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LOGin Año en revisión 2020

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Post-Corona-Logistik<br />

Wie könnte die Logistik<br />

nach Corona ausseh<strong>en</strong>?<br />

Desafortunadam<strong>en</strong>te, la <strong>en</strong>trevista solo está disponible <strong>en</strong> alemán.<br />

INTERVIEW<br />

Prof. Dr. Stefan Iskan<br />

Herr Prof. Dr. Iskan, wir k<strong>en</strong>n<strong>en</strong> Sie als Logistikexpert<strong>en</strong><br />

mit großer Begeisterung für<br />

diese Branche. Was g<strong>en</strong>au fasziniert Sie<br />

eig<strong>en</strong>tlich so an der Logistik?<br />

Ich komme aus einer Speditionsfamilie. Das ist<br />

eine brutale Macher-Branche getrieb<strong>en</strong> vom<br />

Mittelstand, die sich durch Fleiß, Kund<strong>en</strong>ori<strong>en</strong>tie-rung<br />

und Mut behaupt<strong>en</strong> muss. „Technokrat<strong>en</strong>“<br />

und „Mikro-Controller“, wie wir sie nur<br />

zu oft in d<strong>en</strong> Konzern<strong>en</strong> find<strong>en</strong>, hab<strong>en</strong> hier<br />

keine Chance. Logistik ist eine Funktion, die<br />

im militärisch<strong>en</strong>, wirtschaftlich<strong>en</strong> und zivil<strong>en</strong><br />

Bereich höchst systemrelevant ist und der<strong>en</strong><br />

Bedeutung für die allermeist<strong>en</strong> M<strong>en</strong>sch<strong>en</strong><br />

wohl erst so richtig jetzt in der Corona-Krise<br />

bewusst geword<strong>en</strong> sein dürfte. Gesellschaftspolitisch<br />

geächtet flieg<strong>en</strong> wir jedoch unter<br />

dem Radar der breit<strong>en</strong> Öff<strong>en</strong>tlichkeitswahrnehmung.<br />

Doch als Architekt<strong>en</strong> der international<strong>en</strong><br />

War<strong>en</strong>- und Person<strong>en</strong>ströme steh<strong>en</strong> wir<br />

Logistiker an der vorderst<strong>en</strong> Front der Globalisierung.<br />

Die M<strong>en</strong>sch<strong>en</strong>, die weltweit in unserer<br />

faszinier<strong>en</strong>d<strong>en</strong> Branche arbeit<strong>en</strong>, sind wie<br />

Fühler. Fühler, die selbst in d<strong>en</strong> <strong>en</strong>tleg<strong>en</strong>st<strong>en</strong><br />

Region<strong>en</strong> dieser Welt Informatio-n<strong>en</strong> frühzeitig<br />

wahrnehm<strong>en</strong> und weiter transportier<strong>en</strong><br />

könn<strong>en</strong>. Was diese Logistik-Fühler mit dem<br />

Coronavirus zu tun hab<strong>en</strong>, das beschreibe ich<br />

in meinem neu<strong>en</strong> Buch „Corona in Deutschland“.<br />

Konnt<strong>en</strong> Sie diese Euphorie währ<strong>en</strong>d der<br />

bisherig<strong>en</strong> Kris<strong>en</strong>-Monate bewahr<strong>en</strong>?<br />

Es stimmt schon: wir durchleb<strong>en</strong> eine Zeit, in<br />

der viele Mitm<strong>en</strong>sch<strong>en</strong> auf unserer Welt nicht<br />

unbedingt vor Zuversicht so strotz<strong>en</strong>. Und<br />

doch möchte ich zu d<strong>en</strong> LogCoop-Mitgliedern<br />

mit voller Wucht sag<strong>en</strong>:<br />

Nie war es besser möglich als jetzt, sich zukunftsfähig<br />

zu mach<strong>en</strong>. Mit voller Entschloss<strong>en</strong>heit<br />

und brutalem Leadership. Bis vor<br />

kurzem noch musste man die Komfortzon<strong>en</strong><br />

unter d<strong>en</strong> Führungskräft<strong>en</strong> und Schlüsselmitarbeitern<br />

aufbrech<strong>en</strong>. Diese Komfortzone ist<br />

durch die Corona-Krise gefall<strong>en</strong>. Eine Steilvorlage<br />

für jed<strong>en</strong> Leader, um jetzt sein digitales<br />

Industrialisierungs-Programm von inn<strong>en</strong> heraus<br />

mit voller Durchzugsstärke umzusetz<strong>en</strong>.<br />

Das macht mich euphorisch und voller Tat<strong>en</strong>drang.<br />

Wie bewert<strong>en</strong> Sie zurzeit die wirtschaftliche<br />

Situation für Spediteure und Logistikdi<strong>en</strong>stleister?<br />

Und wie begründ<strong>en</strong> Sie Ihre<br />

Einschätzung?<br />

Ich beschreibe das sehr g<strong>en</strong>au in meinem<br />

aktuell<strong>en</strong> Buch „Corona in Deutschland – Die<br />

Folg<strong>en</strong> für Wirtschaft, Gesellschaft und Politik“.<br />

Vor 2023 werd<strong>en</strong> wir kein Vorkris<strong>en</strong>-Niveau<br />

mehr erreich<strong>en</strong>. Da darf uns auch das geg<strong>en</strong>wärtige<br />

Anzieh<strong>en</strong> von Volumina in einzeln<strong>en</strong><br />

Segm<strong>en</strong>t<strong>en</strong> nicht hinweg täusch<strong>en</strong>.<br />

Ohnehin müss<strong>en</strong> wir einfach festhalt<strong>en</strong>, dass<br />

wir uns in Deutschland seit Sommer 2018 bereits<br />

in einer Rezession befund<strong>en</strong> hab<strong>en</strong>. Getrag<strong>en</strong><br />

wurd<strong>en</strong> wir doch nur noch vom Konsum<br />

und dem Bausektor. Und hier hat sich<br />

die Transport- und Logistikbranche auf d<strong>en</strong><br />

Volumina der Hochkonjunktur aus 2011 bis<br />

2018 nur noch ausgeruht. Zu hör<strong>en</strong> war bis<br />

vor kurzem noch; „Wir seh<strong>en</strong> zwar rückläufige<br />

Volumina. Doch das ist nicht weiter schlimm.<br />

Jetzt könn<strong>en</strong> wir auch einmal durchatm<strong>en</strong>.“<br />

Und die gleich<strong>en</strong>, die das noch sagt<strong>en</strong>, war<strong>en</strong><br />

dann im März und April <strong>2020</strong> bettelnd auf der<br />

Suche nach dem „Toilett<strong>en</strong>-Papier“. Damit sie<br />

überhaupt noch Ladung hatt<strong>en</strong>, um für etwas<br />

mehr als erniedrig<strong>en</strong>de 50 C<strong>en</strong>t pro gefah-r<strong>en</strong><strong>en</strong><br />

Kilometer ihre schwer<strong>en</strong> Sattelzüge über<br />

die Autobahn<strong>en</strong> beweg<strong>en</strong> zu dürf<strong>en</strong> – w<strong>en</strong>n<br />

sie d<strong>en</strong>n ihre Flott<strong>en</strong> nicht schon längst auf<br />

dem Hof geparkt hatt<strong>en</strong>.<br />

G<strong>en</strong>erell gesproch<strong>en</strong>: D<strong>en</strong>k<strong>en</strong> Sie, dass Corona<br />

sich langfristig eher positiv oder negativ<br />

auf die Branche auswirk<strong>en</strong> wird?<br />

Wir als Branche geh<strong>en</strong> jetzt erst einmal g<strong>en</strong>auso<br />

mit runter. Um dann aber, anders als viele<br />

andere Branch<strong>en</strong>, noch stärker als Wachstums-<br />

und Zukunftsbranche Deutschlands<br />

dazusteh<strong>en</strong>. Das sage ich hier mit voller Überzeugung.<br />

Transport und Logistik ist eine der<br />

Zukunftsbranch<strong>en</strong> Deutschlands. Wir nehm<strong>en</strong><br />

eine Schlüsselrolle in einem industriepolitisch<br />

gewollt<strong>en</strong> Umbauprozess hin zu einer Industrie<br />

4.0 Welt ein. Freilich: auch unsere Branche<br />

ist jetzt von Kurzarbeit, Arbeitsplatzverlust<strong>en</strong>,<br />

Insolv<strong>en</strong>z<strong>en</strong> oder gar Übernehm<strong>en</strong> nicht verschont.<br />

Doch w<strong>en</strong>n Deutschland Zukunftsbranch<strong>en</strong><br />

hat, dann sind wir eine davon. Definitiv.<br />

Neb<strong>en</strong> IT, Def<strong>en</strong>ce, Pharma oder Food.<br />

Von daher sehe ich die Corona-Krise für unsere<br />

Branche auch als ries<strong>en</strong> Chance. Eine Chance,<br />

viele M<strong>en</strong>sch<strong>en</strong> auf unsere faszinier<strong>en</strong>de<br />

Branche aufmerksam zu mach<strong>en</strong> und für die<br />

neu<strong>en</strong> Berufsprofile zu begeistern. Und im<br />

Übrig<strong>en</strong> wird es keine Deglobalisierung oder<br />

ein Ende von Just-in-Time geb<strong>en</strong>.<br />

Schau<strong>en</strong> wir mal speziell auf d<strong>en</strong> Mittelstand.<br />

Seh<strong>en</strong> Sie dies<strong>en</strong> gut aufgestellt,<br />

um durch die Krise zu komm<strong>en</strong>? Warum<br />

(nicht)?<br />

Ich sehe überhaupt kein<strong>en</strong> Grund, weshalb ich<br />

zwisch<strong>en</strong> Mittelstand und Konzern unterscheid<strong>en</strong><br />

sollte. Ich bleibe dabei. Die Corona-Krise<br />

bietet ein<strong>en</strong> Schatz an Chanc<strong>en</strong>. Für d<strong>en</strong> Staat.<br />

Für die Unternehm<strong>en</strong>. Aber auch für jed<strong>en</strong><br />

einzeln<strong>en</strong> von uns! Für diej<strong>en</strong>ig<strong>en</strong> Logistikbetriebe,<br />

die gut aufgestellt sind – und ich meine<br />

das im Sinne von Finanz<strong>en</strong> und Technologie<br />

– für die werd<strong>en</strong> sich jetzt in der Corona-Krise<br />

neue Chanc<strong>en</strong> eröffn<strong>en</strong>. Chanc<strong>en</strong>, Startups,<br />

Technologi<strong>en</strong> oder tolle Unternehm<strong>en</strong> zu<br />

übernehm<strong>en</strong>.<br />

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