November 2011 - Deutsch-Polnische Gesellschaft der BRD eV

polen.news.de

November 2011 - Deutsch-Polnische Gesellschaft der BRD eV

Nr. 4/2011 (98) - K 6045 - 3 EURO

ZEITSCHRIFT FÜR DEUTSCH-POLNISCHE VERSTÄNDIGUNG

Volldampf sieht anders aus S. 3

Prekarier aller Länder ... S. 5

POLEN und wir 4/2011

1


EDITORIAL POLITIK

Liebe Leserinnen

und Leser,

Polen hat gewählt. Und erstmals in der

Nachwende-Geschichte wurde eine Regierung

bestätigt. Donald Tusk bleibt Ministerpräsident.

Aber es gibt eine neue Partei. Der

aus der PO ausgetretene „reichste Sejm-Abgeordnete“

und Unternehmer Janusz Marian

Palikot hat für seine Parteineugründung

über 10 Prozent erreicht. Unser Warschauer

Redaktionsmitglied Holger Politt hat für uns

das Wahlergebnis analysiert.

Einen besonderen Schwerpunkt haben

wir der Ausstellung „Tür an Tür - Polen–

Deutschland - 1000 Jahre Kunst und Geschichte“

gewidmet, die noch bis zum 9.

Januar im Berliner Martin-Gropius-Bau zu

sehen ist.

In dieser Ausgabe müssen wir auch einiger

Freunde gedenken, die nicht mehr unter

uns weilen. Kurz vor Drucklegung des vergangenen

Heftes kam die Nachricht über

den Tod unseres Beiratsmitglieds Franz

von Hammerstein. Christoph Koch, Vorsitzender

unserer Gesellschaft, hat nun einen

ausführlichen Nachruf verfasst. Ebenfalls

verlassen hat uns der Präsident des Internationalen

Auschwitz Komitees, Noach Flug.

Er überlebte das Ghetto in Łódź und das KZ

Auschwitz, doch in den 50er Jahren verließ

er Polen, vermied aber bis zuletzt, die Ursachen

deutlich zu benennen.

Nach Fertigstellung dieser Ausgabe kam

nun noch die Mitteilung, dass unser Kassenprüfer,

Willi Sauerzapf, Anfang Oktober

verstorben ist. Wir gedenken seiner in Dankbarkeit.

Ihr Karl Forster

Wir suchen dringend:

Webdesigner/in

zur Neueinrichtung der Webseite der

Deutsch-Polnischen Gesellschaft der

Bundesrepublik Deutschland und der

Zeitschrift POLEN und wir.

Wir wollen endlich eine Seite mit Terminkalender,

Newsletter, Linkliste und

einem ordentlichen Archiv aller Zeitschriftenbeiträge,

aber auch einem

CMS für kurze redaktionelle Beiträge.

Wordpress oder Jomla vorhanden,

aber nicht eingerichtet.

Wer kann uns helfen?

Wenn Sie selbst nicht derjenige/diejenige

sind, vielleicht kennen Sie jemanden,

der einem gemeinnützigen

Verein - deshalb leider ohne Bezahlung

- helfen kann.

Kontakt über die Redaktion:

Karl Forster, Tel. 030/89370650 oder

Mail: redaktion.puw@polen-news.de

Unser Titel

Unser Titelbild zeigt eine Installation aus Leinwand,

Holz, Hafer und Neonröhren, 1987 von

Mirosław Bałka geschaffen (300x300cm) mit

dem Titel „Sw. Wojciech“ (Hl. Adalbert). Die Installation

ist in der Ausstellung „Tür an Tür“ (siehe

Bericht auf Seite 13) zu sehen.

Der hl. Wojciech (hl. Adalbert von Prag), ein

tschechischer Geistlicher, starb als Märtyrer

während einer Bekehrungsmission von Heiden

in den nordöstlichen Grenzgebieten Polens. Seine

Mission und sein Tod waren von Bedeutung

für die Bildung des polnischen Staates und die

Beziehungen zwischen den polnischen und deutschen

Herrschern – Bolesław I. der Tapfere und

Otto III.

Foto: Piotr Tomczyk

© Muzeum Sztuki w Łodzi, Lodz

Wichtige Adressen:

Geschäftsführung der Deutsch-Polnischen Gesellschaft der BRD e.V.:

Manfred Feustel, Im Freihof 3, 46569 Hünxe, T: 02858/ 7137, Fax: 02858/ 7945

Unsere Gesellschaft im Internet:

www.polen-news.de - e-Mail: dpg-brd@polen-news.de

Redaktion POLEN und wir: Karl Forster,

neue Anschrift: Neue Grottkauer Str. 38, 12619 Berlin

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Gesellschaft für gute Nachbarschaft zu Polen:

c/o Klaus-Ulrich Göttner, Moldaustr. 21, 10319 Berlin,

Fax: 01212-5-305-70-560, e-mail: vorstand@guteNachbarn.de

Deutsch-Polnische Gesellschaft Bielefeld e.V.:

Theodor-Hürth-Str. 1, 33604 Bielefeld, Tel.: 0521-2705205,

E-Mail: info@dpg-bielefeld.de, www.dpg-bielefeld.de

DEUTSCH-POLNISCHE GESELLSCHAFT DER

BUNDESREPUBLIK DEUTSCHLAND E.V.

1. Vorsitzender: Prof. Dr. Christoph Koch,

Sprachwissenschaftler, Berlin

Stellv. Vorsitzender: Dr. Friedrich Leidinger,

Psychiater, Hürth

Vorstand: Henryk Dechnik, Lehrer, Düsseldorf

- Manfred Feustel, Steuerberater, Hünxe - Karl

Forster, Journalist, Berlin - Dr. Klaus-Ulrich

Goettner, Berlin - Dr. Egon Knapp, Arzt, Schwetzingen

- Dr. Holger Politt, Gesellschaftswissenschaftler,

Warschau - Wulf Schade, Slawist,

Bochum

Beirat: Armin Clauss - Horst Eisel - Prof. Dr. sc.

Heinrich Fink - Prof. Dr. Gerhard Fischer - Dr.

Franz von Hammerstein † - Christoph Heubner

- Witold Kaminski - Dr. Piotr Łysakowski - Hans-

Richard Nevermann - Eckart Spoo.

Anschrift: Deutsch-Polnische Gesellschaft der

Bundesrepublik Deutschland e.V., c/o Manfred

Feustel, Im Freihof 3, 46569 Hünxe Tel.:

02858/7137, Fax: 02858/7945

IMPRESSUM:

Zeitschrift für deutsch-polnische Verständigung

ISSN 0930-4584 - K 6045

Heft 4/2011, 28. Jahrgang (Nr. 98)

Verlag u. Herausgeber: Deutsch-Polnische

Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland

e.V. in Zusammenarbeit mit Deutsch-Polnische

Gesellschaft Bielefeld e.V.

Redaktion: Karl Forster (verantwortl.), Wulf

Schade, Dr. Friedrich Leidinger, Dr. Holger Politt,

Redaktionsbüro: POLEN und wir

Karl Forster, Neue Grottkauer Str. 38,

12619 Berlin, Tel.: 030 89370650

e-mail: redaktion.puw@polen-news.de

Layout: Kontaktpress Karl Forster

Druck: Saxoprint Dresden

Aboverwaltung: Manfred Feustel, Im Freihof 3,

46569 Hünxe, Fax: 02858/7945

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12 €. Inkl. Versand, Ausland: 10,00 €

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Polnischen Gesellschaft der Bundesrepublik

Deutschland e.V. und der Deutsch-Polnischen

Gesellschaft Bielefeld e.V. erhalten POLEN und

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Namentlich gekennzeichnete Beiträge stimmen

nicht immer mit der Meinung der Redaktion

oder der Herausgeberin überein. Für unverlangt

eingesandte Manuskripte oder Fotos wird keine

Haftung übernommen.

Erscheinungstermin: 1. November 2011

Erscheinungstag der nächsten Ausgabe:

Montag, 1. Januar 2012

Redaktionsschluss:15. November 2011

Nach den Parlamentswahlen

Volldampf sieht anders aus

Polens neue Regierung vor schwierigen Zeiten

Von Holger Politt

Im Januar 2010 erklärte Ministerpräsident Donald Tusk, er verzichte auf einen

Start bei den Präsidentschaftswahlen, wolle sich auf sein Amt konzentrieren und

ab Herbst 2011 erneut einer Regierung vorstehen. Das war vor Smolensk und unter

dem Eindruck langanhaltender stabiler und günstiger Umfragewerte für die

Regierungspartei PO. Jetzt ist er am Ziel seiner Wünsche, denn er ist überhaupt

der erste Ministerpräsident im Nachwende-Polen, der nach Parlamentswahlen seine

Aufgabe fortsetzen darf.

Viele Beobachter meinen allerdings, dieser

Sieg hänge vor allem mit den Konkurrenten

zusammen, die nicht in der Lage gewesen

seien, die Tusk-Regierung bei unverkennbaren

Schwächen zu packen. Dieser Vorwurf

zielt in erster Linie auf die Nationalkonservativen

(PiS) und auf die Linksdemokraten

(SLD), die im alten Sejm entscheidend die

Oppositionsrolle spielten. Fangen wir deshalb

mit diesen beiden Gruppierungen an.

Die Nationalkonservativen hatten frühzeitig

entschieden, wiederum Jarosław

Kaczyński als Spitzenmann ins Rennen zu

schicken. Wie bereits bei den vorgezogenen

Präsidentschaftswahlen im Juni 2010

kann der PiS-Vorsitzende auch dieses Mal

für sich geltend machen, insgesamt die

bessere, weil angriffslustigere Kampagne

geführt zu haben. Das wird ihm eigentlich

von allen Seiten bescheinigt.

K.O. statt Kopf an Kopf

Infolge der offensiven Kampagne sprachen

Medien kurz vor dem Wahlgang gar von einem

Kopf-an-Kopf-Rennen. Doch am Wahlabend

erfolgte die Ernüchterung, denn die

Konkurrenten der PO erhielten wie 2007

wiederum fast 10 Prozent mehr Stimmen,

weshalb anderntags häufig der Boxsport

zur Hilfe genommen wurde – des K.O.-

Schlags wegen.

Doch den gab es gar nicht, denn PiS hat

verlässlich wieder das erstritten, was an

politischem Rückhalt seit nunmehr sieben

Jahren auf der Habenseite steht. Dass

Jarosław Kaczyński mit mehr gerechnet

hat, steht auf einem anderen Blatt. Denn

tatsächlich ist es der Partei in den zurückliegenden

vier Jahren nur schwerlich

gelungen, an neue Wählerschichten heranzukommen.

Zwar gab es maßvolle Fortschritte

bei den Jungwählern, doch insge-

samt – so scheint es – sind die Fronten

zwischen PiS und der PO festgefahren.

Von großen Wechselbewegungen zugunsten

der Nationalkonservativen kann hier

seit langem nicht die Rede sein. Dennoch

meinte Kaczyński am Wahlabend, auch in

Warschau werde spätestens in vier Jahren

Budapest sein. Politisch nämlich – mit einer

absoluten Mehrheit der Nationalkonservativen.

Indem er so sprach, machte er

zugleich seinen Führungsanspruch für die

nächsten vier Jahre geltend.

Den konnte SLD-Chef Grzegorz Napieralski

nach den Wahlen nun in keinem Falle

aufrechterhalten. Die Gruppierung fuhr

überhaupt das schlechteste Ergebnis seit

Bestehen ein. Viele sprachen von einer

Katastrophe, manche – wie Ex-Präsident

Aleksander Kwaśniewski – gar von der

Gefahr eines völligen Untergangs für die

Partei.

Existenzkrise

Das einst so stolze sozialdemokratische

Flaggschiff der polnischen Politik ist jedenfalls

in eine schwere Existenzkrise geraten.

Sie wird im Sejm nun eine Randexistenz zu

erdulden haben, denn eine tonangebende

Rolle steht ihr im parlamentarischen Spiel

nicht mehr zu. Napieralski und dessen

Mannschaft haben anders gerechnet; Ein

möglichst hohes zweistelliges Ergebnis

und somit Mehrheitsbeschaffer für die PO.

Eine Rückkehr auf die Regierungssitze sollte

es werden nach den vielen Jahren eher

magerer Opposition.

Hinzu kommt eine zweite Seite, die kurz angesprochen

gehört. Offensichtlich hat die

Partei Schwierigkeiten, sich in einer neuen

Wirklichkeit zurechtzufinden, in der die Bezugspunkte

zur Periode der Volksrepublik

immer schwächer werden und kaum noch

auf Wahlentscheidungen durchdringen.

Das Stimmenpotential von Menschen, die

sich biographisch bewusst mit dieser Ver-

2 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 3

Stimmenanteil

2011 in %

S t i m m e n

2011

Stimmenanteil

2007

in %

Wahlsieger Donald Tusk, hier bei seinem Besuch

im Deutschen Bundestag.

Foto: Bundestag/Lichtblick/Achim Melde

Stimmen 2007 Sitze 2011 Sitze 2007

PO 39,18 5.629.773 41,51 6.701.010 207 209

PiS 29,89 4.295.016 32,11 5.183.477 157 166

Palikot 10,02 1.439.490 -- -- 40 --

PSL 8,36 1.201.628 8,91 1.437.638 28 31

SLD 8,24 1.184.303 13,51 (LiD) 2.122.981(LiD) 27 53 (LiD)

PO = Platforma Obywatelska (Bürgerplattform, konservativ-liberal); PiS = Prawo i Sprawiedliwość

(Recht und Gerechtigkeit, national-konservativ); Palikot = Ruch Palikota (Palikot-Bewegung, linksliberal);

PSL = Polskie Stronnictwo Ludowe (Polnische Bauernparei, gemäßigt konservativ); SLD = Sojusz

Lewicy Demokratycznej (Bund der demokratischen Linken, War im letzten Sejm über das Wahlbündnis

Linke und Demokraten LiD vertreten). (Anm. d. Red.)


POLITIK POLITIK

gangenheit auseinandersetzen und gerade

deshalb immer die Linksdemokraten gewählt

hatten, ist allmählich aufgebraucht.

Ein kleines Indiz dafür mag am Wahlabend

die Anwesenheit Jerzy Urbans bei der politischen

Konkurrenz gewesen sein, denn

der legendäre Zeitungsmacher machte Janusz

Palikot seine Aufwartung. Zu Beginn

der 1990er Jahre steckte er allen anderen

noch mutig die Zunge von den Wahlpartys

der SLD heraus.

Palikot

Palikot ist überhaupt die große Überraschung

der Wahl. Noch zu Beginn des Sommers

hätte kein Beobachter auch nur einen

Blumentopf auf ihn gesetzt. Der einstige

PO-Abgeordnete, der im Dezember 2010

Partei und Sejm verließ, schien den politische

Mund zu voll genommen zu haben.

Doch bei den Wahlen ist es nur der von

ihm angeführten Liste gelungen, der schier

übermächtigen PO Stimmen abspenstig

zu machen. 650.000 Wähler, die vor vier

Jahren ihr Kreuz noch bei der siegreichen

Tusk-Partei machten, gaben ihm und seinen

Leuten die Stimme. Die halbe Miete

des glänzenden Erfolgs.

In ersten Stellungnahmen bezeichnet er

die Partei als eine linksliberale Kraft, die

für die Einhaltung der Verfassung insbesondere

im Verhältnis Staat-Kirche eintrete,

die das öffentliche Leben insgesamt

liberalisieren wolle. Seine Abgeordneten

sind eine kunterbunt zusammengesetzte

Truppe, deren auffallend gemeinsames

Merkmals allerdings ist, dass, den Chef

ausgeklammert, niemand parlamentarische

Erfahrung besitzt.

Verteidigung der Mehrheit

Bleiben noch die alten und neuen Regierungskoalitionäre

– die große PO und die

kleinere Bauernpartei PSL. Das Hauptziel,

die Verteidigung der Regierungsmehrheit,

wurde erreicht. Zwar verlieren sie zusammengerechnet

fünf Sitze, doch die Mehrheit

gilt weiter als komfortabel. Und der

kleine Koalitionspartner ist für den großen

auch strategisch von Bedeutung. Wer auf

dem Lande PSL wählt, zeigt Kaczyńskis PiS

– die dort viel stärker als die PO ist – eben

die kalte Schulter.

Und die PO hat dennoch verloren – an

Stimmenzahl nämlich und über eine Million,

davon deutlich mehr als die Hälfte an

die Palikot-Liste. Doch sie verbleibt, was

Stimmenanteil, Abstand zur Konkurrenz

„Kommt mit uns, wir siegen“,warb PiS auf ihren Plakaten. Polens Kämpfer für konservative Werte,

Jarosław Kaczyński, umwarb im Wahlkampf besonders die Jugend. So traute er sich sogar in die Unterwelt

der Warschauer Clubszene. Hier stellte er sich unter Disco-Scheinwerfern den Fragen junger

Männer und Frauen. Im Club Hybrydy, so vermeldet die renommierte Wochenzeitung DIE ZEIT, „beginnt

der 62-Jährige unvermittelt einen kurzen Flirt mit einer jungen Dame, die seine Tochter oder Enkeltochter

sein könnte. Den Augenaufschlag der 23-jährigen Sylwia Ługowska beantwortet Kaczyński

mit einem Handkuss und einem schelmischen Lächeln“. Ługowska und ihre Mitstreiterinnen stammen

aus dem Nachwuchs der Kaczyński-Partei und wurden in den Medien schnell „Engel“ getauft. kfo

und Anzahl der Sitze anbelangt, auf dem

sehr hohen Niveau von 2007. Zwar konnten

1997 die SLD und 2007 PiS als Regierungsparteien

Stimmen dazu gewinnen und

den Stimmenanteil erhöhen, doch wurden

sie beide vom jeweiligen Wahlsieger überflügelt

und mussten die Regierungsmacht

abgeben. Tusk hat es geschafft, die nationalkonservative

Konkurrenz im Schach zu

halten, kann auch die zahlenmäßig herben

Verluste an Palikot gut verschmerzen, da

die anderen wegen der geringeren Wahlbeteiligung,

heuer 48,9 Prozent gegenüber

53,9 Prozent vor vier Jahren, viele Stimmen

an das gewaltige Lager der Nichtwähler

verloren. Für seine zweite Amtszeit kündigte

er an, dass nun in Ruhe diejenigen

Dinge, die durch seine Regierung erfolgreich

angeschoben worden seien, zu Ende

gebracht werden könnten. In seiner Kampagne

war viel vom „Bauen“ zu hören. Jetzt

verwies er darauf, nun ganze drei Jahre von

weiteren Wahlschlachten mit Kaczyński

verschont zu bleiben. Ein dezenter Hinweis

darauf, wie schwer ihm der diesjährige

Wahlkampf gefallen ist. Und er warnte vor

übertriebenen Hoffnungen, denn das Land

müsse vor allem sehen, wie es die Klippen

der weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise

neuerlich umschiffe.

Der Zug der 1000 nach Birkenau

Schon zweimal fanden von Belgien ausgehend erfolgreiche Internationale Jugendtreffen

in KZ-Gedenkstätten statt. 1995 fuhren 1000 belgische Jugendliche in Zusammenarbeit

der Stadt Namur und der Auschwitz-Stiftung nach Polen und 2008 kamen

auf Einladung des Instituts des Vétérans und der FIR in der Gedenkstätte Buchenwald

über 1000 europäische Jugendliche aus 22 Nationen zusammen.

Nun planen die Auschwitz-Stiftung, die FIR (Internationale Förderation der Widerstandskämpfer)

und das Institut des Vétérans für Mai 2012 einen gemeinsamen „Zug

der 1000“ von Brüssel nach Auschwitz mit Zusteigemöglichkeit in anderen europäischen

Ländern. In dem Zug werden auch Überlebende der Lager und andere Veteranen

des antifaschistischen Kampfes mitfahren, um im direkten Kontakt mit den

Jugendlichen Auskunft geben zu können.

Am Sonntag, den 5. Mai 2012 werden gut 700 belgische Jugendliche und knapp 200

Jugendliche aus anderen europäischen Ländern von Brüssel mit dem Zug nach Polen

starten. Zudem werden gut 100 Jugendliche erwartet, die aus anderen Regionen direkt

nach Polen zu diesem Treffen anreisen. In Polen wird es ein intensives Programm

mit Führungen durch die Gedenkstätte, Gespräche mit Zeitzeugen, Gedenkveranstaltungen,

Begegnungen zwischen den Jugendlichen und Eindrücke vom heutigen Polen

geben.

Wäsche trocknen im Hinterhof. Aufgenommen in Darlewo an der Ostseeküste. Foto: CFalk/pixelio

Polityka auf Deutsch:

Prekarier aller Länder ...

Von Wawrzyniec Smoczynski

Serielle Praktikanten, Zeitarbeitnehmer, junge Arbeitslose. In Europa wächst

eine neue soziale Klasse ohne Perspektiven auf Wohlstand und Aufstieg. Auch in

Polen gibt es sie, und sie hat schon einen eigenen Namen: Prekariat.

In Polen ist die erste satte Generation herangewachsen.

Wie aus dem Regierungsbericht

„Młodzi 2011“ [Jugend 2011] hervorgeht,

werden die Polen zwischen dem

15. und 34. Lebensjahr ihren Altersgenossen

in Westeuropa immer ähnlicher: Sie

sind offene Hedonisten und leidenschaftliche

Konsumenten von Gütern, sie haben

ein lockeres Verhältnis zur Institution

der Ehe, leben ihren Individualismus aus,

möchten aber auch nützlich für die Allgemeinheit

sein. Beziehungen zu Menschen

sind ihnen ebenso wichtig wie ein hoher

Lebensstandard. Sie haben große Ambitionen:

Sie möchten viel Geld, eine gute

Ausbildung und ein hohes Sozialprestige

haben, aber auch eine interessante Arbeit,

wertvolle Freundschaften, ein buntes Leben

und nach einiger Zeit auch eine wohlgeratene

Familie. Schon jetzt schöpfen sie

das Leben aus dem Vollen, erwarten von

ihm aber noch erheblich mehr.

Arbeit halten sie für einen Stützpfeiler des

künftigen Wohlstands und Glücks, doch

es fällt ihnen zunehmend schwer, eine

Beschäftigung und finden und eine gute

Stelle zu bekommen. Junge Polen zwischen

dem 18. und 34. Lebensjahr stellen die

Hälfte der registrierten Arbeitslosen, und

die Jugendarbeitslosigkeit ist doppelt so

hoch wie der Durchschnitt. Die Hälfte der

Beschäftigten unter ihnen arbeitet nicht im

erlernten Beruf, und ein Hochschulstudium

ist kein Garant mehr für eine gute soziale

Stellung. 62 Prozent der Jugendlichen

jobbt mit Zeitverträgen, Berufsanfänger

steigen in den Arbeitsmarkt mit unbezahlten

Praktika ein, die häufig Festanstellungen

ähneln. Wie die Autorin des Berichts,

Prof. Krystyna Szafraniec, schreibt, „sind

die jungen Leute in der Falle temporärer

Beschäftigungsformen gefangen“.

Was dadurch droht, zeigt das Beispiel

Westeuropas. Während junge Polen immer

noch die Hoffnung auf Wohlstand und Aufstieg

haben, geben ihre Altersgenossen in

Frankreich, Spanien und Griechenland sie

allmählich auf. Über den entwickelten Län-

dern schwebt die Gefahr einer verlorenen

Generation, der ersten seit dem Zweiten

Weltkrieg, der er schlechter ergehen könnte

als der vorangegangenen. Ein Vorbote

der sozialen Krise sind die Unruhen mit

Beteiligung von Jugendlichen, die seit einigen

Jahren ausbrechen: brennende Pariser

Vorstädte, Straßenschlachten im Zentrum

von Athen, Massendemonstrationen in

Madrid und jüngst die Ausschreitungen in

London. Warschau drohen solche Szenen

noch nicht, aber Polen biegt in dieselbe

Sackgasse ein.

Unsicher über die Zukunft

Die Jungen sind die größten Opfer der

Wirtschaftskrise. Arbeitslos sind heute

20,4 Prozent der Europäer zwischen 15 und

24 Jahren, die gerne eine Anstellung finden

möchten, ein Drittel mehr als 2008. Über

fünf Millionen junge Leute finden gar nicht

erst einen Einstieg in den Arbeitsmarkt,

und die Arbeitslosigkeit in dieser Gruppe

hält sich auf einem Rekordniveau, trotz der

schon zwei Jahre andauernden wirtschaftlichen

Belebung. Der EU-Durchschnitt ist

ohnehin zu optimistisch, verstellt er doch

den Blick auf die extremen Indikatoren einzelner

Länder: In Spanien sind 42 Prozent

der Jugendlichen arbeitslos, in den baltischen

Ländern, Griechenland und der Slowakei

über 30 Prozent, in Polen, Ungarn,

Italien und Schweden über 20.

Wenn Jugendliche eine Arbeit finden, ist

4 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 5


POLITIK POLITIK

sie immer öfter temporär. Hierbei stehen

Slowenien und Polen an der Spitze, wo über

60 Prozent der beschäftigten unter 25-Jährigen

mit Zeitverträgen arbeiten. Nicht viel

besser ist es in Frankreich, Deutschland,

Schweden, Spanien und Portugal, wo dieser

Prozentsatz über 50 liegt. Zeitarbeit ist

zu Beginn einer beruflichen Karriere verständlich,

aber diese Beschäftigungsform

wird zur Norm für Jugendliche, unabhängig

von der Beschäftigungsdauer. Nach Ablauf

eines Vertrags bietet der Arbeitgeber den

nächsten an und zwingt geradezu dazu, im

Austausch gegen nebelhafte Versprechungen

einer Festanstellung ein niedriges Gehalt

zu akzeptieren. So verlängern sich die

Probezeiten und Praktika, die eine Form

unentgeltlicher Arbeit sind.

Die Absenkung der Gehälter von Jugendlichen

ist weit verbreitet in Spanien,

Frankreich und Portugal. Die in Spanien

arbeitenden 16-19-Jährigen erhalten 45,5

Prozent des Gehalts von Erwachsenen,

die 20-24-Jährigen 60,7 Prozent. Das Ergebnis

der Niedriglöhne ist der steigende

Prozentsatz der arbeitenden Armen, die

trotz Beschäftigung nicht imstande sind,

den eigenen Unterhalt zu bestreiten. Am

höchsten ist er in Rumänien (17,9 %) und

Griechenland (13,8 %), gefolgt von Spanien

(11,4 %), Lettland (11,1 %) und Polen (11

%). Überall wächst der Anteil der zeitweise

oder nicht Vollzeit-Beschäftigten. 27,6

Prozent der jungen Europäer arbeiten nicht

Vollzeit, weil sie keine ganze Stelle finden

konnten.

Diese heterogene Gruppe von Menschen

verbindet die Unsicherheit darüber, was

die Zukunft bringen wird, wodurch jedwede

Planung unmöglich gemacht wird, und

eine so miserable Entlohnung, dass sie

sich ein menschenwürdiges Leben nicht

leisten können. Precarius bedeutet auf

Latein, „auf Bitten oder Gnade angewiesen“

zu sein, und ein Prekarier ist in der

heutigen Soziologie ein Mensch in der

Schwebe zwischen Wohlstand und Armut,

der keine materielle Absicherung hat und

ständig von sozialem Abstieg bedroht ist.

„Vor unseren Augen entsteht eine neue

globale soziale Klasse“, sagt Guy Standing,

Professor für wirtschaftliche Sicherheit an

der Universität Bath und Autor des Buches

„The Precariat“.

Vor fünf Jahren gab die deutsche Linke

[i.e. die Friedrich-Ebert-Stiftung, Anm.

d. Red.] eine demographische Untersuchung

in Auftrag, die dabei helfen sollte,

ihre Wählerschaft zu erfassen. „Die alten

Unterteilungen in Klassen und Schichten

beschreiben die Wirklichkeit nicht mehr

präzise, also begannen wir, die Befragten

nach den Werten, zu denen sie sich bekennen,

und ihren Lebenseinstellungen zu

gruppieren,“ sagt Rita Müller-Hilmer von

TNS Infratest in Berlin. Resultat der Studie

war ein Bericht, dessen Ergebnisse auf die

Titelseiten der Zeitungen gelangten: Die

Forscher entdeckten eine breite Gruppe,

die schon Arbeitslosigkeit erlebt hat, sich

marginalisiert fühlt und Angst davor hat,

weiter abzurutschen. Sie bezeichneten sie

als abgehängtes Prekariat und schätzten

sie auf 8 Prozent der Gesellschaft. Und das

alles im reichsten Land Europas.

In Deutschland war gerade eine Debatte

über die „neue Unterschicht“ im Gange,

wie damals Personen genannt wurden, die

Sozialleistungen ausnutzten und einen untätigen

Lebensstil führten. Der Bericht bestätigte

einerseits die Existenz einer neuen

Gruppe, was die Linke lieber bestritt, andererseits

zeigte sie, dass diese für eine

Unterschicht im Sinne eines Lumpenproletariats,

auf das die Rechte sie reduzieren

wollte, zu groß ist. Die Wissenschaftler

wiesen nach, was Durchschnittsbürger

schon selbst bemerkt hatten, nämlich dass

Armut nicht mehr ausschließlich die untere

Klasse betrifft und dass Arbeitslosigkeit

die Mittelklasse unterhöhlt. 63 Prozent der

Deutschen haben Angst vor permanenten

Veränderungen, und 61 Prozent sind der

Meinung, dass es keine soziale Mitte mehr

gibt, sondern nur noch unten und oben übrig

geblieben sind.

Diese Diagnose wird von ökonomischen

Untersuchungen zum Teil bestätigt. 2008

gab das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung

erstmals bekannt, dass die

Mittelschicht schrumpft: Innerhalb eines

Jahrzehnts sei sie um 8 Prozent zusammengeschmolzen,

wovon fast 7 Prozent

in die Unterschicht abstiegen, während

nicht ganz 2 Prozent in die Oberschicht

aufstiegen. Die Mittelschicht macht noch

immer mehr als die Hälfte der Gesellschaft

aus, aber schon mehr als 25 Prozent der

Bürger befinden sich in der armutsgefährdeten

Gruppe. „Früher stieg man in der

deutschen Gesellschaft immer nur auf.

Selbst wenn es der aktuellen Generation

schlechter ging, sollten es die Kinder besser

haben“, sagt Müller-Hilmer. „Heute ist

dieses Versprechen nicht mehr bindend,

zumindest nicht in der Unterschicht.“

Das Beispiel der Bundesrepublik ist symptomatisch

für ganz Europa. Ludwig Erhard

hatte den Deutschen in den fünfziger Jahren

„Wohlstand für alle“ und Vollbeschäf-

tigung im Rahmen der sozialen Marktwirtschaft

versprochen, die ökonomische

Freiheit mit sozialer Gerechtigkeit miteinander

verband. Und er hielt Wort: Mit

dem Schmierstoff des Marshallplansund

angetrieben vom Wiederaufbau nach dem

Krieg erlebte Deutschland ein Wirtschaftswunder.

Auf das deutsche Wirtschaftswunder

folgten die französischen Les Trente

Glorieuses, die glorreichen drei Jahrzehnte

des Aufschwungs nach dem Krieg. In ganz

Westeuropa erlebten die Volkswirtschaften

eine zweite Industrialisierung, die ihnen 30

Jahre ununterbrochenen Wachstums sicherten.

Das größte Wunder der Nachkriegszeit

war die Entstehung der Mittelklasse. Innerhalb

weniger Jahrzehnte wuchs eine breite

soziale Gruppe heran, die zuerst die Fabriken

mit Arbeitskräften versorgte und danach

eine Armee von Konsumenten stellte,

die massenhaft Autos, Waschmaschinen

und Fernseher erwarb. Arbeit ermöglichte

nicht nur, den eigenen Unterhalt zu bestreiten,

sondern auch auf die Gesundheit

zu achten, die Ausbildung der Kinder zu

bezahlen und für das Alter vorzusorgen.

In Frankreich stieg der Durchschnittslohn

zwischen 1945 und 1975 auf das Dreifache,

erstmals nahmen in der Geschichte

Europas die sozialen Ungleichheiten ab

anstatt zu, man sprach sogar von einer

„Moyenisierung“, also einer Mittelstandisierung

der Gesellschaft.

Doch die Mittelklasse war mehr als nur

eine Gemeinschaft der Satten und mit sich

Zufriedenen. Sie war ein sozialer Lift, der

neue Generationen von Unterschichten

nach oben hievte. Die Gesellschaften des

industriellen Zeitalters waren ausgesprochen

durchlässig, wer lernen wollte, hatte

den Aufstieg schon in der Tasche. Für

den Bedarf der Mittelklasse entstand der

moderne Wohlfahrtsstaat, der nicht mehr

nur Krankenund Rentenversicherungen,

sondern ein ganzes Sortiment an Leistungen

zum Chancenausgleich von schlechter

Situierten. Dieser Erfolg der Mittelklasse

sicherte Europa ein halbes Jahrhundert an

Stabilität, und es war die Aufgabe der Politiker,

dafür zu sorgen, dass die Maschinerie

der Vollbeschäftigung und des ununterbrochenen

Wachstums nie ins Stottern geriet.

Sie hatte schon einmal gehakt, 1973,

als die Ölkrise die erste Nachkriegsrezession

in der entwickelten Welt auslöste.

Der Ausbruch von Massenarbeitslosigkeit

und Stagflation führte zu einer Wende in

der ökonomischen Theorie: Innerhalb eines

Jahrzehnts wurde der keynesianische

Glaube an den Staat von Friedmans Kult

des Marktes abgelöst. Das Rezept für die

Wiederbelebung der Volkswirtschaften

sollte in der Befreiung der Unternehmen

von der Last übermäßiger Regulierung und

Besteuerung bestehen, und zum neuen

Ziel der Regierenden wurde die Jagd nach

Wirtschaftswachstum. Die Liberalisierung

der achtziger Jahre ebnete der Globalisierung

der neunziger den Weg und diese

wiederum der Prekarisierung, dem folgenschwersten

sozialen Phänomen des vergangenen

Jahrzehnts.

Ein Wettlauf nach unten

Als Polen vor 20 Jahren von einer Mittelklasse

zu träumen begann, beendeten

die Vereinigten Staaten und Großbritannien

gerade die erste Runde der Demontage

ihrer middle classes. Ronald Reagan

und Margaret Thatcher hatten eine Epoche

neoliberaler Reformen eingeleitet, die

nicht nur den Staat privatisierten und die

Wirtschaft liberalisierten, sondern auch

die Natur der Beschäftigung veränderten.

Die entwickelten Ländern leiteten den

Prozess der sogenannten Flexibilisierung

des Arbeitsmarkts ein, das heißt des Abschieds

von festen Stellen auf unbestimmte

Zeit zugunsten temporärer Arbeit, Teilzeitarbeit,

befristeter Arbeit und Schritt für

Schritt hin zur Ich-AG. Und alles, um dem

internationalen Wettbewerb der Arbeitnehmer

gewachsen zu sein.

„Eine der Folgen der Globalisierung war

eine Verdreifachung des Arbeitsangebots“,

erläutert Prof. Standing. Der Untergang

des Sozialismus in der ehemaligen UdSSR,

vor allem aber Chinas und Indiens Übergang

zum Kapitalismus führten dazu, dass

die Weltwirtschaft innerhalb von 20 Jahren

anderthalb Milliarden neue Arbeitskräfte

gewann. Das senkte die globalen Arbeitskosten,

vor allem aber setzte es eine

massenhafte Abwanderung der Industrie

aus den entwickelten Ländern in Gang:

Erst wurden Bergwerke, dann Hütten und

schließlich Fabriken gen Osten „outgesourced“.

Und als ob das noch nicht genug gewesen

wäre, brachen Wellen von Migranten,

die bereit waren, für weniger Lohn zu

arbeiten, in die entgegengesetzte Richtung

auf. Um die Beschäftigung zu aufrechtzuerhalten,

gaben Regierungen dem Druck von

Arbeitgebern nach und begannen, das Risiko

auf die Arbeitnehmer abzuwälzen.

In den neunziger Jahren machte das

noch niemandem Sorgen. Der Westen triumphierte

gerade, die Mittelschichten beschäftigten

die Immigranten gern für nied-

rige Arbeiten und konsumierten die Güter,

die in deren Heimatländern produziert worden

waren. Die Regierungen glaubten, das

postindustrielle Zeitalter werde noch größere

prosperity bringen, weil es den entwickelten

Volkswirtschaften ermöglicht, eine

Zuflucht in den einträglichsten Sektoren,

wie etwa den Finanzdienstleistungen zu suchen.

In Wirklichkeit setzten die neoliberalen

Reformen einen doppelten Wettbewerb

nach unten in Gang: Die Lockerung der

Regeln für die Beschäftigung minderte die

Qualität der neuen Arbeitsplätze, und die

sinkenden Steuern begrenzten die Aufwendungen

für die Sozialpolitik. So wurde der

Same der heutigen Ungleichheiten gesät.

Auf den BIP-Diagrammen wurde die Leere,

die die schwindende Industrie hinterlassen

hatte, von Dienstleistungen gefüllt,

doch auf dem Arbeitsmarkt war die Transformation

weit davon entfernt, in Fluss

zu sein. Auf der einen Seite wuchsen die

Massen ehemaliger Arbeiter ohne Chancen

auf eine Beschäftigung in der Serviceökonomie,

auf der anderen die Scharen der

Hochqualifizierten, die um die begrenzte

Zahl fester Stellen wetteiferten oder sich

mit einer Zeitarbeit zufrieden geben mussten.

Erstere fielen aus der Mittelklasse heraus,

letztere können nie in sie hineingelangen,

während die, die noch darin sind, ins

Prekariat abzurutschen fürchten. Der Weg

nach unten ist leicht, der nach oben erheblich

schwieriger: Hand in Hand mit der zunehmenden

Ungleichheit der Einkommen

ging die abnehmende Durchlässigkeit der

Klassen.

Der Teufelspakt

Über 20 Jahre gelang es den westlichen

Regierungen, die Prekarisierung der Mittelklassen

zu verschleiern. Die USA und

Großbritannien stockten die Gehälter der

Geringstverdienenden mithilfe des Steuersystems

auf. In Dänemark, Deutschland

und den Niederlanden wurde die Sozialpolitik

von der Auszahlung von Leistungen

auf Anreize zur Arbeit umgestellt, damit die

Menschen nur ja aus den Arbeitslosenstatistiken

verschwanden. In Frankreich, Italien

und Spanien bezuschusst der Staat indirekt

die Jungen über die Renten der Eltern,

die für den Unterhalt arbeitsloser Kinder

aufkommen. „Die Regierungen der entwickelten

Staaten sind einen Pakt mit dem

Teufel eingegangen. Dieses System konnte

nicht ewig funktionieren“, sagt Standing.

Und es hat soeben zu funktionieren aufgehört.

Die Finanzkrise hat die Gefahr von

Staatspleiten über Europa gebracht, und

die Regierungen können es sich ganz einfach

nicht mehr leisten, das Prekariat weiter

zu verstecken. Zugleich hat die Rezession

2009 die Arbeitslosigkeit vergrößert

und eine weitere Prekarisierungswelle

ausgelöst. 97 Prozent der letztes Jahr in

Großbritannien geschaffenen Stellen sind

Zeitverträge. In Deutschland basiert schon

fast die Hälfte der neuen Arbeitsplätze auf

befristeten Verträgen, und über sieben Millionen

Menschen arbeiten bereits auf sogenannten

Minijobs, für weniger als 400 Euro

monatlich. In Portugal sind 300.000 Menschen

in Teilzeit beschäftigt. In Frankreich

leben 20 Prozent der Studenten unterhalb

der Armutsgrenze.

Laut Standing setzt sich das europäische

Prekariat heute aus drei Gruppen

zusammen. Die erste ist das Pendant zum

industriellen Lumpenproletariat, eine gewaltbereite,

oft kriminelle Minderheit, wie

sie vor einigen Wochen auf den Straßen

Londons tobte. Die zweite Gruppe sind gut

ausgebildete junge Leute, die Arbeit haben

sollten, aber keine Möglichkeiten für sich

sehen, romantische Idealisten, die von einer

besseren Welt träumen. „Die haben wir

im Mai auf den Straßen Madrids gesehen“,

sagt Standing. Doch die größte Gruppe ist

die dritte: ältere körperlich Arbeitende, die

mit ihren Stellen auch ihre materielle Sicherheit

und ihren sozialen Status verloren

haben, die sich heute marginalisiert fühlen

und Fremden die Schuld daran geben.

„Sie sind gefährlich für die bestehende

Ordnung, weil sie zu einem Nährboden für

extreme Parteien werden können“, warnt

der Wirtschaftswissenschaftler. Wenn

das Prekariat irgendeine Gefahr für Europa

in sich birgt, dann nicht in Form von

Ausschreitungen, obwohl es davon in den

kommenden Jahren ohne Zweifel immer

mehr geben wird, sondern eben der zunehmenden

Unterstützung von Populisten, die

gegen die Zuwanderung und gegen Europa

sind. Auf dem Rücken des alten Prekariats

machen Marine Le Pen in Frankreich, Geert

Wildersin den Niederlanden, die Wahren

Finnenin Finnland und die Schwedendemokratenin

Schweden Karriere. Das junge

Prekariat wird sich, wenn es sich mit der

Zeit politisiert, eher von der extremen Linken,

neokommunistischen oder anarchistischen

Bewegungen vereinnahmen lassen.

Beides verheißt Europa kein friedliches

Jahrzehnt. In Anbetracht der Hilflosigkeit

der führenden Politiker gegenüber der

Wirtschaftskrise ist kaum zu erwarten,

dass sie mit der aufkommenden sozialen

6 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 7


POLITIK

Krise besser fertig werden. Und hier wird

es nicht mehr um nationale, sondern um

Generationeninteressen gehen: Die Konflikte

werden innerhalb der Gesellschaften

ausgetragen werden, zwischen Jung

und Alt. Heute verteidigen die in die Jahre

gekommenen politischen Eliten Europas

hauptsächlich die Interessen der eigenen

Generation, was die Frustration der jungen

Arbeitslosen nur vertieft.

Eine neue Linke?

In Polen sind die Prekarisierungsprozesse

ein Jahrzehnt später in Gang gekommen als

in Westeuropa, aber sie werden unweigerlich

ihre Ernte einfahren. Schlechter Ausgebildete

werden prekäre Arbeitsverhältnisse

in Telephonzentren, Einkaufszentren

und Fastfoodrestaurants annehmen, und

viele von ihnen werden noch schlechtere

Jobs in der Emigration ausüben. Schwere

Zeiten sind auch für die besser Ausgebildeten

im Anzug: Der Regierungsbericht stellt

unumwunden fest, dass der Arbeitsmarkt

für Hochschulabsolventen mittlerweile gesättigt

ist und die Qualifikationen der Übrigen

den Erfordernissen der Wirtschaft

nicht entsprechen. Die jungen Polen sind

nicht durch eine Kindheit in der Mittelklasse

verwöhnt wie ihre Altersgenossen

in Frankreich oder Deutschland, aber der

Verzicht auf ihre Träume wird für sie ebenso

schmerzlich sein.

Die Prekarisierung der Senioren erfolgte

durch die wirtschaftliche Transformation,

und sie stellen heute die Wähler der Partei

„Recht und Gerechtigkeit“ (PiS), während

das junge Prekariat noch keine eigene

Vertretung hat. Der Bericht „Die Jungen

2011“ zeigt die Sorge der Regierung um

diese Altersgruppe, doch er geht der Prekarisierung

nicht tiefer auf den Grund, und

seine Empfehlungen gehen in die Richtung

einer weiteren Flexibilisierung des Arbeitsmarkts.

Demgegenüber kann man aus

den Erfahrungen Westeuropas leicht den

Schluss ziehen, dass gerade die Jungen,

wenn es in Polen schließlich zur ersten

Rezession kommt, deren zahlenstärksten

Opfer sein werden.

Die Autoren des Regierungsberichts

möchten, dass die Jungen die Initiative von

der Solidarnosc-Generation übernehmen.

Heute führt das einzige wahrscheinliche

Szenario einer derartigen Rochade üer

eine Rezession, die Politisierung des jungen

Prekariats und die Geburt einer neuen

Linken. Nicht einer postkommunistischen

oder sozialdemokratischen, sondern einer

postindustriellen, aus der Erfahrung

der Gesellschaften von unten gewachsenen

Linken. Je länger die Wirtschaftskrise

dauert, desto dringender braucht man

eine neue Vision des Kapitalismus, und je

tiefer die soziale Krise, desto größer wird

die Sehnsucht nach einer neuen sozialen

Ordnung und schließlich einer Politik, die

fähig ist, beides miteinander zu verbinden.

Der Westen als Privatier

Ehe es dazu kommt, werden die entwickelten

Länder jedoch versuchen, um jeden

Preis Veränderungen zu vermeiden.

Die europäischen Regierungen versuchen

einander gegenseitig mit Einsparungen

zu überbieten, um wieder zu ausgeglichenen

Haushalten zu kommen, doch dieser

Wettlauf wird mit der Demontage der Sozialstaaten

und dem Abdrängen weiterer

Massen von Menschen ins Prekariat enden.

Einige Staaten erhöhen die Steuern

für die Reichsten, aber nicht etwa, um die

Leistungen für die Armen zu erhöhen, sondern

allein um sie weiter auf dem bisherigen,

wenn nicht einem niedrigeren Niveau

halten zu können. Wo sich die Konjunktur

schon wieder abgeschwächt hat, wird als

Methode zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit

die Teilung von Arbeitsplätzen mit

entsprechender Gehaltskürzung erwogen.

All das sind jedoch Lösungen im Rahmen

des bestehenden Systems, das nicht

nur soziale Sicherheit, sondern auch wirtschaftliches

Wachstum nicht mehr garantieren

kann. Noch in den neunziger Jahren

wurden Visionen an die Wand gemalt, wonach

neue Stellen im bürgerschaftlichen

Sektor entstehen und soziale Dienstleistungen

ebenso einträglich würden wie die

Arbeit im staatlichen oder privaten Sektor.

Dank des Produktivitätszuwachses sollten

die Menschen für dasselbe Geld kürzer

arbeiten. Die Wirklichkeit entpuppte sich

als eine ganz andere: Der bürgerschaftliche

Sektor verdient nicht, der staatliche

schrumpft und der private hat den übrigen

die Logik des ungezügelten Marktes aufgezwungen.

Laut Standing steuert die Welt

auf eine große Transformation nach dem

Muster derjenigen zu, die im 19. Jahrhundert

die Marktwirtschaft und den Nationalstaat

hervorgebracht hat. Der Schwund

der Vollbeschäftigung in den entwickelten

Ländern ist ein natürlicher Prozess, denn

in einem globalen System können sie von

den Zinsen des angehäuften Kapitals leben.

Nach Ansicht des Wissenschaftlers ist

ein Mittel, um die Explosion des Prekariats

zu stoppen, diese Kapitalzinsen in Form eines

Grundeinkommens auszuzahlen, einer

niedrigen, ständigen Pension für alle Bürger,

die diese durch Gelegenheitsarbeiten

ergänzen könnten. Ein exotischer Gedanke:

Denn ein kleine Schwierigkeit besteht darin,

dass sich dieses Kapital heute in privater

Hand befindet. Aber gibt es irgendwelche

anderen Ideen?

Der Text erschien unter dem Originaltitel

„Prekariusze wszystkich krajow“

in der Polityka Nr. 37 vom 7.09.2011.

Übersetzung: Silke Lent. Redaktion: Paul-

Richard Gromnitza.

Na zdrowje Bar Convention

mit Gastland Polen

Seit 2007 gibt es in Berlin eine Bar-

und Spirituosenmesse. In diesem Jahr

gab es erstmals ein Gastland: Polen.

An der „Bar Poland“ präsentieren an

zwei Tagen bekannte polnische Bartender

die Cocktail- und Spirituosenkultur

ihrer Heimat. Dabei wurde allerdings

deutlich, daß die meisten polnischen

Wodkahersteller im Besitz internationaler

Unternehmen sind.

Żubrówka beispielsweise, ein Markenname

der sich gleichzeitig auch

als Gattungsname der Wodkavarianten

mit Büffelgrashalm durchgesetzt

hat. Es hätte auch Wodka mit dem

„Duftenden Mariengras“ oder Wodka

mit dem „Vanillegras“ heißen können,

denn das sind ebenfalls Namen die der

genutzten Pflanze zuteil werden. Hier

in Deutschland wird er „Grasovka“ genannt.

Ein Name, den ihm seine Besitzer

„Underberg“ gegeben haben.

Doch auf der Messe sind auch Produkte

aus Łańcut (Biała Dama) im Südosten

Polens oder die Produkte des

jungen Familienunternehmens Kozuba

aus Nidzica in den Masuren den Besuchern

angenehm aufgefallen.

Eine gute Idee der Messeleitung: An

einer langen Tafel sind bekannte und

unbekannte Wodkasorten aus Polen

aufgereiht, nicht nur zum Anschauen:

Probierbecher stehen gleich bereit.

Karl Forster

Ministerium finanziert Verfasser rechtsextremer Thesen

Vom slawischen

Drang nach Westen

Umstrittene Broschüren an Schulen verschickt

Die Regierung des Bundeslandes Hessen

beliefert Lehreinrichtungen mit rechtslastigen

Publikationen über die Umsiedlung

der Deutschen. Eine Broschüre, die das

hessische Sozialministerium im Juli an

450 Institutionen versandt hat, darunter

Studienseminare und Abendgymnasien,

ist von einem prominenten Interviewpartner

rechtslastiger Medien verfasst worden.

Der Völkerrechtler Alfred de Zayas

schreibt darin, die Umsiedlung nach dem

Zweiten Weltkrieg weise zumindest partiell

„Völkermordcharakter“ auf. Den „Vertriebenen“

stehe daher die Rückgabe ihres

früheren Eigentums oder Entschädigung

zu. Über den einstigen tschechoslowakischen

Staatspräsidenten Edvard Beneš behauptet

der Autor, Beneš habe politische

Ziele „in Analogie zur Ideologie des deutschen

Nationalsozialismus“ verfolgt. Die

Broschüre enthält heftige Attacken auch

gegen Polen sowie die Westalliierten. Ihre

Verbreitung durch das Sozialministerium

ist der vorläufige Höhepunkt einer bereits

seit gut zehn Jahren andauernden Initiative

der hessischen Landesregierung, die darauf

abzielt, den Stellenwert der Umsiedlung

im öffentlichen Diskurs zu stärken.

Wie eine Sprecherin des hessischen Sozialministeriums

auf Anfrage bestätigt, hat

ihr Haus im Sommer rund 450 Exemplare

der Broschüre „50 Thesen zur Vertreibung“

von Alfred de Zayas verschickt. Empfänger

seien verschiedenste Institutionen in ganz

Hessen gewesen, darunter Studienseminare.

Wie Dokumente zeigen, die dieser

Redaktion vorliegen, wurde die Broschüre

auch an Abendgymnasien versandt. Die

Bezahlung sei aus dem Haushalt des Sozialministeriums

erfolgt, bestätigt die Sprecherin.

Der Preis der Broschüre wird vom

Verlag, etwaige Rabatte nicht eingerechnet,

mit 7 Euro pro Stück beziffert.

Nicht unumkehrbar

In der Broschüre behauptet Autor de Zayas,

zumindest in der Tschechoslowakei

und Jugoslawien habe die „Vertreibung“

der Deutschen „Völkermordcharakter“ erkennen

lassen. (*1) Daraus ergebe sich „ein

absolutes Anerkennungsverbot auch der

dabei durchgeführten Enteignungen“. Die

„Vertriebenen“ könnten also mit Recht

„Rückkehr und Eigentumsrückgabe“ verlangen,

wenngleich man, weil Rückgabe

wohl oft kaum noch möglich sei, auch Entschädigungen

in Betracht zu ziehen habe.

Jedenfalls müsse jetzt „im politischen

Bereich (...) die Suche nach gangbaren

Wegen für (...) einen gerechten Ausgleich

auch in der schwierigen Eigentumsfrage

intensiviert werden“. Weiter heißt es in der

Broschüre: „Die Vorstellung, vollzogene

Vertreibungen seien unumkehrbar, ist weit

verbreitet, aber nicht zutreffend.“ So seien

etwa Vertreibungen im früheren Jugoslawien

„zum Teil wiedergutgemacht“ worden.

„Dieser Befund“ könne etwa den „Ost- und

Sudetendeutschen (...) Hoffnung machen“.

"Massensterben in Kauf genommen"

Über diese Behauptungen hinaus enthält

de Zayas' Broschüre heftige Angriffe

gegen mehrere Nachbarstaaten. So heißt

es etwa, die „weit verbreitete Vorstellung

eines gewaltsamen (deutschen, d. Red.)

Drangs nach Osten“ sei nicht haltbar (*2) ;

„vielmehr existierte ein allmählicher Drang

nach Westen der Slawen“. In Polen habe

„die Diskriminierung der Deutschen“ schon

in den Jahren von 1919 bis 1924 „Züge

einer Vertreibung“ angenommen. Der

tschechoslowakische Staatspräsident Edvard

Beneš habe einen „rein slawische(n)

tschechisch(n) Nationalstaat“ angestrebt

– „durchaus in Analogie zur Ideologie des

deutschen Nationalsozialismus“. Nicht

etwa der NS-Vernichtungskrieg, sondern

„die Vertreibung der Deutschen“ habe „ein

8 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 9

POLITIK

in Jahrhunderten gewachsenes Zusammenleben

von Slawen und Deutschen zerstört“.

Auch die Westalliierten treffe schwere

Schuld: Sie hätten, als sie der Umsiedlung

zustimmten, angesichts der desolaten Ernährungslage

im befreiten Deutschland

„die Gefahr eines Massensterbens in Kauf“

genommen.

„Verharmlosung“ als Verbrechen

Zusätzlich lässt der Autor erkennen, dass

er abweichende Ansichten über die „Vertreibung“

nicht zu dulden bereit ist. So sei,

erklärt de Zayas, schon die Benennung

der „Vertreibung“ als „Umsiedlung“ „verharmlosend“.

(*3) „Die schwere und anhaltende

Verharmlosung der Vertreibung der

Deutschen“ stelle jedoch, heißt es weiter,

ihrerseits „eine Menschenrechtsverletzung

dar“.

Sudetendeutsche, Juden, Tutsi

Der Autor der Broschüre, die das hessische

Sozialministerium verbreitet, ist unter

anderem aus Interviews mit rechtslastigen

Medien bekannt. Im Gespräch mit der ultrarechten

Wochenzeitung „Junge Freiheit“

etwa behauptete de Zayas, die Sudetendeutschen

seien „aus rassistischen Gründen

vertrieben“ worden, es handele sich

also um „Völkermord“: „Um als Völkermord

zu gelten, ist es nicht nötig, dass alle Mitglieder

der Gruppe massakriert werden.

Auch nicht alle Armenier, nicht alle Juden,

nicht alle Tutsis wurden ausgerottet.“ (*4) In

Kreisen der äußeren Rechten wird gegenwärtig

Zayas' jüngstes Buch gefeiert („Völkermord

als Staatsgeheimnis“), in dem er

die These vertritt, die NS-Vernichtungspolitik

sei vor der Befreiung 1945 im Deutschen

Reich allenfalls Insidern, nicht jedoch allgemein

bekannt gewesen. Verleger der vom

hessischen Sozialministerium versandten

Broschüre ist der Chefredakteur der Preußischen

Allgemeinen Zeitung, Konrad Ba-

In einem Interview mit der Jungen Freiheit 9 JUNI 2006, SEITE 6, erklärte de Zayas u.a.:

Die Sudetendeutschen waren Opfer eines virulenten Rassismus, der bereits viele Jahre

vor dem Zweiten Weltkrieg Tote und Verletzte forderte. … Nach der Völkermordkonvention

von 1948 ist die „Absicht“ das entscheidende Moment. Völkermord bedeutet also

Handlungen, die in der Absicht begangen werden, „eine nationale, ethnische, rassische

oder religiöse Gruppe als solche ganz oder teilweise zu zerstören“. Die Benesch-Dekrete,

die Internierung Tausender Sudetendeutscher in Konzentrationslagern, der Raub

des Privateigentums und die Art und Weise der Durchführung der Vertreibung belegen

die Absicht Beneschs und der tschechoslowakischen Regierung, die sudetendeutsche

Volksgruppe zu zerstören. Wichtig dabei ist die Tatsache, daß die gesamte Volksgruppe

aus rassistischen Gründen vertrieben wurde, also nur weil sie Deutsche waren. Um als

Völkermord zu gelten, ist es nicht nötig, daß alle Mitglieder der Gruppe massakriert

werden. Auch nicht alle Armenier, nicht alle Juden, nicht alle Tutsis wurden ausgerottet.


POLITIK PERSONALIEN

denheuer. In der Preußischen Allgemeinen

Zeitung hieß es etwa zur „Kriegsschuldfrage

1939“, die aktuellen „ernst zu nehmenden

Darstellungen des Zweiten Weltkrieges“

seien „zu dem Schluß“ gekommen,

„daß von einer Alleinschuld Deutschlands

am Kriegsausbruch nicht die Rede sein

könne“.(*5) Badenheuer hat vor Jahren

eine Ausstellung konzipiert, in der es hieß,

das „Sudetenland“ habe „als besetztes Gebiet

interpretiert werden“ können, „das nie

legitim zur ČSR gehört hat“. Daher gefährde

die Tatsache, dass das Münchner Diktat

vom 30. September 1938 ohne Mitwirkung

der betroffenen Tschechoslowakei zustande

gekommen sei, „nicht die Gültigkeit des

Abkommens“.

Eine hessische Initiative

Die hessische Landesregierung hat vor

rund zehn Jahren eine Initiative zugunsten

der deutschen „Vertriebenen“ gestartet,

in welche die Verschickung der Broschüre

von de Zayas einzuordnen ist. So hat sie

das Amt eines Landesbeauftragten für Heimatvertriebene

und Spätaussiedler eingerichtet,

eine Patenschaft für die Stiftung

Zentrum gegen Vertreibungen des Bundes

der Vertriebenen (BdV) übernommen, einen

„Tag der Vertriebenen“ im Rahmen des

jährlichen „Hessentags“ etabliert sowie

Vertretern des BdV jeweils einen Sitz im

Rundfunkrat des Hessischen Rundfunks

beziehungsweise in der Landesanstalt für

den privaten Rundfunk verschafft. Auch

hat die hessische Landesregierung Wert

darauf gelegt, den Stellenwert des Themas

"Vertreibung" in den schulischen Lehrplänen

höher als zuvor anzusiedeln. In diesem

Kontext hat das hessische Kultusministerium

BdV-Materialien an die hessischen Medienstellen

versandt, um sie für die Schulen

verfügbar zu machen. Zuletzt hat die

hessische Landesregierung mit Beschluss

vom 8. November 2010 einen „Hessischen

Preis 'Flucht, Vertreibung, Eingliederung'“

gestiftet, der alle zwei Jahre für „hervorragende

kulturelle, literarische oder wissenschaftliche

Leistungen“ zum Thema „Vertreibung“

verliehen wird. Er ist mit 7.500

Euro dotiert.

Ehrenplakette

Der ehemalige hessische Ministerpräsident

Roland Koch, unter dessen Ägide die

Initiative in Sachen „Vertreibung“ gestartet

wurde, hat dafür am 27. August die

BdV-Ehrenplakette erhalten - während der

Feierlichkeiten zum diesjährigen „Tag der

Heimat“. Bei der Veranstaltung hatte BdV-

Präsidentin Erika Steinbach Äußerungen

getätigt, die in mancher Hinsicht de Zayas'

Thesen recht nahekommen. So hatte sie

behauptet, die „Wurzeln der Vertreibung“

reichten bis in die „Mitte des 19. Jahrhunderts“

zurück und dürften nicht „ahistorisch

an den Beginn des Zweiten Weltkriegs

geknüpft“ werden. Auch bei de Zayas heißt

es in einer Relativierung der Bedeutung

des deutschen Vernichtungskriegs: „Auch

der dynamische slawische Nationalismus

des 19. Jahrhunderts und die Beschlüsse

der Verträge von Versailles, St. Germain

und Trianon (...) müssen als Ursachen mit

berücksichtigt werden.“ (*6)

Aus: Informationen zur Deutschen Außenpolitik.

www.german-foreign-policy.com

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(*1) Alfred de Zayas: 50 Thesen zur Vertreibung,

London/München 2008

(*2) Alfred de Zayas: 50 Thesen zur Vertreibung,

London/München 2008

(*3) Alfred de Zayas: 50 Thesen zur Vertreibung,

London/München 2008

(*4) „Historische und menschliche Tragödie“;

Junge Freiheit 24/2006

(*5) Neuer Überblick zur Kriegsschuldfrage

1939; Preußische Allgemeine Zeitung 05/2007

(*6) Alfred de Zayas: 50 Thesen zur Vertreibung.

Deutsch-Polnischer Preis für Pöttering und Buzek

Dr. Hans-Gert Pöttering (EVP/CDU), ehemaliger Präsident des Europäischen Parlaments

und Vorsitzender der Konrad-Adenauer-Stiftung, ist gemeinsam mit dem Präsidenten des

Europäischen Parlaments, Jerzy Buzek, in Warschau mit dem Deutsch-Polnischen Preis

ausgezeichnet worden. Damit würdigte das aus deutschen und polnischen Mitgliedern

bestehende Preiskomitee die „besonderen Verdienste um die Entwicklung der deutschpolnischen

Beziehungen“ der beiden Europa-Politiker. Die jährliche Vergabe des Deutsch-

Polnischen Preises wurde im Deutsch-Polnischen Vertrag über gute Nachbarschaft und

freundschaftliche Zusammenarbeit vom 17. Juni 1991 vereinbart. Das Preisgeld von insgesamt

20.000 Euro möchten Hans-Gert Pöttering und Jerzy Buzek für die Förderung von

weißrussischen und moldawischen Studenten am Europa-Kolleg in Natolin bei Warschau

zur Verfügung stellen.

Bielefeld - Rzeszów

Zwanzig Jahre

Partnerschaft

Mit einem umfangreichen Festprogramm

wurde im Oktober das Jubiläum

der Städtepartnerschaft Bielefeld mit

Rzeszów begangen. Vor zwanzig Jahren

wurde diese Partnerschaft in überraschend

kurzer Zeit realisiert. Doch die

Bemühungen um eine solche Partnerschaft

reichten schon viele Jahre zurück.

Die Deutsch-Polnische Gesellschaft

Bielefeld hatte sich schon seit ihrer

Gründung mit dem Thema Städtepartnerschaft

befasst. Mitte der 80er Jahre

wurde dann unter dem Vorsitz des

SPD-Bundestagsabgeordneten Kurt

Vogelsang ein neuer Vorstoß unternommen.

Doch das Problem: Bielefeld

hatte mit Vertriebenenorganisationen

„Patenschaften“ vereinbart, deren

Formulierungen Hindernisse beim Verständigungsprozess

bildeten. DPG-Vorstandsmitglied

Karl Forster verhandelte

mit allen Ratsfraktionen und konnte

mit einem Ergebnis nach Warschau ins

polnische Aussenministerium fahren:

Der Stadtrat erklärt die Formulierungen

„aus der Zeit ihrer Entstehung“ bedingt

und betont, auf dem Vertrag von Warschau

zu stehen. Im Ministerium war

man zufrieden und den Kontakten zu

polnischen Städten (Vorschläge waren

Lublin und Rzeszów) stand fast nichts

mehr im Wege. Bis der damalige Oberbürgermeister

Bielefelds beim Vertriebenenverband

groß tönte „Wir lassen an

den Patenschaften nicht rütteln“.

Da war erst mal wieder Sendepause.

1990 dann ein neuer Anlauf der

Deutsch-Polnischen Gesellschaft. Man

wollte Kontakt nach Rzeszów aufnehmen,

da die Stadt ähnliche Strukturen

(Industrie, Universität etc.) aufwies, wie

Bielefeld. Eine Woche lang wurden bei

einer Messe Unterschriften gesammelt,

die dem Stadtrat vorgelegt wurden.

Und ausgerechnet der CDU-Oberbürgermeister

konnte sich schnell dafür erwärmen,

Kontakte nach Polen zu knüpfen.

Schon ein Jahr später (Herbst

1991) wurde der Vertrag vereinbart, im

Mai 1992 wurde er in Rzeszów feierlich

unterzeichnet.

Karl Forster

Dr. Andrzej Cechnicki

Überbrückung eines

historischen Abgrundes

Laudation anlässlich der Verleihung des Bundeverdienstkreuzes

Von Friedrich Leidinger

Anlässlich der Auszeichnung von Herrn

Doktor Andrzej Cechnicki mit dem Bundesverdienstkreuz

bin ich gebeten worden,

Ihnen den Ordensträger vorzustellen und

die Gründe für diese Auszeichnung darzulegen.

Nun ist kaum anzunehmen, dass in diesem

Saal jemand sitzt, der nicht weiß, wer

Andrzej Cechnicki ist, und wohl jeder wäre

in der Lage, mindestens drei gewichtige

Gründe zu nennen, warum eine Auszeichnung

für Andrzej Cechnicki überfällig ist.

Eine Würdigung der Person und Verdienste

des heute Ausgezeichneten erscheint

mir dennoch nicht überflüssig, und ich will

versuchen, zu dem persönlichen Bild, das

die meisten von Ihnen von ihm haben, den

einen oder anderen Strich oder Farbton

hinzuzufügen.

Das Bundesverdienstkreuz wird deutschen

und ausländischen Männern und

Frauen „verliehen für Leistungen, die im

Bereich der politischen, der wirtschaftlichsozialen

und der geistigen Arbeit dem Wiederaufbau

des Vaterlandes dienten, und

soll eine Auszeichnung all derer bedeuten,

deren Wirken zum friedlichen Aufstieg der

Bundesrepublik Deutschland beiträgt.“ So

heißt es in dem Erlass, den Bundespräsident

Theodor Heuss, Bundeskanzler Konrad

Adenauer und der Bundesinnenminister

Robert Lehr am 7. September 1951

unterzeichneten, also fast auf den Tag genau

vor 60 Jahren.

Wie hat der Krakauer Psychiater Andrzej

Cechnicki zum friedlichen Aufstieg

Deutschlands beigetragen?

Zur Beantwortung dieser Frage sei mir erlaubt,

mich zunächst an die deutschen Teilnehmer

dieser Feier zu wenden. Sie haben

alle eine ziemlich weite Anreise bis hierher

gehabt. Wir sind also mitten in Polen - und

doch sind wir an einem deutschen Ort, am

ehemaligen Konzentrationslager Auschwitz.

Welche Spannung liegt in diesem Ereignis:

die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

an einen Polen, im Schatten von

Auschwitz!

Es war der ausdrückliche Wunsch Andrzej

Cechnickis, das Bundesverdienstkreuz

an diesem Ort, an dem auch Angehörige

seiner Familie ermordet wurden, aus der

Hand des deutschen Generalkonsuls in

Krakau zu empfangen.

Hätten sich die politischen Führer der

Bundesrepublik der frühen Nachkriegsjahre

solch eine Szene vorstellen können?

Selbst im Akt der Überreichung wird das

Anliegen, das sie mit dem Bundesverdienstkreuz

verbanden, verwirklicht

nämlich: Deutschland

möge aus dem Abgrund

des nationalsozialistischen

Zivilisationsbruchs aufsteigen

und wieder einen Platz

unter den europäischen Nationen

einnehmen.

Andrzej Cechnicki ist kein

Politiker. Er ist Psychiater

mit Leib und Seele. Er hat

sich der Arbeit mit den empfindsamsten,

verletzlichsten

Menschen in unserer Gesellschaft,

den Schizophrenen,

verschrieben. Seit über 35

Jahren ist er der Krakauer

Psychiatrischen Universitätsklinik

verbunden, seit

fast zwanzig Jahren koordiniert

er das integrierte Versorgungssystem

für Schizophreniekranke

und ihre Angehörigen in

der Stadt Krakau. Erst vor wenigen Monaten

wurde seine jahrzehntelange Arbeit

als Wissenschaftler, Hochschullehrer und

Arzt mit der Erteilung der Venia Legendi,

der Habilitation, durch die Medizinische

Fakultät der Jagiellonen-Universität Krakau

belohnt. Als Landeskoordinator der polnischen

Antistigma-Kampagne „Schizofrenia

- Otwórzcie Drwi“ (Open the Door) ist er

seit vielen Jahren einer breiteren Öffentlichkeit

bekannt. Er gehört zu denjenigen,

die in ausländischen Fachkreisen der polnischen

Psychiatrie seit Jahren ein Gesicht

geben.

Andrzej Cechnicki wurde 1950 in Warschau

geboren. Die Menschen in Polen

waren befreit, aber sie lebten nicht in Freiheit,

sie gehörten zum Reich der formalen

und materiellen Gleichheit. Die Folgen der

deutschen Besatzung, des Terrors und der

Zerstörung waren noch überall sichtbar.

Die Menschen redeten dennoch wenig

über die Vergangenheit, die Vergangenheit

schien nur noch in Denkmälern und Feiertagsreden

vorzukommen - oder in Albträumen.

Andrzej Cechnicki wuchs in einer

Welt voller Tabus auf, in der seine Sensibilität

für die verdrängten und abseitigen

Dinge geweckt wurde – und für besondere,

randständige Menschen.

1967 ging Andrzej zum Studium der

Medizin nach Krakau. Hier herrschte in

relativer Abgeschiedenheit ein außerordentlich

anregendes intellektuelles und

künstlerisches Klima: Theater, Jazz, bildende

Kunst, Literatur und Philosophie. Der

Psychiater Antoni Kępiński erreichte mit

Prof. Dr. Andrzej Cechnicki. Foto: Leidinger

seinen existenzphilosophischen Vorlesungen

und Büchern eine breite Öffentlichkeit.

1974 trat Andrzej Cechnicki als Volontär

in die Psychiatrische Universitätsklinik ein.

Hochschullehrer, Assistenten und Studenten

begegneten einander in fast familiärer

Weise. Seinen Lehrern Adam Szymusik und

Maria Orwid blieb Andrzej ein Leben lang

verbunden. Gemeinsam arbeiten, lernen,

forschen, die Probleme des Alltags meistern,

feiern – alles vermischte sich zu einem

intensiven Lebensgefühl. Jeder neue

Kollege hatte etwas beizutragen.

Andrzej Cechnickis Beitrag war, die Türen

nach draußen, vor allem nach Westdeutschland

zu öffnen. Natürlich gab es

Kontakte der Krakauer Hochschullehrer

ins Ausland. Doch wirkten diese Kontakte

kaum über den Rahmen persönlicher

Bekanntschaft hinaus. Andrzej Cechnicki

10 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 11


PERSONALIEN KULTUR/GESCHICHTE

trachtete danach, eine Basis für offenen

Dialog und Begegnung zu schaffen. Das

war weder selbstverständlich noch risikolos.

Erinnern wir uns: 1966 hatten Polens

katholische Bischöfe ihren deutschen Brüdern

einen offenen Brief geschrieben, den

diese eher verständnislos aufnahmen. Bis

in die siebziger Jahre lag über der BRD der

Mehltau der Verleugnung und Verdrängung.

Erst nach 1979, nach der Ausstrahlung

des amerikanischen Fernsehfilms

Holocaust, interessierte sich eine breitere

Öffentlichkeit dafür, wie weit die deutschen

Eliten – Ärzte, Juristen, Verwaltungsleute,

Ökonomen, Wissenschaftler - in die NS-

Verbrechen verstrickt waren.

Dieselben Eliten bildeten nach dem Krieg

die Pfeiler der bundesrepublikanischen Gesellschaft,

sie garantierten die politische

Integration der BRD in den Westen. Und

Polen spielte keine Rolle. Wer interessierte

sich damals in der BRD für Polen? Wem

würde ein junger polnischer Psychiater damals

in Westdeutschland begegnen?

Polnische Ärzte pflegten damals, ihr Gehalt

durch Jobs im Ausland aufzubessern.

Von ihren Reisen brachten sie Geld nach

Hause. Andrzej Cechnicki brachte neue

Ideen und Adressen mit.

Seine erste Reise führte ihn 1979 in die

Schweiz, wo er mit Luc Ciompi und Ambros

Uchtenhagen zwei Vordenker einer

neuen Psychiatrie kennenlernte. Dann

kam Süddeutschland. Formell arbeitete er

in einer Privatklinik als „Milieutherapeut“,

tatsächlich hatten die Patienten einen

kompetenten Psychiater vor sich. Von Besuch

zu Besuch reiste Cechnicki durch die

BRD, wuchs das Netzwerk, füllte sich sein

Adressbuch, hatte seine Klinik in Krakau

einen weiteren Partner gefunden.

Aber noch fehlte diesen Beziehungen der

Inhalt, fanden die deutschen Partner nicht

nach Polen, gab es kein Thema für einen

Dialog.

Schließlich Krakau, April 1985: Der Internationale

Kongress „Krieg, Okkupation und

Medizin“ unter Vorsitz von Professor Józef

Bogusz. Hier trifft Andrzej Cechnicki Klaus

Dörner und seine Mitarbeiter. Ihr Interesse

ist die Aufklärung der Morde an psychisch

Kranken durch die Deutschen in Polen.

Mit dem 1. September 1939, dem Tag des

deutschen Überfalls auf Polen, begann

auch Krieg gegen die psychisch Kranken.

Deutsche Psychiater, deutsche Soldaten

und Polizisten haben überall im deutschen

Machtbereich hunderttausende psychisch

Kranker als „lebensunwert“ ermordet, in

Polen wurden nicht selten ganze Krankenhäuser

„liquidiert“, manchmal das Personal

gleich dazu.

40 Jahre nach dem Krieg verlangte die

psychiatrische Versorgung in beiden deutschen

Staaten, und auch in Polen, dringend

nach einer Verbesserung. Die Lage

der Psychiatrie war eine politische. Es ging

um die Überwindung von Isolation und

Ausgrenzung, um Menschenrechte. Eine

Reform konnte nur in Gang kommen, wenn

diese entsetzlichen Ereignisse nicht länger

verdrängt wurden. Psychiatrie ist vielleicht

nicht für jeden eine wichtige Sache, aber

der Umgang mit den schwächsten Menschen

in einer Gesellschaft ist ein Gradmesser

für den zivilisatorischen Zustand

dieser Gesellschaft, dafür, ob sie an allgemeingültige

humanistische Werte gebunden

ist. Was lag näher, als diese Werte in

einem deutsch-polnischen Dialog auf dem

Gebiet der Psychiatrie mit allen Beteiligten

zu begründen.

Die Tür war offen. Andrzej Cechnickis

Vorarbeit machte es möglich, dass 1987

dreißig Psychiater aus der BRD auf den

Spuren der ein halbes Jahrhundert zuvor

aus deutschen Anstalten in den Osten verlegten

Patienten durch Polen reisten, als

erste Deutsche seit dem Ende des Krieges

in Meseritz, Gnesen oder Warta mit ihren

polnischen Kollegen zusammentrafen und

über die Schicksale der Deportierten, die

Ereignisse des Kriegs und der Besatzung

und über die Probleme der heutigen Psychiatrie

diskutierten.

Deutsch-polnischer Dialog

Der Dialog polnischer und deutscher

Psychiater über Vergangenheit, Zukunft

und Gegenwart ist Lehrstück bürgerlicher

grenzüberschreitender, internationaler Zusammenarbeit.

Er hat längst auch Freunde

und Kollegen in Israel – viele von ihnen

aus Polen stammend – und in der Ukraine

einbezogen. Er beteiligt Fachleute und

Betroffene – Patienten und Angehörige –

freie Vereinigungen und Institutionen der

Gesundheitsversorgung.

Andrzej Cechnicki hat diese Bewegung

mit unermüdlichem Engagement vorangetrieben,

begleitet und gelegentlich auch in

ihrer Richtung beeinflusst. Er brachte Menschen

zusammen, die sich nie begegnet

wären, und die sich nun zu gemeinsamer

Aktion zusammenschlossen. Er lieferte die

Stichworte, um den Dialog im Fluss zu halten.

Wenn ihm die Worte fehlten, so holte

er sich Rat bei seiner Frau Maria, die den

verschütteten und verborgenen Dingen

wieder Namen gab. Wie sehr Maria Cechnicka

mit scharfsinniger Intuition und poetischer

Kreativität zu seiner Arbeit beigetragen

hat, kann nicht überschätzt werden.

Andrzej Cechnicki tat dies nicht ohne

persönliche Opfer, er verzichtete auf materiellen

Erfolg und Karrieremöglichkeiten, er

war niemals auf einen persönlichen Vorteil

bedacht, er machte nicht viel Aufhebens

um mögliche persönliche Nachteile oder

die Gefahr des Scheiterns. Ein solches Verhalten

mag man als irgendwie altmodisch

empfinden. Ich nenne es aristokratisch und

finde, Andrzej Cechnicki zeigt sich hierin

als „typisch polnisch“. Denn in der Zeit, als

die Polen ihren Staat verloren hatten, lebte

das Polentum im polnischen Adel weiter,

und seine Werte wurden für alle modernen

Polen beispielhaft: Ehre, Uneigennützigkeit,

Opferbereitschaft, Mut, Freiheit (nicht

als Instrument der Selbstverwirklichung,

sondern als Teilnahme an der kollektiven

Souveränität).

Dem ritterlichen Handeln Andrzej Cechnickis

verdanken wir Deutschen die Überbrückung

eines historischen Abgrundes,

der uns nicht allein von unserem östlichen

Nachbarn trennte, sondern von der universellen

Wertegemeinschaft. Über diese

Brücke erhielten wir die Möglichkeit,

unserem Nachbarn wieder zu begegnen.

Mehrere Tausend Menschen aus Polen und

Deutschland, aus Israel, aus der Ukraine

haben im zurückliegenden Vierteljahrhundert

diese Möglichkeit genossen. Heute ist

für uns der Weg zum Nachbarn fast selbstverständlich.

Die Verleihung des Bundesverdienstkreuzes

an Dr. Andrzej Cechnicki ist ein

Zeichen der längst fälligen Anerkennung

und des Dankes. Und, dass er dieses Kreuz

angenommen hat, dafür möchte ich ihm

ebenfalls danken.

In fast allen deutsch-polnischen Reden

gibt es das Leitmotiv der „Versöhnung“,

und viele von Ihnen werden sich wundern,

warum dieses Wort nicht längst gefallen

ist.

Ich will als Antwort mit wenigen Zeilen

aus dem Vermächtnis des Herrn Cogito

von Zbigniew Herbert schließen:

Und übe keine vergebung wahrlich es

liegt nicht an dir nachsicht zu üben im

namen derer die in der frühe verraten

wurden

hüte dich dennoch vor überflüssigem

hochmut betrachte dein narrengesicht

im spiegel und wiederhole: ich wurde berufen

– gab’s denn nicht bessre

Beachtenswerte Ausstellung in Berlin:

Brautschatz und Splitter

Tür an Tür - Polen-Deutschland 1000 Jahre Kunst und Geschichte

Von Daniela Fuchs-Frotscher

Das historisch nicht immer unkomplizierte

Beziehungsgeflecht der deutschpolnischen

Nachbarschaft wird in der Ausstellung

»Tür an Tür Polen – Deutschland.

1000 Jahre Kunst und Geschichte« durch

eine originelle Perspektive betrachtet.

Kunstwerke, Dokumente, aber auch Bücher,

Filme, Musik zeigen, dass die Geschichte

beider Nachbarländer nicht nur

Konflikte, sondern auch Gemeinsamkeiten

bieten. Die Frage, ob der berühmte Bildschnitzer

des Spätmittelalters Veit Stoß

oder der geniale Astronom Nikolaus Kopernikus

Deutsche oder Polen waren, stellt

sich heute nicht mehr. Sowohl das Leben

und Schaffen des Künstlers als auch des

Herzogin Hedwig, um 1530, Mischtechnik auf

Pergament auf Leinwand übertragen, 69,5 x 54,5

cm © Bayerische Schlösserverwaltung.

Wissenschaftlers hoben bereits zu ihrer

Zeit Grenzen auf.

Kupferstiche und Skulpturen des Nürnberger

und Krakauer Meisters Stoß und

die Erstausgabe des 1543 erschienenen

Hauptwerks »De Revolutionibus Orbium

Coelestium« von Kopernikus gehören zu

den 800 Exponaten, die aus ganz Europa

zusammengetragen wurden. Der Direktor

des Warschauer Königsschlosses Professor

Andrzej Rottermund spricht von einer

logistischen Meisterleistung, die seine

Mitarbeiter und die Berliner Partner vom

Martin-Gropius-Bau bewältigen mussten,

um die seit 2006 geplante Ausstellung zu

realisieren. Zu den Höhepunkten gehören

Werke u.a. von Dürer, Cranach d.Ä., Uecker

und Beuys.

Der historische Teil der Ausstellung beginnt

mit Gnesen, dem Ort des ersten

deutsch-polnischen Gipfeltreffens zwischen

den Königen Otto III. und Boleslaw

I. im Jahre 1000. Beide Monarchen frönten

nicht nur dem Kult um den heiligen Adalbert,

sondern es kam dort zur Anerkennung

der politischen Souveränität des frühen

polnischen Staates. Zum Reiz der Ausstellung

gehört, dass immer wieder Arbeiten

zeitgenössischer Künstler hinzugefügt

wurden. Diese erfrischende Mischung erschließt

dem Besucher neue Perspektiven

der Betrachtung historischer Ereignisse.

Ein Beispiel wäre die 1987 geschaffene Installation

»Heiliger Adalbert« von Miroslaw

Balka, die aus Leinwand, Holz, Hafer und

Neonröhren besteht. Diese Art der Präsentation

trägt deutlich die Handschrift der

international renommierten Chefkuratorin

Anda Rottenberg aus Warschau, die sich

bisher mit modernen Kunstausstellungen

einen Namen gemacht hat.

»Das Magazin der Geschichte« eine Stahlgitterkonstruktion,

präsentiert

im Lichthof des

Gropius-Baus,

hat der Künstler

Jaroslaw Kozakiewicz

extra für

diese Ausstellung

geschaffen.

Sie steht als Metapher

für das

G e f a n ge n s e i n

der deutschpolnischenGe-

schichte, die

immer wieder

Stereotype vom

jeweils Anderen hervorbringt. Realität

und Mythos werden hier am Beispiel der

Schlacht bei Grunwald/Tannenberg gezeigt,

wo der Deutsche Orden von einem

polnisch-litauischen Heer 1410 vernichtend

geschlagen wurde. (sh. Seite 14)

Neben Trennendem wie die Weltkriege

und Besatzung gehören zum Miteinander

auch vielfältige Verbindungen von Königs-

und Adelshäusern. So heiratete 1642 Anna

Katharina Konstanze Wasa, eine polnische

Prinzessin, Philipp Wilhelm von Pfalz-Neuburg.

Einzelstücke ihres Brautschatzes,

der 70 Wagenladungen umfasste, lassen

Reichtum und Pracht erahnen. In diesem

Kontext darf August der Starke nicht fehlen,

der als König von Polen politisch eher

glücklos agierte, aber Spuren in der Kunst

und in Bauwerken hinterließ.

1831 erfasste deutsche Demokraten

eine echte Polenbegeisterung, als sie nach

deren misslungenem Novemberaufstand

den Geschlagenen Unterstützung und Solidarität

auf ihrer Flucht nach Westeuropa

zukommen ließen. Zu den Sympathisanten

gehörte Richard Wagner, der seine Polonia-

Ouvertüre als Hommage an Polens Freiheitswillen

komponierte.

Der zweite Teil der Ausstellung ist jüngerer

Geschichte gewidmet. Deutsch-polnische

Künstlernetzwerke der 20er Jahre

des vergangenen Jahrhunderts begehrten

gegen Nationalismus und Krieg auf. Als

Mittler gilt Jankel Adler, dessen Bild »Meine

Eltern« zu sehen ist. Die Darstellung des

Neubeginns der deutsch-polnischen Beziehungen

nach dem Krieg zeigt schmerzliche

Wahrheiten, reizt auch zum Widerspruch.

Das Aufbegehren der Solidarnosc-Bewegung

in den 1980er Jahren in Polen und

deren Folgen für die Welt animierte Künstler

zur Auseinandersetzung mit dem realen

Sozialismus. Belegt in der Ausstellung u.a

Prof. Dr. Dr. h.c. mult. Władysław Bartoszewski ist Vorsitzender des wissenschaftlichen

Beirats der Ausstellung. Foto: Ulrike Höck

durch Günther Ueckers »Splitter für Polen«.

Ein umfangreiches Begleitprogramm will

das Nachdenken über das deutsch-polnische

Miteinander fördern.

Die Ausstellung ist noch bis zum 9. Januar im

Martin-Gropius-Bau in Berlin zu sehen.

Wir danken der Tageszeitung „Neues Deutschland“

für die Nachdruckerlaubnis.

12 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 13


KULTUR/GESCHICHTE KULTUR/GESCHICHTE

Anmerkung zu einem Bild:

Patriotische Kreuzstiche

Von Thomas Wilms

„Schlacht bei Tannenberg“ übersetzen

die Ausstellungsmacher im Martin Gropius

Bau in Berlin (sh. Bericht auf Seite

11) fälschlich die gestickte Kopie des

berühmten Matejko-Gemäldes „Bitwa

pod Grunwaldem - Schlacht bei Grunwald“.

Damit will man der deutschen

historischen Sicht nahekommen. Thomas

Willms hat sich Original in Warschau

und Kopie in Berlin angesehen

und seine Anmerkungen zu Bild und Geschichte

für POLEN und wir zu Papier

gebracht.

Das Warschauer Nationalmuseum ist so

ehrfurchtgebietend wie alle alten Kunsthallen.

Knarrende Holzdielen, monströse

dunkle Türen, Lederpolster und dann gestrenge

Adelsporträts, dicke Engel, malträtierte

Heilige und Mätressen mit tiefen

Dekolletes, die auf einen hernieder blicken.

Und doch erwartet einen in Warschau etwas

Besonderes. In einem riesigen Saal

tritt man vor ein nationales Heiligtum: „Bitwa

pod Grunwaldem“, die „Schlacht von

Grunwald“, unglaubliche 9 mal 4,5 Meter

groß.

Der Eindruck muss im Jahre der Enthüllung

1878 noch gewaltiger gewesen sein

als heute, wo man durch ähnlich dimensionierte

Shampoo-Werbung doch etwas

abgestumpft ist.

Der Künstler Jan Matejko wäre mit diesem

Arrangement zweifellos zufrieden

gewesen, denn das Gemälde war nie dafür

gedacht eine Kaufmannsstube zu zieren,

sondern von vornherein ein Mittel im

Kampf um nationale Selbstbehauptung.

Begonnen 1872, kurze Zeit nachdem das

Deutsche Reich sich kriegerisch etabliert

hatte, sah es für nationalbewusste Polen

wahrlich nicht gut aus. Keine Armee, kein

Staat, keine Triumphe. Da musste der Sieg

eben aus der Vergangenheit geborgt werden.

Die Bildsprache ist so einfach wie durch-

35 Stickerinnen und Sticker haben 18 Monate an einer 1:1-Kopie des berühmten Matejko-Gemäldes Schlacht bei Grunwald gestickt. Das Werk ist in der

Ausstellung „Tür an Tür“ im Berliner Martin-Gropius-Bau bis zum 9. Januar zu sehen. Grzegorz Żochowski (Entwurf der Stickvorlage) Działoszyn, 2008-

2010 Mouliné, Kanevas, Kreuzstickerei, 920 x 405 cm © 35 twórców pasjonatów malarstwa Jan Matejki, Działoszyn. Foto: Urszula Czapla

schlagend: Im Zentrum der siegreiche bekrönte

König, im Brokatgewand und vor

siegreich wehendem polnischen Adler,

links von ihm der Verlierer – Hochmeister

Ulrich von Jungingen - im Moment der Katastrophe,

die Deutschordens-Fahne sinkend,

einfachen Fußsoldaten ausgeliefert.

Der Rest des Gemetzels, auf dem man übrigens

keinen Tropfen Blut sieht, tritt hinter

dieser Kernaussage zurück.

Was hier ins Jahr 1410 verlegt wurde,

steht außer Frage: „Wir haben es euch

schon mal gezeigt und wir werden es euch

wieder zeigen!“ Exakt so wurde das Gemälde

über Jahrzehnte auf beiden Seiten auch

empfunden, auf polnischer Seite teilweise

bis in die Gegenwart. Deutscherseits saß

der Ärger so tief, dass man noch 1914

meinte „die Schmach tilgen“ zu müssen,

indem man den Sieg über die russische

(!) Armee in Ostpreußen als „Schlacht bei

Tannenberg“ bezeichnete, um auf diese

Weise nicht nur die 500 Jahre zurückliegende

Niederlage zu egalisieren, sondern

auch gleich den „falschen“ Namen.

Die Ideologisierung spitzte sich im Folgenden

immer weiter zu: der Deutschordensritter

wurde zum Vorläufer des ostwärts

ziehenden SS-Mannes stilisiert und

Tannenberg/Grunwald zum Heldenkampf

zwischen Germanen und Slawen, hüben

wie drüben, eine Art Stalingrad des Mittelalters.

Das tatsächliche mittelalterliche Geschehen

ist hinter all dem nahezu verschwunden.

Wer kämpfte hier überhaupt gegeneinander?

Der noch heute mit Sitz in Wien

existierende „Deutsche Orden“ war ein

Mönchsorden wie Johanniter und Malteser

und hatte wie diese eine merkwürdige karitativ-kriegerische

Doppelrolle. Nach dem

Verlust des Heiligen Landes an die Muslime

richteten seine Hochmeister ihr Augenmerk

auf die Bekehrung anderer „Heiden“

östlich des deutschen Siedlungsgebietes

14 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 15


POLITIK NACHRUF

und errichtete dort eine eigene Herrschaft.

Dieser Orden war tatsächlich in allererster

Linie katholisch (!), nicht deutsch, seine

höchste Autorität der Papst (!), nicht der

Kaiser, seine Leitheilige die Jungfrau Maria

(!), nicht der Reichsadler und seine Angehörigen

waren Mönche (!), nicht preußische

Junker.

Aggression und Intrige

Seine Expansion beruhte selbstverständlich

auf Aggression, Intrige und was der

damalige Politbetrieb so zu bieten hatte.

Keineswegs aber betrieb er eine Vertreibungspolitik.

Wozu auch: Im dünn besiedelten

Europa war Land ohne Menschen

nämlich fast nichts wert. Solange die Abgaben

flossen, Hand- und Spanndienste, sowie

Heeresfolge geleistet wurde, war alles

andere nicht so wichtig. Und so dämmert

die Erkenntnis herauf, dass 1410 die wenigen

hundert deutschsprachigen katholischen

Mönche in ihrem Gefolge mit hoher

Wahrscheinlichkeit tausende polnischsprachige

Untertanen hinter sich hatten

oder was auch immer vor 600 Jahren unter

Deutsch“ und „Polnisch“ zu verstehen gewesen

ist.

Umgekehrt handelt es sich beim schwertschwingenden

König mitnichten um den

polnischen König, den nicht einmal Matejko

zum Kriegshelden machen mochte, und

der ihn vielmehr rechts hinten ins Gestrüpp

verfrachtete, sondern um den litauischen

Fürsten Vytautas. Der wiederum hatte in

seinem Gefolge Tataren und andere Steppenbewohner,

deren Christianität mindestens

zweifelhaft war.

Heidnische Tartaren

Der amerikanische Schriftsteller und Polenfreund

James A. Michener ließ es sich in

seiner Romandarstellung („Poland“) dieser

Schlacht denn auch nicht nehmen, ausgerechnet

heidnische Tataren den entscheidenden

Schlag gegen die katholischen

Mönche führen zu lassen.

Untergegangen ist der Deutsche Orden

übrigens nach Grunwald nicht, ebenso wenig

wie Rom nach Cannae. Der Deutschordensstaat

kollabierte als Modernisierungsverlierer

erst ein Jahrhundert später

als sein letzter Hochmeister in einer Art

Management-Buy-out das Gebiet in ein

protestantisches Fürstentum umwandelte,

das von seiner Herkunft die nächsten Jahrhunderte

möglichst wenig wissen wollte:

Preußen.

Rassistische Angriffe mehren sich:

Die „Arische Horde“ marschiert

Evangelisch-Reformierte Kirche reagiert mit Erklärung

Von Karl Forster

Lange wurde es geleugnet, dass Rassismus

und Antisemitismus auch in Polen

Raum greift. Jetzt ist auch die evangelische

Kirche in Polen mit einer Erklärung

an die Öffentlichkeit gegangen.

Anfang August wurde die Synagoge in

Orla, einem Ort, in dem viele Polen weißrussischer

Herkunft wohnen, mit faschistischen

und rassistischen Parolen besprüht:

„Juden ins Gas“, „Ganz Polen den Polen“

und „White Power“.

Ende August drangen unbekannte Täter

in das „Zentrum für Islamische Kultur“ in

Krynki ein, demolierten große Teile der Inneneinrichtung

und steckten die Toilettenräume

in Brand.

In der gleichen Nacht wurden in 14 Orten

der Gemeinde Puńsk litauische Gedenktafeln

und ein Denkmal zerstört. Auf das

Denkmal wurde das Zeichen der nationalistischen

Organisation „Falanga“ gemalt.

Am 24. August wurde in der Gemeinde Bubele

bei Sejny ein Obelisk zum Gedenken

an einen litauischen Dichter beschädigt

und mit Farbe beschmiert. Zwei Tage zuvor

wurde die Wohnung eines pakistanischen

Ehepaares in einer Siedlung in Białystok

angezündet.

Am 31. August wurden in Jedwabne antisemitische

Parolen „Ich entschuldige mich

nicht für Jedwabne“, „Sie waren gut brennbar“

und das Hakenkreuz auf das Denkmal

für die ermordeten Juden gesprüht.

Nazis im Stadion

Schon länger waren in Fußballstadien

Nazigruppen offen und ungestört aufgetreten.

Eine von der Europäischen Fußball-

Union (UEFA) in Auftrag gegebene Studie

hatte bestätigt, dass bei Fußballspielen in

den beiden EM-Ausrichterländern Polen

und Ukraine Neonazi-Gruppen oft völlig

ungehindert auf den Rängen faschistische

Symbole zeigen können und Hasstiraden

gegen Schwarze, Juden, Muslime oder

Homosexuelle zunehmen. Fans von Legia

Warschau johlten bei einer Party in Łodź

„Juden in die Gaskammern!“ Im Stadion

von Resovia Rzeszów wurde die „Wiederholung

der Kristallnacht“ angekündigt, und

ein Hooligan aus der Gruppe der „White

Patriots“ im schlesischen Czestochowa

trägt das eintätowierte Hakenkreuz auf der

blanken Brust: „Wir hassen Nigger, Schwule

und Juden“, sagt er. Durch Rzeszóws

Straßen zogen einige Tausend Fussballfans

hinter dem Transparent „Hier marschiert

die Arische Horde“ und im Stadion hing ein

Transparent „Tod den Krummnasen“. Alles

ohne Einschreiten der Ordnungskräfte.

Inzwischen reagieren wenigstens die Medien.

In einem offenen Brief hat nun auch

die Evangelisch-Reformierte Kirche die Behörden

aufgerufen, gegen die rassistischen

Aktionen vorzugehen.

Erklärung:

Die Evangelisch-Reformierte Kirche in der

Republik Polen möchte hiermit ihre tiefe

Beunruhigung über die Anstoß erregenden

Vorfälle ausdrücken, die in letzter Zeit in

Jedwabne, Białystok, Puńsk und Orla stattgefunden

haben.

An den genannten Orten kam es zu schändlichen

Taten. Man entweihte das Denkmal

für die ermordeten Juden in Jedwabne,

zündete das Zentrum der Islamischen Kultur

in Białystok an, hinterließ beleidigende

Aufschriften auf den Mauern der Synagoge

in Orla und übermalte legale Aufschriften in

litauischer Sprache in Puńsk.

Alle diese Ereignisse geben uns heute

Anlass zu Befürchtungen hinsichtlich der

moralischen Verfassung eines Teiles unserer

Bürger, die Hass gegenüber unseren

Mitbrüdern hegen. Mitbrüdern, die sich zu

einer andere Religion als die Mehrheit der

Polen bekennen oder andere ethnische und

nationale Wurzeln als die Mehrheit der Polen

haben.

Wir appelieren an die polnischen Behörden,

verstärkte Anstrengungen zur Aufdeckung

der Verursacher dieser unwürdigen

Vorfälle zu unternehmen. Wir solidarisieren

uns mit allen, die diese Akte des Vandalismus

und der Gewalt persönlich berührt oder

ebenso wie uns betroffen gemacht haben.

Wir drücken die Hoffnung aus, dass wir,

die polnische Gesellschaft, noch die Kraft

aufbringen, uns über alle Unterschiede hinweg

solch ungerechten Taten zu widersetzen,

die sich gegen unsere Nächsten richten.

Priester Marek Izdebski, Bischof,

am 13.9.2011

Zum Tod unseres Beiratsmitglieds:

Versöhnen und Widerstehen:

Franz von Hammerstein (1921–2011)

Von Christoph Koch

Sein Eingang und sein Ausgang war ein

unverbrüchliches protestantisches Christentum,

ein quellklares, vorbehaltloses

und vor keiner Konsequenz zurückschreckendes

Christentum, das den So zialismus

als seinen na türlichen Nachfahren auszumachen

vermochte. Das Christentum war

die Brücke, über die er mit der gesellschaftlichen

Wirklichkeit seiner Tage verkehrte.

Es war zugleich die feste Burg, die ihm den

Rückzug auf die für diesen Verkehr erforderliche

Distanz er laubte und ihm sicheren

Stand auf durch die Zeitumstände aufgewühltem

Grund ge währte. Die Fe stigkeit

der Burg schien seinem Charakter etwas

Erratisches mit zu tei len. In Wirk lichkeit

war das Erratische ererbt. Zu ihm hatten

sich das Bewußtsein der Über stän dig keit

und der dagegen aufbegehrende Stolz der

Beständigkeit der vorigen Generation des

deutschen Adels verdichtet, dem mit dem

Untergang der Monarchie unter den Füßen

die Republik ausgebrochen war und der,

so weit er nicht die Seiten wechselte, aus

der überkommenen Perspektive des Militärs

oder des di plomatischen Dienstes zusah,

wie eine längst im Feudalstaat eingerichtete

Bourgeoisie die un gewollte Gabe

der Republik vertat, die ihr die Revolution

anderer gesellschaftlicher Kräfte, de rer

sie sich schämte, in die Hand gedrückt

hatte. Aus dem Widerspruch von Selbstachtung

und Resignation resultiert das

Hammerstein’sche Schweigen, mit dem

der Vater nicht allein den Bruch der älteren

Töchter mit den Traditionen des Standes

quittierte. Der Sohn, dem weit aus geringere

Zumutungen ins Haus standen, hat es

in die eigene Familie hinübergerettet. Daß

auch das Christentum eine Rückzugsposition

war – er war zu klug, es nicht zu wissen,

doch hat er mit um so stärkerer Zuversicht

darüber hinweggesehen.

Franz von Hammerstein wurde 1921

in Berlin als Sohn des Freiherrn Kurt von

Hammerstein-Equord und Maria Freiin

von Lüttwitz geboren. Die Mutter war die

Tochter des Generals Walther von Lüttwitz,

der 1919 als Oberbefehlshaber der

Reichswehr den Spartakusaufstand niederschlug

und 1920 die treibende Kraft

des Kapp-Putsches war. Der Vater, aus ge-

meinsamem Militärdienst Freund des späteren

Reichskanzlers Kurt von Schleicher,

war maß geblich an der bis zum Juli 1933

anhaltenden geheimen Zusammenarbeit

von Reichswehr und Roter Ar mee beteiligt.

In der Weimarer Republik stieg er als

Chef der Heeresleitung in die oberste Führungsposition

der Reichswehr auf (1930).

Nachdem sein Vorstoß bei Hin denburg,

die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler

zu verhindern, gescheitert war und er sich

die Vergeblichkeit seines Widerstands gegen

die Nationalsozialisten eingestehen

mußte, reich te er Ende 1933 sein Entlassungsgesuch

ein. Von Anfang stand er in

Kontakt mit dem militärischen Widerstand

gegen Hitler, und es heißt, daß er im Zuge

seiner vorübergehenden Reaktivierung zu

Beginn des Zweiten Weltkriegs geplant

habe, Hitler zu beseitigen. Seine beiden

ältesten Söhne, Kunrat und Ludwig, waren

am Putschversuch gegen Hitler vom 20.

Juli 1944 beteiligt. Die drei älteren Töchter

hatten dem elterlichen Milieu bereits früher

den Rücken gekehrt und teils revolutionärere

Wege eingeschlagen. Marie Luise

trat im ersten Semester ih res Jurastudiums

in die Kommunistische Partei ein; Maria

Therese hatte ein intensives Interesse für

das Judentum entwickelt, bewahrte mit Hilfe

von Vater und Schwester Juden vor der

Verhaftung und wanderte nach einem mißglückten

Aufenthalt in einem israelischen

Kibbuz 1935 mit ihrem Mann nach Japan

aus; Helga kam in jungen Jahren durch

ihren polnisch-jüdischen Freund Leo Roth

mit der illegalen Arbeit der KPD in Berührung,

der sie 1930 beitrat. Erst unlängst

hat man in Moskau Dokumente gefunden,

die aus der Schreibtischschublade ihres

Vaters stammen. In der engeren Familie

Hammerstein hat es keinen Nationalsozialisten

gegeben.

Welch ein Umfeld! Die Jugend Franz von

Hammersteins gliedert sich in zwölf Jahre

Niedergang der Wei marer Republik und

zwölf Jahre Aufstieg und Fall des Dritten

Reiches. Wegen eines Sehfehlers vor der

Einberufung bewahrt, wurde er zur Arbeit

in der Rüstungsindustrie dienstverpflichtet

und absolvierte eine Ausbildung als

Industriekauf mann. Nach dem 20. Juli

1944 wurden im Zuge der Suche nach den

flüchtigen Brüdern er, seine Mutter und

seine Schwestern Helga und Hildur – der

Vater war 1943 gestorben – in Sippenhaft

genommen. Mutter, Franz und Hildur trafen

sich in der Grünen Minna wieder, die sie als

Sonderhäftlinge Himmlers auf die Reise in

die weitgehend inexistente „Alpenfestung“

schickte. In den Wirren des Kriegsendes

endet die Irrfahrt für Mutter und Tochter

in den Südtiroler Bergen, für den Sohn auf

dem Fußmarsch von Dachau in den Süden,

ehe die Familienmitglieder von den Amerikanern

befreit werden.

Das mit geringfügiger Verspätung angetretene

erwachsene Leben Franz von

Hammersteins beginnt mit einem Fazit.

Er bezieht Position sowohl im Gefüge der

Familie als auch ge genüber der Geschichte

seines Landes, indem er sich zum Studium

der Theologie entschließt. Der Keim zu

dem Entschluß ist früh gelegt. Ein Umzug

der Familie hatte es gefügt, daß der katholisch

Getaufte 1937 in der Dahlemer

Bekenntnisgemeinde den Konfirmationsunterricht

von Martin Niemöller besuchte

und von diesem konfirmiert wurde, ehe

Niemöller drei Wochen später als „persönlicher

Gefangener“ Hitlers in das Konzentrationslager

Sachsenhausen eingeliefert

wurde. Hammersteins Entscheidung für

die Theologie ist nicht die Entscheidung

einer gläubigen anima candida, sondern

über den Glauben hinaus ein politischer

Entschluß. Seither steht sein Leben unter

dem Motto der Begriffe „Versöhnen“ und

„Widerstehen“, die kluge Leute – leider in

umgekehrter Reihenfolge – über die Festschrift

zu seinem 85. Geburtstag gesetzt

haben. Tatsächlich steht von beiden Zielen

das erstere voran. Der Versöhnung der

vor allem von deutscher Seite nicht erst

durch den beispiellosen Zivilisationsbruch

des Nationalsozialismus unter den Völkern

ebenso wie im eigenen Volk aufgerissenen

Trennungen und Gegensätze und dem Widerstand

gegen alle Versuche, den Prozeß

16 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 17


NACHRUF NACHRUF

Ein Foto der Skulptur „Franz von Hammerstein“

des Berliner Bildhauers und Grafikers Christian

Theunert (1899-1981), dem im Dritten Reich die

Berufsausübung verboten war, steht im Wohnzimmer

der Hammersteins. Theunerts Nachlass

wurde 1996 dem Archiv der Akademie der Künste

vermacht. Foto: Privatarchiv Hammerstein

der Befreiung des westlichen Teils des aus

tiefstem Fall hervorgegangenen Nachkriegsdeutschlands

aus den Verfehlungen

der Vergangenheit zu hindern, dient fortan

nicht allein sein berufliches, sondern sein

ganzes Leben mit zunehmender, bisweilen

auch rücksichtsloser Ausschließlichkeit.

Dabei geht es auch im Falle größter Aufrichtigkeit

naturgemäß nicht ohne Unvollkommenheiten

ab, sei es, daß das Herz

den Kopf (niemals umgekehrt) vom letzten

Durchdringen des Gegenstandes zurückhält,

sei es, daß das Verständnis des Gegenstands

anderer und umfangreicherer

Instrumente bedarf, als sie der theologische

Zugang bereithält, sei es endlich, daß

ein für die Sache relevanter Gegenstand

scheinbar außerhalb des Anliegens der

Versöhnung liegt.

Noch während seiner Studienzeit beginnt

Hammerstein mit unerschöpflicher Energie

und mit unerschütterlicher Standfestigkeit

eine nachgerade gigantisch anmutende

Aktivität, deren Breitenwirkung heute

kaum mehr überschaubar ist. Die folgenden

Zeilen vermögen davon nur ein grobes

Bild zu zeichnen.

An vorderster Stelle des gewählten Lebensvorsatzes

steht die Versöhnung zwischen

Ju den und Deutschen, die eine

kritische Solidarität mit dem Staat Israel

einschließt. Mit jüdischer Geschichte und

Kultur war Franz von Hammerstein vor

allem während eines Studienaufenthalts

in den USA vertraut geworden, wo er auf

jüdische Emigranten aus Deutschland traf.

Während dieser Zeit war er zusammen mit

Eberhard Bethge, dem Betreuer des Nachlasses

von Dietrich Bonhoeffer, an der

Gründung der Gesellschaft für Christlich-

Jü di sche Zusammenarbeit beteiligt, die seit

1951 die jährliche „Woche der Brüderlichkeit“

organisiert. In den USA wurden auch

die Grundlagen seiner Auseinandersetzung

mit Leo Baeck und Martin Buber gelegt.

Bereits 1951 schenkt er seiner späteren

Frau das Hauptwerk „Ich und Du“ des jüdischen

Religionsphilosophen. Sieben Jahre

später erscheint seine Dissertation „Über

das Messiasproblem bei Martin Buber“.

Im gleichen Jahr gründete Hammerstein

mit dem Magdeburger Kirchenrechtler Lothar

Kreyssig, der als Richter seine Stimme

gegen das nationalsozialistischen Euthanasieprogramm

erhoben hatte, Harald

Poelchau, dem Gefängnisseelsorger der

nationalsozialistischen Hinrichtungstätte

Plötzensee, und den Pfarrern der Bekennenden

Kirche Martin Niemöller und Ernst

Wilm die Aktion Sühnezeichen, die seither

Hunderte junger Freiwilliger nach Israel

und in die von Deutschland unterworfenen

und vom Krieg betroffenen Länder

geschickt hat, wo sie an der Aufarbeitung

der Vergangenheit, der Betreuung der Opfer,

der Pflege der Gedenkstätten und in

sozialen Einrichtungen mitarbeiten. Internationale

Begegnungsstätten in Jerusalem,

Oświęcim (Auschwitz), Paris und Coventry,

die von Aktion Sühnezeichen initiiert und

errichtet wurden, sind lediglich die herausragenden

Orte ungezählter von ihr organisierter

Begegnungen von ehemaligen

Häftlingen, Verfolgten, Zwangsarbeitern,

Kriegsgefangenen, von Widerstandsgruppen

aus allen betroffenen Ländern, von

Franz von Hammerstein Foto: ASF

KZ-Insassen und ihren Befreiern, von Zeitzeugen

und Angehörigen nachgeborener

Generationen, die die Erinnerung an das

Geschehen wachhalten, das Verständnis

seiner Geschichte vertiefen und das Bewußtsein

der Zusammengehörigkeit über

nationale, religiöse und weltanschauliche

Unterschiede hinaus bestärken.

Die Arbeit von Aktion Sühnezeichen stieß

bei den Opfervölkern des Nationalsozialismus

anfangs auf Mißtrauen und Skepsis, in

weiten Teilen des Tätervolkes auf teils gehässige

Ablehnung. Die Diffamierungen als

Nestbeschmutzer und Va ter landsverräter

trafen die Mitarbeiter und die Freiwilligen

von Aktion Sühnezeichen wie die Träger

anderer Initiativen, die sich die Überwindung

der nationalsozialistischen Hinterlassenschaft

zur Aufgabe machten, und waren

in den Jahren, in denen Hammerstein

die Arbeit der Organisation als ihr Generalsekretär

leitete (1968 – 1975), noch kaum

verstummt.

Im Anschluß an diese Tätigkeit war Franz

von Hammerstein beim Weltkirchenrat in

Genf mit der Betreuung des christlich-jüdischen

Dialogs befaßt. Für sein Eintreten

für die christlich-jü dische Verständigung

wurde er 2001 mit dem Bundesverdienstkreuz

ausgezeichnet. Zwei Jah re später

erhielt er zusammen mit Günter Särchen,

dem katholischen Mitbegründer der Ak tion

Sühnezeichen der DDR, den Lothar-Kreyssig-Friedenspreis.

Die Arbeit für Aktion Sühnezeichen bot

den Anstoß und die Grundlage für das

zweite große Anliegen Franz von Hammersteins:

den Dialog über die Gräben des Kalten

Krieges hinweg. In all seinen Funktionen

hat er unter dem Leitstern der Versöhnung

auf unzähligen Wegen und auf allen Ebenen

das Gespräch mit Partnern aus den sozialistischen

Ländern Osteuropas, allen voran

aus Polen, der Sowjetunion und der Tschechoslowakei,

die als Territorien der Ausweitung

des deutschen „Lebensraums“ und

als Lieferstätten der Rohstoffversorgung

des Deutschen Reiches ausersehen waren,

gesucht und geführt. Die Hypothek, die auf

den Gesprächen lag, war weitaus größer

als die aktuellen politischen und ideologischen

Gegensätze der unterschiedlichen

Gesellschaftssysteme. Alle drei Länder

waren Schauplatz deutscher Kriegsverbrechen,

Polen und die Tschechoslowakei

waren zudem die Ursprungsländer der im

Zuge der Niederlage des Dritten Reiches

geflüchteten, vertriebenen und ausgesiedelten

deutschen Bevölkerung und hatten

von den Alliierten der Antihitlerkoalition

Franz von Hammerstein mit Ehefrau Verena Foto: Aktion Sühnezeichen / Friedensdienste

große Teile des Deutschen Reiches zugesprochen

bekommen, Polen endlich war

überdies der hauptsächliche Schauplatz

der Vernichtung der jüdischen Bevölkerung

aus allen Teilen Europas. Der Dialog

mit Polen verband Franz von Hammerstein

mit der Deutsch-Polnischen Gesellschaft

der Bundesrepublik Deutschland. Länger,

als ich zurückdenken kann, gehörte er mit

anderen Vertretern von Aktion Sühnezeichen

dem Beirat unserer Gesellschaft an,

und beharrlich hat er auf die hartnäckigen

Fragen von Freunden, die uns das Erstgeburtsrecht

neiden, ob er diese Zugehörigkeit

mit seinem Gewissen vereinbaren

könne, geantwortet: ja, das könne er sehr

wohl. Umgekehrt habe ich unsere Gesellschaft

lange Jahre im Kuratorium der Aktion

Sühnezeichen vertreten, in dem er

als Ehrenvorsitzender keine passive Rolle

spielte.

Seinen beruflichen Lebensweg hat Franz

von Hammerstein in harmonischer Folgerichtigkeit

beschlossen. Als Direktor der

Evangelischen Akademie zu Berlin blieb er

der rastlose Mittler des Dialogs. 1986 trat

er in einen ebenso rastlosen Ruhestand.

In der Konsequenz seines Lebensentwurfs

war er in zahlreichen Organisationen, die

sich die Überwindung von der Geschichte

gezogener Gräben zum Ziel setzten, ein

meist aktives Mitglied. So in der Gedenkstätte

Deutscher Widerstand und in der

Stiftung Topographie des Terrors, in der

Internationale der Kriegsdienstverweigerer

und im Martin-Niemöller-Friedenszentrum.

Sein Einsatz für die osteuropäischen Länder

hat den Zusammenbruch des Sozialismus,

den er als Tragödie verstand, überdauert.

So hat er 1992 Starthilfe für die

Initiative Deutsch-Russischer Austausch

e. V. geleistet, die sich die Förderung der

Zivilgesellschaft in Rußland, Weißrussland

und der Ukraine zur Aufgabe macht.

In Rußland unterstützte er die Arbeit von

Memorial, das sich der Geschichte und der

juristischen und sozialen Lage der Opfer

der deutschen Okkupation und des Stalinismus

annimmt, und wurde 1993 Mitglied

seiner deutschen Sektion. 1994 stellte

er sich für die Überführung der Hinterlassenschaft

der Gesellschaft für deutschso

wjetische Freundschaft der DDR in

die Stiftung West-Östliche Begegnungen

zur Verfügung, die sich den deutschrussischen,

deutsch-weiß rus sischen und

deutsch-ukrainischen Beziehungen und

dem Aufbau demokratischer Strukturen

in den ostslavischen Nachfolgestaaten der

UdSSR widmet und deren Vorsitz er zehn

Jahre lang inne hatte.

Welch ein Lebensweg und welche Distanz,

die er durchmessen hat! Das Lebenswerk

Franz von Hammersteins verkörpert

exemplarisch die mögliche Ankunft des

deutschen Adels auf dem Boden der Republik,

der deutschen freilich, d. h. einer

schwierigen Republik, die in besonderem

Maße die Entscheidung für ihre freiheitlichen

und befreienden Möglichkeiten fordert,

die als Möglichkeiten zur Verwirklichung

aufgegeben sind. Das Leben Franz

von Hammersteins ist dieser Aufgabe in

denkbar vollkommener Weise gerecht geworden.

Franz von Hammerstein ist am 15. August

2011 gestorben. Seine Frau Verena, die

dieses Leben getragen und ermöglicht hat,

meint, daß er auch Fehler hatte. Man sollte

es nicht für möglich halten.

Wenn Sie uns

helfen wollen...

... gibt es verschiedene Möglichkeiten..

1. Auf der Webseite

www.spendenportal.de finden

Sie unter dem Stichwort „PO-

LEN und wir“ unser Projekt.

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POLEN und wir

Zeitschrift für deutsch-polnische

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Redaktionsanschrift:

Karl Forster

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18 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 19


TOURISMUS BÜCHER

Premiere im grenzüberschreitenden Bahnverkehr:

Reisen ohne Lokwechsel

Lokführer erlernen die polnische Sprache

Von Ulrike Höck

Europa rückt stetig näher zusammen,

aber die Fahrt mit der Bahn zum Nachbarn

Polen ist noch immer beschwerlich. Zeitraubende

Lokwechsel, Unterbrechungen

der Elektrifizierung oder eingleisige Bahnstrecken

schmälern das Reisevergnügen.

Umso erfreulicher ist, dass nun eine entscheidende

Hürde genommen wurde: Die

Bahntöchter DB Regio und Arriva Polen haben

die Zulassung für die Triebwagen der

Baureihe VT646 für den Einsatz in ganz Polen

und Deutschland erhalten. Damit wird

hier erstmals auch im Regionalverkehr der

grenzüberschreitende Schienenverkehr

ohne Lokwechsel, der vor kurzem beim

Warschau-Berlin-Express realisiert wurde,

möglich.

Erster Ausflug

Am 26. August 2011 war es endlich soweit:

DB-Regio Nordost und Arriva RP starteten

den ersten Ausflug mit dem neuen

Triebwagen ins Nachbarland Polen, begleitet

von führenden Vertretern der Wojewodschaft

Lubuskie, des Landes Brandenburg

und der beiden DB-Konzerntöchter. Der

Premierenzug nahm auch 90 Touristen aus

Berlin mit auf die Reise ins nahegelegene

polnische Międzyrzecz.

Während die Touristen die Fahrt durch

Brandenburg und die Wojewodschaft Lubuskie

genossen, erläuterten Vertreter aus

Polen und Deutschland der mitreisenden

Presse die Bedeutung der Neuerung. „Wir

brauchen gute Verbindungen zwischen

Brandenburg und Polen“ so der brandenburgische

Verkehrsminister Jörg Vogelsänger.

„Die Zulassung der Triebwagen

für beide Länder ist ein wichtiger Schritt.“

Der Zug verfügt nun über die Polnische

Zugsicherung SHP und die Sicherungseinrichtung

Funkstopp, die Displays wurden

angepasst und sind komplett zweisprachig

gestaltet. Die technischen Voraussetzungen

für den grenzüberschreitenden Verkehr

sind nun erfüllt. Der früher notwendige

Lokwechsel kann entfallen und die

gewonnene Zeitersparnis macht Bahnfahren

zwischen Deutschland und Polen besonders

im Nahverkehr attraktiver.

Der Bahnbevollmächtigte Dr. Joachim

Trettin ist erfreut über den überwältigen

Zuspruch der Ausflügler für diese erste angebotene

Tagestour zum polnischen Nachbarn

und sieht darin das Interesse an einer

Verbesserung des grenzüberschreitenden

Verkehrs bestätigt. Dies gilt auch für polnische

Fahrgäste, für die Berlin und Umgebung

attraktive Reiseziele darstellen, so

der Marschall der Wojewodschaft Lubuskie

Maciej Szykuła. Und „unsere polnischen

Städte und Gemeinden freuen sich, wenn

die Gäste aus Berlin künftig mit der Bahn

anreisen können“

Besuch in Gorzów

Hiervon konnten sich auch die Berliner

Ausflügler überzeugen. Eine Stadtvisite in

Gorzów führte sie an die Westuferprome-

nade der Warta, wo Bahnbögen ähnlich den

Berliner S-Bahnbögen umgestaltet werden

und Cafés zum Verweilen einladen. Neue

Spielplätze und Wasserspiele begeistern

die Kinder, Sonnenkollektoren zeugen von

umweltfreundlicher Planung. Beim Besuch

auf dem Marktplatz boten sich kurze Einblicke

in die neuere Geschichte. Mit Bahn und

Bus ging es weiter nach Międzyrzecz und

zur Burg an der Obra. Gut gestärkt von traditioneller

polnischer Küche, erkundeten

die Reisenden die Burganlage. Sie wurden

von Rittern in glänzender Rüstung empfangen

und durften sich im Bogenschießen

üben oder im Folterkeller gruseln. Beim

Museumsbesuch faszinierte besonders

die hervorragende Sammlung wertvoller

Sargporträts, von denen einige zurzeit in

der Ausstellung im Martin-Gropius-Bau zu

sehen sind. Mit Renaissancemusik und

Tanzdarbietungen des jungen preisgekrönten

Ensembles „Antiquo More“ fand der

Besuch einen stimmungsvollen Ausklang.

Sprachkurse gefragt

Für die Zukunft sind weitere Touren geplant,

jedoch wird gerade erst das Netz

neu ausgeschrieben. DB-Regio dürfte gute

Chancen mit der Baureihe VT646 bei der

Ausschreibung der Strecke für 2014 haben.

In der Zwischenzeit werden in einem

Schulungszentrum in Szczecin die Lokführer

aus Deutschland ausgebildet. Auch aus

Sicherheitsgründen wird hier besonderer

Der neue Triebwagenzug besucht erstmals einen polnischen Bahnhof. Foto: Höck

Wert auf die polnischen Sprachkenntnisse

gelegt. „Die Nachfrage übersteigt bei weitem

die Zahl angebotener Ausbildungsplätze,

wir sind selbst darüber erstaunt“ so ein

Sprecher der Bahn. Für die Lokführer heißt

es jetzt also: die Schulbank drücken, polnische

Schienenverkehrsregeln lernen und

Vokabeln pauken.

Jan Karskis Bericht an die Welt

Geschichte eines Staates

im Untergrund

Von Renate Weiß

In diesem Jahr erschien in Deutschland Jan Karskis „Mein Bericht an die Welt“. Als

„Geschichte eines Staates im Untergrund“ war der Bericht in vierhundertausend

Exemplaren 1944 in USA herausgegeben, und war sofort vergriffen. Daraufhin erschien

dieser Bericht in England, Schweden, Norwegen und Frankreich. 1999 wurde

das Buch in Polen verlegt und nun eben bei uns.

Was beeindruckt den Leser heute an

diesem Bericht, da doch bereits viele Publikationen

über die polnische Untergrundbewegung

von 1939 bis 1945 erschienen

sind? Das ist vor allem die Authentizität

dieses Buches.

Mich haben zwei Ereignisse besonders

beschäftigt. Die zweite Reise Karskis nach

Frankreich bzw. nach London als Kurier der

Exilregierung. Er gelangte über viele Umwege

und schwierige Fahrten mit dem Zug,

zu Fuß, und per Schiff 1943 nach London.

Er berichtete den Vertreten der polnischen

Exilregierung und auch Vertretern der englichen

Regierung über seine Erlebnisse und

über die Situation in Warschau, Lublin und

Krakau, über sein illegales Eintauchen in

das Ghetto und das KZ Bełżec; über seine

eigene Inhaftierung und die Folter (1940 ),

sowie seine Befreiung aus dem Gestapogefängnis,

dem Krankenlager. Die Rettungsaktion

für Jan Karski erfolgte auf Anweisung

von Józef Cyrankiewicz (Vorsitzender

der Sozialdemokratischen Partei) unter

Anleitung von Staszek Rosa (Stasnisław

Rosieński, 1943 ermordet), den er aus Krakau

kannte, aber nicht wusste, dass er zum

Untergrund gehört. Eine ganze Gruppe von

Kämpfern der PPS (Sozialdemokratische

Partei Polens) war an dieser Befreiung beteiligt.

Er charakterisiert Józef Cyrankiewicz

(später Ministerpräsident in der Volksrepublik

Polen) im Zusammenhang mit ihrer

beider Arbeit im Untergrund. „Während

meines Aufenthalts in Krakau wohnte ich

bei einem Mann namens Józef Cyna, mit

dem ich schon vor dem Krieg befreundet

war. Er war Anführer der Sozialistischen

Partei und ein erstklassiger Journalist ... .

Von den zahlreichen Vertretern der politischen

Führung, denen ich begegnete, war

er offenbar der Einzige, der erkannte, dass

es ein fataler Fehler war, sich auf die Stärke

Frankreichs zu verlassen.” Bereits hier erkannte

Cyrankiewicz die eigennützige Rolle

der Alliierten bei der Befreiung Polens vom

Faschismus. Obwohl die polnischen Soldaten

an fast allen Fronten kämpften und

an der Befreiung Berlins teilnahmen, wurde

Polen nicht zu den Verhandlungen zum

Potsdamer Abkommen hinzugezogen.

20 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 21

Analysen

Karski schreibt nicht nur über Persönlichkeiten

des Untergrunds, sondern analysiert

auch gesellschaftliche Bewegungen.

„Von den vier Bewegungen, die am tiefsten

im polnischen Bewusstsein verankert

waren, besaß die Sozialistische im Kampf

um die Unabhängigkeit die wahrscheinlich

stärkste und ungebrochene Tradition. Sie

hatte großen Einfluss bei den polnischen

Arbeitern erlangt, die Vorreiter im Kampf

um die Unabhängigkeit gewesen waren.

Aus ihren Reihen stammen die mutigsten,

unerbittlichsten und aufopfeungsvollsten

Kämpfer.“ Zusammenfassend betont er

„Die Arbeiter spielten eine maßgebliche

Rolle bei der Verteidigung Warschaus...“

„Die Nationalbewegung hatte ebenfalls

tiefe Wurzeln in der Bevölkerung. Die

Grundidee ‚Alles für die Nation‘ war von

enormer Bedeutung für den Kampf Polens

um die Selbsterhaltung als Nation und um

die zahllosen Tragödien und Niederlagen zu

überstehen. Diese politisch starke Partei

hatte Zulauf aus allen Klassen und Schichten.“

„Historisch gesehen war die Bauernpartei

die jüngste der vier Organisationen.“

„Die vierte Kraft , die christliche Arbeiterbewegung,

ist infolge ihrer ideologischen

Orientierung ähnlich demokratisch ausgerichtet“

Er analysiert die parlamentarischen Verhältnisse

im Vorkriegspolen, zeigt die

Veränderungen, die sich im Untergrund

entwickelten und die Rolle der Parteien

für eine demokratische Entwicklung. „Die

politischen Parteien repräsentierten die

überwiegende Mehrheit der polnischen Bevölkerung

im Untergrundstaat“.

Wer war Jan Karski?

Es ist die Geschichte eines polnischen

Patrioten. Er lebte mit seiner Familie in einer

großen interkulturellen Stadt, in Łódź.

Er stammt aus einer Familie der polnischen

Mittelschicht, hatte selbst den Ehrgeiz in

die Diplomatie einzusteigen, Kariere zu

machen. Dieser Ehrgeiz bedeutete harte

Arbeit. Der Krieg brachte ihn auf einen anderen

Weg, der nicht nur diplomatisches

Geschick, sondern Mut, analytische Fähigkeiten

und eine bedingungslose Liebe zu

seinem Land erforderte.

Er wurde Kurier der Untergrundregierung

Polens, der nicht nur Informationen

Jan Kozielewski wurde 1914 in Łodź geboren,

1942 nahm er den Namen Karski an.

Foto: Verlag Antje Kunstmann

nach Frankreich bzw. England vom Untergrundkampf

der Exilregierung übermittelte,

sondern selbst zum großen Teil die Nachrichten

von den verschiedenen Kämpfern,

Organisationen und Strukturen des Untergrundstaates

erarbeitete.

Es wird in seinen Berichten die Vielfalt der

Untergrundbewegung deutlich. Er übermittelte

nicht nur Instruktionen der Parteien,

sondern auch der jüdischen Vertreter die

nicht zu den Parteien gehörten, aber als

jüdische Minderheit in Polen, Vertreter im

Nationalrat in London hatten.

Bevor Karski in geheimer Mission 1943

nach London abreiste, hatte er noch eine

Aussprache mit den jüdischen Vertretern

des Untergrunds. Die jüdische Bevölkerung

stand vor ihrer völligen Ausrottung. Die bei-


INACHRUF

den jüdischen Vertreter des Untergrunds

waren sich dieser schrecklichen aussichtslosen

Lage bewusst. Sie waren der Ansicht

Hilfe könne nur von den Alliierten kommen.

Karski sollte diese Botschaft nach London,

in die USA und zu den Vereinten Nationen

bringen, damit keiner sagen könne,

der Ernst der Situation sei nicht erkannt.

Karski erhielt einen umfassenden Bericht

über die Lage im Ghetto und in den Konzentrationslagern.

Er wollte sich trotzdem

davon selbst ein Bild machen. Es wurde die

Möglichkeit organisiert, dass er sich selbst

von der Situation überzeugt.

Seine Erlebnisse, die Grausamkeiten im

Ghetto und im Lager sind kaum zu ertragen.

Diese Erlebnisse verfogten ihn bis an

sein Lebensende.

In London berichtete Karski vor allen

möglichen Gremien, gab Pressekonferenzen.

„Aus britischer Sicht zählte das alles

nicht viel.“ ( S: 535) schreibt er enttäuscht.

Generell entstand bei ihnen der Eindruck,

dass er zwar überall berichten musste,

aber letztlich doch ein gewisser Unglauben

zu spüren war.

„Mir wurde bald klar, dass die Außenwelt

die beiden wichtigsten Prinzipien des polnischen

Widerstandes nicht nachvollziehen

konnten. Sie würden nie verstehen

und würdigen können, welche Opfer und

welcher Heldenmut darin lagen, dass sich

unsere gesamte Nation weigerte, mit den

Deutschen zu kollaborieren. … Die Tatsache,

dass ein Staatsapparat im Untergrund

normal funktionieren konnte, mit einem

Parlament, einer Regierung, einem Justizwesen

und einer Armee, war für sie reine

Fantasie“. (S. 536 )

Im Mai 1943 wurde Karski in die USA

beordert. Dort traf er mit amerikanischen

Persönlichkeiten zusammen, auch mit dem

Präsidenten Roosevelt. Dieser wollte alles

wissen, über den Untergrund, über die

Vernichtung der Juden. Aber auch er hatte

zwar großes Interesse gezeigt aber die

Hilferufe der jüdischen Untergrundkämpfer

wurden nicht gehört.

Heute wird oft einseitig die Rolle einzelner

Personen und Parteien hervorgehoben,

nicht aber die gesamte Untergrundbewegung

gewürdigt, wie es Karski in seinem

Bericht an die Welt 1944 in USA tat .

Jan Karski: Mein Bericht an die Welt

Geschichte eines Staates im Untergrund

Übersetzt von Franka Reinhart, Ursel Schäfer

Erschienen 2011 im Antje Kunstmann Verlag,

624 Seiten, 28,00€

ISBN 978-3-88897-705-3

Präsident des Internationalen Auschwitz-Komitees verstorben

Abschied von Noach Flug

Roman Kent wurde zum Nachfolger gewählt

Mit einem beeindruckenden Gedenkakt

haben Freunde und politische Weggefährten

Abschied vom Präsidenten des Internationalen

Auschwitz Komitees Noach Flug

genommen, der am 11. August verstarb.

Bundespräsident Christian Wulff betonte

in seiner Rede: „Noach Flug hat uns

Deutschen sein Vertrauen geschenkt. Er

war überzeugt, dass wir uns mit unserer

Vergangenheit auseinandersetzen und

Antisemitismus und Rechtsextremismus

bekämpfen, heute wie morgen. Deutschland

verliert in Noach Flug einen großartigen

Freund und ein echtes Vorbild an

Menschlichkeit. Seine Botschaften waren

Wahrhaftigkeit, Verständigung und Versöhnung.“

Der israelische Gesandte, Emmanuel

Nahshon, schilderte in seiner Rede

Noach Flugs Wirken als israelischer Diplomat

und als Vorsitzender der Organisation

Holocaust-Überlebender in Israel.

Marian Turski aus Warschau und Roman

Kent aus New York erinnerten in ihren

Reden an die gemeinsamen Jugendjahre

mit Noach Flug im Ghetto von Lodz und

die ersten Aktionen ihres gemeinsamen

Widerstandes gegen Hunger und Demütigung,

als sie im Ghetto von Arbeitsstelle

zu Arbeitsstelle zogen, und von jedem in

eine Schüssel einen oder zwei Löffel Suppe

erbaten, um sie an die weiterzugeben,

die nichts zu essen hatten. Boaz Levin, der

Enkel Noach Flugs, der derzeit in Berlin

studiert, erinnerte in bewegenden Worten

an seinen Großvater und Ratgeber, der ihm

auch den Weg nach Deutschland und nach

Berlin gewiesen habe. Christoph Heubner

schilderte den Freund und Präsidenten des

Internationalen Auschwitz Komitees als

großherzigen und weitsichtigen Menschen,

der die Entwicklung und den Weg des Internationalen

Auschwitz Komitees über Jahre

geprägt und gefördert habe.

Als Nachfolger Flugs wurde Anfang Oktober

der 1929 in Łódź geborene Roman

Kent gewählt. Der heute in New York lebende

Kent ist Vorsitzender der „American

Gathering of Jewish Holocaust Survivors“

und Schatzmeister der „Jewish Claims

Conference“. Seit 2003 war er als Vizepräsident

des Internationalen Auschwitz-

Komitees aktiv.

Albert Mangelsdorf Foto: Kumpf

Albert Mangelsdorffs Auftritt 1957 in Sopot wirkt bis heute nach

Diplomatie mit Jazz

Von Hans Kumpf

Nach den politischen Umwälzungen in

Europa vor über zwei Jahrzehnten gehört

beim Jazz ein stimmiges Wechselspiel

zwischen Polen und dem nun vereinigten

Deutschland längst zur Normalität. Die

brisant-prickelnde Atmosphäre vom polnischen

Katakomben- und Underground-

Jazz ist längst passé. Nach wie vor kommt

man in der gemeinsamen Geschichte der

swingenden Art aber trotzdem oft auf anno

1957 zurück. Und Namen wie die der deutschen

Brückenbauer Werner Wunderlich

(Baden-Baden) und Bert Noglik (Leipzig)

sowie die in Deutschland lebenden polnischen

Musiker Vitold Rek (Kontrabass), Janusz

Stefanski (Schlagzeug), Vladislav Sendecki

(Piano) und Leszek Zadlo (Saxofon)

tauchen immer wieder auf. Die Vokalistin

Urszula Dudziak und der Trompeter Tomasz

Stanko, in seinem Heimatland vielmals

zum „Jazzmusiker des Jahres“ gewählt,

genießen im Westen geradezu Kultstatus.

Zwei Fachzeitschriften informieren seit

Jahrzehnten in Wort und Schrift ausführlich

von der Szene im jeweiligen Nachbarland,

nämlich das „Jazz Forum“ (Warschau) und

das „Jazz Podium“ (Stuttgart).

Ganz groß an die polnische Öffentlichkeit

- und wortwörtlich auf die Straße - gelangte

der Jazz 1956 beim ersten nationalen Festival

im Seebad Sopot. Für den internationalen

Touch sorgten dabei eine tschechoslowakische

und eine englische Formation.

Dank des überwältigenden Erfolgs wagten

es die studentischen Organisatoren, im

Folgejahr die Festivität erheblich auszuweiten.

Nun dienten dem wieder einwöchigen

„II Festiwal Muzyki Jazzowej“ vom 14. bis

21. Juli 1957 als Veranstaltungsorte sowohl

die berühmte Waldoper als auch ein

Sportstadion und eine Werfthalle in der

Nachbarstadt Danzig.

Gleich mehrere Bands aus Deutschland

wurden hierzu eingeladen, und dies kam

zwölf Jahre nach Ende der furchtbaren Okkupation

und des Krieges einer politischen

Sensation gleich, nämlich die West-Berliner

„Spree City Stompers“ und unabhängig

davon diverse Musiker aus Frankfurt,

dominiert von den Bläsern Albert und Emil

Mangelsdorff sowie Joki Freund. Eingefädelt

hatte den hessischen Beitrag, der

unter den Namen „Two Beat Stompers“,

„Emil Mangelsdorff Swingtett“, „Joki

Freund Quintett“ und „Frankfurt All Stars“

firmierte, Jazz-Experte Werner Wunderlich.

Wunderlich hatte während seiner Kriegsgefangenschaft

in Warschau die Sprache des

22 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 23

KULTUR

Landes erlernt und dann rege Verbindungen

mit der dortigen Jazzszene gehalten.

Keine Frage: 1957 geriet zu einem markanten

Neuanfang in der deutsch-polnischen

Jazzgeschichte. Auch nach mehr als einem

halben Jahrhundert bleibt dieses Meeting

mit der damals begonnenen gegenseitigen

Zuneigung stets präsent – so musiziert der

nimmermüde Saxofonist Emil Mangelsdorff

(geboren 1925) in seinem Quartett

aktuell mit zwei seit den 80er Jahren in

Deutschland lebenden Polen, nämlich mit

dem Bassisten Vitold Rek und dem Schlagzeuger

Janusz Stefanski.

Als im Februar 1997 das Festival in Olsztyn/Allenstein

40 Jahre Jazz-Partnerschaft

zwischen den beiden Ländern würdigen

und feiern wollte, wurde dieses honorige

Ansinnen von den deutschen Kulturbürokraten

nicht adäquat unterstützt. Stargast

sollte Posaunist Albert Mangelsdorff sein.

In der finanziellen und organisatorischen

Unsicherheit kamen als Repräsentanten

der im Sommer 1957 an der Ostsee aufgetretenen

deutschen Formationen dann

immerhin Emil Mangelsdorff und der Posaunist

Hans Wolf Schneider. Mit dabei

wieder im völkerverbindenden Einsatz war

auch Werner Wunderlich. Seine polnischen

Freunde erinnerten sich noch lebhaft an

die „Geheimgespräche“, welche seinerzeit

in Sopot die beiderseitigen Jazzaktivitäten

weiter in die Wege geleitet hatten. Für

seine „Verdienste um die polnische Kultur“

ist Wunderlich später – sogar in der

schwierigen Ära der doppelten Kaczynski-

Regentschaft! - mit dem „Ehrenorden des

polnischen Kulturministers“ ausgezeichnet

worden. Mit Genugtuung registrierte Werner

Wunderlich, der noch in seinem neunten

Lebensjahrzehnt per Radiosendungen

über die Jazzaktivitäten in Polen informiert,

dass ihn das „Jazz Forum“ auf der Titelseite

der Septembernummer 2000 als „ambasador

polskiego jazzu“, als „Botschafter des

polnischen Jazz“, würdigte.

Anderseits verteilten auch deutsche Diplomaten

bedeutungsvolle Orden. Dem

Multiinstrumentalisten und Komponisten

Andrzej Kurylewicz (1932-2007), wie seine

singende Ehefrau Wanda Warska 1956 und

1957 in Sopot dabei, wurde im April 2001

von Deutschlands Mann in Warschau mit

dem „Verdienstkreuz 1. Klasse“ bedacht.

2007, zum 50jährigen Jubiläum der polnisch-deutschen

Sopot-Begegnung, geglückte

das „Jazz Forum“ seine Leser nicht

nur mit einem Reprint des Programmhefts

von 1957, sondern wartete noch mit einer

CD mit historischen Tondokumenten auf –


KULTUR KULTUR

14 Tracks von 75 Minuten Gesamtdauer.

In die deutsche Sopot-Delegation von

1957 integrierte sich neben dem farbigen

New-Orleans-Klarinettisten Albert Nicholas

als weiterer Amerikaner der professionell

gut gelaunte Bill Ramsey, der ja nicht

nur billige Schlager zu singen vermag. Von

seiner Wahlheimat aus brach er wiederholt

nach Polen auf, um dort zu konzertieren.

2001 tat sich Bill Ramsey bei einem Festival

mit dem renommierten „Jazz Band Ball

Orchestra“ zusammen, und das klingende

Resultat gab es alsbald als CD-Beilage vom

„Jazz Forum“. Zuvor hatte bei dem 1962 in

Krakau gegründeten Ensemble als singender

Gast aus Deutschland Sylvia Droste

fungiert.

Aber auch in Deutschland erinnerte man

sich konzertant und dezidiert an das markante

Jazztreffen von Sopot, zwar nicht in

einem „runden“ Jubiläumsjahr, sondern am

26. Mai 2005 aus Anlass des binational

ausgerufenen „Deutsch-Polnischen Jahres“.

In Frankfurt am Main ist längst der

Schlagzeuger Janusz Stefanski heimisch

geworden, und er initiierte die in der Alten

Oper durchgeführte Veranstaltung mit dem

englischen Titel „German Polish Jamboree.

Three Jazz Generations 1957-2005“. Die

ergrauten Brückenbauer der 50er Jahre

trafen sich ebenso wie die „mittlere“ Generation

und der hoffnungsvolle Nachwuchs.

Nun wurden von polnischer Seite

u.a. Adam Pieronczyk, das Wasilewski Trio

und Anna Serafinska sowie die Sopot-Veteranen

Jan Ptaszyn Wroblewski und Roman

Dylag gewonnen. Podiumsgespräche

und die Präsentation von Filmdokumenten

vertieften den Blick zurück. Das deutsche

„Jazz Podium“ brachte über dieses „Geman

Polish Jamboree“ einen zweiseitigen Vorbericht,

und das polnische „Jazz Forum“

protokollierte die Veranstaltung gar auf

sechs Seiten.

Schon im Jahre 2000 wurde in der Alten

Oper ausgiebig polnisch gejazzt, da damals

bei der Internationalen Buchmesse

als „Gastland“ Polen diente. Jazzmusik aus

Polen erfreut sich in Deutschland längst

eines wohlklingenden Namens. Fielen in

den 60er Jahren besonders agile Oldtime-

Bands auf, die gerne auch in kleinen Lokalen

spielten, so überraschen mittlerweile

die Gäste aus dem Osten mit eigenständigem

zeitlosem Jazz, oft mit Rockeinflüssen

vermengt.

Am 19. Juli 1998 widmete das Festival

„Jazz Open Stuttgart“ dem vielseitig aktiven

Joachim-Ernst Berendt zum (fast verjährten)

75. einen ganzen Abend. Der deut-

sche „Jazzpapst“ reiste 1957 im Tross von

Werner Wunderlich nach Sopot mit (und

verbreitete im Nachhinein gerne die schaurige

Mär, die Eisenbahnwagen seien – wie

einst bei Lenins Trip von der Schweiz zur

Oktoberrevolution – verplombt gewesen,

lernte dort den Pianisten und später als

Palanskis Filmkomponist berühmt gewordenen

Krzysztof Komeda kennen – und lud

diesen dann wiederholt nach Deutschland

zu Rundfunk-, TV- und Plattenproduktionen

ein. Ein ausgedehnter Programmpunkt der

Berendt-Feierlichkeiten war hier Polen vorbehalten.

Pawel Brodowski, Chefredakteur

der Zeitschrift „Jazz Forum“, und die Sängerin

Urszula Dudziak, die zusammen mit

dem trompetenden (Komponisten-Filius)

Markus Stockhausen musizierte, bedankten

sich in aller (Fernseh-)Öffentlichkeit für

die Bemühungen Berendts um die polnische

Jazzszene. Mittlerweile sind wichtige

Konzertteile mittels DVD nachzuerleben

(„Best of Jazz Open Stuttgart 1998“), dabei

auch das Robert Majewski Quintett.

Ökonomisch ergiebig und künstlerisch

fördernd schien der deutsche Markt für

viele polnische Jazzmusiker allemal. So erklärte

einst Urszula Dudziak, dass es für sie

und ihren (damaligen) Ehemann Michal Urbaniak

wichtig gewesen sei, frühzeitig von

dem Stuttgarter Intercord-Label „Spiegelei“

produziert worden zu sein. Inzwischen

hatte sie längst mit ihrer (oftmals raffiniert

elektronifizierten) Stimme Weltruhm erlangt

und ihre Wohnsitze in die USA und

nach Schweden verlegt. Die Idee zum Projekt

„Vocal Summit“, in dem sie auch mit

dem späteren Pop-Hitparaden-Star Bobby

McFerrin kooperierte, ging gleichfalls von

Deutschland aus.

Noch in bester Erinnerung ist für den

Trompeter Tomasz Stanko, dass er 1964

vom Norddeutschen Rundfunk zu ausgedehnten

Aufnahmen nach Hamburg verpflichtet

wurde. Die in München ansässige

Plattenfirma ECM stellte den individuell

herzhaft-herb intonierenden Blechbläser

immer wieder groß heraus, sei es zusammen

mit dem Trio des Pianisten Marcin

Wasilewski oder seinem „nordischen“

Quintett. Außerdem sorgte das wie ECM

in München ansässige Label ACT dafür,

dass sich polnische Pianisten wie Pawel

Kaczmarczyk, Vladyslav alias Wladyslaw

alias Vladislav alias Adzik Sendecki (in

der Schweiz wohnhaft und in Hamburg als

Keyboarder der NDR Big Band tätig) und

Leszek Mozdzer auf dem Weltmarkt (noch)

besser positionieren konnten.

Von 1966 bis 2002 gab es in Nürnberg

alle zwei Jahre das Festival „Jazz Ost West“,

kontinuierlich wurde dieses mit polnischen

Musikern bestückt - ständiger Stammgast

sozusagen war Tomasz Stanko. Zudem

sorgt der unverwechselbare Stanko bei

„JazzBaltica“, der swingenden Festivität in

Kiel und Salzau, für eine hochwertige Konstante.

Nicht zu unterschätzen war zu Zeiten

des Kalten Krieges das „Jazz Jamboree“ in

Warschau. Ähnlich wie Nürnberg diente es

früh als Drehscheibe und Informationsbörse.

Das polnische Festival ermöglichte vor

dem Wendejahr 1989 unzählige deutschdeutsche

Kontakte - bei Musikern, Journalisten

und angereisten Zuhörern. Christoph

Dieckmann übrigens beschrieb im Oktober

2005 bei der Eisenacher Tagung „Jazz in

der DDR – Jazz in Osteuropa“ humorvoll

seine aufregenden „Wallfahrtgeschichten“

nach Warschau zum „Jazz Jamboree“. Polen

und der Jazz gerieten für die Ostdeutschen

damals für ein Sinnbild der Freiheit.

Zum Bindeglied der internationalen Jazzgemeinde

und besonders auch zwischen

der BRD und der DDR avancierte die in

der polnischen Hauptstadt editierte Zeitschrift

„Jazz Forum“. 1967 (ein Jahrzehnt

nach Sopot!), als auf polnische Initiative

die Europäische Jazzföderation entstand,

wurde diese in einer englischen Version

zum systemübergreifenden Organ einer

sich frei und unabhängig fühlenden Jazz-

Welt. Fünf Jahre lang - bis zur Einführung

des Kriegsrechts 1981 - gelang es zudem,

eine deutschsprachige Ausgabe herauszubringen.

Experten wie Bert Noglik und Rolf

Reichelt reisten zum Übersetzen regelmäßig

aus der Deutschen Demokratischen

Republik an.

Mit der Doppelnummer 5/6-1992, 66

Seiten im DIN-A-4-Format, ausgeliefert

erst Anfang 1993, verabschiedete sich

das „Jazz Forum“ in der englischen und somit

weltweit verstandenen Version. Wirtschaftliche

Zwänge machten diesen Schritt

notwendig - eben eine Kehrseite der politischen

Öffnung. Im Untertitel nennt sich die

polnische Monatspostille jedoch bis heute

im internationalen Englisch „The European

Jazz Magazine“.

Auch das „Jazz Jamboree“ in Warschau

verlor in den letzten Jahren an (internationaler)

Bedeutung. Dafür wurde 2008 in

Deutschland nach polnischem Namensvorbild

das „European Jazz Jamboree Berlin“

ins Leben gerufen. Allerdings: Eine äußerst

breite Palette länderübergreifender Jazzbegegnungen

gab es Ende Mai 2009 bei

dem ebenfalls von Uli Blobels „Jazzwerkstatt

Berlin-Brandenburg“ organisierten

Deutsch-Polnischen Festival „Sounds – No

Walls – Friends & Neighbours in Jazz“. Zum

20jährigen Jubiläum des Mauerfalls wurden

bedeutende Bands aus Vergangenheit

und Gegenwart eingeladen sowie viel miteinander

improvisiert und diskutiert. Die

umfangreiche Liste der beteiligten Musiker

umfasste das Marcin Wasilewski Trio,

das polnische Quintett Kattorna mit dem

deutschen Gastkollegen Ernst-Ludwig Petrowsky

(Saxofon), das Silke Eberhard Trio

mit Adam Pieronczyk, Mateusz Kolakowski

(Solo-Piano), das Zbigniew Namyslowski

Quintett, das Friedhelm Schönfeld Trio plus

Lev Shpigel (Trompete), die Ulrich Gumpert

Workshop Band, Vitold Rek als Solobassisten,

das amerikanisch-polnische Billy

Harper - Piotr Wojtasik Quintet, das Kayla

Quintett sowie den Klarinettisten Theo Jörgensmann

mit den Oles-Zwillingen Marcin

am Bass und Barolomej am Schlagzeug.

Bereits mehrere CDs hat dieses länderübergreifende

Trio vorgelegt.

An der Planung dieses von der Öffentlichen

Hand wesentlich unterstützten Festivals

beteiligt war der vielfältig engagierte

Leipziger Publizist Bert Noglik, der am 10.

September 2008 im Polnischen Institut seiner

Heimatstadt das „Silberne Verdienstkreuz

der Republik Polen“ erhielt. „Mit dem

Verdienstkreuz werden Bürger geehrt, die

sich besondere Verdienste um den polnischen

Staat und seine Bürger mit Taten erworben

haben, die nicht zu ihren sowieso

zu erledigenden Pflichten gehören“, hieß

es in der offiziellen Presseerklärung.

Zahlreiche Jazz-Aktivitäten entfalteten

bereits 1997/98 die „Baden-württembergisch/

Polnischen Kulturbegegnungen“.

„Kinderkreuzzug“, „Children Song“,

„Oberek“ und „W olszynie“ - so heißen

einige Stücke, die in den Ludwigsburger

„Bauer Studios“ digital auf Band gebannt

wurden. Bernd Konrad, Professor an der

Stuttgarter Musikhochschule, bekam vom

Land Baden-Württemberg Geldmittel zugewiesen,

um ein deutsch-polnisches Jazzensemble

zu formieren. Vor einem Auftritt

bei Stuttgarts „Südpool-Sommer-Festival“

bewerkstelligte das binationale Quintett

digitale Aufnahmen, die dann im Radio gesendet

wurden. Zu einer spekulierten Plattenproduktion

kam es leider nicht.

Als prominenteste Persönlichkeit der

Gruppe fungierte die aus den USA angereiste

Urszula Dudziak. Zwei folkloristische

Lieder ihres Geburtslandes steuerte

Urszula Dudziak zum gemeinsamen Unternehmen

bei. Bei „Oberek“ handelt es sich

um einen rhythmisch verspielten Tanz im

Dreivierteltakt, und die eigentlich simple

Dur-Tonleiter abwärts arrangierte sie bei

„W olszynie“ („Wäldchen“) sehr lieblich und

harmonisch anheimelnd. Die Bassklarinette

von Bernd Konrad und das Flügelhorn

von Herbert Joos gelangten mit der instrumental

geführten Stimme zu einer homogenen

Innigkeit.

Bei dem Werk „Kinderkreuzzug“ erinnerte

sich Saxofonist Konrad des gleichnamigen

Gedichts von Bertolt Brecht. Dieses erschütternde

Poem beginnt mit den Worten:

„In Polen, im Jahr Neununddreißig/ War

eine blutige Schlacht/ Die hatte viele Städte

und Dörfer/ Zu einer Wildnis gemacht./

Die Schwester verlor den Bruder/ Die Frau

den Mann im Heer/ Zwischen Feuer und

Trümmerstätte/ Fand das Kind die Eltern

nicht mehr.“ Den Inhalt und die Atmosphäre

der Brecht-Lyrik wollte Bernd Konrad dabei

nachzeichnen.

„Statt mit Chopin im Programm nach

Berlin zu reisen, brachte Polens Präsident

einen aufregenden jungen Pianisten mit.

Mit ebenso wilden wie virtuosen Improvi-

sationen begeisterte der 33-jährige Leszek

Mozdzer sein Publikum. Da konnte nicht

einmal der Applaus für die Umarmung von

Köhler und Kwasniewski mithalten“ – So

berichtete euphorisch die ansonsten kritische

„taz“ über die feierlich-prominente Eröffnungsveranstaltung

des „Deutsch-Polnisches

Jahres“ im April 2005. Auch zum

fulminanten Abschluss vom „Polnischen

Mai“ wenige Wochen später in Stuttgart

war der aus Danzig stammende Tastenkünstler

zur Stelle. Sein Bassist Olo Walicki

und der in München geborene und derzeit

in Berlin lebende Schlagzeuger Maurice de

Martin schlugen im Theaterhaus-Konzert

gleichfalls filigran sehr melodiöse und weiche

Töne an. Letztendlich ein homogenes

Trio, bei dem – trotz des reichhaltigen Notenmaterials

– komponierte Parts und Improvisationen

fließend ineinander übergingen.

Lyrische Balladen waren bestimmend.

Leszek Mozdzer auf die Frage nach seinen

Erfahrungen in Deutschland: „Ich habe

mit vielen deutschen Musikern zusammengearbeitet.

Die Musiker sind wie eine

riesige Familie, wir haben eine glänzende

Kommunikation miteinander. Ich mag die

Der Bassist Vitold Rek Foto: Kumpf

Art und Weise, wie in Deutschland Musik

organisiert wird. Es stehen ziemlich gute

Pianos zur Verfügung, es gibt grandiose

Konzertsäle.“

Mit mehreren Performances bereicherte

das von der Philologin und Übersetzerin

Katarzyna Kumpf angeführte Projekt

Polnische Lyrik & Jazz“ die Kulturbegegnungen

1997/98 im Südweststaat. Musikalisch

unterstützt wurde die Rezitatorin

24 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 25


KULTUR KULTUR

von ihrem Ehemann Hans Kumpf (Klarinette,

Theremin) und dem bereits erwähnten

Vitold Rek. Unter seinem eigentlichen

Namen Witold Szczurek hatte der Kontrabassist

seine Karriere in Polen begonnen,

in Deutschland erhoffte sich der in Krakau

(unter Penderecki) ausgebildete Saitenvirtuose

jedoch mehr künstlerische Anregungen.

Längst hat er sich hierzulande als

Virtuose, als Dozent und als Festivalleiter

in Frankfurt etabliert.

Auf Initiative von Bert Noglik formierte

Rek - in Anlehnung dessen erfolgreichen

Quartetts „East West Wind“ - eigens für

die Leipziger Jazztage am 8. Oktober 1998

eine „Polish German Jazz Connection“.

Mit dabei waren wiederum der Saxofonist

Adam Pieronczyk sowie Janusz Stefanski

(Schlagzeug) und Corinna Danzer (Saxofon).

Die Kritik lobte sodann die enorme

Spielfreude des länderübergreifenden Unternehmens.

2005 (im Deutsch-Polnischen

Jahr!) gar hatte das Festival in der Bach-

Stadt das jazzende Polen zum dominierenden

Thema.

Unzählig sind inzwischen die deutschpolnischen

Jazz-Aktivitäten geworden. Und

dies spricht für sich. Grazyna Wanat beispielsweise

entwickelte erstmals 2008 die

kompakte Konzertreihe „Polen-Allergie“,

welche mit hochwertigem Jazz etwaige

Vorurteile gegenüber dem Nachbarland

bekämpfen will. Das in der Franken-Metropole

sehr aktive Kulturzentrum „Krakauer

Haus“ zeichnet für diese Veranstaltung verantwortlich.

Tomasz Stanko (aufgewachsen

in Nürnbergs Partnerstadt Krakau),

Pink Freud, Aga Zaryan, Filip Wisniewski,

Leszek Mozdzer und weitere Künstler aus

Polen gaben sich bislang ein swingendes

Stelldichein.

In Darmstadt hat nicht nur das Deutsche

Polen-Institut seinen Sitz, sondern auch

das auf das Joachim-Ernst-Berendt-Archiv

zurückgehende Jazzinstitut. Es lag natürlich

nahe, interdisziplinär zu kooperieren.

So wurden dort beispielsweise Mitte 2010

Ausstellungen mit jazzimpressionistischen

Malereien von Mira und Alex Fleischer

sowie eine Festivaldokumentation von

Breslaus „Jazz nad Odra“ gezeigt. Schon

1985 hatte es im kulturell stets aktiven

Darmstadt eine konzertmäßige Neuauflage

der Berendt-Produktion mit polnischer

Lyrik (meisterhaft rezitiert von Gert Westphal)

und Jazz gegeben. Als Interpreten

der aufgefrischten Komeda-Kompositionen

beteiligten sich jetzt u.a. Leszek Zadlo,

Krzesimir Debski, Janusz Stefanski und

Adzik Sendecki. Der LP-Veröffentlichung

folgte 1997 die CD-Version „Der Walzer

vom Weltende“, erschienen bei „Litraton“

in Hamburg.

Bei diversen Partnerschaften, seien sie

bezogen auf (Hoch-)Schulen oder Kommunen,

werden auch innige Jazzbeziehungen

gepflegt. Seit 1998 existiert zwischen

Neustrelitz und Szczecinek (Neustettin)

eine Städtepartnerschaft. Bei einem Festkonzert

zum 700jährigen Bestehen von

Szczecinek taten sich auf dem dortigen

Marktplatz am 21. Juni 2010 gar 130 Jugendliche

aus den beiden Regionen zusammen,

um das extra arrangierte Auftragswerk

„Rhythmi urbani“ unter dem Dirigat

des Komponisten Krzesimir Debski uraufzuführen.

In den 80er Jahren tourte Jazzgeiger

Debski viel in Deutschland mit seiner

Formation „String Connection“, und er

erinnert sich sehr gerne an diese aufregenden

Zeiten. Mittlerweile ist er besonders

als universeller Filmkomponist bekannt.

Nach dem Vorbild der jugendlichen

deutsch-französischen Big Band wurde

auch ein Deutsch-Polnisches Jugendjazzorchester

gegründet. Der Landesmusikrat

Niedersachsen ist bei diesem völkerverbindenden

Projekt maßgeblich verantwortlich.

Professor Bernhard Mergner leitet seit

2004 das Großensemble, die in Würzburg

lebende Würzburg lebenden Komponistin

und Vokalistin Sylwia Bialas arbeitete

schon tonschöpferisch für den Klangkörper.

In Würzburg an der Musikhochschule

tätig war bis zu seiner Pensionierung der

1945 in Krakau geborene Saxofonist Leszek

Zadlo. 2003 wurde der Jazzvirtuose

zum Professor ernannt, an seinem Wohnort

München übt Zadlo das Ehrenamt des

Vorsitzenden derGesellschaft zur Förderung

der deutsch-polnischen Verständigung

e.V.“ aus. 1986 galt der Pole mit dem

deutschen Pass sogar als der „erste offizielle

Jazzlehrer in Bayern“. Außerhalb von

Musikhochschulen bewährte sich Zadlo als

erfahrener Dozent bei freien Jazzkursen,

sowohl in Deutschland als auch in Polen.

Dass immer wieder gemeinsame instrumentale

Fortbildungen stattfinden, dient

erst recht der Völkerverständigung. Aber

der Jazz gilt eo ipso als eine internationale

Musik, als eine Sprache weitgehend ohne

Kommunikationsschwierigkeiten.

Es gibt freilich einen polnischen „Exportüberschuss“

in punkto Gastspielreisen zu

verzeichnen. Weit mehr polnische Musiker

jazzen in Deutschland als dass deutsche

Jazzer in Polen auftreten. Immerhin: Im

Chopin-Jahr 2010 wurde dem gefeierten

National-Komponisten eine ganz beson-

dere Ehre zuteil - der Kölner Trompeter

Markus Stockhausen, jazzender Sohn des

avantgardistischen Tonschöpfers Karlheinz

Stockhausen, interpretierte zusammen mit

dem Pianisten Adzik Sendecki am 4. August

im Warschauer Lokal „Palladium“ etliche

Werke des Romantikers. 13 Tage später

konzertierte Sendecki mit deutschen

Kollegen nochmals in Warschau. Als regulärer

Tastenmann der Big Band des Norddeutschen

Rundfunks beteiligte er sich im

Sala Kongresowa bei dem Programm „Bobby

meets Chopin“ mit dem populären Vokalsolisten

Bobby McFerrin. Im Mai 1911

wurde Sendecki mit dem Hamburger Musikpreis

ausgezeichnet, was natürlich auch

in seiner Heimat vermerkt wurde.

Nicht zum ersten Mal hatte dabei das experimentierfreudige

Jazzorchester des NDR

mit Polen zu tun. So führte es 2006 mit

dem Saxofonisten Jan Ptaszyn Wroblewski

als Stargast die Produktion „Jazz from

Poland“ durch. Neben Wroblewski-Kompositionen

wurden auch Stücke von Tomasz

Stanko und Krzysztof Komeda gespielt.

Von dem legendären Komeda (1931-1969)

kam nochmals „Astigmatic“ zum Zuge. Die

Originalversion mit dem Quintett des großen

Filmkomponisten wird in Polen als die

beste einheimische Plattenproduktion aller

Zeiten gewertet. Und hierbei beteiligt war

auch ein Deutscher: Günter Lenz, der als

Mitglied des Albert Mangelsdorff Quintetts

1965 beim „Jazz Jamboree“ gerade einen

Auftritt absolviert hatte, konnte kurzfristig

als Aushilfsbassist gewonnen und ins Studio

geholt werden. Die Abonnenten vom

„Jazz Forum“ bekamen die am 25. Mai

2006 in Hamburg gefertigten Tonaufzeichnungen

von „Jazz from Poland“ auf CD verewigt

kostenlos mit dem September-Heft

des gleichen Jahres geliefert.

„Polen tut Europa gut“ konstatierte Anfang

Dezember 2010 in Warschau Bundespräsident

Christian Wulff. Für den Jazz

bedeutet Polen längst ein Glücksfall, darf

man hinzufügen. Zu Zeiten des Kalten Krieges

wurden besonders in und von Warschau

aus die swingenden Bande zwischen

Ost und West geknüpft und gepflegt. Heutzutage

ist unaufgeregte Normalität eingetreten.

In Zeiten vom gemeinsamen Europa

und des Schengen-Abkommens können

auch Jazzer unbeschwert hin- und herreisen

– dies eben ohne lästige Visumspflicht

und ohne Ärger mit argwöhnischen Zollbehörden,

wenn es um den leidigen Instrumententransport

geht.

Kunstperformance im und am Zug

Kraków-Berlin XPRS

Von Karl Forster

Stellen Sie sich einmal vor, sie sitzen bequem

im Eurocity Wawel von Kraków nach

Berlin. Plötzlich stürmen einige Maskierte

ind den Zug, machen Lärm, oder Musik,

tanzen. Da kann es schon etwas dauern,

bis sie verstehen: Das ist eine Kunstaktion.

Die Landschaft, die sie auf dieser Fahrt

durchqueren, die Orte wie Katowice/Kattowitz,

Gliwice/Gleiwitz, Opole/Oppeln,

Wroclaw/Breslau, Legnica/Liegnitz haben

für Polen wie auch für Deutschland

eine besondere historische, politische

und kulturelle Bedeutung. Sie bilden einen

Fundus an Geschichten, die ein polnischdeutsches

Team im Auftrag des Maxim

Gorki Theaters Berlin und des Narodowy

Stary Teatr Kraków über mehrere Monate

zusammengetragen hat.

Unter der künstlerischen Leitung des Regisseurs

und Intendanten des Maxim Gorki

Theaters Berlin, Armin Petras, wurden die

Ergebnisse dieser Recherche von Schauspielern

beider Ensembles gemeinsam

mit lokalen Partnern und Kulturinitiativen

während einer Fahrt mit dem EC 340 von

Kraków nach Berlin im Sommer zur Aufführung

gebracht.

Bahnhof Źary: Siegerehrung im Armdrücken-

Wettbewerb. Foto: Natascha von Steiger

„Wir hoffen, dass Sie auf dieser Reise weder

eine Verspätung noch eine Beschleunigung

erleben“, so Michał Olszewski, Autor,

Schriftsteller und Mitorganisator des

Projekts zu den Reisenden, als sich der

Bahnhof Bolesławiec: der Gründer der „Glinoludy“

Bogdan Nowak. Foto: Natascha von Steiger

Zug am Samstag um 7.30 auf seinen Weg

machte. Verabschiedet wurde er dabei von

Orchesterklängen… Kaiser Franz und der

Schauspielerin Helena Modrzejewska.

Ungewöhnliche, besondere Gäste, traf

man auf dieser ungewöhnlichen Zugfahrt

eine ganze Menge. Meist verkörperten

Schauspieler Rollen aus bekannten literarischen

Vorlagen.

Literarisch und sportlich ging es in einem

anderen Wagen zu, in welchem Thomas Urban

sein Buch über die deutsch-polnischen

Beziehungen im Fußball präsentierte. Mit

unglaubwürdigem Staunen hörten die Versammelten

über das abgesprochene Spiel

im Jahre 1927, als wenig fehlte, und eine

deutsche Mannschaft polnischer Meister

geworden wäre.

Plötzlich lautes Getöse, als der Zug am

Transparent „Zabrze begrüßt den General

De Gaulle“ vorbeifuhr.

Dieser Charles De Gaulle stieg kurz zuvor

in den Zug, wo der Gefeierte den Zugführer

begrüßte, welchen er an seinen früheren

Besuch erinnerte, wo er die bis heute bekannten

Worte über die besondere Polenheit

der Schlesier äußerte. Im Zug fanden

weitere, unzählige Attraktionen statt: ein

Armdrückerturnier, Treffen mit der Jugend

aus Kędzierzyn-Kożle, welche sich für die

Menschenrechte einsetzt, Workshops bei

welchem man aus Niveadosen Kameras

bauen konnte, Recital der Lieder aus Opole,

Filmvorführungen und Modevorführungen

und noch viele andere Vorstellungen.

Eine unterhaltsame Zugfahrt, wenn auch

mit kleinen „Störungen“. Eine Schulklasse

hatte wohl wenig Interesse für die laufende

Performance und störte beim Einstieg die

Veranstaltung. Schließlich wollten sie einfach

nur Zug fahren. Und die Performance

der Bahn passte auch nicht so ganz: 45 Minuten

Verspätung, so ganz ohne Unterhaltungsprogramm.

Doch Schade, daß eine

solche Kunstaktion wohl einmalig bleibt.

Unser Tipp:

Erstmals erscheint auf dem deutschen

Markt ein Sprachkalender zur polnischen

Sprache.Die Blätter dieses abwechslungsreich

gestalteten Abreißkalenders präsentieren

Dialoge, Redewendungen, Sprichwörter

oder Zitate, kurze Grammatik- oder

Wortschatzübungen sowie wissenswerte

Fakten zur Landeskunde. Zudem sind die

Namenstage und Sternzeichen in den Kalender

eingetragen.

Diese Mischung aus Information, Unterhaltung

und Übung bietet täglich eine

Gelegenheit, das Sprachvermögen oder

die Kenntnisse über Land und Leute spielerisch

und zugleich systematisch zu erweitern.

Übersetzungen, Lösungen und

Vokabelhilfen auf den Blattrückseiten garantieren

einen effektiven Lernerfolg.

Aleksandra Malchow / Erik Malchow

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26 POLEN und wir 4/2011 POLEN und wir 4/2011 27


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Verlag Deutsch-Polnische Gesellschaft

der Bundesrepublik Deutschland

c/o Manfred Feustel

im Freihof 3, 46569 Hünxe

28 POLEN und wir 4/2011

Liebe Leserin, lieber Leser

Wenn an dieser Stelle kein Versandetiket klebt,

sind Sie vielleicht noch kein Abonnent

unserer Zeitschrift. Das sollte sich ändern.

Für nur 12 Euro pro Jahr erhalten Sie

POLEN und wir frei haus.

Bestellung an nebenstehende Anschrift.

Terminvormerkung:

War die „Vertreibung“ Unrecht?

Freitag, 17. Februar – Samstag, 18. Februar 2012

Die Umsiedlungsbeschlüsse des Potsdamer Abkommens

und ihre Umsetzung in ihrem völkerrechtlichen

und historischen Kontext sind das Thema

einer Tagung an der Freien Universität Berlin.

Noch fehlt die endgültige Bestätigung der Finanzierung

der Tagung. Geht alles klar, veröffentlichen

wir in der Januar-Ausgabe das ausführliche Programm

und die Anmeldemöglichkeiten.

Bitte merken Sie sich jedoch bereits den Termin

vor.

Deutsch-Polnische Gesellschaft der

Bundesrepublik Deutschland e.V.

Bitte helfen Sie uns:

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von 1000 Euro. Damit können wir eine Ausgabe

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