren

erst sein 750. Wiegenfest! Reichelsheim, dieser beschaulich

an der Horlol`f gelegene Ort, der schon vor den Franken

für viele Mcnschengeiierationen unterschiedliclistei'

Volkszugehörigkeit Heimat war - dieses Reichelslıeim

findet - nach Meinung der Forscher - seine erste urkundliche

Erwähnung 8l7 ii. Chr. Konkret: Vor ll75 .Iahren

tauchte der Name „Rieholfesheim“ erstmals in einer

Urkunde auf.

Es gibt zwar auch abweichende Angaben zur ersten urkundlichen

Nennung unseres Ortes; so geben manche

Ouellenforscher andere Jahreszahlen an: 718, 847 oder

gar 852. _ _

Das Hessische Staatsarchiv Marburg teilte I967 dem

Magistrat der Stadt Reichelsheim folgendes mit: „Ein

ansehnlicher Teil der ehemals sehr reichen Überlieferung

der Reichsabtei Fulda ist im Laufe der Jahrhunderte

seit der Reformation in Verlust geraten.“

23


Da also viele Urkunden heute nicht mehr

existent sind, soll es bei 817 gemäß der schriftlichen

Aufzeichnungen des Reichelsheimer

Pfarrers Friedrich Frankenfeld bleiben, der

sich 1849, also vor ca. 150 Jahren als erster die

Mühe machte, die alten Unterlagen über Reichelsheim

zu durchleuchten, um Licht in die

Vergangenheit seines Amtsortes zu bringen.

Er schrieb (s. S. 87 der Pfarrchronik):

„Reiche1sheim, früher Richolfesheim und

Richolfheim genannt, soll im Jahre 817, wo

Kaiser Ludwig der Fromme 187 Mansen

(1 Manse umfaßte 30 Morgen Ackerland oder

1 Hube. Das Wort kommt von ,manere` und

entspricht dem deutschen ,heim` = Hofstclle,

Siedlungsstelle) in Bingen heim und „Echecila“

im Gau „Wettereiba“ (= Wetterau) gegen andere

Güter aii die Abtei Fulda vertauschte,

auch unterjenen 187 Mansen mitbegriffen gcwesen

und also auch unter die Abtei Fulda gekommen

sein.“

Pfarrer Fran kenfeld schrieb weiter:

„Gewiß ist es, daß es eine geraume Zeit

dem Abt von Fulda gehörte und daß der Abt

Hatto von Fulda im Jahre 852 „ad portam monasteru

fuldensis“ oder zur Unterstützung der

Armen viele Güter unter anderm auch in

,Echecila“ und in ,Richolfesheim“ verschenkte...“

är

' ' _

§14

. , Q /

W 'lffiı-""., _ brrwz i

;„wııs&em«ywm4flfw .

K

J `

cfitfiıldıııfg abíiiíàd _ s*

31,: íaqadwummømfquç vnflms.

p0Äıımarııflu°í1f`åldci11`ı1Zınbonm*ví5ßonifiıcu `**^fiff¬1'f .

lxxv- _

4«-øñ-ıgmmiøí 0fimI¦l7pmıpct':vpvfi14 -Ws ›:_

cıpıaülwëñrvífrffifimvmvåíwnêndıtıucr

lmbw°ø'imıpı=`nm«'4vcíí4fl&vr1I2ıwøuu;pflıf#ñmıe:

ımtfëagfi. Qui awflioní' í5d:iél~"@1ca1›an:ıci'uo¬„_ _ ~

ı


2. b) Das Mittelalter

Die Herren von Münzenberg, das mächtigste Rittergeschlecht

in der Wetterau, wurden als erste mit einer Hälfte

des Ortes Reichelsheim belehnt, also mit dem Anspruch

auf Abgaben der Arbeitserträge der hier lebenden

Menschen. Dies war im Jahre 852, das Jahr. das

manche Ouellenforscher als das eigentliche „Geburtsjahr“

von Reichelsheim betrachten. Die Münzenberger

hatten zu jener Zeit einen mächtigen Einfluß. Viele Orte

gaben sie niedergestellteren Rittern („milites“) zu Lehen.

also zum Nutzen und zugleich zur Verwaltung, und

dies auf Lebenszeit.

Das Kloster Fulda versorgte somit nur noch eine Hälfte

des Orts, bzw. bekam nur noch aus einer Hälfte direkt

Einkünfte. Über die andere Hälfte, die sie als Lehen vergeben

hatte, erhielt sie erst wieder Verfügungsreeht -

und damit aus ihr meist auch Geld - nach dem Tode dessen.

der es zu Lehen bekommen hatte. Denn „frei“ waren

die Bewohner des Ortes Reichelsheim nicht. Sie waren

hörig und blieben es, mit Einschränkungen, bis in das

19. Jahrhundert hinein!

Mit dem Verfall des Hauses Münzenberg - die männliche

Linie starb mit dem Tode von Ulrich ll. im Jahre

1255 aus - begann der Aufstieg der Herren von Falkenstein.

Der damalige Herr von Falkenstein, verheiratet

mit einer Schwester von Ulrich II., dem erwähnten Herren

zu Münzenberg. übernahm das Lehen mit Genehmigung

des amtierenden Bischofs von Fulda. Philipp von

Falkenstein der Ältere wurde am 8. Februar 1303 mit

dem Burglehen zu Bingenheim belehnt, oder anders ausgedrückt:

In jenem Jahr verpfändete der Abt Heinrich

von Fulda die Fuldische Mark mit dem zentralen Sitz

Bingenheim an Philipp den Älteren von Falkenstein.

Da die Zeiten unruhig waren - das Raubrittertum trieb

sein Unwesen in allen Teilen Deutschlands - und dabei

manche Orte geplündert wurden (der injener Zeit lebenııflı

MW '

*'-

šlí

ñ_

läll1 .,

//lil t`rr

Që\

,. Lahmer Bettler“

(Aus: „Betrler, Gaımer und Prrı/efcıı“'. )

de Dichter Walther von der Vogelweide sprach in einem

seiner bekanntesten Gedichte auch von „Schlim men Zeiten“),

wurde von dem geistlichen und weltlichen Adel

öfters versucht. die durch Raub, Brandschatzung und

Krieg entstandenen Mindereinnahmen durch Verpfändungen

ganzer Orte oder Marken auszugleichen. Manches

Mal wurden sogar ganze Ortschaften verkauft, was

einen Besitzerwechsel zur Folge hatte. In solchen Fällen

wurden in einer Urkunde die „Unterthanen“ aus ihrem

_

25


Gehorsam gegenüber dem bisherigen Besitzer entlassen

und zugleich verpflichtet, den neuen Herrschaften zu

huldigen und in Zukunft treu und ergeben zu dienen. . .

Noch ein weiterer Grund, und zwar ein sehr wichtiger

Grund sei hier für die vielen Besitzerwechsel der Herrschaften

in der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts erwähnt:

Es war die große Pest!

Allein in Deutschland raffte sie zwischen 1348 und

1352 schätzungsweise 30% der Bevölkerung hinweg!

Manche Orte waren fürchterlich betroffen, manch andere,

vor allem die ländlichen, weniger. Wie diese Pest in

Reichelsheim gewütet hat, das wissen wir aus keiner

Quelle. Nur eines weiß die Geschichtswissenschaft:

K e i n Dorf, kein „Flecken“ blieb in Deutschland verschont!

Schrecklich muß es gewesen sein: Der Tod als der tägliche

Gesell in den Gassen des heimischen Ortes. _ .

Schrecklich muß es auch gewesen sein, weil Menschen

aus anderen Orten, vor allem aus den engen Städten, die

auf der Suche nach einem sicheren Unterschlupf waren,

herumvagabundierten, völlig entwurzelt, nur von Bettelei

und -wenn nichts anderes half- von Diebstahl lebten.

Die Mächtigen jener Zeit reagierten und richteten in

nahezu jedem Ort ein eigenes Gericht ein, bestehend aus

gewählten Schöffen, den angesehenen Mitbürgern des

jeweiligen Ortes. So auch für Reichelsheim: 1354, zwei

Jahre nach Abklingen der Pest, wird Reichelsheim erstmals

in den Urkunden als „Dorf und Gericht Reichelsheim

genannt. Dieses Schöffengericht mußte mindestens

dreimal im Jahr zusammentreten, um dreimal im

Jahr als ruhender Pol das Ortsschicksal mitzubestimmen.

Für Reichelsheim gab es ca. 100 Jahre nach der Besitznahme

durch die Falkensteiner den entscheidenden

Wechsel für die zukünftige Entwicklung. Auch hier war

das Aussterben der männlichen Linie der Auslöser: 1416

tauschte Graf Philipp I. von Nassau-Weilburg „gegen

Hingabe seines Anteiles am Gericht Gambach die Hälfte

des Dorfes und Gerichts Reichelsheim“ von dem Erzbischof

Werner von Trier (der der letzte Sproß aus dem

Hause Falkenstein war).

Die Grafen von Nassau waren ein aufstrebendes

Adelshaus in jener Zeit, das sich - ausgehend von kleinen

Besitzungen im Unterlahngebiet - im 11. Jahrhundert

durch zielbewußte Erwerbspolitik im Raum des

Taunus und des Westerwaldes zwischen Main, Mittelrhein,

Sieg und Wetterau ausgeweitet hatte. Ihren Machthöhepunkt

hatten sie im 13. Jahrhundert in der Zeit der

Staufer-Kaiser. Durch den 1255 vorgenommenen Teilungsvertrag

kam es zu einer Nord-Süd-Teilung der

Grafschaft: Die sog. Walram-Linie erhielt die Besitzungen

um Wiesbaden, Idstein und Weilburg, wozu dann

später auch die Besitzungen in der Wetterau gehörten.

Auch nach der Teilung versuchten die Grafen von

Nassau-Weilburg ihre Macht zu stärken, im 14. Jahrhundert

vor allem auch dadurch, daß sie, die Konkurrenten

der Macht im Rhein-Main-Gebiet zu den Landgrafen

von Hessen-Darmstadt, bestrebt waren, einen ihrer Familienangehörigen

zum regierenden Bischof des Erzbistums

Mainz wählen zu lassen. Sie gewannen dadurch

zwar nicht nur Freunde, vor allem nicht hier in der Wetterau,

deren Ritter und Grafen Angst vor einer mainzisch-nassauischen

Übermacht hatten und ihre Selbständigkeit-

auch die in ihren Raubzügen ! -in Gefahr sahen.

Die Wetterauer Ritterschaft nahm z. T. Partei zugunsten

des hessischen Landgrafen, was in dem langjährigen hessisch-mainzischen

Krieg zu Plünderungen vieler Orte in

unserer Region führte.

Wie geschickt die Grafen von Nassau in jener Zeit ihre

Machtpolitik betrieben, macht die Tatsache deutlich,

daß es ihnen genau in jener Zeit gelang, vom Kaiser des

26


„Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation“ den

Titel „Landvogt der Wetterau“ zu erhalten.

Mit einem neuen „Landfrieden“ wollte König Ruprecht

1405 die Wetterau befrieden, nachdem er, unterstützt

von dem „Landvogt der Wetterau“ einen umfassenden

Strafzug gegen aufmüpfige Ritterburgen (z. B.

Lindheim, Hüttengesäß, Karben) durchgeführt hatte.

Doch cler Friede kehrte erst später ein, nachdem die Besitzverhältnisse

in der Wetterau neu geordnet waren.

Der oben erwähnte Tausch, durch den der Graf Philipp

I. 1416 in den Besitz der halben Gemarkung von Reichelsheim

kam, lag in der Politik des Hauses Nassau begründet,

hier in der fruchtbaren Wetterau nicht nur kurzzeitig

gültige Titel, sondern vererbbaren Besitz zu kontrollieren.

Dies wird darin deutlich, daß wenige Jahre

später, 1420, der Abt Johannes von Fulda die andere

Hälfte unseres Ortes zusammen mit anderen Besitzungen

in der „Fuldischen Mark“ für 18000 Gulden an das

Haus Nassau verpfändete. 1423 wurde diese Pfändung in

einen Erbkauf umgewandelt, was zwar den Preis nachträglich

auf23 500 Gulden erhöhte, was aber den Nassauern

garantierte, auch für zukünftige Generationen diese

Besitzungen als Lehen beanspruchen zu können - ohne

bei jedem Generationswechsel in der Regentschaft des

Hauses Nassau Angst vor Verlust dieser „Kornkammer

der Nassauischen Herrschaft“ haben zu müssen.

Zusammen mit dem Landgrafen von Hessen-Darmstadt,

der über die andere Hälfte der „Fuldischen Mark“

verfügte, bestimmten von nun ab die Nassauer die Geschicke

dieser Region. Sie, die „Grafen von Nassau und

Saarbrücken“, wie sie sich seit dem Erbe der Grafschaft

Saarbrücken im Jahre 1381 offiziell nannten, waren zunächst

auch die stolzen Herren der für diese Gegend

wichtigen „Wasserburg“ in Bingenheim, die Sitz der

Verwaltung und des Gerichtes der gesamt Fuldischen

Mark war. Vielleicht durch die Tatsache, daß sie Bingenheim

und Echzell sowie andere Orte dieser Gegend nicht

allein besaßen, sondern diese wie gesagt mit dem ungeliebten

Landgraf von Hessen-Darmstadt teilen mußten,

mag dazu geführt haben, daß sie statt Bingenheim, das

immerhin eine schloßartige Burg sein Eigen nennen

konnte, Reichelsheim befestigen ließen, und diesem

„Flecken“, der wie dargestellt erst seit 1354 über ein eigenes

Schöffengericht verfügte, schließlich die Stadtrechte

besorgten.

Für Bingenheim wäre letzteres gewiß viel leichter

beim Kaiser zu erreichen gewesen, denn schließlich hatte

Kaiser Karl IV. bereits 1357 dem damaligen Abt Heinrich

von Fulda „das Recht verliehen, vor seiner Burg

Bingenheim eine Stadt aufzurichten, zu befestigen und

einen Wochenmarkt durchzuführen. Dieses Privileg

konnte jedoch nicht verwirklicht werden“, schreibt Rudolf

Kießling in „l200 Jahre Echzell“ (s. S. 89), „da die

erforderlichen Voraussetzungen nicht gegeben waren“.

Die Grafen von Nassau und Saarbrücken begannen für

ihren neuen Besitz, den „Flecken Reichelsheim“, allerdings

sehr schnell die erforderlichen Voraussetzungen

zur Erlangung der Stadtrechte zu schaffen:

_`ı$,/'§/

.1 L Iıı

ılm *

0:

f,/v/iv//J? .' ılu : _-_-_-_.____ 7,0/ ı,

I 4|« - _ _. `


Kaum im nassauischen Besitz, wurde fast das ganze

Gemarkungsgebiet von Reichelsheim von einer „Landwehr“

umgrenzt. also von einem aufgeschütteten Wall,

der beidseitig von einem Graben (z. T. mit Wasser gefüllt)

begleitet war.

Auf dem Wall war (gemäß einer alten germanischen

Sitte) eine dichte Hecke aus „gebückten Hainbuchen-

Sträuchern“ („gebückt“ bedeutet, daß die Äste immer

wieder nach unten mit den anderen verflochten wurden,

so daß dadurch im Laufe der Zeit eine nahezu undurchdringliche

Pflanzcnwand entstand). Der Wall mit gefluteten

Gräben und Hecke war nur an wenigen Stellen geöffnet.

Ein Passieren dieser Öffnungen konnte im Falle

von Gefahr durch Einziehen der Stege über den Gräben

wesentlich erschwert werden.

Nur am Ortenberg (Weidgraben), dessen feuchte Wiesen

die Grenze zu Weckesheim und Heuchelheim darstellte

(der heutige Weid- oder Ortenberggraben wurde

erst später gezogen und bildet seither die Gemarkungsgrenze

- s. hierzu: „Heuchelheim - Einblicke in die

Geschichte“, S. 96 f.) sowie am damals bestehenden

„Schiedbach“ zu Leidhecken hin gab es keine Landwehr;

die am Ortenberg gelegenen Wiesen waren zujener Zeit

noch von den Bauern der drei Orte gemeinsam genutzter

Weidegrund.

Wenig später, also noch im 15. Jahrhundert, wurde

den Reichelsheimer Bürgern der Befehl zur Errichtung

einer gemauerten Befestigung mit Wehrtürmen rund um

den Flecken erteilt. Welch eine Arbeit wurde den Bauern

und Handwerkern hier aufgebürdet! Die noch stehenden

drei Türme und die Reste der Mauer am Friedhof/

Haingasse bzw. am „Hexenturm“ / Turmgasse lassen

ein wenig von dem Schweiß erahnen, der damals geflossen

sein muß.

Reichelsheim erhielt in diesem 15. Jahrhundert das

Aussehen, das es bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts,

also über die Zeitdauer von 400 Jahren, fast unverändert

behalten sollte.

Doch um Reichelsheim in seiner Bedeutung zu stärken,

um sein An- und Aussehen zu verbessern, mußte an

zentralem Platze dieses Ortes noch eine größere Kirche

errichtet werden. Und so geschah es.

Karte von Reichelsheim mit Umgebung

Lartdwe/'tr (1761)

28



____„_

r

I

§1'

l

_

I

.

` .

.I

gg!-f' Ãıı«vflll*

;...;am=a.. _

. ..›

_'- "i

Jšifíífft“ 1

rf-.ti

in

Univ Ffıån

ıflfifi

_-_-

4«- .›*}-~ı

)../„S-«

Q.

Ü..

r

:_

xiaflsfisäa _ »- `.-~='»f

""'/"

>- 4

- 2 'Met *"°< m

ııı

ı

.

0__.._-_..

ı-1.-._

u

_...¬-¬

i«"i

ı...

ı 1. rf. E ».._

ııırıııııııııııııııııı M 4. ...-. lñlfifıfl

-¬-___

il

uf,

gn lu lfıf

.§3 ..;§;_f s.;;';7ı

ı-» nıiıl nt'

4: ıålwlfk .E ff; nrılııå

í_,.pıí._,_

051:' J7n(r_

1.,; gro. Äıluw.

fíifı. 5-'git 9

_

ea

2'. ___

_-..,...

f;':2'0„}{ -rx

.9¬`

I

14,), Z' .1

...--_„_

›.? ._

_,___?

ir .iz.ı'

I›' u

*vn

gfivıırrlflı

"-9*.

Ü _“`_"` ` 5J

åßfåj fjf ,___

_

\

Ã-flflß

I _ ,

JM; Lrßflıvšlfl -

____¬_

3„

in 2-i'

«.›i»Iv_~ "f

K ~

'J1'1:ic.r


2. c) Die Kirche -für Reichelsheim das Symbol einer neuen Epoche

Sollte der Bau der Landwehr rund um das Gemarkungsgebiet

sowie die Ummauerung den Wohnbereich

nach außen hin „erstarkt“ aussehen lassen, so wurde

durch den Abschluß des Baus der Kirche im Jahre 1485

auch nach innen hin ein deutliches Zeichen gesetzt.

Doch schon 60 Jahre vor der angenommenen Fertigstellung

der Kirche zeigte sich ein bedeutender Wandel,

auf den eine Urkunde aufmerksam macht: Gilbracht Lebe

(Löw) von Steinfurt, Besitzer und Lehensnehmer

mehrerer Hubcn (Hufen = Anwesen) in Reichelsheim

und ausgestattet mit gewissen Einflußrechten auch über

diesen Ort (die Herren von Steinfurt waren zu jener Zeit

unter der Wetterauer Ritterschaft eine einflußreiche Familie)

wirkten hier wahrscheinlich in diesen entscheidenden

Jahren als Verwalter der Nassauer.

Gilbracht läßt in der Urkunde vom 20. Dezember 1439

folgendes festschreiben:

„Ich, Gilbracht Lebe von Steynfurt bekerıne vor mich

und meyn erben, in diesem brieffe, daz ich geluhen han

und gegeben der kirchcn zu Richelßheyn zu ewigen tagen

den gyerß czehcnden (= den Großen Zelınten) in Blafelder

gericht und termenye geleigen (= in Blofelder Gemarkung

gelegen) mit wißcn eyns abtcs von Folde umb

Gottes und umb unser lieben Frauwen wiln und han angeseyhen

notorffligkeyt eyns pferners zu Richelßheyn,

daß hey sich gebruchen sal zu ewigen tagen, als vor geschriben

stet; des zu eyme waren geczugniß so han ich

Gilbracht Lebe meyn ingcsigel unden an disen briff gehangen.“

(Entnommen: Helmut Schütz, „Ein Blick ins

Reichelsheimer Pfarrarchiv“, in: „500 Jahre Kirche Reichelsheim“,

S. 83).

Vieles sagt diese Urkunde aus:

- Die Schenkung konnte nur mit Genehmigung des

Abtes von Fulda geschehen;

- Die Schenkung bezieht sich auf Acker, die in der Blofelder

Gemarkung liegen. Die Blofelder Bauern

mußten für diese Acker den „Großen Zehnten“, also

den zehnten Teil des dort Geernteten, an den Reichelsheimer

Pfarrer abgeben;

- Die Reichelsheimer konnten sich damit einen „eigenen“

Pfarrer leisten;

- Die Reichelsheimer Kirche erhielt damit Eigenständigkeit,

war somit nicht weiterhin „Tochterkirche“

einer anderen Kirche (Echzell);

- Die Selbständigkeit Reichelsheims von anderen Gemeinden

war damit für die Offentlichleit der ganzen

Region Tatsache.

(Anmerkung: Nach späteren Aufzeichnungen hatte der

Reichelsheimer Pfarrer „in 3 Felder und in gewissen ,Distrieten“

mit dem Pfarrer zu Dauernheim den Fruchtzehnten

dergestalt zu erheben, daß der Reichelsheimer

Pfarrer 2/3 und der Pfarrer zu Dauernheim il/3 bezog. -

Vergl. hierzu Kirchenchronik, S. 146).

Über die Ordnung des Kirchwesens bis zu diesem Zeitpunkt

schrieb Pfarrer Frankenfeld vor ca. 150 Jahren in

der Pfarrchronik (s. S. 90 f.):

„Über die Entstehung der heutigen Kirche und Pfarrei

konnten von mir keine Urkunden vorgefunden werden.

Den Namen Pfarreien oder Pastoreien führten im 14.

Jahrhundert gewöhnlich die Mutterkirehen, mit welchen

mehrere Filialen in näherer oder entfernterer Verbindung

standen.. . An der Mutterkirche waren meist außer

dem Pfarrherrn oder Pastor noch Amterpfarrer, Plebane

genannt, oft auch Caplane angestellt. Filialorte, welche

später eigene Kirchen oder Capellen gründeten, erhielten

alsdann eigene Plebane oder Caplane (welchen letzteren

gewöhnlich das Schulamt mit übertragen wurde),

ohne daß dadurch der Filialnexus (nexus= Verbindung)

30


f

und Abhängigkeit der Tochterkirche von der Mutterkirche

gänzlich aufgegeben wurde.

In der sogenannten Fuldaer Mark befanden sich drei

Mutterkirchen oder Pastoreien, nämlich zu Echzell, zu

Dauernhcim und zu Berstadt, welche sämtlich früher

zum Kloster Fulda gehörten. Zur Pfarrei Echzell, welche

eine Pfarrkirche mit einem Pastor und einem Pleben besaß,

gehörten 1. und 2. die Capellen Bisses und Gettenau,

3. die mit einem Pleben versehene Kirche zu Reichelsheim,

bezüglich der Senden (= kirchliche Gerichte

und Visitationen, welche zur ,Erforschung des kirchlichen,

religiösen und sittlichen Zustandes der Gemeinde

von den Bischöfen und Arehidiaconen oder auch Pastoren

durchgeführt wurden“), 4. die Capelle zu Bingenheim,

5. die Kirche zu Grundschwalheim mit einem eigenen

Pleben.“

Reichelsheim gehörte also im H_ochmittelalter kirchlich

zu Echzell. Dies bestätigt auch eine Quelle aus dem

Jahre 1030, die in dem Buch „1200 Echzell“ von Waldemar

.Küther (s. S. 73) erwähnt wird.

Mit der Schenkung des „Großen Zehnten“ durch Gilbracht

Lebe von Steinfurt im Jahre 1439 war Reichelsheim

Sitz einer eigenständigen Kirche geworden, also

dem Stand einer „Filialkirche“ entwachsen. Die „Erforschung

des kirchlichen, religiösen und sittlichen Zustandes

der Gemeinde“ ging nunmehr nur noch den Reichelsheimer

Pfarrer und den ihm übergeordneten Bischof

etwas an. Visitationen gab es in Reichelsheim jährlich

mindestens einmal.. _

Wie die frühere Reichelsheimer Kapelle ausgesehen

haben mag, das wissen wir nicht. Wir wissen nur, daß sie

dort stand, wo auch die heutige Kirche ihren Platz hat,

nämlich auf der Höhe des Römerberges, dort, wovon

man den besten Ein- und Überblick über das Ortsgeschehen

hatte und hat.

.›._.μ.ı-ıdfll'

.._

.._ 1'

__

*--ma ,.,.

Zeichnung der Reichelsheimer Kirche

von C. Bronner, um 1890

(entn. : R. Adamy, Kunstdenkmäler

im Großherzogtum Hessen, 1895)

14'

êl

-"U-ııııí

.oo

.__;_._“__

Karl Heinz Doll, ein Hanauer Architekt, machte in

seiner „Anmerkung zur Baugeschichte der ev. Pfarrkirche

Reichelsheim (Wetterau)“ (s. Festschrift von 1985

„500 Jahre Kirche Reichelsheim“, s. S.61ff.) folgende

Ausführungen:

fi

.μg-ııf

àııμ

31


„Nach einer frühen, vermuteten Kirch aus dem 9.

Jahrhundert ist anzunehmen, daß als Vorgängerkirche

der jetzigen eine romanische Kirche, kleineren Ausmaßes,

bestanden haben muß. Im Zuge der Außenisolierung

des Fundamentmauerwerks fanden sich in dem

Ausschachtungsgraben keine Mauerteile in der Erde.

Ein Hinweisjedoch dürfte eine Mauerwerkfuge im Westfundament

des nördlichen Seitenschiffes sein, die sich etwa

1,20 m von der nördlichen Turmwand nach Norden

hin zeigt. Sie deutet darauf hin, daß sich hier die Nordwestecke

einer kleineren, schmaleren Kirche abzeichnet..

Wann mit dem Neubau der Kirche begonnen wurde,

ist nicht exakt festzustellen:

„Die Erweiterung der Kirchengebäude haben verschiedene

Gründe. Vorwicgend ist es das Wachstum der

Gemeinde. Dann ist die Gestaltung des Gottesdienstes,

die Liturgie, Grund für die Vergrößerung, besonders des

Chores. Auch politische, bzw. landesherrschaftliche Zugehörigkeiten

und Gebietserweiterungen können eine

Rolle spielen.. _ Es ist denkbar, daß mit der Übernahme

Reichelsheims 1416 und 1423 an Philipp I. von Nassau-

Weilburg der Beginn des Um- und Erweiterungsbaues

der St. Laurentiuskirche begann. Es ist jedoch möglich,

daß ein früherer Baubeginn im 14. Jhdt. angenommen

werden kann“ (K. H. Doll, a. a. O., S. 63 f.).

Möglicherweise wurde wirklich bereits im 14. Jahrhundert

mit dem Neubau einer Kirche in Reichelsheim

begonnen. Daß es in jenem Jahrhundert Veränderungen

in und vielleicht auch außerhalb der Kirchen-Kapelle gegeben

hat, ist daraus abzulesen, daß in alten Urkunden

aus dem Jahre 1336 eine Altarstiftung für Reichelsheim

erwähnt wird. Ein Jahr später bestätigt der Mainzer Bischof

Heinrich einen neuen Altar in der Tochterkirche zu

Reichelsheim. Da oft nach großen Seuchen von den

Überlebenden der Beschluß zu kirchenbaulichen Maßnahmen

getroffen wurde, ist allgemein bekannt. Deswegen

ist nicht auszuschließen, daß bald nach der „Großen

Pest“, die zwischen 1348 und 1352 in ganz Europa tobte,

mit der Planung einer neuen Kirche, einer prächtigeren

Kirche begonnen worden ist. Leider fehlen in den Archiven

hierzu Bestätigungen.

Vielleicht war es dies alles zusammen, was den Grafen

Philipp I. von Nassau auf Reichelsheim aufmerksam

machte, was in ihm den Gedanken aufkommen ließ:

„Aus diesem Flecken in der fruchtbaren Wetterau läßt

sich etwas machenl“ und sich deswegen hier - wie man

.if

Ev. Kirche im Längsschn.itt

(„500 J. R'hm“, S. 61)

1 iii- ___ _ ._...__,__llll A lllllllllllllllllllllt

lv-l¦l-I

ıılı›ılılıııl_lıttl\\_

1 š"""""ÃlffÄÄ__t'_*!l!!llll_

šëä

_K,

:.›..a..-

iii; -


heute sagt - „einbrachte“. Der Bau der Landwehr um die

Gemarkung, die Befestigung des „Fleekens“ Reichelsheim

durch Mauern und Türme scheinen diese Vermutung

zu bestätigen.

Der Bauplan der Kirche, wie er dann als dreistufige

spätgotische Basilika mit Kreuzgewölbe realisiert wurde,

zeigt aufjeden Fall die Einheitlichkeit des Gesamtkonzeptes

der Nassauer für die spätere „Stadt“ Reichelsheim:

- Die Landwehr um die Gesamtgemarkung als Schutz

der zu Reichelsheim gehörenden Acker und Wiesen

-- Die Mauern und Türme rund um das Wohngebiet als

Schutz für die hier lebenden Menschen mit ihrem

Hab und Gut

- Der Kirchhof, von einer steinernen Mauer umfaßt

und zusätzlich gesichert von einem Turm, der an der

Südostseitc der Kirche gestanden haben soll (wie Dr.

Rudolf Adamy in seinem Werk „Kunstdenkmäler im

Großherzogthum Hessen“ vor ca. 100 Jahren beschrieb

- dort S. 252), möglicherweise ursprünglich

gedacht als Zufluchtbercich für Mensch und Vieh in

Kriegszeiten (wie sonst die Schutzbereiche einer

Burg)

- Die Kirche selbst, die nicht nur Kirche, also Gotteshaus

war, sondern zugleich Wachturm war sowie

Fruchtspeicher (3 Speicher), der den Grafen von

Nassau zur Lagerung der Naturalabgaben der Reichelsheimer

diente, die in Notzciten allerdings auch

als Sehutzraum hätten dienen können.

Am Ende des 15. Jahrhunderts erschien Reichelsheim

völlig verändert: Es war kein unscheinbarer „Flecken“

mehr, der mehr oder minder frei in der Landschaft lag,

unmittelbar nur durch einen aufgeschütteten und mit

Hainbuchcn beptlanzten Wall und einen davor liegenden

Graben geschützt.

Um 1500 n. Chr. erkannte jeder, der auf Reichelsheiın

zuwanderte oder zuritt: „Ich nähere mich einem Ort, der

Sicherheit, der Zuflucht verspricht! Ich nähere mich

wohl einer Stadt l“

Denn wie sagte der Eisenacher Stadtschreiber zu _jencr

Zeit?

„Was muren umb sich hat..

das heist eyn burgk adcr

(= oder) eyn stat“

(Zitat entnommen: Heinz Stoob

im Vorwort zu „Altständisches Bürgertum“,

3. Band, S. XI).

Fruchtspeicher in der er/angel. Kirche

(Foto G. Wagner)

33


`

~

_

`


v

O

/ll

ill

.

Querschnitt und Erdgeschoßgrundriß

der evangeh`.s'c†hen Ktrche Reichelsheim

(entn. : „500 Jahre Kirche Reichelsheim “, S. 62) 9

/ .

_› ,I

4

'

?

ü

FK

-__«

\'

1 I

1 ll

il 1

| ı

'1%

1:/

_--~ _ L. _

/\ W \

'›`-rf---'(7

ß__' O

`lll@ll'l-.L

Um

llllllllllllll ll,

't

-"¬f¬† ııı

rııırz

Ei* 4 J

34


3. Die Reformation-ein Wegweiserf"R'hlh'

ur eıc e s eım undd'

ıe

Reichelsheimer

Nachdem Reichelsheim durch Landwehr, Mauern und

Türme befestigt worden sowie die neue Kirche hervorgehobener

Mittelpunkt des Ortes geworden war, nachdem

Reichelsheim mit einem Schöffengericht, bestehend aus

den „ehrenvollen Männern der Gemeinde“, versehen

war, da hätte alles seinen ruhigen historischen Gang nehmen

können: Festgefügt stand Reichelsheim in der

Landschaft der Wetterau - und festgefügt, so wollten es

die Mächtigen der damaligen Zeit, dem ausgehenden

Mittelalter, sollte auch das Leben innerhalb der Mauern

sein:

„Die geistliche und die weltliche Macht streben danach,

daß die Pfarrgemeinde andere der Kirche nicht unterworfene

menschliche Zusammenschlüsse völlig verdrängte.

lm Kirchenspiel wurde die geistige und sittliche

Aufsicht über die ansässige Bevölkerung ausgeübt. Der

Mensch gehörte seiner Pfarrgemeinde an: Hier empfing

er als Neugeborener die Taufe, das heißt, er wurde aus

einem Naturwesen in ein gesellschaftliches und sittliches

verwandelt. Hier ging er zur Kirche und lausehte Gebeten

und Lehren, indem er dem Gottesdienst beiwohnte.

Hier beichtete und heiratete er; ebenso empfing er dort

die letzte Ölung. Auch nach dem Tode verließ er die Gemeinde

nicht, denn nur innerhalb ihrer Grenzen (Mauern)

durfte er bestattet werden“ (A. Gurjewitsch „Mittelalterliche

Volkskunst“, S. 126 f.).

Wer Reichelsheim kennt, der glaubt, Gurjewitsch habe

sich auf diesen Ort bezogen. Dies nicht nur, weil über

Jahrhunderte hinweg der heutige Kirchplatz der „Totenhof“

der Gemeinde war (nur Selbstmörder, Verbrecher

und „Hexen“ fanden außerhalb der Mauern ihre letzte

„Ruhestätte“), sondernvor allem, wenn man weiterliest:

„Die Pfarrkirchen waren Mittelpunkt nicht nur des religiösen

Lebens; in ihnen spielte sich zu eifitëm beträchtlichen

Maß auch das soziale Leben ab.“ Auch konnten

„ihre Räume der Aufbewahrung von Getreide dienen“

(s. S. 127).

Wenn man weiter nachliest und dadurch erfährt, daß

die Mitglieder einer Gemeinde nur mit dem eigenen

Pfarrer geistlichen Umgang haben durften. so wird klar,

daß die Menschen unter einer strengen Aufsicht lebten.

Da die Beichte im Mittelalter bis in die frühe Neuzeit hinein

z. T. öffentlich war, also im Beisein aller Gemeindemitglieder,

so wurde die gemeinschaftlich geübte Aufsicht

auch wirkungsvoll.

Wie eng über die Jahrhunderte hinweg bis vor 60 Jahren

die Bindung zwischen weltlicher und kirchlicher Gemeinde

in Reichelsheim war, wird darin deutlich, daß die

Mitglieder des Schöffengeriehtes mit ihren _jeweils 2 Bürgermeistern

oder später des Gemeinderates und des Bürgermeisters

in der Regel identisch waren ınit dem Kirchenvorstand.

Erst in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts

legte der amtierende Bürgermeister Veith sein Amt

als Kirchenvorsteher nieder mit der Begründung, der politische

Vorgesetzte auf Kreisebene (Kreisleiter) wollte

nicht, daß er im Kirchenvorstand verbleibe (s. Pfarrchronik,

S. 598).

Damit war das eigentliche Haupt der Gemeinde über

Jahrhunderte hinweg oft der Pfarrer - er war für seine

Gemeinde der anerkannte Lenker des Glaubenslebens

und damit des sittlichen und gesellschaftlichen Lebens.

Wer sich einmal auf die Stufen des Kirchplatzes stellt,

der hat eine freie Einsicht in die Kirchgasse bis zum erhaltenen

Stadttor und zugleich in die Bingenheimer Straße

(früher Markt- bzw. Hauptstraße) zum nördlichen,

heute nicht mehr erhaltenen Stadttor. das heißt, er hat

einen Überblick auf die alten „Ausfallstraßen“ des Ortes.

Von dieser Stelle aus sah der Pfarrer seine „Schäfchen“

zu sich kommen: Die „Reichen“ (Landwirte) von

der Hauptstraße, dem Römerberg, der Untergasse (heu-

35


te: Florstädter Straße). Neugasse - die „Armen“ (Handwerker,

Hirten, Tagelöhner) aus der Haingasse, der

Turmgasse usw.

Oft zählte er die Kirchenbesucher, hielt die Zahl von

ihnen in der Chronik fest, sie und die Höhe der Kollekte

meist mit den Zahlen des Vorjahres vergleichend.

Der Pfarrer war also Institution! Er begleitete die

Menschen seiner Gemeinde durch das Leben, dies auch

deswegen, weil zu seinen eigentlichen Aufgaben als Pfarrer

ebenso das Amt des Schulinspektors gehörte (bis zum

Ende des letzten Jahrhunderts unterstand die Schulaufsicht

der Geistlichkeitl). Er war auch derjenige, der zu allen

Festtagen, den geistlichen und den weltlichen, neben

Predigten die Festrede hielt.

Unter all diesen Voraussetzungen wird vielleicht deutlich,

wie entscheidend es für ein Dorf, einen Marktflekken

oder eine kleine Stadt war, für welche Konfession

sich im 16. Jahrhundert nach der Reformation der herrschende

Fürst oder Grafentschied. Zum Verständnis der

Geschichte muß bewußt sein: Nicht der einzelne

Mensch, nicht die Kirchengemeinde entschied in jenen

Jahrhunderten, welcher Glaube der sei, dem man sich

zuwenden wollte - dies allein entschied die den Ort regierende

Herrschaft: für Reichelsheim die Grafen von

Nassau.

Am 31. Oktober 1517 schlug der damalige Mönch

Martin Luther an die Tür der Schloßkirche in Wittenberg

ein Blatt mit 95 Thesen, über deren Inhalt er mit anderen

Theologen und Gläubigen zu diskutieren wünschte. Er

tat, was damals viele andere taten: er nutzte den zentralen

Ort der Stadt, eben die Kirche, um seine Anliegen

„zu veröffentlichen“. Er ahnte gewiß in jenem Moment

nicht, daß diese Thesen über den inneren Zustand der

christlichen Kirche derart Weltgeschichte machen würden.

Doch die Zeiten waren allgemein im Umbruch. Die

Menschen in den Städten hatten zu einem neuen Selbstbewußtsein

gefunden, angeführt durch die erstarkten

Handwerkerzünfte. Die Bauern auf dem Lande waren es

zugleich leid, immer neue Abgaben und immer weitere

Hand- und Spanndienste den adligen Herren leisten zu

müssen; sie wollten es auch nicht mehr akzeptieren, daß

die Herrschaften in ihrer Jagdleidenschaft immer wieder

die Frucht auf den Feldern zerstörten. Unruhen waren

die Folgen; auch in der Wetterau kriselte es.

Zugleich war die Nachricht durch Stadt und Land gezogen,

daß es eine „Neue Welt“ gäbe, reich an Gold und

Edelsteinen, aber auch reich an fremdartigen Menschen

und Tieren.

Der frisch erfundene Buchdruck durch Johannes

Gutenberg im Jahre 1450 im nahe gelegenen Mainz ließ

die Menschen neugierig auf Geschriebenes werden. War

Gedrucktes bisher Grundlage des Wissens von wenigen,

und damit zugleich die Grundlage der Herrschaft von

wenigen, so war solches Wissen nun durch die verhältnismäßig

geringen Druckkosten auch erreichbar für das

Bürgertum.

Luthers Lehren bzw. seine Ansichten verbreiteten sich

wie ein Lauffeuer. Gedruckte Flugblätter, von Hand zu

Hand weitergereicht, trugen zu einer ungeahnten Verbreitung

bei.

Als Luther 1521 vor dem Reichstag in Worms der Forderung

des Kaisers Karl V. nach Widerruf seiner Lehren

widerstand und somit in den Augen seiner Anhänger den

Herren der Welt unerschrocken und mutig die Stirn bot,

da kam bei vielen Zeitgenossen der Wille, die als lästig

empfundenen „Ketten der Unfreiheit“ abzuschütteln:

Die Bauernkriege, angeschürt auch von einzelnen Rittern,

die hofften, ihre alte Macht und Herrlichkeit wiedererlangen

zu können, verbreiteten Angst und Schrecken

36


I " ç a i 3 . . ' .. ' I. - ' I I . . I I I .l.`l:`::\T I. I I \'ı'."ı"'

\

in Hessen und anderswo. Der herrschende Adel verbündete

sich und schlug zurück, um - wie ihre Sprecher sagten

- die alte, die „gottgewollte“ Ordnung wiederherzustellen.

Landgraf Philipp von Hessen („Der Großmütige“)

„wütete gierig und grausam wie ein Schweinsrüde“,

schrieb ein Zeitzeuge (s. Hessen-Chronik, S. 120).

Die Reformation wurde keine Revolution des weltlich-sozialen

Standeslebens. Sie führtejedoch zum Bruch

innerhalb der christlichen Kirche, sie führte zu einer konfessionellen

Teilung Deutschlands. Die Einheitlichkeit

des Glaubens der Menschen im Heiligen Römischen

Reich Deutscher Nation war dahin - nicht jedoch die

Einheitlichkeit des Glaubens der Menschen in jeder einzelnen

Gemeinde. Dafür sorgten wciterhin die Fürsten.

Für Reichelsheim begann die Reformation 1532 zu

einem offiziellen Ereignis zu werden, als der letzte katholische

Pfarrer, Georg Lenick, mit Erlaubnis des Abtes

Johannes von Fulda, die Gemeinde an Jakob Stein -

auch Jakob Stephan oder Joeobus Stephani genannt -

übergab. Dies konnte nur geschehen, weil Graf Philipp

III. von Nassau-Weilburg bereits Jahre zuvor, nämlich

1526, den Schritt zur Lehre Martin Luthers getan hatte.

Von Weilburg aus wurde nun die Reformation in der

Grafschaft Nassau-Weilburg vorangetrieben.

1532 übergab, wie schon ausgeführt, Pfarrer Leniek

„der noch von dem Abt von Fulda nach Reichelsheim

präsentiert worden war, mit Genehmigung eben dieses

Abtes seine Pfarrei Jakob Stein gegen Entrichtung von

36 Gulden und 6 Achtel Korn“ (s. Pfarrer Frankenfeld in

der Kirchenchronik).

Leniek wechselte in eine andere Gemeinde - er wollte

wohl seinem alten Glauben treu bleiben.

Urkunden und Schriftstücke aus dem Jahre 1632

(Entn.: „500 Jahre Kirche Reichelsheim “, S. 85)

3 3 K I . .› , _ ._ 1 in . _ ._ 1 _

_ R f” rf

-' _- - _

3* " R la-Ri fi" Il.. _=_ l ll 'I `.l__,;-¦-uw..-.l -.,„-._ ,-._'_;_ ._ -ji:--fl

I _ _ In

Z: zu In ._ .._ fi... .T __ _:

i _ -I-_ _ _.

„_ '- _- M v

" ıı.

9 J! 3 2 .I s i J' '

if“ »I , Y

ßv 4! 3'.'H .:l'__ ç

it »..: .--iyàwıw 'ii ¬ -

,rm-rf. :rt- är- X. wir§7

, .. . R I ._ ... ` J, _. , (

-\_.`.

vflil

\

37


In der Festschrift „500 Jahre Kirche Reichelsheim

wird Bezug auf zwei Urkunden genommen, die den Vorgang

der Reformation bestätigten; sie seien hier in Kopie

wiedergegeben:

In dem einen Schriftstück schrieb G. Lenick, daß er

die Pfarrei zu Reichelsheim an Jakob Stein gegen bestimmtes

Entgelt übergibt; das Jakob Stephani, Pfarrer

zu Reichelsheim, am 18. Juni 1532 investiert, also in sein

Amt eingeführt worden sei.

Die Reichelsheimer Gemeinde war nun vorerst „lutherisch“.

Durch die Streitigkeiten zwischen den Grafen

von Nassau-Weilburg bzw. Nassau-Dillenburg und des

„Wetterauer Grafenvereins“ einerseits und dem Landgrafen

von Hessen andererseits kam es schon bald in

einer Art „2. Reformation“ zu der Hinwendung zum Calvinismus,

also zur evangelisch-reformierten Kirche.

Landgraf Philipp von Hessen hatte ohne Zustimmung

von Kaiser und Klerus 1527 die Marburger Universität

gegründet. Sie sollte den neuen „lutherischen“ Pfarrstand

ausbilden. Schnell wurde die Hochschule bekannt,

besonders durch das 1529 clort durchgeführte Streitgespräch

zwisehen den zwei Reformatoren Luther und

Zwingli (der vor allem im süddeutschen Raum Anhänger

gefunden hatte) unter Leitung des hessischen Landgrafen.

1584 gründete Graf Johann VI. von Nassau-Dillenburg

in Konkurrenz dazu die „Hohe Schule Herborn“.

Der „Wetterauer Grafenverein“ wurde Mitträger dieser

Akademie, die nicht nur calvinistische, also evangelischreformierte

Geistliche ausbilden sollte. Auch Lehrer,

Ärzte und Beamte (Juristen) sollten hier ihr berufliches

Rüstzeug vermittelt bekommen. Da es den Trägern dieser

Hohen Schule gelang, berühmte Gelehrte zu gewinnen,

reichte ihr Ruf bald weit über die regionalen Grenzen

von Mittel- und Oberhessen hinaus.

Um die Finanzierung dieser Hohen Schule, die nach

heutigem Sprachgebrauch eine Art „Kaderschmiede“

der calvinistisehen Glaubensauslegung sein sollte (so wie

die Universität Marburg eine solche der evangelisch-lutherischen

Richtung), abzusichern, mußten alle Gemeinden

der unterstützenden Grafschaften einen Beitrag leisten.

Reichelsheim hatte 2000 Gulden zu bezahlen, eine

Summe, die sie bei wohlhabenden Kaufleuten aufnehmen

mußte. Dafür erhielt Reichelsheim das Recht,

jeweils zwei Studienplätze mit zwei Stipendiaten zu belegen

- das gelehrte Wissen sollte so in jede noch so kleine

Gemeinde kommen.

Die Reformation brachte weitere bedeutende Anderungen

mit sich für unseren Ort: Es wurde sehr schnell

eine „Lateinsehule“ errichtet, ein Zeichen für das Bewußtsein,

daß es mehr bedarf als der Beherrschung des

kleinen und großen ABC, will man selber nach Luthers

Wort die Bibel studieren können.

Interessant ist, daß auch sehr bald eine Mädchenschule

zu der schon lange bestehenden Knabenschule eingerichtet

wurde. Pfarrer Frankenfeld schrieb dazu in der

schon oft erwähnten Kirchenchronik: „Über die Zeit,

wann an die hiesige Schule ein eigener Mädchenlehrer

angestellt worden ist, läßt sich nichts Bestimmtes sagen.

Wahrscheinlich aber scheint es, daß im Jahre 1609, wo

eine Wohnung für den Schulmeister eingekauft wurde,

die zugleich zu einer Wohnung für den Mädchenlehrer

und einem Lehrzimmer für die Mädchen eingerichtet

werden sollte, zuerst ein solcher Mädchenlehrer herkam.“

Wesentlich für die Veränderungen in Reichelsheim

seit der Einführung der neuen Glaubensgestaltung waren

der erste evangelische Pfarrer Jakob Stephani und

sein noch bedeutenderer Sohn Laurentius. Wichtig war

vor allem, daß dieser erste Pfarrer der neuen christlichen

38


Glaubensinterpretation lange in Reichelsheim seinen

Dienst versah - über 50 Jahre. Die Gläubigen seiner Gemeinde

ehrten ihn durch ein Gemälde (Auferstehung

Christi), das früher in der Kirche aufgehängt war und folgende

Unterschrift trug: „Dis Epistaphium ist zu Ehren

Weiland dem wohl ehrwürdigen Hochgelarten Herrn

Jakob Stephani seligen seines Alters 83, seines Predigtamtes

55 Jahr, ersten Predigern dises Ortes aufgerichtet

worden im Jahr 1584.“ Laurentius Stephani, gleichnamig

zu dem Schutzheiligen der Reichelsheimer Kirche, studierte

auf Wunsch seines Vaters in Wittenberg. Hier legte

er auch sein theologisches Examen ab. Das Zeugnis

darüber trägt auch die Unterschrift des engen und berühmten

Mitstreiters von Martin Luther, nämlich Philipp

Melanehthon.

Laurentius Stephani war vorgesehen, ja sogar schon

vorab berufen, die Nachfolge seines Vaters im Amt des

Reichelsheimer Pfarrers anzutreten. Doch weil ihn Graf

Albrecht von Nassau-Weilburg bat, bei ihm als Ratgeber

zu bleiben, verzichtete er 1566 auf die vorgesehene Investitur

in seinem Heimatort Reichelsheim. Laurentius

Stephani war bald als Superintendent zuständig für die

Aufsicht aller Kirchen in der Grafschaft. Und in dieser

Funktion wirkte er sehr segensreich für Reichelsheim.

Auch seine Söhne, der spätere Superintendent Gottfried

sowie der Pfarrer Martin Stephani aus Grävenwiesbach

halfen, die Kirchgemeinde Reichelsheim weiter zu entwickeln.

War die Errichtung der Latein- und auch der

Mädchenschule ein Werk des Laurentius, so war die 1621

erfolgte Anschaffung eines akzeptablen Schulhauses ein

Werk von Gottfried Stephani, der den notwendigen

Tausch von Gebäuden möglich machte.

Im Jahre 1622, also nur ein Jahr später, erhielt Reichelsheim

ein neues Pfarrhaus. Pfarrer Frankenfeld

suchte vor ca. 150 Jahren dazu folgendes Wissenswerte

aus den alten Akten der Pfarrei: „Im Jahre 1622 wird von

Michael Heinrich von Hunstadt im Kirchspiel Gräwenwiesbach

ein Pfarrhaus für Reichelsheim gekauft von

dem Kastenmeister Philipp Bausch im Beisein des Pfarrers

Martin Stephani zu Gräwenwiesbach für 240 Gulden

nebst 13 Gulden 14 Kreuzer Unkosten.“

Der Kirchenrechner von Reichelsheim kaufte also in

Hunstadt durch Vermittlung des dortigen Pfarrers Martin

Stephani das Gebälk eines bestehenden Hauses, das

hier in Reichelsheim als Pfarrhaus wieder aufgeschlagen

wurde. (Übrigens: Dieses Haus verrichtete nahezu 300

Jahre seinen Dienst; erst 1912 wurde es „auf Abriß“ versteigert

und durch einen Neubau an gleicher Stelle ersetzt.

' ' _

- _

| I ' '

l l

. _ . . , .

'

l"l I "μl H-ll 'l 'ııı-_ - '¦'f'ı'l"lμ "l"l3lıl" l" l llli-l"Ä-

_- 1-frttltltl* ','~_~'-.'1'.f.ı'*«=- i_;=-_-'->~r -rt-if '-

Rdflhßlßhøim 0" In I ıli 'T

gr *"' "it Hlillıl 'lt' H,

Plırrlıııuı

f .. L1

'ı'_I."-l`l'.`..~-›l. l'l-'l`lll,.i`,"--.

Foto des alten Pfarrhauses (Aufnahme vor 1910

Original im Besitz der Familie Rohde)

Was sonst noch zu berichten ist aus jener Zeit an Dingen

und Vorkommnissen, die die Menschen bedrückten

oder die ihr Leben beeinflußten ? Die alten Auseinander-

›ı\'|.,ı

39


setzungen zwischen den Landgrafen von Hessen und den

Grafen von Nassau uın die Vorherrschaft in der Fuldischen

Mark wurden schließlich 1570 endgültig beigelegt,

indem Nassau seine vor ungefähr 150 Jahren vom Kloster

Fulda erworbenen Anteile - mit ausdrücklicher Ausnahme

des „Ortes und Gerichtes Reichelsheim“ - an Landgraf

Ludwig IV. von Hessen-Marburg für 121000 Gulden

verkaufte.

Damit war Reichelsheim aus der ehemaligen Fuldischen

Mark ausgeschieden. Zugleich war es damit ein

eigenes Amt, vor allem aber war es damit zu einer wahren

Exklave der Grafschaft Nassau geworden: Keine der

angrenzenden Gemeinden gehörte zur Herrschaft der

Grafen von Nassau. Symbol des neuen Status” von Reichelsheim

ist der Bau des Rathauses unmitttelbar beider

dominierenden Kirche, vor allem aber direkt an dem

Marktplatz des durch Mauern bewährten Fleckens in der

Wetterau. Dieser Rathausbau zeigte für Reichelsheim in

die Zukunft.

Der Aufstieg, den Reichelsheim in den folgenden 100

bis 150 Jahren nahm, lag in dem Interesse der Nassauer

Grafen an dieser für sie wichtigen „Kornkammer“, sei

es aus Gründen der Sicherung von Nahrungsmitteln,

sei es aus der Überlegung heraus, ein wertvolles Pfand

zu haben, falls Finanzschwierigkeiten auftreten sollten...

Doch auch anderes bewegte die Menschen, traf sie vor

allem mehr: Wie in den Jahrhunderten zuvor, so wüteten

auch im 16. und zu Beginn des 17. Jahrhunderts die Pest

und das Fleckfieber in und um Reichelsheim:

- Von August 1582 bis Februar 1583 raffte die Pest in

Reichelsheim 54 Menschen hinweg, meist - wie die

Chronik berichtet -junge Leute.

- 1613, in der Zeit vom 14. Juli bis Ende November,

starben sogar 127 Menschen an der damals unerklärlichen

Seuche.

- Und 1627 starben zwischen dem 28. Mai und dem

2. Februar des folgenden Jahres gar 187 Menschen!

Welch eine Trauer mag durch den kleinen Ort, in

dem es damals ungefähr 150 Haushaltungen gegeben

haben kann, gegangen sein. . ?

Doch nicht allein die Pest führte in jener Zeit zu Trauer,

zu Schmerz und Verzweiflung. Vergessen wir nicht:

Seit 1618 tobte in Deutschland Krieg, der erst 1648, nach

30 Jahren, ein Ende fand. Es war der bis dahin blutigste

Krieg Europas.

40


4. Das 17. Jahrhundert

a) Der Dreißigjährige Krieg

Eigentlich hätte das 17. Jahrhundert ein Jahrhundert

der Blüte werden können: In den Städten blühten zunächst

Handwerke und Handel und brachten den adligen

Herrschaften manchen Gulden, den sie zum Bau repräsentativer

Schlösser oder zur Förderung der Künste sowie

der Wissenschaften einsetzten.

Der neue evangelische Glaube vor allem ließ die Menschen

aktiv werden, wurde doch von ihm ein eifriges Tätigsein

gefordert und im wirtschaftlichen Erfolg sogar ein

„Hinweis der Gnade Gottes“ gesehen.

Doch vieles, was die Handwerker, die Händler und

Bauern durch Fleiß erarbeiteten, wurde durch den langen

Krieg zerstört. Machtgier, nicht Glaubenseifer war

meist die Antriebsfeder des Krieges! „Welches Bündnis

mit wem wird MIR, dem Fürsten oder Grafen XY, den

größten Vorteil bringen '?“ Der Glaube war zweitrangig -

er wurde auch gewechselt, wenn es „opportun“ erschien

(so wie z. B. dem Grafen Johann Ludwig von Nassau-

Hadamar, einem Vertreter des weitverbreiteten Nassauer

Hauses, der dafür auch nach dem Kriege vom Kaiser

„wegen besonderer Verdienste und Treue“ in den erblichen

Reichsfürstenstand erhoben wurde).

Doch nicht die kleinen Grafen oder Fürsten waren die

eigentlichen Auslöser dieses Krieges:

- Der Kaiser des „Heiligen Römischen Reiches Deutscher

Nation“ strebte nach religiöser und politischer

Einheit; sein Reich sollte ein starker Zentralstaat werden

(Vorbilder waren Frankreich und Spanien); er

reizte damit allerdings die Reichsstände (Adel, Geistlichkeit

und Freie Reichsstädte) zum Widerstand, da

sie bei einem kaiserlichen Erfolg wohl ihre Selbständigkeit

eingebüßt hätten;

- Das damalige Herrscherhaus des „Heiligen Römischen

Reiches Deutscher Nation“, die österreichischen

Habsburger, die mit dem spanischen Königshaus

verbunden waren, kämpften mit Frankreich um

die Vorherrschaft in der „Neuen We1t“;

- Das erstarkte Schweden suchte unter ihrem ehrgeizigen

König Gustav II. Adolf die Ostsee zu einem

„Schwedischen Meer“ zu machen, was allerdings nur

durch große Gebietsgewinne in Norddeutschland

(Mecklenburg und vor allem Pommern) hätte erreicht

werden können.

Kaum hatte der Krieg begonnen, tobten sich die Heerseharen

der verschiedensten lnteressenparteien auch

hier in der Wetterau aus! Da dieser Landsknechtkrieg

nach dem Prinzip „Der Krieg ernährt den Krieg“ geführt

wurde, suchten sich die Generäle und Oberste der Kaiser

und Könige für ihre Heere fruchtbare Gebiete aus. Ob

spanisch oder braunschwei gisch, ob kroatisch oder französisch,

ob bayrisch oder schwedisch, ob katholisch oder

protestantisch: Die Wetterau. eine Kornkammer im

Herzen Deutschlands, mußte leiden, mußte immer wieder

Opfer bringen:

- 1620 hausten die spanischen Truppen, Verbündete

des katholischen Kaisers, rund um Friedberg und

plünderten nach Herzenslust die Dörfer der Region;

- 1621/22 lagerten zwischen Friedberg, Butzbach, Bingenheim

und Assenheim die katholischen Bayern;

- lm Sommer 1622 tauchten die Protestanten unter

Christian von Braunschweig auf (von seinen Truppen

hieß es in verschiedenen Kirehenbüchern dieser Gegend:

„Sic hausten so übel, dergleichen der Türk niemals

getan !“).

Bei solchen Aktionen war die um die Reichelsheimer

Gemarkung gezogene Landwehr kein wirkliches Hindernis;

auch die Mauer um den Ort gewährte den dahinter

lebenden Menschen keinen wirkungsvollen Schutz.

Da die Grafen von Nassau-Weilburg sich nicht in ihrem

Glauben wandelten und sie sich zudem schließlich

41


dem protestantischen Bündnis unter Führung des Schweden-Königs

anschlossen, wurden sie - nach der Niederlage

des protestantischen Bündnisses bei Nördlingen ~

schließlich 1637 ihres Besitzes durch das Reichskammergericht

für verlustig erklärt. Die Reichelsheimer mußten

vorübergehend einer neuen Herrschaft, die besser „paktiert“

hatte, den Untertaneneid schwören - ohne dadurch

größere Sicherheit vor Raub, Plünderung und

Schändung erwarten zu können.

Denn es ging weiter:

- 1634 waren die kaiserlichen Truppen (katholisch)

wieder in unserer Region und zogen plündernd von

Ort zu Ort;

- 1640 „ist Reichelsheim von den Weimarischen Völkern

(protestantisch) ganz und gar ausgeplündert

worden, 2 Tage lang. Die Familien flüchteten nach

Bingenheim und anderen Orten und blieben dort an 9

Wochen, weil nach dieser Plünderung die katholischen

Armeen kamen und in dieser Gegend zubrachten.

Der Fürst vorı Bregenz lag 14 Tage in diesem

Flecken und richtete ihn übel zu. Auch die Kirche litt

bei dieser Plünderung“ (s. Kirchenbuch, S. 97).

Die Menschen mußten immer und immer wieder von

vorne anfangen: Die Geißel des Krieges war entsetzlich!

Doch wie schon im letzten Kapitel angedeutet: neben

dem Krieg brachte immer wieder die Pest Verderbnis

und Leid!

Nach der schon im letzten Kapitel erwähnten Pest von

1627 wütete in der Wetterau auch in den Jahren 1632 und

1635 diese Seuche. Wen wundert es auch: Die Menschen

suchten damals notgedrungen überall dort Schutz, wo

Mauern Sicherheit verspraehen - doch selten reichten

Platz und Nahrung aus! Elendig vegetierten sie dahin,

aßen alles, auch wenn es schon verderben war. In der

großen Hungersnot nach der Pest von 1635 „trieb der

Hunger die Leut so hart, daß sie Schind-Aas wegfraßen.

. . Hund und Katzen sind ihnen Leckerbissen gewesen.

Durch diesen Hunger verschmachteten viel Leute

dermaßen, daß nichts als Haut und Bein (= Knochen) an

ihnen. Die Haut hing ihnen am Leib wie ein Sack, daß

einem grauete sie anzusehen“, beschrieb der Pfarrer

eines betroffenen Ortes die Lage der Menschen in seinem

Kirehenbuch (s. „Hessenchronik“, S. 146).

1648 war der Krieg zu Ende. Der „Westfälische Friede“

von Osnabrück wurde stolz verkündet. Die Mächtigen

der Welt hatten ihre Interessen gegenseitig neu abgesteckt.

- Doch Deutschland lag am Boden, im Süden, im

Norden, überall.

`

Was blieb den Menschen:

Sie feierten auf Anordnung Dankgottesdienste!

In der Reichelsheimer Kirchchronik lautet der entsprechende

Abschnitt (s. S. 98): „Den 23. Sonntag nach

Trinitatis ist eine Danksagungspredikt wegen des Westfälischen

Friedens gehalten worden. Auch ist die Kirche

wieder mit Schlössern an den Türen verwahrt worden.

1650 wurde in allen Nassauischen Ländern wegen des abgeschlossenen

Friedensvertrages ein Gebet gesprochen,

worin unter anderm die Bitte vorkommt: ,Zerschmette-

BGB

re den Kopf derer, die uns feind sind .

Brotverteilung an Arme -

Maßnahme der Stadtbevölkerung,

um Bettler und Vagabundierende

vor den Stadtmauern halten zu können (1628)

(Entn.: „ Bettler, Gauner und Proleten“, Abb. 44)

42



_

_

4

1' „

_ ~_'¦: ', 'wc

..f , .~._ 1'.“

:ft: 1;

W

\ .- _,

u l .

¬ 'A'

_›«~ *I

å\

ı

ı L I

lf -Ü 0

1. `

ll

a

il

-,

' _ sg -M

. f _.,_:a¦.' _

' __ 1'*-'

- r

c Q»

4... __:f;`,.:â;,-,_;; `

›i. ~=f-†-

rt

l'

l'*.ll";*'

„.» .

är

›~'

"58"

, __

.R

_,

_.

N

ıl-I'-.4

"ulvilQ›ı"›Ã>_ı

__ . tl. ,.'f"`

rw, _ .- I

-1"*-.

':.*'í

M.

iii?

±_1;s«_ 1 _

fi

»ft-»-

-rr

II'

41

1

-.lf›_-

f =- == ` 1 _

~ ›- f-«rr '- - _ _ ..

-i

...tw ew


4. b) Der „FREIHEITSBRIEF“ der „Stadt Reichelsheim

In dem handschriftlich gefertigten „Heimatbuch der

Stadt Reichelsheim“, das der frühere Lehrer Heinrich

Keller 1935 abschloß und dem damaligen Bürgermeister

unserer Stadt widmete, findet sich auf Seite 44 eine Kopie

eines von ihm gefertigten Zeitungsartikels unter dem

Titel: „Interessantes aus dem Freiheitsbrief vom J.

1665.“

Dieser Zeitungsartikel, dessen Erscheinungsdatum

und -ort nicht angegeben wurde, sei hier (leicht gekürzt)

wiedergegeben:

„lm Jahre 1665 wandten sich die Einwohner des Flekkens

Reichelsheim in der Wetterau an den derzeitigen

Besitzer des Städtchens, ,Graf Friedrich zu Nassau,

Saarbrücken und Saarwerden, Herr zu Lahr, Wiesbaden

und Idstein“. mit der Bitte, ihnen die große Gnade zu erweisen

und sie der beschwerlichen ›Dienst-, Fuhr- und

Leibeigenschaft und anderer Bürden gnädiglich zu entheben

und gegen Hinterlegung einer Summe Geldes bei

ihren hergebrachten uralten Privilegien, Freiheiten und

Stadtrechte zu lassen, was maßen sich nicht allein alte

Documenta fünden, sondern auch die Ältesten unter ihnen

bezeugen würden, daß ihre Vorfahren und Einwohner

zu besagtem Reichelsheim von altersher als freie

Bürger und undienstbare Unterthanen bei den vorigen

Hoehgräflichen Nassauisch-Saarbrückischen Herrschaften

wären gehalten und Stadtrechte gegönnet< worden.

Während ›böser Kriegszeiten< (= 30jähr. Krieg) hatten

sich einige Fremde, ›Leibeigene


_ _ '_ __ ;.›_9_

“.213'arše

ıı _?

Q Li* 111 Jiugtt.~“t atll im? cctllttu

sSıtttı*l›2ıÄitftti.33'lri(í›tlt_;t) riıtı41-›«*;fÄm.ÃZU\L;_«åte;-ı._ :.. .mM„,...t

-. /

åiμéí. ll""-"'=l`^`“'“`?l"”μ:`/†"†›'“l*~ U / › 3 *W7474--'~/r-v~« , ccf. ßwtimnm/ F/ -- ;›„ 3%'

_. “§5 I1;«?.,„_\,.1,„,_g__, vi? V. Wh. _ ”

„ff .› /ll

il

Beglaubigte A bschrift des Freiheitsbriefes

des Jahres 1665 durch Graf Carl August (1724)

(Archiv der Stadt Reichelsheim)

45


die Einwohner angehalten, Tore und Mauern zu reparieren,

die Landwehren aufzurichten, die Tore zudem mit

Gittern und Wächtern - ›sonderlich zu gefährlichen

Kriegszeiten< - zu besetzen. Der, welcher in den Flecken

zuziehen will, soll gegen Erlegung eines gewissen Stücks

Geldes der Leibeigenschaft ledig sein; dagegen soll ein

›Mann oder Weibsperson von Reichelsheim, die in eines

unser zugehörigen Dörfer ziehen würde, die Befreiung

verlieren und Uns mit Leibeigenschaft wiederum zugethan

sein


terthanen“: dem Ort wurde wieder „Stadtrecht“ gegönnt

Wie aus dem Zeitungsartikel Heinrich Kellers zu ersehen,

gab Graf Friedrich dem Ersuchen nicht uneigennützig

nach. Er suchte auch einen Weg, Reichelsheim wirtschaftlich

zu helfen, wobei er allerdings seinen eigenen

Vorteil nicht aus dem Auge ließ: Er ließ sich die Urkunde

nicht nur durch 2000 Gulden „vergolden“, er befreite

sich zugleich von der eigenen herrschaftlichcn Pflicht, für

die Sicherheit der Stadt zu sorgen; das mußten nun die

Reichelsheimer Ortsbürger aufeigene Kosten erledigen!

Die Reichelsheimer brauchten zwar keine weiten

Fahrten mehr zugunsten der Herrschaft, aber auf eigene

Kosten zu leisten, doch wenn sie Gesellen, Dienstpersonal

oder andere Hilfen eirıstellten, so rn ußtc an den Grafen

„Dienstgeld“ gezahlt werden.

Wie Kellers Bericht vcrdeutlichte, ınußten all die, die

neu nach Reichelsheim ziehen wollten, ein „Einzugsgeld“

an den Grafen bezahlen. Sollte die Hoffnung des

Grafen Wirklichkeit werden und Reichelsheim zu einem

Anziehungspunkt für viele Menschen aus der Umgebung

werden, so sollte es auch sein Gewinn sein: Einzugsgeld

sollten sie ihm bezahlen und dann auch noch ihre Arbeitgeber

Dienstgeld.

Daß die Reichelsheimer natürlich Steuern zahlen

mußten, das wird ihnen auch noch in diesem „Freyheits

Brief“ in Erinnerung gerufen:

„Dcsgleichen sollen auch Unsern Bürgern und Einwohnern

zu Reichelsheim dasjenige, was sie Jahres Uns

oder der Herrschaft an Steuer- oder Reichsschatzungen

auch sonsten nach Besag und Ausweis der Kcllereirechnung

an Konten zu erledigen schuldig sind, ohnweigerlich

zu erıtrichten.“

Auch wenn Reichelsheim natürlich nicht mit Friedberg

oder Frankfurt, diesen „Freien Reichsstädten“, die

Anstc ht von der Horloffbrur ke zum Hrxentutm

(Aufnahme um 192 5)


nur dem Kaiser unterworfen waren, vergleichbar war:

gegenüber den anderen Flecken in der Wetterau hatte

Reichelsheim durch diesen Freiheitsbrief, durch die Verleihung

der Stadtrechte eine etwas hervorgehobene Stellung.

Doch „frei von Pflichten“ war kein Reichelsheimer:

jeder Ortsbürger wurde zu den verschiedensten Diensten

eingesetzt. Befolgte er nicht, wann wo er zu was eingeteilt

war, so wurde er rigoros zur Kasse gebeten.

Jeder männliche Ortsbürger (=Besitzer von Grund

und Boden innerhalb der Stadtmauern, allerdings

nicht die Pfarrer, die Lehrer oder die Amtmänner,

da sie dem Landesherrn direkt unterstanden) hatte

lohnfrei Dienst zu leisten z. B. beim Wegebau, beim

Bachreinigen, bei dem Bau und der Erhaltung von

Landwehr und Stadtmauer mit den Türmen, bei den

Tag- und Nachtwachen im Ort und außerhalb desselben.

. .

48


4. c) Feuer

Eine kleine Stadt, umgeben von einer Mauer: die Gassen

bis auf die Hauptstraße schmal, die Fachwerkhäuser

dicht an dicht gedrängt, dazwischen die hölzernen Scheunen

und Ställe, fast alle Gebäude mit Stroh gedeckt - die

Scheunen zudem reich angefüllt mit frisch eingebrachtem

Heu:

Es ist Sommer, der 28.Juni 1665. Seit Sonnenaufgang

ist Leben in den Ställen und auf den Straßen: Das Vieh

will früh versorgt sein!

Um 7 Uhr in der Frühe läuten die 3 Glocken der Kirche

Sturm: „Feuerl“ schreien die Menschen entsetzt!

„Feuerl“

Sie rennen auf die Straße, laufen zum Rathaus, die

meisten von ihnen haben bereits ihren Ledereimer in der

Hand! „Feuer in der Untergassel“ - „Feuer in der Haingasse

1“ - „Feuer am Amtshausl“

Ob Bauer oder Sattler, Maurer oder Bierbrauer, ob

Zimmermann oder Schmied, ob Schuhmacher oder Glaser,

ob Herr oder Knecht, objung oder alt : jeder läßt sein

Werkzeug fallen, um zu helfen!

Schnell bildet sich von den nahe gelegenen Brunnen

eine Menschenkette zu den Brandstellen. Vor allem von

der Weed her, dem Feuerlöschteich am nördlichen Rande

der Marktstraße (heute Bingenheimer Straße), wird

Eimer für Eimer Wasser gereicht. Erschreckte Menschen

aus den Nachbarorten Heuchelheim und Dorn-Assenheim

kommen zu Hilfe und verstärken die Einheimischen

bei ihren verzweifelten Versuchen, dem prasselnden

Feuer in seiner Gier Einhalt zu gebieten!

Nach 1'/2 Stunden züngeln nur noch einzelne Flammen

in verkohlten Balken und Brettern. Erschöpft und zum

Teil völlig niedergeschlagen sitzen die Menschen aus

dem Südteil des Ortes herum, so als wüßten sie nichts

mehr von ihrer Umwelt.

68 Gebäude waren den Flammen zum Opfer gefallen!

Zum Glück, so konnte bald festgestellt werden, traf es

nur wenige der besser gebauten Wohnhäuser. Die Kirchenchronik

weiß zu berichten:

„Den 28. .luni 1665 ist morgens um 7 Uhr eine gewaltige

Feuerbrunst entstanden, welche in 1 1/2 Stunden 68

Gebäude in Brand setzte, davon sind I8 Scheuern und alle

dabei gestandenen Ställe samt 3 Wohnhäuser ganz in

Asche gelegt worden, die anderen Gebäude sind auch

beschädigt; aber doch durch Gottes und benachbarter

Hülfe gerettet worden. . .

Bei diesem Brandc ist die Pfarrscheuer samml allen

Ställen eingeäschert worden. Und ist die ganze Seite bishin

an die Oberpforte und Backhaus abgebrannt und nur

allein die Häuser, die auf die Gasse gesehen. sind stehen

geblieben, wiewohl auch alle von dem Brand sind berührt

wordcn. Das Pfarrhaus hat auch angefangen zu

brennen, ist aber mit Gottes Hülfe erhalten worden.“

Wer heute durch den alten Ortskern geht, der sollte

sich folgendes vorstellen: Die Bereiche Neugasse, Florstädter

Straße, Untere Haingasse, Sandgasse, Kirchgasse,

d. h. fast alle Straßen und Gassen des gesamten Südteiles

des Ortes, waren betroffen gewesen! Ein Straßenzug

wurde nach dem Brand völlig erneuert und hat daher

seinen Namen: die Neugasse.

Was war Ursache des Brandes?

Pfarrer Hyronimus Frech, der damals der Gemeinde

verstand und über den im kommenden Kapitel noch zu

berichten sein wird, notierte:

„Der Brand ist ausgegangen in einer Scheuer, welche

nebst dem Hause verkauft war und 1/4 Jahr lang leerstand“

(s. Kirchenchronik, S. 107).

Sollte die Ursache Rache oder Verzweiflung gewesen

sein? Oder hat sich Heu etwa selbst entzündet?

Pfarrer Frech teilt andere Vermutungen mit: „Alle

Thüren, Ställe und Scheuern waren verschlossen. Nie-

49


mand weiß, wie der Brand entstanden ist, obwohl vermuthet

wird, er sei von bösen Leuten (= Hexen. Zauberern)

angelegt. worden.“

Nach der Holfnung, die der Freiheitsbrief in der Bürgerschaft

geweckt hattc, kam wenige Woclıcn später dieser

Schock! l)och jetzt galt es wirklich. zu handeln. Und

wenn wir den Berichten der Pfarrer trauen können, so

wurde wirklich schnell li-land angelegt:

„Schon den 21. August wurde ein neuer Stall auf dem

Pfarrlıof errichtet. 1666 wurde eine neue Plarrscheuer

gebaut“, teilt Pfarrer Frech mit.

(Übrigens: Diese ınittlcrwcile 326 .lahrc alte Pfarrscheuer

kann heute an anderem Orte noch betrachtet

werden: sie steht seit Anfang dieses Jahrhunderts an der

Straße „Röınerberg“. im Garten der Familie Rohde.)

Gab es Koıısequeıızcıı aus diesem Brand ?

Wer durch die Neugasse geht, der sieht zu den übrigen

Straßen einen wesentlichen Unterschied: Die Straße ist

breit, sie läßt nicht so leicht zu, daß iın Falle eines

Brandes die Funken von einer Straßenseite zur anderen

überfliegen können.

Eine weitere Konsequenz: Am Martinigericht deslahres

1687, das am 19. Oktober jenes Jahres vor dem Rathaus

abgehalten wurde, wurde allen anwesenden Ortsbürgern

bekanntgegeben, daß Wohnhäuser nicht länger

ınit Stroh gedeckt werden dürften; „Bey straf“ sollten in

Zukunft nur noch gebrannte Ziegel Verwendung finden.

(Diese Verordnung, die später auch auf die Wirtschaftsgebäude

ausgeweitet wurde, ınußte mehrfach erneuert

werden. weil - wahrscheinlich - manch ein Reichelsheimer

Strohdeckung aus Kostengründen weiterhin bevorzugte.)

__.. _

'Ü G

ıııı

xing .g

Pfarrscheune aus dem Jahre 1666,

erbaut nach dem großen Brand,

heute am Römerberg stehend

(Foto G. Wagner)

50


l

I 1

4. d) Hexenwahn in Reichelsheim '

Viel Ungeklärtes hatte sich in den Jahren und Jahrzehnten

seit Anfang des 17. Jahrhunderts ergeben, viel

Leid war über die Menschen hereingebrochen, unerklärliches

Leid.

Warum halfen die Gebete nicht, warum half es nicht,

der Kirche oder armen Mitmenschen zu spenden? Warum

Krieg, Pest, Plünderei, Schändung, Brände, Hungersnot?

„Das Bewußtsein des Zusammenhangs von menschlicher

Schuld und göttlicher Strafe war stark ausgebildet.

Aus ihm wuchs die ganze Überzeugung, daß durch innere

Umkehr das äußere Elend sich wenden werde:

›Wir sind führwahr geschlagen

mit harter, scharfer Rut,

und dennoch muß man fragen:

Wer ist., der Buße tut?

Ach laß dich doch erwecken,

wach auf, wach auf du harte Welt,

ch daß der harte Schrecken

dich schnell und plötzlich überfällt.<

(P. Gerhardt, deutscher Dichter/

ev. Pfarrer, 1607- 1676)

Solch zeitgenössische Reaktion erinnert daran, daß es

ein kirchliches Zeitalter war, eine noch in starken religiösen

Bindungen lebende Generation... Der Prozeß der

Glaubensspaltung und neuzeitlichen Kirchenbildungscit

1525... durfte 1648 im wesentlichen als abgeschlossen

gelten... Als Ergebnis des langen Streits, aber auch der

erzieherischen Tätigkeit der Obrigkeiten, hatte sich ein

geschärftes konfessionelles Bewußtsein entwickelt, ein

von Abwehrbereitschaft, Haß, l\/Iißtrauen, Verbitterung

und Verkennung diktiertes Verhältnis. .. zueinander“

(Bruno Gebhardt, „Handbuch der Deutschen Geschichte“,

Bd. 2, S. 197 f.).

Wie lautete doch jene Bitte im Gebet, das in allen Kirchen

der Grafschaft Nassau nach dem Ende des Dreißigjährigen

Krieges gesprochen wurde, also auch hier in

Reichelsheim:

3181

Öl ,

Ä»-< _'L.

ni

_; ....

.pııııınııııııııı . _..

'..-

M in

*'&'..\, \

_ f '

. =-. - . ¬~~~r..f±«~›, ..,~,;-..

1.. ı 'Ü nifib †›

-._

.ø '~

_. '

" -v

_=_, -f- -› .._"'“

- ..

åf” „

«3*~*""'-*":.'='.±*`5i

tıı

a."= *an

5'? «_;§.,_.,'ä,_... vs. ....1

;,*_ı *

~.... 54*

._ ı

_ _ _ ı"""._ -QT]-'Q ._' 7 :lit

Q .._ X'_ _ 4» 'ı ._,.

E' ,m ››.._ ~ı ~ı ".. fllfä' Q

_ ' im å, p _ l

.44 `ı _ **'“° „_ _

"._

fiı.-C'

„ Reic†hel.s'heimer Hexenturrrı “ in der Turfnga.s'.s*e.

Nach Überlıefifrımg sollen in ihm die wegen

Hcxcrci tmc! Zaub(*reı` Afzgekfagten wéi/1renc.! der

Prozcfßdauer festgehalten worden sein

51


„Zersehmettert den Kopf derer, die uns feind sind 1“

ln der Kirchenchronik berichtet Pfarrer Frankenfeld

1849 aufgrund der alten Papiere im Kirchenarchiv über

das, was in Reichelsheim ab 1658 geschah. Lehrer Heinrich

Keller, hier vor ca. 6()Jahren tätig. nahm diesen Bericht

der Chronik zum Anlaß, um einen Zeitungsartikel

darüber zu schreiben, um -wie er ausdrücklich anmerkte

- „uns und unseren kommenden Generationen ein Bild

jener bösen Tage zu vermitteln (s. S.41 f. seines „Heimatbuches“).

l)er erste Teil dieses Artikels sei hier wiedergegeben

:

„Hexenprozesse in Reichelsheim

l)er durch den 3()jälırigen Krieg auf die Spitze getriebene

Hexenwahn hat auch in dem Städtchen Reichelsheinı

i. d. Wetterau seine Opfer gefordert, und zwar im

Jahr 1658. Mehrere Kostenrechnungen weisen die durch

die Untersuchung gegen verschiedene Personen entstandenen

Gerichtskosten nach. Den Anlaß zu den hiesigen

Hexenprozessen gaben Anschuldigungen, die von einigen

Bingenheimer Frauen zu Protokoll gegeben wurden.

Darüber ist folgendes zu lesen: › _ .. weil in Bingenheim

etliche Zauheriıınen auf die hiesigen Leute ,bekannten`,

als hat nach kommuniziertem Bingenheimer Protokoll

Ihre Hochgräfliche Gnadcn, GrafJohann von Idstein als

Hochgräflicher Vormund, allhier auch etliche Zauberer

und Zauberinnen einziehen lassen. Zuvor aber, ehe man

von dem Einziehen solcher Leute etwas gewußt, sondern

allein davon äußerlich geredet, ist Pankratius Schornstein,

Kirchenbaumeister und Senior, ohne Zweifel aus

Trieb seines bösen Gewissens heimlich hinweggegangen,

bald aber darauf sind folgende Personen eingezogen und

in den ,Brandgärten` und ,Feuergräben“ verbrannt worden:

- Pankratius Sehornsteins Ehefrau Katharine

- Joh. Eberh. Bäckers Ehefrau Else

- Joh. Spielmanns Ehefrau Katharine

- Hans Schmalzen Frau Veronika

- Joh. Emrich und Max Diels Frau Katharine.<

Max Diel brachte sich im Gefängnis nach ausgestandener

Tortur (= Folter) und getanem Bekenntnis um. Lips

Finger ließ sich die Nacht an einem Seil aus dem Gefängnis

und lief fort. Lips Finger Tochter Katharine und Joh.

Spielmanns Tochter Katharine, beide erst 16 Jahre alt,

wurden geköpft und begraben bei dem hintersten Kirchhof

und begraben bei der Mauer auswendig, in Joh.

Weitzens Garten. Joh. Ebert Bubers Tochter, 11 Jahre

alt, ist, weil sie fortwährend leugnete, entlassen, aber im

Jahre 1665 wieder nach Weilburg zitiert worden, wo sie

dann nach getanem Bekenntnis den 14. März gerichtet

und begraben wurde.“

U

, _

Eine Batıersfrau wird gehängt,

die nach dem Urteil des Ketzergerichtes

von bösen Geistern besessen ist

(Entn. : „Hexenwann“, S. 57)

ll

52


Im Kirehenbuch kommentierte der (wie gesagt 1849)»

berichtende Pfarrer Frankenfeld dieses Geschehen mit

zwei Worten, hinter die er jeweils ein Ausrufezeichen

setzte:

„Schändlichl Schändlich 1“

Dem damals amtierenden Pfarrer Frech (von 1639 bis

1673 hier in Reichelsheim tätig) wurde „vorgeworfen

und verwiesen, daß er in der Privatbeichte etliche befragt

habe, ob sie nicht Zauberei getrieben hätten, und wenn

sie nicht mit JA geantwortet, sie nicht zum Abendmahl

zugelassen hätte“ (s. Kirchenchronik, S. 100).

In einem im Darmstädter Staatsarchiv vorhandenen

Reichelsheimer Gerichtsprotokoll“ aus dem Jahre 1672

wird ausdrücklich verdeutlicht, daß die Vernehmung der

Margarethe, Tochter des Johann Meuber('?), durch den

Amtskeller Johann Nicolauß Wilhelmi und sämtliche

Gerichtsschöffen die Aufgabe habe, sie daran zu erinnern,

„dasjenige, was sie vorhin vorm Kirchen-Convent

erwähnt, nochmals auszusagen“. Der erwähnte Pfarrer

Frech amtierte bis 1673 in Reichelsheim.

Die in einem früheren Kapitel beschriebene Macht des

Pfarrers über seine Gemeinde wird hier verdeutlicht!

(vergl. hierzu auch den Anfang des Kapitels über „Die

Reformation“). Wer durch Entscheidung des Geistlichen

nicht zum heiligen Abendmahl zugelassen war, der war

aus der Gemeinde der Christen, und das hieß damals:

aus der Gemeinschaft der Menschen, bzw. aus der Gemeinschaft

der gottgewollten Geschöpfe, verstoßen -

und der war damit in gewisser Weise „Un-Mensch“ oder

„Anti-Mensch“.

Um zu verdeutlichen, welche Bedeutung die Kirchen,

die Gotteshäuser, für die Menschen jener Zeit hatten, sei

5,; nur ffzaßrø/ill;

,/" (jëa/;r;


f .F

'

der Text eines mittelalterlichen Kirchenliedes abgedruckt:

„Ehrfurchtgebietend ist dieser Ort. Hier ist das Haus

Gottes, die Pforte des Himmels: Vorhof Gottes genannt.

Wie lieblich sind deine Wohnungen, Herr der Heerseharen:

Meine Seele verlangt und sehnt sich nach den Vorhöfen

des Herrn. Beständig frohlocken die Engelscharen,

diesen Ort bezeugen sie als heilig, in dem sie sagen:

Ehrfurchgcbietend ist dieser Ort _ .

„Zersehmettert den Kopf derer, die uns feind sind 1“

So hatte Pfarrer Frech wenige Jahre zuvor, aus Anlaß

des Endes des „Dreißigjährigen Krieges“, von der Kanzel

der Reichelsheimer Kirche gepredigt: Wer verdächtigt

war, mit dem Feind aller Christen, dem Teufel, im

Bunde zu stehen, dem wurde das Abendmahl verweigert,

der wurde aus dem Hause Gottes verdrängt, dieser

„Pforte des Himmcls“; der wurde statt dessen vor dem

Kirchen konvent oder in der Privatbeichte „befragt“, der

wurde zum Geständrıis gezwungen!

Zeigle der oder die Befragte sich niclıt geständig, so

wurde „die peinliche Befragung“ angeordnet, also die

Folter!

Der Gedanke, daß eine Angeklagte - und meistens

waren es ja Frauen - einmal freigesprochen werden

könnte. warden Hexenriehtern, wie der damals berühmte

Pater Spee in seinem Hauptwerk „Cautio Criminalis“

ausführte, völlig fremd: „Entweder gesteht die Angeklagte

auf der Folter, und dann ist sie schuldig, weil

sie bekannt hat, oder sie gesteht nicht, dann ist sie ebenfalls

schuldig, weil sie furchtbare Folterqualen ausgehalten

hat, die kein Mensch ohne des Teufels Hilfe überstehen

kann. Sie hat also den sogenannten Schweigezauber

geübt und sich dadurch als Hexe erwiesen“ (entnommen:

K. Baschwitz, „Hexen und Hexenprozesse“,

S.236).

Warum wird „Joh. Eberts Bubers Tochter, ll Jahre

alt“ wohl schließlich gestanden haben? Die Erinnerung

an das vor Jahren Erduldete, die Erkenntnis, daß einmal

Verdächtigte nichtmehr ruhig schlafen gelassen werden,

vielleicht auch das Verhalten des fanatisch-dogmatischen

Pfarrers Frech ihres Heimatortes Reichelsheim

ihr, die mittlerweile das Konfirmationsalter überschritten

hatte, gegenüber? All das mag dazu beigetragen haben,

daß sie „gestand“, mit dem Satan im Bunde zu sein,

bzw. daß sie keine Kraft mehr aufbringen konnte oder

wollte, erneut den unmenschlichen Qualen der Folter zu

widerstehen.

1

g U I ı'

.-.' i'f'

;.',',.'¦,ı ..-

4' ,-'¦ı",ı'.

ı' .rf gl'

.

I

ww »„

.

--L \

à ,A


.-

.- /

...-0,1

, _ ,f§.-Äf/f;1*' _

/Beer: 1

'ws ,~››, 1&1 =..-1'

\%$\ _ ' :' fí//4,1!/3 \

'_ 6 l' ' "'_ 'jy'ı lt _- _ :'1_:.g- `

Zwei Hexen werden gefoltert (Holzschnitt, I6. Jh. )

(Entn.: „Hexenwahn“, S. 108)

'

»WC

Konkrete Akten über die Hexenprozesse in Reichelsheim

finden sich nur noch sehr gering. Viele sind wohl im

2. Weltkrieg beim Angriff auf das Hessische Staatsarchiv

Darmstadt vernichtet worden. Lange galt der Bericht des

Pfarrers Frankenfeld im Kirehenbuch als der einzig

54


„brauchbare“ Beleg zum Beweis des furchtbaren Geschehens

im 17. Jahrhundert.

Als 1987/88 der Magistrat daranging, den „Hexenmeister

von Reichelsheim“ neu aufzulegen, bemühte sich

der damalige Archivar der Stadt, Herr Gerhard Hofmann,

um unzweideutige Belege. Schließlich stieß er bei

seinen Nachforschungen auf die Zeitschrift „Alt-Nassau“,

Jahrgang 1905, die im „lnstitut für geschichtliche

Landeskunde der Rheinlande“ in Bonn archiviert ist.

Ausführlich und auf Originalquellen stützend, setzt sich

darin ein Historiker mit den Hexenprozessen in Reichelsheim

auseinander.

Um auch zu verdeutlichen, wie die Anklagen gegen

die Reichelsheimer Hexen lauteten, sei hier aus diesem

Artikel zitiert:

„Da waren nun zunächst Max Diel und sein Weib im

Verzeichnis aufgeführt, die schon mehr als zwanzig Jah re

für Erzzauberer gehalten und von den Kindern auf der

Straße dafür verschrien wurden. Ihre Händel- und Zanksucht

hatte sie schon mehr als zehnmal vor Amt geführt,

woraus deutlich zu entnehmen war, daß sie dem Teufel

ergeben seien... Der als fünften der genannten Frau gehe

zwar der böse Ruf noch ab, doch sei von ihr auch

nichts Gutes zu vermuten, da sowohl ihre Stiefmutter wie

ihre Schwester in Bingenheim als Hexe verbrannt worden

seien.

Des Bäckers Frau als sechste wurde allerdings für eine

Hexe gehalten, denn vor zwei Jahren sei ein allgemeines

Kindergeschwätz im Umlauf gewesen, daß ihr fünfjähriges

Töchterchen sich gerühmt habe, es könne Mäuse machen...

Auch Joh. Ludwigs Witwe werde für gut gehalten, nur

gewähre sie öfters alten Weibern, so verdächtig, Aufenthalt

in ihrem Hause...

Über Johann Michels Frau, als der elften, sei nichts

Schlechtes verbreitet, doch halte man sie für eine Hexe,

weil sie mit dem Segensprechen umzugehen wisse. ._

Eine der schlimmsten sollte aber die unter 14 aufgezählte

Müllerin gewesen sein. Nicht nur waren ihre verstorbenen

Eltern jederzeit für Erzhexen gehalten worden,

sondern auch von ihrem ältesten Töchterchen sei

vor zwei Jahren das Gerede gegangen, daß sie einem

fremden Mägdlein das Mäusemachen habe lehren

wollen. Dann aber habe 1653 die Müllerin durch den

Ochsenhirt ›Hexenbeine< von den auf der Bingenheimer

Gerichtstätte, dem Lohbusch, verbrannten Hexen holen

lassen, um sie auf der Weide als Mittel gegen Viehkrankheiten

zu vergraben: ݟber welches Holen der

Ochsenhirt, ein Wallone, vom Teufel übel traktieret,

blau und schwarz über den Rücken geschlagen worden

und doeh niemanden gesehen, bis er die zurückbehaltene,

uff der Weide vergrabene Bein uff mein

(des Kellers) und des Pfarrers Anraten wiederum dahin,

woher er sie geholet, getragen. Wobei er dann abermals

sehr zerschlagen, auch von einer Stimme in französischer

Sprach angeredet worden, was er damit tun

wolle< . _

In dem Artikel der Zeitschrift „Alt-Nassau" heißt es

dann über den Prozeßfortgang:

„Man betraute damit den Weilburger Rat Martin

Chun und hatte auch keinen Fehlgriff getan; denn dieser

berichtet am 27. Februar 1658 sehr selbstgefällig aus Reichelsheim:

Er habe mit den drei Kindern bei der Untersuehung

den Anfang gemacht, und der liebe Gott habe

seine Gnade gegeben, daß alle Eingezogenen ihre Sünden

teils gutwillig, teils durch Anwendung der Folter, das

jüngste Kind infolge von Rutenschlägen, bekannt hätten.

. .

55


#3. ,. j __

ßıııitmuıı lıı ürlılnlılpıim.

Das Amtshaus zu. Reich.eIshetfrn, Fl0rsta`dter Straße,

in dem die Hexenprozesse stattgefunden haben sollen

(erbaut 1500, abgerissen 1910/11; Foto um 1890)

Es sei nicht zu beschreiben, was für grausame Taten

noch verborgen seien; es sei ganz unzweifelhaft, daß er

den dritten Teil noch nicht wisse, und wenn man die Leute

(mit Hülfe des Scharfrichters) ein ganzes Jahr examiniere,

so komme immer wieder etwas Neues dabei heraus.

.

Wie sehr die krankhafte Verfolgungswut der Verantwortlichen

ging, das zeigen die den Opfern meist während

der Folter durch Suggestivfragen erzwungenen Geständnisse.

Hier einige Beispiele:

„Eine Frau wußte Kuchen zu backen, durch deren Genuß

die Kühe die Milch verloren; eine andere verstand

es, durch Melken am Rauchfang oder an Beilstielen den

Nachbarskühen die Milch zu entziehen. . . Schaudererre-

gend ist die Kunst einer anderen, Hexensalbe zu bereiten.

Dazu müsse des Nachts ein Kind ausgegraben, ihm

das Gehirn aus dem Köpfchen und das Mark aus den

Beinchen geklopft und beides nebst zwei Fingerchen von

jeder Hand oder zwei Zehen von jedem Fuße mit Säufett,

Krötenschmeiß und anderen Zutaten in einer Pfanne

gekocht werden. . _

Über die Peinigungen des ältesten der drei Kinder

schreibt Chun: ›Weil dieses Mägdlein, ein sehr versehlagen

Mensch, bis zum vierten oder fünften Vernehmen

bald in diesem, bald in jenem variierte und

uns vexierte, ist ihm endlich nach vielem Bedrohen ein

Schraubstock auf die Daumen gesetzt worden, doch

ohne völlige Zerbrechung derselben, da es dann alles

erzählte. Dabei hat sich ein sehr jämmerlicher Umstand

ereignet, indem es gewinselt und über und über

gestampft und geschrien, daß es fast nicht reden können.

Der böse Feind habe ihr im Turm, dahin es zum

Schrecken geführet worden, verboten zu bekennen;

nun habe er ihr unter dem Rock gesessen und sie gepetzet,

weshalb sie so gewinselt und gehüpfet.< - Des

Mädchen Mutter, die 50jährige Müllerin, war erstaunt

über die gegen sie erhobenen Anklagen; sie müsse,

wenn das wahr sei, einen unwissenden Geist haben.

›Als man ihr aber die Daumen- und Fußschrauben aufgesetzt


Ein paar Jahre später beantragte ein Reichelsheimer

Einwohner die Wiederaufnahme des Verfahrens, weil

ihm zwei Ochsen in kurzer Zeit verendet waren. Gefragt,

wen er denn in Verdacht habe, äußerte er, das Hexenmädchen

sei ja noch da, durch sie werde schon alles an

den Tag kommen. ~ Seinem Wunsche scheint man dann

auch nachgekommen zu sein.“

Wir haben keine historischen Aussagen darüber, weraußer

dem fanatischen Bingenheimer Amtmann Caspari,

Vertreter der Herrschaft des Landgrafen Christian

von Hessen-Bingenheim -zu den ursprünglichen Anzeigern

und damit Anstiftern des Hexenwahns in Reichelsheim

zu nennen war. Aus Ouellen anderer Städte und

Gemeinden wissen wir allerdings, daß der „Anzeiger“

mit einem Drittel des Besitzes der „überführten und geständigen“

Person belohnt wurde. . .l Die meisten „Anzeigen“,

die zu neuen Verhaftungführten, stammten allerdings

meist von denen, die gerade gefoltert wurden,

denn sie wurden stets nach „Mithexen“ und „Mitzauberern“

befragt. Aus der Hoffnung heraus. von den unsäglichen

Schmerzen befreit zu werden, wurde. wie die oben

angeführten Auszüge aus Reichelsheimer Gerichtsprotokollen

beweisen, der Mund geöffnet, wurde der „Geist

wissend“ gemacht, wurden Namen, irgendwelche Namen

genannt oder bestätigt. Aufgrund der wiedergegebenen

Berichte muß festgestellt werden, daß auch Mitbürgerinnen

und Mitbürger aus Neid oder Habsucht jemanden

„anschwärzten“.

Läßt es sich heute erahnen, wie das Verhältnis der Mitmenschen

untereinander im kleinen, mauerumgrenzten

Reichelsheim war?

Der berühmteste Gegner der damaligen Hexenverfolgung,

der bereits genannte Pater Spee, schrieb in seinem

schon zitierten Buch „Cautio Criminalis“ (2. Auflage

1632):

„Du mußt aber wissen, daß bei uns Deutschen der

Aberglaube, die Mißgunst, Verleumdung, Ehrabschneiderei,

heimlicher Klatsch. Schmähsucht und arglistiges

Verdächtigen unglaublich tiefeingewurzelt sind, was weder

von der Obrigkeit nach Gebühr bestraft wird, noch

von der Kanzel. wie es nötig wäre, widerlegt wird. Und

eben daher entsteht der erste Verdacht der Hcxerei, daher

kommt es, daß alle Strafen Gottes von Zaubcreien

und Hexen herrülırcn sollen. da lıabcn Gott uııd Natur

nichtmehr zu gelten, sondern alles müssen die In lexen getan

haben.“

Schließlich und endlich starben 58 Meııschen aus Reichelsheim,

fast alles Frauen, verurteilt als 1-lexen, als

„Anti-Christen": Meist „aus Gnade" erst getötet durch

den Strang des Henkers, wurdcıı sie außerhalb des Stadtmatıern

- in den Brandgärtcn“ - verbrannt und die verbliebene

Asche „in weitem Bogen verstreut“. Nur wenige

gerichtete Körper wurden naclı der Strangulierung

oder Enthauptung außerhalb der Stadtmatıern iıı die Erde

gelegt. (Da ein weltliches Gericht die Verhandlungen

führte und die Urteile sprach, gab es in der Regel keine

lebendigen Verbrennungen in Reichelsheim. wie dies bei

Verurtcilungcn durch kirchliche Gerichte nıeist der Fall

war, weil die Kirche kein Blut vcrgießen durfte.) Keine

der getöteten Personen wurde in geweihten Boden gelegt.

also auf dem christlichen Friedhof bcerdigt.

Die letzten Anklagefälle iıı Reichelsheim sind tıns aus

den .lahren 1672 (s. das Protokoll zu Anfang dieses Kapitels)

und 1678 bekannt. Über jenen letzt bekannten Fall

berichtete wiedertım das Kirehenbuch (s. S. 112):

„Den 29. Mai wurde Jonann Hörten Hausfrau Margarethe

vor den Convent (der Kirche) geladen, weil hinterbracht

wurde, sie sei auf Walpurgis (= I. Mai) morgens

früh ungesprochen hinaus in die Lehmkaute gegangen

tınd habe dortselbst etwas Böses und Zauberisches ge-

57


trieben, weil eben den 1. Mai und folgende hernach viel

Stück Vieh plötzlich gestorben seien. Daher denn gemuthmaßet,

es sei von bösen Leuten etwas Böses dem

Vieh angerichtet worden. Sie antwortete, sie sei ungesprochen

uııd allein in die Lehmkaute gegangen und hätte

dort 3 Hand voll von einem Kraut abgeschnitten, welches

gut sei für das plötzliche Absterben der Schweine.“

Wie die Prozesse gegen die zwei bczichtigten Frauen endeten,

ergibt sich aus den vorhandenen Gerichtsprotokollen

nicht.

doch dessen in Holz geschnitzte Inschrift heute noch im

Hof des Wetterauer Museums nachlesbar ist: „l654 X

Hans Geis erbaut und zimmert dieses selber X Anno X

Ach Gott sei dieses Jahr mein Helfer X“. Ob Hans Geis

wirklich, wie in dem Buch erzählt, wegen Hexerei angeklagt

und gefoltert worden war, sich aber durch Flucht

deın Vollzug der Verurteilung entziehen konnte - das alles

ist aktenmäßig nicht verbürgt. - Lesenswert ist auch

das Nachwort von G. Hofmann.)

~§\

$\§\

®s\\\\

lm..

@ _,

1'

fr


" ııı

Q

UI

is;

*_

Hexe, die an/'einem Pentagramm kniet,

verzaubert eine Kuh, so daß diese keine Milch mehr gibt'

(Entn. _' „ Hexen wahrt S. 63)

(Abschließende Anmerkung:

Alle Menschen, die hier wohnen, sollten sich das kleine

Büchlein von Karl Becker „Hans Geis, der Hexenmeister

von Reichelsheim“ durchlesen, der sich hier ein

Haus aus eigener Kraft baute, das zwar vor einigen Jahrzehnten

wegen Baufälligkeit abgerissen werden mußte:

.\~_..„(._„_„é$,. _ `_ .1 : _ ___., _ _,._ Q .,_„.,.-_ _. mv, -_ 7 _:__,.„;_, _ _

-- _ -_ __ „_-„ .«.~ -- _ " ' »...-


In jenen Jahren der inneren Zerrissenheit der Menschen,

der tiefen Verunsicherung, der Antwortlosigkeit

auf all das, was den Menschen zustieß bzw. seit Beginn

des Jahrhunderts zugestoßen war, begann neben den

Versuchen, Unglück und Krankheit im Wirken des Teufels

und seiner menschlichen Helfer, der Hexen und Hexenmeister,

zu sehen, auch das Bemühen, die ersten Erkenntnisse

der neuen Naturwissenschaften in herrschaftliche

Verordnungen umzusetzen. Sie zeigen uns in besonderem

Maße das Hin- und Hergerissensein zwischen

Verstand und Aberglauben.

Im Reichelsheimer Kirehenbuch hielt Pfarrer Frankenfeld

eine dieser Verordnungen fest. Zusammen mit

einer Einleitung können wir lesen (s. S. 107/108):

„Merkwürdig ist noch eine Verordnung von diesem

Jahr (1666) wegen einreißender Krankheit, nachdem in

Erfahrung gebracht werden war, daß in der Nachbarschaft

hitzige Krankheiten und auch die Pest ausgebrochen

sei. Die wesentlichen Punkte sind:

›l. Soll, um den Zorn Gottes zu besänftigen, der Gottesdienst

regelmäßig gehalten werden an Sonn- und

Werktagen. Dabei soll auf die Zeitereignisse in der

Predigt Rücksicht genommen und die gegen die unfleißigen

Kirchgänger auf der Kirchen-Censur verfahren

werden;

2. sollen alle Tänze, Kirchweihen, Märkte usw. eine

Zeit lang gänzlich aufhören;

3. sollen alle Bürger für Reinliehkeit in den Häusern

wie auf den Straßen sorgen, Kloaken und Winkel

fegen, für Abfluß des Wassers sorgen und totes

Vieh bei Seite schaffen:

sollen alle mäßig sein im Essen und Trinken, alles

Steinobst meiden - zu Markt gebracht soll es aufgeschnitten

werden (wahrscheinlich der Würmer wegen):

feinen Wein trinken und Fleisch von gesundem

Vieh essen:

soll jeder zu Hause bleiben; wo er aber auf andere

Orte und Dörfer gehe, sich vorher Erlaubniß holen,

solche Orte jedoch, wo die Krankheit herrschet,

ganz vermeiden bei Strafe einer 2-ınonatigen Landesverweisung;

gleiche Strafe soll die treffen, welche Fremde oder

Verwandte von solchen Orten bei sich aufnehmen;

sollen die Beamten Ärzte und Balbären (= Rasierer,

Friseure, Heilkundige) bestellen, die zu den

Kranken gehen und diese sollen, wann sie unverrnögende

Kranke behandeln, aus der Gemeindekasse

bezahlt werden;

sollen die Kranken sich einhalten, ihre Häuser bezeichnet

werden und besondere Leute als Wärter

bestellt werden, die nur allein zu denselben gehen

dürfen;

sollen die Todten bei Nacht und im Stillen hinaus

gefahren, auch recht tief begraben werden, wenn

sie von der Krankheit befallen waren:

sollen Bettung nicht im Orte aufgelüftet, Weißzeug

der Kranken nicht in den gemeinen Bächen ausgewaschen

werden;

sollen die Leute aus benachbarten Orten gegen billige

Belohnung den Leuten an den inficierten Orten

die Frucht schneiden und aufhäufen;

soll man sich die Heilmittel bei Zeiten und zur Vorsorge

anschaffen _


4. e) Reichelsheim - die Stadt der Jahrmärkte

tläfigë

I

tt« '\t›""'a- A è

ärååšâššššfififébrafgu&}atl'att/guštttttßruttçnunbåttåaarwcr-

. Ü .t 1,3'

I

- t. I rl I . '

ie a-als

ft'Fà'›'l* _ s

wi -»

grfååßtlëåßâš/von eëotteøéënaacnårmóbtıteräómıtcfierfieptêr/gu

_-:›._ attm' mınmı ırorøütıtms/tnëåamanun/in 'Zw ımb/'Datmııımvßroaıtmıırıbëctavoımııfiau- at.-,;@;ı,. rçuggubıficncırßa tprrttog au äšurgıınmu

F9' Q 'br ano:/μı mr/inmnımgußıtn/w gu-gınrımıßırgx Dbcrøunbfiltmrßßßllllfwšllffiåfi H _ › zu/lflltarggrtıfbcsfp.'ütñm.9dq›s/aıtbmgawju

3 «- D 3*' §!'t%rnvübcr›ımb?ıa›cr›2tııı9ııttı;e±cfı\ıfm Qımfgusgabiıiurgaıı“Emu/guWrntmfiubmgzmıogußıhsffimbgragm*ıttafi/fgmauf aer°3.!tnbtgıu$3tard}3ırıjDoı»reı;qtuııti

ßııüßlrıtfiıc. 2829171121?øıfcıııttcbmtwtıfcm'ätiıfııñtpmıtunntıoırmdnntgtııb/baß'I3ıısfnerüø¦grbornıx'23n{ırımbbıs ttıbcrš:trm:r$~Ji'3,'í) Jtjgiıyqsra 51;'-mj'f,;„;5„

á'»f'r««'“”m"'.åt“„.i„'“åtí'.;'_.'T›'.!l;åítà3ä1"†„».„””“'°“”“„§'.“„fi§äå'1tâ;t:šliâl'?„°„t"åâ'䧚.“«?1“š`«2,“:.“'tt\*i*$%t=l“l't"„l:;"s„ä?%'å?t;ltí?„$'1ftW„'.tí§;*iš““ "'

ıfNtl›mıätcı!mdm»vıruauırbıaı'8nıuıtıaıwnftn;iiatınııgbcfeıbc obıuııas fıtgrbcqmıımıvnmßnıatßfiarrmvtmtkbfcpc/usb I ma-dttcbcmtftäezııııııttäuhıw nafamgldåggıu

ııttrnı mtmntıuflatırmdrdr tı mg am .e wammmbgflmtıaang tpav aımttcattëå af 'j 'b9t3§tt_› - tumtíau bt-tıtfıııf _

tırtbdıitgøßttı/aııtlıbtc mııilctiiıtiiuıuiıflbg" pflvltånlgäfl/fullfriliicbgotfitmnmıb . ttucttaııb Üßffflbflflr ällóıiil cıyfirn ımbfióntgnv andi 'Brut untırvmı gatßfiitiıguilá

tw ødgııııwbnvtrfcâiıbı tı-iııpıubıı :rb tflucbltfitm blatt/nur llbr 9'!

miim åtllıııx audi von foıilıtırıı mgiii/mJn åtmı i!lim/iiilmttcb auf -=› nıagmtilııliléltzëøtgraåhnllfiçruilllingåliıllblritlâıfllläi

3ot›aııntøßıp:itlı.bmbrtcımaııföon t›or$ı_.Mi=hıëıaı,4ı|¦'3qä;ap.ııımga4ıtg|t _ urıtıgı-frct,tc:.»ıttc|'ıtt›eš«ı;;ı-.Stft'iıı-:It ıııtıficvfrrt iı ttıbıııät-ay magen

hurvorf uıwaıbc bamacß/bı n lägen aud; _ mbıısçftm føtıàcëlııp faıfıbm/bcfrctyın unit gabm/ oeııfe ttaigımctm äm Rfimmqm

uam girl dm *fl B013 9?

mll-a..„ams.amtaet'#atia:W„r=~an

ri:

n„.,m~*~„.äggsats~~f „ma:"i,aa~r„t~„~tee„~raattea~ail§tš;„asatarrittlå?ré's*r«asai:

t

mm/ %mmt mMmmmmga;pmm m1m_@mw 'mıvemeıanmsømraeıtmsaıtımøtmififiaufig

....

1 _ tl rt' ta . ri 'ı, nn

wwèzjtzwmmfimmhilåíwåiåähfimwuwß'„MJ“l't7›l'et«wi»«›w»wßš°t==«~fa«»=«›a»«r=m- 7 P °6“°”'°°'

„_ L _ Ad Mında:rımSac.CsC Maje-

Wiıß'mi5liri"`"' ( S ) fimwm' attwtmemıa;

amtg gmia«ttumåıjıøııwa

eme« mııffmamıå eøfimmtänåı,

e'°r”i'~”i.š'%”ir“i=ii**”i°*~l=**~*“-““~“l@~«~m«*“'«~f««›~*

eıımım wttfnwttwwtmıaamtlw emwtmım jıhıigß

”==s«.t°”“°srtt¬r›a'r.~„t:i~t.t.fm,„“.„„%*“,„f

1 2%.

;„i;_±_.ss',»f

„y3,9...›,§,

Kaiserliehe Urkunde vom 7. April 1668 iiber die Verleihung des Rechts, jiihrlich 3 Märkte abzuhalten

60


.-

fl

""`\L .

7 tra rftaf“

rı.i..„â~ aiÖkm- «lim -†tÄ»--- J

ß„tL„.,.7„,../51; 'Ü I

I /4 4

l

ein .tea .iı;,›;*t;~,/>f..f;

).{.,~.ff”,a_f....¬,/,1.. ,)›,;..)../

.1 „ill/.„. .9 g....1,”Ä/fI„š7.t.tein V“ W im wg „Mfg /«gig W7/

W . 3,.. .šw~{-»Q-_{ı .rff tft.. tea« "V"

aeraeaee.._.«~„i«-»ia-.

..',`..__`-_ J . JWÜZT hw- / I

,¬ ' //vwßlfí.

1;). t.;2.te%........./

j I. _

D _ - 3" ---

ß ffflıw Handschriftliche Abschrift des „ Extraktus “

der Urkunde des Jahres 1494 uber die Verleihung

des Rechts, jeden Dienstag einen

„freyen offenen Markt“ abzuhalten


Märkte hatten die Reichelsheimer Ortsbürger und

ihre Angehörigen sowie Bediensteten, das Gesinde,

schon vor diesem wichtigen Jahr, als ihnen Kaiser Leopold

das Recht zusprach, in jedem Jahr 3 Märkte abzuhalten,

erlebt.

Märkte, das waren die „Kaufhäuser der früheren

Zeit“, vor allem die Jahrmärkte, denn hier konnte man

sich mit nahezu allen Dingen des täglichen Lebens versorgen,

die das örtliche Gewerbe nicht oder nicht so billig

oder nicht in der gewünschten Art anzubieten in der Lage

war.

Die Grafen von Nassau, die seit Anfang des 15. Jahrhunderts

das Herrschaftsrecht über unseren Ort hatten

(eine Hälfte besaßen sie durch Tausch, die andere Hälfte

hatten sie seit 1423 vom Abt von Fulda als „Erblehen“ erworben),

hatten Reichelsheim in jener Zeit recht gut gefördert,

wie in dem Kapitel „Mittelalter“ beschrieben

wurde. Sie schufen durch die Errichtung der Landwehr

rund um das Gemarkungsgebiet (um 1380), den Bau der

mit Wehrtürmen gesicherten Mauer rund um den Ort

(gegen 1420), den Bau der Kirche (1485), die Einrichtung

eines eigenen Schöffengerichtes und den Bau eines

Rathauses (1570), das im Erdgeschoßbereich Markthallenform

erhielt, jene Voraussetzungen, die notwendig

waren, um die Stadtrechte für einen „Flecken“ erlangen,

um vor allem aber den Ort zu dem Sitz von jährlich wiederkehrenden

Märkten, den Jahr-Märkten, erheben zu

können.

Reichelsheim hatte nachweislich seit 1494 einen

Markt, allerdings nur einen Wochenmarkt. In einem

„Extraktus (Auszug) eines alten Documenti, den Flekken

Reichelsheim belangend de ao. 1.494“ (= aus dem

Jahre 1494) heißt es (leicht sprachlich verändert und gekürzt):

„Wir wollen auch, daß am Dienstag jeglicher Woche

ein freier offener Markt abgehalten werden soll. .. Wir

wollen auch, daß in eben diesem genannten Dorf-Flekken

die Friedberger trockenen Maß, dessen Elle, Münze

und Gewicht gelten soll.“

Damit hatte Reichelsheim also jeden Dienstag einen

genehmigten Wochenmarkt, einen „freien offenen

Markt“. Da Reichelsheim eine Nassauische Exklave

war, wurden die Hohl-, Längen- und Gewichtsmaße sowie

die Münzwertigkeit der nahe gelegenen „Freien

Reichsstadt Friedberg“ vorgeschrieben. Somit hoffte

man wohl, bei den Kauf- bzw. Verkaufslustigen der

Nachbarorte mehr Interesse und zugleich Vertrauen

wecken zu können.

Mit dem offiziell genehmigten „freien offenen Markt“

hatte Reichelsheim mit manch anderem größeren Ort

der Region an Bedeutung gleichgezogen. Doch es sollte

mehr werden nach Meinung der Reichelsheimer und ihrer

Herren, der Grafen von Nassau. Aber wegen der

„großen Politik“, die die Welt und auch das kleine Reichelsheim

im 16. und 17. Jahrhundert in Atem hielt und

die in der Reformation, den Religionskriegen und dem

Dreißigjährigen Krieg ihren Ausdruck fanden, wurde

daraus vorerst - soweit die noch vorhandenen Akten etwas

aussagen - nichts.

Nachdem das Wüten und Morden des langen Krieges

jedoch vorbei war, nachdem gut 11/2 Jahrzehnte später

andererseits die Flammen erneut Unglück über diesen

Ort inmitten der Wetterau gebracht hatten, erinnerten

sich die Verantwortlichen derjungen Stadt Reichelsheim

Die Herkunftsorte der gewerblichen

und handelstreibenden Besucher

62


ss

32

25

23 3

8

0

10

0

Q6

5

2

' 21 9 26 '18

' 22

29 0 17

2 7

19

1

L

3 1 .

21»

23

31;

1

/7/.' 0 4:11.

Cy

0

Rfiıcaısts-

\ Hi-Lın

0 27

0 13

O

35

37 O

336

516

Zahlen bedeuten Orte (in Klammern die Anzahl

der Anbieter aus dem jeweiligen Ort):

1 = Friedberg (66),: 2 = Butzbach (55),: 3 =

Grünberg (46),' 4 = Nidda (31),'5 = Schotten (19) ;

6 = Lich (18); 7 = Eic/telsdorf(15); 8 = Laubach

(14),: 9 = Hungen (13); 10 = Freienseen(1l);11=

Kohden b. Nidda (11),' 12 = Weilburg (7),- 13 =

Staden (7); 14 = Dauernhcim (7); 15 = Oberursel

(6),: 16 = Hanau (4); 17 = Rainrod (4); 18 =

Reichenbach/Sachsen (4) ; 19 = ()ber-/Unterschmitten

(4); 20 = Heuchelheim/Wett. (4); 21 =

Kirchgons (3); 22 = Ulfa (3); 23 = Frankfurt/M.

(2); 24 = Bommersheim (2); 25 = Kestrich (2); 26

= Langd (2); 27 = Ortenberg (2);28 = Gießen (2);

29 = Mttnzenberg (2); 30 = Bingenheim (2); 31 =

Echzell (2); 32 = Groß-Felda (2); 33 = Windecken

(2); 34 = Bad Nauheim (2); 35 = Stammheim (2);

36 = Lindheim (2); 37 llbenstadt (2).

Hinzu kamen noch 25 Orte, die allerdings nur

jeweils' einen einzigen Anbieter in Reichelsheim

aufgeboten hatten.

(Grafik: L. Beier)

63


an die Idee, in Reichelsheim zu verschiedenen Jahreszeiten

große Märkte, sogenannte „Jahrmärkte“, abzuhalten.

Da die Verleihung der Marktrechte dieser Art ein Privileg

des Kaisers war, bedurfte es vor allem der Unterstützung

dcr adligen Herrschaft.

Gerhard Steinl, ein ehemaliger Mitbürger aus dem

Stadtteil Weckesheim, hat sich in jüngster Zeit in einem

fundierten Artikel mit diesem Vorgang beschäftigt. Er

schreibt aufgrund der Aktenlage, die er vor allem dem

Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt und dem Archiv

der Stadt Reichelsheim entnehmen konnte (s. Hessische

Familienkunde, Bd. 21, Heft 1, 1992, April 1992,

Spalte 17):

„Die Gemeinde richtet ein Gesuch an den Grafen,

beim Kaiser uın 3 Jahrmärkte zu bitten, damit der Ort

sich zusätzliche Einkünfte verschaffen kann. Der nassauische

Agent am Hof in Wien, l\/lelehior Vigelius, gibt

Nachricht. daß ein kaiscrliches Marktprivileg nicht zu erlangen

sei. bevor nicht Konsens der umliegenden Nachbarn

eingeholt wäre. Graf Friedrich berichtet nach

Wien, daß den Bürgern in Reichelsheim nach dem Brand

nurnoch wenig Gebäude tınd fahrende Habe übrig blieben.

Kaiser Leopold fordcrt den Landgrafen Wilhelm

Christoph zu Hessen-Bingenheim, den Grafen Wilhelm

zu Solms-Greifenstein und die Freie Reichsstadt Friedberg

auf, binnen zwei Monaten der kaiserlichen Hofkanzlei

mitzuteilen, ob sie Bedenken gegen die Reichelsheimer

Jahrmärkte hätten. Bei der Vergabe von Privilegien

hatte der Kaiser schließlich ausgewogene politischwirtschaftliche

Verhältnisse bei allen Beteiligten im Auge

zu behalten.

Der Landgraf Wilhelm Christoph zu Hessen unterstützt

das Gesuch und verspricht, jegliche Hilfe zu leisten“,

schreibt Steinl in seinem Aufsatz weiter. „Die

Friedberger erklären, ›das Geforderte in Zeiten einzuliefern


Reichelsheims für alle Zeiten jährlich drei Jahrmärkte

mit allen dazu gehörenden Rechten und Freiheiten.

Die Jahrmärkte fallen

1. auf Sonntag vor St. Peter Stuhlfeier (= 22. Februar),

2. auf St. Johannis Baptista-Tag (24. Juni) und

3. auf Sonntag vor St. Michaelis (29. September).“

Positiv ist zu werten, daß Graf Friedrich den Reichelsheimern

zusicherte, auf die Standgelder der Händler und

Handwerker beim ersten Markt zu verzichten. Schließlich

sollte Reichelsheimja die Mittel der Jahrmärkte vorrangig

zum Wiederaufbau nach den Brandschäden von

1665 einsetzen.

Wie heißt es doch wörtlich ab der 6. Zeile des 2. Absatzes

der Kaiserlichen Urkunde: „... was gestalten sein

Flecken Reichelsheim durch entstandene Feuersbrunst

in grossen schaden und verderbnus dergestalt gesetzt

worden, daß wenig an Gebäu (-den) und fahrnus (Arbeitsgerät)

der Unterthanen übergeblieben seye. _

Die „Jahr-Märckt mit ihren Wahren, Kauffmannschaften,

Haab und Gütern“ /s. Zeile 17./2. Absatz) sollten

„zu autkommung (= wirtschaftlichen Stärkung) gedachten

Fleckens und der verderbten Unterthanen“

(s. Zeile 7) dienen.

Das kaiserliche Diplom über die Genehmigung der

Jahrmärkte ließ allerdings auf sich warten. Grund war

hierfür: Nicht nur Reichelsheim und Gra†` Friedrich von

Nassau und Saarbrücken mußten eine Urkunde in Händen

haben: Alle Städte und Gemeinden sowie hochgestellte

Personen der näheren und weiteren Umgebung

mußten eine Abschrift erhalten, um von dem Beschluß

Kaiser Leopolds zugunsten von Reichelsheim Kenntnis

zu haben.

Am St. Johannis-Baptista-Tag war es dann doch soweit!

G. Steidl schreibt darüber (s. Spalte 18):

„Am 24. Juni 1668 wird der Weilburger Kammerschreiber

Conrad Haidemann feierlich unter Begleitung

des Ausschusses durch das Obertor (beim heutigen

Schuhhaus „Neun“) bis vor das Rathaus geholt, wo der

Reichelsheimer Gerichtssehreiber Johann Fauerbach

den Umstehenden den Inhalt des Marktdiploms vorliest.

Die Anbieter erfahren, daß bei diesem Markt weder Abgaben

von Wein und Bier, noch Standgeld erhoben werden.

Die zahlreich anwesenden Krämer und Händler begeben

sich in das Rathaus und lassen sich einschreiben.

Das kaiserliche Diplom wird den Bürgermeistern und

Schöffen übergeben, die es in der Gerichtslade verwahren.

Über 400 Krämer aus 68 Ortschaften und Städten

(Friedberg, Butzbach, Grünberg, Nidda) erscheinen.

Daß der Markt vorwiegend der Bedarfsdeekung an Gebrauehsgütern

dient, geht aus folgender Aufstellung hervor:

Stoffherstellung, Stoffverarbeitung:

131 Krämer

LederherstelIung,-verarbeitung,-handel: 98 Krämer

Metallwaren, -verarbeitung:

56 Krämer

versch. Gewerbe:

36 Krämer

Holzverarbeitung:

21 Krämer

Backwaren, Spezereien, Getränke

60 Krämer“

Wer die aufgeschlüsselte Berufsliste derjenigen sich

einmal anschaut, die zu diesem 1. Markt nach Reichelsheim

kamen, der erfährt, daß unter den Anbietern z. B.

65 Schuhmacher

26 Bäcker

14 Töpfer

12 Nagelschmiede waren.

Der Leser der vom Marktschreiber sorgfältig geführten

Liste erfährt weiter, daß

10 Wollweber 8 Sattler

9 Sockenstricker 7 Haubenschneider

8 Hutmacher 6 Waffenschmiede von Beruf waren.

65


_

Weiß- und Rotgerber, Schreiner, Drechsler, Schlosser,

Huf-, Kupfer- und andere Schmiede, Holz-, Eisen-,

Leintuch- bzw. Leinwandkrämer waren ebenso anwesend,

wie Färber, Riemenschneider, Seifensieder, Papier-,

Fell- und Roßhändler, Honigkuchenbäcker sowie

Wein- und Bierwirte.

Die ganze Breite des damaligen Handels und Handwerkes

fand sich ein -jeder Besucher konnte alles das

finden, was sein Herz begehrte.

Nur wer sich Reichelsheim in seiner damaligen Ausdehnung

vorstellt, kann erahnen, welch Gewimmel und

Gedränge während dieser Märkte herrschte! Und um

sich noch besser in das damalige Geschehen hineinversetzen

zu können: die Händler aus Frankfurt, Hanau,

Oberursel oder Gießen benötigten jeweils einen ganzen

Tag für die Reise nach Reichelsheim: die von Lauterbach

oder Weilburg 1'/2 oder gar 2 Tage 1 Fast alle legten

die Strecken au1` „Sclıusters Rappen“, also zu Fuß zurück

- die Waren in einer Weidenkiepe auf dem Rücken oder

in einem Korb auf dem von einer „Ketzcl“ geschützten

Kopf!

Glück hatten die auswärtigen Anbieter, daß der Kaiser

für die Reichelsheimer Märkte auch die „gewöhnlichen

Freiheiten“ gewährte: 8 Tage vor und 8 Tage nach

dem genannten Markttag garantierte er denen, die, um

zu kaufen oder zu verkaufen, nach Reichelsheim kamen,

„Freiheit, Friede, Geleit, Zollfreiheit, Schutz, Schirm

und Gerechtigkeit“. Bei der Kleinstaaterei, die damals

Deutschland prägte, waren dies wichtige Zusicherungen,

war diese Erklärung des gesicherten Geleites sehr wichtig.

Um Vertrauen in seine Anordnungen zu gewinnen,

drohte er denjenigen „Prälaten, Grafen, Fürsten, geistlichen

und weltlichen Herrschern, Herren, Rittern,

Knechten, Hauptleuten, Landvögten, Amtleuten,

Schultheißen und Bürgermeistern _ _. und sonst allen

anderen Unterthanen und Getreuen“, die gegen die ausgesprochenen

Freiheiten verstießen, eine deftige Strafe

von 30 Mark in reinem Gold an.

Doch so gut wie der am 24. Juni 1668 waren später die

Jahrmärkte nicht mehr „beschickt“ und besucht.

G. Steinl faßt die folgende Entwicklung in seinem

schon genannten Aufsatz (s. Spalte 26) wie folgt zusammen:

„Von 1668 bis 1732 finden in Reichelsheim bis aufwenige

Ausnahmen ein bis drei Jahrmärkte statt.. _ Gegen

Ende des 18. Jahrhunderts hat das Interesse an den Jahrmärkten

nachgelassen. Die Bürger richten 1799 ein Gesuch

an die fürstliche Regierung, ihnen bei der Wiederemporbringung

der Jahrmärkte zu helfen. Am 24.6.1799

wird der Reichelsheimer Jahrmarkt wieder gehalten. Die

Stadt macht gewaltige Anstrengungen, um Händler anzulocken.

Man gewährt eine ójährige gänzliche Freiheit

von allen Abgaben und liefert den Handelsleuten das

zum Ausbau der Stände notwendige Material kostenlos.

Die Kriegswirren der napoleonischen Zeit tragen nicht

gerade zu lebhaftem Marktbesuch bei. Die Zahl der Anbieter

schwankt zwischen 19 und 52 und nimmt bis 1815

auf 12 Händler ab.“

_ _", ” 5 'f ¬ ¬ _"'” §_ ' :_'-._ ,tr-_g.;.'_'›fi',†_%

` -1 '-_ ' øf 'I _ /` ":""" '.`_ _l.¬*" _

ll à 14,1%' Ä l l"""l¦'.l"'~ll"¬“l3l'..l.¬ ıı '. › I' l

fa. 7" r " '_ -1"' _,-1ı'lill'lL›`i"~`3›'


Zur Anmerkung: Nicht alle Reichelsheimer waren

glücklich über das, was sich rund um die Märkte abspielte.

Manch ein Pfarrer sah in dem Treiben während der

Märkte große Gefahren für Sitte und Moral seiner

„Schäfchen“.

1681 wurde, wie die Kirchenchronik berichtet (s.

S. 112), die Verfügung getroffen, daß die Reichelsheimer

Kirmeß mit dem Jahrmarkt von dem (geheiligten)

Sonntag auf den Dienstag zu verlegen sei.

1698 erließ das gräfliche Amt zu Weilburg ein Antwortschreiben

an den sich beklagenden Pfarrer wegen

des „gottlosen Treibens“ rund um die Märkte und die

Kirmeß: Da an den Tagen „mehr Gott gespottet als gedient

wird“, habe das Amt bereits untersagt, Kirmeß

und Jahrmärkte an Sonntagen abzuhalten. Insgesamt

könne aber keine generelle Abhilfe geschaffen werden.

„Ich kann aber leider nicht allen Orten noch zur

Zeit wehren, denn der Kirmeßteufel, den der Sauf-,

Spiel-, Lärm- und Tanzteufel und mehreren anderen

zu Gefallen hat, ist zu stark eingenistet und findet,

die ihm das Wort thun“ (s. S. 113/114 der Kirchenehronik).

67


4. f) Handwerker und Zünfte in Reichelsheim

In Reichelsheim, dieser Kornkammer der Nassauer

Herren in der Wetterau - in diesem agrarisch geprägten

Reichelsheim hat es einst Zünfte, also ein florierendes

Handwerksleben, gegeben?

Zu einer Stadt gehören auch Handwerker, und die

Handwerker einer Stadt hatten sich in früherer Zeit in

Zünften zu organisieren.

Eine „Zunft war eine Ordnung, nach der eine Gesellschaft

lebt“, teilt „Meyers Enzyklopädisches Lexikon“

(Bd. 25, S. 795 f.) mit. „Die Zünfte waren im Mittelalter

entstanden, von derjeweiligen Obrigkeit anerkannte Organisationen

vor allem von Handwerkern“. Diese Organisationen

dienten dem Zweck, den Mitgliedern die Ausübung

eines bestimmten Gewerbes zu ermöglichen und

die wirtschaftlichen Verhältnisse zu regeln.“

Einer Zunft konııte sich nicht jeder, der wollte, anschließen

-es sei denn, er brachte überprüfte Kenntnisse

und Fertigkeiten, einen „freien Stand“ (= keine Leibeigenschaft)

und einen guten Leumund mit. Die Zunftordnungen

regelten die organisatorischen und wirtschaftlichen

Fragen, wie z. B. die Bctriebsgrößen, die Arbeitszeit

oder auch den Rohstoftbezug. Man wollte einen

„brutalen Konkurrenzkampf“ der Meisterbetriebe untereinander

verhindern; erreicht werden sollte vielmehr

das Gegenteil: die wirtschaftliche Absicherung der Mitglieder

derjeweiligen Zunft.

Die Zünfte verloren mit der Einführung der Gewerbefreiheit

um 1800 ihre Existenzberechtigung. In den Innungen

der Handwerke leben allerdings bis heute einige

der alten Ideen des Zunftwesens fort.

Im Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt befindet sich

das „Zunftbuch über die hernach gesetzten Handwerkker

zu Reichelsheimb“.

Zuerst fanden sich die Meister folgender Handwerke

in Zünften zusammen: Schneider, Metzger, Schuhma-

cher, Sattler, Socken- und Hosenstricker. Nach und nach

entschieden sich auch die Meister anderer Gewerbe dafür,

Zünfte zu bilden, z. T. mit anderen Berufen zusammen,

z. T. getrennt. Die gemeinsamen Zünfte hielten

aber nicht immer, so daß es dann zu eigenständigen Neugründungen

kam, wie eine Notiz aus dem Jahre 1713 verrät,

die darüber berichtet, daß sich Glaser, Schreiner,

Bäcker und Bierbrauer sich „von denen übrigen, womit

sie sonst in der Zunft gestanden, abgesondert“.

Das gräfliche Amt zu Weilburg „begnadigte“ die Reichelsheimer

Meister mit Datum vom 1. November 1680

also erstmals mit dem Recht der Zunftbildung. Im nachfolgenden

Teil dieses „Zunft-Buches“ werden die Handwerksmeister

dieser kleinen Stadt „benannt“, also aufgeführt.

Auch wenn uns die Namen dieser Meister heute

nichts mehr sagen - wichtig bleibt zu wissen, welche Berufe

hier am Ende des 17. Jahrhunderts „zünftig“ vertreten

waren, denn dadurch erfahren wir, wie vielfältig das

Angebot an Leistungen damals innerhalb der engen

Stadtmauern war:

Das Buch führt folgende Berufe auf:

Schreiner und Glaser,

Zimmerleute und Maurer,

Schmiede und Bänder,

Wagner und Sattler,

Metzger und Bäcker,

Leinweber und Schneider,

Bierbrauer sowie Socken- und Hosenstricker.

In einer besonderen Urkunde wurden die „Zunftartikel“

durch Georg August, „Fürst zu Nassau, Graf zu

Saarbrücken und Saarwerden _ _ festgelegt. Nach diesen

hatten sich die Meister in ihrem Verhalten innerhalb

und außerhalb des Betriebes zu richten.

Deckblatt des „Zunftbuches“

68


Ü ı

.

`

C

'

Ü

ı

. _- .

11"'.

' ...§2

ı "t

Q

*gn 9“ -"'='

1

'_'.

ı.„-_ 'Gı.

_ .911 %lflC. _

tlftfölf Qefwš stfffågf” flirt« weiß/1*., ,_

Di

ar

_

ı

ı*ı=_

:lt -1

“ _ _/ _a« _ _. _ -_ _

.__ _ _ _,/15.? _ _ ___ _.

'IW '

I

990

aäš

_' I-___' Ü.l`.¬›-»c1§


5. Reichelsheim um 1700

a) Das Erscheinungsbild der Stadt

Das 17. Jahrhundert war, wie die vorherigen Abschnitte

gezeigt haben, das .,Schicksalsjahrhundcrt“ unseres

Ortes: Es galt viel Leid zu ertragen! Es sei an den

3(ljährigen Krieg ınit Tod. Plünderung. Brandschatzung

und Schändung erinnert. Erinnert sei an die Seuchen, die

geliebte Menschen aus dem Familien- und Freundeskreis

hinwegraf'l`ten. Erinnert sei auch an den Hexcnwahn. der

zwar nur von wenigen gewollt, aber von vielen geduldet

war - der allerdiııgs doch das "Todesurteil für 58 unschuldige

Naclıbarinnen und l\lachbarn aus den Häusern unseres

Ortes bedeutete.

Erinnert sei. wenn das Leid jenes Jahrhunderts aufgezählt

werden soll, an die Feuersbrunst im südlichen Ortsteil,

die vielen das Dach über dem Kopf oder zuınindcst

den [%íı'tı'ııg der Arbeit der vergangenen Jahre raubte.

Aber es gab, wie der Leser der letzten Kapitel weiß.

auch (iroßes zu bericlıten: I)ie Verleihung der Stadtrechte

an Reichelsheim sowie die Verleihung des Rechtes,

3 große- Märkte im .lalıre abzuhalten!

Reichelsheim uııd die Reichelsheimer waren nicht

„aın Boden“. Wenn nıan den alten Urkunden Glauben

schenken kann, so eıııplamleıı sie vielmehr Stolz! Sie

glaubten an eine große Zukunft in Wohlstand und Ansehen

- und sie glaubten, hierin von ihrem Herrscherhaus,

das sielı seit l(ı88 „Fürstentum Nassau“ nennen lassen

konnte, unterstützt zu werden.

Und deswegen gingen die Reichelsheimer nach jedem

negativen Ereignis immer wieder an den Neuautbau. Natürlich

trug nunmehr dazu bei, daß sich die Handwerker

in anerkannten Zünften zusammengeschlossen hatten.

Natürlich wirkten auch die Jahrmärkte fördernd für diesen

Ort: Jahr für Jahr kamen Berufskollegen aus vielen

anderen Städten und Dörfern hierher: sie boten nicht

nur ihre Produkte feil, sie standen ihren heimischen

Handwerkerkollegen auch immer gerne zum „Fachsim-

peln“ zur Verfügung. Diese Kontakte hatten für die jungen

Reichelsheimer Gesellen auch den Vorteil, daß sie

erfahren konnten, wohin, in welche Städte, zu welchen

Meistern, es sich Iohne zu gehen, wenn sie in den Jahren

der Wanderschaft ihr Wissen verbessern wollten!

Holzschnitt von J _ Amman: Werkstatt eines Wagners

(Enm. _' „Die Wetterau“, S. 110)

70


t

Die „Wüsten Plätze“ innerhalb der Stadtmauern, die

der lange Krieg verursacht hatte, waren, wie von der nassauischen

Herrschaft gefordert, bald wieder bebaut.

Dies hatte auch seine Begründung darin. daß sich hier -

wie der Graf von Nassau erwartet hatte - Menschen aus

der nachbarschaftlichen Region im Ort angesiedelt, sich

um das Ortsbürgerrecht bemüht (welches sie gegen Zahlung

eines „Eintrittsgeldes“ verliehen bekamen, nachdem

sie im Städtchen Grund und Boden erworben hatten)

und damit zur Stärkung des Gemcinwesens beigetragen

hatten.

Die Brandschäden in der „Untergasse“ (heute: Florstädter

Straße), der heutigen „Neugasse“ und der südlichen

Haingasse (heute: „Untere Haingassc“) waren bald

beseitigt. Man hatte, wie schon dargestellt, nicht vergessen,

die Ortsdurchfahrt neu zu gestalten: Ein neues

Stadttor - direkt hinter dem Amtshaus des Amtsverwesers

bzw. Amtmannes der nassauischen Grafen (heute

steht an dieser Stelle. am Eingang der Neugasse, das

Lehrerwohnhaus) - wurde gebaut! Seitjener Zeit begannen

die Wege nach Florstadt bzw. nach Dorn-Assenheim

und von dort weiter nach Friedberg bzw. nach Assenheim

und dann nach Frankfurt nicht mehr an dem Tor,

das uns am Ende der Kirchgasse noch heute lebhaft an

die alten Zeiten erinnert (Zugang zum heutigen Friedhof).

Dieses alte Tor führte nun nur noch zu den Äckern

in den fruchtbaren Gewannen. Wie die Karte von Reichelsheim

aus dem Jahre 1761 zeigt, waren seither hier

nur noch Gärten und Streuobstwiesen angelegt. Die

Bauern brauchten sich seit dem Bau des neuen Tores

nicht mehr durch die enge Kirchgasse mit ihren Fuhrwerken

quälen - das neue Tor nach Süden erleichterte ihnen

ihre täglichen Fahrten, vor allem im Frühjahr und in der

Erntezeit.

Auch die herrschaftlichen Verordnungen, die die

Dachdeekung der Häuser betrafen und die verboten, die

Wohnhäuser mit Stroh zu decken, veränderten das Ortsbild:

immer vorherrschender leuchtete das Rot der gebrannten

Ziegel und signalisierte den Ankommenden

von nah und fern Wohlstand und Sicherheit.

~ ...-._.

,.

ii ` ) 1 F "

\-L“_~- -g-7f^_;턆 gi-._g;_,"___

__ _? _

/

"'__,r^;:a;/„“”,'/fr//';;;'„ '/'af/1;'/;"/_,//.

'íííí'

4

1 @`.9±_,-:ig

'l 7' ` j

.¬g_#___,z.,___„

t

J

¬=..-±.- - \..


Reichelsheim am Ende des 17. Jahrhunderts:

Wie mag es ausgesehen haben? Wie wirkte sich die

„Stadt-Eigenschaft“ aus?

Da sich der Straßen- und Gassenverlauf seit dem großen

Brand im Jahre ló68 im Altort nur gering verändert

hat (die Fachwerkgasse war früher die „Sackgasse“; die

„Hollergassc“, die als Parallelgasse zur Bach- und Turmgasse

von der Hauptstraße zur Neugasse führte - diese

Gasse ist heute überbaut, existiert also nicht mehr), können

wir „Gegenwartsmenschen“ uns leicht ein Bild von

damals machen, um dabei zugleich festzustellen, daß dieser

Ort, daß Reichelsheim, ein „typischer“ Ort war!

Beschreibungen voıı Wissenschaftlern über vergleichbare

Städte sagen folgendes aus:

„Alle feuergefährlichen Betriebe und alle durch Feuer

gefährdeten Anlagen wurden, um die Gesamtfläche zu

schützen, an oder vor der Mauer erbaut... Dagegen lagen

die Pfarrkirchen, die sich durch ihre hohen Glockentür~

me von Kloster- und Spitalkirchen unterschieden, inmitten

der Wohnblöcke, damit sie von den Angehörigen der

Pfarrgemeinden leicht erreicht werden konnten; denn

sie wurden nicht nur zu sonntäglichen Gottesdiensten,

sondern auch zu alltäglichen Andachten aufgesucht. Aus

diesem Grunde befindet sich die . _ . Pfarrkirche meist neben

dem Markt, damit auch dessen Bewohner und Besucher

bequem zu ihr gelangen konnten. Das Rathaus ist

am oder auf dem Markt gelegen, da in ihm die Marktstreitigkeiten

zu schlichten waren und sein unteres Gesehoß

oft als Kaufhalle diente. Bei allen diesen Maßnahmen

wurde das Zweckmäßige schön gestaltet, wie

der bauliche Zusammenklang von Pfarrkirche, Rathaus

und den Wohnhäusern am Markt in vielen Städten

zeigt.

Die Märkte und die älteren Wohnhäuser der Städte

wurden gerne an Abhängen angelegt, da diese leichter

entwässert werden konnten. Das Regenwasser und die

Abwässer der Wohnhäuser und der Werkstätten konnten

auf einer leicht geneigten Ebene über die Straßen

oder durch schmale Rinnen leichter abgeleitet werden

als auf einem völlig flachen, waagerechten Gelände. .

(s. Erich Keyser „Der Stadtgrundriß als Gesehichtsquelle“,

in: Heinz Stoob - Hrgb. „Altständisehes Bürgertum“,

Bd. 3, Darmstadt 1.989).

Wer kann sich nicht, wenn er auf der Kírchhofmauer

steht oder aus dem Rathaus schaut, dies geschilderte

Blick vom Kirchturm auf die Marktstraße,

heute Birzgerzheimer Straße

spät-mittelalterliche bzw. frühneuzeitliche Stadtbild von

Reichelsheim vorstellen, es mit Hilfe seiner Phantasie rekonstruieren?

Die breite Bingenheimer Straße als

Marktplatz oder Marktstraße, in dem unteren Gesehoß

des Rathauses reges Verkaufstreiben (diese „Hallen“

dienten tatsächlich früher dem Marktbereich), die Händler

und Handwerker aus nah und fern bemüht, an der an

der Rathausaußenwand eingemauerten (heute noch er-

72


ll

kennbaren) „Nassauer Elle“ das richtige Maß zu erfassen,

um ja nicht mit einer deftigen Marktstrafe belegt

oder gar wegen Betruges an den Pranger (einen solchen

gab es bis in das vorige Jahrhundert am Rathausl) gestellt

zu werden?! Wer sieht bei der Schilderung von

Keyser nicht den Amtmann als Sachwalter der lnteressen

des Grafen von Nassau vor sich, stets nach dem

Rechten schauend, meist begleitet von den stolzen Honoratioren

des Ortes, den 2 Bürgermeistern und den Gerichtsschöffen

?!

Anzumerken ist noch, daß die Schmieden, also die

„feuergefährlichen Betriebe“, in Reichelsheim tatsächlich

in der Haingasse, also unmittelbar an der Stadtmauer,

lagen. Auch darf nicht vergessen werden, daraufhinzuweisen,

daß zwischen Bach- und Tı.ırmgasse die Hollergasse

verlief, an deren Beginn zu jener Zeit die

„Weed“ lag, die den eigerıtlichen Marktplatz nach Norden

hin begrenzte. ln diese Weed, also den Feuerlöschteich

des Ortes, flossen die Regenmassen, aber auch die

Schmutzwässer des Marktplatzcs, der von der Kirche an

leicht geneigt ist, hinein. Sein Abfluß ging durch die Hollergasse

in die östlich von Reichelsheim verlaufende

Horloff.

Auch die weiteren Beschreibungen Keysers von älteren

Städten scheinen auf Reichelsheim gemünzt, bzw.

zeigen, daß Reichelsheim in seiner Anlage „typisch“ war

bzw. ist (s. S. 245):

„Die Straßen der Städte dienen dem Zugang zu Wohnungen,

öffentlichen Gebäuden, Befestigungen oder

dem Durchgang für den Verkehr. Die Durchgangsstraßen

haben eine Breite von 2 -4 Fuhrwerken, damit sie in

beiden Richtungen befahren werden können... Sie

schließen sich an die Landstraßen an... Außer den

Durchgangsstraßen und den Zugangsstraßen gibt es

Gänge, die nur für Fußgänger bestimmt sind. Sie führen

durch die Baublöcke hindurch, um einen rascheren Zugang

zum Markt, zu den Befestigungen oder zu den Kirchen

zu ermöglichen. _ . (s. Enggasse von der Neugasse

zum Römerberg).

Zimrrıerrrıarm bei der Arbeit.

H0lz.s'chm`tt von .I _ Amman

(Emm. : „Die Wetterau“, S. 105)

73


Die Gänge und die Straßen pflegen zu Plätzen zuführen;

sie dienten zum Aufenthalt bei Ansammlungen von

Menschen, wie sie bei bestimmten Gelegenheiten vor

dem Rathaus und vor den Kirchen stattfanden. .

Wer nochmals auf den Stadtplan blickt oder sich Reichelsheim

mit seinem Straßennetz vorstellt, der erkennt:

Fast alle Straßen liefen vormals auf die breite Hauptstraße,

die Durchgangsstraße. zu. Es war leicht, von überall

herkommend vor dem Rathaus oder vor dem Kirchplatz

zu erscheinen, um Neuigkeiten, gute oder schlechte

Nachrichten oder Ankündigungen, aus offiziellem Munde

zu erfahren. Die engen Gassen. die zur Hauptstraße

führten und noch führen, konnten wirklich nur jeweils

von einem Fuhrwerk befahren werden. Sie waren eng,

mußten aber auch eng sein, denn schließlich war innerhalb

der Stadtmauern kein Quadratmeter Boden zu vergeuden.

Daß Reichelsheim keine von Handel und Gewerbe geprägte

Stadt war, das braucht nicht erst durch das Studium

der Quellen belegt zu werden. Reichelsheim war

eine Stadt der Bauern! Landwirtschaft war die Existenzgrundlage

der großen Mehrheit der Menschen. Daß dies

wirklich zutreffen ist, also daß Reichelsheim keine Kaufmanns-

und auch keine Handwerkerstadt, sondern eine

typische „Ackerbürgerstadt“ war, das zeigt das Straßenbild

der „Durchgangsstraße“ zwischen Rathaus und dem

heutigen Schuhhaus „Neun“ ganz deutlich:

„Die Ackerbürgerstädte“ erscheinen „meist in Form

einer breiten langen Straßenzeile, die zugleich Markt ist

und an der rechts und links die Bauernhöfe und einige

Handwerkerstellen liegen... Das Rathaus liegt an der

Marktstraße, die Kirche hinter ihr“ (s. Erich Hamm,

„Deutsche Stadtgründungen im Mittelalter“, S. 118, in:

H. Stoob „Altständisches Bürgertum“, Bd. 3).

Die Handwerker. meist auch die Gastwirte, hatten ihre

Wirkungsstätten um 1700 in der Haingasse bzw. den

anderen Nebengassen, wie Turmgasse oder Schweizergasse.

Sie benötigten nicht so große Anwesen wie die

Bauern, sie konnten es sich in der Regel auch nicht leisten,

ihre Werkstätten in der Hauptstraße aufzuschlagen.

Das Sprichwort „Handwerk hat einen goldenen Boden“

traf für Reichelsheim, trotz der Einrichtung der

Zünfte, erst viel später zu.

Doch eines ist gewiß: In allen Straßen und Gassen

herrschte reges Leben. Überall verspürte der Betrachter

Aktivität. Dies mag auch daran gelegen haben, daß

nicht jedes Haus oder jede kleine Hofreite mit einem

eigenen Brunnen versehen war. S0 mußten die Mägde

vor allem immer wieder zu einem der Gemeindebrunnen

in der Neugasse in der Nähe des Amtshauses, am

südlichen Rand der alten Apotheke und an der Bachgasse

gehen und bottichweise dieses wichtige Nahrungsmittel

für Mensch und Tier herbeischaffen. Die

Frauen trugen die Bottiche oder Krüge meist auf dem

Kopf, wobei der Druck auf diesen durch ein festgestopftes

Rundkissen, die „Ketzel“, gemindert wurde.

In gleicher Weise sah man die Frauen ihre zubereiteten

Brote oder Kuchen zum Bäcker bringen, damit

dieser sie backe, bzw. die fertige Ware von ihm abholen.

74


_

5. b) Was das Alltagsleben in und um Reichelsheim prägte

Eine alte Handzeichnung aus dem J 7

Jahre 1725 gibt uns einen ungefähren

f“*“'f“`

Einblick in das damalige Aussehen unseres

Gemarkungsgebietes.

JJ "Y «ııııı _,

0&4..

är'


*R 2r


I'

'\-flfifi.,

a v

.J

1

G4


1.

'I

1.1-f~› /Ä

'hııı

.

I

D".

Q

Ü

,_' ""' '*".'r'7fi

dl.-

'Kw

/P /I

1

'Ww

n.

"' _

rrf` fa

- .

I

\_,„.›

_+šr:lšfÃ=šš

\..

4ı~-- .___ -

ø. I*

\/2,›/'\

PQ

Ok

o`~_

ÜÜ7 -UI

Ü..

_[†-'

~.

-qu

'I-~±ııı.

--~Cıı_q_

..\

num

-ıı__

“ *2,›/,Ä

\.. 1'

_`›`.|_vJ ı .Ü` Q- L1!

Q

'Z

I_,l

litt.

ggf* r„_›-Q lui. ñ:ı.ı ígf

Y”

Ü".

r

I

,ı.ı.ır-..'/tÜ;~ _.

.a.f..r„

r (;.


Was vor allem auffällt, das ist der große Wiesen- und

Weidenanteil an der Gemarkungsfläche: Sowohl der

nördliche Bereich um den Ortenbergraben als auch der

Bereich zwischen Horloff und „Schiedgraben“ (dem

Grenzgraben zu Leidhecken) waren Wiesen und Weiden.

Dies hatte nicht nur seinen Grund in einer fehlenden

Drainierung der Wiesen bzw. Begradigung der Horloff.

Es wurden auch Wiesen benötigt! Neben dem

Milchvieh hielten die Bauern Schafe (die „Wollweber“

warteten auf das Ergebnis der Schur) und Ziegen, die alle

draußen ihr Futter suchen mußten - gehütet von einem

von der Gemeinde angestellten Hirten. Auch die

Schweine wurden, wenn es die Witterung erlaubte, draußen

gehütet. Dies sparte Platz in den Hofreiten, denn es

brauchte weniger Futter gelagert zu werden, und natürlich

erleichterte es auch die Arbeit der Bauern, hatten sie

doch weniger zu misten.

Der Wiesen- und Wcidebedarf war in den Jahren nach

dem 3(ljährigen Krieg immer mehr gestiegen, weil in den

umliegenden Städten die Bevölkerung zahlenmäßig aber

auch wohlstandsmäßig zugenommen hatte. Wohlstand

der Bürger drückt sich allgemein in einer erhöhten Nachfrage

naeh Fleisch aus! Also muß mehr Vieh und dergl.

gehalten werden.

Wurden in früherer Zeit die Weiden am Ortenberggraben

(Weidgraben) von den Bauern von Reichelsheim,

Heuchelheim und Weckesheim bzw. jene, die

beidseitig des Schiedgrabens gelegen waren, von denen

von Reichelsheim und Leidhecken gemeinsam genutzt,

so wollte man nun klare Abgrenzungen, wollte - anders

ausgedrückt - möglichst viel allein nutzen können.

Der Streit um die „gerechte“ Grenzziehung zog sich über

Jahrzehnte hin. Erst Mitte des 18. Jahrhunderts

kam es zwischen den Herrschaften zu tragenden Vergleichen.

Die Westhälfte des Gemarkungsgebietes war vorrangig

Ackerfläche. Doch auch dort gab es Feuchtbereiche,

.,Seen“. wie den „Großen See“, den „Kleinen See“ oder

den „Schützensee“. Gewannbezeichnung weisen noch

heute auf deren ehemalige Lage hin. Wenn man den alten

Urkunden Glauben schenken darf, gab es in einigen

dieser Seen so reichlich Fische, daß sogar Fischereirechte

darauf verliehen wurden.

Rund um Reichelsheim, direkt an der Stadtmauer, lagen

die Gemüsegärten, die innerhalb der eng gezogenen

Mauern keinen Platz hatten. und die großen Streuobstwiesen,

in deren Mitte manch ein Bienenvolk seine Heimat

hatte. Die vielen Obstbäume - es waren mehrere

Tausende - gaben den Ortsbürgern nicht nur schmackhafte

und damit wichtige Vitamine für die dunkle Jahres-

Blick von cler Horloffbrücke

auf den für Reichelsheim wichtigen Fluß

(Foto von Anfang diesen Jahrhunderts)

{I'g„±.›ı3t:


zeit; die Bäume gaben dem Ort auch Schutz vor den

manchmal scharfen West- und vor allem Süd-West-

Winden.

Für Vögel aller Art, aber auch für Klein- und Niederwild

war eine derart strukturierte Landschaft ein Paradies.

Störche waren, wie die älteren Mitbürger unserer

Stadt noch heute wissen, in und um Reichelsheim so

selbstverständlich wie der wiederkehrende Frühling.

Die Reichelsheimer Kinder lernten nicht nur sehr

schnell die heimischen Vögel und Tiere kennen. Sie lernten

von jungen Beinen an die Bedeutung ihres Lebensumfeldes

kennen. Sie wußten durch die Gespräche der

Eltern und Nachbarn, wie wichtig die Weiden, Wiesen

und Felder waren; sie hörten von den geschilderten

Streitereien zwischen den Orten um die Wiesen und Weiden,

bzw. um die Grenzziehung. Sie nahmen „Partei“ für

ihre Väter, wenn diese wieder einmal eine „unberechtigt“

weidende Kuh eines Heuchelheimer, Weckesheimer

oder Leidhecker Bauern in ihren eigenen Stall getrieben

hatten und diese erst gegen Zahlung eines „anständigen“

Entgeltes wieder ihrem ursprünglichen Besitzer

freigaben! Die Kinder hörten aber auch von dem sich

wiederholenden Ärger des Reichelsheimer Müllers mit

Bingenheim, das - vor allem in regenarmen Jahren - das

Wasser staute, damit ihr eigener Müller dann Wasser

hatte, wenn er es zum Betreiben seiner Mühle benötigte,

oder wenn ihre eigenen im Bingenheimer Ried weidenden

Herden mehr Wasser brauchten... Bingenheim lag flußaufwärts

und konnte deswegen leicht den Wasserstand regulieren!

Sie hörten allerdings auch von Beschwerden der

Bingenheimer, Gettenauer und Heuchelheimer gegenüber

dem Reichelsheimer Müller, der in nassen Jahreszeiten

bzw. Jahren das Wasser gestaut haben soll, wodurch die

Horloff die Wiesen im Bingenheimer Ried noch stärker

überschwemmten bzw. dem Bingenheimer Müller das

Mahlen des Kornes wesentlich erschwert wurde. Auch

wurde ihm vorgeworfen, unerlaubte Veränderungen

(Erhöhung des Wehres) durchgeführt zu haben!

Die Kinder hörten aus den Gesprächen der Erwachsenen

in diesem Zusammenhang auch, wie schlecht Ortschaften

wie Dorn-Asscnheiın dran waren. Dieser Nachbarort

hatte durch Brunnen zwar genügend Wasser zur

Versorgung von Menschen und Vieh. Aber Dorn-Assenheim

hatte keinen großen Bach oder kleinen Fluß! Und

deswegen hatten sie nicht genügend Wiesen zur Versorgung

des Vichs mit Heu, vor allem aber hatten sie keine

Mühle. Da auch dieser Ort ein recht isolierter Herrschaftsbereich

war, zudem durch den katholischen Glauben von

dem protestantischen Umfeld abgeschlossen, hatten die

Bewohner Schwierigkeiten, Mehl aus ihrem Ernteertrag zu

gewinnen. Erst durch Beschluß der Adelsherrschaftcn von

Reichelsheim und Dorn-Assenheim wurde der Reichelsheimer

Müller verpflichtet, auch das Getreide des Nachbarortes

zu mahlen. Wenn die Horloff genügend Wasser

führte, hatten auch er und die Reichelsheimer Bauern

nichts dagegen einzuwenden. Aber wenn nicht?

Die Kinder hörten auch davon, wie abhängig die

Handwerker von der _jewciligcıı Wirtsehaftssituation in

der Stadt waren: Gab es eine Mißernte, ließen die Bauern

ihre Scheune nicht durch die Zimmerleute ausbessern;

hatte der Zimmermann keine Arbeit und damit

Verdienst, so konnte er für sich und seine Familie keine

Schuhe beim Schuhmacher bestellen; hatte der Schuhmacher

keine Aufträge, konnte er sich keinen neuen Kittel

beim Schneider machen lassen.. _

Die Kinder lernten durch all dies von klein aufdie Bedeutung

von Wind, Regen, Schnee, Sonne, Trockenheit

kennen. Sie lernten die Abhängigkeit der Menschen von

den Einflüssen der Natur kennen -lernten aber auch für

ihren Vorteil zu kämpfen. .!

77


Damit wußten sie schon in jungen Jahren, was es für

ihren Magen bedeuten wird, wenn der Frost die Blüte

der Obstbäume vernichtete, wenn ein Hagelschlag ein

fast erntereifes Feld zerstörte, wenn zu große Trockenheit

das Heu und das Kruınmet nicht gedeihen ließ. so

daß für das Vieh nicht genügend Wintervorrat eingefahren

werden konnte. Sie lernten, daß Mäuse nicht nur süße

Tierchen sind, sondern in großen Massen ihr Konkurrent

um Nahrung sein können!

Wollte man hiermit abschließen, so hätte man das

Reichelsheimer Umfeld noch nicht abschließend beschrieben.

Ein Blick nach Norden, an der Reichelsheimer

Mühle vorbei, in der Höhe der Bingenheimer

Mühle, da liegt der Lochbcrg, eine Basaltkuppe, die

seit uralten Zeiten Reichelsheimer Besitz ist, obwohl

sie auf Bingenheimer Gemarkung liegt. Dieser Berg,

besser: dieser Hügel war über Jahrhunderte an seinem

Süd- und Südwesthang dicht mit Weinstöcken bepflanzt.

Fast 2 Hcktar betrug das Anbaugebiet! Er versorgte

den nassauischen Amtınann, den Pfarrer und

die wohlhabenden Bauern mit einem edlen, wenn auch

wahrscheinlich sehr herben Tropfen. Der Pfarrer

selbst hatte iın .Iahrc I627 für die Kirche einen Anteil

vorı '/2 Morgen erworben, damit stets für die Abendmahlgottesdienste

ein ausreichender Vorrat vorhanden

war. Für seinen Eigenbedarf war durch andere Regelungen

Sorge getragen: ln einer offiziellen Verordnung aus

dem Jahre 1769 heißt es u. a.:

„Von einer Confirmation der Kinder soll der Pfarrer

für seine Mühewaltung eine Maas Wein haben und bringen

die Kinder dafür 6 bis 8 Batzen.“

Dieser Reichelsheimer Weinberg, auf den in früher

Zeit die alten Römer ein Kleinkastel erbaut hatten und

die Nationalsozialisten in unserem Jahrhundert ein eigenes

„Ehrenmal“ errichten sollten - dieser Weinberg, der

Loch- oder Luhberg, ist dafür verantwortlich, daß im

heutigen Stadtwappen dcr Stadt Reichelsheim neben

dem Kreuz der Fuldischen Mark und dem nassauischhessischcn

Löwen Weinblätter enthalten sind.

vf 7

Schneiclerwerkstatt Ende des I6. Jahrhunderts

Holzschnitt von J _ Ammann

(Entn.: „Die Wetterau “, S. 112)

78


Was bestimmte neben den Alltagspflichten noch das

Leben in und um Reichelsheim? Was lernten die Kinder

von klein auf noch kennen, was war für sie sehr früh eine

Selbstverständlichkeit?

Sie merkten z. B., daß ihre Väter immer mal wieder

für mehrere Stunden außer Hause waren, weil sie „Wache

halten“ mußten, und zwar nicht nur nachts und nicht

nur an den Toren und auf den Türmen ~ nein: in unruhigen

Zeiten oder in jenen Zeiten, wenn die Menschen aus

den großen Städten vor Krankheit und Hunger flüchteten,

waren sie als Ortsbürger auch verpflichtet, tagsüber

Straßen-, Tor- und Feldwachc zu halten. Die Sicherheit

für das Eigentum und die körperliche Unverletzliehkeit

der Menschen in der Stadt mußte hauptsächlich durch

Eigenverantwortung, durch eine Art Bürgerwehr, gewährleistet

werden.

Diese Tor-, Turm- und Feldwachen hatten auch dafür

Sorge zu tragen, daß nicht Unbcreehtigte über eine der

Landwehrbrücken in das hiesige Gemarkungsgebiet eindrangen

oder gar durch eines der Stadttore kamen. Mißtrauisch

wurden vor allem Reiter in der Uniform eines

anderen Herrscherhauses betrachtet. Waren sie „ohne

Legitimation“, so wurde ihnen in der Regel die Durchquerung

des Ortes untersagt. Manches Mal soll es sogar,

wie noch vorhandene Vernehmungsprotokolle bestätigen,

zu Handgreiflichkeiten mit den Durchlaß erbittenden

Fremden gekommen sein. Mehr als einmal erkundigte

sich der nassauische Graf bei seinem hiesigen Amtmann,

was denn vorgefallen sei, habe sich doch sein „licber

Vetter, Seine Erlaucht der Graf. _ bei ihm über das

Verhalten der Torwachen von Reichelsheim beschwert!

Ärger gab es auch immer wieder einmal mit der Erhebung

von Wege- und Brückengeld, vor allem in Richtung

Bingenheim. Diese Gelder gingen direkt an den herrschenden

Grafen - den Ärger hatten aber die vor Ort

wohnenden Menschen. Die Bingenheimer waren strikt

gegen solche Abgaben und sperrten als „Gegenleistung“

den Reichelsheimern zeitweise den Zugang in den Wald,

wenn sie Holz für den Hausbau oder für den Hausbrand

holen wollten!

l

1

l

Holzschnitt von J. Amman „Der Holzclrechsler“

(Entn. : „Die Wetterau“, S. Ill)

79


Der Existenzkampf Wal' alltäglich um jene Zeit - Cl0Cl'l gen die Einnahmen aus diesem „Flecken in der Wetter-

Wenn die Reichelsheimer Bauern und H21I1dW61'l


6. Vom „Nassauern“

„Von jeher“, so schrieben einst (1807) die Reichelsheimer

Ortsbürger ihrem „Durchlauchtigsten Fürst“, dem

„Gnädigsten Fürst und Herrn“, von jeher „schätzen wir

uns um deswillen besonders glücklich, Hochfürstlich Nassau-Weilburgische

Unterthanen zu seyn, weil die großmüthigen

und gnädigen Handlungen der Regenten dieses uralten

Fürstenhauses dem redlichen getreuen Unterthanen

keinen gerechten Wunsch unerfüllt und keine billige Bitte

unerhört übrig ließen.

Ein Denkmal dieses glücklichen Verhältnisses zwischen

Regenten und Unterthanen verehren wir in derjenigen

Übereinkunft“, so schrieben die Reichelsheimer weiter,

„welche Euer Hochfürstliche Durchlaucht würdiger Herr

Großvater und wahrhaft edelmüthiger Vorgänger in allen

Regententugenden, des verewigten Fürsten Karl Augusts,

Durchlauchtigsteren l4ten/22ten May 1739 mit dem Flekken

Reichelsheim abzuschließen unsere Vorfahren nicht

für unwürdig gehalten haben.“ Im weiteren des Briefes bitten

die „redlich getreuen Unterthanen“ den Fürsten um

Verringerung der Kriegskosten, die entgegen der genannten

Übereinkunft von 1739 immer wieder erhöht worden

seien.

Der amtierende nassauische Amtsverweser nahm Stellung

zu dem Gesuch und führte dabei einmal „die Hauptausgaben“,

die die Gemeinde im Jahr zuvor hatte, auf:

Gulden Kreuzer Pfennige

l. Monatsgeld 1772 25 -

2. Beed 206 14 l

3. Dienstgeld 150 - -

4. Kriegskosten 1856 44 -

5. Interessen von 38000 Gemeindeschulden

(Zinsen) 1520

6. Baukosten 236 58

7. Brandsteuer nach Atzbach 222

Summe 6259 45 1

„Daß diese Erhebung einzelne Gemeindsmitglieder,

vorzüglich den Armen und den sogenannten Mittelmann

drückend gewesen seyn mag“, schreibt der Amtsverweser

nach Wiesbaden, dem Sitz des neugeschaffenen „Herzogtums

Nassau“, weiter, „ist nicht zu leugnen, allein es ist die

Gemeinde, welche den Druck, den die traurigen Zeitumstände

auf ganze Länder legten, nicht in ihren einzelnen

Theilen empfinden sollte? Dabei hätte die suplicantische

(= antragstellende) Gemeinde bedenken sollen, daß der

Fleck, welche man den grösten Theil derselben in Bebauung

ihres fruchtbaren Bodens nicht absprechen kann, sich

hier reichlicher belohnt, als in Gegenden, wo das Feld nur

kärgliche Erndte gibt, und daß der Staat, bey größerem

Kostenaufwand, auch ihre reichlicheren Beiträge um so

williger erwarten dürfe, als sie sich in einem Lande befindet,

wo man zu außerordentlichen Auflagen und im Fall

der größten Noth seine Zuflueht nimmt, und als es ihr billig

noch hätte im Andenken seyn sollen. wie groß das Opfer

war, wodurch gnädigste Herrschaft vor einigen Jahren

auch ihr durch den Erlaß einer dreijährigen Contribution

das erlittene Kriegsungemach weniger fühlbar gemacht

hatte. .

Die Reichelsheimer sollten also nach Meinung ihres

Amtsverwesers bitte schön ruhig sein, sie sollten zahlen,

was von ihnen verlangt, denn schließlich und endlich sollten

sie glücklich sein, daß der Boden, den sie in und um

Reichelsheim bearbeiteten, fruchtbarer sei als anderswo.

Diese Tatsache solle sie eigentlich sogar dazu bringen, dem

Staat, wenn dieser „größeren Kostenaufwand“ habe, „um

so williger ihre reichlicheren Beträge“ anzubieten.

Die Reichelsheimer mußten bei diesem Vorgang wieder

einmal erfahren, daß trotz aller „unterthänigster“ Lobhudeleien

wenig Hilfe von den Herrschaften zu Weilburg

oder Wiesbaden zu erwarten war. Vielmehr mußten sie erneut

erkennen, wie wertvoll sie andererseits für ihren

81


Grafen bzw. Fürsten bzw. Herzog waren: Reichelsheim -

die Kornkammer Nassaus! Wie wertvoll sie für den jeweiligen

Regenten waren, das hatten sie schon oft erleben müssen:

Von 1570 an finden sich viele alte Ouittungen, die

Zahlungen der nassauischen Grafen an verschiedene Personen

- Adlige und Bürgerliche - nachweisen und deren

Begleichung über die Beede-Anteile der Gemeinde Reichelsheim

liefen (Beede oder Bede war ursprünglich eine

Sondersteuer, die im Mittelalter bei außerordentlichen

Anlässen erhoben wurde; später wurde sie zu einer jährlichen

Abgabe, die pro Hufe erhoben wurde).

Folgende Namen tauchten als Gläubiger der Grafen auf

(in Klammern die Jahreszahlen der geleisteten Zahlungen):

- Wilhelm von Cöln zu Reichelsheim (1571, 1572, 1574,

1575, 1576, 1578 bis 1611):

- Johann Oiger Brendel von Homburg, Burggraf zu

Friedberg (1570 bis 1572, 1574 bis 1576):

- Werner Philipp von Buches (1570 bis 1572, 1574 bis

1576):

- Adam Braun, genannt Hell (1571):

- Heinrich Lcrsner (1571):

- Quirin Freiherr von Schwarzenburg (1571, 1572, 1576);

- Reychart Falck, Verwalter des Klosters von Hirzenhain

(1572):

- Christoffer Endes. Kellner (Amtmann) zu Bingenheim

(1572):

- Magnus Holzappel, Amtmann (1572, 1576):

- Abraham Eberhard v. Cronberg (1575):

- Hans Dauernhcim, Verwalter des Klosters Hirzenhain

(1575):

- Heinrich am Steg, Keller (Amtmann) zu Amorbach

(1576):

- Hans Heinrich von Heusenstamm (1576):

- Falck von Schwarzenburg (1581, 1584, 1602):

Georg Buch ( 1579);

- Josten Luncker ( 1583):

Kloster Hirzenhain (1583, 1584, 1587, 1602):

Brendel von Homburg (1584 bis 1611);

- Johann Eberhart, Burggraf zu Friedberg (1587):

Hans Hector von Holzhausen (1589):

Balthasar Haberkorn zu Diepurgk (1602):

- Johann Myllerus, Amtmann zu Ortenberg (1611).

Andere Urkunden berichten folgendes:

1588 z. B. verkaufte Philipp, Graf zu Nassau-Saarbrükken,

an einen Hans Berlinger von Worms und an seine

Frau Anna für 1000 Gulden eine Erbrente. Als Sicherheit

werden Einnahmen aus Reichelsheim angegeben.

1634 z. B.: Graf Johann von Nassau-Saarbrücken verspricht

der Elisabeth, Witwe des Johann Bleichenbach,

die von ihrem Vater Ebald Filtz herrührende Schuldforderung

von 200 Gulden zu tilgen, indem er ihr

das „Umgeld vom Weinschank in Reichelsheim“ zusagt.

1659 z. B. stellte ein E. Celius an den Grafen von Nassau-Saarbrücken

seine Forderung und erzielt die Sicherstellung

derselben durch die Verpfändung der Orte

Weilburg, Gleiberg und Reichelsheim.

1665 (dem Jahr des „Freiheitsbriefes“) z. B.: Graf

Friedrich von Nassau, ermächtigt seinen Kammerschreiber,

daß er bewirke, daß „in Reichelsheim die

Unterthanen dem Kauf- und Handelsmann Ochs aus

Frankfurt Handgelöbniß thun lassen (= sie sollten ihm

Treue und Ergebenheit schwören), daß demselben bis

zur Abtragung der Schuld ihre Leistungen dem letzteren

anstatt dem Grafen liefern wollen“.

1684: Johann Ernst und Friedrich Ludwig, Grafen zu

Nassau-Saarbrücken, verkaufen wiederverkäuflich

für 23 000 Gulden dem Kurmainzischen Oberstwachtmeister

Franz Caspar von Bocholtz ihren Flecken Rei-

82


'

`

chelsheim mit allen seinen Zugehörungen, Gerechtsamen

und Gefällen . .. Der Abt von Fulda und das

Haus Hessen-Cassel garantieren diesen Vertrag.“

- 1692 z. B. nimmt Johann Ernst, Graf zu Nassau-Saarbrücken,

50000 Gulden auf und verpfändet zur Sicherstellung

den „Flecken Reichelsheim“.

- 1740 bis 1759: Carl August, Fürst zu Nassau-Weilburg,

verpfändet an den Fürsten Heinrich zu

Schwarzburg-Sondershausen auf Lebenszeit den

Flecken Reichelsheim zur ›Sicherung der darlehensweise

empfangenen 30000 Reichsthaler


_ .. ' l . _ '~

'S Ätılirlhuıı ıqllcı' ylrtıııcrttl.. «.§S.,7c~t'ı9l .

{rl}/ígifijeisc*/11/r`r›rø ø m c: /0 m e rr ó`J'J :iz

'vu

916,« -› „L7 ._

I ';:øli.zl§il§f3-3 §74 _ Lı Ir 3 ı -ıı u ı ıı mi ıı ı (rl la ` 1.« l §1: _ 'J /' ıı f

/ fir*/Ull _' /7 "`

O ' 9 ı ıß. 9 ıııı, /'I/`Ull f/ éfı

_' ff- = If!

(1 91"' 1-llıııı Iíilıı

i „.

r.

fl. ., › , J/ 1 »èμ .

7'":/f _: 6%*//fr* ı *f/W'

_

_.

rl

un?

f


1 )

na/ /ıırıv Aıı uf*

O

uur. '_,ıı ıμ»-~

F f' .141 ıı §1-, μl Ilıı-«/1,9.-iin .kfmgå

M _ /Äıııuıı iv (Q- Q.. ( Jtıè~5l..q. JB*/'

_. _'l

ly „

r \ _ _ _.

I I

_

_

_ un c. ıı an «. ıt fs

f ,_ıl?_¦

f-*.._

I__:


Hill-

_ _ __ __i;__|_„ „

.....--....„

_ _.,_.. -. :r ..lıılıııllı..|Z.;„.„.„,__-_ __ _ _' ____ _

_ ___ __ _ „H _u_|[] _ __ _ __1..|.,_|ı______ |1 ,_ı__ ı .__ .___.- .._'___ _ _ I. _j, I.-,§1 : __„__›.__ ' ' _ __ _t|__

W lüılhlrh -bl. I I ll.áu r-_-ı':!ı.-llfí ¬ıılıııı..'llı›ı.l'-Lııäiııwlıf-ıllliüßiliili--l»››iıiJill›lll ı

'ı--li¦b›'ıI›|iIIıi--'-fl--›llI›U Hlıivl- ~›"l*'-L'-- -' -llIi~l-Iı~ıf--¬*~I"!'IiUH›Ii\ıIÄIı¦-

|)“"~*ıli«.-ı..,


7. Das 18. Jahrhundert

a) Eine wichtige Zwischenepoche

Das Jahrhundert der Turbulenzen, das 17. Jahrhundert,

konnte für die Zukunft, so mußten die Menschen

glauben, nur Besserung versprechen! Der Glaube an

Hexen, ihre Verfolgung und ihre Hinrichtungen waren

zwar nicht vergessen - noch jedem Kind wurde gezeigt,

wo sie hingerichtet, und erzählt, wie sie hingerichtet

worden waren; doch meinte man allenthalben, daß

eine neue Zeit angebrochen war. Durchreisende berichteten

von immer neuen Erfindungen und Entdekkungen,

und so ahnte man, daß eine neue Zeit begonnen

hatte. Konnte es was anderes sein, als eine bessere

Zeit?

Die Fürsten in den deutschen Kleinstaatcn, geblendet

von ihrem großen monarchischen Vorbild jenseits des

Rheines, Ludwig XIV., dem „Sonnenkönig“, der absolut

über Frankreich herrschte, errichteten überall ihre

„Herrensitze“, ihre Schlösser und Schlößchen, aber auch

neue Hochschulen, denen sie ihren Namen gaben. Überall

zeigten sie ihre Macht und ihre „Aufgeschlossenheit“

- nannten sich einerseits „Herrscher von Gottes Gnaden“,

andererseits „Jünger der Vernunft“. Sie sahen sich

also einerseits als unzweifelhafter Teil der „göttlichen

Ordnung auf Erden“, andererseits als aufgeklärte Zeitgenossen,

die sich vernunftmäßig den neuen Erkenntnissen

der modernen Naturwissenschaften fördernd zuwandten.

Die Bauern auf dem Land, die Bauern von Reichelsheim

z. B., merkten nichts von den schönen Seiten des

Prunkes. Sie spürten anderes: nämlich die steigenden

Abgaben! Noch häufiger als früher verpfändeten die

nassauischen Grafen „ihr“ Amt Reichelsheim, ihre

Kornkammer in der Wetterau!

Auch spürten die Männer und Frauen dieses kleinen

Städtchens schmerzvoll die Folgen des Wiederauflebens

der Jagdlust der adligen Herren: Immer und immer wie-

der bejagten jene die Wiesen und Felder im sogenannten

Parforceritt - ohne Rücksicht auf den Wachstumsstand

der Acker- und Gartenfrüchte. Da zudem die wohlgenährten

Herren eine leichte Jagdbeute haben wollten,

war von ihnen ein dichter Wildbestand gefordert. Die

Bauern in ganz Hessen und anderswo sahen es mit

Schrecken: immer größer wurden neben den Jagdschäden

die Schäden durch Wildverbiß! Vor allem die

„Schwarzkittel“, eine der beliebtesten Jagdtrophäen der

adligen Jäger, richteten in den Feldern große Schäden

an.

Der nassauische Amtsverweser hatte in Reichelsheim

auch die Aufgabe, jegliche „Wilderei“ durch die Bauern

zu unterbinden. Wurde jemand beim Fallenlegen erwischt,

wurde er wegen versuchten oder gar erwiesenen

Diebstahls am Eigentum des Fürsten von Nassau-Weilburg

angeklagt und hart bestraft. . _

Wie andernorts auch, so versuchten die Reichelsheimer

Bauern verzweifelt, sich durch gezielte Maßnahmen

zu bestimmten Zeiten des Wachstums der Feldfrüchte zu

„wehren“: Die Nachtwachen für den Bereich außerhalb

der Stadtmauern wurden verstärkt: mit Leuchten und

selbstgebauten Knarren und Ratschen ausgerüstet, stellten

sie sich in die Feldbereiche, die sie als besonders gefährdet

ansahen. So hofften sie, das Wild zu vertreiben

und damit zugleich die Früchte ihrer Arbeit vor den Tieren

zu retten.

Der sichtbare Wohlstand kehrte also vorrangig in die

Paläste, nicht aber in die Hütten der Bauern und Handwerker

auf dem Lande ein. Manch ein Reichelsheimer

mag sich überlegt haben, ob er dem Werben der kaiserlichen

Boten aus Wien nachgeben und auch in das Banat

ziehen solle, oder ob er dem Ruf der russischen Zarin

Gehör schenken und in das weite Land an der Wolga ziehen

solle - so wie dies aus der benachbarten Landgraf-

86


schaft Hessen-Darmstadt und aus der Freien Reichsstadt

Frankfurt zu hören war.

Andere mögen von dem weiten Land jenseits des

großen Meeres gehört haben, in das schon sehr viele

Hessen und Nassauer gezogen sein sollen. Vielleicht

haben einige von all dem gehört, als sie in Frankfurt

auf dem Markt ihre Produkte anboten, denn dabei gingen

Werber von Stand zu Stand, vor allem zu solchen,

an denen kräftige junge Leute ihre guten Waren zum

Verkauft anpriesen_ Wahrscheinlich sprach man in

Reichelsheim über diese „Traumländer“, wenn hier

selbst die großen Jahrmärkte stattfanden und sich dabei

jeweils eine hektische „Nachrichtenbörse“ entwikkelte.

Doch eines war allen klar: Auszuwandern war

nicht einfach, denn die Fürsten sahen dies nicht gern,

wollten sie doch nicht ihre besten Arbeitskräfte verlieren!

Auch die Nassauer verlangten neben dem üblichen

„Auszugsgeld“, das es für jeden Herrschaftsbereich

seit dem Mittelalter gab, ein zusätzliches Auswanderungsgeld.

Manch Williger blieb nach dem Zusammenrechnen

aller Kostenposten ein treuer Untertan

seiner althergebrachten Herrschaft.

Wie schon an anderer Stelle erläutert, gab es zwischen

Reichelsheim und den Nachbarorten Streit um die Nutzung

der Wiesen und Weiden. Streit gab es in dieser Zeit

aber vor allem um die Errichtung von Schlagbäumen

bzw. die Erhebung von Wegegeld. Von 1703 bis 1704

dauerte der Streit der Grafschaft Nassau-Weilburg mit

der Landgrafschaft Hessen-Darmstadt betr. der Errichtung

des Schlagbaumes in Richtung Bingenheim. Von

1726 bis 1728 wurde mit dem Freiherrn vom Löw, der

Florstadt von Hessen-Darmstadt zur Nutzung erworben

hatte, „wegen dessen Übergriffe in die Hoheitsrechte auf

Reichelsheimer Gebiet“ Streit geführt. Reichelsheim

wurde immer mehr zur lnsel: Nicht nur die Landwehr begrenzte

für den Notfall augenfällig das Gemarkungsgebiet:

die Schlagbäume zu den umliegenden Dörfern, zu

Bingenheim, zu Heuchelheim. zu Dorn-Assenheim und

zu Florstadt schotteten den Ort auch in Friedenszeiten

von seinem Umfeld ab - und dies zu einer Zeit, als die

Welt durch die Entdeckungen immer weiter wurde, und

dies zugleich zu einer Zeit, als die Regenten von sich behaupteten,

immer aufgeschlossener bzw. „aufgeklärter“

zu sein!

Aber hierbei ging es den Grafen und Fürsten nicht um

Modcrnität, hierbei ging es ihnen einzig und allein um

eine regelmäßige Einnahmequellc. Um sich diese zu sichern,

verpachteten sie gegen einen Festbetrag an lnteressierte

das Recht, das Wegcgeld zu erheben. D. h. die

Herren selbst hatten dabei kein Risiko.

87


7. b) Die kurze Herrschaft des Fürsten von Schwarzburg

1740 verkaufte Karl August, Fürst zu Nassau-Weilburg,

dem Fürsten Heinrich zu Schwarzburg-Sondershausen

für 30000 Reichstaler Reichelsheim auf Lebenszeit.

Fürst Heinrich, der zu dem 1710 in den Reichsfürstenstand

erhobenen thüringischen Adelshaus gehörte, erhielt

alle landesherrschaftlichen Rechte über Reichelsheim

und die Reichelsheimer, d. h. einerseits waren die

Abgaben an ihn zu liefern, andererseits mußten sie ihm

„in die Hand“ den „Untertanen-Eid“ leisten, ihm also

Treue und Gehorsam schwören.

Über Fürst Heinrich ist nicht allzuviel bekannt. Allerdings

hat er einen wegweisenden Schritt in die Zukunft

dieses Orts getan: Er baute sich als erster oder als einer

der ersten v o r dem Obertor ein Anwesen auf (langjährige

Schlosserei Sprengel gegenüber der Abzweigung

der Bad Nauheimer Straße nach Weckesheim). Damit

setzte er ein Zeichen: Die Stadtmauer, die 300 Jahre

diesen Landort umgrenzte und absicherte. sie wurde

von dem Herrscher selbst nicht mehr als Schutz angesehen.

Anders ausgedrückt: Die Mauer stellte nun keine

Begrenzung mehr für die Entfaltung dieses Landstädtchens

dar.

Fürst Schwarzburg-Sondershausen lebte nicht nur in

Reichelsheim. Die Verwaltung des Ortes ließ er durch

einen Frankfurter Hofrat namens Lauterbach vornehmen.

Wie gesagt: Aus der Herrschaftszeit des Fürsten Heinrich

zu Schwarzburg-Sondershausen ist nicht allzuviel

bekannt. Vielleicht liegt dies daran, daß er bereits 1758

in Frankfurt starb, wodurch der Ort wieder den Nassauer

Fürsten zufiel.

Daß Fürst Heinrich in bleibender Erinnerung der Reichelsheimer

blieb, lag vor allem daran, daß er sich in

Reichelsheim beerdigen ließ, und zwar in der Kirche

selbst, womit er ein fürstliches Vorrecht für sich in Anspruch

nahm.

Eine weitere Tatsache, die damit in Zusammenhang

steht, ließ ihn für spätere Reichelsheimer Generationen

eine Besonderheit bleiben: Er ließ sein Herz aus dem toten

Körper entfernen und in einem herzförmigen Behältnis,

das innen aus Blei und außen aus Silber gefertigt ist,

getrennt von seinem Körper aufbewahren.

Silberkapsel, die in einer inneren Bleiverschalung

das Herz des Fürsten Schwarzburg-Sondershausen

enthalt; 1758 in der Reichelsheimer Kirche beigesetzt,

heute im Wetterau-Museum aufbewahrt. (Foto H. Haag)

Als 1953 Arbeiten an der Sakristei der Kirche zur Verbesserung

des Heizungssystems vorgenommen wurden,

stießen die Arbeiter auf zwei Grabkammern: auf die des

Fürsten Schwarzburg und auf die des Grafen Johann

88


Ludwig von Nassau, einem General in Diensten des

Landgrafen von Hessen-Cassel, der am 30. Januar 1690

in Reichelsheim verstarb und sich hier auch beerdigen

ließ. Von diesem gräflichen General ist bekannt, daß er

in den Erbfolgekriegen, die der französische König Ludwig

XIV. angezettelt hatte, gegen jenen gekämpft hatte.

Es waren Kriege, in deren Verlauf nicht nur das schöne

Heidelberger Schloß zerstört und die Pfalz in Schutt und

Asche gelegt worden waren: jene Kriege hatten auch

ihre verheerenden Auswirkungen in unserer Heimatregion,

in der Wetterau. Der kriegsführende General Johann

Ludwig, Graf von Nassau, war nicht von ungefähr

hier im Amt Reichelsheim _ _ .

7. c) Der Siebenjährige Krieg und seine Auswirkungen

Kriege gab es auch im 18. Jahrhundert!

- Das Machtstreben der absolutistisch regierenden

Könige Europas -

- ihr Versuch, eine momentane Schwäche eines anderen

Herrscherhauses zu nutzen, um sein eigenes

Herrschaftsgebiet auszudehnen -

- zumindest aber der Versuch, durch Bündnisse mit

einem „starken“ auch stark oder wenigstens stärker

zu werden.

Das bestimmte die Politik im Europa des 18. Jahrhunderts!

Auf die Menschen in den Dörfern und Städten wurde

keine Rücksicht genommen. Der Dreißigjährige Krieg

des 17. Jahrhunderts hatte die Macht der Herrscher der

Kleinstaaten gestärkt, weil er sie unabhängig gemacht

hatte von den Einspruchsmöglichkeiten der Landstände

und den historischen Vorrechten des Kaisers des Heiligen

Römischen Reiches Deutscher Nation. Jener lange

Krieg hatte es vor allem zur Gewohnheit werden lassen,

daß die Herrscher ein starkes „stehendes“ Heer besaßen.

Und diese jetzt existentcn Heere wollten eingesetzt sein!

Als 1740 der junge Friedrich ll. den preußischen

Thron bestieg, hatten viele in Europa die Hoffnung, er,

der es liebte zu musizieren und zu philosophieren, der

verkündet hatte, er wollte „der erste Diener des Staates“

sein. eines Staates, in dem jeder nach seiner „facon“ selig

werden könne, er werde eine Epoche des Friedens und

damit des Wohlstandes der Menschen in Stadt und Land

einleiten und bewahren.

Doch weit gefehlt: Friedrich II. wurde ein ausgesprochener

Kriegskönig, was ihm später den Beinamen „der

Große“ einbrachte. Kaum besaß er das Zepter über sein

Land, überfiel er das österreichische Schlesien, die innere

Schwäche des Nachbarreiches nutzend, in dem ebenfalls

ein Thronwechsel anstand: Von Karl VI. zu Maria

89


Theresia, der ersten Frau auf dem Thron des „Erzherzogtums

Österreich“ und des Königrcichcs Ungarn.

Die Folge dieses kalkulierten Angriffes waren die drei

Schlesischen Kriege und der sogenannten Siebenjährige

Krieg (1756 bis 1763).

Preußen suchte sich innerhalb und außerhalb von

Deutschland Verbündetetc, ebenso tat dies Österreich.

So kämpften - wie gut 100 .Iah re zuvor - Engländer und

Franzosen, Russen und Polen, Holsteiner und Hessen,

Nassauer und Bayern in Deutschland miteinander und

gegeneinander.

Manch ein Reichelsheimer _junger Bürger mußte Heeresdienst

leisten: entweder unter der Flagge des nassauweilburgischen

Grafen selbst oder als Mitglied einer

Hilfstruppe eines anderen Fürsten: denn auch die Nassauer

wollten nicht „Zuschauer“ des Ringens der zwei

Großen in Deutschland, der Preußen und der Österreicher,

sein. Während sich die Landgrafschaft Hessen-

Kassel mit Preußen und Braunschweig verbündet hatte,

waren Hessen-Darmstadt und die nassauischen Grafschaften

auf österreichischer Seite zu finden, das sich

außerdem zunächst mit England und Rußland zusammengeschlossen

hatte, war doch einer der anderen

Hauptverbündeten Preußens Frankreich, der Erbfeind

Englands in den amerikanischen und indischen Kolonialgebieten.

._

Für Frankreich bot sich zudem die Chance, in das

Reichsgebiet einzudringen, vor allem in das pfälzischhessische

Gebiet. Ob Herrschaftsgebiet von Verbündeten

oder Gegnern: Die französischen Armeen machten

sich breit, sollte doch als Ergebnis des Krieges nicht nur

eine Bindung der Finanzmittel Großbritanniens in Kontinentaleuropa

erreicht werden (Finanzmittel, die jene

dann nicht im Kolonialbereich einzusetzen in der Lage

sein sollten): als Ergebnis des Krieges sollte aus französi-

scher Sicht vorrangig der Gewinn des linken Rheinufers

stehen, ein Ziel, das Ludwig XIV. bereits 60 bis 80 Jahre

zuvor vergeblich versucht hatte zu erreichen. In diesem

Krieg wurde Friedberg 1757 zu einem französischen

Heerlager verwandelt, Gießen wurde mehrere Jahre besetzt

gehalten. Die preußischen Armeen unter dem Prinzen

von Braunschweig versuchten nach dem Bündniswechsel

von England und Frankreich ihrerseits, diesen

linksrheinischen Feind aus diesem Gebiet zu verdrängen.

Für die Menschen hier in der Wetterau bedeutete

das Erscheinen einer Armee immer Last, gleichgültig in

welcher Sprache oder in welchem Dialekt die Heerführer

und Soldaten sprachen!

Größere Schlachten fanden bis auf die bei Bergen im

Norden Frankfurts zwar nicht statt. Aber kleine „Scharmützel“

gab es immer wieder, die weniger die Generale

der streitenden Armeen, sondern mehr die Bewohner

der Gegend beunruhigten und auch in Mitleidenschaft

zogen.

Was die Menschen während dieser schrecklichen Zeit

verunsicherte bzw. beunruhigte? Das war die Frage, wie

sie von dem, was sie nicht abzuliefern hatte bzw. was ihnen

nicht an Ort und Stelle weggenommen wurde, wie sie

von dem wirklich kärglichen Rest überleben, ihre Familie

ernähren sollten?

Hinzu kam, daß sich durch die herumziehenden Heere

auch wieder ansteckende Krankheiten verbreiteten. In

Reichelsheim tobte nach Überlieferung durch den damaligen

Pfarrer Hoffmann die Diphterie und raubte vielen

Eltern alle ihre Kinder! Es herrschte Verzweiflung, weil

man damals weder die Urachen der Krankheit noch die

heilenden Medikamente kannte. Aber der Ruf nach

einer einsichtigen Erklärung schallte durch alle Straßen

und Gassen des Ortes. Waren es doch Hexen, oder waren

es die Juden, oder war es einfach Gottes Willen, sei-

90


ne „Strafe“ wegen des sündigen Lebens der Menschen?

Von dem Vorgänger des genannten Pfarrers Hoffmann,

Pfarrer Crecelius (gestorben 1760 hier in Reichelsheim),

teilt das Kirchbuch folgendes mit und gibt

uns damit einen Einblick in das Denken der Menschen

jener Zeit:

„Er (Pfarrer Crecelius) wollte aber keine Arzneimittel

mehr nehmen, weshalb er seine Zuflueht zu dem rechten

Arzt des Leibes und der Seele nahm; und weil er wußte,

daß alle Krankheit ihren Ursprung von der Sünde hatte,

so hat er auch seine Sünden vor dem Angesicht Gottes

erkannt und wehmütig bereut, so auch daran Vergebung

von Herzen um des Mittlers Christi und seines geleisteten

blutigen Verdienstes willen, welches er gläubig ergriffen,

gesucht, ist in dem Glauben standhaft geblieben

bis ihn der getreue Gott aus der streitenden Kirche berufen

. _ (s. S. 11.8).

Crecelius” Nachfolger, Pfarrer Hoffmann, der schon

Jahre zuvor den amtierenden Pfarrer in seiner Arbeit

hier in Reichelsheim unterstützt hatte und von dem auch

der Eintrag stammte, dieser Pfarrer mußte den Tod aller

seiner Kinder durch jene damals nicht erklärbare Krankheit,

die Diphterie, erleben. Der Tod, der nahezu jede

Familie heimsuchte, die Armut, die durch die Kriegsereignisse,

durch die immer wieder erhöhten Kriegskontributionen

verursacht war; dies alles bedeutete Verzweiflung,

Hilflosigkeit.

Kirchliche Verordnungen sollten das Leben neu regeln,

sollten es „festigen“, sollten Verschwendung, sollten

vor allem aber das Bewußtsein um den allgegenwärtigen

Tod neu regeln: Kinder sollten, so hieß es nun,

spätestens am 3. Lebenstage getauft werden, damit gesichert

sei, daß sie, wenn sie stürben, als Christen die Erde

verließen; zu Hochzeiten sollten nur maximal 12 Leute

eingeladen, die Toten sollten „ohne unnötigen Kostenaufwand

beerdigt, die Toten in ein Hemd von geringer

Leinwand gekleidet werden“. Für Kinder unter 14 Jahren

durfte nicht weiterhin getrauert, Kinder unter 6 Jahre

durften zudem nicht öffentlich (also in Begleitung von

Nachbarn, Verwandten und Bekannten und unter Glokkengeläute)

beerdigt werden _ . _

Zu gleicher Zeit, als man mit diesen Verordnungen die

Menschen aus ihrer Trauer reißen oder sie nicht an die

Trauer anderer im Orte erinnern wollte, als man sich also

offiziell bemühte, den Menschen hier in Reichelsheim

klarzumachen, daß der Tod eines Angehörigen, vor allem

der eines Kindes, nicht als „böser Schicksalsschlag“,

sondern als Ausdruck des göttlichen Wollcns zu begreifen

sei, der deswegen auch nicht die Kraft rauhen dürfe

für einen aktiven Blick nach vorne, in die Zukunft des eigenen

Lebens - zur gleichen Zeit kam durch Verordnung

die Aufforderung, sich l. mehr den Regeln der von der

Kirche verkündeten göttlichen Ordnung zu beugen und

2. ein bescheidenes, ehrbares und bcherrschtes Leben zu

führen.

Pfarrer Frankenfeld führt aus jener Zeit dazu in dem

Kirchbuch (s. S. 122) eine Verordnung an, die verdeutlicht,

welche Strenge die dem Fürsten von Nassau unterstellte

Kirche den „Unterthanen“ auferlegte:

„Eine fünfte Verordnung setzt über dic Kirchanwohner

fest:

1. daß sie alle Monat gleich nach beendigtcın Betgottesdienst

vorgestellt werden soll;

2. daß alle Handarbeiten an Sonn- und Feiertagen -

wenn es keine Notharbeiten sind - mit 15 Kreuzer

bestraft werden sollen; geschehen sie aber während

des Gottesdienstes mit erhöheter Strafe;

3. daß gleiche Strafe den treffen soll, welcher des Handels

und Wandels wegen am Sonntag ohne Noth und

Vorwissen des Pfarrers vor dem Gottesdienst ausrei-

91


set oder der am Samstag wegreiset und am Sonntag

erst wiederkommt;

daß eine Versäumniß der Catechismuslehre von Seiten

derjungen Leute mit 8 Kreuzern und wenn es geschieht

des Spielens, Tanzens und Saufens halber

mit 6 Gulden gestraft werden soll;

daß der, welcher wäh rend des Gottesdienstes in den

Wirtshäusern gefunden wird, 30 Kreuzer, wer aber

an dem selben Sonntag zum Abendmahl gegangen

ist, 5 Gulden Strafe erlegen soll; und daß von diesen

Wirten Abends nach 10 Uhr den Söffern aber zu keiner

Zeit Getränke gereicht werden sollen bei namhafter

Strafe, weshalben der Kirchenvorstand die

Wirtshäuser visitieren sollen;

daß das Kegelschieben vor und zwischen dem Gottesdienst

bei (1 Kreuzern, während des Gottesdienstes

bei erhöheter Strafe verboten ist;

daß die Hirten vor dem Frühgottesdienst nicht ausfahren

sollen;

daß das Fluchen. Schwören, Verheißen und Vermessen

ınit I0 Kreuzern, und wo solches zur Gewohnheit

werden sollte, mit erhöheter Strafe belangt

werden soll;

daß aber, wenn bei dem viehisehen Vollsäufer irgendwelch

Flüche, Sehwüre, Zoten, auch Tathandlungen

wider das 6. Gebot mit unterlaufen oder solche

Leute über die Straße hin lärmen, brüllen und

schändliche Lieder singen, 30 Kreuzer Strafe erlegt

werden sollen;

daß an Sonn- und Feiertagen, wie auch an der Betwoche

nicht getanzt werden dürfe, Leute aber, welche

bei dem Tanze sich unanständiger Tathandlungen

erlauben, mit 6 bis 15 Kreuzer bestraft seien;

daß Spielgesellschaften, in welchen beträchtlich und

gewinnträchtig Spiel getrieben wird, nicht zu dulden

bei 21.5 Kreuzer Strafe, diejenigen aber, welche diesselbe

in ihrem Hause veranstalten, mit 30 Kreuzern

Strafe belegt werden sollen;

daß wenn ledige Personen in Hurerei und Unzucht

betroffen werden, jedes 2 Gulden Strafe zu erlegen

habe und daß deshalb

alle verdächtigen Zusammenkünfte in entlegenen

Häusern und Winkeln bei 15 Kreuzer Strafe verboten

seien;

endlich daß die, welche in den Spinnstuben sich mit

Wort und Tat ungebührlich betragen, gebührend bestraft

werden sollen."

War diese Strenge, diese Härte der Kirche deswegen

angeordnet, weil man sich in den Universitäten und

Hochschulen Gedanken über die „Freiheiten eines jeden

Individuums“ machte?

Die Reichelsheimer

beugten sich weiter den

gesetzten Regeln.

Das Kircrhenbuch der

evangelise/'zen Kirche,

aufgeschlagen und

getragen vom

gegenwärtigen Pfarrer

von Reich.elsheim,

J. Enke

(Foto W. Wagner)


7. d) Neue Rechnungsführung über Einnahmen /Ausgaben

In diesem Jahrhundert, dem I8., versuchten auch die

Fürsten von Nassau-Weilburg, sich einen materiellen

Vorteil dadurch zu verschaffen, daß sie von ihren Amtern

eine neue Buch- und Rechnungsführung verlangten.

Durch die strenge Kontrolle der Abgaben sowie der Einund

Ausgaben sollten die Einnahmen der Gemeinden

und der Fürstlichen Hofl


alte, brüchige Eimer nicht vererbt oder diese selbst,

allerdings mangelhaft, hergestellt wurden)

Wegen der Markwaldung

(Holz aus dem Markwald konnte nur nach Erlaubnis

der Markmeister und nach Zahlung eines Entgeltes

geholt werden. Dies galt für Bau- und auch für

Brennholz)

Prinzeß-Steuer

(Für die erforderliche Mitgift der Grafen- oder Fürstentöchter

mußte stets eine Sondersteuer von den

„lieben Untertanen“ bezahlt werden)

Extra ordinaria

(Sondersteuer, z. B. für Verköstigung von ausländischen

Truppen oder Strafgeldern von Bürgern, die

etwas in der Gemeinde zerstört hatten)

Von Gemeinde Bauen und Stücken

(Eine Art Gewerbesteuer; 1800 wird eine Einnahme

aus dem Brauhaus der Gemeinde verbucht)

Giltgeld

(Eine Steuer, die aufdie Person, nicht auf den Besitz

bezogen war; also eine Art „Kopfsteuer“);

Vom Gemeinde Faßelvieh

Einnahme durch Verkauf des alten Faselochsens

z. B. bzw. auch Deckungs- oder Sprunggeld)

Wege-Geld

(Das Recht, Wegegeld zu erheben, war verpachtet;

deswegen tauchtejedes Jahr eine geiche Summe auf)

Interesse

(Zinseinnahmen aus Kapitalien, die die Gemeinde

der Herrschaft geliehen hatte)

Gelehnte Capitalien

(Zinsen von Ortsbürgern, die bei der Gemeinde Geld

geliehen hatten)

Von Stipendiaten Geld Interesse

(Es gab eine Stiftung, aus deren Erträge Stipendien

für begabte Schüler aus dem Ort gezahl wurden; wurde

es nicht zu seinem ursprünglichen Zwecke eingesetzt,

gingen die entsprechenden Gelder in die Gemeindekasse)

- Von der Gemeinde Dorn-Assenheim

(Dorn-Assenheim nutzte einige Wiesen im Reichelsheimer

Ried für ihr Vieh; bekanntlich hatte Dorn-

Assenheim keinen gemarkungseigenen Bach oder

Fluß und damit nur wenig natürliches Gras- und Weideland)

- Von urbar gemachten und verpachteten Stücken

(Wer eine Wiese oder Weide trocken legte durch

Drainage, der mußte eine Abgabe bezogen auf die

Höhe des erwarteten Mehreinkommens bezahlen;

außerdem hatte die Gemeinde eigene Wiesen und

Felder, die sie z. T. verpachtete, wenn sie diese nicht

als „Almend“ nutzen wollte. Als die Landwehr oder

die Seen - der Große und der Kleine See sowie der

Schützensee trockengelegt bzw. eingeebnet worden

waren, war von den Bauern, die diese Flächen nutzten,

Pachtgebühren bzw. z. T. Abgaben zu leisten)

- Von verkauften Gemeindegras

(Das Gras, Heu- und Grummet der Gemeindewiesen

wurde verkauft).

Der übliche „Zehnte“, die Abgabe eines festgelegten

Teiles der Ernte oder des Arbeitsertrages, blieb hiervon

unberührt. Auch Sonderabgaben zugunsten der Kirche,

der Schulen und dergleichen kamen fürjeden Ortsbürger

hinzu. So war die Aufforderung des Fürsten und der Nassauischen

Kirche, ein solides Leben zu führen, jede Verschwendung

zu vermeiden, voll verständlich: denn wer

sein Geld „versäuft“, „verhurt“ oder verspielt, der kann

all die Abgaben, die aufzubringen sind, nicht aufbringen

- es sei, er setzt sein ererbtes Vermögen aufs Spiel!

94


7. e) Veränderungen im Erscheinungsbild von Ort und Gemarkung

Das 18. Jahrhundert hat Reichelsheim verändert:

Wurden am Anfangjenes Jahrhunderts noch Schlagbäume

errichtet, die Durchgänge der Landwehr damit verschlossen,

so begann - bedingt auch durch die neuen

Waffen, durch das neue Denken, durch neue Entdekkungen

und Erfindungen - ein allmähliches Umdenken.

ıııu

Einblick in die Kirchgasse.

Bis 1665 eine der Hauptstraßen, seit ca. 1800 die Straße,

durch die jeder Reicheisheimer anf dem Wege zum

Friedhof nach seinem Tode getragen wurde.

(Foto: Besitz der Familie Dörr).

Es wurde schon berichtet, daß Fürst Schwarzburg-

Sondershausen in seiner Zeit als Herrscher über Reichelsheim

das ummauerte Stadtgebiet durchbrach, in

dem er sich außerhalb des Obertores ein angemessenes

Anwesen errichten ließ. Andere machten es ihm bald

iii'-l,

I

nach und stellten Antrag, „auf Erlaubniß, außerhalb

dem Flecken vors Obertor zu baun“.

Der Siebenjährige Krieg hatte noch deutlicher gemacht

als alle Kriege seit dem Dreißigjährigen Krieg,

daß die neue Artillerie mit alten dicken Stadtmauern keine

großen Probleme mehr hat bzw. daß Landwehren

schon gar keinen Schutz mehr boten.

Was vordem undenkbar war, wurde um 1784 Wirklichkeit:

Ein wichtiger Bereich des Gemeindelebens wurde

vor die Stadtmauern verlegt: der Friedhof.

Die Einheit von Leben und Tod, die über Jahrhunderte

dadurch dokumentiert wurde, daß der „Totenhof“ der

Gemeinde rund um die Kirche angelegt war, also mitten

im Ort, diese Einheit war damit zerbrechen. Dies kam

einer Revolution gleich, und wird gewiß nicht ohne erbitterte

Diskussionen abgelaufen sein, denn es sei daran

erinnert, daß früher nur die Mitmenschen v o r der

Stadtmauer unter die Erde gebracht wurden, die wegen

eines tatsächlichen oder angenommenen Verbrechens

aus der Mitte der menschlich-christlichen Gemeinschaft

verstoßen worden waren, die man also „ex-kommuniziert“

hatte. Die aufrechten Mitglieder der Gemeinde

hatten auf dem „Totenhof“ rund um die Kirche, die Mitglieder

der Herrsehaftsfamilie sogar in derselben ihre

letzte Ruhestätte und blieben somit wahrnehmbarer Teil

des alltäglichen Lebens der Menschen des Ortes.

Das Stadttor an der Kirchgasse hatte schon spätestens

seit dem großen Brand des südlichen Ortsteiles im Jahre

1668 seine Bedeutung an das Untertor am Amtshaus

(heute Lehrerwohnhaus) südlich der Neugasse abgeben

müssen. Wie in früheren Abschnitten erläutert, begannen

hier am Untertor seit jener Zeit die Wege nach Florstadt

und nach Dorn-Assenheim und von letzterem Ort

weiter über Bauerheim nach Friedberg bzw. über Assenheim

nach Frankfurt. Hinter dem Tor an der Kirchgasse

95


waren Gemüse- und Obstgärten angelegt. Nun errichteten

die Reichelsheimer ihren Friedhof vor der Stadtmauer

- außerhalb ihres Lebensberciches. Diese Maßnahme

stand gedanklich und zeitlich in Übereinstimmung mit

den Verordnungen der Nassauischen Landesherrschaft,

die zum Ziele hatten nicht zu sehr den Toten leidend

nachzutrauern. _ l ,.« Q/Øif/l//'r'//Ä/-`).-'//41%/§'Ć„„_

Eın weiteres Zeichen des neuen Denkens“ am Ende

/,

xımı

ı

_/

f

-~4vøıı.›v

-'sv

_ ( , ' , - ›

cf

__ f/4)/Älw

Q/

Ø«/«›-.,.„...:)

J

'

des 18. Jahrhunderts betrafldie Landwehr. lm Hcssi- .../»«-„//›'/Ä›~›- 27,/j /.775

schen Staatsarchiv (Darmstadt) fand sich aus dem Jahre , › :_ „ _ f " , ~ Y *_,

1798 folgendes amtliehes Dokument: //7' Ø//yišfw/I ß

_ ...:. ›í.`4....Ã:J/fl*/l

Fürstliche Hofkammer W/'I ' V-r

BH I ›„,~' nf-___ ä

den Amtsverweser Schneider zu Reichelsheim

Auf Reg: Comm: Vom 23ten v.M. Das Gesuch der Gemeinde

Reichelsheim um gnädigc Erlaubniß, die Landwehr

und andere in ihrer Gemarkung gelegenen wüsten

Plätze in Acker umphasten zu dürfen und um Erteilung

der Zehntfreiheit und sonstigen Abgaben auf einige

Zeit, betr.

Nachdem Serinissimus der Supplicantischen (= antragstellenden

/ untertänigsten) Gemeinde von der urbar zu

machenden Länderei die gebetene Zehntfreiheit auf

sechs Jahre in Gnaden erteilt haben: als wird der Amtsverweser

davon mit der Auflage andurch benachrichtigt,

dieser Zehnten Befreiung, mit jedesmaliger Benennung

der urbar gemachten Districten und deren Flächeninhaltes

von Jahr zu Jahr in der Rentei-Rechnung zu erwähnen.

Den lten Julius 1798“

96

Schreiben. der furstlichen. Regierung an den

Amtsverweser Schneider betr. des Baugesuches

von Eberhard Vogt außerhalb vors Obertor

2


iv: ı-“M

uı,..._....Ã-~

¬"ı.r ı

___” ___« um

Gesamtansicht des vermutlich 1725 erbauten Anwesens

„ Vor dem Obertor“, als Adelssitz der Familie

von Trilitz erbaut (Aufnahme vor dem Ersten Weltkrieg)

Die Landwehr (s. hierzu Skizze von L. Beier auf S. 27)

wurde also „geschleift“, die Gräben durch den Wall verfüllt!

Einige Hektar Ackerland wurden dadureh als landwirtschaftliche

Nutztläche gewonnen, zog sich doch dieser

alte Befestigungswall von Florstadt aus an Dorn-Assenheim

vorbei bis zum Ortenberggraben, der Gemarkungsgrenze

zu Weckesheim und Heuchelheim. Die

überschüssige Erde des Walles wurde dazu genutzt, andere

„wüste Plätze“ in der Gemarkung zu verfüllen: Der

„Schützensee“, der „Große“ und „Kleine See“ waren auf

der Gemarkungskarte von 1761 noch deutlich eingezeichnet.

Mitte des 19. Jahrhunderts wurde nur festgestellt,

daß die Flurbezeichnungen „Schützensee-Gewann“

usw. „darauf hinweisen, daß dortselbst in früherer

Zeit Seen gewesen sein mögen“.

Die Reichelsheimer erreichten in ihren Eingaben, daß

sie für diese urbar gemachten Flächen „Zehntfreiheit“

lııl

erhielten, also daß sie keine Ertragsabgaben machen mußten.

1803, 1810 und 1815 wurde diese Zehntbefreiung jeweils

neu beantragt und auch gewährt- ein Zeichen dafür,

daß die Arbeit auf diesen Flächen zwar der der anderen

Acker entsprach, nicht aber die Ernteerträge.

Daß sich die Reichelsheimer um die Urbarmachung

dieser „wüsten Flächen“ bemühten und der Fürst dies

unterstützte, indem er Abgabenfreiheit gewährte, lag

wesentlich daran, daß in jenen Jahrzehnten trotz der immer

wiederkehrenden Seuchen und der todbringenden

Kriege die Bevölkerung stark anwuchs. Erste Erkenntnisse

im hygienischen und sanitären Bereich und vor allem

neue Erkenntnisse der Medizin sorgten dafür, daß

die Lebenserwartung der Menschen langsam anstieg.

Wissenschaftler wie der Brite Robert Malthus (1766 bis

1834) glaubten gar am Ende des 18. Jahrhunderts, daß es

bald nicht mehr möglich sein werde, die Menschheit zu

ernähren, da die Bevölkerung schneller wachse als die

Nahrungsmittelproduktion auf der Erde.

*_

I

%**sí¬1â;i


_

8. Das 19. Jahrhundert

a) Nassaus Aufstieg durch Napoleon

Überall in Europa „knirschte es im Gebälk“. Schriftsteller

und Dichter Deutschlands schrieben Freiheitsstücke,

die in Inhalt und Form die alten Regeln „höfischer

Dichtkunst“ sprengten. Goethe schrieb die Dramen

„Goetz von Berlichingen“ und „Egmont“, Schiller

ließ sich als Dichter von „Die Räuber“ (Untertitel: „Gegen

die Tyrannis“) und „Kabale und Liebe“ feiern.

Dem Absolutismus der adligen Herrschaft über ihre

Untertanen wurde der Kampf angesagt; es wurde eine

Anderung der Lebens- und Rechtsbedingungen des Bürgertums

gefordert. Vor allem wurden Meinungs- und

Pressefreiheit gefordert.

Aus der neuen Welt waren zudem Nachrichten gekommen,

die besagten, daß die dortigen Kolonisten sich

gegen das britische Königsregiment erhoben, daß sie

auch Erfolg in ihrem Kampf gehabt hätten, daß sie sich

nun ohne König selbst regieren wollten - als demokratische

Republik! 1789 kam es in Frankreich, dem symbolischen

Sitz des Absolutismus, bedingt durch die schlechte

Finanzlage des Staates, zur Wiedereinberufung der 1615

zuletzt tagenden Generalstände. Der 3. Stand, das Bürgertum,

sollte dieses Mal sogar so stark vertreten sein wie

Geistlichkeit und Adel zusammen! Europa wartete gespannt

auf das, was geschehen würde. _ .

Überall herrschte Nervosität und Unruhe, Unzufriedenheit

und Gereiztheit, gab es doch in den Städten und

auch auf dem Lande seit der verheerenden Mißernte

1788 großen Hunger, stiegen doch die Preise für Brot

und andere Lebensmittel in Höhen, die nicht nur die Armen

verzweifeln ließen. Und das nicht nur in Frankreich

- auch in den deutschen Fürsten- und Herzogtümern war

die Situation bedrohlich.

„Was ist der 3. Stand'?“ fragte in Paris Abbe Sayez.

Und er antwortete selbst mit einem einzigen Wort: „Allesl“

Denn nur der 3. Stand sei in der Lage, sich allein zu

ernähren, sich zu verteidigen, zu verwalten und Bildung

zu vermitteln. Der Ruf nach „Freiheit - Gleichheit - Brüderlichkeit“

aller Menschen wurde nicht nur am 14. Juli

1789 dem König von Frankreich entgegengeschrien.

Auch in unseren Städten und Landstrichen gab es die

Forderung nach „Emanzipation“, also nach Entlassung

aus der Abhängigkeit. Zu Unruhen kam es an den nahe

gelegenen Universitäten Gießen und Marburg - Unruhen,

getragen von den Studenten, aber zum Teil auch unterstützt

von den Handwerkern jener Städte.

Die fürstlichen Herrschaften waren aus Angst vor

„französischen Verhältnissen“ durchweg „antirevolutionär“.

Der vor der Guillotine geflüchtete Adel Frankreichs

wurde deswegen gastfreundlich aufgenommen.

Der Versueh der mit ihnen Verbündeten deutschen Heere,

die Revolution im Nachbarland militärisch zu stoppen

bzw. zu beenden, scheiterte im September 1792 kläglich

(„Kanonade von Valmy“).

Seitdem herrschte allerdings in Frankreich „Vorwärts-

Stimmung“. Noch im gleichen Jahr besetzten die Revolutionsarmeen

Frankfurt und auch Mainz.

Die Herrscher der Fürstentümer Nassau-Weilburg

und Nassau-Usingen schlossen sich ängstlich Frankreichs

Gegnern an, wurden doch von Eroberern wichtige Teile

ihrer Fürstentümer (zwischen Rhein und Mosel) in dem

Bestreben besetzt, den Rhein von Basel bis Koblenz

„endlich“ zur tatsächlichen Grenze Frankreichs zu den

deutschen Fürstentümern werden zu lassen.

Adalbert, Bischof und Abt von Fulda bestätigen

dem „Durchlauchtigsten Fürst Herrn Carl Wilhelm,

Furst zu Nassau“ usw. die Erbleihe an der Hälfte

des Dorfes Reichelsheim. (Dieses war die letztrnalige

Erbleihebestatigung vor der Säkularisation)

98


_ , ›

_

i

-

-

V

1

-

iii : llfiin _-_r†h§iitlar”ttı9i†*iti_i _

lu »gi :eiı r ıçàuåloffíåt-ızflwı líjßfiıw

i ,___„_„_ tar

_ 7 " ~

_-*

r Aifšäšàt

_, _ _ _. - 2__

äJ

li

.åti i zi'

_ e _;. Ü _ _ _...T Ä,

R

sr

QWô››« šıš

1 G“

I

I'

nr- «:~.-

"'åv~""- r* «K-,__. ~ 'r

alta..nit t øı_t_tj),t6tıiäu_\ «--

P

äfíš ~ : fg, - _ ti'

Q' ı.V` -

.f""='f»-›

_ ~- _;-¬\ H 13. _ _ *I__ ff '.5

'N

å

ıı 1-_j` -`-ßšıí `it_› - _. _ ___. _ıt ttir__l"t_ ıišâoijiıltgj

áıflilß .ı.

;'-__

~`¬å;§',_~u.. .iıå

' '¬.=› 1 ~*-«frj'-_›r,__ í *r __'rr __ _ , '__ - rr' -_ 3' 1..-._

7'a Fi

liniıtnlitμ tınältiiiyitm

1' E

Preti if

_ __ _ _ ,_ ___ _ ___ ' _,-;j;.it,¬

in t:.irtitirtft==*tttitit¬a.it1«m "

` -i_;.,-,«..ı _ __ _ r=-«-3 " _ . ' - "' _. T' ı.-

"9."

g 3 . -- f' ti " - ~' f* _" 'Ii J '- I -

ala „if-*'?i7:";„,..«__›if.*†'... f«4lllÃl›ë/fg.-stfifid/i~›. ».~. Z'.4„."< Äflftåf.....c„êf"2i:/.z\›/›y«2:f1.4.›-_fuJ»fí-›..j.L alfa. -...i-_å¦ı›Ü-'›'l(_='~`--1-'v›= - ~ - /l-~ M ',""`?"f/'Ä'7"" '

.

- _

_ I

_ _ . __ _

_

- _ _ _

iz/{%„.`”_r_1);_._;y~fL„fy',_„LÄ1:,_,_/'f.}'í:_%:/çyirızy-ıšnfå/2.::-.1 J Ära ›-EJ; 'ıı .uw im-. zilıııı-i/lı'/ø „ _/óıfif

fi .i _; _;

fılı-Q« zlıgš-ftir' Usb« 'min ıßıflı fd" J

ji' › ,

_,\:

' H, J.. .«-4.-'ı;„ ı.. _-

hn.) __” in___

/_

Js

._ 3,",

>14 tf'

fi).

-ıåírßqıoıı

/„›

_ß›:1ıf.ı-Ilí,_i

_

fiıtfvı. Ißffíı/}0_ fi? «§1-:_„›p

----/.-„-.5-1°-_»

'ı'{}bırı›ı_!':I_.-ııl'

t

,ßıiıáfnıíßı

gj-

.1

rf

tyrıfíf/lløı

"„'.l.'!fi-°ı›.

.J

ııl.iı›ry'_.ÃıfI.-ııııl

«/:..f(›~

/

I. "'

Q

' _ __, ,_ .,.~ ,__.fh,'

-..ı fıı

ífıt der In 0"' fa

11'->`\'.\

(0_'. . 9'0- \"

I

___ ,_ _. _ __ I / 'Ä

,f'g___5:çylä,_MÄ,*.` _,§,„-yqgçgg? ".___;{_.„„_-_fd."Ä1fı Ärıififiçl 41"... ılzifı axfii-Pgjffiı/to-.›ı= '›i)_o_ı›:ıvı

giijelıøfßıı rät-ini øif/atv›«l;;I_'},ı-„0f›„i.ıç_›ı In-ı››ı__ÄTı,lg'I(iIıı›ı›:ı,o.›; ıvf-ılıaw In OH_'_/:fl "if" ›°fl'~Vç'i="""*'f1' ";,.:'f_"'l/"::í'_{).'_l äÄ"'_/Zııfyfi' J". "_" 'S _ ı

rr _,/_? 1 .i ítpyšßv _=ıÄ“, 'Ä' fl? "'¦„_„ Ä; »ry 1 ı{'.ı /irn Äçılifıl-Äıııf |ıgı;«'r›',ı,ıf""¦ ır.ı/ı !ifyp››«›j.§ ıııμdıgıiı ".ı).:7f:r ı_/Az“ ffväl 1* I in _* ı icı;ı -uni

.rn --4-ao-w' -ıı ;›_ * 'Ju 1014 ._¬ı - ,„, _ _“ _ "_"__”`_____ '_ " "__ I _ Q I _ _ _ _ _

:'.`~.- ~

,;ı

ı5ıffiiı ıbıgyzıiıf1/?? ÄıÄ^ߧ.fi'ıı.;} iıfıgiıııu ___ ılııııcıøı c ıııı IL/" z/I-/°f›ı' JZ Lırøi/ Flııı in vı-ıııı 0 Ü _-(UI-H -,μl -1 1 2: ııı nf 'nu ıı'Ä'›.Ioı ı H bj: ' 3"

[ıı ıyııxıønıı

'__,`:?ıırø%ı: ›

. J...

/§13 H' 5% 5 “if S. 'it fr 'çı/ll .›/"'ıÃ\'›ıI}' li I' 'J

;i,ı§g§._ i,`,'%_„_fiı;ıı„,_!--ç?,*.3ı in ıßëib-ıpè if-ååilå-fá`qÖ'.i_ıı›ıı.«__--_/!*μ;___ fivnıšfi/,l J[.ıı. ›μ,°=uf-ı~ „....'. J... gjıflıtır . . ı «if/l.. _, e„_)_›ı ı _ıı -ı ` -.. ııı H „Jr/, ,lııı__pı ııı „f μ.,.. . „, ı' an- f\_Iır=› ııı›_~ f'f;}fl %

.__ -_ 3 _, - -_ ;-gi 'i -1|

ır. ifa., li-ı'››« vn il .ıaı um -ı ı-{lu} liwıfı ml» la,-Ä-.fat »Ã-. j„'.._-,_-/f ıı ı›'ll4:"i!'/J'I'ff›';f'«//I? )l`..'ı,-/'ul Eva, .gi .øıh"° ::_L'i]›i-I-iızaı« :Vu-1 -:„.clt?›Il-i ıfl-.fı «.(ı-« {μμ.~_" ›Ä 2:31»--Ãzlıíıı

lief. fÄå„f All tefal Si/t «fjf " t~ qhr“ _ i “ ti r' N' /1 „

, H ,_ 5. ı: .-

f' L3 r Y

'J/l lıiııfifl lx'/S: fı t 1' "

ıı. -'› ıı ı-›}'›ı drfııı* .Mμı1«ı. Ä«›ıg›.u';r,ı'| vêl'-ıflfvıaı ı› ._{t-ı.ı›ıı'__f 1;' 11%; rı ~ıı›`_)\$†§'°"}"'t:›fi' 'r:_/}'~fl1vüjı ln /0 ~'_?f/I'I' J l"›fıJ-ll..

, \

,.i- " . " -* li ) ' .*(- _.. ' _. Q Jf

" ._ _« ° 1_ _; ,

_ ___._„,,___«„j`___„Ä=i(l,.°..*?=.-.l3ii'ı_)t?„_..„3. _ ,if „. „, ,›f?„ _, _ _-,__ _,.___f,_-,;;_{/§,_;__)/,ty_,/f,_,t,-;_„_/f..,},4. .- 1 rrl*'.tt°ı}-;';-._.í_;:_.;_'.f;ç_±'_E'/i1Ö-›'t'-J r'/f.«.'.§„-.~. /vi 'rw'/ı.›frıfu..t* ....."lf›››._-'jlivı nf

_ _ _ _ _ _ _ . /_, _

›;ilfı§øı}V'i:-fi-ıfíäišıviıbıı Ä-f.;i„,_. égıılåfiálıfıiııiııı -nı ni Ã.ı*›_ › ~è'ı'ı'Ãlı]ıi.lÄ{'Ä-›ı .2 íıfı=ı, _,' .Lılı Ä'/4tı›ıı ıı


Für die Bewohner des nassauischen Amtes Reichelsheim

hatten die Kriege bald spürbare Folgen: Die

Kriegskosten des Fürstentums mußten auch die hiesigen

Bürger mittragcn, wie Rechnungen aus dem Jahre 1793

belegen. Außerdem mußten auch die Reichelsheimer

verstärkt Heeresdienst leisten, und das sollte für die

kommenden zwanzig Jahre „zur Gewohnheit“ werden.

Junge Burschen aus unserem Ort wurden eingezogen,

gedrillt und dann entweder unter nassauischem Kommando

oder unter dem eines gut zahlenden Verbündeten

in den verschiedensten Winkeln Deutschlands und Europas

in den Kampf geschickt.

Weil sich die Staaten Deutschlands im Kampf gegen

Frankreich nicht verbündcten - zu sehr waren Preußen

und Österreich noch durch die Politik um die Vorherrschaft

in Deutschland verfeindet -, konnte sich das revolutionäre

Frankreich ohne große Gefahr nach Osten ausdehnen.

Doch der mittlerweile herrschende Napoleon

versuchte, aus seinen Feinden abhängige Freunde zu machen:

Unter seinem Einfluß wurden die geistlichen Fürstentümer

sowie die Bcsitztümer der Klöster aufgelöst

und den weltlichen Fürstentümern, die an Frankreich

Gebiete abtreten mußten, zur Entschädigung übereignet.

1801 wurden sich auch die Fürsten von Nassau-Usingen

und Nassau-Weilburg mit Napoleon in Paris einig:

Bedeutende Teile des Erzbistums Mainz wurden gewonnen,

so z. B. Höchst, Kronberg, Trier und Limburg/L.

Um diese geographische Neuordnung „reibungslos“

für die neugewonnenen katholischen Untertanen im

evangelischen Nassau abzuwickeln, wurde der noch immer

bestehende „Religionsbann“ aufgehoben: Die alte

Idee der Einheit von weltlichem Staat und religiösem Bekenntnis

wurde damit Teil der Geschichte. Die Freiheit

der Religionsausübung, die Glaubensfreiheit, wurde

offiziell weitestgehend Wirklichkeit.

Die Aufhebung des Religionsbannes in Nassau machte

es dann auch möglich, daß im Rahmen des „Reichsdeputationshauptschlusses“

das dem Grafen Schönborn gehörende

Dorn-Assenheim zum nassauischen Amt Reichelsheim

geschlagen wurde, so daß nunmehr dem Amt

Reichelsheim zwei Dörfer unterstellt waren: eben Reichelsheim

und Dorn-Assenheim. Die Nassauer verfügtcn

damit über eine ausgedehntere Kornkammer in der

goldenen Wetterau!

In diesen Maßnahmen zur Neuordnung Deutschlands

wurde der Wille Napoleons deutlich, nicht nur die geistlichen

Fürstentümer zu „säkularisieren“, sondern auch die

kleinen und kleinsten Grafschaften zu „mediatisieren“.

Somit entstanden kompaktere Mittelstaaten im Westen

Deutschlands, die handlungsfähig und wirtschaftlich

stärker sein sollten, die aber Frankreich als einzelne

nicht gefährlich werden konnten.

Die Nassauer erhielten noch eine weitere Erhöhung:

Unter der Voraussetzung, daß sich die zwei nassauischen

Fürstentümer Nassau-Weilburg und Nassau-Idstein „für

alle Zeiten“ vereinigten, wurde ihnen die Herzogswürde

verliehen. Der jeweilige Herzog von Nassau führte nun

gar die „Fürstenbank“ der adligen Reichststände an -

eine Auszeichnung, die schmeichelte.

Napoleon hatte aber mit diesem sogenannten Reichsdeputationshauptschluß

von 1803 und mit seinen anderen

Entscheidungen nicht nur Gefälligkeiten verteilt.

Vielmehr verlangte er Wohlwollen Frankreich gegenüber

- und zwar mehr Wohlwollen ihm gegenüber als „jenem

deutschen Kaiser“ im fernen Wien!

Und drei Jahre später leitete er den nächsten Schritt

ein, der Deutschland verändern sollte: Nach einem erneuten

Krieg Österreich-Ungarns gegen Frankreich, wobei

die süddeutschen Staaten sich nicht mehr zu einem

Bündnis gegen Frankreich entscheiden konnten, wurde

R100


)*">

_

Ü


'fo

q .

Q

i.`

fißir Stítßtítb Qlllgtlfff von Gßøtttß

fvııncrainrr simon gu ätaılau zc. _.

i- mtb § 3

nrtetırırß êíšilßrlııı. mm

(änaben,

eunenrnnnnfn,

`i«-„g„.,.ifnııncraincr ífiürıl gu ènnffaıı zc.

fügen bícrmit ru mificn: 1

:ber nm ıı. Sun biefeß 3a!›ı:ß gu wnıgíß, rmifmcn áeincr nltaicftdt bern sage ber an Rufen, .nánigc

min staııçııånb. ttnä, ncbn ıncnreren bıßtıcrnnn er nbeıı ben pcııtídıen ätri ßabgä j c âšertran,

%â1?§lä'„l%lrl„flä°„å°å%§š§"„*ı%nâtråäääššäfëåílšlnßi'ä'.å'&'ä”°l§fål§šr "'“ê*n›

"“rf“'l*Pâ›'*«l'

bis tnnçıšáêätttbtåítftifit, mid):in benen ııunnıcbrv nerbılıibctcn ibeinnmfntibiıåííwënliåıtıfıatnciı ıftatt

Iinbeıılıiipi N . ¬ N .

mr cii›`nNnt›cr1±ágt unb befràm t inbnfcr .fibinfirlıt ıınä bis nntllommenc ëounnniıntâtf “nirl›t'mır

iiber tlnílıre l'Nánrtn,cncNN§§ürfiIin› âmnfauıfdıc @nımnı_r1= ınıb_ bis ncrııióg: naß n'ıııgfçcııS1tcicbß=®eı›utntioııß=

(šngluficß banıít nmnıigtc ßanbc; ínnbern auch nbrr_ bıı:,@!rnffçl›a_ften fltcııııııcbnnb bnåganncl, Inn

2_t›cıt ber (ärnfícbnft ntıebcrıfmbnrg, n›cId›en_ im äııgftııw äıßırbıínie ípaııß bißnecr befr cnßat, bıe

tßıraffcnaft ßııfêııyıt ıbıfçn íäencııbeımzıı, Inc .inrrrf ›nftt'n_%d_›anmpuçg, êlnıuret, fnpmı nınferne

.nııf bet unten inte ber íabn gelegen ıft, unt» ërnrınbprg bie .emtnr íäıerborf. älltenııncb, Elmarb-μıèg,

mnrndm ,t?o(›enlolıns., fläraıınfelßf Gßrnficñgncın åäurtßacb, gnnnt benen in bieten unb untern

lgıß ernten Baum .ngcfrblpffcnen ınıb anítn(egıt›eıı_ ıttcrš1›aftlıd›eıı cfıßnngcıı- bcrgeftaltøn, bqš uns

ltfiflf Ifbšßfillfllmff _@'-'flf=. mtb åfltímftrni inc nur her ,åšırıt vcrbımhcnannícnnnbcıılm... nberftı'.ıc!›±c.r=

ınbeun .übcr=n)nli3en› aınb ılın§r=@nınıIt,„ nem bcııı echt im äuftngrn, ebcnmáfiâıšnflcncn fpll.

_ 'šnßefıçtqe beim, nnb nnd) ıncıteçcı' ílınleıtıınn ıııcbrmrrgtrr ëtaatßnctri _er?çárcır= ıı: altp [nen

mrtiámmtinbe nergßlmlfbff üvfßßfitbıınıcr, Gäıggff ıınb Spcrrg ,_flftcııgä_ciııı°†ıı ncrcıntm, unttientnnfeıı

uıı1_›_fnunrmı:nıı@~tnn.te nnb Sami:-gtnume, benen ttnternbt çılunä n: lrbndı ern ntnpann ndnnr in

brftııııgımı 11116 norbctnıltcıı, wenn ine uıtiçrgnlvc ber ncııerbınnë _agugcronııı.ım_nn äfbeıte, b_urd› :ben

fnıfcfríıfb frnnnliifdnn ßwnüıııámnntcıı gcßı›ı'ın_nn11=.ngeıı, nııb bıc ıınnnttcıfr von benen bıßncrıgen Bam

1321;: šíègäıäišıııınn fvrtgufcßvıı c šfingnrung bcrfclbcıı, fórnılıw von lplnå nngctrcttcn unt»

u “'- " "'-. ~ ı ¬,= . ı - ._ I

?;ı:1:_ın*r nc n _iırbı25fFcn tßjeınálätıcıt äınbcr senior Unfcrcå íšıırfflıdnn .fiıqufmpic ßfırln unb ben

Stang nıı;t5N:N§››_nnç:aıı1nn.prr5åı;ß- wríber jšurft íiricbripda il3ıl%cım abcnlne âßıırbıfiınıb lnnšltaııg

cıııcfi íønåêrmnçn gíırncıı in afimı tg mmt an, nıadmı alfa allet igeë ltnfrrn â\Iın1ıf.bı5ngcıı,N ßnııcrn

ıınpıınr nntirly nnnıäffrııtndı, nnd; nı rlneß leben 51a_d›a tung'n;ıbuıf_c1›.b,ftq;ınt, mn penı

ınçıterçn änfaåeııü ban nad) ıeııcı' flanbeßmdmšımıg bc: bıßben e unter dnrb åmifd›,n1N_1lııferμ bcıben

íšurftlıdgrn 21 n rfiııgíıcıçııııb fllšcılbgırg non ist ftgaurnıiren, an non ıııgerıı f mmtlidnn beıbcríıcitıgvn

flan efiftçílen nur a an baü âßrábıcatz e getan! ı d› mn ga ıı _tf , šıebraııdn nm-nen fu _

ßtcıcnmıc eß nlnígçnfi fletß unter cıfrig eß :eben tft, ba ßilucrnn ben àlßoblftanb unterer

ëctrçııçn llnmtbancn immer nıcbr §1: bcfılr nr alle werben %ír_aud› bu: burcb bien ippmltmimngn

1„â“;%'tr“°å1šå1l.?§rlëä°*l%§›”n?„'$äêF'šš1„f?r“å=°f'fšt"flâ%°§lšâfå?ëfå°rt?šåf„täl%i§åät' - , Z = . «I f , , , .1 13% Ü1%"

tt

man nefldıeêaåí ißegtiıpcn m un ern âtefincnnn ßiebrıdı ııııb âßeıltnng ben aoıiíngfı N ›

fflšriebriwf

išriebrim âßilßelm,

.. -Mana su ntalliw- âfürft in ëmıffnu.

A ufru des Herzogs von Ncıssau

Friedrich A ugusr und des

Fıfirsten zu Ncı.s'.sNau

Friedrich Wilhelm anliıßlích

des Friedens von I806,

der die Zusammenarbeit

mit Frcmkreıfeh einer.s'eits,

cmdererseüs den

Zu..sNarnmerısc'h[uß der zwei

_ Pq

~ ¬ 'eâz 'J N .':,=:.

N;.'N`: ._NN+ ;\.;¬~=\-\._\

nassamfsc/*zen Fıfıfrstenrıfimer

2i

'H-,_`\.=.„-_“ .

fl;

.. ..«...

._`.„I_;_"___`*______:;:._„¬fi__.. =-Ã_ .Ni-.3f`

N. 1'

"_ :~`__ ı


der „Rheinbund“ gegründet, ein Staatenbund süddeutscher

Staaten unter Vorherrschaft Frankreichs. Diese 16

süd- und westdeutschen Staaten, unter ihnen das „Herzogtum

Nassau“, sagten sich von dem „Heiligen Römischen

Reich Deutscher Nation“ los - worauf Kaiser

Franz Il. die KaiseıNkrone dieses alten deutschen Reiches

niedcrlcgte. Ein Deutschland unter einer einheitlichen,

wenn auch sehr lockeren Führung gab es damit nicht

mehr, und damit hatte eine lange, z. T. ruhmreiche Epoche

deutscher Geschichte ihr Ende gefunden.

Zugleich bastelte in Frankreich Napoleon am Entstehen

eines neuen „Römischen Reiches“ - unter Vorherrschaft

seines Landes, seiner Person.

Für Napoleon ergab sich durch die Schaffung des

Rheinbundes unter seiner Vorherrschaft die „Möglichkeit,

auf ein wichtiges militärisches Reservoir für künftige

Feldzüge zurückgreifen zu können“ (s. „Die Chronik

Hessens“, S. 200). „l806 werden auch Nassauer für den

Krieg gegen Preußen mobil gemacht“ (ebenda).

Bis 1814 gab es nun auch in Reichelsheim eine ständige

Rekrutierung von jungen Leuten für die Eroberungskriege

Napoleons in ganz Europa. Sie wurden in den Niederlanden

und in Spanien, in Rußland und in Österreich

eingesetzt - sie wurden gar noch gegen die verbündeten

Heere Deutschlands eingesetzt, als diese sich im Herbst

1813 in der „Völkerschlacht bei Leipzig“ gegen den Kaisergeneral

aus Frankreich zu befreien suchten.

Doch es gab nicht nur kriegerische Geschehnisse und

Ereignisse. Auch andere Entscheidungen jener Zeit beeinflußten

das Leben der Menschen im Amte Reichelsheim

ganz entscheidend: Zum 1. Januar 1806 verkündete

der Herzog von Nassau durch französischen Einfluß die

Aufhebung der Leibeigenschaft, und beendete damit ein

unrühmliches Herrschaftskapitel aus den Zeiten des Mittelalters.

Auch setzte er eine moderne Steuerreform im

Jahre 1809 durch, die „die Gleichheit der Abgaben und

Einführung eines neuen direkten Steuersystems in dem

Herzogtum Nassau“ zum Ziele hatte.

Hauptziel dieses Steuerreform-Gesetzes war allerdings

nicht nur eine wesentliche Vereinfachung des bisherigen

Steuereinnahme-Systems; auch sollte sie nicht

nur einer größeren Steuergerechtigkeit ermöglichen.

Die Steuerreform hatte auch die Aufgabe, wie der Herzog

Friedrich August und sein Mitregent Fürst Friedrich

Wilhelm in der Einleitung des Gesetzes ehrlicher Weise

äußerten, die Steuereinnahmen zu erhöhen:

„Wir haben Uns, in Erwägung, daß durch den langwierigen

schwierigen Krieg und die dadurch veranlaßte

gänzliche Umänderung der äußeren und inneren Staatsverhältnisse,

die Staatsbedürfnisse in unserem vereinigten

Herzogtum teils vorübergehend, teils bleibend gestiegen

sind“, entschieden, „ . . . ein neues System der direkten

Besteuerung einzuführen, das mit gleiehheitlicher

Anziehung aller einzelnen Untertanen nach Verhältnis

ihrer Kräfte den Charakter der Einheit und Einfachheit

verbindet...“ (s. Archiv der Stadt Reichelsheim, hier:

„Verordnungsblatt des Herzogthums Nassau, Jg. 1809).

Auszug aus der „Landesherrlichen Verordnung

die Gleichheit der Abgaben und Einfı`t'hrun.g

eines neuen direkten Steuersystems in dem

Herzogthum Nassau betreffend“

Die Steuerreform sollte also zwar „gerechter“ die Lasten

verteilen; insgesamt hatte sie aber eingestandenermaßen

vorrangig die Aufgabe, dem Staat höhere Einnahmen

zu verschaffen. Die Einwohner von Reichelsheim

werden dem Verzweifeln nahe gewesen sein: Neben

den immer wieder steigenden Beteiligungen an den

Kriegskosten („Kontributionen“), neben der Tatsache,

102


ı

_

_

-.

aıııbeeheeeliihe .šet_0tbnu_ıın

-

' '

bie @ieichheıt bee âtbgaben .unb Qinftıheung *eineß neuen. biretti J

ëteueetnt't_e_ın6 in bim Jjbeeiıigthnm *Rattan betrettenb.

"""'(W¦it Einlagen bett into. 1. biå 9. íncliısiyér) _ '

`

`n`it›ietia;›r ı›`iiÜ'sn,b_nı_ie'.

_ - _ .( _;

I I - _ ›

iwie Stirb bid) 2! ng tt tt, ben ëietiıd Gånnbm tounerninrr ígırtog tn Sinttnıııe. re.

- -- unb ~ _

`iIBírfiriebrid›-B`i1l)e`1`rıı} von Gioitıâ ëånnbín touberníneı [Siirfi tn t`lieıt1'.ıuie. zr.

flfiingeing.) Üpnben 1.1116; in ërıhånungg hat bittet) ben tannınirrigeıı td)rerreıı`Si`rirn

unb bir bnbırrıh heraııtçıfitç nånilichr tlmáııbernng ber einieren nnb inııereıı ëtnatßnerghåttnittei

bie' ëtantbbebürfnifir in Llnterm iirreininirn Jbrrtoáihum theilø boeılbernebenbf

:heile btıibeıib gettienen ' flnb, unb in ermàginıg, bei bei brnı binfbrinnen biete: vermehrlen

fiätnnttbebürfııitte bie groben llııgleiehheiteıı uııb Øebrenheıı; nıeiehr in benmnnniih'

faltigm Qibgaben uııb ätruerfılirn ber-bertrhíebenen fμııbetthrile liegen, noch bitteren--

brr fiir benfiiiıtetıırııi unb noch nnıhtheiligrr file ben tlßohitlanb ber Qietaıiimtheit

n g a rı n. Eieraniattunn uııb_`3roetl'. _. ` ' "

era rf tt e r bl b t eh ır i t t. ältnemeine ßetiimmuiıgen iiber bie ëtnattbiıflaaen.

iietieuernııg bet reinen ßlntemnıenø. §. i. " _

werben, alt bieteø in trılherenímerhåtinitteıı bertiatt geııieten iti; -› non ber briııgenben

(bteiehhritiichee iaeitrageberhåttııii nach tiiıfhebung ber bisherigen ßetriiungeıe

fliotbmenbigteit-_ ılberteugt, bie aflninıriiıe Ihríiıiahmr an ben ëtantßiatien fettttıteneıı,

rechte. 5. n.

iinb inßbetonbere rín'neıie6'9htten1'ber birertrıı Qärttriıerıınn eiııiufılhreııi bat mit gleiehbeittiıher

fliııtiehurpg alter eiriirtnrn tlneerthanen nach iiierhåttniü ihrer .ttråfte ben ehe-

Bneeifacbe norm ber fiııflngen. §. §. N _

Stılııfiige (Einrichtung ber inbirerten ëteırerıı. §. 4. '

rntier ber einheit ıtnb fëinfarhhrit berbinbrt. uııb in feiner ülntnenbuıın bie frhn:-errn

Eiiiiàhrliche 2`:bettimmung'ber birrrren ëtenrrn nach bern ëtantšbebıirfníflr S. 5'

Hebel; tomeit eb mbglieb itiß hebt.-` metrhe biíher bureh unnıåšinr tßeiatiuııg einieiııer fembeßihrite

unb _ltntrrthanen_ im fllierbåltn-in gegen aııberc eııtltaııbrrı flnb. . -

3 ni e i t e r Qi ii I' rh ıı i ti. Nißetonbrre ßrttiminunncn iiber bie- birèite ëteıierı "

einen enpi te l.' Giııfılbruiıg von ıniei birerten ßrtieueiıııııdarten iuıb fltuthebun

_ 3nr ërrriehunn bieten boppetirn Bmrcß heı_be_ır_ itßir befehl-otteıı unb bererbnrn mie.

aiter iibrigen: . ` ` ' ` L

naihioigf: __ -_ , „_ - _ ~ - '_ ,I

1) išılr bie išrbibwte .ber ëtantßflenerıı. §. 6. ` ' ' ' ' «Q e tt; r. tät ib trh n tt vt.

b) äılr bie Erhebung aller bireeren ääeitrâneıu ner'nein'nı1ninen Qmecfen. 5. 7,

N ~ Qtttgıniiiıíel tläıtiiiníıiiınnın' ıibıè bie ßtniirdautlngm. -' - f' -

am uns Qapml' I ßcfvnbm mm"-nmungm -um møıunb Ü 'un' ' " `§. 1. töıfletıerung bee ri_i'mn_ı!in|'ommını ) :bie ßtantebebıirfnittei ln te mit

ëteuerburetäegentlåııbe. §. 3. I

e tilnennhmenbanoıı. 5. 9. _

itiorbehair tıinttiger' näheren äåetiímrnunn.. 5. ru.

btltgenıeiner äiertheiiungefufi. §. ıı. N

Steuer-ënpital unb ëimptnını N ~ _

a)!'13bıı fëirunbfltltfriı. §.i2. ' 1 ›

b) Elton eirnııbflàdieıı ber tßebåube. N5. 13. _

ßırerhnung bei ëreueıw ëanitaie. .§. 14. „

einrichtung ber ëinretieuer: _ _ _ . _ _

_ ı)_..Dhıı_e btqennhine ein bie tiimntur bei-áeirncnen Suche '§.ı5. ` ' -'

b) Pllvnbem Siflbflbrr bei @_i_1_t$_ fılıj alle _biir'at1f battenbe eingeben) mit ßerbebe

bei`triıterne_ifie._ §. ie." _ __ `_ ' “N 1 NN

ßeitiebungeart: 'N _ _ 4; _ _

1) Eier Qemporqt-fbaıbtqbnabm' §._ 11. _

2) bei Behnten. §. 19. _ _' N

3) 53“ ißttfliiıen (Beib- ıınbittntnrnlnbenben:

e " .

th nicht bnreh eiııiiiııftr aus ben ßiantenüierıı ıınb iRenntien_ gebiet: flnbf fetten bnrıh

ßrttenetuııg bee _relneııN@inl'e›.mınen6 tiııtercr tlnterthemen abfnebrarht reerbeıı. .

§. 1. (tiiıirhbıltlidıeo Betrrngwerbåltniß, nach Qlufhıbung ber biøbrrigın -Eee

freiunnevorrerhre.) Bu beríhritımhme an bieten ëtaaieauflnnrn teil in 3ı|ıtııntt berategıtıınen,

unb teniet etmbgiid) tft, eine iıbr ttri bee reinen eıııtonımrni in nteıehheıttn

Rhein fllerhåttnib beígrtonen inerben. _ '

Qinigebtuennhnirn bon ibíeter biegen metqhe Uni entmeber in bee üiatnr ber ëeıhe

gigrıtnbrt, aber auch hem beabllehtinten ßmeef ber- Qrleiehternııg beß bertiålııiiıniifiig tu

tehr betehnieı-t_en_ Eheitsttııterer tlnterthaneni unb_ber .ßeíbrbırıııın bee btteııilırhen

ttßehltianbeei unııaehtheiiigerteheiııeıı, werben wir aus aıtbeimeit ılberiniegenben (Britnben

inteitteni unb in ber tibtge-'bei ben nnrtenınıeııben 'eintelııeıı Øetıeltllållbifl t1»\m=t1f=

mh bereichern. bieten bieten non uns nuebrıtetıieh in _ beflimmınben btubımbmeni teilen

aber fiiııftig buıdmμg rem;_§3etreiungenorreı:hte_ unter irnenb einer ßeııeıııınng ober

gcfiqri in iıntmıı Jjmtngihnm aı1ertanııt__merben;`_ tle mbgen _rınıı in lrıiherrıı Qieteiien;

.ßilnemein aber _brtenberenN ttonreiílbneıı aber-ein einem bieten .hertbnımeıı ihren iørıınbi

' ı 1 _ I

\

103


_,

'

ı

__

__

-

'

daß immer wieder junge Leute eingezogen wurden, die

als Arbeitskräfte auf dem Hofe oder in der Werkstatt

fehlten, wurden jetzt auch noch die Steuern für die meisten

Ortsbürger erhöht! In einer Beziehung war diese

Steuerreform, die 1812 noch einmal „umgemodelt“ wurde,

für die Menschen des einfachen Volkes erfreulich:

die völlige Steuerfreiheit des Adels wurde abgeschafft!

Ein Edikt vom 6. Januar 1810 sollte die Menschen den

Glauben an eine bessere, gerechtere, an eine menschlichere

Zukunft aufkommen lassen:

Die seit der Vereinigung der zwei Fürstentümer Nassau-Weilburg

und Nassau-Usingen gemeinsamen Regenten

Friedrich August (= Herzog) und Friedrich Wilhelm

(= Fürst) bestimmten, daß „vom Tage der Publikation

der gegenwärtigen Verordnung an, ... die Anwendung

von Stockschlägen. Peitsehenhieben, Rutenstreichen

und ähnlichen körperlichen Züchtigungen, als Corrections-

oder Erziehungsmittel gegen erwachsene Personen

beiderlei Geschlechts. allen geistlichen und weltlichen

Gerichtsstellcn, Polizei- und Forstbehörden in Unserem

vereinigcten Herzogtum gänzlich untersagt“ ist

(s. Archiv der Stadt Reichelsheim, Verordnungsblatt

des Herzgtums Nassau, Jg. 1810). Nach dieser Verordnung

verschwand wohl auch der Pranger am Rathaus in

Reichelsheim, der bis dahin diejenigen dem Spott der

Mitmenschen ausgesetzt hatte, die z. B. bei ihren Marktgeschäften

versucht hatten, zu schummeln oder zu betrügen,

oder die ihre Zunge „nicht im Zaume hatten halten“

können. Für Kinder und Jugendliche galt dieses Verbot

der Prügelstrafe allerdings ausdrücklich nicht _ . _

1809: Wieder führte Napoleon gegen Österreich

Krieg, wieder wurden die nassauischen Amter aufgerufen,

dem französischen Kaiser-General Hilfsleistungen

in Form von Menschen und Nahrungsmitteln zu erbringen.

Wie sehr der Herzog von Nassau sich Frankreich in

ß

~\ _ „ ,___

N " -`..'_„_ 5 _-_

\__ ___ . *`- __- "

\\ __,t- tt..._____,__ _

fl \e› ^

ıı`_ __ g,

' ',ı ,.3

\ .._ _ 1

`*N›..=j_.;~›";f 5*“

'~1›._.à~

| __.\ ü 1 "!_\ __!

1 Ä '_ 1 ~ 5-., _ Ü __._\__\_- _

___« mit. _ i-1--=y_

___ ___ _ _______

_

ll

._ f __ xi ._._____ _. 1

1;

-_,_

__

.._

ııı

ıı

._ N. Ã. ~ -. ' ' ı.. 7 N /

W R ` Ä " IQ \ ' 1' f 3/

X'C

if.: ~_ ___?

1 _ _ › i. ir. ,_ _ __ __ _

tIi _

w-v-~' K-' .._.M _ _“ Ar'-` 2"

;íí;iT4 íTíf

rN¬_,_..~fi' ,†;¬

\ '. “Q3 e1-

,aÜ.

ÜQ PP". ,- ,ıà

__¬_______

"'ı_.

____„___/

l

_i. I

._

_'K._;

¬..:›-

P______.g1ı3› ;§_„-„_ _.-.

mhTııı

3%' ' f'_____, ,.ı 'Z 1.2! 3:' .¬

"_"i'§i=

›"""'f"""':_..¬

*if* _ _ _ li-ab i-~-›::r _ .å -

_... '_ _..

-šılß -- °

9~ıı_ ...féY :apL ~ _

„_ 1 L ij

"“"::... ¬_;*.'..-T" ṇyh"s .ı f *zig-J'; ':.±~t`n

_ C__,...,.ç=?-'íı-ef... -† "*- :_ › _........--__;-_____ ~ /tl

xvfl

I'.

._\

1-4-t~*'

“"'í.'.'ä"'?*

Re1`chelsh_et`m in der Wetterau 1826.

(Nach einer Bleistiftzeichnung von F. M. Heßemer)

jenen Jahren verbunden fühlte bzw. wie sehr er das

Schicksal seines Hauses mit dem Frankreichs verbunden

sah, zeigen Verordnungen im Zusammenhang mit dem

wechselnden Kriegsglück Napoleons: Nachdem im Mai

104


1809 der österreichische Erzherzog Karl Napoleon bei

Aspern besiegen konnte, wird auch in Reichelsheim

durch den Ortsbüttel ausgerufen, daß „das Verbreiten

falscher und beunruhigender Kriegsnachrichten“ von

allen Amtsobrigkeiten „jedesmal unverzüglich zur

strengen Verantwortung zu ziehen und nach Befinden

der Umstände empfindlich zu bestrafen“ sei (Archiv

der Stadt R., „VO-Blatt des Herzogtum Nassau“,

Jg. 1809).

Als sich allerdings das Kriegsglück gewendet hatte und

die Österreicher im Oktober 1809 in Wien doch zum

Frieden durch Napoleon gezwungen worden waren, fordert

der Herzog von Wiesbaden aus alle Untertanen der

nassauischen Ämter auf, eine „Feyer des Friedensfestes“

am 10. Dezember 1809 zu begehen. Damit die Feiern in

seinem Sinne verlaufen mögen, gab er den Pfarrern auch

noch durch Verordnung bekannt, welche Gedanken sie

ihrer Predigt zugrunde zu legen hätten:

„Ieh weiß wohl, was ich für Gedanken über Euch habe.

. (Jeremia 29, Verse ll bis 14).

Auch zwei weitere Verordnungen mußten die Reichelsheimer

zur Kenntnis nehmen: „Von der französischen

Gesandschaft zu Frankfurt ist die Anzeige gemacht

worden, daß.. _ mehrere Einwohner aus dem Departement

auswandern, um sich in die Krim zu begeben.

. Diese seien, so sie auf der Durchreise hier gesehen

würden, sofort zu arretieren und den französischen

Behörden auszuliefern!

Auch die Verordnung des Herzogs von Nassau betref`fend

der Desertation junger Leute aus seinem Herrschaftsgebiet,

die Androhung schwerster Strafen, der

Einzeihung des gesamten „anteiligen Vermögens“ macht

deutlich, daß kein großer Jubel über die Kriege auf seiten

der Menschen in den verschiedenen Ämtern des Herzogtums

geherrscht haben mag. Da anscheinend die örtlichen

Ämter dem Befehl nur zögernd nachkamen, der

herzoglichen Verwaltung die „Verzeichnisse über das

confiszierte Vermögen der Deserteure“ einzusenden,

wurden sie mehrfach in strengem Ton daran erinnert.

Auch wird befohlen, das „anerfallene liegende Vermögen

derselben zu einer gelegenen Zeit und allenfalls gegen

terminweise Zahlung meistbietend zu versteigern“

(Archiv der Stadt Reichelsheim, VO-Blatt des Herzogtum

Nassau, Jg. 1812).

Selbstverständlich war das Leben hier in Reichelsheim

nicht nur von Krieg und Steuern geprägt. Das Leben hatte

auch seinen Alltag. Aber auch zu dem Alltag finden

sich im Archiv der Stadt Verordnungen, die für uns heute

das Leben der damaligen Zeit verdeutlichen können:

1809 wird rigoros „die Abschaffung der Strohdächer“

verordnet. Es darf keinem „Untertan die Anlegung neuer

Gebäude gestattet werden, wenn sich dieselben nicht

ausweisen können, daß sie zur Anschaffung eines Schiefer-

oder Ziegeldaehes im Stande sind“.

Eine jährlich wiederkehrende Verordnung betrifft die

„Abraupung der Bäume“. Jene aus dem Jahre 1810 lautet:

„Nachdem man wahrgenommen, daß die Raupen

überhand zu nehmen scheinen, und daher an den Obstbäumen,

wie auch den Garten- und Feldfrüchten, ein

großer Schaden zu besorgen stehet, als hat man zu verordnen

für nötig gefunden, daß alle Eigentümer und

Pächter liegender Grundstücke schuldig und gehalten

seyn sollen, die Bäume, Hecken und Gesträuche in ihren

Grundstücken so wie diejenigen, welche die benachbarten

Wege und Fußsteige begränzen, abzuraupen oder abraupen

zu lassen, dergestalt, daß sie die Raupen und Gespinnste

oder Raupennester zu verbrennen und hierbey

die nötige Vorsichtsmaßregeln zur Vermeidung der Feuergefahr

anzuwenden haben.

105


Zu dieser notwendigen Abraupung wird ihnen für dieses

Jahr der lste April zum termino a quo (= bis zu welchem

Zeitpunkt die Maßnahme durchzuführen ist) bestimmt,

für die Zukunft aber muß sie schon vor dem

1. März geschehen, und diejenigen, welche sich hierunter

saumselig finden lassen sollten, sind nicht allein in

eine Strafe von sechs Gulden zu nehmen, wovon dem

Denunziant 1/3 zuzuweisen ist, sondern es soll auch das

Abraupen von dem Ortsvorstand auf Kosten der Nachlässigen

veranlaßt werden . .

Die Frage der Bekämpfung des Ungeziefers hatte also

existentielle Bedeutung, wenn man bedenkt, daß der

Denunziant mit 1/3 des Strafgeldes des ertappten Nichtstuers

belohnt wurde.

Ähnliche Verordnungen betrafen immer wieder die

Sperlinge und die Mäuse. Jeder Ortsbürger war aufgefordert,

eine bestimmte Zahl „von Köpfen“ abzuliefern

(„In allen Gegenden und Orten, wo die Vermehrung der

Sperlinge auf den Feldbau und dessen Erzeugnisse nachteilig

wirkt, werden . _ . die einsehlagenden oberen Polizei-Beamten

angewiesen und ermächtigt, jedem Einwohner

anzubefehlen. zu bestimmten Fristen eine nach

der Größe des Übels. . _ zu ermessende Quantität Sperlings-Köpfe

zu liefern oder fürjeden fehlenden Kopfeine

Geldabgabe zu bezahlen“ - s. Verordnungsblatt des Herzogtums

Nassau, Jg. 1812).

Doch noch anderes machte den Menschen Sorgen,

weswegen die Obrigkeit reagieren mußte. Eine Verordnung

aus dem Jahre 1816 lautet:

„Nach höchster Genehmigung ist das Schußgeld von

einem erlegten männlichen so wie von einem jungen

Wolf auf 15 und von einer ausgewachsenen Wölfin auf 22

Gulden erhöht worden. . (Archiv der Stadt Reichelsheim,

VO-Blatt des Herzogtums Nassau, Jg. 1816).

Die Zeit Napoleons ging zu Ende, nachdem er den

Krieg gegen die unendlichen Weiten Rußlands und den

wachsenden Widerstand der anderen Völker verloren

hatte. Die fürchterlichen Verluste bei den deutschen

Hilfstruppen, das Nichtendenwollen des Blutvergießens

führten schließlich bei den Menschen in den Städten und

Dörfern, aber auch bei denen in den Palästen zu einem

Bewußtseinswandel. Ausgehend von Preußen begann

der Wille „zur Befreiung“. Diese wurde eingeleitet durch

die erfolgreiche „Völkerschlacht bei Leipzig“ (16. bis 19.

Oktober 1813). Die Untertanen Nassaus mußten zwar

noch auf Seiten Napoleons gegen die Preußen und Österreicher

und deren Verbündeten (Bayern, Sachsen, Russen,

Schweden usw.) kämpfen, weil ihr Herzog noch

nicht bereit war, die Fronten zu wechseln. Doch die Niederlage

Napoleons bedeutete die Wende: Am 23. ll.

1813, kurz vor Eintreffen des siegreichen preußischen

Heeres im Rhein-Main-Gebiet sagte sich der Herzog

vom Rheinbund los und wandte sich den verbündeten

deutschen Fürsten zu.

Das lange Festhalten am Bündnis mit Napoleon hätte

fast dazu geführt, daß das Herzogtum Nassau aufgelöst

und die Ländereien Preußen zugeschlagen worden wären.

Nur der alte, nun - nach dem Sieg über Napoleon -

wieder aufkeimende Dualismus zwischen Österreich und

Preußen um die Vorherrschaft im ehemaligen „Heiligen

Römischen Reich Deutscher Nation“ rettete vorerst

noch einmal das Bestehen dieses alten Herrscherhauses.

Somit kam es auch nicht, wie bereits geplant, dazu, daß

„Verordnungen und Bekanntmachungen

Herzoglichen Staats-Ministeriums

und der demselben unmittelbar

subordinierten Behörden.

(Die Abraupung der Bäume,

Hecken und Gesträuche betr.) “

106


_

.'-

. »9

ßrrıirbıiıııigsßlaft

ıı

A -nei

-S3 2 rs H Q t 13-11 m 6 §31“ affau.

'§-"&›"§-

¬&~§\-'Q-›--\§›-'šft-"§--Q»

- *>)1'ıtm. 4; ben 4.. ßfebiruar 1815. ` _

"§ı"§›-'Qv§ø§-*Q-"%^§«'§-1-fifiıffi--§.f§.r§.›~`.-1.,-`_-§...›§.›-§.«§.μ§.Q

ßerarbnmıgçn.ırnt›«%dm1ntmad›ung~eıi: Spergogííttım ëtaatå=9Jtš=

, nıßıerıumâ-unbbert>eıníelben.unmittelí›acfubı›rhinirt.en$ebí›ü›en.

N (ji-bie Qibvaupuııg ber íåäåume., -šıecfierruno @e[iriiud›e~tıe-ti.'.f)=- - j

:Die nadıfolgrnbe 23-zrorbıjıung magen ilbraunımg ber ääóııme-, baden- unbßeflråudieif nom.-

ß~:= ífllyruarf ıaoa mirtrrurgenaııeır ßıfolguiıg-ljiermit atfernmlü mıeuııft-,›. una hen hmefienben

Qlrmrcrıı aufgegeben ı fiir- Deren pıiıíftlicbø ßoflgiebung-§11 fñrgeıftı ` '

„ı`Raı1›bem wahrgenommen roorbem--baâ Die Elftaupeıı abermaIfi'l'eb'r ıílmt)=anl›'g1ı netimen fıfiiiß-

„nen , uno naher an nen bbflbåumcm mic aud; an benwiırteıı- unn Ešelbfnılcbten ein g_rnšer.'flflfl† ßrffibflføı uıihlraben ße bi-e-'êaunıfeligen mir einen unııadμ-

„lälliaffl @š!rufe~~nı›n 6'112« AU'l=ffmm› ıımon b'er= benuniidntr 1/fr a¬I6.'8eli›!mung-.erlialtm fnllıuııbr

~„íl`f'-løbànn wu ben Dírtánorñànëen traß-üıbrcuıpen' auf~5fr›{Ien tr«-ri âlamldfflgınf ofımiieıiıigiirb ııı-

››NI“


8. b) Vom Untertan zum politischen Bürger

Ein moderner Staat muß versuchen, daß die Menschen

des Staatsgebietes in geordneter Form zusammenleben

können. Deswegen muß es Gesetze geben, Verordnungen,

von allen anerkannte Gewohnheitsregeln. Doch das

bedeutet nicht „Statik“ oder Unbeweglichkeit.

Die Zeit der napoleonischen Herrschaft hat Deutschland

verändert. Nicht nur neue Staatsgrenzen waren gezogen

worden. Die Gesetze, beeinflußt von den Ideen

der Aufklärung, der Französischen Revolution und damit

auch von den Ideen der Menschen- und Bürgerrechte

wurden bedeutend für einen immer größer werdenden

Teil der Menschen und ihren Alltag. Und dies führte zu

zum Teil radikalen Änderungen in den Rechtsgrundlagen,

die das Leben bestimmten:

Nassau hob z. B. 1819 die Zunftordnungen auf, führte

also endgültig die Gewerbefreiheit ein, was - wie auch in

anderen Staaten - einer gesellschaftlichen Revolution

gleichkam, wurde doch damit das aus dem Mittelalter

stammende Wirtschaftssystem der regionalen Selbstversorgung

abgelöst. Nun konnte sich auch in Reichelsheim

jeder Handwerker niederlassen, ob dies den anderen

Meistern der gleichen Berufgruppe paßte oder nicht!

Manch ein Geselle eröffnete seine eigene kleine Werkstatt

und wurde möglicherweise zum „meisterlichen

Konkurrenten“ seines ehemaligen Meisters. Und manch

ein geschäftstüchtiger Meister stellte nun mehr Gesellen

ein, als dies zuvor von seiner Zunft erlaubt worden wäre.

Um durch die Gewerbefreiheit auch wirklich die durch

die lange Kriegszeit und die damit verbundenen hohen

Abgaben geschwächte Wirtschaft wieder anzukurbeln,

erließ Herzog Wilhelm zum 1. Juli 1819 zusätzlich „Gesetzliche

Vorschriften die Dienstverhältnisse des Gesindes

und der Handwerks-Gehülfen betreffend“ (s. Archiv

der Stadt Reichelsheim „Verordnungsblatt des Herzogtums

Nassau“, Jg. 1819). Die Regelungen der Dienstver-

hältnisse brachten vor allem den Dienstherren bzw. den

Handwerksmeistern Vorteile, weniger dem Personal;

doch war immerhin eine grobe einheitliche Rechtsregulierung

geschaffen worden. Interessant ist, daß der

Dienstvertrag zwischen Meister und Geselle bzw.

Dienstherrn und Gesinde als „Mietvertrag“, das Einstandsgeld

als „Mietgeld“ bezeichnet wurde. Die Höhe

der „bestimmten Belohnung der Dienste“ wurde nicht

per Gesetz oder allgemeiner Festlegung bestimmt (schon

gar nicht durch eine Art Tarifvertrag), sondern „in freier

Übereinkunft“ festgelegt. Neben der Gewerbefreiheit

sollte also auch die Vertragsfreiheit im Arbeitsleben Bedeutung

erhalten, was sich allerdings aus der Sicht der

Arbeitnehmer nur für jene Zeiten als recht gut herausstellen

sollte, in denen wirkliche Knappheit an Arbeitskräften,

an Gesinde und Gesellen, bestand. Die Dauer

des Dienstvertrages beim Gesinde war zudem kurz: „Bei

Gesinde“, so heißt es in der genannten gesetzlichen Verordnung

des Herzogs, „welches zu häuslichen Diensten

gemietet ist, auf ein Vierteljahr, bei demjenigen, welches

zu landwirtschaftlichen Diensten angenommen worden,

auf ein ganzes Jahr erachtet. Der Anfang und das Ende

der Mietzeit wird im ersten Fall auf Weihnachten,

Ostern, Johannistag, im letzteren Fall auf Weihnachten

angenommen.“

Das Leben einer Magd, eines Knechtes oder eines Gesellen

war also sozial recht ungesichert. Die „Launen“

der Dienstherren bzw. der Meister konnten schnell dazu

führen, daß man bald wieder auf der Straße saß. Da man

jeweils ein Zeugnis seines Dienstherrn benötigte, das zudem

der Ortsschultheiß zu beglaubigen hatte, war man

als Gesinde oder Geselle sehr auf das ständige Wohlwollen

des „Mieters“ angewiesen.

Doch die „neue Zeit“ brachte nicht nur Erschwernisse

für die Gesellen und das Gesinde. Auch das Handwerk

108


litt in jener Zeit. „Veraltete Produktionsmethoden, Verarmung

und eine hohe Zahl von Kleinmeisterbetrieben

kennzeichneten allgemein das Handwerk... Besonders

betroffen waren die ›Massenhandwerke< der Schuhmacher

und Schneider. Teuerungskrisen, aber auch wachsende

Konkurrenz durch großgewerblich-frühindustrielle

Betriebe und durch Kaufleute drückten die Kleinmeister

unter die Armutsgrenze. Insbesondere in der 1819

eingeführten Gewerbefreiheit sahen die meisten nassauischen

Handwerker die Ursache allen Übels“ („Nassaus

Beitrag für das heutige Hessen“, S. 51).

Die jungen Männer oder Familienväter zog es deshalb

immer öfter in die Fabriken der Städte, nicht bloß in die

Nassaus (Dillenburg, Höchst z. B.), sondern auch die der

anderen deutschen Staaten - oder gar in fremde Länder,

jeweils hoffend, in der Fremde das „Glück zu machen“

oder zumindest den Lebensunterhalt für sich und die Familie

verdienen zu können. Aus jener Zeit, 1837, haben

wir einen Kirchenbucheintrag des Pfarrers Funkel. Er

schreibt über eine solche Auswanderungswelle (s. S. 61):

„Heute, den 3. August, sind folgende Leute von hier

nach Polen ausgewandert, um sich dort in Zagwitz und

Sinradz niederzulassen:

1. Johannes Georg Pfeil, Wagner, mit Frau und sieben

Kindern

2. Johann Heinrich Schnell, Leinweber, mit Frau und

fünf Kindern

3. Friedrich Pfeil, Schneider, mit Frau und sechs Kindern

4. Conrad Weil, Tagelöhner, mit Frau und 3 Kindern

5. Johann Reinhard Nagel, Leinweber, mitFrau und deren

Schwester-Sohn Philipp Crüsler und

7. zwei Töchter vom verstorbenen Maurer Jakob

Kärpp.

Gott lasse diese Leute glücklich ans Ziel ihrer Reise

gelangen und sie dort finden, was sie suchen 1“

Es waren, wie die Berufsbezeichnungen zeigen, keine

Bauern, die fortgingen ; es waren Handwerker und Tagelöhner,

die meist auch verarmte Handwerker waren!

Doch es waren keineswegs Menschen, die am „Rande

der Gesellschaft“ lebten. So war Johann Georg Pfeil bis

zu seiner Auswanderung Kirchenvorsteher der hiesigen

Kirchengemeinde. Daß manch einer der Ausgewanderten

schon bald wieder tief enttäuscht ans Reichelsheimer

Stadttor klopfte, bedeutete nicht, daß in Reichelsheim

selbst Wohlstand herrschte.

Die modernen Gesetze des Herzogs, die den Geist der

Zeit widerspiegelten, verteilten den Wohlstand nicht

gleichmäßig auf die Untertanen. Und so herrschte wahrlich

nicht in allen Häusern des kleinen Landstädtchens

Wohlstand! Immer wieder berichtet uns die Kirchenchronik

von Unwettern, Ungezieferplagen, Tierseuchen,

Dürre und dergleichen mehr, die jeweils vor allem

die Ärmsten der Armen besonders trafen.

Das Kirehenbuch berichtet 2. B.:

1.) lm Jahre 1816 herrschte große Trockenheit. Die Getreideernte

fiel sehr schlecht aus. 1817 waren deswegen

die Preise für Weizen, Korn, Gerste und Hafer

sehr, sehr hoch.

2.) „Am Donnerstag, dem 25. Juli 1822 traf Reichelsheim

ein sehr harter Schlag. An diesem Tag nämlich“,

schreibt Pfarrer Funkel, „des Abends um 9

Uhr, zog ein Gewitter über die hiesige Gegend, welches

Eisstücke zum Teil so groß wie Taubeneier mit

sich führte, die in kaum 5 Minuten das ganze Sommerfeld

- dieses Jahr die Krone der Wetterau - verheerten,

das sämtliche herrliche Obst teils abschlugen

teils beschädigten, fast alle Gemüse in Gärten

und auf den Feldern vernichtete, den Flachs verdar-

109


„vl

.1

l

3

1

1

›~„_›w-.....»„- .,_ ___ __ ___«

__->

`„

_, ........„ .---m-ø-«1ı-››----- -« *- '-


en, das Grummet um die Hälfte verwüsteten und

beinahe allen Bäumen, besonders denjenigen an den

Wegen nach Heuchelheim, Weckesheim und Dornassenheim

_ _ .

Auch wurden an der Wetterseite der Häuser fast

alle Fensterscheiben zerschlagen... Sehr viele tote

Vögel und tödlich verwundete Hasen wurden gefunden.

Ach, wie trauriger, herzzerreißender Morgen“

(Kirchenbuch, S. l8f).

Weiter schreibt Pfarrer Funkel: „Was dieser Schaden

umso größer und drückender, da auch die Winterfrüchte,

weil die Mäuse in demselben schrecklich

gehauset hatten, lange nicht so reichlich, als sonst

eingekommen waren.“ Als ob er für spätere Zeiten

den ungeheuren Umfang der Mäuseplage beschreiben

wollte, konkretisiert er das Gesagte wenige Seiten

später (s. S.22 des Kirchbuches): „Außerdem

waren in diesem Jahre auch so sehr viele Mäuse in

dem Felde, daß zwischen 50- und 60000 gefangen

wurden. Unsäglichen Schaden haben diese Gäste in

den verschiedenen Fluren angerichtet.“ Da landwirtschaftliche

Produktion auf den kleinen Höfen in jener

Zeit vorrangig Produktion zur Deckung des Eigenbedarfes

war, kann man sich leicht vorstellen,

welche Wirkungen Unwetter und Mäuseplagen für

das Leben, für den „Wohlstand“ in Reichelsheim vor

ca. 150-170 Jahren hatten.

Feuer: Immer wieder gab es Brände. Die Verordnungen

der Herrschaft von Nassau, die Wohnhäuser

und später dann auch die Wirtschaftsgebäude nicht

länger mit Stroh, sondern mit Schiefer oder mit

Dachziegeln abzudecken, konnten nicht hindern,

daß es immer wieder einmal brannte: Am 16. Juli

1826 brannten nicht nur mehrere Ställe sondern auch

drei Scheunen ab, also die Kammern des bäuerlichen

Wohlstandes! Ein Jahr darauf brannte die Bingenheimer

Mühle, nachdem deren Scheuer von einem

Blitzschlag getroffen worden war, völlig ab. Oft

konnten die Feuer nur gelöscht werden, weil die

„Wehren“ der Nachbarorte schnell herbeieilten und

halfen, so gut sie konnten -wissend, daß auch sie einmal

dankbar für die Hilfe der Reichelsheimer sein

könnten...

lm Jahre 1840 ereignete sich eine Begebenheit, die

ganz Reichelsheim in Besorgnis versetzte und die

dem Ort großen Schaden zufügen sollte: Ein tollwütiger

Hund fiel die Schweineherde an, die gerade aus

dem Untertor (Südtor) ausgetrieben worden war,

verbiß sich in 7 trächtige Mutterschweine, bevor er

von dem Reichelsheimer Bürger Johannes Kornmann

erschlagen werden konnte. „Der Vorfall ereignete

sich am Untertor in der Nähe des Amtshauses.

Ob nun gleich alle äußeren Umstände für die Tollheit

des Hundes sprachen, so wurde dies doch von

mehreren in Zweifel gezogen.“ Doch schließlich

wurde der Tierarzt gerufen, der allerdings „zu keinem

bestimmten Urteil gelangen“ konnte. Die Tiere

wurden vorsichtshalber nicht mehr ausgetrieben. Allerdings

zeigten sich nach mehreren Wochen bei

einem Tier, als man schon gehofft hatte, der Hund

sei doch nicht tollwütig gewesen, Krankheitszeichen.

Der Tierarzt wurde erneut gerufe: Er erklärte, bei

der Krankheit handele es sich um die „stille Wut“.

Als noch ein 2. Tier erkrankte, wurden schließlich alle

gebissenen Tiere erschossen und die bereits geworfenen

Ferkel vom Faselwärter totgeschlagen.

„Übrigens“, so endet der lange Bericht im Kirchenbuch

(s. S. 69 ff), „hat der ganze Vorfall, wie leicht zu

denken, dem Orte großen Schaden gebracht. Denn

die Fremden mieden nicht nur lange Zeit, hier

111


Schweine zu kaufen, sondern es wurde dies auch

vom hiesigen Amte und den auswärtigen Behörden

ausdrücklich verboten. Der Ort war ordentlich verrufenl“

Um zu verdeutlichen, daß Mäuseplagen in jener Zeit

nicht eine Einmaligkeit darstellten, sei ein anschaulicher

Kirchenbucheintrag aus dem Jahre 1842

(s. S. 80) wiedergegeben:

„ . . _ Dagegen war die Ernte von den Sommerfrüchten

sehr gering, wie auch die der Kartoffeln. Was die

anhaltende Hitze nicht vernichtet hatte, wurde von

den Mäusen verzehrt, welche in unzählbaren Mengen

sich auf den Feldern zeigten. Tausende wurden

von den hiesigen Einwohnern gefangen und getötet;

aber doch blieb ihre Anzahl so groß, daß man sie mit

dem Stock auf dem Wege totschlagen konnte.“

1843 herrschte durch die Mißernte vom Jahr zuvor

Hungersnot. War 1842 ein Dürre-Jahr, so war 1843

„durch die Nässe und seinen Regen, zumal in der

Sommerzeit“ ausgezeichnet (Kirchenbuch, S. 81).

Die Preise für Heu und Getreide stiegen enorm an.

Die Regengüsse machten es notwendig, „die Wiesen

durch Erhöhung des Dammes vor dem Austreten der

Horloff zu schützen, und doch wurden - aller Mühe

ungeachtet - unsere Wiesen und Äcker durch das

Wasser zu Grunde gerichtet... Doch gottlob, die

Teuerung ließ nach und der Arme konnte, weil die

Kartoffeln wohlgerieten, sich wieder satt essen.“

Und wieder Mißernten, wieder Hunger: „Das Jahr

1846“, berichtet Pfarrer Frankenfeld, „wird den Bewohnern

Deutschlands lange im Andenken bleiben,

weil es durch die geringe Ernte, welche es lieferte,

Teuerung und Hungersnot hervorrief. ._ Dazu kam

noch die immer mehr überhandnehmende Fäulnis

bei den Kartoffeln, welche bisher ein Hauptnahrungsmittel

des Landsmannes gebildet hatte.“ Weiter

lesen wir im Kirehenbuch (S. 83): „Hier in Reichelsheim

war zwar im Vergleich zu vielen anderen

Orten der Wetterau die Ernte nicht so schlecht und

die Fäulnis der Kartoffel nicht so allgemein, aber

doch war selbst der Mittelstand unter den Landsleuten

genötigt, einen Teil seines Jahrbrotes zu kaufen.“

1847: „Was zu befürchten war, traf ein: Die Teuerung

des Getreide stieg in diesem Jahr bis kurz vor

der Ernte enorm _ . . Zwar wurden sämtliche Dominialfrüchte

bereitwillig von Seiner Hoheit dem Herzog

dem Lande zu niedrigeren Preisen überlassen

und die Herzogliche Landesregierung ließ dieselben

teils unentgeltlich arı Arme verabfolgen, denen davon

Brot gebacken wurde, teils den weniger Bemittelten

bis zur neuen Ernte borgen; zwar wurden

Früchte, als die Teuerung noch immer stieg, von der

Regierung in Amerika angekauft und den Unbemittelten

zu geringen Preisen überlassen; aber dieses alles

wollte die Not nicht mindern und den Hunger

nicht stillen“ (s. S. 83).

Wahrscheinlich lag es an den wiederkehrenden Hungersnöten,

die die Folge von Mißernten waren, daß der

Verlust eines Kindes nicht in der Form empfunden wurde,

wie dies heute der Fall ist. Wir wissen, daß arme Familien

oft nicht wußten, wie und vor allem mit was sie die

vielen „Kinder-Mäulchen“ stopfen sollten. „Findelhäuser“

nahmen nicht nur ungewollte, nichteheliche Kinder

auf, sondern auch ausgesetzte Kinder aus bestehenden

Familien. Es gab aber auch die Tatsache, daß Kinder und

Jugendliche sich durch wohlklingende Versprechungen

verführen ließen, ohne Erlaubnis ihrem Elternhaus zu

entfliehen, hoffend, es bei Fremden besser zu haben,

hoffend, in der Fremde satt zu werden.


Eine Verordnung der „Herzoglich Nassauischen Landesregierung

an den Herzoglichen Amtmann, Herrn

Bullmann zu Reichelsheim“ aus dem Jahre 1844, die sich

im Archiv der Stadt befindet, gibt uns Einblick in ein

heute schwer verständliches Vorkommnis: „Das Mitnehmen

von Knaben und Mädchen von Fliegenwedelhändlern,

Musikanten p.p. nach Rußland, England und

Frankreich betreffend:

Es ist früher zu Unserer Kenntnis gekommen, daß aus

einzelnen Orten des Herzogtums Knaben, die kaum aus

der Schule entlassen waren, so wie Mädchen von erwachsenen

Personen in das Ausland, insbesondere nach den

oben bemerkten Ländern, mitgenommen worden sind,

um sie bei dem Musizieren, dem Handel mit Fliegenwedeln

oder mit anderen zum Hausieren bestimmten geringfügigen

Gegenständen zu benutzen, und daß mitunter

solche Knaben und Mädchen von ihren Führern zu

unerlaubten Gewerbe, durch Betteln und unsittliche Lebensweise

verleidet worden sind.

Wir haben in Folge hiervon durch Verfügung an die

Ämter die Beschränkung eintreten lassen, daß das Reisen

von Knaben und ledigen Weibspersonen in den bezeichneten

Fällen nur gestattet werden soll, wenn sich

dieselben in Begleitung ihrer Eltern befinden.

Wir finden Uns veranlaßt, diese Vorschrift nunmehr

für sämtliche Ämter zu erteilen; Sie werden die Herzoglichen

Schultheißen instruieren, in den über das Ansuchen

solcher Personen um Erteilung von Reisepässen an

das Amt zu erstattenden Berichten, den Zweck der Reise

und in welcher Begleitung dieselbe vorgenommen werden

soll, genau anzugeben. Wir empfehlen Ihnen die

Überwachung der genauen Vollziehung dieser Bestimmung

und ermächtigen Sie zugleich, Pässe auch Mädchen,

welche mit ihren Eltern reisen wollen, zu verweigern,

bei welchen nachweisbarlich, daß sie bei einer früheren

Reise solchem unerlaubten Erwerbe im Ausland

obgelegen haben.

Sollten Einwohner aus dem Großherzogtum Hessen,

was vorgekommen ist, ledige Weibspersonen und Knaben

anwerben wollen, um ihnen bei dem Fliegenwedelhandel,

dem Musizieren pp. behülflich zu seyn, so sind

dieselben unter Strafandrohung für den Wiederholungsfall

auszuweisen.

Wir machen schließlich darauf aufmerksam, daß diese

Beschränkung in Erteilung der Reisepässe auf junge

Burschen, welche das Musizieren als Gewerbe betreiben,

keine Anwendung findet.

Wiesbaden, den 23. April 1844“

Wie schlecht das Leben tatsächlich im Lande des Herzogs

von Nassau war, das zeigen Berichte aus jener Zeit:

ein zeitgenössischer Beobachter schrieb „über die ›im Inund

Auslande schaarenweise umherziehenden Nassauer


Auch die Reichelsheimer litten, wie all diese Aussagen

verdeutlichen, in der 1. Hälfte des letzten Jahrhunderts

immer und immer wieder an Hunger. Oft wurden sie des

Ertrages ihrer Jahresarbeit durch Dürre, Regen, Hagel

oder Frost beraubt.

Doch wer in solch einer fruchtbaren Gegend lebt, der

gibt nicht auf! Schon gar nicht die Reichelsheimer, von

denen man sagte, seien „steifnackig und zähe“.

Im Archiv der Stadt liegen Dokumente, die beweisen,

daß man hier trotzalleın nicht resignieren wollte: Die früheren

Jahrmärkte. einst von Kaiser Leopold genehmigt,

wurden, weil das Gewerbe sich nicht weiter entwickeln

konnte, schon bald zu „Vieh- und Krämermärkten“ umgewandelt.

Viehmärkte gab es in Reichelsheim wohl das

ganze 19. Jahrhundert hindurch, womit man sich gerne

im Umkreis der Wetterau als eine „landwirtsehaftliehe

Hochburg“ präsentieren wollte.

Aueh lesen wir in anderen Unterlagen, daß 1827 der

Versuch unternommen wurde, ein „Landgestüt Reichelsheim

zu schaffen. Wie „landwirtsorientiert“ zu jener

Zeit die Gemeinde war, zeigt die Tatsache, daß neben

den Kuh-, Schweine- und Gänsehirten auch Fohlenund

Pferdehirten eingestellt wurden.

1820, so sagt eine Statistik, gab es in Reichelsheim und

Dorn-Assenheim bei 1180 Einwohnern in 343 Familien

113 Pferde; d. h. auf ca. IU Einwohner gab es l Pferd!

(Zugleich erbrachte die Zählung noch folgendes: 564

Stück Rindvieh, 486 Schafe, 446 Schweine, 26 Ziegen, 46

Bienenstöeke).

Es gab also in Reichelsheim eine bedeutende Anzahl

von „Pferd-Bauern“, „Küh-Bauern“, die ihre Wagen

und Pflüge von Ochsen ziehen lassen müßten, scheinen

demnach vor allem in Reichelsheim selbst seltener gewesen

zu sein als in anderen Dörfern jener Zeit.

Daß Reichelsheim und die Reichelsheimer in jener

Zeit bereit waren, trotz aller Not Schritte in die Zukunft

zu tun, das zeigt die Tatsache, daß 1834 eine befestigte

Straße („Chaussee“) nach Dorn-Assenheim gebaut wurde.

Mit ihr wurden die zwei Dörfer des Amtes Reichelsheim

besser verbunden. Zugleich wurde diese Straße für

den Postkutschenverkehr Frankfurt - Assenheim - Nidda

- Schotten bedeutend. Reichelsheim erhielt in Folge

auch eine Poststation.

lm gleichen Jahr, also 1834, wurde in Reichelsheim,

südlich der Kirche in der Untergasse (heute Florstädter

Straße) eine Apotheke eröffnet. Ihre Eröffnung und die

Tatsache, daß im folgenden Jahr sich erstmals ein Arzt,

Dr. Köppler, in unserem Städtchen niederließ, waren die

Spätfolge der im Jahre 1818 eingeführten ›staatlichen

Medizinpflege


Doch trotz dieser z. T. enormen Belastungen, die auch

manchen Bauern zur Verzweiflung trieb bzw. ihn darüber

nachdenken ließ, ob es nicht besser sei, den bescheidenen

Besitz zu verkaufen und den Erlös für eine Überfahrt

in die „Neue Welt“ einzusetzen, anstatt für die jährlichen

Abzahlungsraten sich kaputt zu arbeiten - doch

wie gesagt: trotz dieser Belastungen wirkte die „Bauernbefreiung",

der Freikauf von den alten Abgaben an die

adlige Herrschaft insgesamt positiv für die Bauern des

Ortes! Denn dieser „Freikauf“ war mit dem Gedanken

verbunden, daß die nächste Generation auf dem eigenen

Hof zum eigenen Vorteil arbeiten werde. Dies stärkte

das Selbstgefühl, das machte selbstbewußter, das sorgte

if« v. r ' ' '

2« (_ä_.,_â:í_1_i_,ëåi-_ -_ _~šš_,= ç- l_ı..4_fi -_§_'__ _ - :_ _

_. __ (__ ;_†§,§_?w___,):_ _. _;._›ıi†j;f›'$,„._i |š;.=;_;___: _.ı.__§

Bild der alten Apotheke (erbaut 1834;

Aufnahme vor dem I. Weltkrieg)

-,;_¬-


1814, als in verschiedenen nassauischen Ämtern Versammlungen

gehalten wurden zu den Themen „Freiheit

und Gleichheit“. als auf Anregung auch des nassauischen

Advokaten Wilhelm Snell, dessen Großneffe später in

Reichelsheim Pfarrer werden sollte, „Deutsche Gesellschaften“

gegründet wurden, da erließ die Regierung in

Wiesbaden für das Herzogtum Nassau ein Verbot, da es,

wie es hieß, Privatleuten nicht zustehe, „zu den großen

Nationalangelcgenheiten Teutschlands mitzuwirken“

(s. „Hessenchronik“, 207).

Begann die Zeit nach Napoleon Bonaparte noch rechtliberal,

wurde damals auch weitestgehend Presse- und damit

Meinungsfreiheit im Herzogtum Nassau gewährt, so begann

doch bald wieder eine restriktive Politik bestimmend

zu werden, was auch in der Person des seit 1816 regierenden

Herzog Wilhelm begründet war, von dem es heißt, er

habe ein „absolutistisches Herrschaftsverständnis“ gehabt.

Durch die Zunahme der sozialen Probleme, vor allem

in den Städten, wurde über Lösungsmöglichkeiten, auch

radikale Lösungsmöglichkeiten, immer lauter nachgedacht.

Die Universitäten wurden zu Ouellen der Unruhen.

Die Studenten begannen sich in Burschenschaften

zu organisieren. Die Rufe nach „wahrer Mitbestimmung“,

nach „bürgerlichen Freiheiten“, nach „Demokratie“,

ja selbst nach „Republik“ wurden immer lauter.

Die Juli-Unruhen in Paris im Jahre 1830, die dabei erzwungene

Abdankung des französischen Königs Karl X.

und die Thronbesteigung Louis Philipp I., des „Bürgerkönigs“,

verunsicherten die deutschen Könige, Großherzöge

und Herzöge: „Alle Vereine, welche politische

Zwecke haben oder unter anderem Namen zu politischen

Zwecken benutzt werden, sind zu verbieten

und ist gegen deren Urheber und die Teilnehmer an denselben

mit angemessener Strafe vorzuschreiten. _ _ Auch

bei erlaubten Volksversammlungen und Volksfesten ist

es nicht zu dulden, daß öffentliche Reden politischen Inhalts

gehalten werden.. _“ so lautete eine „Maßregel zur

Aufrechterhaltung der gesetzlichen Ordnung und Ruhe

im deutschen Bunde“ vom 5. Juli 1832, die der Herzog

von Nassau seinen einzelnen Ämtern, also auch Reichelsheim,

zur „strengsten Beachtung“ übermittelte.

Aus Reichelsheim wurden keine „Unruhen“, keine

„ungeziemlichen Veranstaltungen“ bekannt.

Doch die Zeit ging weiter: Die Probleme im sozialen Bereich

wurden immer größer - der Unterschied zwischen

Reichen und Armen, zwischen „wohlhabendem Bürgertum“

und „armem Volk“ nahm zu, auch im ländlichen Bereich,

weil - bedingt durch die Zunahme der maschinengetriebenen

Fabriken - der alte Handwerkerstand mehr und

mehr verarmte, wie schon zu Anfang dieses Kapitels aufgezeigt

wurde. Das „Verlagssystem“ der Großhändler vergrößerte

die Abhängigkeit des kleinen Gewerbes auch auf

dem Lande. Die Mißernten trafen vor allem diese Bevölkerungsgruppen

und ließen diese immer gereizter werden.

Und wieder ging der revolutionäre Funken von Paris

aus: Dieses Mal, 1848, konnten die Gewehre und die

Verordnungen der Herrschenden die Menschen nicht

mehr bremsen. In Deutschland brach die Revolution aus

- die Fürsten wurden zu Kompromissen gezwungen.

Auch Reichelsheim, das kleine Landstädtchen in der

Wetterau, erzitterte. Auch hier warjetzt die Ruhe dahin!

Pfarrer Frankenfeld, gewiß kein „fortschrittlicher“,

kein „linker“ Pfarrer, berichtet im Kirehenbuch ausführlich

über die „Lage in Reichelsheim“ (s. S. 84ff):

„Daß in der Geschichte Deutschlands durch seine politischen

Märzstürme ewig denkwürdige Jahr brachte auch

in Reichelsheim manche Veränderungen. Zwar hatten

sich an den Ereignissen des 4ten März in Wiesbaden keine

Einwohner beteiligt und man bemerkt, obgleich die

Gemüter durch die Kunde davon schon aufgewogt wur-

116


den, doch anfangs hier weniger Anklang. Als aber nach

und nach die Nachricht von den Bewegungen in dem ganzen

Nassauischen Ländchen auch hierher drang und man

die Rechte und die Freiheiten, welche man gefordert hatte

und die von unserem Herzoge Adolph verwilligt worden

waren, zu begreifen anfing, ja als in ganz Deutschland

der Freiheitswunsch erwachte, nahm man auch hier

einen immer größeren Anteil an der politischen Begeisterung,

welche alle deutschen Gemüter ergriff. Man

lechzte nach jedem Zeitungsblatt, kam in den Wirtshäusern

zusammen, um sich die neuen Mähren zu verkünden

und zu holen, holte alte verrostete Flinten und Büchsen

hervor, um sie zu probieren, machte Miene, eine Bürgerwehr

zu errichten, bildete ein Sicherheitskommitee, sang

,Heckerlieder“ (Hecker war ein Kämpfer für radikale liberale

Freiheitsrechte im Badischen gewesen), prunkte

mit schwarz-rot-goldenen Fahnen (Fahne der revolutionär-demokratischen

Burschenschaftsbewegung) und beriet

in Versammlungen, wie man die gewordenen Freiheiten

am besten zu seinem eigenen Vorteile benutzen

kann. Jedoch zum Lobe Reichelsheims muß man es sagen,

daß es bei allem erwachten Freiheitsrausche doch

sich stets fast ganz in den Grenzen der Ordnung und Mäßigkeit

hielt. Während man hörte, daß in vielen Orten

Excesse aller Art vorfielen, beschränkte man sich hier

auf einige Pasquille (= Schmähschriften gegen bestimmte

Herrschaften, in diesem Fall gegen den Herzog), welche

man legte, und Drohungen, welche man aussprach.

Zwar bannte der Unfug, welcher jetzt mit der Presse

getrieben wurde, das gemeine Schimpfen und Schelten,

das in den Volksversammlungen an der Tagesordnung

war und sich hauptsächlich gegen die Fürsten Deutschlands,

des Adels, die Kirchen und Angestellten wendete,

der Rufer des Kommunismus, das Eigentum müsse geteilt

werden, das unbesonne Reden der Freiheitsschwindler

über gänzliche Abschaffung aller bisherigen

Lasten und Steuern, nicht ohne Einwirkung aufdie hiesigen

Einwohner blieben. Aber wenn auch in Manchem

das Gelüste nach Aufteilung des Eigentums sich regte,

sich in beklagenswertes Mißtrauen gegen die Vorgesetzten

immer kund tat und die Unzufriedenheit der Minderbegüterten

dahier immer mehr um sich griff; so behielt

dieses alles doch mehr eine locale Richtung.

An größere politische Vereine schloß man sich nicht an.

Man arbeitete weniger oder gar nicht an den Umsturz der

bestehenden Staatsverfassung, sondern wollte nur in dem

Gemeinwesen Neuerungen schaffen. Namentlich glaubten

die Ärmeren, in der Gemeindehaushaltung größere Vorteile

erringen zu müssen, und sie setzten es auch mit Hilfe

des Mittelstandes durch, in diesem Jahr von der Abtragung

der Schulden, welche auch die Gemeinde hat. ganz abzusehen,

und dafürjedem einzelnen Ortsbürger größere Anteile

an den Gemeindewiesen zu geben.“

Auch wenn diese „Revolution“ wegen der Uneinigkeit

der Bürgerschaft, wegen der wenig konkretisicrten Form

der politischen Vorstellungen bald scheiterte, so verblieb

als eine Art Nebenprodukt eine Konsequenz bestehen,

die bis heute keine Umkehr, sondern im Bewußtsein der

Menschen eher noch eine Bestätigung fand: Das war die

eingeleitete Trennung von Staat und Kirche. Das, was

durch die „Säkularisierung“ der geistlichen Fürstentümer

im Jahre 1801 mit der Aufhebung des „Reichsbannes“

(= „Ein Staat - eine Kirche“) eingeleitet worden

war, fand nun seine historisch logische Fortsetzung! Die

Kirche erhielt jetzt, wie Pfarrer Frankenfeld berichtete,

„eine freie selbständige Stellung im Staate“, sie war nun

nicht mehr Teil der Staatsgewalt. Anweisungen des Herzogs,

z. B. zu bestimmten Festtagen Predigten zu bestimmten

Themen unter bestimmten Bibelworten zu halten,

das war nun nicht mehr möglich. Jeder Pfarrer war

117


nunmehr nur noch an die Vorgaben seiner Kirche und -

im Sinne Luthers - an die seines Gewissens gebunden.

Die Ereignisse im Jahre 1848 hatten aber noch weitere

Konsequenzen für das Leben in Reichelsheim dadurch,

daß von dieser Zeit an der Pfarrer durch Gesetzesänderung

auch zu einem „Ortsbürger“ wurde, also nichtmehr

als Repräsentant der Obrigkeit außerhalb der von ihm

geführten Gemeinde stand. „Auch die Geistlichen und

die Staatsdiener werden von diesem Jahr an als Gemeindebürger

mit allen Rechten und Pflichten, allen Vorteilen

und Lasten, welche dieselben schon haben, angesehen.

Es hängt also nun an jedem Geistlichen dahier ab,

seinen Mann an der Spritze zu stellen, für die regelmäßigen

Nachtwachen zu sorgen, die gewöhnlichen Frondienste

zu leist_en. Dafür hat er in den Gemeindeversammlungen

Sitz und Stimme und erhält seinen Anteil an

den Gemeindenutzungen, welche in diesem Jahr aus 1

Stecken Buchen Schnittholz, 1 Stecken Stab- und Reiserholz

und 2 Morgen Gemeindewiesen bestand“, schreibt

Pfarrer Frankenfeld 1849 in das Kirehenbuch (s. S. 87).

Doch die „Revolution“ des Jahres 1848, die nicht nur

in vielen Städten Deutschlands große Unruhen und bei

Barrikadenkämpfen auch viele Tote verursacht hatte,

sondern die vor allem das verdeckt keimende demokratische

Bewußtsein der Menschen aus allen Schichten der

Bevölkerung geweckt hatte, veränderte auch im kommunalpolitischen

Bereich die Strukturen! Pfarrer Frankenfeld

sei auch in dieser Frage wieder als Zeitzeuge zitiert:

„Mit Anfang dieses Jahres wurde eine neue Gemeindeverwaltung

in dem Herzogtum Nassau eingeführt, welche

der Gemeinde in Ansehung ihres Gemeindehaushalts größere

Freiheiten zuerkannte. An der Spitze der Gemeinde

wurde als Verwaltungsbeamte der Bürgermeister mit dem

Gemeinderat gestellt, die sämtlich durch die Gemeinde

selbst, und zwar erstere auf 6 Jahre, letzter auf 4 Jahre ge-

wählt wurden. Hier wurde der bisherige Amtsschultheit

Schmid zum Bürgermeister gewählt und ihm 6 Gemeinderäte

beigegeben. Bemerkenswert ist, daß fast alle Gemeinderäte

den Minderbegüterten angehörten.“

Diese Gemeindeordnung blieb nahezu unverändert bis

Ende 1918 in Kraft. Sie gab den Ortsbürgern mehr Mitsprache

bei den Entscheidungen der Gemeinde. Diese Gemeindeordnung

löste jene ab, die während der napoleonischen

Zeit eingeführt worden war, nämlich die, die den

Schultheißen in das kommunale Entscheidungszentrum

stellte. Bis 1800 gab es immer zwei Bürgermeister, die

jedes Jahr neu aus dem Kreis der „Honoratioren“ der Einwohnerschaft

gewählt worden waren, was sich nach Meinung

des bestimmenden Herrschafthauses wegen der Zunahme

der Probleme und Schwierigkeiten der Abrechnungen

nicht mehr „fähig genug“ gezeigt hatte.

So hatte aber die „Revolution von 1848“ doch einen bedeutenden

Schritt in die moderne Form der kommunalen

Selbstverwaltung gemacht.

Wenn man all die geschilderten Ereignisse über die erste

Hälfte des 19. Jahrhunderts zusammenfaßt, so ergibt sich

das, was die Überschrift über dieses Kapitel ankündigte: die

Menschen waren selbstbewußter, sie waren eigenverantwortlicher

geworden, sie waren politischer geworden. Die

Zeit. der reinen „Untertänigkeit“ war vorbei - endgültig.

Doch die Freiheitskämpfer gegen das napoleonische

Frankreich hatten sich nicht nur den Ruf „Freiheit und

Selbstbestimmung“ auf die Fahnen geschrieben. Auch der

Ruf nach „Einheit“ war für die Menschen jener Zeit erregend.

Die Einheit Deutschlands war allerdings durch die

Revolution nicht verwirklicht. Heuchelheim, Weckesheim,

Blofeld, Bingenheim und Florstadt: sie waren immer

noch Ausland zu Reichelsheim; eine Grenzüberschreitung

war nur mit Hilfe eines Passes - oft nach Zahlung eines

Zolles - erlaubt!

118


8. c) Das Ende der „Insellage von Reichelsheim

Die 2. Hälfte des letzten Jahrhunderts begann mit

Blitz und Donner oder besser gesagt mit fürchterlichem

Hagelschag, der große Teile der Ernte vernichtete. Anschaulich

beschrieb der neu nach Reichelsheim versetzte

Pfarrer Tecklenburg seine Eindrücke (s. Kirehenbuch

S.172):

„Als ich am 19. Juli zum ersten Male hierherkam, um

Eintritt zu nehmen von meiner neuen Pfarrstelle, fand

ich das ganze Erntefeld in eine Wüstenei verwandelt.

Tags zuvor, den l8ten Juli, nachmittags zwischen 2 und 3

Uhr, wurde die Gemeinde Reichelsheim von einem

furchtbaren Hagelschlag heimgesucht, der in der Zeit

von 5 - 10 Minuten ihre außerordentlich schöne Erntehoffnungen

fast ganz zerstörte. .

Der hierdurch entstandene Schaden wurde am 23.Juli

von den verpflichteten Taxatoren Rentmeister Filius von

Beienheim, Bürgermeister Gatzert von Heuchelheim

und Bürgermeister Schmid von Reichelsheim im Beisein

des herzoglichen Kreisamtmannes Freiherr von Preuschen

abgeschätzt, und es ergab sich hierbei, daß die

Ernte . _ _ durchschnittlich zu 3/4 zerstört war. . _

Eine spezielle Berechnung des Hagelschadens ergab,

daß derselbe 41765 Gulden 44 Kreuzer betrugl“

Der Herzog spendete sogleich 200 Gulden, aus den anderen

Ämtern des nassauischen Herzogtums wurde 217

Gulden, 37 3/4 Kreuzer gespendet, was zusammen ca.

1 % des Unwetterschadens ausmachte. _ .

Die Spenden wurden zum Ankauf von Gerste und

Kartoffeln aus anderen Ämtern verwendet. Damit die

Reichelsheimer den Schaden überstehen konnten, wurden

ihnen auch Preisnachlaß, Zinsverbilligung und -verschonung

für ein Jahr gewährt. Nichtsdestotrotz: Über

das Juli-Unwetter des Jahres 1852 wurde noch viele Jahre

erzählt.

Aber die Reichelsheimer, seit der sogenannten Bauernbefreiung

Herr über Boden und Erträge, suchten in

jenen Jahren die Anbaumöglichkeiten in ihren engen

Gemarkungsgrenzen zu erweitern. 1857 intensivierten

sie ihre Bemühungen, durch Anlegen von „Abzugsgräben“

die Nutzung und die Qualität der Wiesen zu verbessern;

sie sollten „bei den häufig vorkommenden Überschwemmungen

die Flut ableiten“, wie Pfarrer Tecklenburg

jene Maßnahme im Kirehenbuch beschrieb

(s. S. 183). In jene Zeit (1858) fiel auch die Drainierung

des östlich von der Horloff gelegenen Wiesenbereiches,

der heute z. B. den Kindergarten, die Sportplätze und

den Festplatz umfaßt. Ziel war hier die Schaffung eines

neuen Bleichplatzes für die Wäsche.

Der Aufschwund der Landwirtschaft wurde vor ca.

130 - 140 Jahren auch noch durch anderes beeinflußt:

z. B. durch die wegweisenden Erkenntnisse von Justus

Liebig über die Zufügung von mineralischem Dünger an

die Pflanzen, um die Ernteerträge bedeutend zu steigern.

Damit wurde es den Bauern auch hier in Reichelsheim

leichter, ihre Schulden und die Schuldzinsen abzubezahlen

- zugleich wuchs damit der Optimismus der

Menschen.

Diese neue Entwicklung in der Förderung des Pflanzenwuchses

verlief parallel mit jener der Landmaschinentechnik:

1864 kam in Reichelsheim auf dem damaligen

Anwesen Sprengel die erste durch eine Dampfmaschine

angetriebene Dreschmaschine zum Einsatz.

Nicht nur, daß dieses „technische Ungetüm“ den

Landwirten die Arbeit erleichterte: diese Maschine

machte sie auch von Arbeitskräften unabhängiger, die

ansonsten jeden Spätsommer und Herbst meist aus dem

Vogelsberg hierher kamen, um durch das Dreschen des

Getreides ein dürftiges Zubrot zu verdienen. Die Maschine

machte die Höfe immer mehr zu „Familienbetrie-

119


en“, die die Arbeit ohne Fremdkräfte, ohne Knechte

und Mägde, erledigen konnten.

1865 wurden auf den ca. 80 Bauernstellen unseres Ortes

noch 37 Knechte und 55 Mädge gezählt - eine Zahl,

die nie wieder erreicht werden sollte.

Foto der alten Dreschr*na_s'chine

des Hermann Sprengel

(Aufnahme aus dem Jahre I 9/2)

Aber nicht nur die beginnende Modernisierung veränderte

damals unseren Ort: Auch der Einzug von „Fabriken“

führte zu Änderungen in der Sozial- und Wirtschaftsstruktur.

Dureh eine „Zigarrenfabrik“ in der Untergasse

(heute Florstädter Straße) gab es lohnabhängige

Arbeiter, die aufgrund ihrer Arbeitsverhältnisse, ihrer

geringen Entlohnung auch offen waren für sozialpolitische

Gedanken, die den Landwirten und den Gewerbetreibenden

fremd waren.

Doch in Reichelsheim gab es keine Unruhen sozialer

Art. Die Wahlen, ob Bürgermeister- oder Landtagswahlen,

waren zwar hin und wieder „aufregend“, doch dabei

standen stets lokale Gegebenheiten, Wünsche und Forderungen

im Vordergrund des Interesses.

Wie sehrzujener Zeit, als überall in deutschen Landen

der soziale und wirtschaftliche Umbruch enorme Formen

annahm, die Reichelsheimer zu der alten Ordnung,

zu ilırem Fürstenhaus bejahend standen, das zeigt ein

Schriftstück aus dem Archiv der Stadt, das sie „ihrem“

Herzog Adolf 1864 zu dessen 25jährigem Regierungsjubiläum

sandten. Dieses Schreiben ist nur verständlich,

wenn man weiß, daß im Nassauischen Landtag große

Unzufriedenheit mit der Politik des Herzogs und seiner

Regierung herrschte, nachdem der Landtag mit seiner liberalen

Mehrheit gefordert hatte, die Verfassung von

1849 wieder in Kraft zu setzen (eine Verfassung, die wesentlich

demokratischer war als jene, die der Herzog im

Zuge der Restauration eingesetzt hatte), de_r Herzog diese

Forderung allerdings mit der Auflösung des Parlaments

beantwortet hatte.

Herzog Adolf hoffte, durch große Jubiläumsfeste in allen

Ämtern seines Reiches eine „Solidarisierung“ der

Menschen mit seiner Person zu erreichen und damit den

politisch Andersdenkenden den Boden zu entziehen.

In Reichelsheim ging die Rechnung des Herzogs auf:

Pfarrer Snell, dessen Großonkel 1814 brennende Reden

zu den Themen „Deutschland“ und „Freiheit und

Gleichheit“ gehalten hatte und der selbst von 1849 bis

1851 im nachrevolutionären nassauischen Landtag in

Wiesbaden Sitz und Stimme gehabt hatte, berichtete ausführlich

über den Festablauf, der mit einem Fackelzug

durch den ganzen Ort am Vorabend begann, am eigentlichen

Festtag mit Gottesdienst, Festansprachen fortgesetzt

und am Abend mit Musik und Tanz beendet wurde.

120


Was die Reichelsheimer (und Dorn-Assenheimer) ihrem

„Durchlauchtigsten Herzog“ zu sagen hatten, das sei

hier, um Denken und Sprache der damaligen Zeit zu verdeutlichen,

zitiert:

„Durchlauchtigster Herzog!

Gnädigster Fürst und Herr!

Es ist heute der einundzwanzigste Augustdie

aufbrechende Sonne durchbricht ein duftiges Nachtgewölk

und rötet den herrlichen Tag.

Noch hält der Schlaf mit seinem Zauber uns umfangen

und liebliche Träume umgaukeln die Seele. Dem braven

Nassauer will es bedünken, als säh er im Rosenschimmer

das Residenzschloß am Rhein; tausend Gondeln, von

Schwänen gezogen, umschwimmen das Ufer, und darinnen

die Glücksgötter mit ihren reichen Gaben; doch

hoch darüber in lichten Räumen schwebend C l i o, die

Muse mit dem goldenen Griffel, wie sie einschreibt den

denkwürdigen Tag in das goldene Buch der Geschichte.

Die Sonntagsglocken wecken uns auf, das Traumbild

schwindet und wir, die Bewohner des Amts Reichelsheim,

sind nicht die letzten, welche hineilen, und nahen

ehrfurchtsvoll dem erhabenen Thron ihres teuren Landesvaters,

beglückt in dem Gefühle, sich Nassauer nennen

zu dürfen, an dem Jubeltage, wo vor fünfundzwanzig

Jahren die göttliche Vorsehung nach dem tödlichen Hintritt

Höchst Ihrer Durchlauchtigsten Herrn Vaters Ew.

Hoheit das Zepter in die Hand legte, um als Inhaber der

höchsten Staatsgewalt zu herrschen nach Gesetz und

Recht. Wir erkennen die hohe Bedeutung des Festes,

und je weiter die Ländercharte das kleine Gebiet abrückte

von den Marken des engem Vaterlandes, je größer die

Fülle der Gaben ist, welehe die günstige Natur in dem

herrlichen Gaue uns spendete, desto inniger sind wir

durchdrungen von der Notwendigkeit, unter dem Zepter

dieses hohen Hauses das Banner der staatlichen Ordnung

aufrecht zu halten, und bei jeder Veranlassung unsere

Bürgertreue und Anhänglichkeit an des durchlauchtigsten

Regenten erhabene Person an den Tag zu legen,

nimmer vergessend der tausendfältigen Wohltaten, die

Höchst seine gerechte, weise und milde Regierung den

Regierten in gleichem Maße zuteilt.

Viele Tausende sind heimgegangen zu den Vätern, die

damals dem jugendlichen Fürsten ins Antlitz schauend

ihre Huldigung brachten, aber es haben sich erfüllt ihre

aufrichtigen Segenswünsche, und kaum ist noch berührt

die Jugendkraft des Körpers und des Geistes, während

ein viertel Jahrhundert dahinging, und das Land und

Volk der Nassauer in gleichem Schritte mit allem Culturstreben

des Abendlandes seinen weltgeschichtlichen Beruf

erfüllte.

Hat auch mehrfach das Firmament sich umwölkt, wurden

manche Tage getrübt durch die Handlungen derer,

die einer verirrten Zeitrichtung folgend sich bemühen,

die Saat des Mißtrauens zu streuen zwischen Fürst und

Volk, so hat doch die überwiegende Mehrheit derer, die

nicht zu den politisch Unwürdigen gehören, niemals von

diesem Strome sich hinreißen lassen; und den Bewohnern

von Reichelsheim und Dorn-Assenheim gereicht es

zur besonderen Genugtuung, daß kein Individuum sich

jemals beteiligte an Handlungen, welche ein präventives

oder repressives Hinschreiten hätte veranlassen müssen.

So wollen wir denn auch ferner in pflichtgetreuer Anerkennung

der landesherrlichen Gerechtsame als treue

Bürger und Hüter des Gesetzes uns bewähren, und indem

wir bei diesem bedeutungsvollen Gedenkfeste die

ungeheure Freude des Landes teilen, erneuern wir den

Schwur der unverbrüchlichen Treue, des Strebens nach

Recht und Wahrheit und verneigen uns in brünstigem

Gebet zu Gott, dem Allmächtigen, daß er den Stamm

des regierenden Hauses noch viele Jahrhunderte hin-

121


durch grünen, blühen und wachsen lasse, auch schützen

und bewahren die erhabene Person des hochverehrten

Fürsten zum Heil und Segen des treuen Volkes.

Die wir harren in tiefer Ehrfurcht

EW. Hoheit

untertänigste Einwohner von Reichelsheim & Dorn-Assenheim.“

Der überschwengliche Jubel um den „durchlauchtigsten

Herzog“ währte in den Gassen Reichelsheims nicht

mehr lange: Das intensive Streben Preußens um Vorherrschaft

in Deutschland bzw. um die Herstellung der

politischen Einheit von Deutschland unter preußischer

Führung führte schließlich zum Krieg Preußens gegen

Österreich. Die hessischen Staaten - Kurhessen, Nassau

und Hessen-Darmstadt - verbündeten sich mit Österreich

und den anderen süddeutschen Staaten, während

Preußen die Unterstützung der norddeutschen Fürstentümer

hatte.

Die berühmt gewordene Schlacht bei Königgrätz

(Böhmen), die die Preußen für sich gewinnen konnten,

stellte die Weichen für ein neugeordnetes Deutschland -

ein Deutschland ohne Österreich, das Klein-Deutschland.

Vor allem wurde diese Auseinandersetzung zum historischen

Ende von Kurhessen (Hessen-Kassel) und des

Herzogtums Nassau! Preußen annektierte diese Herrschaftsgebiete

und tat damit das, was es ca. 50 Jahre zuvor,

nach den napoleonischen Kriegen, schon hatte machen

wollen: es stieß mit seinem Staatsgebiet bis zum

Main vor und war damit die bestimmende Macht in

Deutschland! Es reichte von der Memel bis an den

Rhein, von der Nord- und Ostsee bis an den Main.

Reichelsheim allerdings wurde nur für wenige Wochen

preußiseh. Da das Großherzogtum Hessen-Darmstadt,

auch nicht dessen Provinz Oberhessen, auf Druck des

Zaren von Rußland von Preußen nicht, wie von Otto von

Bismarck vorgesehen, annektiert wurde, Preußen allerdings

an der Exklave Reichelsheim/Dorn-Assenheim kein

Interesse hatte, fiel das ehemalige nassauische Amt in der

Wetterau an das Großherzogtum Hessen-Darmstadt.

Reichelsheim war nunmehr hessisch!

Sein Poststempel änderte sich konsequenterweise: Es

hieß nicht mehr „Reichelsheim/Nassau“, sondern „Reichelsheim/Wetterau“

- und bei dieser Bezeichnung blieb

es bis heute!

Pfarrer Snell hatte in seinem langen Eintrag in die Kirchenchronik

über die geschilderten Ereignisse mit folgenden

Worten eingeleitet:

„Dieses Jahr hat das Deutschland, welches aus den

Napoleonisehen Kriegen und dem Wiener Kongreß hervorgegangen

und unter dem Bundestage über ein halbes

Jahrhundert in Frieden gelebt hatte, in politischer Hinsicht

total umgestaltet.“

Snell nennt dieses Jahr „ein Jahr der Schmach“_ Er unterdrückt

nicht seine Antipathie gegen Preußen, und

wahrscheinlich gab er damit die Stimmung der Reichelsheimer

wieder. Da für ihn der Krieg gegen Preußen ein

„gerechter Krieg“ war, wandelte er das „Kriegsgebet um

siegreiche Waffen“, das der nassauischen Landesbischof

angeordnet hatte in ein „Gebet für den Sieg der gerechten

Sache“ um (s. S. 217).

Auch 10 Reichelsheimerjunge Männer waren für den

Krieg eingezogen worden, hatten allerdings das Glück,

zu überleben, weswegen Pfarrer Snell den Dankgottesdienst

am 16. September 1866 mit den Worten eröffnete:

„Er zählt die Häupter seiner Lieben, und sieh, es fehlt

kein teures Hauptl“ (s. Kirehenbuch S. 219).

Nach dem Niedergang Nassaus, der ihn zwang, wie alle

„öffentlichen Diener“ sich durch Eid für Preußen in

die Pflicht nehmen zu lassen, betete der Reichelsheimer

122


Pfarrer nicht für Preußen und dessen König, dem neuen

Landesvater, sondern sprach „von da lediglich das alte

nassauische Kirchgebet für das ›Gemeinsame deutsche

Vaterland


8. d) Auf dem Wege ins 20. Jahrhundert

Der Sieg Preußens über Österreich und seine süddeutschen

Verbündeten, die klare Entwicklung hin zu

einem „Deutschland unter einer Krone“ ließ in allen

Teilen des Landes und der Bevölkerung einen kraftstrotzenden

Nationalismus entstehen. Der Blick in die

Zukunft war für die meisten Menschen von „Optimismus

durch Nationalismus“ geprägt: „Es wird besser

werdenl“ - „Wir werden stark werden I“ - „Deutschland,

Deutschland über allcsl“ - „Nichts ist mir teurer

als mein Vaterlandl“ - so lauteten die Kernsätze der

vielen Reden von weltlichen und geistlichen Würdenträgern

an den vielen Gedenktagen, die den Jahreslauf

der Menschen jener Jahrzehnte begleiteten.

Die Zukunftsorientiertheit war auch im nun hessischen

Reichelsheim zu spüren: lm Jahr des Krieges,

1866, wurde begonnen, das Rathaus zum gemeindlichen

Schulhaus umzubauen. Das Haus wurde bis auf

den untersten Stock abgetragen und auf die Mauern

des Erdgeschosses der neue Bau gesetzt. „Auf der hintern

Seite des Gebäudes wurde auch das Türmchen neu

aufgeführt und mit einem Wetterfähnchen sowie mit

einem von dem Schmied Siegfried Vogt dahier gestifteten

Glöckchen versehen“ (s. Kirchenbuch, S. 222 f.).

Die zwei alten Schulhäuschen auf dem südlichen Teil

des Kirchhofes mit Zugang von der Untergasse (heute

Florstädter Straße) wurden in den folgenden Jahren

abgerissen. Damit war nun die enge Anbindung zwischen

Kirche und Schule aufgehoben. Wenig später

wurde den Kirchen das Recht der Schulaufsicht genommen,

womit nach der räumlichen Trennung auch

die rechtliche kam. Und 1872, also nahezu gleichzeitig,

wurde, wie es im Kirehenbuch heißt (s. S. 249), „der

bisher offene Platz um die Kirche mit einer niedrigen

Mauer und darauf stehendem eisernen Spalier umgeben“.

Diese Ein- bzw. Abgrenzung des Kirchenge-

ländes schien wahrhaft symbolische Bedeutung zu

haben...

Nachdem Reichelsheim nun nicht mehr „Ausland“ zu

seinen Nachbarorten war, wurde auch alles darangesetzt,

die Verbindungen zu verbessern. Schon 1868 wurde

der Weg nach Heuchelheim „chaussiert“, also befestigt

- allerdings nicht auf der Trasse des jahrhundertealten

Weges. „Es wurde jedoch nicht der alte Weg eingehalten,

sondern vom Eck der ›elf Morgen


durch die Wiesen nach Florstadt floß, nunmehr aber ein

ganz gerades Bett erhalten hat, ihren Abschluß. Die Kirche

& Pfarrei Reichelsheim erhält ihre Grundstücke in

mehreren größeren Komplexen“ (s. S. 349).

Doch auch in diesen Jahren waren die Reichelsheimer

nicht von Plagen, Kummer und Sorgen verschont. Das

Kirehenbuch gibt uns noch heute Kenntnis von der damaligen

Zeit; hier ein kleiner Ausschnitt:

Schafwäsche in der Horloff.

Die Schafe wurden vor dem Scheren

in der Horloffgrttndlichst „gebaclet“

(Aufnahme um 1910; Besitz der Familie Winter)

Nach Drainierung und Feldbereinigung sah das Umland

des Ortes doch sehr verändert aus: die vielen kleinen

„Ackerchen“, über Jahrhunderte durch Erbauseinandersetzungen

entstanden, hatten das Landschaftsbild

bisher geprägt. Nun aber waren größere Einheiten entstanden,

hatten manchen Feldweg verschwinden lassen,

was den Bauern manchen Weg ersparte: Ihre Arbeitseinsätze

konzentrierten sich auf viel weniger Felder. Manch

ein Bauer wird dadurch gar in die Lage versetzt worden

sein, auf einen Knecht oder auf eine Magd zu verzichten.

.ıı

--ni

wuß-

'^~”ııı›_ _

sw

1868: Maikäferplage und Plage durch Erdflöhe („Sie

waren in ungeheurer Menge vorhanden, so daß

man das Kraut verloren gab“ - s.S.232) 1868:

Masernepidemie: 7 Kinder starben _ _ _

1871: Überschwemmungen („Beständig Regen führte

zu Überschwemmung des ganzen Horloff- und

Niddatales zu Ende Juni und Anfang Juli; eine

Wassermenge sah man, dergleichen sich die ältesten

Leute nicht zu erinnern wissen, so daß nur

wenig Heu geerntet werden konnte“ ~ s. S. 241).

1871: Blattern-Epidemie: („Die Blattern-Epidemie

hatte sich, durch Einschleppen von außen, hier

eingestellt und mußten 6 Häuser abgesperrt werden;

auch wurde die Cigarrenfabrik des Kaufmanns

Schwarz geschlossen. weil es lauter Arbeiter

derselben waren, die davon ergriffen waren“

(s. S. 245).

1872: Mäuseplage 1880: Frostschäden an den Obstbäumen

(„Bei der hier vorgenommenen Zählung zur

Konstatierung des Frostschadens ergab sich folgendes

Resultat: Apfelbäume: 1128 erfroren,

1607 noch vorhanden. Birnbäume, die im allgemeinen

weniger gelitten hatten: 349 erfroren,

1415 nicht. Zwetschen aber: 3045 erfroren, 2487

nicht. Von Aprikosen- und Pfirsichbäumen erfroren

18, erhalten blieben 3.

Die Zahlen sind doch nur annähernd, da manche

Bäume, die gesund zu sein schienen, später doch

noch zu Grunde gingen“ -s. Kirehenbuch S. 272).

1882: Regenjahr: „Regen, Regen Regenl“ (Überflu-

125


tungen: 500 Morgen Wiesen und z. T. auch

Fruchtfelder standen unter Wasser)

1892: Diphterie-Epidemie („In diesem Jahr grassierte in

unserer Gemeinde eine Diphterieepidemie, die

zahlreiche Opfer forderte. Es starben in 1892 elf

Kinder und betrugen die Todesfälle die außergewöhnlich

hohe Zahl von 31 “)

1893: Trockenheit („Der Sommer brachte eine außergewöhnliche

Trockenheit. Infolge derselben entstand

cin großer Mangel an Futtermitteln. Das

Vieh wurde mitunter zu wahren Schleuderpreisen

verkauft.

Daß eine Kuh oder ein Rind für 40-50 Mark abgegeben

wurde, war keine Seltenheit. Die Landwirte schlachteten

vielfach ihr entbehrliches Vieh selber und verkauften

das Fleisch zu 20-30 Pfennig das Pfund“ - s. Kirchenbuch

S. 337).

Sorgen - Trauer - wirtschaftliche Not - Verzweiflung:

immer wieder gehörten sie zum Alltag der Menschen.

Die Hoffnungen der ehemaligen Nassauer auf wirtschaftliche

Besserung durch Eingliederung in das größere

Hessen-Darmstadt und die Reichsgründung 1871 erfüllten

sich nicht! Es machte sich nun negativ bemerkbar,

daß das alte Herzogtum zu wenig für den gewerblichen

Fortschritt, aber auch zu wenig für die Neuordnung der

landwirtschaftlichen Strukturen getan hatte. Zudem

mußten die Ex-Nassauer erkennen, daß es nicht so war,

daß alles auf sie gewartet hatte. Die alten Gebiete des

Großherzogtums Hessen hielten zusammen, dachten

wenig daran, mit den neuen Landsleuten zu teilen. Dies

hatte Konsequenzen: „Der verzögerte Aufschwung der

nassauischen Wirtschaft wurde bereits 1873 durch die

›Gründerkrise< unterbrochen. Dazu kam die strukturelle

Dauerkrise der überwiegend kleinbetrieblichen nassaui-

Reieheleheim

FN

»wımıııfil

Symbol der neuen Zeit: Das „Kaiserliches Postamt

Reichelsheim “ an der Staatsstraße,

heute Bingenheimer Straße 32

(1886 erbaut, 1965 umgebaut)

ı*«:›»ı.mai

126


schen Landwirtschaft. Für die rasch zunehmende Bevölkerung

war kaum Arbeit vorhanden, so daß die Auswanderzahlen

nochmals stark anstiegen“ („Nassaus Beitrag

für das heutige Hessen“, S. 71).

Im Kirehenbuch vermerkte Pfarrer Kayser im Jahre

1881: „Die Auswanderung nach Amerika ist in diesem

Jahr in ganz Deutschland sehr stark gewesen, auch von

hier gingen viele weg, so am 1. September 16 Personen

auf einmal“ (s. S. 295).

Die Unterlagen des Stadtarchivs bestätigen, daß immer

wieder Reichelsheimer Bürgerinnen und Bürger ihrer

Heimat „Lebwohl“ sagten bzw. sagen mußten, weil in

ihrem Heimatort keine wirtschaftliche Zukunft für sie zu

erwarten war. Bekannte Namen tauchen in dem „Paßoder

Heimatschein-Register“, daß von der Gemeindeverwaltung

von 1870 bis 1888 geführt worden war, auf:

Coburger und Maley, Kornmann und Vogt, Weitz und

Mörchel, Schmidt und Nohl, Schäfer und Nagel, Stephan

und Schnell, Krailing und Gros, Möser und Schutt.

Das genannte „Paß- oder Heimatschein-Register“ gibt

aber auch Auskunft, welche Berufe und welche Ziele die

Wanderwilligen gehabt hatten. Insgesamt verließen in

dem registrierten Zeitraum 81 erwachsene Personen

Reichelsheim; die Zahl der Kinder, die ausreisende Familien

mitnahmen, ist nur teilweise aufgeführt.

Von jenen 81 Personen wanderten 22 nach Nordamerika,

11 in die Schweiz und 1 nach Frankreich aus. 47 suchten

in anderen Ländern des Deutschen Reiches ihre gesicherte

Zukunft.

-Är

Ellvlgwfi

6%

3-3"°""'

/,18 ' › frzfí/~ „«„.1,¬..±›r/' F3 5“ -rf' 1 44/ ,Z '

.aaa 41;/ .....„....._a_/„_:f

_ _ 9 1,

” ~" - ll ' _ , f- _. 11

*Ü-'1

tue/M

„.124“

Ansichtskarte von Reichelsheim,

abgestempelt 1899

(im Besitz der Familie W. Dörr)

1 127


_

Die Tatsache. daß kein Landwirt sondern nur Handwerker

und Arbeiter sowie Dienstpersonal Reichelsheim

„Adieu“ sagten, weist vor allem auf die wirtschaftlich

schlechte Situation derselben hin: 1 1 Dienstmädchen

bzw. Mägde und 6 Näherinnen, 9 Schreiner, 6 Zigarrenmacher,

5 Schuhmacher, jeweils 4 Schlosser, Weißbinder,

Metzger und Küfer, aber auch je 2 Zimmerleute,

Schmiede, Bäcker und Buchbinder, je 1 Dreher, Sattler,

Bierbrauer, Schneider, Gänshirt, Gärtner, Briefträger,

kaufmännischer Lehrling und Tagelöhner. Man hätte

mit diesen Leute eine kleine Stadt versorgen können! Allerdings

macht diese Aufzählung auch deutlich, wie breit

die handwerklich / gewerbliche Palette in Reichelsheim

vor gut 100 Jahren war.

Wie eine Volkszählung aus dem Jahre 1875 verdeutlichte,

gaben zu jener Zeit ca. 40% der Haushaltsvorstände

an, Landwirt zu sein. Diese Zahl sagt nicht nur,

daß sich die Auswanderer aus den restlichen 60% rekrutierten;

40% der berufstätigen Haushaltsvorstände waren

Landwirte: Wie groß, so muß man sich als Ortskundiger

fragen, waren damals die Höfe? Es ist vorstellbar,

wie diese Bauern - in der Regel Kleinbauern - von Wind

und Wetter, von Raupen und Mäusen in ihrer Existenz

abhängig waren! Jede Mißernte führte auch für diese Familien

unmittelbar zu Hunger und zu Krankheitsanfälligkeit.

Trotzdem: Reichelsheim war eine Bauernstadt_ Die

Bauern lichteten nicht ihren Anker, um in der weiten

Welt ihre Zukunft zu suchen. Sie, die Bauern, die „Seßhaften“,

bestimmten deswegen auch die Kontinuität der

Sitten und Gebräuche, sie bestimmten die Regeln des

Lebens in diesem Ort - sie bestimmten die Politik.

Fotokopie des Registers /Jg. 1874/80

'„_ff

llfllllllf.

gšål


3

22

Sri*

1/_

._

ßıö qiıeiuıatbâberccbtlgtcn -1 §1 „ 3 __; 9 ,_ :aß

n„__¦_,†,_ „nb 5“ „__ fd; H ;n{i .t§ıelmatl)äjd;eiııBcrid;t,* 23 .d___g_ ›«

Sur- uıı1l_ Bııiııııtırıı. Slant nbrr øıııırrbr .?2ået_.:ıfc tiv 8trifcl±~gíll=l 'ßallílíıgdil aber 15'?-im im 1

_ _ _ um nııbrrerimıiàıııla __ crficittınıg. 1 _

_ rınıtwıı ıvtriaııçjt 'mırt~. _ mwá„_f„mä_ ,W._.b_._ _- _

1 1 aimšiš i›i{š}_ fftffåtftfttffëfirftifi ri

e)_..„ __ aan f ._ mai... _, g_ßi._.;...›i._-„_ .WW

i í 1

i i 1 l l

1-14- -f __ „___

'ff Ww' 533

4.- I

1

'l

y,;¦

%_lf`

__

l___ _

j'

4

F

~ -- __ __ ____±_:_--- „Lk - -_ _ _., †__ - _ _ _ __ _____ _ - _ _

_ _ _ _ ~ _

1 _ 1 - ll

.4 b 2 _Ü“"“Ul“ W in bl

V/ rrz..{i.7Ã_... J

"_*

tier-1 1: 1. -. - Met- .tȧe=t*/erlliil

Q%?a__,2

_ _ _ , 1 __ .

&.,_...._....r-/I»

----- __ _ __ l ' ; JL., ~ ~ -_ _ -ır - -- - l - „.._.__ _ ___: pi. _

a_.i,; .f..«z.~;/ti-.___ r,/....7 yí._._~_. --6-1.5; _i;l

(~2_i'.._›Z›.._ . _

_«:__;f._; zr. z_›.._.a___z_._~

l

1 l

l

_ › _ _

-1

- 1

_ l_ `†

__ :-

_-

:_

ll” -5 '_;-H:-:= ----;;;--;-;;;---- - -- ~--~ _;_; - -- ._ __

_ii, -/-_/›=»~i«~ er-__-«ı rr-_/4 _

~i¬1

tl

'_\i - l '_ _ _ -

' - _ 3

= _ - _ . _ _

_fl.μ-ı`„„w_

J' _ 1

___l__

Fifi /zi-_

:.=;_;_: _==_:_--

-____;'--__1„3_._< __-:=_2:"¬

_ 1; 5-5- ' ,-=-=;'„'Z$-=_ §__-5&1; -'5:='==_ =- -

- -' :_ '_ '= ==_=;;____ _? "=:. ;_s=.-- ;- `

_ . _:__:5§;-_: .-53 -

128


f

Wie schon gesagt: die Reichelsheimer galten als „stur

und steifnackig“, die nicht sogleich nachgeben. Versuchten

die Landwirte durch Drainierung der Felder und

durch Flurbereinigung in jenen Jahrzehnten ihre Wirtsehaftssituation

zu verbessern, so hofften die verbliebenen

Handwerker durch planvolle Investitionen ihre Zukunft

abzusichern. In den Jahren nach der „Hessisierung“

von Reichelsheim wurde manches Bauvorhaben

gewerblicher Art in Angriff genommen:

1869: 2 Waschhäuser

1 Gerbhaus

1876: lKüferwerkstatt

1880: 1Waschküche

1885: 1 Schmiedewerkstatt

1887: 1Wagnerwerkstatt

1892: 51 Schaufenster

1893: 1 Faselstall (Bachgasse)

1 Molkerei (Genossenschaft/Straße

n. Weckesheim)

1896: 1 Zigarrenfabrik (Turmgasse)

1897: 1 Erweiterung eines Backhauses

1899: 1 Werkstätte (Sandgasse)

1900: 1Schlachthaus

1901: 1 Werkstatt (Hainweg)

1 Werkstatt (Haingasse)

1902: lBacksteinbrennerei

(Straße nach Weckesheim /Ziegelei)

1 Ringofenanlage (ebenda)

1 Schmiedewerkstatt

1 Sattlerwerkstatt (Bachgasse)

1 Schmiedewerkstatt

(Ecke Hain-/ Schweizergasse)

1903: 1 Anlage eines Eisteiches (Molkerei)

1 Metzgerei

1904: 1 Sattlerwerkstatt (Neugasse)

1906: 1 Backofen (Haingasse)

1 Maschinenhaus (Straße n. Weckesheim)

1 Schlosserwerkstatt (Schweizergasse)

1911: 1 Apotheke (Straße n. Bingenheim)

1 Maschinenhalle (Straße n. Weckesheim)

1912: lSpritzenhaus

Auch im privaten Hausbau tat sich zwischen 1866 und

dem Beginn des 1. Weltkrieges einiges im Ort, was ihn

heute noch prägt: Hofeinfriedungen, Hausaufstockungen

und dergleichen waren Grund vieler einzelner Bauanträge.

Man wollte/ brauchte mehr Platz, und den wollte

man zugleich schützen. Insgesamt fällt auf, daß sich in

jenen Jahrzehnten Reichelsheim vor allem in West- und

Nordriehtung ausdehnte: die Straßen nach Weckesheim

und Bingenheim wurden immer begehrter als Wohn- und

Arbeitsplatzstandort.

Daß diese Investitionen möglich wurden, obwohl in

Reichelsheim, wie beschrieben, mehr Armut als Reichtum

zu Hause war, liegt mit in der Tatsache begründet,

daß auch hier die Ortsbürger eine genossenschaftliche

Bank als Selbsthilfeeinrichtung basierend auf den Ideen

von Schulze-Delitzsch gegründet hatten (April 1865),

und zwar den „Vorschuß- und Creditverein mit unbeschränkter

Haftung - Reichelsheim (Nassau)“, der sich

den Bürgern in Reichelsheim und Umgebung als „Sparkasse

und Bankanstalt“ empfahl und sich seit März 1942

unter dem Namen „Landbank Horlofftal e.G“ weiterhin

erfolgreich empfiehlt. Die Idee des Sparens wurde auch

von einer „Pfennigkasse“, einer „Armen- und Kindersparkasse“

gefördert. Initiator und Motor dieser Sparkasse

war 1882 in Reichelsheim Pfarrer Kayser, während

die politische Gemeinde sich von dieser Institution gar

nicht begeistert gezeigt haben soll und auch darauf verwies,

daß der „Vorschuß- und Creditverein“ schon Spar-

. 129


einlagen von 1 Mark annähme. Pfarrer Kayser setzte

sich aber durch, veranstaltete sogar eine - wenig erfolgreiche

- Kollekte in der Kirche, um Mittel für die

Sparbücher zu haben. Und er sollte auf Erfolge verweisen

können: Ende 1883 betrug das Gesamtvermögen

schon 4448,60 Mark und Ende 1884 gar 5602,88 Mark -

zusammen addiert aus vielen kleinen Pfennigbeträgen

von Armen und z. T. auch Kindern. Angelegt wurde

dieses Geld natürlich bei dem Reichelsheimer „Vorschuß-

und Creditverein“.

Daß zum Ende des Jahrhunderts die Zahl der Auswanderer

nachließ, mag auch in der Tatsache seine Ursache

haben, daß es durch die Eisenbahnlinie Friedberg

- Nidda vielen eher möglich war, in einem größeren

Umkreis Arbeit anzunehmen. Über die Schaffung

der Eisenbahnlinie von Friedberg her war über viele

Jahre diskutiert worden. 1880 fanden Vermessungen

für eine Streckenführung Friedberg-Echzel1-Laubach

statt, die sich zerschlugen, allerdings 1884 erneuert

wurden. Inwieweit Reichelsheim angebunden werden

sollte, war dabei nicht klar. 1885 wurden Pläne für eine

Streckenführung Echzell - Reichelsheim - Melbach -

Dorheim - Friedberg entworfen. 1892 waren schließlich

die Arbeiten der endgültigen Streckenführung abgeschlossen:

nicht mehr Laubach war Zielort der von

Friedberg her kommenden Dampflok, sondern Nidda.

Damit war zugleich das Postkutschenzeitalter für Reichelsheim

vorbei (Reichelsheim lag an der Postkutschenstrecke

Frankfurt ~ Assenheim - Echzell - Nidda

- Lauterbach). Noch heute ist die Zugverbindung nach

Friedberg und Nidda für unseren Ort von großer .Bedeutung.

l

:ae ea

_?

__

“-r. „- -___ ›. -, « ::- /,;. :_ " -_;»1-

.___

_._______ ±__ „íá ng

_:-_

.._,__ „___

______________;_

.___ __. __: ____ ___

Schulklasse mit Lehrer Adam Schäfer vor dem Kirchhof in Reichelsheim; Aufnahme aus dem Jahre 1904

130


Doch das Leben der Menschen unseres Ortes war

nicht nur von lokalen Ereignissen geprägt. Wie schon in

der Einführung zu diesem Kapitel ausgeführt, begann zu

jener Zeit die Epoche des Nationalismus, ja: die Epoche

der nationalen Euphorie - auch hier in Reichelsheim!

„Am 25. Oktober 1870“, so kann man im Kirehenbuch

lesen, „sah man hier ein prachtvolles, weit ausgedehntes

Nordlicht, dem am folgenden Tage furchtbare Stürme

folgten“ (s. S. 240). Während jenes Oktobers stand

Deutschland mit Frankreich schon im Krieg. Es ging zwischen

Frankreich und Preußen, zwischen Napoleon und

Bismarck um die I-Iegemonie in Europa. Preußen gewann

- und es gewann nicht nur erstmals die Unterstützung

der süddeutschen Fürsten und Könige, es gewann

die nationale Sympathie - und schließlich die Kaiserkrone

des neugegründeten deutschen Reiches, des sogenannen

Zweiten Reiches.

Auch die Reichelsheimer empfanden nun Preußen als

„Vorreiter der deutschen Sache“, sahen den Krieg als

„gerechten Krieg“, beteten jeden Mittwochnachmittag

in einem besonderen Gottesdienst im „Hause des Herrn

aller Herrn“ zum „König aller Könige“: „Wie an allen

Orten so war auch hier die Begeisterung für die gerechte

Sache des Vaterlandes groß und allgemein, und ebenso

auch die Teilnahme und Mithülfe zur Unterstützung der

Soldaten im Felde und der Kranken und Verwundeten“

(s. Kirehenbuch S. 242). Geld, Lebensmittel, Heu und

Stroh wurden gesammelt und weitergeleitet. Geschenkpakete

wurden vor allem an die gezogenen Soldaten aus

Reichelsheim selbst geschickt: an die Söhne der Nohls

und Kornmanns, der Coburger und Eckholds, der Schäfers

und Sprengels, der Schnells und Schutts; an die Söhne

der Heß” und Beilsteins, der Klotz” und Dörrs, der

Stephans und Gerlachs, der Vogts und der Kreilings,

aber auch an die der Nagels und Schmidts, der Vonder-

REKJHELSHEIM (Wetterau)

«Ir-.;`

Üenlsrmıš

.›.

Ansichtskarte des Jahres 1914 vom Kriegerden./(mal

heits und Kratz°. 25 junge Reichelsheimer standen an der

Front, weitere waren in Kasernen als Reserve bereit zum

Einsatz. Viele Familien waren betroffen von diesem

Krieg, der Deutschland schließlich einte, ein Krieg, der

kein Bruderkrieg mehr war, für den man in früheren Generationen

die Söhne ziehen lassen mußte.

«_ıg--~ıı

"" wm

131


Am 3. März 1871 feierten die Reichelsheimer den

Sieg, den Frieden mit Glockengeläut, Ansprachen, Musik

und Umzug.

Die Feiern im Andenken des Sieges wurden nahezu

jährlich wiederholt. Der Ort zeigte sich im Flaggenschmuck;

ein Umzug durch die Straßen, als dessen „Attraktion“

jeweils der 1874 gegründete „Kriegerverein“

hervorstach, war „obligatorisch“; die Kinder hatten

schulfrei, durften sich allerding in allen Sparten der körperlichen

„Ertüchtigung“ ihren Eltern präsentieren; patriotische

Lieder wurden gesungen und durchklangen

den ganzen Ort . . .

1886 erhielt der Kriegerverein gar eine Fahne, die

durch den Geistlichen in würdevoller Form geweiht wurde.

Und 1909 wurde beschlossen, 1910 aus Anlaß der

40. Wiederkehr des „denkwürdigen Krieges“ ein Kriegerdenkmal

in Reichelsheim zu errichten.

Als am 9. und 10.Juli 1910 das „Kriegerfest“ (Bezeichnung

aus dem Kirehenbuch) zur Einweihung des Denkmals

gefeiert wurde, hielt der damalige Pfarrer Vogel

eine wohl zeit-typische Ansprache, die er in ihrem Kern

in einem Zeitungsartikel wiederholte. Er „mahnte dabei

zu Treue gegen Kaiser und Reich. . . Möge das Denkmal,

das wir inmitten der Gemeinde für unsere toten und lebenden

Veteranen gesetzt haben, uns stets an die Treue

mahnen, die wir bis zum Tode unserem Vaterlande und

dem Hergott dort oben schuldig sind.. . Die Treue und

die Liebe zum Vaterlande über allesl“

Das Denkmal bezeichnete Pfarrer Vogel in seiner Ansprache

„als ein Werk, das uns (= seiner Generation)

zeigt, was uns Deutsche wirklich deutsch und groß gemacht

und den zukünftigen Geschlechtern eine heilige

Mahnung, unserem Vaterlande die Treue zu halten,

Treue bis zum Tode und Liebe bis zum letzten Hauch“

(s. Kirchenbuch, S. 393 f.).

Die vom Reichelsheimer Pfarrer gewählte Sprache

wies auf die Zukunft: sie ließ ahnen, daß nach jedem

Wetterleuchten, mag es noch so prachtvoll sein wie das

von 1870, Stürme und vernichtende Unwetter kommen.

Der sich abzeichnende kommende Krieg, in den an

manchen Orten die jungen Menschen blumengeschmückt

geschickt wurden, wurde ein schmerzvoller,

schrecklicher Krieg, schrecklicher als jeder Krieg

zuvor. Manch ein Reichelsheimer kehrte aus ihm

nicht wieder in die Heimat zurück, hinterließ Frau und

Kinder.

132


9 Das 20. Jahrhundert

a) Die Ruhe vor dem Sturm

Dieses Jahrhundert, unser Jahrhundert, sollte Reichelsheim

durcheinandersch ütteln, wie viele andere Gemeinwesen

in Deutschland und Europa auch. 1911:

Zunächst schlief dieser Ort noch seinen „Dornröschenschlaf“,

lebte in einer abgeschlossenen Welt, verhıelt

sich so, als sei die alte Landwehr rund um die Gemarkung

noch immer Schutz vor radikalen Veränderungen

ım sozialen und wirtschaftlichen Bereich.

Natürlich wurde auch in Reichelsheim vieles verwirklıcht,

was die Erkenntnisse und Erfindungen der damali- 1912.

gen Zeit möglich und nötig machten:

1909 Reichelsheim erhielt ein Wasserleitungssystem,

was vielfach zu Umbauten in den Häusern führte

(Bad/WC). Die alten Brunnen, früher täglicher

Treff der Menschen, wurden stillgelegt.

Reichelsheim erhielt ein neues Spritzenhaus, um

den Brandschutz besser gewährleisten zu können.

- Es wurde eine neue Amts-Apotheke gebaut,

was der Gesundheitsfürsorge zugute kam.

- Nach Abriß des alten nassauischen Amtshauses

wurde an gleicher Stelle ein Lehrerwohnhaus errichtet,

was den Ort für qualifiziertes Lehrpersonal

attraktiver machte.

Das alte Pfarrhaus wurde durch ein neues an gleicher

Stelle ersetzt, was dazu führte, daß nun die

Pfarrer nicht nach wenigen Jahren um Versetzung

nachsuchten.

-Ü) 'M/§lZ'í;:;,†-*›;å”°°:;*`taff“

'37'“ ^-ß'rf' I

WW' '737;,_/


1912/ Im Sommer 1912 wurden die Arbeiten zur Versor-

1913: gung der Gemeindestraßen und der Häuser mit

Elektrizität begonnen. Den Strom lieferte das

neue „Elektrizitätswerk der Provinz Oberhessen“

in Wölfersheim. „Am l0. Juli 1913 brannte zum

ersten Male Licht in Reichelsheim, am 11.Juli waren

abends zum ersten Male die Ortsstraßen erleuchtet“

(s. Kirchenbuch, S. 425).

._ av _"

„Ich scheide von Reichelsheim mit herzlichem Dank

für die vielen Erweise treuer Anhänglichkeit und Liebe

von seiten der Gemeindemitglieder und bitte Gott, daß

er die Gemeinde Reichelsheim, die keinen Mangel an irdischen

Gütern hat, auch reich mache an himmlischen

Gütern durch Christus.“

Politisch verhielt man sich, gemäß der eigentumsbezogenen

Interessenlage, nationalkonservativ bzw. nationalliberal,

sobald ein überregionales Parlament zu wählen

war. Lokal bestimmte die Landwirtschaft die Geschicke,

sie stellte die Bürgermeister, wenn dies auch

nicht immer ohne Streit abging. So berichtet das Kirehenbuch

über die Bürgermeisterwahl des Jahres 1903

folgendes (s. S. 351):

Ö

;§.A5ßt&.-

;§;„0"-i'

tl 5

Spritzenhaus, gegemíiber dem Rathaus

an der Kirchhofmauer

Obwohl dic meisten Pfarrer einen starken Einfluß auf

die Gemeindemitglieder hatten: nicht immer waren sie

in jener Zeit mit ihren „Schäfchen“ zufrieden, denn besonders

kirchentreu bzw. freundlich scheinen sie, vor allem

die Verantwortlichen, nicht immer gewesen zu sein:

Pfarrer Fischer schied 91905 aus Reichelsheim mit folgendem

Kirchenbucheintrag:

Rinder aufdem Hof Maley, Neugasse.

Rechts besonders stark gebaute Fahrbullen

(Aufnahme am 1920)

134


„Den 22ten August fand Bürgermeisterwahl statt. Mit

Spannung war man diesem Tag entgegengegangen, standen

sich doch zwei ziemlich gleich starke Parteien gegenüber,

die bezeichnender Weise die ›Nassen< und die

›Trockenen< genannt wurden. Diese Benennung ist

nicht, wie man annehmen könnte, auf größeren oder geringeren

Alkoholverbrauch zurückzuführen, sondern

auf die Wiesenbewässerung, welche von den einen angestrebt,

den anderen aber bekämpft wurde.

Das Resultat der Wahl war: Bürgermeister Steten 75,

Karl Schmid II. 69, Schlosser Nohl 14 Stimmen. Da eine

absolute Majorität von keinem Kandidaten erzielt worden

war, mußte die Stichwahl entscheiden. Dieselbe

wurde am 5ten September vorgenommen und ging aus

derselben der seitherige Bürgermeister mit 89 Stimmen

(gegen 80) siegreich hervor.

Es ist nur zu bedauern, daß durch die Wahlagitation in

unsere Gemeinde Uneinigkeit und Streit gebracht worden

sind und daß vielfach die Bande der Freundschaft, ja

der Verwandschaft durch die unselige Wahl zerrissen

worden sind. Wann wird der Friede wieder bei uns einkehren?

Wie`s jetzt ist, ist es äußerst betrübend.“

Bei den Reichstagswahlen standen die Reichelsheimer

nahezu geschlossen hinter dem jeweils konservativen

Kandidaten, z. B.:

1898: Wahlkreis Reichelsheim

Graf Oriola (Nat.-Lib.) 61,12 % 84,97 %

Prinz (SPD) 38,88 % 15,03 %

Bei der Reichstagswahl 1910 sollte der Reichelsheimer

Pfarrer Vogel (s. Schluß des vorigen Kapitels) gar Kandidat

für die Nationalliberalen im heimischen Wahlkreis

werden, was er aus Gewissensgründen allerdings ablehnte.

Daß bei jener Wahl erstmals ein Sozialdemokrat den

hiesigen Wahlkreis Friedberg/Büdingen gewinnen konnte,

kommentierte Pfarrer Vogel im Kirehenbuch mit folgenden

Worten (s. S. 396):

„So zieht also ein Sozialdemokrat für unseren Wahlkreis

in den Reichstag. Man sieht, wie die Verbitterung

die Massen blind macht.“ ln Reichelsheim hatte der Sozialdemokrat

nur wenig Sympathie gewinnen können:

Sein Gegenkandidat erhielt mehr als Dreiviertel aller

abgegebenen gültigen Stimmen.

l lau 1Jt.~'atı'a:-zsı.

Hauptstraße von Reichelsheim im Jahre 1912

lı"lı

Røichøløhøim

LW

135


9. b) Der erste große Krieg

„Es lag im Laufe der letzten Jahre eine gewisse Kriegsstimmung

auf den Völkern Europas. In der Gemeinde

glaubte man nicht daran“, schrieb Pfarrer Vogel, jener

Mann,

- der 4 Jahre zuvor bei der Einweihung des Kriegerdenkmals

dieses Bauwerk „den zukünftigen Geschlechtern

als... heilige Mahnung unserem Vaterlande

die Treue zu halten, Treue bis zum Tode und

Liebe bis zum letzten Hauche“ vorstellte;

- der bei gleicher Gelegenheit „an die deutschen Frauen

und Jungfrauen“ die Bitte gerichtet hatte, „daß

der echt deutsche Geist immer mehr die Leute erfasse

und durchdringe“;

- der dabei die Jugend an die Leistungen der Veteranen

erinnerte, diese ihnen zum „leuchtenden Vorbild“

empfahl, und sie aufforderte, im entscheidenden

Moment wie jene 1870/71 nach der Parole „Sieg

oder Todl“ dem Feind entgegenzustürmen (s. Kirchenbuch,

S. 394/5).

Um die Stimmung im damaligen Reichelsheim zu

verdeutlichen, soll Pfarrer Vogel als wesentlicher Meinungsführer

der Bürgerschaft zitiert werden

(s.S.43lff.): „Als am 28. Juli (Dienstag) von Osterreich-Ungarn

an Serbien der Krieg erklärt wurde, wurde

die Spannung, die auf den Gemütern lag, entsetzlich. Da

kam plötzlich die Entladung. Freitag, den 31. Juli, um

6'/2 Uhr, traf uns dahier die Nachricht, daß der

Kriegszustand über Deutschland

verhängt worden sei. Es solle sofort öffentlich in der Gemeinde

verkündet werden durch Trompetensignale oder

Glockengeläute. Junge Männer eilten auf den Turm und

läuteten alle Glocken. Die ganze Bewohnerschaft, auch

die im Felde draußen, kamen, und am Rathaus wurde

von Bürgermeister Karl Schmid die ernste Nachricht verlesen.

Solch eine erschütternde Kunde konnten viele

nicht glauben. Da erfolgte am Samstag, dem 1. August,

auch um 6'/2 Uhr, die Verkündung der Mobilmachung.

Die Leute, besonders die Wehrfähigen, sammelten sich

wieder am Rathaus. Das Lachen war vielen vergangen.

Manches blasse Gesicht kündete innere Kämpfe an. Eine

Anzahl sagte: ,Bis Kirmeß sind wir wieder daheim“ (dem

10. Oktober). Dr. Bun und ich sagten, daß dieser Krieg,

wo wir so viele Feinde hätten, 1'/2 bis 2 Jahre dauern

könnte, was niemand glauben wollte.

Durch Anschlag am Rathaus setzte ich sofort auf

Sonntag, den 2. August, einen Kriegsgottesdienst mit

heiligem Abendmahl fest. ...Zum heiligen Mahl gingen

65 Männer (Krieger) und 39 Frauen. Diesem ersten Todesmahl

folgten am Mittwochabend um 9 Uhr wiederum

71 Gäste in der Kriegsbetstunde, die von mir vom 5. August

an regelmäßig gehalten wurde. Diese Kriegsbetstunden

waren anfangs stets gut besetzt. . .

Die seelische Not und Angst trieb in die Kirche. Am

1. Kriegssonntag fanden 2 Kriegstrauungen statt. Die

Ernte mußte heimgebracht werden. Die meiste Frucht

stand noch auf dem Halm. Da mußte auch Sonntags

gearbeitet werden, wie die Regierung befahl und viele

taten.

Unsere Bahnen (Eisenbahnen) liefen nur noch fürs

Militär. Nur 1 Zug ging vormittags 9 Uhr und kam

abends 9 Uhr zurück. Täglich fuhren unsere Krieger

nach ihrem Gestellungsbefehl fort von uns. Ich begleitete

die meisten bis Friedberg und ging zu Fuß heim. Man

konnte aus Liebe zu seinem Vaterland alles.

Es gab auch sehr herzpackende Szenen. Besonders

war Mittwoch, der 5. August, für die meisten unserer

Krieger der Abschiedstag. Sie alle versammelten sich an

unserem Kriegerdenkmal um 1/2 9 Uhr. Der Musikverein

spielte: ›Jesus, meine Zuversicht< und ›Mein Heiland ist

im Leben


Ansprache, dann zog ein langer Zug zum Bahnhof. Voran

der Musikverein, dann ich vor meinen lieben Kriegern,

und dann folgten die Angehörigen: ernst. sehr

ernst-, manche weinend. Unvergcßlich ist mir der Augenblick,

als Albrecht Ulrich sein Kind am Bahnhof noch

einmal in die Höhe hob und küßte. Zum letzten Mal,

denn Ende Oktober fiel er.

Rauhc Krieger befahlen mir ihre Frauen und Kinder

an, wenn sie draußen sterben müßten. Das waren Erschütterungenl“

Pfarrer Vogel organisierte sogleich alles Notwendige,

um ein Verwundetenlazarett im Pfarrhaus einrichten zu

können. Auch der Apotheker stellte Räumlichkeiten in

seinem Hause zur Verfügung. Die Einwohner Reichelsheims

und der umliegerıden Ortschaften spendeten, was

nur möglich war. Um die Spendenfreudigkeit anzuregen,

veröffentlichte der Pfarrer die Namen der Spender mit

ihren Spenden - mit Erfolg.

Durch die Verwundeten, die ersten kamen bereits am

5. September 1914 (1) hierher zur Pflege, wurden die Reichelsheimer

Zeuge des Elends des Krieges. Manch eine

Erzählung der Kranken mag eine Mutter. einen Vater,

eine Ehefrau die Angst um das Leben ihres Angehörigen

verstärkt haben.

Wie der seelische Zustand der zurückgebliebenen

Menschen war, zeigt die Schilderung von Pfarrer Vogel

bezüglich der Spionagefurcht (s. 441): „Wir müssen

noch einmal zu den Augusttagen zurückkehren. Was

gab`s da für seelischen Wirrwarrl Vor allen Dingen trat

krankheitsähnlich eine Spionagefurchtí ein. Es wurde

auch behördlich geglaubt, daß von Frankreich her Automobile

ınit Gold nach Rußland unterwegs seien. Jedes

.„›.¬.... -

Die Reichelsheimer /l//iinner

ziehen in den Ersten Weltkrieg -

Abschied am Bahnhof

der Gemeincle (5. August 1 914) -

(Besitz der Familie Diel)

137


Automobil wurde angehalten. Auch in unserer Gemeinde

wurden an den Ortsausgängen Schlagbäume errichtet,

wo die zurückgebliebenen Männer bis zu 60 Jahren

Tag und Nacht Wache standen und jedes Fuhrwerk und

Auto anhielten und untersuchten. Alle alten Gewehre

und Flobert (= leichte Handfcuerwaffe, benannt nach

seinem Erfinder, dem Franzosen N. Flobert) wurden instand

gesetzt, um sich wehren zu können.“

„. . . Auch sollten Feinde versuchen, Brunnen zu vergiften,

deshalb wurde die Wasserleitung bei Bisses gewissenhaft

besetzt. Die Feuerwehr wurde deshalb eines Tages

alarmiert. Auch hatte ›man< aıı einem Augusttage gesehen,

wie sich jemand am Haus des elektrischen Lichts

bei der Gänsweide (beim heutigen Kindergarten) zu

schaffen mache. Voller Wut und Zorn eilen Männer und

Frauen mit Gabeln, Stöcken und Steinen bewaffnet dorthin.

Doeh trotz alles Forschens ist nichts Verdächtiges

mehr zu sehen.

Die seelische Erregung war furchtbar in diesen Tagen

der Volksnot! Der Aberglaube fand dabei allenthalben

Einfluß. Die meisten Soldaten, die ins Feld zogen, hätten

›Himmelsbriefe< um, so versicherte man mir. Ein solcher

Brief kam auch eines Tages mit den anderen Sachen

eines Gefallenen von Reichelsheim blutig zurück - er

hatte also nicht vor dem Tode schützen können“ (s. Kirchenbuch,S.443)

So wurden die schlimmen Konsequenzen dieses Krieges

auch in Reichelsheim deutlich: „Das Schlimmste,

was uns aber in diesen schweren Zeiten traf, waren die

Gefallenennachrichten. Wir konnten`s nicht glauben.

2' ai

,.„

`\ i/1

-L

J_3;`_

\____ r

1"""-ı›¬`-'3"Iq"'-.__

--

ı__„`>..__.'~;f?"_;

1 9/5: Jugendwehr bei der

vormilitcirischen Erziehung

im Garten der Gaststätte

„Zur Post“

138


Zuerst kamen Briefe, Pakete zurück mit dem Vermerk:

Gefallen! Verwundet! oder Vermißt! Auch das andere

Wort: Gefangen! Das waren furchtbare Tage und Wochen

für die Angehörigen und uns. 1914 hatten wir 5 Gefallene

und 2 Vermißte sowie einen Gefangenen zu beklagen“

(s. S. 443 f.).

Daß Krieg herrschte, das merkten die Menschen auch

sehr schnell an den steigenden Preisen. lm Frühjahr 1915

wurden bereits die ersten Lebcnsmittelkarten ausgegeben.

„Wir ahnten damals noch nicht, was das Gespenst

des Hungers noch alles über unser deutsches Volk bringen

würde“ (s. S. 455).

Doch schon ein Jahr später werden in den Städten die

Lebensmittel knapp. Die Preise erreichen unvorstellbare

Höhen. Den Bauern wird untersagt, ohne Genehmigung

Hausschlachtungen vorzunehmen -ihre eigenen Vorräte

werden amtlich erfaßt, damit kein Schwarzhandel möglich

wird. Selbst das Obst im eigenen Garten wird amtlich

geschätzt, und es ist den Besitzern nicht erlaubt, über die

Ernte frei zu verfügen.

Und immer wieder kommen die schlimmen Nachrichten

von der Front: Gefallen! Vermißt! Gefangen! Verwundet!

„Seit Ende Februar (1916) tobt die Schlacht bei Verdun

_ . . Der Kanonendonner ist so stark, daß wir ihn hier,

besonders nachmittags, genau hören konnten“ (s. S.

461).

„Es wurden immer mehrjunge und alte Leute eingezogen,

daneben wurden viele Urlaubsgesuche und Reklamationen

eingereicht. .. Es gab da manches Unwahrhaftiges

in diesen Gesuchen. Hierdurch entstand Unzufriedenheit

bei den andern, die Jahr für Jahr im Felde stehen

mußten“ (s. S. 463).

In diesem Zusammenhang machte Pfarrer Vogel aber

folgende Bemerkung: „Es muß freilich aber auch anerkannt

werden, daß durch die Einberufungen sehr große

Lücken entstanden sind. Die ganze Arbeit liegt auf den

Schultern von alten Leuten, die sich vielfach schon zur

Ruhe gesetzt hatten, oder auf den Schultern der Frauen.

Wir haben unter den Frauen manche Heldin aufzuweisen.

So manche ist unter ihrer Last zusammengebrochen,

aber sie mußte weiter schaffen“ (s. S. 464).

Wegen der Knappheit an Rohstoffen mußten alle

Haushaltungen, auch die in Reichelsheim, alle Wertstoffe,

Kupfer, Zinn, Zink, Eisen, die irgendwie entbehrlieh

waren, abliefern. Manches Erinnerungsstück wurde anschließend

eingeschmolzen, um Kanone oder Kugel zu

werden. Selbst 37 Zinnpfeifen der Orgel der Reichelsheimer

Kirche mußten in Friedberg abgeliefert werden,

ebenso eine der Glocken und das kleine Glöckchen am

Rathaus, das „Siegfriedsglöckchen“, das einst der

Schlosser Siegfried Vogt gespendet hatte.

ln Reichelsheim wurde es stiller.

1 914: Verwanclete des Ersten Weltkrieges vor

dem Pfarrhaus, in dem Pfarrer Vogel (links) ein

Genesungs-Lazarett eingerichtet hatte

139


Da es in anderen Teilen Deutschlands den Menschen,

vor allem den Kindern, viel schlechter ging, wurden ab

1917 Kinder in Reichelsheim aufgenommen: 39 kamen

aus dem Industriegebiet Westfalens hierher.

Und die Preise stiegen weiter, und damit nahm für viele

der Hunger zu:

„Ein furchtbarer Feind, der Hunger, hatte sich in den

Städten eingestellt. Es wurden vom Kreisamt im Januar

die Kartoffeln in den Kellern abgeschätzt, da im Lande

die Kartoffeln sehr knapp waren. In den Städten lebten

die meisten Menschen von Steckrüben (Kohlraben). Bei

uns war die Kartoffelernte recht gut gewesen. Alle Milch

mußte an die Molkerei abgeliefert werden. Vollmilch erhielt

man nur noch gegen ärztliches Zeugnis, ausgenommen

Kinder unter 6 Jahren. Eine Menge Menschen kamen

täglich aus den Städten, um Kartoffeln u. v. m. sich

zu holen. Bleiche, abgehärmte Gesichter“ (s. S. 469).

Ein wenig weiter lesen wir, das Jahr 1917 betreffend, im

Kirehenbuch: „Die Lebensmittelnot nahm in der Stadt

bedrohlichste Formen an: 30-40 Leute, besonders größere

Kinder und Frauen, auch ältere Männer betteln um

Kartoffeln und Brot. An einem Sonntag Morgen, als der

Zug eingefahren war, zählte ich auf der Straße vom

Pfarrhaus nach dem Bahnhof etwa 150 Menschen, die

›hamstern< wollten - mußten. Viele aus besseren Ständen

sind darunter gewesen“ (s. S. 471).

Und dann notierte der Reichelsheimer Pfarrer

(s. S. 478): „Die Not greift immer mehr um sich, der

Hunger stellt sich ein bei vielen, die nicht Landwirt

sind. Leider gibt`s Bauernfamilien, die genauso fett und

gut leben als in Friedenszeiten“ (s. S. 478). Wer sich

selbst versorgen wollte, der mußte Anfang 1918 feststellen,

daß ein Ferkel 140-150 Mark, ein Gänschen aus

dem Ei 7 M., ein Entehen 5 M. - Preise, die viele abschreckten.

Als sich das Ende des Krieges zeigte, begann die „Moral“,

die Widerstandskraft der Menschen zu sinken. „Es

ist vom September an furchtbarste Zeit für uns. Die

größte Niedergeschlagenheit bricht sich Bahn, der Krieg

dauert zu lange. Ich hörte Worte wie: ›Gebt den Franzosen

doch alles, was sie haben wollen, damit das Gemetzel

und das Elend aufhört.< Ach, die Heimat wankt und die

Front draußen ist vielfach entblöst. - In der Etappe sitzen

viele und mästen sich. Die Moral ist dahin. Der Krieg

gilt als verloren“ (s. S. 481). „Armes Deutschland! Was

wird werden? Unser Volk fühlt sich von seinen Führern

betrogen, auch von denen ganz oben!! - Die Not wird

größer. Die Revolution bricht aus! Der Kaiser flieht nach

Holland! entsetzlichl“ (s. S. 481).

Kurz danach, am Ende des Jahres 1918, als die Soldaten

nach dem harten Waffenstillstand umgehend aus

dem Frontbereich nach Osten, nach Deutschland, verlegt

werden mußten und auch hier in Reichelsheim viele

Einheiten Station machten, waren die Zuhausegebliebenen

entsetzt über das Verhalten der Soldaten. Jene verkauften

auf eigene Kappe die Pferde und die Sättel oder

andere Gegenstände, an denen Interesse bestand. Statt

die Pferde zu füttern und zu bewachen, tanzten sie in den

Gasthäusern bis in den Morgen hinein. „Alle Laster walten

freil“

Vielen Reichelsheimer Familien war es wirklich nicht

zum Lachen oder Tanzen zumute: 30 der 130 Soldaten,

die der Pfarrer einst an den Bahnhof von Reichelsheim

geleitet hatte, kehrten nicht wieder zurück - weitere waren

für den Rest ihres Lebens gezeichnet, hatten an den

Verwundungen schwer zu tragen.

Ehrentafel der Gefallenen und Überlebenden

(han.dschrifllich.e Veränderungen. durch A. Nohl)

140


Der Krieg, der als 1. Weltkrieg in die

Geschichte der Menschheit eingehen

sollte, war ausgelöst und getragen von

Haß; er war allerdings nicht in der Lage,

auch eben diesen Haß zwischen denVölkern

zu beenden. Der 1.Weltkrieg hatte

neue Dimensionen der Kriegsführung

eröffnet. hatte durch die neuen Waffen,

die erstmals in ihm zum Einsatz gekommen

waren - Giftgas, Flugzeuge, Panzer

-, aus einem „Krieg der Heere“

einen „Krieg derVölker“ gemacht. Und

viele Menschen wollten nicht glauben,

daß es an der Unterlegenheit der Deutschen,

an Zahl untl Material gelegen

hatte, daß im Oktober 1918 die kaiserliche

Regierung aul` Bitten der Obersten

Heercsleitung beim Gegner, beim

Feind, uın Waffenstillstand nachsuchen

mußte. Sie glaubten an „\/crrat“, weil

dies am wenigsten der rationalen Erklärung

bedurfte! Man wollte weiter glauben

an solche Sätze, wie sie z. B. 8Jahre

zuvor die geistlichen und weltlichen

Würdenträger in Reichelsheim bei der

Einweihung des Kriegerdenkmals ausgesprochen

hatten: „Deutschland,

Deutschland, über alles! Hurral“ oder:

„Sieg oderTod!“

Reichelsheim zog sich gedanklich

wieder hinter seine alte Landwehr zurück.

Der „Dornröschensch1af“, der

Schlaf, der die Wirklichkeit mit ihren

Notwendigkeiten vergessen ließ, begann

von neuem.

141


9. c) Eine ungeliebte Zwischenstation: Die Weimarer Republik

Lehrer Keller, der seit 1928 während entscheidender

Jahre in Reichelsheim wirkte, hat in seinem 1935 beendeten

Heimatbuch“ das Kapitel der Nachkriegszeit folgendermaßen

begonnen (s. dort S. 67 f.):

„Die Nachkriegszeit mit ihrem politischen und wirtschaftlichen

Niedergang unseres lieben, deutschen Vaterlandes

hat auch in Reichelsheim ihre Opfer gefordert

und manchen an den wirtschaftlichen Zusammenbruch

gebracht. Man muß aber den Reichelsheimern lobend

nachsagen, daß sie, trotz des sich überall breit machenden

liberalistischen Gedankens, sich stets einen treuen,

immer dem Vaterland dienenden Sinn bewahrten und

die ›schwarz-weiß-rote< Fahne hochhielten (= die des

Kaiserreiches im Gegensatz zu der republikanischen

›schwarz-rot-goldenem Fahne). Kein Wunder, daß Reichelsheim

in den umliegenden marxistischen Dörfern als

>ein rückschrittliehes Nest< verschrieen war.“

Und Pfarrer Vogel beschrieb die Situation, wie er sie

unmittelbar nach Kriegsende sah, wie folgt:

„Die Revolution, wo jeder nach Belieben schalten

konnte, zeigte den Menschen mit seinen niedrigsten lnstinkten.

Die meisten haben die Kriegsopfer vergessen.

Wenn sie nur tanzen und sich austoben können. Elender

Verrat! ›Was sind wir gesunken! Wo ist die starke Hand,

die uns führen könnte? Was wird aus Deutschland


ders in unserem kleinen Landstädtchen Auswirkungen

zeigen.

Das Leben der Einwohner hatte sich gegenüber der

Zeit vor dem Kriege verändert. Die Staatsverschuldung,

hervorgerufen durch den Krieg und seine Folgen, steigerte

die schon während des Krieges begonnene starke

Geldentwertung. Da die'Preise für die Lebensmittel

schneller stiegen als die Löhne und Gehälter, gab es

Streiks, die nach Einführung der Tarifautonomie nach

dem Kriege erlaubt waren - für die Bewohner landwirtschaftlich

geprägter Ortschaften etwas Fremdes, Unbegreifliches.

Als 1919 auch wegen eines Bahnarbeiterstreiks der

Bahnverkehr zwischen Friedberg und Nidda ruhte, zeigt

der Pfarrer wenig Verständnis, bekämen sie doch bei

rat

Auch wenn die Zeiten. schlecht waren:

Jubiläen der Vereine wurden gefeiert/

I0. Juli 1920: Festzug zum 75ja`hrigen Bestehen

des Gesangvereins „Liederkranz“

(Foto im Original im Besitz der Familie Winter)

gimıå

einem 8-Stunden-Tag stattliche 370 Mark ausbezahlt. In

seiner Entrüstung über den Streik vergaß er den Widerspruch,

der ihm wenige Zeilen darunter mit der Mitteilung

unterlief: „Die Preise für alle Lebensmittel steigen weiterhin.

Ein Ferkel wird für 250-300 verkauft“ (s. S. 486).

Wie schlecht insgesamt die Nahrungs- und damit die

Gesundheitssituation im Winter 1919/1920 war, das verrät

ein kleiner Hinweis des Pfarrers über die Folgen einer

Grippe-Epidemie: „Im Monat Februar stand ich an 6 frischen

Gräbern“ (s. S. 492).

Daß die Stimmung bezüglich der demokratischen Republik

in Reichelsheim wirklich schlecht war, beweisen

Eintragungen in der Kirchenchronik zum sogenannten

Kapp-Putsch im März 1920, mit dem Kapp und General

Lüttwitz verhindern wollten, daß zumindest die Bestimmungen

des Versailler Vertrages betreffend der Stärke

der Reichswehr in Kraft treten würden. Diesen Putsch

nannte Vogel eine „Gegenrevolution“. Und weiter äußert

er, daß sich „viele wegen des seitherigen furchtbaren

Elends und Niedergang Deutschlands“ freuten. Der

Umsturz, an den viele Reichelsheimer demnach geglaubt

hatten, fand nicht statt, Kapp flüchtete verkleidet und

maskiert ins Ausland.

Allerdings hatte dieser Putsch zur Folge, daß sich die

großen Parteien in Berlin auf vorgezogene Neuwahlen

zum Reichstag einigten. Sie fanden im Juni 1920 statt:

Ergebnis:

Partei

Reichelsheim Reich

DNVP 60,71 % 15,1 %

DVP 13,33 % 14,0%

DDP

1,67 '% 8,4%

Z + BVP (Bayr. Volkspartei) - 22,0 %

SPD 9,52 % 21,6 %

USPD

14,76 '% 18,0 %

KPD (Kommunistische Partei) - 2,0%

143


Dreiviertel der Wählerschaft sprach sich in Reichelsheim

für die kaisertreue, autoritär-monarchistische

DNVP bzw. die konservativ-monarchistische DVP aus.

Nur jeder 10. Wähler stimmte für eine der Parteien, die

Garanten der demokratischen Ordnung der Weimarer

Republik waren.

Dieser politische Rechtsruck wurde noch deutlicher in

der Wahl zur „Hessischen Volkskammer“, also dem

Hessischen Landtag, am 27. November 1921:

Partei

Reichelsheim

DNVP 10,44 %

Hess. Bauernbund 57,18 %

DVP 14,10 %

Z 0,26 %

SPD 16,16 %

USPD -

KPD 1,83 %

Der hier als überragender Wahlgewinner aufgeführte

„Hessische Bauernbund“ (seit 1927 „Hessischer Landbund“)

hatte vor allem in unserem Oberhessen sein

Machtzentrum. „Im Gegensatz zu anderen Gegenden

Deutschlands trat diese berufsständische Organisation,

deren Sitz Friedberg war und deren höhere Funktionäre

größtenteils im Kreis Friedberg wohnten, im „Volksstaat

Hessen“ (= ehemaliges Großherzogtum Hessen-Darmstadt)

als Partei auf, die recht beachtliche Erfolge erringen

konnte“ (s. „Hessen unterm Hakenkreuz“, S. 199).

Der Bauernbund verstand sich als eine Interessenvertretung

der in Oberhessen überwiegenden Klein- und

Mittelbauern. Nahezu 80-90 % der evangelischen Bauern

der Wetterau waren Mitglied des Verbandes.

Der Hessische Bauernbund beeinflußte „über die verbandseigene

›Neue Tageszeitung< ›durch hetzerische

Attacken gegen die Landesregierung und die Koalitions-

parteien (in Berlin) sowie durch die Verbreitung völkischer

(= nationalistisch-rassistischer) Parolen< seine Anhänger

in antirepublikanischer und antidemokratischer

Weise und trauerte dem vergangenen Kaiserreich nach“

(s. „Hessen unterm Hakenkreuz“, S. 210).

Die Mitglieder der Reichsregierung wurden in der

„Neuen Tageszeitung“ von Anfang der 20er Jahre an als

„demokratisch-marxistisch-pazifistische Volksverräter“

bezeichnet. Dr. Heinrich Leuchtgens, Leiter des Friedberger

Lehrerseminars, der schon 1919 die Hessische

Volkspartei als Gegengewicht zu der Arbeiterbewegung

gegründet hatte und ab 1922 Fraktionsvorsitzender des

Bauernbundes im Hessischen Landtag war, war einer der

Wortführer. In einer seiner Schriften führte er aus, daß

die schwache Stellung Deutschlands in Europa von den

Regierungsparteien in Berlin durch ihre „internationale

und pazifistische Einstellung, durch ihren unklaren Blick

für die außenpolitischen Realitäten, durch ihre Nachgiebigkeit

und winselnde Versöhnungsbereitschaft einem

galligen, rachsüchtigen Frankreich gegenüber“ selbst

verursacht sei. Leuchtgens forderte stattdessen: „Laßt

uns den starken Staat schaffen! . _ .Laßt stahlharten Willen

die Weichheit und Schlappheit des gegenwärtigen

Regimes ablösenl“ (s. „Hessen unterm Hakenkreuz“,

S. 212 f.). e

Geprägt von diesen Ideen war Reichelsheim, waren

seine Bewohner, wie nicht nur das oben angegebene

Wahlergebnis oder die Bemerkungen der Pfarrer Vogel

und Rühl (ab Ende 1922 hier tätig) im Kirehenbuch immer

wieder zeigen. Die Aktivitäten des „Kriegervereins“,

die zusätzlichen Gründungen eines „Frontkämpfer-Vereins“

(1922) und einer Ortsgruppe „Stahlhelm,

Bund der Frontsoldaten“ (1925) verweisen auf antirepublikanische

und zugleich antidemokratische Anschauungen.

Fahnen- oder Bannerweihen dieser Organisationen

144


=

wurden zu Ortsfesten - mit Gottesdienst, Ansprache,

Musik, Umzügen und Tanz. Die Reden glichen in ihrem

Inhalt sehr denen, die vor dem 1. Weltkrieg den Menschen

schon zu Ohren gekommen waren.

Die Gemeindesch wester Lisette Schneider mit

ihrer Kinderschar, die sie nachtmittags betreute,

während sie vormittags ihrer pflegerischen Arbeit

in der Gemeinde nachging (aufgenommen vor

Haus 13 in der Oberen Haingasse)

Doch mit all dem Geschilderten ist nicht alles vom damaligen

Leben in Reichelsheim berichtet: Es darf nicht

vergessen werden, daß in jenen Jahren der SV 1920 Reichelsheim

bzw. der Schützenverein (1921) gegründet

wurden. All diese Gründungen weisen daraufhin, daß

ein besonderes Bedürfnis nach Zusammenhalt, nach Geselligkeit

vorhanden war. Pfarrer Rühl waren allerdings

diese Geselligkeiten zu viel, weil sie ihm zu ausgelassen,

zu wenig begrenzt waren: „In das Jahr 1924 hinüber leitete

eine Reihe von Vereinsfestlichkeiten, die fast jeden

Sonntagabend besetzt hielten; wie es dann hier im Winter

gilt, daß fast jeder Verein: Männergesangverein,

Turnverein, Kriegerverein, Vogelsbergerhöhenclub

(VHC), Land_jugendbund, Frontkämpferverein usw.

sein Wintervergnügen oder gar zwei (der Männergesangverein

mit 2 Konzerten) abhält. Da nun bei der Kleinheit

des Ortes jeder zu jedem Verein gehört, bedeutet dieses

fast regelmäßig ein Aufgebot der ganzen Gemeinde, und

es wird dabei für Getränke und Toiletten unerfreulich

viel Geld verpulvert, ganz abgesehen von anderen Schädigungen.“

Dabei waren die Zeiten schlecht! Erst im November

1923 hatte die Reichsregierung in Berlin eine Währungsreform

durchgesetzt, die die Hyperinflation der Reichsmark

beendete - eine Inflation, die viele Geldbesitzer

enteignet, die die Arbeitnehmer hatte verzweifeln lassen,

wenn sie als Tageslohn Milliarden und Billionen

nach Hause bzw. ins nächste Lebensmittelgeschäft tru-

Bauer Walther bei der Kartoffelernte (1929)

' fIii:~.-A am - -: -

fšfifii. .`Eı, ;

ii-!l¦.Ü!z!=!`::!E "I-Elli

4 vill: I! :¦" .iu

Ii ›-.':;. `-

I..

145


gen; eine Inflation, die das Spekulantentum gefördert

hatte und die die Großen in der Wirtschaft hatte größer

und die Zahl der Kleinen geringer werden lassen!

Die Landwirtschaft kam zwar mit einem „blauen Auge“

davon, manche machten im Bereich des Tauschhandels

sogar gute Geschäfte, doch war auch bei ihnen die

Zukunftserwartung, die Hoffnung auf eine baldige Entschuldung

des Besitzes getrübt.

Doch das Leben ging weiter, und die Landwirte suchten

durch weitere Drainierungen ihre Anbauflächen erneut

zu verbessern. Im Jahre 1924 bildeten sie z. B. eine

Wassergenossenschaft zur Entwässerung von Teilen der

Fluren V, Vl, VII und X1.

Und auch das Bauhandwerk bekam ab 1921, vor allem

aber ab 1924 wieder etwas zu tun: Bis 1929 wurden 20

verschiedene und verschiedenartige Bauanträge gestellt

(Für die Zeit danach bis 1938 liegen keine Unterlagen im

Archiv vorl). Besonders aktiv wurde in diesen „Goldenen

Zwanzigern“ in der Straße nach Bingenheim gebaut

(6 x); aber auch die Neugasse (3 x), die Kirchgasse (2 x),

und die Straße nach Weckesheim (2 x) erlebten erkennbare

Veränderungen.

Bedeutend war auch, daß 1926 endlich der Weg nach

Florstadt befestigt und damit zu einer Straße ausgebaut

wurde. Dies geschah als staatlich geförderte Arbeitsbeschaffungsmaßnahme,

oder wie man damals sagte: im

Rahmen der „praktizierten Erwerbslo_senfürsorge“.

Eine besonders auffällige Veränderung betraf den

Friedhof unserer kleinen Stadt. Der Weltkrieg hatte ein

verändertes Bewußtsein zum Tod und den Toten geschaffen;

auch die moderne Medizin ließ eine neue Einstellung

zum Leben und Sterben aufl


men den Auftrag, die neugesetzten Bäumchen zu gießen

und eine Reihe älterer Gräber - Pfarrgräber und dergl. -

unter meiner Aufsicht zu säubern und zu pflegen. Die

Folge dieses Vorgehens sahen dann auch eine ganze Reihe

Privatleute sich veranlaßt, bisher verwahrloste Gräber

wieder in Pflege zu nehmen. Auch die alten Amtmannsgräber

aus der nassauischen Zeit sollen wieder in

Pflege genommen werden, um die Erinnerung an die

Vergangenheit der Gemeinde zu erhalten“ (s. Kirchenbuch,

S. 533 f.).

„Wie politisch“ und wie „kaisertreu“ („Schwarz-

Weiß-Rot“) die Reichelsheimer waren, das zeigt eine

nette Anekdote, die Pfarrer Rühl im Kirehenbuch vermerkte

und die im Zusammenhang mit der Kirchenrenovierung

des Jahres 1928 steht:

„Schön ist auch gewesen, was mit dem hierunter in

Maschinenschrift beigefügten Artikel aus der (sozialdemokratischen)

›Oberhessischen Volkszeitung< zusammenhängt.

Der Artikel schildert zwar die Sachlage nicht

ganz richtig und vor allem ist die Zusammenstellung (an

den Rippen des Mittelschiffes) nicht schwarz-rot-gold

sondern blau-rot-gelb, aber schön war`s doch:

Reichelsheim. (Flaggenfrage, Kunst und Religion).

Im kerndeutschen Städtchen Reichelsheim in der

Wetterau wird zur Zeit die Kirche renoviert. Ein bekannter

Darmstädter Kirchenmaler und Künstler führt

die Arbeiten aus. Unter dem abgeschlagenen alten Verputz

entdeckte er herrliche alte Malereien, die er in

künstlerischer Form zu neuem Glanze erstehen ließ. Zufällig

ergab sich dabei an einem dekorativ wirkenden

Stück in der Mitte der Decke der harmonische Dreiklang

der Farben Schwarz, Rot und Gold. Anstoß daran nahm

weder Professor Walbe, der hessische Denkmalpfleger,

noch der Ortsgeistliche. Die kunstsachverständigen Bauern

jedoch dachten anders. Einen schwarz-rot-goldenen

Erzengel im Zentrum ihrer Kirche? So etwas kann ein

treudeutsches Herz nicht vertragen. Die Farben der Judenfahne

dürfen nicht bleiben. Es gab Proteste, die Mittel

zur Vollendung cler Arbeiten wurden verweigert. Der

Künstler versuchte in einer Versammlung Aufldärung zu

geben, sie wurde sabotiert; auch Vermittlungsversuche

des Ortsgeistlichen und von anderer Seite halfen nichts!

Der Unfug müsse aus der Kirche, sonst könnten sie nicht

mehr hinein, erklärten die Bauern.

Soweit steht die Sachejetzt; über den weiteren Verlauf

darf man gespannt sein


Eine andere, allerdings „unpolitische“ Anekdote soll

zugleich angefügt werden, steht sie doch auch im Zusammenhang

mit der Kirchenrenovierung und verdeutlicht

sie in gewisser Weise doch, die Stimmung im Ort:

„Die Kirchenvorsteher Zinser und Coburger und ich

gingen im Ort eine Hauskollekte erheben. Wir fanden

überraschende Gebefreudigkeit bei den Armen und Geringen.

Im Haus eines als ›rot< verschrienen Arbeiters

gab der Mann seinen Beitrag. Als wir hinausgingen,

stand unter der Küchentüre die Frau und drückte mir

stillschweigend einen weiteren Betrag in die Hand!

Aber es kam auch anders: ›Goldig!< ist das Wort, mit

dem uns ein wohlhabender Landwirt in der _..-gasse

empfing: ›Eich geawe naut! Eich hu(n) naut! Däi Beamte

freasse a1les!< Das galt dem Herrn Postsekretär Zinser

und mir! Stillschweigend klappte ich die Mappe zu und

ging zur Türe hinaus, äußerlich Entrüstung heuchelnd,

innerlich mich krümmend vor Vergnügenl“ (s. S. 541).

Doch wieder zur politischen Entwicklung in Reichelsheim:

Schon früh hatten die Reichelsheimer Sympathien für

rechtskonservative und völkische Parteiprogramme gezeigt,

wie bereits berichtet wurde. Die „Neue Tageszeitung“

und der „Bauernkalender“ stimmten die Menschen

dieser Region immer wieder auf einen Umbruch

gegen Republik und Demokratie ein. Auch wurde von

diesen Presseerzeugnissen Adolf Hitler, der Führer der

NSDAP, schon früh „salonfähig“ gemacht und als

„Kämpfer für die richtige Sache“ vorgestellt. So hieß es

im „Bauernkalender 1925“ (Friedberg 1924, S. 76):

„Die 28tägigen Verhandlungen des Hitler-Prozesses.

. _ entschleierten rücksichtslos die parlamentarische

Korruption und brachten eine scharfe Abrechnung mit

allen Schuldigen am heutigen Elend . . . Eines kann man

den Männern nicht absprechen: Mut zur Tat. Verant-

wortungsfreudigkeit und zu jedem Opfer bereite Vaterlandsliebe“

(Entnommen: „Hessen unterm Hakenkreuz“,

S. 212).

Der Boden war gut vorbereitet, die Ernte sollte sich

bald zeigen! Bei den Reichstagswahlen 1928, vor der

Weltwirtschaftskrise, waren die Stimmengewinne hier in

Hessen noch recht gering, wenn auch höher als im

Reichsdurchschnitt. Aber es ging augenscheinlich „aufwärts“:

Immer mehr NSDAP-Ortsgruppen wurden gebildet,

immer mehr kam der Hessische Bauernbund bzw.

Hessische Landbund unter Druck - immer aggressiver

wurde vor allem die Agitation gegen die Weimarer Republik

und die sie tragenden Parteien. Nur in den katholischen

Ortschaften blieben die Erfolge der NSDAP mager,

dort konnte sich - aktiv unterstützt von der katholischen

Geistlichkeit - das Zentrum bis in das Jahr 1933 als

klar stärkste Kraft behaupten.

Im Jahr 1930 machte Pfarrer Rühl im Kirehenbuch folgende

Anmerkung:

„Der Herbst des Jahres brachte Reichstagswahlen (14.

September 1930) und damit für Reichelsheim eine Flutwelle

des Nationalsozialismus. Die ganze Jugend, aber

auch reife Leute, darunter führende Männer der Gemeinde,

bekannten sich dazu“ (s. S. 551).

lm Reichsdurchschnitt erhielt die NSDAP etwas über

18%, in Reichelsheim aber: 39,4%! Die „Frankfurter

Zeitung“ kommentierte das Wahlergebnis u. a. wie folgt:

„Erbitterungswahlen also, in denen eine aus vielen

Ouellen gespeiste Stimmung, durch eine wilde Verhetzung

aufgewühlt, sich in radikalen Stimmzetteln entlud.

Kein positiver Wille, auch nicht der zu einem wirklichen

Umsturz des heutigen Staates, nicht einmal der zu einem

gewaltsamen Versuch des Umsturzes unserer heutigen

außenpolitischen Grundlagen, steht hinter einem großen

Teil dieser radikalnegierenden Stimmen. Ein solcher

148


_ *-

-waııfi

Arbeit und Freizeit

in Reichelsheim

um 1930


Umsturzwille ist, wir dürfen uns wahrhaftig nicht in Illusionen

wiegen, bei einem Teil sicherlich vorhanden. Der

andere Teil hat lediglich Protest gewollt. Protest. _ . gegen

die Methoden des Regierens und Nichtregierens, des

entschlußlosen parlamentarischen Parlamentierens der

letztvergangenen Jahre . . _ Protest gegen die wirtschaftliche

Not, die fruchtbar ist und die viele, zum Teil aus ehrlicher

Verzweiflung, zum anderen bloß aus Ärger über

diese oder jene Einzelmaßnahme, einfach in die Stimmung

treibt: die Partei, für die sie bisher gestimmt hatten,

habe ihnen nicht geholfen, also versuche man es nun

einmal mit einer anderen Tonart. Hitler verspricht ja

Macht, Glanz und Wohlstand. Alsol“ (Entnommen: W.

Tormin „Die Weimarer Republik“, S. 197)

Die Weltwirtschaftskrise, der die Reichsregierung seit

1930 mit der Politik der „Gesundschrumpfung der Wirtschaft“

begegnen wollte, die aber vor allem zu Firmenzusammenbrüchen,

zu rapide steigender Arbeitslosigkeit,

zu Wohnungslosigkeit (die Mieten konnten nicht mehr

bezahlt werden / neue, billige Wohnungen wurden wegen

fehlender Finanzmittel nicht mehr gebaut) und damit

zu Verzweiflung führte, zumal kaum eine soziale Absicherung

von seiten des Staates gegeben war - dies alles

zeigte bald Wirkung, vor allem dort, wo die Lawine

schon ins Rutschen gekommen war!

Betreffend der sozialen und politischen Situation in

Reichelsheim schrieb Pfarrer Rühl: „In diesem Jahr 1931

fing die wirtschaftliche Not an, sehr fühlbar zu werden.

Sogar in unserem landwirtschaftlich noch stark orientierten

Reichelsheim wuchs die Zahl der Arbeitslosen und

auch der Bauer kam in Not. Die Steuern wuchsen unaufhörlich,

während die Preise für die Erzeugnisse, Frucht

und Schlachtvieh immer weiter zurückgehen. Man sieht

diese Not z. B. an einem Zeichen: Während es in der Inflationszeit

kaum möglich war, in der Eisenbahn einen

Sitzplatz zu bekommen, ist eben dieselbe oft so leer, daß

wohl kaum die Unkosten für die Züge gedeckt werden.

Die Bahnverwaltung läßt auch die Züge immer kürzer

werden.

ln diese Zeit der Not und die damit verbundene Stimmung

der Niedergedrücktheit und der Verzweiflung hinein

trafdann im Herbst das Einsetzen einer Flutwelle von

nationalsozialistischer Agitation. Unser Reichelsheim,

das gewohnt war, sich auch bei großen politischen Versammlungen

zurückzuhalten, bei denen die meisten

Wahlredner-Versammlungen im Wirtszimmer abgehalten

wurden, sah aufeinmal Versammlungen im zum Brechen

überfüllten Saal, erlebte aufeinmal, daß erst junge

Mädchen, später auch verheiratete Frauen zum Zuhören

bei diesen Versammlungen erschienen. Als dann Hitler

selbst in Gießen sprach, fuhr die Hälfte der Einwohnerzahl

dorthin, um ihn zu hören.

_

Am 15. November war dann die Landtagswahl. Sie bedeutete

für Reichelsheim den unbestrittenen Einzug des

Nationalsozialismus:

Nationalsozialisten: 340 Stimmen = 68,97 %

Sozialdemokraten: 48 Stimmen = 9,74 %

Landbund: 38 Stimmen = 7,71 %

Kommunisten: 22 Stimmen = 4,46 %

Deutsche Volkspartei: 18 Stimmen = 3,65 %

Deutschnationale VP: 9 Stimmen = 1,83 %

Sozialist. Arbeiterpartei: 7 Stimmen = 1,42 %

Christlich Soziale: 6 Stimmen = 1,22 %

Kommunistische Opposition: 2 Stimmen = 0,41 %

Radikaldemokraten: 2 Stimmen = 0,41 %

Zentrum: 1 Stimmen = 0,20 %

In diesen Zahlen spiegelt sich zugleich die starke Zersplitterung,

ein Zeichen der Ratlosigkeit der Wählerschaft

soweit sie nicht auf Hitlers Seite stand. Unerhört

ist der Rückgang des Landbundes, der bis dahin hier sei-

150


..«/""`\

Reiterfest Anfang der dreißiger Jahre

151


ne Hochburg gehabt hatte. Aber seine Führer selbst

waren mit fliegenden Fahnen zu Hitler übergegangen“

(s. Kirchenbuch, S. 553).

Anmerkung: In diesem Jahr, also 1931, wird in Reichelsheim

auch eine NS-Ortsgruppe sowie ein SA-Sturm

gebfldet

Wie sehr schon vor der „Machtergreifung“ am 30. Januar

I933 die Reichelsheimer Bevölkerung hinter der

„Bewegung“ stand, das zeigt die Schilderung des Lehrers

Kellers in der „Heimatchronik“ zu Ausschreitungen in

Reichelsheim. Die Reichsregierung hatte, nachdem sich

die Ausschreitungen bei politischen Veranstaltungen

während des Wahlkampfes um das Amt des Reichspräsidenten

(2. Wahlgang zwischen v. Hindenburg gegen Hitler

am 10. 4. 1932) gehäuft hatte, die SA für die Dauer

vom 13. 4. bis zum 17.6. 1932 verboten. Was in Reichelsheim

ablief, dazu sei hier also Lehrer Keller das Wort erteilt:

„Der 13. April 1932, ein Ehrentag für Reichelsheim

Der Chronist hat als Augenzeuge die ganzen Ereignisse

dieses 13. April miterlebt und erzählt darüber folgendes:

Es war ein stiller, dunstiger Apriltag, dieser 13. April,

der sollte zu einem Ehrentag aller vaterländisch gesinnten

Reichelsheimer werden. Die Männer waren zum

größten Teil draußen bei der Frühjahrsaussaat im Felde.

Um die Mittagszeit sah ich zufällig aus dem Fenster meiner

Wohnstube. Da fiel mir ein grünes Auto auf, das vor

dem Hause des Sturmführers A. R. hielt. Am Auto stand

ein Schupo (= Schutzpolizist). Ich dachte mir gleich, da

stimmt etwas nicht und ging sofort aufdie Straße, wo sich

vor dem Hause des Sturmführers schon eine Anzahl Kinder

und Erwachsene, darunter der damalige Beigeordnete

V. eingefunden hatte. Ich erfuhr von ihm, was los war.

Der Hess. Innenminister Leuschner, ein Sozialdemokrat

und ausgesprochener ›Nazifresser< hatte die polizeiliche

Beschlagnahme aller Hakenkreuzfahnen und braunen

Uniformstücke sowie Mitgliederlisten der SA und der

Ortsgruppe der NSDAP angeordnet. Hier in Reichelsheim

wurde ein Kriminalbeamter und 2 Schutzpolizisten

von Bad Nauheim beauftragt. Ich sah nun auf den Hof.

Auf der Treppe oben stand ein Polizist, während der Kriminalbeamte

und der Polizeidiener die Durchsuchung

vornahmen. Es wurde alles durchsucht nach verbotenen

Gegenständen, auch nach Waffen. Für die Mutter des

Sturmführers, Witwe R., waren es wirklich grauenvolle

Stunden, als dieser eigenartige Besuch in ihrem Hause

alles durchstöberte. Immer mehr Menschen sammelten

sich an, denn wie ein Lauffeuer ging es durch das ganze

Städtchen. „Die Polizei hält Haussuchung abl“ Mißbilligende

und erregte Zurufe wurden laut, denn man konnte

dieses rigorose Vorgehen der Polizei nicht begreifen. Die

Jugend sang Kampflieder, so daß der Polizeidiener erregt

auf die Straße kam und Ruhe bot. Als die Haussuchung

beendigt war, ging es zum Hause von O. P. , dessen

Auto der Beschlagnahme verfiel, da es angeblich im

Dienste der NSDAP Verwendung gefunden hatte. Hierbei

kam es zu erregten Auseinandersetzungen mit der

Polizei. O. P. mußte selbst sein Auto steuern und unter

Polizeilicher Bedeckung nach dem Hofe des Bürgermeisters

S. verbringen, wo es sichergestellt wurde. Unter

lauten Pfuirufen fuhr dann das Auto der Polizeibeamten

weg, um an anderen Orten den Befehl der marxistischen

(korrekt wäre gewesen: sozialdemokratisch geführten)

Regierung auszuführen. Allmählich kehrte wieder Ruhe

in die Stadt ein, nur hier und da standen einzeln Gruppen

in erregter Aussprache beeinander.

Ich ging ins Pfarrhaus zu Pfarrer Rühl, der damals als

einer der wenigen Geistlichen sich schon zu Adolf Hitler

bekannte. Frau Pfarrer Rühl war zur Witwe R. gegan-

152


gen, um etwas Trost zu sagen. Gerade kam sie von ihrem

Besuche die Straße herauf, als 2 Schutzpolizisten in

schnellem Tempo auf einem Motorrad anfuhren. Der

Soziusfahrer, der mir persönlich bekannt war, schwang

seinen Gummiknüppel. Ich lief hinaus und ging mit ihnen

in den Hof des Bürgermeisters. Der eine Schupo

sprang in das Auto des O. P. und stellte den Motor an.

Das Auto sollte abtransportiert werden. Inzwischen hatte

sich draußen in der Kirchgasse vor der Bürgermeisterei

eine Menge erregter Menschen eingefunden, die den

Abtransport des Autos nicht zugeben wollte. Als der

Bürgermeister das Tor öffnete und einen Wagen herausschob,

schrie die Menge auf ihn ein. Die 2 Schupobeamten

und der Bürgermeister zogen sich bald darauf in das

Haus zurück, denn sie sahen ein, daß gegen diese Hunderte

von Menschen sich nichts ausrichten ließ. Um nun

den Abtransport des Autos gänzlich unmöglich zu machen,

wurden aus den umliegenden Bauernhöfen Wagen,

Pflüge, dicke Holzbalken, Steine u. a. m. herbeigeschafft

und die Kirchgasse beiderseitig gesperrt.

Inzwischen hatten die Schupobeamten von dem Bürgermeisteramt

aus telefonisch ein Überfallkommando

herbeigerufen. Ehe es ankam, hatten mutige junge Leute

eine Hakenkreuzfahne herbeigeschafft und zuerst auf

einer Linde auf dem Kirchplatz dann aber droben am

höchsten Fenster des Kirchturms gehißt.

Da ertönten auch schon laute Rufe: „Das Überfallkommando

kommtl“ Es wurde mit dem Horst-Wessel-

Lied und „Heil-Hitlerl“-Rufen empfangen. Ängstliche

waren schon in die Seitenstraßen geflüchtet. Ich stand

auf dem Kirchplatz. Das große, grüne Schupo-Auto

hielt! Über 20 Uniformierte sprangen ab. Kommandorufe

der beiden Schupooffiziere! Ein schnelles Ausrichten!

Die Gewehrkammern wurden rasselnd aufgerissen,

scharf geladen, die Gewehre geschultert, die Gummiknüppel

gepackt! Und nun wird die Meute auf die begeisterte

Menge losgelassen. Laute Pfui-Rufe ertönen! Nur

langsam weichen die Reihen zurück. Dabei zeigt es sich,

daß junge Reichelsheimer Mädchen furchtloser und mutiger

sind als mancher starke Jüngling!

Ein Ziel des Überfallkommandos hat indessen die

Barrikaden beiseite geschafft und eine Gasse für das abzutransportierende

Auto geschaffen. Dieses fuhr alsbald

ab und wurde einigeWochen in Bad Nauheim sichergestellt.

Bald darauf fuhr auch das Überfallkommando davon

und bekam einige Abschiedsgrüße in Form von harten

Chausseesteinen nachgesandt.

Es war Abend geworden. Da schmettert ein Trompetensignal

durch die Straßen. Die ganze Gemeinde wird

zu einer öffentlichen Bürgerversammlung im Saale des

Gasthofs ,Zur Post“ eingeladen. Man will nochmals Stellung

nehmen zu dem aufregenden Ereignis des Nachmittags.

Mehrere Sprecher verhehlen nicht ihre Erschütterung

über das provozierende Verhalten der Schupo. Alle

mahnen aber zu Ruhe, Einigkeit und Besonnenheit. Da

dringt die Nachricht in den Saal, daß das Überfallkommando

zum 2ten Male in der Kirchgasse erschienen sei.

Da sprechen auch schon 2 Schupo-Offiziere beim Gastwirt

vor. Nachdem die sich davon überzeugt haben, daß

alles in Ruhe abläuft und keine Unruhen mehr zu befürchten

sind, rückt das Überfallkommando ab in seine

Kaserne nach Butzbach.

Hatte die marxistische Regierung geglaubt, durch die

harten Maßnahmen dem Nationalsozialismus einen tödlichen

Schlag zu versetzen, so hatte sie sich gewaltig

getäuscht. Gerade die Vorkommnisse in Reichelsheim

führten der NSDAP am hiesigen Platze neue Freunde

zu. Dies zeigt sich vortrefflich bei den Wahlen, bei

denen die nationalsozialistische Stimmenzahl dauernd

wächst.

153


Eine Anklage gegen 38 Reichelsheimer, darunter auch

mein Junge, Schüler der Augustinerschule in Friedberg,

wegen Landfriedensbruchs und Widerstands gegen die

Staatsgewalt anläßlich der Vorkommnisse am 13. 4.

bringt in den Monaten des Jahres 32 viel Unruhe und

manche Sorge in dieses oderjenes Haus. Nur einem günstigen

Umstande ist es zu danken, daß das Gerichtsverfahren

nicht zur Durchführung kam.. . Durch geschickte

Maßnahmen des nationalsozialistischen Verteidigers

wird der bereits festgelegte Termin der Gerichtsverhandlung

immer wieder hinausgeschoben. Endlich sollte im

Januar die Aburteilung der Angeklagten erfolgen. Da

kam im Dezember, einige Tage vorher, der Amnestie-

Erlaß der Reichsregierung! Das Verfahren wurde eingestelltl“

(s. H. Keller, „Heimatchronik“, S. 102-107)

Anmerkung:

Die Maßnahme der Reichsregierung und in Folge davon

der Polizei konnten nicht verhindern, daß nun (nach

dem Uniformverbot) SA-Stürme in geschlossener Formation

mit nacktem Oberkörper durch die Dörfer zogen.

Es zeigte sich im Gegenteil, daß das Vorgehen der

Behörden gegen die Nationalsozialisten tatsächlich eher

eine unkritische Solidarisierung der Menschen mit dieser

„Bewegung“ bewirkte. Der Boden war bereitet- es kam,

was anscheinend kommen mußte!

Luftaufnahme von Reichelsheim 1930

(Besitz der Familie Rohde)

154


155


9. d) Die Zeit der Verblendungz das „3. Reich“

SA -A ufmarsch in Reichelsheim

1933 (rechts der umfriedete Kirchhof)

„Es ist der 30. Januar. Da kommen die Schulkinder

der höheren Schule von Friedberg nachmittags mit Nachrichten

heim, die wir nicht glauben wollen. Aber eine

Stunde später, wir sitzen gerade wieder beim Kaffee zusammen,

wie einst, als die Polizei zur SA-Auflösung vorfuhr,

diesmal im Hause des Lehrers Keller zu einem kleinen

Familienfest- da geht der Ortsdiener mit der Schelle

durch die Straßen. Gerade vor dem Fenster, an dem wir

saßen, machte er Halt zur Bekanntmachung:

„Der Herr Reichspräsident hat den Führer der

NSDAP, Adolf Hitler, zum Reichskanzler ernanntl“

Was er weiter noch sagte, ging unter in dem Jauchzen

von Kindern und Erwachsenen“ (s. .Kirchenbuch,

S. 563).

In Reichelsheim kam es am 26. Februar 1933 zum Bürgermeisterwechsel,

da der bisherige Bürgermeister ver-

storben war. Er war es gewesen, der im April 1932 bei

der „Revolution“ die Seite der Ordnung und des Rechts

mitvertreten hatte, der aber seit jenem Tage in den Augen

der meisten Reichelsheimer „durch mancherlei Umstände

und Irrgänge des Lebens in die falsche Bahn geraten“

war (s. Kirchenbuch, S. 563); betrübt seien die Reichelsheimer

wohl gewesen, weil man aufihn „einst große

Hoffnungen gesetzt“ hätte.

Am 26. Februar 1933 wurde Bürgermeister Veith gewählt.

Da die von Hitler durchgesetzte Reichstagswahl

unmittelbar bevorstand (5. März), die Euphorie vom

30. Januar durch die gelenkte Presse noch wirkungsvoll

am Leben gehalten worden war, galt diese Bürgermeister-Wahl

in Reichelsheim als „Stimmungsbarometer“

für die Zustimmung der Bevölkerung zur NSDAP.

Im Kirehenbuch ist darüber zu lesen: „Am 26. Februar

wurde Bürgermeister Veith gewählt. Acht Tage vor der

großen Reichstagswahl (5. lII.): es war die letzte Bürgermeisterwahl

in Hessen: Bürgermeister V., der erste nationalsozialistische

und der letzte ›gewählte< Bürgermeister

Hessensl“ Daß der berichtende Pfarrer das Wort

„gewählte“ in Anführungszeichen gesetzt hatte, weist

wohl auf die Häme hin, die gemäß der Auffassung der

Hitler-Partei dem demokratischen Prinzip einer Mehrheitsentscheidung

zugedacht war.

lm Kirehenbuch wird weiter ausgeführt: „Er (Bürgermeister

V.) hat von seinem Amt sofort entschlossen Gebrauch

gemacht. Als nach der Reichstagswahl man zu

ihm kam und die schwarz-rot-goldenen Fahnen (= die

der demokratischen Republik) forderte, um sie zu verbrennen,

. _ . da waren sie schon nicht mehr da; er hatte

sie schon verbrannt“ (s. S. 564).

Pfarrer Rühl, der seine Rolle in Reichelsheim als wichtiger

Meinungsführer seit der absehbaren Wende zum

Nationalsozialismus nicht mehr nur als Pfarrer gesehen

156


'

hatte, war 1932 erst dem NS-Lehrerbund, dann der

NSDAP als Mitglied beigetreten; bald engagierte er sich

in dieser „Bewegung“ auch als „Schulungsleiter der HJ“

(= Hitler-Jugend) für mehrere Gemeinden in der

Wetterau und schließlich auch als Mitglied des Oberbannstabes

Oberhessen.

Wenn überlegt wird, daß der beliebteste Lehrer und

der geachtete Ortspfarrer sich gemeinsam für eine Sache,

für eine totalitäre Parteiideologie engagieren, so

wird eine spürbare Auswirkung auf die Einstellung der

Einwohner der Gemeinde, in der sie wirken, nicht ausbleiben

können.

In Reichelsheim zeigte sich die Wirkung nicht nur vor

1933, sondern auch sogleich danach. Zwei Objekte wurden

von ihnen initiiert oder zumindest aktiv unterstützt:

1. Der Umbau der gepachteten „Bingenheimer Mühle“

an der Straße nach Blofeld im Norden des Ortes zu

einer „Herberge und Schulungsstätte der neuen deutschen

Jugerıd“, benannt nach Peter Gemeinder, dem

verstorbenen NS-Gauleiter von Hessen-Nassau; und

2. die Errichtung eines „NS-Ehrenmales“ auf dem Lugbzw.

Lochbcrg, dem ehemaligen Weinberg der Gemeinde

Reichelsheim. Lehrer Keller, der Initiator

und Gestalter dieses „Mahnmals“, konnte nach Aussagen

von Zeitzeugen nahezu jeden Tag dabei beobachtet

werden, wie er mit dem NS-Jungvolk und/oder

der Hitler-Jugend an der „Baustelle“ wirkte.

Daß die Idole des neuen Regimes für die Menschen in

Reichelsheim stets gegenwärtig waren, dafür sorgte aber

noch mehr die Tatsache, daß die wichtigsten Straßen auch

neue Namen erhalten hatten: Die Dorn-Assenheimer Straße

(heute Florstädter Straße) von der Kirche an lautete nun

„Adolf-Hitler-Straße“, die Bingenheimer Straße wurde in

„Hermann-Göring-Straße“ und die Weckesheimer Straße

in „Horst-Wessel-Straße“ umbenannt.

R

Nazi-Gedenkstätte auf dem Lugberg

bei Reichelsheim (1933 wurde dieses „Ehrenmal“

errichtet, 1945 kurz vor Eintreffen der Alliierten

wieder abgerissen)

Ein Jahr nach dem politischen Wandel in Deutschland

kam es in Reichelsheim zu einem Wechsel im Pfarramt:

Der seit 1922 hier tätige Pfarrer Rühl wurde nach Friedberg

an die Stadtkirche und zugleich zum Dekan berufen.

Sein Nachfolger wurde Pfarrer Louis Carl, der bis

1958 (mit Ausnahme der Zeit, als er als Soldat Dienst leistete,

hier seinen Dienst tat. Pfarrer Carl, der dem neuen

Regime auch positiv gegenüberstand, wenn auch nicht

derart fanatisch wie sein Vorgänger, bemühte sich ernsthaft

darum, mit Kulturveranstaltungen das Gemeinde-

-~›w.,"

157


leben in Reichelsheim zu bereichern. Als Pfarrer mußte

er aber bald mit tiefem Bedauern feststellen, daß es

zwischen politisch-weltlicher Gemeinde und Kirche zu

einer Entfremdung kam. Daß diese Trennung besonders

von dem herrschenden System gefördert wurde,

mußte ihn besonders gekränkt haben, sah er doch

selbst offiziell keinen Widerspruch zwischen christlichevangelischer

Anschauung und NS-Ideologie; und er

glaubte wahrscheinlich auch an die Aussagen Hitlers

in seiner Regierungserklärung vom 1. Februar 1933,

daß „das Christentum als Basis unserer gesamten Moral“

anzusehen sei bzw. daß „beide christliche Konfessionen

wichtigste Faktoren der Erhaltung unseres

Volkstums“ seien (s. E. Aleff „Das Dritte Reich“,

S. 49).

Carl mußte feststellen, daß immer mehr Menschen

aus seiner Kirche austraten; auch wurde auf Druck der

Kreisleitung der NSDAP der damalige Bürgermeister

veranlaßt, seine Funktion als Vositzender des Kirchenvorstandes

aufzugeben, weil sich angeblich die Mitgliedschaft

im Kirchenvorstand mit dem nationalsozialistisch

geprägten Bürgermeisteramt im Dritten Reich

nicht vereinbaren ließe. Damit war ein Bruch in die

Reichelsheimer Tradition eingetreten, wonach der

Bürgermeister stets Mitglied, sehr häufig auch Vorsit-

zender des Kirchenvorstandes war - ein Bruch, der

Wirkungen auf das Verhältnis zwischen weltlicher und

kirchlicher Gemeinde haben mußte. Wie sehr dieser

Bruch von der NS-Bewegung gewollt war, zeigt die

Tatsache, daß ab Frühjahr 1938 kein Pfarrer mehr Religionsunterricht

an den Schulen erteilen durfte - auch

nicht Pfarrer Carl, was diesen sehr betrübte.

Doch dies trübte nicht das Verhältnis der Reichelsheimer

zum herrschenden Regime. Die NS-Propaganda

sorgte durch die unendliche Reihe von „Erfolgsmeldungen“,

daß die Stimmung insgesamt optimistisch blieb.

Daß vieles gar nicht selbst erzielt, sondern Ergebnis

einer verbesserten Weltkonjunktur war, das wurde -

wenn überhaupt - nur am Rande erwähnt. Daß die Senkung

der Arbeitslosenzahlen auch etwas damit zu tun

hatte, daß der Arbeitsdienst eingeführt worden war, daß

die Frauen aus den Stellungen im öffentlichen Dienst

oder die jüdischen Mitbürger nach und nach aus allen Bereichen

des Arbeitslebens verdrängt wurden - das wurde

nicht gemeldet. Statt dessen wurden „Arbeitsdienst“,

der Bau von Kasernen, Flugplätzen, Autobahnen propagandistisch

herausgestellt und immer und immer wieder

bejubelt. Der Glaube an den herbeigesehnten Aufschwung

wurde festgehalten - auch wenn in den Lohntüten

der einfachen Menschen keine Steigerung erkennbar

war!

„Arbeitsleben/A rbeitsdank “, Mitte der 30er Jahre

(Bilder im Besitz der Familie Diel)

158


zi

j J r

159


Nachdem sich Hitler schon am 1. August 1934, dem

Tage des Todes des Reichspräsidenten v. Hindenburg,

verfassungswidrig und damit widerrechtlich die Funktionen

des Staatsoberhauptes zugeordnet hatte, ließ er sich

die „Richtigkeit“ dieser verfassungsändernden Maßnahme

durch eine Volksabstimmung bestätigen.

Bürgermeister V. konnte am Abend des 19. August

dem Kreisleiter in Friedberg folgendes Ergebnis aus Reichelsheim

durchtelefonieren:

„Gesamtzahl der Stimmberechtigten: 632

Gesamtzahl der überhaupt abgegebenen

Stimmen: 621

Zahl der gültigen Ja-Stimmen: 600

Zahl der Nein-Stimmen: 21 “

98,26 % der Abstimmungsberechtigten waren demnach

in das Wahllokal gegangen, und von diesen sagten wiederum

96,62 % „Ja“ zum „Gesetz über das deutsche

Staatsoberhaupt“ und legitimierten damit die Ausweitung

der Macht des Diktators (s. hierzu Unterlagen im

Archiv der Stadt Reichelsheim).

Das Schicksal Deutschlands warf seit 1935 seine ersten

Schatten voraus, aber sie wurden völlig im Geiste der

Zeit erkannt:

„Eine große Überraschung erlebten wir am Montag,

dem 18. März, als es hieß: Morgen bekommen wir Einquartierung.

Zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder

einmal Soldaten im Dorf. Zwei Tage blieben sie hier. Für

die Kinder und die Jugend ein ungewohnter Anblick, für

die Älteren eine Erinnerung an große und schwere Zeiten,

für uns alle eine Hoffnung auf eine ehrenvollere Zukunft

unseres Vaterlandes. Am 16. März, dem Vortag

des Heldengedenktages, hatte Adolf Hitler die Fesseln

des Schmachvertrages von Versailles abgeschüttelt und

die allgemeine Wehrpflicht eingeführt“ (s. Kirchenbuch,

S. 575).

Im gleichen Jahr, also 1935, wurden auch die ersten

jungen Reichelsheimer Rekruten zur Wehrmacht und

zum Arbeitsdienst eingezogen. Von Jahr zu Jahr steigerte

sich die Zahl der jungen Leute, die für den neuen

Krieg, für „eine ehrenvolle Zukunft“, für die immer und

immer wieder geforderte Gewinnung von „Lebensraum

für das deutsche Volk“ ausgebildet wurden.

1936 wurden die Reichelsheimer erneut zu einer

Reichstagswahl gerufen. Es gab zwar seit dem 14. Juli

1933 in Deutschland durch Gesetz nur noch eine erlaubte

Partei, die NSDAP, doch sollte dem In- und vor allem

dem Ausland gezeigt werden, wie sehr das deutsche Volk

den Führer und seine Politik unterstützte. Da man bei

dieser „Wahl“ kein Risiko eingehen wollte, schrieb z. B.

das Friedberger Kreisamt an alle Gemeinden des Kreises:

„Friedberg, den 17. März 1936

Betr.: Reichstagswahl am 29. März 1936

An alle Ortsgruppen- bzw. Stützpunktleiter der NSDAP

Für die Reichstagswahl am 29. März 1936 sind für die einzelnen

Abstimmungsbezirke Abstimmungsvorsteher

und Stellvertreter von uns zu berufen. Wir beabsichtigen

als Abstimmungsvorsteher den Bürgermeister und als

Stellvertreter des Abstimmungsvorstehers den Ortsgruppenleiter,

bezw. den Stützpunktleiter zu ernennen.

In den Orten, in denen der Bürgermeister zugleich Ortsgruppenleiter

bezw. Stützpunktleiter ist, kommt als

Stellvertreter der erste Beigeordnete in Frage. Falls uns

bis spätestens 21. März 1936 keine gegenteilige Äußerung

zugeht, unterstellen wir Ihr Einverständnis.

Heil Hitler“

(s. Unterlagen im Archiv der Stadt Reichelsheim).

Der Reichelsheimer Ortsgruppenleiter, also der Parteivorsitzende

der NSDAP, wurde damit als der eigentliche

Verantwortliche für die Wahlorganisation und

160


-durchführung von der Aufsichtsbehörde gesehen, nicht

der offizielle Verwaltungsleiter der Gemeinde, also der

Bürgermeister. Der damalige Reichelsheimer Ortsgruppenleiter

bestätigt durch Unterschrift: „Zur Kenntnis genommen“.

Betreffend 1937 ist über die Errichtung eines Flugplatzes

für die Luftwaffe in unserer Gemarkung zu berichten,

und zwar in den Wiesen zwischen Reichelsheim und

Leidhecken. Da Wasser in jenem Wiesenbereich „reichlich“

vorhanden war, mußte eine Pumpstation eingerichtet

werden. Seit der Eröffnung des Platzes kamen immer

wieder einmal Übungsstaffeln nach Reichelsheim. Ein

Einsatzflugplatz wurde zum Glück für den Ort und die

Region nicht aus jener Anlage.

11938 wurde der Ort nach längerer Zeit wieder einmal

von Epidemien und Seuchen heimgesucht: Zu Beginn des

Jahres waren viele Einwohner an Keuchhusten erkrankt,

16 mußten gar ins Krankenhaus eingeliefert werden.

Im Frühjahr und Spätherbst wurde der Viehbestand in

Reichelsheim von der Maul- und Klauenseuche befallen:

Für manch einen Bauern war damit ein herber Verlust

verbunden!

Doch neben dem Schrecken und Leid, welehe Epidemie

und Seuche gebracht hatten, fühlten sich die Reichelsheimer

stolz, daß „wieder Weltgeschichte“ erlebt

werden durfte. „Die Zeit ist vorrüber“, so schrieb der

Ortspfarrer ins Kirchenbuch, „daß Deutschland nichts

mehr zu sagen hat. Nach 20 Jahren Not kehrten die Sudetendeutschen

heim in das Reich. Von Reichelsheim waren

verschiedene Reservisten und Landwehrmänner eingezogen“

(s. Kirchenbuch, S. 595 f.).

(Wer konnte damals ahnen, daß aufgrund der aggressiven

„Raum-Politik“ Hitlers 8 Jahre danach viele

Sudetendeutsche in Reichelsheim Unterschlupf suchen

mußten?)

Diese Einberufungen erinnerten manch einen Reichelsheimer

an das Leid des Ersten Weltkrieges. „Die

Wunden des Weltkrieges sind noch nicht verheilt“,

schrieb Pfarrer Carl treffend. Die Erinnerung an jene bedrückende

Zeit mag auch dadurch wach geworden sein,

daß nunmehr auch im ländlichen Reichelsheim Kurse zur

Ausbildung im Luftschutz stattfanden.

Während in Zeiten der Angst und Unsicherheit die

Menschen vermehrt Kraft und Hilfe in der Kirche suchen,

so wurden in diesen Monaten, gefördert und gefordert

von der NSDAP, die Kirchenaustritte zu einer „Alltäglichkeit“.

„Bis Anfang August (1939) traten insgesamt

30 hier wohnende Reichelsheimer aus. Es sind alles

Leute, die in der NS-Bewegung einen Posten haben. Die

Leute wurden von mir nicht besucht“ (s. S. 597). ..

.

-.0-*"'

- M ,ll .

Hitler-Jugendheim in Reichelsheim, erbaut 1939,

nachdem die Bingenheim.er Miihle nicht mehr zur

Verfiigung stand

(Nach dem Kriege zuerst von den Mechanischen

Werkstiitten Reichelsheim - „M WR “ - genutzt,

dann zum Kindergarten der Stadt umgebaut)

\"""

"lu

___.

161


'

V

9. e) Der 2. Weltkrieg

„Die Heuernte ging gut vorrüber. Das Wetter war

günstig. Als die Getreideernte begonnen war, gab es Regenwetter.

Vom ll.-21. war das Wetter sehr günstig. In

dieser Zeit wurde der größte Teil der Frucht abgemacht

und eingebracht.

In der ganzen Zeit aber lag auf uns der Druck der außenpolitischen

Lage: Danzig und der Korridor u.s.w.

sollen wieder zu Deutschland. Das Unrecht des Versailler

Vertrages muß wieder gut gemacht werden.

Wann wird es losgehen`?“

So lautet die Darstellung des damaligen Ortspfarrers

über den Sommer 1939 (s. Kirehenbuch S. 599).

Alltägliches neben der Erwartung von Schrecklichem,

das allerdings als nicht schrecklich, sondern als „historisch

notwendig“ angesehen wurde. Doch klang auch die

Furcht vor Schrecken und Tod aus den Zeilen: „Wann

wird es losgehen'?“

Der Bericht geht weiter:

„Da kam wie ein Blitz aus heiterem Himmel am Samstag,

um 3 Uhr morgens, die geheime Mobilmachung. Am

selben Tage schon mußten die Leute zum Teil einrücken,

am nächsten Tag mußten die Pferde abgeliefert werden“

(s. Kirchenbuch, S. 599 f.).

Wie sehr sich die Menschen in jener Zeit von der Kirche

- nicht nur in Reichelsheim - entfernt hatten, zeigt

ein kurzer, aber verzweifelter Eintrag des Pfarrers. Er

macht deutlich, wie sehr sich die Menschen mittlerweile

in ihrer Haltung zur Kirche gegenüber 1914 unterschieden:

„Am vorigen Sonntag, also am 2. Mobilmachungstag,

waren im Gottesdienst 18 Leute. Ist das nicht furchtbar!

In Leidhecken war nur ein Mann in der Kirche _ .. Deutsche

Christenheit, weißt Du nicht, daß angesichts eines

drohenden Krieges das Bedürfnis lebendig sein muß, vor

Gottes Angesicht gemeinsam zu treten?!“ (s. S. 600 f.).

Qimtiiciie

1

ß_efaııııimıidJiiiıa.

l','\.ıı"\ '_.„. "

er mit ıimmıuiiıiıit. ue aoırmıiiien auf ue fmenuıı

. ííailuwcn biniiiwetilen.:

_ .. I I, *__

1.. tqngianb iii, ıniimf (lirwnrtnr. aldi! gemliit. ben Rrirg- gegen

mcuiidgiınıtı uıı-fμıgcbc-ii.. Es iii i›.alm¬ mit einer langen Ri-icçu›~

iınmr in r-ıdiaın. iiiriilmc ıınıtiiılıe Ruııbgcbııııgııi. hai; im. Strict;

im weiten vorüber ici., in-üflc-n helm: als iibırly mit mıgciıbeıı uıerheıı.

. 2. 'flieınıniiμrcciwib werben bie Itıiuinı-ı in im-n Heiraten ßebiıien in

an-im er-iirle lıı.i-mitm, :mb es iii mit wıiiır-cn Einberufungen 3::

H :träum ßcriuiiiiiien warnen nicht uerii-flrfililidjt meriicn._

1 _ _ . ,„u\ _ - rl, 1

"3. iiiiiuls :mb Siıgiıilrmsıaga fiub, wie MJ liıriıuıgeiiılit bat, ııiçii-t

in hei: Enge, íiufiangriife gu uırbiııbıım aber nuflulgalteii. wie

muiiilemng hat fid; bin-aiif ciııguiieilım. __

I. äisijır iiniı lı-«mitn in ilb-cr 70 imiiid,mı ëıíübien ıııiiiiiiriiılı-ii flirletie

bıirıh ßıımbcıi.-nııgıriflc miiiirt markiert. 311 aber bei Mt iebter

- _ B-hihi befinbııı fiel), wie iıher ißuitsgmniic we-iii, Qiningcn, bie nis

mliiiiiriidj-0 üblen: nniiuwre-dien ilnb. Sie in fluluııft mit einer

'ırbı-hlijiiı-u íiunniııne her britiídyin mit-angriff: gu redμıın iii,

eridμiııi es anne-rmcihiidj, hai; fait alle heiitidyı iäiiibic iıı iiifiiiiıiliicıiı

Idguii geμigcn werben.

_

er iii ber äiiiiruin ıinmögiiiiı, time weitere mit noch

einidtnei beiıbere øiiier ieiıeø einteiııen Iiniiøfieııolien ben

firleg iıieiieniiiiiiireııı fnivie eiiirimgen in hat Metten

eeiıieieiı iii unieriiiniieıı.. er iıiirb lieben Iioliøgaıviieıı

iiııiıeimgeiieili, aus tiefer Rage bie ibm notitieiıiiia ırliliciiıenbeıi

eiiiliille fiir iciııe iiiniiige išiniieiliiiiø iii gießen.

" 410

Flugblatt der engl. Propaganda 1941 (entnommen:

„Heil Beil “ - Flugblattpropaganda im

11. Weltkrieg, S. 117).

ı-

162


_

1;-i._'.`_ f':";'¦~.'.'..,'I;.""'¦l."¦:~.;'~i;.,"-1,'"¦_;¦l;-l1l:-_fI§I'll'I11'~I;fl1'¦:-i¦í:i:_l;f:"`;-Li:'-i;l::;Z_?-1-i-""'-" ""'_'-""-3'-'-ii-3:-._:;I_.fi-ii.-1;!':f'f.-,í1'-I-1'.-ii".¦íí' ' ' _ -~ - -- " *_

Die Menschen hinter der Front wurden auch von der

Feindseite „informiert“ über den Stand des Krieges, das

Verhalten der Soldaten hinter der Front oder die Versorgungslage

mit Lebensmitteln. Auf beiden Seiten lautete

die neue Strategie: Durch Flugblätter und durch Bomben

die Menschen in ständiger Angst, in ständiger Verunsicherung

zu halten, also ihre „Moral“ zu zerstören.

Pfarrer Carl, der trotz seiner tiefen Enttäuschung über

die Haltung seiner nationalsozialistischen „Schäfchen“

zur Kirche treu zum Regime stand, berichtete, daß auch

über Reichelsheim Flugblätter abgeworfen worden seien,

seines Erachtens „verfaßt von deutschen Emigranten

und Juden“.

Wie sehr die Menschen in jener Zeit propagandistisch

aufgeputscht waren, zeigt eine andere Bemerkung des

Ortspfarrers vom 11. 9. 1939:

„In unserer Zeit beginnen die Kriege wie eine Krankheit.

Sie fängt langsam an und steigt bis zur Krise. Noch

hoffen viele, daß es zu keiner Auseinandersetzung mit

den Waffen zwischen uns und den westlichen Gegnern

kommt. Die entscheidende Frage für die jetzige Lage ist:

WER GEWINNT DEN KRIEG VON 1914-19l8?“

(s. S. 602)

„Wer gewinnt den Krieg von 1914-l9l8?“

Dieser neue Weltkrieg soll nur eine Fortsetzung des

1. Weltkrieges gewesen sein? Nur eine Revanche? Nur

eine Möglichkeit zur „Wiedererlangung der nationalen

Ehre“?

Der Krieg gegen Polen war bald gewonnen, war bald

abgehakt und aus dem „Bewußtsein der Angst“ verdrängt.

Angst bestand aber darüber, ob und wann der

Krieg gegen England und vor allem Frankreich beginnen

würde.

Reichelsheim erlebte den Krieg durch Einquartierungen

von Soldaten aus anderen Teilen des Reiches. Ge-

_ . _ Ü' - '

llilll lil!!! \ ill

-_.¦-'-I="-,|;-f~f~`¦|j-!I;--I;'j5¦-.-l'-l__¦j"-I;-j7¦-'l'-f-¦'-I-'-¦¦-f.~.-;-_-` Ü '_

__ __ * _. c 'I _.

Mn einen ni iwiıııeıı, iii ber .fgeriı-rıiiıııiııçiıf; iebter .piiiılıtbunııbtıu

beutiıiıııi ßoliiıtcıı-..° - -- _-


Hııtiı üıı litıriııftüir 1

Dem fahrer ti ,ner men.

rufe. wi mil trimííl)iu,iiiir?i±-»ttiiiib«rim eıiıliıimiilíiiiiiiiiıiı-ıuiiigIı._it___

unit- in-ihiiii«liiiii_li;e_füiiiicb-išiifiirııfi, führe niliı 5 üeiılıiı

iilgııeil ııııb gt-ıi_ilii.ı_n_l,i_;i_l_ti_iii'iip_:1__ıiii“b_'_ reihe-' im Iintırriilit lgıinııbigı

'ilııieiiıinlimıi im-.it fi“.-iı_~i_cI,`i«ı›L_ _\!I'_iii__1_“¦__ı'ı_jliıi-M. W buirır " lıimmii "ii_rıı 1 Iınih

ins ßinriılıbutiıiilııií-. 1Iı'ıb"- in-ri-r im ltliııirlıblintailio-ıı ijt, im iii

-uiıiibienıbıiiıf-n Efliriıiiıimfiüiırırbilb. _ _ ' 1

iaıımaiafiiiıiııiiuı :mitm .aufgeiiuii,i imma an mimini

_\'ıi;rıe_ilı~.r Nıiilililıuiı' triiigii illb' ' geiıtw im-da 9t_uí1tııu-.bi--M« im

.tja-mina-ııbeu-1: im 'Sitten wartet ' iıbun., *mr ıuirli bein--miuriily

i¦§;._Üiiii-uit!-ou, in -mie. er Iııırımt, gl-leid) um hem `íE'_i~l~ıiı\iir'iıl)' an jiii'

!Dı_ı_rd,ıbrmhii'cIle -- unit ich»-n bull im bıln§.ı\__9i._ufiınlıbußi -_-fåiı-`ifi__

____!§ei'iı -iii -mm --'lıe.iıi ßnıııtj iii auf --~-±- ii_ırliı_-'ßııl-r Mıııilii -,iu _-_%`-L;

iıııiíı üiiimrbiib iii bir auf alle 'äilll-ı i-i_i!,ıeı:..~-'_ Mr. -_ aber ti-einen

ri»i=u=ii=~~- . S ._ ; 1 ;

íitieiıri. Iμıii 'ini "&liid.', bııuiı Iømııil`i."bıi. in ein 2usiıı¬c`tt.) 11.-nit

iiıb er- 1-im -1 Riı; ııfirit ge in ii§`l_i ii ita -lit-e~ı:._i ii Init c

benimmt infnıt 1 una íeil_,ııer"_ $ı_ııc[μ_ıı_g`ı.'~

In m ıı u ıı le Ii n s 3- ii ij i: ë___r lı tl li *in ii-er ıiınielilgerı 'Huawführıi-ng,

I8 :ic 26 mariídjıiirıı'-5' aber [en-iii, in it Ii er fig ıi nutiiinbigcn

uiniqridgriit bu {§il`lμ'*ı-ı1ı'__- in

füıliimilc. 1 1 '_ _

mit bu aber ißedj -~ b›:_ııı~u erijaltim beine .fiiintırb-liicbcnııı

im rgiiimıbiin. _ 1 *A „ _

i'§ni'gıımc. wiuiiinuciı [ie-lien .jut 3ı_ii 91i'ariıiıbutnl_iInnı'~|ilı

ben Eliten auf : ' ' __ - "

-__$S_Infanterie Div. Hehenatauifeug 2_›"26.,_I'543_ ı

ı I ı 3 ı g Iμını '_ _ in

Flugblatt

der englischen Kriegspropaganda 1943

(Entn. s. 0., S. 148)


`

_

spürt wurde er auch dadurch z. B., daß der Eisenbahnverkehr

nicht mehr in gewohnter Weise verlief. Anfang

1940 notierte Pfarrer Carl:

„Große Eisenbahnunglücke haben sich ereignet. Bei

Gentin in der Mark sind 200 Personen ums Leben gekommen.

Bei Nieder-Wöllstadt fuhren ein Personenund

ein Güterzug ineinander. Es hat mehrere Tote gegeben.

Mindestens 10 Eisenbahnunglücke haben sich ereignet.

Die Zeitungen schreiben kaum darüber. Zensurl“

(s. S. 608).

Trotz aller Angst machte man sich Mut, stärkte die

Hoffnung, der Krieg würde, wenn er dann richtig (also

gegen den Westen) begonnen hätte, nicht lange dauern:

„Im allgemeinen hört man vom Krieg folgende Ansicht:

›Der Führer hat gesagt: Der Krieg ist bis August

(- 1940) fertig! also wird es bald losgehen! Dabei werden

wir eine ganz furchtbare Waffe anwenden.< Den Optimisten

stehen die Pessimisten gegenüber, die sagen: ›Das

kennen wir vom vorigen Krieg noch her!


„Die Amtsbrüder haben aber wahrscheinlich keine Eintragungen

in die Chronik gemacht, weil sie Sorge hatten,

die Chronik könnte von den nationalsozialistischen Machthabern

beschlagnahmt werden und die Eintragungen dem

Chronisten zum Verhängnis werden“ (s. S. 618).

Diese Sätze weisen nicht nur auf einen Gesinnungswandel

des Pfarrers hin, sie verraten auch, daß die Reichelsheimer

aus ihrem Traum endgültig erwacht waren,

daß sie die NS-Lehre als Irrlehre durchschaut hatten.

Vielleicht hatte ihnen der Flugzeugabsturz über Reichelsheim

im Mai 1944 einen letzten Schock versetzt,

über den folgendes zu berichten ist: Ein feindlicher, in

einer Luftschlacht angeschossener Bomber „verhakte“

sich mit einer Tragfläche am Schornstein der Molkerei

(bei der Genossenschaft) und stürzte auf das gemeindeeigenen

Haus in der Bahnstraße, das als „Kinderschule“

und Verwal