Walter WEER "Gilgamesch" - mit Texten von Michael KÖHLMEIER

blaetteralfred

Kunstbuch 104 Seiten mit 44 Bildern; Vierfarbdruck | Buchdeckel | Auflage 2021 - Preis € 35,00
Artbook 104 pages by 44 pictures; four color print |Hardcover | Editition 2021 - Price € 35,00

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WALTER WEER

GILGAMESCH

MIT EINEM TEXT VON

MICHAEL KÖHLMEIER


WALTER WEER

GILGAMESCH

MIT EINEM TEXT VON

MICHAEL KÖHLMEIER


MICHAEL KÖHLMEIER

GILGAMESCH

Es war ein junger König in Uruk, der hieß Gilgamesch, der fasste mit der linken

Hand seine rechte, und mit beiden Händen klopfte er sich auf die Schenkel, er

strich sich über die Haare, kratzte sich am Bauch – dies alles war er, seine Haut,

seine Haare, seine Augen, die Ohren, und alles, alles war zu zwei Drittel

Mensch, warmer, milder, zorniger, trotziger Mensch und zu einem Drittel Gott.

Wo war dieses eine Drittel? Wo war der Gott in ihm? Dachte der Gott wie die

zwei Drittel Mensch? Oder waren Gott und Mensch so ineinander gemischt, dass

niemand, kein Mensch, kein Gott sie trennen konnte? Wie sich ein Mensch

benimmt, das wusste Gilgamesch. Er sah sie ja. Wie sie über den Markt gingen,

wie sie handelten miteinander, wie sie sich liebten, wie sie sich hassten.

Sie lachten und weinten, die Menschen, und wenn sie müde waren, legten sie

sich nieder. Wenn die Hunger hatten, aßen sie, und jeder von ihnen liebte das

frische kühle Wasser. Aber wie benimmt sich ein Gott? Woran würden die

Menschen um ihn herum erkennen, dass ein Drittel in ihm göttlich war?

Schon bevor er den Königsthron bestieg, gab sich Gilgamesch die Antwort:

Es ist die Macht. Und zwar die absolute Macht. Manche Menschen mögen

mächtig sein, absolut mächtig war nur ein Gott.

Da beschloss Gilgamesch, absolut mächtig zu sein. Aber wie geht das?

Zuerst war er gut zu den Menschen. Er wollte ein absolut guter Herrscher sein.

Er beschenkte jeden, den er traf. Wenn in einem Rechtsstreit an ihn

herangetreten wurde, ließ er Milde walten. Das Ergebnis: Die meisten Menschen

meinten, er sei ihr Freund. Und viele behandelten ihn wie einen Kumpanen,

das hieß, sie forderten von ihm. Und weil er ihnen begegnete, als wäre er nicht

mehr als sie, verachteten sie ihn bald, denn sie meinten, einer wie sie verdiene

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nur Verachtung. Sie waren bald mit dem, was er ihnen schenkte, nicht mehr

zufrieden. „Du schenkst mir zu wenig! Du bist sagenhaft reich, und was schenkst

du mir? Nur einen winzigen Teil, von dem, was du besitzt. Freunde teilen.

Weißt du das nicht?“

Gilgamesch war noch jung, noch hatte er nicht gelernt zu unter scheiden.

Gut war für ihn gut, schlecht war schlecht. Entweder Freund oder Feind.

Dazwischen gab es nichts. Wer Gutes tut, das meinte er nun heraus gefunden

zu haben, der ist ohnmächtig. Der wahre Mächtige, der absolut Mächtige,

der ist ein Tyrann.

Gilgamesch beschloss, ein Tyrann zu sein. Und wie geht das? Er sah die Männer

und sah die Frauen, die Frauen vertrauten auf die Stärke der Männer, also, sagte

er sich, sind die Männer stark. Der Starke kann seine Stärke nur an den Starken

beweisen. Wenn ich die Männer tyrannisiere, dachte Gilgamesch, dann gewinne

ich die absolute Macht. Also tyranni sierte er die Männer. Er machte aus ihnen

Soldaten und Sklaven. Die Soldaten trieben die Sklaven aus ihren Häusern und

befahlen ihnen, eine gewaltige Mauer um die Stadt Uruk zu bauen. Der Tyrann

sitzt hinter Mauern.

Gilgamesch er trieb es zu weit. Er brach den Stolz der Männer, er raubte ihnen

die Kraft und die Würde. Er rechnete damit, dass die Frauen von nun an ihre

Männer verachteten und sich ihm, dem absolut Mächtigen zuwandten. Dass sie

den Gott in ihm erkannten, dass sie vergaßen, dass er zu zwei Dritteln ein

Mensch war. Dass sie ihm opferten und zu ihm beteten.

Aber Gilgamesch irrte sich. Die Frauen liebten ihre Männer, sie hatten Mitleid

mit ihren Männern, und sie hassten den Tyrannen. Sie beteten nicht zu

Gilgamesch, sie beteten zu Istar, der großen Göttin, sie möge ihnen helfen, sie

solle den bösen König stürzen. Istar besprach sich mit An, ihrem Vater, sie bat ihn

um die Erlaubnis, Gilgamesch unter ihr Joch zu spannen, damit er spüre, was es

heißt, nur ein Drittel ein Gott zu sein, aber zwei Drittel ein Wesen, das leidet.

An hörte sich die Argumente seiner göttlichen Tochter an, und er entschied

anders, als sie es sich wünschte.

„Du wirst den Unbändigen nicht mit Gewalt bändigen“, sagte er.

„Er muss selbst ein Bändiger werden.“

Und wie geht das?

An schickte einen Traum. Der sollte sich in den Kopf des Gilgamesch schleichen

und ihn ratlos machen, wenn er schlief, ratlos und furchtsam.

Der Traum war aus Sand, so viel Sand, wie die Wüste enthielt, und er bäumte

sich im Kopf des schlafenden Gilgamesch auf und hüllte ihn ein und drohte, ihm

die Luft zu nehmen. Er wirbelte um ihn herum, und als Gilgamesch einatmete,

mischte er sich unter die Luft und füllte von innen seinen Körper aus, und fuhr

aus allen Löchern mit dem Schrei des Schlafenden, und gerade als Gilgamesch

die Augen öffnen wollte, weil der Schlaf ihn verließ, da ballte sich der Sand zu

einer Kugel, und aus der Kugel wühlte sich ein Gesicht, und das Gesicht blieb

vor dem Gesicht des Gilgamesch stehen, bis die Lider sich öffneten, dann zerfiel

es zu nichts. – Das war der Traum, den An geschickt hatte.

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Gilgamesch ging zu seiner Mutter und weinte. Er erzählte ihr den Traum

und bat sie, ihn zu deuten. Immer hatte er geträumt. Als er ein Kind gewesen

war, hatten ihn die Träume gequält, und immer war er zur Mutter gelaufen und

hatte geweint und hatte sie gefragt, was die Träume zu bedeuten hatten. Ninsun,

die Mutter, hatte ihren Sohn nie belogen. Sie hatte ihn nicht getröstet, wenn er

sich Trost wünschte, die Träume aber ohne Trost waren. Gilgamesch konnte

sich auf das Urteil von Ninsun verlassen.

Ninsun sagte: „Der Traum bedeutet, du wirst einen Freund finden.“

„Und dieser Freund kommt wie ein grässlicher Sandsturm?

Dann kann er doch kein Freund sein.“

„Der Freund“, sagte sie, „ist ein Wilder.“

„Was ist ein Wilder?“

„Wie du zu zwei Drittel ein Mensch bist, so ist auch er zu zwei Drittel

ein Mensch, aber wie du zu einem Drittel ein Gott bist, ist er zu einem Drittel

ein Tier.“

„Und wann werde ich den Freund treffen?“

„Das weiß ich nicht“, sagte Ninsun.

„Und woran werde ich ihn erkennen?“

„Das weiß ich auch nicht.“

Der große Gott An rief Aruru zu sich, die große Muttergöttin, und bat sie,

aus Lehm ein Wesen zu formen, ein Drittel ein Tier, zwei Drittel ein Mensch.

Das tat Aruru. Und sie gab ihm den Namen Enkidu und entließ ihn

auf die Erde.

Von nun an lebte Enkidu zusammen mit den Tieren. Er heulte wie ein Wolf,

er brüllte wie ein Löwe, er konnte schwimmen wie eine Otter, und wenn er

sich an eine Beute heranschlich, dann so leise wie eine Schlange.

Er jagte mit den Hyänen und teilte sich das Aas mit den Geiern.

Eines Tages kam er zu einem Zaun. Er wusste nicht, was ein Zaun ist.

Es waren in den Boden gerammte Pfähle, höher, als ein Mann groß ist, und

dieser Zaun umschloss ein großes Gebiet, und von außen konnte man nicht

sehen, was dahinter war. Enkidu bat den Löwen, der ihn überallhin begleitete,

er möge stillhalten. Er stieg auf seinen Rücken und blickte über den Zaun.

Was sah er? Tiere sah er. Tiere, die einge sperrt waren. Kühe, Rinder, Pferde,

Schafe, Ziegen Schweine.

„Was macht ihr her?“, fragte er.

„Wir sind nützlich“, war die Antwort.

„Wem seid ihr nützlich?“

„Unserem Herrn.“

„Und wer ist euer Herr?“

„Ein Mensch“, sagten sie.

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„Und was macht er mit euch?“

„Er nimmt uns die Milch weg, und nimmt uns die Kälber weg. Aus der Milch

macht er Butter und Käse, die Kälber tötet er und isst sie auf.“

„Und das lasst ihr euch gefallen?“

„Was sollen wir tun? Der Herr hat einen Zaun um uns herum gebaut.“

„Den Zaun kann man einreißen“, sagte Enkidu.

„Das wussten wir nicht“, war die Antwort.

„Ich zeig euch, wie das geht“, sagte Enkidu, und gemeinsam mit seinem Löwen

schlug er eine Lücke in den Zaun, breit genug, dass die Tiere fliehen konnten.

Der Herr, der den Zaun erbaut hatte, war ein frommer Mann, der jeden Tag

zu Istar betete und ihr alle sieben Tage ein Lamm oder ein Zicklein oder

ein Kalb opferte.

„Ich kann nicht glauben“, sprach er zu Istar, „dass ich mein Leben lang umsonst

gebetet und umsonst geopfert habe. Hilf mir, damit ich meine Herden

zurückbekomme!“

Istar wollte ihren treuen Diener nicht verlieren. Sie sprach mit der Dirne Samhat,

beratschlagte mit ihr, was zu machen sein. Samhat beherrschte die Begierden,

sie teilte aus und sie behielt ein, gerade, wie es ihr passte. Und oft teilte sie

Unglück aus. Und das hieß, sie gab zu viel.

Samhat sah sich Enkidu an. Er gefiel ihr. Diese Kraft. Diese Wildheit.

Diese Hässlichkeit. Sie liebte die Hässlichkeit. Die Schönen waren langweilig,

die Hässlichen waren frei. Samhat nahm sich den Enkidu vor. Einmal wenigstens

wollte sie die Lust, die sie sonst immer austeilte, für sich haben. Sie verführte

Enkidu. Das war leicht. Er hatte noch nie solche Schönheit gesehen. Sie lockte

ihn in eine Höhle, und dort hielt sie ihn dreißig Tage fest. Das heißt, sie musste

ihn nicht festhalten, er hielt sie fest. Er verliebte sich in sie, und weil er nicht

wusste, wie Liebe geht, konnte er seine Gefühle nicht einteilen. Enkidu konnte

nicht genug kriegen von Samhat, der Dirne.

Während dieser dreißig Tage dauernden Liebesnacht lernte Enkidu zu sprechen

wie ein Mensch und zu denken wie ein Mensch und ein bisschen zu fühlen wie

ein Mensch. Er sah immer noch aus wie ein Tier, so viele Haare überall,

am Rücken auf der Brust, im Gesicht, an Armen und Beinen, aber er wusste,

was Schmerz ist, er wusste, was Lust ist, er wusste, was Sehnsucht ist, er wusste,

was Glück ist – wie ein Mensch. In diesen dreißig Tagen sammelte der Herr seine

Herde zusammen und baute den Wall um seinen Hof neu, größer und stärker.

Als Samhat Ekidu verließ, wollte er nicht mehr zu den Tieren zurück kehren.

Er wollte zu den Menschen.

Und wie Enkidu über die Felder ging, allein, mit Unruhe im Herzen, kam er zu

einem Brunnen. Er hatte Durst, großen Durst. Aber bei dem Brunnen war schon

ein anderer, der ließ gerade den Schlauch hinunter, um Wasser zu schöpfen.

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„Ich will zuerst trinken“, sagte Enkidu. „Mein Durst ist gar zu groß!“

„Mein Durst ist auch groß“, sagte der andere, „und ich war vor dir da.“

„Aber ich bin stärker als du“, sagte Enkidu.

„Das weiß man erst nach dem Kampf“, sagt der andere.

Der andere war Gilgamesch.

Die beiden kämpften. Um den ersten Schluck Wasser kämpften sie. Und der

Kampf dauerte lange, denn sie waren gleich stark. Am Ende hielten sie einander

fest und einer starrte dem anderen in die Augen. Da erkannte Gilgamesch das

Traumgesicht. Er wusste: Dies ist der Freund. Er ließ ab von ihm und umarmte

ihn und erzählte ihm von seinem Traum.

Sie gingen gemeinsam in die Stadt, ein Drittel Gott, ein Drittel Tier und je zwei

Drittel Mensch. Im Palast des Königs rief Gilgamesch den Barbier. Der rasierte

Enkidu die Haare von Leib. Und da kam ein junger schöner Mann zum

Vorschein.

Von diesem Tag an waren Gilgamesch und Enkidu unzertrennlich.

Gemeinsam wollten sie die Stadt Uruk neu und prächtig aufbauen.

Die Mauer war schon fast fertig. Aus vornehmem Zedernholz sollten die

Häuser geriegelt und geschnitzt werden. Das beste Zedernholz der Welt wuchs

im Wald des EEE.

Humbaba war ein mächtiger Mann. Niemand wusste, ob er auch ein Gott war.

Oder ein Halbgott. Oder ein Drittelgott. Er war mächtig und bösartig.

Er verspottete alle. Darum lebte er allein. Und er wollte allein leben. Er sprach

den ganzen Tag über mit sich selbst. Über alles und jedes spottete er. Über die

ganze Welt. Den Fluss verspottete er, weil er entweder zu wenig oder zu viel

Wasser führte. Die Vögel am Himmel verspottete er, weil sie nicht schwimmen

konnten. Die Fische verspottete er, weil sie nicht fliegen konnten.

Alle Bäume, die keine Zedern waren, verspottete er, weil sie keine Zeder waren.

Aber seine Zedern liebte er. Wenn er den Zedernwald betrat, wurde seine

Stimme sanft und zärtlich. Mit der Hand strich er über die Rinde, er zupfte

Grünes ab und zerrieb es zwischen seinen Fingern und roch daran und lobte

den Baum, der ihm dieses wunderbarste aller Parfüms geschenkt hatte.

So einer war Humbaba.

Gilgamesch und Enkidu kamen mit guten Absichten. Sie wollten einen Handel.

Sie wollten fünftausend Zedernstämme kaufen. Sie wollten Gold dafür geben.

„Ich bin der König von Uruk“, sagte Gilgamesch.

„Und ich bin der Freund des Königs von Uruk“, sagte Enkidu.

Mehr hat es nicht gebraucht. Humbaba hatte schon sehr lange mit niemandem

gesprochen. Alle, ob Mensch, ob Tier, alle gingen ihm aus dem Weg.

Und gegen alle fluchte er, was aus einem Mund herauskam, und ließ es in

die freie Luft hinaus. Zorn und Spott und Hass und Rachsucht, eine lange Liste

von bösen Gefühlen könnte angeführt werden – das alles brüllte er in die

Gesichter der beiden Freunde hinein.

Und da haben sie ihn umgebracht und seinen Zedernwald gefällt.

Keinen Baum ließen sie stehen.

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Der Göttin Istar gefiel das gar nicht. Nicht, dass ihr Humbaba leidtat, oder gar,

dass sie um ihn trauerte. Der Hochmut der beiden Freunde missfiel ihr.

Dieser Hochmut schrie zum Himmel. Aber eben das gefiel ihr auch. Sie hatte

sich in Enkidu verliebt, als er noch zu einem Drittel ein Tier war. Nun verliebte

sie sich in Gilgamesch – obwohl er zu einem Drittel ein Gott war. Sie warb um

ihn. Sie verabscheute ihn und begehrte ihn in einem. Aber Gilgamesch wies

sie zurück. Nur, um sich und der Welt und den Göttern zu beweisen,

dass er größer war als alle.

Aus Rache schickte Istar den Himmelsstier gegen die Stadt Uruk, und dieses

Ungeheuer tötete Männer und Frauen und riss die schönen Häuser nieder,

die aus dem edelsten Zedernholz erbaut worden waren. Aber Enkidu und

Gilgamesch stellten sich Rücken an Rücken, mit Pfiffen lockten sie das gewaltige

Tier zu sich, sie bespuckten es, reizten es, warfen ihm Sand in die Augen

und erschlugen es.

Das sah Anu, der Himmelsvater, und er war zornig, und sagte, es müsse etwas

geschehen. Seine Tochter Istar forderte den Tod der beiden.

„Solche Männer“, sagte sie, „dürfen nicht auf Erden bleiben. Sie werden zu

Vorbildern, andere Männer werden ihnen nacheifern, die Frauen bewundern sie

und spornen sie an, und bald wird sich kein Mensch mehr vor uns fürchten.

Denn diese beiden, Gilgamesch und Enkidu, sie fürchten sich vor nichts.“

„Vor dem Tod fürchten sie sich“, sagte Anu. „Zwei Drittel sind sie Mensch,

und der Mensch, auch wenn er sich vor sonst nichts fürchtet, vor dem Tod

fürchtet er sich.“

„Dann erschlag sie“, sagte Istar.

„Nein“, sagte Anu. „Nur einer von den beiden soll sterben.“

Er schickte die Krankheit. Krankheit hatte es bis dahin nicht gegeben in Uruk.

Die Menschen wurden geboren, sie lebten, liebten, arbeiteten, bekamen Kinder,

taten, was Menschen tun, sie wurden alt und starben. Enkidu aber wurde krank.

Und es war eine elende Krankheit, eine Krankheit, die niemand heilen konnte.

Er wurde mager und schwach und weinerlich. Er konnte bald nicht mehr richtig

denken, er wurde wie ein Tier, aber ohne ein Tier zu sein.

Und dann starb Enkidu.

Und niemand konnte Gilgamesch trösten. Auch seine Mutter nicht.

Der Glanz der Stadt Uruk dringt nicht mehr bis ins Herz ihres Königs.

Die Macht bedeutet ihm nichts mehr.

„Was ist das für eine Macht, die den Tod nicht aufhalten kann!“, ruft er.

„Das ist keine Macht, das ist nicht einmal ein Traum von der Macht!“

Gilgamesch verlässt Uruk, er wandert durch die Welt. Er will das

Ge heimnis des Lebens erforschen. Wer dieses Geheimnis kennt, so denkt er,

der kennt auch das Geheimnis des Todes.

Er ist zu zwei Dritteln Mensch, er wird die letzten Geheimnisse nicht ergründen.

Gilgamesch begibt sich auf eine Heldenreise. Er ist der erste seiner Art. Viele

werden es ihm nachtun. Herakles, Theseus, Odysseus, Aeneas, Jesus.

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Märchenhafte Wesen begegnen ihm, halb Skorpion, halb Mensch, durch einen

zwölf Stunden langen Tunnel kriecht er. Gegen Ungeheuer muss er kämpfen. Am

schlimmsten sind die Träume.

Schließlich trifft er einen seiner Vorfahren. Der hat es geschafft. Er lebt allein,

einsam, aber er lebt ewig.

„Kann ich sein wie du?“, fragt Gilgamesch.

„Wer will sein wie ich“, antwortet sein Vorfahr.

„Jeder Mensch will unsterblich sein.“

„Es ist das Schwerste.“

„Ich will es tragen.“

Zuerst, sagt der Vorfahr, muss Gilgamesch den kleinen Bruder des Todes

besiegen, den Schlaf. Sieben Tage und sieben Nächte soll er wachen, dann wird

er das Geheimnis des Lebens vor sich sehen. Von weitem aber wird er es nur

sehen. Begreifen kann er es noch nicht. Erst muss er noch andere Aufgaben

erfüllen.

Aber Gilgamesch schafft nicht einmal die erste Aufgabe. Er schläft ein. Er schläft

und träumt. Er träumt von einem See, und er träumt, am Grund des Sees wächst

ein Kraut, das macht jung. Noch im Traum denkt Gilgamesch: Wenn ich schon

nicht ewig leben kann, dann will ich wenigstens noch einmal jung sein.

Er macht sich auf, sucht den See, findet ihn, taucht und rupft das Kraut aus.

Er verbirgt das Kraut auf seiner Brust.

Er ist traurig. Er ist alt geworden, nie wieder will er kämpfen. Er will noch

einmal jung sein. Und dann will er leben, wie er nicht gelebt hat. In Frieden.

Ohne Abenteuer, ohne Gier, ohne diese Unruhe im Herzen. In Eintracht mit

den Nachbarn will er leben, mit einer Frau und mit Kindern will er leben.

Zufrieden. Noch einmal von vorne beginnen, das will er.

Bei einem Brunnen sinkt er nieder. Er ist erschöpft. Ein bisschen Schlaf,

nur ein bisschen Schlaf. Eine Schlange kommt gekrochen, sie lauert. Als sich die

Augen des Helden schließen und er schläft, kriecht sie vorsichtig unter sein

Hemd und stiehlt das Kraut.

Ohne alles kehrt Gilgamesch nach Hause zurück. Er besteigt die Stadt mauer

und schaut über das weite Land. Er sieht sein Land, aber er sieht es,

als hätte er es nie zuvor gesehen.

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DIE GÖTTER BESCHLIESSEN, GILGAMESCH IN DIE WELT ZU SETZEN.

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ZU EINEM DRITTEL SOLL ER GOTT SEIN, ZU ZWEI DRITTEL MENSCH.

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AUSGESTATTET MIT ALLEN VORZÜGEN, WIE POWER, MUT UND MANNESKRAFT

SOLL GILGAMESCH VOR SEINE UNTERTANEN TRETEN.

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ALS KÖNIG VON URUK BEGINNT ER SOGLEICH MIT DEM AUSBAU

VON MAUERN UND TÜRMEN. DIE MENSCHEN SIND UNZUFRIEDEN

UND BITTEN DIE GÖTTER, IHM EINEN EBENBÜRTIGEN

WIDERSACHER ZU GEBEN.

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SO ENTSTEHT ENKIDU, EIN ZUNÄCHST TIERÄHNLICHES WESEN,

DAS GRAS FRISST UND DIE MENSCHEN FLIEHT.

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MAN SCHICKT NACH URUK, UM DIE TEMPELDIRNE SCHAMCHAT ZU HOLEN.

DIESE SOLL IHN DURCH SEX ZU EINEM MENSCHEN MACHEN.

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VIELE TAGE UND NÄCHTE GEBEN SIE SICH DEM LIEBESSPIEL HIN,

BIS ENKIDU DER DIRNE ÜBERDRÜSSIG IST UND ZU VERSTAND KOMMT.

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SCHAMCHAT SOLL ENKIDU ZU GILGAMESCH BRINGEN.

UNTERWEGS WERDEN SIE VON HIRTEN VERPFLEGT.

SO LERNT ENKIDU BROT UND BIER KENNEN.

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EIN BARBIER BEFREIT ENKIDU VON SEINER TIERISCHEN HAARPRACHT.

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IN URUK ANGEKOMMEN, TRITT IHM GILGAMESCH ENTGEGEN

UND SIE KÄMPFEN ERBITTERT MITEINANDER.

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DER KAMPF ENDET UNENTSCHIEDEN UND GILGAMESCH

UND ENKIDU WERDEN FREUNDE.

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SIE BESCHLIESSEN IN DEN LIBANON ZU GEHEN UND FÄLLEN DORT

OHNE DIE ERLAUBNIS DES WÄCHTERS ZEDERN IN GROSSER ZAHL.

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ALS SIE HUWAWA, DER WÄCHTER SIE ZUR REDE STELLT,

KOMMT ES ZU EINEM HANDGEMENGE UND

ENKIDU TÖTET HUWAWA.

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AUS EINEM STÜCK ZEDERNHOLZ OPFERN

GILGAMESCH UND ENKIDU EINE TEMPELTÜRE

FÜR DEN TEMPEL VON GOTT ENLIL.

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ISCHTAR, DIE GÖTTIN DER LIEBE UND DES KRIEGES,

VERSUCHT GILGAMESCH ZU VERFÜHREN.

ES SOLL EINE HEILIGE HOCHZEIT WERDEN.

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GILGAMESCH WEISS VON DEN VIELEN MÄNNERN,

DIE ISCHTAR GETÖTET HAT, UND VERWEIGERT SICH DEM ANSINNEN.

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ERBOST VERLANGT ISCHTAR VON GOTT ANUM, IHREM VATER,

DEN HIMMELSSTIER, DOCH ENKIDU TÖTET IHN.

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DIE GÖTTERN FINDEN, DASS DIE BEIDEN HELDEN

ZU WEIT GEGANGEN SIND. SIE SENDEN ENKIDU EINE KRANKHEIT,

AN DER ER SCHLIESSLICH STIRBT.

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GILGAMESCH IST VERZWEIFELT. ER LÄSST DEN LEICHNAM SEINES FREUNDES

IN URUK AUFBAHREN UND BESTATTEN.

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GILGAMESCH WILL NICHT WIE ENKIDU ENDEN

UND MACHT SICH AUF DEN LANGEN MARSCH,

DIE UNSTERBLICHKEIT ZU ERLANGEN.

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SIDURI, EINE SCHENKIN, WILL GILGAMESCH VON SEINEM VORHABEN ABBRINGEN.

ALS DAS NICHT GELINGT, WEIST SIE IHN WEITER ZUM ZWILLNGSGEBIRGE.

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DURCH DIESEN BERG FÜHRT EIN LANGER TUNNEL,

DEN GILGAMESCH DURCHQUEREN MUSS.

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AM TUNNELEINGANG ERWARTEN IHN SKORPIONMENSCHEN,

DIE IHM ERST NACH LÄNGEREM ZUTRITT GEWÄHREN.

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ENDLOSE 12 TAGE WANDERT GILGAMESCH DURCH

DEN FINSTEREN TUNNEL, BIS ER ENDLICH DAS ENDE ERREICHT,

WO IHN STRAHLENDES LICHT ERWARTET.

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GEBLENDET TRITT ER INS FREIE, WO DIE WELT IN

KRISTALLEN UND EDELSTEINEN LEUCHTET.

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DOCH GILGAMESCH LÄSST SICH NICHT AUFHALTEN.

ER KOMMT ZUM FLUSS DES TODES.

WO ER IN UNKENNTNIS DIE STEINERNEN RUDER,

DIE ER EIGENTLICH FÜR DIE FAHRT BRÄUCHTE, ZERTRÜMMERT.

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UTANABASHI, DER FÄHRMANN, VERANLASST GILGAMESCH,

NEUE RUDER AUS HOLZ ZU BAUEN,

MIT DENEN SIE DAS WASSER DES TODES BEFAHREN.

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DA GILGAMESCH DAS LETZTE RUDER, VON DENEN JEDES NUR EINMAL VERWENDET

WERDEN DARF, VERLIERT, MUSS ER SEIN GEWAND ALS SEGEL EINSETZEN.

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AM ENDE DER FAHRT ERWARTET SIE UTANAPISCHITIM,

DER ALS ÜBERLEBENDER DER SINTFLUT UNSTERBLICH IST.

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ER ERZÄHLT GILGAMESCH DIE SINTFLUTSAGA.

GOTT EA HABE IHM HEIMLICH DEN AUFTRAG GEGEBEN,

EINE ARCHE ZU BAUEN.

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ER UND SEINE FAMILIE, ABER AUCH ALLE TIERE SOLLTEN

PAARWEISE IN DIE ARCHE STEIGEN.

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ES BEGANN SOGLEICH ZU REGNEN, WIE VORHERGESAGT WURDE.

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DIE WASSER SCHWOLLEN AN UND DIE ARCHE TRIEB IN DEN FLUTEN.

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SCHLIESSLICH WAR DIE GANZE WELT VON WASSERMASSEN EINGESCHLOSSEN.

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ERST AM SIEBTEN TAG WURDE ES STILL.

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DIE ARCHE LEGTE AM BERG NIMUSCH AN.

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ER, UTANAPISCHTIM, HABE ERST EINE SCHWALBE,

DANN EINE TAUBE UND ZULETZT EINEN RABEN FLIEGEN LASSEN.

DER RABE SEI NICHT MEHR ZURÜCKGEKOMMEN.

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JETZT ERST DURFTEN ALLE BEWOHNER DER ARCHE DAS SCHIFF VERLASSEN.

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ER, UTANAPISCHTIM, BRACHTE EIN OPFER DAR

UND ENLIL SEGNETE SIE UND MACHTE SIE UNSTERBLICH.

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GILGAMESCH SOLL NUN SIEBEN TAGE LANG WACHBLEIBEN,

WAS IHM NICHT GELINGT. DIE FRAU DES GASTGEBERS LEGT IHM JEDEN TAG

EINEN LAIB BROT HIN – ALS BEWEIS.

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GILGAMESCH BITTET UM EINE LETZTE CHANCE.

UTANAPISCHTIM ERKLÄRT IHM, WO ER AM MEERESGRUND DAS KRAUT

DER UNSTERBLICHKEIT FINDEN KÖNNE.

GILGAMESCH GELINGT ES, DAS KRAUT ZU PFLÜCKEN.

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ALS ER JEDOCH EINEN AUGENBLICK UNAUFMERKSAM IST,

HOLT SICH EINE SCHLANGE DAS KRAUT

DER UNSTERBLICHKEIT.

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GILGAMESCH SIEHT EIN, DASS IHM DER WEG ZUR UNSTERBLICHKEIT

VERWEHRT IST UND ER VERWENDET SEINE KRAFT

AUF DEN AUSBAU DER STADT URUCK.

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ALS KÖNIG VON URUK GEHT GILGAMESCH IN DIE GESCHICHTE EIN.

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MICHAEL KÖHLMEIER

* 1949 in Hard, Vorarlberg, ist ein international anerkannter österreichischer Schriftsteller.

Besonders begeistert er als Märchen- und Sagenerzähler.

WALTER WEER

* 1941 in Wien, ist ein österreichischer Zeichner, Maler und Objektkünstler.

Für ANNEMARIE

1. Auflage 2021

© 2021 BUCHER Verlag

Hohenems – Vaduz – München – Zürich

www.bucherverlag.com

Alle Rechte vorbehalten

Herausgegeben von Walter Weer

Texte: Michael Köhlmeier, Walter Weer

Grafikdesign: Maria Anna Friedl

Fotos: Heimo Watzlik

Lithografie: pixelstorm, Wien

Schrift: Optima

Papier: GardaPat 13 Kiara 150 g/m 2

Produktion: BUCHER Druck, Hohenems

Bindung: Papyrus, Wien

Printed in Austria

ISBN 978-3-99018-600-8

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