Konvikt-Aufsatz 1.pdf - Johannes Chwalek - Veröffentlichungen

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Konvikt-Aufsatz 1.pdf - Johannes Chwalek - Veröffentlichungen

Johannes Chwalek

Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim

Erster Teil: 1888-1939

Vorbemerkung

Das Bischöfliche Knabenkonvikt Bensheim bestand von 1888 bis 1981, also fast

hundert Jahre, wenn man davon absieht, dass es während des Zweiten

Weltkriegs geschlossen war, weil das Haus als Lazarett dienen musste. 1 Der

ursprüngliche Zweck der Einrichtung war ein religiöser und stand im Dienst einer

Förderung des Priesternachwuchses. 2 Das 1950 wiedereröffnete Konvikt konnte

nicht mit Selbstverständlichkeit an die alten Ziele anknüpfen, doch überdauerte

der Charakter einer religiösen Erziehungseinrichtung. Das Wohninternat mit

seiner überwiegend gymnasialen Schülerschaft blieb ein charakteristischer Teil

des vielfältigen Bensheimer Schulwesens. Als die Erziehungsarbeit in den

1970er Jahren im Geist der Zeit modernisiert wurde und sich das Haus zu einem

Vorzeigeinternat 3 zu entwickeln schien, war es andererseits moralisch am

stärksten bedroht. Die Anfang des Jahres 2010 offenbar gewordenen

Missbrauchsfälle der 1960er und 70er Jahre werden aber in ihrer Belastung der

Gesamtgeschichte des Konvikts mit seiner differenzierten und überwiegend

segensreichen Wirkung nicht gerecht. Hier ist insbesondere die pädagogische

Leistung hervorzuheben, die das Konvikt für Schüler erbrachte, die aus

schwierigen und sozial benachteiligten familiären Verhältnissen kamen. 4

Der vorliegende Bericht umfasst sieben Rektorate 5 von insgesamt fünfzehn und

stützt sich auf Archivmaterial, Literatur und Gesprächsaufzeichnungen, welche

das Konviktsleben aus der Sicht der Erzieher und anderer Erwachsener zeigen.

Angesichts der Tatsache, dass die überwiegende Mehrheit der

Konviktsgemeinschaft Schüler gewesen sind, mag dies einseitig erscheinen.

Allerdings sind mir keine Dokumente aus Schülerhand bekannt, die das Leben

jener Jahre im Konvikt zum Inhalt hätten und als Additum oder Korrektiv der

offiziellen Dokumente gelten könnten . 6

Die Gliederung beinhaltet die Rubriken „Erziehungsabsicht“; „Wirtschaftliche und

andere Nöte“ (besonders in der Inflationszeit Anfang der 1920er Jahre);

„Konflikte“ (mit Schülern und Eltern); „Eine Besonderheit: die angegliederte

Privatschule in den 1920er und 30er Jahren“ und „Zeitreflexe im Konviktsleben“

(besonders Erster Weltkrieg und NS-Zeit bis 1939).

Es versteht sich, dass auf knappem Raum nur Beispiele für die jeweiligen

Themen gegeben werden können; die Absicht der nachstehenden Zeilen wäre

erreicht, wenn aus Streiflichtern ein Gesamtbild sich formte oder wenigstens ein

Eindruck sich vermittelte von den erzieherischen Idealen und Alltagssorgen des

Bensheimer Konvikts in den ersten 51 Jahren seines Bestehens.

Mein Dank gilt Franz Josef Schäfer für die Anregung zur vorliegenden Arbeit und

darüber hinaus für wertvolle Hilfen; dem langjährigen Bürgermeister der Stadt

Bensheim Georg Stolle, der mich im Oktober 2010 ins ehemalige Konvikt einlud

und mir ein Gespräch gewährte, das insbesondere deshalb von Bedeutung war,

weil er selbst ab 1950 Schüler des Hauses gewesen ist; nicht zuletzt den

Mitarbeitern des Dom- und Diözesanarchivs Mainz, des Hessischen


Staatsarchivs Darmstadt und des Stadtarchivs Bensheim. Schließlich danke ich

Lina Schilke für ihre Geduld, mir die Vorzüge moderner Textverarbeitung und

Dokumentenverwaltung nahe zu bringen.

Erziehungsabsicht

Die religiöse Erziehung gehörte zur Gründungsidee des Hauses, über die in den

Jahresberichten der Rektoren auf breitem Raum reflektiert wurde. Diese

Rektoren waren im Zeitraum unseres Berichtes – und noch darüber hinaus bis

zum Sommer 1971 – Geistliche, denen Subrektoren assistierten, die ebenfalls

geistlichen Standes waren. Eine hauseigene Kapelle stand für den – in den

Anfangsjahren – täglichen Gottesdienst bereit und versammelte die

Konviktsgemeinschaft zum Morgen- und Abendgebet. Der streng geregelte

Tagesablauf, der sich in Jahrzehnten nur unwesentlich veränderte, sollte

einerseits den Schulerfolg garantieren, andererseits aber auch Selbstdisziplin

und innere Einkehr fördern. Wenn Schüler Neigungen zum Priesterberuf

erkennen ließen oder in den Augen der Erzieher dazu Hoffnung gaben,

vermerkte dies der Rektor schon für die unteren Klassen; der Studienwunsch

Theologie eines Oberprimaners wurde mit Genugtuung ans Bischöfliche

Ordinariat in Mainz gemeldet. Neben der täglichen religiösen Unterweisung in

Form von Gottesdienst und Gebet nahmen religiöse Feste im Jahresrhythmus

einen weiteren wichtigen Rang ein; zudem wurden religiöse Lehrstunden und

Exerzitien abgehalten, welche die Schüler über mehrere Tage dem Gebet und

der Besinnung verpflichteten. Aus all dem wird der Geist einer Erziehung

deutlich, welche das Leben der Schüler immer stärker an das katholische

Bekenntnis zu binden suchte. Als im Jahr 1905 unter dem Rektorat von Johann

Laurentius Brück 7 die neue Glocke für das Türmchen auf der Kapelle „nach dem

feierlichen Hochamt [...] die kirchliche Weihe“ erhielt, erinnerte Domkapitular Dr.

Selbst 8 aus Mainz die Zöglinge an „die Bedeutung der Glocke als Stimme Gottes,

die weckt vom Schlafe der Trägheit wie der Sünde, die zum Gebet und zur Arbeit

ruft und die die Freudenbotschaft der Erlösung verkündet“. 9 Damit wurde ein

universeller Anspruch erhoben im Zeichen des Glaubens; der einzelne sollte sich

in seiner Hinfälligkeit ebenso wie in seinem alltäglichen Dasein und seiner

höchsten Hoffnung Gott unterstellen. Einige Beispiele mögen illustrieren, dass

es sich dabei nicht nur um Festtagsworte handelte:

In den ersten Jahrzehnten des Bensheimer Konvikts ist eine ausgeprägte

religiöse „Feiertätigkeit“ zu bemerken. Die Namenstage des Rektors und

Subrektors wurden feierlich begangen, wofür das Programm am 18. März 1934

für Rektor Josef Schneider einen Eindruck vermittelt:

„1. Mozart: Klavier Trio (aus der 2. Symph.),

2. Gänsekantate (H. v. Fallersleben)

3. Gedicht,

4. Bach: Satz aus einer Lauten Suite,

5. Gratulationsrede (Willi Mettra),

6. Erste Variation aus dem Kaiser-Quartett

7. ‚Drei Gäns im Haberstroh’

8. Mozart: Klavier Trio (aus der 3. Symphonie)

Als Namenstagsgeschenk gaben wir: ‚Jesus Christus’ von Karl Adam.“ 10

Das Titularfest der Konviktskapelle war das Herz-Jesu-Fest. Dazu heißt es in der

Chronik für 1932: „Am Abend des 2. Juni hielt H.H. Kaplan Deuster 11 (Worms

Dom) die Predigt über: ‚Herz Jesu, König und Mittelpunkt aller Herzen, erbarme

dich unser!’ Derselbe Herr zelebrierte auch um 5.50 h des Festtages selbst das

feierliche levitierte Hochamt. Mittags gabs fleischloses Festessen: Suppe,

Weckschnitten, Eier mit Gemüse, Nachtisch und Wein. Dieses hochfeudale

Festessen wurde noch schmackhafter gemacht durch die berückenden Töne, die

ein kleines Orchester auf dem Klavier und den Violinen hervorzauberte. (Klavier:


Kiefer, Violine: Schäffer, Itzel, Hofmeister) Beschlossen wurde der Tag durch ein

abendliches Konzert unserer Blechmusikkapelle im Hof.“ 12

Die Jahreschroniken des Konvikts vermerken Fastenpredigten (gehalten vom

Rektor und Subrektor), tägliche Maiandachten am Abend, Advents-, Nikolausund

Weihnachtsfeiern. 13 Auch Exerzitien wurden abgehalten, also Gebete und

religiöse Betrachtungen über das sonst übliche Maß hinaus. Für das Jahr 1933

vermerkte Rektor Schneider in der Chronik: „In diesem Jahr wurden auch wieder

einmal Exerzitien für die Schüler von Untertertia aufwärts gehalten. (vom 27.

Oktober bis 2. Nov.) Exerzitienmeister war der ehemalige Zögling unseres

Konviktes der H. H. P. Georg Gensert S. J. 14 aus Ludwigshafen a. Rh. 4 Vorträge

wurden täglich gehalten. Durch die interessante, packende, manchmal mit Humor

gewürzte Weise seines Vortrages verstand es der Pater, die Exerzitanten mit den

Wahrheiten unseres hl. Glaubens wieder enger vertraut zu machen. Sicher

wurde in diesen Tagen manches gute Samenkorn in fruchtbares Erdreich

eingesenkt und mancher gute Vorsatz gefasst. Das Verhalten und der Eifer

waren recht gut.“

Als „Ehrentag des Hauses“ galten im Konvikt die Besuche des Mainzer Bischofs,

etwa im Anschluss an Firmungen in der Stadtkirche. Am 13. Juni 1932 wurde

Bischof Dr. Ludwig Maria Hugo vom Rektor vor dem Portal „mit begeisterten

Worten“ empfangen. Das „veni creator spiritus“ wurde angestimmt, und in

feierlicher Prozession ging man zur Kapelle, woselbst der hohe Besuch eine

Ansprache an die Zöglinge hielt. Er mahnte zu einem frommen und tugendhaften

Leben, zu einem fleißigen und gründlichen Studium. Nach Erteilung des

bischöflichen Segens wurde noch ein „kurzer Gang durch das Haus“

unternommen, bevor der „hochwürdigste Herr“ das Konvikt „unter den Klängen

unserer Blechmusikkapelle“ wieder verließ.

Den Glauben in den Alltag „hinein zu nehmen“ und zur bestimmenden

Grundhaltung der Zöglinge werden zu lassen, auch über die Konviktsjahre

hinaus, zeigt sich etwa in der Durchführung der ersten Abiturientenwoche am

Konvikt vom 6. bis 10. April 1920, wozu „ca. 70 Abiturienten und Studenten” sich

anmeldeten, „meist aus dem Mittelrheinkreis, aber auch aus Westfalen und dem

Saargebiet“. 15 In der Ankündigung war versprochen worden, „die Woche werde

über den ganzen Umkreis des akademischen Lebens, über die praktischste

Einrichtung des Studiums, über Akademikerausschüsse,

Studentenorganisationen und -Korporationen, über Mittel und Wege weiterer

Ausbildung und Fortkommens, über die Pflege des geselligen und religiösen

Lebens und der Gesundheit [...] unterrichten.“ Subrektor Gottron stellte nüchtern

fest, dass bei „manchem [...] stark mitbestimmend gewesen sein mag, „daß in

dem Plan der Woche nachmittägliche Ausflüge in die Bergstraße im Programm

mitvorgesehen waren und der Preis für Verköstigung und Verpflegung für 3 ½

Tage auf nur 20 M. berechnet war.“ In Folge der Besetzung Darmstadts und

Frankfurts durch alliierte Truppen konnte eine große Zahl von Teilnehmern,

sowohl Hörer, als auch drei Redner (die ersetzt werden mussten) nicht

erscheinen; am Ende „waren am Morgen des 7. April 37 Abiturienten und

Studenten anwesend“. Bei einem geregelten Tagesablauf mit heiliger Messe um

sieben Uhr und drei Morgenvorträgen „mit akademischen Pausen“ fanden nach

dem Mittagessen die erwähnten „Ausflüge und Spaziergänge“ statt; um 18 Uhr

folgte noch ein Abendvortrag, und nach dem Nachtessen und „gemütlicher

Unterhaltung“ ging es um einundzwanzig Uhr dreißig zu Bett. Die Vorträge

enthielten aus heutiger Sicht noch immer Bedenkenswertes sowie

Zeitgebundenes; einen Schwerpunkt bildete selbstredend die „religiöse

Fortbildung“. Neben praktischen Fragen der Organisation des äußeren

studentischen Lebens wie Wohnungssuche und –einrichtung, Verköstigung

„(Gasthaus, Pension, Privattisch, Selbstbereitung, mensa academica,

Volksküche, Freitisch)“, überhaupt der Kosten des Studiums; Stipendien,

akademische Krankenkasse usw., wurden auch „die Aussichten der


akademischen Berufe besprochen [...] und die Überfüllung durch

unwidersprochene Zahlenreihen belegt [...] da mußte es jedem klar werden, daß

nicht der zum akademischen Beruf bestimmt ist, der nach bequemer Versorgung

an der Staatskrippe trachtet, sondern nur wer in der gewählten Geistesarbeit eine

Lebensnotwendigkeit sieht, wer Idealismus genug hat, um auch über den Hunger

hinwegzukommen.“ In einem weiteren Vortrag wurde der Mensch als „ens

sociale“ angesprochen, „der eine Ergänzung seines begrenzten Einzelseins

durch die Gemeinschaft“ brauche. Die Gefahren von „Einschachtelung und

frühzeitigem Verkrusten“ durch das Alleinsein könnten heute noch ebenso

genannt werden wie die Gefahren von „Unselbständigkeit des Urteils,

Überwuchern der geselligen Veranstaltungen und Veräußerlichung durch zu

großes Betonen der äußeren Formen“ im Verbindungsleben, „die es mit jeder

größeren Gemeinschaft teilt“. Den Zeitansichten geschuldet war die einseitige

Sicht der „Bedeutung der Frau für den Mann [...] als Gattin und Mutter“; als

zeitverhaftet würde heute wohl auch die Mahnung für den katholischen

Studenten aufgefasst werden, „falsches Zeitungslesen, Romanseuche“ zu

vermeiden und das „Indexverbot“ zu beachten. Einer der Redner wies zum

Schluss seines Vortrages „noch auf Gebet und Sakramentenempfang als

Kraftquellen hin“, was die Erziehungsabsicht des Konviktes in der Empfehlung

auch noch an Studenten unterstrich.

Die religiös-moralische Erziehung im Konvikt kann als Charakteristikum des

Hauses bezeichnet werden. Selbst wirtschaftliche Interessen wurden

hintangestellt, um Schülern aus mittellosen Elternhäusern – insbesondere wenn

sie Priester werden wollten - den Verbleib im Internat zu ermöglichen. Als ein

Beispiel von vielen sei das „Gesuch um Ermäßigung des Kostgeldes für den

Zögling Anton S. 16 “ vom 18. März 1936 an das Bischöfliche Ordinariat in Mainz

erwähnt, worin die familiäre Situation S.s geschildert wird: Der Schüler, Jg. 1916

und „seit Ostern 1935 Zögling unseres Hauses und Schüler der Obersekunda

des Gymnasiums“, war der Sohn „eines zu 80 % schwerkriegsbeschädigten“

Mannes, dessen rechter Arm „ganz gelähmt“ war und der sich als

Gemeindeschreiber (mit der linken Hand) ein Zubrot zur Kriegsversehrten-Rente

erwarb. „Die kleine Landwirtschaft wird von der Mutter besorgt.“ Anton S. hatte

noch einen älteren, seit kurzem verheirateten Bruder, zwei zwölfjährige

Zwillingsschwestern und einen zehnjährigen Bruder. „Das Kostgeld wurde ihm“

bereits einmal „auf 480 RM ermässigt“, „die Zahlungen gingen immer ganz

pünktlich ein, und ist für das laufende Jahr alles beglichen. Dennoch empfindet

es S. bitter und drückend, dass es seinen Eltern so hart und schwer fällt, das

Kostgeld für ihn aufzubringen. Darum beabsichtigt er nun, aus dem Konvikt

auszutreten und in die Stadt zu ziehen. Er hat sich bereits ein Zimmer

ausgesucht, das ihn monatlich 14 M kosten soll, und bei den Kapuzinern um

Mittag- und Abendtisch zu 10 M monatlich nachgesucht. S. würde sehr gerne im

Konvikt bleiben, aber die Rücksichtnahme auf die schwierige Lage seiner Eltern

hat ihn bestimmt, das Opfer zu bringen und die Entbehrungen, die mit dem

Wohnen in der Stadt verbunden sind, auf sich zu nehmen.“ Es folgt eine

Leumundserklärung für S., der als „ein in jeder Hinsicht tadelloser Zögling

unseres Hauses“ bezeichnet wird; es würde der Konviktleitung Leid tun, ihn zu

verlieren, „zumal wir aus bitteren Erfahrungen wissen, dass schon so mancher

den Gefahren, die das freie Wohnen in der Stadt mit sich bringt, erlegen ist.“

Abschließend wird um eine abermalige Ermäßigung des jährlichen Kostgeldes

auf 400 RM gebeten mit der „begründeten Aussicht, dass S. dann weiter im

Hause verbleiben wird.“ 17

Wirtschaftliche und andere Nöte


Das Konvikt entstand aus kleinen Anfängen in der Darmstädter Straße 56. Dort

waren die räumlichen Verhältnisse in einem „als Privathaus konzipierten

Gebäude [...] äußerst beengt.“ 18 Wenn auch ein Anbau Entlastung schuf, blieben

bautechnische Probleme bestehen. So findet sich im Diözesanarchiv ein

Schreiben vom 11. Mai 1892, in dem beklagt wird, „dass die Abortanlagen in dem

bischöflichen Convict zu Bensheim nicht den Anforderungen entsprechen,

welche man mit Rücksicht auf die gesundheitlichen Verhältnisse in einem

Internat auch bei bescheidenen Anforderungen zu stellen verpflichtet ist.“ Durch

einen ungenügenden „Abschluss der Abortanlagen gegen das Haus“ verbreite

sich „in allen Räumen“ ein „unangenehmer und gesundheitsschädlicher“ Geruch;

der Verfasser führte „eine kleine Hausepidemie von Darmerkrankungen“ auf den

Missstand zurück. Zudem müssten während „der Entleerung der Gruben an der

Westseite“, wo sich der Studiersaal befand, die Fenster im Sommer geschlossen

bleiben. Nur durch „eine nach richtigen Grundsätzen erfolgende Umänderung der

genannten Anlagen“ könne dem Übel „gründlich und dauernd Remedur

geschaffen werden“.

Mit dem Einzug in den vom Bauherrn und ersten Rektor DDr. Philipp Huppert 19

und dem Mainzer Architekten Ludwig Becker errichteten „mächtigen Neubau“ 20 in

der Kirchbergstraße 18 war diese „Remedur“ im Herbst 1900 vollbracht. Das

Platzproblem war gelöst, was an bautechnischen Wünschen vorläufig offen blieb,

besaß nicht mehr den Charakter schwerer Mängel. Geldknappheit und Dürftigkeit

bestimmten jedoch nicht selten das Leben im Konvikt. So fehlte zehn Jahre lang

das Geld zum Verputzen des Konviktsneubaus, die Einrichtung war lange Zeit

spartanisch und „grössere Reparaturen und Neuanschaffungen“ waren von Zeit

zu Zeit „dringend notwendig“. Rektor Schneider führte in einem Schreiben vom

18. April 1934 an die Diözesanhauptkasse in Mainz bescheiden an, dass er

selber „keine Anforderungen ans Haus stelle; aber wenn die Löcher in den

Wänden meines großen Zimmers nicht alle zugehängt wären, könnte man

anstandshalber niemand zu Besuch hineinführen“. Weiter ist zu lesen: „Der

kleine Bergweg von dem Haupteingang zum Spielplatz ist so schlecht geebnet

(vom Regen aufgerissen), dass er nur für Eingeweihte besonders in den

Abendstunden passierbar ist und darum gepflastert werden sollte.“ 21 Für die

Konviktoren oder Konviktoristen, wie man damals formulierte, versuchte Rektor

Schneider u.a. noch die Verbesserung zu erwirken, dass der Schlafsaal

abgedunkelt wurde. Er habe „nach 3 Seiten hin Fenster und kann gegen Sonne

und Licht nur durch Vorhänge im Innern geschützt werden. Darum ist die

Temperatur darinnen im Sommer sehr hoch, und die Buben können teilweise

morgens, wenn es schon früh hell wird, nicht mehr schlafen und werden unruhig.“

Der Rektor schließt seinen Brief mit der Bemerkung. „Zwar ist in den letzten

Jahren manches ausgebessert und neu angeschafft worden, aber immer nur

recht zaghaft, damit ja nicht der Verdacht aufkommen konnte, als würden wir

etwas verschwenden.“

Die Inflationszeit Anfang der zwanziger Jahre machte die ordnungsgemäße

Führung des Hauses sehr schwer. Am 21. Juni 1922 bat Rektor Eugen Mergler

das Bischöfliche Ordinariat um die Erlaubnis, das Kostgeld für das zweite Quartal

1922/23 erhöhen zu dürfen, und zwar um nicht weniger als hundert Prozent, von

1000 Mark auf 2000 Mark. Zur Begründung führte er an:

„Am 1. Sept. 1921 stand der Dollar auf 85 M. Das Kostgeld betrug damals 2 400

M im Jahre.

Am 20. Juni 1922 steht der Dollar auf 320 M. Mit anderen Worten, unser Geld ist

auf ein Viertel des Wertes vom Vorjahre zurückgegangen. Die Steigerung der

Warenpreise hat gleichen Schritt mit der Geldentwertung gehalten. Der Bedarf

des Konviktes ist gestiegen oder wird steigen auf das Vierfache des vorjährigen

Zahlenwertes. Das Kostgeld ist demgegenüber nur auf das Doppelte in die Höhe

gegangen und nicht einmal auf das Doppelte. (von 2 400 auf 4 000) Nur durch


eine erneute Erhöhung kann der Ausgleich geschaffen werden.“ Rektor Mergler

untermauerte seine Bitte mit einer Aufzählung der Kosten, die dem Konvikt

entstanden durch die Anschaffung von Kohlen, Kolonialwaren und Fleisch, die

schon bei niedrig angesetzten Ziffern die Gesamteinnahmen an Kostgeld

vollständig verschlangen. Fleisch- und Brotpreiserhöhungen „sind nicht in

Rechnung gestellt.“ Rektor Mergler brachte die Lage auf den Punkt: „Erhalte ich

von den Zöglingen am 1. Juli nur je 1 000 M, so bin ich nicht imstande den

Betrieb aufrecht zu erhalten.“ 22

Der Gesundheitszustand der Zöglinge hatte „während des Krieges und

Nachkrieges Not gelitten“, wovon Rektor Mergler am 21. Juni 1922 in seinem

Jahresbericht ein erschreckendes Bild zeichnete: „Ungezählte Erkältungen, zwei

Rippenfellentzündungen, 15 Grippeerkrankungen an einem Tage, offene

Wunden an den Extremitäten [ ... ]. Eine der erwähnten Rippenfellentzündungen

hat nachträglich zu tödlichem Ausgang geführt.“ Rektor Mergler drängte darauf,

keine „weitere Einschränkung in der Lebenshaltung und Ernährung im Konvikt

mehr zuzulassen und strebte trotz der schwierigen Zeitumstände an, „wenigstens

in der Versorgung der Zöglinge nicht rückwärtsgehen zu müssen.“

Erst im Jahresbericht für 1924/25 konnte Rektor Mergler die erleichternde

Mitteilung machen, dass sich „das Konvikt augenblicklich in besserem Zustand“

befinde, als in den Vorjahren, wo die Arbeitskraft der Leitung in der Hauptsache

von den wirtschaftlichen Nöten und Sorgen in Anspruch genommen war.“ 23

Mergler fügte hinzu: „Das durchweg gute Beispiel und die ernste Haltung der an

Ostern ausscheidenden Oberprima war eine gute Unterstützung. Die jetzige

Oberprima lässt dasselbe hoffen.“ 24

Katholische Schwestern der „Ordensgemeinschaft der Schwestern von der

Göttlichen Vorsehung“ führten die Haushaltung des Konvikts, wie aus dem

Jahresbericht 1921/22 hervorgeht. Sie wurden unterstützt von Dienstmädchen

und Hausburschen, die in der Inflationszeit oft wechselten, weil das Konvikt die

geforderten Löhne nicht zahlen konnte. Fehlte der Hausbursche, mussten die

Schwestern das Wichsen der Schuhe und die Gartenarbeit mit übernehmen. Eine

Schwester behalf sich, indem sie ihre leibliche Schwester ans Konvikt holte, die

„als Hilfe der Schwestern zur allgemeinen Zufriedenheit“ tätig war.

Hin und wieder taucht der Name einer Schwester auf; sonst werden die

Schwestern en gros bedacht mit dankbaren und anerkennenden Worten. 25 Am 1.

Oktober 1921 wurde Schwester Oberin Tolentine 26 zum Konvikt nach Mainz

berufen, die zehneinhalb Jahre lang an der Spitze der Schwestern gestanden

„und namentlich unter den erschwerten Verhältnissen der Kriegsjahre und nach

dem Kriege geholfen“ hatte, „das Konvikt über Wasser zu halten.“ Rektor Mergler

bedauerte es, dass er die wertvollen Dienste Schwester Tolentines nicht „durch

eine greifbare Gegengabe“ vergelten konnte. Er bat um die Erlaubnis, den

„lächerlich geringen“ Verdienst der Schwestern von jährlich 200 M. pro

Schwester auf 1000 M. anheben sowie den Verdienst der übrigen

Hausangestellten den Zeitverhältnissen anpassen zu dürfen. 27

Konflikte

Religiöse Pflichtverletzungen der Schüler wurden streng geahndet. Am 19.

September 1928 bat Rektor Mergler in einem Schreiben an das Bischöfliche

Ordinariat in Mainz um die „Ermächtigung, den Oberprimaner Heinrich P. 28 aus

Seligenstadt zu entlassen“. Zur Begründung führte Mergler im Wesentlichen drei

Verfehlungen des Schülers an, die er der Schwere nach anordnete: P. falle „seit

Monaten [ ... ] durch eine unreligiöse Haltung“ auf und versäume seine

Beichtpflicht, selbst vor einer angeordneten Generalkommunion. Als P. erfahren

habe, dass der Konviktrektor den Religionsunterricht „im Gymnasium

übernehme, sagte er: ‚Ich lasse mich nicht zwingen die Religion zu lernen. Ich


glaube den Schwindel nicht mehr.’“ Als „noch schlimmer“ wertete Mergler „die

Tatsache, dass P. in der Kapelle bei der heiligen Wandlung eine nicht

wiederzugebende Aeusserung getan hat, die seinen vollen Unglauben und die

völlige Verachtung alles Heiligen offenkundig macht.“ Für beide despektierlichen

Äußerungen P.s gab der Rektor zwei Oberprimaner als Zeugen an und kam zu

dem Schluss: „Unter diesen Umständen ist ein Verbleiben des P. in unserem

Hause nicht mehr zu verantworten.“

Sittliche Verfehlungen standen in der Bewertung durch die Konviktleitung den

religiösen kaum nach, wurden jedoch im Fall eines Zöglings namens Heinrich

B. 29 durch Rektor Schneider mit der zweitschärfsten Maßnahme vor der

Relegierung sanktioniert, dem consilium abeundi 30 . Heinrich B. hatte als

Repetent das Konvikt in Hadamar verlassen müssen 31 und war am 1. Juni 1932

ins Bensheimer Konvikt eingetreten. Am 12. März 1934 musste er folgende

Erklärung in schriftlicher Form niederlegen und unterschreiben:

„Ich Heinrich B. erkläre hiermit, dass ich von Ostern bis Weihnachten 1933 als

Schüler der Untersekunda wiederholt versucht habe, während des Unterrichtes

mit verschiedenen Klassenkameraden Unkeusches zu tun. Ich weiss, dass ich

dafür die Entlassung aus dem Konvikt verdient habe. Da mir diese verdiente

Strafe aber in das consilium abeundi umgewandelt und auch von einer Mitteilung

an meine Eltern abgesehen wurde, verspreche ich durch meine Unterschrift, mir

in obiger Sache nie wieder etwas zu Schulden kommen zu lassen und mir die

grösste Mühe zu geben, nach einem sittenreinen Leben zu streben. Wenn ich

mein Versprechen im geringsten Masse nicht halten sollte, weiss ich, dass die

oben erlassene Strafe nachträglich noch eintritt.“

Er hielt sein Versprechen nicht, beteiligte sich am 1. Juni 1934 „an einer HJ

Demonstration gegen katholische Priester, Lehrpersonen und das Konvikt“ und

wurde deswegen entlassen. Rektor Schneider bemerkte: „wir haben ihm keine

Träne nachgeweint, zumal wir noch erfahren mussten, dass er in der Stadt und

bei Klassenkameraden nicht geringe Schulden gemacht hatte.“ 32

Der Name B. beschäftigte Rektor Schneider über die Entlassung Heinrichs

hinaus, weil sich Vater Hermann B., von Beruf Lehrer, unter allerhand

Ausflüchten weigerte, seinen Zahlungsverpflichtungen gegenüber dem Konvikt

nachzukommen. Rektor Schneider zweifelte seine Zahlungsunfähigkeit mit guten

Gründen an, es entstand ein unerquicklicher Briefwechsel, B. beklagte sich in

Mainz über den Rektor usw. Schließlich hielt es Rektor Schneider für wertlos,

„über all diese Dinge mit Herrn B. zu streiten.“ Sollte dieser seiner

Zahlungsverpflichtung in Höhe von 900 Mark nicht „bald“ nachkommen, erbat

sich Schneider „das Einverständnis einer Hochwürdigsten Behörde [ ... ] unsere

Forderung auf dem Klagewege einzutreiben.“ 33

Auseinandersetzungen mit zahlungssäumigen Eltern mussten die Rektoren des

Konvikts immer wieder führen; auch musste die Möglichkeit, Ermäßigungen des

Pensionspreises von Elternseite zu erbitten, genau geprüft werden, um

unberechtigte Anträge zurückzuweisen. Die Fürsprache der Rektoren beim

Bischöflichen Ordinariat – als der letztlich entscheidenden Institution - verstärkte

sich allerdings, wenn der fragliche Zögling Hoffnungen auf den Priesterstand

machte. Am 3. Oktober 1931 berichtete Rektor Schneider dem Bischöflichen

Ordinariat vom „Gesuch des Untertertianers Wilhelm B. 34 um Ermässigung

seines Kostgeldes“. B. sei „normal begabt, fleissig und in seinem Betragen

tadellos. Vorläufig wird man noch sagen können, dass sein Wille, Priester zu

werden, echt ist.“ Er sei zum ermäßigten Kostgeldsatz von 500 Reichsmark

aufgenommen worden, „was bis jetzt auch anstandslos, allerdings mit

Unterstützung des Ortspfarrers, bezahlt wurde.“ Durch einen weitläufigen

Verwandten im Konvikt, der von Rektor Mergler „zu 400 M“ aufgenommen

worden sei, „obwohl er bestimmt nicht Priester wird“, habe B. sich angeregt

gefühlt, ebenfalls um Ermäßigung auf 400 Reichsmark nachzusuchen. Obgleich

Rektor Schneider ihm zunächst beschied, „höchstens den Mindestsatz von


440,00 Rmk zubilligen“ 35 zu können, sprach er sich im Schreiben ans

Bischöfliche Ordinariat dann doch dafür aus, „das Kostgeld ausnahmsweise auf

400.00 Rmk, aber nicht darunter“ zu ermäßigen „und zwar nur solange, als er die

ernste Absicht hat, Priester zu werden und die finanziellen Schwierigkeiten in der

Familie fortbestehen.“

Eine Besonderheit: die angegliederte Privatschule in den zwanziger und

dreißiger Jahren

Im Oktober 1924 richtete Rektor Mergler in den Räumlichkeiten des Konvikts

eine Privatschule ein, wo die beiden Geistlichen des Hauses sowie vier

Privatlehrer Vorbereitungskurse für das Gymnasium abhielten. Abiturienten mit

dem Studienwunsch Theologie hatten zudem die Möglichkeit, sich auf das

Latinum und Graecum vorbereiten zu lassen. Wenn schon das Konvikt durch

schwere Zeiten ging, kann dies von der Privatschule noch mehr gesagt werden;

aber auch sie bestand trotz aller Schwierigkeiten bis zur vorläufigen Schließung

des Hauses im Juli 1939. Nach der Wiedereröffnung des Konvikts als

„Schülerheim St. Bonifazius“ (in der Trägerschaft des „Studienwerks für

heimatvertriebene Schüler in Recklinghausen“) im Jahr 1950 war die Idee der

angegliederten Privatschule nicht mehr aktuell; sie hatte gelebt vom Geist und

der Energie Rektor Merglers, der seinerseits getragen war vom Gedanken, die

Kurse „für die Vermehrung der Priesterberufe“ abzuhalten. In einem Schreiben

vom 15. Februar 1928 an das Bischöfliche Ordinariat gab Mergler an, dass die

Kurse für den angegebenen Effekt „von entscheidender Bedeutung waren“ und

nannte folgende Zahl: „Von den 33 Schülern mit Erfolg können 26 als

Priesterkandidaten gelten. Das ist gewiss eine erfreuliche Ziffer.“

Die Eltern der Privatschüler mussten Schulgeld entrichten, wovon die Gehälter

der angestellten Lehrer und sonstige Aufwendungen bestritten wurden. Etwa

dreißig Privatschüler reichten aus, um den Betrieb kostendeckend zu führen. Mit

der Zahl der Ab- und Zugänge stellte sich diese Frage jedes Jahr neu, was

besonders für die angestellten Lehrer Unsicherheiten schuf. Mergler erwähnte

Dr. Heinrich Freitag, „der nunmehr schon 3 ½ Jahre der Sache der Kurse

gedient“ und „das begreifliche Verlangen ausgedrückt“ habe, „eine Sicherheit für

seine Zukunft zu haben“. 36 Die Aufnahmegesuche „aus der gesamten Diözese,

aus dem Trierer Land und der Eifel, aus Schlesien, aus dem Ruhrgebiet, aus der

Provinz Sachsen, aus Bayern und aus Berlin“ bestärkten Mergler jedoch darin,

„dass eine solche Anstalt mit den Aufgaben, wie sie die Kurse von Anfang an

hatten, lebens- und entwicklungsfähig ist.“ 37

Das Verhältnis zur staatlichen Schulbehörde blieb ungeklärt; es bedurfte des

Wohlwollens des Kreisschulamtes, „dass bisher von Seiten des Staates keine

Schwierigkeiten gemacht worden sind“ 38 , waren doch die Schüler

„fortbildungsschulpflichtige Jungen“. Eine Möglichkeit zur Anerkennung der

Schule hätte darin bestanden, „die rechtliche Form einer Privatschule mit

Öffentlichkeitsrecht anzustreben“, was Rektor Mergler im Hinblick auf die

gesetzlichen Anforderungen für unerfüllbar hielt: „Die Lehrer müssten dann die

gleiche Vorbildung und Bezahlung haben wie im Staatsdienst“, außerdem gäbe

es Auflagen im Hinblick auf die Räumlichkeiten und Lehrmittel. Mit dem Status

staatlicher Anerkennung wäre die Privatschule neben das öffentliche

Schulsystem getreten, Rektor Mergler sprach jedoch von einer „dienenden

Funktion“ der Privatschule, die allerdings eine Lücke im öffentlichen System

ausfülle, indem Volksschüler und Realschüler aufs Gymnasium und „Abiturienten

der Realanstalten auf die Ergänzungsprüfungen vorbereitet“ würden. (Die gleiche

>Lückentheorie< vertrat Rektor Mergler in einem Schreiben ans Bischöfliche

Ordinariat in Mainz am 9. Mai 1928, kam dabei jedoch zu einem gänzlich

anderen Ergebnis: „Die Unterrichtskurse sind nicht ein Privat-Unterricht, der so

nebenbei erteilt wird, sondern eine Schule. 39 Es ist eine grundsätzliche Frage von


einiger Tragweite, ob dies auch in seinen unmittelbar praktischen Konsequenzen

anerkannt wird. Sonst wird es niemals eine Möglichkeit geben, das

Staatsschulmonopol für höhere Schulen zu durchbrechen.“ – Diesen Ansatz hat

Rektor Mergler nicht weitergeführt.)

Der rechtliche Status der Privatschule des Konvikts wurde in einem Schreiben

des Kreisschulamtes Bensheim vom 3. Juli 1937 an den „Reichsstatthalter in

Hessen“, sprich die Landesregierung, Abteilung VII in Darmstadt abermals

erfragt. Anlässlich eines Schülers, der „nach insgesamt 9jährigem Schulbesuch

aus dem Gymnasium“ zu Bensheim ausgetreten war und „nunmehr ungefähr 27

Stunden Unterricht im Bischöflichen Konvikt“ erhielt, wurde „zweck (!)

grundsätzlicher Klarstellung der Unterrichtsbefugnis im Bischöflichen Konvikt“ um

die Auskünfte nachgesucht, ob erstens der Schüler „vom Besuch der

Berufsschule befreit“ sei und zweitens das bischöfliche Konvikt „überhaupt als

Privatschule im Sinne des hessischen Volksschulgesetzes“ gelten könne. Die

Antwort vom 16. Juli d.J. lautete lapidar: „Ihre beiden Fragen sind zu verneinen.

Sie wollen das zu Frage 1 Erforderliche veranlassen.“ 40

Der Lehrer, der wohl am längsten in der Privatschule unterrichtet hat, oben

erwähnter Dr. Heinrich Freitag, bemerkte in der Chronik über sich selbst: „Er

verlebte am Konvikt die 14 schönsten Jahre seines Lebens. Gottes Segen war

auf dem Konvikt und der angegliederten Privatschule.“ 41

Zeitreflexe im Konviktsleben

An herausragenden politischen Ereignissen, die sich im Konviktsleben

widerspiegelten, fehlte es im zwanzigsten Jahrhundert wahrlich nicht; betrachtet

seien hier die beiden Katastrophen des Ersten Weltkriegs und der Nazizeit. Im

Jahr 1914 ergriff die im Reich vorherrschende Kriegsbegeisterung auch die

Konviktoristen; die Oberprimaner kehrten vorzeitig aus den Sommerferien

zurück, um Notabiture abzulegen, sich von Rektor Schorn feierlich verabschieden

zu lassen und als Freiwillige der kämpfenden Truppe oder im Sanitätsdienst

eingesetzt zu werden. Wie es zu befürchten war, bezahlten einige ihren

vaterländischen Eifer mit dem Leben. 42 In der Todesanzeige der Konviktleitung

für das erste Opfer des Krieges, Ludwig Singer, gefallen am 7. November 1914,

ist zu lesen, dass der Oberprimaner „sein junges Leben auf dem Altar frei

übernommener Pflicht“ geopfert habe. Kann man aus dieser Formulierung den

Versuch herauslesen, sich von Erzieherseite frei zu sprechen von der

Mitverantwortung am sinnlosen Tod des jungen Mannes? Immerhin weist die

Betonung der Freiwilligkeit für Singers Kriegseinsatz die Möglichkeit auf, dass er

zu Hause geblieben wäre, weil er – zumindest vorerst – nicht dienstverpflichtet

war. Die weiteren Todesanzeigen in der Chronik aus den Jahren 1916 für Franz

Gütlein, der als „zweites Opfer aus unseren Reihen“ am 24. Januar 1916 gefallen

war; für den „Einjährigen“ Willibald Zöllner, gefallen am 31. Juli 1917, der „als

dritter unserer von der Schulbank weg zur Verteidigung des Vaterlandes unter

die Fahnen geeilten Zöglinge“ betrauert wird; für Ferdinand Racke, gefallen am

11. September 1917, welcher „der vierte unserer zu den Waffen berufenen

Zöglinge“ war, „der sein Leben für das Vaterland zum Opfer brachte“; für den

Gefreiten Franz Ott, gefallen am 21. Dezember 1917 sowie den Vizefeldwebel

und Reserve-Offiziersaspirant Anton Kipp, gefallen am 24. März 1918; über die

beiden letztgenannten, als „Helden“ bezeichneten ehemaligen Schüler heißt es,

dass ihre „militärischen Tugenden wiederholt anerkannt und ausgezeichnet“

worden seien und das Bischöfliche Konvikt in ihnen „zwei für den von ihnen

erwählten Lehr- bezw. Priesterberuf begeisterte junge Männer von seltener

Charakterfestigkeit und dankbarer Anhänglichkeit“ betrauere - diese

Formulierungen wiederum stehen ganz im damals üblichen Duktus und weisen

keinerlei Anzeichen auf für inneres Befremden und die Bereitschaft zur

Infragestellung zeitbedingter Konventionen.


Die Nahrungsmittelknappheit der Kriegsjahre wirkte sich auch im Konvikt aus, der

Pensionspreis musste erhöht werden, „Brotkarten wurden eingeführt, die tägliche

Brötchen-Ration musste gekürzt werden.“ 43 Der ungewöhnlich kalte Winter um

die Jahreswende 1916/17 machte eine Verlängerung der Weihnachtsferien

notwendig, weil in den Schulen Kohlenmangel herrschte. Die spanische Grippe

ließ sich von den Konviktsmauern nicht aufhalten. Was im Zweiten Weltkrieg

nicht mehr verhindert werden konnte, wehrte Rektor Schorn in den Herbstferien

1915 noch ab: Die Begehrlichkeit des Militärs auf das geräumige

Konviktsgebäude. Bei der anhaltend bedrückenden und sich eher

verschlimmernden Versorgungslage gegen Ende des Krieges gaben schlecht

ausgefallene Osterzeugnisse Anlass für Unzufriedenheit und Unruhe bei der

Schülerschaft; aber auch die Konviktleitung reagierte gereizt. Die Chronik

bewahrt das Schreiben eines Vaters aus Bingen vom 26. März 1919 „An das

Hochw. Bischöfl. Ordinariat“ auf, in dem dieser gegen den Rektor und die

Konviktleitung Beschwerde führte. Einleitend geht es um Irritationen, ausgelöst

durch „übergrosse Empfindlichkeiten der Leitung, die die Eltern der Schüler stets

in Unruhe hielten“, etwa was die Beschlagnahme von elterlichen Lebensmittel-

Zuwendungen an die Konviktsschüler betrifft oder „fortwährende Drohungen mit

Ausweisungen, weil das Konvikt ja doch an den Schülern nichts verdiene und

darum an dem weiteren Verbleib kein Interesse habe u. dgl. mehr“. Dem

„seitherigen Tun die Krone aufzusetzen“, habe sich Rektor Schorn versehen

durch den Rausschmiss der „ganzen Oberprima aus dem Konvikt ohne das

Vorwissen der Eltern“ und „mitten in den Abschlussprüfungen“. Der Grund für

diese drakonische Maßnahme geht aus dem Brief nicht klar hervor; indirekt

erfährt man den Vorwurf Rektor Schorns an die Oberprimaner, sich des

„Spartakismus“ schuldig gemacht zu haben; was wohl als – vielleicht politisch

angehauchte – Widersetzlichkeit aufzufassen ist; der Briefschreiber stellt zudem

klar, dass „selbstredend ein unbotmässiges Verhalten des Schülers in keiner

Weise gebilligt“ werde, verwahrt sich aber nochmals gegen „ein derartig

rücksichtsloses Verhalten eines Vorgesetzten“. Rektor Schorn wurde in dieser

Angelegenheit anscheinend nicht nur von Seiten des Briefschreibers und der

übrigen betroffenen Elternschaft kritisiert, sondern auch vom „Religionslehrer des

Gymnasiums“ und „Herrn Professor Lenhart“, die beide „ihre Entrüstung über

dieses ganz unqualifizierbare Verhalten des Herrn Rektors“ ausgesprochen

haben sollen.

Derartige Auseinandersetzungen sind wohl als Reaktion gereizter Nerven durch

langanhaltende Überforderungen der vielfältigsten Art in den schwierigen

Kriegsjahren zu interpretieren, die in Rektor Schorn den Entschluss zur

Demission bestärkt haben dürften; er „bat um Entbindung von seinen Pflichten“ 44 .

Sein Nachfolger war Eugen Mergler, der in den Nachkriegsjahren ebenfalls mit

erheblichen Widerständen zu kämpfen hatte. Als in der mittleren Phase der

Weimarer Republik eine Zeit der Erholung angebrochen zu sein schien, kehrten

auch für das Konvikt bessere Jahre zurück, bis die Weltwirtschaftskrise die

Situation wieder verschärfte und große politische Auseinandersetzungen

herbeiführte. Die Chronik vermerkt, dass „das politische Interesse der Zöglinge,

besonders der Älteren [...] außerordentlich groß“ sei und fährt fort:

„Augenblicklich bilden in unserem Vaterland die Arbeitslosigkeit und das damit

verknüpfte Elend in weiten Volkskreisen einen günstigen Nährboden für die

Propagandatätigkeit radikaler Parteien. Das lawinenartige Anschwellen der

nationalsozialistischen Partei; die vollständige Zertrümmerung der Mittelparteien

mit Ausnahme des Zentrums und der Bayerischen Volkspartei, das

Stärkerwerden der Kommunisten sind die Charakteristika unserer bewegten Zeit.

Viermal mussten die deutschen Bürger im Jahre 1932 zur Wahlurne schreiten,

zweimal den Reichspräsidenten und zweimal den Reichstag wählen. Diese

Wellen politischer Hochspannung brachen sich nicht an den Mauern des

Konviktes. Der überaus rührige Oberprimaner Jean Reising erreichte es, daß von


Zeit zu Zeit für die Schüler der 3 oberen Klassen im Hause sog. Politische

Abende gehalten wurden. Prominente Redner 45 nahmen zu den Tagesfragen

Stellung. Auch die älteren Kapuzinerzöglinge erscheinen jeweils zu diesen

Abenden.“ 46

Der Machtantritt der Nationalsozialisten wird vom Chronisten zunächst als eine

Folge „großer politischer Umwandlungen“ wahrgenommen, die er glaubt, „nicht

ohne Beachtung übergehen zu dürfen, umsomehr als wir im Konvikt durch

Zeitung und Rundfunk stets auf dem Laufenden gehalten wurden und den Gang

der Dinge mit lebhaftem Interesse verfolgten.“ Auch fiel es jedermann in die

Augen, dass auf allen öffentlichen Gebäuden, „teilweise von uniformierten

Nationalsoz. oder Stahlhelmleuten die alte Reichsflagge Schwarz-weiß-rot und

die Hakenkreuzfahne gehißt“ wurde. Die Reichsregierung verfügte, dass „die

Parlamente der Länder und Kommunen dem Ergebnis der Reichstagswahl

gleichgeschaltet“ wurden; der Chronist bemerkte dazu lediglich: „Überall haben

nunmehr die Nationalsozialisten die unbeschränkte Macht übernommen.“ Zur

Wahl des hessischen Staatspräsidenten am 18. März und zur Eröffnung des

neugewählten Reichstages in Potsdam am 21. März fiel der Unterricht aus.

„Abends beteiligten sich mehrere Konviktoristen an dem riesigen Fackelzug, der

sich durch die Strassen unserer Stadt bewegte.“ Der Chronist schloss mit der

Hoffnung: „Möge es den neuen Männern gelingen, dem Übel der Arbeitslosigkeit

zu steuern, die hohen kulturellen Güter des Christentums und der Nation zu

erhalten und zur unbeschränkten Geltung zu bringen, um so unser geliebtes

Vaterland wieder zu neuer Kraft und Bedeutung zu führen!“ 47

Wie wenig die „neuen Männer“ für das Christentum übrig hatten, zeigte sich am

Konvikt zunächst nur in Irritationen und Störaktionen; ein frontaler Angriff gegen

die beiden großen Kirchen, der auch das Konvikt mitbetroffen hätte, verbat sich

den Nazis aus taktischen Erwägungen. Ihre Marschroute zielte auf eine

vorläufige Paktierung mit willigen Christen, und nur die mehr oder weniger

deutlich widerstrebenden Mitglieder wurden von Beginn an offen kritisiert und

bekämpft. Dazu gehörte bekanntermaßen der damalige Bischof von Mainz,

Ludwig Maria Hugo, der bereits 1930 den Katholiken seiner Diözese die

Mitgliedschaft in der NSDAP untersagt hatte und auch nach dem 30. Januar ´33

seine Gegnerschaft zum Nationalsozialismus erkennen ließ. Eine Demonstration

gegen ihn am 30. Januar 1934 in Mainz wurde vom Konvikt am 6. Februar mit

einem Loyalitätsschreiben beantwortet, das den Charakter beinahe kindlicher

Ergebenheit besitzt:

„Hochwürdigster Herr Bischof! Tief empört über die gemeinen Beleidigungen, die

Ew. Exzellenz am Dienstag, den 30. Januar d. J. zugefügt wurden, versichern

wir, daß wir treu zu unserem Bischof, dem obersten geistlichen Führer unserer

Diözese stehen, und daß wir unsere Treue von niemanden (!) erschüttern

lassen.“ Die Hausgemeinschaft mit dem Rektor, Subrektor und den Zöglingen

setzten ihre Unterschrift auf den Brief; aber: „9 hatten nicht unterschrieben.“ 48

Das Treuebekenntnis zu Bischof Hugo musste mit der gebotenen Vorsicht vor

den Nationalsozialisten vereinbart werden. Gewählt wurden Formulierungen,

welche den „Gegner“ nicht beim Namen nannten, sondern nur „denken“ ließen. In

diesem Sinne heißt es weiter in dem Brief:

„Auf den Schultern eines Bischofs, besonders eines deutschen Bischofs, liegt

heute eine große Arbeitslast und eine fast übermenschliche Verantwortung. Wir

versprechen darum, gerade in diesen Tagen für Ew. Exzellenz zu beten und uns

Mühe zu geben, durch ein recht christkatholisches Leben unserem lieben

Oberhirten viel Freude zu machen."

Bischof Hugo griff in seinem Dankesschreiben vom 7. Februar 1934 schon zu

etwas direkteren Worten, beließ sie aber noch im Bereich des Allgemein-

Moralischen und nannte die nationalsozialistischen Machthaber ebenfalls nicht

beim Namen:


„Hochwürdiger Herr Rektor! Von Herzen danke ich Ihnen, dem h. Herrn

Subrektor und den Zöglingen des Bensheimer Konviktes für die tröstende

Teilnahme in einer Zeit, die besonders die Hirten der Kirche dem Haß und der

Bosheit der Welt aussetzt.“ Er empfiehlt den Zöglingen „eifriges Gebet und ein

sittenreines Leben“, um würdig zu sein, „immer für Jesus Christus und seine hl.

Kirche zu stehen.“

Konflikte mit den neuen Machthabern blieben auch dem Konvikt nicht erspart,

insbesondere nicht Rektor Schneider. Er wurde von der Hitlerjugend auf einer

Demonstration am Abend des 1. Juni 1934 geschmäht, zusammen mit den

Lehrern Löffler und Schumacher, der Lehrerin Schäfer, dem Kreisschulrat

Kremer und vor allem dem Bensheimer Kaplan von St. Georg, August Josef Wolf

(1900-1983). Dieser hatte sich den Unmut der Nazis zugezogen durch eine

Werbeaktion für die katholische Jugend. Rektor Schneider wurde verübelt, dass

er nicht bedingungslos den Hitlerjungen des Konvikts – Karl Kunkel spricht von

einem Dutzend – zu Exerzierübungen Ausgang gewährte, selbst wenn die

Ordnung des Hauses dadurch mehrmals in der Woche erheblich gestört wurde.

Die der Naziideologie verfallenen Jungen im Konvikt denunzierten ihren Rektor,

den man in die staatsfeindliche Ecke zu stellen versuchte. Der Artikel im

„Bensheimer Anzeigenblatt“ vom 2. Juni 1934 spart nicht mit Drohungen gegen

die „Saboteure des dritten Reichs, gegen die jetzt energisch Front gemacht

werden muß.“ Die Demonstration bewegte sich auch am Konvikt vorbei, und nur

der Anwesenheit der Polizei war es zu danken, dass die Hitlerjungen das

Konviktgelände nicht betraten.

Die Angelegenheit hatte ein Nachspiel in Form fristloser Entlassung zweier

hauptschuldiger Hitlerjungen des Konvikts; „sechs wurde nahegelegt, das Haus

zu Beginn der Sommerferien zu verlassen.“ 49 Der Rektor musste sich

polizeilichen Verhören stellen, die hessische Staatspolizei schaltete sich ein, aber

schließlich – „nach dem 23. Oktober 1934“ –, wie die Chronik berichtet, beruhigte

sich die Lage, und nach den Sommerferien kehrten „Ruhe und Frieden und ein

schönes Arbeiten“ zurück ins Konvikt. 50

Konvikt und Nationalsozialismus blieben unvereinbare Gegensätze! Eine Anfrage

des Kapitularvikars der Diözese Mainz vom 8. April 1935 zum Thema „Konvikt

und Hitlerjugend“ 51 beantwortete Rektor Schneider am 10. April 1935 zunächst in

Kurzform und noch am selben Tag in einem zweiten Schreiben ausführlich. Die

Fragen lauteten:

„1) Hat die Hitlerjugend in Ihrer Anstalt bestanden und besteht sie noch? Wieviel

Mitglieder zählt sie und wie werden diese in jeder Woche beansprucht?

2) Welche Erfahrungen haben Sie bisher mit ihr gemacht?

3) Verträgt sich nach Ihrer Ansicht Zugehörigkeit zur Hitlerjugend mit dem

Konviktsleben?

4) Unter welchen Bedingungen können nach Ihrer Ansicht Konviktoren auch

Mitglieder der HJ sein?“

Rektor Schneiders Antworten:

„zu 1.) Die H.J. hat einige Wochen in unserem Hause bestanden; dann wurden

die meisten Hitlerjungens wegen grober Vergehen gegen die Autorität des

Hauses entlassen, und seitdem besteht sie zum größten Segen des Konviktes

nicht mehr. Zur Zeit sind 2 Zöglinge passive Mitglieder der H.J.

zu 2.) Sehr schlechte Erfahrungen.

zu 3.) Nein

zu 4.) Unter keiner Bedingung.“

Im ausführlichen Schreiben gab Schneider an, dass er die Vereinbarkeit von

H.J.-Mitgliedschaft und Beachtung der Hausordnung im Konvikt für unmöglich

hielt, wofür er die Proben erhalten hatte. Immer wieder wurde dieser Punkt von

ihm und seinem Nachfolger Müller sowie den anderen Konviktrektoren in Mainz


und Dieburg ins Feld geführt gegenüber den nationalsozialistischen

Regierungsstellen. Diese wiederum pochten auf eine Änderung der Hausordnung

und witterte Ablehnung und Feindschaft der Konviktleitung gegenüber dem

nationalsozialistischen Staat. 52

Die H.J. forderte bei den Jungen den Geist der Unbotmäßigkeit gegen die

Konviktleitung heraus 53 , „sodass eine Erziehung von unserer Seite nicht mehr

möglich war“, und vergiftete die Kameradschaft. Unter den Jungen entstand eine

„sehr scharfe Trennung, ja mitunter sogar feindliche Haltung“, je nachdem ob sie

der Hitlerjugend oder den im Konvikt vertretenen konfessionellen Verbänden wie

„Neudeutschland“ und „Marianische Kongregation“ angehörten. Das rüpelhafte

Verhalten der Hitlerjungen, Diebstähle, Unsittlichkeiten, Überfälle und im Fall

eines „M.K.T.“ ein so charakterloses Betragen im Konvikt, „dass er selbst von der

H.J. ein halbes Jahr lang nicht aufgenommen wurde“, ließ zur Genüge begreifen,

wes Geistes Kind die Jugendorganisation des „neuen Staates“ war. Schneider

erwähnte im Schreiben nach Mainz „die letzten Grüße unserer scheidenden

Hitlerjungens“, welche nach der beschriebenen Demonstration das Konvikt

verlassen mussten: „Exkremente auf der Fensterbank des Klosettes“.

Noch einmal sprach Rektor Schneider die Hausordnung an, die er einen

„wichtigen Erziehungsfaktor“ nannte und deren Störung durch H.J.-Aktivitäten er

näher ausführte: „[...] die Jungens kommen um ihre religiösen Übungen, oft sogar

um die Sonntagsmesse; es bleibt für das Studium nicht genügend Zeit; wenn die

Hitlerjungens spät heimkommen, was wiederholt der Fall war und auch noch sein

wird, stören sie ihre Kameraden im Schlafe, da wir nur einen gemeinsamen

Schlafsaal haben, und kommen selber um die notwendige Nachtruhe, da sie am

nächsten Tag wieder früh aufstehen müssen; sie sind schläfrig in der hl. Messe,

wofür natürlich die H.J.führer kein Verständnis haben, und können

selbstverständlich in der Schule auch nicht viel leisten.“

Was folgt, weist auf die Anwürfe von nationalsozialistischer Seite hin, deren sich

Rektor Schneider zu erwehren hatte:

„Wenn [...] der Rektor aus irgendeinem wichtigen Grund einmal die Teilnahme an

einer Übung ablehnt, gilt das als eine Dienstverhinderung, und er wird als

Reaktionär verschrieen. ‚Tod der Reaktion’ war eines Nachts an unser Hoftor

angeschmiert worden.“ 54

Um der schwierigen Lage Herr zu werden, versuchte Rektor Schneider den

„Eltern der Neueintretenden, die bereits Mitglieder der H.J. sind“, zu empfehlen,

„ihre Jungens in der Heimat weiterhin angemeldet zu lassen und für die Zeit in

Bensheim beurlauben zu lassen. Bei den Eltern finde ich dafür immer volles

Verständnis; ja manche schicken ihre Söhne gerade aus dem Grunde in unser

Haus, damit sie ungestört ohne Behinderung durch die H.J. ihren Studien

obliegen können.“

Der Versuch, das Konvikt als Rückzugsraum von ideologischer Vereinnahmung

zu nutzen, musste unter den Bedingungen nationalsozialistischer Herrschaft

letztlich scheitern. Auch der Nachfolger Rektor Schneiders 55 , Anton Müller, war

weiterhin mit der leidigen Korrespondenz um Aktivitäten von Konvikts-Schülern in

der Bensheimer H.J. befasst. Als Pfarrer in Bad Nauheim blickte er in einer

betreffs „Kriegsschäden und Verfolgungen“ am 20. November 1946 ans

Bischöfliche Ordinariat in Mainz geschriebenen Liste u.a. zurück auf

„Haussuchung durch Gestapo im Konvikt Bensheim 1937 oder 38 in den

Zimmern des Rektors zur Zeit der Klosterprozesse“ und „1939 Haussuchung

durch Gestapo in den Zimmern des Subrektors im Konvikt in Bensheim in

Sachen der Jugendorganisation Neu-Deutschland.“ Als vierten Punkt nannte er:

„Schliessung des Bensheimer Konviktes durch die Bischöfl. Behörde wegen der

Auflage, Nazi-Erziehern das Haus zu unterstellen. Damit gegeben Beendigung

meiner Tätigkeit als Rektor.“ 56

*


Jede Zeit hat ihre Charakteristika, „Rückständiges“ und „Fortschrittliches“ mögen

sich in den Augen der Nachgeborenen vielleicht die Waage halten. Dem

kompromisslosen, heute womöglich als dogmatisch empfundenen religiösen

Streben der Konviktleitung standen ein Gemeinschaftsleben und eine Liebe zum

Detail im täglichen Leben gegenüber, welche unsere auf „Effizienz“ bedachte

Gegenwart nachdenklich stimmen könnte.

Eine fragile Schöpfung – so könnte man das Konvikt in den ersten 51 Jahren

seines Bestehens beschreiben; einerseits gewollt und durchgesetzt von seinen

Begründern, andererseits immer wieder belastet von Geldmangel und bedroht

von ungünstigen Zeitläufen.

In den Kriegsjahren und ersten Nachkriegsjahren musste das Haus als Lazarett

und Unterkunft für Heimatvertriebene dienen. Erst 1950 konnte es wiedereröffnet

werden. Diese Zeit mit noch einmal sieben Rektoraten umfasst die Jahre bis

1981, an deren Ende die Schließung des Bensheimer Konvikts durch das

Mainzer Ordinariat stand.

Aus:

Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, Bd. 44, 2011, S. 86-114.

Copyright Johannes Chwalek

1 Auch nach dem Krieg stand es nicht gleich seiner alten Bestimmung zur Verfügung,

sondern wurde bis Ostern 1949 als Heimstätte für „verschleppte Personen“ (Displaced

Persons) von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation) beschlagnahmt.

2 Vgl. etwa Kunkel, Karl: „Das Konvikt als Aufgabe“ in: Geschichte der Bensheimer

Rathäuser. Eine Dokumentation über fünf Jahrhunderte. Herausgegeben vom Magistrat

der Stadt Bensheim anlässlich der Rathausübergabe am 24. März 1984, S. 123: „Absicht

der Initiatoren des Konviktes war, wie eindeutig aus den damaligen Briefen an das

Bischöfliche Ordinariat in Mainz hervorgeht, ein Schülerheim für katholische Jungen zu

gründen, die sich vielleicht einmal für den Priesterstand entschließen würden. Zu keiner

Zeit freilich war die Absicht, Priester zu werden, Voraussetzung für die Aufnahme ins

Bischöfliche Konvikt Bensheim.“ Rektor Eugen Mergler spricht in einem Brief vom 18.

Juni 1928 vom Konvikt als einem Haus, „das zur Erziehung von Priesterkandidaten der

eignen Diözese gegründet wurde“. Mit etwas anderer Gewichtung erscheint der Punkt

behandelt in einem Abriss über das Konvikt für den Jahresbericht 1980/81 des Alten

Kurfürstlichen Gymnasiums (AKG) Bensheim von Josef Deibele (dem letzten Rektor des

Konvikts), Karl Kunkel und dem langjährigen Präfekten Siegfried Schramm (dessen

Andenken dieser Aufsatz gewidmet ist). Auf Seite 184 f. heißt es, „die Geschichte des

Konvikts Bensheim“ sei „sicher in ihrem Ursprung darin zu suchen [...], jungen Menschen

die Möglichkeit einer guten schulischen Ausbildung anzubieten, vor allem in Gegenden,

wo aufgrund der Verkehrssituation und der Infrastruktur solche nicht möglich war. Der

Gedanke, durch Wissenschaft und Lehre und durch das entsprechende Vorbild der

Geistlichen den priesterlichen Nachwuchs zu fördern, war damit verbunden. Diese Idee

stand einmal mehr, einmal weniger im Vordergrund, je nach Autorität und persönlicher

Prägung des Leiters eines solchen Internats“.

3 Vgl. den Artikel „Jetzt auch Ermittlungen zum Konvikt“, Bergsträßer Anzeiger, 11. März

2010, S. 9 von Karl-Heinz Schlitt.

4 Dazu muss ich mich selbst zählen, der ich das Konvikt von 1970 bis ´76 besuchen

durfte. Vgl. Chwalek, Johannes: Drei Rektoren. Eine Internatsgeschichte. Stolzalpe 2008.

5 DDr. Philipp Huppert (1888-1901), Johann Laurentius Brück (1901-1909), Georg Becker

(1909-1913), Valentin Josef Schorn (1913-1919), Eugen Mergler (1919-1930), Josef

Schneider (1930-1936) und Anton Müller (1936-1939).

6 Eine gewisse Ausnahme bildet das im Eigenverlag 1981 veröffentlichte Buch „Mehr als

ein Lebensalter – Autobiographische Zeitgeschichte“ von Joseph Jacobs, wo das Konvikt

auf den Seiten 5-16 Erwähnung findet. Der Autor hatte 1914 nach neun Jahren

„klösterlicher Erziehung“ das Gymnasium und Konvikt in Bensheim mit der Unterprima

verlassen. Auf Seite 7f. berichtet er von einer Strafaktion des Subrektors gegen 15

Konviktsschüler mit dem Rohrstock, was die Missbilligung des Rektors fand. Der

Subrektor wurde deswegen „durch einen neuen Mann im Priestergewand abgelöst“.


7

Über diesen Rektor findet sich in den von Ludwig Lenhart herausgegebenen

Erinnerungen seines Onkels Georg Lenhart folgendes Charakterbild: „Dem Rektor Brück

hatte der liebe Gott in einer langjährigen, unheilbaren Krankheit ein schweres Kreuz

auferlegt, aber er hat ihm dazu auch einen goldenen, unverwüstlichen Humor gegeben,

der ihn sein Kreuz mit vorbildlicher Geduld und Fröhlichkeit tragen ließ. Eine schlanke,

anscheinend kräftige Gestalt, hervorragend talentiert, dazu praktisch überaus glücklich

veranlagt, kernig-fromm, hätte Brück Vieles und Großes leisten können, wenn die

tückische Krankheit nicht sein Lebensmark aufgezehrt hätte. Die ersten Spuren dieser

Krankheit zeigten sich schon im Priesterseminar. Sie begann mit dem Anschwellen des

einen Fußes und nötigte ihm den Stock auf. Trotzdem zeigte er sich auf seinen

Kaplaneien und im Konvikt seiner Aufgabe durchaus gewachsen, bis auf die letzten zwei

Jahre, wo er mehr zu Bett liegen mußte. Da er eine sehr fröhliche, gesellige Natur war,

liebte er es, wenn man ihn in abendlicher Stunde heimsuchte. Ein paar Freunde aus der

Konviktsumgebung, der gute Taubstummenlehrer Ambrosius Nagel, der vielgeprüfte,

tüchtige Lehrer Heinrich Lahr und ich lösten uns abends an seinem Krankenbette ab. Ich

ging gerne hin, einmal weil er mit mir über seine Haussorgen zu sprechen liebte, dann

weil man von ihm lernen konnte zu leiden ohne zu klagen. Er sah wirklich dem Tode wie

ein Held entgegen und offenbarte dabei trotz der vielen Streiche, die er uns allen gespielt

hatte, eine goldklare Priesterseele, die verantwortungsbewußt die Verantwortung nicht

scheute. Als der Tod die urwüchsige Lebenskraft des erst Neununddreißigjährigen am

23. Juli 1909 brach, verloren die Zöglinge an ihm wirklich einen Vater, den sie liebten,

obschon er sie recht derb und kräftig anzupacken wußte und ihnen gar nichts schenkte.“

(Reminiscor Miserationum tuarum Domine. Kramereien in einem bescheidenen

Priesterleben. Auf Drängen der Freunde vorgenommen von Professor Georg Lenhart +,

Domkapitular. Hrsg. von Dr. Ludwig Lenhart. Mainz 1951, S. 136 f.)

8 Franz Joseph Selbst (1852-1919)

9 Starkenburger Bote

10 Chronik für 1934. – Karl Adam (1876-1966) war ein deutscher katholischer Theologe,

der mit seinem Buch „Vom Wesen des Katholizismus“ von 1924 weltweite Beachtung

erlangte. Später diente er sich als Gelehrter der Naziideologie an, was seiner

wissenschaftlichen Reputation in der jungen Bundesrepublik keinen Abbruch tat. 1949

wurde er emeritiert und erhielt 1951 das Große Verdienstkreuz der Bundesrepublik

Deutschland.

11 Karl Joseph Deuster (1899-1977).

12 In der Jahreschronik 1933/34 findet sich zum Herz-Jesu-Fest der Hinweis, dass die

Festpredigt und das levitierte Choralamt gehalten worden sei von Prof. Seipel [Wendelin

Emil Seipel, 1877-1966], dem „neuen Religionslehrer am Gymnasium, der Nachfolger

des von der Regierung aus dem Staatsdienst entlassenen H.H. Prof. Goehle.“ Hinter dem

Wort „entlassenen“ hat ein späterer Schreiber hinzugefügt: „weil Nazigegner“. Johann

Franz Goehle wurde 1903 Subrektor am Konvikt und 1933 als Professor und Studienrat

am Gymnasium Bensheim zwangspensioniert. Vgl. zu den näheren Umständen der

Entlassung Goehles: Schäfer, Franz Josef: „Der Bensheimer Religionslehrer und

Geistliche Rat Johann Franz Goehle (1877-1949)“. In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße

42, 2009, S. 250-267.

13 Nicht unerwähnt sollte bleiben, dass auch weltliche Feste wie Faschingsfeiern etc.

breite Erwähnung finden in den Jahreschroniken und die Bensheimer Bevölkerung dazu

teilweise geladen war.

14 Georg Gensert (1874-1956)

15 Akademische Monatsblätter. Organ des Verbandes der katholischen Studentenvereine

Deutschlands. XXXII. Jahrgang, Sonntag, 25. Juli 1920, Nr. 9/10. (Bericht von Subrektor

Dr. Adam Bernhard Gottron, 1889-1971)

16 Name aus Datenschutzgründen anonymisiert.

17 Dom- und Diözesanarchiv Mainz. – In begründeten Einzelfällen wurde das Bischöfliche

Ordinariat auch um Freistellen für Schüler ersucht, die Priester werden wollten und deren

familiärer Hintergrund besonders dürftig war.

18 Kunkel, Karl, 1984, S. 113.

19 Über den Gründungsrektor des Konvikts heißt es bei Deibele/Kunkel/Schramm,

1980/81, S. 185: „Huppert, geboren in Schwabenheim am 7. April 1857, absolvierte das

Gymnasium in Mainz, studierte sieben Jahre am Collegium Germanicum und an der

Greogorianischen Universität in Rom und wurde dort zum Priester geweiht. In seine


Heimatdiözese zurückgekehrt, war er als Kaplan in Hechtsheim bei Mainz, als

Hauskaplan in Brombach an der Tauber und von 1888 bis 1901 als Rektor des

Bischöflichen Konvikts in Bensheim tätig. Das Jahr 1901 führte ihn in die Redaktion der

Kölnischen Volkszeitung nach Köln, wo er 1906 nach mehrtägiger schwerer Krankheit

starb.

20 Kunkel, Karl, 1984, S. 116.

21 Falls dies zwischenzeitlich geschehen sein sollte, wurde es spätestens Anfang der

siebziger Jahre wieder rückgängig gemacht, als ich den „kleinen Bergweg“ in

ungepflastertem Zustand passierte.

22 Jahresbericht 1921/22

23 Das Konvikt scheint nicht durchgehend unter finanzieller Not gelitten zu haben. In

einem Schreiben aus Mainz ist am ersten Juni 1935 von der „verhältnismäßig günstigen

finanziellen Lage des Konviktes“ die Rede.

24 Dom- und Diözesanarchiv Mainz. Jahresbericht Rektor Eugen Merglers für das

Schuljahr 1924/25. Bensheim, den 27. Juni 1925. – Die älteren Schüler, insbesondere

natürlich auch die Oberprimaner, waren in den ersten Jahrzehnten des Konvikts zur

Unterstützung des Rektors und Subrektors als einzigen pädagogischen Kräften im Haus

involviert. (Dies bestätigte mir der ehemalige Bensheimer Bürgermeister Georg Stolle

auch noch für seine Zeit als Konviktsschüler in den fünfziger Jahren.) Aber nicht immer

ernteten die Oberprimaner so viel Lob wie im Schuljahr 1924/25 von Rektor Mergler. Im

Schuljahr 1933/34 bestanden zwar alle 15 Konviktoristen das „Maturum“, bei der „kleinen

Abschiedsfeier [...] am 25. Februar nach dem Nachtessen“ teilte Rektor Schneider jedoch

„seine große Rede in 2 Teile. Im ‚offiziellen Teil’ wünschte er den Scheidenden Gottes

reichsten Segen für ihre Zukunft, im ‚persönlichen Teil’ unterzog er ihr Verhalten in der

letzten Zeit einer scharfen Kritik.“ Weiter heißt es: „Für die Abiturienten sprach kurz und

bündig Georg Großmann. Damit dem Ganzen der Charakter der Feierlichkeit nicht allzu

sehr ermangle, gab´s noch Orchestereinlagen und Volksgesang“.

25 „Den Schwestern kann für ihre überaus große Opferwilligkeit nicht genug Anerkennung

gezollt werden.“ (Rektor Mergler im Jahresbericht 1921/22)

26 Klara Weih (Weltname), 1874-1945.

27 Auch vom Tod einer Schwester ist die Rede im Jahresbericht Rektor Merglers 1924/25.

Schwester Passithea (Weltname: Sabine Braner, geb. 1873)„verschied im Beisein des

Unterzeichneten und aller Schwestern“ am 17. März 1925. Sie wurde am 20. März „auf

dem Friedhof zu Bensheim beigesetzt; das ganze Konvikt, viele Schwestern und

Anverwandte sowie eine sehr grosse Zahl Geistlicher und Laien aus Bensheim gaben ihr

das letzte Geleite.“ Es wurden Seelenämter und gemeinsame Gebete für das Seelenheil

der Verstorbenen gehalten. Das Konvikt versuchte, seinen "Dank abzustatten für alles

Gute, das sie hier in Wort und Werk und durch ihr gutes Beispiel gewirkt hat. R.I.P.” (Für

die Informationen zu Schwester Tolentine und Schwester Passithea bedanke ich mich bei

den Schwestern Daniela und Claudia vom Orden der Schwestern von der Göttlichen

Vorsehung in Mainz-Finthen.)

28 Name aus Datenschutzgründen anonymisiert.

29 Name aus Datenschutzgründen anonymisiert.

30 Abgekürzt c.a., wörtlich: „Der Rat, wegzugehen“.

31 In einem Prospekt des Bensheimer Konvikts vom Anfang der sechziger Jahre heißt es

ebenfalls noch: „Ebenso müssen Jungen, die wegen Faulheit oder mangelnder

Begabung das Klassenziel nicht erreichen, das Haus verlassen.“ Wann genau diese

Regelung geändert wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, sicher ist jedoch, dass sie in

der ersten Hälfte der Siebziger, als ich Schüler des Konvikts gewesen war, nicht mehr

bestand. Pfarrer i.R. Karlhans Gerber berichtete mir dankenswerterweise in einem

Telefongespräch im Januar 2011, dass während seines Rektorats von 1960-1971 die

Regelung schon Ausnahmen aus pädagogischen Gründen zuließ.

32 Schreiben ans Bischöfliche Ordinariat in Mainz vom 17. September 1935.

33 Ebd.

34 Name aus Datenschutzgründen anonymisiert.

35 „Der Leiter des Konviktes hat das Recht, das Kostgeld für Minderbemittelte bis 440

Rmk im Jahre zu ermässigen. Darunter darf er nicht gehen.“ (Rektor Schneider in einem

Brief ans Bischöfliche Ordinariat vom 20. August 1931)

36 Schreiben des Rektors vom 15. Dezember 1928 ans Bischöfliche Ordinariat. Im Kern

ging es darum, ob Dr. Freitag „ausser der bis jetzt schon gezahlten


Angestelltenversicherung die Aussicht auf dauernde Verwendung und

zusammenhängend damit die Aufnahme in die Privatschul-Pensionskasse der

Katholischen Schulorganisation zugesagt werden“ konnte.

37 Ebd.

38 Ebd.

39 „Der Charakter unserer Kurse als Schule“ erwies sich aus dem Stundenplan, der für

einen Oberkurs 21 Wochenstunden, einen Mittelkurs 26 Wochenstunden und einen

Unterkurs 21 Wochenstunden vorsah. Hinzu kam noch der Abiturientenkurs mit 12

Wochenstunden. „Es ist dazu zu bemerken, dass die Stunden zumeist Vollstunden ( nicht

45 Minutenstunden ) sind, dass die Unterrichtsgruppen sehr klein sind, sodass der

einzelne Schüler viel stärker am Unterricht beteiligt ist, dass wir das Privatstudium und

die Lektüre der Schüler genau kontrollieren können.“

40 Hessisches Staatsarchiv Darmstadt, Best. G. 15, Nr. M 478.

41 Dr. Heinrich Freitag wurde am 16.4.1958 Assistent im Dom-Archiv Mainz und beging

am 25.10.1965 sein vierzigjähriges Dienstjubiläum.

42 Karl Kunkel spricht von „etwa vierzehn“ Opfern unter den Konviktsschülern.

43 Kunkel, Karl, 1984, S. 118.

44 Ebd.

45 Gemeint waren „bekannte Kommunalpolitiker“; vgl. Kunkel, Karl, 1984, S. 119.

46 Zum guten Verhältnis zwischen dem Konvikt und St. Fideliskolleg der Kapuziner

bemerkte der Chronist 1932/33, „daß wir immer gern und zahlreich der Einladung Folge

leisten, welche die Kapuziner zu ihren Veranstaltungen an uns ergehen lassen.“ – Zum

St. Fideliskolleg vgl. Schäfer, Franz Josef: „Die Geschichte des Kapuzinerklosters

Bensheim, des St. Fideliskollegs und den Leidensweg des Kapuzinerpaters Dionys

Zöhren in der NS-Zeit.“ In: Geschichtsblätter Kreis Bergstraße, 43, 2010, S. 67-103.

47 Dom- und Diözesanarchiv Mainz.

48 In einem Schreiben ans Bischöfliche Ordinariat vom 10. April 1935 gab Rektor

Schneider an, dass „alle, die nicht unterschrieben haben, Angehörige der H.J., vielleicht

auch der S.A.“ waren.

49 Kunkel, Karl, 1984, S. 127. – Einer dieser Hitlerjungen war oben erwähnter Heinrich B.,

der vom 1. Juni 1932 bis 1. Juli 1934 Zögling des Hauses gewesen war.

50 Es handelte sich dann doch nur um eine Atempause, die dem Konvikt von Seiten der

Nationalsozialisten vergönnt war. Vom 23. Oktober 1934 datiert ein Brief Rektor

Schneiders ans Bischöfliche Ordinariat Mainz, in dem er feststellte, es sei „zur Zeit [...]

gar kein Bedürfnis vorhanden, eine Vereinbarung [mit der H.J.-Leitung. Anmerkg. Chw.]

zu treffen, da nur ganz wenige Jungens (2-3) der H.J. angehören und froh sind, wenn sie

keine Übungen mitzumachen brauchen.“

51 Gerichtet an die drei Konviktsrektoren der Diözese Mainz in Mainz, Bensheim und

Dieburg, Robert Rainfurth (1894-1972), Joseph Schneider (1897-1991), Eduard Müller

(1898-1969) sowie dem Direktor der Mainzer Marienschule, Dr. Heinrich Marzellus Wettig

(1890-1961).

52 In einem Brief des Hessischen Staatspolizeiamtes vom 18. Oktober 1934 ans

Bischöfliche Ordinariat in Mainz wurden Drohungen gegenüber Rektor Schneider

geäußert: „Kaplan Rektor Schneider in Bensheim wurde uns wiederholt durch ein

Verhalten bekannt, das nur durch eine auch heute noch vorhandene, stark

gegensätzliche Einstellung zum Nationalsozialismus und seinen Unterorganisationen

erklärt werden kann. Wenn gegen ihn seither noch keine Zwangsmaßnahmen eingeleitet

wurden, so geschah dies mit Rücksicht auf die im Zusammenhang mit dem Ableben des

Herrn Reichspräsidenten gehandhabte mildere Beurteilung derartiger Vorgehen.“ Es

folgte eine kleine Aufzählung von Fällen, in denen Schneider angeblich die Mitgliedschaft

von Konvikts-Schülern in der H.J. verhindert habe. Der Briefschreiber glaubte sich das

Verhalten des Rektors nicht, wie es versucht worden sei, „durch den Hinweis auf die

Hausordnung, die angeblich eine Teilnahme der Konviktsinsassen an den

Veranstaltungen der Hitler-Jugend nicht gestattet“, erklären zu können, sondern stellte

noch einmal fest, dass „diese Berufung auf die Hausordnung nur ein Vorwand“ sei, „um

die gegensätzliche Einstellung des Geistlichen zu den nationalsozialistischen

Jugendverbänden und die dadurch zu Tage tretende Staatsfeindlichkeit zu tarnen.“ Im

Schlussabsatz wurde das Bischöfliche Ordinariat „gebeten, alsbald dafür Sorge zu

tragen, daß eine Änderung in der Einstellung des Rektors Schneider“ eintrete,

„andernfalls von uns die geeignet erscheinenden Maßnahmen ergriffen werden müssen.“


53 In einem Schreiben vom 2. Februar 1934 ans Bischöfliche Ordinariat, als eine H.J.-

Gruppe im Konvikt noch bestanden hatte, bemerkte Schneider, dass man sich vor den

Hitlerjungen sehr in Acht nehmen müsse, „dass nicht jedes Wort, das man in der

Gemeinschaft oder im persönlichen Verkehr untereinander spricht, weitergetragen,

verdreht und gegen uns ausgeschlachtet wird. Zu diesen Leuten kann man jedenfalls

kein Vertrauen haben; viele von ihnen machen uns große Schwierigkeiten, und je mehr

man ihnen nachgibt, umso frecher werden sie und ziehen immer mehr in ihren Bann.“

54 Ob ein weit größerer Schaden im Jahr 1937 als Racheakt der Nazis aufzufassen ist,

wie Karl Kunkel fragt (a.a.O., S. 126), ist ungewiss. Der Nachfolger Schneiders im

Rektorat, Anton Müller, schrieb ans Bischöfliche Ordinariat am 14. September, dass in

der vergangenen Nacht „die Kegelbahn des Konvikts auf bisher unerklärliche Weise

Feuer gefangen hat und nahezu vollständig verbrannt“ sei. Bemerkt wurde der Brand

nach Müller „etwa um 0 Uhr 45 von einem Wächter der Wach- und Schliessgesellschaft

[...] der zusammen mit einigen zufällig vorübergehenden Soldaten Alarm schlug und in

der Kegelbahn untergestellte Gerätschaften rettete.“ Als der Subrektor „um 24 h [...] zu

Bett ging“, hatte er „beim Hinausschauen aus seinem der Kegelbahn zugelegenen

Fenster“ nichts bemerkt „und etwa ¾ Stunden später“ stand „die Bahn bereits in

Flammen“.

55 Rektor Schneider hatte sich Anfang 1936 von der Leitung des Hauses zurückgezogen.

Er wurde Pfarrer in Horchheim. Das „Necrologium Moguntinum“ weist aus, dass ihm „in

der NS-Zeit zehn Tage ‚Schutzhaft’ und 500 RM Sicherungsgeld“ nicht erspart blieben.

56 Dom- und Diözesanarchiv Mainz 52/54 20f. fol.103. Aus dieser Quelle geht auch

hervor, dass Anton Müller im Jahr 1942 eine „Anzeige bei der Gestapo wegen

Verächtlichmachung der Regierung“ erhielt und in deren Folge „Verhöre und Verwarnung

durch Gestapo Giessen“ zu erdulden hatte. „Im Laufe des Jahres 1943“ folgte eine

„wiederholte jeweils etwa 10 wöchige Briefkontrolle durch die Gestapo.“

Zur Literatur- und Quellenlage betreffs der Verfolgung von Geistlichen in der Zeit des

Nationalsozialismus hier nur drei Hinweise:

„Widerstand und Verfolgung in den Pfarreien des Bistums Mainz 1933-1945“. Band II:

Starkenburg Teil 1: Dekanate Mainz-Land, rechtsrhein., Bensheim, Darmstadt, Dieburg.

Herausgegeben von Ludwig Hellriegel unter Mitarbeit von Peter Fleck und Christoph

Duch. Mainz 1990.

„Priester unter Hitlers Terror. Eine biographische und statistische Erhebung in 2 Bänden.“

Unter Mitwirkung der Diözesanarchive bearbeitet von Ulrich von Hehl, Christoph Kösters,

Petra Stenz-Maur und Elisabeth Zimmermann. Paderborn, München, Wien, Zürich. 4.

durchgesehene und ergänzte Auflage 1998.

Umfängliches Material im Dom- und Diözesanarchiv Mainz 52/54 12a und 12b.

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