Hilfe für Osteuropa e.V. - Jahresbericht 2018

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Tätigkeitsbericht unseres Osteuropahilfe-Vereins für 2018

„Bitte vergesst uns nicht“

Jahresbericht 2018

Ursula Honeck


Bis vor kurzem hatte ich das Gefühl, daß es

noch lange nicht dem Jahresende entgegen gehen

wird. Mit ganz wenigen Ausnahmen war es

meist warm, die Sonne schien noch kräftig vom

Himmel und meine Geranien auf dem Balkon

standen bis vor ein paar Tagen in voller Blüte.

Mit der Zeitumstellung und der damit verbundenen

frühen Dunkelheit wurde mir klar, daß die

Daten im Kalender der Realität entsprechen und

nicht mein Empfi nden. So ist es höchste Zeit

heute, Anfang November, mit meinem Jahresbericht

zu beginnen.

Wenn nichts dazwischen kommt, beginnt das

neue Jahr meistens mit der Informationsreise

meines Bruders und mir, nach Moldavien. Doch

diesmal ist mein Bruder, bedingt durch einen

Unfall seiner Ehefrau, leider nicht in der Lage

mit mir zu fl iegen. Kurz entschlossen begleitet

mich Thomas, mein Mann am 15. Januar als

stellvertretender „Bodygard“. Die Reise beginnt

mit einem Besuch in Orhei bei Episcop Nicodim

(Pater Joan). Gusti, unsre Dolmetscherin

aus Rumänien war wieder mit einem Kleinbus

gekommen und steht, wie immer halb verfroren

am Straßenrand in Chisinau. Es ist kalt, aber die

Straßen sind gottlob frei. Schneefall ist erst für

die nächsten Tage gemeldet und so hoffen wir,

daß wir das vorbereitete Programm ohne Probleme

durchziehen können. Im letzten Jahr war das

wegen eines Rückenproblems von Pater Igor,

der uns sonst immer aufs Land zu den Patenfamilien

begleitet, nicht möglich. In diesem Jahr

muss das Programm abermals etwas geändert

werden, da der Schwiegervater von Pater Igor im

Sterben liegt und er nur wenig Zeit für uns hat.

Wir besprechen unter anderem den letzten Hilfstransport,

der am 18. Dezember ohne Probleme

in Moldavien angekommen ist und schauen uns

Räumlichkeiten an, in denen eine Suppenküche

für Bedürftige eingerichtet werden soll. Geeignete

Geräte und Einrichtungsgegenstände stehen

in unserem Lager bereit und wären teilweise sicher

für ein solches Vorhaben geeignet. Es sei

zu erwähnen, daß unsere fl eißigen Mitarbeiter

alles mit viel Mühe und viel Zeit in einer Berufsschule

in Lörrach ausgebaut und anschließend

tipptopp gereinigt haben. Ein Teil davon soll auch

in die Klinik nach Edinet gebracht werden, wohin

am nächsten Tag unsre Reise geht. Am Fahrstiel

der jungen Priester hat sich bisher nichts

geändert, und ich bin nicht die einzige, die ab

und zu, zumindest im Geist versucht die Bremse

zu betätigen. Nach einem Rundgang durch die

400-Betten Klinik, in der sich, abgesehen von

den Dingen, die wir beim Dezembertransport gebracht

haben, nicht viel geändert hat, schauen

wir uns die Küche an. Eine alte Badewanne wird

zum Geschirreinigen verwendet, eine andere

zum Gemüsewaschen. In der Mitte des Raumes

befindet sich ein einziger Gasherd, auf dem die

tägliche Suppe in großen, alten Töpfen zubereitet

wird. Man bittet uns um Metallschränke für

die Kleidung des Küchenpersonals und würde

sich natürlich sehr über eine neue, wenn auch

gebrauchte Kücheneinrichtung und vieles mehr

freuen.

Pater Igor findet trotz familiärer Probleme am

nächsten Tag noch etwas Zeit, um uns zu einigen

Paten aufs Land zu bringen. Besonders im

Winter empfi ndet man die große Armut als besonders

bedrückend. Wir können nicht alle besuchen,

aber Pater Igor holt später die Besuche

nach, übergibt das Patenschaftsgeld und sendet

mir Bilder und die unterzeichnete Empfangsliste.

In Chisinau beziehen wir unser Domizil in der

Schwesternschule, welches uns von Frau Ala

Manolache schon seit Jahren zur Verfügung

gestellt wird. Schon kurz nach unserer Ankunft

werden wir von Sascha Pavlic abgeholt und zu

der gelähmten jungen Frau Ana Kalasnikov gebracht.

Ana bedankt sich sehr für das im Dezember

überbrachte Paket ihrer Patin aus Todtnau

und freut sich sehr über das Couvert mit dem Patengeld

und dem Brief. Sichtbar glücklich ist sie,

daß sie sich mit Thomas über ihre Krankheiten

und Unbefindlichkeiten unterhalten kann. Das

Vertrauen in die hiesigen Ärzte sei nicht immer

gerechtfertigt und soll häufig vom Geldbeutel abhängig

sein. Um den vorgegebenen Zeitplan einzuhalten,

müssen wir uns bald von Ana und ihrer

Mutter verabschieden und fahren mit Sascha in

einen anderen Teil der riesigen Stadt, um Fa-


milie Cara mit dem kleinen Alexander zu besuchen.

Alexander kam mit einem Herzfehler zur

Welt und sollte in Kiew operiert werden. Bedingt

durch Sauerstoffmangel auf der langen Reise

(ich hatte in meinen letzten Berichten darüber

geschrieben), hatte er einen Gehirnschaden

erlitten. Der Weg vom Parkplatz zu der Blockwohnung

ist total vereist und nur mit viel Mühe

und der Hilfe von Thomas können wir das düstere

Treppenhaus erreichen. Alexander ist groß

geworden, aber seine geistige Behinderung ist

nicht zu übersehen. Die Mutter und besonders

die Großeltern kümmern sich liebevoll um das

Kind, aber eine Heilung wird wohl kaum möglich

sein. In solch einem Land ein behindertes

Kind groß zu ziehen, ist eine immense Herausforderung,

der wohl die wenigsten Betroffenen

gewachsen sind. Es bleibt uns als einziges für

die Familie zu beten und um genügend Unterstützung

zu bitten. In der kleinen Wohnung von

Sascha und Dascha empfängt uns anschließend

eine kleine, liebevolle Familie, die nicht vergessen

hat, daß auch wir sie, damals noch ohne

Kind, gerne bei uns in Todtnau aufgenommen

haben. Unser Partner in Chisinau, Vladimir Nadkenitzschniy,

Präsident der Stiftung „Pro Umanitas“

hat wie immer das Programm bestens

vorbereitet, sodass am nächsten Tag pünktlich

mit dem Treffen der Patenfamilien aus Chisinau

und der damit verbundenen Geldübergabe begonnen

werden kann. Über ein kurzes Wiedersehen

mit Semion und seinem Vater in einem

Restaurant freuen wir uns ganz besonders (

Semion war im Alter von 2 Jahren an Leukämie

erkrankt und mußte jahrelange Klinikaufenthalte

mit Operationen und Chemotherapien in Moskau

über sich ergehen lassen. Er ist inzwischen

19 Jahre alt und besucht in England seit Kurzem

eine Hochschule). Ohne der Hilfe von HFO wäre

eine Genesung fast aussichtslos gewesen.

Bevor uns Sascha am nächsten Morgen, dem

20. Januar um 4.45 Uhr zum Flughafen fährt,

haben wir noch etwas Zeit um unseren Freund,

den Herzchirurgen Dr. Manolache zu treffen, der

wieder viel über die Klinik und die hiesige Situation

zu erzählen hat. Die jungen, guten Ärzte gehen

alle ins Ausland, es bleiben die älteren, weil

sie sowieso bald in Rente gehen und die Heimat

nicht verlassen wollen. Mit dem Klinikpersonal

und den Handwerkern sieht es auch nicht anders

aus.

Zu Hause angekommen türmt sich natürlich,

wie jedesmal die zu erledigende Arbeit auf dem

Schreibtisch, im Lager und im Haus. Am 3. März

soll unsre Jahreshauptversammlung stattfi nden,

zu der auch in diesem Jahr unsere Ehrenmitglieder

aus Moldavien und Gusti aus Rumänien

eingeladen sind. Natürlich ist Anfang März wieder

Fastenzeit bei den orthodoxen Gläubigen,

aber darauf kann ich bei der Terminplanung keine

Rücksicht nehmen. Episcop Nicodim (Pater

Joan) reist am 1. März mit drei Priestern an und

übernachtet auf Einladung der Seniorwirtin des

Gasthofs „Lawine“ mit Priester Adrian in Fahl.

Die beiden anderen Priester bringen wir in einer

kleinen Wohnung in der Nachbarschaft unter

und schon in der ersten Nacht gibt das Klappbett

unter der Last des einen etwas fülligen Priesters

den „Geist“ auf. Thomas geht mit Pater Joan und

Gusti ins Lager, um die schon erwähnte Großkücheneinrichtung

anzuschauen. Wir schreiben

ganz genau auf, was für die Suppenküche in Orhei

und was für die Klinikküche in Edinet passend

sein könnte. Der Transport muß sehr bald über

die „Bühne“ gehen, da wir ja schon wieder die

Vorbereitungen für den Frühjahrstransport nach

Rumänien in Angriff nehmen müssen. Alles wird

ausgemessen und gewogen, alle Gegenstände

werden für die Zolldeklaration in die rumänische

Sprache übersetzt (was manches mal nicht so

einfach ist und zu Mißverständnissen führt).

Letztendlich kann ein rumänisches Speditionsfahrzeug

am 12. April von unserer wunderbaren

Mannschaft beladen werden und die Reise nach

Moldavien antreten. Das war wirklich Knochenarbeit,

und den obligatorischen Wurstsalat von

Marlies Albrecht und ein Bierchen haben alle

Mitarbeiter nach dem Beladen ehrlich verdient.

Für die Erstellung der Transportpapiere und die

logistische Vorarbeit im Computer bekomme

ich natürlich auch ein paar Gabeln Wurstsalat

und ein Bierchen ab. Zwei Tage später ist in


der Lagerhalle die Patenpaketannahme für den

kommenden Rumänientransport und Susi, eine

unserer Vorstandsmitglieder, ist mir dabei eine

große Hilfe. Am Samstag darauf werden die

Hilfsgüter für die beiden LKW vorsortiert, die am

30. April auf den jeweiligen Aufl ieger geladen

werden sollen. Ganz kurz sei zu erwähnen, dass

es immer schwieriger wird, Auflieger oder ganze

Sattelzüge für eine kurze Zeit mieten zu können.

Wir haben das große Glück schon seit Jahren

von der Fa. Winterhalter eine Zugmaschine unentgeltlich

zur Verfügung gestellt zu bekommen,

aber die Fa. Kohrs hat derzeit große Probleme,

Aufl ieger für unsere Anliegen bereitstellen zu

können. PaccarLeasing hat zwar eine Zugmaschine

für uns, aber keinen Aufl ieger. Alles löst

sich Gottlob kurzfristig (nach vielen Stoßgebeten),

worüber wir sehr dankbar sind. Am 1.

Mai findet um 16.30 Uhr vor der Lagerhalle bei

herrlichem Wetter die ökumenische Segnung

der Fahrzeuge und der Mannschaft durch die

beiden Geistlichen Frau Dr. Susanne Illgner und

Herrn Pfarrer August Schuler im Beisein vieler

Wegbegleiter statt. So ist auch von Oberried die

ganze Familie Rombach (Juniorchef) und das

Ehepaar Winterhalter (Seniorchef) anwesend,

worüber wir uns natürlich sehr freuen. Auf den

17 jährigen Spross der Familie Rombach, welcher

derzeit einen Bericht über „humanitäre Hilfe

in Osteuropafür den Schulunterricht schreiben

möchte, werde ich gleich noch zurückkommen.

Hannes freut sich, daß er uns begleiten darf und

ist sehr gespannt, was auf ihn zukommen wird.

Die beiden LKW mit Beppo Schneider und Thomas

Honeck (Raucherfahrzeug), Erich Steck

und Markus Albrecht (Nichtraucherfahrzeug) als

Chauffeure, starten nachts um 3.00 Uhr in Richtung

Osten. Zu dem Begleitfahrzeug möchte

ich hier ein paar Worte schreiben. In den letzten

Jahren genügte mein Kangoo, dank Klimaanlage

und mehr oder weniger ausreichendem

Platz für Gepäck, Kühltasche etc. für vier Mitreisende.

In diesem Jahr war es der Wunsch von

Familie Rombach, daß Hannes mitfahren kann.

Marlene Stepp, die uns auch schon mal begleitet

und sich als gute Autofahrerin und Helferin

beim Ausladen bewiesen hat, hegte schon seit

längerem den Wunsch uns wieder zu begleiten.

Erika Schneider, nicht das erste mal dabei, darf

natürlich nicht fehlen mit ihrer liebenswerten Art,

ihrer großen Hilfsbereitschaft und ihren rumänischen

Sprachkenntnissen. Bleiben noch die beiden

„Oldies“ Gunther, mein Bruder und meine

Wenigkeit. Nach einigen Überlegungen bezüglich

eines größeren Fahrzeugs, kommt Markus

auf die Idee seinen Cousin zu fragen, ob er uns

für die eine Woche seinen VW- Bus ausleihen

könnte. Er und seine Frau sind damit einverstanden

und somit ist dieses Problem gelöst. Es hätte

keinen Sinn gehabt gemeinsam mit den LKW

nachts um 3.00 Uhr zu starten. Die LKW- Fahrer

können sich abwechselnd in der Koje etwas ausruhen,

aber im Bus ist es ohne Koje nicht möglich,

die müden Glieder richtig auszustrecken.

Um 6.00 morgens starten wir mit dem VW-Bus

in Todtnau, holen Erika in Todtnauberg ab, und

Marlene sowie Hannes warten schon in Oberried

auf uns. Schon bald spüren wir, daß wir uns trotz

der teilweise großen Altersunterschiede sehr gut

verstehen, was auf der langen Reise unheimlich

wichtig ist. Wir übernachten in Ungarn und danach

nach langer Fahrt in Tirgu-Mures/ Rumänien,

wo wir unsre Freunde Dr. Liebhart, Marga

Glaja und Willi Goldner treffen. Die Antworten

auf unsere Fragen bzgl. des Fortschrittes, was

die Lebensbedingungen in Rumänien seit dem

EU-Beitritt anbelangen, fallen sehr negativ aus.

Die Reichen und Korrupten werden immer zahlreicher

und die Armen immer ärmer. Eine andere

Antwort war auch nicht zu erwarten. Bei unsrer


Ankunft gegen Mittag in Piatra-Neamt ist das Abladen

der vielen Schulmöbel in der ehemaligen

Chemieschule – heute Priesterseminar, gerade

erledigt und wir fahren zum unweit entfernten

neuen Lager, wo ab jetzt die Sachspenden

untergebracht werden. In der „Alten Schule“ in

Savinesti war aus verschiedenen Gründen die

Möglichkeit einer Lagerung nicht mehr gegeben.

Die neuen Räumlichkeiten bieten sehr viel Platz

und alles kann sicher bis zur Verteilung untergebracht

werden.

Viele fl eißige Hände sind zur Stelle und helfen

alles an seinen Platz zu bringen oder sofort an

andere Empfänger zu verteilen. Protopop Valentin

Tofan und seine Frau freuen sich riesig

über alle Hilfsgüter, die sie zur Verteilung an

Kindergärten, Schulen und bedürftige Familien

von Gusti erhalten. In der Pfarrei werden wir mit

viel Liebe und Dankbarkeit empfangen und mit

einem guten Essen bewirtet. Wir besichtigen die

schon seit vielen Jahren im Bau befi ndliche Kathedrale

und Markus sowie Marlene lassen es

sich nicht nehmen, an dem Baugerüst im Inneren

hinaufzuklettern. Am Sonntag besuchen wir

den katholischen Priester Petrisor in Talpa und

nehmen, fast alle, an der Heiligen Messe teil. An

einem kleinen See bewirtet man uns mit gegrilltem

Fisch und Knoblauchsauce, die wunderbar

schmeckt, aber hinterher noch tagelang durch

alle Poren dringt. Das haben wir hier schon ein

paarmal erlebt, aber frischer Knoblauch soll ja

gesund sein. Hoffentlich denken unsre LKW-

Fahrer auch so, wenn sie am nächsten morgen

um 4.00 Uhr in der Früh die lange Heimreise

antreten und noch Stunden hinterher den Knoblauch

in der Nase haben (die im Raucher-LKW

vielleicht etwas weniger, aber die anderen beiden).

Für den Rest der Mannschaft beginnt der

Tag etwas später mit Büroarbeiten und anschließenden

Besuchen bei Paten in den Dörfern Savinesti

und Slobozia, um die Patenpakete sowie

Sonderzahlungen abzugeben. Hannes ist sichtlich

mitgenommen von den teilweise miserablen

Lebensbedingungen und den Wohnverhältnissen.

Den wohl schlimmsten Eindruck bekommt

er beim Besuch von Frau Darie mit ihren zwei

kleinen Mädchen, die im „Phantomblock“ auf

engstem Raum wohnen. Im Treppenhaus ist

das Geländer total zerstört, die Wände sind beschmutzt

und es stinkt fürchterlich nach Urin und

Fäkalien. In jedem Stockwerk befi ndet sich auf

dem Gang für mehrere Familien ein einziges

Plumsklo. Frau Darie ist sehr dankbar über die

Pakete und das Geld. Als kranke alleinerziehende

Mutter mit einem herzkranken Kind hat sie es

besonders schwer. Hier weiter über alle Schicksale

und Besuche zu schreiben, würde zu weit

führen. Dienstagmorgen um 9.00 Uhr werden die

Behinderten, die teilweise von weither kommen,

im Lager erwartet um Pampers, Rollstühle sowie

sonstige Reha-Artikel und vieles mehr abzuholen.

Gusti kann uns leider nicht begleiten, da ihr

Mann hohes Fieber hat und sie nun auf den Arzt

wartet. Dan, Anna und Jonella übernehmen den

Part der Verteilung und dank Erika klappt auch

alles mit dem Übersetzen. Es ist recht kühl geworden,

aber nichts destotrotz können sich im

Vorhof des Lagers die dankbaren Rollstuhlfahrer

(in Wolldecken gehüllt) mit einer im Forum

vorbereiteten kleinen Malzeit stärken und sich

anschließend auf den langen Heimweg machen.

Nach einer kleinen Verschnaufpause beginnt um

15.00 Uhr die Verteilung der Patenpakete sowie

der Familienpakete im Forum. Gunther und Erika

verwalten die Listen für die Unterschriften,

Marlene und Hannes kümmern sich um die richtigen

Pakete, ich mache Fotos, Anna hat die

Empfangsformulare für die Familienpakete und

Gusti kümmert sich um ihren kranken Mann. Am


letzten Tag vor unserer Heimreise werden am

Nachmittag die restlichen Patenpakete verteilt,

und vormittags fahren wir noch mit Priester Mihai

nach Vad Dragomiresti, wo noch weitere Paten

ihre Pakete und Geld bekommen sollen. Wir sind

froh, daß es nicht regnet sonst wäre es schwierig

gewesen, die Häuschen auf den rutschigen

Feldwegen zu erreichen. Frau Dascalu Maria,

eine bettlägerige, alleinstehende alte Frau weint

vor Freude als wir bei ihr eintreten. Mehr als zwei

Leute haben in dem winzigen Raum fast keinen

Platz. Priester Mihai kümmert sich darum, dass

von dem überbrachten Geld Lebensmittel gekauft

werden. Gusti wird die arme Frau in den

nächsten Tagen mit Kleidung, Pampers und einer

warmen Decke versorgen. Einen Rollstuhl

hat sie schon bekommen, damit sie im Sommer

auch einmal vor dem Häuschen sitzen kann.

Priester Mihai bittet uns noch drei andere betagte

sehr bedürftige Frauen zu besuchen. Die Ehepartner

sind gestorben, die kleine Rente reicht

kaum zum Überleben, die Kinder sind im Ausland

und kümmern sich nicht mehr um die Mutter

oder Großmutter. Das ist alles sehr traurig, die

gebrochenen Augen füllen sich mit Tränen, aber

nicht nur aus Kummer sondern auch aus Freude

über den unerwarteten Besuch. „Bitte vergeßt

uns nicht“. Wir versprechen es und hoffen, daß

es im Herbst ein Wiedersehen gibt.

Am 10. Mai starten wir pünktlich um 6.00 Uhr

in Richtung Heimat und erreichen in Ungarn am

frühen Abend unsere Übernachtungspension.

Alles ist so gut verlaufen, da mußte ja noch ein

Malheur passieren. Hannes hatte unterwegs im

Gebirge ein Glas Bienenhonig gekauft und in

seinem Koffer verstaut. Auf dem Parkplatz der

Pension fällt beim Öffnen der Heckklappe sein

Koffer heraus und natürlich genau auf die Seite,

wo das Glas mit dem Honig steckt. Im Koffer ist

kaum mehr was zu retten, alles klebt. Man bringt

uns heißes Wasser und Tücher um die Verbundsteine

von dem Honig zu befreien, was sehr

schwierig ist. Hannes ruft zu Hause bei seiner

Mutter an, daß sie für ihn die Waschmaschine

reservieren soll, da er in der nächsten Woche

unbedingt seine Jeans wieder haben muß. Auf

den Schreck hin gehen wir noch etwas essen

und bemerken, dass es in dem Auto nicht mehr

nach dem süßen Honig duftet sondern nach etwas

Modrigem. Da kommt eine kleine Tuperbox

mit vergammelten Radieschen zum Vorschein,

die irgendwann zwischen die Sitze gerutscht war

und bisher von keinem vermisst wurde. Marlene

setzen wir auf ihren Wunsch am Flughafen in

Stuttgart ab, da sie im Laufe des Tages, bevor sie

nach Berlin zurückkehrt, noch zu ihrer Oma fahren

will (es ist Spargelzeit und sie kocht so gut).

Ob mit einem Bus oder mit dem Zug, wir wissen

es nicht, offensichtlich hat sie es geschafft,

wir hören nichts Negatives. Auch wir schaffen

es, den Schwarzwald zu erreichen und alle sind

der Meinung, daß wir eine tolle Transportmannschaft

waren. Wäre schön, wenn auch die noch

etwas jüngeren Leute, die viel gearbeitet haben,

uns das nächste mal oder wenn es eben geht,

wieder begleiten würden.

Die Woche bis Pfi ngsten ist vollgepackt mit der

Erledigung liegengebliebener Arbeit und zu erledigenden

Terminen. Am Pfingstsonntag, an welchem

alljährlich unser „Frühlingsfest“ in der Lagerhalle

stattfi ndet, möchte ich den Gästen gerne

eine kleine Bildpräsentation über unsre Reise

nach Rumänien zeigen. Hannes will mir etwas

Bildmaterial übermitteln, was aber irgendwie

nicht klappt. Kurzerhand setze ich mich selbst an

den Computer und schaffe es tatsächlich, einige

beeindruckende Bilder zusammenzustellen, die

ich dann vor Ort spontan kommentiere. Leider

fehlt mir die Zeit neben der ganzen Transportvorbereitungen

im Lager und im logistischen Bereich

u.v.m., mich auch noch um eine dauerhafte

Präsenz in der Presse oder in digitalen Medien

zu kümmern. Zu meinem Bedauern ist unsere

Webdesignerin, die unsere Website wunderbar

gestaltet hat, nach München verzogen. Im Moment

hinkt die Berichterstattung etwas nach,

aber wir hoffen daß wir trotz der Entfernung bald

einen Weg fi nden werden.

Eine Woche nach dem Städtlifest am 1. Juliwochenende

sitzen mein Bruder und ich schon

wieder im Flugzeug nach Moldavien. Der Pro-


grammablauf ist im Grunde genommen der gleiche

wie im Winter, nur mit dem Unterschied, daß

wir nun mit Pater Igor die Patenfamilien auf dem

Land besuchen können und die Fahrt nach Edinet

zu dieser Jahreszeit weniger stressig ist. Die

von uns gebrachten Kücheneinrichtungen lagern,

so auch in Orhei noch in Garagen, da man

erst neue Leitungen und Zugänge für die Geräte

legen müsse. Derzeit müsse man hier in Edinet

erst abwarten, bis die von der EU finanzierten

Außenrenovierungsarbeiten an den Gebäuden

abgeschlossen seien. Das Küchenpersonal

zeigt uns aber ganz stolz einen großen von uns

gebrachten Tisch mit Stühlen, wo das Personal

auch mal sitzen kann und auch die von uns

gebrachten Spinde zeigt man uns mit Freude.

Eine große Bedarfsliste wird uns anschließend

im Büro des Direktors übergeben und wir geben

zu verstehen, daß wir versuchen auch weiterhin

dieser Klinik zu helfen, so weit es in unseren

Möglichkeiten steht.

Am 14. Juli kommen mein Bruder und ich wieder

gesund zu Hause an, nach dem wir noch die

Tage in Chisinau mit Treffen mit den dortigen

Paten, Besuchen bei Ana, der gelähmten jungen

Frau, bei Alexander dem behinderten Jungen,

einem Treffen mit dem Herzchirurgen Dr. Manolache

und der jungen Familie Sacha und Dascha

verbracht haben. Ein Treffen mit Semion und

seiner Familie war leider nicht möglich. Wie wir

später erfahren, wurde Semion in England auf

dem Nachhauseweg von der Universität überfallen,

zusammengeschlagen und ausgeraubt. Er

wollte uns nicht ohne Zähne im Mund begegnen.

Hat er nicht schon genug in seiner Kindheit gelitten?

Ein klein wenig Sommerpause ist für alle Mitarbeiter

angesagt, aber schon bald beginnen die

Vorbereitungen für den Herbsttransport nach

Rumänien. Eine Woche etwas für die Seele tun,

das erlaube ich mir Anfang September während

einer Wallfahrtsreise nach Medjugorje/ Bosnien-

Herzegowina.

Am 10. Oktober starten mein Bruder und

ich zur Herbstinforeise mit dem Flugzeug

nach Rumänien. In Bukarest werden wir von Vasile

Cosma (Zuzu) und Gusti abgeholt und nach

Piatra Neamt gebracht. Die Woche unseres

Aufenthaltes ist mit einem umfangreichen Programm

ausgefüllt. Wir besuchen Patenfamilien,

Schulen, Kindergärten, Pfarreien auf dem Land

und Altenheime, die alle von uns durch Gusti

Hilfsgüter erhalten haben. Auch die alten Frauen,

denen ich versprochen habe im Herbst wieder

zu kommen, freuen sich unheimlich darüber,

daß wir das Versprechen eingehalten haben.

Dankbarkeit, Glückseligkeit spürt man bei allen,

in dem Augenblick, wenn man sie herzlich in den

Arm nimmt. Zum Schluss möchte ich nicht vergessen

zu erwähnen, daß wir auch den katholischen

Priester Petrisor in seinem neuen Tätig-


keitsbereich in Mircesti besucht haben und an

der Hl. Messe am Sonntag teilnehmen durften.

Zuzu fährt uns am 17. Oktober mitten in der

Nacht wieder zum Flughafen nach Bukarest. Bedingt

durch einen Übersetzungsfehler kommen

wir viel zu früh am Flughafen an, aber besser zu

früh als zu spät. Aber dafür müssen wir in Frankfurt

mit einer Verspätung des Zuges in Richtung

Freiburg von 180 Minuten rechnen.

Eigentlich ist Winterpause bei der Sachspendenannahme

angesagt, aber hinter der verschlossenen

Lagertür wird schon fl eißig an den

Vorbereitungen für den Wintertransport nach

Moldavien gearbeitet. In wenigen Tagen werden

wir auch wieder am Todtnauer Weihnachtsmarkt

vertreten sein, also ist auch in diesem Bereich

noch einiges vorzubereiten.

Wie lange willst du das noch machen....... fragen

mich viele Menschen.

So lange ich noch die Kraft dazu habe und genügend

Mitarbeiter, die mir helfen, werde ich für

Bedürftige da sein.

Am 20. Oktober sortieren wir die Hilfsgüter für

Rumänien vor und am 23. Oktober in der Nacht

starten Joseph Schneider und Erich Steck mit

einer Zugmaschine der Fa. Winterhalter und einem

Aufl ieger der Fa. Kohrs mit über 12 Tonnen

Hilfsgütern nach Rumänien. Wie geplant erfolgt

die Rückkehr am 30. Oktober.

Ursula Honeck

November 2018


mit freundlicher Genehmigung der Frauen

von Vad Dragomiresti

Wir danken unseren unermüdlichen Helfern,

den großzügigen Spendern und all unseren

Mitgliedern für ihr Engagement. Wir hoffen,

dass sie uns auch weiterhin unterstützen

werden.


Hilfe für Osteuropa

Todtnau-Seelscheid e.V.

Adresse:

Meinrad-Thoma-Str. 19

79674 Todtnau

Tel.: 07671 1514

Fax: 07671 95333

Mobil 0172 9338783

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