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ALPEIP a.s.b.l.

Association luxembourgeoise pour les enfants intellectuellement précoces

Luxemburgische Vereinigung für hochbegabte Kinder

Non-Profit-Organisation

2008

Informationen für Eltern

Sitz : 8, rue Jos Schroeder L-6981 RAMELDANGE

R.C.S. 2002 61 00624

www.alpeip.lu PC-Konto: IBAN LU27 1111 1986 3172 0000

Kontakt: Tel: 491901 E-Mail: info@alpeip.lu

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UNSERE WICHTIGSTEN ZIELE

� Ein genaueres Bild hochbegabter Kinder vermitteln, um die

Einstellung ihnen gegenüber zu verändern

� In ihrem Umfeld das Verständnis und Bewusstsein für ihre

Andersartigkeit fördern

� Klassen schaffen, die den schulischen Bedürfnissen und dem

Lernrhythmus hochbegabter Kinder gerecht werden

� Regelmäßig neue Erkenntnisse über Unterrichtsmodelle in

Weitere Kontaktmöglichkeiten:

Europa und der ganzen Welt zusammentragen.

Präsidentin: RADOUX-BECK Micky Tel: 49 19 01

Sekretärin: QUINTUS-BRESSANUTTI Rita Tel: 30 74 74

Kassenwart: EILENBECKER Béatrice Tel: 99 85 45

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Association luxembourgeoise pour les enfants intellectuellement précoces

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Association luxembourgeoise pour les enfants intellectuellement précoces

Die luxemburgische Vereinigung für hochbegabte Kinder wurde im März 2002 von

betroffenen Eltern gegründet.

Kinder, die nicht der gesellschaftlichen Norm entsprechen, leiden unter ihrer

Andersartigkeit und laufen Gefahr, ausgegrenzt zu werden.

Abhängig davon, ob auf die schulischen Bedürfnisse der Kinder und ihre Persönlichkeit

eingegangen wird oder nicht, kann diese Ausgrenzung stärker oder schwächer ausfallen.

Die schulische Eingliederung wirkt sich auf die berufliche und soziale Integration aus.

Dies gilt nicht nur, aber vielleicht besonders für Luxemburg, weil hier verschiedene

Sprachen und Kulturen aufeinander treffen.

Schulischer Misserfolg kann nicht nur zu sozialem, sondern auch zu persönlichem

Scheitern, zu Minderwertigkeitsgefühlen oder sogar zu Depressionen führen.

Kinder, die auf andere Weise von der gesellschaftlichen Norm abweichen, werden heute

glücklicherweise akzeptiert und es ist zu Anpassungen im Schulsystem gekommen.

In Absprache mit Lehrern, Behörden und anderen betroffenen Personen setzt sich

unsere Vereinigung speziell im schulischen Bereich für die Integration hochbegabter

Kinder ein, damit diese nicht häufiger unter schulischem Versagen leiden als ihre

Mitschüler.

Wann immer möglich, wird ein schulisches Umfeld in Luxemburg einem Wegzug des

Kindes ins Ausland vorgezogen, der die Familie belastet.

Zahlreiche Länder haben bereits Maßnahmen zur Förderung hochbegabter Kinder

ergriffen. Diese haben folgende Ziele:

1. Früherkennung der Hochbegabung

2. Vorhinderung von Schwierigkeiten

3. Begleitung der Familie während der ganzen Schulzeit

4. Unterstützung bei auftretenden Schwierigkeiten ab der Grundschule

5. Anpassung des Lernrhythmus an die Bedürfnisse der einzelnen Schüler

6. Erarbeitung strukturierter Maßnahmen zur Betreuung der hochbegabten

Kinder, mit deren Hilfe das individuelle Schulniveau berücksichtigt und

verbessert werden kann

7. Schulung von Lehrern und Schulpsychologen

8. Ausarbeitung umfassender Strategien zur Betreuung der Schüler

9. Sensibilisierung der Öffentlichkeit, um einer sozialen Isolierung der

Kinder und ihrer Familien entgegenzuwirken

10. Möglichkeit, eine Klasse zu überspringen

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Zweck der luxemburgischen Vereinigung für hochbegabte Kinder:

Unser Hauptanliegen ist es, den hochbegabten Kindern und ihren Eltern zu helfen.

Gleichzeitig wollen wir die Schulbehörden auf die derzeitigen Mängel des

Bildungssystems und die Notwendigkeit der Schulung von Lehrern und Psychologen

aufmerksam machen.

Wir möchten …:

� den Eltern helfen, Hochbegabung zu verstehen und sich weniger allein zu fühlen

� dabei helfen, eine geeignete oder zumindest positiv eingestellte Schule zu finden

� bei der Suche nach einem kompetenten Psychologen helfen

� wenn nötig bei Gesprächen mit Lehrpersonen oder Behörden als Vermittler auftreten

� Ausflüge und Freizeitaktivitäten für die Kinder anbieten

� öffentliche Informationsveranstaltungen organisieren

� die Forschung und Lehrerweiterbildung fördern

� das Umfeld und die Öffentlichkeit sensibilisieren

Inhaltsverzeichnis:

I / Gauss’sche Kurve

II / Erkennungsmerkmale von hochbegabten Kindern oder Kindern mit erhöhtem

Intelligenzquotienten

III / Die Tests

IV / Die Schwierigkeit Intelligenz zu definieren

V / Die Anpassungsunfähigkeit hochbegabter Kinder

VI / Wie kann man ein hochbegabtes Kind am besten unterstützen?

VII / Die Risiken

VIII / Ratschläge für die Kontaktaufnahme mit den Schulpsychologen der Region

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I / GAUSS’SCHE KURVE

debil sehr niedrig durchschnittlich hoch sehr extrem

niedrig hoch hoch

Hochbegabung

Ein hochbegabtes Kind ist seinem realen Alter im mentalen Bereich um 2 bis 7 Jahre

voraus.

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IQ


II / ERKENNUNGSMERKMALE VON HOCHBEGABTEN KINDERN ODER

KINDERN MIT ERHÖHTEM INTELLIGENZQUOTIENTEN

2.1 / ALLGEMEINE MERKMALE HOCHBEGABTER KINDER

- Entwicklungsvorsprung gegenüber Gleichaltrigen

- Frühzeitiges Sprechen, Lesen und Schreiben

- Außergewöhnliche Entdeckerfreude

- Wissbegierde, die zu ständigem Fragen anregt

- Frühe Auseinandersetzung mit den grundlegenden Aspekten des Lebens, der

Zeit und des Universums

- Starke Sensibilität und ausgeprägter Sinn für Gerechtigkeit

- Viel Fantasie

- Auffallender Kontrast zwischen frühreifem Denkvermögen und manchmal

kleinkindlichem Verhalten

- Abneigung gegen sich wiederholende Abläufe und Aufgaben

- Intensive Begeisterung für eine Materie, jedoch abflauendes Interesse nach

eingehender Auseinandersetzung damit

- Sinn für Humor, der in Depression umschlagen kann, wenn das Kind nicht

verstanden wird

- Langeweile in der Klasse (physiologische Störungen)

- Tendenz, alleine zu arbeiten

- Vorliebe für die Gesellschaft von älteren Kindern oder Erwachsenen

- Bevorzugung von Erwachsenen als Gesprächspartner

- Kritische Einstellung gegenüber anderen

- Schwierigkeit, die daraus resultierende Abschottung und soziale Isolation in

den Griff zu kriegen

- Freude an der Auseinandersetzung mit komplizierten Problemen

- Stundenlanges Herumtrödeln mit den Hausaufgaben auf Grund von

Desinteresse an der Materie

- Mögliche zeitweilige Launenhaftigkeit

- Ablehnung brutaler, willkürlicher Autorität

- Bedürfnis, die Richtigkeit einer Sache nachzuvollziehen

Ein begabtes Kind muss weder ein glückliches Kind noch ein guter Schüler sein.

2.2 / WICHTIGE MERKMALE

- Eine sehr große intellektuelle Neugier, die dem starken Bedürfnis entspricht,

den Verstand zu fordern

- Frustration im Umgang mit Gleichaltrigen, die zu starkem Individualismus und

tiefer Einsamkeit führt

Einige hochbegabte Kinder zeigen Verhaltens- oder Persönlichkeitsstörungen sowie

schwere Lernstörungen, die schulisches Versagen zur Folge haben können.

Das außergewöhnliche Potenzial dieser Kinder als auch die Mängel und

Unzulänglichkeiten, die schließlich zum schulischen Versagen beitragen, können

gleichzeitig auftreten. Die Vorurteile gegenüber Kindern mit schulischen Problemen

sollten folglich überdacht werden. Dies gilt insbesondere bei hochbegabten Kindern.

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III / DIE TESTS:

- IQ-Tests (Intelligenzquotient)

IQ-Tests sind nur eine Möglichkeit, das Niveau der intellektuellen

Entwicklung im Vergleich zu den entsprechenden Werten der Gleichaltrigen

zu messen, d.h. die Asynchronie (bei Hochbegabung), die Heterochronie (bei

Debilität) oder die Normalität.

- EQ-Tests (emotionaler Quotient)

EQ-Tests messen den Umgang mit der Emotionalität, der in den IQ-Tests nicht

berücksichtigt wird.

Neben dem Standford-Binet- und dem Terman-Merill-Test werden heute vor allem die

von WECHSLER entwickelten Tests angewendet: der HAWIK-Test für 6- bis 16-

Jährige, der HAWIVA-Test für 2- bis 6-Jährige und der HAWIE-Test für Erwachsene.

Kinder mit einem Testergebnis von über 125 Punkten werden als hochbegabt eingestuft,

allerdings ist dabei zu beachten, dass dieser Mittelwert je nach Einstellung und

psychischer Verfassung des Kindes 10 bis 20 Punkte höher liegen kann.

Howard Gardner definiert sieben Intelligenztypen:

1. die linguistische Intelligenz

2. die logisch-mathematische Intelligenz

3. die räumliche Intelligenz

4. die musikalische Intelligenz

5. die körperlich-kinästhetische Intelligenz

6. die zwischenmenschliche Intelligenz

7. die persönliche Intelligenz.

Das Verhältnis zwischen IQ und EQ

Der IQ erlaubt unabhängig von jeglicher Definition von Intelligenz die Beschreibung

eines wichtigen Teils der Persönlichkeit.

Der EQ ermöglicht es, alles unter einem gemeinsamen Nenner zusammenzufassen, was

das Gefühlsleben einer Person betrifft.

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IV / DIE SCHWIERIGKEIT INTELLIGENZ ZU DEFINIEREN:

4.1 / Blaise Pascal (1623-1662)

Seiner Meinung nach gibt es zwei Arten von Geist:

- Der „gerechte Geist“ repräsentiert die Kraft und die Aufrichtigkeit des Geistes. Er

versucht, die Konsequenzen von Grundsätzen innert kürzester Zeit und im Detail zu

erfassen;

- Der „geometrische Geist“ repräsentiert die Dimensionen des Geistes. Er versucht, eine

große Anzahl von Grundsätzen zu verstehen ohne diese zu verwechseln.

Grundsätzlich kann der eine durchaus ohne den anderen existieren. Daher die

Schwierigkeit, eine einheitliche Definition der Intelligenz zu finden.

4.2 / Kasimierz Dabrowski (1902-1980)

Der polnische Psychiater und Psychologe beschreibt Hochbegabung nicht nur als eine

intellektuelle Fähigkeit außerhalb der Norm. Seiner Ansicht nach stellt diese Fähigkeit

lediglich einen Teil der Hochbegabung dar.

Die Voraussetzung für die Entwicklung einer Hochbegabung sind seiner Meinung nach

verschiedene „Overexcitabilities“ (hohe Sensibilität der Sinne). Diese zeigen sich schon

bei Kleinkindern und sind somit angeboren.

Dabrowski unterscheidet fünf verschiedene Typen von „Hochbegabung“:

- psychomotorisch

- sensorisch

- intellektuell

- imaginär

- emotional.

4.2.1 / Die psychomotorische Hochbegabung

Sie kann sich in reduziertem Schlafbedürfnis, schnellem Sprechen, einer Vorliebe für

schnelle Sportarten und Handlungsdruck äußern.

Weitere Anzeichen sind Begeisterungsfähigkeit, Hang zum Herumalbern, zwanghaftes

Reden, Impulsivität, das Bedürfnis zu organisieren und sich mit anderen zu messen.

Diese Eigenschaften sind jedoch nicht mit Hyperaktivität zu verwechseln.

4.2.2 / Die sensorische Hochbegabung

Sie manifestiert sich oft durch Unverträglichkeit von bestimmten Nahrungsmitteln,

Gerüchen oder Geräuschen. Hochbegabte Kinder zeigen ein besonderes Interesse an

allem, was schön (Gegenstände, Schreibstile etc.) und wohlschmeckend ist, mit einem

Hang zum Exzentrischen.

4.2.3 / Die intellektuelle Hochbegabung

Sie äußert sich beim Kind ab dem ersten Altersjahr durch ständiges und beharrliches

Fragen. Das Kind gibt sich erst zufrieden, wenn es eine ihm logisch und akzeptabel

erscheinende Antwort erhält.

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Ab dem vierten bis fünften Altersjahr entwickelt das Kind einen enormen Wissensdurst.

Es liest mit Begeisterung, liebt die detaillierte Planung von Handlungsabläufen und

Ereignissen. Es macht sich Gedanken über den Sinn des Lebens und beschäftigt sich mit

moralischen und ethischen Fragen. Dies ist eine Fähigkeit, über die ein normal begabtes

Kind noch nicht verfügt.

4.2.4 / Die imaginäre Hochbegabung

Das Kind ist sehr kreativ und hat einen ausgeprägten Sinn für Humor, der manchmal fast

bizarr erscheint. Es ist anfällig für Alpträume, und seine Träume sind in Farbe und sehr

komplex.

Es hat eine ausgeprägte Angst vor dem Unbekannten, da seine Vorstellungskraft dazu

führt, dass Realität und Fiktion nicht miteinander in Einklang gebracht werden können.

4.2.5 / Die emotionale Hochbegabung

Dies ist wahrscheinlich die wichtigste der fünf Hochbegabungen.

Sie drückt sich dadurch aus, dass das Kind emotionale Bindungen zu Tieren aufbaut und

sehr starke Sympathie oder Antipathie gegenüber Menschen oder Dingen empfindet.

4.3 / Françoise Dolto (1908-1989)

Die Psychoanalytikerin und Mutter ist der Ansicht, dass es für einen Erwachsenen

schwierig ist, ein Kind als eine ihm ebenbürtige Person zu akzeptieren.

Nur durch die Emotionalität erhält die menschliche Intelligenz überhaupt einen Sinn.

Intelligenz alleine existiert nicht. Erst durch das Zusammenspiel verschiedener Faktoren

kann sich eine Persönlichkeit mit all ihren Facetten entwickeln.

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V / DIE ANPASSUNGSUNFÄHIGKEIT HOCHBEGABTER KINDER:

Unter dieser Anpassungsunfähigkeit, die von M.J.CH. Terrassier

ASYNCHRONIE-SYNDROM genannt wurde, versteht man eine heterogene

Entwicklung beim hochbegabten Kind.

Man unterscheidet dabei:

- Internale Asynchronie:

• Die Diskrepanz zwischen intellektueller und emotionaler Entwicklung:

Seine scharfsinnige Intelligenz verschafft dem Kind Wissen, welches

Ängstlichkeit oder Angstzustände hervorruft. Der Grund dafür ist, dass

die verhältnismäßig unreife emotionale Entwicklung des Kindes keine

ökonomische Verarbeitung des Wissens erlaubt.

• Die Diskrepanz zwischen der intellektuellen Entwicklung und der

psychomotorischen Entwicklung führt oftmals zu psychomotorischen

Schwierigkeiten – besonders beim Schreiben.

• Die Diskrepanz zwischen verschiedenen Bereichen der intellektuellen

Entwicklung: Tests, in denen es darum geht, Schlussfolgerungen zu

ziehen und Logik anzuwenden, werden grundsätzlich besser gelöst als

Tests, in denen es um Allgemeinwissen, Wortschatz und Mathematik

geht. Dies ist ein Beweis dafür, welch negative Rolle das Umfeld des

Kindes bei der Wissensbereicherung spielt, denn es erlaubt dem

hochbegabten Kind nicht, sein Wissen in dem Ausmaß zu bereichern, wie

es seinen Fähigkeiten entspräche.

• Die Diskrepanz zwischen der intellektuellen und emotionalen

Entwicklung hat zur Folge, dass das hochbegabte Kind in diesen beiden

Entwicklungsbereichen keine Erfüllung beim Umgang mit anderen

erfährt.

- Externale Asynchronie:

• Im Hinblick auf die Schule ist zu beachten, dass ein hochbegabtes Kind

über eine schnellere geistige Entwicklung verfügt als seine

Klassenkameraden. Es lässt sich oft ablenken, weil es sich langweilt, und

konzentriert sich nur auf schwierige Aufgaben. Es ist deshalb möglich,

dass das Kind eine komplexe Aufgabe erfolgreich bewältigt, aber bei der

Lösung einer leichteren Aufgabe versagt.

• Eltern haben oft Schwierigkeiten, mit dem Kind ein Gespräch zu führen,

welches sowohl seinem hohen intellektuellen und kognitiven Niveau als

auch seinem gefühlsmäßigen Entwicklungsstand, welcher dem

tatsächlichen Alter des Kindes entspricht, gerecht wird.

• Im Hinblick auf andere Kinder ist zu beachten, dass oft eine Mauer des

Unverständnisses besteht zwischen dem hochbegabten Kind und

Gleichaltrigen, die der gesellschaftlichen Norm entsprechen. In der Folge

wertet sich das hochbegabte Kind selbst ab, weil es von gleichaltrigen

Kindern trotz seiner verzweifelten Versuche nicht akzeptiert wird.

Manche hochbegabte Kinder verleugnen sogar ihre Fähigkeiten, um sich

dieser Norm anzupassen.

- Der negative Pygmalion-Effekt (M.J.Ch. Terrassier)

• Ein Kind, dessen Hochbegabung nicht erkannt wird, hat oftmals Mühe,

die Erwartungen von Lehrern, Eltern und Kameraden zu erfüllen. Da das

Kind sich seiner außergewöhnlichen Fähigkeiten nicht bewusst ist, stützt

es sich auf das Bild, das ihm von seinem Umfeld vorgegeben wird. Es

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verleugnet seine Fähigkeiten in einem Versuch, sich „normal“ zu

verhalten.

- Die paradoxe Anpassungsunfähigkeit hochbegabter Kinder (J. Piaget)

• Assimilation = Fähigkeit des Einzelnen, mit seinem Umfeld zu

interagieren

• Akkommodation = Druck des Umfelds auf den Einzelnen

VI / WIE KANN MAN EIN HOCHBEGABTES KIND AM BESTEN

UNTERSTÜTZEN?

1. Eine frühzeitige Erkennung der Hochbegabung kann psychischen Störungen

und schulischem Versagen vorbeugen.

2. Ältere Kinder erhalten durch das Erkennen der Hochbegabung die

Gewissheit, dass sie nicht unheilbar krank sind.

3. Das Verstehen und Akzeptieren der Andersartigkeit hilft, den seelischen

Bedürfnissen der Kinder gerecht zu werden.

4. Aufmerksamkeit für die Probleme des Kindes ist oberstes Gebot.

5. Fragen zu den unterschiedlichsten Themen sollten offen und ehrlich

beantwortet werden.

6. Intellektuelle Fähigkeiten und Kreativität sollen gefördert werden. Die große

Neugier des Kindes soll gestillt werden, und das Kind soll eigene

Lernstrategien entwickeln.

7. Das Überspringen von einer oder zwei Klassen in der Grundschule verringert

den Vorsprung des Kindes, löst aber das eigentliche Problem nicht. Es ist nur

eine Notlösung in einem unflexiblen Schulsystem.

8. Das Kind sollte in seinem eigenen Tempo lernen dürfen und nicht einem

vorgegebenen Rhythmus unterworfen werden, der ihm nicht entspricht.

9. Die Bildung von speziellen Klassen für Hochbegabte hilft, schulischem

Versagen entgegenzuwirken.

Klassen für Hochbegabte haben zum Ziel:

- das Kind aus seiner sozialen Isolation zu holen

- das psychische Gleichgewicht des Kindes zu stärken

- den Unterricht zu bereichern und zu vertiefen sowie das Lerntempo zu

beschleunigen

- die Lernbereitschaft des Kindes zu fördern

- das bewusste Denken des hochbegabten Kindes zu fördern, das allzu oft

intuitiv handelt

- die Eingliederung ins normale Schulsystem der Oberstufe oder in die

Universität zu erleichtern.

Die Ratschläge, die man der heutigen Fachliteratur entnehmen kann, sind oft

nicht auf die individuellen Bedürfnisse des einzelnen Kindes zugeschnitten.

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Durch das zu strenge Befolgen der Ratschläge presst man das betroffene Kind

erneut in ein Schema, das ihm nicht entspricht.

„Man spricht viel über das hochbegabte Kind, doch mit ihm spricht man nicht.“

Françoise Dolto

VII / DIE RISIKEN:

Bleibt die besondere Begabung des Kindes unbemerkt oder wird eine falsche

Diagnose gestellt, macht sich das hochbegabte Kind ein falsches Bild von sich

selbst. Mögliche Folgen sind.

- Abnahme des IQ aufgrund psychischer Faktoren

- Selbstverstümmelung infolge des Leidens

- Schuldgefühle aufgrund absichtlichen Versagens, weil das Kind den anderen

gleichen möchte

- „Underachievement“

- erhöhte Verletzlichkeit aufgrund des hohen IQ

- soziale Abgrenzung

- affektive Instabilität

Eine Häufung dieser Faktoren kann zu einer verzerrten Selbstwahrnehmung und

zu Kommunikationsschwierigkeiten führen.

Spätfolgen, für die häufig keine Erklärung gefunden wird:

Ein Kind, dessen Hochbegabung während der Grundschulzeit nicht erkannt

wurde, wird in der ersten Zeit dank seines intellektuellen Potenzials schulisch gut

über die Runden kommen, ohne aber je den Unterschied zwischen Lernen und

Verstehen zu begreifen.

Auf der Mittel- und Oberstufe jedoch treten die durch Unstrukturiertheit,

mangelnden Arbeitswillen und fehlende Methodik und Motivation entstandenen

Lücken deutlich zum Vorschein. Dadurch hat das hochbegabte Kind mit

schweren Nachteilen zu kämpfen, die zu unvorhergesehenem schulischem

Versagen führen können. Der Grund dieses Versagens könnte in der Folge auf

eine für dieses Alter typische Pubertätskrise zurückgeführt werden. Das Problem

bleibt somit unerkannt und kann sich verschlimmern.

Das gesteigerte psychische Unwohlsein des Kindes führt zu völligem Versagen

und Außenseitertum.

Des Weiteren reagiert das familiäre und/oder schulische Umfeld des Kindes mit

einem unbewussten Fehlverhalten, da der Ursprung des Problems nicht erkannt

oder falsch wahrgenommen wird. Bei Beurteilungsgesprächen wird dann oft

empfohlen, das Kind in seinem Jahrgang zu belassen anstatt eine vorzeitige

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Versetzung in Erwägung zu ziehen. Die in diesen Momenten häufig erwähnte

Unreife des Kindes ist eine Folge der Hochbegabung und nicht der Grund des

schulischen Versagens. Das Eingreifen der Eltern bei solchen Gesprächen ist von

zentraler Bedeutung.

Leistungsschwäche eines Kindes kommt durch mangelnde Aufnahmefähigkeit

zum Ausdruck und wird meist rasch erkannt. Eine Hochbegabung jedoch kann

während der ganzen Grundschulzeit unerkannt bleiben, da auf dieser Stufe vom

Kind nur die Aufnahme des vermittelten Stoffes erwartet wird, was aber weit

unter seinen Möglichkeiten liegt. Auf der Mittelstufe werden dann die durch

fehlende Methodik und Motivation entstandenen Lücken rasch zu einem

Handicap, das schulisches Versagen und Ausgrenzung zur Folge haben kann.

VIII / Ratschläge für die Kontaktaufnahme mit den Schulpsychologen der

Region

Glücklicherweiser erhalten wir immer weniger Anrufe von Eltern, die bei der

Kontaktaufnahme mit dem psychologischen Dienst für Kinder im Primarschulalter auf

Probleme stoßen.

Wir raten den betroffenen Eltern, die Probleme des Kindes genau zu schildern und nur

einen Intelligenztest zu verlangen, um festzustellen, ob die Probleme des betroffenen

Kindes von einer möglichen Hochbegabung herrühren oder einen anderen Grund haben.

Die Betreuung des Kindes durch den schulpsychologischen Dienst, die Zusammenarbeit

zwischen Eltern und Schule und vielleicht sogar eine Psychotherapie werden dann in

Betracht gezogen.

Wenn man nämlich gleich zu Beginn und ohne jegliche Erklärung die Durchführung

eines IQ-Tests verlangt, erweckt dies bei manchen Psychologen den Eindruck, dass

dieser Test nur zur Befriedigung der elterlichen Neugier diene. Folglich fühlen sie sich

missbraucht und lehnen eine weitere Zusammenarbeit ab.

Damit solche Situationen vermieden werden können, raten wir den Eltern eindringlich,

gegenüber dem zuständigen Psychologen von Anfang an klarzustellen, dass die

Gespräche zum Ziel haben, schulische und/oder familiäre Probleme zu lösen.

Ein IQ-Test ist unerlässlich für die Diagnose einer Hochbegabung und für die

Festlegung der Behandlungsmethoden.

Wenn nun der Psychologe nach seiner Begutachtung findet, dass die Durchführung eines

IQ-Tests nicht notwendig oder sogar gefährlich für die Gesundheit des Kindes sei, hat er

selbstverständlich das Recht, den Test zu verweigern. In einem solchen Fall ist dies den

betroffenen Eltern gegenüber zu begründen, und die Betreuung durch den zuständigen

psychologischen Dienst muss trotzdem erfolgen.

Die Psychologen der SGE sind es sich schuldig, ihre Patienten von ihrem Fachwissen

profitieren zu lassen, um mögliche psychologische Leiden zu vermindern.

Außerdem sind sie verpflichtet mit anderen Fachleuten zusammenzuarbeiten, falls sie es

als notwendig für das Wohlergehen ihrer kleinen Patienten erachten oder falls dies

explizit von Eltern oder Vormund verlangt wird.

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