Andrea Lienesch: Der schlechteste Pirat der Welt

editionpastorplatz

Karl-Heinz ist der schlechteste Pirat der Welt. Er weiß nicht, wie man einen Kompass benutzt, wird leicht seekrank und rammt auch schon mal versehentlich das Schiff eines Piratenkollegen, weil er den Rückwärtsgang nicht findet. Zu allem Überfluss ist sein bester Matrose eine verrückte Ziege. Kein Wunder, dass Karl-Heinz sein Piratenschiff, den Schaukelnden Schorsch, am liebsten verkaufen und ein Leben als Landratte führen möchte. Aber wo soll er einen Käufer für den alten Kahn finden? Und was sagt wohl seine Mutter, die Grausige Gudrun, dazu?
Ab 8 Jahren.

Andrea

Lienesch

Der

derWelt

schlechteste

Pirat

EDITION PASTORPLATZ

38

Mit Illustrationen

von Mele Brink





schlechteste

Andrea Lienesch

Der

Pirat

derWelt

Mit Illustrationen von Mele Brink



Andrea Lienesch

Der

schlechteste

der

Pirat

Welt

Mit Illustrationen von Mele Brink



Inhalt

Der schlechteste Pirat der Welt..................................... 5

Die mechanische Insel................................................... 11

Zu Gast im Baumhaus.................................................. 29

Mechanikerin an Bord................................................... 37

Land in Sicht.................................................................. 51

Der Insel-Sekretär........................................................ 58

Sekretär an Bord.......................................................... 69

Die schwimmende Insel................................................ 75

Oma an Bord................................................................. 87

Hitze............................................................................... 91

Unwetter........................................................................ 99

Piratenparty................................................................ 107

Die Beamten des Königs.............................................115

Kurs auf die Schatzinsel.............................................127

Die Grausige Gudrun................................................... 143

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Der schlechteste Pirat der Welt

Karl-Heinz hatte gute Laune. Vergnügt pfiff er vor

sich hin, drehte das Steuerrad schwungvoll erst nach

rechts, dann nach links und warf einen Blick durch das

Fernrohr. Am Horizont hatte er eine vielversprechende

Insel entdeckt. Wenn alles weiterhin so gut lief, würde

er sie spätestens am Mittag erreichen. Oder am

Nachmittag. Vielleicht auch schon in zehn Minuten.

Mit Sicherheit konnte Karl-Heinz das nicht sagen.

Er war nicht besonders gut darin, solche Dinge zu

berechnen. Karl-Heinz war der schlechteste Pirat der

Welt, aber das störte ihn überhaupt nicht. Auf der

Insel würde er ganz bestimmt jemanden finden, der

ihm den Schaukelnden Schorsch, dieses dämliche

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Piratenschiff, abkaufte. Der Schaukelnde Schorsch

hatte ihm nichts als Ärger gemacht, seit er ihn von

der Grausigen Gudrun bekommen hatte. Schaukelnder

Schorsch. Schon der Name war bescheuert. Aber

Karl-Heinz wusste, er würde eine Menge Geld für das

Schiff bekommen. Immerhin war die Grausige Gudrun

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einst eine berühmte Piratin gewesen, gefürchtet auf

allen sieben (oder waren es acht?) Weltmeeren. Mit

dem Geld, das er für den ollen Kahn bekäme, würde

Karl-Heinz sich ein Haus kaufen. Ein Haus mit einem

hübschen kleinen Garten, ganz ohne Segel, Reling

oder Steuerrad. Dann müsste er nicht mehr zur See

fahren. Er würde nie wieder einen Fuß auf ein Schiff

setzen und … Jemand zupfte an Karl-Heinz’ Latzhose.

Der Pirat fuhr herum und entdeckte die Ziege, die ihn

grimmig ansah.

„Was ist los?“, fragte Karl-Heinz.


„Quak“, antwortete die Ziege. Karl-Heinz schaute das

Tier verständnislos an. Manchmal vergaß er, dass diese

verrückte Ziege sich für eine Ente hielt, seit er ihr vor

einigen Jahren versehentlich den Enterhaken an den

Kopf geworfen hatte.

Die Ziege verdrehte die Augen und deutete mit dem

Kopf in Richtung des Achterdecks, wo die Zwillinge

damit beschäftigt waren, sich an den Haaren zu ziehen.

Widerwillig überließ Karl-Heinz dem Tier das Steuer

und stieg die Treppe zum Hauptdeck hinunter, um

nach dem Rechten zu sehen. Die Zwillinge gingen ihm

auf die Nerven. Der Pirat hatte sie am Hals, seit er

damals zufällig das Schiff vom Hinkenden Heinrich

gerammt hatte. Eigentlich hatte Karl-Heinz so schnell

wie möglich das Weite suchen wollen, denn andere

Piraten waren ihm nicht geheuer. Aber er war gerade

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erst von der Grausigen Gudrun zum Kapitän ernannt

worden und hatte leider überhaupt nicht zugehört, als

sie ihm erklärte, wie das Piratenschiff funktionierte.

Deshalb hatte er den Rückwärtsgang nicht finden

können und den Kahn vom Hinkenden Heinrich mit

voller Wucht gerammt. Versehentlich zwar, aber

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das Schiff war trotzdem gesunken, und mit ihm die

gesamte Mannschaft. Nur die Zwillinge, die damals

noch winzige Hosenscheißer waren, trieben danach

noch in einem Bastkörbchen auf den Wellen. Da hatte

Karl-Heinz sie einfach retten müssen. Die Ziege wäre

sonst schrecklich sauer gewesen.

Karl-Heinz seufzte. „Das hat man davon, wenn

man Kinder rettet“, maulte er und warf der Ziege

einen bösen Blick zu. „Die Grausige Gudrun hat nie

irgendwen gerettet. Sie hat nur Gefangene gemacht,


und die mussten dann für sie arbeiten.“ Die Ziege

schnaubte und streckte Karl-Heinz die Zunge heraus.

„Ja, ja, ich weiß“, murrte der Pirat, „ich bin der

Kapitän, ich muss dafür sorgen, dass die Mannschaft

sich benimmt. Eine tolle Mannschaft seid ihr! Zwei

Kinder und eine Ziege!“ Karl-Heinz packte Emmi (oder

war es Lenni? Er konnte die beiden einfach nicht

auseinanderhalten) am Kragen und zog sie von ihrem

Bruder weg.

„Der hat aber angefangen!“, keifte Emmi.

„Quak!“, rief die Ziege dazwischen, und dieses Mal

wusste Karl-Heinz genau, was das bedeutete. Er setzte

den zappelnden Zwilling wieder ab.

„Lasst den Anker runter“, sagte er. „Wir gehen an

Land!“

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Die mechanische Insel

Karl-Heinz kratzte sich nachdenklich am Kopf. Aus

der Nähe betrachtet schien die Insel nicht besonders

groß zu sein. Es gab auch keinen Hafen. Das war

einerseits gut, weil es dann auch keine anderen

Seeleute gab, die Karl-Heinz auslachten, wenn er

Schwierigkeiten beim Einparken (oder hieß das

Anlegen?) hatte. Andererseits bedeutete das auch,

dass sie nicht bis ans Ufer segeln konnten, weil das

Wasser dort sicher zu flach war. Sie mussten weiter

draußen vor Anker gehen und die letzten Meter bis

zum Strand mit dem Ruderboot zurücklegen. Karl-

Heinz hasste das Ruderboot. Es war winzig und es

schwankte entsetzlich. Außerdem waren letzte Woche

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die Ruder über Bord gegangen, als die Zwillinge sie

zum Tennisspielen benutzt hatten. Er würde wohl mit

den beiden großen Kochlöffeln rudern müssen. Der

Pirat seufzte, dann ließ er das Boot zu Wasser.

Der Schaukelnde Schorsch war ein gigantisches

Schiff. Das Ruderboot allerdings war kaum größer als

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eine Nussschale. Karl-Heinz hatte vergeblich versucht,

seine Mannschaft davon zu überzeugen, an Bord

des Piratenschiffs zu bleiben. Selbst die Ziege hatte

unbedingt mitkommen wollen. Karl-Heinz vermutete,

dass sie sich allein auf dem großen Schiff fürchtete.

Er hätte sich jedenfalls gefürchtet. So ein Piratenschiff

war ein unheimlicher Ort.

Jetzt saß die Ziege in der Mitte des winzigen

Bootes. Es war so eng, dass Karl-Heinz abwechselnd

ihr haariges Schwänzchen oder ihre feuchte Zunge


im Gesicht hatte, während er versuchte, mit den

Kochlöffeln zu rudern. Die Zwillinge turnten im Heck

der Nussschale herum und brachten sie beinahe zum

Kentern. Karl-Heinz kämpfte gegen die aufsteigende

Übelkeit. Er wurde immer gleich seekrank, wenn es so

schaukelte. Aber wenn er sich auf die Ziege übergeben

würde, würde sie ihm das nie verzeihen.

„Ich habe gesagt, ihr sollt still sitzen!“, schimpfte

Karl-Heinz. „Sonst werfe ich euch …“ Weiter kam

er nicht, denn er hatte plötzlich den Mund voller

Ziegenhaare.

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Es dauerte fast eine halbe Stunde, aber schließlich

gelangte das voll beladene Boot doch noch ans Ufer.

Karl-Heinz war heilfroh, dass alle die Insel unbeschadet

erreicht hatten. Die Ziege war nur zweimal über Bord

gegangen (davon einmal absichtlich) und er selbst


hatte sich nicht übergeben müssen. Leider war die

Insel eine Enttäuschung. Es gab nur feinen, weißen

Sandstrand und dahinter einen undurchdringlichen

Dschungel. Der Pirat konnte weder eine Stadt

noch ein Dorf oder wenigstens eine einzelne Hütte

entdecken. Auf diesem einsamen Eiland würde er

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wohl keinen Käufer für den Schaukelnden Schorsch

finden. Enttäuscht ließ sich Karl-Heinz in den Schatten

einer Palme plumpsen. Einen kurzen Augenblick

lang wunderte er sich darüber, dass der Sand unter

seinem Hinterteil so hart war. Dann fielen zwei dicke

Kokosnüsse direkt auf seinen Kopf. „Aua, verdammter

Mist! Was soll denn das?“, schimpfte Karl-Heinz.

Die Zwillinge kicherten und die Ziege verpasste

ihm einen Huftritt. Sie mochte es nicht, wenn er in

Gegenwart der Kinder fluchte.


Karl-Heinz versuchte herauszufinden, ob nun sein

Kopf oder sein Hinterteil mehr wehtat, da zuckte er

plötzlich zusammen. Hatte hinter ihm im Gebüsch nicht

eben etwas geraschelt? Da! Schon wieder! Der Pirat

fuhr herum. Das Rascheln wurde lauter. Jetzt hörte

man auch noch ein leises Schnaufen. Wie ein Vorhang

wurden Blätter und Lianen beiseitegeschoben. Karl-

Heinz hielt sich die Augen zu und stellte sich darauf

ein, gleich von einem Tiger gefressen zu werden.

„Einen wunderschönen guten Tag!“, sagte der Tiger

freundlich. Karl-Heinz linste vorsichtig zwischen seinen

Fingern hindurch. Der Tiger war ein Mensch. Genauer

gesagt, eine Frau.

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„Du bist ja gar kein Tiger!“, stammelte Karl-Heinz.

Die Frau runzelte die Stirn. „Ich hatte zwar schon

recht lange keinen Besuch mehr, aber ich bin mir


sicher, dass das nicht die richtige Antwort auf Guten

Tag ist“, sagte sie.

„Ich bin überhaupt kein Besuch, ich bin ein Pirat!“,

erwiderte Karl-Heinz eingeschnappt.

„Ach ja? Du hast immerhin an meiner Tür geklingelt,

also bist du auch ein Besuch!“

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„Du spinnst wohl!“ Karl-Heinz zeigte ihr einen Vogel.

„Hier gibt es überhaupt keine Klingel!“ Wer auch

immer diese Frau war, sie hatte nicht mehr alle Tassen

im Schrank. Vermutlich hatte sie nicht einmal einen

Schrank.

„Keine Klingel? Und was, bitte, ist das?“ Die Frau

deutete auf die Stelle, an der Karl-Heinz gesessen

hatte. Er erkannte ein schräg im Sand liegendes

Brett, von dem aus ein Seil über eine verwirrende

Kombination aus Rollen und Zahnrädern nach oben

zu einem Korb führte, der an der Spitze der Palme


befestigt war. Karl-Heinz verstand nicht viel von

solchen Dingen, aber ihm wurde klar, dass er die

merkwürdige Apparatur in Gang gesetzt hatte, als er

sich auf das Brett hatte plumpsen lassen.

Prüfend blickte die Frau zum Korb hinauf und zog

vorsichtig an dem Seil. „Irgendetwas scheint nicht

ganz in Ordnung zu sein“, murmelte sie. „Es klang

merkwürdig dumpf, als die Kokosnüsse auf das Brett

gefallen sind. Ich hätte es beinahe nicht gehört.“

Karl-Heinz rieb sich den Kopf und sah sich die Frau

genauer an. Sie war ziemlich dünn, aber ein gutes

Stück größer als er selbst, und sie guckte entsetzlich

grimmig. Vermutlich war es schlauer, sich nicht über

diese lebensgefährliche Klingelanlage zu beschweren.

Er rückte seinen Strohhut zurecht und streckte der

Frau seine Hand entgegen. „Ich bin Karl-Heinz“, sagte

Karl-Heinz.

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Die Frau ergriff seine Hand und schüttelte sie heftig.

„Sehr erfreut. Ich bin Melika.“ Melika musterte Karl-

Heinz nachdenklich, während sie weiter seine Hand

schüttelte. „Bist du sicher, dass du ein Pirat bist?“,

fragte sie.

„Selbstverständlich bin ich sicher!“, entgegnete Karl-

Heinz verwirrt. Er fragte sich, ob Melika vorhatte, ihm

den Arm abzureißen.

Melika runzelte die Stirn. „Aber du siehst aus wie

ein Gärtner“, stellte sie fest. „Du trägst einen Strohhut

und eine grüne Latzhose!“ Wann hörte diese Verrückte

endlich auf, seine Hand zu schütteln?

„Du trägst auch eine Latzhose“, rief einer der

Zwillinge.

„Stimmt“, gab Melika zu, „aber meine ist blau.

Und es stecken Schraubenschlüssel in den Taschen.

Daran erkennt man, dass ich eine Mechanikerin bin.“

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Mechanisch schüttelte sie weiter Karl-Heinz’ Hand.

„Quak“, sagte die Ziege.

Sofort ließ Melika die Hand los. „Entschuldigung“,

murmelte sie, „ich habe schon sehr lange niemanden

mehr begrüßt. Ich bin wohl etwas aus der Übung.“

Karl-Heinz rieb sich den schmerzenden Arm. „Schon

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gut“, sagte er.

„Du solltest mir jetzt aber auch endlich deine

Freunde vorstellen“, fand Melika. „Damit ich euch zu

einer Tasse Tee einladen kann.“ Karl-Heinz kratzte

sich an der Nase, wie immer, wenn er nicht verstand,

worum es ging. Die Mechanikerin verdrehte die Augen.

„Herrje, so macht man das eben! Erst stellt man sich

einander vor, und dann lädt man sich zum Tee ein!“

Karl-Heinz wurde rot. Das hatte er nicht gewusst.

Piraten luden nie jemanden zum Tee ein. Piraten


beschossen sich gegenseitig mit Kanonen und riefen

dazu „Ho, ho!“ oder etwas Ähnliches. Wenn er das

Schiff verkauft und sich auf dem Festland zur Ruhe

gesetzt hatte, würde er sich wohl oder übel an die

merkwürdigen Sitten der Landratten anpassen müssen.

„Also gut“, begann er, „das sind Emmi und Lenni,

zuständig für den Ausguck, das Hissen der Segel und alles

andere, auf das ich keine Lust habe, und das da ist die

Ziege. Sie kümmert sich um den Gemüsegarten an Bord.“

„Ziege ist aber ein komischer Name für eine Ente“,

fand Melika. Sie machte eine kleine Verbeugung

in Richtung der Ziege, dann gab sie den Zwillingen

nacheinander die Hand. „Hallo Emmi, hallo Lenni“,

sagte sie freundlich.

Karl-Heinz war baff. „Du kannst sie auseinanderhalten?“

„Selbstverständlich“, antwortete die Mechanikerin,

„immerhin ist Emmi ein Mädchen und Lenni ein Junge.

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Und jetzt zeige ich euch mein Haus. Kommt mit!“

Melika schob ein paar Schlingpflanzen beiseite und

verschwand im Gebüsch. Die Zwillinge (die immer noch

völlig gleich aussahen, diese Frau hatte sicher bloß

geraten!), die Ziege und schließlich auch Karl-Heinz

folgten ihr in den Dschungel.

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Melika führte die kleine Piratenmannschaft einen

schmalen, holprigen Weg entlang, vorbei an riesigen

Bäumen, die mit exotischen Schlingpflanzen bewachsen

waren. Um sie herum krabbelte und raschelte es im

Gebüsch. Karl-Heinz schwitzte, weil die Luft entsetzlich

warm und feucht war. Vielleicht schwitzte er auch, weil

er immer noch fürchtete, ein Tiger könne plötzlich aus

dem Dickicht springen. Immer wieder sah der Pirat sich

um. Weshalb lebte eine Mechanikerin wohl in dieser

Wildnis? Hatte Melika die Insel möglicherweise geerbt,

so wie er den Schaukelnden Schorsch?


„Ich hoffe, ihr seid schwindelfrei“, unterbrach

Melika seine Gedanken. Die Mechanikerin war vor

einem besonders großen Baum stehen geblieben.

Schwindelfrei? Karl-Heinz war überhaupt nicht

schwindelfrei. Er war immerhin Pirat und kein

Bergsteiger! Freiwillig kletterte er noch nicht einmal in

den Ausguck. Dafür hatte er schließlich die Zwillinge.

„Tretet bitte etwas zurück“, sagte Melika, „ich lasse

den Aufzug herunter.“ Erst jetzt entdeckte Karl-Heinz

den hölzernen Hebel an dem dicken Baumstamm.

Die Mechanikerin zog mit beiden Händen daran, ein

Knarzen ertönte und einige Blätter fielen auf den

Boden. Karl-Heinz blickte nach oben in die Baumkrone.

Ein großer Korb, ähnlich wie von einem Heißluftballon,

bewegte sich langsam an einem Seil nach unten.

Die Zwillinge klatschten vor Begeisterung in die

Hände. „Wir lieben Aufzugfahren!“, riefen sie. Die

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beiden hatten in ihrem ganzen Leben noch keinen

Aufzug gesehen und erst recht waren sie mit keinem

gefahren, aber sie mochten alles, was hoch hinausging,

schwankte und irgendwie gefährlich aussah. Das alles

traf auf den Korb, der nun am Boden angekommen

war, zweifellos zu.

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„Darf ich bitten?“, fragte Melika und machte eine

einladende Handbewegung. Emmi und Lenni ließen

sich das nicht zweimal sagen und kletterten sofort in

den Aufzug. Die Ziege folgte ihnen, ohne zu zögern.

Aufzug fahren war beinahe wie fliegen, fand sie, und

fliegen war für eine Ente das Normalste auf der Welt.

Karl-Heinz seufzte. Wenigstens wären sie in dem Korb

vor dem Tiger sicher.

In dem Korb war es recht eng. Karl-Heinz zog den

Bauch ein, weil die Ziege ihm mit ihrem linken Horn



gefährlich nahekam. Melika drehte an einer Kurbel und

schon setzte sich der Aufzug in Bewegung. Die Gondel

schwankte und schlingerte, aber Melika kurbelte

ungerührt weiter. Karl-Heinz schloss die Augen. Es gab

einen Ruck, und der Pirat war sich sicher, dass sie nun

abstürzen würden.

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„Bitte aussteigen!“, rief Melika fröhlich. „Willkommen

in meinem Baumhaus!“

Karl-Heinz öffnete die Augen. Das Baumhaus sah

überraschend gemütlich aus, wie eine kleine Blockhütte

mit einem Dach aus riesigen grünen Blättern. Etwas

unbeholfen kraxelte der Pirat aus dem Aufzugskorb.

Der Rest der Mannschaft drängte sich schon auf der

kleinen Terrasse vor Melikas Häuschen. Karl-Heinz

stützte sich auf die Ziege. Seine Beine fühlten sich

an wie Pudding. Hier oben gab es nicht einmal ein


Geländer. Diese Mechanikerin musste verrückt sein.

Wie konnte man freiwillig so weit oben wohnen? Den

Zwillingen allerdings gefiel die Höhe. Sie legten sich

bäuchlings derart weit über den Rand der Plattform,

dass die Ziege sich gezwungen sah, sie nacheinander

mit den Zähnen am Hosenbund zu packen und

zurückzuziehen.

„Die Aussicht ist toll!“, rief der eine Zwilling

begeistert, während der andere unter dem Bauch der

Ziege hindurchkrabbelte, sich an Melika vorbeizwängte

und dann mit beiden Händen einen hölzernen Hebel an

der Baumhauswand ergriff. „Wofür ist das?“, fragte der

Zwilling und zog gleichzeitig an dem Hebel. Karl-Heinz

zuckte zusammen. Ein knarzendes Geräusch ertönte,

und die Schiebetür des Baumhauses öffnete sich. „Ui,

cool!“, fand der Zwilling und huschte hinein.

Melika lachte: „Darf ich bitten?“

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Andrea Lienesch

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Foto: Privat Foto: Privat

Geboren 1978 in Siegburg, hat sie schon Geschichten

erfunden, bevor sie lesen und schreiben

konnte. Nach dem Abitur und dem Erlernen

eines „anständigen“ Berufes veröffentlichte sie

2018 ihr erstes Kinderbuch. Seitdem konzentriert sie sich ganz

auf das Schreiben und das Vorlesen. Damit die Figuren aus ihren

Büchern ihre eigene Stimme bekommen, hat sie sich von einem

Vocal Coach schulen lassen.

Sie kann weder singen noch tanzen und hat auch nichts Interessantes

studiert – aber sie schreibt Kinderbücher. Das macht sie

sehr glücklich, und ihre Leser*innen hoffentlich auch!

Mele Brink

Geboren 1968 in Ostwestfalen, lebt sie seit

Mitte der 80er-Jahre in Aachen. Nach einem

Architekturstudium (Diplom ’98) hat sie sich

dann doch lieber der Zeichnerei verschrieben und

produziert seitdem heitere Bilder für kleine und große Menschen.

Zum Glück hat sie ihrem Schutzengel noch nicht in die Augen

geschaut, sonst würde er auch dauernd in Handtaschen nach

Schlüssel, Smartphone, Schnupftuch suchen …

www.melebrink.de


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„Der schlechteste Pirat der Welt“ wird herausgegeben von der Edition Pastorplatz

(Mele Brink & Bernd Held GbR · Luisenstraße 52 · 52070 Aachen)

www.editionpastorplatz.de

www.facebook.com/edition.pastorplatz

www.twitter.com/ed_pastorplatz

Editionsnummer: 38 (März 2020)

ISBN 978-3-943833-38-6

1. Auflage

Idee + Text: Andrea Lienesch

Zeichnungen: Mele Brink

Layout + Umsetzung: Bernd Held

Lektorat + Korrektorat: Angelika Lenz, Steinheim an der Murr

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Druck: Jettenberger Internationale Druckagentur

Innenseiten: 120-g-Offsetpapier (FSC © -zertifiziert)

Umschlag: 135-g-Bilderdruckpapier (FSC © -zertifiziert)

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne

Zustimmung des Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen,

Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet

diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

http://dnb.dnb.de abrufbar.




Karl-Heinz ist der schlechteste

Pirat der Welt. Er weiß nicht,

wie man einen Kompass benutzt,

wird leicht seekrank und rammt

auch schon mal versehentlich

das Schiff eines Piratenkollegen,

weil er den Rückwärtsgang nicht

findet. Zu allem Überfluss ist sein

bester Matrose eine verrückte Ziege.

Kein Wunder, dass Karl-Heinz sein

Piratenschiff, den Schaukelnden

Schorsch, am liebsten verkaufen

und ein Leben als Landratte führen

möchte. Aber wo soll er einen Käufer

für den alten Kahn finden? Und was

sagt wohl seine Mutter, die Grausige

Gudrun, dazu?

Ab 8 Jahren.

ISBN 978-3-943833-38-6

€ 13,00 (D)

€ 13,40 (A)

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