29.01.2023 Aufrufe

Gyr, Martin - Einsiedler Volksbräuche, Einsiedeln 1935

Sie wollen auch ein ePaper? Erhöhen Sie die Reichweite Ihrer Titel.

YUMPU macht aus Druck-PDFs automatisch weboptimierte ePaper, die Google liebt.


ORTSW

APPEN

~ennnu (!rarl)slau t"n(l.l:nhr.

~~ fglen)

?Ua{bftatt

Der Bezirk Einsiedeln, vierter im Kanton, setzt sich als Einwohner-Gemeinde

aus der Waldstatt und sieben Vierteln zusammen. Die Bürger des Dorfes

mit denen der Binzen (Ober- und Unterbinzen) und die jedes andern Viertels

sind überdies in Genoßsamen vereinigt. Die Pastoration der Waldstatt und

der Binzen erfolgt in der Stiftskirche. Die andern Viertel bilden selbständige

Kirchgemeinden. Das Stift obliegt da wie dort der Seelsorge. Hier die 8

Wappen, 1934 zum Teil nach eigenen Vorschlägen geschaffen, zum Teil revidiert.

(Legende Seite 172).


\

I

,\ '

INHAL T

Seite

Seite

1. Neujahransingen 6 40. Kirchenschweizer und Stifts-

2. Greiflet 10 kutscher 86

3. Dorffe, Hochsigmaehe, Bröege, 41. Prozessionsgrenadier und

jüchsle, luchse 11 Prozessionsmusikant 90

4. Agathabrot holen 29 42. Altar- und Häuserschmuck an

5. Agatbakerzlein abbrennen 29 der Fronleichnamsprozession 93

6. St. Agathafeier der Feuerwehr 29 43. Wie die Dörflig an der Engel-

7. Fastnachteinläuten 30

weihe beleuchten 94

8. Siilmdilaufen 31

44. Die sogen. Standeskerze des

9. Brotauswerfen

Bezirkes Einsiedeln 95

35

45. Ausrufer 95

10. Begraben des Pagats 41

46. Pilger bräuehe 96

11. Palmen- und Wydlitragen 44

47.

12. Osterfeuer

Bitt- und Kreuzgänge der

44

Pfarrei Einsiedeln 100

13. Ostereier suchen 45

48. Der Turbenzehnte an die

14. Den Osterochs herumführen 45 Kapuziner von Rapperswil 101

15. Hochzeitsfeier 47 49. Hausinschriften, Haussegen

16. Taufete 48 und Wettersegen 102

17. Katzenmusik machen 49 50. Klausenlaufen und Infeln-

18. Ständli bringen 50 tragen 104

:l

19. Botenbrödle 51 51. Dem Weihnachtseselein Heu

20. Ansehießet 51 legen 105

21. PfingstensehelIen u. Pfingsten- 52. Culinarische Bräuche 106

gugger 52 53. Beileidsbezeugung und Be- ,

22. Maiengemeinde 54 erdigung 113

23. Alpaufzug 57 54. Feckerbräuche 118

24. Alpsegen (Betruf) 58 55. Kartenspiele 118

~. Valete unserer Studenten 60 56. Nachtwächterruf 119

26. Armbrustschießen 61 57: Stubenfuchs und Sylvester 120

zr. Tanzschänk, Gäuerle. Stägröfmusig

. 62 Anhang:

28. Kundentanz 73 1. Vorschläge 122

29. Kegeln, Muttelen, Würfeleu 73 2. Originalitäten aus dem Er-

.30. Sennengesellschaft, Sennen- werbsleben 123

fähnrich und Sennenbuben, 3. Ortsgewohnheiten 135

Viehausstellung 74 4. Zeitvertreib unserer Schul-

.31. Chrähhahne 77 jugend 146

32, Trunk nach dem, Kanzleien 77 5. Ueberliefertes der Genoß-

.33. Feier des 1. Augusts 77 samen 149

.34. Rekrutenaushebung 78 6. Von den Kleidern 152

35. Schulinstitutionen 78 7. Erklärung mundartlicher Aus-

36. Zunftbräuche 79 drücke 160

.37. Gratulationen des Bezirksrates 8. Originalitäten in der Namenbeim

Fürstabt 82 gebung 169

J8. Schießen mit Mörsern bei 9. Kommentar zum Waldstatt-

Feierlichkeiten 83 und den Viertelswappen 172

.39. Teilnahme des Bezirksrates Kleine Nachträge 174

und -Gerichtes an den Prozessionen

84 Bilderbogen

i


, EINSIEDLER VOLKSBRÄUCHE.

Die Schweiz ist ein günstiger Tummelplatz für weltliche Feste

aller Art, denen sich der Schweizer sowohl als Veranstalter, wie

auch als Bummler willig hingibt. Nicht alle Feste werden ausschließlich

von durchaus idealen Erwägungen beherrscht. Sie

stehen häufig im Dienste der allgemeinen und örtlichen Verkehrsförderung,

vor deren Geboten die Originalität oft genug den

Kürzern zieht. Wo die Verkehrsförderung maßgebend ist, spielt

das Unterhaltungsprogramm immer eine große Rolle. Mit der

Unterhaltung will man die Finanzlage lösen. 'Um so leichter kann

die Gefahr drohen, daß dann die Pflege der kulturellen Bedeutung

unserer Feste vernachlässigt wird.

Findige Köpfe werden beauftragt, Ideen zu suchen, um zügige Programmnummern

vorzubereiten. Das verursacht manchmal Kopfzerbrechen;

denn man möchte vermeiden, Gesehenes und GIr

hörtes zu wiederholen. In der Verlegenheit greift man oft zu fragwürdigen

Schöpfungen und Kopien. Es gibt aber auch Darbietungen,

die von der Volksmeinung als gelungen bezeichnet werden,

trotzdem sie es nicht sind.

Die Forschung nach ausgestorbenen örtlichen Volksbräuchen und

ein Blick auf die bestehenden sollte mancherorts ermöglichen,

Festprogramme zu bereichern, indem man solche Bräuche in guter

Form aufleben läßt. Noch mehr zu empfehlen ist die Pflege alter

Volksbräuche zu gegebener Zeit. Man hört häufig die Originalität

des Volkslebens dieser oder jener Gegend loben. Warum also

nicht folgern und lebendige Originalität ausbauen und verblichene

nach erfolgter Forschung in guter Form auferstehen lassen?

In diesem Sinne haben wir den Volksbräuchen der Waldstatt

Einsiedeln nachgespürt, um sie hier zu beschreiben lind in Rekonstruktionen,

Skizzen und photographischen Aufnahmen bildlich

zu zeigen. Die Bilderschau erfaßt unser Volksleben noch

allgemeiner. Sie wird durch kurze Hinweise und Betrachtungen

über wichtige Ereignisse erläutert. Der Anhang beleuchtet folgende

Fragen: I. Volksbräuche, die wieder eingeführt und solche,

die besser ausgestaltet werden können, 2. Erloschene Originalitäten

aus dem Erwerbsleben, von denen noch wenig oder nichts

geschrieben ist, 3. Besondere Ortsgewohnheiten, 4. Arten des

Zeitvertreibs unserer Schuljugend, 5. Ueberliefertes der Genoßsamen,

6. Ländliche Kleidungsart, 7. Mundartliche Ausdrücke,

die in dieser Broschüre vorkommen, 8. Kommentar zum Waldstatt-

und zu den Viertelswappen.

5


I. Das Neu j a h r s si n gen. Im Bezirksratsprotokoll vom .rahre

160J wird das Gesuch des Schulmeisters, in der Neujahrsnacht mit -

den Schulkindern in feierlicher Prozession, an der Spitze ein

"Fendlin", vor die Häuser zu ziehen und das Neujahrslied zu

singen, folgendermaßen vermerkt: "Es hat der schuolmeister vor

Rath bet, man wolle Ihm Erlauben, mit den Chnaben uff zuochünftig

wienacht (oder nüjohr) zuo singen. Ist Ihm Erlaubt Nach

altem Bruch". Gelegentlich wurde nicht nur gesungen, sondern

auch Theater gespielt. So lesen wir im Ratsprotokoll vom Christmonat

1677: "Heinrich Wismann bitet namens des Schuolmeißters,

daß man ihm das Nüwjor Lied zuo singen bewillige und Ein

Comedi zuo halten". Die Comedien wurden auf dem Rathaus ab:

gehalten. Da das Neujahrsingen bisweilen als Bettel ausartete,

wurde es vorübergehend verboten. Im Jahre 1705 fragte einer im

Rat, "üb man wolle die nüwen Jahrs Lieder abstellen oder nit,

es seyen auch die schulmeister auf den Vierteln gekommen und

begehren auch mit ihren Kindern ·zu singen". In einer Betrachtung

machte unser Waldstattdichter Meinrad Lienert( Einsiedler

Anzeiger 1895) folgende Bemerkung: "Das Neujahrssingen war

übrigens ein schöner Brauch, denn es mag das Singen der unschuldigen

Kinderschar den hohen Festtagen eine eigenartige-

Weihe gegeben haben. Zugleich machte das Singen dem Schulmeister

und den armen Kindern wieder einmal einen vollen Magen,

denn im Vergleich zu heute waren die meisten Leute damals

blutarm. Das ist ersichtlich aus dem immerwährenden Anhalten

bei der Session oder beim Waldstattrat". Das Neujahrslied, das in

der Heilignacht auch vom Nachtwächter gesungen wurde, lautet:

"Loset, was wil i säge:

Ich wüsche ~.alle e gueti Nacht,

Und dazue glückhaftigs fründlichs Nüjohr

Durch Jesus und Maria.

Stöhnd uf im Name Herr Jesus Christ,

Der heilig Tag wiederumb vorhanden ist.

Jetzt und zue alle Zite,

Der Stärn muess reise witers.

Jetzt wüschi das dr Husvater mit siner Frau Liebsti

Und alle im ganze Hus,

Viel Freude möget erläbe,

Das weIl ihne Gott vorleihe,

Das weIl ihne Gott verleihe,

In der Morgeröthi steht es auf 1

Die hälle Stärne schiesse, -

Das neugeborni Himmelsbrot,

Das heut uns wird beschnitte,

Das göttlich Chind!

.Das suechet wir z'erbitte!"

6


r

I.

Man kennt noch andere Ueberlieferungen des Neujahrsliedleins.

aber leider nur in Bruchstücken. Hier drei Beispiele: "Wir wünschen

Euch ein glückhaftiges neues Jahr, jesus, Maria und Josef,

machet den Kindlein ein gutes Müslein", ferner "D'Muotter Gottes

chocht es Muos, dr Sankt Josef hebt d'Pfanne", ferner: "Mir

höred .d'Frau Muotter i dä Schlüßle rigle und glaubed sie wärd

üs öppis bringe". Die letzten erwachsenen Neujahrssänger waren

der sogen. Barabas, der Schwöbli Marti und der Schleser Meired.

Das Neujahrslied wurde von ihnen um 1880 zum letztenmal in

Fürers Haus an der Taubengasse gesungen. Auf den Vierteln hielt

sich der Brauch vereinzelt bis um 1895.

Mit der Dauerhaftigkeit war z. B. in Euthal eine Nebenerscheinung

verknüpft, die so recht deutlich die ärmlichen Verhältnisse

vergangener Zeit kennzeichnet. Wenn die Hausbewohner den Neujahrssängern

Geld oder Gaben hinabwerfen wollten, erklärten diese

häufig, sie verzichten gern darauf, wenn sie im Frühling nur

"etwas Gummel" (ein kleines Quantum Kartoffeln) bekämen. Tatsächlich

erschienen dann im Frühling, so der Kartoffelvorrat über

den langen Winter verzehrt worden war, die Neujahrssänger aus

dem Dorf, erinnerten an den Verzicht auf die Gabe beim Singen

und baten um die Gummel, da sie Not daran hätten. .

Ueber das Feiern um Neujahr herum äußert sich unser Geschi.chtsschreiber

Martin Ochsner im "Einsiedler Anzeiger" vom 20. Dez.

1899 folgendermaßen:

"Seit grauer Zeit wurden hier die "zwölf Tage", die "Zwölften"

oder "Jahrestage" an den Festen Weihnachten, Neujahr und Dreikönigen

gefeiert.

Schon das Jahr 1590 kennt den "Zwölften Tag". Was die "Jahrstage",

heißt es im Ratschlagbüchlein zum 13. Dezember 1626,

anbelangt, sollen dieselben, wie von altem her im Brauch ,gefeiert

werden. Worin dieser Brauch bestand, sagt uns ein Ratschluß

vom Jahre 1643, der dahin lautet: Erstlieh ist ein Anzug geschehen

wegen den Jahrstagen, ob man sie halten wolle. Ist erkennt,

daß man sie halten wolle, und solle der Galli Kälin gemahnt

werden, daß er einen Zentner Anken solle auf das Rathaus

thun den Waldleuten auf künftigen Freitag. Was dann die

Weiber anbelangt, steht es den Weibern anheim "sy mögedt uff

das Rothuß khomen auch zu denen Manen und den win vom Seekel

Meister auch nemmen, so vill als sy von nöthen." Am 2 I. Dez.

'1647 befiehlt der Rat: "und sölle der Seckelmeister sich mit einem

guoten hürigen Wollerauer verfaßt machen". Später wurde neben

dem Wein und Brot auch Käse "in fründligkeit" genossen. Diese

Wirtschaft auf dem Rathause wurde an den obgenannten Tagen

von der Waldstatt in Regie betrieben. Dabei hatte der Seckelmeister

"den win nit thürer dorzethuon dan die Cöstung seyen".

Zur Aufrechterhaltung der Ordnung und zur Bedienung waren

7

1

~


zwei Stubenknechte bezeichnet, von denen jeder täglich zehn

Schilling Lohn bezog. Hin und wieder wird aber wohl ein ehrsamer

Waldmann bei vorgerückter Stunde die Begleichung der

Zeche vergessen haben. Es wurde daher am 19. Dezember 1850

verordnet, daß ein jeder, der sich dabei (am Jahrstag) befindet,

seine Uerte bar erlege. Der anders thäte, solle I Pfund zu Buß

verfallen sein, und der es nit gutwillig erlege, solle mit andern 'MitteIn

gehorsamt werden. Die hochobrigkeitliche Drohung scheint

jedoch nicht bei allen eingeschlagen zu haben, denn im folgenden

Jahre traf man die Verfügung, daß die beiden Stubenknechte und

der Bettelvogt verordnet sein sollen, bei den Thüren auf dem

Rathause zu wehren, daß Keiner eingelassen werde, der nicht in

der Uerte sitzen wolle. Die Mitglieder des Rates wurden gastfrei

gehalten.

Im Jahre 1628 grassierte ein großer Sterbet, der die Menschen "in

solcher Zahl hinwegraffte, daß in Einsiedeln 4 Totengräber angestellt

werden mußten. Die Jahrstage fanden gleichwohl statt. Um

sich aber vor Ansteckung zu bewahren, wurde beschlossen, daß

man denen, "so die schüchliche sucht by in geregiert" eine sonderbare

Stube auf dem Rathause erwärme.

Es kam wohl auch vor, daß die Feier eingestellt wurde, so 1655

wegen den Wirren, die dem Villrnerger-Kriegevoran gingen und

im Jahre 1689 "weillen ein so stränge und deure Zeit ob handen

und ein jeder Haußhaltung gennog mit ihrer not zu haußen

habe."

Das erste Fest, das in die "zwölf Tage" fiel, war Weihnachten.

Weit über die deutschen Lande hinaus bekannt war das Weihnachtsspiel,

ein Lied, das so frisch und unverfälscht aus der

Volksseele herausklang .

"Vom Himmel hoch, da komm ich her,

Ich bring Euch eine gute Mähr,

Der guten Mähr bring ich so viel,

Davon ich singen und sagen will."

Frühzeitig stoßen wir in der Waldstatt auf das Weihnachtsspiel.

So erteilte der Rat unterm 29. November 1625 dem Schulmeister

Ziegler die Erlaubnis, auf zukünftige Weihnachten mit den Kna-

'ben nach altem Brauche zu singen. Am 21. Dezember 1647 erhielt

der Schulmeister samt den Schülerknaben die Vergünstigung,

nach altem Brauch in dem Gotteshause, auf dem Rathause und

sonsten zu singen. .und am 14. Dezember 1648 haltet der Schulmeister

an, daß man ihm wolle zulassen, und vergünstigen, "nach

altem bruch mit sinen Jungen Schuol Kindren gen Singen und daß

Spill oder Exercitium welches er allbereit unter Handen."

Eine weitverbreitete Gewohnheit bestund darin, das Neujahr vom

Turme herab "anzublasen". Darüber, daß dies auch in Einsiedeln

8


gepflogen worden, fehlen Nachrichten. Dagegen herrschte. ein

anderer Brauch. Sobald es "Zwölf" geschlagen, zog m~n vor die

Häuser, um das Neujahr "anzusingen".

Das Fest der Erscheinung des Herrn oder Drei-Königen wurde in

Einsiedeln im Volksmunde gemeinhin "der zwölfte Tag" (nach

Weihnachten) genannt. Im Mittelalter war es üblich, daß in den

Kirchen ein förmliches Dreikönigsspiel aufgeführt wurde, wobei

neben den 3 Weisen, Herodes mit seinem Hofstaate, die Engel und

Schriftgelehrten nicht fehlen durften. Als dann aber die Handlung

auszuarten begann, wurde sie auf die Straße verwiesen. Hier bildete

sich nun das "Sternsingen" aus. Junges Volk, Burschen und

Mädels, legten sich einen möglichst königlichen Anzug zurecht,

setzten sich die Krone aufs Haupt und zogen mit einem goldpapiernen

Stern auf einer Stange durch die Gassen, um sich durch

ihren Gesang, der also anhub:

Wir, Kaspar, Melk und Balz genannt,

Wir sind die heiligen drei König aus Morgenland"

eine Gabe zu erbitten.

Das "Singen" an genannten Festtagen, mit dem Selbstzwecke, an

die Mildtätigkeit der Nebenmenschen zu appellieren, war als aus-

·schließliches Privilegium der studierenden Jugend der Waldstatt

eingeräumt. Allein schon 1560 regten sich Konkurrenz und Brotneid,

und es mußte ein bezügliches Verbot erlassen werden. Dasselbe

wurde von Zeit zu Zeit erneuert. So heißt es zum 22. Christmonat

1625: "Singen halb des nüen Johr Lieds ist verbothen, wie

auch der heiligen dri Küngen by der alten buoß." Am 26. Nov.

1645 wird den "Schuoleren" das Singen gestattet "aber Uebrigen

.abgeschlagen undt verboten by 1 Kronen buoß, daß Niemants

weder tags noch Nachts umb die heuser umbeher singe". Man ging

noch weiter und wurde auf den 19. Dezember schlüssig: "Soll das

Neujohrlied und H. dry Königen singen im und außerts landt auch

den Frömbden so etwan komen mochten verbotten sein bey 4 Pfd.

buoß". Allein, wie so mancher polizeilichen Verordnung erging es

auch dieser -- sie wurde nicht gehalten. Am 2. Februar 167I wurden

4 Söhne und 2 Töchter vor Rat citiert und zur Rede gestellt

"daß sy der verschinen zit des heiligen 3 Künig liedt in der

Frömdte gesungen, und so buoben und Meitli mit einandern geloffen

und so große gugelfuog getrieben haben. Isterkennth daß

.sey Jedes 1 Pfdt. zu buoß gäben sollend." Schlimmer erging es

einem Kaspar Lacher, der entgegen dem Verbote der Obrigkeit

Weihnachtslieder vor den Häusern vorgetragen. Vor Rat citiert,

verantwortete er sich am 28. Dezember 1701 dahin: er habe nur

geistliche Lieder zu Ehren des Christkindleins gesungen. Sein

frommer Sinn wurde aber so übel verdeutet, daß er im "Thurm"

(Gefängnis) über die Macht seiner Melodien nachsinnen konnte.

Fassen wir das Gesagte in folgende Rahmen:

9


•••

--- (

Um die Zeit der .Wintersonnwende, an Neujahr-und dem zwölften

Tage (Drei Königen). versammelten sich die Waldleute zur feierlichen

Regelung des von ihren Voreltern christianisierten heidnischen

Julfestes. Bei Einbruch der Nacht zogen Weiber und Männer

in ihrem besten Sonntagsstate auf das Rathaus. Brenzlich riechende

Talgkerzen ließen im Halbdunkel das Getäfer und die mit Bildern

und Wappen gezierten Glasscheiben erkennen.' Zuvorderst,

saßen die gestrengen Herren von Rat und Gericht hinter den von

Neubürgern gestifteten silbernen Pokalen; auf den Bänken längs

den Wänden und um die Tische in der Mitte lagerte sich bei

einem Becher Weines das frohmütige Völklein der Waldstatt.

Nach kurzem Besuche im Stifte und in den Häusern vermöglicher

Bürger erschien der Schulmeister mit. seiner Sängerschar, .um

durch ein eigens zu diesem Zwecke gedichtetes und komponiertes

Stück sich und seine Zöglinge zu empfehlen. Die Aufführung

dieses Spieles ~ auch Exerzitien oder Komödie genannt - in dem

Gesang, Musik und Deklamationen abwechselnd zum Vortrage gelangten,

wurde mit einem Trunke belohnt. "Den schuollerknaben.

nach gehaltener Comedie (am neuven Jahrestag) für 7 Mos Wein

3 brodt auch brodt bey dem Ochsner 8 Pfd." Daß die Vorstellungen

mit etwelchen Auslagen verbunden waren, beweist eine Notiz:

vom 16. März 1792, wonach Herr Pater Statthalter dem Herrn

Präzeptor im Dorf (Hochw. Herrn Nikolaus Heinrich Eberhard

Wyß) wegen gehabten Unkosten mit einem Studenten für die

Komödie 2 Louisdor gab.

Allein so ganz in Minne verliefen die Jahrestage nicht immer. Das.

"Friede den Menschen" blieb gesungen und verklungen. Nur zu

oft wurde die Feier des' Tages, nachdem die Köpfe vom Weine erhitzt,

wüst entweiht. Wortgezänk und Schlaghände1 stellten sich

ein, Dies wird mitgewirkt haben, daß die Jahrestage auf zwei,

dann auf einen Tag eingeschränkt wurden, um endlich der Vergessenheit

anheimzufallen."

Ein für den Empfänger angenehmer Neujahrsbrauch, der hier

nicht erwähnt ist, behauptet sich heute noch: Das Göttigeschenk.

Es ist üblich, daß Pate und Patin dem Göttikind am Neujahr ein

kleines Geschenk machen, in der Regel einen Eierzupf oder dann

einen Fünfliber in den Sparhafen. Das Göttigeschenk verpflichtet

ordnungsgemäß bis zum Jahr, da der Götti die erste hl. Kommunion

empfängt. Es gibt ausdauernde Paten und Patinnen, die

ihren Götti bis zu seinem vollendeten 20. Altersjahre beschenken,

·.l

\

s

2. G r e i fl e t. In unserm Hochtale (914 m) wächst kein Korn und

wenig Obst. Da und dort an windgeschützten Hängen stehen

einige Kirschbäume. Die Sorge um den Obstwachs ist deshalb

nicht so groß wie in fruchtbaren Gegenden. Deshalb dachten an.

Dreikönigen von jeher nur wenige Bauern daran, die umgehenden

IO


·,1

,

bösen Geister zu vertreiben, die' das Wachstum der Obstbäume

stören. Im ViertelEuthal hat man diesem Brauch, genannt Greiflet,

bis Ende der Soer Jahre hinein Aufmerksamkeit geschenkt. Junge

Männer versammelten sich nachts im Dörflein, mit Trychlen,

Schellen, Kloben und Peitschen versehen, und zogen dann auf die

Felder, wo Obstbäume standen, umkreisten dieselben, indem sie

mit ihren Requisiten einen höllischen Lärm veranstalteten, um die

bösen Geister zu verscheuchen, die dem "Wachs" (Wachstum)

schaden könnten. Die Peitsche war das wirksamste Scheuchrnittel.

Wirbelnd säuberte der Bauer den Luftraum vor sich hin und verriegelte

ihn im Rücken der fliehenden Geister mit drei kräftigen

concentrischen Schlußschlägen. Das Wirbeln ist nicht zu verwechseln

mit dem sog. Kreuzschlag über dem Kopf, den die

Bauern der Ostschweiz mit der langen Schafgeißel ausführen, Als

Entgelt bot man den jungen Leuten Rosoli (selbstgemachtes Nußwasser)

an. Das Greiflen wurde schon im I7. Jahrhundert und

neuerdings im Jahre 1738 bei IO Pfund Buße verboten. Im Jahrbuch

1934 für schweiz. Theaterkultur hat Meinrad Inglin von

. Schwyz einen Greiflerspruch veröffentlicht. Der Brauch ist somit

für die Zukunft wenigstens literarisch verankert.

Der Wirbelschlag mit der Peitsche ist vom Greiflet auf das

Alltagsleben übergegangen. Bauern und Fuhrmänner handhaben

die Peitsche auch zum Zeitvertreib. Trotzdem sie die gedrehte

Kuhgeißel, -die die Form einer langen, schlanken Renaissancewachskerze

hat, nicht ceremoniel tragen und nicht pflegen, wie

z. B. der alte Herrschaftskutscher, der Postillon und der Mühlenkarrer

ihre elegante Peitsche pflegten, so sorgen sie doch für

einen zum Knallen geeigneten Zwick. Zur Zeit, als die Seidenhandweberei

blühte, (bis um I900) wurde der Zwick mit farbigen Ausschußfäden

gedreht. Ob der Fuhrmann auf der Turbenbänne oder

auf dem Trämelschlittten sitzt oder breitspurig hinter der Fuhre

hertrampt, "wirbelt" er von Zeit zu Zeit mit der Geißel. Der

Wirbelschlag wir erzeugt, wenn man die Schlinge mit wagrecht

vor sich hingehaltenem Geißelstecken sehr rasch aufeinanderfolgend

wechselweise nach rechts und nach links kläpft, sodaß

der Schlag dem Trommelwirbel gleicht.

3· Dorffe (z'Liecht goh oder Chilte) Hochsigmache,

B r ö e g e, J ü c h s 1e, J u eh se.

Ueber das "Dorffe" kennt man hierorts nur einige wenige Formalitäten,

die als Ortsbräuche registriert werden können. Ernste

Bekanntschaften sind ein stilles persönliches Anliegen zweier junger

Menschen und ihrer Eltern, sodaß keine Originalitäten von

Haus zu Haus vermittelt und auf diesem Wege als allgemeine

Regeln eingebürgert wurden. Man weiß nur, daß es ursprünglich

üblich war, am Donnerstag und Sonntag dorffen zu gehen.

II


,

1

Es hieß, daß am Montag nur die "Nötigen", am Freitag nur die

"Rüdigen", am Samstag nur die "Gewöhnlichen" (man nannte sie

Schuhputzer) gingen. Am Mittwoch wurde unter Bauern kein

Handel abgeschlossen. In diesem Zusammenhang läßt sich erklären,

warum der Mittwoch für das Dorffen außer Betracht fiel.

Inbetreff der Zurückhaltung am Freitag ist es angängig, in erster

Linie an religiöse Rücksichten zu denken. Der Freitag erinnert an

Jen Leidenstag des Herrn. Man darf aber auch an leibliche Erwägungen

denken. Es ist Brauch, daß die gefreite Tochter dem

Freier beim Dorffen etwas "auffstellt", z.B. Selbstgedörrtes und

nachher Birnenweggen und Züpfen. Da aber am Freitag unabwendbar

Fasttag ist, müßte auf den fettesten Brocken verzichtet

werden, auf jeden Fan dann, wenn Mutter und .Tochter entscheiden.

Nebenbei bemerkt, ist das gedörrte Schwynis ein Produkt der

bäuerlichen Hausschlachtung. Der Bauer bestellt in der Regel im

Spätherbst den Metzger im Lohn und kauft das Gewürz im Spe-

.rereiladen. Er hängt das Fleisch in die Rauchkammer und verzehrt

es über den Winter. Zu erwähnen ist ferner, daß der Freier

früher mit dem "Alten" einen Rosenkranz ausjassen mußte, bevor

er sich dem Gspüsli nähern durfte. Das ist so zu verstehen,

daß gespielt wurde, wer den Rosenkranz beten mußte, der Alte

oder der Freier, d. h. der Verspielende. Es entspricht ganz der

Denkweise alter, schalkhafter Bauern, dem zukünftigen Schwiegersohne

beizubringen, daß der Alte.Geber und der Jüngling Nehmer

ist und daß die Gabe aus Vaters Entschluß für den Empfangenden

viel bedeutet. Der Alte denkt an die finanzielle Tragweite der

Handlung, hauptsächlich wenn er wohlhabend ist, z.B. wenn er

einige vürnehme Haupt Vieh besitzt, wovon er gern zu sprechen

. pflegt, während des Freiers Vater vielleicht nur ein paar "Schwänze"

im Stall hat. Er will zu merken geben, daß er ein Opfer bringt,

wenn er die Tochter vergibt. Es ist in Form eines Sprüchleins ein

Bittgesuch bekannt, das die Tochter an die Mutter richtet, tun sie

zu veranlassen den "Gültigen" freundlich zu empfangen und ihm -

mit etwas Gutem aufzuwarten. Dieses Sprüchlein heißt:

Mueter, lueg dou

s'ischt ä Buob dou.

Wend en ine la,

s'isch ä schöne Ma.

Mueter, gend äm Chuoche,

so chunt'r nöcher zuoche,

Mueter, gend äm Ziger,

So chunt'r more widr.

Mueter gend äm äs Branz

's isch dr Chäle Franz,

Mueter gend äm au äs Weggli,

's isch der Schwyzerseppli.

1:2 -,


j

Wenn es zur Heirat kommt, versilbert weder der Vater des Bräutigams,

noch derjenige der Braut eine Kuh, um den Eheleuten

Bargeld aushändigen zu können. Es bleibt in der Regel bei einer

einfachen Mitgift an Kleidern und Lingen und Geräten. Bei

Teilungen und Nachlassen war es vor dem Inkrafttreten des neuen

Zivilgesetzbuches von jeher Brauch, daß der älteste Sohn den

sogen. Mannsförderling erhielt, d. h. das Anrecht auf die Uebernahme

des väterlichen "Hostet" zum bestmöglichen Preis. Jüngere

Brüder und die Schwestern bekamen gleichsätzige Ausrichtbriefe,

die man, im Range den zinspflichtigen Schuldbriefen

folgend, errichten ließ.

Ueber die ablehnende Haltung der Mutter ist folgender Spruch

bekannt:

Marieli bis gschyder,

gang mit keim Schnyder,

gang mit keim Burebueb,

Döirfflig git's gnueg.

Hier kommt der mütterliche Rat an die Tochter zum Ausdruck,

eine soziale Besserstellung anzustreben. Gewiß kann es die Mutter

gut meinen, aber sie unterschätzt den sozialen Rang des Handwerks

und des Bauernstandes.

Im Zusammenhang mit den wenigen Ortsbräuchen beim Kiltgang

und Hochsigmaehe kann man das Romfahren gewisser "gesperrter"

Hochzeitspaare erwähnen. Es ereignete sich noch in den

Soer Jahren, daß die sogen. "Herren", so wurden die zuständigen

Amtspersonen auf dem Rathaus genannt, einem ungetrauten Paare

mit einem unehelichen Kinde die Ziviltrauung versagten, wenn

der Mann mittellos war, d. h. wenn man ihm nachweisen konnte,

daß er nicht in der Lage wäre, für den Unterhalt der Familie zu

sorgen. In den meisten Fällen traf dies bei den zahlreichen

Feckern zu, die hier noch mehr als anderswo ein nomadenhaftes

Leben führen können. Die "Herren" wollten mit diesem gesetzlich

nicht verankerten Vorbehalt in gefährlichen Fällen den Weg zu

Familiengründungen verlegen. Er war ein untaugliches Glied im

Fragenkomplex über Feckerhilfe, die gerade hierorts heute so

akut ist, wie je zuvor. Es kam dann vor, daß Paare, denen die

Zivilehe gesperrt war, das Kind in das Tragkissen legten, sich mit

Pfanne und Geschirr ausrüsteten und die Fußreise in den römischen

Kirchenstaat antraten, um sich dort trauen zu lassen. Die

letzte derartige nachgewiesene Romfahrt war die des Keßlers

Jörg.

Das Schießen bei Hochzeiten und Taufen war nur erlaubt, wenn

der Bräutigam bezw. der Vater einen Krontaler in die Armenkasse

entrichtete. Falls ohne Erlaubnis geschossen wurde, mußten

13


r,

I

die Veranstalter 2 Neutaler Buße zahlen. Jetzt ist das Schießen

bei Hochzeiten nicht mehr üblich.

Von größerer Originalität sind die Begleiterscheinungen des Dorffens,

nämlich das Spiel der Nachtbuben, das sich mit mehr oder'

weniger Ernst ebenfalls um ein Gspüsli bewegt. Hievon wollen wir

nun ausgiebig sprechen, indem wir zuerst den Hergang und nachher

einzelne Handlungen schildern.

Mit _wilder Abenteuerlust, die von der nahenden Fastnacht angeregt

wird, ziehen die Bauernburschen in den Winternächten nach

Dreikönigen in nahe und entfernte Gehöfte, d. h. dorthin, wo eine

hübsche Jungfer zu 'Hause ist. Die Töne des Muulblettlis (Mundharmonika)

und ein kögeindes Jäuchzeln (3-4 gebundene rasch

aufeinander folgende Jauchzer in hoher Tonlage) verraten, .daß sie

um' jeden Preis darauf ausgehen, in der warmen Kammer einer

Schönen zu landen. Sie halten vor der Behausung an, die sie als

schatzhaltig kennen, schwirren um die Hausfesti herum, locken

die Jungfer mit Zurufen in entstellter Fistelstimme ans Fenster,

indem sie, wenigstens früher, den sogen. "Heirats brief" bezw.

"Hausratbrief", seit ungefähr 1870 "Hausgrümpel" genannt, aufsagten,

heischen ihr Rosoli (selbstgemachtes Nußwasser), einen

Bissen Eierzupf oder Birnenweggen. Zeigt sich die Angerufene

am Fenster, erbettelt man schließlich den Einlaß, der gewährt

wird, wenn nicht schon ein Günstling drinnen auf der Ofenbank

sitzt. Hat die Jungfer kein Gehör, lassen die Burschen dennoch

nicht nach, sie steigen auf Scheiterbeigen und Chlebdächer und

poltern an die Fälläden. Manchmal sagt der Alte,der in der Nebenkammer

schläft und vom Lärm geweckt wird, auch sein Gsätzlein

dazu. Wenn der bräugende Bursche nicht nur der Tochter, sondern

auch dem Vater sympathisch ist, wendet der Alte gegen den

Einlaß nichts ein.' Sitzt schon ein Günstling in der Stube, und

merken das die Burschen vor dem 'Hause, wird er entweder

herausgefordert oder sie warten, bis er am Morgen heimlich den

Heimweg antreten will. Sobald er sich blicken läßt, werden sie

handgriffig, und es heißt dann "ghaue alders gstoche, rübis alders

stübis". Es ist schon vorgekommen, daß der Günstling der

Jungfer aus Eifersucht blau geschlagen oder in das Güllenloch

getüncht und dann heimgeschickt wurde.

Beim z'Liecht goh (Dorffe) verändern die Burschen bis zum

Einlaß ins Haus die natürliche Stimme, das heißt sie brauchen

.die Kehlkopfstimme in heisern und verhaltenen Tonarten, damit

man sie nicht sofort erkenne. Das nennt man hierzulande

"broege", gleichbedeutend wie "vürsibroege", im Ybrig "räble"

genannt, eine besondere Sprachmode der Fastnacht. Im nahen

Ybrig und im AlpthaI ist auch das sogenannte "Hindersibroege"

üblich. Man bedient sich einer "verrenkten" Kehlkopf technik

und spricht mit foppendem Galgenhumor zu den Jungfern. Auch

:14


••

im Gespräch mit den nichtmaskierten Wirtshausbesuchern bedient

man sich dieser anstrengenden Sprachtechnik. ,

Beim nächtlichen Auszug kann es zutreffen, daß die' Nachtbuben

den Weg mit denjenigen eines andern Viertels oder mit Dörfligen

kreuzen. Die einen wie die andern wittern die Gegnerschaft und

illre Stimmung fast aus der Luft, also noch ehe sie sich erkennen.

Beim gegenseitigen Nahen bücken sie sich, strecken den Oberkörper

seitwärts vor, halten entweder den Arm vor das Gesicht

oder recken die Hände bodenwärts und klatschen herausfordernd

in die Handballen und rufen sich zu: "Harus, häre cho, häggle!"

Diese Herausforderung zum Messen der Kräfte wird mit verständlicher

Deutlichkeit wiederholt, entweder angriffslustig oder

verteidigend, je nachdem man die Balghaftigkeit der abseitigen

Jungmannschaft einschätzt. Wenn nicht eine der Parteien .rechtzeitig

den Finkenstrich nimmt, kann es zu einern Handgemenge

kommen, bei dem ab und. zu auch Schwirren und Haglatten

kreisen.

Als Zeichen, daß die Schlägerei beidseitig auf der Stelle erwünscht

ist, gelten auf Entfernung das Pfeifen durch die Finger

und beim Nahen das Fingerknallen. Beim Knallen mit den Fingern

drückt man die Spitze des rechten Daumens krampfhaft gegen'

die des Mittelfingers und läßt diesen plötzlich gegen die Handballe

hin abgleiten, worauf ein Knall entsteht. Geübte bringen es

fertig, daß das Fingerknallen gehört werden kann, auch wenn sich

die Parteien noch entfernt gegenüberstehen. Die Herausforderung

.rnit dem Händeklatschen, Pfeifen und Fingerknallen läßt der

Nachtbube nicht über sich ergehen. Diese akustischen Zeichen

sind ihm klarer, als die Sprache, intonieren sie doch gleich die

wechselnden Schläge mit der Faust, die bevorstehen. Sobald sichdie

Parteien genähert haben, verstärken sie den Sinn des Fingerknallens

mit einer Begleitbewegung des rechten Arms, die alsogleich

in den Schwung zum Schlag hinübergleitet. Im Streit der

Nachtbuben geht keine Erwägung der rechtlichen Folgen für den;

der zuerst schlägt (Angreifer) voraus. Sie denken nur an den

'taktischen Erfolg. Weil sie wissen, daß der Angreifer den taktischen

Erfolg ziemlich sicher für sich hat, versucht jeder, dem

<Gegner eins' zu "putzen", daß "er das Feuer im Elsaß sieht",

'bevor er getroffen wird. Beim Auszug aufs Land bedienten sich

die Nachtbuben in den' ooer Jahren nicht nur des "Muulblettlis",

'Sondern auch des Brummeisens, "Trümpi" genannt, als Marschmusik.

Das "Trümpi" besteht aus einem kleinen Metallring und

einer an einem Ende darauf genieteten dünnen Stahlfeder. ,Man

legt das Instrument an die Zähne, haucht kräftig darauf und bewegt

die Feder am freien Ende mit der Fingerspitze, worauf ver-

-schiedene Töne entstehen, die frei nach dem Gehör zu einer

:primitiven Marschmelodie gereimt werden. Im alten Lande Schwyz

15


wurde das "Trümpi" bei der diskreten Tanzmusik in Privathäusern

als Begleitinstrument benutzt. Nur darf man nicht an

das kleine Taschenformat der Einsiedler Nachtbuben denken.

Noch ist etwas über die örtliche Ausdehnung des "Dorffens" zu

sagen. Man darf nicht etwa glauben, der Brauch sei der Landbevölkerung

vorbehalten. Die Burschen und Mädchen im Dorf

wissen auch etwas -davon, wo sonderheitlieh die Langrüti zeitweise

ein beliebter Tummelplatz der Nachtbuben war. Immerhin

wurde die Umgebung der bis 1910 mit Petrollaternen beleuchteten

Dorfstraßen gemieden. Sicher ist auch, daß ein nächtlicher Gang

über das in Dunkel gehüllte Land verlockender war, weil er sich

umständlicher und darum abenteuerlicher gestaltete. v.,renn der

Dörflig aufs Land ging, mußte er sich des verschärften Wettbewerbes

vonseite der Viertelsburschen zum voraus bewußt sein.

Nun folgen einige Detailbesprechungen : Mit dem Heiratsbrief

auch "Hausratbrief" und "Inventari" genannt, hat es folgende

Bewandtnis: Er besteht aus einer umständlichen Liebeserklärung

in unbeholfenen Gelegenheitsversen. Er .beginnt in der Regel mit

einem Gruß an die Hausbewohner, sonderheitlieh an die Jungfer.

Hierauf gibt er den Grund bekannt, warum der Freier vor dem

Haus erscheint. Dann eröffnet er eine Litanei über den Wert der

"Hastet" (Hofstatt-Liegenschaft) über Zahl und Beschaffenheit der

Feld- und Hausgeräte, d. h. alles dessen, was der Freier in die Ehe

bringen könnte. Anschließend gewährt er einen Blick in die persönlichen

Eigenschaften des Freiers. -Zu guterletzt frägt er verstohlen

nach den Vermögensverhältnissen der Jungfer und preist

ihre Eignung als zukünftige Frau und stellt sie gleich vor die

Wahl, kurz und bündig "ja" oder "nein" zu sagen. Der Heiratsbrief

zeichnet sich aber durch die Eigentümlichkeit aus, daß er

etliche Male eine günstige Darstellung, die die aufmerksame

Hörerin ernst auffaßen kann, im Handumdrehen mit spaßhaften

Wendungen lockert und sogar widerruft. -Der Schlußsatz sagt am

klarsten, was die Kundgebung in den meisten Fällen zu bedeuten

hat; nämlich:

"Auf der Gaß,

ist's halt Gspaß".

. Entweder verfolgten die Nachtbuben gemeinsam zu zweit oder zu

dritt das gleiche Ziel, oder dann machten sie sich einzeln heftig

Konkurrenz. Sie sagten. den "Heiratsbrief" von abends I 1 Uhr

an, fließend, mit verstellter und fieberhaft modulierter Fistelstimme

bald gegen dieses, bald gegen jenes Fenster hinauf, d. h.

allwo sie vermuteten, daß die angerufene Jungfer erscheinen

könnte. In der Lebhaftigkeit des Vortrages .Iag die Originalität

dieses alten Brauches. Die schlafenden Hausbewohner mußten

unwillkürlich aufwachen und die Ohren spitzen. Aus der Entfernung

hörte sich die lückenlose Litanei über die in Dunkelheit

16


gehüllten Hänge fast geisterhaft an. Wenn die Jungfer an der

nächtlichen Kundgebung Gefallen fand, machte sie sich bald aus

den Federn, öffnete ein Fensterflügeli und fragte: "Was häsch

gseit?" Diese trockene Frage leitete die Beziehungen ein. Sie

verriet, daß das Interesse der Jungfer gebannt war. Als Antwort

rezitierte der Freier die Urkunde mit gesteigerter Geschwätzigkeit.

Er fühlte daß es für den Entschluß zum baldigen Einlaß nur mehr

auf seine Ueberredungskunst ankommen werde.

Sei den 80er Jahren hat der "Heiratsbrief" mehrere freie Parodien

erhalten, die im ganzen Tale herum unter -dem Namen

.,.Ha griimpel" bekannt sind. Der "Hausgrümpel" unterscheidet

ich vom ,Heiratsbrief" hauptsächlich dadurch, daß er verhältnismäßig

kurz gefaßt ist und daß er keine Liebeserklärung enthält,

sondern dem Wunsche, hereingelassen zu werden, unmittelbar

Ausdruck gibt. Ein "Hausgrümpel" existiert hier auch in Form

einer öffentlichen Gantanzeige verbunden mit der Einladung zur

Teilnahme. Alle neuen Fassungen zeigen den Gang der Verflachung

des Brauches. Die Verflachung hat zwei hauptsächliche

Ursachen: Das moderne gesellschaftliche Leben bietet hinreichende

Gelegenheit, daß sich Burschen und Mädchen kennen

lernen können, weshalb das "Bröegen" zur Anbahnurig des Hausbesuches

überflüssig ist. Ferner: Die Formen des Brauches wurden

von Generation zu Generation mangelhaft überliefert. Es trifft

zweifellos zu, daß ursprünglich mancher Nachtbube beim Aufsagen

des "Heiratsbriefes" tatsächlich von ernsten Heiratsgedanken

beseelt war. In den meisten Fällen und das wird im jüngern

"Hausgrümpel" bestätigt, drängte sie die Begierde, rasch an ein

pusperes "Ersteli" zu gelangen, um in seiner Kammer ein mehr

oder weniger harmloses Abenteuer zu erleben, das bis zum Morgengrauen

dauerte und das erneuert werden durfte, sobald die

Jungfer sich für den "Gültigen" entschlossen hatte. Der Kurs

zeigte sich aber erst klar, wenn die jungen Leute etwa am nächsten

Verenamarkt Hand in Hand miteinander zum Tanz gingen. Das

Gehen "Hand in Hand" bedeutet nämlich auf unsern Vierteln ungefähr

gleichviel, wie wenn heiratslustige Paare der Dorfbevölkerung

bei Tageshelle Arm in Arm des Weges kommen.

Hier folgen einige Abschnitte des "Hausratbriefes" der Viertelsbewohner:

Warum ich hieher gekommen bin,

das kommt dir vielleicht schon in den Sinn,

ich will dir nüd lang druf tüten,

ich will grad säge vor alle Lüten,

ich han im Sinn, hinächt hier zu weiben,

so kann ich ein andermal daheim bleiben,

deßwegen will ich zu dir sitzen,

wird sich zeigen was es tut nützen.

17


Du bist mir weiß Gott: lieb! wärms-ich

so glaubi du gäbist gwiß my Frau.

dir au,

So wollen wir jetzt einander erzählen,

wie's wir miteinander wollen anstellen,

sag du mir zuerst, du bist dann frys,

wieviel hast du jährlich Zys,

ich hab zwei SchiIIling oder das noch nit,

wiest wie viel Kapital das gibt,

ich hab eigen Haus und Hastet,

ich will dir sagen wieviel dasselbe kostet,

zwölfhundert Gulden Kapital,

doch ist sie kurz und schmal,

richtig isch wer weiben will,

glaub mir nur ich will dich nit betrügen,

ich han eine schöne Trettwiege,

ein Schemeli und ein Ständli,

Kindslöffel und ein Pfändli,

zu Kinderzüg, Strümpf und Schuoh

han ich Tuch und Leder gnug dazu,

Blei, Pulver, Patron taschen,

Gläser, Kanne und Weinflasche,

Gunt-Aext, Schlegel und Zinn und Aer

dieses hab ich daheim beides schwer.

Haufrätschen, Werchhächlen und mehr andere Sachen,

ein Haspel und zwei Seiten und Gaiß

auch viel andere Sachen, die ich nit weiß,

und nüd davon erzählen mag,

denn ich hätte einen ganzen Tag,

absonderlich wenn ich erzählen wett,

wie beschaffen ist mein Hochzeitsbett

daß Flum u. Materazen ich könnt dem größte Bettler tarzen,

neben dem Bett stad die Wiege leer,

jetzt merkst wie alles bereit wer,

wenn du willst kannst ja ganz allein,

den Augenschein selbst nehmen ein,

Zu dem bin ich schier leinigs kind,

will dir au grad säge, wie viel das üser sind,

der Peter, Baschi, der Lorenz,

der Rudi, der Joggi und der Klemenz,

es ist der Meinrad, der Stoffel und der Augustin,

18


, .

der Marti, der Flori und der Vallentin,

der Michel, Heiri und das Madle,

der Toni, der Wendel und das Hele,

der Joseph, der Christian und das Grethi,

der Balz und der Lunzi und das Bethli,

dann bin ich, der Klaus mit Namen

und bin der hübste von allen sammen,

ich bin auch wohl stark von Natur,

und fürcht schier Herr no Bur,

bin aber doch gar nit unbändig,

und mit dem Wiebervolch wohlverständig,

denn ich weiß ihre Fehler und Mängel schon,

sie haben insgemein eine zarte Komplexion,

da muß man wüssen vor- und nachzugeben,

sonst gibt es ein verdrießliches Leben.

Eines wird dir nüd gfalle,

ich geh nicht gern i d'Chilä,

viel lieber zum Tanz und Spielen,

sonst wär alles gut's in mir beisammen,

jetzt machs wie d' witt in Gottes Namen.

Heiratswegen bin ich einmal hier

wend aber sagst geh sofort, so wil i flieh,

wend aber sagst komm, setz dich zu mir nieder,

so kehr ich um und komm grad wieder.

ich hab gar vonnöthen, ein munteres Weib,

ich könnt es brauchen auf viele Weg,

es ist nit eben, daß bi mir leg,

grad jetzt hätti nu viel zu trösche,

auch sollte ich höchstnöthig wäsche,

auch im Kauf und Markten könntest walte,

gewiß könntest du das wohl uushalte

du wärest dich dessen schon wohl bericht,

wie man das von dir hört und sieht.

Hier folgt ein "Hausgrümpel"

aus Studen:

Ae Värs vom Samstigznacht

Guote n'Abig yer alli im Huus,

Aber d'Huusjunpfere zuom voruus,

Aes hed mier erst chürzli traumt,

I heig au seho bi dr Huusjunpfere gaumt.

Aber äs isch ä läre Traum,

Aseviel wie ä verhaglete Baum.

19


I chume diräkt vo Tugge

Und tät nu gäre ä chli ine gugge,

Und nu lieber hätt'i im Sinn,

Mit dr Huusjunpfere ä chli z'wybe,

So daß! i; äs anders mal cha dr heime bliebe,

Und nächstens gan'i uf Lache,

Nu wett'i nu wüsse, Huusjunpfere,

Wieh mers au wetid mache.

I chönt Dir au säge vo Hellebarde und Däge,

Au vo mine Huusgrätschafte will dr verzelle,

I ha nu anderhalbi Chelle,

I ha scho längst eini mache welle,

Au Chindschübel und Stande,

Sind meh des gnuog vorhande.

Und het nu zwe Paar Hose, keis isch ganz,

Das ei hät ä Loch, das ander ä Schranz.

Au Sägässe, Räche und TangeI,

A söliger Rustig hani kei Mangel.

Jetzt nimmt'mi grad eine bim Bei,

Das ist äs Zeiche i söt mit'm Chlause-Verein hei,

bi ja nid ä lei,

Ich wil dr grad säge, wieviel daß üsäre sind:

Dr Meiri, dr Stoffel, dr Augustin,

dr Marti, dr Flori, dr Valänti,

dr Michel, dr Heiri, und's Gretli,

dr Balz, dr Lunzi und's Betli,

Und i bi dr Chlaus mit ame,

dr feinst und dr schönst und hübschist vo alle zäme.

Hier folgt ein Beschrieb des Bröegens in Versform von Otto

Hellrnut Lienert:

Dorffe

(lbergerisch)

Im Döürfli Stude het ä Ma

Am Samstigznacht äs Rüschli gha.

Aen alte Wittlig us um Euthel,

Chund wider einist '5 Dorfe a,

Aer mag nid hei, blybt allpot stah

Und wott nu zuerri'ne Maitel.

Heja, sä fallt's em äntli i,

I chöt birn. Bläsifranz verby,

Im Agethli gah braige.

Det stahd er jetz ä schöüni Wyl,

Doch nützt em '5 Rede da nid vil,

Kä jumpf're .wott si zeige.

20


Das Maitli ist de gwüß äs Schlimms,

As äs nid vüre mag a ds Gsims,

's wird ejä, eine binem ha,

Und wär's au bloß ä Chriesima,

Was warm gid, ist frygfraite.

1\11 mag's, mein'] chuum erbeite.

Hußjangs, sä dänkt r, Mued und Waz,

Rüöft erber lut: "Stand uf, du Schatz]

Musjiimpferli, chum vüre!

Wän du mich gsehst, bist sauft verstunt]

Glych braig dr nid, bis z'maugle chund,

Bim Husli vor dr Türe.

Bin öppe gar kei alte Chnab,

Jä näy, 's gahd nu nid bärgab.

I ha nu Gleich und .Hitze.

Gah mach und stoß dr Rigel zrugg,

Hüd einist la dr de nid lugg,

Bis ich bi diär cha sitze.

Säg jaha, Gspusli, und mach Liecht.

Bim erste Schmutz scho, wo dr miecht,

Sä köürtist d' Aengel singe.

Du wurdist mer vor luter Gfel

Aes Dächis hole uf dr Stell]

Am Aend ä Nydle schwynge.

Wie gleitig chämtist us em Bett]

Wän d' wüßtist, wer di hinecht wett!

Dr Husgrümpel

My Aeti ist ä Zainefliker!

Verloge isch, ha d' Lumpery,

Dr Vater ist ä Buremändel,

Hed mid em ganze Viertel Händel]

Ist gytig wien ä Zyslipiker!

Ae söles Züg saidär ä Schutz.

Uf einist chund ä Rägesprutz

Und trybt ene i ds Husli.

Frächs über d' Schyter gahd dr Bur,

Wott obsi bis i d' Cuggehur,

Zuem Agethli, zum Gspusli.

21


Bim Chläbdach aber blybt er stah.

Aes chund e wien ä Schwechi a,

Und 's ist em halbe gschwunde.

Dr Luft, sä hed em d'Chappe gnu.

Jetz, ejä, Seebel, heb di du,

Sust hest de ds Bei verbunde!

Uhua, Agethli, tschebrüü!

Sä gspäßig schlad's em's nu i d" Chnüü,

Aes wien im Pfarrer 's Faste.

Und äbe riglid's wie nid gschyd,

's ist, meini, eine appeghyt,

Aer lyd im Güllechaste.

Jähr Dunndersburschte, ziehnd drus d' Lehr:

Aes mögigs Maitli hed nur Ghöür,

Sälang er jung wend wybe.

Syg eine Wittlig, alte Chnab,

Mid beede gahd's halt doch raiab,

Chönd's hinder d' Ohre schrybe.

Otto Hellmut Lienert,

Das Gesagte zeigt, daß das "broege" einen positiven Zweckhat. Die

Burschen wollen um jeden Preis zur Jungfer hinein. Die negative

Form heißt "uusebroege". Sie hezweckt die Herausforderung des

oder der Burschen, die bei der Jungfer "gaumen". Diese Burschen

können nur mit schalkhaften Zurufen, Neckereien und Schmähworten

herausgelockt werden. Freiwillig tritt keiner seinen Platz

auf der warmen Ofenbank ab. Das wissen diejenigen, die im Freien

stehen aus Erfahrung. Sie wägen deshalb die Mittel nicht ab, am

wenigsten, wenn ein Fremder bei der Jungfer sitzt. Es ist darum

zu fragen zulässig, ob nicht auch die "Gantanzeige" ein solches

Mittel gewesen sei? Sie kann an niemand anders als an die

Jungfer und ihren Günstling gerichtet sein, die die Anrufe von

außen auf sich beziehen müssen, umsomehr, da es Uebung war,

die Namen derjenigen, die man in der Kammer vermutete, beim

"Broegen " in den Spruch einzuflechten. Die "Gantanzeige" beginnt

mit folgender Einleitung:

22

Gantanzeige

Auf Dicke und Dünne, Große und Kleine

Macht euch schnellstens auf die Beine!

Es wird euch hiemit bekannt gegeben,

Daß im Numero I I, drei Türen daneben

Bei Herrn Rosenlaub, Weinpanscher und Wirt

Eine große Gant abgehalten wird!

Nur prima Waren, ganz auserlesen,

Alles ist früher einmal neu gewesen.


Punkt um 7 Uhr geht's an,

Den Tag zeigen wir später an. usw.

Nach dieser Einleitung werden die Gegenstände aufgezählt, die

vergantet werden sollen, unter anderm: gefärbter und getaufter

Wein, die Ehrlichkeit, "vor Brauchen verheiht", der Verlobungsring

samt Treue, die Keuschheit Salomos, bereute Küsse, der

Geldsäckel ohne Inhalt, ein falscher Eid, Liebesgram. die 7 Todsünden

usw. An und für sich sind die Reime ein kindisches Produkt.

Sie zeigen aber doch, was ein eifersüchtiger Schalk ersinnt,

um den Gegner zu verspotten und zu foppen, um Mißtrauen zu

säen und ein Verhältnis zu lockern. Wenn der oder die Angerufenen

antworten und auf die Gasse kommen, sind gefährliche

Schlägereien unvermeidlich.

In Meinrad Lienert's "Nachtbuobeliedli" ist die Sachlage gekennzeichnet.

Es heißt dort:

Und hüt bini g'gräched

hüt isch mer um 's schlo,

und wer mi will b' herre,

där söll mer verko!

Jahuhuhui!

Haarus, über alli Dächer usl

Der Brauch mit dem "Heirats brief" bezw. "Hausgrümpel" hat bei

uns ein ansehnliches Alter. Diesbezügliche Schlüsse lassen sich

aus einzelnen Stellen des ersten Manuskriptes ziehen, das schon

vor ungefähr 50 Jahren von einem ältern Manuskripte abgeschrieben

wurde. I. Kapitalbesitz und Zins werden mit Gulden und

Schilling angegeben. Das ist die Geldeinheit, die für die alten

Gülten maßgebend war. 25 alte Gulden Kapital wurden mit 37

neuen Gulden und 20 SChilling oder Fr. 43.95 Rp. Kapital mit

Fr. 65.92 Rp. bar ausgelöst. Die Guldiwährung dauerte bis zur

Einführung des eidg. Münzfußes am 17. Juli 1851. 2. Es ist von

Degen und Hellebarde die Rede. Der Degen war im 18. Jahrhundert

ein Bestandteil der Mannsausrüstung, z.B. auch der

hiesigen Sennengesellschaft. Unter Hellebarde ist hier die Schlagwaffe

zu verstehen, mit der bis 1798 der Landsturm ausgerüstet

war. Indem der Freier diese Waffen nennt, will er sagen, er besitze

die landesübliche· Mannswehr. 3. Bei den ausgewiesenen

Hausgeräten befinden sich Trettwiege und Dreifuß. Der Dreifuß

ist eine Eisenpfanne mit 3 angeschweißten schmiedeisernen Füßen.

Diese beiden Haushaltgegenstände gehören der Vergangenheit an.

4. Ferner werden genannt: Werchhächeln, Gaiß, Hanfrätschen

usw. Das sind hausgewerbliche Geräte, die sich auf die Leinenweberei

beziehen. Sie ist schon in den 70 er Jahren erloschen.

5. Der mundartliche Ausdruck "Hastet" für "Hofstatt" ist sehr

alt. In der Amts- und Umgangssprache des 18. Jahrhunderts bedeutete

"Hofstatt" gleichviel wie Liegenschaft. 6. Auch die Eigen-

23


namen Baschi, Lunzi, Wändl, Balz und Hele sind alt. 7. "Sauft"

ist ein früher viel gebrauchter Provinzialismus und bedeutet "wenigstens".

"Sauft ä so viel" heißt also "w~nigstens soviel". 8. Die

Fremdwörter "Kamisol" und "Komplexion" erinnern an die Zeit

der französischen Invasion um 1798. Die nachfolgende Helvetik

hat viele aus der. französischen Sprache abgeleitete Wörter in die

einsiedlische Amts- und Umgangssprache eingebürgert.

Das "Jüchsle", umschrieben das .Jcögelnde jäuchzeln", von dem

vorstehend die Rede ist, lautet jijijiii. Man denke an zwei mit

ho her Fistelstimme, viermal im Wechsel schleifend gesungene

Töne, die wie das Wiehern eines jungen Hengstes klingen. Diese

aufdringlich neckischen und schalkhaften Laute gelten als Herausforderung

an gegnerische Burschen (Rivalen), die zwar noch

nicht gesichtet sind, die man aber hinter irgend einer entfernten

Gadenfesti wittert. Diese erwidern von dort her den Ruf. 'Nenn

Weibervolk bei jungen Männern sitzt, als nächste Folge der beim

"Dorffe" gemachten Bekanntschaften, z. B. auf der ländlichen

Tanzdiele wird der Jauchzer "jijijiii" ganz spontan bisweilen auch

von jungen Frauen und Mädchen ausgestoßen. Das Jüchsle hat

also keine Bewandtnis mit dem landläufigen Jauchsen des Sennen

auf der Alp oder des Melkers im Stall oder gar mit dem des

Fuhrmanns, der die friedliche Melodie mit lässigem .Peitschenkläpfen

vermischt. Das Jauchsen verrät etwas Insichgekehrtes, das

keine Hörer voraussetzt, während das "Jüchsle" immer in der

Richtung eines andern Tisches erfolgt, von wo man den gleichartigen

oder sogar einen übersetzten Widerhall erwartet. Der

ortskundige Tanzschenker kennt in der Regel diese Läufe. Er

versteht es, nötigenfalls die heikle Stimmung zu dämmen, indem

er rasch entschlossen in die Hände klatscht und der Ländlermusik

auf der Geigenbank zuruft: "Gend ene nu eine!" Normalerweise erfolgt

dieser Zuruf aber nicht dann, wenn der Tanzschenker die

heikle Stimmung unterbrechen, sondern wenn er die fröhliche

Stimmung heben will. In bei den Fällen greifen die Spielleute sofort

zu den Instrumenten. Schon nach den ersten Takten wendet sich

der Tanzschenker neuerdings an sie und ruft: "Zoge, Zoge!"

Dann eilen die Männer auf die Mädchen zu, nehmen sie bei der

Hand, greifen ihnen mit Kammgriff unter den Armen durch,

halten sie mit den flachen Händen beidseitig auf Schulterhöhe

fest. und "stübed eine zuo". Aus der Mitte der Tischgenossen

lassen sich die primitiven Laute "uh tä tä", auch "gie tä tä"

(im Ybrig "jangs" oder "janx", "ßo, ßo" (eben so!) vernehmen,

als Deut an dieses oder jenes heißbrünstige Paar auf der Tanzdiele,

daß man die Entwicklung und das reifen der Beziehungen

beobachtet. Die Zurufe deuten unzweifelhaft auf .Jäcke" oder

"schmützle", d. h. "zärtlich und zugriffig sein" hin und bezwecken, ,

dem Paar zuzustimmen und es noch zu animieren.

24


Wenn sich die Tanzlokale gegen den Morgen hin lichten, was man

"uusplampe" nennt und der Wirt sich anschickt, Feierabend zu

'machen, hört man häufig' ein einstimmiges Jauchzen, mit dem

einige Bauern ebenfalls spontan anheben, die am gleichen Tische

beieinander sitzen und noch nicht gewillt sind heimzugehen. Dieser

Jauchzer wird von den Dörflern wegen seiner unübertrefflichen

Primitivität spöttisch "Chüedräckler" genannt. Wenn die Bauern

beim Morgengrauen, (sie sagen "äs maugled") in kleinen Gruppen

heimwärts ziehen, jauchsen sie den "Horgebärgler" (Horgenberg

und Birchli bilden Oberbinzen). Er ist ebenfalls primitiver Art.

Man kann von ihm sagen, er sei der Kuhreihen unserer Viertelsbauern.

Diese bei den Jauchzer werden Name und Melodie noch

lange behaupten, da niemand eine Kultivierung anstrebt, auch

keine gefehlte. Die Kultivierung würde nämlich die Eigenart zerstören

und eine Mischung des Herkömmlichen mit Erkünsteltem

erzeugen, die sich z. B. in neuen Jodelliedern bemerkbar macht.

Ich hörte neulich eine begabte Jodlerin ein Jodellied mit dem

stilisierten Auftakt tra-le-la, tra-le-la, tra-le-la singen. Etwas Gesuchteres

kann man sich kaum vorstellen. Das ist nur ein Beispiel

von denen, die sich etwa auf Programmen der Wirtschaftspodien

hervortun. Für Musiker wäre es eine dankbare Aufgabe,

fremde Namen, Texte und Melodien, die unter dem Begriff

"Schweizerjodler" umgehen, sprachlich und musikalisch zu beleuchten

und in klare Grenzen zurückzuversetzen.

Emil Lienert und Meinrad Ochsner haben sowohl den "Chüedräckler"

als auch den "Horgebärgler" abgelauscht.

Chüedräckler. (Im Wirtshaus gegen Feierabend).

,~iJ

De dele deIe de-le de-la de de-la de de-le de-Ia de de-la de

I@~r JJ iJ 1J J)1J ~

de de-le de-le de-Ie de-la de de-la de

Nach

Mrd. Ochsner.

de-la de-la de-la de.

Nach Emil Lienert.

Bei den Bauern und Bäuerinnen, die jauchzen können, ist es

Brauch, den kleinen Finger einer Hand in den Ohrkanal zu stecken,

um sich besser zu kontrollieren, ob sie die Töne rein und zusammenklingend

geben. Im Grunde schätzen unsere Bauern das

Jauchzen, aber sie pflegen es selten. Daß sie es als bäuerliche

25


i=

Spezialität betrachten, beweist unter anderm folgende Uebung ..

Wenn z.B. an der Chilbi ein fremder Gast im bäuerlichen Wirtshaus

sitzt und sich mit den Bauern einläßt, kommt es häufig vor;

daß etwa ein alter oder junger Bauer oder ein risthaariges.

Mädchen animiert wird, dem Fremden eins vorzujauchzen. Zollt

er Beifall, was schicklicherweise von ihm erwartet wird, hat er

Horgebärgler

l&l,n-

De-le de· i - e de· i - e de- i - e de, de-le de- i - e· de -le-de

I@'_

de - i - e le,. de-le de -i - e de -i - e de -i - e de, de-le

-de -i - e de -le-de - ie De - i de-le de de - i de - le

de de le-i-e de-Te-ie de v

de-Ie de, de - i -de-le

de, de

de-le

de, de de-li - e de-le-de - ie.

Nach Meinrad Ochsner.

allsogleich Gelegenheit, die Uebung wiederholt, aber immer in der

gleichen primitiven Modulation zu hören. Das gute Einvernehmen

des Gastes mit den Bauern kann im Ibrig noch andere Beziehungen

zeitigen, z.B. indem er zum Häggle (Fingerziehen) aufgefordert

wird. Man bietet ihm, um die vermutete Ueberlegenheit der

Bauern zum voraus zu bekunden, den Zeigfinger oder entgegenkommend

sogar den kleinen Finger gegen seinen Mittelfinger, in

dem die größte Kraft steckt. Unterliegt der Gast, dann werden

die bäuerlichen Gesichter verklärt. Man macht einige schalkhafte

Bemerkungen über die verweichlichten Dörflig und Städter, deren

Niederlage als Selbstverständlichkeit betrachtet wird. Siegt der

26


Gast, dann hat er zu gewärtigen, die Uebung mit andern Zugriffigen

wiedetholen zu müssen. Das Erlebnis, an einen Stärkeren

geraten zu sein, macht den Bauer übelgelaunt und es ist dann ev.

klug, wenn der Gast die Gastfreundschaft mit einem Budel (Deziliter)

Schnaps oder einem Liter Wein über den Tisch besiegelt.

Die größte Fertigkeit im Häggle ist übrigens nicht den Bauern,

die sich am häufigsten darauf berufen, vorbehalten. Am schwei-

Horgebärgler.

(Auf der Benne beim Torfführen).

~JJ~JJ

De li de li de li de je

]lJ jJJ J

de li de le i de

jJ

I&;# J ~ r ~ J J b0 J j@

li de le de li de 1i de li de je - - de

li de le

-------

de lL-. Hol-di-re li de

[@#J Jb#ÄL~J. ,lJ

li - e li- de li - e li de li - e li hol - di - re

li - de li je li de li - e li i de li__ .

Nach Emil Lienert.

zerischen Trachtenfest 1929 in Einsiedeln hat sich bei den Wettübungen

an der Aelplerchilbi erwiesen, daß die Schuhmacher

gute Häggler sind, weil ihr Beruf die Finger stark ausbildet.

Im geselligen Leben der Aelpler fehlt es auch nicht an originellen

Ausdrucksmitteln friedlicher Stimmung. Das beweist das "Chäszänne"

(Fratzen schneiden), das noch segen das Ende des letzten

Jahrhunderts gäng und gäb war. Die Alpler tun Heiligtags oder,

wie sie zu sagen pflegen, "hundsweise" gelegentlich Werktags

entweder "äs Fänzmuos" (Mus mit Nidle) oder "ä Stunggewerni"

(Muus mit Anke) über, sitzen auf den Melkstühlen um die "WäIIgruob"

und löffeln, bis ihnen die Fäissi" (Fett) aus den Mund-

27


winkeln tropft, .Jürgged äs Dächis" (Schnapskaffee) dazu und

nebeln Rollentabak. Dann fühlen sie sich mählich zum Chäszänne

"prättig" (pret-bereit-reif). Sie verziehen die Gesichtszüge zu häßlichen

Fratzen und versuchen, sich darin gegenseitig zu überbieten.

Die geschickten Chäszänner sind heute so selten, wie die

nichtrauchenden Bauern. Da Häggle und Chäszänne keine in Einsiedeln

heimische Uebungen sind, betrachten wir sie nicht näher.

Aber das "Baknäble" ist ein unzerstörlicher Zeitvertreib auch unserer

Bauern. Unsere Bauern rauchen in der Regel den groben Rollentabak,

die sog. "Schweizerrollen", die sie mit dem "Hegi" auf

dem Tisch schnetzeln. Sie stopfen damit das Schwyzerpfyffli, am

liebsten das gebogene, das im Gegensatz zu der Pfeife mit dem

geraden Stiel, sogar bei der Arbeit bequem im Mundwinkel sitzt.

Man trägt es mit dem Pfeifenkopf nach unten gerichtet. Die

Schwyzerpfyffli sind mit Silberornamenten beschlagen. Der cyselierte

Deckel hängt an einem Ketteli. Der alte "Baksack" aus

Weißleder, den man selten mehr sieht, war aus 3 Taschen zusammengesetzt.

Eine Tasche nahm den Tabak, die andere den

Feuerstein und Zündschläger, die dritte den Zundel auf. Diese

Zündart widersteht bekanntlich dem Wind. Aus dem gleichen

Grunde kann bei unsern Bauern neben dem Schwefelhölzli kein

modernes Feuerzeug aufkommen. Man schätzt das SchwefelhölzIi

aber auch darum, weil man es an Schuhsohle und Hosenhinter

entzünden kann.

Bis um 1890 herum war auch das "Bakschnupfe" im Volke stark

verbreitet. Nicht umsonst behauptet hier das Nastuch immer noch

seinen bodenständigen Namen. Es heißt nämlich "Schnupftuoch".

Die alten Bauern und Bäuerinnen schnupften den schwarzen

Schwyzertabak, den sie in einer rechteckigen Horndose genannt

"Bakbuote" (von boite-Schachtel) auf sich trugen. Der Bauer

der unterwegs ein Gespräch anknüpfte, nahm zuerst die Tabakdose

aus der Hosentasche heraus und hielt sie mit den Worten her

"Nend ä Priese: ... nend eini!". Der andere durfte diese heimelige

Geste nicht abweisen. Er griff zu, indem er in den Bart hineinbrummte:

"Mir wend dänk au eini stämme" (hinaufschieben).

Die alten Leute behaupteten, das Schnupfen erhalte die Sehkraft.

Schön. Nun haben wir einen kurzen Blick in das gesellschaftliche

Leben unserer Bauern getan. Beim Jassen und Trinken, beim

Chilten und Tanzen, beim Häggle und Chäszänne wird also

sonderheitlieh fleißig genebelt. Man stützt die Ellbogen hemdärmlig

auf den Tisch und behält bis zum Gehen den schwarzen

Filzhut auf dem Kopf. Man schneuzt, hustet und speiht ohne \

Vorbehalt. Ist das manierlich? Nein, das ist ungeziert. Diese Art

sich umzutun, muß als Mitläufer des sprichwörtlich bekannten

Bauernstolzes betrachtet werden, dem alleinigen achtbaren Stolze,

der mit Berufsstolz fast identisch ist.

28


Wir folgen nun dem Kalender, den die ältesten Leute "Pratig"

nennen, und nähern uns der feierlichen Zeit des Agathabrotes

und den zahlreichen Bräuchen, die sich um das Osterfest scharen,

wie Palmen- und Wydlitragen, Ostertauf holen, Ostereier suchen

usw. Will man diese Bräuche recht verstehen, müssen sie in erster

Linie nach ihrer religiösen Bedeutung beleuchtet werden. Ein

Berufener wird dies später in Verbindung mit vielen andern religiösen

Bräuchen tun.

Wir streifen hier das Volkstümliche nur allgemein.

4. Aga t hab rot hol e n. Am Feste der hl. Agatha wird zu ihren

Ehren Brot gesegnet. Das Agathabrot ist im Volksmunde gegen

Feuersbrünste gut. Die Bäckermeister tragen am Morgen des Festtages

einige Körbe voll Paarmütschli und Schilte zum Meinradsaltar.

Der Priester segnet dort das Brot. In der Regel verkauft man

es nachher gleich vor der Kirchentüre. Was bleibt, wird in den

Bäckerladen zurückgebracht und zur Verfügung derjenigen Kunden

gehalten, die es bestellt hatten. Die Frage nach Agathabrot ist

jetzt noch stark verankert.

5. Agathakerzli abbrennen. Gleichzeitig mit dem Agathabrot

segnet die kath. Kirche am Agathatagdie sog. Agathakerzli.

Es sind gelbbraune Wachskerzeherr in der Größe eines Bleistiftes,

unten mit einem Muttergottesstempel bedruckt. Man kauft sie unter

diesem Namen bei den Wachswarenfabrikanten. Am Abend versammeln

sich alle Familienangehörigen um einen Tisch. Die

Mutter steckt für jedes ein Kerzchen auf ein Brett und zündet sie

gleichzeitig an. Dann beginnt man den Rosenkranz zu beten.

Normalerweise brennt ein Kerzchen bis zum Schlusse des Rosenkranzes

ab. An. der Reihenfolge des Erlösehens wird dann im

Kindermund die Reihenfolge des Sterbens der Familienangehörigen

vorausgesagt. Der Brauch wird nicht mehr so häufig gepflegt,

wie früher, da er in leichtgläubigen Kinderherzen Wehmut und

Angst erzeugt.

Wenn eine Feuersbrunst ausgebrochen oder ein schweres Gewitter

im Anzug ist, ist es Brauch, in der Stube eine am Agathatag

geweihte Kerze anzuzünden und Weihwasser zum Fenster

hinaus zu streuen, um Unheil abzuwenden. (Die Bedeutung des

Wetterläutens wird später bei der Behandlung der "Segnungen

und' kirchlichen Bräuche" erklärt.) .

6. Die S t. Aga t ha f eie r der Fe u e r weh r. Früher ehrte

die freiwillige Feuerwehr am 5. Hornung ihre Schutzpatronin,

die hl. Agatha, indem sie sich am Morgen in geputzter Ausrüstung

vor dem Spritzenhaus versammelte, die Marschordnung

'nach Föhnenwachen bildete, Offiziere an der Spitze, Unteroffiziere

29


am rechten Flügel ihrer Gruppen, in die Kirche zog und dort einer

hl. Messe beiwohnte. Um 1895 herum kam dieser Brauch außer

Uebung. Man glaubte, der Schutzpatronin auf eine andere gefälligere

Art die Ehre antun zu können, indem man eine weltliche

Abendfeier veranstaltete. Die Feuerwehrleute versammelten

sich in einem Wirtshaus, machten sich hinter Rippli und Sauerkraut

und ein Faß Bier. Der Kommandant hielt eingangs eine

kurze Ansprache, in der er die feuerwehrmännischen Eigenschaften

pries. Dem Lobspruch und dem Schmaus folgte die Gemütlichkeit.

Dieser Brauch hat sich nicht ausgelebt. Er wird vollzogen,

wenn die Feuerwehrkasse imstande ist, einen Teil der

Kosten zu decken. Nein, die Feier wurde bisweilen auch abgehalten,

trotzdem die Kasse leer war. In diesem Falle mußte jeder

Teilnehmer eine oder mehrere Föhnenwachen soldfrei machen.

(Unter Föhnenwachen versteht man vier nächtliche stündige feuerpolizeiliche

Patrouillen durch die Dorfgassen und Winkel bei

starkem Föhn im Winter). Es kam vor, daß wenn der Föhn

häufig blies, sodaß öfters Wachen organisiert werden mußten,

das Soldtreffnis pro Mann und Nacht nur noch 50 Rappen betrug.

Saurer hätte man den alten Brauch um das fette Rippli nicht abverdienen

können. Und nun die Frage: Religiöse oder weltliche

Feier? Hier gilt der Spruch "Das eine tun und das andere nicht

lassen". Ich kann aus Erfahrung sagen, daß beide Bräuche den

Korpsgeist der Feuerwehrleute anregen und die Vorzüge des freiwilligen

Dienstes ergänzen.

In diesem Zusammenhang möchte ich an den Jörgenumgang erinnern,

der mit den Reliquien von Einsiedeln gehalten wird und

durchs Dorf zieht. Er wurde infolge des großen Brandes 1577

als Bitt- und Bußübung eingeführt. An dieser Prozession sollten

alle Abteilungen der Feuerwehr des Dorfkreises in der alten

Zugsordnung teilnehmen. Abgesehen davon, daß die Erhabenheit

des Feuerwehrdienstes bei allen vernünftigen Menschen unbestritten

ist, würde sich die Feuerwehr mit der Teilnahme an der

St. Georgsprozession, was 1934 geschah, noch mehr Respekt verschaffen.

7. Fa s t n ach t ei nlä u t e n. Während Frauen und Kinder in

Scharen am Tage vor Dreikönigen mit Kesseli und Flaschen in

der Klosterkirche gesegnetes Weihwasser holen und heimtragen,

ertönt in der Dreikönigennacht nach dem Ausklang der zwölf

Glockenschläge auf uns ern Vierteln wildes Senntentrychlen- und

Schellen geläute, Hornblasen, Geißelkläpfen und Schießen. Die

Schläfer drehen sich um, murren oder lachen und sagen dann

halbleise: "Aha, sie läuten die Fastnacht ein". Das laute Treiben

der jungen Burschen dauert in der Regel bis zum Morgengrauen.

Der Brauch wird am Fastnachtsonntag nach Mitternacht auch im


h

.Dorf ausgeübt. Bis um 1890 stellte sich hiefür fast immer ein

'Organisator als Führer. Führen heißt in diesem Falle vorsorgen,

-daß bei der Sammlung alle Größen Senntentrychlen, Kuhschellen,

Rinder- und Geißkloben usw. vertreten sind, daß die Teilnehmer

.zusammen anschlagen, die Runde mit kurzem Halten durch alle

.Straßen machen und die Uebung nicht zum Ueberdruß der

Schläfer ausdehnen .

.8. S ü ud i lau f e n. Der schmutzige Donnerstag, d. h. der

Donnerstag vor der Herrenfastnacht, ist hierorts der erste Fastnachts

tag, an dem das öffentliche Maskengehen erlaubt ist. Ein

Freudentag der Jugend! Buben und Mädchen legen entweder ein

.altes Gwändli oder ein Phantasiekleidehen an und, da Schulpflichtige

keine Larven tragen dürfen, verköhlen oder bemalen sie

.das Gesicht oder vermummen sich mit einem Schleier oder Tuch.

Sie haben es hauptsächlich auf das Verulken leiblicher Uebel-

-feilheiten abgesehen, z. B. den .Hogr', die .Bränznase', das ,Zahndgschwär',

den ,Schmärbuch', das .Hülpibei' usw. In der Dar-

-stellung beliebt ihnen am häufigsten die Hochzeit, nicht selten

gleich in Verbindung mit der Taufe und der Beerdigung. Von den

-Gebrauchsgerätschaften müssen am meisten das alte "Paritach"

(Parapluie und Parasol zugleich), das in allen Formen gezeigt wird,

.die Kindschaise, Strohhüte, das schwarze Kapothütlein der 70er

Jahre, der rotbeigefarbig gemusterte Parisershawl, Rücken- und

Armkörbe, Fuhrmannsblusen und alte Militäreffekten herhalten .

.Sie ziehen so von Haus zu Haus, hauptsächlich in die Läden, wo

-sie ein kurzes Sprüchlein aufsagen, das folgendermaßen lautet:

I bin ä chlyne Fastnachtsstumpe

und ha so churzi Bei.

Gemmer au es Füferli,

so chan li wiedr hei.

.Auf das hin bekommen die Kinder einige rappige Schafböcke

(Gebäck) oder kleine Guoteli. Das Herumziehen dauert bis zum

.Betglockenläuten.

Der schmutzige Donnerstag bietet aber auch den halbgewachse-

'nen Burschen die ersehnte Gelegenheit, sich im fastnächtlichen

Uebermut, der seit der Entlassung aus der Volksschule zügel-

-freier ist, zu ergehen. Sie holen von der Winde herab alten

Kleiderplunder, je bunter und je garstiger desto lieber, kleiden

sich damit ein, ziehen eine aus Papier selbstverfertigte fratzen-

.haft modellierte Larve an, rüsten sich mit Trychlen, Schellen,

Kloben und Lärminstrumenten aller Art aus, die eine wilde Vieltönigkeit

erzeugen, und ziehen nach Schluß der Neunuhrmesse,

.aus der die Schulkinder neugierig ins Dorf hinunterfluten, scharenweise

auf die Straße. Man nennt diese fastnächtlichen Gestalten,

.ihrem Tun und Aussehen entsprechend, Sühudi. An ihrer Spitze

31


läuft ein von einem Fuhrmann an der Kette geführter, langgehörnter,

großer Teufel, der die Kinderscharen durch hastige

Kreuz- und Quersprünge erschreckt und mit einer vorgehaltenen

Mistgabel auseinandertreibt. Andere traditionelle Figuren sind:

I. Der (in der Mundart das) Domino, ein weites und langes

zeremonielles Kapuzenkleid aus billiger geblumter oder gestreifter

Persiane, das man noch in den ooer Jahren in der Maskengarderobe

je nach Ausstattung für 10 bis 15 Batzen pachten konnte.

Man trägt dazu eine schwarze Halblarve in Samt, an der ein

schwarzes Tüchli hängt, das Mund und Kinn deckt. Seither haben

wachsende Ansprüche dem Domino mit buntem Samt- und Seidenbesatz

Eirigang verschafft. Das Domino ist offenbar venezianischen

Ursprungs. Seine Rolle ist einfach zu spielen: Bedächtig einherschreiten,

die Hände auf den Rücken legen und im Vorbeigehen

bei diesem und jenem Zuschauer intrigieren. 2. Der Buur mit der

bemalten Drahtlarve vor dem Gesicht, einem "Ipspfyffli" im

Mundwinkel, einer Kuhschelle am Rücken, mit einem goldenen

Ringlein am Ohr und mit dem Roßfisel in der Hand. Er trägt ein

aus den I820er Jahren mangelhaft überliefertes ländliches Festtagskleid,

nämlich schwarze Kniehose aus Samt statt Tüchli,

weiße gestrickte Strümpfe mit quadratischem Muster, rotes Lacet

als Strumpfband, gestärktes weißes Hemd mit Umlegkragen,

bunt geknüpfte Krawatte, Stramingurt und -hosenträger, schwarze

Züttelkappe aus Seide. Die Drahtlarve wird aus feinem Drahtgeflecht

gestanzt und nachher bemalt. Die Maske hat einen

jugendlichen Ausdruck. Sie ist mit einem gepflegten Schnurrbart,

dessen Spitzen aufwärts gerichtet sind und mit einem kleinen

Kinnbart ä la mousquetaire, 18. Jahrhundert, "Mücke" genannt,

versehen. Die Drahtlarve wurde einst hauptsächlich aus Sparsamkeitsgründen

den Papier- und Wachslarven vorgezogen, da sie

Jahr und Tag aushält. Noch gegen das Ende des letzten Jahrhunderts

waren die Buren mit der Drahtlarve auf allen Tanzdielen

der Dorffastnacht zahlreich vertreten. Jetzt fühlen sie sich

von den modemen weiblichen Masken zu wenig beachtet, sowenig

wie die Dominogestalten, die mit auf dem Rücken gekreuzten Händen

schwerfällig im Saal einherschreiten. Im Hintertale haben sie

noch Geltung. Mit dem Verschwinden der traditionellen Masken

verarmt die figürliche Originalität der Fastnacht. 3. Die alte

bucklige und sonstwie übelfeile Hexe in abgetragenen Kleidern der

I870er Alltagsmode. Sie ist eine ausgesprochene Spottmaske,

deren Ursprung in die Zeit der Hexenprozesse zurückführen kann.

Der Spott auf Alter und Uebelfeilheit spielt an unserer Fastnacht

eine beliebte Rolle. 4. Der betrunkene Fuhrmann mit großem

Filzhut in eine Spitze gedrückt, nach der Art der Fecker oder

Altrnatter Fuhrleute, hellblauer Bluse und kurzen Rohrstiefeln.

5. Der Hörelibajaß in weißer Haube, Jacke und Hosen mit Drei-

3 2


eckspitzen, an denen kleine Messingrölleli hängen. An der Haube

.wackeln drei plumpe Höreli aus rotem Stoff, an denen ebenfalls

Rölleli hängen. Er trägt eine weiße Narrenlarve und schwingt

'eine Schweinsblase an einem Stecken oder schlägt mit einer

Pritsche auf die flache Hand. Domino und Bajaß sind die ältesten

Zeugen der Herrenfastnacht. Im Fastenmandat "der 3 Herren"

vom Jahre 1794 wird der Bajaß mit dem Provinzialismus "Harligaing"

bedacht. Er muß sich durch neckische Bocksprünge hervortun.

6. Der Näpeler, ein ausgedient er Soldat aus neapolitanischen

Diensten oder aus der französischen Legion in nachlässig

getragener alter Montur. 7. Der Altvater, eine harmlose Bühnenfigur,

Fasson Rokoko, mit einer langen Tabakpfeife im Mund.

Er knüpft da und dort mit Bekannten ein ratspendendes Gespräch

an und drückt sich dann geräuschlos. 8. Der Ritter, Fasson 17.

Jahrhundert, der aus städtischen Verhältnissen, d. h. aus dem

Züribiet heraufgekommen sein kann. 9. Das Kalb, eine Maske,

die der Vergangenheit angehört. Möglicherweise steht der volkstümliche

Ausdruck "s'Chalb mache" im Zusammenhang. Ueber

diese Maske schreibt M. Ochsner im "Einsiedler Anzeiger" No. II

des Jahres 1899 folgendes: "Am 9. Juli 1696 beklagten sich Ratsherren

auf dem Lande, daß, als an der Auffahrt die Zuger mit

Kreuz kamen, auf dem Rathaus ein Mann mit der Kalbsmaske

auf dem Kopfe einen Narrentanz auf den "Trummen" aufgeführt

habe. Das unschickliche Ereignis habe den Pilgern großes Aergernis

gegeben." Man habe es mit jener .Larve in Kalbsgestalt zu

tun, gegen die schon das trullianische Konzil von 692 einschritt,

die auch in den gallikanischen Beichtbüchern erwähnt sei und

die bis weit in das letzte Jahrhundert hinein auch in England

beliebt gewesen sei." Das Rathaus war Zeughaus und Tanzdiele.

Möglicherweise wurden dort auch gewisse Fastnachtsrequi.siten

aufbewahrt. Anders könnte man sich das Auftreten einer Maske

an der Auffahrt gar nicht erklären. Ein toller Brauch, der aber in

den 70er Jahren aus einleuchtenden Gründen verboten wurde,

war, sich an der Fastnacht in braunen Kapuziner- und schwarzen

Waldbruderkutten zu belustigen. An der Herrenfastnacht erscheinen

die Sühudi von neuern.

Den Sühudi gelingt es mei.stens, die ihrer Rolle entsprechenden

Gebärden zu finden. Diejenigen, die Trychlen, Schellen, Kloben

oder Gerölle tragen, machen starke, fast ausgelassene Bewegungen

mit den Hüften, diejenigen, die mit Schweinsblase oder Besen

ausgerüstet sind, tun sich durch lebhafte Bein- und Armbewegungen

hervor, maskierte Bauern vom Land geben häufig blöckende

Tierlaute von sich usw. So bilden sich bestimmte, immer wiederkehrende

Formen heraus. Es muß auffallen, daß die Gangarten

der Sühudi bei der Jugend, die die Gebärden der Alten genau

beobachtet, in der Nachahmung demonstrativer sagen wir mit

33


Bewegungen ausfallen. (Was die Gangart anbelangt, kann man

eine besondere Angewöhnung auch an folgenden Alltagsfiguren

beobachten: beim Bauer, der die Milch in die Hütte trägt, beim

Fischer, der mit seinem konischen Wassertansli den Bach entlang

läuft, beim Arbeiter, der die Schweinstränke in den Häusern holt

und beim Aelpler, der einen Sommer lang auf ,den Holzböden

geht.)

In den Morgenstunden weichen die kleinen und großen Kinder,

namentlich aber die Mädchen, die von den Sühudi mit Vorliebe

verfolgt werden, ihnen ängstlich aus. Gegen den Abend hin

werden sie mutiger, laufen ihnen sogar nach, werfen ihnen

Schneeballen an und beginnen, sie sogar zu necken, indem sie

ihnen zurufen "hei hei uszieh l". Dabei ist es gar nicht die Absicht

der Mädchen, die Hudi zu vertreiben, sondern sie wollen von .

diesem und jenem bekannten Burschen beachtet sein. Ein ähnlicher

Vorgang spielt sich am letzten Fastnachtstag (Dienstag)

beim Zunachten ab. Wenn sich als Sennen maskierte Bauern auf

den Straßen herumtummeln, rufen ihnen die Dörflig zu ),hei mit

de Bure!" Dieser Zuruf ist in der Regel nicht scherzhaft gemeint

und wird auch nicht scherzhaft aufgenommen. Er kann der

Anfang zu Handgreiflichkeiten sein. Es kommt hin und wieder

vor, daß arme Bauern an der Fastnacht etwas verdienen wollen.

Sie richten irgend ein Stellwerk mit Figuren her, das sie in eine

Kiste verschrauben, nehmen diese an Riemen oder Schnüren auf

den Rücken, gehen in die Privathäuser im Dorf und lassen das

Stellwerk laufen, indem sie dazu handorgeln, insofern nicht schon

der Inhalt der Kiste irgend ein Musikautomat ist. Den Dörfligen

erscheint die Darbietung nicht so interessant, wie die Bauern annehmen.

Dennoch geben sie ihnen einige Batzen. Dann bedanken

sich die Produzenten mit verstellter Stimme und ziehen ins nächste

Haus ab. -

Ein Fremder, der unsere Fastnacht zum ersten Male betrachtet,

wird fragen, ob das Sühudilaufen der Schuljugend nicht gute

Sitten verderbe. Das ist normalerweise nicht zu befürchten. Man

weiß, daß dem Austoben in der Regel eine große Ernüchterung

folgt. Unter dem bunten Plätzlikleid und der räudigen Larve

kann sich ein gutes Menschenkind unverderblich behaupten, wenn

es will. Als Beispiel diene: Ein Drittkläßler verkleidete sich als

Teufel, sprang in den Straßen kreuz und quer, hielt jedem, ob

Groß oder Klein, drohend die Gabel vor und stieß lang ausgedehnte

tierische Laute aus, als wollte er 'versuchen, den dämonischen

Heißhunger nach menschlichen Seelen zum Ausdruck zu

bringen. Da kam der Ortspfarrer des Wegs. Der kleine Teufel

sah ihn, stutzte einen Augenblick, sprang auf ihn zU z gab ihm

die Hand und sagte.... "Globt sei jeskrist". Gute Alltagsgewohnheiten

halten die Ausgelassenheit ordentlich im Zaun.

34


'9. B rot aus w e rf e n. Die originellste :Maskengruppe, Johee,

Mummerie und Hörelibajaß, die sich am Fastnachtdienstag durch

die Dorfstraßen bewegt, läßt sich in Verbindung mit der Sitte

des Brotauswerfens bis ins 17. Jahrhundert zurück verfolgen.

Der Johee stellt einen breitschultrigen Sentenbauern in der Festtagstracht

der Jahre um 1820 dar. Die bartlose Holzlarve mit

schwarzer Tüchliperücke zeigt einen wehmütigen Gesichtsausdruck.

Am breiten Leibgurt des Johees hängt eine schwere, große

Sententrychle. In der rechten Hand trägt er an einem schwarzrot

bemalten Stock den Tannenreisbesen. Der Mummerie stellt einen

schlanken Fuhrmann dar. Die Holzlarve, die mit einem gepflegten

Schnurrbart und einem kraushaarigen Backenbart versehen ist,

verrät einen übermütigen Gesichtsausdruck. Ueber die rechte

Schulter des Mummeries hängt ein breites Pferdegeröll. Mit der

rechten Hand schwingt er einen Roßschwanz über dem Kopf.

Der Mummerie trägt ein rot-gelb-schwarz gewürfeltes (jetzt meist

gestreiftes) Tüchlikleid, um den Hals eine Mühlsteinkrause des

Barocks, einen Filzhut mit Feder und 3-farbigem Band. Die künstlerisch

geschnitzten Larven stammen v. Modelleur Fuchs (um 1800).

Im Volksmund wird die Bedeutung der beiden Fastnachtsfiguren

folgendermaßen erklärt: Da der Senntenbauer auf den Welschlandfahrten,

die das eine Mal Gewinn, das andere Mal Verluste

brachten, Hab und Gut verlor, d. h. verlumpte, so daß er weder

Vieh noch Stall besitzt, gürtet er die Trychle der Leitkuh selber

um, kehrt mit dem Besen das Heimwesen aus und zieht mit betrübter

Miene außer Land. Der Mummerie hingegen ist im Volksmund

ein ausgepfändeter Roßhändler, der sein Vermögen ebenfalls

entweder beim Welschlandfahren verlor oder zu Hause

leichtfertig verbrauchte. Da er keine Pferde mehr besitzt, hängt

er das Pferdegeröll selber um, preßt den Roßschwanz als letzten

Zeugen seines ländlichen Marstalls in die Faust und zieht mit

liederlicher Gleichgültigkeit in die Fremde.

Die Rollen des Johees und des Mummeries müssen rassig gegeben

werden, ansonst sie sich der .geschickt konstruierten und volkstümlich

gemachten Auslegung entfremden. Der Aufzug gestaltet

sich folgendermaßen. Drei Joheen laufen geschlossen nebeneinander.

Sie wippen auf den Fußspitzen den plumpen Körper schwerfällig

auf und ab, als ob es gälte, das Hin und Her des Jawortes

im Kuhhandel anzudeuten. Im kurzen Schlag der Trychle ist

alsdann das bedächtige Gehen der Leitkuh erkennbar. Die leichtfüßigen

schlanken Mummerien hingegen, in der Regel vier an der

Zahl, schlagen die vielen runden Schellen des Pferdegeröllgurtes

-durch kurztaktiges Aufjucken und durch lebhaftes Tänzeln um

sich selbst an, so daß der fröhliche Trab und das bisweilige übermütige

Steigen des Chaisengauls nachgeahmt ist. Zwei Mummerien

müssen vor, zwei hinter den Joheen laufen. Vor der Gruppe hin

35


hüpfen in lustigen Sprüngen einige Hörelibajassen als Wegmacher.

Einige schließen die Gruppe, um die nachlaufende Volksmenge

zurückzuhalten. Die Hörelibajassen schlagen mit einer an

einem Stecken befestigten Schweinsblase kräftig um sich und auf

den Boden. Hinterher gehen die mit Brotsäcken beladenen Buben,

die den Dienst um ein Mütschli tun. Die Alten übten die Gang- .

arten der Joheen und Mummerien vor der Fastnacht. In der Wahl

guter Figuren waren sie sehr anspruchsvoll. Die Gruppe zeigt

sich also am Fastnachtsdienstag mehrere Male in den Hauptstraßen

des Dorfes, steigt dann an drei geräumigen Plätzen auf

eine Bretterbühne und wirft dort Mütschli aus. Um die Bretterbühne

sammeln sich einige Hundert Männer, Frauen und Kinder,

strecken die Hände empor und rufen laut und noch ehe ein Brotsack

geöffnet ist: "Mir eis, mir eis". Dann fliegen die Mütschli

in kleinen und großen Bogen in die Menge hinaus. Es gelingt

aber bei weitem nicht jedermann, ein Mütschli aufzufangen, da

Dutzende von Händen nach dem gleichen Stück ausgestreckt

werden. Arme Männer und Frauen, die immer noch mit leeren

Händen dastehen, brechen sich durch die Menge Bahn, drängen

gegen die Bühne hin und rufen dann einem Johee oder Mummerie

mit hoher Stimme zu: "He! mir eis" und verstärken die Bitte

. durch "und im Chind eis", Sobald die Brotsäcke leer sind,

schlagen die Auswerfer Trychlen und Gerölle an, als Zeichen,

daß sie auf eine andere Bühne ziehen. Dann verstummen die

Rufe wie das Ausklingen eines Chorals. Der Grundgedanke des.

Brotauswerfens ist das Wohltun gegenüber den Armen. Im I7.

und 18. Jahrhundert, das reich an Zeitläufen der Armut war,

mußte man dem Brauch des Brotauswerfens besondere Anerkennung

zollen. Garderobe, Larven und Requisiten waren Eigentum

des alten Pfauenwirts Martin Gyr, bezw. seiner Nachfolger

Karl Gyr-Tanner und Karl Gyr-Kälin, deren Familien den Unterhalt

besorgten. Ein Kreis befreundeter Herren, unter denen sich

Mitglieder der Behörde und Offiziere befanden, veranstaltete

jeweilen am Fastnachtsmontag eine Volksvorstellung auf öffentlichen

Plätzen, sammelte in wohltätigen Familien Geld und kaufte

am Dienstag das Brot zum Auswerfen. Pfauen wirt Karl Gyr-

Kälin schenkte um 1905 herum Garderobe und einige alte Larven

dem Turnverein, der die Verpflichtung einging, den Brauch des

Brotauswerfens fortzuführen, was regelmäßig geschieht.

Die Bedeutung der drei soeben beschriebenen Fastnachtsfiguren

und des Brauches, die eine starke Bindung in der Richtung March,

Sarganserland und Oesterreich zeigen, ist übrigens mythologisch.

Sie entzieht sich der Kenntnis des Volkes. Geben wir hierüber

Herrn Dr. Linus Birchler das Wort:

"Der kulturelle und rassenmäßige Gegensatz zwischen den Einsiedlern

und den Leuten jenseits der Mythen, den ich im Schluß-


r

kapitel meines zweiten Bandes der "Kunstdenkmäler des. Kantons

Schwyz" im Gebiete der Kunst aufzeige, tritt besonders deutlich

im Gegensatz der Schwyzer und der Einsiedler Fastnacht in Erscheinung.

Die Schwyzer Fastnacht wird eröffnet durch die prachtvoll

disziplinierte; nächtliche "Greiflete" auf dem Schwyzer Hauptplatz

am Dreikönigsabend; der uralte heidnische Frühlingszauber

lebt hier feierlich weiter. Man lese die eindringliche Schilderung

Meinrad Inglins in Brockmann- Jeroschs "Schweizer Volksleben "I

An den Fastnachtstagen selber bringt nur das "Nüßlen", der

Narrentanz zur Trommelbegleitung, etwas Leben in die Schwyzer

Residenz, Sonst ist die Schwyzer Fastnacht ein sehr bescheidenes

Festlein; der Schwyzer besitzt das Temperament zum Fastnächtlen

nur in beschränktem Maß. Während einigen Jahrzehnten brachte

die von einem Einsiedler ins Leben gerufene Schwyzer Japanesengesellschaft

fastnächtlichen Geist, aber ihre Schwungkraft ist

längst erlahmt und zudem handelt es sich bei den Schwyzer

Japanesen nicht um etwas Altes und Gewachsenes, so daß .sie

füglieh aus dieser Betrachtung ausscheiden.

Die Einsiedlerfastnacht ist bodenerdenlustig. Meinrad Lienert hat

sie oft besungen und geschildert. Sie ist ein wahres Volksfest, das

.alle Schichten der Einsiedler erfaßt und an dem reich und arm

einträchtig mitfesten. In ihrer Struktur lassen sich deutlich drei

Schichten unterscheiden, die des uralten Naturmythos, die barocke

und die moderne. - Die Einsiedler Fastnacht beginnt mit dem

Fastnachtseinläuten frühmorgens, an Dreikönigen, am Schmutzi-·

gen Donnerstag und am Fastnachtmontag. Der Vormittag der

drei Haupttage (Schmutziger Donnerstag, Fastnachtmontagund

-dienstag) ist die Zeit der Teufel und der "Sühudi", deren Treiben

sich auch noch in den Nachmittag und in den Abend hineinzieht.

Der Nachmittag von Montag und Dienstag gehört den Umzügen,

der Dienstag Nachmittag vor alllem dem Brotauswerfen der

Mummerien und Joheen 'Und vom späten Nachmittag bis in den

Morgen regieren an den drei Tagen die vor allem weiblichen

Masken. Es gibt keine geschlossene Bälle, sondern man besucht

die Tanzlokale nach Belieben und Gefallen.

Das Fastnachtseinläuten entspricht dem schwyzerischenGreiflen,

ist aber etwas viel Wilderes und Undisziplinierteres. An den drei

genannten Tagen begann ehemals genau nach dem Metteläuten

im Kloster (fast wie als dämonische Antwort darauf) ein wildes

Schellen, Rasseln, Hornen, Brüllen, Toben, durch das Dorf und

die Weiler gaßauf und gaßab, bis in den grauenden Morgen hinein.

Heute setzt der Höllenlärm leider schon kurz nach Mitternacht

ein. Es ist die wahre wilde Jagd Wotans, die man zu hören

glaubt, wenn die Rotte um die Häuser zieht, mit umgebundenen

Trichlen und Schellen, mit Trompeten, Hörnern, Geißeln, Trommeln.

Der mythische Sinn des Einläutens in der Dreikönigsnacht

37.


(die die altgermanischen "Heiligen Nächte" beschließt) braucht

dem Volkskundler nicht ausführlich auseinandergesetzt zu werden.

Zum Frühlings- und Fruchtbarkeitszauber gehören auch die SÜhudi

und Teufel. Die erstem sind groteske Gestalten, in denen sich

der Volkshumor derb und drastisch austobt, oft von übermütiger

Komik, oft groteske Schreckfiguren wie aus Callots Zwergenkabinett.

Die Kostüme und vielfach auch die Masken werden

von den Trägern hergestellt. Eine Hauptfigur ist stets der Teufel"

mit riesigen Hörnern, eine Mistgabel über die Schultern, ein

Schurzfell umgebunden; der Teufeltreiber mit der Peitsche hält

ihn an einer schweren Kette, von der er sich zeitweilig losreißen

kann, so daß das "Der Teufel ist los" sehr drastisch zur Darstellung

gelangt, besonders wenn eine derartige Gruppe vormittags

um 10 in die vom Kloster herabströmenden Kirchgänger

hineinfährt. - Natürlich sind auch die Teufelsmasken Eigenfabrikat.

Die zweite besondere Eigenart der Sühudi (die einzeln

oder in Rudeln auftreten) sind die sogen. "rüüdigen Larven",

schauerliche Gesichtsmasken, die den Gesichtern von Aussätzigen

gleichen, mit Beulen, Geschwüren, riesigen Kinn- und Nasenbildungen,

wie aus Bettlergruppen Brueghels entsprungen. Diese

Masken werden aus dem Seidenpapier hergestellt, das beim Herstellen

der Goldschnitte in den Buchbindereien als Rest der Goldblattbücher

übrigbleibt. Es gibt noch heute eine Reihe von

Leuten, die derartige Masken herstellen; sie stehen jenen aus.

Flums an grotesker Wirkung und unbewußter Stilisierung in

nichts nach. Wenn diese "rüüdige Larve" auch nur bis ins letzte

Jahrhundert nachweisbar sind, so können sie in der Idee doch

mittelalterlich sein, Pest- und Aussatzmasken. mit denen man diese

Krankheiten mimisch zu verscheuchen suchte. Die Sühudi erinnern

stark an die Flumser "Butzi". - Das Fastnachtseinläuten

und die Sühudi sind eine Angelegenheit der Burschen und auch

reiferer Männer. Sie kennen sich nicht alle untereinander, sondern

finden sich maskiert zusammen an gewissen wechselnden

Orten.

Die zweite charakteristische Gruppe der Einsiedler Fastnacht sind

die Mummerien und Joheen, die am Dienstagnachmittag Brot

auswerfen. Der Name "Joheen" ist sprachlich wohl als Onomatopoie

aufzufaßen, als Wiedergabe eines Klanges. Interessanter ist

die Bezeichnung "Mummerie" (mit dem Akzent auf dem i). Das

Wort ist-identisch mit Mummerei, sich vermummen. Aber es

kommt zu uns aus dem Französischen: "momerie", das bei

Rabelais undandern Schriftstellern des 16. Jahrhundert häufig

vorkommt; hinter dem Wort verbirgt sich der spätantike griechische

Gott Momos, der besonders in Marseille verehrte Gott der

Verstellung. (Daß man an die französische Ableitung des Wortes

denken darf, wird sich am analogen Falle der "Maschge" weiter


..

unten ergeben.) Fremden Ursprunges ist auch das Kostüm der

Mummerien. Es ist (oder war) ziemlich genau das der Figuren

der italienischen Commedia dell'arte, des Arlechino und Pulcinella

in die klassischen Stegreifkomödie des 16. und 17. Jahrhunderts.

In degenerierter Form kommt das Kostüm auch bei Figuren der

Schwyzer "Rott" vor, ebenso in der March (Blätzlinarren). Die

Joheen sind Sennen im Empirestil. Die holzgeschnitzten Masken

der Mummerien und Joheen sind künstlerisch als charakteristische

Arbeiten der Empirezeit zu erkennen, von lokalen Holzbildhauern

geschaffen. Die Requisite der Mummerien und Joheen sind die des

Frühlingszaubers : umgebundene Trichlen, umgehängte Pferdegerölle,

Tannenbäumchen und Roßschweife. Die Gruppe bewegt

sich in genau festgelegter Ordnung in einer Art Tanzschritt, der

zugleich die Trichlen und Schellen zum Klingen bringt (damit

zu vergleichen wäre der Narrentanz des Schwyzer "Nüßlen·').

"Hörelibajasse" (s. oben, wohl städtischen Ursprungs, da das

Thema der Satyrn zu ferne liegt) mit an Peitschen gebundenen

Schweinsblasen umschwärmen Mummerien und Joheen. Die ursprüngliche

(mythische) Bedeutung des Umzuges ist längst vergessen.

Heute wird die Gruppe so erklärt, wie der Verfasser dieser

Broschüre es oben schildert.

Auf drei Plätzen des Dorfes wird von den Mummerien und Joheen

am Fastnachtsdienstag Brot ausgeworfen, große, fast noch warme

Mütschli, in sehr beträchtlichen Quantitäten. Sie fliegen weit und

hoch durch die Luft, werden zur Abwechslung ganz in die Nähe

in die Kinderrudel geworfen; gelegentlich klirrt eine Fensterscheibe,

raufen sich Burschen um ein zur Erde gefallenes

Mütschli; betäubend lärmen die Kinder: "Mir eis, mir eis".

Auch das Auswerfen von Gaben gehört zum Frühlingszauber ; es

findet sich in zahlreichen Fastnachtsbräuchen der Alpenländer

(am schönsten in Imst). - Beim Einsiedler Brotauswerfen (und

ebenso beim Auswerfen von Orangen, heißen Würsten und dergleichen)

fällt, trotz der Wildheit des Vorganges, für jeden, der

sich bemüht, etwas ab. Vor allem die Kinder kommen nicht zu

kurz, am wenigsten die ganz Kleinen. Eine Verteilung wie etwa

in Schwyz (wo die Kinder klassenweise unter Begleitung der

Lehrer auf den abgesperrten Hauptplatz ziehen zur Entgegennahme

der Spende der Japanesengesellschaft) wäre in der Waldstatt

undenkbar. Es muß wild und lustig zugehen beim Verteilen.

Das nachstehend geschilderte "Begraben der Fastnacht" kann

ähnlich wie der Zürcher Bögg gedeutet werden als altheidnische

Frühlingszeremonie. Es könnte aber auch mit der großartigen

venezianischen Szene des "Il carnevale e andato" in Verbindung

gebracht werden. Hier wie bei den Mummerien wären Söldner die

Vermittler. Beachtlich ist der Name "Pagat". Das ist die Bezeichnung

für die höchste Figur im Tarock, das im Prag Karls IV.

39


aufkam und kabbalistische Bedeutung hat, die bei uns jedoch

völlig unbekannt ist.

Der Spätnachmittag und die Nacht gehört den Masken. Auch

hier muß man beim Namen Halt machen. Der Einsiedler sagt

"e Maschg". Jenseits der Mythen, in Unterwalden und Uri, sagen

man "e Maschgerad" und bezeichnet damit nicht eine "Mas~

kerade", sondern konkret eine Maske. Innerschwyzund die beiden

andern Urkantone bezogen das Wort und die Sache von jenseits

des Gotthard und ihr "Maschgerad" kommt vom italienischen "un

mascherato", ein Maskierter, während das Einsiedler Wort vom

französischen "un masque" kommt. - Für die Maskenkostüme

scheut die Einsiedlerin den Aufwand nicht. Mit Garderobekostümen

und den abgedroschenen Typen (Zigeunerin, Tyroler, den in

der Zürcher Landschaft grassierenden "Rittern") begnügt man

sich nicht. Schon im Spätherbst denken viele Mädchen an die

künftigen Fastnachtskostüme. Nicht der Prunk, sondern der gute

und mit farbigem Geschmack verwirklichte Einfall wird bewundert.

Die drei Schichten der Einsiedler Fastnacht, Heidnisches (das den

Heutigen völlig unbekannt und unbewußt ist), Barockes und Modernes,

bestehen sauber voneinander getrennt. Der eigentliche

Schauplatz ist die Straße. In den letzten Jahren haben sich zwei

Fastnachtsgeselllschaften gebildet, deren Umzüge gewöhnlich den

Vor- und Nachmittag des Fastnachtmontag beleben. - Die Einsiedler

Fastnacht ist durchaus ein Volksfest aller Kreise. Aristokratische

Absonderung kleiner Zirkel wäre undenkbar. Auch für

den Aermsten, der kein Tanzlokal besuchen kann, fällt ein

Mütschli, eine Wurst, eine Orange ab, und das Maskentreiben

auf der Straße befriedigt die Schaulust aller jener, die nicht aktiv

mitmachen.

Die eigentliche Grundlage der übermütigen Einsiedler Fastnacht

ist der Volkscharakter, in dem sich gewiß Reste der elsäßischen

Urväter erhalten haben, die anno 934 eingewandert sind. Ein

Einsiedler Mädchen (aus sehr "strengem" Haus stammend) hat

mir einmal auf die Frage, was das Schönste im Jahre sei, ohne

Besinnen geantwortet: "Die Fastnacht und die Karwoche". Das

sind die Spannungspole des barocken Menschen: Sinnenfreude

und Gottbezogenheit."

Daßsich mancher Fastnachtsulk nahe um das Weibervolk cumuliert,

hat das "Maitlirellen" bewiesen. Diese Zauberübung ist um

1890 herum aufgegeben worden. "Relle" heißt rollen bezw. die

Spreu vom Weizen säubern. Man errichtete aus Latten und Jute

eine große buntgeschmückte Bude, stellte eine Leiter an, ließ

spottend einige als alte Jungfern verkleidete Personen aufsteigen,

zog sie kopfüber in die Bude hinunter, ließ nach außen eine

heimliche zauberhafte Verwandlungsszeneüber sie ergehen und


zog die Jungfern unteri durch eine Oeffnung als blutjunge Mäd-

-chen wieder ans Licht und ließ sie laufen. Die Ulkhaftigkeit dieses

vergessenen Brauches übertrifft die vielen neuzeitlichen Belusti-

,gungsversuche.

Der Gebrauch der Spritze als auffälligstes Requisit fastnächt-

.licher Tollheit ist hier nicht mehr nachzuweisen. (In Imst im

Tirol wird sie von einer offiziellen Figur, dem sogen. "Engel-

.spritzer" gehandhabt, dessen Rolle klar ist.) Indes behauptete

-der Besen in der Waldstatt noch im letzten Jahrhundert seinen

wahren Zweck, der mit demjenigen der Spritze übereinstimmt. Die

.Masken tünchten die Tannen- oder Birkenreisigbesen an den

Dorfbrunnen ins Wasser und bespritzten die jungen Mädchen, die

-des Weges kamen. Diese Uebung brachte einen störenden Unfug:

man beschmutzte saubere Gesichtlein und schöne Gwändlein,

weshalb heute der Besen nur pro memoria getragen wird. Roß-

'und Munifisel, Sübloutere, Trychle und Rölleli haben eine sinn-

'verwandte Bedeutung, über die man nicht stark im Zweifel sein

'kann.

.Es ließe sich Wesentliches über die im Laufe der Zeit erfolgten,

willkürlichen Abänderungen an den Kleidungsstücken des Johees,

Mummeries und Hörelibajaß sagen. Wir beschränken uns darauf,

.sie hier kurz anzudeuten. I. Johee: Tuchplätzliperücke statt gekrauste

Haarperücke, Fransenhalstuch statt geknüpfte Krawatte,

-dekorativer Kartongurt statt metallbeschlagener Ledergurt, weite

Kniehose aus Samt statt anliegende Kniehose aus Tüchli, Lacet

'statt ledernes Strumpfband, flache Strümpfe statt gemusterte

.Strümpfe. 2. Mummerie: Gewöhnlicher Filzhut statt breitrandiger

.Schlapphut oder konischer Stilhut mit Straußenfeder des 17. Jahrhunderts,

grüner Tuchstreifen im Kleid statt roter oder blauer,

flacher Oberärmel statt Pumpärmel (sogen. Speckärmel), Gehhose

.statt Pumphose des 17. Jahrhunderts. 3. Bajaß: Geschlossene

Blusenärmel statt offene geschlitzte.

10. Beg r a ben des Pa g ä t s. Am Fastnachtsdienstag bei ein-

'brechender Nacht, unmittelbar vor dem Betglockenläuten, also

.zur Zeit, da das öffentliche Maskentreiben auf den Straßen lang-

.sam ein Ende nehm-en sollte, besammelten sich ausdauernde

Masken auf dem Spitalplatz im Unterdorf und bildeten einen Zug.

An der Spitze marschierten zwei Tambouren, dann folgte ein Mann

-mit einer alten Zunftlaterne, hernach einige Männer mit Pickeln,

dann zwei Träger mit dem Pagat auf der Bahre. Hinter ihnen

liefen einige Männer mit Schaufeln. Den Schluß bildeten Masken

.aller Art. Unter dem Klange eines doppeltönigen dumpfen Trommelsclilages

(Trauermarsch) zog die Schar durch die Hauptstraße

.anf den Platz vor dem "weißen Wind" (heute St. Johann's Platz),

..indem sie murmelnd nach der Art eines Kanons sang:

4 1


(Eigene Rekonstruktion).

I~

Do -mi -no, Ba -jass, Hä - xe und Tü - fl, S'ist eis - wägs

Bät-glog-ge - zyt, Chö -med ! Mir wend ü - se -re'n alt

~ J J J

ü - se

-re'n alt Pa - gilt bi - gra-be, bi - gra-be, bi - gra -be.

Diese Noten gelten auch für

Noten von Meinrad Ochsner.

den Trommelschlag.

Dort angekommen, brachen die Pickler mit trüber Miene ein Loch

im Schnee auf, worauf die Pagatträger aus den Reihen traten und

mit wichtiger Geste den Pagat sorgfältig hineinlegten. Hierauf

deckten die Schaufler das Grab zu und die Menge löste sich auf,

da nach dem Betglockenläuten die Masken nicht mehr geduldet

waren. Der Brauch ist seit zirka 1870 erloschen. In den letzten

Jahren des Brauches schlug der alte Barabas die Trommel.

Pagat ist im Tarock der Unter, die stärkste Figur, identisch mit

dem Schellenunter, genannt Chöpferölli", des deutsch-schweizerischen

Kartenspiels. Ursprünglich, d. h. bevor der Brauch verflachte,

wurde er als Puppe dargestellt, die den Schellenunter

verkörperte. (Ich erinnere diesbezüglich an die Beerdigung des

Gidio Hosenstoß in Herisau, von Kunstmaler Paul Tanner bildlich

dargestellt, die Verbrennung des Böggs in Zürich und ähnliche

Bräuche in Schmerikon, Berschis, Vilters und Ragaz, die im

Grunde das Gleiche bedeuten: Ein heidnisches Symbol des Winterendes.)

.

Der Fastnachtsbetrieb .auf den Straßen ist für jedermann immer

noch offen, darum kann er sich ungehindert entwickeln. Für

den Zutritt in die Tanzlokale hingegen mußten früher die Masken

einen "Schillinger", genannt "Geigenschillinger", entrichten. Diese

Einrichtung ist alt, es wechselte nur die Taxe. Ein Anschlag aus

dem Jahre 1840 sagt folgendes: "Jede nächtliche Maske ist

höflichst ersucht, für jeden Eintritt ins Haus den Eintrittspreis

von 2 guten Batzen zu bezahlen." Der Zeitpunkt der Demaskierung

wird vom Bezirksamt festgesetzt. Auf die Minute erscheinen 2

Landjäger im Lokal und fordern auf, entweder die Larven abzu-

42


ziehen oder heimzugehen. Masken, die sich weigern, werden nötigenfalls

entlarvt. Dieser Eingriff war früher öfters notwendig, da

nachts mehr männliche Masken zum Tanz gingen. Diejenigen, die

sich sträubten, die Larven zur Zeit abzuziehen, hatten es in der

Regel darauf abgesehen, die Polizei zu .fuxen". Ueber die Reibereien

zwischen Polizei und Wächtern einerseits und Masken

anderseits ist noch etwas zu sagen. Bis um 1890 war das Maskengehen

zu verbotener Zeit ein gesuchtes Abenteuer. Dabei richteten

es übermütige Männer extra ein, mit der hl. Hermandad

zu kreuzen. Sie kannten die Diensteifrigsten und just diesen

wollten sie zu schaffen geben, vielmal aus Rache für einen im

Verlaufe des Jahres wegen Uebertretung der Polizeistunde erhaltenen

Strafzettels. Es· entstand dann eine regelrechte Treibjagd

bis in die späte Mitternacht hinaus und es kam vor, daß verfolgte

Masken plötzlich kehrt machten und einen diensteifrigen Landjäger

kopfüber in einen Schneehaufen stellten und sich dann

unerkannt "zäpften". Die Maske wurde dann und wann auch

angezogen, um irgend einen persönlichen Gegner im Wirtshaus

aufzusuchen und ihn intrigierend zu belästigen. Solche, die das

nicht ertrugen, weil sie die Absicht witterten, machten sich

hinter den Unbekannten und rissen ihm die Larve vom Gesicht.

So kam es hin und wieder zu bösen Schlägereien. Die Fertigkeit

im Intrigieren, sei es harmlos witzig! sei es herausfordernd, ist

hier viel stärker entwickelt, als z. B. im nahen Züribiet. Man

bemitleidet diesbezüglich die Masken des Flachlandes, die sich

mit dem stereotypen "Salü du, gäll kännst mi nüd" als Folge

mangelnden Fastnachtsulkes behelfen.

Aus den Ratsprotokollen des Bezirkes Einsiedeln ist ersichtlich,

daß die Einsiedler schon um die Mitte des 16. Jahrhunderts an

der Fastnacht auch öffentliche Aufführungen weltlichen Charakters

durchführten, die sie "Aventiuren" nannten. Es ist anzunehmen,

daß damals einzelne Vereine, vermutlich die musikalischen,

die Initiative ergriffen hatten. Der Inseratenteil des "Eins.

Anz." der öoer Jahre erinnert uns an die Aufführungen lebender

Bilder auf öffentlichen Plätzen. Die Gesellschaft nannte sich

"Honolulu-Guckkasten". Als Nachfolger dürfen wir die vor ein

paar Jahren gegründeten Fastnachtsgesellschaften "Goldmäuder"

(gelbhaariger Kater) und "Bürgerwehr" betrachten. Es sollte ihnen

hauptsächlich an der Pflege der alten Fastnachtsbräuche gelegen

sein, um diese nach Möglichkeit originell zu vervollständigen, was

mit Hilfe der vorliegenden Schilderungen aus dem frühem Fastnachtsbetriebe

leicht geschehen könnte. Nicht überall bietet die

Geschichte so viel Anhaltspunkte, wie 'hier. Die Gesellschaften

haben mit ihrer Fastnachtszeitung "dr Abäck" ein Mittel bei der

Hand, Vergessenes in Wort und Bild aufzufrischen. Wenn sie in

diesem Sinne die Fastnacht bereichern, wird man sie schätzen.

43


Der gepflegte Fastnachtsbetrieb bietet übrigens noch die Gewähr,

daß der zur Einkehr mahnende Aschermittwoch eher zu seinem

Rechte kommt, In den Soer Jahren hat man es diesbezüglich nicht

sehr genau genommen. Am 28. Februar 1886 beschwerte sich der

damalige Oberpfarrer P. Schindler schriftlich beim Bezirksrat von

Einsiedeln, er möchte in Zukunft dafür sorgen, "daß die Nachklänge

der Fastnacht sich nicht mehr so laut auf den Aschermittwoch

ausdehnen". Er finde, die Polizeiorgane. sollten morgens

5 Uhr in den Wirtshäusern Schluß bieten. Ferner möchte der

Bezirksrat "die Chefs der 5 großen Firmen ersuchen, daß sie

am Aschermittwoch arbeiten lassen", ferner sei auch notwendig,

"daß am Mittwoch Schule gehalten werde". Der Bezirksrat gab

dem Herrn Pfarrer gleich anfangs März beruhigende Zusicherungen

ab.

Als "alte Fastnacht", im Gegensatz zur "Herrenfastnacht" auch

Bauern- oder Knechtefastnacht genannt, wird der Montag nach

dem Aschermittwoch. bezeichnet. Was würde man jetzt sagen,

wenn an diesem Tage der Tanzbetrieb nochmals einsetzte? Das

war bis ums Jahr 1880 der Fall. Wirtsleute in Willerzell erklärten,

die alte Fastnacht sei jeweilen ihr bester Tag im Jahr gewesen.

Im nachwirkenden Uebermut hätten die Männer wacker "getüchelt"

(viel trinken) und bis in den frühen Morgen hinein das

Tanzbein geschwungen.

11. Palmen- und Wydlitragen. Die Palmen weihe ist ein

Teil der Palmsonntagsliturgie. Sie erinnert an den feierlichen Einzug

Jesu in Jerusalem. Das Palmentragen dient in diesem Sinne

der Verherrlichung Gottes. Buben tragen die Palmen, Mädchen

die Wydli. Aepfel werden an grüne, abgeastete Weidenzweige

gesteckt, diese oben zusammengebunden, mit einem Büschel Buchs

geschmückt, darum herum farbige Seidenbänder geschlungen und

an den Arm gehängt. Das sind die sog. Wydli. Stechpalmen

werden oben an einen langen weiß-rot oder schwarz-rot farbigen

Stock, darüber kreuzweise zwei Weidenzweige mit Aepfeln gebogen

und mit farbigen Bändern umschlungen. Das ist die

sogenannte Palme. Die Jugend trägt diese Requisiten in die

Kirche, wo sie der Priester segnet. Nach der Rückkehr ins

elterliche Haus teilen sich Groß und Klein in die gesegneten

Aepfel. Zweige der Stechpalmen und des Buchses werden entweder

hinter das Kruzifix gesteckt oder auf einen Sparren der

Dachwinde gelegt. Die gesegneten Zweige wenden im Volksmund

Schadenfeuer ab.

12. 0 s te rf e u e r am Charsamstag wird in Einsiedeln "Judasverbrennen"

genannt. Es hat seine christliche Erklärung durch

die Kirchengebete bei der Segnung des neuen Feuers. erhalten ..

Ursprünglich ist es ein vorchristlicher Brauch, der den Charakter

44


eines Frühlingsfeuers zur Feier des Sieges über den Winter trägt,

ähnlich wie das Verbrennen des Böggs am Sechseläuten zu Zürich

den Sieg des Frühlings darstellt, weiterhin den Sieg des Guten

über das Böse, das man im Judas verkörpert sieht. Vor der

Kirchentüre werden Buchenscheiter aufgeschichtet und angezündet.

Die Jugend versammelt sich um das Feuer und nimmt kleine

Kohlenstücke mit nach Hause. Die Gläubigen sagen, daß sich die

Kohlenstücke zur Abwendung von Uebeln gut bewähren. Landweibel

Jakob Ochsner erzählte hierüber Folgendes: "Kohlen vom

Osterfeuer bewähren sich gut zur Abhaltung von Unheil, wenn

Iman sie im Hause aufbewahrt, sonderheitlieh wo Hexen, Zaubereien

und anderer Spuck in Katzen-, Hunds- und anderen Gestalten

sich zeigen." Ferner "Ladet man Kohlen vom Osterfeuer

in ein Gewehr, so wird man treffen". Die Kohlen werden ab und zu

auch in Stall und Feld gebraucht, damit Vieh und Saat gedeihen.

13. Ostereier suchen. Das Ei ist das Symbol des neuerwachenden

geheimnisvollen Lebens der Natur. Im Kinderglaube

legt der Osterhase das Ei. Ursprünglich wurden hier die Ostereier

mit Zwiebelblättern gefärbt. Man legte die Blätter um das Ei

und kochte es im heissen Wasser. Jetzt haben die rot, die blau

und die buntscheckig gefärbten Eier den Vorzug. Am wenigsten

begehrt sind die grünen und die gelben. Die dreifarbigen Eier

sind neuesten Datums. Sie sehen. kitschig aus. Die Kinder machen

dem Osterhas ein Nest aus Heu.. Er legt die Eier aber nicht in

das Nest, sondern die Mutter verbirgt sie beim Morgengrauen in

Zimmerecken, hinter Möbeln usw. Nach dem Aufstehen machen

.sich die Kinder auf die Suche, eilen dann zur Mutter und erzählen

ihr freudig, wo und wieviele Ostereier sie gefunden haben. Leider

müssen immer weniger Kinder Ostereier suchen. Moderne Beschenkungsmetheden

verdrängen alte, man tischt den Kindern

am Ostersonntag gleich fränkige Hasen aus Schokolade und

Biscuit .auf, mit Seidenbändern geschmückt und verdirbt damit

die klare Symbolik des Ostereis.

Die Vorliebe für rot und blau macht sich auch beim Verkauf der

sogen. Chilbiballons geltend.

14. Den Osterochs herumführen. Die alten Leute kannten

nur etwa am Taufen-, Schützen- oder Totenmöhli und beim

Hochsigmaehen zwei Gänge am Mittagstisch. Sonst taten sie sich

an einem fetten Ofenturli, geschwellten Salzgummeln oder eines

böllengespickten Käsdünne gütlich. ("Ofenturli" ist ein auf einer

Blechform gebackener Kartoffelfladen, wörtlich ein im 'Ofen gedörrter

Kartoffelfladen.) Schmal ging es besonders in der Karoche

zu. Um der Bevölkerung anzukünden, daß mit dem Ostereste

die Rückkehr zu den Fleischtagen beginne, ließen die

et:zgermeister am Karsamstag einen bekränzten, aufgemästeten

45


I

ij

I

'I I,

Osterochsen durch die Dorfstraßen führen. Am Ostersonntag

lautete in den Haushaltungen alsdann die Parole "Legt einen

Liengs Fleisch in den Suppenhafen". Die Osterochsen wurden in

der Regel am Mailändermarkt gekauft.

Der Osterochse erinnert an die Engelweiheochsen, die das Kloster

im 17. und 18. Jahrhundert jeweilen auf die große Engelweihe

kaufte. Es kam vor, daß im Kloster an der sogenannten großen

Engelweihe. die stattfindet, wenn das Fest auf einen Sonntag

fällt, um die 2000 Personen Quartier bezogen und daß in den

Stallungen um die 50 Reit- und Saumpferde standen. Auf diesen

Andrang hin kaufte das Kloster für Verpflegungszwecke jeweilen

zwei schwere Engelweiheochsen und mästete sie noch auf.

P. Odilo Ringholz schreibt in seiner Geschichte der Rindviehzucht

im Stifte Einsiedeln : "Die sogenannten Engelweihochsen

wurden mit Blumen und Bändern geschmückt, dann öffentlich

gewogen, wobei das eine oder andere Mal das Mißgeschick

passierte, daß der "Wagbaum" unter dem Fleischkoloß gebrochen

ist. Meist wohnten der Abt und die Anwesenden Prälaten diesem

Schauspiele bei. Kleine Knaben führten sodann an schwarz-gelben

Seidenbändern (Abtei -Farben), begleitet von Trommlern und

Pfeifern, die Ochsen auf dem Platz vor dem Kloster herum. Auf

dem größern Tiere saß ebenfalls ein kleiner Knabe, der auf einem

Hörnlein blies. Der Engelweihochse von 1.659 wog 22S0 (alte)

Pfund; 1681 der eine 23°5, der andere 2283 Pfund; I687 der

eine 1964, der andere 2229, der dritte 2271; 1749 2874; 1755

2500; 1788 3000 Pfund. Nach diesem Umzuge wurden die Ochsen

geschlachtet oder verkauft. Unserm Stalle entstammte der Ochse,

der 1743 in Prag bei Gelegenheit der Krönung der Kaiserin Maria

Theresia mit der böhmischen Königskrone gezeigt und geschlachtet

wurde. Er war 4 Ellen hoch, 5 lang und wog 28 Zentner.

Leonhard Fuchs in Einsiedeln hatte ihn von Statthalter P. Michael

Schlageter gekauft und nach Prag geführt. In Ulm starb 1748

Martin Schönbächler, genannt Käs-Martin, von Einsiedeln, der

mit einem großen, um lOO fI. erkauften Klosterochsen lange in der

Welt umherzog und ihn um Geld sehen ließ. Im Jahre 1749 drängten

sich die Besucher von Einsiedeln schon im Mai in den Ochsenstall,

um Engelweihochsen zu sehen, so daß der Statthalter die

"Besuchszeit" auf zwei bestimmte Stunden im Tage einschränken

mußte. Einige Male hatten diese Ochsen die Ehre, in Kupfer gestochen

zu werden, so z. B. 1755, 1777 und 1788. Von letzterem

Stiche geben wir hier eine Reproduktion. Im Jahre 1783 kaufte

der eben anwesende Herzog Karl Eugen von Württemberg beide

Ochsen im Gewichte von je 26 und 24 Zentnern und noch zwei

andere dazu um den Gesamtpreis von 68 Louisdor. Er ließ sie

nach Stuttgart bringen und verkaufte sie wieder an einige Bauern,

die sie in halb Deutschland um Geld sehen ließen."


15. Hoc h ze i t s f eie r. Die volkstümliche Bezeichnung für die

Hochzeitsfeier heißt "Hochsigmache". Vor etwa 50 Jahren wurde

dem Hochsig am Tage der Trauung mit Mörsern geschossen. Seither

ist diese Aufmerksamkeit erledigt. Die Gäste besammeln sich

am Morgen in der Regel im Gasthause, wo das Mittagessen stattfinden

soll. Im Mittelpunkt des Interesses steht da die Braut. Die

Mütter visitieren sie und ziehen ihr den Schleier, überhaupt alles

was man plätten und streicheln kann, zurecht. Zylinder und Stilkleider

sind selten geworden. Der Bräutigam steckt ein Sträußchen

Myrthen ins Knopfloch; die Braut trägt ein Kränzlein oder

Sträußchen, ebenfalls aus Myrthen, im Haarschopf. Dann ziehen

sie zur Kirche. In der Zugsordnung hin und her geht das Brautpaar

an der Spitze. Ihm folgen Brautführer und Brautführerin, die

hier Nebenhochzeiter bezw. Nebenhochzeiterin genannt werden,

dann die Eltern des Bräutigams und die der Braut und schließlich

Verwandte und Gäste gepaart. Wenn kleine Buben und Mädchen

mitkommen können, tragen sie der Braut auf dem Hin- und

Herwege zur Kirche die Schleierschleppe. Nach dem Hochzeitsmahl,

das immer gut und reichlich ist, tanzt das Brautpaar den

ersten Walzer. Bevor es die Hochzeitsreise antritt, was in der

Regel am frühen Abend geschieht, widmet ihm der Brautführer im

Namen der Gäste einige Glückwünsche. Dann wechseln Eltern,

Schwestern und Braut die Abschiedsküsse; denn die Tochter ist

.in der Regel dasjenige Geschöpf, das man normalerweise ungern

für immer im Elternhause vermißt. Der Bräutigam schmunzelt.

Nach dem Wegzuge des Brautpaares sind Nebenhochzeiter und

Nebenhochzeiterin die Gefeierten des Abends. Der Nebenhochzeiter

leitet die Unterhaltung.

Noch ist auf das Spannen der Jugend hinzuweisen.

Wenn' ein Pärchen feierlich zur Trauung in die Kirche zieht,

springen plötzlich aus einer Seitengasse einige Buben herbei,

breiten vor dem Paar ein Seil aus und versperren ihm damit

den Weg. Das nennt man Spannen. Der überraschte Bräutigam

greift in den Geldsäcke! und ladet einige Batzen ab. Daraufhin

ziehen die Buben das Seil zurück, springen einige Häuser weit vor

und spannen von neuern. Sie wiederholen den Brauch anläßlich

der Rückkehr aus der Kirche. Bäuerliche Paare gehen beim

"Hochsigmache" nicht Arm in Arm, sondern Hand in Hand.

Sie tragen einfache schwarze Kleider und heften sich ein Sträußchen

künstlicher Myrthen auf die Brust. Bisweilen trägt die Braut

einen langen weißen Gaseschleier vom Kopf über den Rücken

hinunter. Bei den Alten war es eine Selbstverständlichkeit, daß

der Hochzeitsgehrock das ganze Mannesalter durchhalten mußte.

Auch hörte man oft Frauen im hohen Alter sagen "das ist my

Hochsigrock" .

47


16. Tau fe t e. Bis um 1860 verursachte die Taufete eines legalen

Kindes rundum in der Verwandschaft der Eltern einen festfreudigen

Auflauf. Jetzt erlaßt das schöne Ereignis nur die paar

Leutchen des engem Familienkreises. Damals war das "z'Ehre'

stoh" Brauch. Am Tauftage während dem Vesperläuten begaben

sich Hebamme, Pate und Patin, hier Götti und Gotte genannt, ins.

Haus der Mutter, einigten sich über den Namen des Täuflings.

wobei in erster Linie die Wünsche des Göttis, wenn der Täufling;

ein Knabe war, und die der Gotte, wenn der Täufling ein Mädchen

war, gehört werden mußten. Es kam bisweilen vor, daß der

Pflichteintrag beim Zivilstandsamt nachträglich abgeändert werden

mußte, weil entweder der Götti oder die Gotte ein Veto gegen die

ergangene Namengebung einlegte. Zugleich erschienen im Haus,

des Täuflings auch die Verwandten. Alle Beteiligten trugen

schwarze Kleider. Nach dem Ausklang des Vesperläutens bildete

sich der Taufzug. Voran lief rechts der Götti, in der Mitte die

Gotte, links die Hebamme mit dem Kind im Tragkissen, über

das ein Spitzenflor hing. (Bestickte Prunktaufkleidchen, wie sie

um die Mitte des letzten Jahrhunderts und auch noch später

üblich waren, existieren nur als Museeumsstücke.) Hinten schlossen

sich zu Paaren die Verwandten an. Die Beteiligung der Verwandten

im Taufzuge nannte man "z'Ehre-stoh". Es kam vor,

daß auch Ungeladene erschienen oder daß Geladene fern blieben..

Ungeladen erschienen jene, die gern an einem Möhli (Mahl)

teilnehmen wollten. Das Möhli schloß sich unmittelbar der Taufe

an. Nicht erschienen jene, denen der Taufaufzug zu umständlich

war. Sie konnten der Handlung nichts Poetisches abgewinnen.

Diese Zufälligkeiten und die Kostbilligkeit eines gutbesuchten

Taufenmöhlis sind die Gründe, warum das "z'Ehre stoh" allmählich

abgeschafft wurde. An der Gemeinde in Einsiedeln vom

16. November 1676 beklagte sich der Pfarrer wie oftmal bei Kindstaufen

"ohnnötige Hoffarten und Ohnkosten vorbeigehen, in denen

zu Zeiten in die 5, 6 und mehr Personen dem Göttin oder Gotten

zue Ehren trätten" und erklärt, er werde so lange nicht taufen,

bis nur eine Ehrenperson auf der Seite stehe. Gleich nach dem

Vollzug der Taufe durch den Priester geben Götti und Gotte dem

Kind ein Angebinde. Die Hebamme hält hiefür ein besonderes

Tüchli bereit, das sie Nothäubchen nennt. Es hat die Form eines

Kinderhäubchens. Am Saum rechts und links ist je ein kleines

Täschchen aufgenäht. In das eine legt der Götti, in das andere

die Gotte das Angebinde. Im Zug aus der Kirche war die Ordnung

an der Spitze umgekehrt: Die Hebamme lief mit dem getauften

Kind auf der rechten Seite, die Gotte in der Mitte, der Götti links.

Die Zugsordnung beim Kirchgange verweist auf die Nichtigkeit

eines ungetauften Kindes im Vergleich zu getauften Geschöpfen,

die Zugsordnung aus der Kirche auf die Erhabenheit der Unschuld


l

im Taufgewand. Die heutige Unachtsamkeit hie~auf entspricht

dem nüchternen Zeitgeist, der schon manches würdige und originelle

Tun und' Lassen lahmgelegt hat. Die Taufgesellschaft begibt

sich hierauf in ein Wirtshaus, wo zum Taufmöhli gedeckt

ist. Die Hebamme legt das Kind auf eine Bank. Das Festen

dauert oft bis in die späte Nacht hinein. Es ist im kleinen Kreise

heute noch Brauch. Nach Schluß begleitet der Götti die Gotte

heim und wenn diese artig und jung ist, weiß das der Götti zu

schätzen und bleibt noch ein Weilchen bei ihr.

Zwillinge, z. B. ein Bub und ein Maitli, nennt man bei uns eine

"Tanzete". Die Tanzete, überhaupt Zwillinge, sind nicht jedem

Familienvater willkommen. Als der Herrgott einmal einer armen

Familie, die schon eine Stube voll Gofen hatte, eine Tanzete

schenkte, erblickte der Vater am Morgen auf dem Pleger

(Kanapee) einige Puppen. Er gab seiner Stimmung damit Ausdruck,

indem er wehleidig rief: "Rüered die Lümpige zum Feister

us, sust wärdet's au nu läbig ".

Bei den kleinen Geschwistern erweckt die Taufete in der Regel

Freude. Sie werden von der Mutter oder von einer großen

Schwester auf das Nahen des Täuflings sorgfältig vorbereitet. Man

sagt ihnen, der Vater habe im Frauenkloster "Au" ein Kind

bestellt.

Noch im letzten Jahrhundert war es in dieser und jener Familie

Brauch, der Wöchnerin ein Häubchen anzuziehen. Das Häubchen

ist jetzt noch unter dem Namen Einsiedler Käpplein bekannt. Es

war entweder aus Seide oder Leinwand verfertigt, vierteilig, auf

jedem Teil mit einem religiösen Bilde bedruckt. Man erhoffte einen

gesunden Verlauf der Geburt. Die gleichen Käpplein wurden hin

und wieder auch als Sterbehäubchen benutzt. Bis in die Soer

Jahre trug die Hebamme beim Taufgang ein weißes Tuchhäubchen

mit geröhrleten Spitzen um den Rand. Die jüngern Hebammen

wollten das Häubchen nicht mehr tragen, worauf es bald vergessen

ging.

,j

'·1

j

I7. Katzenmusik machen. Ein derber Brauch. Wenn ein

Ehepaar uneins ist, so daß die Frau dem Manne davonläuft und

nach Wochen oder Monaten freiwillig zurückkehrt oder vom

Mann freiwillig geholt wird, entgeht das den schaulustigen Nachbarn

nicht. Schon am gleichen Abend sammeln sich junge Burschen

mit den ausgesuchtestenLärminstrumenten in einem Gäßehen

an, ziehen unter das Fenster der Wohnung des betreffenden

Ehepaars und machen mit Pfannendeckeln, Hörnern, Trompeten,

Schellen und Pistolenknallen einen Höllenspektakel. Er gilt der

Frau, insofern sie freiwillig zurückgekehrt ist, und dem Manne,

insofern er die Frau geholt hat.

49


18. S t ä n d li b ring e n. Der hohe Rat von .Schwyz erkannte am

27. November 1658, "daß Niemand mehr nächtlicher Wylen uff

der Gassen mit Saitenspielen, besonders aber -mit unehrbarem

Schreien und Grählen sich erfinden lassen solle und welcher das

überseche, der solle jedesmal Gld. 5 unerläßliche Buoß erlegen

oder solche mit Gefangeschafft oder mit der Trüllen abbüßen".

Im Jahre 1680 wurde dieses Verbot erneuert. Nach Martin Styger

ist das Saitenspielen identisch mit dem Brauch des "Ständlibringens",

der von Söldnern aus spanischen und italienischen

Diensten importiert worden war. Damit wäre nachgewiesen, daß

der Brauch "Ständli zu bringen" im alten Lande Schwyz wenigstens

ins 17. Jahrhundert zurückgreifen kann. Die Untertanenländer

March und Einsiedeln waren schon zur Zeit der Mailänderkriege

pflichtig, Knechte (Söldner) zu stellen, weshalb anzunehmen

ist, daß der Brauch des nächtlichen Saitenspiels bezw. der

"Ständli" auch in Einsiedeln bekannt gewesen sein wird. Die

Verbote richteten sich offenbar nicht gegen das nächtliche Aufspielen,

sondern gegen "das unordentliche Wesen nächtlicher

Wylen in Dörffern uff den Gassen", da schon 160-+ ein Ratsbeschluß

anordnete, "daß jeder z'Nacht umb die nündte Stundt

sich ab der Gassen machen solle by 20 Gld. Buoß". Berüchtigt

waren also die Begleiterscheinungen des Saitenspiels.

Das Saitenspiel bezw. das "Ständlibringen" des 17. Jahrhunderts

hat heute einen nur leisen Nachklang. Wenn sich z. B. das Mitglied

eines musikalischen Vereines verlobt, oder wenn es von

der Hochzeitsreise heimkommt, oder wenn es das silberne, goldene

oder diamantene Hochzeitsjubiläum feiert oder wenn es ein außergewöhnlich

hohes Alter erreicht versammelt sich der betreffende

Verein abends vor der Wohnung des Jubilaren und singt dort

einige Lieder oder musiziert. Es kommt bisweilen auch vor, daß

musikalische Vereine einem hohen Geistlichen zum Namenstag

ein Ständlein bringen.

In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, daß hier die Namenstage

gern gefeiert werden. Bei der ersten Begegnung am Morgen

wird der Feiernde von seinen Familienangehörigen beglückwünscht.

Dann rüstet die Hausfrau etwas Gutes auf den Mittagstisch.

In den ooer Jahren war eine Rosindli- oder Mandeltorte bevorzugt.

Wenn ein Wirt oder eine Wirtin Namenstag feiert,

merken sich die Stammgäste den Tag und gehen gratulieren. Der

.Gang ins Wirtshaus an jenem Tage hat auch einen geschäftlichen

Zweck. Der Wirt ist in der Regel Kunde des Stammgasts.

Um zu zeigen, daß es mit dem Namenstagsglückwunsch ernst gemeint

war, wurde er früher mit einem kräftigen Handgriff verstärkt.

Der Gratulant trat Rücklings an die feiernde Person heran,

faßte sie mit beiden Händen im Nacken und, drückte sie. M.,an


nannte diese Uebung "zum Namenstag würgen". Sie ist ganz

vereinzelt heute noch Brauch. Das Würgen war bis um 1880

herum auch am ' Neujahrsmorgen üblich.

19. Bot e n b r öd Ie. "Botenbrödle" bedeutet zu einem erhaltenen

Amte Glück wünschen. Im Jahre 1737 wurde das Botenbrodle

untersagt, da es als Bettelei ausartete. In Einsiedeln besteht der

Brauch, daß nach der Wahl des Bezirksammanns, des Bezirksstatthalters

und des Bezirkssäckelmeisters durch die Maiengemeinde

(jetzt Urnenwahl) die Bezirksmusik vor die Wohnhäuser

der drei Gewählten zieht und dort je 2 bis 3 Stücke spielt. Der

Gewählte kommt nachher zum Musikdirigent herunter, dankt ihm

und drückt ihm für einen Imbiß der Musikanten ein Banknötli

in die Hand.

Die Gewählten sitzen nachher mit den Ratsherren in einem Wirtshaus

zusammen und trinken eins. Bis vor wenigen Jahren war es

Brauch, daß der neubestellte Bezirksrat nach der ersten Sitzung

eine Blustfahrt in die Höfe machte. Dieser Brauch ist so erbaulich,

daß er nachgemacht werden sollte. Zu den geselligen

Veranstaltungen des Rates gehört auch das sogen. Bußenessen.

Vor Schluß der Amtsperiode wird das Erträgnis der Bußengelder

gezählt und für einen gemeinsamen Imbiß verwendet.

20. An s chi e ß e t. Während im Züribiet und anderswo der

Ansehießet der Schützenvereine sang- und klanglos verläuft, da

sich die Schützen einzeln auf dem Rad, im Auto oder zu Fuß in

den Schießstand begeben, versammeln sich hier an der alten Fastnacht

die Vereinsmitglieder im Schützenhaus zur Schützenordnung,

in der Vorstand, Schützenmeister und Zeiger gewählt werden.

Nach der Schneeschmelze, ordentlicherweise am Ostermontag, versammeln

sich die Schützen wiederum in ihren Vereinslokalen, um

zum Ansehießet auszuziehen. Vor dem Vereinslokal erscheint die

Blechmusik. Der Schützenmeister ruft alsdann die Schützen zur

Sammlung in Linie auf den Platz hinunter, die Zeiger in der roten

Bluse und Mütze am rechten Flügel und befiehlt "Achtung!"

Dann erscheint der Fähnrich mit der Fahnenwache. Er schreitet

unter dem "Klange des Fahnenmarsches die Front ab, hält auf der

Mitte an, schwingt vor der Schützenlinie die Fahne und schwenkt

dann in die Marschordnung ein, worauf der Zug mit klingendem

Spiel durch den Flecken in den Schießstand zieht.

Nebst dem obligatorischen und fakultativen Programm veranstalten

unsere Schießvereine jährlich einen gemeinsamen Grümpelschießet

und ein Bezirkswettschießen. Die alte Dorfschützengesellschaft

führt nebstdem einen Chässchießet durch, an dem

die traditionelle Chässuppe verabreicht wird. Die Chässuppe wurde

nach altem Ortsbrauch folgendermaßen zubereitet: Dunkelbraun

51


gebackenes Brot in Brosmen schneiden, eine Lage davon in die

Schüssel streuen, darüber eine Lage geriebenen alten Schwyzerkäse,

dann wieder eine Lage Brosmen und das wechselweise

wiederholen, bis die Schüssel voll ist. Salz und Pfeffer darauf

streuen, einen Guß heißes Wasser über die Maße gießen, stehen

lassen, bis alles durchweicht ist. -Die Schüssel über das Feuer

stellen, gleichzeitig alles zu einem Brei umrühren, heisse süße

Butter aufgießen, geschnetzelten Böllen hineinstreuen und das

Gericht auftischen.

Für die verstorbenen Mitglieder findet jeweilen ein von der Gesellschaft

gestiftetes Seelenamt statt.

Schützenordnung, Wettschießen und Gabensammeln haben in

Einsiedeln ein hohes Alter. Hiefür einige Protokollzeugen : Ratsbeschluß

vom 29. April 1555: "Denen us der March, Küßnacht,

Höff und Einsiedlen abermahlen jedem ij Kronen zu verschießen

wie von altersher" . Ratsprotokoll 1560 für Sonntag Laetare: "Den

Schützen anzeigen, daß sie Stuhllegger um das Pulver zahlen,

dieweil sich ein jeder mit Speise auch versehen müsse und

dann meine Herren und Waldleute ihnen jährlich zu verschießen

geben". Ratsprotokoll 159J: "Den Schützen ist erlaubt ihre alte

Gabe wie von altem her". (Mitteilungen des historischen Vereins

des Kantons Schwyz 1901 M. Ochsner und 1906 M. Styger.)

Der Ansehießet war von jeher wie Chilbi und Fastnacht und die

"brave ehrliche Hochzeit" dem Tanzen geöffnet. Ein diesbezüglicher

Beschluß erging schon an der Landsgemeinde des Jahres

1792.

Der Leser betrachtet den vorstehend geschilderten Brauch ohne

Zweifel nicht mit großen Augen. Der eine und andere wird

sogar sagen, es lohne sich kaum, ihn zu erwähnen. Wir sind

anderer Meinung. Dieser Brauch ist insoweit zu schätzen, als er

das käfertrockene Schießen um Geldpreise und Rangstolz (das

obligatorische Programm in Ehren!) mit einwenig Poesie umrahmt,

die an den traditionellen schweizer. Wettkämpfen wie

Schwingen, Schießen, Turnen, Singen usw. je und je abhanden

gekommen ist. (Siehe diesbezüglich meine Aufsätze "Gegen die

. Verarmung der schweizer. Schwing- und Aelplerfeste", "Neue

Zürcher Zeitung" 1921).

z r, Pf in g s t e n s c h e ll e n und -gugger. Am Langriitiboden

im Unterdorf stehen nebeneinander unter gleichmäßigen Satteldächern

drei alte gemauerte Wohnhäuschen anmutiger Art. Da

dort einst die Hafner auf Drehscheiben von Hand Küchen- und

Eßgeschirr formten und dasselbe in primitiven Oefen mit Holzfeuerung

brannten, wird jene Häusergruppe heute noch das

Hafnerquartier und die Häuschen "Braunstein", Brennofen" und

S2


"Glasur" genannt. Das Geschirr zeichnete sich durch eine OrIgInelle,

bauchige Form aus. Der braune Grundton war entweder

mit hellbraunen oder mit dunkelbraunen Ringen und. sogenannten

Mannsschilden gemustert. Jedes Geschirr wurde als einfacher

Schmuck ländlicher Küchen und Stuben geschätzt. Auf Pfingsten

stellten sich die Hafner in den Dienst überlieferter Kinderfreuden,

indem sie das tägliche Eßgeschirr in Miniaturformen brannten

und zugleich Pfingstenschellen und Pfingstengugger herstellten,

die, im Gegensatz zum Geschirr, nicht glasiert wurden. Am Pfingstsonntagmorgen

stellten sie vor dem Rathaus einen Stand auf und

hielten dort ihre Produkte für einen Batzen das Stück der Jugend

feil. Gegen Mittag ließen sich überall im Dorf herum Gugger und

Schellen hören. Die Gugger erzeugten zwei Töne, die mit dem

natürlichen Rufe des befiederten Frühlingsboten genau übereinstimmten.

Man mußte in eine schmale Ritze blasen und mit

einer Handballe das Luftloch wechselweise öffnen und schließen.

Die Schellen ergaben beim Anschlagen des kleinen gebrannten

Kahlens einen hellen Klang, fast jede in einer andern Tonlage.

Beide Instrumente erinnerten das Volk an den Einzug des Frühlings.

Der Töpfer, der im Jahre I893 die letzten Gugger und Schellen

drehte und brannte, ist Laurenz Merz. Ein Brand warf für ungefähr

200 Fr. Töpferware verschiedener Art ab. Das Lehmwaschen,

Modellieren und Aufsetzen beschäftigte 3 Personen ungefähr

I4 Tage lang. Gugger und Schellen wurden im direkten

Feuer, das durch runde Löcher in das Gewölbe drang, gebrannt.

In einem kleinen Raum, der sich hinter dem Gewölbe befand

und der die Hitze indirekt erhielt, wurden die aus kleinen Modellen

abgedrückten sog. "Muttergöttesli" (Einsiedler-Muttergottesfigürchen)

gebrannt. Frauen zahlten für ein mit diesen Figürchen gefülltes

Kistchen einen Franken, bemalten und vergoldeten sie als

Heimarbeit und verkauften diesen begehrten Wallfahrtsartikel

zu Hunderten in die Stände. Seit ungefähr 30 Jahren ist dieser

. billigste Wallfahrtsartikel verschwunden und durch gepflegtere,

größere Wachsfiguren ersetzt. Die alten Modelle liegen im Kloster

aufbewahrt.

In den 70er Jahren lebte hier eine vielköpfige Familie Müller,

die sich mit dem Abdrucken und Bemalen der "Muottergöttesli"

befaßte. Sofort nach Schulschluß mußten auch die Kinder bis

in die Nacht hinaus mithelfen. Diese Familie dürfte den interessantesten

Beweis für die Kargheit des Heimverdienstes geliefert

haben. Müller verkaufte in den schlechtesten Jahren bis zu

tausend Figürchen, in den besten Jahren 200 Figürchen für einen

Franken (abdrücken und bemalen). Wenn man sich vorstellt,

was rustikane Hafner und Maler als geplagte Familienväter bei

den ungezählten Handgriffen hie und da denken mochten, kann

man sich den Ursprung eines verwerflichen, aber landläufigen

53


Beinamens jener Statuetchen erklären. Er hieß "Laichaibli", recte

Chaibli aus Lehm.

Unter "Stand" versteht man folgende Verkaufseinrichtung: Ein

breiter Tisch aus zusammengefügten Tannenbrettern, hinten und

beidseitig ein verschaltes Gerüst aus Dachlatten, darüber ein

Dach aus geschuppten Brettern, hinten nieder, vorn hoch wie

ein Pultdach mit breiter Vorladung, damit bei Regen auch der

Käufer geschützt ist. Diese Stände, die man noch an den Jahrmärkten

sieht, sind baulich ein Abbild der ursprünglichen, 1869

abgebrochenen Devotionalienstände am Adlerraindli und vor dem

Gasthof zur "Sonne". Die jetzigen Stände am Adlerraindli, vor

der "Sonne" und am St. johann-Mattli und beim ehemaligen

Brueltor verunzieren infolge ihrer schlechten Bauformen den

schönen Hauptplatz und brechen seine Linien. Nur 2 Beispiele:

Wenn man vor dem Rathause steht, schalten die Pfauenstände

die angenehme Abschlußwirkung gegen Norden, die das alte

Schulhaus haben könnte, vollständig aus. Kommt man von der

Hauptstraße her, dringen die Sonnenstände wie ein Sporren in

die Fläche hinaus. Stände nach der ursprünglichen Bauart könnten

die gute Wirkung des Hauptplatzes nur wenig beeinträchtigen,

da sie den Eindruck machen würden, sie seien als kurzfristige

Markteinrichtung da.

22. Mai eng e m ein d e. Die Maiengemeinde, die alle 2 Jahre

stattfindet, ist den Wahlgeschäften gewidmet, über die bekanntlilieh

die gesetzlichen Bestimmungen maßgebend sind. Bis um 1905

herum wurden die Wahlgeschäfte an der offenen Bezirkslandsgemeinde,

genannt "Maiengemeinde", abgewickelt. Seither gilt

die Urnenwahl. Man darf hier die Maiengemeinde als würdigen

alten Brauch kennzeichnen, den die kommenden Generationen

wahrscheinlich vermissen werden.

Sie wickelte sich am ersten Maiensonntag nachmittags halb 2 Uhr

vor dem alten Schulhause ab. Dort war, an den östlichen Flügel

gelehnt, eine Holzbühne aufgerichtet. In den letzten Jahrzehnten

des Bestandes sah die Bühne kahl aus. Früher wurde sie mit

farbigen Tüchern und Tannreisigen geschmückt. Um 1 Uhr

besammelte sich der Bezirksrat auf dem Rathaus. Kurz vor halb

2 Uhr zog er, an der Spitze das Ratsbureau, Bezirksammann in

der "Mitte, rechts der Statthalter, links der Säckelmeister, dann

die Ratsherren und am Schlusse Landschreiber und Ratsläufer.

dieser in den Farben, auf den Schulhausplatz und bestieg dort die

Bühne. Der Bezirksammann nahm vorn in der Mitte stehend

Platz, neben ihm der Läufer; die andern Ratsmitglieder setzten

sich in der Reihenfolge nach Dienstjahren rechts und links auf

2 Bänke. In der Mitte saß an einem Tischehen der Landschreiber.

Die hintere Bank wurde von den 3 Stimmen zählern und vom

54


Weibel belegt. Zu Beginn wurden 3 Vaterunser und der Glaube

gebetet. Dann begannen die Verhandlungen und das Handmehren.

Bei drohenden Streitigkeiten unter den Wählern gebot der Ammann

noch in den soer Jahren den Landesfrieden, indem er das

Schwert, mit dem Griff nach oben gerichtet, hochhielt. Nach

Schluß der Geschäfte bewegte sich der Zug in gleicher Ordnung

auf das Rathaus zurück. .

Aus einem Ratsprotokoll ist ersichtlich, daß noch um 18II "an

der Landsgemeinde Feldmusik und Militär paradierten". Die damalige

Instrumentierung der Feldmusik ist nicht bekannt. Hingegen

kennen wir die vom Jahre 1798 aus einem Briefe des

Landschreibers Augustin Gyr an seinen Bruder P. Basilius im

Kloster Rheinau. Sie bestand aus 2 Fagotten, 2 Cornu, 2 13

Clarinetten, 2 Dis Clarinetten, 1 Serpang, 2 Pfeifchen, I Trompete,

der großen Trommel und den Platten. Somit hat innert IOO Tahren

das Feierliche der Landsgemeinde so stark gelitten, daß nicht

mehr viel aufgegeben werden muß, um vollends beim Unfeierliehen

anzulangen.

Ergötzen wir uns deshalb an einer Betrachtung Meinrad Lienerts

über die alte Landsgemeinde :

"Die Kantons-Landsgemeinde der "Innern" und "Aeußern" ist

mit dem Horen- und Klauenstreit verschwunden. Früher tagte das

Schwyzervolk im Mittelpunkt des Landes, in Rothenthurm, auf

einem Platze, so wie ihn die alten Römer für ein Amphitheater

nicht passender hätten ausfinden können. Aber als an der zweitletzten

schwyzerischen Landsgemeinde der frischgeschälte Reitel

der Muotethaler, statt dem offenen Handmehr Brauch zu werden

schien, verzichtete man auf die Landsgemeinde in .Rothenthurm

und zog es vor, diese Gemeinden in "den einzelnen Talschaften

abzuhalten. So haben wir denn seit jenen stürmischen Zeiten

unsere eigenen Landsgemeinden. Als wichtigste erscheint unserm

Volke die Maiengemeinde. Sie ist schon alt. Freilich hatte sie

früher einen andern Charakter, als die Bürger der Waldstatt noch

unter der dreizerteilten Hoheit standen. Da heißt es z. B. "Maven·

gemeind zu Einsidlen, gehalten den 6. Mai 1792, in Anwesenheit

der hochgeachteten H. H. Ehrengesandten, als besonders ist:

hochgeacht. wohlweisen Herrn Landessekelmeister Schuoler, wie

auch hochgeacht. Herrn Sibner Leonhard Abegg, -- von Seiten

des fürstl. Gotteshauses Ihro hochwürdigen Statthalter Bettschart,

Kanzler Jüz, ehrenfeste H. Ammann Aug. Benedikt Gyr, - von

Seiten der Waldstatt : Geehrten Herrn Amtsvogt Plazidus Kälin

u. s. w.". Also Schwyz, Kloster und unsere Väter teilten sich in

die Herrschaft. Vor die Maiengemeinde abgehalten werden durfte,

mußte ein Mitglied des Waldstattrats hiefür als Gesandter "nacher

Schweitz an die Landsgemeind zu Ibach an der Brugg" geschickt

werden, um die alten "Fryheiten" zu erbitten.

55


Heute ist das anders, jetzt wählen wir unsere "gnädigen Herren

und Obern" selber und wollen alles tun, um dies unser heiliges

Recht der Selbstregierung nie mehr zu verlieren. Schon hat die

Bezirksmusik tapfer eingeübt, um die neuen Regenten mit Trompetenschall

zu feiern. Schon bürstet die greise "Läufri" den

"Nebelspalter" ihres würdigen Herrn Gemahls und rüstet sein

blutrotes Standeskleid. Nun spizt die Kielfeder gar wohl der Herr

Waldstattschreiber. denn es gilt, den Willen des souveränen

Einsiedlervolkes zu buchen.

Landwaibel, slag din Trommelfell

Diu Lantzgemein zuo künden l

Diu alten gnädigen Herrn gönd,

Mi wirt wo nüwe finden.

Von Euwthal u. von Wyler Zell,

Ab Trachsloub u. Bennawe,

Von Gross ilt, unde Eggenzell

Zuo "user lieben Frawe."

Ihr Herren us dem obren Dorf,

Auch ab der langen Rute,

Ihr stand der Lantzgemein wolan

Der altgefrit Waldiute.

Nit minder diu vom Sagenplatz

Jetweder komm zuom Mehren,

Nimbt einer mit sin bluotjung Schaz

Daz wollen wir nit wehren.

Un griff zuom Schwert, Herr Landammann

Daz Globtniss zuo ernüwen,

Diu alten Bruch, die lass und stän

Diu festen wir in Trüwen."

Ueber den Zwang, den zeremoniellen Amtsmantel zu tragen, ist

zu sagen, daß die schwyzerische Landsgemeinde vom 7. Mai 1764

die uralte Verordnung erneuerte, daß wer ohne Degen und Mantel

an der Landsgemeinde erscheine, kein Recht habe, an derselben

Anträge zu stellen. Immerhin dürfte der schwarze offene Mantel

in der heutigen Gestalt doch nur ein Ersatzrequisit für das ehemals

zuständige Amtskleid sein. Er hat sich so zähe überliefert, um

unoffizielle, ev. unwürdige oder wenigstens unschickliche Kleider

zwangsweise zu umhüllen. Das dürfte auch für die Deutung des

Läufer- und Weibelmantels gelten, da die ursprünglichen Amtskleider

entweder kostenhalber oder aus Mangel an Verständnis

oder der Mode weichend, nach und nach eingingen. Das sollte

man allerdings denjenigen, die. über die Amtskleidung des eidg.

und der 25 Standesweibel zu entscheiden haben, nicht nachsagen

müssen.


23. Alp a uf z.ug. Der Alpaufzug, der sich in der Regel während

der Nacht vollzieht, ist im bäuerlichen Volksleben immer eine'

frohmütige Szene. Er entwickelt sich nach einer bestimmten Ordnung,

die hier kurz beschrieben sein soll: An der Spitze läuft der

Meistersenn ,Domintsch' mit der bekränzten Senntenkuh "Aueli".

Die Senntenkuh trägt die große Senntentrychle an einem mit

Metall beschlagenen Halsband. Dann folgt der Knecht ,Chäpp'

mit der Läcktasche ausgerüstet" der die Kühe fröhlich jauchzend

nachlockt. Ssä .. ssä .. Lobe .. ssä.. Die Kühe "BüseI", "Prästii",

"Laubi", Struß" und wie sie alle heißen, laufen frei, insofern· alle,

Tiere aus dem gleichen Stalle stammen. Tiere aus verschiedenen

Ställen werden geführt. Die Kühe tragen Schellen. Hinterher

gehen einige Treiber. Ihnen folgen die Rinder "Fähnli", "Mütsch·

li", "Jumpfer", "Tschupp" usw. Rinder tragen Kloben. Hinter

ihnen treiben zwei Knechte mit dem Schäferhund "Bläß". Dann

kommt der Muni "Divico", der von einem starken Sennen, dem

,Baschi', geführt wird. Ihm folgen die Gaißen und Schafe, ein

Bub mit dem Gaißhorn voran und Maitli, die treiben, hinterher.

Die Gaißen tragen kleine Klobentrychlen. Sie hören auf den Ruf

"Gaiß ... Gaiß ... ", die Schafe werden mit "Tschuf ... Tschuf ... "

getrieben. Der behäbigste Mann im Alpaufzug ist der Senntenbauer

,Lieni' aus der Syti, der im Rücken seines lieben Senntens

mit Senntenbäuerin, Söhnen und Töchtern und Buben und Maitli

auf die Alp zieht. Eine seiner verheirateten Töchtern trägt ein

kleines Mädchen auf der Maisse. Dem Senntenbauer folgen Viehhüter

und Mägde mit Alpgerätschaften (Sennchessi, Tansen,

Eimer, Räf, Chraten, Wildiheuseile usw.) In der festlichen Darstellung

des Alpaufzuges ist die Zahl der Treiber, Mägde usw.

aus erklärlichen Gründen größer als in Wirklichkeit.

Die Alpabfahrt vollzieht sich in gleicher Zugsordnung. Da sich

das Vieh infolge des langen Aufenthaltes auf der Alp gegenseitig

gut verträgt, folgt es ruhig in schöner Reihenfolge der Senntenkuh.

Alpaufzug und -Abfahrt haben von ihrer ursprünglichen Biederkeit

und Anmut viel eingebüßt. Es erübrigt sich, den fröhlichen

Senntenzug bei einer Kirche vorbei während des Gottesdienstes

amtlich zu verbieten, wie das noch in den 70er Jahren für notwendig

befunden wurde.

Für die ursprüngliche Gliederung des Alpaufzuges und der Alp·

abfahrt besteht wenig Verständnis mehr. Das ist in erster Linie

der allgemeinen Verarmung der Ideen zuzuschreiben, aber auch

folgenden Umständen: Die Bauern fahren mit dem Alpvieh in

kleinen Beständen auf und ab; die Züribieter, die ihr Vieh auf

unsern Alpen sömmern, führen es selbst hieher, sie haben die

Bräuche nie gekannt. Die Aelplerchilbi ist überhaupt vergessen.

m die Bilder des Aelplerlehens wieder aufzufrischen, wurden am

ersten schweizerischen Trachtenfest in Einsiedeln (im Sommer

57


1929) Alpaufzug und Aelplerchilbi, verbunden mit der größten,

schweizerischen Werktagstrachtenschau in guten Formen dernonstrando

durchgeführt. Trotzdem wird man sich der Schönheit der

Bräuche erst wieder bewußt sein, wenn der Senntenbauer Lieni.

die Bauernsame einst zur zweiten großen Aelplerchilbi einladet.

Im Sommer dieses Jahres haben Züribieter Großbauern dem Alpaufzug

eine ganz moderne Form verliehen. Sie richteten einen

Lastwagen und Anhänger mit je 4 hohen Bretterwänden auf, verluden

darin 12 Stück Großvieh in Reih und Glied .und fuhren so

bis an die untere Alpgrenze. Diese neueste Art zur Alp zu fahren,

genießt den Vorteil des Zeitgewinns, auch schließt sie Strapazen

aus, aber sie ist jeder Originalität bar.

Die Genoßsame Dorf-Binzeri hält folgende Auf- und Abfahrtstage.

Auffahrt: je nach Witterung Ende Mai oder Anfang Juni für die.

Weiden Sulzei, Bollern und Rickental, acht Tage später für die

Weiden Tritt, Amsel und Kuhboden. Abfahrt: Mitte September.

24. Alp s e gen (Betruf). Es ist eine schöne Sitte der Aelpler,

allabendlich, wenn im Tale die Betglocke ausgeklungen hat, ein

gebet von Alp zu Alp zu rufen. Auf den Alpen im Hinterland Einsiedelns,

d. h. im Alp- und Sihltal, hat dieser Brauch allerdings

keine lange Vergangenheit. Vor einem Jahrzehnt machte der-

Oberpfarrer von Schwyz den Versuch, den Betruf einzubürgern.

Es gelang dies auf den Alpen am Fuße des Drusbergs. Der Aelpler

auf Hessisbohl ruft auf, diejenigen auf Käsern, Hinterofen und.

Obere Weid antworten. Dieser Betruf, .der im Wortlaut folgt, ist

nicht schwyzerisch. Er dürfte aus Engelberg stammen.

Alp-Segen

(Abend -Gebetsruf)

Ave. Ave Maria l

Es ~alte Gott und Maria!

Der Name des Herrn sei gebenedeit,

Von nun an bis in Ewigkeit.

Vieh und Alpen, Leut' und Land,

Schütze und segne seine Hand.

Ave Maria, sei gegrüßt,

Die du voll der Gnade bist.

Unter den Weibern bist du benedeit,

Und dein Kind Jesus in Ewigkeit.

Heilige Maria, Mutter' Gottes,

Bitte für uns arme Sünder, jetzt

und in der Stunde unseres

Absterbens. Amen.

Ave, Ave Maria!

Es walte Gott und Maria l


Sankt Josef, Antoni und Wendelin,

Sankt Philipp, Jakob und Isidor,

Sankt Lukas, Matthäus und Markus,

Und Sankt Johannes der Evangelist,

Der beim Kreuz des Herrn gestanden ist.

Und die Engel und Heiligen all,

Sie sollen uns gnädig bewahren,

Vor Uebel, Unglück und Gefahren,

An Leib und Seele, an Hab und Gut,

Das liebe Vieh auch halten in treuer Hut,

Und was sonst zur Alp gehören tut.

Vor Hagel, Blitz und Wetterstrahl,

Und vor den bösen Geistern all,

Schütz' uns Gott jetzt und alle Zeit.

Ave, Ave Maria!

Das walte Gott und Maria!

Gelobt sei Jesus Christus in Ewigkeit!

'In alle Ewigkeit. Amen,

Hierauf beten die Aelpler im stillen für die armen Seelen im

Fegfeuer ein Vaterunser und Ave Maria.

Ich lasse anschließend einen Alpsegen schwyzerischer Eigenart

folgen, der von Otto Hellmut Lienert verlaßt ist. Er ruft den

Landespatron St. Martin und die Ortsheiligen von Oberiberg,

Unteriberg und Studen an, und zwar in guter Einsiedler Mundart.

Es soll der Versuch gemacht werden, die Aelpler für diesen

schwyzerischen Betruf zu begeistern.

Alpsäge

Sä losed jetz, ihr guete Lüt,

's ist wider Bätelütezyt I

Wend bäte und dr Herrged lobe.

Hoch globt syg Jeseß Christ do obel

Aer sägni üsers Almedland,

Au dich und mich, allmitenand;

Und d'Muettergottes sägnis au.

No üs're allerliebste Frau,

Sä sägnis dä die Alpewält

Dr Vater Sant Joseb nu, gält.

Sant Marti, helge Landesvater,

Verrigle i dr Hell dr Gatter I

Für jedre Bättler häst äs Härz,

Drum lueg dur d'Stärne ärdewärts,

Wo i de Ruse dGspeister stönd,

As s' üs die Nacht nüüd aha chönd.

Und's Veh vor Süchi, d'Lüt vor Händel,

Biwahris üs're heilig Wändel.

59


Doch luegt is nüd zue Liecht und Füür

D'Sant Agäthe, isch glych nüd ghüür.

Dr Sant Johan, dr Liebesjünger,

Aer netz' i Ostertauff sy Finger,

As's Tau statt Ryffe git die Nacht

Und morernorged d'Sunne lacht. Ame.

Es war ursprünglich meine Absicht, den Alpsegen vertonen zu

lassen. Nach Ueberlegung sah ich ein, daß es unnütz wäre, dem

Aclpler zuzumuten, den. Alpsegen nach Noten zu singen. Die

Noten sind aus folgendem Grunde überhaupt gegenstandslos:

Jene Aelpler, die den Alpsegen in den Sommermonaten allabendlich

rufen, und das wird in den meisten Fällen zutreffen, eignen

sich beim Hersagen oder Ablesen nach und nach eine Melodie

an, die sich bei jedem Aelpler nach persönlicher Neigung entwickelt.

Sie färben die Vokale a, e, 0, ü des schriftsprachlichen

Alpsegens in die landläufigen Vokale ihrer Mundart um, verschlingen

gewisse Silben, lassen fast alle Endkonsonanten der

Tätigkeitswörter fallen und modulieren die Laute als weinerlicher

Sington. Daher rühren auch die verschiedenen Begriffsbezeichnungen,

wie den Alpsegen beten, den Aelpsegen sprechen,

den Alpsegen rufen und den Alpsegen singen. Die Melodie besteht

in Tonsteigerung und Tonfall, die mit der Wortsilbe zusammentreffen,

im Gegensatz zu den an Jodlerfesten häufig vorgetragenen

stilisierten Jodlerweisen, mit denen man unsern Aelplern

etwas andichtet, das ihrer Natur widerspricht. Hiezu gehören

die schon im Abschnitt "z'Dorf' goh" erwähnten Triller

und Refrains wie tra-le-la, sum-sum-sum, wau-wau-wau und andere

mehr. Sprach technisch erinnert die Art, wie der Aelpler den

Alpsegen ruft, an das sogen. "Bundesdeutsch" (Jargon vieler

Redner und Referenten, die ihre Mundart verbastern) und an

manche gemeinsam geleierte Gebetsübung der Schuljugend.

25. Valete unserer Studenten. Die Stiftsschule schließt

das Schuljahr gegen Ende Juli. Nach den Maturitätsprüfungen

gibt der hochw. P. Rektor im Namen der kantonalen Prüfungskommission

die erzielten Noten bekannt und richtet an die

Maturanden ein Abschiedswort. Gegen halb 7 Uhr abends versammeln

sich alle Studenten mit der Blechmusik der Internen und

derjenigen der Externen im Abteihof und bieten den Professoren,

die sich an den Fenstern des Fürstensaales zeigen, ein kurzes

Konzert. Nachher' bilden die Internen und Externen getrennt die

Marschordnung. Die erstern ziehen mit der Musik an der Spitze

auf die St. Benediktshöhe, spielen und singen dort. Die Externen

marschieren über den Klosterplatz hinunter in die Dorfstraßen,

indem sie'rias Lied "Valete-salvete" singen. Ihre Musik begleitet

den Refrain jeder Strophe. Dann begeben sie sich in ein Wirts-

60.


haus und feiern Abschied. Der schöne Brauch, mit dem sich

die Studenten von Stift, Schule und Waldstatt, sei es vorübergehend,

sei es für immer, verabschieden, reicht in die Jahre um

1840 zurück. Von dort bis um 191o sangen sie die ulkige Vakanzhymne

a, a, a, valete studia, omnia jam taedia, vertuntur in gaudia

usw. Seither singen sie das von hochw. P. Josef Staub gedichtete

und vertonte Lied "Valete-salvete". Der erste Vers lautet:

Es gibt kein ander irdisch Lied,

das also wohl erklingt,

als wenn die muntre Musenschar

aus frohem Herzen singt:

Valete, valete, valete scholae studia,

salvete, salvete 0 vitae gaudia,

valete scholae studia, valete studia,

salve te vitae gaudia, salvete gaudia.

Beide Liedertexte und Noten sind dem "Musikalischen Quodlibet

für höhere Schulen", österreichische Ausgabe, Einsiedeln I9I2,

einverleibt.

26. Arm b ru s t s chi e ß e n. Am Kirchweihsonntag (letzter Sonntag

im August) wurden früher im Dorf und nachträglich auch auf

den Vierteln Armbrustschießen für die Buben der obern Schulklassen

durchgeführt, im Dorf in einem Schießstand, auf den

Vierteln im Feld. Um 1915 wurde das Armbrustschießen im Dorf

aus schießtechnischen Gründen leider aufgegeben und durch das

Flobertschießen ersetzt. Man bediente sich der Bollinger-Armbrust

und schwerer Stecher, die man von einheimischen Armbrustmachern

bezog. Die Armbrüste wurden vor dem Anschlagen mit

.Yenböge" gespannt. In der Woche vor der Kirchweih durften die

Buben. sogenannten Grümpel (Naturalgaben) betteln. Sie erschie-

-nen zu zweien, einer mit der Armbrust, der andere mit dem

Bügel auf der Schulter, hemdärmlig, einen Blumenstrauß auf

dem Filzhut und sagten Schützensprüchlein folgenden Inhalts

auf: "I bin en arme Schützechnab und bitte um ne Ehregab",

oder: "Wir möchten den Herrn und die Frau angesprochen

haben, daß sie uns armen Bürgerschützenknaben etwas zum

Verschießen gaben" oder die verbindlichste Form: "Wir möchten

Sie redlich angesprochen haben, daß Sie uns Schützenknaben

etwas zum Verschießen gaben." Bis zum Ende des 18. jahrhunderts

erschienen die Armbrustschützenbuben zum Einsammeln

des Grümpels mit Tambour und Fahne. Ein Verbot machte dieser

ansprechenden Aufmachung ein Ende.

Am Kirchweihsonntagnachmittag besammelten sich über ein Hundert

Armbrustschützenbuben auf dem Bahnhofplatz und zogen

mit Musik und Fahne, die Armbrust, im Volksmund "Horebrust"

. oder "Horebräsch" genannt, geschultert, durch die Hauptstraße

61


.auf den Brüel. Sie schossen dort um die Wette auf Scheiben.

Hinter einem Zeigerwall zog der junge Zeiger die vom Pfeil

getroffene Scheibe herunter, drehte den Pfeil aus, ließ die Scheibe

wieder emporschnellen und meldete den Treffer mit einer Kelle.

Die Pfeile wurden auf beiden Seiten des Scheibenstandes an einem

Seilkabel in den Schießstand zurückgekurbelt. Gegen 5 Uhr

abends hatte das Schießkomitee die Ergebnisse ermittelt. Auf

einer Bühne vor dem alten Schulhaus wurde alsdann der Schützenkönig

ausgerufen. Anschließend folgte die allgemeine Preisverteilung.

Um 1860 stiftete Adelrich Ochsner einen Betrag von rund Fr. 70.-

zur Gründung eines Fonds, aus dem die Unkosten für den Unterhalt

des Scheibenstandes, der Scheiben, Armbruste, Pfeile usw.

bestritten werden sollten. Der Fond wurde aus Schützenkreisen

gespiesen, sodaß er vor der Einführung des Flobertschießens

.samt Zins ungefähr Fr. 2000.- betrug. Schützen- und Scheiben-

.stand für das Flobertschießen erforderten ebenfalls Geld, das

zum Teil dem Armbrustschützenfond enthoben wurde. Am 31.

Dezember 1932 war der Fond in der Bezirksrechnung mit

Fr. 1424.90 ausgewiesen. Er liegt bei der Fondsverwaltung.

27. Tanzschänk, Gäuerle, Stägröfmusig. An der Kirchweih

spielte auf der Tanzdiele der Gasthäuser (früher auf dem

Rathaus) bis in die Soer Jahre der Tanzschänker eine besondere

Rolle, die jetzt fast nur mehr repräsentativer Art ist. "Tanzschänker"

ist buchstäblich zu deuten. Er ist der Mann "der

den Tanz schenkt", d. h. denselben für die Allgemeinheit organi-

.siert, Im alten Lande Schwyz hieß er infolge seiner amtlichen

Stellung noch im 18. Jahrhundert "Hirschvogt". Diese Bezeichnung

ist von den Hirschgeweihen abzuleiten, mit denen man im

alten Lande die öffentlichen Tanzdielen und Lauben schmückte.

Seine Obliegenheiten waren folgende: Er mußte tüchtige Tanzmusikanten

suchen, um eine Ländlerstreichmusik zu bilden, sie

aus seinem Sack entlöhnen, die Geigenbank besorgen, 2-3 tanzkundige

Maitli zum Aufwarten dingen, beim Anrücken der Gäste

befreundete Personen zusammensetzen und die Tanzordnung leiten.

Das nannte man kurzerhand "d'Stube ha". Normalerweise kostete

die Ländlermusik (Baß, Klarinette, Geige und Handorgel) um

die zweihundert Franken, zuzüglich einen Franken pro Mann

als Vergütung an den Wirt für die Verpflegung. Der Wirt ver-

.abfolgte den Musikanten den Liter Wein vorzugsweise zu einem

Franken. Das Tanzschänkermaitli erhielt fünf Franken Taglohn

und einen Franken für die Verpflegung. Die Aufgabe der Tanzschänkermaitli

ist nicht zu verwechseln mit derjenigen der Aufwartmaitli.

Die ersten wurden vom Tanzschänker gedungen,

damit sie sich von den Gästen zum Tanzen einladen lassen,


-die letztem hingegen waren zum "uufbeite" bezw. "uufwarte",

<las heißt zum Bedienen der Gäste vom Wirt angestellt. Die

Tanzschänkermaitli mußten hauptsächlich im Gäuerle gewandt

sein. Das Bereitstehen an den Wänden der Gaststube nannte man

"vertäfäle". Noch in den 70er Jahren bot das Vertäfäle ein

-ebenso urchiges als auch farbiges Bild; denn die gesunden Tanz-

.schänkerrnaitli trugen entweder rot oder blau gestreifte selbstgewobene

Gstältliröcke mit hoher Taille, helle rot und blau

gestreifte lange Bändelschürzen und kurzärmlige Leinenhemden.

Die Haarzöpfe hatten sie um den Kopf geschlungen.

Die Tanzordnung war folgende: Ländler, Schottisch, Polka, Ma-

-zurka. Als Ländler unterscheidete man den runden und den 'gstobenen

(ä runde oder ä g'stobne). Ausnahmsweise verlangte der

Tanzschenk einen Galopp, besonders als Kehraus od. Schlungguus.

.Er eröffnete den Tanz selbst, indem er den Musikanten zurief:

"Zoge! zoge!" Sofort nachdem die Spielleute die ersten paar

Takte gespielt hatten, tanzte der Tanzschenk einige Runden vor,

indem er dazu jauchzte, bödelte, in die Hände klatschte. Hin

und wieder nahm er ein Tanzschänkermaitli zuhanden, wiederholte

die vorherigen Tanzbewegungen, ging auf die Knie, schlug

-die Handballen taktmäßig und wechselweise auf Schenkel und

Parkett, erhob sich wieder, drehte sich um sich selbst, faßte

das Maitli an der Taille, schwang es rundum, hob es empor,

.ließ es unter einem gehobenen Arm durchtanzen und schlug

beim Emporschnellen mit dem Handrücken an die Holzdecke.

Diese Tanzart nannte man "gäuerle", von Gautanz abgeleitet.

Beliebt war besonders der "Alemander". Der Gäuerler als solcher

ist sehr alt. Er kann deutschen Ursprungs sein. Der Name

"Alemander" greift meines Erachtens auf die Zeit der Invasion

französischer Truppen um 1798 zurück. Die französischen Soldaten

sahen, wie die Deutschschweizer tanzten und sagten zuein-

.ander : "Hs dansent ä l'allemande". Darauf bekam eine Abart des

Gäuerlers seinen Namen (man vergleiche quelle heure est-il? und

Gelleretli (Uhr), point d'honneur und Puntenöri, aller se coucher

und ins Guschi gehen usw.). Uebrigens deckten sich die Hauptmerkmale

aller Gäuerlertänze mehr oder weniger. Man legte ihnen,

je nach der Landesgegend einen Ortsnamen zu. So nannte man

ihn im Muotatal den Hüritaler. Um den Tanz zu beleben, nahm

der Tanzschänk gelegentlich auch ein Tanzschänkermaitli, das

.am Täfer lehnte, an der Hand und führte es einem tanzlustigen

Burschen zu, der ohne Mädchenbegleitung auf der Tanzdiele erschienen

war. Diese Uebung ist im Ybrig und im Alptal jetzt

.noch gebräuchlich. Ihr verdankt manch junger Bursche, daß er

tanzen gelernt hat. Sie kann an die Knabenschaften erinnern.

.Männer, die den Tanzplatz allein besuchen oder deren Frauen

.nicht tanzen können, zeigen sich ungehalten, wenn der Tanz-


schänker versagt und ihnen kein Maitli zuführt. Ein untätiger

Tanzschänker wird gern vom Tisch aus bespöttelt.

Für seine Leistungen mußte der Tanzschenk auch bezahlt sein.

Wie machte er das? Wenn alles so recht festfreudig auf und ab

wogte, so daß das Gebälk ächzte und die Tanzdiele unterstübert

werden mußte, warf er eine Double auf die Tanzdiele, um die

Gäste herauszufordern. Uebermütige unter den Gästen machten es

ihm bisweilen nach. Es ist schon vorgekommen, daß so ein Fastnachtsnarr,

und deren gab es unter den Mannern früher mehr als

jetzt, auf die Fastnacht hin extra einen Kloben Scheiter verkaufte,

um auf der Tanzdiele mit einer Doublone den Eindruck erwecken

zu können, er sei gar gut bei Geld. Uebung war jedoch, daß der

bessere Gast etwa einen Fünfliber hinaus warf. Der Tanzschänk

ließ das Geld eine Zeitlang auf dem Parkett liegen, bis niemand

mehr Miene machte, den Geldsäckel hervorzunehmen, tanzte aber

zugleich besorgt um die Silberlinge herum, um zu verhüten, daß

kein Umsitzender unberechtigterweise in das Ries hinein lange.

Dann ramassierte er das Geld zusammen. Wer nichts auf die

Tanzdiele werfen wollte, gab dem Tanzschänk beim Verlassen

des Lokals oder nach Feierabend etwa einen bis zwei Franken,

wie es heute noch gebräuchlich ist. Der Tanzschänk war folgendermaßen

ausgerüstet: Mit Blumen besticktes, rundes Samt- oder

Tüchlikäppli, ein Züttel daran, hemdärmlig, wagrecht oder senkrecht,

in der Regel rot-weiß oder rot-schwarz oder rot-beige gestreifte

Weste aus Leinen oder Seide, später geblumte dunkle

Samtweste, grobe Halbschuhe, handgestrickte weiße Strümpfe.

Auch trug er eine möglichst auffallende silberne oder nicklige

Uhrenkette.

Im alten Lande Schwyz war der Tanzschänker bis um die Jahrhundert

wende mit einem rot-schwarz bemalten, mit Handgriff

versehenen Meerrohrstock ausgerüstet, den man "Tanzschänkerstöckli"

oder "Tanzschänkerstab" nannte. Diesen Stab bog er

beim Gäuerle bald über den Kopf, bald über die Schultern, bald

streckte er ihn gegen einen tanzsäumigen Bauern aus, um ihn

aufzufordern, mit der tanzlustigen Nachbarin zu tanzen. Neuankommenden

zeigte er mit dem Stöckli leere Plätze. Das Tanzschänkerstöckli

hatte also zeremonielle Bedeutung, dies namentlich

bei der Ordnung des Rästlitanzes. Unter "Rästlitanz" versteht

man 6 nacheinander ausgeführte Tänze, ohne daß die

.Paare ihre Sitzplätze beziehen. Als dritter Tanz im "Rästli" wurde

immer der Polka gespielt. Am Schlusse dieses Tanzes gab der

Tanzschänker ein Vorzeichen, daß er nun mit dem Einzug der

Tanztaxe beginne. Er schlug mit dem Stöckli an die Decke und

ließ den Rand des Zinntellers mehrere Male an den Westenknöpfen

heruntergleiten, sodaß ein rasselndes Geräusch entstand.

Gegen den Morgen hin bot der Tanzschänker Feierabend, d. h.


Schluß des Tanzes. In der Regel überredeten ihn die Gäste, er

möchte noch eine Runde spielen lassen. Er ging darauf ein und

bewilligte die sog. "Küchenrast". Unter "Küchenrast" versteht

man das Spiel der 6 Tänze im Rästli in einem Zug während

ungefähr einer Viertelstunde. Das Meerrohrstöckli muß im alten

Land einen eleganteren Vorläufer gehabt haben, etwa in der

Gestalt eines gedrehten Stabes mit Knopf (Renaissance). Bei uns

kannte man nur das Meerrohrstöckli, das auf dem Pulte des alten

Lehrers lag und das er brauchte, wenn er ein vaterländisches Lied

z. B. "Laßt hören aus alter Zeit" dirigierte oder wenn er .den

Schülern Tatzen austeilte.

Die fachtechnischen Ausdrücke für die Tanzfiguren beim Gäuerlen

sind meines Wissens in der Literatur nirgends aufgezeichnet.

Im Volksmund haben sich jedoch einige Bezeichnungen erhalten,

von denen man annehmen darf, daß sie sich mehr oder weniger

mit den ursprünglichen decken. Es sind folgende: "Chnüpfe"

für das Kreuzen der Arme des Tanzpaares, wenn es sich gegenseitig

festhält, um ein paarmal rasch um die Achse der einander

zugekehrten Fußspitzen zu kreisen. Der Begriff "chnüpfe" (man

denke an den Fischerknoten) bezeichnet die Griffe besser als

"kreuzen", ferner "schlüffe" für das Drehen der Frau im Kreis

unter dem gehobenen Arme des Mannes hindurch, ferner "bödäle"

für das kräftige, taktmäßige Schlagen der Schuhsohlen des Mannes

auf die Tanzdiele, ferner "tätsche" für das wechselweise Klatschen

des Mannes mit· den Handflächen auf die Oberschenkel und

unter denselben hindurch, vor der Brust und am Rücken und

auf das Parkett, ferner "stäche" für das wechselweise schnellende

Vorstoßen des rechten und des linken Beines des Tänzers in

hockender Stellung, ferner "trülle" für das Umsiehselbstdrehen

des Mannes, der bei dieser Figur immer die Hände auf den

Rücken legt und "hopse" für das federnde Jucken. Die neuere

Bezeichnung "doppeliere" (irrtümlich auch ."toppeliere" genannt)

gilt ebenfalls einer Tanzfigur. "Doppeliere" bedeutet das wechselweise

Aufschlagen (Doppelschlag) der Absätze und Fuß ballen auf

das Parkett. Der Ausdruck ist vom französischen "redoubler"

abgeleitet. Die ursprüngliche Fertigkeit im geschmeidigen Zusammenspielen

dieser hauptsächlichsten Figuren und im bündigen

Uebergleiten von den offenen Figuren zum geschlossenen Ländler

mit gegenseitigen Kammgriffen, kann nicht mehr gut erreicht

werden, da die wenigen Gäuerler kaum das Ueberlieferte üben.

Man tut besser, das Gäuerle zu unterlassen, wenn man es nicht

so beherrscht, daß es dabei "stübt". Der Ausdruck "G'stobne"

verdankt denn auch der Virtuosität des Tänzerpaares seinen Ursprung.

Sie sollte wenigstens im Tanzschänker verkörpert bleiben.

Zum Besuche des zweiten schweizerischen Trachtenfestes in Genf

1931 unterrichtete Coiffeur Steiner, Vater, der in der Schule

65


,

der Morschacher Stump gelernt hatte, einige Trachtenpaare der

"Waldlüt vo Einsiedle" mit Zuzug des temperamentvollen Metzgers

Trinkler von Schindellegi im Gäuerle. Aber gleich nachher bekamen

die Trachtenleute die "Märzelähmi". Es ist eine naheliegende

Aufgabe der "Waldlüt", das Gäuerle so zu üben, daß

man sagen dürfte, die Einsiedler seien den Schwyzern gewachsen,

was bis anhin noch nie der Fall gewesen ist. Eine erneute Uebung

unter Steiners Leitung erfolgte diesen Sommer als Programmnummer

für den Unterhaltungsabend am internationalen Aerztekongreß

in Zürich.

"D'Gygebank", auf der die Musikanten Platz nehmen, ist einfach

ausgestattet: Ein niederes Bretterpodium, darauf eine Sitzbank,

vom am Podium bis auf Brusthöhe eine Lehne. Das Podium ist

mit rot-weißen Tüchern oder Tannenreisigen geschmückt. Es

steht immer entweder in einer Fensternische oder in einer Ecke

der Tanzdiele.

Wenn man vom ländlichen Tanzbetrieb spricht, muß man auch

die Stegreifmusik miteinbeziehen, aus der sich die heutige Ländlermusik

entwickelte. Nach Tschatlan's Chronik setzte sich die Stegreifmusik

im 14. Jahrhundert aus Schwegel und Trommel zusammen.

(Siehe Tafel 73, Kriegertanz). Nach Schilling's Chronik

im 15. Jahrhundert aus Schwegel und Hackbrett. Im Kommentar

wird der Schwegel als Klarinette bezeichnet. Ob das nicht ein

Irrtum ist? Die Tanzmusikanten trugen einen faltenreichen Wams,

enge Beinkleider und das weiche Beret in den Landesfarben.

Auf der linken Seite der Brust hing ein Schild mit dem Kantonswappen.

Als Geigenbank wurde ein niederer Schragentisch benutzt.

(Siehe Tafel 322, Schwyzer Fastnacht). Der Pfeifer spielte

die Melodie, Trommler und Hackbrettspieler schlugen die ßegleitung.

Das "Schwäbelpfyffli", das man auch in unserem Hochtale

vereinzelt und für den häuslichen Spielgebrauch bis um

1870 kannte, erinnert an jene primitiven Tanzmusikinstrumente.

Es war aus Buchsholz geschnitten, mit 6 Löchern und einer

Klappe versehen und umfing 2 Oktaven. Meinrad Lienert hat die

Rolle des "Schwäbelpfyffers" folgendermaßen geschildert:

Bin ä Schwäbelpfyffer,

bin ä Liedlibringer,

bin ä Schuelverschlüffer,

und ä Landusspringer,

Weder Tänz nu Liedli

helsi jo.

Gstabed mached s'gümpisch,

Trurig froh.

Noch im Anfang des letzten Jahrhunderts setzte sich eine S~egreifmusik

aus einer Prima -Geige, einer Sekunda -Geige, emer

66


großen Oboe und. einem BassettIi zusammen. Gegen die Mitte des

letzten Jahrhunderts wurden Prima-Geige, Oboe und Bassettli

aufgegeben und durch die B- oder A-Klarinette (die Klarinette

ist aus der Schalmei hervorgegangen), die Baßgeige und die

Schv.... yzer-Handorgel ersetzt. Der Klarinettist spielte die Melodie,

Baßgeiger und Handorgler begleiteten. Die alte Schwyzer Handorgel

ist nicht chromatisch. Ueber das Musikalische schreibt

uns ein Fachmann:

"Die alten Tanzmusiken spielten "nach dem Gehör", ohne Noten,

aus dem Stegreif. Bei allen alten Tänzen war nur die Grundmelodie

festgelegt. Ueber die Wiederholungen und die Verwendungen der

einzelnen Themen entschied (resp. entscheidet noch jetzt) in

vielen ländlichen Musiken entweder das führende Instrument

(Klarinette, Geige etc.) oder der Begleiter, der Handorgler oder

sogar der Kontrabassist. Wie bei allen Volksmusiken erfolgt die

Verständigung über das, was bolgen soll, intuitiv, durch eine

von den Mitspielenden allein sofort verstandene kleine harmonische

oder melodische Wendung. Das "Stegreifspielen" setzt

also einen Grundstock von Tanzmelodien voraus, die alle Spieler

"in sich haben"; ihre Aufeinanderfolge und Verwendung samt

den Ueberleitungen wird improvisiert. Das zweite Element der

Stegreifkapellen sind die Zierfiguren des' führenden Instrumentes

(meist der Klarinette). Je nach der Laune oder dem technischen

Können des Klarinettisten wird die einfache Melodie durch Passagen

und Zierfiguren erweitert. Diese Variationen und Melismen

sind ein urtümliches Element aller Volksmusik, verwandt mit den

Jodeln sowie mit den Melismen des gregorianischen Kirchengesanges

und mit den Koloraturen des barocken Kunstgesanges.

Dieses zierliche Umzieren der Grundmelodie setzt Geschmack

und technische Fähigkeit voraus; es soll wirklich improvisiert

wirken und soll die einfache Melodie nicht zudecken."

In einem Aufsatz von Dr. K. W. (Unterhaltungsblatt des "Vaterlands")

betitelt "Einfachheit in der Musik" wird diese Auffassung

bestätigt. Es heißt dort: "Den besten Beweis für die

Gültigkeit des Gesetzes der tiefem Wirkung des Einfachen gegenüber

dem Verwickelten findet man zweifellos auf dem Gebiete

der Musik".

Aus den Stegreifmusiken wurde aus den 1880er und 1890er

Jahren die Tanzkapelle mit Noten. Man nannte sie Ländlermusik.

Wahrscheinlich gaben ihr die Städter diesen Namen, um damit

die Tanzkapelle zu bezeichnen, die in den "Ländern" Urkantonen)

bevorzugt ist. Die Ländlermusik im alten Lande Schwyz verharrte

im Gegensatz zu derjenigen des Hochtales von Einsiedeln

auf der Besetzung mit Geige und Handorgel. Das geschah, um

dem sog. Restlitanz (Räschtlitanz) gewachsen zu sein. Für Bläser

wäre es zu beschwerlich, den Rästlitanz ohne Ablösung zu spielen.


Er besteht aus 6 aufeinander folgenden Tänzen, die durchgespielt

werden, ohne daß die Tänzerpaare die Tanzdiele verlassen. In

unserer Gegend kennt man den Rästlitanz nicht, weshalb die

hiesige Ländlermusik die Besetzung mit A- oder B-Klarinette,

Klavier und Baßgeige und ev. A- oder B-Trompete bevorzugt.

Die Trompete dient entweder zur Ablösung im zweiten Teil oder

zur Verstärkung der Tonfülle. Nach unserer Auffassung verletzen

die schrillen Trompetenstöße den Wohlklang der Ländlermusik.

Auch das Klavier, mit dem das Hackbrett ersetzt wird, ist der

Eigenart der alten Ländlermusik mehr oder weniger fremd.

Im Hochtal von Einsiedeln waren um die Jahrhundertwende die

Ländlerkapellen Späni-Studen, Feusi-Euthal, Reichmuth-Stöcken

und Fuchs-Einsiedeln geschätzt. Seit 1926 ist die Kapelle Beeler

unsere bekannteste Ländlermusik. Die Kapelle Fuchs, von der

2-3 Jahrzehnte lang am meisten die Rede war, kannte man hier

und im Züribiet unter dem Namen "Hudelimusig". (Da der

Ausdruck "Hudeli", wenn er mit Musizieren in Beziehung gebracht

wird, leicht falsch verstanden werden kann, sei dessen Ursprung

erklärt: "Hudeli" war in den öoer Jahren ein allgemeiner Lockruf

für Geflügel. Seither ist er einer von den mehr als 400

Uebernamen der Waldstatt, mit dem eine Frau Fuchs bedacht

worden war, weil sie ihre Enten mit dem Ruf "Hudeli, Hudeli"

anlockte. Dieser Uebername verblieb allen Fuchs jener Linie.

Gründer der "Hudelimusig" war Hanessebeli Fuchs (um 1865).

Seiner Kapelle gehörte anfänglich ein Schwyzer, namens Martin

Inderbitzi, "Ländlerkönig" genannt, als Klarinettist an; dieser

Inderbitzi schätzte und beherrschte die einfachen Tanzweisen

der Stägröfmusigen des alten Landes. Nach seinem Wegzuge

versuchten Hanessebs Sohn und- Großsohn (Konrad und Johann)

das Niveau der Ländlermusik zu heben. Sie spielten deshalb

stark melodiöse Tänze, die Johann extra komponiert hatte. Es

war ein Fehler, daß Johann Fuchs bei seinen Uebertragungen alter

Tänze und bei seinen eigenen Tanzkompositionen den Zierfiguren

zu viel Bedeutung zumaß und dadurch für nicht gewandte Spieler

das melodische Gerüst der Tänze zudeckte. Die Zierfiguren, die

Sechszehntelpassagen, die Triller und Schleifer sollten von tüchtigen

Spielern improvisiert, nicht schematisch nach den Noten

abgelesen werden, da die prägnanten Melodien auch im Interesse

eines guten Stiles sowohl für den "getretenen" als auch für den

"gesprungenen" Tanz nicht verwischt werden dürfen. Merkwürdigerweise

gefielen die neuen Kompositionen mit den Trillernunserm

Volke. Es bezeichnet· sie als .Jüpfig". (Nebenbei bemerkt

sind wir auf dem Tanzboden nahezu beim Kitsch angelangt Die

Fertigkeit in den alten Tänzen nimmt ab und die modernen werden

nicht recht gelernt. Die Trennung der Tanzkapellen ist unvermeidlich:

hie Ländlermusik. hie ]azzkapelle.)

·68


Wir zeigen nachfolgend die Stufen von der pnrmtiven zur

melodiösen Walzer weise, die sich aus dem Ländler entwickelte;

mit 3 Sätzen der B- oder A-Klarinette.

Um 1870'----75. Stegreif von Martin Inderbitzi und Großvater

Hannesseb Fuchs:

Walzer

Clarinette in B

Noten von Martin Beeler

Die Bekleidung der in Schilling's Chronik abgebildeten Tanzrnusikanten.

zeigt, daß die Musikanten offiziellen Charakter hatten.

Tatsächlich bezahlte in Einsiedeln im 18. Jahrhundert der Bezirks-

:säckel die Kosten für Belöhnung und Unterhalt der Musikanten.

Der Tanz 'auf der Tanzdiele des Rathauses (es gab eine obere und

eine untere Tanzdiele) wurde als festlicher Anlaß betrachtet, zu

·dem jeder Ehrenmann in Degen und Mantel erscheinen mußte.

Das geht aus einem Amtserlaß des Jahres 1591 hervor. Man

frägt sich, ob in Einsiedeln in früheren Jahrhunderten nicht auch

der Tanz im Freien Brauch war, wie das z. B. im Waadtland

noch heute der Fall ist. Das trifft zu. Auf den Vierteln, wo

früher. keine Tanzlokale vorhanden waren, da es keine Wirtshäuser

gab, wurde mit obrigkeitlicher Erlaubnis im Freien getanzt.

Wenn wir in Zukunft an einer Aelplerchilbi im Freien

Tanzdiele und Geigenbank aufstellen, pflegen wir ein Stück

gute Ueberlieferung.

69


Um 1900 einfacher Notensatz von Vater Konrad Fuchs:

Walzer, neuere Zeit Clarinette in Bader A

Die Konzentration des gesellschaftlichen Lebens auf die ordentlichen

Tanztage wird durch folgende Zählung am Martinimarkt

des Jahres 1859 beleuchtet: 12 Tanzlokale, 70 Musikanten, 24

Tanzschänker, 36 Tanzschänkermaitli, 95 Aufwärter und Aufwärterinnen,

30. Personen in den Küchen. Der Berichterstatter

(Postmeired incognito) vergleicht das ~ahlenverhältnis mit dem

eines eidg. Schießens. .

Das Leben und Treiben auf der Tanzdiele hat sich gegenüber

früher verflacht, da die derbe Volksstimmung nicht mehr für

die Tanztage "akkumuliert", sondern von neuen Vergnügen Zug

um Zug verbraucht wird.


Um I900 Ländler:

Cäuerler-Walzer

Noten von Martin Beeler

~

71


Um 19IO komplizierter Notensatz von den Enkeln Johann tm

Alois Fuchs:

Walzer

Clarinette in B

*- ~~~

$ttttr=±I r r ~rrer [

l&;,r_

-----

@@rrr r r·GJ

I&;,l~~i'ru

I

~

~ 11. jll. *

.

.a... -9. :e.

Trio I&i'\ I~· .~

~rEf~:e·~

-,.~

.~~~ ~.

-72


rf

:28. Ku n den ta n z. Ein Tanzabend hat seine besondere geschäftliche

Seite. Männer, die Läden haben, halten darauf, beim

Tanz ihre Kunden zu engagieren. Gegen den Morgen hin überlegen

sie sich, ob sie die Frau oder die Tochter irgend eines

guten Kunden vergessen haben. Es ist auch Uebung, daß die

Väter am Morgen ihre Söhne fragen, ob sie mit der und jener

Frau oder der und jener Tochter getanzt haben. Sie wollen

-sich Rechenschaft geben, ob die Söhne in der 'Gesellschaft auf

-das achten, was der Inhaber eines Ladens sorgfältig beachten

muß. Man darf aber mit Genugtuung erwähnen, daß die Aufmerksamkeit

im Tanzengagement die Pflege freundschaftlicher

.Beziehungen bestätigt.

Jo, jo, jot

Aeben äso!

Tanze, tanze, tanze

Jung und gfryt und lustig sy

Wybervolch und guete Wy.

(Mrd. Lienert).

29. K e gel n, M u tt el e n, W ü e l e n. Kegelschieben und

Muttelen waren immer, aber hauptsächlich an der Kirchweih, eine

"beliebte Unterhaltung der Männer. Im "Einsiedler Anzeiger"

wurde jede Gelegenheit mit der Ueberschrift "Preis- und Frei-

Kegeln" angekündigt und dazu eingeladen. In jenen Inseraten

heißt es z. B. "Es wird um 2 Schafe und etwas Geld gekegelt".

Der Geldbetrag wurde nicht genannt. Auf keinen Fan war er

.groß, da man in den 70er Jahren, als die öffentlichen Kegelplätze

ein Ende nahmen, keine Ansprüche machte. Man kegelte

.auf deutschen 'Bahnen und zwar im Freien, im Dorf auf der

.."Furren", vor dem Goldenen Rad, vor den "Chüngen", wo nebeneinander

in der Richtung von Osten nach Westen auf die Kirchweih

mehrere Bahnen hergerichtet wurden. Im übrigen gab es

.auch private Kegelbahnen, sowohl im Dorf, als auch auf den

Vierteln. Die öffentlichen Kegelplätze auf der "Furren" wurden

von der Genossame für die Dauer der Kirchweih an einen oder

mehrere Unternehmer, in der Regel an den Bettelvogt, verpachtet.

Laut einem Tagebuch des Bezirksamtes aus der Mitte

des letzten Jahrhunderts mußte die Erlaubnis zum Betrieb einer

Kegelbahn zuerst eingeholt werden. Neben jeder Bahn war eine

Gelte mit Wasser aufgestellt, in der man die Kugeln tünchte.

_-ach dem Kegelschieben huldigte man, ebenfalls mit amtlicher

.Bewilligung, einem Freitanz nach folgendem alten Spruch:

Es ist keis Spiel so heilig,

Es ghört es Tänzli druuf,

Das ist im ganze Schwyzerland

Und überei der Bruuch.

73


Die Kegel erhalten gelegentlich die mannigfachsten Uebernamen.

Wir erwähnen nur diejenigen, die seit Jahrzehnten bekannt sind.

Der Eckkegel rechts heißt "Saffauer". Man sagt ihm nach, daß

er nicht fallen wolle. Rechter Hand der Kegelbahn wohnte ein

sehr alter Mann, der nicht sterben konnte und der unter dem

Uebernamen "Saffauer" bekannt war. Der hinterste Eckkegel

wird "Geist", der vordere Eckkegel gemeinsam mit den 2 nintern

im rechten Winkel "Güllenbock" genannt. Die kleine Kugel heißt

man "Ringeli ".

Neben den Kegelbahnen waren die großen Muttentische aufgestellt.

Mutte ist Gegenstand, muttelen die Tätigkeit. Es handelt

sich um ein ablanges Spielbrett, an dessen unterem Ende rechts

mit einem Federbolzen eine Kugel angetrieben wird, die dann

von oben her durch Führungen gegen 9 Kegel hinuntergleitet,

die im untern Teil des Brettes aufgestellt sind. Man spielte gegen

einen kleinen Einsatz. Das Aufstellen eines Muttentisches bedurfte

der amtlichen Erlaubnis.·

Für die Jugend waren an der Kirchweih Würfelitische da. Alte

Frauen konnten mit der Einrichtung etwas verdienen. Für den

Betrieb brauchte es nur 4 Requisiten: ein Tischlein, einen Teller,

einen Würfel und 6 kleine quadratische Holzstücke, auf denen

die römischen Zahlen von I bis 6 eingebrannt waren. Die

Nummer kostete bis 19I4 einen Rappen, jetzt kostet sie 2 Rappen.

"Es sind noch 2 Nummern da, wer setzt?" ruft die alte Frau

in die Kindergruppen hinaus. Sobald die 6 Nummern vergeben

sind, schüttelt die Frau den Würfel und läßt ihn auf den Teller

fallen. Die Nummer die obenaufkommt gewinnt eine Bärentatze

oder einen Mandelbogen. So heissen die 2 begehrtesten traditionellen

Gueteli. Dieser Brauch hat sich erhalten.

30. Sen n eng es e 11s c ha f t, Sen n e n f ä h n r ich, Sen n e n-

b u b e n und Viehausstellung. Unsere Bauernsame widmet

der Braunviehzucht die größte Sorgfalt. Zärtlichere Kosenamen

als wie Aelbeli, Lobeli, Büzeli usw. offenbaren sich kaum in einem

Haushalt der Eidgenossenschaft. Das Wort Aelbeli wird ungefähr

zwei Takte lang nasal gedehnt, hingebend diphtongiert und gesummt

wie ein Strich über das Cello. Im familiären Verkehr hingegen

kann der Bauer kurz angebunden, ja sogar derb und

formalitätenlos sein. Ich erinnere an die Vermännlichung einiger

Mädchennamen, z. B. dr Kathrintsch, dr Regie, dr Phylomenl

und an das Namensspiel 's Seeb-Seebeli's-Seffis-Wysl usw. So

bleibt es über den Tod hinaus .. Wenn dem Bauer ein kleines

Mädchen stirbt, sagt er zum Nachbar: I ha dr Antsch nüd gäre

gä, er ist ä nuevere Maitl gsi. Aus seinem Wörterbuch stammt

sogar das knappste Wort des deutschen Sprachgebietes, mit

74


dem die Charakteristik des Kurzangebundenseins und der Laune

originell beleuchtet ist. Dieses Wort ist nichts anderes als ein

Zischlaut, der durch starkes Andrücken der Zungenspitze an die

vordere Gaumenfläche und plötzliches Loslassen bewirkt wird.

Er bedeutet "ja", d. h. einverstanden. Gleichzeitig wird mit dem

Kopf eine bestätigende kurze Seitwärtsbewegung (staccato) gemacht.

Bäuerlicher Berufsstolz, Rangeifer und Uebermut erreichen in

öffentlicher Schau jährlich einmal ihren Höhepunkt und zwar

an der Sennenchilbi. Diese Institution ist alt. Unter der Ueberschrift

"Sennenkilbi in Einsiedeln" schrieb der aus Rapperswil

stammende Stiftskonventual P. Josef Dietrich im Jahre 1682

(nach Martin Ochsner in "Feierstunden"):

"Am 6. September, Sonntag nach Verena, hielten die Einsiedler

Sennen ihre jährliche Kilbi. Etwa 1/4 vor 5 Uhr ließen sie bei

der dritten Messe in der Gnadenkapelle ein figuriertes Amt

singen und gaben dazu einen Louistaler. Ein Mann, den sie

Kerzenvogt getauft, muß ihnen ihre große Wachskerze in die

Gnadenkapelle machen lassen. Beim Amte haben sich alle Sennen

einzufinden. Nachher erwählen sie einen Ober- und Unterfähnrich.

Der Fähnrich sorgt für Bänder und Blumen, womit man sich

bestens auszustaffieren pflegt. Nach dem Vormittags-Hochamt

versammelt man sich beim Brüeltor. Der Trommler beginnt die

Trommel zu rühren und man schreitet Paar um Paar, wobei die

Dignität (Reihenfolge nach der Würde) wohl gewahrt wird, zum

Tor hinaus, voraus Trommler und Pfeifer, Fähnrich und Unterfähnrich

mit fliegender Fahne, die sie selber machen lassen,

aufbehalten und zu keiner andern Feier hergeben. So marschieren

sie ganz gemach 'und gravitätisch in einem Umschweif (Umweg)

zu ihrem Gasthaus und lassen sich aufstellen, was nur die Küche

vermag und wollen den besten Wein haben, wofür Fähnrich und

Kerzenvogt auch ordentlich bezahlen müssen.

"Um 4 Uhr wird die Trommel wieder munter geschlagen, der

Fähnrich nimmt die Fahne, weIche zum Fenster hinausgehängt

war und nun formieren sie einen langen, ansehnlichen Umzug

über die Furren gegen das Brüelgitter, hinunter ins Dorf zu

ihrem Wirtshaus. Da lassen sie ihre Sprünge, besonders jene, die

etwa zuviel Wein getrunken, sehr klar sehen. Die ältern aber

wollen sich sehr gravitätisch halten, ziehen in Mantel und Degen

einher, als wenn sie weiß nit was wären und es darf keiner ohne

Seitenwehr erscheinen bei Strafe und Ungnade der Herren Sennen.

Die Fähnriche schwingen abwechselnd die Fahne. Es kann dabei

wohl geschehen, daß die Fahne in Gefahr der Löcher und

Schränze kommt, besonders wenn die Schwinger gar zuviel mit

Wein angefeuchtet sind. Dann kehren sie wieder dem Wirtshaus

zu und es mag da wieder jeder auf seine Rechnung trinken und

75


-es bekommen da oft auch jene emen Rausch, die bis dato noch

ziemlich nüchtern gewesen.

Um halb 6 Uhr müssen sich wieder die Trommler und Pfeifer

hören lassen. Mit fliegender Fahne spazieren sie über den Brüel

mit wunderlich bäuerischer Grandez (Grandezza, Würde) bis nach

.St. Benedikt (Friedhof), Da muß der Fähnrich seine Kunst im

Fahnenschwingen erst recht zeigen. Er stellt sich dort auf die

Anhöhe und schwingt die Fahne sehr ernstlich etliche Vaterunser

"lang mit allerhand schönen, kunstreichen Schwung und Wurf

'und fantastischen Posturen, wie ein jeder gedenken kann.

"Und hiermit hat die Sennenkilbi ihr Ende, deren Beschreibung

mir der günstige Lehrer (Leser) nüt für ungut deuten möge. Die

Hirten pflegen auch hernach noch ihren Spaß zu halten, sie'

.schreien und frohlocken noch bis in die eitle Nacht, mithin

.auch bis morgens."

Am 1. September I793 wurde auf Anhalten von Pfarrer Marianus

Herzog das Fahnenschwingen, wie auch die Begleitung durch

Pfeifer und Tambour beim Kirchgang abgestellt.

Die Sennenchilbi lebt in nüchterner Form an der Viehausstellung

jeden Jahres fort. Das Vieh wird in der amtlichen Vorschau im

Stall nach Punkten auf Stammblättern in die 'Rangordnung ge-

-stellt, Im Stall hingegen kennt der Bauer keine Einordnung des

Viehs nach andern als praktischen Gesichtspunkten. Er stellt die

.Milchkühe im ein- oder doppelbährigen Gaden voran zusammen,

weil er sie besser füttern muß, als die Rinder, Meißen und Jährlinge,

die er summarisch "Gustiwar" nennt. Diese stellt er im

Anschluß an die Kühe ebenfalls zusammen. Die Kälblein werden

in der Regel im Rücken des Großviehs in die hintere Stallecke

getan. Die Schönheit des Viehs wird in der Platzanweisung im

Stall nur einigermaßen berücksichtigt. In den alten Ställen näm-

.lich, die von zwei kleinen Fenstern auf der Türseite nur spärlich

beleuchtet sind, werden die zwei bis drei schönsten Haupte

vorangestellt. In den neuen Ställen mit durchgehender Beleuchtung

wird hierauf keine Rücksicht mehr genommen. Die ver-

·bindliehe Rangordnung wird erst an der öffentlichen Ausstellung

im September mit Prämiierung durchgeführt. Abgeordnete des

Bezirksrates, der Landschreiber und Preisrichter aus andern Gemeinden

ziehen mit der Musik an der Spitze vom Rathaus auf

-den Brüel. Voraus läuft ein stämmiger Senn in farbiger Festtagstracht,

mit der Fahne der Gesellschaft in der Rechten, von drei

.Sennenbuben begleitet, die an Geräten wie kleine Maibäume,

·Garnsäcklein mit den Geldpreisen tragen. Die Ausstellung findet

·auf dem Brüel statt. Dort wird die Rangordnung, eingeleitet mit

einer Ansprache des Vorstehers im schwyzerischen Volkswirt-

-schaftsdeparternent, von einer Bühne herab verkündet. Den prämiierten

Tieren werden farbige Prämienschilde mit Rangzahlen


auf die Stirne gebunden. Seit einigen Jahren erhalten der erste'

Stier, die erste Kuh und das erste Rind in jeder Klasse einen

Blumenkranz um die Hörner. Dann bewegt sich der Zug durchs.

Dorf hinunter. Ihm schließen sich die Bauern mit den prämiierten

Stieren, Kühen, Rindern, Schafen und Ziegen an. Knechte und.

~Kinder führen die Tiere heimwärts und nageln die Prämienschilde

über der Stalltüre auf. Die Amtspersonen, Preisrichter und

Bauern begeben sich nachher zum Sennenmöhli ins Wirtshaus.

(Die "Sennengesellschaft Schwyz" führt heute noch die traditionellen

Chargen, z.B. Sennenprobst) (der Ortspfarrer, Sennenvater,

Sennengroßvater, Fähnrich, Nebenfähnrich. Kerzenvogt, Kerzenvogtwartner,

Säckelmeister, Schreiber usw.)

I

31. C h r ä h h ahn e. Sobald bei Neubauten die letzten Dachsparren

verzäpft sind, setzt der Zimmermeister eine Grotze auf

den vordersten Teil des Grats, hängt farbige Nastücher daran,

die für die Gesellen bestimmt sind. Nachher ladet der Bauherr

zu einem bescheidenen Trunk und Imbiß ein. Das nennt man

den "Chrähhahne fyre". Herrscht gegenseitige Befriedigung, verläuft

der Chrähhahne gemütlich. Er ist ein lobenswerter Brauch

und schafft Beziehungen zwischen Bauherrn, Meister und Gesellen,

namentlich wenn es der Bauherr oder der Meister versteht,

einige lehrreiche Worte an die Gesellen zu richten. Dassollte

der Originalität zu liebe, vom Grat des Neubaues aus geschehen:

Im Wirtshaus kann bekanntlich jeder reden.

32. T run k na c h dem K an z1eie n. Nach der kanzleiischen

Fertigung eines Kaufs gehen bisweilen Verkäufer und Käufer

in ein Wirtshaus und nehmen einen Trunk (Wein) zu sich, abund

zu auch einen kalten Imbiß (Aufschnitt oder Käse). Bald

übernimmt der Käufer, bald der Verkäufer die Kosten, je nachdem

über die ev. Vorteile der einen Vertragspartei gegenüber der

andern mehr oder weniger Uebereinstimmung herrscht. In der

Regel halten sich die Meinungen das Gleichgewicht, indem der

Verkäufer zum Käufer sagt "Du häscht d'Sach wohlfeil" und

der Käufer zum Verkäufer "Bis Du froh, daß d' häscht chönne

verchaufe". Es kann auch zutreffen, daß die Bezahlung des

Trunks zum Voraus ausbedungen ist. Eine zeitlang war es Brauch,

auch den Notar zur Teilnahme am Trunk einzuladen.

33. Fe i erd e SI. Au g u s t s (Schweizerische Nationalfeier).

Die, schweizerische Nationalfeier hat sich auch in der Waldstatt

als steter Brauch eingebürgert. Es ist überflüssig, die Art, wie

sie hier durchgeführt wird, zu schildern, da sie im Großen Ganzen

mit derjenigen anderer Orte' übereinstimmt. Neu ist, daß seit

ungefähr einem Jahrzehnt der Bezirksammann oder eine andere

77


35. Schulinstitutionen. Es gibt gewisse Einrichtungen,

die man nicht ohne Weiteres zu den Volksbräuchen zählen kann,

z. B. Jugendfeste, Trommlerkorps und Schülerreisen. In Einsiedeln

zeichnen sich diese Einrichtungen jedoch mehr als an

andern Orten durch Beständigkeit, teils durch Originalität aus,

sodaß sie hier nicht übersehen werden dürfen.

Für die jugendfeste. die seit 1861 volkstümlich sind, hat der

Ortsschulrat um 1910 herum den Grundsatz aufgestellt, daß' sie

in Abständen von 7 Jahren durchgeführt werden sollen, damit

jedes schulpflichtige Kind normalerweise -ein Jugendfest erlebe.

Die Jugendfeste werden schulamtlich organisiert. Im Mittelpunkte

steht entweder ein Umzug (Heimatbilder) oder eine Freilichtj

Amtsperson eme vaterländische Ansprache hält. Mit dem verpönten

Schießen und Feuerwerken unserer mutwilligen Jugend

berührt die Feier des I. Augusts vermutlich die älteste volkstümliche

Ausdrucksweise der Freudenstimmung. Sie entspricht

folgenden alten Uebungen: Beim Nahen des Frühlings um Mitte

Fasten herum im Freien "Fürtüfel" (Knallfrösche) abzulassen und

Chäpsli (linsenförmige, mit Pulver gefüllte farbige Papierchen)

aufzutütschen, dem Chlepferziehen (Papierhölsen mit Pulver) unter

dem Christbaum und dem Schießen bei Hochzeiten. Wenn man

das Feuerwerken der Jugend am I. August als volkstümliche

Kundgebung der Freude auslegt, sollte die amtliche Warnung

eigentlich nur den Gefährdungen (Personen- und Sachschaden)

gelten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß das "Fürtiifelablouh",

das unsere Jugend zur Zeit der Schneeschmelze ausführt, ein

Nachläufer der Höhenfeuer, des Feuerradwerfens und des Feuerfackelschwingens

ist. Diese Bräuche werden in einigen katholischen

Gegenden um Mitte Fasten herum gepflegt, z. B. in Schwyz

das Fackelschwingen und in Rothenthurm das Radwerfen. Bei

uns sind sie auf 70 Jahre zurück soviel wie unbekannt. Jugend,

Zeitpunkt und unbefristete Dauer des Ablassens der "Fürtüfel"

sprechen für die Richtigkeit dieser Annahme.

34. Re k r u t e n aus heb u n g. Am Morgen der militärischen

Aushebung versammeln sich die angehenden Rekruten am Bahnhof

und ziehen mit Fahne und Tambour, bisweilen mit einer

kleinen Blechmusik an der Spitze durch die Hauptstraße zum

alten Schulhause, wo die Aushebung stattfindet. Im Zuge werden

abnormal Kleine oder Große lakonisch gezeigt. Die Tauglichen

setzen nach der Aushebung Blumensträuße auf den Hut und

ziehen gemeinsam mit den Untauglichen im Dorf herum, von

Wirtshaus zu Wirtshaus. Bei diesem Anlasse wird abends getanzt.

Man mißt sich gelegentlich auch im Häggle. Nach und

nach wird die Kameradschaftlichkeit durch tolles Tun abgelöst.


Das Zunftwesen ist in der Waldstatt zweigeteilt. Hier die Berufsvereine

mit begründeten wirtschaftlichen Standeszielen, dort ein,

Ueberrest der alten Zünfte mit ansprechenden religiösen Anliegen.

Diese Anliegen sind in den Satzungen verankert. Sie heissen in

kurzen Zügen: "Es sollen jährlich 5 Lobämter gehalten werden,

so am Ablaßsonntag, am Sonntag nach der Oktav von Corpus

Christi, am Sonntag nach Maria Himmelfahrt, am Feste des.

hl. Mauritius, am Feste des hl. Michael oder am darauffolgenden

Sonntag. Am Dienstag nach jeder Fronfasten wird für alle verstorbenen

Mitmeister ein Seelamt gehalten. In den Satzungen des.

Jahres I858 bis I865 war festgesetzt, "Daß der Jungmeister oder

Bothweibel die Schuldigkeit hat, in den 4 Fronfastenämtern am

hl. Namen Jesu Sonntag in der Kirche die Aufsicht zu halten, um

die fehlenden Meister zu verzeichnen." In der Bußenordnung der

gleichen Periode sind folgende Strafen ersichtlich: Nichterscheinen

im Namen Jesu Lobamt 60 Rp., Nichterscheinen in 'den Fron--

fasten Lobämtern IO Rp., Weigerung Leichen zu tragen 60 Rp.,

Nichterscheinen am Bot 20 Rp., einem Andern in die Rede fallen

oder sich ohne Erlaubnis entfernen IO Rp., Betragen bei offener

Lad mit gebührender Manier, sonst Strafe nach Belieben. Die vier

Zünfte: I. Metzger und Bäcker, der die Metzger-, Bäcker-, Müller-,

Ziegler-, Küfer-, Zimmer-, Gerber- und Kaminfegermeister angehören,

2. Geschenkte, 3. Schneider und Weber, 4. Schuster, bilden.

zusammen das Generalbot, das sich immer am letzten Sonntag

des Kirchenjahres in der Zunftstube zum St. Johann versammelt.

Der Vorstand besteht aus Vogt, Mitvogt, Pfleger und Zunft--

schreiber. Sie haben die Ehre, an den sieben Betsonntagen, am

Fronleichnamssonntag und am Rosenkranzfest in der 'Prozession

den Himmel zu tragen. Die Zünfte haben überdies Ehre und

das Recht, an den feierlichen Pontifikalprozessionen neben den

Himmel vier Laternenträger zu stellen. Zu diesem Ehrendienst

sind Obmann und Mitobmann verpflichtet. Für diese Dienstverrichtungen

erhalten die Funktionäre nach der Rosenkranzprozession

am ersten Sonntag des Oktobers einen einfachen

Imbiß und einen halben Liter Wein. Die Zünfte besorgen und

bezahlen auch das Aufrichten der Altäre am Fronleichnamsfeste

und das Schießen mit Mörsern, das Aufrichten und Beleuchten

des Kreuzes im Klosterwalde an der Engelweihe. Durch ein

spezielles-Abkommen mit dem löbl. Pfarramt ist nur den Zünften

das Recht eingeräumt, bei Beerdigungen den Vorbeter, den

Fahnenträger und die Friedhofknaben zu stellen. Das Vorrecht

haben Söhne vom 3. bis zum 7. Schuljahre von Mitmeistern aller

Zünfte. Die Friedhofknaben tragen die Weihrauchgefäße und

die Bruderschaftsfähnlein. Sie sind mit roten Röcken und weißen

Chorhemden und einem steifen runden Filzhut bekleidet. An den

Zunftsitzungen werden die Zunftzeichen aufgehängt. Es handelt

80


sich um 4 aus Eisenblech geschnittene Berufsembleme, bunt

bemalt und mit einem broncierten Laubkranz eingefaßt. Beim

Oeffnen der Zunftlade mußten früher 3 Zunftmeister anwesend

sein, mit dem schwarzen Mantel bekleidet, wie ihn Vogt, Mitvogt

und Pfleger als Laternenträger an den Prozessionen tragen.

In der Lade werden die Wertschriften mit Siegel, der große

Zunftbecher, 2 interessante Kupferstichplatten (Gesellenzeugnis)

und alte Protokolle aufbewahrt. Der ZUnftbecher ist ein Werk

Oswald Effingers. Am Fuße steht die Inschrift: "Diser Becher

gehört einer lobeliehen Zunft eines ehrsamen Handtwercks in

Einsidlen anno 1703." Die Platten wurden 1791 von D. Oechslin

gestochen. Die Zunfttafel enthält die Namen der damaligen

Meister nach Rangordnung. Für die Wahlen galt folgende

Uebung: "Der Schreiber hat sich vor offener Versammlung für

die Schreibers teIle anzumelden, sowie ein jeweiliger Pfleger, wenn

seine Amtsdauer ausgelaufen, sich um die Pflegerstelle neu zu

bewerben hat. Botweibel und Fahnenträger haben alle Jahre für

ihre Stelle anzuhalten". Man sieht daraus, daß die Lust nach,

bezahlten Posten nicht ohne Formen gestillt werden konnte. Das

Auf- und Abdingen war folgenden Bestimmungen unterworfen:

Vergebung des Meistertitels Fr. 20.- bezw. 25.-, Aufnahme

eines Meistersohnes, wenn durch seinen Vater vorgestellt Fr. 6.·-,

wenn nicht vorgestellt Fr. 8.-. Am Schlusse der Verhandlungen

wird für die verstorbenen "ehrsamen Mitmeister" ein Gebet verrichtet.

Wenn ein Zunftmitglied mit den hl. Sterbsakramenten

versehen werden mußte, wurde der Priester mit dem hochwürdigsten

Gut unter einem zweistängligen Himmel, zur Seite

2 Kirchhoflaternen, bis vor das Haus des Kranken und zurück

begleitet.

Aus den Statuten der Metzger und Bäckerzunft ist noch folgendes

zu erwähnen: Am dritten Sonntag im Januar hält diese Zunft

das Namen Jesu Lobamt. Jeder Meister ist bei Buße verpflichtet,

demselben, sowie allen auf Veranlassung des Generalbotes abgehaltenen

Aemtern beizuwohnen. Mitglieder, die das 70. Altersjahr

überschritten haben, sind vom Besuche enthoben. Aemrer,

welche auf einen Werktag fallen, sind bußenfrei. Zur Ehrung

verstorbener Meister stiftet die Zunftkasse eine geistliche Blumenspende

mit drei h1. Messen und einen Trauerkranz. Die Meister

sind verpflichtet, der Beerdigung eines Zunftgenossen beizuwohnen.

Vier nächstaltrige Mitmeister des Verstorbenen gehen

neben dem Leichenwagen. Der Zunftfond ist unveräußerlich. Mit

dem Zins werden die Kosten des Namen Jesu Lobamtes bestritten.

Die Zunft bezeichnet eine Zunftstube. Die andern Zünfte

haben ähnliche Satzungen. Wir nehmen davon Umgang, sie

ebenfalls zu erwähnen, da der Charakter der Zünfte mit dem

Gesagten klar genug bezeichnet ist.

81


Es ist vorgesehen, die 4 alten Zunftzeichen in Kupferplatten von

50 auf 50 cm zu schneiden, sie zu bemalen, mit einer rot-schwarzen

Rahme einzufassen, die Tafel an einen rot-schwarz bemalten

Stock zu schrauben und diese neuen Embleme in Zukunft am

Jörgenumgang und an der Rosenkranzprozession an der Spitze

der betr. Zunft tragen zu lassen. Die Teilnahme an diesen beiden

Prozessionen ist in erster Linie in Aussicht genommen, weil

ihr Ursprung auf weltliche Ereignisse zurückführen.

Die ersten Statutenartikel, die in einem "aufgesetzten" Briefe

enthalten sind, greifen in das Jahr 1520 zurück. Statutenrevisionen

wurden 1753, 1818, 1855, 1881 und 1920 vorgenommen.

Um einer der vier Zünfte anzugehören, wird die Ausübung

des betreffenden Berufes nicht verlangt. Auch damit ist das

vorwiegend religiöse Ziel der Zünfte bestätigt.

37. G rat u 1a t ion end e s Be z i r k sr a te s bei m Für s tab t.

Am Silvester und am Namenstag des Abtes, jeweilen nach dem

Salve Regina, begeben sich Bezirksammann, Statthalter und

Säckelmeister, gefolgt vom Landschreiber und Bezirksläufer, ins

Stift, um dem hochwürdigsten Herrn Abt und dem löblichen

Stift im Namen des Bezirksrates und der Waldleute zum neuen

Jahr bezw. zum Namenstag zu gratulieren. Die drei Amtspersonen

und der Landschreiber ziehen Gehrock und Zilinder an, der

Bezirksläufer die rote Amtstracht. Sie gehen durch die Hofpforte,

wo sie von den hochwürdigen Herren Patres Statthalter

und Küchenmeister empfangen werden, in die Abtei und stellen

sich im Empfangszimmer auf der Seite des Einganges folgendermaßen

auf: Bezirksammann, Statthalter, Säckelmeister, Landschreiber,

Läufer in einem Glied. Alsdann erscheint -der Herr

Abt im Mönchskleid mit der goldenen Kette um den Hals, hinter

ihm stellen sich die Herren Patres Statthalter und Küchenmeister

auf. Der Bezirksammann geht dem Abte entgegen, drückt ihm

die Hand und hält eine kleine Ansprache als Gratulation. Der

Abt erwidert die Gratulation mit Dankesworten. Hierauf verlassen

. alle das Empfangszimmer und begeben sich in den untern Stock

in ein kleines Speisezimmer, wo ihnen nach Weisung des Paters

Küchenmeister einige Flaschen Leutschen aufgestellt werden.

Nach einer Weile freundschaftlicher Unterhaltung verabschieden

sich die Vertreter des Bezirksrates und verlassen, wieder durch

die Hofpforte, die Abtei.

Das Bezirksratsbureau begibt sich auch offiziell ins Kloster, wenn

ein Abt stirbt behufs Kondolation und Teilnahme an dem Begräbnis,

ferner bei der Abtwahl zur Beglückwünschung .und bei

der Abtweihe.

82


38. Schießen mit Mörsern bei Feierlichkeiten. Man

darf das Böller- bezw. Mörserschießen unter die Volksbräuche

einreihen, weil das Schießen nicht eigentlich als Bestandteil

kirchlicher Feierlichkeiten angesehen werden kann. Es dient schon

seit dem 17. Jahrhundert dazu, eine Feierlichkeit anzukünden

und das Zeremonielle derselben zu verstärken. Das Schießen verdankt

ohne Zweifel den Bruderschaften und Zünften den Ursprung

und darf als Kundgebung betrachtet werden. Dies geht aus zwei

Publikationen im "Einsiedler Anzeiger" vom Ir. und 18. Dez.

1869 hervor. Jn der ersten Publikation wird mitgeteilt, daß das

Schießen "künftighin ohne besondere Erlaubnis der kompetenten

Amtsstelle bei Strafe untersagt sei und daß dem Zeugwart und

Feuerwerker, die jüngst ohne Erlaubnis Gebrauch von den Mörsern

gemacht haben, ein strenger Verweis erteilt werde". In der

zweiten Publikation macht ein Einsender den löbl. Bezirksrat aufmerksam,

"daß der Bezirk niemals im Besitze dieser Geschütze

gewesen sei", ferner "daß sie Eigentum der Bruderschaft und

der löbl. Zunft seien".

In Einsiedeln wird am Fronleichnamsfest, Ablaßsonntag, Ablaßausgang

(Donnerstag), Heiligkreuztag und Rosenkranzfest auf der

Kreuzhöhe mit Mörsern geschossen. Das Fronleichnamsfest. der

Heiligkreuztag und der Rosenkranzsonntag werden am Vorabend

um 7 Uhr mit je 15 Schüssen angekündigt. Am Festmorgen um

5 bezw. um 3 Uhr werden wieder IO bis 15 Schüsse abgefeuert,

Bei jedem Segen werden rasch nacheinander 3 Schüsse abgefeuert.

Am Fronleichnamsfest bietet das Bezirksamt auf und

zahlt die Kosten (Fr. 80.-), am Ablaßsonntag und Ablaßausgang

tun es die Zünfte (Fr. 48.- und 90.-), am Heiligkreuztag das

Stift (Fr. 50.-), am Rosenkranzfest die Bruderschaft (Fr. 9°.-).

Es sind noch 10 (früher waren es 1Z) geschmiedete Mörser vorhanden.

Sie tragen am Mörserhals ein Einsiedlerwäpplein. Sie

können mehr als zoo Jahre alt sein. Die Ladung braucht 1Z5

Gramm Pulver. Der mit dem Schießen beauftragte Feuerwerker

ist gehalten, das Pulver selbst zu kaufen. Er entzündet es mit

einer Stange, deren Spitze er auf Kohlen glühend macht, indem

er die Lunte berührt. Die Mörser werden auf der Kreuzhöhe in

einem Koffer aufbewahrt.

Die übrigen Ereignisse, an denen geschossen wird, bilden Ausnahmen.

Das trifft z. B. bei einer Abtwahl, beim offiziellen Besuch

des Nuntius usw. zu.

Bei einer der letzten Abtwahlen wurde mit einer alten Vorderladerkanone

geschossen, die jetzt zerlegt und magaziniert ist.

Ums Jahr rSzo scheint die Unsitte geherrscht zu haben, nach

Prozessionen noch mutwilligerweise zu schießen, um das vorhandene

Pulver vollends zu verkläpfen. Gegen diese Unsitte

mußte die Behörde einschreiten.


39. Teilnahme des Bezirksrates und -Gerichtes an

den Pro z e s s i-on e n. Der Bezirksrat nimmt an den sakramentalen

Prozessionen offiziell teil. Damit dürfte der Ehrendienst

als Zweck der Teilnahme nachgewiesen sein. Vom Bezirksgericht

nehmen offiziell an der Karfreitagsprozession und am Fronleichnamsoktavschluß

je 4 Richter als Himmelträger teil. Seit ungefähr

1890 beteiligen sich die Richter inoffiziell auch an sakramentalen

Prozessionen, die ins Freie gehen. Sie ersetzen verhinderte Ratsmitglieder.

Für die Teilnahme der Bezirksbehörden an den Prozessionen gilt

folgende Ehrendienstordnung :

Sammlung: auf dem Rathaus.

Bekleidung: Schwarzer, steifer Hut, schwarzer Anzug, langer,

schwarzer Amtsmantel und schwarze Handschuhe.

Bis ums Jahr 1905 wurden vorwiegend Gehrock, Zylinder und

Amtsmantel getragen. Von ungefähr 1840 rückwärts mußte jede

Amtsperson auch mit dem Degen ausgerüstet sein.

Himmeltragen: 4 Ratsherren bezw. 4 Richter bezw. 4 Zunftmitglieder.

Stangenlaternentragen : Neben jedem Himmelträger geht ein

Zunftmitglied mit der Laterne.

Kerzen: Alle Teilnehmer mit Ausnahme der Himmelträger erscheinen

mit der Kerze. Die Reihe rechts trägt die Kerze in der

rechten, die Reihe links in der linken Hand. Die Teilnehmer, mit

Ausnahme derjenigen Mitglieder des Rates bezw. Gerichtes bezw.

der Zünfte, die den Himmel tragen, gehen in 2 offenen Einerkolonnen

hinter dem Himmel her, an der Spitze rechts der Be·

zirksammann, hinter ihm der Statthalter, hinter diesem der Säckelmeister,

dann die Ratsherren; an der Spitze links der Gerichtspräsident,

hinter ihm sein Stellvertreter, anschließend die Richter

und dann die Substituten. Wenn das Gericht an der Prozession

nicht teilnimmt, geht an der Spitze links der Statthalter. Ratsläufer

rechts und Gerichtsweibel links im roten Amtsmantel,

schließen die Zugsordnung.

Auflösung: Auf dem Rathaus.

Seit einem starken Jahrzehnt besammelt sich der Rat nicht mehr

auf dem Rathaus und löst sich auch nicht mehr dort auf. Die

Herren kommen und gehen in die Kirche, den Mantel am Arm,

wie man etwa zur Bahn zu gehen pflegt. Als vor einigen Jahren

Viertelsratsherren in weichen Hüten erschienen, überzeugte man

sich bündig, daß das nicht schön sei. Um den Uebelstand zu

beseitigen, verzichtete man auch auf den Stilhut. Man geht jetzt

barhaupt in die Prozession und läßt den Hut rechts vorn in der


Kirche an Hacken hängen. Hier zeigt sich der Lauf demokratischer

Entschlüsse. Wenn gelegentlich ein Ratsherr in Bergschuhen oder

Sandalen erschiene, müßte der Rat logischerweise barfuß gehen,

um der Stilfrage auszuweichen.

Es finden folgende sakramentale Prozessionen statt:

I. Am St. Agatha-Betsonntag (Rat mit Kerze, Zünfte stellen

4 Himmelträger).

2.-5. An den 4 Fastensonntagen (Rat mit Kerze, Zünfte steUen

4 Himmelträger).

6. Am hohen Donnerstag zum Oelbergaltar. (Der Rat stellt

nur 4 Himmelträger).

AI11 Karfreitag zum hl. Grabaltar. (Das Gericht stellt 4

Träger).

7. Am Karsamstag zur Auferstehungsfeier. (Rat mit Kerze.

Bis um 1920 stellte der Rat nur 4 Himmelträger).

8. Fronleichnamsfest. (Rat mit Kerze).

9. Am Oktavsonntag. (Rat mit Kerze, Zünfte stellen 4 Himmelträger).

10. Am Oktavschluß (Donnerstag). (Rat mit Kerze, Gericht stellt

4 Himmelträger).

11. Kreuzerhöhung. (Rat mit Kerze).

12. Eidgenössischer Bettag. (Rat mit Kerze, Zünfte stellen 4

Himmelträger).

13. Rosenkranzfest. (Rat mit Kerze, Zünfte stellen 4 Himmelträger).

14. Sonntag nach Adelheid (Dankfest). (Rat mit Kerze, Zünfte

stellen 4 Himmelträger).

Außerordentlicherweise tragen 4 Ratsherren den Baldachin bis

zum Frauenbrunnen, z. B. wenn der Diözesanbischof zur Firmung

abgeholt wird. Bei diesem Anlasse wird der Bischof vom Bezirksratsbureau

und vom Bezirksläufer, dieser in Gala, in Pfäffikon

abgeholt oder wenn sich der Bischof schon auf der Firmreise

befindet am vorangehenden Firmort, z. B. in Wollerau, Rothenthurm,

Schindellegi usw. Bezirk und Dekanat stellen je einen

Zweispänner.

Hinter den Behörden gehen die "Siebner", an ihrer Spitze drei

Träger mit dem verzierten Bruderschaftsstab. Die Siebner tragen

einfache Wachskerzen in der rechten Hand. Bis um 1860 herum

war es üblich, daß die Siebner, in der Kirche angekommen,

nicht der Prozession folgten, sondern zum Dreifaltigkeitsaltar ab.

schwenkten. Da es sich meistens um alte Männer handelte, ruhten

sie an der Marmorbank vor dem Altar aus. Noch in den ocer

Jahren konnte man an jener Bank entlang auch zur Zeit des

Pfarrgottesdienstes vorherrschend ältere Männer sehen.


Im Zusammenhang mit der Prozessionstracht ist zusagen, daß

bis um 1840 die Richter den Degen auch zum Gang in rd~n Gerichtssaal

(Bezirkskanzlei) trugen. An diese Formalität erinnert

das in einer Ecke des Gerichtssaales stehende Anderthalbhänder-

Schwert des: Gerichtsweibels. Bekanntlich war das Schwert auch

dasjenige Instrument, mit dem der Landammann an der Landsgemeinde

zur Wahrung des Landesfriedens aufforderte. Er faßte

für diese Handlung das Schwert mit der rechten Hand an der

Klinge und hielt es, den Griff nach oben gekehrt, in die Höhe.

Im 17. und 18. Jahrhundert waren die großen Prozessionen viel

reicher ausgestattet als heute. Die Teilnahme der Bürgerschaft

hatte ein offizielleres Gepräge. Man dürfte sich darauf besinnen,

daß z. B. am Jörgenumgang die Feuerwehr in Tenue nach der

Zugsordnung der Föhnenwachen und an der Rosenkranzprozession

die Zünfte bezw. Berufsvereine mit farbigen Zunftzeichen und die

übrigen Vereine mit ihren Fahnen vertreten sein sollten, in

Würdigung, daß diese beiden Prozessionen einen eigenen geschichtlichen

Hintergrund haben. Was das Choreographische bei

den 3 Fronleichnamsprozessionen und der Rosenkranzprozession

anbelangt, ist die Sammlung zum Segen vor den Altären mangelhaft.

Die Durchführung eines wirksameren Sammelplanes in

Kolonnen neben und in' Linien nach dem Konvent würde die

Versetzung des Hauptaltares vor dem "Pfauen" auf die Mitte

"Pfauen"-"Hirschen" zur Folge haben. Es gäbe noch andere

zweckmäßige Vorkehren zur farbigen Ausschmückung des Bildes.

In früheren Jahrhunderten wurden mit der Meinrads- und Rosenkranzprozession

geistliche Komödien verbunden, die beim Volke

großen Eindruck machten.

Die St. Georgsprozession, vom Volke "Jörgenumgang" genannt,

die am Sonntag nach St. Georg mit den Reliquien durchs Dorf

stattfindet, ist eine Bittprozession zur Erinnerung an den großen

Brand im Jahre 1577, der Dorf und Kloster mit Ausnahme der

Gnadenkapelle einäscherte. Die Rosenkranzprozession, die am

ersten Sonntag im Oktober auf den Brüel hinaus stattfindet, ist

eine Dankprozession zur Erinnerung der Siege der Christen über

die Türken (Verteidigung Wiens, Seeschlacht bei Lepanto usw.).

Man beachte, daß der Feldaltar, der für die Rosenkranzprozession

auf dem Mittelstück des Brüels aufgerichtet wird, zum Zeichen

der- Freude im Gegensatz zu allen andern Altären mit kleinen

farbigen Flaggen geschmückt ist. Diese und die übrigen Prozessionen

wurden in einer besondern Publikation "Kirchliche

Bräuche" volkstümlich geschildert.

40. Kirchenschweizer und Stiftskutscher. In Domen

und Kathedralen großer Städte, z. B. in Paris, waltet der sogen.

Kirchenschweizer seines Amtes. Er versieht den Ordnungsdienst

86


bei den Eingängen, in den Bänken und nötigenfalls auch vor den

Portalen zur Zeit des Gottesdienstes, hauptsächlich aber bei feierlichen

Hochämtern, wenn der Zudrang der Gläubigen besonders

groß ist. Er erteilt auch Auskünfte über die Gottesdienstordnung.

Er kündet die hl. Wandlung an, indem er mit dem Stab lauf den

Boden klopft. Seine Weisungen, die er mit freundlichen Gesten

erteilt, werden von den Kirchenbesuchern gut aufgenommen und

befolgt. Es kommt also in Domen und Kathedralen nicht vor, daß

sich z. B. junge Leute bei den Eingängen ansammeln und den

Verkehr hindern.

Der Kirchenschweizer (in Domen sind deren zwei tätig) ist immer

eine hochgewachsene, breitschultrige Gestalt, die man sich am

besten vorstellt, wenn man an einen höfischen Diener denkt. Er

ist glattrasiert und trägt in der Regel nur einen kurzgeschnittenen,

gepflegten Backenbart (sog. Cotelette). Seine Uniform ist mit

dem Begriff Livree zutreffend gekennzeichnet.

Ich kann augenblicklich nicht nachweisen, ob in der Stiftskirche

zu Einsiedeln in vergangenen Jahrhunderten ein Kirchenschweizer

tätig war. Hingegen trifft es zu, daß um I920 herum eine [Zeitlang

ein Kirchendiener in Veston mit Tressen und einem Stab in der

Hand einige Funktionen besorgte, die mit denjenigen des Kirchenschweizers

übereinstimmten. Sein Auftreten verriet sogleich, daß

er entweder zu wenig genau instruiert war oder daß er erhaltene

Instruktionen nicht durchzuführen wagte.

Der zukünftige Kirchenschweizer sollte folgendermaßen gekleidet

sein: Zweispitz aus feinem schwarzen Filz oder Tüchli mit der

Kokarde des Stiftes (zwei rechtsfliegende schwarze Raben auf

gelb), engsitzender Frack aus schwarzem Tüchli mit einer Doppelreihe

breiten, enggeschlossenen Goldtressen flach auf der Brust,

eine Reihe vergoldete Metallknöpfe, sogenannte Wienerärmel, mit

zwei vergoldeten Knöpfen vorn und einer Goldtresse dem Schlitz

entlang, Stehkragen aus gelbem Tüchli nach französischem Schnitt

(ä la cour des rois de France) darunter die schwarze Halsbinde,

anliegende Kniehose aus schwarzem Tüchli, unter dem Knie geschlossen,

breite gelbe Galons, weiße handgestrickte Strümpfe

mit Strickmuster, schwarze Halbschuhe mit Messingschnalle. weiße

Handschuhe, in der Hand einen langen weißen oder holzbraunen

Stab mit Messingknopf und Kordeln.

Der Ordnungs dienst vor unserer Kirche wird seit wenigen Jahrzehnten

auf Anordnung des Bezirksamtes durch einen Polizisten

besorgt. Es ist das keine erbauliche Verfügung. Der Polizist ist

nicht volkstümlich. Sein Erscheinen vor der Kirche an Sonnund

Festtagen erweckt eher Unwillen, als vernünftige Einsicht

für das, was vor der Kirche schicklich ist. Auch fragen sich

Fremde, ob der Ortseinwohner unbedingt polizeilicher Weisungen

bedürfe.


Die Notwendigkeit eines Kirchenschweizers in der Stiftskirche

muß nach unserer Auffassung nicht erst geprüft werden. Diese

Frage dürfte angesichts des großen Zudranges bei Festlichkeiten

schon klar sein. Das Stift hat denn auch auf meinen Vorschlag

hin den Entschluß gefaßt, diese Institution endgültig einzurichten.

In der Person des bisherigen Sigristen ist ein Mann gefunden

worden, der über gewandtes Auftreten und eine stattliche Figur

verfügt. Als Amtskleid hat das Stift das einfachere meiner

Uniformmodelle (Zweispitz, Gehrock und Gehhose) angenommen.

Der Kirchenschweizer hat seinen Dienst am 9. Juni 1934 beim

Einzuge des päpstlichen Nuntius angetreten.

Instruktion für den Kirchenschweizer der Stiftskirche.

Kleidung: Livree mit Stab.

Dienstzeit: Ordentlicherweise an Sonn- und Festtagen von 8 Uhr

bis 11.30 Uhr und von 3 Uhr bis nach der Prozession. .

Standort: Vor der Säule rechts beim Hauptportal. Stab bei Fuß.

Ordnungsdienst : Gegen die Seiteneingänge und zu den Bänken

patrouillieren. Personen, die unter den Eingängen stehen,

aufmerksam machen, daß vorn noch Sitz- und Stehplätze frei

sind. Beim Patrouillieren Stab an die rechte Schulter legen.

Polizeidienst : Touristen usw., die in unschicklichen Kleidern erscheinen,

höflich ersuchen, die Kirche zu verlassen. Solche,

die mit Rucksäcken ausgerüstet sind, ersuchen, dieselben an

der Wand bei den Eingängen abzulegen. Personen, die zur

Zeit des Gottesdienstes in der Kirche herumspazieren aufmerksam

machen, sie möchten irgendwo einen festen Platz

beziehen und die Kirche nach Schluß des Gottesdienstes betrachten.

Wenn vor der Kirche laut gesprochen wird oder

sonstwie Unruhe herrscht, die betreffenden Personen ersuchen,

in einige Entfernung zu gehen.

Ehrenbezeugungen : Bei sakramentalen Prozessionen vor dem

Allerheiligsten den Stab senkrecht vor die Brust halten. Das

Gleiche vor hohen Geistlichen tun.

Daß die Sorgen um den Ordnungsdienst sogar in ländlichen

Kirchen weit zurückgreifen, beweist folgender Beschluß des Gemeinderates

von Galgenen vom 7. Februar 1819:

I. In den zwei vordersten Stühlen sollen nur je 9 Mann Platz

nehmen; wer einen zehnten hineinläßt, soll samt diesem in je

I Pfund Wachs Buße verfallen sein.

2. Alles Schwatzen und Lachen soll in den zwei ersten. Stühlen,

sowohl auch in den"hintern Stühlen, bei gleicher Strafe verboten

sein.

3. Es wird ein Aufseher bestellt, dessen Name geheim gehalten

werden soll, der die Fehlbaren dem Siebner Hegner zu verzeigen

hat.

88


4. An Sonn- und Feiertagen wird ein Ratsherr hinten in der

Kirche Platz nehmen, der die im Gange Stehenden in die Bänke

weisen oder wenigstens zur Ruh ermahnen soll.

(Bote der Urschweiz.)

Literatur über den Kirchenschweizer, den man auch Kirchenordner

oder Kirchendiener nennen kann, ist, genauere Forschungen

vorbehalten, in Rom, Paris, München, Einsiedeln und in

der Zentralbibliothek in Zürich, wo man sie zu finden hoffte, nicht

zu haben. Der Ursprung des Namens läßt sich dennoch erklären.

Infolge ihrer sprichwörtlichen Treue und zähen Waffenfiihrung

und ihrer naiven Gutgläubigkeit gegenüber fremden Kronen, als

ob diese immer für gottgefällige Pläne wirkten, wurden die

Schweizer Söldner in römischen und französischen Diensten, übrigens

auch an andern Höfen, nicht nur im Feld, sondern mit

Vorliebe auch für die zeremoniellen Dienstzweige, wie Paradeund

Wachtdienst verwendet. Die Gardekompagnien, die hauptsächlich

aus Schweizern rekrutiert wurden, verdanken dieser Verwendung

ihre bevorzugte Dauerstellung im Friedensdienst (garder

= hüten bezw. bewachen). Die Bezeichnung "le Suisse" hat sich

deshalb für die Palast- und Kasernenwachen und schließlich

auch im Kirchendienst, für den in der Regel pensionierte Söldner

angestelllt wurden, in der Umgangssprache des Volkes als präziser

Begriff eingebürgert. Diese Erscheinung ist nicht vereinzelt. Der

Schweizer in romanischen Solddiensten hat im bürgerlichen Lehen

Deutschlands schon lange eine Parallele gefunden, da hier die

Umgangssprache den Melker mit dem nationalen Begriff "Schweizer"

identifiziert. Vor einem Jahrzehnt wurde schweizerischerseits

gegen diese im Norden Deutschlands landläufige Bezeichnung

protestiert und zwar darum, weil Nationalitäts- und Berufsausweis

in einem Wort in weiten Volkskreisen als Kultursignalement angesehen

werden könnte. Diejenigen, die protestierten, 'daß der

"Schweizer" mit Melker identifiziert werde, dachten vielleicht an

den Kuhplapart des Schwabenkrieges. Nach unserer Auffassung

ist wesentlich, daß wir uns nicht zu schämen brauchen, denn ob

Pörtler in Frankreich oder Melker in Deutschland... hier wie

dort ist Qualitätsleistung, wenn nicht garantiert, so doch gemeint.

Erwägen wir in diesem Zusammenhange folgendes: Es frägt

sich, ob z. B. die italienische Regierung reklamieren würde, wenn

wir in der· Schweiz den Italiener in der beruflichen Umgangssprache

mit Maurer identifizierten? Vielleicht wäre der Italiener

stolz darauf, weiß er doch, daß ein Schweizer noch manches

Paarmütschli essen muß, bis er den Italiener als Maurer ersetzen

kann.

Neulich stimmte das Stift auch der Beschaffung meines Uniformmodells

für den Stiftskutscher zu. Bekanntlich sind Postillone,

Kutscher, Landauer und gut geschirrte Pferde heute selten und


die wenigen, die noch zu sehen sind, verfallen dem schlechten

Stil und der Farblosigkeit. Mit dem zukünftigen Stiftskutscher.

dem Marstaller, soll ein gutes Beispiel zur äußerlichen Regeneration

eines vernachläßigten zeremoniellen Dienstzweiges gezeigt

werden. Der Kutscher erhält einen halbhohen, leicht evasiven

Filzzylinder, d. h. einen modernisierten Thurn und Taxis Postillonhut

mit 3 Goldtressen, einer gelbschwarzen Kokarde, und einem

gelbschwarzen Pompon verziert, einen langen Gehrock aus schwarzem

Tüchli mit zweimal gelb eingefaßten Aufschlägen über die

Brustteile und an den Unterärmeln, mit einer dreifachen Reihe

gelben Knöpfen, mit gelbem Stehkragen und schwarzer Kravatte,

eine Gehhose mit zweifachen gelben Passepoils.

Der Stiftskutscher wirft sich in diese Uniform, wenn er hohe

Prälaten am Zug abholen und zum Zug führen muß.

41. Prozessionsgrenadier u. ProzessionsmusikanL

Der Prozessionsgrenadier obliegt bei Prozessionen dem Ehrendienst

auf beiden Seiten des Himmels, unter dem das Hochwürdigste

Gut getragen wird. Die Wache besteht aus einern Unteroffizier

und 6 bis 8 Mann. Als Prozessionsgrenadiere kommen nur

stattliche Männer in Betracht. Am letzten Eucharistischen Kongreß

in Einsiedeln wurden Uniformen von Gardeschweizern in französischen,

Diensten (de Castella und von Ernst) getragen, weil

schwyzerische Uniformen der Ordonnanzen um 1800, die bevorzugt

werden müßten, nicht vorhanden sind. Ein anschließender

Versuch zur Gründung eines Vereins zur Besorgung des Ehren- .

dienstes scheiterte, da die Mittel zur Anfertigung eigener Uniformen

und zum Kauf alter Gewehre nicht beschafft werden konnten.

Für den Fall, daß eine Vereinsgründung früher oder später

doch noch erfolgt, empfehle ich die Wahl der Uniform des

schwyzerischen Grenadiers, Ordonnanz 1804 nach Escher. Sie

besteht aus Kolbak (Bärenmütze) mit Schwyzerschild in Messing,

marineblauem Frack mit dunkelrotem Kragen und Aerrnelaufschlägen,

dunkelblauer Hose, hohen schwarzen Tuchgarnaschen,

kurzem Krummsäbel in weißem .Schultergurt. (Siehe meine nachfolgende

Skizze.) Für die Funktionen des Prozessionsgrenadiers ist

ein kurzes Reglement aufzustellen.

Das Mitwirken der Prozessionsgrenadiere verstärkt das Zeremonielle.

Sie vertreten die Bürgerschaft, für die sie den Ehrendienst

übernehmen. Sie erinnern an die Aufgabe der Schirmer, die im

17· und 18. Jahrhundert bei großen kirchlichen Festlichkeiten

nicht nur den Sicherheits- (gegen die Beutelschneider) sondern

auch den Ehrendienst besorgten. Die Schirmer wurden amtlich,

aufgeboten, je nach Bedürfnissen in der Stärke von IOO und

mehr Mann. Sie trugen das Wehrkleid der entsprechenden Zeitperiode,

im 17. Jahrhundert Helm und Harnisch und waren mit


der Wachthellebarde ausgerüstet. Der Ordnungsdienst müßte,

wie das seit vielen Jahrzehnten der Fall ist, den modernen gewehrtragenden

Truppen vorbehalten werden. Die Truppen werden

gegenwärtig zum Ordnungsdienst in und außer der Kirche gegen

ein kleines Soldgeld amtlich aufgeboten. Sie besammeln sich nach

dem Sammlungsruf der Tambouren im Diensttenue, am Heiligkreuztag

abends 6 Uhr und am Rosenkranzfest nachmittags 3 .Uhr

auf dem Bahnhofplatz in der Stärke von 100- I 50 Mann. Sie

ziehen dann, geführt von einem Hauptmann und 2 Zugführern,

mit der Musik an der Spitze, durch die Hauptstraße vor den

nördlichen Flügel des Klosters. Am Heiligkreuztage bilden sie

Spaliere vom Chorgitter der Kirche bis zum Altar vor dem Rathaus,

am Rosenkranzfest vom Chorgitter bis zum Altar auf dem

Mittelstück des Brüels. Beim Segen wird mit Trommelschlag der

Befehl "Achtung!" gegeben. Vor 1910 erfolgte der Kommandoruf.

Nach Schluß der Feier besammeln sich die Truppen vor dem

Kloster und ziehen in Marschkolonne über den Hauptplatz und

durch die Hauptstraße auf den Bahnhofplatz zur Entlassung. Am

Abend des Heiligkreuztages spielt die Musik den Zapfenstreich.

Der Eindruck der feldgrauen Ordnungstruppen ist im Vergleich

zum feierlichen Eindruck der gepanzerten Schirmer und der in

Farben leuchtenden Grenadieren relativ nüchtern. Sowohl beim

Ehren-, als auch beim Ordnungsdienst kommt es aber wesentlich

auf psychologische Einwirkungen an. Man denke an den Aufmarsch

der alten Oberwalliser-Grenadiere mit den Fahnen im

Lötschental an der Fronleichnamsprozession. Auch der straffe

Prozessionsschritt (schleifender Taktschritt), der militärischen

Spitzen- und Schluß gruppe an der Fronleichnamsprozession in

Appenzell ist der Verstärkung des Eindruckes auf das Volk

dienlich.

Der Name "Prozessionsmusikant" läßt sich mit dem Nachweis

einer weit zurückgreifenden kirchlichen Dienstverrichtung begründen,

die in Einsiedeln als beachtenswerter Brauch ausgestaltet ist.

Wie verhält es sich? Die Bläser der nach der Mitte des 18. Jahrhunderts

entstandenen schwyzerischen Militärkapellen wirkten gelegentlich

auch bei kirchlichen Feierlichkeiten mit. Ueber die

Instrumentierung eines Bataillonsspieles vom Jahre 1798 gibt

der Abschnitt "Landsgemeinde" Aufschluß. Von ihrer Teilnahme

an den Prozessionen ist im Ratsprotokoll vom 7. Sept. I8II die

Rede. "Der Rat nimmt Kenntnis, daß das Militär-Musikkorps sich

weigere, an den bevorstehenden Prozessionen, an Kreuzerhöhung

und am Rosenkranzsonntag, die gewöhnlichen militärischen Funktionen

zu verrichten. Es wird erkennt, es solle allen denen, welche

sowohl vom diesjährigen, als auch vom Reserve-Pikett sind, bekannt

gemacht werden, daß jeder auf die. bevorstehende feierlicheund

übrigen Prozessionen, wo das hochwürdigste Gut außert

9 1


der Kirche getragen wird, die gewöhnlichen militärischen Funktionen

zu verrichten und die Befehle der Herren Chefs und Herren

Offiziere zu befolgen habe, genau und zwar bei hoher Strafe und

unnachläßlicher Buße. Nicht weniger soll sich das Musikkorps

bei nämlicher Ungnade und Strafe jedesmal dabei einfinden."

(Ochsner, Geschichte der Konkordia 1806-1931). Da es dem

Rat nicht gelang, die Spielleute auf die Dauer für außermilitärische

Verrichtungen zu verpflichten, ging die musikalische Mitwirkung

bei kirchlichen Feierlichkeiten an die vermutlich im

Jahr 1806 gegründete Musikgesellschaft über. Die Musikgesellschaft

löste sich jedoch mehrmals auf. Bei den Neugründungen

wurde immer wieder auch von der Teilnahme an den Prozessionen

und von der hiefürigen Barentschädigung durch die Bezirkskasse

gesprochen. In der Regel waren es Sold- und Ausbildungsmängel

gewesen, welche Dienstverweigerungen verursacht hatten. Der

Sold betrug zeitweise 2 Louis d'or, gelegentlich auch weniger,

pro Mann und Jahr für Kirchen- und Prozessionsmusik zusammen.

Unter Kirchenmusik war das Mitwirken im Frühamt verstanden.

Bis tief in die80er Jahre hinein spielte die Musikgesellschaft

"Konkordia" an hohen Festen vor dem Pontifikalamt auch einen

Parademarsch mit Orgelbegleitung. Es war nicht möglich, alle

Mitglieder weiterhin zu verpflichten. P. Josef Staub schrieb darum

ein Arrangement für Orgel, 2 Trompeten und 3 Posaunen. Seit

ungefähr 2 Jahrzehnten wird dieses Praeludium nur mehr mit

der Orgel gespielt. Die Wiedereinführung· des liturgischen Kirchengesanges

vor ungefähr 2 Jahren machte schließlich alle Bläser

entbehrlich.

So verbleibt nur die Beteiligung der "Konkordia" an den Prozessionen.

Sie hat sich mit der organisatorischen Entwicklung der

Gesellschaft befestigt. Heute zählt die Musikgesellschaft "Konkordia"

58 Mitglieder, von denen bis zu 24 Metallbläsern zur

Teilnahme an den Prozessionen aufgeboten werden. Die Entschädigung

für Mitwirkung ist im derzeitigen Jahresbeitrag des

Bezirkes an die Gesellschaft im Betrage von Fr. 2000. - inbegriffen.

Die Prozessionsmusikanten blasen mit folgender Instrumentierung.

Melodie: Trompete in B 1 und 2, vier Waldhörner,

Tenorhorn in B 1 und 2, Begleitung: Bügel in B 1 und 2, Althom

in Es 1 und 2, Bariton in B, Baß in Es und B. Sie begleiten an

den 3 Fronleichnamsprozessionen die Gradualpsalmen und an den

Altären die vier Sakramentsmotetten, an der Engelweihe die

Namen-Jesu-Litanei und am Altar das Sariktus Angelicum, am

Rosenkranzfest wieder die Namen -Jesu - Litanei, am Altar die

Motette Omni die und auf dem Rückweg das Canticum Moysis.

Alle Singnoten sind im Cantarium Einsidlense, gesammelt von

Abt Columban Brugger sel., enthalten, Motetten und Bläsemoten

für die Begleitung der Psalmen und Litaneien sind Kompositionen

9 2


von P. Basilius Breitenbach seI. Die Besetzungsarrangements wurden

jeweilen von den Direktoren der Musikgesellschaft durchgeführt.

Die Prozessionsmusikanten gehen in Einerkolonnen rechts

und links neben den Konventsängern (Patres und Studenten), an

der Spitze rechts der Dirigent. Sie tragen die modernisierte

Uniform der schwyzerischen Füsiliere von 1804, nämlich steife

Mütze und einreihigen Waffenrock in königsblau, Hose in hellblau,

Kragen, Trompeterschnur und Passepoils in dunkelrot. (heraldischrot).

Die Anschaffung des Prozessionshutes aus schwarzem

Filz mit Ledergarnitur, Waldstattkokarde und Birnpompon in

dunkelroter Wolle, der diese elegante Uniform stilgerecht ergänzen

würde, ist noch in der Schwebe.

Man legt mit Recht Wert darauf, kirchliche Feierlichkeiten über

das Liturgische hinaus nach einem strengern Maßstab auszugestalten.

Das Ohr verlangt ein gepflegtes Spiel, das Auge vornehme

Formen und Farben. Wo das eine oder andere fehlt, empfindet

man die Lücke. Außerordentliche Maßregeln gereichen der Waldstatt

zur Ehre; denn es ist besser, sie werde berechtigten Ansprüchen

mit Schöpfungen zum voraus gerecht, als daß sie mit

Kopien nachhinkt.

42. Altar· und Häuserschmuck an der Fronleichna

111 s pro z e s s ion. Für die Fronleichnamsprozession werden

im Freien 4 Altäre aus bemalten Holztafeln aufgerichtet: einer

neben der Hofpforte vor dem südlichen Eckgebäude, einer neben

der Studentenpforte vor dem nördlichen Eckgebäude der Kloster

front, einer vor dem "Pfauen" und einer vor dem Mittelbau des

alten Schulhauses. Die zwei Altäre vor der Klosterfront werden

vom Kloster besorgt, der vor dem "Pfauen" vom Eigentümer des

Hotels, der vor dem alten Schulhaus vom Bezirk. Der Blumenschmuck

wird von der Jungfrauenkongregation gesammelt und

hergerichtet. Der Häuserschmuck ist viel einfacher als z. B. im

Appenzellischen. Es werden von den Privaten weder kleine Altärchen

aufgestellt, noch Teppiche gelegt, noch Inschriften über die

Türen gehängt. Man bedient sich hier des frischen Laubschmuckes,

den man in Vasen vor die Fenster stellt. Früher steckte man

die Laubzweige in braune und gelbe Krüglein. Ins Laub steckt

man weiße und rote Papierrosen. Der Buchenlaubschmuck vor

den Häuserfenstern am Hauptplatz macht infolge seiner einheitlichen

Farbenwirkung einen würdigen Eindruck. Er wird noch

erhöht durch die Laubbäumchen, die man an den Seiten der

Altäre aufpflanzt. Nach der Prozession nehmen die Buben und

Mädchen die gesegneten Zweige nach Hause, wo sie auf der

Winde als Schutz gegen Feuer bis zum nächsten Fronleichnamsfest

aufgehängt werden.

93


Infolge der Millenariumsfeierlichkeiten wurde der Prozessionsweg

heuer zum I. Male durch die Haupt-, Sehrniedenen- und Kronenstraße

ausgedehnt. Der Altar vor dem alten Schulhause wurde

durch einen auf dem Sternenplatz ersetzt. Die Ausdehnung des

Prozessionsweges hatte zur Folge, daß man die Häuser an den

begangenen Straßen reichlich mit Laub schmückte.

43. Wie die Dörflig an der Engelweihe beleuchten.

Die letzte, sogenannte "Große Engelweihe", die 14 Tage lang

dauerte, wenn der 14. September auf einen Sonntag fiel, fand

im Jahre 1856 statt. Von da an wurde die Dauer der Engelweihe

auf 8 Tage herabgesetzt. Aus Dankbarkeit für den guten Verlauf

des jetzigen Stiftbaues führte Abt Thomas im Jahre 1729 die

sogen. "Kleine Engelweihe" ein, die am 14. September jeden

-jabres gefeiert wird. Der genaue Beschrieb, dieser gediegenen

kirchlichen Feier, die im Pilgerverkehr immer als sogen. Stoßtag

gilt, ist in der Wallfahrtsgeschichte von Dr. P. Odilo Ringholz

ersichtlich. Hier handelt es sich nur darum, einen Blick auf die

nächtliche Beleuchtung des Dorfes zu werfen.

Wenn gegen 8 Uhr abends die Glocken von den Türmen läuten,

die Klosterleute die Ampeln an der Klosterfront und am Altar

auf dem' Hauptplatze anzünden und in der Kirche Konvent und

Volk sich zur Lichterprozession besammeln, die sich in frühern

Jahrhunderten vom Kirchenportal zwischen 2 Reihen Fakeln am

Frauenbrunnen vorbei zum Altar vor dem Rathaus bewegte, beleuchten

die Häuserbesitzer alle Bauten, die den Hauptplatz umgeben.

Bis um 1900 herum benutzte man runde Gläser, die mit

Brennöl gefüllt und mit einem Docht versehen waren. An der

Großen Engelweihe" beleuchten die Häuserbesitzer an der Hauptstraße

auch ihre Bauten. Ursprünglich, d. h. bis um 1870 bediente

man sich kleiner cubischer Lehmklötzchen, in die man

eine kleine Wachskerze steckte. Von da an brannten die Hafner

kleine Kerzenstöcklein mit einer Tropfrinne. Man benutzte Kerzehen

aus Stearin oder Composition, für den einmaligen. Brand die

4oer, für den zweimaligen Brand die 24er. Seit ungefähr 1900

sind die rundlichen Glasampeln gebräuchlich, die mit einem

Paraffinpflock versehen werden. Die 4 bis 5 übereinanderliegenden

Lichterreihen. die mit der gerundeten Linie des Hauptplatzes und

der elegant ansteigenden Linie' der Hauptstraße übereinstimmen,

machen in der Dunkelheit einen überwältigenden Eindruck. Die

vornehmste Wirkung wird erzielt, wenn man senkrechte Linien

und farbige Lichteffekte vermeidet, Straßen-, Wirtschafts- und

Schaufensterlaternen ausschaltet. Während der Dauer des Millenariums

wurde die Beleuchtung des Hauptplatzes und der Hauptstraße

nicht nur an der Engelweihe, sondern auch an einigen

andern kirchlichen Festen durchgeführt.

94


44. Die sogen. Standeskerze des Bezirkes Einsie-

DeI n. Die Stiftsarchivaren Dr. P. Odilo Ringholz und P. Rudolf

Henggeler haben die Geschichte der sogen. Standeskerzen, jener

in der "Wallfahrtsgeschichte" und dieser in den "Mariengrüßen oC

niedergeschrieben. Dort ist auch das Wesentliche über die Standeskerze

des Bezirkes Einsiedeln zu lesen. Auf das Millenarium des

Stiftes und der Waldstatt Einsiedeln 934-1934 haben Bezirksrat

und Volk von Einsiedeln dem hiesigen Heiligtum nach einem

Unterbruche von ungezählten Jahrzehnten wieder einmal eine

Standeskerze gestiftet. Sie wurde vom Bezirksrat feierlich übergeben.

Der Bezirksläufer trug sie an der Spitze des Rates. Die

Standeskerze ist mit dem Waldstattwappen in spätgotischer Ausführung

geziert. Am Schlußfeste des Millenariums vom 14. Okt.

1934 trug sie, wiederum der Bezirksläufer, gefolgt vom Bezirksrat

an der Spitze der andern Standeskerzen, in feierlicher Prozession

von der Kirche über den Hauptplatz und durch die Hauptstraße

bis zur St. Meinradsstatue am Bahnhof und zurück in die Stiftskirche.

Am Millenarium hat die Zahl der gestifteten Standeskerzen 26

erreicht: Sie übertrifft alle vorherigen Stiftungen. Die Standesund

Ortswappen, die die Kerzen zieren, wurden vor der Uebergabe

auf ihre heraldische Richtigkeit geprüft und da wo nötig

befunden, revidiert. Sie wurden vor dem Gitter des Dreifaltigkeitsaltars

in zwangloser Reihenfolge aufgestellt. Hier die Stifter:

Bezirksrat und· Volk von Einsiedeln, Regierung und Volk von

Schwyz, Regierung und Volk von Uri, Regierung und Volk von

Nidwalden, Regierung und Volk von Obwalden, Kath. Volk von

Zürich, Regierung und Volk von Luzern, Regierung und Volk

von Zug, Regierung und Volk des kath. Glarus, Regierung und

Volk von Freiburg (deutscher Teil), Regierung und Volk von

Freiburg (französischer Teil), Kath. Volk von Basel, Kath. Volk

von Appenzell I.-Rh., Kath -,Yolk des Aargaus, Kath. Volk des

Thurgaus, Regierung und Volk des Wallis, Kath. Volk von

Solothurn, Stand St. Gallen, Stand Tessin, Stadtrat und Volk

von Rapperswil, Kath. Volk von Baden (Aargau), Volk von

Menzingen, die schweiz. Terziaren, die päpstlichen Schweizer-

.gardisten von Rom, Regierung und Volk des Vorarlberges und

St. gallischen Rheintals, Regierung und Volk von Liechtenstein.

Die Mehrzahl- der Standeskerzen stammen von Wachsmodelleur

Emil Schnyder in Einsiedeln, einige von Wachsmodelleur Hermann

Lienert in Einsiedeln und eine von Wachsmodelleur Herzog in

Sursee.

45. Aus ruf e r. Der Ausrufer ist hier in einer Person auch Dienstmann.

Er wird häufig "Expreß" genannt. Seine Stelle wird amtlich

.zum Bewerb ausgeschrieben. Der kleine Ueberrest an Originalität

. 95


liegt in seinen Verrichtungen. Solche Verrichtungen sind das

Ausrufen von Kaufgelegenheiten, z. B. Gemüse und Obst im

Sommer, in der Fastnachtszeit Blut- und Leberwürste, in der

Fastenzeit Meerfische, an den sog. Stoßtagen (Tage großen Pilgerandranges)

die Aufforderung zum Anmelden leerer Hotel- und

Privatbetten, bei andauernder Hitze oder Kälte Abstellen des

Trinkwassers der Bezirkswasserversorgung, die Anzeige verlorener

Wertsachen usw. Bis um 1855 mußte der Bezirksweibel amtliche

Erlasse ausrufen. Das geschah in der Regel am Sonntagmorgen

nach der Pfarrmesse. Ein Trommler begleitete ihn. Zuletzt war

es ein Dorffaktotum, genannt "Barabas", der die Trommel schlug.

Noch um jene Zeit präsentierte sich der Ausrufer als eine heimelige

Figur. Er trug eine farbige Mütze, genannt Dächlichappe,

eine lange Bluse und einen Riemen um den Leib. In der Hand

hielt er eine Schelle. Heute folgt er dem Weg der faden neuzeitlichen

Uniformierungsmanier, genau wie die Briefträger, der

Musikant, der Postillon, der Landjäger, der Wächter usw. bis

sich, wovon uns Gott bewahre, alle des Alltagskleides bemächtigen

und ihre Bestimmung noch etwa mit einem Metallschildchen oder

Zeichen am Hut verraten lassen. Diese Sache ist dekadent und

das besonders, weil ausgerechnet unser Staat der Originalität kein

Auge weiht. Man behafte mich dafür. Keinem dieser Faktoten

kann nachgesagt werden, er müsse sich den Anforderungen der

Feldmäßigkeit unterziehen, wie z. B. dem Soldaten. Ihre Auffälligkeit

hat sogar praktische Vorteile.

Vom Ausrufen des Kabis ist folgende Melodie überliefert. Um die

Wirkung zu verstärken, hielt der Ausrufer die Hände trichterförmig

an den Mund.

, J J J J J J J .~

JJ-

"Ver das schö-ne Cha - bis wel chau- fe där söl zuo's

~

3 :s j J j J J it J J J e§BJ

Pi - e - ssä Li - se-beth ab - ä la.u- fe, s'Häut-li zwei Ba - tze

Noten von Alois Weidmann

Das Ausrufen von Waren auf den Dorfstraßen ist seit einigen

Jahren amtlich verboten. Die Verkäufer dürfen ihre Anwesenheit

nur mit einern Glockenzeichen ankünden.

46. Pi 1ger b r ä u c h e. Viele Pilger, jung und alt, trinken in der

Runde aus jeder der 14 Röhren des Liebfrauenbrunnens einen

Schluck Wasser. Da, wo sie beginnen, hängen sie einen Rosenkranz

oder ein Taschentuch um die Röhre. P. Odilo sagt in seiner


Wallfahrtsgeschichte, "Er habe nicht erfahren können, worauf

sich diese Uebung gründe, wahrscheinlich aber sei, daß die

Pilger trinken, weil sie dem Wasser Heilkraft zuschreiben und

irrtümlich glauben, es sei gesegnet". Es gibt auch Pilger, die

annehmen, dort habe der Brunnen des h1. Meinrads .gestanden.

Radegg hat der Heilkraft des Frauenbrunnens ein Gedicht gewidmet

(Geschichtsfreund X, Seite 185). Die Rapperswiler, deren

Kreuzgang nach Einsiedeln seit dem 17. Jahrhundert besteht,

nennen den "Frauenbrunnen" "KindIibrunnen", weil junge Frauen

sich von seinem Wasser Erfolg für die Mutterschaft versprechen.

Gegenstand der Verehrung war in früheren Jahrhunderten das

angebliche Handzeichen des Heilandes. Im Stein oberhalb der

Eingangstüre der frühem Gnadenkapelle waren 5 tiefe Löcher,

die aussahen wie Fingereindrücke. Die Pilger glaubten,. der Heiland

habe dieses Handzeichen eingedrückt und sie legten deshalb ihre

Finger in die Oeffnungen.

Beachtenswert sind die Bußübungen vieler Pilger. In frühem

Jahrhunderten steckten sie Erbsen oder Steinehen in die Schuhe,

um das Pilgern schmerzlich zu gestalten. Andere Pilger legten die

letzte Wegstrecke, z. B. vom Etzel oder vom Katzenstrick bis zur

Kirche auf den Knien zurück. Es geschieht heute noch, daß

Pilger nüchtern wallfahren.

Bis ums Jahr 1850 war es Gewohnheit der Pilger, in die Ritzen

der Feldkreuze und Bildstöcklein kleine Kreuzlein zu stecken.

Sie formten diese Kreuzlein von aufgelesenen Holzstücken. Das

letzte Holzkreuz, in dessen Fugen noch Dutzende von Kreuzlein

steckten, war das auf dem Schnabelsberg. Seit zirka 1860 steht

dort ein Eisenkreuz.

Als frommer Brauch der Pilger muß auch ihre Gewohnheit angesehen

werden, Rosenkränze, genannt "Dreißiger", Krücken,

Fesseln, in frühem Jahrhunderten sogar Kanonenkugeln usw.

an der Rückwand des Kirchenschiffes aufzuhängen. Die Pilger

dankten der Muttergottes für ihren Beistand.

Weiteres über die Wallfahrtsbräuche vernehmen wir von Dr. Linus

Birchler in "Schweizer Volksleben" (Prof. J. Brockmann, Rentschverlag,

Erlenbach).

"Neben den eßbaren Schäfli werden in .Einsiedeln auch Agnus

Dei aus Wachs oder Metall hergestellt. Doch leider treten heute

billige Reiseandenken aller Art in recht geschmackloser Aufmachung

weitaus in den Vordergrund. Zu den früheren Wallfahrtsandenken,

die P. Odilo Ringholz, O. S. B., beschrieben hat, gehörten

vor allen Erkennungsmarken, die sichtbar auf die Kleider

oder Hüte aufgenäht und zu Hause sorgfältig aufbewahrt wurden.

Schon im 14. Jahrhundert wurde eine Marke, den Märtyrertod des

heiligen Meinrad darstellend, in Blei gegossen und den Pilgern

überlassen. Mehrere Denkmünzen und Medaillen ließ das Stift

97


selber schlagen und verkaufen oder schenkte sie an hervorragende

Pilger. Manche Einsiedler Medaillen sind aus Flüssen, so zum

Beispiel aus der Seine, ausgebaggert worden, warfen doch die

Gläubigen bei Hochwasser geweihte Medaillen in Bäche und

Flüsse.

Ein heute vergessenes Wallfahrtsandenken sind die kleinen silbernen

Wetterglöcklein, die geweiht und mit dem Gnadenbilde in Be-.

rührung gebracht worden waren. Sie waren recht klein, besaßen

nur drei Zentimeter Länge und dreieinhalb Zentimeter Breite,

Mit solchen Glocken läuteten die Gläubigen bei Wettergefahr.

Noch heute haben in Einsiedeln geweihte Glocken einen Ruf:

Aus Schwaben einreisende Pilger suchen sich solche zu erwerben,

Da sie keine finden, nehmen sie schließlich mit einer gewöhnlichen

Schelle vorlieb und lassen diese weihen. Das Wetterläuten

der Kirchenglocken kommt heute auch in kath. Gegenden außer

Uebung und es wird dann durch das Läuten mit kleinen Schellen

ersetzt. Massenhaft werden noch jetzt Nachbildungen des Gnadenbildes

Unserer Lb. Frau von Einsiedeln verkauft, leicht kenntlich

an dem barocken weißen Kleide, das die Kleidung am österreichischen

Hofe um 1800 zum Vorbild hatte. Das Kloster hat

die Herstellung solcher Nachbildungen um 1798 den Waldleuten

überlassen und besonders die Schwaben nehmen sie gerne als

"Kindie' 'mit. Auch um dieses Wallfahrtsandenken werden sie

von Kindern angebettelt. Selbst protestantische Kinder von Zürich

suchten von den wandernden Pilgern solche zu erhalten und

nannten sie "Schwabengötzli". (Näheres auch im Abschnitt

"Pfingstbräuche").

Die Pilger nehmen nicht nur diese und viele andere volkstümliche

Andenken mit nach Hause, sondern sie erwerben auch, bevor sie

die Kirche betreten, Kerzen und Wachsfiguren, die Kinder, Köpfe;

Herzen, Hände, Füße, Rinder, Pferde und ähnliches darstellen,

um ihren Anliegen und Gebeten einen bestimmten Ausdruck zu

geben. Nach dem Gottesdienst werden die Wachsfiguren an den

Altargittern aufgehängt. Sie erinnern uns an die Tausende vori

Votivgaben und -tafeln, die an den seitlichen Kircheneingängen

aufgehängt sind und uns so recht in die Volksseele hineinsehen

lassen.

Oft genug versuchten die Pilger, Oel aus der Lampe, die vor

dem Muttergottesbildbrennt, zu erhalten. Das Kloster, später

das Pfarramt Einsiedeln, gaben solches Oel in versiegelten Fläschchen

ab. Es wurde zum Einreiben bei Krankheiten, viel seltener

zum Brennen verwendet. Ist dieser Brauch verschwunden. so lebt

im Volke noch die Idee weiter, daß dem Wasser des Brunnens,

von dem der heilige Meinrad getrunken haben soll, eine besondere

Heilkraft zukomme, eine Meinung, die auch der heutige

Pilger noch hegt. Von dem Frauenbrunnen vor dem Kloster


trinkt er dreimal aus jeder der vierzehn Röhren oder sammelt

das Wasser in einer Flasche, die er schüttelt, ehe er davon genießt.

Häufig wird auch dies Wasser mit nach Hause genommen."

Kranken Pilgern werden. die Josefsringe angeboten, die Krampf

und Gicht beseitigen sollen. Gelungene alte Wallfahrtsandenken

waren die gestochenen oder in Holz geschnittenen Einsiedler-

Helglein, die Schnecken mit den Klosterfrauenfigürchen aus'

Wachs darin, die zierlichen Muttergottesfigürchen aus Wachs

unter kleinen Glasglocken, die vielfarbig bossierten Wachsrodel

und Wachskerzen (früher aus Unschlitt) und die "Stecken" (Pilgere'

stäbe). Wer sich kostenhalber etwas Apartes leisten konnte, ließ

gelegentlich ein Miniaturwachsportrait durch die Künstlerfamilien

Birchler oder Kuriger anfertigen.

Von allen Wallfahrt san denken stehen die Gebetbücher und Rosenkränze

und Medaillen im Vordergrund des Interesses. Die über

30 Gebetbücher des P. Cölestin Muff verzeichnen allein eine

Auflage von gegen 500,000 Exemplaren. Rosenkränze werden in

über 100 verschiedenen Mustern angeboten. Die "Bätlin-Trayer"

(Betlifaßer) waren im 17. Jahrhundert so zahlreich, daß sich

1688 die Meister verpflichteten, IO Jahre lang keinen Jungen das,

"Bätlintrayen" zu lehren. Die Medaillenpräger, "Zeichelinmacher",

genannt, hatten immer Arbeit. In frühern Jahrzehnten galten die

"Zeichelin" als Beglaubigung für ([ie gemachte Wallfahrt nach

Maria- Einsiedeln.

Leider hält es schwer, gediegene Wallfahrtsandenken reibungslos

zu verkaufen, da die Billigkeit in der Regel eine größere Rolle

spielt, als Originalität und Kunstwert. Man hat schon verschiedene

Male versucht, den Geschmack der Pilger anzuregen, indem man

.auf Kongresse hin und neuestens für die Tausendjahrfeier künstlerisch

hochstehende Wallfahrtegegenstände auf den Markt

brachte. Ich erinnere an folgende: Das Hausaltärchen in Terra-,

cotta der Bildhauerin Severina Lienert, ein Kongreßmedaillon mit

der gotischen Madonna und dem Stiftsfigill von der gleichen

Künstlerin, die Kruzifixe, Weihwasserkesseli, Statuen usw. in.

Keramik der Lukasgesellschaft, die gotische Madonna der Kunstkeramik

in Luzern, die Muttergottes-Plakette in Gips mit dem

neuen Ausstellungskleid und eine gleichartige Muttergottes-Statue,

beide in Aachen gegossen, das Medaillon von Prof. Zutt für die.

Tausendjahrfeier, das Gnadenbild in rotem Wachs, goldverziert,

Talerform und der hl. Meinrad mit dem Gnadenbild auf einer

övalen farbigen Wachs plakette, beide von Bildhauer Röhrig-

Lienert, das Medaillon für die Tausendjahrfeier des Kunstmalers,

Eduard Rickenbach, die Muttergottes-Statue aus dem Atelier,

Bernhard Schädler's nach einem alten Modell Peter Ochsners,

rechteckige gebrannte Plaketten mit dem Muttergottesbild, runde

Plaketten in Silber-, Messing-, Kupferimitation, ebenfalls mit dem

Muttergottesbild.

99


Die Wallfahrtsandenken werden in zahlreichen Läden am Hauptplatz,

an der Haupt- und Schwanenstraße, in den sog. Kramgassen

vor der Kirche, in den Sonnen-, Ilgen-, Pfauen- und Briielständen,

in den Hausläden zahlreicher Gasthöfe und in den

Ständen am Pilgerweg zum Frauenkloster "in der Au" verkauft.

Von den letzteren, die diesen Pilgerweg heimelig machten, sind

leider infolge des Pilgerrückganges die meisten aufgegeben worden.

Wenn keine Pilger des Weges kommen, sitzen die Verkäuferinnen

vor ihre Stände, biegen mit der Zange den geschmeidigen

Draht und stecken Ringeli, Perlen und Zeichen daran.

Das nennt man "Betlifassen".

47. Bi t t- un d Kre uzg änge de r Pfarrei Ei nsi edel n.

Das Volk von Einsiedeln macht jährlich drei Gemeinde-Bittgänge,

einen in die Kapelle auf der Etzel-Paßhöhe, einen in die Kapelle

von Biberegg und einen in die Filialkirche von Euthal. Früher

pilgerten die Gemeinden Lachen, Freienbach und Einsiedeln am

St. Johannstag gemeinsam, auf den Etzel. Dem Bittgang nach

Biberegg ist derjenige nach Steinen, dem nach Euthal derjenige

nach Oberiberg vorausgegangen. Im 17. und 18. Jahrhundert

wallfahrteten die teilnehmenden Geistlichen und Ratsherren zu

Pferd. Es ist das aus Kirchenrechnungen ersichtlich. Heute wallfahren

alle Teilnehmer zu Fuß. Die Zugsordnung ist folgende:

An der Spitze in der Mitte der beiden Einerkolonnen geht ein

Bub mit der Sammlungsglocke in der Band, an der Spitze

der rechten Einerkolonne der Kreuzträger, an der Spitze der

linken Einerkolonne der Fahnenträger. Hierauf folgt die männliche,

dann die weibliche Jugend, zwischen den Einerkolonnen

Lehrer und Lehrschwestern. Dann schließen sich die Männer

an, an ihrer Spitze die Mitglieder des Bezirksrates. Den Schluß

des Bittganges bilden die Frauen. Der Ortspfarrer geht in der

Mitte der beiden Einerkolonnen der Männer. Die Feier besteht

aus einer hl. Messe mit Predigt. Es wird ein Kirchenopfer aufgenommen.

Nach der kirchlichen Feier verpflegen sich die Wallfahrer

in umliegenden Wirtshäusern und kramen Eierröhrli,

Krapfen und Bohnen heim. Im Jahre 1776 erließ der Rat ein

Verbot an hausierende Frauen, den betenden Wallfahrern in

geschlossener Kolonne Lebkuchen und Krapfen nachzutragen und

anzubieten. Der Handel hatte in Zudringlichkeit ausgeartet. An

seinen alten Brauch erinnert noch heute die Gepflogenheit, sich

auf dem Rückweg von Biberegg auf dem Katzenstrick und auf

dem Rückweg vom Etzel in den dortigen Wirtschaften mit Eierröhrli,

Krapfen und Bohnen zu versorgen, um sie heimzukramen.

Für den Heimweg werden Kreuz und Fahnentuch von den Trägern

in eine Holzschachtel bezw. in ein Blechrohr verpackt und an

Riemen auf dem Rücken getragen. Die Stangen werden geschul-

100


tert. Die Zugsordnung bleibt die gleiche, wie bei der Ankunft.

Die Wallfahrt der Viertels-Kirchgemeinden in die Stiftskirche

findet jedes Jahr 14 Tage nach Pfingsten, in der Regel am

Dienstagmorgen statt.

Das Volk nennt den Bittgang, bezw. Kreuzgang "äs Chrüüz",

Das geschichtliche Material über die Einsiedler Kreuzgänge ist

in folgenden Werken verwertet: .

"Mitteilungen des historischen Vereins des Kt. Schwyz", 21. Heft

(1910), Ringholz, "Beiträge zur Ortskunde der Höfe Wollerau und

Pfäffikon im Kt. Schwyz" und "Kirchliches aus Einsiedeln" Seite

33 "Die Bitt- und Kreuzgänge der Pfarrei Einsiedeln" Seite 137.

Faßbind's Manuskript "Religionsgeschichte" 4. Band, Seite 270

usw. Dettling "Die Bittgänge von und nach Jberg und das

Kirchenopfer" bei M. Theiler Wollerau 1930.

48. Der T u r ben zeh n t e an die Kap u zi n e r von ~ a p p e rsw

i 1. Es handelt sich nicht um eine verschriebene, sondern um

eine freiwillige Zehnte, also um ein Almosen. Die Patres Kapuziner

lassen gleich nach Neujahr durch einen ihrer Obern die

Familien von Einsiedeln besuchen und nehmen von ihnen einen

kleinen Barbetrag entgegen. Früher erhielt das Kloster seine

Almosen in Naturalien. Bauern vom Horgenberg und Birchli tragen

je einen oder zwei Körbe Turben zusammen. Einer unter ihnen

organisiert das Aufgebot einiger Bauern, die Zugtiere besitzen. Die

Turben werden am vereinbarten Tag in Bännen verladen und

dann bewegt sich die Turbenfuhr mit 3 bis 4 Gespannen über

Schindellegi nach Rapperswi1. Einige andere Bauern begleiten die

Fuhren und helfen, in Rapperswil angelangt, abladen und eintragen.

Der Brauch greift ins 17. Jahrhundert zurück. Das' älteste

Wohltäterverzeichnis des Kapuzinerklosters nennt um das Ende

des 17. Jahrhunderts folgende Geber: Den Abt, das Stift, ]ütz zum

"Weis sen Wind", Kantzler Heinrich Latzarus, Vogt Gyr und dessen

Sohn Säckelmeister Gyr zum "Ochsen". Der alte Brauch, den

Kapuzinern im Frühling Frösche und Schnecken zu bringen, besteht

heute noch.

Wenn der P. Kapuziner im Auftrage seines Klosters die hiesigen

Familien besucht, frägt er freundlich nach den Kindern und

schenkt ihnen ein sog. "Amedeli" . Das Amedeli kennt man anderwärts

unter dem Namen "Teufel~jägerli'\ Es ist ein farbiges Stoffsäckli

in der Form eines Herzchens, das mit Sagmehl gefüllt, oben

mit einer Oese und unten mit einem Seidenzütteli versehen ist.

Man sagt, der Name erinnere an den h1. Amadeus. Nach einer

andern Auslegung scheint das nicht zuzutreffen. .Arnadeli" sei

vielmehr eine mundartliche Bezeichnung für "Amulett". Es gibt

viele heidnische Amuletts. Um diesen entgegenzutreten, läßt die

katholische Kirche, hauptsächlich durch die Patres Kapuziner, die

101


den Kitsch abergläubischer Bauern zu bekämpfen Gelegenheit

haben, Medaillen; Agnus Dei, und Kräutersäckli segnen. Die

Kinder hängen die "Amedeli" an die Halsketteli. Die Erwachsenen

legen sie kranken Angehörigen unter das Kopfpolster der Betten.

Das Volk glaubt zuversichtlich, die gesegneten "Amedeli" die an

den Beistand Gottes erinnern; 'bringen Heilung und Gesundheit.

Die Patres Kapuziner teilen den Kindern seit Alters her auch sog:

"Huchhelgli" aus. Sie sind aus farbigem Cellulosepapier verfertigt

und mit einem Heiligenbild bedruckt. Wenn man das Helglein

behaucht, rollt es sich auf. Hieher rührt der Name "Huch·

<helgli". '

:49. Ha u si n s c hr if t e n, Haussegen und Wettersegen

Die bekannten Hausinschriften in der Bündt, im Berner Oberland

und im Oberwallis bestätigen den Glauben des Volkes an Gott

und die Liebe zur heimatlichen Scholle. Sie werden in der Regel

über den Haus- und Stalltüren in die Balken eingekerbt oder in

'die Mauer eingemeißelt, Hierzulande sind solche Hausinschriften

eine Seltenheit. Das große Siedlungswerk im Sulzel, auf dem

Altenberg und um den Waldweg, das unter der bewährten Leitung

des Professors Bernhard und mit Beihilfe der Siedlungskommission

des Bezirkes Einsiedeln erstanden ist, hat gewisse kulturelle Fortschritte

gebracht und unter anderm auch das Interesse des Volkes

für idealere Heimverhältnisse angeregt. Jüngst haben sich, ganz

unerwartet, Käufer von Siedlungen mit dem Gesuch gemeldet,

man möchte ihnen den Text für eine gute Hausinschrift verschaffen.

Otto Hellrnut Lienert hat sofort einige Texte aus dem

Aermel geschüttelt und sie zur freien Wahl gestellt. Sie lauten:

Sy eigi Grund und Bode,

Im schöine Schwyzerland,

'Wer wett si do nüd rohde,

Für d'Fryheit und sy Stand!

D'Sunne im Schybli,

Gro Wulche und Glanz,

Die wächsled im Läbe,

Wie d'Päärli bim Tanz.

I hange amym Hüsli,

Aes wien ä Schnägg am Chüüs,

Aes wien ä Burst, am Gspüsli

Und d'Herelüüt am Zys.

Wänn's dusse wohl will

Und dinne guet goht,

Sä weißt me, as's Hus

'Am rächte Platz stoht,

·102


Nu alemol um d'Lanzigzyt,

Sä stellt me d'Maieuse

Und dorffed im 'ne Schwyzerhus,

Dr Gspüslig mit dr Gspuse.

Was Sunneschy fürs Aerdeland,

Ist für ne's Hus dr Fride,

Drum sägnis's Ueserherrged's Hand,

Biwahr's vor Chrüüz und Lyde.

Der neue Brauch, an' Häusern und Ställen fromme oder fröhliche

Inschriften anzubringen, ist lobenswert und darum wird er hier

auch vorgemerkt.

.'

Die alten Haussegen und Wettersegen vergilben, die früher in

vielen Bauernhäusern entweder an der Stubentüre oder an einer

Schlafzimmerwand aufgehängt und bisweilen vor der versarnrnelten

Familie als Abendgebet gelesen wurden. Wenn man nach;

ihnen frägt, heißt es, man wolle nachsehen, ob irgendwo noch

einer herumhänge. Daraus kann man schließen, daß man sich

angewöhnt hat, ohne sie schlecht und recht auszukommen. Der

gegenwärtige harte Kampf um das wirtschaftliche Bestehen des

Einzelnen ruft der Einsicht, daß es schon viel bedeutet, Dach und

Fach als Eigentum zu .besitzen, wenn auch in keinem Falle

schuldenfrei. So sagen wir denn, "Die Weisheit des Haussegens

krönt das Realistische des Kaufbriefes".

Ein Haussegen und ein Wettersegen, die hier noch einigermaßen

bekannt sind, sollen kurz beschrieben sein:

Der Haussegen ist dem 111.Apostel Jakobus gewidmet. Er ist mit

7 Kupferstichbildern geschmückt, die Gottvater, Sohn und Heiliggeist,

Jesus, St. Joseph, Sta. Maria, einen Erzengel, Iesus den

Gekreuzigten und die Heiligen Kaspar, Melchior und Balthasar

darstellen. Im Text werden Christus und die genannten Heiligen

um Barmherzigkeit für das Hausvolk und Segnung von Speise.

und Trank, Vieh und Früchten und Schutz vor Pest, Fieber, Wasser,

Feuer, Ungewitter und Uebel gefleht. Das Schlußgebet lautet:

Unter Deinem Schutz steht dieses Haus,

Jesus, Maria, Joseph!

Glücklich, die oft sprechen aus:

Jesus, Maria, Joseph!

Behüt dies Haus vor Pest und Brunst,'

jesus, .Maria, Joseph!

Vor Zauberei, Unheil und Mißgunst,

Jesus, Maria, Joseph I

Gebt über uns den Segen allezeit,

Jesus, Maria, Joseph!

Nach diesem Leben die ewige Freud,

Jesus, Maria, Joseph!

1°3


Dieser Haussegen stammt aus dem Jahre 1867. Er wurde bei

Joseph Eberle in Einsiedeln gedruckt.

Der Wettersegen ist als "Bericht des Ursprungs und Kraft dieses

Wettersegens" überschrieben. Dann folgt der Beschrieb des Ursprungs

in einern Kloster bei Lissabon im Königreich Portugal.

Anschließend folget das Gebet oder Segen wider das Hochgewitter".

Am Fuße ist ein Bild des Gekreuzigten mit den beiden

Schächern und Maria Magdalena und Marta abgedruckt. Der

Wettersegen stammt aus dem Jahre 1858. Er wurde in Einsiedeln

gedruckt.

50. Klausenlaufen und Infelntragen. Es beginnt in der

Zeit um das Fest des hl. Nikolaus. Der Samichlaus im langen,

weißen Faltengewand mit der großen kerzenbeleuchteten Jnfula

auf dem Kopfe ist die Hauptperson. Um ihn reihen sich zwei oder

drei wildbärtige Waldbrüder, die von einer schwarzen Kutte mit

Kapuze umhüllt sind und eine Birkenrute in der Hand tragen.

Beim Zunachten besucht der Samichlaus die Wohnung derjenigen

Kinder, denen er etwas schenken will. Voll Ehrfurcht erwarten ihn

die Kleinen auf den Knien, indern sie beten oder weinen. Er befragt

die Eltern nach dem Betragen, während die Waldbrüder murrend

und polternd den Kleinen Furcht einflößen. Bald öffnet sich

dann der Quell kindlicher Freude, weil der Samichlaus zumeist

befriedigende Auskunft erhält. Er beschwichtigt die. Waldbrüder

und teilt den Kindern Nüsse, Lebkuchen, Schafböcke, Birnenweggli

und Züpflli aus. Nachher verzieht er sich feierlich und mit

Geräusch.

Es ist schon vorgekommen, daß der Samichlaus die milde Würde

seiner Rolle einen Augenblick vergaß und sich zu menschlich

umtat, indern er den Waldbrüdern, die trotz Geheiß zu wenig

lebhaft murrten und stampften, erbost zurief: "Murred ä chli,

ihr Chaibe".

Der Samichlaus besucht jeweilen auch unsere Kleinkinderschule.

Die Kleinen empfangen ihn mit einern Gedichtlein, das folgendermaßen

lautet:

Wer lauft det mit so schwäre Schueh

Und schlot so schreckli Türe zue?

Mis Härzli chlopft so viel es mag,

Hüt ischt halt Samichlausetag.

Der Chlaus chunt usern finstre Wald

Er ischt scho mängs Johrhundert alt.

Im Summer bacht är gueti Chueche,

Im Winter ehunt är üs cho bsueche ..

Au je, hüt got's nu Mängem schlächt,

Wo nüd hät chönne folge rächt.

I04


Mir ischt äs bitzli Angst derbi,

Bi nüd allewil ordli gsi.

o liebe Samichlaus, ich bitt"

Nimm mi dasmol nu nüd mit,

Gib mir vo dine guete Sache

Und 's nächst Jahr will is besser mache.

(Verlaßt von Schwester Lena, Lehrerin).

Zur Klauszeit trugen die Buben bis 1900 bei einbrechender Nacht

rote, blaue oder grüne Infeln, die von einer Kerze beleuchtet

waren, an langen Stecken in den dunkeln 'Seitengassen herum, um

-die kleinen Kinder an das Nahen der Klauszeit zu erinnern. Diese

Infelnträger wurden aber von andern Buben, die es auf das

Zertrümmern der Papierhüllen abgesehen hatten, verfolgt. Ein

Amtsverbot machte diesem Brauch ein jähes Ende. Das Infelntragen

ist ein Nachklang des Klausjagens.

5 I. Dem W ei h n ach t ses e l e i n Heu leg e n. In mancher

Haushaltung war es bis um 1900 herum üblich, daß die Kinder

einige Abende vor der Weihnachtsbescherung dem Eselein, auf

dem die Mutter Gottes mit dem Christkindlein geritten kommt, ein

Häuflein Heu legen mußten. Die Kinder fragten in der Regel aus

eigenem Antrieb, ob sie Heu holen dürfen. Sie bettelten dann bei

-einem Viehhalter in der Nachbarschaft um eine Hampfle (wört-

Iich eine Hand voll) Heu und legten sie im Erdgeschoß sorgfältig

hinter die Türe. Damit das Heu dem Eselein munde, streuten sie

einwenig Salz darüber. Mit diesem Brauch war da und dort ein Ulk

verbunden, nämlich der Muttergottes einige Weggli und dem

Vater Josef ein Glas Wein bereit zu stellen. Jn der letzten Nacht

vor der Bescherung entfernte die Mutter das Heu, weshalb die

Kinder glaubten, das Christkindlein sei eingekehrt und das Eselein

'habe das Heu gefressen. Wein und Weggli mundeten irgendeinem

dienstbaren Geist im Haus. In diesem Zusammenhang ist folgendes

Sprüchlein aus dem Ende des 19. Jahrhunderts bekannt:

, Härzigs Aengeli,

Rosestängeli,

Wär i bi dir inne!

I han äs Weggli,

Im Hosetäschli,

I ha dr's welle bringe.

Ueber die Weihnachtsstimmung in unserem Hochtal äußert sich

Meinrad Lienert in einer Zeitungsplauderei folgendermaßen:

"Ueber die Weihnachtszeit überströmt die Leute eine Friedensstimmung.

Der Hausvater schlüpft in einen warmen "Günsch" und

brummt behaglich auf der Ofenbank, wie ein Bär, der Honig wittert.

Und die Hausmutter hegt das pfändli und rüstet auf den

N. Tag einen "Liengs Schwynigs", an dem sich ein Tisch voll


lebender Wesen einmal gehörig "vernüeyere" kann. Das Maitli

aber mischt ein Rosoli, so rot wie eine brennende Liebe, für die

Nachtbuben. Die Buben im Dorf grächen dem Eseli Heu und die

Göflein begucken den roten Abendhimmel und rufen: "Muetter,

lueget, s'Chrischchindli tuet bache!" Um die Häuser weht's wie

stiller Friede und behagliche Ruhe und der peremptorische Rechtsstillstandbreitet

schonend seine Fittige aus über alle Händel und

Zahlungsbefehle" .

52. Culinarische Bräuche. Die Alten erzählten in den 60er

Jahren: "Albigs sammelten wir im Spätherbst dürres Buchenlaub,

trockneten es auf der Winde und stopften damit 'Säcke aus Jute

oder Kölsch oder selbstgewobenen Leinen und schliefen darauf

im breiten Auszugbett, oben wir Alten, unten in der Schublade

die Gofen. Wir steckten im Lanzig einen Plätz Gummel, gruben

sie im Herbstmonat nach Feierabend aus, kellerten sie in einer

Chrüze und taten uns .im Winter am Häbl (gekocht) gütlich.

Wenn sie vorzeitig aufgebraucht wurden, kauften wir aus dem

Schulstubenhärdöpfelspeicher auf dem Rathaus ein Viertel Ueberjährige."

Der gepflegte Kartoffelbau, der sich bis um I890 im Bezirk

Einsiedeln auf ungefähr 800 Genossenteile erstreckte, erinnert

stark an das Diktat der Selbstversorgung in den Hungerjahren

um I8I7 und an die einfache Lebensweise der Waldleute im verflossenen

Jahrhundert überhaupt. Rufen wir einige Zeugen an:

Zu Großvaters Haushalt wurden die Gofen allabendlich an den

runden KÜchentisch gerufen, wo sie geschwellte Gummel (gesottene

Salzkartoffeln) schälen mußten. Wenn sie dann hin und

wieder verstohlen einen Brocken in den Mund schoben, was der

Großmutter selten entging, sagte sie über den Tisch hin: "So,

issed nur druf los, ihr hend dä more die brötlete g'ha". Die

Tochter eines Handwerkers flüsterte dem Vater beim Mittagessen

zu: "Du Vatr, dr Gsell haut scho widr Brout ab". Ein

Bauer warnte die Magd am Küchentisch: "Iß nüd so viel Chäs

wie Härdöpfl l" Nicht umsonst wurde die Bedeutung der Kartoffelkost

hierorts lange mit dem Volksspruch : "Rächt Liit, rächt

Härdöpfl" zutreffend gekennzeichnet. Die Alten als "rechte Leute"

zu ehren, ist umsomehr begründet, als sie sogar die einfachste

Mahlzeit mit dem Gebet: "Gott sei Lob und Dank für Spys und

Trank" beendigten,

Was sich die Alten am Tisch selten gönnten, kann als zeitlich

gebundene "culinarische Bräuche" registriert Werden. Ihre Geltung

erstreckt sich auf Dreikönigen, Meinradstag, Fastnacht, Chilbi,

Chlaustag und Weihnachten.

Lassen wir uns die ortsüblichen Leckerbissen im Geiste auftischen.

I06


Schulkinder, die regelmäßig entweder geschwellte Gummel· oder

Rösti oder Stunggiszu essen bekamen, fragten die Mutter mit

bittender Miene, "Wän gits wiedr emoIl Ofeturli?". (Wörtlich ein

im Ofen gedörrter Fladen.) Die Antwort lautete "A Dry Könige

odr am Meiredstag". Das Ofeturlibesteht aus folgenden Substanzen:

21/2 Pfund geriebene Kartoffeln, 1/2 Pfund Weizenmehl,

1/4, Pfund Butter, etwas geriebenen Käse und Salz gemischt, geknetet,

ausgerollt, auf einem Blech gebacken und in kleine rechteckige

Stücke ausgestochen.

Das Ofenturli hat einen geschätzten Rivalen: die Chnöpfli mit

Suurchruut. Ihre Bedeutung kommt in folgendem Spruch zum

Ausdruck:

Gott Lob und Dank,

bi nümme chrank,

mag wieder äs Bitzeli ässe.

Ha us'me Viertl Chnöpfli gmacht

. und aIli suubr gässe.

(Viertel ist der vierte Teil eines Mütts Mehl.)

Begehrlichere Kinder erinnerten die Mutter an die letztjährige

Niedel mit den Worten "Muetter, tuest is am Meiredstag au wiedr

ä Niedle schwinge?" Die pünktliche Erinnerung an die letztjährige

zeigt, wie hoch sie geschätzt wurde. Je nach der Zahl der

'Familienangehörigen wurde beim Senn entweder eine "halbe"

oder eine "ganze" Niedei bestellt, geschwungen, mit feinem Zucker

bestreut und in Suppentellern aufgetischt. Wenn es hieß, "hüt

Obed gits ä Niedle" erschienen Kind und Kegel pünktlich am

Tisch. Zur Niedle wurden gern Hüppen (Waffeln) gegessen.

Die Hüppen sind ein altbekanntes Hausgebäck. Wir kennen

Hüppeneisen mit den Jahrzahlen 1564, 1740, 1751 usw. Sie sind

mit Familienwappen, z. B. demjenigen des Abtes Reimann, der

Gyr usw. oder mit feinen Ornamenten ciseliert. Ein altes Rezept

für Rosenhüppen lautet folgendermaßen: Zwen Eywiß zuo Schnee,

.2 Loth Zucker, 6 Loth Kernenmehl mit Rosenwasser verdünnt,

.schnell gebacken und um das Hölzlin gedreht. Der Vorgang ist

folgender: Weicher Teig aus Weizenmehl mit Zucker und Vanillepulver

in einer Schüssel anrühren, glühende Holzkohlen auf

einen Rost legen, die Glut mit dem Blasbalg unterhalten, Hüppeneisen

darauf legen, öffnen, einen Löffel voll Teig darauf gießen,

zudrücken, rasch öffnen, umkehren, flacher Teig mit dünnem

Rundholz wellen und kühlen lassen, Die Hüppen wurden um diese

Zeit von alten Frauen regelmäßig auch als Handelsware her-

.gestellt und hausiert.

Wenn es heißt "jetzt chunt d'Chuechlizyt" so weiß jedes Kind,

·daß entweder die Fastnacht oder die Chilbi gemeint ist. An

beiden Volksfesten herrschen Eieröhrli, im Volksmund "Eier-

1°7


ä

röhrli" genannt und Chuechli, Chrapfe und Bohne. Die stark gebutterten

Teige werden am Vorabend auf einem Brett gerollt,

bezw. geschnitten, bezw. geglieft (gliefen ist der fachtechnische

Ausdruck für Rundrnachen in der halbgeschlossenen Handballe)

und im Ofenrohr bei kleiner Hitze gebacken. Ein ganzes Eieröhrli

auf einmal zu bekommen, war für Kinder ein Ereignis. Hier das

Rezept für die Chilbichuechli: 1 Tasse Rahm, 3' Tassen Milch,

2 Eier, eine Handvoll Salz, alles mit ungefähr 21/2 bis 3 Pfund

Weiß mehl vermengt, bis ein weicher Teig entsteht.

Aus feuerpolizeilichen Gründen wurde 1736 das Kräpflimachen

sommerszeit nachmittags, bei Nacht aber das ganze Jahr verboten.

Nachdem die aus lauter Holzbauten bestehende Waldstatt

fünfmal ganz oder teilweise abbrannte und in 4- Fällen Unvorsichtigkeit

die Brandursache war, kann man die vielseitigen

amtlichen Vorschriften über das Heizen, Kochen, Sechten und

Waschen verstehen.

Die Hausfrauen obliegen dem Chuechlimachen mit großer Sorgfalt,

fast mit Aufregung und lassen sich wie beim Waschen und

Putzen nicht gern stören. Unser Haushalt jargon hat gleich eine

entsprechende Ausdrucksweise gefunden. Wenn jemand die Geduld

anderer unmäßig beansprucht, indem er sich lange "aufwarten"

(bedienen) läßt, sagt man zu ihm wehleidig: "prässier

chli, i -chuechle Dir nümme lang uf". An das Chuechle knüpft

sich auch der Spruch:

Domino,

wärist frouh,

hättist Chuechli überchouh.

Nach der Schneeschmelze, d. h. gegen Ostern ruckt die Zeit

der Frösche und Schnecken heran. Wenn man an regnerischen

Abenden den Wassergräben entlang und um die Tümpel der

Torfmoore Lichter aufleuchten sieht, weiß man, daß die Fröschner

.an der Arbeit sind. Die Froschschenkel werden in Privathäuser

und Wirtschaften verkauft. Man ißt sie gekocht oder gebacken.

Im Volksmunde nennt man die Gebackenen "Frösche i de Hose".

Zu Froschschenkeln werden gedämpfte Kartoffelmöckli aufgetischt.

Die Schnecken werden in der Regel in die Städte .zeliefert,

weil man sie dort _gut bezahlt. Die umständliche Zubereitung hält

manche Hausfrau ab, sie im eigenen Haushalt zu verwenden. Vierzehn

Tage vor Ostern gehen die Gitzihändler in die Haushaltungen

und bieten junge Gitzi zum Kaufe an. Dem Gitzibraten

setzte man früher viel Knoblauch zu.

An Namenstagsfeiern, die hierorts noch Geltung haben, werden

drei Festgebäcke bevorzugt, ja fast privilegiert, nämlich der

Gugelhopf, die Rosindli- und die Mandeltorte. Ein drei bis vierfränkiger

Gugelhopf ergötzt die ganze Tischrunde. So wie unser

108


'Einsiedler "Schilt", den wir später beschreiben werden, das geeignetste

Berufszeichen des Brotbäckers sein könnte, sollte der

Gugelhopf, dieses prächtige Stilgebäck, das allgemeine Berufszeichen

des Pastetenbäckers sein.

Der Gugelhopf war vor 1900 auch der willkommene Leckerbissen

der Erstkommunikanten und der Firmlinge.

Für gute Schulleistungen, fleißige Botendienste und sorgfältiges

Umgehen mit den Kleidern erhielten früher die Kinder als Belohnung

abends nach der Suppe einen "Anke brut ". Das ist "ä

Mocke Huusbrout" mit Butter bestrichen und feinem Zucker

bestreut. Ich kann mir noch lebhaft vorstellen, wie verdrießlich

es war, auf den "Anke brut" verzichten zu müssen oder gar ohne

Suppe ins Bett gewiesen zu werden. Diese Strafe war damals gäng

und gäb. Die Eltern bedienten sich nämlich mit Vorliebe retrograder

Strafmittel, indem sie für gutes Betragen nichts Ungewöhnliches

in Aussicht stellten, sondern für schlechtes Betragen

etwas Gewöhntes entzogen. Wenn vom "Ankebrut" die Rede war,

spielte auch das "Uufgsetzt Brot", in der Schriftsprache "Kopfbrot"

genannt, eine Rolle, Aus dem "uufgsetzte Brout" konnte

man "die gröschte Möcke schnyde". Das Kopfbrot ist unsere

älteste Hausbrotform. Vor dem Einschießen faßt der Bäcker den

zu 3 oder 5 pfündigen Langbrotlaiben gewirkten Teig mit beiden

Händen im obern Drittel an, indem er die Daumenspitzen gegen

die gestreckten Zeigfinger drückt, läßt die Teigmasse einen

Augenblick hängen, damit sie sich zieht, schwingt sie aber rasch

auf den Schüssel und legt den eingedrückten Drittel auf den

mittlern Drittel um. Das Kopfbrot hat die gleiche Eigenschaft wie

das Rundbrot, es bleibt länger frisch als das Langbrot.

Der Samichlaus schenkte uns jeweilen einen großen Teller voll

kleine Lebchueli, Baum- und Haselnüsse. Der Hergang ist (lern

verehrten Leser aus der einschlägigen Schilderung bekannt. Die

Läbchueli werden auch "Tirgel" oder "Tirggeli" genannt. Der

Name Tirgel ist wahrscheinlich von den gemächlichen Handgriffen

abgeleitet. Man sagt zu einer Person, die einen Gegenstand langsam,

fast ängstlich durch die Finger gleiten läßt und ihn drückt

und dreht "tirggle nüd ä so lang", was gleichbedeutend ist wie

"döckle" (schwyzerisch) oder "g'fätterle" (zürcherisch). Beim Läbchuelimachen

wird nämlich der aus Mehl und amerikanischem

Bienenhonig bestehende Teig mit dem Wällholz ausgerollt, mit

den Fingerspitzen auf eingeschnitzte Holzmodelle gedrückt und

dann auf ein Blech umgelegt.

Die religiösen Motive, wie St. Nikolaus, Geburt Christi, Maria

Verkündigung, Erzengel, Pelikan als Symbol der Eucharistie,

Jesulein usw., rechtfertigen die Annahme, daß die Läbchueli

schon im 15, oder sogar im 14. Jahrhundert bekannt waren.

Vielleicht wurden sie anfänglich in Klöstern gemacht. Die Modelle


verraten viel Kunstverständnis. Es gibt neue Modelle, die jenen

alten mehr oder weniger gut nachgemacht sind. Später wurden

auch Tiere, Blumen, Früchte, Spielkarten, Trachten, Krieger,

Wappen, Buchstaben und Zahlen (ausschließlich Antiqua und

altdeutsche Fraktur) auf die Modelle geschnitzt. Sie werden aus

Birn- oder Apfelbaumholz verfertigt. Am begehrtesten sind die

kleinen viereckigen und runden Läbchueli, weil die Mütter für

wenig Geld viele Stücke erhalten und so das Interesse der Kinder

vielseitiger. wecken.

Im Geschenkemachen überbietet das "Christchindäli" den Sami

chlaus" um das Mehrfache. Vor allem müssen die braunen und

weißen gefüllten Lebkuchen, im Volksmund "Läbchuoschybe"

genannt, gepriesen werden. Nach Dr. Linus Birchler werden sie

1550 zum ersten Mal erwähnt. Die Masse der braunen Scheiben

besteht aus Weiß mehl, Honig, Zucker und Gewürz als Hauptbestandteile,

die der weißen aus Weißmehl, Zucker und Eiern.

Die Füllung setzt sich aus Bienenhonig, geriebenen Mandeln, Zucker

und Gewürz zusammen. Das älteste Rezept dürfte das von Regierungsrat

Stefan Steinauer-Benziger "ztlO den drey Hertzen'

sein, dessen Rezeptbuch aus den 1850er Jahren stammt. Es

stützt sich auf alte Ueberlieferungen. Die Lebkuchen werden auf

Holzmodellen hergerichtet. 1894 schenkte mein Vater dem Landesmuseum

16 teils hölzerne, teils aus Ton gebrannte Modelle, die aus

dem 17. Jahrhundert stammen. Die ältesten zeigen religiöse Motive

wie Maria Verkündigung und die Flucht nach Aegypten. Nicht

viel jünger sind die Modelle mit Tier- und Blumenbildern, unter

andern ein sehr schön' gestochener Leu. Heute wird hauptsächlich

das Bild der Klosterfassade verwendet. Die Umrahmung zeigt

Tiere und Blumen.

Beachtenswert sind ferner die braunen und weißen gefüllten

Schlangen. Die flache Masse stellt eine rundgeformte Schlange

dar, die sich in den Schwanz beißt. (Ein uraltes Symbol der

Unsterblichkeit, sagt Dr. Birchler).

Auf Weihnachten machen die Bäcker "Birewegge", Eierzüpf" und

,.,Eierchränz", diese mit einer Rosette auf dem Schluß. Der geflochtene

Eierkranz wird bei uns vom Götti dem Göttikind zum

Gutjahr geschenkt. Das Göttikind weiß also, warum es nicht vergißt,

dem Götti rechtzeitig das "Gutjahr" zu wünschen. Die besten

Birnenweggen werden aus Blätterteig gemacht, der ins Gebäck

hinein gewickelt (Gegensatz umwickelt) wird.

Die soeben geschilderten culinarischen Bräuche finden in der

Herstellung des Wallfahrtsgebäcks eine lukrative Auswirkung.

Typisch sind vor allem die Schafböcke und die braunen und

weißen gefüllten Chräpfli.

Der Schafbock hat die Form eines runden Scheibchens, das einen

Rasenplatz darstellt, auf dessen Mitte ein Schaf ruht, Der billige

110


Teig ist aus Mehl und Chile- oder Havannahonig hergestellt. Die

Schafböcke werden weich gebacken, sodaß nur die Köpfe knusperig

sind. Die Schafbockbäcker verfertigen Stücke von .3 bis 15

cm. Durchmesser. Auf den großen Stücken ruhen zwei Mutterschafe

und zwei Junge übers Kreuz. Die besten Abnehmer sind

die Unterwaldner, die die Schafböcke "Holebänze" nennen (hole"

heilig, Bänze-Schaf), die Ltizerner und Zuger, die sie "Häliböck"

nennen, die Innerschwyzer und Zürcher. Die Schafböcke sind ohne

Zweifel das älteste Wallfahrtsgebäck, dessen Ursprung ins Mittelalter

zurückgreifen kann.

Ueber die religiöse Bedeutung des Schafbockes, die augenfällig

ist, äußert sich Dr. Linus Birchler folgendermaßen."Mit der

Darstellung ist das Agnus Dei gemeint, das Lamm Gottes. Sie

können mit dem römischen Agnus Dei zusammenhängen, aus

dem Wachs der gebrauchten Osterkerzen hergestellte medaillenförmige

Scheiben, die der Papst seit dem neunten Jahrhundert

im ersten und im siebenten folgenden Regierungsjahr weiht. Als

Nachahmung dieses römischen Wallfahrtsbrauches können die

Schafböcke entstanden sein. Sie können aber auch mit dem Osterlamm

zusammenhängen, ähnlich wie man jetzt noch in vielen

Ländern auf Ostern Biscuitschäflein, in Oberitalien Täubchen,

herstellt. "

Altertümliche Wallfahrtsgebäcke sind auch die braunen und

weißen gefüllten Chräpfli, je 6 aneinander, die aus der gleichen

Teigmasse wie die Scheiben hergestellt werden. Der Teig wird

mit den Fingerspitzen in ein stangenförmiges Holz- oder Gipsmodell

gedrückt, auf dem stilisierte Blumen eingeschnitzt sind.

An der Engelweihe des Jahres 1681 wurde der Chräpflihandel sogar

Gegenstand eines hoheitlichen Zwiegesprächs. Eine arme Frau

hatte unten an der Kirchenstiege den Pilgern Chräpfli angeboten.

Weibel Birchler nahm sie ihr weg und trug sie in das Kloster

hinauf, das kraft alter Uebung befugt war, Handelsbewilligungen

zu erteilen und zu entziehen. Der h. Rat von Schwyz verlangte

über die Rechte des Abtes Auskunft und veranlaßte den Weibel,

der armen Frau die Chräpflizu vergüten. Er stützte sich auf seine

Hoheitsrechte, die er auf diesem Gebiete schon 163I praktisch

ausübte, indem er den "Lebkuchenbächlern" erlaubte, an der

Engelweihe Lebkuchen zu backen und feil zu halten. (Nach

einem Manuskript von Kanzleidirektor M. Styger, Schwyz.)

Die Pilger kaufen die Chräpfli. unter dem Namen "Frauechlosterchräpfli",

weil viele glauben, das Nonnenkloster "in der Au"

liefere sie den Pasteten bäckern zum Verkauf. Diese Bezeichnung

wird gern als Aechtheitsbeweis gebraucht. Wenn am Pfingstmontag

die traditionellen Kreuzgänge der Schwyzer und Zürcher

hier weilen, sind gegen den Abend hin die Schafböcke und

Chräpfli in den Läden ausverkauft.

III


Budl

Es eIitspricht einer alten SItte der Zürcher, daß sie ihren

gehörigen dazu einen Strauß "Einsiedlertrollen" (TrolIius Europaeus)

heimkramen, die auf sumpfigen Matten massenhaft gedeihen.

Eigentümlich ist, daß die Schafböcke von den Einsiedlern nicht

gegessen werden. Man findet sie unter keinem Christbaum. Aber

es hat eine Zeit gegeben, da die Einsiedler Kinder, wenn sie

Sonntags einen "Fünfer" bekamen, mit strahlenden Augen in

die Schafbockläden sprangen und sagten "i hett gäre für'ne

Füfr rappig Schoufböck oder rappigi Läbchüeli, aber ä chli viel."

Das Heimelige liegt darin, daß die Kinder bei diesen billigen

Kleinkäufen noch extra betonten "aber ä chli viel", weil sie

wußten, daß der Bäcker bereitwillig ein Stück "drüber ine" geben

werde. Die rappigen Schafböcke und die rappigen Läbchueli

waren infolge ihrer Billigkeit und Eignung zum "bäzge" (andauernd

gierig beißen und kauen) eine gute Leistung unserer

Schafbock bäcker, die dauernd der Vergangenheit angehören wird.

Von unsern Brotsorten schätzen die Pilger den sog. "Schilt",

von den Zürchern "Stern" genannt, sozusagen als Einsiedler

Spezialität. Er besteht aus vier oval geglieften Stücken, die so

zusammengesetzt sind, daß eine Kreuz- bezw. Schildform entsteht.

Er ist aus Weißmehl, früher "Simmel" oder "Semmel" genannt,

hergestellt. Der Schilt darf füglich als typisches Verkehrs brot

bezeichnet werden. Seine Qualität entspricht dem Zug nach ganz.

weißem Brot, er ist praktisch zum teilen und besitzt eine originelle

Form.

Wir haben im Abschnitt 4 über den von den Nachtbuben begehrten

"Rosoli" geschrieben. Rosoli ist indes über Weihnachten,

Neujahr und ,,3 Königen" ein eigentlicher Haustrunk. Es ist

riicht das gleiche, ob eine Jungfer im Laden auch nur "äs Budeli-

Schnaps" oder sogar "ä ganzi Guttere Rosoli" kauft. Wenn sie

Schnaps kauft, bringt sie ihren Wunsch kleinlaut, fast schamhaft

vor, indem sie unter Weglassung des Prädikates zum Krämer

sagt "I hätt gäre ä Budl vom billige (oder ä vom bessere)".

Der Verkäufer ist Psychologe. Er weiß, was die Jungfer meint.

Kauft sie aber Rosoli, dann sagt sie es munter heraus und bemerkt

dazu "mir wend hinicht ä chly ufsy". Der Rosoli enthält folgende

Substanzen: Obstbranntwein, darin entweder aufgelösten schwarzen

Candis oder aufgelösten gebrannten Sackzucker, den Saft

gedörrter schwarzer Kirschen, Zimmtstengel getränkt und event.

einen Gutsch (Guß) Nußwasseressenz. Man behauptet, Rosoli sei

akurat diejenige Mixtur, die dem mit festtäglichen Leckerbissen

beladenen Magen wohltue und eine angenehme Bettschwere erzeuge.

Der mederne Bruder des Rosolis heißt "Meginrat", ein feiner

Likör, der das herrschaftliche Buffet ziert und die festtägliche

II2


1

:

Mahlzeit krönt. Unterlassen wir schließlich nicht, den trinkhaften

Einsiedler-Balsam zu erwähnen, der als pharmazeutisches Präparat

gegen allerlei Schmerzen und Malästen empfohlen und in

verschiedenen Marken lebhaft gehandelt wird. Sein Name greift

als "Einsiedler Tropfen" in die Sechzigerjahre zurück. Damals

erwarb ein hiesiger Bürger ein um 1850 aus Freiburg hieher gebrachtes.

Rezept zu Eigentum ..

. 53. Beileidsbezeug'\1ng und Beerdigung. Wenn jemand

stirbt; zeigt es die Grabbeterin von Haus zu Haus an. Sie teilt

zugleich mit, an welchem Morgen die Todesangstchristimesse

und die Beerdigung stattfindet und an wie manchem Sonntag

Nachmittag gebetet wird. Man nennt das "Umsagen". Zum Beten

besammelt man sich nachmittags I Uhr beim "Großen Herrgott"

und geht langsam auf den Kirchhof. Der oder die Verstorbene

wird in einem Zimmer des Wohnhauses entweder im Bett oder

im Sarg mit auf der Brust gefalteten Händen aufgebahrt. Dem

Toten wird ein Sterbkreuzlein auf die Brust in den Sarg mitgegeben.

Ueber Leiche und Sarg legt man einen großen, weißen

Gaceschleier.Vier Wochen lang läßt man das Nachtlichtlein zum

Heil seiner Seele brennen, in der Regel in seinem Sterbzimmer.

Den Sarg stellt man zwischen Kränze und Blumen, die von Verwandten

und Bekannten gewidmet werden. Statt Blumen werden

jetzt häufig sogenannte geistige Blumenspenden (Gutscheine für

heilige Messen oder Wohltätigkeitszwecke) überbracht. Auf einem

Tischehen steht das Kruzifix oder eine Marienstatue, davor das

Weihwassergefäß, darin ein Zephir- oder Weidenzweig. Die Verwandten

gehen in der Regel am Tage nach Erhalt der Anzeige

ins Haus und kondolieren. Sie verrichten ein kurzes Gebet vor

der Bahre und trösten die Hinterlassenen. Auch die Vereine,

denen der Verstorbene angehörte, lassen durch Präsident und

Kassier im Hause kondolieren. Die Kondolierenden kleiden sich

schwarz. Die Vereine übeneichen einen Kranz, wenn sich der

Verstorbene um den Verein große Verdienste erworben hatte. Am

Vorabend der Beerdigung wird der Tote eingebaumt. Wenn

jemand außerhalb der Wohnung stirbt, sei es im Krankenhaus, sei

es auf der Reise und wenn die, Leiche alsdann zum Aufbahren ins

Wohnhaus zurückgebracht wird, gehen die Nachbarn ins Haus

und beten am Sarg fünf .Vaterunser.

Der Sarg für Kinder ist weiß gestrichen, der für Erwachsene

schwarz oder braun. Auf dem Sargdeckel ist ein Kreuz gemalt.

Das Kreuzlein, das von einem Buben dem Leichenzug vorangetragen

wird, ist für Erwachsene schwarz, für Ledige und Kinder

,weiß. Die Crepeschleife ist nur für Kinder und junge Jungfrauen

und junge Jünglinge 'weiß, für alle andern Personen schwarz.

Eine halbe Stunde vor der Beerdigung wird der Sarg vor das

L

113


Sterbehaus verbracht, damit die· Teilnehmer das Weihwasser

sprengen können. Im Leichenzug werden kleine Kinder von einem

Manne mit dem Sarg getragen. Erwachsene nimmt der Leichenwagen

auf. Der Zug bewegt sich in strenger Ordnung. Einmal

wird der sogenannte Kirchenweg benutzt, der nach dem Grundsatze

gewählt ist, daß mit einer Leiche nie in rückwärtiger

Richtung, d. h. gegen das Sterbehaus gefahren wird. Damit ist

der Verzicht auf alles Gewesene angedeutet. Hinter dem Leichenwagen

gehen der Vorbeter und ein Fahnenträger, neben dem

Leichenwagen zwei Laternenträger. Vorbeter und Fahnenträger

sind in lange schwarze offene Mäntel gehüllt. Die Laternenträger

bekleiden sich mit dem schwarzen Kragenmantel, der weiß eingefaßt

ist. Nachher kommt ein Bube mit dem Herz-Jesu-Fähnlein.

An der Spitze der Männer gehen drei Erwachsene mit den sog.

Stäben des Marianischen Rates, insofern der Verstorbene dieser

Bruderschaft angehörte. Die Stäbe bestehen aus weißen Wachskerzen

mit einer Bildfassung (Marienbild). Die Stabträger werden

von der Bruderschaftsversammlung, die jeweilen um Ostern herum

stattfindet, für ein Jahr gewählt. Ihre Stellvertreter lösen sie

nach Jahresfrist ab. An der Spitze der Frauen, die sich den

Männern anschließen, gehen 3 Frauen mit Marienstatuen in den gekreuzten

Händen. War der od. die Verstorbene ledig, werden die

Statuen von Jungfrauen getragen. Falls der od. die Verstorbene

noch andern Bruderschaften angehörte, werden die entsprechenden

Fähnlein im Zuge ebenfalls mitgetragen, eines vorn zwischen

der offenen Einerkolonne der Männer, eines .vorn zwischen der

offenen Einerkolonne , der Frauen und eines gegen den Schluß

des Leichenzuges hin. Vor dem Friedhof angekommen, schließen

alle Fahnenträger an die Spitze auf. Die Buben, die Bruderschaftsfähnlein

tragen, sind mit schwarzen Kragenkutten und weißen

Chorhemden bekleidet.

Ueber die Zugsordnung ist noch Folgendes zu sagen: Die Grabbeterin

bestellt beim Wachsfabrikanten rechtzeitig 4 große, in einen

Handgriff zusammengestellte, weiße Wachskerzen, ebenfalls Stäbe

genannt, die extra angefertigt werden und übergibt sie vor dem

Leichenhause der Kerzenträgerin, Als Kerzenträgerin kommt nur

eine Frau bezw. Jungfrau in Betracht, die rechts, d. h. Richtung

Kirche vom Sterbehaus gesehen, wohnt. Ist dies jedoch nicht

möglich, soll auf keinen Fall eine Frau angegangen werden, die

in rückwärtiger Richtung wohnt. Die Kerzenträgerin läuft an der

Spitze der rechten Einerkolonne der Frauen. An der Spitze der

rechten Männerkolonne geht der Taufpate, an der Spitze der

linken Männerkolonne der Firmpate des Verstorbenen. Das gleiche

gilt für die Tauf- und Firmpatinnen in den beiden Kolonnen der

Frauen. Wenn zwei Leichen am gleichen Morgen beerdigt werden,

sollen die Verwandten der erstgestorbenen Person in der rechten

114


Kolonne gehen, die der andern Leiche in der linken Kolonne.

Bevor diese Zugsordnung aufkam, mußten sich die Verwandten

der zweitgestorbenen Person als eigene Zugsordnung hinter der

Zugsordnung der erstgestorbenen bilden. Hinter den Verwandten

schwenken die andern Teilnehmer von rechts und von links

zwanglos ein. Die meisten erwarten den Leichenzug vor ihren

Häusern am Kirchenweg. Sobald die Spitze des Leichenzuges

vom nördlichen. Kirchturm aus auf dem Hauptplatze gesichtet

wird, läutet der Sigrist mit 2 mittelgroßen Glocken, die den Toten

begleiten, bis der Leichenwagen in die Bruelstraße eingemündet

ist. Dann begrüßen 2 schrille Glöcklein den Toten vom Kirchhoftürmchen

her. Ein aufmerksamer Sänger, der schon lange im

Grabe liegt, hat ihre Töne zutreffend in die heimatliche Mundart

umgesetzt "Gält chunst au, gält chunst au, gält chunst an .... "

Auf der Höhe der Kirche erscheint der Ortspfarrer in Stola,

Barett und Chorhemd, ihm zur Seite zwei Buben mit Weihrauchgefäßen.

Der Ortspfarrer segnet die Leiche ein und begibt sich

hinter dem Fahnenträger in die Zugsordnung. Vom Sterbehaus

bis zur Einsegnung wird von den Teilnehmern das Ave Maria

gebetet. Während der Gebetseinlage "Der Dich in den Himmel

.aufgenommen hat" entblößen die Männer das Haupt. Nach dem

Einsegnen wird bis zum Kirchhof das Vaterunser gebetet.

An der Beerdigung nehmen auch die Mitglieder desjenigen Vereins

mit der Fahne teil, dem der Verstorbene angehörte Alle

Vereine marschieren an der Spitze des Zuges vor dem Totenwagen.

Auf dem Friedhofe schwenkt und senkt der Fähnrich

nach dem allgemeinen Gebet die Fahne über das Grab. Ansprachen,

d. h. Rückrufe werden nur in außerordentlichen Fällen

gehalten, z. B. beim Begraben eines Offiziers von hohem Rang,

d. h. da wo offizielle militärische Funktionen angeordnet sind.

Nach der Beerdigung gehen die Teilnehmer in die Kirche, wo

die Begräbnismesse gelesen wird. Nach der Kommunion begehen

sich die Kirchgänger in Einerkolonne zum Opferstock, Männer

und Frauen getrennt, und legen an zwei Stellen eine Kupfer- oder

Nickelmünze in einen Teller und kehren dann an ihren Platz

zurück. Wenn das kleine Opfer mit einer guten Meinung verbunden

ist, muß man die Uebung schätzen. Sie hat aber bisweilen

formellen Charakter. Man will den Verwandten, die vorn

stehen, zeigen, daß man auch da ist. Es sind vermutlich kleine

geschäftliche Erwägungen damit verbunden. Es konnte deshalb

vorkommen, daß, wenn zufällig Kleingeld im Geldsäckel fehlte,

man nur "tüpfen" ging. Ordentlicherweise opferte man einen

Räppler oder Zweiräppler. Wenn an ein und demselben Sonntag

eine Begräbnismesse (Totenmesse), der Siebente, der Dreißigste

und eine Jahrzeit stattfinden, gehen beim Opfern immer die Leidleute

der letztverstorbenen Person voran.


Wohlhabende Familien laden die auswärts ersohienen Bekannten

zu einem Totenmahl ein, an dem in der Regel ein Verwandter des

Verstorbenen für die Beileidsbezeugungen dankt. Die Danksagung

wird regelmäßig in einem Inserat der Ortsblätter abgestattet. Im

Inserat werden alle Personen, Instanzen und Vereine, der Ortsgeistliche

an der Spitze, namentlich erwähnt. 'Fast jedem Verstorbenen

wird in der Ortspresse ein Nachruf gewidmet.

Bis um 1860 war es Brauch, die Mitglieder der "Liebfrauenbruderschaft"

durch Ausrufen zur Teilnahme an der Beerdigung

eines Mitgliedes einzuladen. Dieser Ausruf wurde um 1875 auf

besendem Wunsch einer Frau Steiner-Benziger nochmals wiederholt.

Seither ist er erloschen. Der letzte Ausrufer war des sog_

Chappemachers Bub, Lehrer Schönbächler (in Schwyz gestorben).

Der Ausruf lautete folgendermaßen:

~ J J J J J l JJ@t?==E9R=

Sö-Täd mo - re mor-ged z'Chi-le.eho, für d'Jumpfer Cha-ri-

I~ ~ J. J J J J§I

do -se Bireh - ler sä - Hg, Sö - läd d'Cher-ze mit näh,

I~ J J J JgJ

Weras

i ü - se - re Lieb-frau-e-Bruederschaftim Rout iseht.

Noten von Alois Weidmann

Auf das hin erschienen am Morgen die Mitglieder der "Liebfrallenbruderschaft"

vor dem Trauerhause mit einer brennenden Kerze

in der Hand, um an der Beerdigung teilzunehmen. Die Abschaffung

erfolgte aus praktischen Erwägungen: Das Kerzenlicht

löschte im Winde aus, die Trägerinnen verunreinigten die

Kleider mit Kerzentropfen, Trauerflore entzündeten sich usw.

Vermutlich wurde alsdann der dreifache Bruderschaftsstab als

Ersatz für das allgemeine Kerzentragen eingeführt.

Für die verstorbene Person werden in der Regel der Siebente,

der Dreißigste und das Jahrzeitamt gehalten. Zeit und Ort sagt

die Umsagerin an. Auf Allerheiligen und Allerseelen werden die

Gräber mit grünen Kränzen und Blumen geschmückt. Man verwendet

bisweilen auch Kränze aus Draht- und Perlengeflecht.

Man stellt ein Weihwasserbecken aufs Grab und legt einen

Buchszweig darein. In den Morgen- und Nachmittagsstunden be-

116


I, _

suchen die nächsten Familienangehörigen, schwarz gekleidet, die

Gräber und beten dort einige Vaterunser und Ave Maria.

Mit der Pflege des Friedhofs befaßt sich ein Verein, der auch

die Begräbnisordnung überwacht. Die Grablegung erfolgt in der

Reihe des Sterbtages. Die Erwachsenen werden in die großen,

die Kinder in die kleinen Rabatten (Felder) gelegt, Nach Ablauf

der Grabesruhe der Leichen dürfen die Grabsteine an die Umfassungsmauer

gestellt werden. Wenn dies 3 Monate nach Ablauf

nicht geschehen ist, sind die Grabsteine Eigentum des Vereins,

Familiengräber außer der Reihenfolge des Sterbtages gibt es

nicht, Hingegen sind 5 Familiengedenksteine vorhanden (Bodenmüller

und Oechslin, Kälin, Gyr, Birchler, Steinauer), die in die

westliche Mauer des ältesten Friedhof teiles überhöht eingebaut

sind, Die der Bodenmüller., Gyr und Birchler stammen von Bildhauer

Bodenmüller (I795-I836), von dem wahrscheinlich die

Anregung ausgegangen war, Sie tragen die Namen verstorbener

Vertreter einer Linie des betreffenden Stammes. Da diese Gedenksteine

der Friedhofordnung nicht widersprechen, den Friedhof

aber zieren und dem einheimischen Kunstgewerbe Schaffens-

-gelegenheit geben, darf die Anlage neuer Gedenksteine an den

neuern Umfassungsmauern durch Stiftung im Sinne der bestehenden

nur begrüßt werden, Jedermann kann ein bezügliches Gesuch

stellen. Somit hat die Anlage nie den Charakter eines Privilegs

für einzelne Familien gehabt.

Im Laufe der Zeit sind einige Bräuche teils erloschen, teils abgeändert

worden. Beispiele: 1868 fand die Beerdigung nach der

Vesper statt. Vielseitige Unterbrüche der Arbeitszeit am Werktag

veranlaßten die Verlegung auf den frühen Morgen. Bis um 1870

mußten die Männer der nächsten Verwandtschaft des Verstorbenen

im schwarzen Mantel, die Frauen im schwarzen Shawl erscheinen.

Nach dem Beten in der Schulhauskapelle hielt immer ein Mitglied

.aus der Familie des Verstorbenen eine Ansprache, indem er für

das Gebet dankte und den Toten der Erinnerung der Lebenden

empfahl. Dieser Brauch zeigte Unzukömmlichkeiten, da nicht

immer jede Familie über ein männliches Mitglied verfügte, das

zum Sprechen aufgelegt oder geeignet war. Die letzte Ansprache

wurde anläßlich der Beerdigung des alten Frank Kälin gehalten.

Am Grabe widmete der Ortspfarrer dem Toten einen Nachruf.

Dieser Brauch ist seit 1893 erloschen, weil der Ortspfarrer aus

erklärlichen Gründen nicht immer nur das Rühmlichste erwähnen

konnte, sodaß die Hinterlassenen nicht jedes Mal befriedigt waren.

Während der Totengräber in Gegenwart des Pfarrers das Grab

zudeckte, den Grabhügel erstellte und das Kreuz aufpflanzte,

beteten die Leidleute in der St. Benediktskapelle und begaben sich

erst nachher zum Grab, um es mit Weihwasser zu besprengen.

Die Handhabung der Friedhofordnung oblag bis ungefähr 1870

117


dem Bettelvogt. An Allerheiligen wurde bis 1865 für die Verschönerung

des Friedhofs an der Kirchhof türe ein Opfer aufgenommen,

das manchmal einen guten Erfolg hatte.

Als man um 1859 die Abtragung und Verlegung der alten' Beinhauskirche

auf der Nordseite des Klosters vollzog, wurden die

Rechtsamen und Pflichten auf das neue Beinhaus auf der Ostseite

der St. Benediktkapelle auf dem Friedhof übertragen. Die

Aufbewahrung der ausgegrabenen Totenschädel erfolgte von nun

an daselbst. An beiden Wänden neben dem Altärchen waren Gestelle

mit' Fächern angebracht. Jedes Fach enthielt einen Schädel

mit Familien- und Vorname, Geburts- und Sterbejahr des Toten.

In den Fächern lagen noch Totenschädel aus den Jahren vor

1800. Beim Altärchen lag eine Schublade, in die Besucher des

Beinhauses einen Zettel legten, als Ausweis, daß sie für die

Toten 3 Vater Unser gebetet haben. Um 1895 öffnete der Totengräber

auftragsgemäß vor dem Beinhaus ein Grab, legte alle

Schädel in guter Ordnung hinein, worauf der Ortspfarrer das Grab

einsegnete. Später sollen auch an der südwestlichen Ecke des

neuen, leicht ansteigenden Friedhof teiles nochmals Schädel vergraben

worden sein.

(Literatur über den Friedhof in Odilo's "Stiftsgeschichte", "Wallfahrtsgeschichte"

und in "Die Begräbnisstätten", in Dr. Birchler's

_,Kunstdenkmäler" in Gyr's Beilage der N. E. Z.)

54. Fe c k erb r ä u c h e. Die Feckerbräuche hier zu schildern,

wäre insoweit angezeigt, als zahlreiche Fecker, hauptsächlich

Männer, anläßlich der kantonalen Zuteilung im Jahre 1841 in

der Gemeinde Einsiedeln eingebürgert wurden und noch insoweit,

.als in unserer Gegend einige Familien, wie kaum anderswo,

nomadenhaft leben. Allerdings ist es nicht leicht, originelle

Bräuche zu ermitteln, weil die älteren Männer, die Bräucrie

pflegen, gegen Wißbegierige anderer Stände verschlossen sind.

Man müßte es begrüßen, wenn gelegentlich ein junger Akademiker

die Feckerfrage im allgemeinen zum Gegenstand einer

Dissertation wählen würde. Besonders wichtig ist die sozial-wirrschaftliehe

Seite. Warum? Die Zahl der Familien ist im Wachsen

begriffen; die verursachten Waisen- und Armenlasten nehmen

jährlich zu usw. Zur Illustration des Feckerbewußtseins über ihr

Stärkeverhältnis sei hier an ein Zitat erinnert: Ein alter Vertreter

dieses Standes sagte vor etwa 2 Jahrzehnten zum Bezirksammann

und Armenverwalter Konrad Oechslin: "Warrted nurr,

bis mirr üchs drr Landamme stelled!"

55· Kar t e n s pie I e. Bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts

erfreuten sich wechselweise zahlreiche originelle 'Kartenspiele

großer Beliebtheit. Wir zählen sie hier auf, ohne die Spielregeln

zu besprechen.

II8


Kaisern, Bandure, Träntne, Flüßle, Mariarsche, Betne, Bänkle,

Tschiriginggäle, Bettler uusm Land jage, Scharjaß, Chöpferölli,

Ramse, Bölliramse, Fischentaler, Hopse, Schmaus, Gspa, sowie

die verschiedeneri Jaß arten als Handjaß, Kreuzjaß, Schieber,

Hindersijaß, Differenz, Schlunguus, Räuber, Bolschewiki, Schaffhauser,

Zuger, Büter, Aucho. Viele werden jetzt noch regelmäßig

gespielt. .

Früher ging es in der Regel um eine Niedel oder um 2 Schilling.

Jetzt spielt man um den schwarzen Kaffee oder um Wein oder

um 50 Rp. pro Tour. Das Spielen um größere Beträge ist verboten.

Diese Verbote greifen weit zurück. Am 5. Oktober 1586

ließ der Rat von Einsiedeln in der Kirche durch einen Ruf verkünden,

daß niemand weder tags noch nachts spielen dürfe.

Finde man aber einen ungehorsam, werde man ihn strafen, "das

er wellte, das ers erspart hette."

Sonntag vor Lichtmeß 1588 erkennt der Rat neuerdings auf einen

Ruf in der Kirche, daß Spielen bei 5 Gulderi Buße verboten sei.

Ebenfalls Sonntag vor Lichtmeß des folgenden Jahres wird erkennt:

Die um einen Batzen oder fünf Schillinge gespielt, werden

mit einer Krone, die um einen Angster gespielt, werden mit einem

Gulden und die um Niedel gespielt, mit fünf Batzen gebüßt.

Am 2. Mai 1779 verordnete die Landsgemeinde, daß vom Aschermittwoch

bis zum hl. Kreuzestag im Herbstmonat alles Tanzen

und Kartenspielen im ganzen Lande verboten sein solle.

Hier werden immer noch fast ausschließlich die einfachen deutschen

Jaßkarten gebraucht. Seit einigen Jahren haben sich auch

die Karten mit den doppelten Figuren Eingang verschafft. Von

den zeichnerischen Neuschöpfungen will man nichts wissen. Bis

um I890 herum war das Spielgebot "Hier gilt Stöck, Wys, Stich"

in den Wirtschaften angeschlagen, als Hinweis und Warnung an'

Fremde, sich den örtlichen Spielregeln zu unterziehen.

Die eingefleischten Liebhaber des Kartenspiels sehnen sich nach

dem Preisjasset, der ordentlicherweise um ,,3 Königen" in einem

Wirtshause stattfindet. Der Gastwirt beschafft und bezahlt die

Rangpreise. Er bezieht dafür die Eintrittstaxe und den Konsumationsgewinn.

Man spielt nach der Wettbewerbsordnung, die

den Teilnehmern vorausgehend verlesen wird. Als Jaßart wird der

Kreuzjaß gewählt, doch gelten nicht alle Weisungen. Der Matsch

.wird nur mit 157 Punkten angerechnet. Jedem Teilnehmer werden

die von seiner Partei erzielten Punkte gutgeschrieben. Nach dem

ersten Spiel wechseln die Teilnehmer. Die Höchstpunktzahl aus

allen Parteien berechtigt zum Bezug des ersten Preises.

56. Na c h t w ä c h te r ruf. Es gibt wenig alte Bräuche, mit denen

die "gute alte Zeit" häufiger so heimelig wachgerufen wird, als

mit der Erinnerung an den Stundenruf des Nachtwächters. Das

II9


mag hauptsächlich daherrühren, daß der Nachtwächter keine

lokale, sondern eine allgemein bekannte Amtsperson war. In Einsiedeln

ist der Nachtwächterruf in den 1870er Jahren, ausgeklungen.

Der primitive Vers lautete folgendermaßen:

~!J ħJ!B!J JJ~

Lo-sed was wil sä -ge: D'Glogge hät zwöl-fi g'schlage,

I@JJ J ~~~! Jg~~~~~'~!

Zwöl- fi g'schlage. Lo-sed was wil sä -ge: D'Glogge

hät Zwölf Uhr g'schlage, Zwölf Uhr ge -schIa -go - go.

Unser Waldstattdichter Meinrad Lienert, der alles sah und hörte,

was das Volkstum birgt, hat uns den Sang überliefert.

Der Nachtwächter lebt hier fort. Er obliegt dem nächtlichen

Ordnungs-, Feuer- und Einbruch-Sicherheitsdienst nach Reglement.

Ein gewisses Maß von Originalität bleibt mit ihm verknüpft, aber

er hat, namentlich bei den Nachtbuben, Sympathien verloren,

eben weil er polizeiliche Maßregeln treffen muß, trotzdem die

Hellebarde seines Amtsvorgängers längst im' Schmollwinkel steht.

Bis um ca. 1915 mußten die 4 Nachtwächter auf ihren Patrouillengängen

eine Anzahl Kontrolluhren aufziehen, die in den engen

Gäßchen an Häuser- oder Stallwänden angebracht waren.

57. Stubenfuchs und Silvester. Am Silvestermorgen

macht sich in vielen Familien, namentlich im Kreise der Jugend,

eine zwangsweise verhaltene Hast bemerkbar, deren Ursache nicht

jedermann sofort erkennt. Am Vorabend nämlich, wenn die Betglocke

die Kinder gemahnt, die Gasse zu verlassen und nach

Hause zugehen, flüstern sie sich gegenseitig in die Ohren, sie

wollen am Morgen sehen, wer Stubenfuchs und wer Silvester sein

werde. Es solle ja keines weder den Vater, noch die Mutter aufmerksam

machen. Sie erinnern sich genau, wer es im Vorjahr

gewesen, der Vater oder die Mutter oder der älteste Bub, der

Tönel oder die Kleinste, der Antsch (Anna). Stubenfuchs wird genannt,

wer am Silvestermorgen am frühesten aufsteht und Silvester,

wer am längsten in den Federn liegt. Der Stubenfuchs gilt dann

120


tagsüber als der Zuverlässige, Ueberlegene. Die Kleinen schauen

zu ihm herauf, fast wie zu einem Helden, der alle Streiche des

langen Jahres soeben mit einem gelungenen Schlag kompensiert

hat. Der Silvester hingegen wird mit Wohlbehagen launig geneckt.

Besonders wenn der Vater beim Morgengruß als Silvester

angeredet werden kann, öffnet sich die Schleuse kindlicher Schadenfreude.

Der Vater, auf dessen Schulter das Schicksal der

Familie normalerweise in erster Linie ruht, läßt in diesem Bewußtsein

den Schabernack willig über sich ergehen. Er weiß, da

er das Gesicht des Jahres überblickt, daß, wer ihm den Silvester

vorhält, ihn sicher auch liebt. Darum lacht er auf den Stockzähnen

und sagt: "Spottet nur, ich kann mir den Silvester leisten,

ihr unerfahrenen Geschöpfe". Wohl dem "Silvester", der am

abgelaufenen Jahre die Rolle 'des Haushaltungsvorstandes gut

gespielt hat! .

* * *

Die Originalität vieler Volksbräuche ist unbestritten. In 50 und

mehr Jahren wird man das erst recht bestätigen. Aus diesem

Grunde habe ich bei Zeiten geschildert, so man noch vieles mit

eigenen Augen sieht und mit eigenen Ohren hört. Zuverlässige

Rekonstruktionen wären später nicht mehr leicht zu machen.

Einzelne Bräuche haben im Kanton Schwyz bisweilen Unfug als

Begleiterscheinung mitgebracht, weshalb der Kantonsrat gelegentlich

mit Verordnungen dazwischenkam, so in den Jahren 18;1,

1867 und 1884. In der "Verordnung über das Tanzen, Maskengehen

und ähnliche Belustigungen vom 9. Januar 1884" heißt

es im § 14: "Das sogenannte Klausjagen, das Reifeln, das Treichlen

und Hornen, das Fastnachtvergraben und ähnliche Lustbarkeiten

am Aschermittwoch, das sittenlose nächtliche Lärmen,

Charivari und ähnliche ruhestörende Unfuge sind verboten", und

im § 15: "Das Herumziehen von Spielleuten oder Tambouren

und das Aufspielen vor den Häusern an den Kirchweihsonntagen

und am Neujahrstag ist untersagt".

Man versteht und schätzt es, daß die Behörden Unfug verhindern,

wenn sie im Amtseifer nur nicht alles schwarz sehen und infolgedessen

das Kind gleich mit dem Bad ausschütten .:Also, ganz all-

.gemein gesprochen, nicht zu oft das Böse verneinen, sondern öfter

das Gute bejahen. Ich wollte, es hieße bald, das sei unser typische

Ratsherrenbrauch des 20. Jahrhunderts.

121


ANHANG

I, Vorschläge.

FolgendeVolksbräuche können wiedereingeführt

werden:

Neujahrssingen z. B. durch die Trachtengruppe.

Pagatbegraben durch die Fastnachtgesellschaft "Goldmäuder".

Betruf (Alpsegen) durch den Bauernverein.

Herumführen des Osterochsen durch die Metzgermeister.

Armbrustschießen durch die Schützenvereine.

Pfingstenschellen und -Cugger durch die Hafnermeister.

Prozessionsgrenadiere durch den Bezirksrat.

Agathafeier der Feuerwehr durch die Feuerwehrkommission.

Hausinschriften und Haussegen durch das Pfarramt.

F 0 1gen d e V 0 1k s b r ä u ehe k ö n n e n 0 r i gin elle r CI.u s g e-

staltet werden:

Süühudilaufen durch die Fastnachtsgesellschaft.

Brotauswerfen durch die Fastnachtsgesellschaft.

Tanzschenker durch die Wirte.

Gäuerle durch die Trachtengruppe.

Klausenlaufen durch die Schulbehörde.

Palmentragen durch die Schulbehörde.

Aufzug der Sennengesellschaft durch den Bauernverein.

Zunftbräuche durch das Generalbot.

Taufete durch das Pfarramt.

Chrähhahne durch die Zimmermeister.

Ausrufer durch den Bezirksrat.

Häuserschmuck

zirksrat.

an der Fronleichnamsprozession durch den Be-

Rekrutenaushebung durch die militärischen Vereine.

Man wolle sich merken, daß diese und jene behördliche, vaterländische

und gesellschaftliche Instanz in der Lage wäre, im

Sinne der soeben gemachten Vorschläge die ideale Seite ihrer

Tätigkeit zu bereichern. Sie würde einerseits ihrem Ansehen

nützen, anderseits die pure Rang- und Preisjägerei der sportlichen

Veranstaltungen, die bedenklich wuchert, vor der öffentlichen

Meinung ein wenig abkühlen.

122


2. Origtnalitäten aus dem Erwerbsleben.

Senntenbauer und Welschlandfahrer, Dolmetsch y

Re ist e r, F 1ö ß er, Loh n k u t·sc her und Pos ti 110 n.

Obwohl man nicht behaupten kann, die in der Ueberschrift bezeichneten

Erwerbszweige hätten sich je durch interessante Merkmale

ausgezeichnet, die anderorts nicht auch heimisch gewesen

sind, soll dennoch die einstige ortsübliche Dienstordnung (Usanz)

der Nachwelt überliefert werden. Ihre Kenntnis ginge sonst nach

und nach verloren.

1. Senntenbauer und Welschlandfahrer.

Die großen Bestände an Wies-, Weid- und Streueland verraten,

daß unsere Bauern hauptsächlich' vom Ertrag der Viehzucht

(Schwyzer Braunvieh) leben. Sie ziehen sowohl Nutz- als auch

Rassenvieh auf. Die Schönheitszucht beschäftigt jeden, der es

einigermaßen vermag, Stiere und Kühe aus guten Stämmen zu

kaufen und den Nachwuchs zu veredeln. Der Vorsprung einer

Gemeinde gegenüber der andern hängt immer davon ab, ob im

betreffenden Umkreis ein reicher Senntenbauer wohnt, der das

Vermögen für sein Ideal' einsetzt. Das ist allerdings schon manchem

zum Verhängnis geworden. Die Führung durch ein oder

mehrere Vermögliche, die zugleich Sachverständige sind, kann

vom Standpunkte der öffentlichen Interessen nicht genug geschätzt

werden. Bis um die Mitte des letzten Jahrhunderts war

das Sihltal Sitz mehrerer Sennten bauern. Die Heimat des Senntenbauers

ist allerdings das alte Land Schwyz. Im Herbst verstärken

die Senntenbauern ihre eigenen Sennten durch Zukäufe im Tal

herum und auf den Alpen, um sie alsdann in 6-7 Tagestouren

über den Gotthard nach Italien an den Handel zu führen. In Italien

war hauptsächlich das Nutzvieh begehrt. Kamen die italienischen

Händler und Dolmetscher von der Südseite des Gotthards her

den Senntenbauern entgegen, dann wußten diese, daß ein guter

Stern über der Welschlandfahrt leuchtete. Es war das Zeichen,

daß im Süden Nachfrage herrschte. Die Käufe kamen schon

unterwegs zustande. Mit dem unverkauften Vieh fuhren die

Senntenbauern weiter südlich bis auf den Großmarkt von Giubiasco,

wo das für den Süden bestimmte Vieh aus den Kantonen

Schwyz, Glarus und Graubünden vereinigt wurde. Es waren dort

manchmal um die 3000 Stück beisammen. Was auf dem Markt

nicht verkauft werden konnte, wurde an die italienische Grenze

geführt und mit der Bahn nach Cassarate und Mortorabei Mailand

verladen. Dort sonderten die Senntenbauern ihre Bestände in

Qualitätsgruppen ab und schätzten sie. Dann trafen die italienischen

Grcßgrundbesitzer zur Viehschau ein. War es schon an

12]


und für sich ein schlimmes Zeichen, das Vieh nicht auf der

Gotthardstraße oder wenigstens in Giubiasco verkaufen zu können,

so noch mehr, das Vieh nach Cassarate bis Mailand führen zu

müssen. Dort waren die Senntenbauern vollständig der Kaufunlust

der Großgrundbesitzer ausgeliefert. Sie mußten das Vieh manchmal

wochenlang stallen und hirten, um es schließlich um jeden

Preis abzusetzen. Es ist Tatsache, daß das Welschlandfahren viel

Geld ins Land brachte. Mancher Senntenbauer kam mit gefülltem

Geldranzen aus dem Süden heim. Andere verloren aber ihr ganzes

Vermögen und verlumpten. Die Poesie des Senntenbauertums

gehört, wenigstens im Sihltal, der Vergangenheit an. Uebrigens

waren schon früher die Mehrzahl der Heimwesen kleinbäuerliche

Betriebe mit 3-5 Kuhesset. Größere Heimwesen liegen fast ausschließlich

in der Randzone des Seegebietes. Die Sihltalbauern

müssen heute das Vieh nicht mehr über den Gotthard führen. Sie

befahren die großen Einsiedler Märkte (Verena-, Gallus-, Martinsund

Chlausenmarkt). Die italienischen Großgrundbesitzer kommen

ihnen mit der Bahn bis dahin entgegen. Auf den Einsiedler

Märkten geben sich auch die Landwirte aus den Kantonen Zürich,

Zug, Luzern und St. Galllen Stelldichein. Der Handel mit Nutzvieh

läßt sich dort meistens gut an. Das Rassenvieh wird im Herbst

auf die Viehausstellung gebracht. Die Viehausstellung ist der

Gradmesser des Glückes unserer Bauern.

Im letzten Jahrhundert bildete die Ausfuhr von Pferden nach dem

Süden ebenfalls eine ansehnliche Einnahmequelle. Vorbild der

einheimischen Pferdezucht war das Gestüt des Stiftes. Allerdings

ging es manchem Pferdehändler beim Welschlandfahren gleich

wie dem Senntenbauer. Er kam bettelarm nach Hause. Heute ist

die Pferdezucht im Sihltal bedeutungslos. Es sind nur mehr Fuhrrößlein

da. Eine bedeutendere Rolle spielt die Kleinviehzucht,

die ihr Mutterland im nahen Ibrig hat. Der Volksmund nennt

das Heimwesen des Kleinbauers "Hostetli". Die Viehhaltung ist da

nur mit Hilfe des gepachteten Allmendbodens möglich. Auf dem

"Hostetli" wird mit großer Sorgfalt Kleinvieh aufgezogen.

Ueber das Welschlandfahren hat uns Dolmetsch Daniel Market

folgende Einzelheiten erzählt: Die rührigsten Senntenbauern um

die Mitte des letzten Jahrhunderts bis zum Bau der Wädenswil-

Einsiedeln-Bahn in den 70er Jahren waren Meinrad Schönbächler,

Klemenz Gyr und Stefan Schönbächler in WillerzeIl und Baptist

Kälin im Groß, der das Haus im "Dick" baute, wo später die

Gebrüder Karl und Nikolaus Benziger eine Fabrikfiliale einrichteten.

Die Senntenbauern besaßen meistens einen Stall voll eigenes

Vieh, ergänzten den Bestand mit 20, 30 ja 50 Haupt und fuhren

in der Regel im August oder September mit dem ganzen Bestande

auf einmal über den Gotthard. Milchvieh war am begehrtesten.

Sie schickten Knechte voraus, die die Stallungen bereit machen

124


mußten. Der erste Reisetag führte nach Brunnen, der zweite nach

Schattdorf oder Amsteg, der dritte nach Göschenen oder Hospental,

der vierte nach Airels (Airolo), der fünfte nach Rodifiesso oder

Biasca, der sechste nach Giubiask, wo an einer langen Mauer

mit I IOO Viehringen der Markt stattfand. Am siebenten T,,!-s" erreichten

sie den Monte Cenere, im Volksmund Mont Chängl genannt,

am achten Dürrmühl (Torre Molino). Hier war der Zoll

zu erlegen. Er betrug für eine Kuh 10 Franken, für einen Stier

8 Franken. Der neunte Tag führte nach Mede, der zehnte nach

Chiasso, von wo das Vieh nach Casarate zum Stallen, (im

Vollksmund "stallazen") verladen wurde. Wenn eine Kuh, die

als trächtig verkauft wurde, nicht trächtig war, mußte der Senntenbauer

100 Franken Entschädigung zahlen. Die Milch wurde mit

den Kühen getränkt oder verkauft oder verschenkt. Der rühr};.ßste

Roß händler in den 70er Jahren war ebenfalls ein Schönbächler.

Er geriet einmal oberhalb Airolo mit I8 Pferden in eine Lawine.

Der Zoll fü-r ein 2- bis 3-jähriges Zugpferd betrug 10 Franken.

Den Knechten zahlte man den T~glohn, insofern sie nicht eigene

waren. Kleider und Proviant legte man in einen Sack, den' man

dein Vieh mit einem Riemen auf den Rücken band.

2. Dolmetsch.

Der Dolmetsch muß infolge seiner Beziehungen zu den Bauern

im Tal wittern, wo Vieh feil ist. Er besucht die in Frage kornmenden

Ställe, beschaut und betastet und schätzt Stiere, Kühe

und Rinder. Er redet mit dem Eigentümer um den Preis herum,

stellt ihm ev. eine Kaparre (Garantiegeld) in Aussicht. Er rechnet

in Napoleons d'or, im Volksmund "Näppl" oder "Buble" genannt.

Sobald er findet, dieses oder jenes geratene Haupt sei

preiswert, meldet er es eilig einem bekannten Genossenschaftspräsidenten

oder Großgrundbaue rn oder Händler. Hier treffen

italienische, deutsche, spanische und französische Händler em.

Die Dolmetsche sind in der Regel Viehkenner aus unserer Gegend.

An großen Märkten erscheinen hin und wieder in Begleitung der

Händler auch auswärtige. Der Dolmetsch muß vor allem die

italienische Sprache kennen, da die italienischen Händler immer

vorherrschen. Er spricht einen ungefähren Dialekt, aber diesen

keck, mit Modulation der Laute, die er den temperamentvollen

Welschen nachspricht. Ein Zuhörer ist nie im Zweifel, daß der

Dolmetsch etwas von seiner Rolle hält. Uebrigens kommt es ja

sehr auf sein Tudichum an, wie der Handel ausgeht. Er macht am

Markt inmitten der auf Käufer wartenden, beruflich absolut konzentrierten

Bauern gern Aufsehen von sich, indem er geschäftig

herumläuft, sich häufig in eine Pose aufdreht, wieder auf den an

die Huft gelehnten Handstock zurücksitzt, fast gleichzeitig zum

Bäuerlein und zum Händler schwatzt. Er nimmt beim Handel

12 5

"

I


gelegentlich beide am Arm und zieht ihre rechte Hand zudringlich

zum Einschlagen gegeneinander. Das Bäuerlein sträubt sich

.anfänglich, wendet sich mit abschlägiger Gebärde enttäuscht

um und geht mit seiner Kuh weg. Dann schreiten Dolmetsch und

Händler langsam und heimlich sprächelnd hinter dem Haupt her.

Der Dolmetsch bringt das Bäuerlein durch Zurufe zum Stehen,

macht ihm ein neues Angebot, zieht den Hutrand in die Stirn,

weist an der Kuh einen Fehler im Rücken nach, ränkt sich aber

rasch halbwegs zum Händler um, drückt den Hutrand wieder

hinauf und lobt an der Kuh das sichere nahe Kalbern. Er überredet

die beiden in jedem Falle, wo Angebot und Gegenangebot

nahe liegen, ziemlich sicher zum Einschlagen. Da sich Bauern

und Dolmetsch gestützt auf die Erfahrung gegenseitig gewisse

Gewohnheiten und Eigenheiten nachreden können, wittert jeder

·schon fast eingangs Handel wie das Geschäft verläuft. Sie lassen

es hä.ufig am Morgen des Marktes auf dem Brüel sogar darauf

ankommen, ob sie sich am Nachmittag auf dem sog. Nachmarkt

.im Unterdorf nochmals begegnen, wo dann leicht ein halber

Liter Wein die Stimmung anregen kann. Der Dolmetscherlohn

beträgt in der Regel IO Fr. für einen 'Stier und 8 Fr. für eine

Kuh. Wenn Verkäufer und Käufer nicht handelseinig werden,

zahlt der Händler die Spesen. Zu sagen ist noch, daß der Dolmetsch

den Kalberhandel dem Kalberhändler überläßt, der ein

Fachmann für sich ist. Der Grund ist einfach. Der Kalberhandel

bewegt sich in kleinen Beträgen, weshalb es sich nicht lohnt,

einen Dolmetscher zu bestellen. Bei der Interpretation des Begriffes

"Dolmetsch" muß man, gestützt auf das Gesagte, weniger

.an den Uebersetzer, als an den Vermittler und' Animierer denken.

Beim Handel auf dem Markt, gleichgültig ob ein Dolmetsch

mitwirkt oder nicht, gilt folgender Brauch: Solange ein Händler

an Ort und Stelle mit dem Eigentümer des Tieres über den

Preis unterhandelt, darf kein anderer Interessent mit einem Ueberangebot

dreinreden. Erst wenn der Erstkommende deutlich erklärt,

daß er den verlangten Preis nicht zahle und den Standort

verläßt, kann ein Zweiter ungestört zu handeln beginnen. Beim

Einschlagen zahlt der Händler in der Regel eine Kaparre von

Fr. 20.-. Die Auszahlung der Kaufsumme erfolgt bei der Abgabe

des Tieres am Verladeort.

_3.Re ist e r.

Bis um r890 waren in unsern Tälern nur einige wenige Waldwege

vorhanden. Genossamen und Private ließen deshalb die gefällten

Tannen im Winter durch einen Kennel vom Berg ins Tal reisten,

so am Bolzberg, im Duli, an der Tierfedern usw. Der Kennel war

eine Gleitvorrichtung. Man legte dünne Trämel kennelförmig

.nebeneinander und verguntnete sie miteinander. Der Kennel, auch


."Reistgang" genannt, reichte von der obern Waldgrenze bis an

die Talsohle. Man riß die geschundenen Trämel oben mit dem

Zapi in den Kennel hinein und ließ sie ins Tal sausen. Unten

.kollerten sie über einen ebenen Rasenplatz hinaus, wo sie gehäufnet

wurden. Einrichtung und Vorgang decken sich im Allgemeinen

mit denjenigen in anderen Gegenden. Beachtenswert

.sind aber die gegenseitigen Zurufe des Reistmeisters und der

Reister zum Zwecke, Handlungen und Handgriffe reibungslos zu

leiten. Sobald nämlich ein Trämel am Kopf des Kennels gleit-

'bereit war, rief der Reistmeister laut "use, use I". Dieser Ruf

wurde von den Reistern, die sich dem Kennel entlang wie Stafetten

.aufstellten, nach unten weitergegeben. Wenn ein sehr großer

Baum in den Kennel gelegt wurde, ertönte von oben her der

Ruf "ä böse!" zur Verstärkung des erstmaligen Warnrufes, Es

.konnte vorkommen, daß gelegentlich ein Trämel im abnormalen

Schuß auf der Strecke stockte. Dann ertönte von der betreffenden

.Stelle aus nach oben der Ruf "heb uf l". Somit wußte der Reist-

'meister, daß vorläufig kein zweiter Trämel eingelegt werden

-durfte. Zum Zeichen, daß man oben verständigt sei, rief man

hinab "zuoche!", als Aufforderung an den dem Hindernis am

nächsten stehenden Reister, den Trämel zu lösen. 'Nenn ein

Trämel außerordentlich schnell ins Tal sauste, erklang der Ruf

-der Reister "übüh" ins Tal hinaus. "Uebüh" ist ein Ausdruck

freudiger Stimmung. Beim Haufnen der Trämel im Tal mit dem

Zapi hieß es "Holz her!", um die Reißkraft der Holzer auf

einen Zug zu konzentrieren, Beim Reisten wurden oft schöne

Stämme beschädigt für die die Käufer wenig zahlten. Daraus

lassen sich die Aufwände für Waldwege in 'erster Linie erklären.

4- Flö ß e r.

Vor dem Ausbau der Alpstraße Richtung Biberbrücke in elen

öoer Jahren und vor dem Bau, der Wädenswil-Einsiedeln-Bahn

im Anfang der 70er Jahre war die Sihl ein willkommener Transportweg

für Trämel und' namentlich für Scheiter. Damals betrachtete

man diese primitive Verfrachtung als etwas Alltägliches

und nachdem bequemere Transportwege geschaffen waren, als

etwas Erledigtes. Das ist denn auch der Grund, warum uns die

Ueberlieferung der hier gebräuchlichen Technik des Flößens

fast gänzlich fehlt. Die Arbeit konnte mit Rücksicht auf den

Wasserfall in den Schlagen und das mit großen Findlingen besetzte

Sihlbett von dort bis Finstersee nicht einfach sein, Wir

.haben diesbezüglich folgende Angaben ausfindig machen können:

Trämel und Scheiter, diese 3 Fuß zu 30 cm lang, wurden im

Winter an die Lagerplätze in Studen, Euthal, Willerzell und Egg

geschlittelt und gehaufnet. Sobald das letzte Sihlwaldfloß, nor-

.malerweise im Juli, ausgezogen war, wovon der hiesige Unter-

127


nehmer vom Sihlamt in Zürich benachrichtigt wurde, wartete man

Hochwasser ab. Dann erschienen die Flößer und warfen unter

der Leitung des Flößermeisters Trämel und Scheiter ins Sihlbezw.

Eubachbett. Sie verfolgten auf beiden Ufern den Lauf des

Holzes. Wenn es sich an Steinblöcken oder Böschungen verrammelte,

griffen die Flößer zu den langen Flößerhacken und

stießen das Holz in die Flut zurück. Diese Arbeit war manchmal

gefährlich, da die Männer dann und wann ins reißende Wasser

hinaus waten mußten. Es kam häufig vor, daß das Hochwasser

nachließ, bevor das Holz in Zürich angelangt War. Nachts kam viel

Holz abhanden. Der Unternehmer war deshalb großen Verlusten

ausgesetzt, das Sihlamt bezahlte nämlich nur das ausgezogene Holz.

Am Lagerplatz in Zürich wurde das Holz in Rechen aufgehalten.

Die größten Holztransporte waren für die Stadt Zürich bestimmt.

Unsere Holzhändler machten Verträge mit dem Sihlamt dieser

Stadt. Die Verträge unterlagen der Genehmigung des Stadtrates.

Das Flößen auf der Sihl setzte die Bezahlung einer Gebühr an die

Genoßsamen, soweit sie Anstößer waren und an private Anstößer

voraus. Es stehen uns drei derartige Verträge zur Verfügung, einer

zwischen der Genoßsame Euthal einerseits und Gebr. Martin und

Gerold Gyr anderseits vom 9. Hornung 1857, zwei zwischen dem

Sihlamt in Zürich einerseits und Martin Gyr zum "Pfauen" anderseits

vom 12. April 1859 bezw. 23. April 1861. Sie beziehen .sich

auf Trämel- und Scheiterlieferungen auf Floßen. Im Vertrag von

1861 handelt es sich um 1200 Klafter Scheiter. Die Genoßsame

Euthal empfing für das Flößen auf der Sihl und im Eubach

(hier nur Scheiter) 70 Fr. Jahresentschädigung. Für den Fall, daß

es den Holzhändlern nicht möglich war, das geschlagene Holz im

Vertragsjahr zu flößen, war ihnen der Transport im folgenden

Jahre gebührenfrei erlaubt. Aus den Verträgen mit dem Sihlamt

sind folgende Abmachungen zu erwähnen: Die Tannenscheiter

mußten franko aufgesetzt an die Holzplätze 'des Sihlamtes beim

Sihlkanal geliefert werden, Die Beigen mußten 9 Fuß hoch mit

2 Zoll Uebermaß geschichtet sein. Alles runde und angesteckte

Holz, sowie auch solches, das die vorgeschriebene Länge von 3

Fuß nicht hatte, wurde ausgeschlossen. Das Einwerfen des Brennholzes

wurde erlaubt, sobald der letzte zürcherische Sihlwaldfloß

ausgezogen war. Die Publikation für Menzingen und Neuheim, daß

ein Brennholzfloß den Kanton Zug passieren werde, wurde vom

Zürcher Stadtrat erlassen. Das Sihlamt vergütete für die ersten

600 Klafter Tannenscheiter 26 Fr. pro Klafter, für die übrigen

400 Klafter 28 Fr. pro Klafter. Für den Ausschuß mußte der Preis

so gestellt werden, daß dem Sihlamt für Benutzung der städtischen

Floßanstalt wenigstens eine Vergütung von 2.- Fr. pro Klafter

zukam. Nichtbeachten dieser Bestimmungen hatte die Entrichtung

einer Konventionalstrafe von 20.- bis 200.- Fr. zur Folge.

128


Unter dem Namen "Floß" darf man im vorliegenden Falle nicht

ein Flußfloß verstehen, das normalerweise aus zusammen gegunteten

Rundhölzern besteht, auf denen die Fracht 'verladen wird

und das auf der Fahrt bemannt ist. Hier bedeutet das Floß soviel

wie ein einmaliger Einwurf von losen Trämeln oder Scheitern.

5. Lohnku tscher.

Während man den geschniegelten Herrschaftskutscher mit dem

Cylinder auf dem Kopf kaum anders kennt, als wie er mit aufrechtem

Oberkörper fest in der Mitte des Bockes sitzt. die Beine

parallel auf das Trittbrett spreizt, die elegante Peitsche senkrecht

zur Rechten stellt und die Zügel des gehaberten und' drängenden

Pferdes straff angezogen hält, sieht das Bild des einfachen Lohnkutschers

der Jahre um 1890 folgendermaßen aus: Er trägt eine

braune Lodenkleidung, einen großrandigen, im Kupf dreifach ein-'

gedrückten schwarzen Filzhut, wie er jetzt noch bei den Altmättlern

und Rothenthurmern beliebt ist. Er sitzt lässig in der

rechten Ecke der Bocklehne, läßt die Zügel des abgeschafften, mit

, genug Krüsch und wenig Hafer gefütterten Rößleins über dessen

Rücken fallen und den Geißelstecken auf seinen Hüften ruhen,

insofern er ihn nicht gerade fleißig zum Knallen und Antreiben

braucht. Er fährt eine einfache Zweiplätzerchaise mit Kofferhalter,

denn er ist eines der Faktoren unserer Alpenpäße. Wenn er nicht

auf eigene Rechnung kutschert, was sehen vorkam, wär er von

irgend einern Hotelier in Brunnen gedungen. Wenn er gedungen

war, erhielt er in den ooer Jahren 25 Fr. Monatslohn bei freier

Station. Er lebte also vorn Trinkgeld, das 10 Prozent der Fahrtaxe

betrug. 11) Brunnen stellten die Kutscher ihre Chaisen bei der alten

Sust in Reih und Glied und warteten auf Engagements. Man fuhr

ein- bis fünfpferdig. Es gab Rothenthurmer Unternehmer, die

6 bis 7 Pferde und eine entsprechende Anzahl Kutscher stellten.

Da für das Befahren der Alpenpässe der Kanton Uri durchreist

werden mußte, war für die Ausübung des Kutschergewerbes ein

Kutscherbuch erforderlich, das Signalement des Kutschers und

der Kutsche, Routentarif und eine Verordnung enthielt, die 31

Paragraphen umfaßte. Die Gültigkeitsdauer betrug ein Jahr. Auf

der Furkaroute machten unsere Kutscher folgende Etappen: I.

Tag Furka oder Gletsch, 2. Tag Meiringen oder Brig, 3. und 4.

Tag mit den gleichen Etappen zurück nach Brunnen. Es karn

manchmal vor, daß der Kutscher 8 bis 14 Tage unterwegs war,

ohne seinen Arbeitgeber auch nur zu sehen; da bisweilen die

Rückfahrt vorn anfänglichen Reiseziel über einen andern Paß

führte. Diesfalls sandte der Kutscher das Taxengeld ä conto heim,

insofern es der Hotelier verlangte oder er rechnete nach der Rückkehr

mit ihm ab. Die Pferde wurden meistens in den Stallungen

der großen Hotels untergebracht. Im Jahre 1906 kostete die Fahrt

129


von Flüelen nach Göschenen mit dem Einspänner in einfacher

Fahrt Fr. 25.-, 'für den Vierspanner Fr: 80:-, von Göschenen

nach Meiringen Fr. 70.- bezw. Fr. 220.- mit Einschluß der

Rückfahrten Fr. 35.-- bezw. Fr. 110.- und Fr. 105.- bezw.

Fr. 260.-. Eine Reise im Einspänner von Cöschenen nach

Meiringen und zurück kam also auf Fr. 14°.-, im Vierspänner auf

Fr. 370.-- zu stehen. Die meisten Lohnkutscher waren wetterund

trinkfeste Männer, gewandt im Fluchen und geschliffen im

Einschätzen der Fremden, denen sie sich breitspurig näherten und

vor ihnen die verlockenden Reisetouren hersagten. Was die

Kutscherrosse anbelangen, überliefern sie mit ihrer harten Arbeit

unserer hastigen Generation Sinn und Geist der seltener sichtbaren

sogen. "Roßgeduld ".

6. Pos ti110 n.

Zuverlässige und gewandte Lohnkutscher hatten Aussichten, als

Postillone angestellt zu werden. In Einsiedeln war die Schwyzerpost

bis zur Betriebseröffnung der Südostbahn im Jahre 1891 ein

die Biedermeierzeit wachrufendes Idyll, das wir heute vermissen.

Sie wurde 3- und 4-spännig gefahren, im Sommer als 6plätziges,

im Winter als 3plätziges Coupee. Die Beiwagen gewährten 4

bezw. 6 Personen Platz. Die Posten stammten aus einer Luzerner

Carosserie. An den Stationen Biberbrücke und Sattel, wo sich

große Stallungen befanden, wurden die Pferde gewechselt. Auch

in Einsiedeln befanden sich ehemals Pferdestallungen, bis zirka

1860 im Gewölbe des alten "Ochsens" (unterer Hirschen) gegen

die Hauptstraße hin und später in der "Pfauenfeder" . Als Buben

machte es uns immer Freude, mit Erlaubnis des freundlichen

Postillons Schuler von Sattel, die müden Postpferde ausspannen

und in den Stall führen zu dürfen. Der Postwagenbetrieb wurde an

einen Pferdehalter vergeben. Die bekanntesten waren Reichmuth

in Schwyz und Styger in Rothenthurm. Sie stellten die Postillone

an und gaben ihnen durchschnittlich Fr. 120.- Monatslohn, ohne

Kost und Logis. Sie waren mit folgenden Kleidungsstücken ausgerüstet:

Rundlicher niederer und steifer Ordonnanzhut aus Leder,

mit Sturmband, Silberkupfband und Posthörnchen, einreihiger,

dunkelblauer Veston, hellblaue Gehhose, Kaput mit Pelerine und

Kaputze. Der Postkondukteur, ein eidg. Beamter, der neben dem

Postillon auf dem Bock saß, trug eine steife Mütze, einen einreihigen

blauen Gehrock mit Metallknöpfen und rotweißem Kräglein

und Gehhose. Ein silberner. Postschild schmückte die linke

Seite seiner Brust. Im Winter war die Fahrt häufig mit Schwierigkeiten

verbunden, besonders, wenn in der sog. "Höhli" zwischen

Biberbrücke und der äußern Altmatt die Postpferde im tiefen

Schnee einsanken und ausgeschöpft werden mußten und wenn

der Postschlitten über den Straßenrand geführt werden sollte.

13°


Wachsrodel

Cherz;

Daß selbst ein wahrhaft heimeliges und glaubhaft beständiges

Idyll den Tücken der Findigkeit ausgesetzt und darum vergänglich

ist, beweist das Schicksal eines unserer alten gelben Post-

<:oupees. Es dient seither als schwarzer Leichenwagen der Gemeinde

Rothenthurm. Da, wo jenes Coupee ehemals unter dem

fröhlichen Signal des Posthorns lebensmuntere Fahrgäste zum

Tor am roten Turm ein- und ausführte, rollt es jetzt unter den

trüben Klängen des Totenglöckleins, mit kalten Leichen befrachtet,

zum Friedhof.

Der nächtliche Wachsrodelstand.

Fast jedes Gasthaus führt in irgend einem Zimmer einen eigenen

Hausladen für Wallfahrtsartikel. Außerdem gibt es im Oberdorf

eine Reihe gut ausgestatteter einschlägiger Geschäfte. Wallfahrtsartikel

kann man auch in den beiden Kramgassen und in den vier

Ständen kaufen, die sich um den Hauptplatz reihen. Vor 1914,

als die Wallfahrt noch blühte, besuchten die Pilger scharenweise

die erste hl. Messe, in die es um 4 Uhr morgens läutete. Um

nun den Pilgern Gelegenheit zu geben, sich auch nachts die Bedarfsartikel

zu verschaffen, z. B. Wachsrodel und Kerzen, errichtete

jeweilen ein altes Fraueli mit einem Garnhäubchen auf

dem Kopf und mit einem langen Dreieck-Shawl umhüllt, beim

Frauenbrunnen am Hauptplatz einen Wachsrodelstand. Sobald

ein Kirchgänger des Weges kam, rief sie ihm zu: "Chömed

chaufed ä oder äs Cherzli l". Wenn der Kirchgänger

nicht gleich einlenkte, lief sie ihm nach und versuchte es mit

folgender Aufmunterung: "Chaufed doch ä ihr hend sichr

öppe n' äs Alige; tüönds ürem Ma z'lieb".

Die Pilger stellen den Wachsrodel in der halbdunkeln Kirthe

auf die Banklehne und zünden ihn an, damit sie im Gebetbuch

lesen können. Die Wachskerzen werden beim Weihwasserkessel

in die Nägel eines Leuchters gesteckt. Der nächtliche Wachsrodelstand

war eine von den vielen Maßnahmen, die beweisen, daß der

Einsiedler fast Tag und Nacht für den Wallfahrtsbetrieb lebte.

Laut einer Urkunde von 1451 waren die Kerzenbänke (Kerzenstände)

Monopol des Stiftes, desgleichen der Wechselstand und

das Zeichenamt (Medaillenstand). Das Stift verzichtete um 1798

auf das Monopol der Fabrikation und des Verkaufs.

-Das Rufen, Singen und Schreien, mit dem einzelne Ständlikrämerinnen,

daher "Ständligure" genannt, die Käufer anlockten,

wurde 1471 durch einen Erlaß verboten. Im Jahre 1748 kam es

zu einer Kundgebung der Krämerinnen. Sie zogen mit Trommeln,

Fahnen und Pistolen auf den Klosterplatz. (Siehe Odilo Wallfahrtsgeschichte,

Seite 283).

131


Die nächtlichen Schuhwichser.

Bei großem Pilgerandrang konnten die Gäste nicht wohl verlan

daß ihre Schuhe schon vor 4 Uhr morgens im Gasthaus gep

werden. Von altersher machten sich deshalb Waldleute. die

Pilgern gefällig sein und zudem ein paar Batzen verdienen woll

mit kleinen, schwarzgestrichenen Putzzeugkistchen morgens 4 L~

auf die Socken und stellten sich entweder auf dem Hauptplatz -

eine Reihe oder einzeln vor die größern Gasthäuser und empfingen

da die Pilger mit dem Anruf "Schueh butze gfällig?". Sie verharrten

auf dem Posten bis zum Morgengrauen. Wer auf öffenzlichem

Platze den Fremden die Schuhe putzen will, muß :6

heute noch auf dem Amt anmelden. Manchmal waltete au

da der kleine Futterneid, indem jeder den bessern Standort einnehmen

wollte.

* * *

Wir geben ferner einen kurzen Ueberblick heimischer und origineller

Arbeitszweige, die zum Teil immer noch von wirtschaftlicher

Bedeutung sind, so das G u m 1e, Tu r b n e, S t r e u ne,

Hol ze, S y dis wä b e und eh 0 r b f 1ä c h t e.

Die begehrtesten Kartoffeln, "Gummel" genannt, gedeihen in der

schwarzen Erde im Übergroß. Der Kartoffelbau. der größtenteils

auf dem Pflanzland der Genoßsamen betrieben wird, dient 'der

Eigenversorgung und dem Bedarf der Waldstatt mit ihrem Pilgerverkehr.

Noch in den 90er Jahren ging auch fast jeder Industriearbeiter

und Kleinhandwerker nach Feierabend in die Länder, um

Kartoffeln für den eigenen Haushalt zu pflanzen.

Große Bedeutung haben die Torfmoore. Die Sihltalbauern stechen

im Vorsommer den Torf von Hand, legen ihn zum Trocknen

über.einander, dann an die Böcke und schließlich um den Stecken.

Dü~ Turben müssen diese drei Trocknungsstufen durchmachen.

Im Herbst stellt der Turbner den Rückenkorb auf das Dreibein,.

genannt Turbenlali, und trägt die dürre Ware in die Hütte ab.

Es bestehen nur zwei Betriebe, der ältere klösterliche und seit

1915 ein privater, die den Torf mit Maschinen ausbeuten. Der

private Betrieb sammelt besonders den Fasertorf des Hochmoors,

verarbeitet ihn in einem 'Werk an der Alp zu Torfmull und

verkauft ihn den Großbauern des Flachlandes. Nach der Anlage

des Sihlsees werden sowohl Brenntorf als Fasertorf seltener sein.

Die Torfausbeute hat in guten Sommern schon über 200 Arbeiter

beschäftigt. Holzhandel und Torfausbeute nährten bislang auch

die Fuhrleute. Gar-mancher Familienvater fand beim Fuhrwerken

sein Auskommen. Nun ist es das Auto, das' die Fuhrrößlein rücksichtslos

verdrängt. Das Fuhrwerken hat folglich seine ehemalige

Bedeutung verloren.

132


Das Sihltal und das Bibertalproduzieren viel überschüssige Streue.

Sie wird im Spätherbst in Tristen zusammengelegt und im Winter

ins Züribiet geschlittelt.

Die Sihltalbauern fällen in den benachbarten Genossenwäldern

die Tannen im Akkord, zersägen sie zu Trämeln und schleifen

oder schlitteln sie im Winter an den Fuhrweg. Die Fuhrleute

verladen sie mit dem Zappi in der Hand auf den Vorderschlitten,

binden sie mit Reitel und Bundkette fest und führen sie auf die

Sägereien, deren es im Land herum um die 20 gibt. Die

Sihltalbauem rüsten im Winter auch Papierrugel und Meter-

.scheiter. Das Abgangholzder Wälder scheiten sie zu Burdenen

und versorgen die Bäckereien oder sie liefern die Scheitli in die

Haushaltungen des Dorfes.

Neben den soeben genannten Verdienstquellen bringt auch die

Hausindustrie etwas ein. Die Heimarbeit ist die ideale Betätigung

-der Frauen. Im Anfang des letzten Jahrhunderts waren Leinenweberei

und Handseidenweberei in der Blüte. Es liefen in den

Bauernhäusern' des Sihl- und Alptales gegen die soo Webstühle.

Am Mittwoch und Samstag zogen die Frauen und Jungfern mit

-den fertigen Wüppern auf der Meiße (Traggabel) ins Dorf, um

.sie den Ferggereien abzuliefern und den Ferglohn in Empfang

zu nehmen. Der Ferglohn richtete sich nach der Größe des

Wuppes. Er machte ungefähr 2 Franken auf den Tag aus. Das

Seidenweben ging dazumal noch beim kargen Lichte der Oel-

.ampel von morgeris früh bis in die' Nacht hinein vor sich. Um

die Mitte des letzten Jahrhunderts verschwand die Leinenweberei

und damit auch die Selbstversorgung der Bauern. Das gestreifte

-oder gespiegelte Gstältlikleid der Frauen und die braune Männerhose

waren ehemals Produkte des Eigenbetriebs. Ein Versuch,

die Leinenweberei um 1910 herum wieder einzuführen, scheiterte.

Indessen hielt die Handseidenweberei bis um die Jahrhundertwende

stand. Nachher fing auch- sie an, rasch abzuflauen. Sie

wurde von der maschinellen Weberei des Flachlandes verdrängt.

Die um 1912 eingeführte Kettenstichstickerei fiel der ostschweizeri-

.schen Stickereikrise zum Opfer. Dagegen gelang es um J920,

die Korbflechterei mit veredelten, importierten Weiden einzuführen.

Sie hat sich inzwischen stark entwickelt. Heute wird sie

.als Hausindustrie im Sihltal außerordentlich geschätzt. Die Fertigkeit

hat Fortschritte gemacht, sodaß auch Rohrsessel und dergl.

geflochten werden können. Das Flechten der einfachsten Körbe

aus hiesigen Weiden bleibt eine Art Monopol der Feckerfamilien.

Schließlich stellen wir einige erloschene Kleinindustriezweige auf:

Tabakstampfe, Schleifschmiede, Löffelschleife, Gerberei Seifensiederei,

Pferdehaarflechterei, Strohweberei, Schindelnschachtelei

(Schienendrucken), Zündhölzchenfabrikation, Wattenfabrikli und

133


Larvenmacherei. (Näheres über Heimarbeit und Kleinindustriesiehe

in der jubiläumsnummer des "Einsiedler Anzeigers" 1<)09

und in der Verkehrsbroschüre "Einsiedeln ", Benziger &. Cie,

1917).

Der rote Räppler.

In einer Tageszeitung wurde jüngst behauptet, der rote Räppler

sei verschwunden. Das trifft nicht zu. In Einsiedeln läuft er

immer noch. In den Geldschubladen der Krämerladen behauptet

der' rote Freund das alte Fach, eines der Räppler, das andere der

Zweiräppler. Weit mehr als die Hälfte der Lebensmittel werden

zu ungraden Preisen verkauft, d. h. ohne Aufrundung auf Nickelwerte.

Es gibt einzelne Ladengeschäfte, in denen monatlich für

nahezu Fr. 50-- Räppler und Zweiräppler ausgegeben werden,

die beim Einkauf zum Teil in die Ladenkasse zurückreisen und

als sogen. Umgeld von dort wieder abwandern. Das macht

monatlich um die 2 5oobezw. 5000 rote Freunde.· Bei uns kann

man also nicht vom Aussterben des Rappens reden. Wie würde

sich wohl nur der Verkauf des Brotes ohne Räppler und Zweiräppler

abwickeln, haben wir es doch gegenwärtig mit einem

Brotpreise von 35 Rp. per Zweipfünder und 68 Rp. per Vierpfünder

zu tun. Aus einer Statistik geht hervor, daß von 1885

bis' 193I in 5I Fällen von Preisänderungen 45 Preise ungrad

waren.

Einsiedeln darf als Verkehrsstätte des Kupfergeldes noch weitläufiger

genannt werden. Als die Deutschen den Pfennig und die

Oesterreicher den Heller prägten, jene roten Freunde unseres

Rappens, liefen auch sie willig durch die Kassen der Einsiedler

Wirte und Krämer, wurden da Ende Monats in Rollen gelegt und

als Zahlgeld den Lieferanten ausgehändigt oder sie wurden in

sogen. "groupes" verpackt und mit Wertangabe den ausländischen

Geschäftshäusern durch die Post ä conto geschickt. Auch der

französische rote sou und der italienische rote soldo zählten zu

unsern Gästen. Man sagte den französischen Pilgern den Waren-

. preis nicht in centimes, sondern in sous, z. B. "quatre sous,

francais et deux centimes suisses" = 22 Rp. Wohin wandern

die Hunderte roter Räppler und Zweiräppler, die in der Kirche

bei Begräbnismessen und Gedächtnissen geopfert werden? Auch

in den Kleinverkehr zurück. Das ordentliche Kirchenopfer überliefert

uns diesbezüglich ein typisches Beispiel der Sparsamkeit.

So konkret kommt die Sparsamkeit heute kaum in einer andern

menschlichen Manipulation zum Ausdruck. Beim Handwerksburschen

allerdings, wenn er fechten geht, hat der Räppler endgültig

seinen guten Namen verloren. Es lohnt sich nicht mehr,

um Rappen teure Schuhsohlen abzuschleifen. Lange, lange vor

dem Kriege, da war es der Landjäger, jener originelle Staats- .

134


diener mit der schwarzen Brille auf dem Nasenbein, der "fechtende"

Handwerksburschen abfing, sie auf den Posten begleitete"

ihnen in die Taschen griff und die roten Räppler 'herausfischte,

da das "Fechten" verboten war. Beim Würfelen an der Kirchweih

hieß es einst, "Es sind noch 3 Nummern da, wer setzt noch

drei Rappen?". Der Zuckerbäcker verkaufte der Würfelifrau 12

Bärentatzen oder Mandelbogen für 50 Rappen. und diese ließ das

Stück für 6 Nummern bezw. 6 Rp. auswürfeln. Heute hört man

"Es sind noch 3 Nummern da, wer setzt noch sechs Rappen?".

Also gilt immerhin noch rot. Bei den Markthändlern hat das

Kupfergeld eine glückverheißende Bedeutung. Sie sagen, wer im

Warenverkehr einen Räppler oder einen Zweiräppler erhalte, solle

ihn beim Empfang küssen, zum Zeichen, daß er ihn schätze,

denn er bringe ihm Glück. Aus allem dem geht hervor, daß

unser rote Freund weiter lebt, wenn er auch seinen guten Klang

da und dort eingebüßt hat. Hoffen wir, daß sich trotzdem das

alte Sprichwort weiterhin behaupte: "Wer den Rappen nicht ehrt..

ist des Frankens nicht wert".

3. Orts gewohnheiten.

Die "Schweizer. Gesellschaft für Volkskunde" führt seit 1932

eine volkskundliche Erhebung durch und richtet an ihre Vertrauensleute

ein Heft mit 1585 verschiedenen Fragen, die aus

allen Kantonen beantwortet werden sollen. Im Jahre I934 war

aus dem Kanton Schwyz noch keine Frage beantwortet. Nachdem

meine vorstehende Arbeit, die das Wesentliche unserer Volksbräuche

enthalten dürfte, geschrieben war, entschloß ich mich,

auf Ansuchen, von den Fragen der "Schweizer. Gesellschaft für

Volkskunde" wenigstens jene zu beantworten, die bei der Behandlung

unserer Volksbräuche nicht berücksichtigt sind und die

sich unter dem Titel "Ortsgewohnheiten" vereinigen lassen. Es

sind deren gegen IOO. Die Antworten folgen hier ohne Gliederung

nach Material, sondern der Reihe nach, wie sie aus den 1585

Fragen hervorgehen. Damit sind die gewählten Fragen natürlich

nicht annähernd ausgebeutet.

Grußformen: Unsere Grüße wie "guten Tag", "guten Abend",

"gute Nacht", "a Dieu" usw, sind infolge der allgemeinen Beifügung

"wohl" als Verstärkung des Wunsches erwähnenswert.

Wir sagen bei der Begegnung "guot Tag wohl" oder sehr häufig

nur "Tag wohl", beim Abschied "adie wohl" oder "läbed wohl".

Auf .Jäbed wohl" wird manchmal geantwortet: "Wohl Iäbe

chostet Gält". Der Gruß "Guoten Obed" ist infolge dieser und

jener Bedeutung, die er in bestimmten Fällen hat, besonders zu

beachten. Die ungewöhnliche Bedeutung kommt allein in der

Aussprache zum Ausdruck. Der Akzent liegt mit gesuchter Be-

135


tonung ausschließlich auf dem zusammengesetzten Vokale "

des Eigenschaftswortes "guot"," während die folgenden Vokale

kurz und mit so gedämpfter Stimme ausgesprochen werden, daß

man sie kaum hört. Sogar das t in "guot" Wird als d gesprochen.

Man denke an eine fallende Quart. Dieser Ortsgruß ist in folgenden

Fällen gebräuchlich: Wenn ein Bauer zu einer Drittperson

sagt, er müsse bei dunkler Nacht und trotz Blitz und Donner noch

in eine Alp hinauf gehen, ferner, wenn ein Spengler in der Gesellschaft

erzählt, morgen werde er am Helm des Kirchturms

arbeiten, d. h. in allen Fällen, wo von einer beschwerlichen

oder kitzligen Verrichtung die Rede ist, dann sagt irgend ein Zuhörer

unvermittelt "guoden Obed". Das bedeutet soviel, als ich

wünsche Glück, gib acht, daß Du den andern Tag erlebst. Der

Gruß wird ferner, aber ironisch, gebraucht z. B. wenn einer auf

dem Glatteis fällt, wenn jemand eine Scheibe eindrückt, wenn

einer beim Jassen verloren hat usw. Der Sinn des Grußes ist an

folgenden Beispielen noch deutlicher zu erkennen: Wenn der

Wind einem den Hut fortträgt und man greift vergeblich darnach,

wenn einer im Streit dem andern einen Hieb versetzen will und

dieser weicht geschickt aus, wenn einer trotz Beteuerung der Unschuld

vom Landjäger abgeholt wird, wenn einem die Forelle

aus der gezogenen Angel entweicht, wenn einer trotz atemlosem

Rennen den letzten Zug verspätet usw. In diesen und ähnlichen

Fällen liegt dem Gruß etwas Schalkhaftes, Spöttisches, sozusagen

etwas Schadenfrohes zu Grunde. Er bedeutet das, was mit

"heb' di am Gras" gemeint ist und unterscheidet sich darum dem

Sinne nach vom alltäglichen Gruß absolut. Er stammt wahrscheinlich

aus dem Wörterbuch des Feckerjargons. Beachtenswert ist

noch eine andere Grußform, nämlich "guot Nacht am Sächsiv.:

Sie wird beim Abschlagen einer Zumutung gebraucht, z. B. wenn

ein Gast den Wirt ersucht, auf dem Amt um Verlängerung der

Polizeistunde nachzufragen, wenn einer den andern einladet, die

Zeche zu zahlen usw. Der Sinn deckt sich.ungefähr mit der Anrede

"gschwind chum sä" oder "chast mi gärn ha" oder "häst grad

äs Möihli" oder ganz bodenständig gesagt "läck mr am A ... "

Eine selten gebrauchte Gruß form heißt "guots Tägeli". Leute,

die heiter gelaunt sind, verwenden sie gern. Beim Abschied von

zwei oder mehreren Personen sagt man zu ihnen "adie mitenand".

Wenn A über B etwas Beleidigendes erzählt und B vernimmt das

durch eine Drittperson, erklärt er entrüstet, "ich wil im A 's Zyt

scho awüsche". Wörtlich "heißt ,,'s Zyt awüsche" einem "guten

Tag" sagen, wie man auch sagt ,,'s Zyt abnäh", d. h. den Gruß

erwidern. B beabsichtigt aber, dem" A bei der erstbesten Begegnung

zu sagen "wie spät es ist" oder "wo Bartli den Most holt",

d. h. er will ihm "wüest säge", was gleichbedeutend ist, wie die

Meinung sagen.


Zurufe, 'Lockrure, _Scheuchrufe, Mahnrufe usw.:

Beim Essen: Gott gsägnis, Beim Eintritt in den Stall: Glück im

Stall. Beim Mähen: hauts-es? Beim Erdäpfel austun : Gits wohlus?

.Schmeichelnamen für die verschiedenen Haustiere: Kuh: Chueli;

Kalb: Chälbeli; Huhn: Bibi; junges Huhn: Bibili; Pferd: RößIi;

Füllen: Füli; Lamm: Schöufli; Ziege: Geißli; Kaninchen: Chüngel;

Katze: Zybüsi usw.

Lock- und Scheuchrufe: Pferd Locken: hol Scheuchen: hüh l

Rindvieh Locken: oh, ssä, Lobäli, Aelbeli (nasal, gedehnt), Scheuchen:

hüh. Schwein Locken: hoß, hoß, haß. Ziege Locken: Giz,

Giz, oh 's Geißeli mäle. Schafe Locken: Oh, le, le, le. Scheuchen:

tschuff, tschuff. Hund Locken: DedelScheuchen: guschl Katze

Locken: Zizi Büsäli. Scheuchen: Kutzabä I Huhn Locken: Bi, Bi,

Bi, - Gusäli, Gusäli. Scheuchen: gsch I Enten Locken: Hudeli,

Hudeli. Taube Locken: brü, brü. Krähe Locken: Rappeli, Rappeli.

.Scheuchen: gsch I Allgemeiner Lockruf für Tiere: Zischlaut, indem

man die Zunge an den obern Gaumen drückt und sie plötzlich

'loslöst und das mehrere' Male wiederholt.

Ruf für das Antreiben und Anhalten dur Zugtiere: Pferd und Kuh:

Antreiben: hü I Anhalten: üüf und üh. Rechts: hott: Links: hüscht!

Redensart, um Kinder vom Laufen in's Gras, vom Fallen in einen

Bach, vom Unfolgsam sein zu warnen: Bachhöuggl. Warnung

vor der Sihl: Sihlhöuggl (Höuggl = Hacken). D' Ohre loh stou,

's Brunnäräherrli, dr Chämifäger chunt.

Bau e r ~ d u t zen d: Es zählt i3 Stücke.

GI a u b e und Ab erg lau b e: Wenn eine Kuh krank ist, schiebt

ihr der Bauer drei rohe Kartoffeln im Zeichen der drei höchsten

Namen (Gott Vater, Gott Sohn, Gott Heiliggeist) in den Mund.

Wenn man die Fingernägel am Freitag schneidet, ist man vom

Zahnweh gefeiht.

Wenn "jemand am frühen Morgen einen Knopf vom Boden aufbebt,

steht etwas Unglückliches bevor.

Wenn eine schwarze Katze den Weg kreuzt, ,steht ebenfalls ein

Unglück bevor. ' '

Das gleiche trifft zu, wenn eine alte Frau die erste ist, die einem

-das Neujahr anwünscht,

Schuhe auf dem Tisch bringen Verdruß.

Wenn Krähe das Haus umkreisen, stirbt bald jemand,

Wenn ein junges Mädchen zu gleicher Zeit einem Kaminfeger

und einem weißen Pferd begegnet, hat es Glück.

Wenn der Jäger einem alten Weib begegnet, soll er heimkehren,

.da er an jenem Tag kein Glück hat.

W a n n ni c h t säe n: Bei fallendem Mond nicht säen, sonst

wächst die Saat in den Boden hinein.

137


n

Vi erb I ä t t r ig es KI (.e: Man sagt, es bringe Glück.

L e h m gur gel n : Gegen Halsweh gurgelt man gelegen

Lehm-Wasser.

An k ü den der Tot e n: Wenn in einer Zimmerwand plötzlich

ein akuter Ton entsteht, oder wenn eine Tafel herunterfällt, oder

wenn man im Haus, hauptsächlich zur Nachtzeit, einen Schall vernimmt,

dessen Ursprung man sich nicht gleich erklären kann,

dann behaupten alte Leute, ein Toter habe sich "gekündet".

Uhr s t ehe n g e bl i eben: Wenn die Uhr plötzlich stehen bleibt,

dann. sagen gewisse Leute, es stehe ein Todesfall oder sonst ein

trauriges Ereignis bevor. ~

Brot in die Tasse gefallen: Wenn einem ein Schnitten

Brot in die Tasse fällt, gilt das als Ankündigung eines Briefes.

L ä u t e n i n den 0 h ren: Wem es in den Ohren läutet, von dem

wird irgendwo gesprochen. Rechts Ungünstiges, links Günstiges.

Zu c k e n in der N a s e: Es ist ein Brief unterwegs.

San k t A n ton i usa 1s Für bit t er: Wer etwas verloren hat,

betet inbrünstig zum hl. Antonius, damit er mit seiner Hilfe den

Gegenstand wiederfinde.

Ma r i e n c h ä f e r Ii: Wer eines sieht, spricht von kommendem

Glück.

W eiß e Z wie bel n: Es gibt Leute, die eine weiße Zwiebel in

der Tasche tragen. Sie soll gegen Schwindelanfälle gut sein.

Sie gell a c k: verschont vor Schnupfen.

Mit der li n k e n Ha n dei n sc he n k e n: Das gilt als Ausdruck

der Abschätzigkeit.

AmT i s c hall e sau fes sen: Wenn die Kinder am Tisch

alles aufessen, sagt die Mutter zu ihnen: "Jetzt bekommen wir

schönes Wetter."

Aus g e k ä m m t e Ha are: In vielen Fällen werden die .ausgekämmten

Haare aufbewahrt. Früher ließ man aus ihnen Perücken

für die Puppen machen. Nach dem Tode eines Familienmitgliedes

verfertigte man bisweilen Kränzchen,Blumengebilde, Blätter und

legte sie in Medaillons, die als Frauenschmuck getragen wurden.

Er s t e Ho se: Wenn ein Bub die ersten Hosen bekommt, schenkt

man ihm ein kleines Nickelgeldstück. Man nennt das den "Hosenrappen".

Sc h u h e gi r ren: Wessen Schuhe girren, hat sie noch nicht

bezahlt, sagt man.

Leere Schläge des Schmieds. Der Leerschlag des

Schmieds ist ein Teil der Technik. Der Meister bezeichnet mit

dem leichten Hammer die Stelle, die der Geselle mit dem schweren

Hammer schmieden muß. Während der Geselle schlägt, macht

der Meister einen oder mehrere Leerschläge und bezeichnet dann

wieder eine Stelle. Der Wechsel der Schläge ist rythmisch.

138


p

K n 0 h lau c h es s.e n: Das ist ein vielgebrauchtes Mittel zum

Cesundbleiben.

S c h r ö f e n im KaI ende r zei c he n: Der dritte Tag im

Neumond verspricht Erfolg.

Neu ja h r s g e sc he n k e: Als das Rabattsystem noch unbekannt

war, gaben Bäcker, Spezereihändler, Tuchhändler usw. den Kunden

ein Neujahrsgeschenk als Erkenntlichkeit für gute Kundschaft.

Der Bäcker schenkte einen 'halbbrödigen (2 Pfünder) Eierzupf

im Werte eines Frankens, guten Kunden, Anstalten usw. einen

brödigen oder zweibrödigen Eierkranz im Werte von 2 bis 4

Franken. .

Neujahrsgeschenke werden dann und wann auch dem Güselfuhrmann,

dem Briefträger, dem Zeitungsverträger, der Umsagerin,

dem Nachtwächter usw. gegeben. Sie bestehen in einem Trinkgeld

oder Naturalien.

Bur den e n t rag e n: Die Heuburdenen werden nur mehr auf

Heimwesen mit steilem Gelände getragen. Es gibt auch Holzburdenen

(Reiswellen), die von den Bäckern gekauft werden.

Be vor zug t e K äse a r t e n: Zum Most wird Räßkäse gegeßen.

Als Räß käse bezeichnet man alten, gutgesalzenen Handrnagerkäse

mit zirka 12 Prozent Fettgehalt Von den Fettkäsen ist der sog.

Schwyzerkäse weitaus der bevorzugteste, weil er saftig und rezent

ist. Der Ernmentaler-Fettkäse schmeckt unsern Leuten zu süßlich.

Man tischt ihn sozusagen nur in den Wirtschaften auf.

Zur Geschichte des Schwyzerkäses diene folgender Beitrag, der

sich auf Erhebungen stüzt.

Leider bekommt man den .Schwyzerkäse nur selten zu Gesicht

und dann erst noch unter einer falschen Namensbezeichnung.

Der Handel nennt ihn in der Regel "Spalenschnittkäse". Die Bezeichnung

"Spalen" hat aber mit, der Art der Zubereitung und

Pflege des Käses nichts zu tun. Unter "Spalen" wird das Holzgitter

verstanden, in dem die alten Unterwaldner- und Schwyzersennen

den ein- oder mehrjährigen Reibkäse über den Gotthard in

den Tessin und nach Italien verbringen ließen. (Tätigkeitswort:

"einspalen", Spalenberg: Berg mit Prügelweg, Spalentor: Tor

mit Holzgitter.) Den Spalen folgte das "Röhrli" (Fäßli). Heute

werden die Spalenreibkäse offen oder in Säcken verfrachtet. Die

Käseleibe, die unter dem Namen "Spalenschnittkäse" im Inland

gehandelt werden, kommen mit den Spalen gar nicht in Berührung.

Sie sind auch nicht identisch mit den geschlossenen und

festen, exportfähigen "Spalenreibkäsen", denn sie werden weicher,

offener und mäßiger heiß geführt als diese. Ihr Teig muß gleichmäßig

gelocht sein. Die Löcher dürfen nicht mehr als 5-10

Millimeter Durchmesser haben. Die Leibe wiegen um die 30 kg.

139


Sie sind 12-15 cm hoch und haben einen Durchmesser

gefähr 50-60 cm. Die Farbe des Teiges ist hellgelblich.. -

allem muß sich der wahre Schwyzerkäse durch einen Fett

von 45 Prozent und ein baumnußkernartiges, tiefes Aroma

zeichnen, das ihn von jeder andern Käsegattung unterscheide. Es

geziemt sich, den rechten Namen des Schwyzerkäses einmal festzustellen,

weil er unstreitig die seltenste Art unter den Schweizerkäsen

ist und weil jene Sennen, die ihn einwandfrei zu fuhren

verstehen, bedauerlicherweise auf, genug gesagt, ein halbes

Dutzend zusammengeschmolzen sind. Es ist 'nicht ausgeschlossen,

-daß die Kenner vor dem Schwyzerkäse, der an die Qualität der

Mulche und die Kunst der Sennen die größten Anforderungen

.stellt, bald ,die letzte Verbeugung machen werden. Die "letzte

Verbeugung" haben wir gesagt. Die Käseesser werden einwenden,

der Verfasser dieser Zeilen habe den Schwyzer Alpkäse vergessen,

der in tadelloser Qualität vorhanden sei. Freilich kennen wir den

Alpkäse und schätzen ihn auch. Allein, er kann mit dem Schwyzerkäse,

den wir im Auge haben, nicht identifiziert werden. Der Alp-

'käse kann seinen zudringlichen Alpenmilchbeigeschmack, der dem

Aroma des Schwyzerkäses nicht ebenbürtig ist, unmöglich verleugnen.

Er haftet ihm auch an, wenn er ansehnlich alt ist. Der

Schwyzerkäse mit den eingangs erwähnten, Eigenschaften (das

Aroma allen voraus), stammt aus den Mulchen des zwischen

Alpen und Ebene gelegenen Milchgebietes, nennen wir Schwyz,

Steinen, Steinerberg, Arth, zum Teil auch Küßnacht, March, Ein-

-siedeln und das benachbarte Aegerital. '

Man nennt folgende Umstände, die die Qualität des Schwyzerkäses

beeinträchtigen. Die Hast der Käsebereitung während des

Krieges habe den Nachzug von sorgfältigen Käsen verhindert. Die

jungen Käser verstünden es nicht mehr, die Lab richtig zu führen.

Kraftfutter, Kunstdüngemittel usw. beeinträchtigen die Milchqualität

usw. Fachleute sollten sich diesen Fragen widmen, um

dem Schwyzerkäse wieder zum Recht zu verhelfen und ihm im

Handel und auf der Tafel neuerdings Eingang zu verschaffen.

Emmentaler- und Greyerzer-Käse behaupten ihre Namen auch.

Der erste ist sogar der eigentliche Repräsentant des Schweizer-

.käses im In- und Ausland. Der Schwyzerkäse wird sich in der

Parallele mit diesem sogar zu einem höhern Preis behaupten,

wenn seine Charakteristika gewahrt und landläufig bekannt sein

werden. Welche Käsesorten zieren die Tafel des Hotel und Restaurants

im In- und Ausland? Emmentaler, Greyerzer (dem Schwyzer

Alpkäse am nächsten), bel Paese, Camenbert, Roquefort, Tilsiter

und neuestens die verschiedenen Schachtelkäse mit und ohne Zutaten

(Trauben, Kümin, Kräuter, Yoghurt) usw. Der rassige, vollfette,

schnittreife Schwyzerkäse, dem wir den Namen Schwyzer,

Ratsherrenkäse gönnen möchten, fehlt fast überall. Ja, die Deut-


sehen kennen den Schwyzerkäse überhaupt nicht. Wenn man z.B•

.~inen Badenser, die bekanntlich den Käse als Gourmandise essen,

im Laden frägt, ob er Emmentaler- oder Schwyzerkäse wünsche,

antwortet er trocken: "Natürlich Schweizerkäse". Er denkt da

nur an .den Emmentaler. Soll das mit dem Schwyzerkäse so

bleiben?

Wohnungskündigung: Es gelten der 15. April und 15-

Oktober (Gallentag). Der Tag des Umzuges wird "Büntelitag"

genannt.

Wirtshausschilde: Auf meine vor ungefähr 10 Jahren erfolgte

Anregung wurden mehrere alte Wirtshausschilde mit hübschen

Eisenträgern, die auf den Winden versorgt waren, wieder

an die Hausfassaden gehängt. Schöne Wirtschaftsschilde befinden

sich an folgenden Gasthöfen: Dreikönigen, Pfauen, Goldener

Adler, Schweizerhof, Krone, St. Meinrad, St. Katharina, St. Josef,

St. Johann, Sonne, Rothut, Bären, Waage, St. Georg, Steinhock

und Weißkreuz, an folgenden Privathäusern: Anker, Goldener

Apfel, Dreiherzen. Einige Schilde von ehemaligen Gasthöfen und

Wirtshäusern, die jetzt Geschäfts- oder Privathäuser sind, stecken

vermutlich noch auf' den Winden der betreffenden Häuser, Z.13.

im Schlüssel, in der Ilge, im Adler.

S ta m m t i s c he: In einigen Restaurants besteht noch der Brauch,

Stammtische zu halten. Es sind dies gewöhnlich runde Tafeltische,

allerdings ohne beachtenswerten Stil. Sie werden in eine

heimelige Ecke gestellt. Besondere Aufsätze behufs Kennzeichnung

der Stammtische sind nur an zwei Orten bekannt. An die

Stammtische setzen sich in der Regel nur diejenigen Gäste, die

das betreffende Restaurant regelmäßig besuchen.

S ta 11aus se g n e n: Es erfolgt nach dem Erlöschen von Seuchen,

bisweilen auch nach Beendigung eines Neubaues.

All m end e n: Die Genoßsamen, deren es im Bezirk Einsiedeln

sieben gibt, besitzen Wald und Allmenden; Sie teilen den Genossen

nach Schluß der Jahresrechnung im Sinne der zuständigen

Genossenverordnungen jährlich das Treffnis aus der Holzrechnung

in Geld aus. Man nennt dies Treffnis den "Holzteil". Das gleiche

geschieht mit dem Streuetreffnis. Man nennt dies den "Streueteil".

Die Turbenteile werden an Grund und Boden verteilt. Man nennt

das den "Turbenteil". Die sog. Länderteile (Mattland), bisweilen

auch die Streueteile, werden entweder vergantet oder zugeteilt.

Genossen, die nicht Landwirtschaft treiben, verpachten den ihnen

zugeteilten Grund und Boden den in der Nachbarschaft wohnenden

Kleinbauern. Das Nähere ist aus Abschnitt "Ueberliefertes der

Genoßsamen" ersichtlich.

Z ins tag: Als Zinstag für Hypotheken aller Art (Schuldbriefe,

Ausrichtungsbriefe, Transfixe usw.) und in der Regel auch für

Darlehen, gilt der St. Martinstag, genannt "Martini".


l

h

Ra n gor d nun g amT i s c h: Der Familienvater sitzt in

Regel oben am Tisch, ihm zur Seite, entweder rechts oder .

seine Frau. Kleine Kinder sitzen neben der Mutter oder einer erwachsenen

Schwester. Eine weitergehende Rangordnung am TIsch.

ist nicht bekannt.

Fa s t e n s p eis e n: Als Fastenspeisen sind bekannt: Käsesuppe,

Käsekuchen (""Chäsdünne" genannt), Kartoffelfladen ("Ofenturli'

genannt), Chnöpfli und Suurchrut.

Hau s met zger: Beim Metzgen im Lohn macht der Hausmetzger

Blut- und Leberwürste. .

Kin der g e s c h e n k e im Lad e n: Der Metzger gibt den Kindern,

die den Eltern Botendienste besorgen ein Wursträderli, der

Spezereihändler einige Zuckerchügeli, der Zuckerbäcker einen

kleinen Schafbock.

K ö s c h übe r z ü g e: Farbiger Kölsch, in der Regel rotweiß

gespiegelter, wird sozusagen nur noch für Bettzeug verwendet,

z. B. für Kopfkissen und Flümli.

He i m a rb eit: Handseidenweberei und Leinenweberei. Ich verweise

diesbezüglich auf meine Abhandlungen in der Broschüre

"Einsiedeln " bei Benziger & Co., I9I7.

Korbflechten, um 1920 durch meine Vermittlung eingebürgert.

Handschuhnähen, Paramentensticken, Betlifaßen.

K r ä s c heu c h e: Sie wird mit alten Kleidungsstücken angefertigt,

die man über ein Holzkreuz hängt. Oben drauf setzt

man einen alten Hut. An die Kleider knüpft man rechteckige

Dachschindeli, die im Winde flattern und die Vögel verscheuchen.

Güll e f ü h ren: Die Güllenfuhr im Dorf ist nur an bestimmten

Wochentagen erlaubt. Das Bezirksamt erläßt hierüber jeweilen

ein Inserat in den Ortsblättern.

A s c he n sam m e l n : Den Aschensammler bezw. die Sammlerin

nennt man bei uns "Aschenpudel" bezw. "Aschenpudleni". Die

Aschensammler verdanken diesen Beinamen ihrem unordentlichen

Aussehen. Der Aschenpudel trägt in der Regel einen langen juteschurz,

der das pudelähnliche Aussehen noch verstärkt. Das

Sammeln der Asche hat einen doppelten Zweck: Befreiung der

Häuser VOll Unrat und Verwertung als Düngmittel. Bei Föhn

müssen die Wachen der Feuerwehr häuptsächlich in den Aschenröhrli

nachsehen, ob sie noch Glut bergen.

G ü s e l f uhr: Die Güselfuhr, die am Mittwoch und Samstag

'umgeht, kündet sich mit einer Schelle an, die am Hinterwagen

befestigt ist.

Sam m e I n a n der e r R ü c k s t ä n d e : Die Personen werden

genannt: Altysehudli, Fleischbeifrau, Liimpesamrnleri, Siitränkifrau.

R i n d v i e h zug: Ochsen, Stiere, Kühe und Rinder ziehen ausschließlich

am Joch.


Gel d ein h eitim Vi e h h a nd e 1: Im Viehhandel mit Kühen,

Mais- und Zeitrindern, Jährlingen und Stieren wird mit Napoleons,

genannt "Duble", gehandelt, Kälber, Schweine, Ziegen und

Schafe mit Franken.

Milch: Ungekochte saure Milch wird "Suffi", die Fettschicht auf

der ungekochten Milch "Niedei oder Ankemilch" , die auf der

gekochten Milch "Belz" genannt. Die Rückstände beim' Auslassen

der Butter nennt man .Anketruose". Erste Milch der Kuh

nach dem Kalbern .,Biemst".

Fe t t: Das ausgelassene Schweineschmalz wird "Schmär" genannt.

Maß und G e wich t: Von den alten Hohlmaßen gehört man

noch gelegentlich den Schoppen (4 dl), das Budeli (2 dl) und das

Quärtli (4 dl) nennen. Man sagt z.B. einen Schoppen Milch (dem

Kind den Schoppen geben), einen Budel Schnaps, ein Quärtli

Nachtlichtliöl. Von den alten Längenmaßen ist der Fuß gebräuchlich.

3 1/3 Fuß sind ein Meter. Man sagt z.B. der Karrweg muß

5 Fuß breit sein. Von den alten Flächenmaßen ist die Juchart

zu 1111 1 /9 Klafter 2 oder 4°,000 Fuß 2 oder 36 Aren heute noch

gäng und gäb. Mit den alten Körpermaßen handelt man selten,

sie heißen Turbenklafter = 72 Fuß 3i Holzklafter - 108 Fuß 3,

Heuklafter = 216 Fuß 3. Mit dem neuen Turbenklafter zu 74

Fuß 3, mit dem neuen Holzklafter zu 148 Fuß 3, demneuen Heuklafter

zu 296 Fuß 3 wird häufiger gehandelt. .

Fis c h art e nun d G r 0 p pe n: Die Bachforelle herrscht vor.

Sie wird von einigen Berufsfischern mit der Angelrute gefangen

und entweder in die hiesigen Gasthöfe verkauft oder nach Zürich

geschickt. Man sagt auch den Feckern nach, daß sie sich mit

dem Fischfang befaßen. Die Groppen werden von den Schulbuben

gefangen, entweder heimgebracht oder an Ort und Stelle

gebrätelt. Es besteht die Patentfischerei.

Fechten der Handwerksburschen: Diese Gewohnheit

besteht noch. Die Handwerksburschen fristen damit den Reiseunterhalt,

auf jeden Fall schaut das Schlafgeld für die Herberge

heraus. (Siehe Näheres im Abschnitt "Der rote Räppler").

Hau sie ren: Die ältesten Hausierartikel sind die Schwefelzündhölzli

in Rollen zu zwei Schächteli, die Wichsidrückli, ehemals

zu 10 und 20 Rappen und die SchuhnesteI. In neuer Zeit nehmen

die Hausierer allerlei mit auf den Weg. Um Weihnachten herum

hausieren Frauen mit Eierzöpfen.

Ge s und be te r: Wir verfügen über einen Gesundbeter, dem

viele Leute großes Zutrauen schenken. Kranke erklären, der

Gesundbeter behaupte, "er habe den Höchsten (Gott) in sich".

Der er s t e Zahn: Früher war es Brauch, den ersten ausgefallenen,

gebrochenen oder gezogenen Zahn entweder in .einem

143


Schächteli aufzubewahren oder ihn zu verbrennen. Es gab Leute•.

die glaubten, es geschehe ein Unglück, wenn man ihn wegwerfe

oder verliere.

Wall f a h r t sa n denk e n: Ich verweise auf den Abschnitt

"Wallfahrtsandenken" .

Ga nt e n: Wir kennen freiwillige und konkursamtliche Ganten

bezw. Steigerungen. Es handelt sich in der Regel um Mobilien

und Fahrhabe. Als Verganter wirkt eine offizielle Person, die

gewandt ist im Anpreisen. Gegenwärtig ist es in der Regel der

Gerichtsweibel. Die Gantware wird in einem Wirtshaus oder

vor dem Wohnhause des Eigentümers zur Besichtigung ausgelegt.

Man vergantet mit dem Ruf "Zum ersten, zum zweiten und

dritten Mal". Wer vor Abschluß des dritten Rufes am meisten

bietet, bekommt das Gantstück gegen Barzahlung.

W e t t er gl ö c k lei n: Ich verweise auf die Abhandlung "Segnungen

und kirchliche Bräuche", die 1934 als Beilagen der "Neuen

Einsiedler Zeitung" erschienen sind.

His tor i s c he Sc h i e ß e n: Als solche sind der Rütli- und,

der Morgartenschießet bekannt. In der Regel nimmt von hier eine

Sektion daran teil.

J e r ich 0 r 0 se: Die Jerichorose wird am Weihnacht· Heiligabend

in ein Glas Wasser gelegt. .

Ab end rot: Wenn vor Weihnachten das Abendrot aufleuchtet,

sagen die Mütter zu den kleinen Kindern ,,'s Christchindeli tuot

i de chlyne Chinde bache",

Freinacht am Neujahrstag: In der Neujahrsnacht wird

die Polizeistunde in der Regel bis um 2 Uhr verlängert.

Wetterregeln:

Hat der Mythen einen Hut,

bleibt das Wetter gut;

hat er aber einen Degen,

gibt es sicher Regen.

"Wänns am Morgä rägnet, hörts gly üf", gleichbedeutend WIe:

"ä früehe Bättler goht nüd lang". ,

Sc h n i t z e I ban k: Ueber lustige Ortsereignisse wird gelegentlich

an der Fastnacht eine Schnitzelbank veranstaltet. Bei Hochzeiten

kommt es auch hie und da vor, daß ein Bekannter des

Bräutigams oder der Braut Jugendereignisse des Brautpaares

in einer Schnitzelbank darstellt.

Re gen bog e n: Unsere Leute behaupten, der Regenbogen sei

das Vorzeichen schlechten Wetters. Je vollkommener derselbe

ist, umso ungünstiger lautet ihre Prognose.

Na m end e r Wo 1k e n: Kleine weiße Herden = Schöfli, weiße

hochstehende Ballen = Stützwoule (Wolle), langgezogene, Regen

bringende Schleichwolken = Fische.

144


r

Spinrie:

Spinne am Morgen,

Mühen und Sorgen.

Spinne am Mittag,

Freude am dritten Tag.

Spinne am Abend,

Erquickend und labend.

Pflanzen zu Teebereitung: Spitzgras, Frauenmänteli, Silbermänteli,

Lindenblätter, Vermouthblätter, Storchenschnabel,

Pfeffermünzblätter, Weißer Klee, Johanneskraut, Kamillen.

Na sen b lu t e n: Volkstümlich wird das Nasenbluten gestillt,

indem man dem Patient Wasser in den Nacken schüttet. Der

Schreck soll den Blutandrang unterbrechen.

Mit tel g e gen He i m weh: Gesegnetes Agathabrot in die

Fremde mitnehmen.

J iin g s t e r Tag: Bei der Schuljugend gehen von Zeit zu Zeit

Gerüchte um, an einem bestimmten Tage, der genau bezeichnet

wird, gehe die Welt unter.

Ohr r in ge der Mä n n er: Kleine, einfache Ohrringe werden in

der Regel von Feckern getragen. Es gibt aber auch Bauern, die

kleine Ohrringe tragen. Sie erklären, sie seien gut gegen die

Kurzsichtigkeit.

Kir c h g a n g s t r ach t: In der Prozession tragen die Jungfrauen

entweder ein weißes Kleid und ein weißes Kränzchen in den

Haaren oder ein farbiges-Festtagskleid und ein weißes Kränzchen.

Eine besondere Kirchgangstracht gibt es nicht.

Was die Bekleidung anbelangt, verweise ich auf meine Publikationen

"Die ländliche Kleidungsart", Heimatschutz Basel 1921 und

"Die Schwyzertracht", Beilage zur "Neuen Einsiedler Zeitung"

1933·

S chi 1d b ü ge r s t re ich e: Bei uns werden hauptsächlich die

Gersauerstückleia erzählt, deren eine große Zahl bekannt sind.

Er wer b, Sie d Iu n g USW.: Siehe meine Abhandlungen "Der

Stausee im Sihltal" , Heimatschutz I und II, Hefte 4 und 5, i93I,

ferner "Unsere Siedlungen", Beilage der "Neuen Einsiedler Zeitung",

1931.

Schwing- und Aelplerfeste: Siehe meine Abhandlung

"Gegen die Verarmung der schweiz. Schwing- und Aelplerfeste",

"Neue Zürcher Zeitung", 1923, ferner: "Mit 'm Lieni z' "Alp",

Beilage der "Neuen Einsiedler Zeitung", 1929.

Na me n k und e: Siehe meine Abhandlung "Zur Namenkunde in

Haus und Hof", in "Neue Zürcher Zeitung", 1924 In nächster

Zeit werden in den Beilagen der "Neuen Einsiedler Zeitung"

weitere Sammlungen folgen.

145


c

4. Zeitvertreib unserer Schuljugend.

Unsere Schuljugend unterhält sich ,ßou dr Schuol" auf manni

fache Art, nützlich und meisterlosig. Mit den Anschlagspiel

werden die Parteien gebildet. Die Mädchen unterhalten sich hanp -

sächlich mit Spielliedern, Reigen und drgl. Bei den 'Buben sind

besonders die Partei- bezw. Wettspiele beliebt. Die freien Unterhaltungen

zeichnen sich manchmal durch schöne Originalität

aus. Dienstfertigkeiten und häusliche Arbeitsleistungen bringen

leicht einige Batzen ein. Boshafte Bubenstreiche und üble Gewohnheiten

sind nichts weniger als selten.

Viele Uebungen gehören der Vergangenheit an, viele sind heute

noch im Gebrauch. Wir zählen sie hier zwanglos auf, ohne den

Beschrieb, die Spielregeln und die Interpretationen beizufügen.

I. Ans c h l a g s pr ü h e. Anschlagen, Aar Paar Guggus; SeIlerli

Sellerli Sieberli Ssa, Rippidi Rappidi KnolI; Paar oder

Unpaar? Chrälleli uuf Chrälleli ab, chauf mr au äs Bäseli ab;

ABC d' Chatz lauft übere See; Oepfl, Bire, Nuße, duße; Ich und

du und 's Müllers Suu und's Bäckers Stier, sind üsr vier;

Buoche, suoche ... , Tanne, fange ... ;Chügeli Chügeli roet, du

bist toet..

2. Spielsprüche und -Liedlein. Joggeli goht go Bire

schüttle, d' Bire wend nüd falle ... Chämifägr schwarze Ma ...

Annebabeli lupf di Fuoß, wän i' mit dr tanze muoß ... Ene dene

Tintefaß, goh i d' Schuol und lerne was ... Dou bohri äs Loch,

dou han'i eis, dou bruuch'i ä keis, Chrälleli uuf, Chrälleli ab,

chauf mr au äs Bäseli ab,.. Alts, alts Gröiseli, dörfed mir uuf

d' Gaß ... Ueseri Chatz hät Jungi gha ... Hüppe, hüppe Rösseli . ~.

Balle Balle sag mir doch... Chum mir gönd goh wandere ...

Ora pro nobis, Chrut ischt kei Chabis... I predige was i weiß

von äre alte Mutschigeiß . .. Det obe uuf 'm Bärgli, stoht än

alti Geiß... Es rägelet, es schnyelet, es goht ä chalte Wind ...

Uesri Chatz hät Jungi gha, siebni in're Zeine... Jsebahn, Jsebahn

Lokomotiv, wan i äs schöns Maiteli gseh ... Mülleri hät

si hät... Dr Lunzi chunt, dr Lunzi chunt... Meired heb's Bei

grad. .. Do äs Plätzli, det äs Plätzli, Härzigs Aengeli, Rosestängeli

. .. Adam hatte 7 Söhne... Es Beckeli Kafe und Zucker

dry, hinne uuf e Wage und furt mit dir... Es chunt eHer

mit eim Pantoffl ... Dreimal um den Kessel, weiß ich gar nicht

wo . .. Kommt ein Vogel geflogen... Zeigt mir eure Hände,

zeigt mir eure Schuh, .. Ueseri Bäsi Dorothe, mit lange Füeße ...

Hoorus, zuem Tor uus! Ryte, Ryte Rösseli, z' Bade stoht es

Schlösseli ... Chum mir gönd goh wandere, vo einer Stadt zuor

andere. .. Ruedi vertue di... Annemarieli, Zuckerbieli .... Dry

hölzig Halbbatze und ä glesigi Chueh ... Döcklbabeli dai dai dai,

hinicht chunt dr Dädi hei... Aengeli träge, niemertem säge ...


3 -.Par t e i- b e z w. W e t t s pie I e. Niggele, Kapulatuder, Stickle,

Süli hüete; Ballenschlagen, Eggballnen, König schickt Soldaten

aus, Bockgumpe. Marieehen saß auf einem Steiri,ScWeudern,

Jagis ha, Bergisha, Blindekuh, Seiligumpe, Ringel-Ringelreihen,

Plumsack goht urne, lueged nüd urne, Chügele, Rieseln, tütsche

oder im Kreis mit 'm Bölli noä tröle oder enand töde (butzig),

Seilziehen, Sackgumpen, Klettern, 2 Parteien mit Schneeballen,

Chöpferöllizieh, Schuob, Räuber und Perrücken, Himmel-Höll-

Fäckfür, Schinkechlopfe, Eggetusche, Adam hatte sieben Söhne

(ein Ringelspiel), Paarspringen, Es kommt ein Herr mit einem

Pantoffel ... (Mädchenspiel), Blauer blauer Fingerhut, steht dem

Mädchen gar so gut .., Willst du dein liebes Kind verkaufen?

Chum mer wend goh wandere, vo einer Stadt zur andere, rirarum,

und wänn dr Kaiser ... Farbenjagisäha, Fuchs aus dem Loch,

. Räuberlis mache, Soldatisäha, Buobeschlachte, Chnöpfle, Ringele,

Tützle, Chappetuusch, Muttele. Würfele, Häggle,Schärze bezw.

borzge, Chnödlistoße, Philippine mache, Himmel und Höll, Es

pöperled, es pöperled ... , Dure krüppled Wald, Farben angeben

und eines raten, Engel und Teufel, Vögel angeben und eines

raten, Hühner verkaufen, Kreis bilden und eines raten.

4. a U n t e r h a l tun gen. Rößlisäha, Müetterlisäha, Drach loe

styge, Vogelbeeriblasen (aus Engelwurz) (angelarchis), Maiepfyfe

schnyde, Waldhore mache, Stelzenlaufen, GeisIe chlepfe, Chlefäle,

Härdöpfl brötle, Groppne, Schnee burgen machen, Lusthüsli mache,

Kreisel, Sprungübungen auf Schlittschuhen, Geisgüge, Schienholz

suchen, Grasbrennen in den Turbenmooren (Steppenbrennen),

über die Turbenlöcher gumpen, Fürtüfel wärfe, Chäpsli abloh,

. Chlepfer zieh, Furzäre mache (Taraxacum officinale, Löwenzahn;

Ankenblume), Obladen betteln (beim Pförtner Klemenz), in den

Gunten der Alp chräsle, Marken sammeln, im "Schnee Gärten

ausschaufeln, Höhlen im Schnee machen, Gygerößlinäh, Blumen

pressen, goh schume (kühwarme Milch trinken), Laimandli mache

(Lehm), seidene Zwick betteln, Sübloutäre bättle, Häxemache

(mit Blumen), Schnee azünde, Barfuß laufen, Gunten (Tümpel)

mache, Im Schnee wattle, Wälle tröle, Schlyfene mache, Uf'm

Hosehindr aberyte, I d' Suurhampfere goh, trumme, Mit Garn

und Schnüren Figuren herstellen (Wiege), Ratsspiele (die gute

Magd), Mutschele, Ballspiel mit einem kleinen und großen

Examen, Seiligumpen, Seifenblasen, Hürlibuob (Knopf mit Zündhölzli),

Blächpfyffli House (dem Schwäfelpfyffli nachgemacht],

-ocarina spielen, i d' Schneeglöggli goh, i d' Häntscheblüemli goh,

.i d' Alperose goh, Rüetli haue, Gruppenweise vor' die Schaufenster

der Läden stehen und die Gegenstände im Geiste unter

einander verteilen. '

"Ghüüs abhole". Am letzten Sonntag im August beginnt die

Kirchweihe, die 3 Tage dauert. Während der vorangehenden

147


Woche bringt die Südostbahn auf offenen· Güterwagen die beräderten

Wohnungen der Schaubudenbesitzer -ins Hochtal. Die

Schulkinder nennen einen solchen Wagen "äs G'hüüs". Sobald

sie das "G'hüüs'" im Rabennest sichten, gehen sie scharenweise

an den Bahnhof. Früher wurden die Wagen mit 4 bis 6 Pferden

durch die Hauptstraße auf den Brüel gefahren. Jetzt zieht sie

der Traktor. Die kleinen Kinder laufen hintenher und rufen

"äs G'hüüs, äs G'hüüs". Da die Meinung über das Innere eines

Wohnungs wagens nicht die beste ist, fügen sie bisweilen folgende

spöttische Bemerkung bei: "äs G'hüüs mit siebe Lüüs". Nachdem

die Schießbuden an der Kirchweih 'den Platz geräumt haben,

durchsuchen die Buben den Erdboden nach Flobertkügeli.

4.b Alte Ger ä te und Ge gen s t ä n d e. Bär = alter Kinderreitschlitten

aus 2 harthölzernen Brettern als Kufen und einem

Brett als Sitz zusammengesetzt, vorn ein Rundeisen mit Ringen.

Geiß = typischer Einsiedler Reitschlitten. Rollehegl = länglicher

Griff aus Holz mit Klingenfeder und breiter Klinge. Titebabi

= Puppe im Tragkissen aus einem Scheitehen geschnitzt und

primitiv bemalt. Huchhelgli und Amedeli = Geschenke der

Kapuziner an Kinder. Pfingstegugger und Pfingsteschälle, Trümpi,.

hölzig Schlyffschueh, Stelze, Schulsäcke aus Jute mit Hirsch

bemalt.

5. Dienstfertigkeiten undBeschäftigungen. z'Märcht

goh (Bootendienste), d' Gatter uuftuo (die Gatter auf der Viehweide

öffnen), d' Göfferli träge, turbne, Turbe ablade, Roßmugele

und Chüedräck zämänäh und verchaufe, schyte, is Laub goh,

Streusand in der Sihl holen und verkaufen, is Holz goh, i d' Haselnuße

goh, i d' Beeri goh, Beeribützl sammle, is Chris goh,

i d' Tannzäpfe goh, im Schopf aufräumen, is Fahrechrut goh,.

i d' Stächpalme goh, i 'd' Wydligoh, d' Sütränki holä, goh hälfe

lüte, ministrieren, d' Fähndli träge, Weihrauchfäßer tragen, mit

'm Schneesclinützr wäge, 'Schnee in die Alp hinunter führen,

Zeitungen vertragen, Weg und Läden zeigen, Ziegl büte.

6. aBo s haft e Um tri e b e und ü b l e Ge W 0 h n h e i te n,

Vogelnästli usnäh, Chatzeschybli ischlo (mit Steinen oder mit

der Schleuder), Chrottte brittle, chlebrige Bolzen werfen, Meerröhrli

rauchen, Hummel und Hornußen fangen, mit Feckern

aufs Leim gehen (den Singvögeln Leimruten stellen), an den

Hausglocken läuten und davonspringen, Schneeballen auf die

Firmenschilde werfen, züsle, Katzen strecken, i Aprille schicke:

(für ne Füfer Ibidum, Märzefüli und Maietschupp und Aprillenarr),

kleine Kinder fürchten machen mit dem Zuruf "i loh dr d' Ohre

loh stoh", Händschli amäße, alt Jungfäre plouge, änand Sand

arüehre, uuszänne (mit der Zunge oder mit den vor die Nase

gehaltenen Fingern), auf dem Brüel Kühe melken, Internen necken

("Chräh, Chräh" rufen), Heustöffel fangen (Heuschrecken), d'

148


Spannig uftue, d' Spannchettäne ufschloh, einem andern rücklings

die Augen zudecken, 's Veh usloh (auf der Weide), i andäre

Schnüer spanne, daß s' stürchled, durch Brenngläser in die

Sonne schauen, d' Huusschlüssel abnäh, Schnecken sammeln

(Schnägge Schnägge Höreli, streck dini alli vier HöreJi, odr

i,mörd di odr i töd di odr i lou di lou doure bis übermoure),

Gäldseckel zieh, Meersüli halte, Faltern fangen und pressen,

schleudern, Fürli amache, in 's Obst gehen (in der Höfe Obst

betteln), Tanneharz uusbränne, Schraps.betteln (Konditoreiabfälle),

Baumrinde chafle, Räubergeschichten lesen, Turbegüsl rauke,

Niele rauke, Rüebli stähle, Holzöpfl äße, änand Roßmugele

arüere, die Folen auf der Weide herumjagen, Pulver abloh,

öppis g'schände, Süüschärlig und Milchlig stähle, änand im

und änand verschloh, änand aspeuze, dr Wyer uusloh, Bierfäßli

verbärge, Tafäre verstelle, änand Uebernäme gäh, anand im

Brunne tünkle, Latärne lösche, d' Schlüssellöcher verschoppe,

Dohle und Brünnä verschoppe, d' Ständligure blouge, den

Elsäßern in der Kirche die Haubenbänder an die Bank binden,

den Pilgern am Frauenbrunnen das Nastuch an eine andere Röhre

hängen, Necknamen in den Schnee schreiben, Wydechätzli haue,

Fraueschüehli hole, Ysäße.

6.b Alte Schulstrafen. Etwas 100 Mal abschreiben, nou

dr Schuol dobe hocke, usechnüe, usechnüe und d' Arme spanne,

usechnüe und 's Hindr spanne, Tatze anäha (auf die flache Hand

'oder auf die Fingerspitzen), nüd styge (nicht in eine obere Klasse

nachrücken) .

6. c Alt e War nun g s ruf e der L ehr e r. Ihr Tormänte, ihr

Ekerlänte, du Schönäli.

7. Fremde Ueberraschungen. Dudelsackbläser. Savoyarden

mit Kamelen, Bären und Affen, Deutsche Straßengeiger und

-Sänger, Italienischer Straßenmusikant mit der großen Trommel

auf dem Rücken, dem Glöcklispiel auf dem Kopf und mit der

Handorgel, Drehorgler, Seiltänzer (Seil vom Rathaus gegen den

"Hirschen" gespannt). '

.5. Ueberliefertes der Genoßsamen. (Flurgenossenschaften).

Die Genoßsame kann im allgemeinen als das betrachtet werden,

was in andern Kantonen die Bürgergemeinde ist. Im Bezirk Einsiedeln

bilden die Bürger des Dorfes und der beiden Binzen die

Genoßsame Dorf-Binzen. Jedes der sechs Viertel besitzt eine

eigene Genoßsame. Nach dem Teilungsinstrument des Jahres

1849 muß das Genossenvermögen ungeschmälert bleiben. Vermögensverschiebungen

sind in folgenden Fällen statthaft: zum

Verkauf von Grund und Boden, Gebäuden und Kapitalien, zum

149


Ankauf von Grund und Boden und zur Vornahme von Bodenverbesserungen.

Der Erlös von verkauftem Grund und Boden.

Gebäuden und Kapitalien ist im "Landverkauffond" als unveräußerlicher

Gegenwert zinstragend anzulegen. Das Eigentum der

Genoßsame umfaßt folgende Naturalien: Länderteile, Torfboden,

Streuerieter, Waldungen, Weidgang, Gebäude. Sie befaßt sich.

auch mit Lehengütern. Der Gebäudebesitz setzt sich aus Zweckund

Nutzbauten zusammen. Die Nutzbauten bestehen aus den.

Anrechten an den Pfauen-, Sonnen- und Ilgenständen am Hauptplatz.

Die Genoßsame besitzt auch Atzungsrechte und ein Recht

am Rathaus. Die Nutznießung besteht in den Barbeträgen der

Holzrechnung, der Streuerechnung, der Länderteilrechnung und

der Torfrechnung. Vor der relativen Güterzusammenlegung ergabsich

die Nutznießung je aus einer Naturalzuteilung nach Zivilstands-

und Altersklassen, die in der Genossenordnung genannt

sind. Die Einheit war das Klafter. Den Genossen, die nach fremden

Weltteilen auswandern, werden Auskaufsbeiträge verabfolgt.

Die oberste Rechtsinstanz ist die Genossengemeinde, Verwaltungsinstanz

der Genossenrat.

Im Rahmen dieser Schrift sind folgende überlieferte Einzelheiten

b-eachtenswert: Das den Genossen zugeteilte Land darf nicht

geäzt werden. Der Gegensatz zu Großvieh ist Schmalvieh. Zeitrinder

sind solche Rinder, welche im April zur Zeit des Anzeichnens

geschoben haben; Rinder, welche um diese Zeit noch

nicht geschoben und vor Jakobi ein Jahr alt werden, sind Maisrinder,

jüngere sind Kälber. Der Ertrag 'des Wies- und Weidlandes

wird nach Kuhesset berechnet. Holz und Streue werden

öffentlich vergantet.

Unter dem Begriff "offenes Land" ist der Teil für die Kartoffelpflanzung,

unter dem Begriff "ödes Land" ist der Teil gemeint;

der nach der Bepflanzung mit Kartoffeln in Wiesland übergeht.

Der Viehauftrieb auf dem Brüel (Allmend) uriterliegt im Frühling

einer Auflage, ein Franken pro Stück und Tag, im Herbst, in

der Regel von Jakobi bis Moritz, ist er unentgeltlich. Die Frühjahrsatzung

ist bedeutend wertvoller als die Herbstatzung. Die

Genossen dürfen Kühe, Karroße und Metzgschafe auftreiben.

Die Bevorzugung dieser Vieharten läßt sich folgendermaßen erklären:

Milchkühe sind am Nutzen, die müssen deshalb früh mit

Grünfutter gehirtet werden. Karroße haben bei den Trämelfuhren,

hauptsächlich zur Zeit der Schneeschmelze, die hartes te

Arbeit geleistet, sie müssen sich deshalb !ffi Frühling auf der

Weid ein wenig erholen können. Die Metzgschafe sollen auf

Ostern und Pfingsten gesundriechendes Fleisch liefern.

Bis in die 1860er Jahre haben sich bisweilen vor Jakobi um die

30 Genossen der Binzen und Viertel zusammengetan und dem

Stiftsstatthalter angeboten, den Brüe1 unentgeltlich zu mähen.


Auf diese Weise soll es vorgekommen sein; daß der Brüel in

einem, höchstens zwei Tagen abgemäht war. Die Uebung hat

zwei Vorteile gehabt. Einerseits konnten die Genossen im Herbst

bei Zeiten auftreiben. Anderseits ersparte sich die Stiftsstatthalterei

Arbeitslöhne. Das Atzungsrecht auf dem Brüel ist von

sozialer Bedeutung. Es nützt hauptsächlich den Genossen, die

nur eine oder zwei Kühe besitzen und dieselben 'im Sommer auf

keine Hochweid treiben können, weil sie die Milch im eigenen

Haushalt brauchen. Nach dieser Richtung ist auch die bekannte

Randbewohnerfrage des zukünftigen Sihlsees zu erklären. Der

Sihlsee verschlingt Genossenboden, von dem bis anhin Teile an

Kleinbauern billig verpachtet wurden. Außerdem hat das große

Siedlungswerk viel Grund und Boden der nahen und entfernten

Randzone beansprucht. Den Kleinbauern wird also in Zukunft

manche alte Pachtgelegenheit entgehen. Die Bedeutung der Brüelatzung

ist folglich aus diesem Grunde größer als je. Zwar besitzen

die Randbewohner,im weitern Sinne des Wortes die

Kleinbauern, gegenüber den Genossen anderer Erwerbsgruppen

und Erwerbsklassen kein Privileg auf die Pacht der Länderteile.

Ihre Vorrangstellung ist nur Gewohnheit, die sich einbürgerte,

weil die Pacht der Länderteile der Genoßsamen dem Kleinbetrieb

besonders gelegen kommt und weil die Kleinbauern diese günstige

Gelegenheit im eigenen Interesse nie verstreichen ließen. Insoweit

ist die Randbewohnerfrage ein wirtschaftlicher Ortsfaktor,

dem man anderswo nicht gleich begegnet. .

Ueber die Hilfe an Auswanderer weist sich der Genossenrat in

der Amerikaner Rechnung aus. Im Jahre 1905, also' vor 30

Jahren oder 30 Jahre nachdem die Auswanderung den Höhepunkt

erreicht hatte, zeigt die Rechnung Fr. 2130.- Auszahlungen an

18 Auswanderer, meistens im Alter von 22 Jahren. Damals waren

ungefähr 700 Genossen und Genossinnen nutznießberechtigt, die

Viertelsgenoßsamen nicht in Betracht gezogen. Mit Hilfe der

Genoßsamen hat sich hauptsächlich in den Vereinigten Staaten

von Nordamerika ein Stück Einsiedeln in neuer Form entwickelt.

Wer zählt die Tausende von Abkömmlingen ausgewanderter Einsiedler

? Vor genau 100 jahren reisten viele auf Segelbooten in

die neue Welt hinüber.

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts, als sich die Auswanderung

nach Amerika am lebhaftesten gestaltete, war es

Brauch, daß 20 bis 30 junge Leute beider Geschlechter die Reise

gemeinsam antraten. Die Gruppen wurden jeweilen von den

Familienangehörigen über den Schnabelsberg nach Schindellegi

und den alten Karrweg hinunter nach Richterswil begleitet. Viele

Auswanderer sind verschollen oder nachrichtenlos abwesend.

Nach Amerika bevorzugten die Auswanderer hauptsächlich Frankreich

und Australien. Wenn jeweilen ganz allgemein übet das


Schicksal der Einsiedler in Amerika gesprochen wurde, sagten

kundige Mitglieder unseres Waisenamtes : "Es ist schon mehr Geld

hineingeschickt, als herausgeschickt (zurückgeschickt) worden".

Diese Auslegung des Sachverhalts kann leicht ein falsches Bild

erzeugen. Man denke nur daran, daß der Erbgang, um diesen

handelt es sich, in der Regel viel häufiger vorwärts läuft, als

rückwärts. Da nun die meisten Nachkommen der ehemaligen Auswanderer

in Amerika bleiben und in den meisten Fällen sogar

das dortige Bürgerrecht erwerben, liegt es auf der Hand, daß

auch ihre Nachlassensehaften in der "neuen Welt" verteilt werden.

Man braucht im besondern nur an den Stamm der Benziger zu

denken, die in New-York, Cincinaty und Chicago die Firma

"Benziger brothers" gründeten und die nicht nur keine Subsidien

aus der Heimat beanspruchen, sondern die wohltätige Institutionen

der Waldstatt sogar lebhaft unterstützten. (Ueber die Einsiedler

in der Fremde gibt ein Aufsatz des Lehrers Meinrad Kälin in

der Jubiläumsnummer des "Einsiedler Anzeigers", 19°9, Aufschluß).

6. Von den Kleidern.

Wenn man die Wandlung der Kleider des Landvolkes verfolgt,

bemerkt man leicht, daß das Festtagsgewand unbarmherzig dem

Wechsel der Mode unterworfen war. Es mußte sich gelegentlich

willkürliche Kombinationen gefallen lassen. So zeigten sich bisweilen

in ein und demselben Stück Bestandteile der alten Landestracht

oder eines Stilkleides und Zeugen alter Zutaten in neuer

Aufmachung usw. Der Werktagsrust, im engem Sinne das Arbeitskleid,hingegen,

hat sich viel länger mehr oder weniger vollständig

behaupten können, wenn auch zutrifft, daß er seit 1890 praktisch

erledigt ist. Was wir an der Trachtenschau in Einsiedeln im

Sommer 1929 zeigten, fällt nur als eintägige Demonstration gegen'

über dem geschmacklosen Arbeitskleid der Gegenwart in Betracht.

Wenn man jene Vorbilder jetzt nur besser verstünde und Abbilder

nur nicht mehr priese. Ich las kürzlich unter dem Bild eines

Unterhaltungsblattes : "Schwyzer Büblein im blendend weißen

Hirtenjäckli". Diese Betrachtung ist weich wie Anken, aber unecht

wie eine Papierblume. Wir kennen gar kein "Hirtenjäckli", sondern

nur ein "Hirthemd". Anderswo wurde gefragt, warum die

Bauernjungfer ein Halstüchli trage, ob sie Halsweh habe? Das

gevierte und enggespiegelte, als Dreiecktuch zusammengefaltete

Halstüchli, das, beiläufig bemerkt, hierzulande einige Jahrhunderte

lang im Handwebstuhl gewoben wurde, galt als Schmuck des

Werktagskleides für den Gebrauch am Sonntag, so auch das

gestrickte Halskrägli, die gemusterten Wollstrümpfe, die Arm-


• I

'bändel und die Halbschuhe. Versagen wir uns weitere theoretische

Betrachtungen und gehen wir zum Beschrieb über:

Die Wer k tag s t ra c h t der Fra u e n.

Es gibt eine 'schwyzerische ländliche Werktagstracht, die praktisch,

widerstandsfähig und anmutig ist, nämlich die Werktags-.

tracht, wie sie in den öoer und 70er Jahren des letzten Jahrhunderts

in unsern Bergtälern gäng und gäb war. Verdrängt

wurde sie dort nicht etwa von Kleidungsstücken,'die praktischer,

stärker und würdiger sind, sondern von falscher Scham und

Unwissenheit des Volkes. Das Volk von heute bestätigt diese

Tatsache eindeutig; denn es erklärt schnippisch: "Diesen alten

Hudel trage ich nicht!" Wenn das die Großmutter hörte, der

wir die ersten Lehren der Kinderstube verdanken! Achtung vor

jenen Leuten, die es verstehen, sich mit einem wirklich vornehmen

modernen Kleid zu schmücken. Allein, in den Bergtälern

versteht man das eben selten, weil man den vermeintlichen

"alten Hudel" manchmal wahllos gegen einen wirklichen "modernen

Hudel" eintauscht. Beispiele und Gegenbeispiele in Bildern

zu zeigen, wäre eine leichte Sache. Doch darum handelt es sich

hier nicht. Beschränken wir uns darauf, die ländliche Werktagstracht

für Frauen und Männer kurz zu beschreiben, und zwar

I. nach Stoffgattung, 2. nach Schnitt, 3. nach Muster und Farbe.

S t 0 f f g a t tun g. Im Sommer trugen die Frauen und Töchter

einst den sog. Ginggangrock aus handgewobenen Leinen. Wenn

die Frau im weiten Ginggangrock daherlief, machte die Schleppe

schwingende Bewegungen. Daher der Name des Rockes. Der

Leinenstoff ist bekanntlich sehr stark. Er behält die Farben

. dauerhaft gut. Die alten handgewobenen Leinenstoffe waren aber

nicht geschmeidig. Sie fielen in der Falte steif. Erst nach mehrmaligem

Waschen wurden sie einigermaßen weich. Die moderne

Leinenweberei hat alte Stoffe mit Geschick als Vorbilder gewählt.

Sie verwendet aber aJs Zettel einen soliden Baumwollzwirn

und als Eintrag gebuchtes Flachsgarn. Werden diese halbflächsigen

Gewebe vor dem Verkauf noch nach besonderm Verfahren

ausgewaschen, so sind sie von Anfang an geschmeidig. Die Halbleinenstoffe,

welche z. B. von der Handwebere Langnau i. E., von

der Handweberei Oberhasli in Meiringen und andern Geschäften

in großer Auswahl in den Handel gebracht werden, eignen sich

vorzüglich für die Anfertigung von Gstältliröcken und Bändelschürzen.

Für Frauenhemli wurden einst schwere Leinen verwendet.

Leichte Leinen tun den Dienst auch, sie sind angenehmer

zu tragen. Als Kopfbedeckung brauchte man den sog; Schlapphut

aus Stroh, mit einem Bändel um den Kupf. Fußbekleidung:

Riemenschuhe mit Socken oder mit Stutzen nach Schächeritaler

Art oder breite Halbschuhe mit hoher Zehenkappe und Strümpfe.

153


Im Winter trugen die Frauen Kleider aus selbstgewobener Schafwolle.

Diese Röcke aus Selbstgewobenem . sind unverwüstlich,

aber sehr schwer. Man begreift es, daß sie in der schwersten

Qualität nicht mehr gern getragen werden. Als wir im Sommer

1925 alte Wollröcke kauften, um die Gruppe "Waldlüt vo Einsiedle"

für die landwirtschaftliche Landesausstellung in Bern

auszurüsten, kam ein altes l\1üetterli mit einem noch älteren

Wollrock auf dem Arm zu uns und fragte: "Könnt Ihr diesen

Rock brauchen; er ist zwar nicht mehr heutig, ich habe ihn

gläublich 30 Sömmer zum Turbnen getragen". Wir ließen den

Rock chemisch waschen und rüsteten damit eine stattliche Dorfjungfer

aus, die an jenem feierlichen Sonntag in der Stadt Bern

herumzog. Ist das nicht währschaftes Zeug? Die moderne Weberei

hat es verstanden, den gefürchteten Nachteil des Gewichtes zu

beseitigen. Sie verfertigt Stoffe aus Schafwolle und Baumwolle,

die sie "Beiderwand" nennt. Sie bringt ihn in leichter und schwerer

Zusammensetzung, lose oder dicht geschlagen in den Handel.

Dieser Stoff gibt warm und ist dennoch verhältnismäßig leicht.

Verständigen Leuten muß er gefallen.

S c h n i t t. Gerade Linie und Bauernkleid passen wie die Faust

auf. das Auge. Als Bauernkleid gilt der sog. Gstältlirock (Gstältli

und Rock ein Stück). Das Gstältlikleid verlangt hohe, bezw. kurze

Taille, so daß der Stoff bequem anliegt. Das ärmellose Gstältli

hat einen runden, ziemlich hochgeschlossenen Halsausschnitt.

Vorn ist es mit einer engen Reihe (in der Regel IO) weißen

beinigen Knöpfen geschlossen. Der Rock soll hinten und auf

beiden Seiten angezogen sein. Man kann es sich ersparen, daß

er, wie der alte Bauernrock, mehr als zwei Meter Spannweite hat.

Es tut's an einem verhältnismäßig engern Faltenrock. Schlanke

Frauen wählen den sog. Tonnenschnitt, vollschlanke den Glockenschnitt,

aber weder diesen noch jenen in der Uebertreibung. Der

Saum reicht auf Fesselhöhe. Man glaube uns: Es gelingt, das

Bauernkleid elegant zu schneiden. Nur keine Schneiderin eigenmächtig

zuschneiden lassen, denn das typisch Schweizerische und

Persönliche ist unter der Schere einer Unkundigen rasch verwischt.

Die Aermel des sömmerlichen Leinenhemlis sollen kurz

sein, mit oder ohne Zug, diejenigen des Winterhemlis lang. Das

Umlegkrägli des Hemlis ist ungefähr 3 Zentimeter breit. Es schützt

Hals und Nacken gegen Reibungen und dient auch als Decor,

Umlegkrägli und Hemliärmel sind mit einem einfachen Festonspitz

geschmückt. Der Bändelschurz muß breit, geradlinig, angezogen

und ungefähr 10 Zentimeter kürzer als der Rock sein,

Das Bundband ist 3-4 Zentimeter breit.

Mus te run d Fa r b e. Für Frauenkleider wähle man unbedingt

nur kleingemusterte Stoffe. Sie sind praktischer und putziger und

154


\

wirken vornehmer als die großen Muster. Zudem entsprechen

sie der Tradition. Die alten Ginggangröcke weisen die schönsten

gespiegelten, die alten Wollröcke die schönsten gestreiften Muster

auf. Dunkelrot und dunkelblau im Wechsel mit schwarz herrschen

vor. Die Winterkleider dürfen dunkler sein als die Sommerkleider.

Helle Kleider lassen sich chemisch färben, wenn sie unansehnlich

geworden sind. Ein herrliches Muster erzielt man mit einem

kleinen gut abgestimmten' hellbraunen-dunkelbraunen Spiegel von

zirka 8 Millimeter im Durchmesser. Man darf sich auch für einen

Rock in uni entschließen. Diesfalls muß aber der Bändelschurz

lebhaft (z. B. rot) gemustert sein. Ueberhaupt soll die Regel

gelten: Auf einen dunkeln, fast uni wirkenden Rock, einen frohfarbigen

Bändelschurz oder umgekehrt. Man wähle aber nur

Schurzstoff mit engen Streifen. Die Farbe 'des 'Streifens soll der

Farbe des Rockstoffes entsprechen. Im Winter schlingen Frauen

ein kleines zusammengelegtes Halstüchli (kleines Muster von entsprechender

Farbe) um den Hals. Nur keine importierte geblumte

Fransenschultertücher. Sie stören die Einheit des Farbenspiels.

Was die gehäkelten Halskrägli anbelangt, die zwar traditionell

sind, sehen sie für den Alltag, d. h. bei der Arbeit, zu zierlich

aus. Zum Ausgang mag oder soll man sie tragen. - Am

schweizerischen Trachtenfest in Einsiedeln sind Bauernkleider in

mehr als 50 verschiedenen Mustern an 2-300 Frauen, Töchtern

und Mädchen gezeigt worden. Es war die größte Schau von Werktagskleidem,

die in der Schweiz je stattgefunden hat.

Die Fes t tag s t ra c h t der Fra u e n.

Beschaffenheit: Rock und Mieder sind ein Stück. Die Taille

sitzt ziemlich hoch; der Rock ist hinten gefältelt. Es handelt sich.

Um einen schmiegsamen Wollstoff mit Baumwolleinlage (sogen.

Beiderwand) von dunkelroter Farbe (bernerrct), mit feinem

schwarzem Streifen. Als Schnitt kann man entweder die Glockenoder

die Tonnenform wählen. Der Rock muß lang sein (ca. 20 cm

vom Boden). Der Schurz ist ein breiter, sogen. Bändelschurz aus

Leinen mit engen dunkelroten Streifen. Er reicht bis auf 10

Zentimeter an den Rocksaum. Vornehmer wäre allerdings der

gestreifte Schurz aus Seide. Es ist aber schwer, feingestreifte

Seidentücher zu erhalten, da gegenwärtig raye nicht Mode ist.

Zur Tracht gehören ferner ein weißes leinenes Hemd mit Spitzenvolant

und zwei goldgestickten zirka 3 Zentimeter breiten Armbändchen,

ein goldgestickter dreieckförmiger Vorstecker, der vorn

am Mieder: hängt, ein rotweiß kariertes seidenes Schultertuch,

dessen Ende unter den Vorstecker geschoben werden, das Goiffli

und die plissierte weiße Flügelhaube, weiße Strümpfe (Strickart

: 2 rechte und 2 linke), schwarze Halbschuhe mit Messing-

.schnalle. Alles Farbige ist auf Bernerrot und Gold abgestimmt.

155


Für festtägliche Ereignisse wie Kirchgang, Prozession, varerländische

Veranstaltungen usw. wird die volle Tracht getragen;

im Haus kann man sich des Goifflis mit der Spitzenhaube und

des Vorsteckers entledigen. Die geeignete Haartracht ist die

Scheitel. Die Haarstränge werden in das Goiffli geschoben, das

senkrecht über dem Scheitel sitzen muß. Als Schmuck trägt man

entweder eine einfache Kette oder ein Seidenbändchen um den

Hals, daran ein einfaches Kreuzlein. Es handelt sich hier um ein

Modell, das in jeder Beziehung dem Traditionellen entspricht. Die

Beschaffung der Zutaten war nicht leicht. Frau Dr. Panchaudde-Bottens

in Zürich, die die Modelltracht nach meiner Skizze

anfertigte, schreibt hierüber folgendes: "Die erste Frage war,

wer plissiert die weiße Flügelhaube genau so, wie das historische

Modell plissiert war? Wo ich hinkam, Achselzucken, Kopfschütteln.

Allein, ich mußte die Flügelhaube haben, wie ich sie

in meinem Kopfe hatte und schickte das alte Stücklein Plisse nach

Appenzell. Und richtig nach 8 Tagen kam die Flügelhaube genau

wie die alte gewesen ist, nur frisch und neu. Und das Blumenkränzlein?

Ich sagte mir, gute französische Blumen sind zu teuer,

die andern halten die Sonne nicht aus, und was ich vor allem

befürchtete, wenn die Richtlinien nicht genau eingehalten werden,

haben wir wieder Hauben mit ganzen Blumengärten drin. Also

ein feines Kränzlein mit Perlblümchen, wie sie auf dem uralten

Häubchen prangen, das mir als Muster vorgelegt wurde. Eine

Zürcher Firma nahm sich der Sache an, klopfte in Paris bei

nahezu 25 Fabriken an und kam mit dem Bescheid zurück,

solche altmodischen Sachen würden nicht angefertigt, es sei

denn, man bestelle wenigstens 100 Stück. Ich gab aber nicht

nach. Endlich fand ich bei einer andern Firma Anklang. Den

Stoff für den Gstältlirock, den Schurz und das Schultertuch

ließ ich in der Basler Webstube weben". Wenn man Echtheit und

Dauerhaftigkeit des Stoffes und Gediegenheit der Schmuckstücke

würdigt, sind die Gestehungskosten der Schwyzer Festtagstracht

nicht hoch. .

Die Wer k tagst r ach t der M ä n n er.

S t 0 f f g a t tun g. Für Männerhosen sind Berner Halblein und

Loden empfehlenswert, für die Hirthemden Leinen und Halbleinen.

In einigen Bauernfamilien des Ybrigs sind heute noch

mehr als 50jährige Hirthemden aus dreitrettigen Leinen in Gebrauch.

Im Vergleich ist der weiße Fahnenstoff, der sich im

letzten Jahrzehnt des Hirthemdes bemächtigte, vergängliches Zeug.

Als Fußbekleidung kommen Riemenschuhe mit starken Socken

in Betracht.

Männer tragen im Winter einen breiten Lismer aus Schafwolle,

den sie unten zuknöpfen. Ein wärmeres Kleidungsstück kann man


sich kaum denken. Nur hält- der Lismer den nassen Schnee fest.

Das ist sein Nachteil. Man schützt sich darum mit einem kurzen

Länder' aus Tuch oder mit einem Paraplü von vaterländischem

Ausmaß vor Nässe. Unter dem Lismer sind eine gestreifte Weste

und ein weißes Leinenhemli mit weichem Umlegkragen sichtbar.

Als Kopfbedeckung ist das Tätschhütli aus dunkelbraunem oder

schwarzem Filz zu empfehlen, als Fußbekleidung der genagelte

Bergschuh.

Sc h nit t. Die Bauernhose ist im Gesäß und in den Schenkeln

weit. Nach unten wird sie wesentlich enger als z. B. die Amerikaner-Hose

des Marchand-Tailleur. Die schwvzerische Trachtenhose

ist unten seitlich mit einigen weißen beinigen Knöpfen geschlossen.

Der Schnitt des Hirthemdes dürfte allgemein bekannt

sein. Die Heukappe des Hirthemdes ist auf Achselhöhe eingenäht.

Das gespiegelte Barchenthemd mit Umlegkragen ist für Männer

dem weißen Hemd mit Briesli vorzuziehen.

Mus t e run d Fa r b e. Die Männerhose ist uni, in der Regel

dunkelblau oder braun. Eine hellbraune Hose zum weißen oder

zum blauen Hirthemd sieht heillos malerisch aus. Ein naturfarbiger

Lederriemen mit Messingschnalle um das Hirthemd verleiht

Figur, wenn er auch nicht durchaus erforderlich ist. Der

Bauernlismer ist entweder blau oder grau. Es leuchtet ein, daß

der blaue kleidsamer macht als der graue. Die blaue, bis zum

Knie reichende' Blouse ist das Kleidungsstück der Viehhändler

und Dolmetsche.

Die Festtagstracht der Männer.

Zur Zeit als die Schwyzerfrauen die soeben beschriebene Festtagstracht

trugen, kleideten sich die Männer mit dem feinen Tüchlianzug,

bestehend aus der engsitzenden Kniehose mit Latz, der

gestreiften Weste aus Selbstgewobenem und dem bis zur Taille

reichenden geradlinig geschnittenen Veston mit gepolsterten Schultern,

schmalem liegenden Kragen und breiten Revers. Der mit

2 Knopfreihen versehene Veston wurde offen getragen, sodaß die

hochgeschlossene, farbiggemusterte Weste als Schmuckstück aus

dem blauschwarzen oder s~hwarzen Tüchli hervorleuchtete. Das

Muster der Weste war entweder senkrecht oder wagrecht eng

gestreift und zwar rot-schwarz, creme-rot usw. Die Aermel des

Vestons schmiegten sich dem Arm an, gegen das Handgelenk

hin waren sie etwas geweitet, nach der Art des sogen. Wienerärrnels.

Das Leinenhemd endigte in einem Umlegkrägli mit langen

Zipfeln, die über den Vestonkragen hinaushingen. Unter das

Umlegkrägli wurde- ein buntfarbiges Cravattenband gelegt, in der

Mitte dasselbe geknüpft und unten hinter einem Knopf der

Weste hindurchgezogen. Zur Mannskleidung gehörten weiße gestrickte

Wollstrümpfe, die je nach dem Zeitalter bald unter, bald

157


über die Kniehose gezogen wurden und schwarze Halbschuhe mi

Messingschnalle. Diese Tracht kann man als bürgerliche Mannstracht

bezeichnen, doch durfte der hohe gerade oder hohe

konische Tuchzylinder nicht fehlen. Unter dem Rand des Tuchzylinders

guckte bei den Bauern die schwarze Züttelkappe hervor.

Die Schwyzer Mannstracht war sicher schlicht und dennoch recht

kleidsam. Es sind nur mehr einige wenige Originale vorhanden,

so in Schwyz selbst. Nun einige Sonderfragen:

Weiße oder schwarze Scheitelhaube? In Heierli's famosem

Werk über die Schweizertrachten ist bei Behandlung der

Schwyzer Festtagstracht Näheres über die weiße und schwarze

Scheitelhaube und das Rosenhäubchen zu lesen. Warum wir auch

für Jungfrauen und nicht nur für Frauen· die weiße Haube

wählten, geschah aus Rücksicht zur Vereinheitlichung. Vor Iahrhundertfrist

trug die Frauenwelt die Tracht allgemein. Heute

handelt es sich nur mehr um kleine Gruppen, die die Tracht

.aus Ehrfurcht zur Tradition anschaffen. Da kann nur ein Modell

berücksichtigt werden, sowohl inbezug auf Farbe der Haube als

auch des Kleides, Schurzes und Halstuches. Sonst hätte man bald

ein buntes Durcheinander. Das Gleiche gilt für Schnitt und Stoffgattung.

Damit ist auch die Frage des Kostenpunktes besser

gelöst. Das Weben von verschiedenfarbigen Stoffen in ganz

kleinen Mengen käme zu teuer zu stehen. Auch würden dann

Farben und Muster eingeschleppt, die nicht historisch sind.

Uebrigens sind nach meiner Auffassung die weiße und die

schwarze Scheitelhaube keine Kennzeichen des Zivilstandes (Frau

oder Jungfrau), sondern Stimmungskennzeichen (Freude oder

Trauer). Es braucht Ueberwindung, mit andern zu glauben, die

Etikette der Jahre um 1800 hätte zugelassen, daß die Frauen

z. B. an einer Beerdigung in .der weißen Scheitelhaube teil".

nahmen.

Seide oder Wolle? Die Neigung für Seide ist groß. Es gibt

Frauen, die die seidene Umhüllung lieben. Die Wolle sieht ihnen

zu bäuerlich aus. Warum entschlossen wir uns für Wolle nach

eigenem Muster? Wir wählten aus den drei Standesstufen die

bürgerliche. Wir wollten die Seide der Aristokratie reservieren, die

wir hierorts als vergangen betrachten. Vorherrschend ist .der

Bürgerstand, der mit seiner Tracht das Merkmal der Zeit kenn-

.zeichnen soll. Anstelle der bäuerlichen Festtagstracht, als der

ehemaligen dritten Standesstufe, setzen wir aus praktischen Grün-

-den die Werktagstracht. Am Sorintag werden die Bäuerinnnen die

Bürgertracht tragen, denn eine Ausscheidung wäre unbegründet.

Uebrigens bestehen noch andere Gründe, warum wir auf Seide

.fiir das Kleid verzichten. Die Gefahr ist groß, daß untaugliche

Farben z. B. grüne, groß geblumte, groß carierte usw. verwendet

würden. Jede Frau gefiele sich nach eigener Idee. Ferne~droht~

_, ;,iJ~ !li&ij?~


, .

die Gefahr, daß die Trägerinnen zwischen Tracht und Kostüm

nicht mehr unterscheiden. Sie glaubten irrtümlich, ein Kostüm,

vereint mit Spitzenhaube und Fransenhalstuch sei eine Tracht im

Sinne unserer Bestrebungen. Und schließlich ist die Dauerhaftigkeit

der Wolle unbestritten. Möchte jemand eine Tracht kaufen,

um sie schon nach einigen Jahren zu erneuern?

H i r t h emd 0 der H i r te n h emd? Bei der Besprechung des

neuen Fünflibers tauchte für den Begriff "Hirthemd" eine neue

Bezeichnung, das "Hirtenhemd", auf. Da das Hirthemd als ein

origineller Bestandteil der mittelschweizerischen Männertracht angesehen

wird, dürfen wir uns gewiß auch entschließen, zu bestimmen,

wie er heißen soll, obschon die Frage an und für sich nicht

überaus wichtig ist. Der Urheber der Bezeichnung "Hirtenhemd"

.glaubt offenbar, den Namen unmittelbar vom Träger, dem Hirten,

ableiten zu müssen. Wer nachforscht, kommt zur Ansicht, man

'könne den Namen ebenso träf von der Zweckbestimmung ableiten.

Das Idiotikon spricht meines Wissens nirgends von "Hirtehemli"

-oder "Hirtehämpli" usw., sondern von einem "Hirthemli" oder

- "Hirthämpli" usw. Der Grund liegt wahrscheinlich darin, daß'

-der Name des bäuerlichen Kleidungsstückes unmittelbar auf das

Tätigkeitswort "hirte" oder "inähirte", d. h. füttern, zurückgreift,

-das mit "Hirt" und" hüten" nur mittelbar zusammenhängt. Wenn

der Aelpler ein Hirthemd anzieht (überflüssige Kleidungsstücke

sind ihm lästig), so geschieht es zur Verrichtung einer gewissen

Arbeit, bei der etwas Hinderliches, Unangenehmes oder Unreines

.abgewendet werden soll, z. B. zum Burdenen tragen, zum Einhirten,

zum Melken usw. Viele Aelpler bedienen sich an Stelle

-des Hirthemds nur eines Rückenteils mit zwei Bändeln und der

Heukappe, das den gleichen Zweck erfüllt. Damit ist ziemlich

überzeugend nachgewiesen, daß das Hirthemd ein Zweckstück

.ist, dessen ein Hirt gar nicht bedarf. Uebrigens läßt sich die

Wortbildung für die Begriffe "Mälchstuohl" statt Melkerstuhl,

"Chäschessi" statt Käserkessel, "Turpezaine~' statt Turbnerkorb

·usw.auf ähnliche Weise erklären.

Z ü t tel c h a pp e. Die schwarzseidene Züttelchappe der Schwyzer

.Aelpler ist nicht schwyzerischen Ursprungs. Man wird sie auf

.alten Stichen vergeblich suchen. Hierlandischen Ursprungs ist nur

die weiße gestrickte Zipfelmütze, die einer Schlafmütze gleicht.

.Die schwarze Züttelchappe hat ihre Heimat im Süden der Alpen.

Vor dem Bau der Gotthardbahn in den Soer Jahren trieben die-

.schwyzerischen Senntenbauern ihr Vieh über den Gotthard auf

den Großmarkt nach Giubiasco, wo alles Vieh der Kantone Uri,

-Glarus, Graubünden und Schwyz vereinigt wurde. Was dort nicht

verkauft werden konnte, mußte nach Mailand geführt werden, wo

sich die italienischen Großgrundbesitzer einfanden und mit den

.Dolmetschen zu unterhandeln begannen. War das Vieh begehrt,

159


kehrten die Sennten bauern mit gefüllten Geldranzen (lederne

Schläuche) heim. Der Geldbesitz regte sie an, in Mailand Andenken

an die Welschlandfahrt zu kaufen, z. B. seidene Züttelchappen,

Perlen als Schmuck für die Goiffli der Schwyzerinnen,

Stickereien usw. Um jene Zeit hatte sich bei den Schwyzern die

schwarze seidene Züttelchappe dermaßen eingebürgert, daß sie

später auch im Inland gewoben wurde. Eine gute Form hat nur

die Züttelchappe mit dem breiten schweren Fransenzüttel. Seit

1900 wird sie immer seltener getragen. Sie macht dem dunkeln

Filzhut Platz.

7. Erklärung mundartlicher Ausdrücke.

Die Einsiedler Mundart wird in Amts- und Festreden oft über's

Knie gebrochen, d. h. entweder mit schriftsprachlichen Wörtern

oder falsch gesprochenen Dialektwörtern oder Wörtern aus andern

Mundarten durchschossen. Diese Verunstaltung kommt noch häufiger

da vor, wo die Mundart geschrieben ist.

Es handelt sich hier nicht darum, Sprachfehler und Irrtümer

nachzuweisen, sondern diejenigen mundartlichen Ausdrücke, die

in diesem Buch vorkommen und andere dazu, kurz zu erklären.

Unter ihnen sind schon viele ausgestorben und andere werden

bald vergessen sein. Wir wollen sie, ihrer Originalität zuliebe,

so gut wie möglich überliefern. Hier die alphabetische Reihenfolge:

"Aelbeli" heißt Kälblein und ist ein Lockruf; Es klingt wie ein

wehmütig gesummter, nasal gedehnter Satz gedämpfter Vokale.

"Aeschepudl" = Aschensammlerin.

"Aescheröhrli" = Aschenfäßli aus Holz.

"albigs" = einst, früher.

"Aschierer" oder "Haschierer" oder "Hatschierer" hieß man im

letzten Jahrhundert den Landjäger. Heute hat dieser Name nur

mehr die Bedeutung eines Bei- bezw. eines Uebernamens der

Nachkommen eines Landjägers.

"alders" heißt oder. "Ghaue alders gstoche" heißt also gehauen

oder gestochen und bedeutet soviel wie die letzte grobe Anstrengung

um eine Keilerei zu gewinnen.

"Anne, Pfanne, Chesselbode, hür und färig Nülli zoge". Das ist

ein Neckspruch kleiner Kinder, der einem Mädchen namens

Anna gilt, das irgend eine Gefährtin geplagt oder herausgefordert

hat. Als Entgelt ruft das geneckte Mädchen dem andern

den Familien- oder persönlichen Uebernamen nach, deren es in

Einsiedeln um die 400 gibt. Es bestehen zwei Sammlungen

von Uebernamen, die noch ergänzungsbedürftig sind. Bei den

Neckereien der Jugend werden immer neue Uebernamen ge-

160


. prägt, die manchmal sehr' originell sind. (Siehe Sammlung des

Landschreibers Krd. Lienert). ,

"Bueberolli" = ein Mädchen, das den Männern nachspringt.

"borzge" = rangge = umherbalgen.

"Bär" = ein origineller alter Reitschlitten der Kinder. (Zwei geschweifte

aufgestellte Bretter als -Schlittkühe, darüber ein flaches

. Sitzbrett, vorn ein Rindeisen mit Ringen. Die ganz alten Modelle

tragen Kerbverzierungen.

"ä Bärme", "ä Turbebänne" = der lange, konisch aufgerichtete

Bretterverschlag, in dem man 'die Turben auf Räder- oder

Schlittengestell

heimführt.

"basfeil" = recht und billig.

Die Bruuch, nicht Bruch, wie man oft liest, = die Hose = Beinkleider

Kommt vom Tätigkeitswort brauchen, bezw. unentbehrlich

und streng brauchen. Das Wort ist wahrscheinlich altalemannisch.

Der Bruuchmacher = Hosenmacher.

"Burnus oder Bprnuß" ist ein schwerer Lismer aus Schafwolle, in

der Regel naturfarbig oder dunkelblau oder grau gefärbt. Er

hat eine doppelte Knopfreihe. Man schließt in der Regel nur

den untersten Knopf, sodaß die weiße gestärkte Hemdenbrust

zwischen den 'Brustteilen des Lismers breit hervorschaut und die

Schulterteile des Lismers über die Achseln hinausliegen. Die

beinernen Knöpfe sind, braun. Manchmal wird dem Lismer an

den Ellbogen ein ovaler Lederplätz aufgenäht zur Schonung des

Gewebes beim Aufstellen des Ellbogens am Tisch usw. Noch

in den Soer und ooer Jahren konnte man an den Lismern der

Schulbuben ausnahmslos solche Lederplätze beobachten. Die

Bedeutung des Lismers kann durch folgendes Beispiel erläutert

werden. Zwischen Ober- und Unterdorf der Waldstatt ist ein

Höhenunterschied von einigen Metern (meteorologische Station

9I4 m, Bahnhof 908m). Das Unterdorf wird klimatisch von der

Alp beeinflußt. Wenn- es recht kalt ist, sodaß das Barometer

auf 20 Grad unter Null und mehr herabsinkt, heißt es jeweilen,

"im Oberdorf ist es um einen Lismer wärmer".

"Gwättichopf" wird in der Zimmermannssprache das beim gewandeten

Haus vorstehende Ende der gekreuzten Balken genannt.

Die komplizierte ineinander gefugte Gwättikopfwandung

ging dem einfachern Zapfenstrick voraus. Um den Gwättikopf

vor den Einflüssen der Witterung zu schützen, wurde er bisweilen

verblendet, d. h. mit Brettern eingeschalt. Seltener sieht man

Wohnhäuser, an denen der Gwättikopf mit einer Fratze verziert

ist. Der Sinn des Wortes "Gwätti" kann mit dem häufig gebrauchten

topographischen Ausdruck "im 'ne Gwätti usse" erklärt

werden, was so viel heißt, als "etwas sichtbar Abgelegenes",

"etwas, das außerhalb dem in 'Betracht fallenden

Rahmen liegt".


"ä churzi Seel" = eine kurze Seele = eine hoch in die Taille

geschnittene Jacke (Gstältli)

"ä Chlobe" ist ein Kubikmaß und deckt sich mit dem Klafter

zu 3 Ster. Die Schyter (Scheiter), allgemeiner "Metrschyter

werden nach Chlobe bezw. Klafter gehandelt.

"Chuehnegle" = chludere = kludern.

"cheugg" = hässig.

"Charebängel" (lateinisch angelarchis), aus denen die Vogelbeeriblaser

gemacht werden, gedeihen in den Streurietern der Torfmoore.

"Chuute" in Einsiedeln (bezw. "D' Wysi" in der Gegend von

Steinen), ist eine Voranzeige, ein Aufruf, wörtlich Weisung

durch ein paar Glockenschläge, denen kurz darnach das Hauptläuten

folgt. Es mahnt die Kirchgänger, sich auf den Weg zu

begeben.

"Chappeschum" = capuchon = aus Wolle gestrickte rundliche

Kopfhaube der Frauen mit einem Bändel ums Kinn. Ursprung:

Wahrscheinlich 1871, als nach dem deutsch-französischen Krieg

mit der Bourbakiarmee auch Turkos interniert wurden. Diese

trugen Tuchkapuzen um den Kopf zum Schutze gegen die

Kälte, die sie capuchons = Kapuzen nannten. Im intensiven

Verkehr mit der Bevölkerung Einsiedelns haben die Unsrigen

viele französische Ausdrücke abgelauscht und verdeutscht. Ein

Beweis des geselligen Verkehrs bietet das gemeinsame Schlittenreiten

der Turkos mit unsern Schulbuben. Als unsere Buben

beobachteten, daß die Turkos, die noch keinen Schnee gesehen

hatten, die Handschlitten am steilen Hang nicht beherrschten,

sagten sie "die dumme Chaibe chönd nüd emol wyse", Sie

setzten sich zu ihnen vorn auf den Schlitten und übernahmen

dessen Führung. ,

"chläune" = ausnehmen, herausgrübeln, müden.

"Chohlermues", irrtümlicherweise auch "Kollermues" genannt, ist

ein Brei aus Milch und Mehl, den die Köhler auf den Kohlplätzen

kochten. Es ist identisch mit dem "Fenzmues" der

Aelpler, dessen Zubereitung hier beschrieben ist. Das Chohlermues

war eine Leibspeise der Köhler, wie z. B. die Polenta die

der italienischen Maurer ist. Der letzte offene Köhlerplatz befand

sich in der Großerruns. Die Belieferung auswärtiger Kunden

dauerte bis 1890. Die Schmiede brannten bis dahin Kohle für

den Eigenbedarf.

"doppeliere" heißt doppelseitig "böde1e" vom franz. doubler bezw.

redoubler abgeleitet, gemeint ist der rasch aufeinander folgende

Doppelschlag mit den Schuhsohlen und dem Absatz auf den

Boden im Takt der Ländlermusik.


;,äs Dächis" heißt in der Yberger Mundart Schnapskaffee. Man

hört bisweilen sagen, mehr Dächis als Kaffee, da der Branntwein

in der Regel mit dem Kaffee getrunken wird.

"eeä" ist in der Ybergermundart eine Präposition. "Eeä, mier

gand jetz'", d. h. ja nun, wir gehen jetzt.

"Färlisuu" = Mutterschwein, "Fülimäre = Stute",Chüetschichalb"

.-:.. Kuhkalb.

"Fänz" = dickes Muos mit Nidle.

"frönd Siebechätzer" = fremde Wichtigtuer, fremde Alleswisser,

Besserkönner.

"Firlifanz" = bunte Zutaten an einem Kleid.

"Einen Fuchs darüber lassen" "heißt, bei der Zubereitung des

Hafenkabis den Kabis im Saft braun werden lassen.

"gschiieti Bei" = steckige Beine.

"goht guot" = gleitet ,gut.

"Güdis"- oder "Güdelmontag" ist wahrscheinlich von vergeuden

abgeleitet.

"es gschwäneds Rindli" = ein schmales Rind.

"üseri Geiß" = unser Schlitten.

"g'nissäled" = geizig, sparsam.

"ä Gutsch" (Wy) = I Guß (Wein).

"Guggehürli" = Dachzimmer mit kleinem Fenster.

"äs Gursi" = Dächis = Schnapskaffee.

"Geißmutsch" = Mutterziege.

"graggere" = krautern = streng arbeiten.

"ghlerisch" = fatal, unangenehm.

/' "geischte" heißt Geisterspuck treiben. Es zeigen sich von Zeit

zu Zeit leidenschaftliche Abenteurer, die beim Einbrechen der

Nacht harmlose Kirchgänger oder Nachbarn erschrecken wollen.

Sie verstecken sich, mit einem langen weißen Hemd bekleidet,

hinter einem Schopf, einem Stall oder sogar in der Nähe des

Friedhofs und gehen dann um, sobald jemand des Wegs

kommt. Am andern Morgen ist der "Geist" .. wenn nicht Dorfgespräch,

so doch Gespräch der Jugend. Der Geist wiederholt

seine Untat, bis es dem Landjäger oder andern herzhaften

Männern gelingt, ihn zuhanden zu nehmen. Die Oeffentlichkeit

beruhigt sich erst, wenn die Realität des Geistes mit Name

und Geschlecht nachgewiesen ist. "Dr Geischt' hat sich sogar

als Uebername eingebürgert. Es ist nicht' unwahrscheinlich,

daß ein Ahne diesen Uebernamen sich und seinen Nachkommen

SIcherte, weil er sich ab und zu geistlosen Umtrieben hingab.

"uus Huot" = seid auf der Hut! Warnruf der Schlittler.

"Hüöhnerchrütze" = Stäcklikorb, in dem die Hühner auf den

Markt getragen wurden .

.,Holzböde" = Holz- bezw. Riemenschuhe. Sie werden als Heimarbeit

aus Bergahornholz geschnitten. Sie bestehen aus einem


ä

niedern Absatz und einer niedern Sohle, in die die Form .

normalen Fußes eingehöhltwird und aus einem Ledern

zum Einschlüpfen mit der Verse. Die Aelpler tragen die H

schuhe mit Vorliebe.

"Häbl" = gekochte Härdöpfl.

"huuse" = sparsam leben.

"ä Holihop" ist ein hoffärtiges junges Mädchen, das alles a ~

den Putz setzt, gern festet und ungern schafft.

"Je- oder Yeboge" ist der Armbrustbogen (Horebrust oder Horebräsch)

aus Eibenholz. Oberhalb der Großerruns gibt es einen

Abhang, an dem früher Eiben stunden und dort heißt es

"I de Je".

"Chlobe" sind Geißtrychle.

Der Begriff "Köchin" ist uns ohne weiteres klar. Von alten

Männern im Ybrig wird er aber für alle Dienstboten gebraucht.

Sie sprechen z. B. auch eine Verkäuferin, d. h. ein Ladenmädchen

als Köchin an. Der alte Ybriger frägt also ,,Ischt

Ueri Chöchi hier", d. b. ist Ihre Köchin da, ist Ihr Ladenmädchen

da?

"kanöndle" ist eine Etappe im Trocknungsverfahren der Turben.

Nachdem die Turben gestochen sind, werden sie nebeneinander

auf das Moos zum Trocknen gelegt. Sobald sie angetrocknet

sind, werden sie gekehrt, nachher je zwei kreuzweise übereinander

gelegt und zwar so, daß das obere Stück nur mit einem

Ende den Boden berührt, während das andere Ende aufwärts

gerichtet ist. Das nennt man "kanöndle". Im Verlaufe langer

Sonnentage werden die Turben in mannshohen quadratischen

Schichten "an die Stecken getan", d. h. um die senkrecht in

den Boden gesteckten Stangen gelegt.

"ä Lienx" oder "Liengs" heißt ein Stück, z. B. ä Lienx oder

Liengs Fleisch. Man kann den Begriff Liengs nicht auch für

Brot anwenden, denn einem Stück Brot sagt man "ä Schnäfl"

oder "ä Mocke", d. h. ein Schnitten.

"Lobeli", im Kindermund "Hohlobeli" gilt den Kühen und Rindern.

Hohlobeli ist zusammengesetzt aus hoh (Anruf) und

Lobeli (Lobe).

"Länder" heißt Aermelweste. Vorder- und Rückenteil des Länders

sind aus Tuch verfertigt, die Aermel aus Futter. Das Futter

erleichtert das Einschlüpfen in einen "Tschoppe" (Veston) oder

in einen Lismer. Der Länder hat gegenüber der Weste, deren

Rückenteil aus Futter verfertigt ist, den Vorteil, daß er bedeutend

wärmer gibt.

"ä Lärze" = I Stück, I Schnitten.

"Lampihüetli" nannte man den breitrandigen Schlapphut aus

Stroh, den unsere Frauen in den 70er Jahren trugen.


"Limpast" werden die Faserturben genannt. Aus Fasertorf wird

Mull bereitet. Er ist in den Ställen des Flachlandes, wo Streue

fehlt, begehrt. In höheren Lagen wird Mull nicht verwendet,

da er weniger warm gibt, als Streue. Im Baufach dient er als

Isolierungsmittel. In Einsiedeln besteht seit 1916 ein Torfwerk,

das den Limpast, d. h. die Faserturben, ausbeutet, sie maschinell

zerreißt und zu' Mull mahlt. Das Zerreissen der Faserturben

gelingt am besten, wenn dieselben im Herbst gestochen und

über den Winter dem Gefrieren ausgesetzt werden. Den hell

braunen, gestochenen Limpast, der zum Trocknen ausgelegt

wird, nennt man im Volksmund auch "GÜnsche". rür Brennzwecke

sind die "Günsche" nicht beliebt, weil sie zu wenig

Calorien geben. Sie werden nur gebraucht, wenn zu wenig

harter schwarzer Brenntorf vorhanden ist. Unter "Günsche"

versteht man auch sogenannte Endifinken, die aus Stoffenden,

von denen sie den Namen haben, gewirkt sind.

"Da sind mir g'Manned dra" = im Pech sitzen oder wie "Ochsen

am Berg stehn."

"maugle" bedeutet Morgengrauen.

,..Männe" heißt mit Pferde- oder Rindviehzug führen.

"Trämel an die Männe führen = an einen Lagerplatz führen.

"Möhli" heißt Mahl und bedeutet nach landläufigen Begriffen

eine reiche Mahlzeit.

"Maitlirolli" = ein junger Mann, der beständig den jungen

Maitli nachstrebt.

"Maiße" oder "Räf" = Traggabel.

",Mundur" = Uniform.

"es Männi", "es Männrind" = ein Fuhrrind.

"e Nigg" = krummes -eingebogenes Kuhhorn (fehlerhafte Hornform).

"obsteis" = oberhalb, oben, "nidsteis" = unterhalb, unten.

"öppis stuche" = sich etwas aneignen, ohne daß es der Eigentümer

merkt.

-"Nüd für unguet". Wenn alte Bauern oder Arbeitsleute zu einem

"Gebildeten" gehen, um über etwas Auskunft zu fragen, pflegen

sie nachher statt "i dank'i", zu sagen "nüd für unguet. Der

Befragte antwortet darauf entweder "ischt gäre g'scheh" oder

mit dem Reim "d' Chappe für e Wulhuet", Das letztere will

sagen, die "Sache ist unbedeutend" oder "es kommt' nicht

darauf an" oder "machet keine Umstände" oder "es ist ein

und dasselbe".

"Nichts verscheint" heißt nichts verpaßt, nichts versäumt, bezw.

es ist noch Zeit.

/:>,A:m Nülli" bezw. "Lülli zieh" heißt lullen oder lutschen. Der

Bauer gibt dem Kälblein die Finger zum Lullen, wenn er es

/


zum Gehen anlocken will. Bei den Müttern und bei den n.JJl!ut::;LJ.

wird der "Nuggi" "Lülli" oder "Nülli" genannt.

"ä Pumpertrußle" nannten die alten Aelpler auf der KäsernaJp

eine schwere, plumpe Frauensperson, die sich mühsam daherwälzt.

"pusper" = munter, frisch.

"Dr Pflegr". In den alten Zünften bekleidete der Pfleger das Amt

eines

Kassiers.

"prätig" = pret = bereit.

"d' Prattig" oder "d' Pratig" = Kalender (von Praxis abgeleitet).

"persianig" = billiger Baumwollstoff, genannt "Persiane".

"Pfannechnächt". Wenn die Familie des Aelplers Fänzmuos oder

Stunggewerni ißt, hebt die Frau die Pfanne ab dem Herdfeuer,

legt sie auf den Pfannenknecht und stellt diesen auf den Tisch,

worauf die ganze Familie aus der Pfanne löffelt. Der Pfannenknecht

besteht aus einem flachen Holzteller, an dem :2 Holzschienen

mit einer ungefähr zehnfach gezähnten Heblatte befestigt

sind, auf die der Pfannenstiel gelegt wird. Mit der Heblatte

kann der Teller auf der einen Seite immer höher gestellt

werden, sodaß beim Löffeln aus der Pfanne der letzte Fettropfen

erwischt wird. Der Pfannenknecht wir ci bald ausgestorben sein .

..•.Quätli" heißt ein altes, konisches Zinngefäß mit Ausgußschnabel.

das hauptsächlich von den Handseidenweberinnen für das Nachtlichtliöl

bezw. Brennöl gebraucht wurde. Quätli ist eine sprachliche

Verstümmelung von Quärtli, d. h. eine Quart bezw. "2

Deziliter nach neuem Maß.

"räble" heißt in Unteriberg "vorwärts bröege" im Gegensatz

zum .Jrindersibröege".

"Remise" nannte man die Tournüre des Biedermeierkleids der

Frauen.

Rappedi kappedi = im Handumdrehen, auf einen Schlag, plötzlich,

kann von rapido = reißend schnell und capire = verstehen,

einleuchten kommen.

"rübis und stübis" heißt alles zusammen was in der Nähe steht

oder liegt oder "Kraut und Kabis, Kind und Kegel".

"dr rauh Zis" heißt wörtlich "der rohe Zins" und bedeutet soviel

wie zugezinst. Es ist also nur der lauf,ende Zins ausstehend. Der

Schuldner, der zugezinst hat, erwartet vom Gläubiger in der

Regel ein Entgegenkommen im Ansatz des Zinsfußes. Er sagt

dann "X nimmt mir den rauhen Zins zu 4 Prozent ab".

"Rosoli" bezw. Nuß wasser wird aus Obstbranntwein, schwarzem

Kandiszucker, Zimmtstengeln, schwarzen, gedörrten Kirschen

und, Nußwasseressenz hergestellt und bei festlichen Anlässen,

wie Chlaustag, Weihnachten, Dreikönigen. Fastnacht usw. im

abendlichen Familienkreise getrunken.


'"Röne" oder "Röhne" nennen die Bauern in den Studen und

unsere Holzhändler eine große, alte, angefaulte Tanne, die

infolge ihres hohen Wuchses imponiert, aber im Handel nicht

begehrt ist, weil man, solange sie steht, nicht genau feststellen

kann, wieviel Holz am Stock verloren geht.

"ä Stürchli" = ein schütziger Mensch,

"ä Schlärpi" = ein phlegmatischer' Mensch,

"Schirmer" hießen die mit Hellebarde, Helm und Panzer, ausgerüsteten

Männer, die im 17. und 18. Jahrhundert bei großem

Pilgerandrange den Sicherheits- und Ordnungsdienst besorgten.

Sie wurden amtlich aufgeboten,

"Ssä, ssä" ist der Anruf des Rindviehs durch den Bauer, der zärtlich

sprechend dem Vieh die halboffene Hand vorstreckt und

dieselbe wieder zurückzieht, sobald das Tier gegen ihn kommt.

So lockt er es immer wieder zum Gehen an. Mit der vorgehaltenen

Hand bringt er dem Tier bei, er wolle ihm Salz

verabreichen oder die salzige Hand zum Lullen herhalten. "Ssä"

heißt also wörtlich "säli do" oder "siehe da".

"Dr Stier hät brav Hose" = der Stier hat starke Oberschenkel.

Spannchettäne = Kette, die man im Winter beim Trämelmänne

(Holzfuhre) verwendet,

Sattel = Holzkreuz, das man den Ziegen aufbindet, damit sie nicht

unter den Hecken durchschlüpfen können.

Steifaß = Wettsteinfutteral, Trüögle = Spannholz am Heuseil.

"Strägeli" ist Iberger Mundart und heißt ein kleines Alpkäslein.

Wenn die Aelpler nur einige Stücke Milchvieh haben, sagen sie

"äs hed chum äs Strägeli gäh".

"Ständligure" = Verkäuferinnen der beiden Kramgassen vor der

Kirche. ("Guren" wird von girren abgeleitet sein, d. h. schwarzen

und rufen bis die Pilger kauflustig sind).

;,d' Scheiche" - =' die Beine,

"Stunggewerni" = dickes Muos mit Anke.

"Straminhosenträger" = Verzierte Hosenträger und Leibgürte.

Man wirkt das farbige Garn zu künstlichen Blumen und Blättern.

Auf die Mitte des Gurtes wird in der Regel ein Schweizerwäppchen

gestickt.

"Aes Schättli Wald" heißt wörtlich einen "Schatten Wald" und

bedeutet soviel wie ein kleines Stück Wald, d. h. ein Wäldlein.

"Schlungus oder Schlunguus" heißt soviel wie eine Uebung, ein

Spiel, eine Handlung, genauer eine hitzige Uebung rasch und

mit Anstrengung der Kräfte beendigen. .

"Sännebart". Von besonderer Eigenart ist nur der sog. Sennenbart,

der, aus alten Stichen und Glasscheiben zu schließen,

schon im 16. Jahrhundert getragen wurde. (Siehe Halbarter auf

der Schwyzer Standesscheibe 1542). Die Haare gehen unter dem


Kinn durch, die Oberlippe und der obere Teil des Kinns

sind rasiert. Der Sennenbart ist jetzt sehr selten zu sehen.

"Sechte oder seichte"heißt man beim Wäschen das Dämpfen,

Der Vorgang ist folgender: Die Wäsche wird in eine Stande

getüncht, in der ein langer Holzzapfen steckt. Ueber die Wäsche

legt man ein weißes Tüchlein, darauf streut man Holzasche und

ein wenig kleine Sodabrocken. Dann gießt man siedendes Wasser

darauf, läßt es erkalten, zieht nachher den Zapfen und läßt es

durch das Zapfenloch ablaufen. Dann steckt man den Zapfen

wieder ein und wiederholt den Aufguß drei bis viermal bis die

Wäsche sauber ist. Im Jahre r686 wurde das Sechten in den

Häusern wegen Feuersgefahr strenge verboten und beschlossen.

eine Sechthütte auf der Langrüti zu bauen. Aus dem gleichen

Grunde war das Waschen in den Häusern überhaupt verboten.

Die Familien hielten ihre Wäschen in der Dorfwaschhütte ab.

Eine stund bei der Rosenegg, die andere im Weißwindgarten,

(vor dem St. Johann, am sogenannten Klosterbächlein. Die

Waschhütte am Klosterbächlein wurde wahrscheinlich in den

Soer Jahren abgebrochen. Beide sind noch auf alten Stichen,

die letztere auch auf Photographien verewigt. Der Standort der

Sechthütte auf der Langrüti am Bach ist nicht bekannt. Vielleicht

wurde Umgang genommen, sie zu bauen, da man den

vorgenannten Platz bei der Rosenegg an der Alp für vorteilhafter

hielt

"Tubakboate" = Tabakdose (boite).

"täfl sy" heißt nach einer feuchtfröhlichen Feier (z. B. Fastnacht

oder Chilbitanz) am Morgen frisch und willig den Werktag

beginnen.

"uf e Tätsch" heißt "zur Stelle bringen",Befehlsform 'z. B. "Most

uf e Tätsch l"

"tifig" heißt geweckt und gewandt.

"wydleich" heißt gelenkig, biegsam wie ein Wydli bezw. em

Weidenzweig.

"Turperiegel", das ist eine mit Torf ausgeriegelte Scheidewand,

wie man sie an alten Einsiedler Wirts- und Wohnhäusern häufig

vorfindet. Ueber diese Bauart wird wegen ihrer fast unvergleichlichen

Primitivität gern gespottet. Man hält ihre jedoch

gerechter weise die Vorteile der Wärmebindung und der Billigkeit

zugute. _Den dritten und vierten Vorteil übersieht man in

der Regel. Die Torfriegelung saugt dem Gebälk die Feuchtigkeit

weg und verhütet dessen Anfaulen.. Sie hat ferner ein

geringes Gewicht und belastet den ohnehin mangelhaften Unterbau

(Fundament und Stockmauer) vieler Häuser wenig. Die

konstruktive Anlage ist folgende: Senkrechte Balken als Träger

unten mit dem Mauerbalken und oben mit dem Deckenbalken

verzäpft, gegenseitig mit wagrechten und schrägen Bälklein

168

./


;

verbunden, diese auf der gegeneinander zugekehrten Seite gerillt,

an den Flächen gegen den Innenraum mit vielen Holz-

'bolzen gespickt, dazwischen, auf dem Mauerbalken angefangen,

<eine etwa -5 cm hohe Schicht Gips, darüber eine etwa IO cm

.hohe Lage Torf, dies 2 bis 3 Mal wiederholt, darüber eine

wagrecht in die Rillen gepreßte Latte und in diesem Wechsel

hoch bis an den Deckenbalken. Die Schichtung ist auf der Seite

des Innenraumes mit Gips, der an den Bolzen Halt bekommt,

verputzt. Der Verputz wird entweder mit Tapeten oder Tannentäfer

verkleidet .

.."Tüfelsriegl" oder "Chapuzinerchnopf" = altes hölzernes Zusammensetzspiel

aus sechs verstäteten vierseitigen Prismen mit

quadratischer Grundfläche. Der Tüfelsriegl wurde von alten

Wagnern und Zimmerleuten angefertigt. Er sieht aus wie ein

dreifacher Gwättikopf an einem alten gewandeten Haus .

."z' viel Riiffe" = gegen den Schwanz hin sinkende Rückenlinie

einer Kuh.

,,,sich vernüevere" heißt sich z. B. an einem Liengs Schwynigs

gütlich tun.

"Vürchäufer" = Vorkäufer. So wird der Viehhändler genannt, der

das Vieh für die ExporthändJer bei den Bauern besichtigt und

gegen Kaparre oder Auszahlung kauft.

",willfährig" = zugänglich, leutselig.

"Ich ha Wält gnueg" heißt in der Umgangssprache unserer Bergbauern

soviel wie ich besitze mehr Grund und Boden ols ich

bearbeiten mag.

,,,zwylewys"= wörtlich "zuweilenweise" heißt zuweilen, hie und da.

"ä Zaine" = ein Handkorb.

~,Ziefe" ="Aalstrich eines Rindes über dem Rücken.

"Zwile" = Zwilchtuch .

.8. Originalitäten in der Namengebung.

Die Namen der öffentlichen Plätze und Straßen erheben keinen

Anspruch auf kulturelle Wahl. Sie richten sich nach orientierenden

'Gesichtspunkten und heißen unter- anderen: Haupt-, Sternen-,

.Spitalplatz, Zürcher-, Mythen-, Nord-, Rathaus-, Schwanen-, Rößli-,

Kronen- und Panoramastraße, Taubengasse usw. Anlaßlieh des

.öffentlichen Anschriebs ums Jahr I9IO wäre Gelegenheit geboten

_gewesen, die enge Schale zu verlassen.

In unsern ländlichen Flurnamen, die am besten aus den alten

Urbarien des Grundbuchamtes ersichtlich sind, ist ein origineller

Kurs vorgezeichnet. Lehrer Meinrad Kälin hatte eine kleine

.Sammlung angelegt und sie besprochen (Eberle und Rickenbach,

3910). Als Landschreiber Konrad Lienert auch Notarstellvertreter

.,


war, folgte er dem guten Einfall, diesen Kurs für de.n ~rra<T

Neubauten im Dorf fortzusetzen. Um dem Leser Einblick zu !<ewähren,

geben wir hier einen 'knappe~ Auszug ~er Flur-,.~~_-.

Tier- und Uebernamen unter Berücksichtigung Ihrer Originalitä

(Die umfassende Analyse, in V~rbi?dung mit ergänzenden Voschlägen,

ist einer spätem Publikation vorbehalten).

1. Beispiele von Flur- und Häusernamen ; Hahnenruf, Roblosen,

Roßhuf, Wachsbecher, Bauch, Leerbauch. Bodenlos, Gyritz

Schön garn, Herzigen, Tanzmeister, Fasel, Gleit, Forren und

Grützen, Schutzfurt, Zauggen, Medenen, Aspi und Teufi, Flößhacken,

Gamsklauen, Topinambur, Sauerbrunnen, Zwischenschein.

Tüchelnäper, Frankenteuer, Gäbnüd, Gimmermeh, Minderwichtig,

Namenlos, Reinfall, Schauwohl, Schleißigen Grund, Vielwert,

Wachsbesser, Geschloo - Wald, Vielztüür. Namenfamilien:

Trompete, Baßgeige, Klarinette, Waldhorn, Horn, Fidel. Humpen,

Flasche, Glas, Becher, Faß. Erle, Esche, Ulme, Tanne, Buche,

Ahorn, Haselnuß, Lärche, Nußbaum, Buchsbaum, Grünlindenblust,

Immenstock, Kümmistock, Holderblust, Weißdorn, Dombusch,

Papel, Schwarzdorn, Waldmeisterlein, Zeitlose, Nießwurz,

Ihen (Eibe), Besenchris. Schildkröte, Schlange, Schnecke, Adlerschwanz,

Bärenruh, Gänserich, Kuder, Gägler, Schnäpf, Brummbär,

Spärber. 3 Kreuzern, 3 Jägern, 3 Herzen, 3 Pilgern. Ambos.

Stemmeisen, Blasbalg, Kessel, Leist. Immenhaus, Lurenhaus.

Pfauenfuß, Gutwillen, Affenwagen, Arbeitschön. Muttergottes,

Flucht nach Aegypten, Adam und Eva. Wilder Mann, Wilde Frau,

Wildes Kind, Weißwind.

Unter den Gasthäusern herrschen die religiösen Namen vor und

verbürgen in der Regel die Gründung im 13. und 14. Jahrhundert.

2. Beispiele von Tiernamen: Stiere: Umzug, Blick, Tusig, Chruusli,

Läcker, Trumpf, Zwingherr, Gwunder, Muri. Kühe und Rinder:

Lusti, Freudi, Brästli, Hübschel, Müsterli, Höffertli, Muttli, Gumpi,

Tänzeler, Chröndli, Wohlgfallerli, Dämeli, Chäfer, Jungfer,

Gmüetli, Lächli, Fähnli, Fryeli, Glöggli. Ziegenböcke und Widder:

Köbi, Fysel, Fax, Box, Gimmermeh. Ziegen und Schafe: Unschuld,

Silberstruß, Rubeli, Müetterli.

3. Beispiele von Uebernamen: Ankedrüeseler, Babitatsch, Brübrü,

Biredings, Bauz, Brachmoned, Bijouli, Cognac, Chilefrösch, Chochjörgl,

Chrätlärebär, C'est ä dire, Dewäg, Dauderlau, Drynäpper,

Deis, Insowyz, Doppelliter, Egu, Ewigabäbinderli, Faufausli, Fasmissak,

Fadegrad, Fyroubed, Füfilang, Gott z'ehrä, Gwirber,

Cniepeler, Goldmöckli, Gufeschnutz, Habermähli, Harraß, Hui,

Häbu, Himmelabenand, Jordändli, Jüngsttag, Kanoneschritt, Köstlicher)

Lutsprächer, Mer, Madudli, s'Ma, Neugg, s'Rappig Läbchüeli,

Schofwuli, Schrubedämpferli, Schißwi (j'y suis), Siieß,

17°


,

I:

'Sydechüngel, Salveschritt, Stunggis, Tämpäre, Untergang, Wasserstrahl,

Wättertann, Wyßgügel, Ziesligraf, Zebon (c'est bon).

Viele Uebernamen entstehen im Kreise der Jugend; wo sogar die

Lehrerschaft nach äußerlichen Merkmalen beobachtet wird, um

ihr gelegentlich einen anzuhängen. Auch an jeder Schulklasse

haftet eine ranggemäße Auszeichnung. Sie heißen:

I. Primarklasse: Gitzi (Zicklein, unbeholfene Wesen),

2. Primarklasse: Tinteschläckr (Dürfen zum I. Male mit Tinte

schreiben), -

3. Primarklasse: Aengeli (Erstkommunikanten),

4. Primarklasse : Bängeli (Nach einem strengen Jahr doppelt übermütig),

__

5. Primarklasse: Rufegrind (Unsauber),

6. Primarklasse : Stöck (Schwer zu führen),

7. Primarklasse: Böck (Meisterlosig und nicht begabt),

I. Sekundarklasse: Löffelstiel (Eingebildet),

2. Sekundarklasse: Chönd nüd viel (Repetierer).

Die Mehrzahl der Uebernamen hat einen spöttischen Einschlag,

weshalb wir Umgang nehmen; diese Kategorie aufzuzählen, Die

Häufigkeit einiger Familiennamen in Verbindung mit den Taufnamen,

Meinrad, Josef; Josef Meinrad und josef Maria verlangt,

daß in den Zivilstands-, Stimm-: und Steuerregistern. auch der

-Uebername beigefügt werde, um Verwechslungen zu vermeiden.

Der Uebername ist im Volksleben der Waldstatt so tief verankert,

daß es zwecklos wäre, gegen seinen Gebrauch im Alltagsleben zu

protestieren. Beschwerden würden Volkswitz und Schalkhaftigkeit

nur noch stärker anregen. Das beweisen folgende neuzeitliche

Korrekturen von beanstandeten Uebernamen: Salomon wurde

einfach in Nümmesalomon, sauterelle (locusta terrestris) in Grashopper

umgewandelt usw.

'Mit den Uebernamen dürfen die sogen. Beinamen nicht verwechselt

werden. Diese dienen lediglich der Verdeutlichung, z. B.

Josef Kälin des Jochmes (Joachims), des Haltners( von der

Halden), Au-Konrad (Konrad aus der Au), Eggäre-Marti (Martin

,-;onEgg), Sagäre Meired (Meinrad, dessen Vater Sager war) usw.

Auch Wohnhäuser erhalten gelegentlich Beinamen. In einem

Quartier sind sie z. B. der lauretanischen Litanei entnommen:

"Arche des Bundes" (langgestrecktes Wohnhaus zur ,,-.1,rche"),

,;Geistliches Gefäß" (Wohnhaus der Lehrschwestern), "Heil der

Kranken" (Wohnhaus eines Arztes), Zuflucht der Sünder" (Wirtschaft),

Morgenstern (gleichnamiges Wohnhaus).

Unsere Kirchenglocken sind numerisch getauft: Z. B. Nr. 4, 9,

11, 1.2 (4 Uhr Metteglocke, 9 Uhr Neunuhrmesse, II Uhr vor

der Einführung der mitteleuropäischen Zeit Mittag, 12 Uhr Mittag).

Ausnahmen: das Wetterglöcklein und die Salveglocke.


Die Landestopographie huldigt bisweilen Verdeutschungen der

Berg- und Dorfnamen, die unbegründet sind, z. B. Auberg statt

Aubrig, Fluhberg statt Fluhbrig, Iberg statt Ybrig usw. In

dieser Richtung ließe sich auch über die Entwicklung des Ortsnamens

"Einsiedeln" sprechen, der aus "Einsiedlen" hervorging.

Nach unserer, Auffassung ist "Einsiedlen" vorzuziehen.

Das Stammwort dürfte "Einsiedelei" sein, das sich mit "Einsiedler"

deckt. Einsiedlen hat auch den Vorzug 'der leichtem

Aussprache. Hievon zeugt die Bildung des Prädikats "einsiedlerisch".

W oIlte man der gebräuchlichen Orts bezeichnung "Einsiedeln"

folgen, müßte man folgerichtig "einsiedelnerisch" und

der "Einsiedelner" schreiben. Abgesehen davon, daß alte Gülten,

Urkunden, Verträge, Bücher, Stahlstiche' usw. fast nur "Einsiedlen"

und "Einsidlen" kennen, führt uns auch die Mundart

auf den rechten Weg. Nicht, daß die Sache wichtig wäre. Aber

man darf sich diese Erwägung doch merken.

9. Kommentar zum Waldstatt- und zu den Viertelswappen.

Da nicht jeder Maler und Zeichner die Wappenkunde kennt,

unterläuft ihnen mancher Fehler, sei es bei Kompositionen, sei

es bei Kopien. Es trifft allerdings zu, daß diese und jene Frage

noch nicht genug erörtert ist. Das dürfte auch bei der Frage

der Flugrichtung der Raben im Waldstattwappen der Fall sein.

Es gibt nämlich Leute, die behaupten, die Raben des Stiftswappens

fliegen rechts, diejenigen des Dorfwappens hingegen

links. Dies müsse so sein, meinen sie, damit man die beiden

Wappen unterscheiden könne. Wir möchten hier eine andere Auffassung

vertreten und zugleich deren Haltbarkeit begründen. Die

Unterschiede der beiden Wappen (Stift und Dorf) bestehen in

der Verschiedenheit der Grundfarbe des Wappenfeldes, Stift

gold bezw. gelb, Dorf rot. Es ist überflüssig, daß noch eine

andere Auszeichnung, z. B. die ungleiche Flugrichtung der Raben

gewahrt werde. Die Li n k s flugrichtung der Raben ist unh e ra 1-

dis c h. Wappentiere im Profilbild sind rechts gekehrt. Freilich'

begegnen wir auf alten Scheiben, Siegeln und Stichen häufig

links gerichteten Wappentieren. Man beobachte aber genau! In

jenen Fällen sind zwei Wappen als gepaarte, d. h. als Allianzwappen

gebraucht, weshalb es zutreffen .kann, 'daß sogar die

Raben des Stiftes, von denen man nicht behauptet, sie müssen

links fliegen, doch links fliegen. Das ist. so, wenn das Stiftswappen

das rechtsstehende .Wappen der Paarung ist. (Auf die

rechte Seite stellt man in der Regel das bevorzugte Wappen.

Beispiele: Stiftswappen rechts, Personalwappen links. Ehewappen.

das männliche rechts, das weibliche links.)

.172


Hier einige Beispiele betreffend' die Flugrichtung der Raben im

Waldstatt- und Stiftswappen: '

I. Aelteste bekannte Reproduktion des Gnadenbildes auf einer

von Abt Konrad H. anno 1512 "zur berg am Irchel" Kanton

Zürich, gestifteten Glocke. Dort ist das Abtwappen (links) mit

dem Stiftswappen (rechts) als Allianzwappen gebraucht. Die

Raben des Stiftswappens fliegen links (siehe Odilo Wallfahrtsgeschichte,

Seite 144).

2. Scheibe "Seiner Gnaden PlacidusAbbte des fürstlichen Gottshauses

Einsiedlen Anno-I662" als Allianzwappen gebraucht, Raben'

des Stiftswappens (rechts) fliegen links.

3. Hl. Meinrad, Stich von P. Athandsig Beutler et delineavit

.0 S. B., E. Kanzelmann Sculpit Aug. V., Dorfwappen (links),

Raben fliegen rechts. \ .

4. Einsiedler Brakteaten (im Landesmuseum) Raben fliegen rechts.

5. Siegel Abt Rudolph III., 1438-1447, Stiftswappen (rechts),

Abtwappen (links), gepaart. Die Raben fliegen rechts.

6. Rundsiegel Abt. Gerold um 1465, dito gepaart, 'Raben fliegen

rechts.

7. Zweites Siegel Abt Konrad III. 1482, dito gepaart, Raben fliegen

rechts.

Die Beispiele 5, 6 und 7 widersprechen. den Beispielen 1 und 2

insofern, als die Raben des Stiftswappens (rechts) rechts fliegen,

trotzdem dasselbe mit dem Abtwappen (links) als Allianzwappen

gebraucht ist. .

.-Aus diesen Darlegungen folgt, daß der Unterschied zwischen

Stifts- und Dorfwappen in der G run d f a rb e des Wappenschildes

besteht und daß eine andere Ausscheidung überflüssig,

event sogar unheraldisch ist.

Näheres über das Waldstattwappen enthält die Beilage der "Neuen

Einsiedler Zeitung" vom März 1933 aus der Feder von alt-

Kanzleidirektor Martin Styger. .

Das folgende gilt der Begründung der revidierten Viertelswappen.

1. Bennau. Die Au des sel. Benno, Gründer. Erstmals 13II als

Bennove erwähnt. Gelbe Infula und gelber Bischofsstab. Rotes

Feld.

2. Trachslau.Erstmals 131I als Trechselun erwähnt. Schwarzer

Schweizer Kriegsflegel. Daneben ein T in Antiqua. Erinnert an

den Marchenstreit zwischen dem alten Lande Schwyz und dem

Gotteshaus Einsiedeln um 1314 und' f. J. und an die Zwischenfälle

auf der Kriegmatt im Einsiedler Handel um 1766. Rotes Feld.

3. Egg. Erstmals 1331 als Egga erwähnt. Blaue Wasserkurve im

untern Drittel, die an den SihIlauf in Untersytten erinnert. Gelber

Mörser in den obern zwei Dritteln. Er erinnert an den berühmten

173


Arzt Theophrastus Paracelsus, der neben der Teufelsbrücke am

Etzel wohnte und dort seine Arzneien stampfte. Rotes Feld.

4. WillerzelI. Erstmals 1319 als Willercella erwähnt. Schlichtes

weißes Kirchlein, Turm .Käsbissenform, rechts der Buchstabe W,

links der Buchstabe Z als Kennzeichen gegenüber andern Wappen

mit einer Kirche als Wappenbild.

5. Groß. Erstmals 1311 als Große erwähnt. Die Wettertanne erinnert

an einen großen dichten Wald. Siehe Flurname "Im Dick".

Rechts und links wagrecht gegen den Stamm gerichtet je ein

Flößerhacken. Erinnert an das bis um 1870 betriebene Flößen

der Trämel im Hochwasser der Sihl. Rotes Feld.

, .

6. Euthal. Erstmals 1433 erwähnt. Altarbild in der Kirche zu

Euthal Schmerzhafte Muttergottes. Darum Herz Mariä. Das rote

Herz allein ist zu weltlich. Um dem kirchlichen Symbol gerecht

zu werden Schwert in senkrechter Stellung. Weißes Feld.

7. Binzen. Erstmals um 1320 erwähnt, als Viertel erstmals 1572.

Grünes Feld, quer gespalten. Verweist auf Ober- und Unterbinzen.

In beiden Feldern eine Rindertrychle, die an den landwirtschaftlichen

Kleinbetrieb auf Eigen- und Pachtland erinnert.

Kleine Nachträge.

I. Das Kirchmeieramt,von dem in der Waisen- und Armenrechnung

die Rede ist, bezieht sich auf Pastorationsobliegenheiten.

z. Männer, die heirateten, mußten bis gegen 1874 eine Art Wehrsteuer

entrichten, d. h. einen Barbetrag abliefern, der dem Bezirk

die Anschaffung eines Gewehres für das Zeughaus ermöglichte.

Auch die Schützengesellschaft benutzte den Zivilstandswechsel

junger Männer und forderte zur Unterstützung des Schießwesens

eine Zeitlang von jedem Hochzeiter Fr. 5.-.

Die Eheleute feiern nach 25 Jahren Ehestand das silberne, nach

50 Jahren das goldene und nach 60 Jahren das diamantene

Jubiläum. Der Volksmund spricht satyrisch vom ,,2sjährigen

Krieg" usw.

3. Bei zahlreichen Jodelliedern fallen die Unbeholfenheit der

Dichtung und die weinerliche Komposition auf.

4. Ein praktisches Kleidungsstück der Bauern, der Westenrücken

ist seit einigen Jahrzehnten in Vergessenheit· geraten, so auch

dessen mundartliche Bezeichnung. Er wurde bei strenger Kälte

und heftigem Nordwind zum Schutze der Lungen und Nieren

getragen. Man stelle sich ein hochrechteckiges, mit Wolle eng

. gestricktes Rückenteil vor, an dessen obern Enden je eine Schleife

wie i..Achslifasse" und an den untern Enden 2 Gurten angenäht

sind, die mit einer Schnalle um den Leib befestigt werden.

174


5. Im letzten Jahrhundert war es bäuerliche Sitte, eine Blume, z. B.

ein Hagröslein. hinterm rechten Ohr zu tragen, die Blüte nach

vorn gerichtet. Alte Holzlarven, Aquarelle usw. erhärten diese

Sitte. Sie kann nur der Ausdruck einer launigen Stimmung gewesen

sein, wie das Tragen bunter Blumensträuße auf den

Schlapphüten der Sennengesellschaft des 18. Jahrhunderts, der

Maien der Armbrustschützenbuben und der Rekruten im letzten

Jahrhundert. Das Aufstecken der Blume hinter dem Ohr mag

zur Zeit aufgekommen sein, als die Männer die kurze weiße

Zipfelmütze und bald nachher die lange schwarze Mailänder

Züttelkappe als gebräuchlichste sömmerliche 'Kopfbedeckung

trugen, die nicht geschmückt werden konnte. Ein Blümlein im

Mundwinkel verrät ebenfalls eine freudige Stimmung.

6. Der "Zerrpfennig" (bisweilen auch "Zehrpfennig" geschrieben).

ist ein Fond zugunsten reisender (fechtender) Handwerksburschen.

Er greift vermutlich in den Anfang des letzten Jahrhunderts

zurück. Das Bezirksamt ließ jährlich einmal den Läufer oder den

Weibel bei den wohlhabenden Familien im Dorf umgehen und sie

um Entrichtung eines kleinen Beitrages in diesen Fond bitten.

Die Handwerksburschen, die sich auf dem Amt meldeten oder

die aufgegriffen wurden, erhielten jeweilen 30 bis 50 Rp. Handgeld,

wenn sie im Besitze der Ausweispapiere waren. Der Fond

betrug im Jahre 1918, als die Sammlung nicht mehr fortgesetzt

wurde, etwas mehr als Fr. 1000.-. Er wird seinem Zwecke

erhalten bleiben.

7. Im Hausgang alter Häuser befindet sich hinter der Haustüre

entweder eine viereckige oder eine hochrechteckige Oeffnung in

der Stockmauer. Vereinzelt trifft man auch noch schmiedeiserne

Hacken an, die oben gegen die Decke hin in die Wand eingemauert

sind. In die Löcher stellten Hausbewohner und Pilger

das Talglicht, wenn sie morgens in der Dunkelheit das Haus

verließen. Wer nachts heimkehrte, nahm das Talglicht wieder

zuhanden. Am Eisenhacken wurden die Feuereimer aufgehängt.

Jeder Hausbesitzer war laut Löschordnung verpflichtet, 2 lederne

Feuereimer (Füürchübel) zu stellen, Die Feuereimer wurden in

der Trägerkette zur Wasserbeförderung von der Schwelle bis

zur Brandstelle oder zum Füllen der Schöpfspritzen verwendet.

Die Einführung der Schenksehen Saugspritze in den 70er Jahren

machte den Feuereimer mehr oder weniger überflüssig.

8. In alten Pfarrgemeinden wird der Tote konsequent mit dem

Gesicht gegen das in der Mitte des Friedhofs stehende Kreuz

gerichtet, ins Grab gelegt. In Einsiedeln trifft das jetzt nur teilweise

zu, Aber, aus einer von Schmid gezeichneten Lithographie

(bei Gebr. Karl und Nikolaus Benziger) zu schließen, erfolgte

früher, als der Friedhof aus nur 4 Feldern bestand, die Grab-

175


r

1-,

legung auch nach der oben erwähnten Ordnung. Als Grabmäl

wurden damals ausnahmslos kleine Holzkreuze mit schmaler Ab--

dachung und Sandsteinsockel mit niedere~ schmiedeisernen Kreuzen

verwendet. Die Ecken der Felder waren entweder mit Urnen.

oder Weihwasserbecken aus Sandstein geziert.

9. Die Schurter Waren amtliche Schuldeneinzüger, somit die Amtsvorgänger

unserer Betreibungsbeamten. Dies geht aus folgendem

Beschlusse des zweifach gesessenen Landrates vom 14. April

1608 hervor: ,

"Die Schurter, so um Lohn Schulden einziehen, werden vom

zweifachen Landrate in Schwyz abgeschafft. Künftig soll jedermann

seine Schulden selber einziehen oder durch seine Kinder

oder Diensten einziehen lassen. Witwen und Waisen, so keine

Diensten halten, mögen die Landsläufer oder Trager darum ansprechen,

welche den Einzug um gebührlichen Lohn besorgen

sollen"

IO. Der Laternenanzünder. Beim Zunachten eilte ein flinkes Männlein,

eine Leiter geschultert, im Dorf von Straßenecke zu Straßenecke,

stellte an, stieg auf, öffnete das Laternenfensterehen und

zündete die im Laternengehäuse stehende Petrollampe an. Wer

könnte jenem damals unbeachteten Männlein heute die Beachtung

versagen? Als gegen 19IO der Glühstrumpf unseres bewährten

Gaswerkes und gleich darauf die überlegene Glühbirne aus Zürich,

der Petrollampe in Haus und Hof den Garaus machten, verschwand

der amtliche Laternenanzünder plötzlich von der Bildfläche.

Nur einige- wenige Zeugen erinnern an die frühem Beleuchtungssorgen,

nämlich alte eiserne Laternengehäuse von der

Gestalt der Zunftlaternen. Man geht, trotzdem sie originell sind,

achtlos an ihnen vorüber. Wo behaupten sie sich noch, wird man

fragen? An folgenden Gasthäusern: Bären, Elephant, Glocke,

Großkreuz, Goldener Adler, National, Pilgerhof, Rotochsen, St.

Katharina, Wage, Waldstatt usw. Eine alte Straßenlaterne steht

immer noch beim "Einsiedlerhof", dem ehemaligen Kanzlerhaus.

Gottlob haben wir moderne Lichter, die sich gegenseitig überstrahlen,

aber ..gerade darum ist keines so heimelig, wie die

Petrollaterne, die träumerisch in die engen Gäßchen hinein

flackerte und sich gewissenhaft mühte, jedem bösartigen Windlein

zu trotzen.

, .


250 BILDER

AUS DEM VOLKSLEßEN

mit kurzen Beschrieben

und Betrachtungen über

wichtige Ereignisse

3 Teile:

Im Dorf herum

Ueber Land

Bei der Jugend


Die Bilderschau besteht aus Rekonstruktionen,

Reproduktionen, einfachen und zusammengesetzten

photographischen Aufnahmen und Skizzen.


.1

1M DORF HERUM

Die Waldstatt in der 2. Hälfte

des 16. Jahrhunderts. Aus

Diebold Schillings Chronik.

Einheit der Bauformen, der

Gleichheit des Erwerbslebens

und den nahen Baustoffen

entsprechend. Bald

wurde das Kloster, bald der

Flecken entweder ganz oder

teilweise das Opfer vorsätzlicher

od. Ialirläßiger Brandstiftungen,

so 1021, 1226,

1465, 1577 und 1680. Der

Wiederaufbau mußte jeweilen, um den Wohnungs- und Verkehrsbedürfnissen

genügen zu können, mit Hast erfolgen. Bei Unterkellerungen und Umbauten

der letzten Jahre wurden Fundamente aus Sandstein, die bei den Feuersbrünsten

rotgebrannt worden waren, nachgewiesen.

Ausschnitt des obern Dorfbildes. Mitte 16. Jahrhundert. Schlüsselplatz mit Brunnen,

Sechseckbecken und Säule. Vom .Ochsen" (Hirschen) bis zum .Schwarze Männle"

(St. Meinrad) bezw. vom Rathaus bis zu den ,,3 Eidgenossen". Dort offener Dorfbach.

Die Gliederung zeigt die Anfänge der 3 Parallelstraßen "Hauptstraße", nSchmiedenstraße"

und "Habermusgasse" (Schwanenstraße). Vereinzelt geriegelte, vorherrschend gewendete

Bauten, mit steilen Satteldächern. Hinter den Häusern kleine Gemüsegärten, dann Holzund

Torfschöpfe.


Der Frauenbrunnen und die Pilgerhäuser Adler, Pfauen, Hirschen, Ochsen,

Sonne, Rothut, Bären, Hecht, Georg und die Sonnenstände. Das Bild zeigt

den Hauptplatz mit der Einmündung der Hauptstraße um 1800. Schöne,

übereinstimmende Bauformen. Der Hautplatz ist heuer von den Genoßsamen

dem Bezirk zu Eigentum abgetreten worden.

Vorderseite des 1689 erbauten Rathauses bis

1870. Unter seinem Dach befanden sich ursprünglich

zwei Tanzdielen, Schulzimmer und

Zeughaus, später das Gerätelokal der Feuerwehr,

seither Post, Telegraph und Telephon.

Bester Bautypus am Straßennetz des Dorfes.


. --.,

Vorderseite des Rathauses bis um 1905.

Der Bauwurde alsdann mit phantastischen

Zutaten restauriert und an den Dachsaum

malte man die Viertels- und Familienwappen.

Die Amtslokale umfassen Bezirksamt,

Bezirkskanzlei zugleich Gerichtssaal,

Notariat, Grundbuchamt und

Konkursarnt, Genossenstube, 2 Bureaux, 2 Wohnungen, Polizeiposten und

Arrestlokal, Bezirksarchiv. Die Rechte der Landesgenoßsamen am Rathaus

wurden durch Zuweisung je eines Zimmers im betreffenden Viertelsschulhaus

abgelöst.

Hinter- und Westseite des Rathauses

bis um 1905. Bodenfest

und hochstrebend. Diesem Gebäude

muß der Charakter eines

Amtshauses nicht erst die Farbe

aufgemalt werden.


Mittelbau des alten Schulhause 1843

bis 45 erbaut. Vornehme Architektur

nach Abt Heinrich Schmid. Längsfronr

gegen die Sonne, Schmalseite gegen

das Wetter gerichtet. Günstiger Abschluß

des Gesichtsteldes vom Hauptplatz

nach Norden. Also bestmögliche

Sachlichkeit in der Platzfrage. In den

30er jahren, als sich die äußern Bezirke

des Kantons Schwyz an das

Studium einer Verfassung des Kantons

"Außerschwyz" machten, bereiteten

sie auch ein vorzügliches Schulgesetz

vor. Nach erfolgter Verständigung

mit dem alten Lande trug die

Schulfreundlichkeit rasch sichtbare

Früchte. Man baute sogar auf den

Vierteln Schulhäuser, eine Seltenheit

für die damalige geldarme Zeit.

Dieses Schulhaus enthält eine Schulkirehe.

Schulzimmer für die 2 untersten

Primarklassen und für die gewerbliche

und kaufmännische Fortbildungsschule,

ein Musiklokal, ehemals

Turnlokal, zwei Zimmer für die

Kleinkinderschule, eine kleine Volksbibliothek,

ein Vereinsarchiv und eine

Abwartwohnung.

1889/90 wurde nordwärts ein noch

größeres, wuchtigeres, jedoch weniger hübsches neues Schulhaus gebaut mit Längsrichtung

Süd-Nord, ungefähr 10 jähre später noch nördlicher eine Turnhalle. Das neue Schulhaus

enthält Schulzimmer für die 3. bis 7. Primarklasse und für die Sekuandarschule, ein

Zeichnungszimmer, ein Gesangzimmer (zugleich kleines Naturalienkabinett). ein Arbeitsschu.zimmer

(zugleich Lokal für hauswirtschaftliche Arbeitsschule), je ein Lokal für die

Kochschule und die Volksküche, eine Abwartwohnung. Die beiden Schulhäuser und die

Turnhalle werden gelegentlich als Truppenkantonnemente benutzt. Die Kleinkinderschule

steht unter der Obhut des Frauen- und Töchtervereins, der gemeinsam mit dem jüngern

Vinzenzverein dem Wohl tun gegen Arme und Kranke obliegt; die Fortbildungsschule

wird zum größten Teil vom Fortbildungsverein unterhalten, dessen Vermögen sich aus

Schenkungen zusammensetzt; die Volksküche unterhält der gleichnamige Verein; Kochschule

und Arbeitsschule für Schulentlassene sind ebenfalls wohltätige Einrichtungen des

Frauen- und Töchtervereins.

Im 18. jahrhundert

Kernenhaus, im 19.

jahrhundert Schützenhaus,

im 20. jahrhundert

Theater.

1737/43 von Singer

erbaut. Bis ungefähr

1905 Eigentum der

Genoßsamen, seither

des Bezirkes. Im

Theater treten von

Zeit zu Zeit die

Theatergesellschaft

die Vorzugsrechte

beansprucht.die musikal.

-gesanglichen

Vereine, der Turnverein

mit Darbietungen

auf.


1

Die nächste Umgebung des Kernenhauses um 1860. Gleichmäßige Baulinlen.

Eigene Rekonstruktion nach .dern Aquarell von D. Bisig 1884, das

die ganze Langrüti umfaßt.

Hinteransicht eines Gasthauses im

Oberdorf. Demonstration einer Bauentwicklung,

die mit bescheidenen

Mitteln die kleinen Bedürfnisse von

Fall zu Fall erledigte, allerdings mit

Verzicht auf eine geschlossene Wirkung.

Zugleich ein Sammelbild

verschiedenster Dachformen : Vier

Satteldächer vom sanft fallenden

bis zum steilen, ein halbes Rechteckwalmdach

mit gebrochener Dachfläche

im obern Drittel, leicht geschweift

in den untern Dritteln,

kleines Mansardensatteldach, Pultdach

(bezw. Klebdach) am Giebel,

Krüppelwalm am obersten Grat.


~ Gasthaus zum "Bären". Origineller BaUlYP

des 17. jahrhunderts, geriegeIt, verputzt, mir

Kreuzdach und kleinen Krüppelwalmen. Der

Flecken zählt 35 Gasthäuser mit 20 bis 100

und 25 mit 5 bis 20 Betten. Die Logierfähigkeir

beträgt mit den Privatbetten rund 2500. Sie

übersteigt seit 1914 weit den Bedarf.

Paradiesplatz, rechts "Adler", ehemals

der größte Gasthof, und "Halbmond".

Solide Bautypen des Oberdorfes

aus dem 18. jahrhundert.

Blick auf die Kirche, links die Nordseiten

des .Piauens" und des "Sankt Antonis".

Im Vordergrunde der Vorbeter mit Männern und Buben, die Fahne, Muttergottesstatue

des marianischen Rates, Laternen und Bruderschaftsfähnlein tragen. Der

Zug begibt sich zu einem Trauerhaus, um die Leiche zur Beerdigung abzuholen.

Im Volk sagt man: sie chömed mit de Fähne.

Läufers Haus an der Habermusgasse.

Geriegelt und verputzt. joche am

Satteldach. Gekuppelte Fenster. 1895 .

abgebrochen. -s'r)JY";'7el1:J,ij~ ~r/(tH;.&Mtdr- I


\

1',

Das alte Armen- und Waisenhaus, genannt Spital. 1578 erbaut. um 1865

abgebrochen. Gewandetes Tätschhaus. Im Vordergrund Fuhrmann mit Hirthemd

aus Blautuch, mit dem Stäcklikorb auf dem Rücken. Einsiedler Fuhrroß.

Dieser robuste Schlag wird im Markstall des Stiftes gezüchtet.

Das .neue Waisenhaus am Eingang der Langrüti. In den 60 er Jahren erbaut,

120 lnsaßen. Am Ende der Langrüti ein noch größeres Armenhaus. Eigenbetriebe

wie Viehzucht, Schweinemast, Holzspälterei, Torfausbeute decken

den Unterhalt der 110 Armengenössige. Im Vordergrund Heufuder mit

zwei Männi der Armenhausverwaltung.

Die vom Bezirk verwalteten alten Fonds betragen rund Fr. 580,000. -. Der

größte ist der Armenfond mit einem Bestande von über Fr. 300,OcO. - •


Die obere öffentliche

Secht - Hütte

beim "Weiß\\"indgarten"

um 1860.

Die untere Sechthütte

befand ich

zwischen Alp und

Rosenegg. Dahin

trugen die Frauen

die Wäsche in großenGelten,

schwitzten

und schwatzten.

Im Hintergrund die

Gasthäuser.Weid :

"Widder" u. "Klo~

stergarten ".

Das sogen. Hafnerquartier : Brennhütte,

Braunstein und Glasur. Gegenwart.

Wasserrad am alten Wattenfabrikli in

der Wäni. Ausgestorbener Helfer klein-

- industrieller Betriebe. Um 1890.


l.-~-:-----

Das sogen. "gemauerte

Haus" auf der

obern Langrüti. Satteldach

mit auf der Mitte

gebrochener und geschweifter

Dachfläche.

Typus des gewandeten Wohnhauses

im Dorf. 18. Jahrhundert. Damals war

das Holz der gegebene Baustoff, billig

und wärmebindend. Heute baut mancher

mit wenig Rücksicht auf den

Winter.


Die Waldstatt im tausendsten Jahr. Plieveraulnahrne. Vielgestalt der Bauformen,

der Vielseitigkeit des Erwerbslebens entsprechend. Hervorstechende

Bauten: Kirche, Kloster und dessen Oekonomiegebäude, altes und neues

Schulhaus, Verlagsanstalt Benziger &. Co. A. G., Panorama "Kreuzigung

Christi", Verlagsanstaltjfiberle, Kälin &. Co., Waisenhaus, Verlagsanstalt

Waldstatt A. G., Bahnhof, Kernenhaus. - An der südwestlichen Peripherie

des Dorfes steht das Armenhaus, an der nordöstlichen das Krankenhaus.

Diese 2 Bauten sind auf dem ~Bilde nicht sichtbar. - Die Camera des

Fliegers hat ferner auch die Häusergruppen an' der Zürcherstrasse und

auf der Dümpfeln nicht mehr erreicht.


---------

Stirnseite des Fleckens am Hauptplatz. 1917. Vom Kirchturm gesehen. Hier schaut uns die

Frucht der wirtschaftlich glücklichen Vorkriegsjahre mit ihren zahlreichen Stoßtagen entgegen.

Der Wohlstand wurzelte in der fleißigen und sparsamen Betriebsführung durch viel

Eigenarbeit während vorangehenden Jahrzehnten. In der Front stehen die großen Verlagshäuser

der Firmen Benziger & Co., Eberle, Kälin & Co., die den Rückschlag der Kriegsund

Nachkriegsjahre bis ins Mark spüren. Baulich zeigt das Bild, wohin man kommt, wenn

jeder Hauseigentümer eigene Wege geht und billige Rücksichten auf den Gesamteindruck

des Dorfbildes verscheint. In dieser Hinsicht ist das Aussehen des vorstehend abgebildeten

Hauptplatzes um 1800 viel gediegener.

Hauptstraße im nächtlichen Glanze der Großen Engelweihe. Straßen- und Schaufensterlaternen

sind ausgelöscht. Aus der Dunkelheit glitzern Tausende von Kerzenlichtlein in

horizontal übereinanderliegenden Linien, die die Klosterfassade mit der Gasthäuserfront am

Hauptplatze und mit den Geschäftshäusern an der Hauptstraße verbinden. Bis um 1890

wurde entweder mit Nachtlichtli in runden Gläschen oder mit Wachskerzen in gebrannten

Lehmklötzchen beleuchtet. Jetzt benutzen alle Hauseigentümer Paraffinklötzchen, die in

runde Gläser gestellt werden.


Ankunft eine

bayr. Männerpilgerzuges

mit

Fahne u. Kreuz.

Gegenwart.

Neuer Bahnhof

der Südostbahn-

Gesellschaft, gegründet

1891.

Die Wädenswil-

Einsiedeln- Bahn

eröffnet 1877 als

erster Schienenstrang

der Südostbahn

hat die

größten Geldopfer

gefordert,

die unser Gemeindewesen

je auf sich nehmen mußte. Die Bahn war damals die dringendste

. Frage der Verkehrsförderung. die tatkräftige Männer glänzend lösten.

Hinter den Fassaden. der

Hauptstraße. Um 1870. Die

geschäftige Wirtsfrau verabschiedet

sich von 2 Bregenzerwald-Pärchen

.. Wir sehen sie

im Geiste, wie sie bei der Ankunft

eines Pilgerzuges über

die schmale Treppe unter den

Bogen eilt, um den Gästen

die Hände zu schütteln, ihnen

die Stramintaschen abzunehmen

und um sie gastlich zu

behausen und zu bewirten.

Damit ist aber nicht etwa die

Geschäftigkeit nur der Wirtsfrauen

gekennzeichnet. Nein,

die Waldleute im allgemeinen

betrachten die Pflege der

Wallfahrtsbedlirfnisse als ihre

.nächstliegende Lebensauf--

gabe, der sie sich bieg- und

beugsam unterziehen.


Seit 1910 wurden

eine Reihe von Häu-

" ser - Renovationen

durchgeführt, die

sich allerdings zum

Teil auf die Fassaden

beschränkten.

Hier 4 Typenbeispiele

aus den Jahren

um 1930: Filiale

der Kantonalbank

Schwyz, Gasthäuser

zur "Krone"

und zum .Rothut" ,

Gäschäftshaus zum

"Anker". Hätte nicht der Weltkrieg eine bedenkliche Bresche in die

Finanzlage des Mittelstandes geschlagen, würde sich der Aufputz des

Fleckens noch erfreulicher entwickelt haben.

Privat-Krankenhaus auf der

Dümpflen. Um 1905 erbaut.

Eine großzügige Stiftung,

die in der Hauptsache von

den Familien Benziger angelegt

wurde. Nebenan ein

kleines Absonderungshaus.

Der Betrieb liegt in den

Händen der Ingenbohler

Schwestern.

Panorama Kreuzigung Christi. 1893

erbaut. Hervorragende, ortsgemäße

Sehenswürdigkeit. Ca. 2000 rn?Bild

und Plastik. Nach langen Studien

im heiligen Lande von 3 Künstlern

gemalt. Ein Hort der Erbauung für

die Pilger.


1

-,~~-,..,-,......,

-,,-'1"~~

..,. ., .., .., .., ., ..,

~,.."~,,

-,.".,.,-,-,

ono 11

2 4

8 .9 10

77 12 13

Unsere industriellen Betriebe.


f

1. Fabrikbauten der graphischen Anstalt Benziger & Cie., A.- G., ehemals Gebrüder

Carl & Nikolaus Benziger. Gegründet 1792. In der Blütezeit der 80er jahre waren

in den Abteilungen des Buchdrucks, der Buchbinderei, Lithographie, Galvanoplastik,

Zinkographie usw. einschließlich Heimarbeitszweige um die 700 Arbeiter beschäftigt.

Fabrikationsfiliale in Euthal, früher auch in Groß. Verlagsfilialen in Köln, Waldshut

und Straßburz. Ende des letzten jahrhunderts und zu Anfang des gegenwärtigen

Brudergeschäft Adeltich Benziger & Cie , Paramentenstickerei. Statuen- und Bücherverlag

im Haus zum "Adler".

2. Fabrikgebäude der Firma Eberle, Kälin & Cie., gegründet 1858. Vorherrschend

Buchdruckerei und Buchbinderei, gegenwärtig mit Pachträumen für Corsettfabrikation

und Handschuhnäherei zürcherischer Unternehmer.

3. Fabrikgebäude der Firma WaldstattA.- G., vormals Eberle & Rickenbach, Nachfolger

von Wyß &. Eberle, gegründet 1865. Hauptsächlich Buchdruckerei und Buchbinderei.

4. Buchdruckerei "Einsiedler Anzeiger" zum "Steinhof", seit 1910 Genoßenschaft, ursprünglich

Marianus Benziger zur .Lugeten", gegründet 1859, dann Sales Benziger,

dann Lienert &. Eberle, nachher Kortrad Lienert, schließlich Wwe. Lienert - Schnyder.

5. Seiden- &. Baumwollspinnerei Kaspar Hürlirnann im .Schöngarn", ehemals Christoph

Freitag, gegründet von Wyß um 1830, abgebrannt um 1896, seither Sägerei Lienert.

6. Möbelfabrik Gottlieb Kuriger Söhne, ehemals Gebr. Zehn der, Seiden- &. Banmwollspinnerei,

später Brüder Martin und Gerold Gyr, gegründet 1823. Diese nach dem

amerikanis~hen Bürgerkrieg eingegangen.

7. Ziegelei Avanzini, ehemals Ferdinand Birchler, Nachfolger von A. Schönbächler,

Vor ca. 1850 Klosterziegelei beim Weiher.

8. Kistenfabrik und Sägerei Gehrüder Gyr, ehemals .Iohann jakob Schädler, Kornmühle

im Eschbach, um 1650 gegründet. Eingegangen um 1860.

9. Bauschloßerei Benedikt Lienert, ehemals Franz Lienert's Söhne, ehemals Witwe

Gertrud Lienert. Gegründet um 1845. Ursprünglich Klostermühleals Monopol (Zwingrnühle)

des Bezirkes, gegründet um 1300. Umgebaut 1787.

10. Torfwerk Friedrich Lienert's Erben, Nachfolger von Lienert, Gyr & Cie. Gegründet

1916. Vorher Ziegelei des johann joseph Zehnder.

11. Weizen- &. Maismühle, genannt "Grotzenmühle", Emil Lienert, Nachfolger von Gyr,

Lienert, Birchler und Grätzer, ehemals Kaspar Ochsner, ursprünglich josef Steinauer,

gegründet 1686. Mahlrecht von der eingegangenen Mühle im Frauenkloster "Au"

übernommen.

12. Bierbrauerei "Rosengarten" Birchler, Lindinger &. Cie., vormals joseph Thorner,

wahrscheinlich in den 50er jahren gegründet. Um 1894 eingegangen Brauerei Kauf-

Iin, Bierhalle, vormals Steinauer, um 1902 aufgekauft Brauerei Rhein zum Pokal,

vormals Zehn der, um 1928 aufgekauft. Obere Brauerei, Martin Birchler, vormals

Kram, Nachfolger von Ochsner.

13. Bauschlosserei Franz Kälin, ehemals Hufschmiede um 1800 gegründet, Neubau seit 1932.

Skizzen von Thomas Lienert.


Was, das "Ofentoch"? Ja, die engste Gasse

im Dorf, Jung und Alt, Reich und Arm benutzen

sie. Von 1850 bis 1914 eilten die sogen.

"Gschäftler" (Schriftsetzer, Buchdrucker, Lithographen,

Zinkographen, Falzerinnen, Auflegerinnen

usw.) wie an einem laufenden Band

täglich zweimal zur Arbeit und wieder nach

Hause. Wenn es regnete, warteten vor dem

Feierabendzeichen der Dampfpfeife unten an

der Ecke kleine Kinder dem Vater oder dem

großen Bruder und brachten' ihnen Schirme.

-,

Kirchlein "Maria End" auf dem Katzenstrick.

Daneben stand eine Erziehungsanstalt,

in der arme Waisenknaben ein

Handwerk erlernen konnten. Stiftungen

des Regierungsrates Steinauer-Benziger.

Die Anstalt wurde nach seinem Tode aufgegeben

und der Fond der Stiftung

zum Bau eines Krankenhauses einverleibt.

Das 1814 angebaute Vorzeichen der

riSt. Gangulphs Kapelle, genannt

I ' "Wolfgange Chapeli". Das Schiff der

I Kapelle ist fast 1000 Jahre alt, somit

das älteste Bauwerk der Waldstatt.


-------------------------------

Schutzhütte oder Gruobi, genannt "Galgenchapeli" am Waldweg gegen den Etzel,

Eigentum der Genoßsame Dorf-Binzen. 1933 restauriert. Erinnert an das Einsiedler

Hochgericht, das bis zum Jahre 1799 jenseits der Straße lag und an das Kapellchen,

das 1840 abgebrochen wurde. Mit dem Hochgericht 12 Säulen mit einem wagrechten

Balken darüber) war manche Menschentragödie verknüpft. Man denke z. B. an die drei

Kälin aus der Wäni, unter ihnen Ratsherr Josef Rupert, "Prinz Josef" genannt, die im

sogen. Einsiedler Handel um J 766 wegen hartnäckigen Trotzes gegenüber obrigkeitlichen

Maßnahmen auf die Weidhuob nach Schwyz geschleppt und dort geköpft wurden. Unser

Bezirksrat mußte die Köpfe auf Befehl der Schwyzer Behörde am Hochgericht aufnageln

lassen.

Man wird jene Exekution heute unter dem Gesichtswinkel des dazumal herrschenden

Untertanenverhältnisses, das von jeher Glut zu Unstimmigkeiten in sich barg, betrachten

müssen. Skizierte Sachlage: In Schwyz hatten die Harten (gegen die fremden Söldnerdienste)

im Streite gegenüber die Linden (für die fremden Söldnerdienste) Erfolge

erziehlt, kamen vorübergehend obenauf und benutzten die Macht, um Volksrechte zu

tördern. Eine Gruppe heißblütiger Einsiedler versuchte das nachzumachen, indem sie für

die Waldleute mehr Rechte, auch gegenüber dem Kloster, forderten, als sie beanspruchen

durften. Sie hielten geheime Sitzungen ab, an denen auch Schwyzer teilnahmen und

wühlten. Als in Schwyz wieder ein ruhiger Wind blies, stellte die Obrigkeit langwierige

Untersuche an und ergriff schließlich Strafmaßnahmen gegen widerspenstige Einsiedler.

Ein Teil der beträchtlichen Kosten für amtliche Umtriebe sollte auf Beschluß des Landrates

vom 19. Oktober 1765 mit einer Viehauflage bestritten werden. Das war der

Zünder. Die Betroffenen in der Wäni und in Trachslau sträubten sich mit Gewalt. Sie

verneinten die Rechtsgültigkeit des Beschlusses, dessen Ratifikation nicht klar nachgewiesen

sei (Siehe Dr. Schilter .Der Einsiedler Aufstand", Geschichtsfreund 1867, Band

XXII, Seite 205, Ziffer 41I. Die handgreifliche Gewalt wurde mit rücksichtsloser Gegengewalt

besiegt. Wer sich im Geiste in jene Wirren, die nicht Einzelne, sondern die

Allgemeinheit ergriffen hatten, zurückversetzen kann und dazu überlegt, was das Verhängen

einer Viehauflage als Strafmittel behuf Bezahlung obrigkeitlicher Unkosten und

Taggelder der Ehrengesandten beim Volke bewirken mußte, ist geneigt, den Jähzorn

wenn nicht zu billigen, so doch mildernd zu beurteilen. Nach damaliger Auffassung

wurde aber das Verhalten der drei Kälin und ihrer Mitsacher als Rebellion bzw. Aufstand

betrachtet. Gleiches ereignete sich ja auch in andern Kantonen. Die bittern Lehren des

Einsiedler Handels leisteten obenhinaus der Einsicht für mehr Unabhängigkeit der

Waldleute stark Vorschub. Das Volk machte ohnehin schon geltend, früher eher mehr

Freiheiten besessen zu haben, obwohl sogar ein Schwyzer (Dr. Schilter) diese Auffassung

als Irrtum bezeichnete, indem er schrieb, .Erleichterungen seien immer nur auf

Gutverhalten hin zugesichert worden".

An die Qualen des soeben erwähnten Hochgerichts erinnert auch die Beschwerde, die

einmal nach dem Vollzug eines Todesurteiles bei der Obrigkeit vorgebracht wurde.

"Man solle endlich .einen Scharfrichter anstellen, der nicht dreimal schlagen müsse".

Diese Beschwerde beleuchtet das Zeitbild der unglückseligen Hexenprozesse, an denen

der ScharfrIchter dem Vorgeladenen schon im Verhör als Druckmittel vorgestellt wurde.


Viehachterhütte auf

dem Tritt, im Winter

Skifahrerhütte.

1330 m ü. M. Die

Genoßsame Dorf-

Binzen besitzt auf

ihren Weiden 5H