JOGU 207/2009 - Johannes Gutenberg-Universität Mainz

uni.mainz.de

JOGU 207/2009 - Johannes Gutenberg-Universität Mainz

[JOGU]

Nr. 207 Januar 2009

Das Magazin der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

[ Ideen für die Zukunft ]

[ CampusNet – Herausforderung und Chance ]

[ Verborgene Krankheit ]

[ Vom Leben, der Liebe und Einkaufszentren ]


Inhalt

Zum Titelbild: Die Auswirkungen der globalen Erwärmung an den Gletschern des Schweizer Wallis zu

untersuchen, nach Systemen für die Zukunft zu forschen und Problemlösungen zu entwickeln, war die

Aufgabenstellung einer Projektstudie am Geographischen Institut. Welche außergewöhnlichen Ideen die

27 Studierenden um Prof. Hans-Joachim Fuchs entwickelt und umgesetzt haben, lesen Sie auf Seite 7.

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4

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Editorial

Danke.

Campus aktuell

„Wir sind aufeinander angewiesen“

Sitzungstermine des Senats

„Intellektuell ein Vergnügen“

Foto: Peter Thomas

Diskussionsbereit:

Bundespräsident

Köhler zu Gast

Seite 4

7

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Studium & Lehre

Ideen für die Zukunft

Verbindende Vergangenheit –

trennende Gegenwart?

Auf allen Kanälen daheim

Fingerfertige Faszination

Bildung durch Gesang

Üben für den Ernstfall

Affentheater im Waisenhaus

Wissenschaft & Forschung

Fördertöpfe sind heiß umkämpft

Neue Töne anstimmen

„Verborgene Krankheit“

Einblick in die Steinzeitfamilie

Next Stop: Mainz

Nur eine Illusion?

Campus international

Das moderne Indien entdecken

Die Schönheit der menschlichen Sprache

Foto: Peter Pulkowski

Foto: © Bistum Mainz

Herausragend: Karl

Kardinal Lehmann ist

Stiftungsprofessor

Seite 6

Zukunftsweisend:

Skills-Lab an der

Uniklinik

27

28

Kultur auf dem Campus

Vom Leben, der Liebe und Einkaufszentren

Funktionalität und Ästhetik

Seite 12

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www.uni-mainz.de

Herausforderung und Chance

Shakespeare digital

Personen & Positionen

Neu an der Uni

Foto: Peter Thomas

Gutaussehend:

Neubau Musik

eingeweiht

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Kurz & Bündig

Besuch von Verteidigungsminister Jung

Impressum

Fit bleiben

Seite 28

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Editorial

Danke.

Das Bild unserer Universität in der Öffentlichkeit ist

geprägt von Erfolgsmeldungen in Forschung und

Lehre: Wir reden gerne und oft über international

beachtete Forschungsergebnisse, Publikationen,

Preise, hohe Drittmitteleinnahmen und über hohe

Studierenden- und Absolventenzahlen, neue Studiengänge,

Lehrpreise oder andere Auszeichnungen.

Dabei stehen neben den Studierenden in der Regel

vor allem unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

im Zentrum des Interesses. Das ist gut so

und soll auch in Zukunft so bleiben.

Aber dabei wird oft vergessen, dass an der Universität

nicht nur Studierende und Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler arbeiten. Die meisten der

gut 8.700 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die die

Universität gemeinsam mit der Universitätsmedizin

zum größten Arbeitgeber in Mainz und zum zweitgrößten

Arbeitgeber des Landes Rheinland-Pfalz

machen, sind im so genannten wissenschaftsstützenden

Bereich und in der Krankenversorgung tätig.

Hier ist eine Vielzahl von Berufsgruppen zu fi nden

– von technischen Berufen bis hin zum Gartenbau,

von der Krankenpfl ege bis hin zu kaufmännischen

und Verwaltungsberufen, vom Kraftfahrer bis hin

zur Telefonzentrale, vom Marketing bis hin zur Weiterbildung

– die Liste ist zu lange, als dass eine vollständige

Aufzählung an dieser Stelle möglich wäre.

Dabei ist die Universität nicht nur ein großer Arbeitgeber,

sondern auch ein großer und äußerst vielfältiger

Ausbildungsbetrieb: Gut 120 junge Menschen

erlernen hier einen von 15 Ausbildungsberufen –

sie profi tieren vom Wissen der erfahrenen Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter und von der besonderen

Herausforderung, die der Universitätsbetrieb für

jeden Einzelnen bedeutet. Denn der Gärtner pfl egt

eben nicht nur Hecken und Rasen auf dem Campus,

sondern er muss sich im Botanischen Garten

mit einer Vielzahl ausgefallenster Pfl anzen vertraut

machen. Die Mechanikerin in der Werkstatt des

Fachbereichs verrichtet nicht jeden Tag die gleiche

Arbeit, sondern muss sich immer wieder mit ausgefallenen

Ideen für den Aufbau neuer Experimente

auseinandersetzen und dabei oftmals an die Grenze

des technisch Machbaren und darüber hinaus gehen.

Und dabei möglichst gestern schon das funktionierende

Produkt abliefern. Sei es der sich ständig

weiter entwickelnden Forschung und einem internationalen

Wettbewerb geschuldet oder dem Umgang

mit engagierten und ideenreichen Studierenden

aus über 130 Ländern der Erde: Die Arbeit an der

Universität ist eine besondere Herausforderung für

jeden Einzelnen. Dass die stets engen öffentlichen

Haushalte das ihre dazu beitragen, dass die Gehälter

nicht in den Himmel wachsen, und dass mit der

Arbeitszeit so effi zient wie möglich umzugehen ist,

muss nicht extra ausgeführt werden.

Und doch sind es diese vielen Mitarbeiterinnen und

Mitarbeiter, die mit ihrem großen Engagement und

ihrer Leistungsfähigkeit das Rückgrat der Universität

bilden und all unsere sichtbaren Erfolge in Lehre,

Forschung und Krankenversorgung und in den

anderen Aufgabenfeldern der Universität möglich

machen. Jeder unserer Wissenschaftlerinnen und

Wissenschaftler kann Einzelne benennen, ohne die

die eigenen Erfolge nicht möglich gewesen wären.

Sie stehen jedoch meist im Hintergrund und ihre

Leistungen werden selten gewürdigt. Ihnen ist das

heutige Editorial gewidmet. Und mit ihnen auch all

denen, die sich um die Interessen der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter bemühen, allen voran die

Personalräte und die zuständigen Abteilungen der

Verwaltung. Der Präsident, der sich nicht nur als

Leiter der Dienststelle Universität, sondern auch als

Forscher und Hochschullehrer versteht, erlaubt sich

daher an dieser Stelle im Namen aller Studierenden

und aller Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

ein klares Wort, das längst überfällig ist und gerne

auch dezentral wiederholt werden darf:

Danke!

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch

Präsident

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Campus aktuell

Foto: Sascha Kopp

„Wir sind aufeinander

angewiesen“

SPIEGEL-Gespräch mit Bundespräsident Horst Köhler

Der Hörsaal RW1 war mit 1.000 Besuchern voll besetzt und draußen

vor dem Saal saßen mindestens noch einmal so viele, die über

eine Leinwand per public viewing den Auftritt von Horst Köhler mitverfolgten.

Der Bundespräsident war auf Einladung der Johannes

Gutenberg-Universität und des Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL

nach Mainz gekommen, um mit den SPIEGEL-Redakteuren Martin

Doerry und Jan Fleischhauer zum Thema „Wie politisch ist Amt des

Bundespräsidenten?“ zu sprechen. Zur Begrüßung sprach Universitätspräsident

Prof. Dr. Georg Krausch.

Es war wohl der sich in den letzten Monaten immer

rascher zuspitzenden wirtschaftlichen Weltlage

geschuldet, dass der Grundtenor des Gespräches

von Beginn an unter dem Vorzeichen der internationalen

Finanz- und Wirtschaftskrise stand. Dies

lag nicht nur aufgrund der Aktualität der Ereignisse

nahe, denn mit Bundespräsident Horst Köhler, dem

ehemaligen Direktor des Internationalen Währungsfonds,

stand zugleich ein Kenner der Finanzbranche

und der globalen Wirtschaftsprozesse als

Gesprächspartner zur Verfügung. Und Köhler sparte

nicht mit Kritik an der Branche, die augenscheinlich

für die derzeitige Krise mitverantwortlich ist.

Es sei die schlimmste wirtschaftliche Krise seit dem

Zweiten Weltkrieg, die deutlich die Schwächen des

Finanzsystems offenbare, so Köhler. Nun aber eine

Grundsatzdebatte über einer neue, staatsgelenkte

Marktwirtschaft zu führen, lehnte er als den falschen

Ansatz ab. Vielmehr müsse gerade jetzt die

Chance für sinnvolle Reformen genutzt werden, die

undurchsichtigen Strukturen des Finanzsystems zu

regulieren und umzugestalten.

Dabei könnte dieser falsche Ansatz, der Ruf nach

einem dauerhaft starken Staat, trotz Köhlers

Vorbehalten, aber angesichts der Eingriffe der

Bundesregierung durch das

Bankenrettungspaket und der

Kreditverhandlungen mit dem

Rüsselsheimer Autobauer Opel

schon längst zur Wirklichkeit

geworden sein. Die deutsche

Autoindustrie sei eine solide

Branche, die durch die Krise

gerade in einer Umbruchsphase

getroffen werde und der über

die entstandene Durststrecke

durch den Staat hinweggeholfen

werden sollte, relativierte

Foto: Peter Thomas

Für mehr Augenmaß:

Köhler und SPIEGEL-Redakteur

Fleischhauer

Vollbesetzter Hörsaal RW 1: Universitätspräsident Krausch

begrüßt Bundespräsident Köhler

Köhler seine Aussagen. Der Frage nach den Grenzen

dieser staatlichen Hilfen, wich der Bundespräsident

aus. Vielmehr betonte er, dass das in der Vergangenheit

im Ausland oft belächelte Modell der Sozialen

Marktwirtschaft nicht überholt sei, sondern wieder

zunehmend an Attraktivität gewinne. „Die Freiheit

des Marktes muss sich in Regelungen der sozialen

Verantwortung binden“, rief Köhler auf und forderte

zugleich von Managern sich in stärkerem Maße an

der öffentlichen Diskussion zu beteiligen und „sich

die Frage zu stellen, was angemessen ist.“ Das

die Finanzbranche in den letzten zwanzig Jahren

Strukturen hervorgebracht hat, die „jede Bodenhaftung

verloren“ haben, ist derzeit eine so simple,

wie augenscheinliche Erkenntnis und doch vermisst

Köhler vor allem von Seiten derer, die momentan

am heftigsten im Kreuzfeuer der Kritik stehen, die

Einsicht in ihre Lage und ihre gesellschaftliche Verantwortung.

„Die Freiheit des Marktes muss

sich in Regelungen der sozialen

Verantwortung binden.“

„Die Globalisierung braucht Gegenlager“, forderte

der Bundespräsident, stellte aber auf Nachfrage

klar, dass die Partei DIE LINKE, als ein solches, ideologisches

Gegenlager, nicht die richtigen Lösungen

bereithalte: „Eine staatsdominierte soziale Marktwirtschaft

wäre Augenwischerei, Deutschland nagt

nicht am Hungertuch.“ Köhler plädierte auch hier,

wie während des gesamten Gespräches für mehr

Augenmaß und dafür, die Probleme nüchtern und

frei von starren Denkmustern zu betrachten und

daraus die richtigen und notwendigen Maßnahmen

abzuleiten.

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Campus aktuell

Foto: Peter Thomas

Apell an die Studierenden: „Ich zähle auf sie!“

Eines dürfe jedoch auf gar keinen Fall geschehen:

Energisch warnte der Bundespräsident vor einem

Rückzug des Staates und des Einzelnen auf die eigene

Interessenlage. Noch trifft die Entwicklungsländer

die Wirtschaftskrise kaum, da sie weniger

stark in die internationale Wirtschaft integriert sind,

jedoch wird sich ein Wirtschaftsabschwung oder gar

eine Rezession in den Industriestaaten mittelfristig

auch und vielleicht in noch härterem Maße auf sie

auswirken. Die Folgen wären unabsehbar und die

Konsequenzen einer humanitären Katastrophe in

Afrika würde Europa unmittelbar zu spüren bekommen.

Köhler sprach mit den Lebensbedingungen

der Menschen auf dem Afrikanischen Kontinent ein

Thema an, dass er während seiner bisherigen Amtszeit

immer wieder zum Gegenstand der öffentlichen

Diskussion gemacht hatte. Gerade war er zusammen

mit seiner Frau von einer Reise nach Nigeria

zurückgekehrt und berichtete eindrücklich von der

Situation der Menschen dort.

„Die Globalisierung

braucht Gegenlager.“

Bei der Frage, warum sich die Europäische Union

nicht im Kongo engagiert, wo ein seit mehreren Jahren

schwelender und nun wieder ausgebrochener

Konfl ikt zwischen Regierung und Rebellen zehntausende

Menschen in ihrer Existenz betrifft, sagte

Köhler: „Wenn wir es ernst meinen mit den Werten,

die für uns alle stehen, müssen auch die Europäer

Soldaten stellen, um diesem Morden Einhalt zu

gebieten.“ Er erneuerte damit seine Forderung von

2006 UN-Truppen in den Kongo zu senden um die

Aufforderung eines europäischen Engagements in

Zentralafrika. Die Europäer, wie auch die gesamte

Staatengemeinschaft hätten sonst an diesem Punkt

ein Glaubwürdigkeitsproblem. Köhler forderte von

der UNO über ein robustes Mandat für den Kongo

nachzudenken und warnte zugleich vor den Konsequenzen

des Nicht-Einmischens: „Entweder wir

sagen, dass wir solche Situationen aus humanitären

Gründen nicht mehr zulassen wollen, oder wir lassen

es laufen, weil wir es nicht lösen können.“

„Wenn wir es ernst meinen mit

den Werten, die für uns alle

stehen, müssen auch die Europäer

Soldaten stellen,

um diesem Morden Einhalt

zu gebieten.“

Zum Ende des Gesprächs auf die in diesem Jahr

anstehende Wahl des Bundespräsidenten und die

Gründe weshalb er sich zur Wiederwahl stellt angesprochen,

reagierte Köhler staatsmännisch und

gestand eigene Fehler während seiner Amtszeit

ein. Als ein Bundespräsident, der sich mehr als seine

Vorgänger in die Politik eingemischt hat, unter

anderem indem er 2006 seine Unterschrift zum

Flugsicherheitsgesetzt verweigerte, habe er es in

manchen Fällen an der öffentlichen Kommunikation

seiner Entscheidungen fehlen lassen. Neben dem

weiteren Engagement für Afrika wolle er einen Beitrag

für die gesellschaftliche Entwicklung Deutschlands

leisten, sich für Arbeit und Bildung vor allem

für junge Menschen einsetzen und die Integration

aller Menschen in Deutschland fördern.

Wenn auch die Frage, wie politisch das Amt des

Bundespräsidenten ist, nicht wörtlich gestellt wurde,

so hatten die Zuhörer in den Antworten Horst

Köhlers doch vieles über das Selbstverständnis und

die Prinzipien der Amtsführung, des derzeit beliebtesten

deutschen Politikers erfahren.

„Wir sind aufeinander angewiesen“, war eine, in

seinen Aussagen immer wieder auftauchende Mahnung.

Und Köhler wurde nicht müde die Chancen

eines gemeinsamen und konstruktiven Miteinanders

für Deutschland zu betonen. Die Demokratie

in Deutschland sieht er stabil und handlungsfähig.

Damit diese es auch bleibt, rief Köhler am Ende der

Veranstaltung die zahlreichen Studentinnen und

Studenten im Saal und vor den Türen dazu auf, sich

zu engagieren und persönlichen Einsatz nicht zu

scheuen: „Sie sind die nächste Generation. Ich zähle

auf sie!“

Sebastian KUMP ■

Sitzungstermine

des Senats

Wintersemester 2009/10

Freitag, den 06. 11. 2009

Freitag, den 04. 12. 2009

Freitag, den 15. 01. 2010

Freitag, den 05. 02. 2010

Die Sitzungen fi nden im Sitzungszimmer

der Naturwissenschaftlichen Fachbereiche

(Johann-Joachim-Becher-Weg 21, 7.Stock)

statt und beginnen jeweils um 13.00 Uhr.

Neu im Senat

Nadine Heilmaier (Studierende)

Neue Prodekanin am FB 06:

Univ.-Prof. Dr, Susanne Klengel

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Campus aktuell

„Intellektuell

ein Vergnügen“

Foto: © Bistum Mainz

Karl Kardinal Lehmann wird Stiftungsprofessur 2009 Der Coup, der mit

der Besetzung der nächsten Johannes Gutenberg-Stiftungsprofessur gelungen

ist, darf getrost als Sensation bezeichnet werden: Karl Kardinal Lehmann wird

im Sommersemester 2009 an der Mainzer Uni Vorlesungen halten – wieder,

nach 38 Jahren. Bei der Pressekonferenz zur Verkündigung der frohen Botschaft

musste die Hauptperson jedoch leider krankheitsbedingt fehlen.

Karl Kardinal Lehmann

Binnen Wochenfrist nach dem 40jährigen Jubiläum

seiner Berufung zum „ordentlichen öffentlichen

Professor“ auf den Lehrstuhl für Dogmatik erfolgte

ein zweiter Professoren-Ruf der Universität Mainz

an Karl Lehmann, mittlerweile Kardinal und seit

langem einer breiten Öffentlichkeit auch bekannt

als Bischof von Mainz und langjähriger Vorsitzender

der Deutschen Bischofskonferenz: Er wird Stiftungsprofessor

2009. Mit ihm krönen die „Freunde der

Universität e.V.“ als stiftende Instanz zusammen mit

der Universität ein weiteres Jubiläum: Die Johannes

Gutenberg-Stiftungsprofessur, die jeweils für den

Verlauf des Sommersemesters eines Jahres einen

profi lierten Gast zu einer speziell zugeschnittenen

Themenstellung einlädt, geht damit in ihr zehntes

Jahr.

Karl Kardinal Lehmann widmet sich dem Thema

„Weltreligionen – Verstehen, Verständigen, Verantwortung“

und wird dazu unter dem Motto „Mut

zum Dialog“ zahlreiche Gäste zur Bereicherung

der Vorlesungsreihe einladen, die in von ihm moderierten

Vorträgen die spezifi sche Problematik der

einzelnen Weltreligionen und bedeutsame Detailaspekte

vorstellen werden.

„Schon häufi ger wollten wir dieses Thema des

interreligiösen Dialoges in Angriff nehmen“, so

Andreas Cesana, Leiter des Studium generale und

Vorsitzender der Stiftung, bei der Pressekonferenz

zur Vorstellung des neuen Stiftungsprofessors am

10. November 2008, „aber es hatte sich stets als zu

schwierig erwiesen.“ Cesana erläuterte die akute

Brisanz und die allgemeine Relevanz des Themas.

„Religionen haben uns in letzter Zeit das Fürchten

gelehrt – sie haben ein erschreckendes Gewaltpotential“,

bekannte er mit aufklärerischem Blick nach

Ost und West (die kurz darauf folgenden Ereignisse

in Bombay und Nigeria sollten diesem Aspekt brennende

Aktualität geben). Dies führte Cesana konsequent

zu der (über-)pointierten Frage, ob denn eine

neue Epoche der Religionskriege heraufziehe:

„Warum ist der interreligiöse Dialog so schwierig,

warum scheitert er so oft? Wenn man eine Stiftungsprofessur

zu diesem Thema in Mainz organisieren

will, dann ist Kardinal Lehmann ein unumgänglicher

Gesprächspartner und Ratgeber.

„Religionen haben uns in letzter

Zeit das Fürchten gelehrt

– sie haben ein erschreckendes

Gewaltpotential.“

Wir sind in den Gesprächen mit ihm auf so viel

Aufgeschlossenheit und Engagement zum Thema

gestoßen, dass wir es kurzerhand wagten, den

Kardinal selbst zu fragen“, erläuterte Cesana das

Zustandekommen der Besetzung. „Die Begegnung

mit Kardinal Lehmann war eine beglückende Erfahrung,

menschlich eine Freude, intellektuell ein Vergnügen.“

Und an diesem Vergnügen sollen nun im

Sommer 2009 die Mainzer Studierenden und alle

interessierten Bürger der Region teilhaben können.

Die Stiftungsprofessur ist schon seit langem zu einer

echten Institution geworden im intellektuell-akademischen

wie gesellschaftlich-kulturellen Leben der

Rhein-Main-Region – und darüber hinaus „das

schönste Geschenk der ‚Freunde’ an die Universität

– aber auch an die Stadt und die Region“, so

Universitätspräsident Prof. Georg Krausch: „Die Uni

ist per se Ort der interkulturellen und interreligiösen

Kommunikation. Ich bin sicher, dass diese zehnte

Stiftungsprofessur eine besondere Aufmerksamkeit

in der Öffentlichkeit fi nden und damit maßgeblich

zum Ansehen der Universität beitragen wird.“ Leh-

mann ist dabei wichtig, mit den einzelnen Fachleuten

ins Gespräch zu kommen, das sich idealerweise

auch mit den Religionen fortsetzt: „Durch einen

konstruktiven Dialog im Sinne des klassischen

Grundsatzes ein Gleicher redet mit einem Gleichen

kann die gemeinsame Verantwortung für eine friedliche

Zukunft der Welt wahrgenommen werden.“

Frank WITTMER ■

Eingeläutet wird die Veranstaltungsreihe am

Sonntag, 26. April, um 11 Uhr vormittags mit

einem Empfang im Ratssaal des Mainzer Rathauses.

Beginnend mit dem 28. April wird die

Vorlesung jeweils dienstags von 18.15 Uhr bis

ca. 19.45 Uhr im großen Hörsaal ReWi 1 stattfi

nden. Die erste Vorlesung und die abschließende

elfte am 7. Juli hält Kardinal Lehmann

selbst. Bei den Terminen dazwischen begrüßt

er als Gastredner: den EKD-Ratsvorsitzenden

Bischof Wolfgang Huber, Bettina Bäumer zum

Thema Hinduismus, Johann Maier zum Judentum,

Gudrun Krämer (Islam), Michael von

Brück (Buddhismus), Manfred Hutter (Baha’i),

desweiteren Hans Joas, Helwig Schmidt-

Glintzer und Eberhard Jüngel. Lehmann ist

dabei wichtig, mit den einzelnen Fachleuten

ins Gespräch zu kommen, das sich idealerweise

auch mit den Religionen fortsetzt: „Durch

einen konstruktiven Dialog im Sinne des klassischen

Grundsatzes ein Gleicher redet mit

einem Gleichen kann die gemeinsame Verantwortung

für eine friedliche Zukunft der Welt

wahrgenommen werden.“

Die Vorlesungen fi nden jeweils dienstags von

18.15 bis ca. 20.00 Uhr im Hörsaal RW 1,

Haus Recht und Wirtschfaft, statt.

http://www.stiftung-jgsp.uni-mainz.de

[JOGU] 207/2009 6


Studium & Lehre

Ideen für die Zukunft

Windfang-Projekt erfolgreich Die Auswirkungen der globalen Erwärmung an

den Gletschern des Schweizer Wallis zu untersuchen, nach Systemen für die Zukunft

zu forschen und Problemlösungen zu entwickeln, war die Aufgabenstellung

der Projektstudie. Es war die außergewöhnliche Idee von Prof. Hans-Joachim Fuchs

vom Geographischen Institut der Universität Mainz, mit 27 seiner Geographie-

Studentinnen und -studenten einen Windfang auf dem Rhone-Gletscher zu bauen.

Der Windfang, in der Mitte der fl ach auslaufenden Zunge des Gletschers aufgebaut,

so die Idee, fängt die kalten Fallwinde, die normalerweise ungehindert ins

Tal abfl ießen, auf und erzeugt ein Kaltluftpolster und damit einen Kühleffekt.

sogar 3 Grad Celsius. „Wir haben mit unserem Test-

Windfang auf dem Rhone-Gletscher eine eindeutige

Abkühlung der oberfl ächennahen Lufttemperatur

erreicht“, stellt Hans-Joachim Fuchs fest. Das Team

ist stolz auf diesen Erfolg.

Zu Recht! Ein hoffnungsfrohes Ergebnis, wenn man

bedenkt, welche Auswirkungen das weitere rasante

Abschmelzen der Schweizer Gletscher haben wird.

Prof. Fuchs: „Wir haben auf dem Gletscher begriffen

und gespürt, dass die Zeit knapp wird und wir wollten

mit unserem Experiment auch auf die Gefahren

aufmerksam machen.“

Während der monatelangen Projektplanung und

Vorbereitung leisteten die in fünf Arbeitsgruppen

aufgeteilten Studierenden Erstaunliches. Für die

fi nanziellen Mittel und die notwendige Unterstützung,

ohne die eine Lehrveranstaltung in dieser

Größe und Dimension nicht möglich ist, akquirierte

das Team eigenständig Sponsoren und machte mit

guter Pressearbeit auch die Öffentlichkeit auf dieses

ökologische Problem aufmerksam. Die Medien

bundes- als auch weltweit griffen das Thema mit Interesse

auf, auch das Fernsehen berichtete über das

außergewöhnliche Projekt der Mainzer. Angefangen

mit der Erstellung von Konstruktionsplänen, der Bereitstellung

von Baumaterial, der Herstellung von

Stahlstangen, war die Hilfsbereitschaft überwältigend

und auch vor Ort im Schweizer Wallis stieß

das Team auf Hilfestellungen der nettesten Art.

Am 11. August begann das zehntägige Experiment

unter dem Motto „Lets go Wallis 2008“, das Team

um Prof. Fuchs startete mit dem Bau des Windfangs

auf dem Rhone-Gletscher. Durch die Sonneneinstrahlung

wieder los geschmolzene Strahlträger,

eine nicht funktionierende Wärmebildkamera und

andere Schwierigkeiten, konnten die große Motivation

und Begeisterung der Gruppe nicht bremsen.

Die Konstruktion aus Stahlstangen und Planen, 15

Meter breit und 3 Meter hoch, stand am dritten Tag

1 Meter tief im Eis. Elf Temperaturmessgeräte in der

Umgebung des Windfangs ermittelten fast 16.000

Messwerte pro Tag. An sechs Tagen im Gelände

wurden so 95.000 Messwerte aufgezeichnet, um

die Lufttemperatur direkt am Windfang, in dessen

unmittelbarer Nähe und in weiterer Entfernung zu

ermitteln.

Die Temperaturen am Windfang

lagen nachts um durchschnittlich

1,5 bis 2 Grad tiefer

als die Temperaturen außerhalb

des Windfangs.

Das einzigartige Windfang-Experiment funktionierte.

Die Datenauswertung nach Abschluss des Experiments

zeigte, dass bei wolkenfreiem Himmel und

den dann herrschenden Fallwinden der Kühleffekt

am größten war. Die Temperaturen am Windfang

lagen nachts um durchschnittlich 1,5 bis 2 Grad

tiefer als die Temperaturen außerhalb des Windfangs.

Der maximale Temperaturunterschied betrug

Eine Umfrage vor Ort unter den Besuchern des

Gletschers zeigte denn auch deutlich, dass viele

die Folgen der Gletscherschmelze noch immer nicht

als eine reale Gefahr sehen, der Wunsch nach Information

aber vorhanden ist. Ein Lehrpfad, vom

Mainzer Team geplant, soll den Gletscher erlebbar

machen und wird von einem Schweizer Unternehmen

fi nanziert und umgesetzt. Informationen rund

um das Thema bietet auch der Internetauftritt des

Teams, der sogar während der Zeit im Wallis täglich

aktualisiert wurde. Und auch fi lmisch wurde

das Projekt umgesetzt. Am 6. Februar 2009 wird

der von den Studentinnen und Studenten auf dem

Rhone-Gletscher gedrehte Lehrfi lm der Öffentlichkeit

vorgestellt.

Forschendes und entdeckendes Lernen und Stolz auf

das Erreichte; das motiviert nicht nur für das weitere

Studium, sondern erzeugt auch neue Ideen für die

Zukunft. Viele der Sponsoren, die das Projekt 2008

unterstützten, haben bereits Hilfe bei weiteren Projekten

zugesagt. Und auch neue Angebote liegen

vor – sogar ein Unternehmen aus Japan bietet dem

Team um Prof. Fuchs eine Zusammenarbeit an.

Maria COLOMBO ■

Foto: © Geographisches Institut

[JOGU] 207/2009


Studium & Lehre

Quelle: tns emnid/Bertelsmann Stiftung

Verbindende Vergangenheit –

trennende Gegenwart?

Das Israelbild der Deutschen Den 60. Jahrestag der Gründung des Staates

Israel nahm die Bertelsmann Stiftung zum Anlass die Deutsche Bevölkerung

nach ihrem Israelbild zu befragen. Im Gegensatz zu einer frühere Umfragen der

britischen BBC, die ergeben hatte, dass Israel von den Deutschen als das Land

gesehen wurde, das den negativsten Einfl uss auf die Weltpolitik hat, zeichnet

die Bertelsmann-Umfrage eine tendenziell positives Israelbild der Deutschen.

Die Israel-Expertin der Stiftung Maren Qualmann stellte in einem Vortrag der

Arbeitsgemeinschaft Israel der Universität Mainz nun die Ergebnisse ihrer

Umfrage von 2007 vor.

Es mag zunächst irritierend klingen, dass Israel von

den Deutschen als das Land gesehen wird, das

weltweit den negativsten Einfl uss auf die Weltpolitik

hat. Gerade im Hinblick auf die besondere Historische

Beziehung und Verantwortung Deutschlands

gegenüber Israel erstaunt dieses Umfrageergebnis

der BBC aus dem Jahr 2007. Doch ist dieses zunächst

weniger aussagekräftig, als vielleicht vorschnell

vermutet werden könnte. „Umfragen können

eben nicht erklären, was hinter den Aussagen

steck“, erläutert die Israel-Expertin der Bertelsmann

Stiftung Maren Qualmann dazu in ihrem Vortrag. So

entsprechen die Ergebnisse der BBC-Umfrage nicht

einem generell negativen Israelbild der Deutschen,

sondern vielmehr der gegenwärtigen Wahrnehmung

Israels und des gesamten Nahen Ostens als

eine internationale Krisenregion.

Grade der Zustimmung der Bundesbürger zur Aussage:

„Mich beschämt, dass Deutsche so viele Verbrechen an den Juden

begangen haben.“

Vorschnelle Urteile zu vermeiden und gezielt und

konkret das Verhältnis der beiden Staaten zu hinterfragen

war Anliegen der 2007 durchgeführten

Umfrage der Bertelsmann Stiftung, die ihre eigenen

Ergebnisse mit Zahlen aus einer Umfrage des

Nachrichtenmagazins DER SPIEGEL von 1991 vergleichen

konnte.

„Umfragen können eben nicht

erklären, was hinter den

Aussagen steckt.“

Was denken die Menschen von Israel und warum

denken sie so, wie sie denken? Zu keinem anderen

Land, außer zu Frankreich, unterhält Deutschland so

lebendige und weit reichende Beziehungen wie zu

Israel. Dies mag aus der gemeinsamen Geschichte

resultieren, ist aber gerade aus diesem

Grund keine Selbstverständlichkeit,

sondern spricht vielmehr für ein reges

Interesse der beiden Nationen aneinander.

Zurückblickend lautet eines der entscheidenden

Ergebnisse der Umfrage,

dass die Shoah Deutschland und Israel

nicht voneinander trennt, sondern auf

deutscher Seite vor allem das Bewusstsein

der schamhaften Vergangenheit

dem entgegensteht. So empfi nden zwei

Drittel der Bundesbürger die deutschen

Verbrechen an den Juden als Scham

(s. Grafi k) und die Hälfte der Bevölkerung

verspürt eine besondere Verantwortung

gegenüber Israel. Dieses Verständnis

spiegelt sich auch in der Politik wieder.

„Die besondere Verantwortung Deutsch-

lands gegenüber Israel ist Teil der Staatsräson der

Bundesrepublik und als solche unumstößlich“, fasst

Qualmann ihre Erfahrungen mit Deutschen Politikern

zusammen.

Zugleich wünschen sich jedoch mehr als die Hälfe

der Deutschen einen Schlussstrich hinter die gemeinsame

Vergangenheit zu ziehen. Dieser Wunsch

entspricht der veränderten Wahrnehmung Israels

in Deutschlands, die zunehmend von aktuellen Ereignissen

dominiert wird. Prägend für das Israelbild

sind nicht mehr nur die Verbrechen des Nationalsozialismus,

sondern in stärkerem Maße der Nahostkonfl

ikt, die Israelische Siedlungspolitik und die

Situation der Palästinenser in den Autonomiegebieten,

wobei sich in diesen Themen die unterschiedliche

politische Kultur beider Länder widerspiegelt.

So begrüßen die Israelis den Einsatz deutscher

Soldaten vor der Libanesischen Küste im Rahmen

der UNIFIL-Mission der Vereinten Nationen, wogegen

in der Bundesrepublik Militäreinsätze seit dem

Zweiten Weltkrieg generell sehr kritisch diskutiert

werden. Aus demselben Grund halten die Deutschen

einen Krieg gegen den Iran wegen dessen

Atomprogramm mehrheitlich für ungerechtfertigt,

während die Israelis – aufgrund der unmittelbaren

Bedrohung – diesen befürworten würden.

„Die Vergangenheit verbindet Deutschland und

Israel“ so Qualmann, doch ist sie und wird in Zukunft

gegenüber aktuellen Ereignissen weniger

bedeutend werden. „Die Perspektiven werden sich

mit neuen Generationen zunehmend verändern.

Diese müssen ernst genommen, werden.“ So zeigt

die Umfrage ebenfalls, dass jüngere Generationen

in Deutschland wie in Israel weniger Interesse am

jeweils anderen Land zeigen und vor allem in Israel

junge Menschen eine generell skeptischere Haltung

als ihre Eltern und Großeltern vertreten.

Dieser Paradigmenwechsel, in dem die Unterschiede

in der politischen Kultur der beiden Staaten zunehmend

das gegenseitige Bild bestimmen, birgt Chancen,

zugleich aber auch die Gefahr einander nicht

mehr zu verstehen. Das Ergebnis der Bertelsmann-

Umfrage ist daher neben der Feststellung eines eher

positiven Israelbild der Deutschen zugleich die Aufforderung,

den Dialog der Bevölkerung beider Länder

voranzutreiben und die guten Beziehungen, vor

allem zwischen den jungen Bürgern beider Staaten,

auszubauen und zu festigen. Sebastian KUMP ■

[JOGU] 200/2007 207/2009

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Studium & Lehre

Auf allen Kanälen daheim

Spagat zwischen Vielfalt und Tiefgang „Aus dem Stoff für einen Zeitschriftenartikel

kann noch ein Radiobericht werden und zum Radiobericht können

sie vielleicht ein Internetangebot bauen. Lernen sie crossmediales Denken,

verkaufen sie Ihre Themen über mehrere Kanäle!“ So ermunterte Radio-Professor

Axel Buchholz in der ersten Woche des Wintersemesters seine Journalismus-

Studenten, ein Leben als Eierlegende Wollmilchsau zu testen. Sieben Studenten

des Journalistischen Seminars der Johannes Gutenberg-Universität Mainz setzten

nun ein einziges Thema für vier verschiedene Medien um: In einem Video,

einem Zeitungsartikel, einem Onlineauftritt und einer Radiosendung erzählen

sie von der Herkunft und Bedeutung deutscher Familiennamen.

Natürlich lassen sich viele Recherchen so mehrfach

verwerten. Doch „crossmedial denken“ heißt keineswegs,

viermal das Gleiche in unterschiedlicher

Verpackung anzubieten, wie Journalismus-Studentin

Ulrike Bastian erklärt: „Jedes Medium braucht

eine spezielle Aufbereitung. In der Zeitung oder online

kann man gut die Fakten rüberbringen – was

der Leser nicht versteht, kann er ja nochmal lesen.

Im Radio sind Emotionen leichter zu vermitteln, und

das Online-Video liefert die Bilder.“ Bastian nahm

im vergangenen Semester an einem ähnlichen Projekt

bei Professor Buchholz teil. Trotz der kreativen

und fi nanziellen Chancen sieht sie crossmediales

Arbeiten kritisch: „Der Nachteil ist, dass wir uns

künftig nie mehr auf ein Ding konzentrieren können.

Jeder kann alles, aber nichts richtig. Ich will

lieber konzentriert an einen Bereich arbeiten als

oberfl ächlich an vielen.“

Für ihren Kommilitonen Stefan Bock ist Crossmedia

die neue Norm: „Die Menschen informieren sich

heute über mehrere Kanäle – meist auch noch parallel.

Daher muss man auf vielen Feldern präsent

sein.“ Tatsächlich sind fast alle Zeitungsredaktionen

und Rundfunksender auch im Internet präsent.

Ständig entstehen neue Genres wie Podcast, Handy-TV

oder Videoblog. Der Nachwuchs-Journalist

sollte sie zumindest kennen und verstehen, denn

viele Chefredakteure äußern sich ähnlich wie Tagesspiegel-Online-Chefi

n Mercedes Bunz: „Wir wollen

Online- und Printredaktion lieber verzahnen anstatt

einen sinnlosen Doppelbetrieb aufzubauen“, sagte

sie dem „Medium Magazin“.

„Jeder kann alles,

aber nichts richtig.“

Der Wandel von Radiosendern oder Zeitungshäusern

zu Multimedia-Betrieben ist erst seit wenigen

Jahren im Gange. Medienhäuser, Journalistenschulen

und Universitäten bilden zwar schon lange an

unterschiedlichen Medien aus, doch wirklich verzahnt

sind die einzelnen Bereiche meist noch nicht.

Auch der Mainzer Journalismus-Master ist bisher

klassisch aufgeteilt: Die Studenten lernen Print, Radio

und Fernsehen in getrennten Lehrredaktionen,

dazu gibt es einige Online-Blöcke. Journalismus-

Student Jochen Steiner, der im Crossmedia-Projekt

die Mainzer Forschungen zur geographischen Namensforschung

(siehe JOGU Nr. 196/2006) vorstellt,

fi ndet: „Nach ersten Versuchen sollte das Seminar

Crossmedia als Lehrredaktion weiter anbieten.“

Versuchsphase: Wie lässt

sich klassischer Pressejournalismus

mit Online-

Arbeit verknüpfen?

Wie das Journalistische Seminar den Spagat zwischen

Format-Vielfalt und profunder Grundausbildung

bewältigen will, ist noch nicht klar. „Was

die crossmediale Ausbildung anbelangt, geht es

uns nicht anders als den Verlagen: Wir sind in der

Versuchsphase“, sagt Ulrike Trampus, vor ihrer

Lehrtätigkeit Chefredakteurin des „Wiesbadener

Kuriers“. Sie bereitet eine neue Lehrredaktion vor,

die klassischen Pressejournalismus mit Online-

Arbeit verknüpft. Auch richtig dabei zu sein“, doch

auch eine große Chance: „Der Journalist kann sich

eine im Arbeitsalltag oft sträfl ich vernachlässigte

Frage immer wieder neu stellen und sie auch beantworten:

Wie muss ein Thema aufbereitet sein,

um unterschiedliche Zielgruppen anzusprechen, sie

seriös, hintergründig, aktuell zu informieren und gut

zu unterhalten?“ Jan FREDRIKSSON ■

„Was ist Crossmedia?“

Der Ausdruck „crossmedial“ kommt aus der

Werbebranche, wo er den medienübergreifenden

Charakter einer Werbekampagne

bezeichnet. Entsprechend ist crossmedialer

Journalismus die Umsetzung eines Themas

unterschiedlichen Kanälen wie Zeitung, Online-Text,

Video oder Podcast. Dahinter steht

die Absicht, möglichst viele Interessenten zu

erreichen. Für Medienhäuser ist „Crossmedia“

eine Strategie, über eine breitere Präsenz

den Markt besser abzudecken und ihre Kunden

– etwa über Mitmach-Angebote – stärker

zu binden. Vor allem die angeschlagenen

Zeitungsverlage hoffen, damit ihre sinkenden

Aufl agen zumindest teilweise auszugleichen.

Foto: Peter Pulkowski


Studium & Lehre

Fingerfertige Faszination

Devilstick, Diabolo und anderes mehr Der Jonglage mit bunten Bällen,

glitzernden Keulen und anderen Objekten widmet sich eine Gruppe des Allgemeinen

Hochschulsports. Im kommenden Jahr wollen die Kleinkünstler zum

zweiten Mal eine Jonglage-Convention auf dem Mainzer Campus ausrichten.

Flirrend wie ein Feuerwerk sausen die vier orangeroten

Ringe aus den Händen von Paul Lind im ewigen

Reigen zur Decke der Sporthalle und wieder zurück.

Was mühelos leicht aussieht, ist Ergebnis langen

Trainings. Die entsprechenden Tricks und Kniffe lernen

die Teilnehmer des Kursangebots „Jonglieren“

im Rahmen des Allgemeinen Hochschulsports an

der Johannes Gutenberg-Universität Mainz.

Einige Mitglieder der Gruppe jonglieren bereits auf

hohem Niveau, lassen die Keulen, Diabolos und Pois

elegant durch die Luft tanzen oder balancieren bei

der Kontaktjonglage Bälle am Körper entlang. Aber

auch für Anfänger ist die Gruppe

genau das Richtige, sagt Bernadette

Hertrampf, Obfrau des AHS

für das Jonglieren. Alles was man

dazu mitbringen muss, sind Neugier,

Spaß an den anspruchsvollen

Koordinationstechniken und Freude

an der Kommunikation. Denn

neben den kleinen Workshops, die

in den Übungsstunden jeweils zu

bestimmten Techniken angeboten

werden, fi ndet Wissensvermittlung

meist durch den persönlichen

Austausch statt: Wer etwas lernen

möchte, sagt einfach „Bring mir

das doch bitte bei.“

Wer etwas lernen

möchte, sagt einfach

„Bring mir das doch

bitte bei.“

Die bisher größte eigene Veranstaltung

der Gruppe war die

Jonglier-Convention, die 2007 mit

150 Teilnehmern auf dem Campus

stattfand. Das dreitägige Programm

in der Leichtathletikhalle

fand seinen Höhepunkt in der

Jonglage-Galashow auf der Bühne des Hörsaals

P1. Motto der Convention war „Ministry of Silly

Juggling“, eine Verneigung vor dem Humor des bri-

Foto: Peter Thomas

tischen Ensembles Monty Python. 2009 wollen die

Jongleure wieder ein ähnliches Treffen auf die Beine

stellen, sagt Trainer Constantin Schneider. Er hat

im Dezember 2008 die Nachfolge der bisherigen

Trainerin Daniela Daub angetreten. Schneider, der

selbst seit fünf Jahren jongliert, will mit der Gruppe

auch häufi ger zu Conventions fahren.

Mittelfristig planen die Jongleure außerdem, einen

eigenen Verein zu gründen, um über das Training

im Rahmen des AHS-Programms hinaus noch weitere

Übungszeiten anbieten zu können. Denn wer

einmal von der Faszination des Jonglierens gepackt

Unterschiedliche Jonglagetechniken:

Nicht nur Bälle und

Keulen, sondern auch Pois und

Diabolos fl iegen durch die Luft

wird, der will diesen Aspekt der Artistik weiter erkunden.

Die meisten Novizen trainieren erst einmal

drei Bälle in einer Kaskade zu jonglieren. An diesem

Abend stehen auch Astrid Hahn, Melanie Deiß und

Eva Wirsing nebeneinander und lassen die bunten

Kugeln in der hell erleuchteten Halle mit sanften

Bewegungen kreisen. Einige Schritte weiter arbeitet

Friederike Bertsch konzentriert mit vier rot-weißen

Bällen.

Das Untergeschoss der Turnhalle mit seinem weich

gepolsterten Boden ist von Herbst bis Frühjahr das

Domizil der Jongleure. Hier trainieren die Mainzer

Artisten vor allem klassische Jonglage, aber auch

Figuren am Vertikaltuch und auf dem Balancierseil.

„Sobald es Wetter und Licht zulassen, gehen

wir allerdings ins Freie“, sagt Bernadette Hertrampf.

Dann übt die Gruppe auf der Wiese vor dem

Schwimmbad.

Wer Jonglage nur mit Bällen und Keulen in Zusammenhang

bringt, den belehrt ein Blick in die Materialkoffer

der Mainzer Gruppe eines

Besseren: Hier liegen auch die Pois

– das in strumpfähnliche Stoffbeutel

eingenähte Bälle. Außerdem

fi nden sich bunte Ringe, Devilstick,

Diabolo und anderes mehr. Für Abwechslung

sorgen aber nicht nur

die Geräte, sondern auch die verschiedenen

Techniken: Während es

bei der Wurfjonglage darum geht,

mehrere Objekte durch Werfen in

einem gleichmäßigen Bewegungsablauf

zu halten, verlangt die Kontaktjonglage

das Balancieren des

Objekts auf dem Körper.

Feine Unterschiede gibt es auch bei

den typischen Bewegungsabläufen

in der Arbeit mit einer geraden Zahl

von Objekten und dem Jonglieren

mit einer ungeraden Anzahl: Bei

fünf Bällen wechseln die Objekte

während der Kaskade die Hände,

bei vier Bällen dagegen üblicherweise

nicht. Der Betrachter kann

diese Details im rasenden Flug der

bunten Gegenstände kaum unterscheiden.

Was bleibt, ist Staunen

über jene Fingerfertigkeit, welche

die Jonglage-Gruppe auch schon beim Tag des

Hochschulsports mit einem gemeinsamen Auftritt

bewiesen hat.

Peter THOMAS ■

[JOGU] 200/2007 207/2009

10


Bildung durch Gesang

Studium & Lehre

Chorgesang: tolle Chance

für die kognitive, soziale und

kreative Entwicklung

Foto: © EuropaChorAkademie

Klassische Chorkultur an Schulen Kindern und Jugendlichen eine sinnvolle

Freizeitbeschäftigung anzubieten ist enorm wichtig. Singen in der Gruppe mit

Gleichgesinnten bedeutet andere und anderes kennenzulernen, Bereitschaft zur

Integration und den „Bau von Brücken“. Als Lohn winkt der Applaus, der wiederum

das Selbstbewusstsein stärkt.

Akademie im Wiesbadener Kurhaus zu hören. Hier

durften die neuen Eleven bei „Stille Nacht, heilige

Nacht“ erstmals Bühnenerfahrung sammeln. Für

dieses Jahr ist, neben einem eigenen Schulkonzert,

auch die Teilnahme am Semesterabschlusskonzert

des Collegium musicum im Sommer geplant.

Genau hier setzt Professor Joshard Daus mit seinem

künstlerisch-pädagogischen Programm „Klassische

Chorkultur an Schulen“ an. Der Leiter der Europa-

ChorAkademie und des Collegium musicum der Johannes

Gutenberg-Universität hat sich zur Aufgabe

gemacht, musikinteressierte Kinder und Jugendliche

genau an dem Ort abzuholen, an dem sie den größten

Teil des Tages verbringen – in der Schule. Mit

der zunehmenden ganztägig schulischen Beanspruchung

der Kinder schwindet auch ihre Bereitschaft

für außerschulische Freizeitaktivitäten. Aber gerade

hier greift das Konzept, klassische Chormusik in die

Schulen zu bringen. Musik in ihrem umfassenden

kulturellen Kontext zu begreifen und Schülern somit

über den kunstästhetischen Selbstwert hinaus vielfältige

Zugänge zu den Musikwerken zu erschließen

ist Ziel des Projektes. Unterstützt wird es vom

rheinland-pfälzischen Ministerium für Wissenschaft,

Weiterbildung, Forschung und Kultur.

„Chormusik ist wie ein

guter Mannschaftssport:

Sie schult den Teamgeist

und setzt Energien frei.“

„Zuallererst soll die Musik den Schülern Freude

bereiten. Darüber hinaus ist es mir ein Anliegen,

ihnen die Musik und die Inhalte auch fachlich zu

vermitteln, sie zu ermutigen, sich mit ihrem Talent

einzubringen und am Musizieren zu wachsen, oftmals

auch unerwartet, über die eigenen Grenzen

hinaus,“ erklärt Daus sein Vorhaben. „Die Zeit ist

reif für Neuerungen im Chorbereich. Gerade Kinder

singen gerne und gut, auch in unserer heutigen

Zeit. Und besonders der Chorgesang bietet eine

tolle Chance für die kognitive, soziale und kreative

Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“

Gerade auch die Kinder können hierbei ihre Stärken

entdecken, die Schwierigkeiten mit dem Leistungskatalog

der Schule haben. „Nicht nur die Schulung

der Singstimme steht im Vordergrund, sondern auch

die Motivation der Kinder und Jugendlichen zum gemeinsamen

Singen. Darüber hinaus vermitteln gemeinsame

Auftritte mit Sängern und Musikern des

Collegium musicums Freude und Erfolgserlebnisse.

Chormusik ist wie ein guter Mannschaftssport:

sie schult den Teamgeist, setzt Energien frei und

lenkt überschüssige Kraft in eine gute Richtung“,

ergänzt Chorleiter Sebastian Kunz. Gemeinsam mit

Jan Hoffmann, beide aus den Reihen der Europa-

ChorAkademie, unterrichtet er einmal wöchentlich

die Schülerinnen und Schüler der Klassen 5-12 an

der Bretzenheimer Gesamtschule in Mainz. Trotz

des umfangreichen Angebotes an Musik-AGs und

Instrumental-Ensembles existierte an der Schule

bislang kein Chor. Das Angebot der Uni kam somit

genau zum richtigen Zeitpunkt.

Die ersten Erfolge des Pilotprojektes, dem eine

Zusammenarbeit mit weiteren Schulen folgen soll,

waren schon im Weihnachtskonzert der EuropaChor

Als „Zentrale Einrichtung“ der Johannes Gutenberg-Universität

bietet das Collegium musicum Studierenden,

Universitätsangehörigen und allen dem

Musikleben der Universität nahe stehenden Interessierten

die Möglichkeit der aktiven Teilnahme.

Auf dem Programm der beiden Ensembles Chor und

Orchester stehen neben den großen Werken sinfonischer

Literatur, berühmte Oratorien und populäre

Filmmusik. Farbig wie das Profi l der beiden Ensembles

sind auch die Konzerte, die jeweils zu Semesterabschluss

stattfi nden.

Auf dem Programm des Abschlusskonzertes am

8. Februar in der Mainzer Phönixhalle steht Mendessohns

„Elias“ – eines der bekanntesten Werke

des Komponisten. Am Ende des Sommersemesters

wird unter Mitwirkung der Schülerinnen und Schüler

der IGS Bretzenheim Filmmusik von Gershwin,

Morricone und John Williams zu hören sein.

Ute SAUERZAPF ■

Information: Die Proben für das Sommersemester

beginnen für das Orchester am Dienstag, den

21. April 2009 und für den Chor am Mittwoch,

den 22. April 2009, jeweils um 19 Uhr in der Alten

Mensa auf dem Unigelände.

Interessierte sind jederzeit herzlich willkommen.

Kontakt: Collegium musicum, Gresemundweg 4,

55099 Mainz oder über

www.collegium-musicum.uni-mainz.de

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[JOGU] 207/2009


Studium & Lehre

Üben für den Ernstfall

Know-how für zukünftige

Mediziner Am Mainzer Skills-Lab

des Universitätsklinikums wird praktische

Ausbildung großgeschrieben. Das

Selbstlernzentrum bietet Medizinstudenten

eine zusätzliche Möglichkeit,

neben den Pfl ichtkursen im Studium

wichtige praktische Fertigkeiten für die

spätere ärztliche Tätigkeit zu erlernen.

Üben für die Praxis: „Im Skills-Lab ist täglich

Tag der offenen Tür.”

Foto: Peter Pulkowski

Der Patient bewegt sich nicht, reagiert nicht, wenn

man ihn anspricht. Tom schaut ob die Atemwege

frei sind, und bemerkt, dass der Mann nicht atmet.

Sofort beginnt er mit der Herzdruckmassage. Als sich

der Zustand des Patienten nach wiederholten Beatmungen

und Thoraxkompressionen nicht ändert,

heißt es „defi brillieren“. Doch kurz davor hustet der

Patient und macht sich durch ein Stöhnen bemerkbar.

Alle Beteiligten sind erleichtert, der Defi brillator

kann wieder eingepackt werden, jetzt heißt es

schnell ins Krankenhaus mit dem Patienten.

Solche und andere Szenarien spielen sich häufi g

im Mainzer Skills-Lab ab. Zum Glück ist im Selbstlernzentrum

des Universitätsklinikums niemals ein

Mensch in Gefahr. Die Studierenden der Medizin

üben unter anderem an Puppensimulatoren, die

fast bis ins kleinste Detail dem menschlichen Organismus

entsprechen.

„Dem Fachbereich Medizin ist

die finanzielle sowie ideelle

Unterstützung des Skills-Lab

ein besonderes Anliegen“

Seit 2003 trägt das Mainzer Skills-Lab am Universitätsklinikum

zur Intensivierung der praktischen

Ausbildung im Medizinstudium bei. Das Skills-Lab

geht ideell und organisatorisch auf die Initiative einer

Gruppe von Studierenden zurück. Auch heute

noch liegt die Organisation in der Hand von zwölf

studentischen Mitarbeitern. Die laufenden Kosten

für Geräte und Personal von 30.000 Euro im Jahr

übernimmt der Fachbereich Medizin.

„Dem Fachbereich Medizin ist die fi nanzielle sowie

ideelle Unterstützung des Skills-Lab ein besonderes

Anliegen“, erklärte der Dekan des Fachbereichs

Medizin, Prof. Dr. Dr. Reinhard Urban im Rahmen

der Eröffnungsfeier der neuen Räumlichkeiten, in

denen sich das Selbstlernzentrum seit April 2008

befi ndet.

Im Gebäude 405 ist das Skills-Lab für die Studenten

täglich von 10-18 Uhr geöffnet. Das Angebot reicht

von einer Vielzahl an Kursen bis hin zum individuellen

Üben während der Öffnungszeiten.

So bieten die insgesamt 23 Kurse des Skills-Lab von

„Auskultation am Patienten“ über „Nahttechni-

ken“ bis „Steril Waschen – Das kleine OP-Einmaleins“

eine sinnvolle Ergänzung zu den Pfl ichtveranstaltungen

des Medizinstudiums. Die Dozenten

kommen zum Großteil aus der Ärzteschaft des

Universitätsklinikums und machen es mit ihrem ehrenamtlichen

Engagement möglich, den Studenten

in den Kursen wichtiges Know-How für die spätere

Tätigkeit als Arzt zu vermitteln.

Wie groß der Zuspruch ist, beweisen die oftmals

schnell ausgebuchten Kurse. Im „Auskultations-

Kurs“, einem der beliebtesten bei den Studierenden,

kann es passieren, dass bereits einige Sekunden

nach Anmeldebeginn auf der Internet-Plattform

ILIAS die wenigen heiß begehrten Kursplätze schon

vergeben sind.

Unter dem Motto „Zwei innovative Ausbildungseinrichtungen

unter einem Dach“ hat sich neben dem

Skills-Lab das Simulationszentrum der Klinik für

Anästhesiologie im Gebäude 405 auf dem Klinikgelände

eingerichtet. In Zukunft wird durch diese

auch räumlich enge Zusammenarbeit und die Möglichkeit

zur gemeinsamen Nutzung von Simulatoren

das Kursangebot weiter ausgebaut werden.

„Im Skills-Lab ist täglich Tag der offenen Tür“, lautet

das Anliegen der Einrichtung. Durch die ganztägigen

Öffnungszeiten wird den Studenten die

Möglichkeit gegeben, einfach mal zwischen den

Vorlesungen oder in der Mittagspause das gerade

theoretisch Erlernte selbst praktisch auszuprobieren,

die Inhalte des Kurses am Vortag zu wiederholen,

oder sich mit anderen Studenten zu treffen,

um gemeinsam chirurgisches Nähen zu üben. Dafür

stehen den Studierenden viele verschiedene Tasktrainer,

Patientensimulatoren, medizinische Geräte

und Lernprogramme zur Verfügung.

Sehr beliebt bei den Medizinstudenten ist das neue,

eigens für Übungszwecke angeschaffte Ultraschallgerät.

Wie wichtig die praktischen Fertigkeiten sind, bemerkt

man spätestens in der ersten Famulatur. Dann

wird es ernst, und das Blutabnehmen sollte beim

Patienten, der meist genauso aufgeregt ist wie der

Famulus, halbwegs professionell ablaufen. Damit

im Ernstfall alles klappt, kann man am Blutabnahmetrainer

üben. Ohne Skrupel, jemandem weh zu

tun, lassen sich die dem Verlauf der menschlichen

Gefäße nachempfundenen Venen des Plastikarms

punktieren, und das Erfolgsgefühl stellt sich ein,

wenn das Kunstblut in die Kanüle fl ießt.

Anna-Maria VON RODA ■

[JOGU] 207/2009

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Studium & Lehre

Affentheater im Waisenhaus

Langwieriger Prozess der Resozialisierung Morgens, halb acht in Sambia, mitten im Busch: Die Arbeit hat vor einer

Stunde begonnen. Es ist ein sonniger, aber sehr kalter Morgen in Chimfunshi, ein Waisenhaus für Schimpansen. Zwei

Mainzer Biologiestudentinnen stehen als Volontäre auf der Ladefl äche eines zwanzig Jahre alten Trucks, die Füße versinken

in zermatschten Tomaten und Orangen. Die Aufgabe lautet: Obst und Gemüse sortieren, denn die Schimpansen, die in der

Auffangstation des Chimfunshi Vereins zum Schutz bedrohter Umwelt e.V. in Sambia leben, warten schon auf ihr Frühstück.

Nur zweimal in der Woche fährt der Truck

in die nächste Stadt namens Chingola, um

Obst und Gemüse, das der örtliche Supermarkt

spendet, abzuholen. Ansonsten ist

die Auffangstation von der Außenwelt abgeschottet.

Die meisten der Schimpansen

in Chimfunshi wurden als Babys durch

Wilderer zu Waisen und auf Märkten verkauft.

Sie kamen dann in Zoos, Zirkussen

oder privaten Haushalten. Viele von ihnen

wurden misshandelt, mussten in Bars die

Bierfl aschen der Gäste öffnen oder Zigaretten

verteilen und wurden schließlich

selbst Alkohol- und Nikotinabhängig.

Wurden die Schimpansen dann zu groß

und somit unberechenbar, fanden die Besitzer

keine Verwendung mehr für sie.

„Der intensive Körperkontakt

mit den Tieren

hat sich als unvergesslich

schöne Erinnerung in unser

Gedächtnis eingebrannt.“

Die über lange Zeit gequälten und unter grauenvollen

Umständen gehaltenen Menschenaffen fi n-

den in Chimfunshi ein neues und friedliches Zuhause.

Eine Auswilderung kommt nicht in Frage, da die

Menschenaffen sonst mit großer Wahrscheinlichkeit

wieder in die Hände von Wilderern geraten würden.

Die Geschichte Chimfunshis begann mit Sheila und

David Siddle, die im Norden Sambias eine Rinderfarm

betrieben. Eines Tages im Jahre 1968 wurde

ein verwaistes Schimpansenjunges zu ihnen gebracht.

Mittlerweile sind es 126 Schimpansen, das

halbzahme Flusspferd Billy, einige Papageien und

andere Tiere. So entwickelte sich die Farm zu einem

weltweit bekannten Zufl uchtsort. Dort mit anzupacken,

den bedrohten Tieren zu helfen und zugleich

wertvolle Erfahrungen im Umgang mit Menschenaffen

zu sammeln, ermöglichte den beiden Biologiestudentinnen

ein Volontariat. Die Planung des

Aufenthalts, der Reise und Unterkunft stellten dabei

eine besondere Herausforderung dar, denn die

Zu Tisch: Schimpansen in der Auffangstation.

Mitarbeit am Projekt lässt sich zwar als Exkursion

im Hauptstudium anrechnen, wurde aber von den

Biologinnen eigenständig organisiert.

Die erste Station für neu ankommende Menschenaffen

stellt das Waisenhaus dar, eine gesonderte

Station, in der die Tiere behutsam auf ihre neue

Umgebung vorbereitet werden Die Tiere werden

hier erst einmal an ihre Artgenossen gewöhnt bis

sie schließlich in eine Gruppe integriert werden können.

Damit beginnt der langwierige Prozess der Resozialisierung.

Bildet sich eine Gruppe mit circa 15

Tieren heraus, können diese dann in das eigentliche

„Projekt“ umgesiedelt werden. Hier leben die Gruppen

in fünf Hektar großen Freigehegen, in denen ein

artgerechtes Leben ermöglicht wird. Einzig die Fütterung

liegt in den Händen der Menschen. Eine weitere

Aufgabe war die Hilfe bei dem Bau eines neuen

Geheges. Das ist eine ganz besondere Aufgabe mitten

im Busch Afrikas, wo der Strom ausschließlich

aus Solarzellen oder Generatoren kommt.

Foto: Geyer/Nitzsche

Bei sogenannten Bushwalks haben

Touristen und Volontäre die Möglichkeit

mit jungen Schimpansen spazieren zu

gehen. „Der intensive Körperkontakt

mit den Tieren hat sich als unvergesslich

schöne Erinnerung in unser Gedächtnis

eingebrannt“, fassen die beiden zusammen.

Dennoch hat es einen traurigen

Hintergrund, da das Projekt fi nanziell

auf die Touristen angewiesen ist. Auch

hier mitten im Nirgendwo geht eben

nichts ohne das nötige Kleingeld.

Neben freiwilligen Helfern und Volontären

aus der ganzen Welt kommen

jährlich amerikanische Studenten, um

das Verhalten der Affen zu untersuchen

und zu erforschen.

Die ausgeprägte Individualität der Affen

beeindruckt die Wissenschaftler dabei

am meisten. Und angesichts der genetischen Übereinstimmung

von 98,7 Prozent sollte die Ähnlichkeit

zwischen Menschen und Schimpansen keine

Verwunderung auslösen.

Eine weitere Kooperation besteht zwischen Chimfunshi

und der Universität Oxford. In diesem Rahmen

untersucht der Primatologe und Manager des

Projekts Innocent Mulenga die Verwandtschaftsverhältnisse

der vier Schimpansen-Unterarten. Anhand

von Kotproben werden DNA-Sequenz-Analysen

durchgeführt und zur Stammbaumerstellung verwendet.

Der unvergesslichen Zeit in Afrika trauern die beiden

Biologiestudentinnen sehnsuchtsvoll nach: „Selbst

jetzt, einige Monate nach unserer abenteuerlichen

Reise, müssen wir täglich an die lieb gewonnenen

Affen denken. Die Sehnsucht wird wohl nie versiegen.“

Rebecca GEYER / Elisa NITZSCHE ■

Information: www.chimfunshi.com

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[JOGU] 207/2009


Interview

Wissenschaft & Forschung

Fördertöpfe sind

heiß umkämpft

Er verfügt über eine breite Berufspraxis in internationalen Unternehmen

und Forschungseinrichtungen: Seit Juli leitet Dr. Harald Knobloch

die neue Stabsstelle „Forschungsförderung und Technologietransfer“,

die direkt dem Präsidenten unterstellt ist. Wie der 47jährige

Physiker den Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen im „Förder-

Dschungel“ zur Seite stehen will, darüber äußert sich Dr. Knobloch

im Gespräch mit der JOGU-Redaktion.

JOGU: Die Johannes Gutenberg-Universität Mainz

gehört mit 2.800 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern

zu den forschungsstarken deutschen

Universitäten, das Einwerben von Drittmitteln spielt

eine entscheidende Rolle. Ob national oder international,

ob EU-Gelder oder Fördermittel der Deutschen

Forschungsgemeinschaft (DFG) – die Fördertöpfe

sind heiß umkämpft. Wie kann Ihre Stabsstelle

dazu beitragen, dass sich die Mainzer Wissenschaftler

ein möglichst großes Stück von diesem „Förder-

Kuchen“ sichern?

Knobloch: Die Stabsstelle „Forschung und Technologietransfer“

versteht sich als Service-Einrichtung,

die die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler

Blutspenden in der Uni

Spendeort

Johannes Gutenberg-Universität Mainz,

Linke Aula, Alte Mensa, Becher-Weg 5

Information Tel. 0 61 31/17-32 16 oder 32 17

Termin

Dienstag, den 10. 2., 26. 5., 28. 7 und 3. 11. 2009

Spendezeiten

8.30 bis 14.00 Uhr

aller Fachrichtungen unserer Universität beim Einwerben

von Drittmitteln und bei Kooperationen mit

der Wirtschaft unterstützt. Wir merken schon jetzt

nach kurzer Zeit, dass diese Hilfestellung von den

Forschern sehr gut angenommen wird, insbesondere

vor dem Hintergrund der Vielfältigkeit der Fördermöglichkeiten

heutzutage und der zunehmenden

Bedeutung von Drittmitteln, ohne die eine Durchführung

von Forschungsvorhaben unmöglich wäre.

JOGU: Stichwort „Vielfältigkeit der Fördermöglichkeiten“

– gerade diese Vielfalt ist es, die zwar einerseits

gute Chancen auf umfangreiche Fördergelder

eröffnet, die sich gleichzeitig aber auch sehr unübersichtlich

darstellt und in letzter Konsequenz oft

einen bürokratischen Hürdenlauf nach sich zieht.

Knobloch: Das ist sicherlich richtig. Wir haben

daher in der Stabsstelle drei Förderschwerpunkte

eingerichtet: die inneruniversitäre Forschungsförderung

und die Begleitung des Profi lbildungsprozesses

der Johannes Gutenberg-Universität Mainz

im Rahmen der Forschungsinitiative 2008-2011 des

Landes Rheinland-Pfalz, die nationale Förderung

(u.a. DFG) sowie die europäische Forschungsförderung.

Gerade letzterer kommt eine besondere

Bedeutung zu, denn jedes Jahr fl ießen rund vier

Millionen Euro aus Brüssel nach Mainz. Die Europäische

Union ist somit ein zunehmend wichtiger

Geldgeber, und wir verzeichnen einen entsprechend

steigenden Beratungsbedarf. Deshalb ergänzt seit

Oktober 2008 Julia Doré unser Team, die in engem

Kontakt zu den nationalen EU-Kontaktstellen steht

und die Wissenschaftler auf dem weiten Feld der

EU-Antragstellung berät und begleitet.

JOGU: Über den wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn

hinaus ist der Technologietransfer – die

Überführung dieser Erkenntnisse in wirtschaftlich

verwertbare Produkte und Verfahren – von zunehmender

Bedeutung. Welche Rolle spielen solche

Kooperationen bei Ihren Überlegungen?

Knobloch: Natürlich eine sehr große! Dem Thema

Technologietransfer kommt eine stetig wachsende

Bedeutung zu. So arbeiten Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler der Johannes Gutenberg-Universität

– regional, national und weltweit – sowohl

mit kleinen und mittelständigen Unternehmen als

auch mit großen Industrieunternehmen aus allen

Branchen zusammen. Wir wollen diesen Bereich gezielt

weiter ausbauen und dabei auch verstärkt auf

rheinland-pfälzische Unternehmen und den Mittelstand

setzen. Dabei gilt es insbesondere, den Unternehmen

das hohe Potenzial der Universität für eine

Zusammenarbeit darzustellen und darüber hinaus

sowohl den Wissenschaftlern als auch den Firmen

den Weg für Kooperationen zu ebnen.

JOGU: … zu welchem Zweck?

Dr. Harald Knobloch

Knobloch: Den Mainzer Wissenschaftlern eröffnet

diese Zusammenarbeit die Möglichkeit, zusätzliche

Drittmittel für sich einzuwerben. So haben die Wissenschaftler

im Jahr 2007 allein durch Kooperationen

mit Industrieunternehmen Drittmittel in Höhe

von 16,6 Millionen Euro eingeworben. Und die

Unternehmen profi tieren ebenfalls in hohem Maße

von dieser Partnerschaft – durch den Zugang zu

neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen, die zur

Innovationskraft, Wettbewerbsfähigkeit und zum

Wachstum dieser technologieorientierter Unternehmen

mit beitragen.

Das Gespräch führte Petra GIEGERICH ■

Foto: Thomas Hartmann

[JOGU] 207/2009

14


Wissenschaft & Forschung

Neue Töne anstimmen

Musikwissenschaft im Nationalsozialismus Ende 2008 wurde im Mainzer Rathaus die Ausstellung „Entartete

Musik“ gezeigt. Anlässlich der Schau fand auch eine musikwissenschaftliche Tagung statt, in der sich Fachleute aus ganz

Deutschland mit der Thematik befassten. Organisiert hatte die Tagung Thorsten Hindrichs. Der Mainzer Musikwissenschaftler

sagt: „Das Konzept ist aufgegangen. Aber Diskussion und Aufarbeitung müssen weitergehen.“

Im Jahr 1938 fanden in Düsseldorf die sogenannten

„Reichsmusiktage“ statt. Teil der Veranstaltung war

die Ausstellung „Entartete Musik“. Im Mittelpunkt

stand Musik, die der Rassenwahn-Ideologie der

Nationalsozialisten widersprach. Viele Künstler und

Komponisten waren betroffen. Einer, der das alles

weiß, ist Eckhard John. Der Musikwissenschaftler,

der am Institut für internationale Popularliedforschung

im Deutschen Volksliedarchiv in Freiburg

arbeitet, setzt sich schon seit vielen Jahren kritisch

mit diesem Thema auseinander.

John studierte Musikwissenschaft, Volkskunde und

Geschichte, promovierte 1993, war als Ausstellungsmacher

tätig, dazu als Dozent und Publizist,

und ist Gründer und Herausgeber des „Historischkritischen

Liederlexikons“.

„Das Konzept ist aufgegangen.

Aber Diskussion und Aufarbeitung

müssen weitergehen.“

Als einer von acht Referenten war auch er zur musikwissenschaftlichen

Tagung „Entartete Musik“

nach Mainz gekommen. Im Rathaus sprach der

Fachmann zum Thema „Mythos Entartete Musik

– Strukturen der Musikpolitik im NS-Staat“. Die

Fachtagung sollte der interessierten Öffentlichkeit

die verschiedenen fatalen Konsequenzen der nationalsozialistischen

Kulturpolitik für die Musikkultur

ins Bewusstsein rufen.

Angereist waren Experten aus ganz Deutschland,

die meisten darunter Musikwissenschaftler. Ihre

Vorträge deckten ein breites Spektrum ab. Es ging

um die nationalsozialistische Machtübernahme

und Machtergreifung in Mainz 1933, aber genauso

auch um die Rolle der Musik in der französischen

Kulturpolitik in Deutschland zwischen 1945 und

1949.So lautete das Thema eines der Vorträge:

„Rééducation mit musikalischen Mitteln – französische

Konzepte einer geistigen Neuorientierung der

Deutschen nach 1945.“

Die Tagung war integriert in eine mehrere Wochen

laufende Ausstellung im Mainzer Rathaus, die ebenfalls

den Titel „Entartete Musik“ trug. 1988 war die

Ausstellung von Albrecht Düling und Peter Girth

rekonstruiert worden, und heute, 20 Jahre später,

wurde sie neu konzipiert. Ein weiteres Ziel der

eintägigen Tagung mit den acht Experten bestand

darin, der Ausstellung „Entartete Musik“ eine musikwissenschaftliche

Perspektive zu verleihen.

Entartete Musik? Die meisten könnten wahrscheinlich

eher mit dem Begriff „Entartete Kunst“ etwas

anfangen als mit „Entartete Musik“. Thorsten Hindrichs

möchte das nicht eindeutig bejahen, aber

„tendenziell stimmt das wohl“. Hindrichs arbeitet

als Musikwissenschaftler an der

Johannes Gutenberg-Universität. Mit

dem Thema der Tagung beschäftigt er

sich seit den 90er Jahren. Er sagt: „Die

Ausstellung ,Entartete Musik’ hat auch

nie so ein großes Medienecho gehabt

wie die Ausstellung ,Entartete Kunst’,

die ein Jahr vorher stattgefunden hatte.“

Hindrichs hat die Tagung im Rathaus

konzipiert und organisiert. Er investierte

viel Zeit und Engagement in die Planungen.

Zwei Jahre beanspruchten die Planungen

und Vorbereitungen. Und es hat

sich gelohnt, wie er findet. Ein paar Tage

nach der umfangreichen Veranstaltung im

Rathaus sitzt er in seinem Büro im Philosophicum

der Universität und zieht Bilanz:

„Inhaltlich war es eine schöne Tagung, ich

fand die Vorträge sehr spannend, die Qualität

war sehr gut, es war viel Neues dabei.“

In der Ankündigung zur Tagen war zu lesen: en:

„Gerade angesichts des Umstands, dass die

,Reichsmusiktage’ 1938 – einschließlich der

dort gezeigten Ausstellung – in wesentlichen Teilen

von Musikwissenschaftlern konzipiert und durchgeführt

wurden, sieht sich das akademische Fach

Musikwissenschaft in der Verantwortung, deutlich

Position zu beziehen.“ Ist das gelungen? Hindrichs

findet: Ja.

Das Konzept, das er sich überlegt habe, sei aufgegangen.

Nichtsdestotrotz müsse vor allem fachintern

die Diskussion weitergehen. Aber auch die

Aufarbeitung. „Es ist die erste Tagung dieser Art

gewesen. Die Absicht war, sich wissenschaftlich mit

diesem Thema auseinanderzusetzen. Das kann man

aber nicht oft genug machen“, sagt er. Deswegen

werde das mit Sicherheit nicht die letzte Veranstaltung

dieser Art gewesen sein. Dimitri TAUBE ■

derAusstellungsplakat

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[JOGU] 207/2009


Wissenschaft & Forschung

„Verborgene Krankheit”

Die Welt – so unwirklich wie ein Gemälde von Magritte Zu den weit

verbreiteten, aber dennoch wenig erforschten psychischen Störungen zählt das

Phänomen der so genannten Depersonalisierung. Betroffene erleben sich selbst

und ihre Umwelt als fremd und unwirklich – in dem Bewusstsein, dass diese

Veränderung der Wahrnehmungs-Perspektive keinem äußeren Impuls folgt.

Unter der Leitung des Psychotherapeuten und Arztes Dr. Matthias Michal

befasst sich derzeit eine Arbeitsgruppe am Mainzer Uniklinikum mit dieser

„verborgenen” Krankheit.

Die Welt ist eine Kulisse nur, ein Pappmaché-Land

der Unwirklichkeiten, unberührbar, unerreichbar.

Darin das eigene Ich, das keines mehr ist. Die Hände

sind größer geworden. Die Stimme klingt fremd,

fremd ist das Bild im Spiegel. Was wie die Beschreibung

eines Alptraumes klingt, ist für knapp zwei

Prozent aller Bundesbürger nahezu tagtäglicher

Wachzustand: das Phänomen extremer Selbstentfremdung,

der so genannten Depersonalisation,

kurz DP. In ihrer schweren klinischen Form ist diese

Krankheit bisher kaum erforscht.

„Die Gründe dafür sind vielfältig”, erläutert PD Dr.

Matthias Michal von der Klinik für Psychosomatische

Medizin und Psychotherapie des Mainzer

Universitätsklinikums. „Eigentlich gehört die Depersonalisation

dem allgemeinen Repertoire menschlicher

Reaktionen an. Drei Viertel von uns lernen im

Laufe ihres Lebens die entsprechenden Symptome

kennen, die ja auch oft im Zusammenhang mit

Übermüdung auftreten. Der Zustand der Selbstdistanz

dauert aber normalerweise nicht allzu lange

an, und so nehmen die meisten Menschen jene

kurze Phase des Neben-Sich-Stehens eben nicht als

Belastung wahr – zu welcher die Depersonalisierungserfahrung

jedoch dann wird, wenn die Betroffenen

sich bedroht fühlen, wenn sie glauben, dass

sie verrückt werden, oder wenn diese Störung des

Selbstbezuges Tage, Wochen und Monate anhält.

Meist tritt die klinisch bedeutsame Form der DP

im Zusammenhang mit anderen psychischen Störungen

wie Ängsten oder Depressionen auf – was

dazu führt, dass Ärzte die DP als vernachlässigbar

abtun. Damit aber wird man den Betroffenen nicht

gerecht.”

Das wollen Michal und seine Kollegen ändern. In

einer vor zwei Jahren durchgeführten Repräsentativerhebung

unternahmen die Forscher den Versuch,

die Koordinaten der Krankheit abzustecken.

„Das ist in Form einer Umfrage geschehen – was

in diesem Fall auch sehr gut möglich ist, weil die

Störung – anders, als etwa die Schizophrenie – den

Betroffenen sehr wohl bewusst ist. Die Patienten

begreifen, dass mit ihnen etwas nicht stimmt, und,

was sehr wichtig ist: Sie können weiterhin die Realität

als solche erkennen. Ihnen ist völlig klar, dass

ihre Wahrnehmung sich verändert hat, nicht aber

die Welt.”

„Ihnen (den Patienten) ist

völlig klar, dass ihre Wahrnehmung

sich verändert hat,

nicht aber die Welt.”

Die Mainzer Forscher wollten es genau wissen:

Wieviel Prozent aller Deutschen sind betroffen,

und was sind die Ursachen für diese bisher kaum

als eigenständige Krankheit anerkannte psychische

Störung?

1.287 Personen zwischen 14 und 90 Jahren füllten

in Gegenwart jeweils eines von insgesamt 119

geschulten Interviewern einen entsprechenden

Fragebogen aus. Die verwendete deutsche Version

der so genannten „Cambridge Depersonalization

Scale” fragt nach der Häufi gkeit und Dauer

der entsprechenden Symptome: Erleben sich die

Teilnehmer „wie abgetrennt von ihrer Umgebung

oder erscheint ihnen diese unwirklich, so, als ob

ein Schleier zwischen ihnen und der äußeren Welt

läge”? Oder fühlen sie sich „aus heiterem Himmel

fremd, als ob sie nicht wirklich wären oder von der

Welt abgeschnitten?”

Das Befragungsergebnis belegt, dass DP kein gesellschaftliches

Marginal-Problem darstellt. Immerhin

9,7 Prozent aller im November und Dezember

2006 Befragten gaben an, dass sie sich während

der vergangenen sechs Monate von DP beeinträchtigt

fühlten.

Bei 1,9 Prozent aller Befragten lag das Ausmaß

der DP-Symptome im klinisch relevanten Bereich,

die Häufi gkeit dieser schwereren Ausprägung der

Depersonalisation entspricht dem bundesdeutschen

Auftreten von Schizophrenie, Epilepsie und

Magersucht. „Und für letztgenannte Krankheiten

sind inzwischen Ambulanzen eingerichtet worden”,

so Michal, „DP hingegen zählt weiterhin zu

den so genannten verborgenen Störungen. Unsere

Überprüfung von 1,5 Millionen Versicherungsakten

ergab, dass nur bei einem von 10.000 Versicherten

die Diagnose DP gestellt wurde.”

„Unsere Überprüfung von 1,5

Millionen Versicherungsakten

ergab, dass nur bei einem von

10.000 Versicherten die Diagnose

DP gestellt wurde.”

Informationen zur Biographie und aktuellen Lebenssituation

der Befragten konnten erste Hinweise auf

mögliche Krankheitsursachen geben. Demnach verursachen

elterliche Vernachlässigung oder Über-Betreuung

(= Kontrolle) eine erhöhte DP-Gefährdung.

Problematische berufl iche oder partnerschaftliche

Situationen beeinfl ussen ebenfalls die DP-Anfälligkeit.

Auffällig im Vergleich mit anderen Umfragen

war die für die Gruppe der Rentner nachgewiesene

erhöhte DP-Gefährdung. Ob der Faktor „(mangelnde)

gesellschaftliche Anerkennung” in diesem Kontext

eine Rolle spielt, kann nur gemutmaßt werden.

Konform zu den Ergebnissen zweier internationaler

Untersuchungen, aber dennoch erstaunlich

aus hiesiger Sich, bleiben die für die Bevölkerung

West- und Ostdeutschlands deutlich unterschiedenen

Resultate. Weltweit scheint zu gelten, dass DP

in kollektivistisch orientierten Gemeinschaften eine

deutlich geringere Rolle als in individualistisch ausgerichteten

Gesellschaften spielt. Dass die Wahlfreiheit

erhöhte psychische Anforderungen an den

Einzelnen stellt, kann im gegebenen Kontext nur

andeutende These bleiben.

Festzuhalten bleibt in diesem Zusammenhang allerdings,

dass DP zu den angeborenen Strategien

physischen Überlebens zählt.

„Ich griene in mich hinein, komme mir vor wie eine

auf der Bühne agierende Person. Was gehen mich

die alle an! Bin noch nie so weit von mir selber

weg gewesen und mir so entfremdet. Alles Gefühl

scheint tot. Einzig der Lebenstrieb lebt. Die sollen

mich nicht zerstören”, schreibt eine junge Frau im

Berlin des Jahres 1945, und formuliert an anderer

[JOGU] 207/2009

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Wissenschaft & Forschung

Sich selbst fremd: Veränderte

Hirnaktivierungen lassen sich im

Kernspintomograf nachweisen.

Fotos: Matthias Michal

Stelle: „Wobei mir die seltsame Vorstellung einfällt,

eine Art Wachtraum, der mir heute früh kam, als

ich nach Petkas Weggang vergeblich einzuschlafen

versuchte. Es war mir, als läge ich fl ach auf meinem

Bett und sähe mich gleichzeitig selber daliegen,

während sich aus meinem Leib ein leuchtendweißes

Wesen erhob; eine Art Engel, doch ohne Flügel, der

steil aufwärts schwebte. Ich spüre noch, während

ich dies schreibe, das hochziehende, schwebende

Gefühl. Natürlich ein Wunschtraum und Fluchttraum.

Mein Ich läßt den Leib, den armen, verdreckten,

mißbrauchten, einfach liegen. Es entfernt sich

von ihm und entschwebt rein in weiße Fernen. Es

soll nicht mein ‘Ich’ sein, dem dies geschieht. Ich

schiebe all das aus mir hinaus. Ob ich wohl spinne?

Aber mein Kopf faßt sich in diesem Augenblick kühl

an, die Hände sind bleiern und ruhig.”

Wesentlich ist, dass dieser

Zustand der Selbstdistanz nur

temporär sein darf.

Wie 110.000 Leidensgenossinnen (vgl. Stern Nr.

44/2008) ist die Verfasserin, deren Erinnerungen

unter dem Titel „Anonyma” aktuell als Taschenbuch

und Film herausgekommen sind, von sowjetischen

Besatzungssoldaten mehrfach mißbraucht worden.

Der Autorin dieses Tagebuch-Textes ist eines klar:

Wesentlich ist, dass dieser Zustand der Selbstdistanz

nur temporär sein darf, dass mit der Rückkehr

der Normalität, in diesem Falle einer zivilen Friedensgesellschaft,

die Rückführung des Systemes

Mensch in den emotionsoffenen Normalzustand

gelingen muss. Der Ausnahmezustand darf nicht

chronisch werden, der Schutzmechanismus muss

dann enden, wenn seine Funktion erfüllt ist – die

Ablösung vom eigenen Körper und den eigenen

Emotionen, die Erzeugung eines durchdringenden

Gefühles der Irrealität dienen schließlich einzig der

Bewahrung des eigentlichen Selbst.

Dass die Depersonalisation auch der Bewältung

physischer Beeinträchtigungen dient, zeigt die

Neurobiologie. In einer Studie konnten Michal und

seine Kollegen nachweisen, dass DP bei gesunden

Probanden vermittels hypnotischer Suggestion vorübergehend

indiziert werden kann. Dieser künstlich

herbeigeführte Zustand der Selbstentfremdung

führte zu bedeutsamen Veränderungen der

Schmerzverarbeitung im Gehirn: in Regionen, die für

die Konstruktion des Körperschemas verantwortlich

sind, und auch in den Bereichen, welche Emotionen

generieren und regulieren. Die Technologie der

Positronen-Emissions-Tomografi e kann diese Modifi

zierung des Glukosestoffwechsels abbilden, veränderte

Hirnaktivierungen lassen sich auch mit Hilfe

der funktionellen Kernspintomografi e nachweisen.

Die vom Mainzer Interdisziplinären Forschungszentrum

für Neurowissenschaften, kurz IFZN, geförderten

aktuellen Untersuchungen sind dem veränderten

Emotionserleben auf der Spur. Fortlaufend

werden zwei Probandengruppen – Gesunde und

Betroffene – auf die Emotionsverarbeitung im Zustand

der Depersonalisation getestet.

„Die Welt wie ein Magritte-Gemälde erleben zu

müssen, stellt eine schwere Belastung dar. Ein Gespräch

ist in diesem Zusammenhang oft hilfreich”,

erläutert der Psychotherapeut Michal seine Erfahrungen.

Ulrike BRANDENBURG ■

Information: Gesunde, die sich auf ihre Hypnosefähigkeit

testen lassen und an der entsprechenden

Studie teilnehmen wollen, erhalten unter E-Mail

dp-studie@uni-mainz.de weitere Informationen.

Betroffene, die eine Beratung über die Möglichkeiten

der Behandlung wünschen oder an der Studie

teilnehmen möchten, können sich jederzeit unter

(06131) 177381 (= Spezialsprechstunde der Klinik

für psychosomatische Medizin und Psychotherapie)

an Dr. Michal und seine Kollegen wenden.

Verantwortliche der Studie zur „Emotionsverarbeitung

bei hypnotisch induzierter und klinischer

Depersonalisation” sind unter anderen Dr. Matthias

Michal und Prof. Dr. Manfred E. Beutel von der

Mainzer Klinik und Poliklinik für Psychosomatische

Medizin und Psychotherapie und Prof. Dr. Peter

Stoeter vom Institut für Neuroradiologie, Prof. Dr.

Mathias Schreckenberger, Klinik und Poliklinik für

Nuklearmedizin und Prof. Dr. Thomas Metzinger

(Philosophisches Seminar). Die Studie wird vom

IFZN (Interdisziplinäres Forschungszentrum für Neurowissenschaften)

gefördert.

Vom 18. bis 21. März 2009 fi ndet in Mainz die 60.

Arbeitstagung des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische

Medizin (DKPM) und zugleich die

17. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für

Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie

(DGPM) statt.

Internet: http:/www.ifzn.uni-mainz.de/321.php

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Wissenschaft & Forschung

Einblick in die Steinzeitfamilie

Foto: LDA Sachsen-Anhalt und Landesmuseum Halle

Vielbachtete Ausgrabung durch

Mainzer Anthropologen Es war

einmal in Sachsen-Anhalt vor 4.500

Jahren: Nach der Entdeckung von vier

Gräbern aus der Jungsteinzeit im Jahr

2005 haben Mainzer Anthropologen,

zusammen mit Kollegen aus Halle,

Adelaide und Bristol, erstmals den

Beweis erbracht, dass die Menschen

schon damals in kleinen Familien zusammen

lebten und sich am Wohnort

des Mannes niederließen.

Es ist einem grausamen Glücksfall zu verdanken,

dass die Forscher um Prof. Dr. Kurt W. Alt diesen

Beweis führen konnten: In vier Gräbern nahe dem

Dorf Eulau wurden Erwachsene und Kinder gemeinsam

bestattet, weil sie einer Gewalttat zum Opfer

gefallen waren. Man fand unter anderem Wirbel, in

denen Pfeilspitzen steckten (Abb.) und Hiebverletzungen

an Schädeln und Unterarmen. Die potentiellen

Familiengräber sind eine seltene Ausnahme,

denn normalerweise überlebten die Kinder ihre Eltern

um viele Jahre und auch die Frauen

starben meist später als ihre Männer.

Die steinzeitliche Tragödie

bescherte den Wissenschaftlern

zwei Generationen gleichzeitig,

deren sterbliche Überreste zumindest

in zwei Gräbern (Nr. 98

und 99) hervorragend konserviert waren. „Ein weiterer

Glücksfall, der in der Geologie der Fundstätte

begründet ist“, erklärt Guido Brandt und ergänzt,

„nur selten erhalten wir solch ausgezeichnetes Probenmaterial

für unsere Analysen.“ Der diplomierte

Anthropologe fertigt gerade seine Doktorarbeit

an und war beim Eulau-Fund für die genetischen

Analysen zuständig. Die Untersuchung des Erbguts,

das aus den Zahnwurzeln der Skelette gewonnen

wurde, erbrachte dann das spektakuläre Ergebnis:

Die Personen in Grab 99 sind Eltern mit leiblichen

Kindern; damit wurde der weltweit älteste molekulargenetische

Beweis für eine Kernfamilie erbracht.

„Nur selten erhalten wir solch

ausgezeichnetes Probenmaterial

für unsere Analysen.“

Kernfamilie, das bedeutet, dass Vater, Mutter und

Kinder zusammen in einem Haushalt leben. Dies

ist heute weit verbreitet, möchte man meinen,

aber Prof. Alt widerspricht: „Meine jüngsten Erhebungen

ergaben, dass es in unserer modernen

Gesellschaft 10 bis 15 verschiedene Familientypen

gibt. Die Kernfamilie mit verheiratetem Ehepaar und

eigenen Kindern macht dabei nur etwa ein Viertel

der Fälle aus.“ Auch für die Jungsteinzeit, die

Menschlicher Wirbel mit

eingedrungener Pfeilspitze

aus Feuerstein (wahrscheinliche

Todesursache).

Eine Auswahl von Gefäßformen

der schnurkeramischen Kultur.

in Mitteleuropa etwa von 5.500 bis 2.200 v. Chr.

datiert wird, können daher solch unterschiedliche

Lebensmodelle angenommen werden. „Was wir

gefunden haben, ist ein Mosaikstück aus der Zeit

der Schnurkeramik“, sagt Alt. Die schnurkeramische

Kultur selbst ist eine von vielen Kulturen, die man

während der Jungsteinzeit im Mittelelbe-Saale-

Gebiet unterscheidet. Es waren sesshafte Bauern

und Viehzüchter, die ihre Tongefäße mit charakteristischen

Kordelmustern versehen haben (Abb.

Tongefäße). Warum sich die einzelnen Kulturen nur

etwa 300 bis 400 Jahre lang hielten und ob ein Kulturwechsel

auch mit einem Bevölkerungswechsel

einher ging, das ist die zentrale Fragestellung des

von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

geförderten Projektes, im Rahmen dessen auch die

Gräber in Eulau untersucht werden. Außerdem werden

dabei 22 weitere Fundplätze in Sachsen-Anhalt

unter die Lupe genommen, wobei die Zusammenarbeit

mit den Archäologen aus Halle eine zentrale

Rolle spielt.

„Was wir gefunden haben, ist

ein Mosaikstück aus der Zeit

der Schnurkeramik.“

Warum aber sind die Funde von Eulau, einem Ortsteil

von Naumburg an der Saale, so gut erhalten? Es

handelt sich um ein großes Kiesabbaugebiet, das vor

einigen Jahren erschlossen wurde. Vor Beginn der

Baggerarbeiten wurde wie immer eine Prospektion

Foto: Christian Meyer

[JOGU] 207/2009

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Wissenschaft & Forschung

aus der Luft durchgeführt (Abb. Luftbild). „Dabei

wurden die Gräber entdeckt, einfach weil sie sich

durch einen anderen Bewuchs von der Umgebung

abhoben“, erklärt Christian Meyer. Er ist ebenfalls

Promovend bei Prof. Alt und untersucht die Knochen

nach morphologischen Kriterien. „Pfl anzen spiegeln

die Bodenverhältnisse wieder und hier war es wohl

der im Vergleich zu den Kiesböden höhere Anteil

organischen Materials im Bereich der Grabstätten“,

so Meyer. Nach der Entdeckung wurde unter Federführung

des Landesamtes für Denkmalpfl ege und

Archäologie in Halle zügig ausgegraben und die

exzellente Qualität der Funde festgestellt. Verschiedene

Faktoren sind für den DNA-Erhalt ausschlaggebend:

Temperatur, Feuchtigkeit, Strahlung, pH-

Wert und mikrobieller Befall. Am Saaleufer waren

diese Faktoren für die Lagerungsbedingungen ideal.

Zu Beginn der Grabung wurden dann sofort einige

Zähne gezogen, doppelt eingetütet und gekühlt ins

Mainzer Labor transportiert. „Für valide genetische

Untersuchungen muss nicht nur die Erhaltung

stimmen, sondern auch eine Kontamination des

Probenmaterials vermieden werden“, sagt Brandt

und ergänzt: „Jede Hautschuppe, jedes Haar von

uns Mitarbeitern enthält unser Erbgut. Die schnelle

und saubere Probenentnahme ist daher ebenso

ausschlaggebend wie die exakte Arbeitsweise im

Labor.“ (Abb. Probenbearbeitung)

Luftbild des Fundortes Eulau mit den vier Mehrfachbestattungen, die sich dunkel aus dem Bewuchs abzeichnen.

Das genetische Labor ist hermetisch abgeriegelt

und kann nicht besichtigt werden. Jeden Morgen

passiert Brandt eine Hygieneschleuse, in der er sich

„dekontaminiert“ und mit Schutzanzug, Handschuhen

sowie Mundschutz ausrüstet; dann erst betritt

er das Labor. „Meine Arbeit besteht zu 90 Prozent

aus putzen“, stellt er lakonisch fest. Für seine Analysen

verwendete er sowohl die mitochondriale

DNA als auch die DNA aus Zellkernen. Letztere ist

dabei besonders wichtig, denn nur sie lässt das so

genannte genetische Fingerprinting zu, mit dem

Verwandtschaftsverhältnisse zweifelsfrei geklärt

werden können. Dagegen unterliegt das Erbgut der

Mitochondrien – sie sind in jeder Zelle tausendfach

vertreten und für die Energieproduktion verantwortlich

– nicht der Rekombination der Gene, wie sie

nach der Befruchtung der Eizelle durch das Spermium

im Zellkern von statten geht. Die mitochondriale

DNA stammt ausschließlich von der Mutter

und enthält keine Erbgut-Anteile des Vaters. Oft

sind die Mitochondrien aber die einzige Quelle,

aus denen Archäologen genetische Informationen

schöpfen können; denn intakte Zellkerne fi nden

sich nur selten in solch alten Proben. Dass ein Zahn,

Foto: LDA Sachsen-Anhalt und Landesmuseum Halle

Grab 99. Familiengrab mit Mann, Frau und zwei

Kindern die molekulargenetisch als Familie

identifiziert wurden und „face to face and hand

in hand“ niedergelegt wurden.

Foto: LDA Sachsen-Anhalt und Landesmuseum Halle

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[JOGU] 207/2009


Wissenschaft & Forschung

Foto: Guido Brandt

der 4.500 Jahre im Sand gelegen hat, überhaupt

noch analysefähiges Erbgut aufweist, mag manchen

verwundern, für die Experten ist das jedoch

keine Sensation. „Menschliche DNA kann unter

guten Lagerungsbedingungen bis zu 100.000 Jahre

überdauern, im Gletschereis sogar bis zu 500.000

Jahre“, berichtet Alt.

„Menschliche DNA kann unter

guten Lagerungsbedingungen

bis zu 100.000 Jahre überdauern,

im Gletschereis sogar

bis zu 500.000 Jahre.“

So wie die Gene des Zellkerns über die Abstammung

eines Menschen Auskunft geben, so refl ektiert der

Zahnschmelz die Umweltbedingungen der Kinderjahre.

Wie die Experten erklären, lässt die Verteilung

der Strontium-Isotope im Zahnschmelz aus Grab

99 darauf schließen, dass Vater und Kinder an ein

und demselben Ort aufgewachsen sind, die Mutter

hingegen muss zugewandert sein. Damit liefern

die Mainzer erstmals einen Beleg dafür, dass in

den schnurkeramischen Gemeinschaften außerhalb

der Sippe geheiratet wurde und sich die Familien

dann am Wohnort des Mannes niederließen. Mit

einer derartigen Analyse des Strontiums im Zahnschmelz

– sie wurde von Kollegen der Universität

Bristol durchgeführt – können darüber hinaus auch

Wanderungsbewegungen ganzer Bevölkerungsgruppen

nachvollzogen werden, eine sehr wichtige

Methode für das angesprochene DFG-Projekt. Andere

Isotope aus Knochen und Zähnen, wie Kohlenstoff

und Stickstoff, analysiert Alts Team selbst und

erhält dadurch Auskunft über die Ernährung der

Steinzeitmenschen. Neben diesen laborchemischen

Analysen lieferten die Beobachtungen am Fundort

(in situ) sowie die späteren morphologischen Untersuchungen

sehr wichtige Erkenntnisse. Wie Christian

Meyer erläutert, fi nden sich an manchen der

Unterarmknochen Frakturen, die bereits Jahre vor

dem Tod entstanden sein müssen. Sie lassen den

Schluss zu, dass die Menschen mehrfach das Ziel

von Gewaltangriffen waren und sich mit den Armen

zu schützen versuchten. „Hinweise auf perimortale

Gewalteinwirkung, das heißt also Gewalt um den

Todeszeitpunkt herum, fi nden sich schließlich in allen

vier Gräbern aus Eulau“, so Meyer: „Die Opfer

wurden wahrscheinlich mit den damals üblichen

Steinäxten erschlagen beziehungsweise mit Pfeil

und Bogen getötet. Warum, darüber können wir nur

spekulieren.“

Probenaufarbeitung und Dekontaminationsmaßnahmen

im Spurenlabor.

Die Grabanalysen vor Ort gewährten allerdings

einen guten Einblick in die Gedankenwelt unserer

Vorfahren. Alle dreizehn Menschen kamen offensichtlich

gewaltsam zu Tode und wurden von den

Überlebenden Familienmitgliedern sorgsam bestattet.

Dabei scheint die Lage der Körper im Grab die

früheren zwischenmenschlichen Beziehungen zu refl

ektieren. So kehrt die Frau aus Grab 98 den beiden

Geschwisterkindern den Rücken zu. „Das spricht

nicht dafür, dass sie die Mutter der Kinder ist“, und

genau das konnte Brandt mit seinen genetischen

Untersuchungen belegen. „Sie könnte jedoch die

Stiefmutter oder Tante gewesen sein“, erläutert Alt.

Von bisherigen Fundstätten wusste man außerdem,

dass die Männer stets mit dem Kopf im Westen und

die Frauen mit dem Kopf im Osten eines Grabes

beerdigt wurden; weiterhin schrieb das Bestattungsritual

den Blick der Toten gen Süden vor. „In

den Gräbern von Eulau wird dieser Ritus teilweise

zu Gunsten der biologischen Verwandtschaft vernachlässigt.

Die beiden Knaben aus Grab 99 (Abb.)

schauen ihre Eltern an und einer liegt sogar mit

dem Kopf im Osten“; so Meyer. In seinem Labor

betrachtet der junge Anthropologe jeden Knochen

ganz genau und fi ndet dabei zum Beispiel Hinweise

auf Krankheiten wie Karies und Arthrose (Abb.

Arthrose). Auch die individuelle Alters- und Geschlechtsbestimmung

liegt in seinen Händen; letztere

führt er vor allem mit Hilfe von Merkmalen an

den Beckenknochen und Schädeln durch. Das spart

immense Kosten, denn die sonst notwendige genetische

Untersuchung kostet nicht nur viele Euro,

sondern ist auch stark von der Erhaltung abhängig.

Für die Altersbestimmung stehen morphologische

und histologische Verfahren zur Verfügung.

Christian Meyer zeigt einen etwa 4.500 Jahre alten

Oberschenkelknochen mit deutlichen Anzeichen für

eine Arthrose.

Eine wahrlich interdisziplinäre Arbeitsgruppe also,

die Alt, der 1999 von Freiburg nach Mainz kam,

etabliert hat. Heute gehört Mainz neben Göttingen

und München zu den letzten größeren anthropologischen

Standorten in Deutschland. Seit der Veröffentlichung

der Eulau-Ergebnisse am 17.11.08 im

hoch angesehenen US-amerikanischen Fachmagazin

PNAS (Proceedings of the National Academy of

Science 2008; Vol. 105, No. 47; S. 18226-18231)

klingelt nun unentwegt das Telefon mit Interview-

Anfragen für Zeitung, Radio und Fernsehen. Aber

das Team bleibt ruhig, auch weil die Wissenschaftler

Erfolg gewöhnt sind. „Wir integrieren die Studierenden

schon im Grundstudium in unsere Forschung

und viele haben schon vor Beendigung der Promotion

in hochkarätigen Journals publiziert“, sagt der

Anthropologe. „Alle unsere Promovenden forschen

auf höchstem Niveau und machen nebenbei noch

Co-Betreuung bei Diplomanden.“

Frank ERDNÜSS ■

Foto: Frank Erdnüß

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Wissenschaft & Forschung

Next Stop:

Mainz

Humboldt-Stipendiatin zu Gast

am Institut für Slavistik Seit September

forscht Maria Rubins, Literatur-

und Kulturwissenschaftlerin der

University of London, als Humboldt-

Stipendiatin am Institut für Slavistik

der Universität Mainz. Hier arbeitet

sie an ihrem aktuellen Buchprojekt

über russische Schriftsteller im französischen

Exil der 1930er Jahre.

JOGU: Warum haben Sie sich gerade für einen Forschungsaufenthalt

am Institut für Slavistik der Universität

Mainz entschieden?

RUBINS: Eigentlich verdanke ich das einem schönen

Zufall. Ich wollte mich speziell um ein Humboldt-

Stipendium im „Europa-Forschungsprogramm“ bewerben

und so die Möglichkeit haben, ein ganzes

Jahr nur zu forschen. Die Bewerbung bei der Alexander

von Humboldt-Stiftung muss auch durch eine

deutschen Universität unterstützt werden. Sie müssen

wissen, wir wenigen hauptberuflichen Slavisten

treffen uns auf internationalen Konferenzen immer

wieder, man knüpft Kontakte. So habe ich auch Birgit

Menzel vom Institut für Slavistik in Germersheim

kennengelernt. Als ich ihr von meinem Vorhaben erzählte,

stellte sie mich Prof. Frank Göbler vom Mainzer

Institut für Slavistik vor. So ergab es sich dann,

dass ich einen Teil meines Forschungsaufenthalts

hier in Mainz verbringe.

JOGU: Vor wenigen Tagen hat das Institut für Slavistik

seine „Kasack-Bibliothek“ eingeweiht. War

das auch ein Grund für Sie, nach Mainz zu kommen?

dass dafür aber einzigartig ist. Gefreut habe ich

mich vor allem auf den Austausch mit den Kollegen

hier am Institut. Prof. Frank Göbler und Dr. habil.

Rainer Goldt haben beide schon zu Teilaspekten

meines Forschungsgebiets publiziert – da ergeben

sich spannende Fachgespräche.

JOGU: Worin besteht Ihr aktuelles Forschungsprojekt?

RUBINS: Ich arbeite an einer Monographie über

die Generation russischer Schriftsteller, die hauptsächlich

in den 1930er Jahren im französischen Exil

schriftstellerisch tätig waren. Dabei steht vor allem

die „junge Generation“ im Vordergrund: Gajto Gazdanov,

Boris Poplavskij, Nina Berberova, Ekaterina

Bakunina. Sie alle lebten im Paris der Zwischenkriegsjahre,

waren zweisprachig und identifizierten

sich mit der französischen Kultur. Trotzdem griffen

sie in ihrem literarischen Arbeiten auf das Russische

als kreative Sprache zurück – und so entstand ein

ganz eigener Mix aus französischer und russischer

Kultur, Tradition und Sprache.

JOGU: Welchen neuen Beitrag leistet Ihre Forschungsarbeit

für die Slavistik?

RUBINS: In der Geschichte der Emigrantenliteratur

der 1930er Jahre gibt es viele Lücken, die ich

schließen möchte. Ein Beispiel: Irene Nemirovskij. In

den 1930er Jahren war sie in Frankreich eine sehr

bekannte Autorin, kam 1942 in den Konzentrationslagern

von Auschwitz um, geriet in den Nachkriegsjahren

fast vollständig in Vergessenheit. Nur

ihrer Tochter ist zu verdanken, dass wir uns heute

überhaupt an sie erinnern.

JOGU: Wie gelangen Sie an Material für Ihr Buch?

RUBINS: Mein Stipendium ermöglicht es mir, mehrere

europäische Forschungseinrichtungen zu besuchen.

Natürlich liegt es in meinem Fall nahe, in

Frankreich auf Spurensuche zu gehen. Deshalb reise

ich schon morgen nach Caen. In diesem kleinen

französischen Städtchen sind alle verfügbaren Materialien

über Irene Nemirovskij gesammelt. Weiter

geht es dann unter anderem in die Pariser Turgenev-

Bibliothek. Außerdem werde in an der Université

Paris in Nanterre zu Gast sein und dann nach Russland

weiterreisen. Die letzten beiden Monate meiner

Forschungsreise bin ich dann wieder in Mainz,

um in Ruhe die Ergebnisse zusammenzutragen und

einen ersten Druckentwurf anzufertigen.

JOGU: Sie sind in Leningrad, dem heutigen Sankt-

Petersburg geboren, haben in den USA studiert und

später unterrichtet, leben jetzt seit fünf Jahren in

Europa, lieben Paris und arbeiten in London. Wo ist

Ihre Heimat?

RUBINS: Ich fühle mich an vielen Orten in der Welt

wohl – weil ich auch an vielen Orten der Welt Freunde

habe. Einen Großteil meines Lebens habe ich in

den USA verbracht, besitze sowohl die russische als

auch die amerikanische Staatsbürgerschaft. Meine

Eltern, meine gesamte Familie lebt in Russland. Ich

fliege jedes Jahr ein paar mal zu ihnen – und fühle

noch immer eine ganz tiefe Verbindung mit „meiner

Stadt“ Sankt-Petersburg.

JOGU: Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

Das Interview führte Kathrin VOIGT ■

Interview

Foto: privat

RUBINS: Kasack war einer der bedeutendsten

Slavisten der Gegenwart und seine Sammlung von

Briefwechseln und anderen Aufzeichnungen birgt in

der Tat wahre Schätze. Kasacks Hauptinteresse galt

jedoch einer älteren Generation sowjetrussischer

Schriftsteller als ich momentan untersuche. Insofern

bietet das sehr gut organisierte Kasack-Archiv für

mein Forschungsprojekt zwar nur wenig Material,

Humblodt-Stipendiatin Rubins: „In der Geschichte der Emigrantenliteratur

der 1930er Jahre gibt es viele Lücken, die ich schließen möchte.”

21

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Wissenschaft & Forschung

Fotos: privat

Nur eine Illusion?

Dilthey-Fellowship für innovatives geisteswissenschaftliches Forschungsprojekt

Maximal zehn hoch qualifi zierte Nachwuchswissenschaftler

erhalten pro Jahr die besondere Unterstützung der Initiative „Pro Geisteswissenschaften“,

die im Jahr 2005 von vier großen privaten Förderorganisationen ins

Leben gerufen wurde. Dr. Tobias Müller, seit Oktober 2008 Wissenschaftlicher

Mitarbeiter des Arbeitsbereiches Praktische Philosophie der Johannes Gutenberg-

Universität Mainz, wurde für sein neues Forschungsprojekt auf dem Gebiet der

Gehirn-Geist-Debatte mit einem Dilthey-Fellowship ausgestattet – eine besondere

Auszeichnung der VolkswagenStiftung/Fritz-Thyssen-Stiftung, die für innovative

geisteswissenschaftliche Forschung vergeben wird. „Das Rätsel des Bewusstseins.

Auf der Suche nach einer integralen Theorie“ lautet sein Forschungsprojekt

und ist am Philosophischen Seminar bei Prof. Stephan Grätzel angesiedelt.

Jeder kennt es: das untrügliche Gefühl, Herr der eigenen

Handlungen zu sein. Wir sind meist davon

überzeugt, zwischen mehreren Handlungsalternativen

frei wählen zu können und letztlich unser Leben

selbst in der Hand zu haben. Doch seit die moderne

Hirnforschung versucht, Handlungen, Denkabläufe

und Gefühle durch Prozesse im Gehirn zu erklären,

steht der freie Wille zur Diskussion. Ist der freie Wille

lediglich eine Illusion, die das menschliche Gehirn

Tobias Müller studierte in Mainz und Frankfurt Philosophie,

Physik und Theologie und war fünf Jahre

Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl Religionsphilosophie

Fachbereich Kath. Theologie der Goethe-Universität

Frankfurt am Main. Seine Doktorarbeit

„Gott-Welt-Kreativität. Eine Analyse der Philosophie

A.N. Whiteheads“ erschien im Schöningh Verlag.

hervorbringt? Ist es möglich, Antworten auf diese

Frage zu fi nden? Dr. Tobias Müller beschäftigt sich

in seiner Arbeit mit den Vorstellungen und Konzepten

vom menschlichen Bewusstsein und in der Folge

dem Selbstverständnis des Menschen. Im Rahmen

seines aktuellen Forschungsgebietes interessieren

ihn auch die lebenspraktischen Konsequenzen. Er

bezieht dabei die jüngsten Erkenntnisse der Neurowissenschaften

ein, ohne jedoch den Schlussfolgerungen

mancher Hirnforscher zu folgen, wonach

der Mensch unfrei und determiniert ist, dass alle

Ereignisse, die geschehen, eine zwangsläufi ge und

eindeutige Folge aus vorangegangenen Ereignissen

sind und keine Alternativen existieren.

Es ist politisch, juristisch und

sozial folgenreich, ob man sein

Gegenüber als determinierte

Biomaschine oder als frei

handelndes Subjekt ansieht.

Der Erkenntnisgewinn in der Neurobiologie schreitet

mit einem atemberaubenden Tempo voran.

Im Bereich der kognitiven Leistungen hat sich die

funktionalistische Analyse der Kognitionswissenschaften

als ein hervorragendes Instrumentarium

der Erkenntnisgewinnung herausgestellt und die

hier gewonnenen Erkenntnisse können mit großer

Wahrscheinlichkeit auch zu therapeutischen Zwecken

nutzbar gemacht werden. Allerdings ist die

entscheidende und sehr unterschiedlich beantwortete

Frage, wieweit die Konsequenzen der neurobiologischen

Ergebnisse auch für die Konzeption einer

Bewusstseinstheorie und damit gleichzeitig für das

Selbstverständnis des Menschen reichen. Wenn es

sich herausstellen sollte, dass freie Handlungen

gar nicht möglich sind, ist jegliche Ethik überfällig.

Wenn es nur sehr begrenzt freie Handlungen gibt,

müsste dies gesellschaftlich berücksichtigt werden.

Der Umgang der Menschen untereinander ist eben

auch von dem theoretischen Konzept von Geist und

Seele abhängig. Es ist politisch, juristisch und sozial

folgenreich, ob man sein Gegenüber als determinierte

Biomaschine oder als frei handelndes Subjekt

ansieht.

Die neuen Ergebnisse der Neurowissenschaften

führen also

unvermeidlich zu den Fragen,

wie sich Neurowissenschaften

und Philosophie des Geistes

verbinden können.

Die neuen Ergebnisse der Neurowissenschaften

führen also unvermeidlich zu den Fragen, wie sich

Neurowissenschaften und Philosophie des Geistes

verbinden können, ob Gehirnzustände mit Bewusstseinszuständen

identisch sind und ob unser freier

Wille als Illusion entlarvt ist. Da die Tragweite der

neurobiologischen Ergebnisse aus methodischen

Gründen sich nicht aus der Neurobiologie selbst

ergibt, stellt sich hier eine philosophische Aufgabe.

Diese Fragen machen das Projekt einer philosophischen

Bewusstseinstheorie unumgänglich.

Dr. Müller hält es einerseits für notwendig, die empirisch

gesicherten neurobiologischen Erkenntnisse

in eine angemessene Deutung des Menschseins

einzubegreifen, andererseits zu bedenken, dass sich

die anthropologische Tragweite naturwissenschaftlicher,

zum Beispiel neurobiologischer Befunde, nicht

schon aus der Neurobiologie selbst ergibt. Denn als

Naturwissenschaft sind für sie bestimmte methodische

Einstellungen konstitutiv, die historisch und

lebensweltlich weder selbstverständlich noch ausschließlich

sind. Damit ergibt sich die Frage, inwieweit

Theorien des Geistes die Ebene der von ihnen

in Anspruch genommenen Bewusstseinsphänomene

Phänomen-adäquat einholen können. Schon von

daher ist das Bestreben gerechtfertigt, eine integrative

Theorie des Bewusstseins zu entwickeln.

Interessant ist hier die Tatsache, dass sich innerhalb

der philosophischen Debatte aufgrund der Probleme

reduktionistischer Theorien zwei Ansätze herausgebildet

haben, die dem Anspruch auf eine integrale

Sicht auf das Bewusstsein gerecht werden wollen:

Die sogenannte Emergenztheorie und der Pan-

Proto-Psychismus. Beide Ansätze gehen davon aus,

[JOGU] 207/2009

22


Wissenschaft & Forschung

dass sich Geistiges nicht einfach auf Physikalisches

reduzieren lässt. Dabei bleiben wichtige Fragen in

beiden Ansätzen ungeklärt, was eben deshalb gravierend

ist, weil sich gerade Kerngedanken beider

Ansätze für eine integrale Bewusstseinstheorie als

wertvoll erweisen könnten.

Ziel des Forschungsprojekts ist es, so Dr. Tobias

Müller, den „ontologischen“ und systematischanthropologischen

Erklärungswert der vorgestellten

naturwissenschaftlich vorgehenden Theorien

herauszuarbeiten und für das Bewusstseinsproblem

fruchtbar zu machen. Der thematische Fokus liegt

hier auf den Konzepten der Emergenz, des Panpsychismus,

wissenschaftstheoretischer Implikationen

des Reduktionismus, des Problems der Willensfreiheit

und des phänomenalen Bewusstseins. Vor allem

soll im Rahmen der Forschung herausgearbeitet

werden, wie die naturwissenschaftlichen Modelle

und die philosophische Refl exion zusammenarbeiten

können, um auf dem neusten Stand sowohl der

gegenwärtigen Naturforschung als auch philosophischer

Refl exion einen weiterführenden Beitrag zur

Lösung des Rätsels des Bewusstseins zu leisten. Dabei

werden vor allem naturphilosophische Konzepte

wie „Materiebegriff“, kausale Geschlossenheit der

physischen Welt, „Kausalitätsbegriff“ beleuchtet

und hierbei könnte auch die Quantenphysik entscheidende

Impulse für eine philosophische Refl exion

liefern, da sie Annahmen der „klassischen“ Physik

grundlegend relativiert hat, die auch für diese

Diskussion relevant sind.

Das Projekt „Das Rätsel des Bewusstseins. Auf der

Suche nach einer integralen Theorie“ bietet somit

die Möglichkeit, einen internationalen und interdisziplinären

Gedankenaustausch zu initiieren, zu dem

Fachleute verschiedener Disziplinen und Richtungen

zu Diskussionen regelmäßig zusammenkommen.

Die Gründung eines Netzwerks von Nachwuchswissenschaftlern

aus verschiedenen Disziplinen und

Richtungen sieht Dr. Müller als wichtigen Teil des

Projekts an, denn in der interdisziplinären Debatte

um das Bewusstsein ist es sinnvoll, ein Forum für

Nachwuchswissenschaftler zu schaffen, in dem verschiedene

Richtungen und Ansätze, vor allem aber

in der Diskussion bislang einfach vorausgesetzte

Konzepte diskutiert werden können.

Auch die Quantenphysik könnte

entscheidende Impulse für

eine philosophische Reflexion

liefern, da sie Annahmen der

„klassischen“ Physik grundlegend

relativiert hat.

Dieses Nachwuchs-Netzwerk wurde im letzten Oktober

auf einer Konferenz in Stuttgart gegründet

und besteht bereits kurz nach seiner Gründung aus

über 20 Mitgliedern aus den Gebieten der Philosophie,

Medizin, Kognitionswissenschaften, Physik,

Mathematik, Biologie und Theologie. Geplant sind

nun eine Reihe von Tagungen und Workshops, zu

denen Experten für spezielle thematische Aspekte

eingeladen werden und Raum geschaffen wird, die

verschiedenen Stärken und Schwächen der Ansätze

zu diskutieren. Auch hier soll der thematische

Schwerpunkt auf wichtige Konzepte gelegt werden,

die bislang nur am Rande der Diskussion um die

Geist-Gehirn-Problematik vorkamen, aber trotzdem

von großer Bedeutung sind. Ein solcher „Rahmen“

könnte die Diskussion um das Bewusstsein und

die damit verbundene anthropologische Dimension

nachhaltig beeinfl ussen, insofern hier Grundprinzipien

und -begriffe interdisziplinär beleuchtet

und Verkürzungen aufgedeckt werden könnten,

was sich dann auch in der öffentlichen Diskussion

in Form einer differenzierteren Perspektive niederschlagen

könnte.

Für Müllers Projekt ist der Standort Mainz besonders

günstig, da er vor Ort eine ganze Reihe von

Experten als Gesprächspartner hat. Auch eine eventuelle

Kooperation mit dem „Interdisziplinären Forschungszentrum

für Neurowissenschaften (IFZN)“,

das eine eigene Abteilung für Neurophilosophie besitzt,

könnte zu den idealen Rahmenbedingungen

für sein Vorhaben beitragen.

Das Projekt ist nicht nur von großer gesellschaftlicher

Relevanz und Aktualität. Tobias Müller sieht

hier gleichzeitig auch die Möglichkeit der Kooperation

zwischen der Philosophie und den empirisch arbeitenden

Wissenschaften wie Neurowissenschaften

und Physik, kritisch-konstruktive Perspektiven

in aktuellen Debatten fruchtbar zu machen. Und

vielleicht in absehbarer Zeit eine Antwort zu fi nden

auf die Frage: „Ist der freie Wille lediglich eine Illusion?“

Maria COLOMBO ■

Das Rätsel des Bewusstseins: Dr. Tobias Müller bei Vortrag in Stuttgart.

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[JOGU] 207/2009


Campus international

Das moderne Indien entdecken

Von alten Schriften hin zu aktuellen

Wirtschaftsthemen Ähnlich

wie die USA in der Zeit nach dem

2. Weltkrieg birgt nun Indien, ebenso

wie China natürlich, große Zukunftshoffnungen,

vor allem was die

wirtschaftliche Entwicklung betrifft.

Entsprechend formiert sich auch die

Mainzer Indologie neu, mit jetzt stärkerem

Fokus auf das moderne Indien.

Foto: Elke Mohr

„Memorandum of Understanding“: Nach der Unterzeichnung im Büro des Präsidenten.

„Vor kurzem haben wir eine neue Disziplin innerhalb

unseres Instituts gegründet“, sagt Dr. Ajit-Singh

Sikand, einer der Dozenten in Mainz. „Wir nennen

sie ‚Indian Area Studies‘ und meinen damit vor allem

das neue Indien, das nun verstärkt bearbeitet werden

soll. Dazu gehören zum Beispiel die boomende

Filmindustrie und die IT-Branche.“ Bollywood macht

mittlerweile mehr Umsatz als ihr US-amerikanisches

Pendant und von den hochqualifi zierten Computer-

Spezialisten des indischen Subkontinents haben wir

alle schon gehört. Natürlich bleiben auch die verschiedenen

indischen Religionen und Sprachen ein

Schwerpunkt der studentischen Ausbildung. Aber es

sind eben nicht mehr nur religiöse Schriften, zum

Beispiel in Sanskrit, sondern auch Filmvorführungen,

mit denen Lehrinhalte vermittelt werden; so

sehen die Studierenden Bollywood-Filme im Original

ohne Untertitel und lernen dadurch Hindi. Institutsleiter

Prof. Dr. Konrad Meisig pfl ichtet seinem

Kollegen bei. Er möchte die Indologie ebenfalls modernisieren

und den Bogen schlagen von den alten

Schriften hin zu aktuellen Wirtschaftsthemen. „Wir

müssen mit unserem Lehrangebot der Stellung und

Wichtigkeit Indiens in der Weltgemeinschaft Rechnung

tragen“, sagt er und ergänzt: „Die Anfragen

aus der Industrie nehmen zu und wir versuchen,

verstärkt mit Unternehmen zu kooperieren. Darüber

hinaus setzen wir auf eine stärkere Zusammenarbeit

mit indischen Universitäten.“

„Wir müssen mit unserem

Lehrangebot der Stellung und

Wichtigkeit Indiens in der

Weltgemeinschaft Rechnung

tragen.“

Bislang bestehen vier Kooperationen, und zwar mit

den Universitäten in Amritsar, Haridwar, Patiala und

Madurai. Letztere ist auch einer der Orte, an denen

kürzlich ein Indisch-Deutsches Symposium stattfand.

Anlass war der 300. Geburtstag des Sri Guru

Granth Sahib, des heiligen Buches der Sikhs. Der

Sikhismus ist eine monotheistische Hochreligion,

die im 15. Jahrhundert im indischen Bundesstaat

Foto: Frank Erdnüß

[JOGU] 207/2009

24


Campus international

Punjab entstanden ist. Heute zählt sie rund 18

Millionen Gläubige, die zum größten Teil noch im

Punjab leben. Das Symposium begann am 12. November

im Institut für Wissenschaftliche Irenik der

Goethe-Universität Frankfurt am Main. Dieses von

Prof. Dr. Edmund Weber geleitete Institut ist dem

Theologischen Fachbereich der Goethe-Universität

angeschlossen und widmet sich unter anderem

den Beziehungen der Weltreligionen zueinander

sowie ihren Möglichkeiten, den Frieden in der Welt

zu sichern. An den beiden Folgetagen trafen sich

die Experten dann in Mainz und vom 17. bis 19.

Dezember 2008 fand der dritte Teil an der Kamraj

University im südindischen Madurai statt. Neben

zahlreichen Fachvorträgen zur Sikhismus-Forschung

gab es bei dem Treffen in Mainz einen weiteren Höhepunkt:

Die Zusammenarbeit zwischen der Johannes

Gutenberg-Universität und der Gurukul Kangri

University im indischen Haridwar wurde schriftlich

fi xiert. Dazu unterzeichnete der Vice-Chancellor

der Universität Haridwar, Prof. Swatanter Kumar,

mit Prof. Dr. Georg Krausch, Präsident der Johannes

Gutenberg-Universität, ein ‚Memorandum of

Understanding‘. „Wir wollen damit unter anderem

den Austausch von Studierenden fördern, die an der

jeweiligen Partner-Uni zum Beispiel ihre Doktorarbeit

machen“, erklärt Sikand. Derzeit bestehen hier

noch gravierende logistische Probleme, was etwa

die Einreiseformalitäten in Deutschland betrifft. So

lief die Erteilung von Visa für die indischen Konferenzteilnehmer

keineswegs reibungslos, obwohl

Meisig eigens mit dem deutschen Botschafter in

Neu Dehli telefoniert hatte. „Da erhoffen wir uns

eine deutliche Verbesserung in der Zukunft“, sagt

der Indologe. Von politischer Seite ist ebenfalls

Unterstützung zugesichert worden. Im März 2009

wird Ministerpräsident Kurt Beck nach Indien reisen,

sicher mit zahlreichen Kooperationsangeboten

im Gepäck.

„Wir setzen auf eine stärkere

Zusammenarbeit mit

indischen Universitäten.“

Die Attraktion des Rahmenprogramms war dann

das Konzert „Long Night of Indian Classical Music“

am 13. November 2008. Zu ihrem ersten Deutschland-Besuch

waren sieben Musiker aus dem Punjab

angereist, allen voran der in Indien hoch verehrte

Dhrupad-Sänger Surinder Pal Singh Der Mittsiebziger

gestaltete mit seiner Gruppe einen musikalischen

Abend an der Uni Mainz, bei dem er den

mehr als 60 begeisterten Zuhörern eine Mischung

aus meditativen und spirituellen Liedern in Dhrupad-Tradition

bot. Dhrupad ist die Älteste Form

klassischer Musik in Indien, die heute noch existiert.

Sie ging aus dem Singen gebetsähnlicher Hymnen

und Mantras hervor und stellt heute sowohl eine

bestimmte Form von Poesie als auch einen Musikstil

dar, in dem die Verse melodisch vertont werden.

Dhrupad gilt als hochentwickelte, klassische

Kunst mit komplexer Grammatik und Ästhetik, die

Surinder Pal Singh meisterhaft beherrscht. Normalerweise

musizieren er und seine Freunde vor einem

wesentlich größeren Publikum in den Tempeln ihrer

Heimat, doch auch in der so andersartigen Atmosphäre

in Mainz fühlten sich die Musiker sichtlich

wohl. Anschließend reisten sie dann noch zu weiteren

Konzerten nach Hamburg, Berlin und Frankfurt.

Das Institut für Indologie in Mainz besteht seit 1958

und gehört dem Fachbereich 5, „Philosophie und

Philologie“ an. Es bietet eine der wenigen Möglichkeiten

in Deutschland Indologie zu studieren, denn

in den letzten fünf Jahren schrumpfte die Zahl der

Indologie-Institute von 18 auf acht; Mainz ist dabei

der einzige Vertreter unseres Bundeslandes, genau

wie Marburg in Hessen, dessen Fachgebiet Indologie

gerade so an der Schließung vorbei schrammte.

In Mainz nehmen zurzeit 123 Studierende am

Lehrangebot teil, das mit einem von der Deutschen

Forschungsgemeinschaft geförderten Schwerpunkt

‚Buddhistisches Chinesisch‘ auf sich aufmerksam

macht. „Hier werden ursprünglich auf indisch verfasste

Texte aus dem Chinesischen rückübersetzt

(ins Deutsche und ins Englische), da die indischen

Originale aus dem 3. und 4. Jahrhundert nach Christus

verschollen sind“, erklärt Meisig. Ein spannendes

Studienfach also, dessen Veranstaltungen teilweise

in Englisch gehalten werden; denn indische

Gastdozenten sind eine feste Größe im Dozentenpool

des Instituts. So unterrichtet im Wintersemester

2008/09 Prof. Sukhwant S. Bindra von der Guru

Nanak Dev University in Amritsar im Rahmen des

von der indischen Regierung fi nanzierten „Chair

of India Studies“ hier in Mainz indische Politik. Amritsar

liegt im Punjab, der Kornkammer Indiens, und

bildet auch die Hochburg der Sikhs. Im Goldenen

Tempel von Amritsar wird das heilige Buch aufbewahrt,

dessen 300. Geburtstag jetzt gefeiert

wurde.

Frank ERDNÜSS ■

Der Sänger Surinder Pal Singh (Mitte) mit

seiner Gruppe. Neben der Trommel (Tabla)

und dem Harmonium (links) wird auch eine

Dilruba gespielt, das traditionelle indische

Saiteninstrument mit Bogen.

25

[JOGU] 207/2009


Campus international

Die Schönheit der

menschlichen Sprache

Von den indigenen Völkern

Kanadas Zum Auftakt des Symposiums

„First Nations“ waren die kanadisch-indianischen

Künstler Tomson

Highway und Drew Hayden Taylor zu

Gast des Zentrums für Interkulturelle

Studien (ZIS). Der literarisch-musikalische

Abend vertiefte das Thema der

Fachvorträge am darauffolgenden Tag.

Was hat Johann Sebastian Bach mit dem kulturellen

Selbstverständnis eines Musikers des kanadischen

Cree-Volkes zu tun? Für den Schriftsteller und Musiker

Tomson Highway gibt es eine ganze Menge

von Querverbindungen. Denn den Thomaskantor

Bach nennt Highway augenzwinkernd – ebenso wie

Schubert – als wichtiges Vorbild für seine eigene

Musik. Einen bunten Querschnitt aus seinen Chansons

und Liedern stellte der Künstler im Wintersemester

zusammen mit der Sängerin Patricia Cano

und dem Saxophonisten Peter Ehwald auf Einladung

des Zentrums für Interkulturelle Studien (ZIS)

an der Johannes Gutenberg-Universität vor.

An demselben Abend, mit dem das Symposium „First

Nations“ eröffnet wurde, trat auch der Schriftsteller

Drew Hayden Taylor auf. Damit waren die beiden

Der Musiker

Tomson Highway

und die Sängerin

Patricia Cano

bekanntesten zeitgenössischen kanadisch-indianischen

Autoren zu Gast an der Mainzer Hochschule.

Sie gaben einen Einblick in die kanadisch-indianische

Kultur – „eine der faszinierendsten kulturellen

Ausdrucksformen Nordamerikas“, wie ZIS-Sprecher

Professor Dr. Anton Escher betonte. Dass die Auseinandersetzung

mit Begriff und Kontext der „First

Nations“ nicht leicht ist, machte Hayden Taylor auf

spielerisch-satirische Weise deutlich: Der 1962 geborene

Autor, von dem in den letzten Jahren der

Vampirroman „The Night Wanderer: A Native Gothic

Novel“ und die Satire „Berlin Blues“ erschienen

sind, spiegelte die sentimentale Außen- wie

Binnensicht auf das Leben der indianischen Völker

Kanadas mit ironisch gebrochenen Szenen wider.

Anekdoten, Gags und Bonmots

kreisten immer wieder um die

Schönheit der menschlichen

Sprache in ihrer ganzen

Vielfalt.

Das Spiel mit den Perspektiven, das kunstvolle Verweben

von Realität und Fiktion prägte anschließend

den Auftritt von Tomson Highway: Patricia Cano

trug mit einer soulsatten, kraftvollen Stimme eine

Auswahl von Stücken aus Highways Musicals vor,

vor allem aus seinem jüngsten Werk „Rose“. Das

waren Songs mit großer Intensität von Musik und

Text, die bei allen farbenfrohen Szenen das Leben

der kanadisch-indianischen „First Nations“ spiegeln:

Hier die Casinoeröffnung mit Elvis-Imitator

als Grundlage eines modernen Wirtschaftsbetriebs.

Dort der Kampf der alten Rose, Vorsitzende der

Reservation, um den Erhalt der Traditionen ihres

Volkes.

Der philosophisch tiefen Betrachtung solcher Phänomene

ließ Tomson Highway bei dem Auftritt im

Hermann-Staudinger-Saal des Max-Planck-Institutes

für Polymerforschung jedoch keinen Raum:

Zwischen Klavier und Mikrophon wechselnd, gab er

den Takt des gemeinsamen Programms mit der kanadischen

Sängerin und dem deutschen Saxophonisten

vor. Anekdoten, Gags und Bonmots kreisten

dabei immer wieder um die Schönheit der menschlichen

Sprache in ihrer ganzen Vielfalt. Musikalisch

griff Patricia Cano dieses Motiv unter anderem mit

einem Chanson auf, der zwischen Französisch und

anderen Sprachen wechselte. Was jedoch die allerschönste

Sprache der Welt ist, daran ließ Tomson

Highway keinen Zweifel: „Cree is the most beautiful

language of the world“, betonte der Künstler –

gleich danach komme jedoch auch schon Deutsch.

Auf den gut besuchten musikalisch-literarischen

Abend im großen Saal des MPI folgte am zweiten

Tag des Symposiums eine Reihe von Vorträgen. Deren

Schwerpunkte und Blickrichtungen erwiesen

sich als ähnlich vielfältig wie das Programm der beiden

kanadisch-indianischen Künstler: Professor Dr.

Stephen Muecke, Direktor des „Transforming Cultures

Reserach Centre“ aus Sydney, weitete die Perspektive

des Blicks auf den Naturbegriff indigener

Kulturen. Die Journalistin Dr. Margit Klingler-Clavijo

betrachtete unter dem Titel „Der Blumenkrieg“ indigene

Lyrik aus Mexiko. Dr. Kerstin Vogel (Universität

Mainz) lotete in ihrem Vortrag „Challenging the

Constitution: On Native American Representation

in the Early 19th Century“ die politikhistorische

Dimension indigener Kultur aus. Mit Kosmologien

nordamerikanischer indigener Völker setzte sich

Dr. Birgit Däwes (Universität Würzburg) in ihrem

Beitrag „The Globe of the World as it Floats in

Space“ auseinander. Und Professor Dr. Helmbrecht

Breinig (Universität Erlangen-Nürnberg) betrachtete

schließlich das Thema „Evil in Native North American

Literature“.

Das Symposium „First Nations“ stand in einer Tradition

ähnlicher ZIS-Veranstaltungen der vergangenen

Jahre. Das vor 11 Jahren gegründete Zentrum,

an dem rund 100 Wissenschaftler aus Geistes- und

Sozialwissenschaften mitarbeiten, ist in der Vielfalt

seiner Themen einmalig in der deutschen Interkulturalitätsforschung.

Peter THOMAS ■

Foto: Peter Thomas

[JOGU] 207/2009


Kultur auf dem Campus

Vom Leben, der Liebe

und Einkaufszentren

Autor liest aus seinen Werken Der Schriftsteller und Journalist Kolja Mensing

kam eigentlich nur deshalb nach Mainz, um aus seinen Büchern „Minibar“ und

„13. Shop“ zu lesen. So, wie er es in vielen anderen Städten auch macht. Doch

im Philosophicum der Johannes Gutenberg-Universität war auf einmal alles

anders. Aus einer normalen Lesung wurde eine besondere Begegnung.

Seine Texte sind kurz aber

effektvoll: Kolja Mensing

Foto: Juliane Henrich

besteht auf den ersten Blick kaum ein Unterschied

zwischen ihnen und dem Schriftsteller aus Berlin.

Mensing trägt einen grauen Pulli, dazu dunkelblaue

Jeans, wirkt lässig, unprätentiös. Das macht ihn

sympathisch. Er präsentiert sich so, wie er ist.

Kolja Mensing sagt über sich, er sei vor der Arbeit

in Bremen ein Mensch gewesen, der nur ungern in

solche Einkaufszentren gegangen sei. Er habe sich

dort immer unwohl gefühlt – weil es dort laut sei,

wuselig, überall blinke irgendetwas, man könne sich

nicht konzentrieren, außerdem rieche es nach 1.000

Dingen, die nicht richtig zusammenpassten. „Doch

auf einmal war das toll“, sagt er, „wir hatten während

der vier Wochen auch viel Zeit, um über uns

selbst nachzudenken, uns zu besinnen.“

Die Pointen seien „sehr ruhig

gesetzt“ gewesen – doch genau

mit diesem Stil habe der

Schriftsteller „die schlimmsten

Kommunikationsstörungen

dargestellt, die es unter

Menschen gibt.“

Kolja Mensing hat sich geirrt und freut sich nun darüber.

„Als ich nach Mainz gekommen bin, dachte

ich eigentlich“, sagt er, „dass ich hier niemanden

kenne.“ Doch das stimmt nicht. „Heute Abend ist

der Neffe meines Großvaters hier, zusammen mit

seiner Frau.“ Mensing fi ndet das großartig. Denn

vorher sind sie sich noch nie begegnet. Bloß ein

Foto hat er mal gesehen.

Jetzt sitzen sie also zum ersten Mal beisammen:

Kolja Mensing, der Schriftsteller aus Berlin, und

der Neffe des Großvaters mit seiner Frau, beide aus

Mainz. Doch es ist kein privates Treffen, sondern

eine Lesung. In „P 110“, einem Seminarraum im

Philosophicum der Universität. Kolja Mensing liest,

der Neffe seines Großvaters sitzt im Auditorium und

hört zu.

Mensing – Jahrgang 1971, geboren in Oldenburg –

arbeitet nicht nur als Schriftsteller, sondern auch als

Literaturkritiker und freier Journalist. Seit 2003 lebt

er in Berlin. Im Jahr 2002 hat er ein Buch über das

Aufwachsen in der Provinz geschrieben, Titel: „Wie

komme ich hier raus?“ Danach hat er ein paar interaktive

Projekte gemacht, mit seinem Kollegen

Florian Thalhofer. Unter anderem haben sie zusammen

vier Wochen lang in einem Einkaufszentrum in

Bremen gelebt. Daraus entstanden später ein Dokumentarfi

lm und ein Buch.

2007 erschien „Minibar“, ein Band mit kurzen Erzählungen.

Überhaupt mag es Mensing eher kurz.

Kurz, aber effektvoll. In „Minibar“ schreibt er über

das Leben und die Liebe. Bei Mensing hört sich das

so an: „Wieder verging ein Jahr, und als ich schon

fast nicht mehr an sie dachte, stand sie plötzlich vor

meiner Tür. Ich bin zurück, sagte sie. Noch einmal

versuchten wir, ein Liebespaar zu werden. Diesmal

endete es richtig schlimm. “Mensing liest nicht nur

aus „Minibar“ sondern trägt auch einige kurze

Geschichten aus „13. Shop“ vor. Darin geht es um

Menschen, die er und Florian Thalhofer während ihres

Projekts im Bremer Einkaufszentrum interviewt

haben. Um einfache Menschen. Um Menschen mit

kleinen Sorgen und großen Problemen.

In „P 110“ sitzt Mensing vorne, dort, wo normalerweise

die Dozenten sitzen oder Studierende, die

ein Referat halten. Auch sind an diesem Abend die

meisten Zuhörer im Raum Studierende. Äußerlich

Generell fi ndet Mensing es interessant, sich Welten

anzugucken, die er nicht kennt. „Für mich ist es sehr

aufregend, auf welche Menschen man dann immer

stößt. Denn über diese Menschen erfährt man

spannende Geschichten, die man sonst nie erfahren

hätte.“ Um solche Menschen und Geschichten

dreht sich auch alles in „Minibar“. Darin beschreibt

Mensing „verschiedene Reisende“, wie er es nennt.

Reisende in vielerlei Hinsicht.

Die Zuhörer lauschen gebannt. Organisiert hat die

Lesung die Studentengruppe „Vor-Lesung“. Seit

1994 veranstaltet sie zwei bis drei Lesungen pro

Semester. „Wir vertrauen dabei auf unseren individuellen

Geschmack“, heißt es von der Gruppe. Mit

Kolja Mensing hat sie nichts falsch gemacht.

Am Ende meldet sich noch einmal der Neffe von

Mensings Großvater. Er attestiert Kolja Mensing einen

„unaufgeregten Erzählstil“. Die Pointen seien

„sehr ruhig gesetzt“ gewesen – doch genau mit

diesem Stil habe der Schriftsteller „die schlimmsten

Kommunikationsstörungen dargestellt, die es unter

Menschen gibt“. Präziser und kürzer hätte es wohl

keiner im Raum auf den Punkt bringen können. Außer

vielleicht Kolja Mensing selbst, der Schriftsteller

aus Berlin, der jetzt um eine schöne persönliche Geschichte

reicher ist – eine Geschichte aus Mainz.

Dimitri TAUBE ■

27

[JOGU] 207/2009


Kultur auf dem Campus

Funktionalität

und Ästhetik

Neues Schmuckkästchen:

„Die Verbesserung

lässt sich nicht in Prozent

ausdrücken.”

Konzert im „Roten Saal”: Auftakt der

Konzertreihe „Uni Sono”.

Neubau Musik eingeweiht

Die Hochschule für Musik hat zum

Wintersemester den lang ersehnten

Neubau auf dem Campus der Johannes

Gutenberg-Universität bezogen.

„Unser Wunsch ist damit endlich in

Erfüllung gegangen“, sagte Rektor

Jürgen Blume. Im November wurde

das Gebäude mit einem Festakt

offi ziell eingeweiht. Gefeiert wird das

Ereignis aber noch bis Juli 2009 – mit

der Veranstaltungsreihe „Uni Sono“.

Der Monat November ist in der Regel grau und trüb,

kalt und unfreundlich, nicht selten auch regnerisch

und stürmisch. Der November 2008 war in dieser

Hinsicht keine Ausnahme. Trotzdem wird vor allem

einer diesen Monat wohl für immer in positiver Erinnerung

behalten: Jürgen Blume, der Rektor der

Hochschule für Musik in Mainz.

Im November sah jeder einen überaus glücklichen,

zufriedenen und bei öffentlichen Anlässen stets

strahlenden Jürgen Blume. Und mit ihm waren in

seinem Umfeld noch viele andere glücklich und

zufrieden. Das hatte seinen Grund: Zum laufenden

Wintersemester konnte Blumes Einrichtung

den lang ersehnten Neubau auf dem Campus der

Johannes Gutenberg-Universität beziehen. Und im

November wurde das neue Gebäude mit einem

Festakt offi ziell eingeweiht.

Das Dasein im „unzulänglichen Gebäude an der

Binger Straße“ (Blume) hat ein Ende genommen.

Die neue schicke Adresse für rund 380 Studierende

und 40 Lehrkräfte lautet: Jakob-Welder-Weg 28.

Der Rektor ist sich sicher: „Im neuen Hochschulgebäude

vereinen sich Funktionalität und Ästhetik.

In den hellen und akustisch optimal konzipierten

Räumen macht das Unterrichten und Studieren, das

Forschen und Konzertieren ebenso große Freude

wie die Verwaltungsarbeit.“

Bis zu diesem Wintersemester sah das anders aus.

Von verschiebbaren Akustikvorhängen, wie sie im

Neubau zu fi nden sind, oder gar von moderner Klima-

und Lüftungstechnik konnten die Studierenden

und ihre Lehrkräfte nur träumen. Modernen Ansprüchen

wurde das alte Haus in der Binger Straße

schon lange nicht mehr gerecht. Zuletzt war es stark

sanierungsbedürftig. In diesem Punkte sind sich

nicht nur Fachleute einig gewesen. Der Bauzustand

sowie die dort herrschende Raumnot – „beides war

nicht mehr länger tragbar“, urteilte Doris Ahnen,

die rheinland-pfälzische Ministerin für Bildung, Wissenschaft,

Jugend und Kultur.

Im Grunde ist seit zwei Jahrzehnten klar gewesen,

dass das frühere Gebäude keine Zukunft haben

kann – auch daran ist in jenen Novembertagen

2008 oft noch einmal erinnert worden. Übrigens

gab es vor mehreren Jahren neben der Errichtung

eines Neubaus zunächst noch zwei weitere Optionen:

die Grundsanierung in der Binger Straße und

der Umzug an einen anderen Ort mit einem schon

stehenden Gebäude. Ein Kostenvergleich brachte

schließlich die Entscheidung: Wir bauen neu.

„In den Räumen macht das

Unterrichten und Studieren,

das Forschen und Konzertieren

ebenso große Freude wie die

Verwaltungsarbeit.“

Die Baukosten für das neue „Schmuckkästchen“

auf dem Campus betrugen 12 Millionen Euro. Baubeginn

war im September 2006. Das Richtfest wurde

im August 2007 gefeiert. Als Bauherr fungierte

Fotos: Peter Thomas

[JOGU] 207/2009 28


Kultur auf dem Campus

der Landesbetrieb Liegenschafts- und Baubetreuung.

Der U-förmige, dreigeschossige Beton-, Glasund

Stahl-Bau des Architekten Thomas Seyler und

der Projektleiterin Gudrun Biesenbach besteht aus

2.600 Quadratmetern Nutzfl äche. Klug ausgedacht

und dann auch umgesetzt wurden gleich mehrere

Dinge.

Zum Beispiel kann der Innenhof für Konzerte genutzt

werden. Oder: Durch die Aufteilung in zwei

Flügel wurde es möglich, das Gebäude klar zu trennen.

Einerseits in einen sogenannten „Leise-Trakt“

mit Tonstudio, Bibliothek und Verwaltung, andererseits

in einen „Laut-Trakt“ für Übungs- und Ausbildungszwecke.

Rektor Blume ist begeistert. Im Sonderheft der Hochschule

für Musik zum Neubau schreibt er: „Mit der

U-Form passt sich das Haus nicht nur an die Vorgabe

der Gestaltung des Philosophicums an, sondern

ist Abbild einer ausgewogenen und schlüssigen

Symmetrieform, die ebenso wie der gleichmäßige

Hell-Dunkel-Rhythmus der Fassade musikalische

Assoziationen weckt.“ Der neue Standort werde

dazu beitragen, den Dialog zwischen Wissenschaft

und Kunst zu intensivieren.

Im Gebäude selbst befi nden sich 36 Räume für

Gesangs- und Instrumentalunterricht. Den Studierenden

stehen 24 Räume zum Üben zur Verfügung.

Darüber hinaus gibt es drei Ensembleräume, den

„roten“ Konzertsaal, einen Orgelsaal, eine Studiobühne

(„Black Box“) und ein elektronisches Studio,

außerdem fünf Theorieräume, zwei Seminarräume,

das Hörlabor, die Bibliothek mit Lesesaal und Magazin,

einen Aufenthaltsraum, Wirtschaftsräume sowie

Büros für Verwaltung und Abteilungsleiter.

Neben dem „Roten Saal“ für 220 Zuhörer und der

„Black Box“ – so genannt aufgrund der schwarzen

Wände des Raumes – wird den Hochschulmusikern

ab 2010 mit dem Orgelsaal eine dritte eigene Spielstätte

zur Verfügung stehen. Angesprochen auf all

die Neuerungen und die Verbesserung im Vergleich

zum früheren Standort, sagt Blume: „Die Verbesserung

lässt sich gar nicht in Prozenten ausdrücken,

es ist ja fast ein Wunder.“ Die Attraktivität des

Musikstudiums und des Musiklebens in Mainz sei

jedenfalls ganz deutlich gestiegen.

Abgeschlossen sind die Feierlichkeiten zum Neubau-Ereignis

allerdings noch nicht. Es geht weiter.

Anlässlich der Eröffnung organisiert die Hochschule

bis Mitte 2009 die umfangreiche Veranstaltungsreihe

„Uni Sono“. Den Auftakt bildete, ebenfalls im

November, ein Festkonzert im schmucken „Roten

Saal“ des Hauses. Unter der Leitung von Wolfram

Koloseus wurde eine Auftragskomposition der

Hochschule uraufgeführt – Thomas Wells’ „Sechs

Trakl-Gesänge für Tenor, Chor und Orchester“ nach

Gedichten von Georg Trakl. Außerdem erklang die

„Jupiter-Sinfonie“ von Wolfgang Amadeus Mozart.

„Die Verbesserung lässt sich

gar nicht in Prozenten ausdrücken,

es ist ja fast ein Wunder.“

Über 200 Gäste zeigten sich an diesem Abend gleichermaßen

von Raum und vom Können der Musiker

angetan. Nicht weniger beeindruckte der sehr

gründlich vorgehende Dirigent Wolfram Koloseus,

insbesondere das Publikum in der ersten Reihe

konnte ihn ziemlich genau bei der Arbeit beobachten

und seine Bewegungen und Anweisungen

studieren. Zwischen Koloseus und das Auditorium

passte kaum ein Blatt Papier. Die Konzertbesucher

waren tatsächlich mittendrin statt nur dabei.

Für Wolfram Koloseus war das Eröffnungskonzert

zugleich auch das Antrittskonzert. Der Dirigent

und Konzertorganist wurde zum Wintersemester

2007/08 als Professor für Orchestererziehung und

Studienleitung an die Hochschule für Musik berufen.

Mit Antritt seiner Professur hat der gebürtige

Wiener und ehemalige Wiener Sängerknabe die Leitung

des Hochschulorchesters übernommen.

Eine weitere Besonderheit des Konzerts bestand im

Beitrag von Thomas Wells. Wells ist Professor für

Komposition und Direktor der Sound Synthesis Studios

an der Ohio State University in Columbus, Ohio.

Seine Werke werden weltweit aufgeführt, unter anderem

in China, Japan, Australien, Kuba, Brasilien

und Europa.

Der Komponist aus den USA wurde von der Hochschule

für Musik beauftragt, anlässlich der Einweihung

des neuen Gebäudes ein Werk für Tenor, Chor

Begeisterter Rektor Blume: „Fast wie ein Wunder.”

und Orchester zu komponieren. Nach längerer Zeit

des Überlegens entschied sich Wells für die Vertonung

der Gedichte des österreichischen Künstlers

Georg Trakl. Wells’ Intention war es schließlich, ein

Werk zu komponieren, das als Metapher für Hoffnung

und den Glauben an einen Neubeginn gelten

kann.

Das Premierenkonzert sorgte bereits für viel Begeisterung

unter den Besuchern. Der „Rote Saal“ eroberte

prompt viele Herzen. Zu den größten Anhängern

zählt dabei Jürgen Blume. Der Rektor kam aus

dem Schwärmen für den Raum kaum heraus. Blume

strahlte an diesem Abend mit seinen Kollegen und

den Studierenden beinahe um die Wette. Man muss

wohl kein Prophet sein um zu behaupten, dass sich

auch zukünftige Studierende der Hochschule für

Musik vom Enthusiasmus rund um den Neubau anstecken

lassen werden.

Wie gut trifft es sich da, dass die „Uni Sono“-Reihe

nicht nur im Wintersemester läuft, sondern auch im

kommenden Sommersemester sieben Veranstaltungen

durchgeführt werden. Das „Finale Uni Sono“

fi ndet am 17. Juli statt – mit einem Musikalischen

Sommerfest. Die Chancen stehen übrigens gut, dass

dann auch das Wetter mitspielt. Und nicht nur Rektor

Blume und seine Studierenden strahlen werden,

sondern auch die Sonne. Dimitri TAUBE ■

Eigenkomposition: Aufführung

des für die Eröffnung geschriebenen

Stückes von Thomas Wells.

29


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Herausforderung und Chance

Zukunftsweisende Organisation

des Studiums CampusNet, das

integrierte Studien- und Prüfungsverwaltungssystem

der Johannes

Gutenberg-Universität Mainz, geht

in Betrieb. Die tief greifenden Auswirkungen

der damit verbundenen

Verwaltungsprozesse spüren vor allem

auch die Fachbereiche.

Foto: Peter Thomas

Im Februar 2009 haben die Studierenden der Johannes

Gutenberg-Universität Mainz zum ersten

Mal vollen Zugriff auf CampusNet, das integrierte

Studien- und Prüfungsverwaltungssystem der Mainzer

Hochschule. In den Herbst- und Wintermonaten

des Jahres 2008 sind zuvor sukzessive die Module

für den Studierendenservice, das Prüfungsmanagement

und das Lehrveranstaltungsmanagement sowie

das Online-Portal für Lehrende in Betrieb genommen

worden.

„Die Einführung von CampusNet greift tief in die

Struktur von Studium und Lehre dieser Universität

ein, gerade in der Frage der Organisation. Der Start

des Online-Portals für Studierende ist somit ein

Meilenstein in der revolutionären Neuordnung der

Studien- und Prüfungsverwaltung“, erläutert Prof.

Dr. Bernhard Einig, Leiter der Abteilung Studium

und Lehre, „und dazu ein besonders großer unter

den vielen kleinen und größeren Bausteinen eines

langen und vielfältigen Prozesses, der damit noch

lange nicht abgeschlossen ist. „

„Für den Fachbereich 05 ist der Februar ein Starttermin,

nicht das Ende einer Entwicklung“, bestätigt

Dr. Doris Lindner. Sie ist im Fachbereich-Servicebüro

des FB 05 – Philosophie und Philologie verantwortlich

für die Organisation der Rahmenbedingungen

zur Einführung von CampusNet. „Dabei stellt nicht

die Nutzung der neuen Verwaltungssoftware als

Handwerkszeug die größte Herausforderung für einen

Fachbereich dar“, erklärt Lindner. Dahinter stehe

vielmehr eine umfassende Neuordnung zentraler

Verwaltungsprozesse binnen kurzer Zeit – „und das

ist eine neue Dimension, die alle administrativen

Veränderungen der letzten Jahre übertrifft“.

„Es macht Spaß, so etwas aufzubauen“: Dr. Doris Lindner, Prof. Mechthild Dreyer und Annette Elbert (v.l.)

Dr. Doris Lindner nennt einige Zahlen, die hinter

dieser Komplexität stecken: Alleine im FB 05 müssen

künftig bis zu 40.000 Modulprüfungen und

-Teilprüfungen im Jahr als rechtsverbindliche Prüfungsleistungen

dokumentiert und verwaltet werden.

Zu den verschiedenen administrativen Aufgaben,

die im Zuge der Einführung von CampusNet

neu organisiert werden müssen, kommt für den

FB 05 die Raumverwaltung mit über 1.200 Lehrveranstaltungen

pro Woche für rund 14.900 Erstfachstudierende

im eigenen Fachbereich sowie in

den Fachbereichen 02 und 07 hinzu. Insgesamt, so

haben die Expertinnen des Fachbereichs errechnet,

bedeutet die Verwaltungsreform eine Steigerung

verschiedener administrativer Aufgaben und Vorgänge

um bis zu 530 Prozent. „Die Entscheidung

für die modularisierten Studiengänge hatte deshalb

den Aufbau einer neuen Verwaltungsstruktur samt

der Software CampusNet zur unvermeidbaren Konsequenz“,

betont Prof. Mechthild Dreyer, seit dem

Sommersemester 2008 Dekanin des Fachbereichs

05.

Die Verwaltungsreform

bedeutet eine Steigerung

verschiedener administrativer

Aufgaben und Vorgänge um

bis zu 530 Prozent

Die beiden ersten Semester, in denen CampusNet

eingesetzt wird, bringen sicher Probleme mit sich,

die zurzeit noch niemand einschätzen kann. „Das

hat aber nichts mit dieser Software zu tun, sondern

mit der schieren Komplexität des Prozesses – mit

SAP wäre es nicht anders“, sagt Dreyer. Äußerlicher

Ausdruck der neuen Struktur im Fachbereich Philosophie

und Philologie sind fünf „Studienbüros“

mit insgesamt 62 Mitarbeitern aus Wissenschaft

und Verwaltung, die als Studienmanager, Lehrveranstaltungs-

und Prüfungsverwaltungsmitarbeiter,

sowie als Studiengangsbeauftragte oder Studienfachberater

zusammenarbeiten. Um diese Stellen

zu besetzen, hat der Fachbereich zwischen Juli und

September 2008 acht neue Ausschreibungsverfahren

mit 178 Bewerbern bestritten und insgesamt 19

verschiedene Stellenbeschreibungen erstellt. Zwei

der Büros sind dabei auch räumlich komplett neu

eingerichtet worden.

An der gesamten Universität wird es künftig 32

Studienbüros geben – „fl ächendeckend in allen

Fachbereichen und für alle Studiengänge, erläutert

Einig. Die Studienbüros organisieren und dokumentieren

jeden Schritt des Studiums und garantieren

das vollständige Studienangebot. Dazu kommen 13

Prüfungsämter in allen Fachbereichen. Denn mit der

Einführung modularisierter Bachelor- und Master-

Studiengänge ist künftig jede einzelne Lehrveranstaltung

mit einer Prüfungsleistung verbunden.

Das hat nicht nur quantitative, sondern auch erhebliche

qualitative Auswirkungen, betont Annette Elbert.

Die Juristin ist Leiterin der Prüfungsverwaltung

des Fachbereichs 05. „Jede Modulabschlussprüfung

ist künftig eine rechtlich angreifbare Teilprüfung“,

sagt die Juristin. Besonders wichtig war für Elbert

[JOGU] 207/2009

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deshalb, bei der aufwändigen Neustrukturierung

der Studienverwaltung dafür zu sorgen, dass Formfehlern

künftig durch klare und einheitliche Abläufe

vorgebeugt wird. „Insgesamt bietet diese Reform

tatsächlich die Chance, einheitlichere Verwaltungsabläufe

einzuführen und die Verwaltung innerhalb

des Fachbereichs weiter zu professionalisieren“,

stimmt Lindner zu.

„Jede Modulabschlussprüfung

ist künftig eine rechtlich angreifbare

Teilprüfung“

Dazu hat ein Team von so genannten Modellierern

mehr als 500 Prüfungsordnungen aller Fächer für

CampusNet adaptiert, damit das System bei Bedarf

auch auf eine alte Magisterprüfungsordnung

zurückgreifen kann. Parallel sind 1,5 Millionen Datensätze

erfasst worden, die neben den aktuellen

Studierenden auch jene der vergangenen Jahre erfasst

– insgesamt knapp 90.000 Personen.

Zurzeit nämlich zieht die Dekanin ein vorsichtig positives

Resümee des Prozesses: Auch wenn es immer

wieder chaotische Momente gegeben habe, seien

die zahlreichen Gespräche doch insgesamt positiv

verlaufen. In der fächerübergreifenden, intensiven

Kommunikation sieht die Philosophieprofessorin einen

wichtigen Baustein für den Erfolg der Umstrukturierung:

Insbesondere die Zusammenarbeit des

Fachbereichs mit der Abteilung Studium und Lehre

funktioniere exzellent.

„Es macht bei aller Belastung einfach Spaß, so etwas

aufzubauen“, sagt die Leiterin der Prüfungsverwaltung

Annette Elbert über den laufenden Prozess.

Dem stimmt Dr. Doris Lindner zu – obwohl sie sich

für den FB 05 mehr Zeit für diesen enormen Veränderungsprozess

gewünscht hätte. Positiv sieht die

Verwaltung des Fachbereichs auch die Chancen zur

Personalentwicklung im wissenschaftsstützenden

Bereich, die sich aus der Neustrukturierung ergeben:

Insofern die bisher übliche Sekretariatsarbeit

durch komplexere Aufgaben ergänzt würde, gebe es

nun die Möglichkeit zum Aufstieg in besser dotierte

Stellen.

Peter THOMAS ■

Shakespeare digital

Einmaliges Bildarchiv zu Shakespeare-Dramen

ist jetzt online verfügbar

Mitte November 2008 wurde in der Universitätsbibliothek die Web-Version

des Shakespeare-Bildarchivs Oppel-Hammerschmidt vorgestellt. Das Besondere:

Die Sammlung umfasst rund 3.500 bisher unveröffentlichte Illustrationen

zu sämtlichen Werken William Shakespeares aus fünf Jahrhunderten,

die sogar bis in die Lebenszeit des Dichters zurückreichen. Unter den

rund 800 Künstlern, die Szenen und Charaktere aus Shakespeares Stücken

bildkünstlerisch aufarbeiteten, fi nden sich so bekannte Namen wie William

Turner, Salvador Dalí und Marc Chagall. Den Nutzern des Online-Archivs

bietet sich die Möglichkeit, per Suchmaske nach verfügbaren Darstellungen

zu einzelnen Werken, sogar szenenspezifi sch, nach Einzelthemen oder auch

nach den Darstellungen eines bestimmten Künstlers zu suchen.

Den Grundstein für das weltweit einzige Bildarchiv dieser Art legte im Jahr

1946 der Shakespeare- und Goethe-Forscher Prof. Dr. Horst Oppel. Nach

seinem Tod übernahm Prof. Dr. Hildegard Hammerschmidt-Hummel seine

Sammlung und erweiterte sie auf circa 7.000 bildkünstlerische Darstellungen.

Schließlich ging das Archiv im Jahr 2005 als Schenkung in den Besitz

der Mainzer Universitätsbibliothek über – mit der Verpfl ichtung, die bisher

unveröffentlichten Bestände elektronisch zu erfassen und öffentlich zugänglich

zu machen. Dieses interdisziplinäre Großprojekt wurde jetzt durch

das gemeinsame Engagement der Universitätsbibliothek und der Zentralen

Datenverarbeitung (ZDV) realisiert.

Derzeit ist das Projekt auf allen im Uninetz registrierten Rechnern frei zugänglich

über die Internetseiten der Universitätsbibliothek: http://www.

ub.uni-mainz.de/6295.php.

Kathrin VOIGT ■

31

[JOGU] 207/2009


Personen & Positionen

Neu an der Uni

Fotos: Peter Pulkowski

Dr. Magarete Imhof

ist neue W3 Professorin

am Psychologischen

Institut

Ihre universitäre Laufbahn

begann Imhof mit

dem Studium der Fächer

Psychologie (Diplom) und

Anglistik (Staatsexamen)

an der Julius-Maximilians-Universität Würzburg. Bereits

während des Studiums unterrichtete sie für ein

Semester im Rahmen eines Austauschprogramms

des Pädagogischen Austauschdienstes Bonn als

German Language Teaching Assistant im britischen

Stevenage. Im Jahr 1983 machte sie ihren Abschluss

sowohl mit dem Diplom in Psychologie als auch mit

der ersten Staatsprüfung für das Lehramt an Gymnasien.

Von der Universität wechselte Imhof daraufhin

als Studienreferendarin für die Fächer Englisch

und Schulpsychologie an das Siebold-Gymnasium in

Würzburg und schloss zwei Jahre nach dem ersten

auch das zweite Staatsexamen ab. Nach einer kurzen

Lehrtätigkeit trat Imhof eine Lektorenstelle für

Deutsch am Luther College in Decorah (Iowa) in den

Vereinigten Staaten an. Innerhalb der USA wechselte

sie 1989 als Teaching Assistant und Graduate

Student an die University of Illinois at Chicago und

kehrte ein Jahr später nach Deutschland zurück.

An der Otto-Friedrich Universität Bamberg forschte

Imhof in den darauffolgenden Jahren u.a. zu den

Themengebieten Konzentration und motorische

Nebentätigkeiten und „Hyperaktive“ Kinder in der

Schule und promovierte 1994 mit der Gesamtnote

„Magna cum laude“. Bis 2001 war Imhof an der

Goethe-Universität Frankfurt Studienrätin im Hochschuldienst

am Institut für Pädagogische Psychologie

der Universität Frankfurt und wurde, nach einem

einjährigen Aufenthalt am College of New Jersey in

den USA, zur Oberstudienrätin im Hochschuldienst

ernannt. Ihre Habilitation schloss Imhof im Jahr

2003 zum Thema Psychologische Aspekte von Zuhören

ab.


Die W3-Professur

für Medienrecht,

Kulturrecht und

Öffentliches Recht

übernimmt Dr.

Matthias Cornils

Nach dem Studium der

Geschichte, Politik, Volkswirtschaft

und Rechtswissenschaften

an der Universität Bonn und der

ersten juristischen Staatsprüfung 1993 promovierte

Matthias Cornils 1995 mit der Dissertation „Der

gemeinschaftsrechtliche Staatshaftungsanspruch“

an der Rechts- und Staatswissenschaftliche Fakultät

der Universität Bonn („summa cum laude“).

Für seine Dissertation erhielt er den Preis der Gesellschaft

von Freunden und Förderern der Rheinischen

Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn e.V. Im

Anschluss daran übte er Lehrtätigkeiten an der Mittelrheinischen

Verwaltungsakademie Bonn aus und

hielt Vorlesungen im Staats- und Verwaltungsrecht.

Während dieser Zeit legte Cornils die zweite juristische

Staatsprüfung (1997) ab und arbeitete als

Wissenschaftlicher Assistent am Institut für Öffentliches

Recht der Universität Bonn. Im Jahr 2004 habilitierte

er sich mit der Schrift „Die Ausgestaltung der

Grundrechte – Untersuchungen zur Grundrechtsbindung

des Ausgestaltungsgesetzgebers“. In den

darauffolgenden Jahren vertrat er mehrere rechtswissenschaftliche

Lehrstühle, u.a. den Lehrstuhl für

Öffentliches Recht und Steuerrecht an der Universität

München (Präsident des Bundesverfassungsgerichts

Prof. Dr. Hans-Jürgen Papier), den Lehrstuhl

des deutschen Richters am EuGH Prof. Dr. Thomas

von Danwitz an der Universität zu Köln und zuletzt

den Lehrstuhl des stellvertretenden Präsidenten des

BVerfG Prof. Dr. Andreas Voßkuhle an der Universität

Freiburg. Zu den Forschungsschwerpunkten von

Cornils gehören neben dem Medienverfassungsund

-verwaltungsrecht insbesondere das öffentliche

Wirtschaftsrecht, das Staatsrecht und das Staatshaftungsrecht.

Neben seiner Lehr- und Forschungstätigkeit

ist Matthias Cornils zudem Mitherausgeber

der online-Zeitschrift „Zeitschrift für das juristische

Studium“.


Dr. Holger Preuß ist

neuer Professor für

Sportsoziologie und

Sportökonomie an

der Johannes Gutenberg-Universität

Nach Abitur und Zivildienst,

begann Preuß

im April 1990 ein Wirtschaftspädagogik-

und Sportstudium an der Georg-August-Universität

Göttingen. Der Abschluss

als „Diplom-Handelslehrer“ erfolgte 1995. Im

Anschluss daran studierte Preuß ein Semester an

der Internationalen Olympischen Akademie in Griechenland.

Zurück in Göttingen promovierte er in den

Jahren 1997 bis 1999 mit der Arbeit „Ökonomische

Implikationen der Ausrichtung Olympischer Spiele

von München 1972 bis Atlanta 1996“ („summa

cum laude“) und gewann den „Karl Hofmann

Preis“ für die beste sportwissenschaftliche Dissertation

1999. Während dieser Zeit war Preuß bereits

wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fachbereich Sport

der Universität Mainz. 2002 wechselte er nach Köln

und arbeitete als wissenschaftlicher Assistent am

„Institut für Sportökonomie und -management“.

Darauf folgte der Ruf auf eine Juniorprofessur für

Sportökonomie in Mainz. Verschiedene Auslandsaufenthalte

führten ihn u.a. als Visiting Professor

an die „School of Management“ der Beijing Sport

University in Peking und als Visiting Scholar an die

State University of New York in Cortland. Ab 2006

vertrat Preuß die Professur für Sportentwicklung am

FB Psychologie und Sportwissenschaften der Universität

Frankfurt und kehrte 2007 nach Mainz zurück.

Holger Preuß ist international renommiert und

u.a. als Associate Editor des „European Sport Management

Quarterly“, einer führenden Zeitschrift

im Sportmanagement tätig. Seine Forschungsfelder

sind die Ermittlung ökonomischer Wirkungen

von Mega-Sport-Events und liegen außerdem im

Bereich des Sport-Eventtourismus, sowie im Sportmarketing

bei der Messung von Imagetransfers und

beim Ambush-Marketing. Eines seiner aktuellen

Forschungsprojekte ist eine Studie zu „Image und

Konsummustern der Besucher der EURO 2008 in

Österreich” in Kooperation mit Prof. Dr. H. Siller

(MCI Innsbruck).


[JOGU] 207/2009

32


Personen & Positionen

Die W 2-Professur für

Allgemeine Sprachwissenschaften

übernimmt

Dr. Matthias

Schlesewsky

Dr. Matthias Schlesewsky

absolvierte zunächst ein

Biologie- und Chemiestudium

an der Hochschule

für Lehrerbildung in Potsdam, bevor er 1990 an der

Universität Potsdam das Studium der Chemie mit

dem Schwerpunkt Physikalische/Analytische Chemie

aufnahm. Nach dem Abschluss als Diplomchemiker

1992 war Schlesewsky – unterstützt durch

ein Graduiertenförderstipendium des Landes Brandenburg

– im Rahmen eines Postgradualstudiums

der Toxologie an der Universität Leipzig tätig. Im

darauffolgenden Jahr begann er an der Universität

Potsdam Allgemeine und theoretische Linguistik zu

studieren und promovierte 1997 in dieser Fachrichtung

mit der Dissertation „Kasusphänomene in der

Sprachverarbeitung: eine Studie zur Verarbeitung

von kasusmarkierten und Relativsatzkonstruktionen

im Deutschen“. In dieser Zeit arbeite er als Projektmitarbeiter

im Teilprojekt „Kognitive Einfachheit von

Grammatiken“ am Innovationskolleg „Formale Modelle

kognitiver Komplexität“. Nach der Promotion

arbeite und forschte Schlesewsky als wissenschaftlicher

Assistent am Lehrstuhl für Grammatiktheorie:

Syntax und Morphologie der Universität Potsdam.

Im Jahr 2002 wurde Schlesewsky Leiter der selbstständigen

Nachwuchsgruppe Neurolinguistik am

Institut für Germanische Sprachwissenschaft der

Philipps-Universität Marburg und trat zugleich

eine Stelle als Juniorprofessor für Neurolinguistik

an. Von 2004 bis 2006 war Schlesewsky zudem

Geschäftsführender Direktor des Institutes. Neben

seiner Tätigkeit in der Lehre und als Organisator

von internationalen Fachkonferenzen und Tagungen

beschäftigt sich Matthias Schlesewsky in seiner

Forschungsarbeit vor allem mit den Themen „Theoretische

Modellierung empirischer Daten aus den

Sprachen der Welt“, „Die Rolle von Morphologie

und struktureller Position bei der Verarbeitung von

Core-Relationen“ und „Der Einfluss von Diskursinformationen

in der Argumentinterpretation“. In seinen

Forschungsarbeiten untersucht und beschäftigt

sich Schlesewsky unter anderem neben Deutsch mit

Sprachen wie Isländisch, Türkisch und Hindi. ■

Thomas Schmidt

übernimmt W 2

Professur an der Akademie

für Bildende

Künste

Thomas Schmidt, Jahrgang

1960, begann seine

künstlerische Laufbahn

mit dem Studium der

Malerei an der Hochschule der Künste in Berlin bei

Prof. H. Bachmann. Im Jahr 1986 schloss Schmidt

sein Studium in Berlin ab und erhielt im darauffolgenden

Jahr den Förderpreis des Förderkreises

Bildende Kunst in Nürnberg. Ein Reisestipendium

des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes

führte ihn 1988 nach Spanien. In den folgenden

Jahren arbeitete er als freier Künstler und hatte

Ausstellungen unter anderem in Berlin, Nürnberg

und Bern. 1993 gründete er zusammen mit Hans

Hemmert, Axel Lieber und Georg Zey die Künstlergruppe

„Inges Idee“ in Berlin, die 1995 die ersten

Projekte im öffentlichen Raum realisierte und vier

Jahre später ihre erste Ausstellung in Berlin eröffnete.

Am Fachbereich für Bildende Künste der Johannes

Gutenberg-Universität erhielt Schmidt im Jahr

2000 einen Lehrauftrag für die Orientierungsklasse

und war während des Wintersemesters 2004/5 mit

der Gruppe „Inges Idee“ als Gastprofessor an der

Bauhaus-Universität Weimar tätig. Dort leitete er

den MFA-Studiengang „Kunst im öffentlichen Raum

und neue künstlerische Strategien“. Während der

Lehrtätigkeiten hatte Schmidt sowohl eigene Ausstellungen

als auch Projekte mit der Gruppe „Inges

Idee“, unter anderem in Düsseldorf, Tokyo und Singapur.

Als Gastprofessor für die Orientierungsklasse

kam er 2005 zurück an die Universität Mainz und

die Akademie für Bildende Künste. Neben seiner

Lehrtätigkeit ist Thomas Schmidt auch weiterhin

als Künstler tätig. So war er 2006 mit „Inges Idee“

auf der Biennale für Kunst im öffentlichen Raum in

Neuseeland vertreten. Derzeit werden zahlreiche

Arbeiten der Gruppe realisiert, darunter Skulpturen

für das Convention Center in Vancouver, Kanada,

das World Games Stadion 09 in Kaoshing, Taiwan,

das Towada Art Center, Japan und dem Neubau des

Danish Radio DR in Kopenhagen.


Die W2-Professur

in der Abteilung

Quanten-, Atom- und

Neutronenphysik am

Institut für Physik

übernimmt Dr. Arno

Rauschenbeutel

Arno

Rauschenbeutel

begann seine wissenschaftliche

Laufbahn 1991 als Stipendiat der

Studienstiftung des deutschen Volkes mit dem

Physik- und Mathematikstudium an der Heinrich

Heine-Universität Düsseldorf. Bereits während seiner

Studienzeit führte in ein Auslandssemester an

das Imperial College of Science, Technology, and

Medicine nach London. Nach den Vordiplomen in

Mathematik und Physik wechselte Rauschenbeutel

1994 an die Universität Bonn und schloss sein

Studium 1997 mit der Diplomarbeit „Ein neuartiges

Konzept zur Kontrolle der relativen Lichtphasen

in lichtgebundenen Atomgittern“ ab. Vom Rhein

wechselte er danach an die Seine. Am Laboratoire

Kastler Brossel der Ecole Normale Supérieure in Paris

begann er im gleichen Jahr mit dem Promotionsstudium

in Experimentalphysik, welches er 2001 mit

der Arbeit „Atome und Resonator: Präparation und

Manipulation komplexer verschränkter Zustände“

abschloss. Nach der Promotion mit Auszeichnung

wechselte Rauschenbeutel wieder nach Bonn, wo

er in den Jahren 2001 bis 2005 als wissenschaftlicher

Assistent am Institut für angewandte Physik

arbeitete und im Anschluss daran die Vertretung

einer W3-Professur für Experimentalphysik in Bonn

übernahm. 2006 erhielt Rauschenbeutel den Ruf

auf eine W2-Professur für Experimentelle Quantenoptik

an die Johannes Gutenberg-Universität. Die

wissenschaftliche Arbeit und Lehre von Arno Rauschenbeutel

ist mehrfach ausgezeichnet. Unter anderem

erhielt er 2005 einen „Marie Curie Exellence

Award“ der Europäischen Kommission und 2006

eine Lichtenberg Professur der Volkswagen-Stiftung

und einen „European Young Investigators Award“

der Europäischen Science Foundation. ■

33

[JOGU] 207/2009


Kurz & Bündig

Besuch von Verteidigungsminister

Jung

Am 6. November sprach Bundesverteidigungsminister Dr. Franz-Josef Jung anlässlich einer Vortragsveranstaltung

der „Freunde der Universität Mainz“ zum Thema „Deutsche Sicherheitspolitik: Im Einsatz

für den Frieden“. Jung skizzierte in seinem Vortrag die Geschichte und Entwicklung der Bundeswehr

von einer Verteidigungsarmee im Kalten Krieg bis zu den Aufgaben der Krisenintervention und humanitären

Einsätzen heute. Mit Blick auf den derzeitigen Einsatz in Afghanistan hob er die gemeinsame

Bedeutung von militärischer Sicherheit und zivilem Wiederaufbau hervor: „Ohne Sicherheit keine Entwicklung

und ohne Entwicklung keine Sicherheit“.


Veranstaltungstipp

Fit bleiben

Der Allgemeine Hochschulsport bietet gesundheitlich

orientiertes Training an Fitness-

Geräten mit persönlicher Betreuung an.

Das Training kann individuell je nach persönlichen

Bedürfnissen als Reha-Training (Ausgleich von muskulären

Disbalancen und Haltungsproblemen), als

Präventionstraining (zum Beispiel bei hauptsächlich

sitzender Tätigkeit) oder auch als allgemeines Fitness-Training

ausgerichtet werden. Die persönliche

Betreuung erfolgt durch Physiotherapeuten/Krankengymnasten.

Das Training fi ndet im Fitnessraum

statt und ist kostenpfl ichtig.

Termin 1: Mo. 12:00 - 13:00, Silke Wolf

Termin 2: Mo. 18.00 - 19.00, Anika Brosch

Termin 3: Mi. 12:30 - 13:30, Silke Wolf

Kostenbeitrag: 10er-Karte (gültig für 10 Einheiten

à 60 Min. bei beliebiger Terminwahl) für Sportausweisinhaber

€ 20,- , Externe € 30,-


(v. l.) Dr. h.c. Klaus G. Adam, Bundesminister für Verteidigung Dr. Franz-Josef Jung,

Universitätspräsident Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch

Impressum

Herausgeber:

Der Präsident der Johannes Gutenberg-Universität Mainz,

Univ.-Prof. Dr. Georg Krausch

Leitung Bereich Öffentlichkeitsarbeit:

Petra Giegerich

Leitung Redaktion:

Annette Spohn-Hofmann (V.i.S.d.P.)

Mitarbeiter dieser Ausgabe: Dr. Ulrike Brandenburg,

Maria Colombo, Dr. Frank Erdnüß, Dimitri Taube,

Peter Thomas, Kathrin Voigt, Frank Wittmer,

Peter Pulkowski (Fotos)

Redaktionsassistenz: Birgitt Maurus, Sebastian Kump

Kontakt:

Telefon: +49 6131 3922369, 3920593

Telefax: +49 6131 3924139

E-Mail: Annette.Spohn@verwaltung.uni-mainz.de

Auflage: 10.000 Exemplare, die Zeitschrift

erscheint viermal im Jahr

Redaktionsschluss der JOGU 208,

Ausgabe Mai 2009, ist der 2. März 2009

Titelbild: Geographisches Institut

Gestaltung: Thomas Design, Freiburg

Vertrieb: Öffentlichkeitsarbeit

Anzeigen:

Marc Thal

Campus-Service GmbH

crossmediales Hochschulmarketing

Neuenhöfer Allee 49-51

50935 Köln

Tel.: +49 221 42060911

Fax: +49 221 282736-20

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Druck:

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34283 Spangenberg

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Telefax +49 56 63939880

www.schreckhase.de

kontakt@schreckhase.de

Namentlich gezeichnete Beiträge geben nicht

unbedingt die Meinung des Herausgebers wieder.

Für unverlangt eingesandte Manuskripte oder Bildmaterial

wird keine Gewähr geleistet. Nachdruck

nur mit Quellenangabe gestattet.

[JOGU] 207/2009

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Information

Telefon 0 61 31/17-32 16 / 32 17

Termine

Mo, Mi 8.00 bis 16.00

Di, Do 8.00 bis 18.00

Fr 8.00 bis 15.00

Sa 8.00 bis 11.00

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