Bildbeschreibungen zu den Konfbildern aus dem Verlag SVKK

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Bildbeschreibungen zu den Konfbildern aus dem Verlag SVKK

Abendmahl — Bauernmalerei aus Nicaragua

Bauern malen in Nicaragua

Dieses farbige und klare Abendmahlsbild kommt aus

Nicaragua, einem kleinen Land in Mittelamerika. Ich

weiss nicht, wer es gemalt hat, denn den Namen kann

ich nicht entziffern. Darunter aber steht «Solentiname

1980», und das sagt viel.

Da hat also ein Bauer oder eine Bäuerin aus Solentiname

zu Pinsel und Farbe gegriffen, ein Künstler aus dem

Volk. Er wohnt auf einer der Inseln von Solentiname,

mitten im grossen See von Nicaragua. Abgeschieden

von der Welt leben hier nur tausend Menschen in ihren

strohbedeckten Hütten am Ufer des Sees, fangen

Fische, bebauen die Äcker, besuchen sich mit ihrem

Boot. Kleine Inseln, wie die vor dem Fenster, sind

unberührt: tropisches Paradies. Ich bin gewiss: unser

Maler kennt Ernesto Cardenal, den weltbekannten Priester und Dichter, heute Kulturminister des Landes. Denn

Cardenal hat viele Jahre in Solentiname gelebt, inmitten einer christlichen Lebensgemeinschaft, und mit den

Bauern das Evangelium neu entdeckt. Ich denke, unser Maler war wohl auch dabei, in diesen Gottesdiensten

unter dem Palmdach, voll offener Gespräche und froher Gemeinschaft. Ich fürchte aber, er hat auch das andere

miterlebt: die Warnungen an Cardenal, seine Abreise ins Exil und im Oktober 1977 den Überfall der Nationalgarde

auf die Bruderschaft, jene Nacht, in der viele starben oder verschwanden und die Häuser in Flammen

aufgingen. Ja, es ist noch nicht lange her, dass die Schreckensherrschaft einer einzigen Familie über Nicaragua

ein Ende hat – dem Künstler sind die Nächte der Angst noch nahe, wo keiner sicher war vor Verhaftung,

Folterung und Ermordung. Und ich bin gewiss: er erinnert sich in klaren Farben des 19. Juli 1979, als nach

der Flucht des Diktators die Befreiungsarmee des Volks in der Hauptstadt einzog und den Sieg über Unrecht

und Gewalt ausrief.1980, ein Jahr danach, malt er das Bild von der Familie Gottes auf Erden, das Abendmahl.

Abendmahl, das Fest der Gerechtigkeit

Auf der Insel im grossen See sitzen alle um einen Tisch. Die leeren Teller schauen uns wie grosse Augen fragend

an: hat es für alle genug? Die Jünger Jesu wussten und die Bauern von Nicaragua wissen: Ja, es reicht für alle,

wenn wir teilen. Jesus nahm damals in Jerusalem in jener Nacht das Brot und verteilte es unter alle, und so

beginnt das Abendmahl bis heute. Unter Christen teilen wir das Brot, den Besitz, das Leben.

Abendmahl, das Fest der Liebe

Teilen gelingt nur, wenn wir einander lieben. Dazu brauchen wir Jesus in unserer Mitte, sagt der Maler mit

seinem Bild. Am Abendmahl ist uns seine Gegenwart versprochen – denn damals sagte er doch bei Brot und

Wein: «Das ist mein Leib, das ist mein Blut». Wenn wir Brot und Wein teilen, ist er unsichtbar da. Er hat uns alle

geliebt, er war sogar bereit, sein Leben für uns zu opfern. Grössere Liebe gibt es nicht. Erinnern wir uns: sein

Abendmahl war das letzte Mahl, am Tag danach starb er am Kreuz – ermordet wie ein Verbrecher.

Davon reden seine Worte auch. Und was war denn sein Verbrechen? Er wollte die Welt verändern in ein Reich

der Liebe, der Gerechtigkeit und der Verehrung Gottes. Das Tischtuch ist rot gemalt – das ist die Farbe des Blutes,

aber auch der Liebe und des Kampfes. Daraus soll auch unser Leben gewoben sein: aus Liebe und Kampf

und dem Willen, das eigene Leben einzusetzen.

Abendmahl, die Sehnsucht nach dem Himmel

Könnten wir, im Teilen und Lieben, nicht schon den Himmel auf Erden haben? Zu schön wäre es. Nein, auch

Judas sitzt unter uns, leuchtend gelb, und sein Teller tanzt aus der Reihe. Bis heute wird unsere Gemeinschaft

verwundet von dem, der enttäuscht ist, sich abwendet, Jesus und uns verrät.

Den Himmel schon auf Erden? Greifen wir nicht zu hoch! Der Maler verweist uns unter den selbstgebauten

Himmel aus Palmblättern, auf die Erde – der blaue Gotteshimmel bleibt weit und fern. Genügen muss uns die

Gegenwart des unsichtbaren Jesus, das kleine weisse Licht mitten unter uns. Aber wir sind doch alle Teile des

Lichts, jeder von uns mit seiner kräftigen Farbe, und bilden den Regenbogen Gottes auf dieser Welt! Genügen

muss uns die Welt, die wir selber bauen können – mit der Kraft des liebenden, teilenden Gottes, der mit uns am

Tische sitzt. Wir dürfen zufrieden sein: sie ist Abglanz des Gotteshimmels und leuchtet jetzt schon in allen Farben.

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Das grosse Gastmahl

So hat es noch keiner gewagt, das Gleichnis vom grossen

Gastmahl (Lukas 14, 16 - 24) ins sichtbare Bild umzusetzen, wie

Willy Fries das hier tut. So schockierend, so anstössig, so herausfordernd.

Da ist nichts Schönes, nichts fromm Erbauliches,

nichts was unseren Gefallen erregen könnte. Im Gegenteil, wir

möchten protestieren und uns entsetzt abwenden von so viel

Elend, Blösse, Krankheit und Hilflosigkeit, aber auch von so

viel Stolz, Hochmut und Verschlossenheit, die hier auf einmal

offenbart werden.

Aber dann müssen wir nachlesen, wie Jesus selber sein

Gleichnis erzählt hat und müssen zugleich wissen, für welch

besonderen Raum Willy Fries seine Auslegung des Gleichnisses

gemalt hat. Das Bild befindet sich jetzt im selben Raum in Berlin,

in dem in den letzten Kriegsjahren jüdische Christen kurz vor

ihrem Abtransport ins Konzentrationslager zum letztenmal das

Abendmahl gefeiert haben.

Und jetzt lasst uns versuchen, auf die Sprache des Bildes zu

lauschen. Da ist der riesige Tisch inmitten des Bildes. Es liegt

Brot darauf und sind Becher bereitgestellt. Brot des Lebens wird

hier gereicht und Becher werden angeboten mit erquickendem

Trank für alle Dürstenden. Es ist das grosse Gastmahl, zu dem

wir eingeladen sind. Kommt, denn es ist alles bereit! Aber nicht

die Gaben sind das Wesentliche. Er selber ist die Mitte, der im

Auftrag des Gastgebers seine Gäste bewirtet. Zu ihm hin streben

von unten herauf alle Linien des Bildes. Ihn meinen die

ausgestreckten Hände derer, die seiner Einladung folgen. Seine

gebeugte Gestalt ist ganz dem Nächsten zugewandt, der jetzt

seiner Stärkung und Hilfe bedarf. Zugleich ist sie wie der geheimnisvolle Magnet, der die Blicke und Gebärden

der Herbeikommenden anzieht.

Aber nicht alle lassen sich rufen an seinen Tisch. Am oberen Bildrand sehen wir jene andern, die vorübergegangen

sind. Man kann die Einladung überhören. Man kann sie auch bewusst ausschlagen. Im Gleichnis selber

werden triftige Gründe namhaft gemacht von denen, die nicht kommen wollen. Willy Fries malt sie von hinten.

Sie haben ihre Chance verpasst. Wir übersehen nicht, dass die meisten von ihnen gut gekleidet sind. Sie haben

Erfolg. Trotzdem wandern sie ziellos wie Schattengestalten dem Dunkel des Waldes entgegen. Nur das fahle

Licht eines weltlichen Gestirns begleitet ihren Weg. Es sind lauter einzelne. Jeder ist sich selbst der Nächste. Jesus

spricht im Gleichnis mit grossem Nachdruck vom Zorn des Hausherrn über die, die seine Einladung mit ihren

durchsichtigen Ausflüchten abgelehnt haben. Aber der Gastgeber will seinen Tisch voll haben. Darum ruft er

die Armen und Krüppel, die Blinden und Lahmen, die auf den Landstrassen und an den Zäunen herbei. Willy

Fries sagt in einer Einführung zu diesem Bild: «Alle sind eingeladen, jeder hat hier seine grosse Chance. Er hat

keinen Ausweis mitzubringen. Die Liebe des Herrn zu den Verachteten bricht auf wie ein Vulkan.» Sehen wir sie

jetzt nicht mit andern Augen, wie sie herbeikommen, die einen mit eigener Kraft, andere auf Krücken oder von

Brüdern gestützt. Nichts hält sie zurück. Ein einziger Aufbruch ist es aus dem Dunkel ins Licht. Kranke reissen ihre

Bettücher heraus und bringen sie als Unterpfänder ihrer Erlösung. Halb Verhungerte schieben sich mit letzter

Kraft an den Tisch. Zum Skelett Verkümmerte, wie sie uns millionenfach bekannt sind aus den Lagerbaracken

und Massengräbern unserer Zeit, haben noch eine Hoffnung. Hände, Hände und wieder Hände strecken sich

ihm entgegen. Es sind schwarze, weisse, braune, gelbe und rote Hände. «Hier geht es um die Welt schlechthin,

um die baufällige, morbide Welt, von der nur Weinen und Schluchzen, Resignation und Todesschreie bekannt

sind. Dies ist kein Tisch einer geschlossenen Gesellschaft, einer feierlich sakralen Zeremonie, einer ausgewiesenen

Klasse und Rasse. Hier geht es um radikale Hilfe an die, die ihres leiblichen Hungers wegen den Hunger

nach Erlösung verloren haben», sagt Willy Fries.

Und nun sehen wir sie am Tisch und um den Tisch her, die grosse Bruderschaft derer, die sich von Christus

rufen liessen. Es sind Menschen unserer Zeit, Frauen und Männer, Alte und Junge, Menschen jeglicher Rasse

und Sprache, Arbeiter und Intellektuelle, Kranke und Gesunde. Sie sind wie verwandelt. Sie leben im Licht, das

über der ganzen Tafelrunde liegt und das von ihm ausgeht, der Mitte und Ziel, Anfang und Ende, Geber und

Helfer, Retter und Erlöser ist. Noch ist der Zutritt offen zum grossen Gastmahl. Wir sind erwartet. Kommt, denn

es ist alles bereit!

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Das Leben

Ölbild 1964 / Monumentalgemälde im Format 4 x 3 Meter / Fondation Maeght St-Paul de Vence, Frankreich

Marc Chagall (1887-1985), genialer Malerpoet

aus Witebsk (Weissrussland), der in Frankreich

eine zweite Heimat fand, malte als 77jähriger

unser Bild. Man kann es nicht mit einem Blick

umfassen, sondern hat den Eindruck, einer

vielgestaltigen Bildergeschichte gegenüber zu

stehen. Auf mich wirkt es wie die Einladung zu

einem Fest: Es wird gesungen, getanzt, gejubelt,

gespielt und geliebt. Es könnte auch «Lobgesang

auf unser Leben» oder «Mein Leben» heissen,

denn dieser Gruss des alten, heiteren Mannes,

der es gemalt hat, ist aus seinem ganz persönlichen

Lebensweg heraus entstanden.

In der rechten oberen Hälfte fällt als erstes jenes

Zentrum in den Blick, welches das Ganze beherrscht:

Der lebendige rote Kreis, der die Mitte

eines Sternes bildet und in einen Gestirnball von

runden Farbkreisen ausmündet. Unser Maler besingt hier die unablässigen und gnadenhaften Zuwendungen

des Schöpfers zu seinen Geschöpfen.

Rot, die Liebesfarbe, gelb und orange, die Farben des Lichts, des Bundes und der Freude Gottes, verstärken

zusammen mit dem Hoffnungsgrün die Symbolkraft des in unsre Welt hineinstrahlenden Gestirns. Die zwei

Frauen, der geigende Mann und das gelbköpfige Tier antworten auf diese Zuwendung. Der Fisch, Chagalls

Zeichen für Tiefe, Unbewusstes der Seele und Bedrohliches, erinnert daran, dass dies eine teuer erworbene

Botschaft ist, alles andere als selbstverständlich.

Gottes Zuwendung allein gibt unserm Leben Sinn. Diese Erfahrung spiegelt sich für mich im Farbgrund des

Bildes. Der ganze Lobreigen menschlichen Lebens spielt sich auf silberweissem, hellem Grund ab, der manchmal

sanft ins Bläulich-Grün hinüberspielt, aber überraschend hell vibriert. Weiss ist Zeichen für Gottes ungeschaffenes

Licht. Es ist auch die Farbe der Wolke, die verhüllt und entrückt. Chagall hat Gottes Herrlichkeit immer

durch eine Wolke ausgedrückt: Gott ist grösser und heiliger als alle menschlichen Ausdrucksversuche es sagen

können. Weiss ist ebenso Farbe der Auferstehung und so zweites Sinnbild für das Geheimnis der Zuwendung

Gottes. Chagall weist uns damit darauf hin, vor welchem letzten, tragenden Grund unser Leben geschieht:

Alles ist Liebe und Gnade Gottes.

Des alten Mannes Botschaft ist teuer erworben. Er hat die Höhen und Tiefen unseres Jahrhunderts durchschreiten

müssen. Eine erste Lebensdarstellung schrieb er 1922 noch in Moskau, musste aber bald nach Paris

fliehen. 1915 hatte er Bella Rosenfeld geheiratet. Das lebenslange Glück immer neuer Zweisamkeit, die liebende

Partnerschaft als geschöpflicher Abglanz der göttlichen Liebe, ist in alle seine Bilder geflossen. Auf unserm Werk

steht das Brautpaar unter dem Trauhimmel, welcher die strahlenden Farben des Gestirns übernimmt. Geiger,

Sonne, Mond und eine Kuh mit Sabbatleuchter nehmen an der ungeheuren Verheissung teil, die über der

Entstehung und Stiftung menschlicher Friedenszellen leuchtet. Verfolgung, Weltruhm und Flüchtlingsschicksal

lagen für die Chagalls dicht beisammen. Die linke Bildhälfte spricht davon:

Kleines Interieur aus dem Ghetto zu Witebsk: Jemand liegt im Bett. Anklang an Chagalls Geburt, bei welcher

das ganze Viertel brannte. Unter der Petrollampe sitzt ein Mann, eine Frau bringt das Essen. Kurze Momente des

Geborgenseins. Daneben flieht schon wieder einer in den Winter hinaus. Das Fenster an der Wand erinnert an

Noah in der Arche, der die bange Frage stellt: Kommen wir da je wieder lebend heraus? Die Pendule-Uhr, das

Zeichen für Zeit, liegt beim Schwanz des grossen Vogels ganz quer: Die Zeit ist aus den Fugen, wenn Menschen

fliehen müssen. Der blaue Vogel selber aber ist eines jener Zeichen Chagalls dafür, dass Himmel und Erde, trotz

allem Schrecklichen, zusammengehören. In seinem Innern zwitschert ein kleiner Vogel ein Hoffnungslied. Daneben

rettet ein Rabbi sein Kostbarstes, die Bibelrolle, das einzige, woran er sich noch halten kann.

Unten links spaltet einer Holz, um die Stube ein wenig warm zu kriegen. Erinnerung ans enge, bescheidene

Leben daheim. Frauen bringen vom Markt etwas Nahrung. Ein älterer Jude in rotem Kleid schaut voller Freude

jenem Jugendlichen zu, der im gelben Rund tanzt und lobt.

Wiederum spielt daneben ein Geiger das nie verstummende Lied der ewig Heimatlosen. Die in die Wolke

entrückten Brautleute zeigen, wo auch hier Heimat möglich wird. Neben der Tanzgruppe weist der blaue doppelgesichtige

Harlekin auf Paris hin, aus dem Chagalls Lebensbaum neu erwachsen darf: Dank an die zweite

Heimat. Die Figur trägt als Maske jenes Tiergesicht, Esel-Lamm-Ziegenbock in einem, welches Chagalls Friedenshoffnung

verkörpert. Er hat sich oft als Esel, das gewaltlose Tier, gemalt, während ihm Bella über die Achsel

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guckt. Beide sind rechts zu sehen, wo der Künstler vor der Staffelei steht, Bella auf den Knien, die ihn umarmt.

Er hat ihr, der schon Verewigten, zwei gelbliche Flügel gemalt. Sie, sein guter Genius, war am neuen Exilort,

in New York, anno 1944 plötzlich verstorben. «Vor meinen Augen ist es dunkel geworden», sagte er damals.

Auf der Staffelei steht als Bild der Cello spielende Harlekin. Aus der Palette wächst ein Blumenstrauss, auch dies

Zeichen der Liebe. Schalkhafter Humor hat gerade bei Gottes Befreiten Raum, Seiltänzerin und drei vergnügte

Burschen im Handstand zeigen es. Das grosse gelbe Instrument auf der Staffelei spielt dazu die getroste, immer

neu hoffende Musik, die von der Ewigkeit her in unser Leben hineinklingt. Hoffnungszeichen auch über Bella:

Blume, Vogel und Instrument deuten auf die endliche Verwandlung der irdischen Grausamkeiten und Rätsel

in Gottes Welt hin.

Und nun öffnet sich das Bild in seinem Zentrum zur menschlichen Antwort, zum Tanz vor Gott, auch angesichts

allen Leides. Chagalls Verwandte und Bekannte kamen ja alle in den Pogromen und Gaskammern der grossen

Verfolgungen um! Die Leiter des zu ihren Füssen träumenden Jakob wird vom Fisch durchkreuzt. Dennoch ist

sie Zeichen dafür, dass Himmel und Erde zusammengehören und verbunden bleiben.

Als Engel-Boten tanzen fröhliche Wesen auf und um diese Himmelsleiter. Einer hat anstelle des Kopfes den Vogel,

damit auf das Schwebende und Fröhliche der Liebe Gottes hinweisend. Der Nebentänzer trägt Flügel, während

er den in den Armen geborgenen Vogel in Gottes Himmel fliegen lässt. Der Grüngekleidete verwechselt gar

vor hüpfender Freude den Fuss mit der Hand, so stark begeistert ihn die Schalommusik.

Am oberen Ende der Leiter erscheint Mose, ganz in weiss, unmittelbar aus der erschreckend-herrlichen Begegnung

mit Gott kommend, die Zeichen der Zuwendung, des Bundes als zwei Tafeln in der Hand. Die Bibel

erzählt, sein Gesicht habe durch diese Gottesbegegnung so hell gestrahlt, dass er inskünftig sein Antlitz verhüllen

musste, wenn er unter Mitmenschen trat.

Bei Chagall erfasst das Strahlende des Glaubens den ganzen Menschen. Auch unten im Mittelteil hüpfen und

springen die Menschen, musizieren die Spielleute Gottes, ja fliegt einer wie im Zirkus übers Pferd, das ihm sein

Schalomgesicht zuwendet. Dass es Tänzer, Sänger und Musiker sind, welche mit allen Sinnen Gott auf seinen

Liebesruf antworten, ist nicht zufällig bei Marc Chagall, der als Kind davon träumte, Sänger, Tänzer oder Dichter

zu werden und zum Maler ward, dessen Farben singen und loben.

Wie sagt er selber: «Türen öffnen, das ist gut – was versuche ich anderes?» Eine Türe öffnen denen, die das Leben

suchen wie Ertrinkende. Das rot gemalte Boot neben Mose, Erinnerung an die «Exodus», die im Mittelmeer

kreuzen muss, bis sie endlich mit ihren jüdischen Flüchtlingen landen konnte, ist dafür Zeichen, dass Chagall

wirklich mit brennendem Herzen Zeichen der Errettung für unsere Welt erbittet. Sein Bild kann uns in unserm

eigenen Leben auf die stärkste und letzte Hoffnung hinweisen, auf den Sinnzusammenhang allen Lebens im

Schalom Gottes, der im Kommen ist.

Dein Angesicht suche ich

Gruppencollage von Schülern des Gymnasiums in Péronne, Frankreich, ungefähr 1980.

Eines Tages rief Jesus ein Kind zu sich, stellte es mitten unter die Jünger

und sagte zu ihnen: Wer ein solches Kind aufnimmt in meinem

Namen, der nimmt mich auf (Matthäus 18,1-5).

Geheimnisvolle Identifikation… Jesus ist also durch die kleinsten und

unscheinbarsten menschlichen Wesen unter uns gegenwärtig. Haben

Sie das gewusst? Man kann es nämlich nur mit den Augen des Glaubens

erkennen, und Jesus hat es so gewollt. Dies lässt Jesus in seiner

grossartigen Darstellung des jüngsten Gerichtes (Matthäus 25, 3146)

besonders deutlich werden. Am eindrucksvollsten in dieser Geschichte

ist das grosse Erstaunen auf allen Seiten, bei den Auserwählten wie

bei den Verdammten, als der Menschensohn zu ihnen sagt: Ich bin

durstig und hungrig gewesen, bin ein Fremder und nackt gewesen,

war krank und im Gefängnis, und ihr habt mir nicht geholfen.

Aber wann ist das geschehen? protestieren seine Zuhörer. Die Antwort

kommt ohne Zögern und souverän: Wahrlich, ich sage euch:

Was ihr nicht getan habt einem von diesen Geringsten, das habt ihr

mir auch nicht getan. Jesus ist somit gegenwärtig, jeden Tag, mitten

unter uns, im Antlitz der Kleinsten, der Ausländer, der Kranken, der

von der Gesellschaft Ausgeschlossenen. Es kommt nur darauf an, ihn

zu erkennen und sich diesen gegenüber so zu verhalten, als wären

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sie Jesus selbst… unerkannte Gegenwart Christi in den Gesichtern, denen wir täglich auf der Strasse begegnen.

Eigentlich sollte uns nichts mehr davon abhalten können, stets in besonderer Weise auf die Kleinen, die Ausländer,

die Kranken und die Aussenseiter achtzuhaben. Aber warum hat Jesus gerade sie auserwählt?

Jesus hätte seine Grösse als Sohn Gottes geltend machen können, um in der Welt zu herrschen. Aber er selbst

hat einen anderen Weg gewählt: Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu

sein, sondern entäusserte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung

nach als Mensch erkannt. Er erniedrigte sich selbst und ward gehorsam bis zum Tode, ja zum Tode am

Kreuz (Philipper 2, 6-8). Wir wissen, dass durch seinen Tod allen Menschen, die an ihn glauben, neues Leben

geschenkt wird.

Um die geheimnisvolle Gegenwart des gekreuzigten Christus mitten unter uns zum Ausdruck zu bringen, haben

die Schüler eines französischen Gymnasiums (in Péronne) diese grosse Poster-Collage mit dem Titel «Dein Angesicht

suche ich» angefertigt. Bei näherem Betrachten entdeckt man eine Vielzahl von Gesichtern; Menschen,

die sich durch ihr Alter, Geschlecht, ihre Rasse und ihre Hintergründe unterscheiden. Wenn man jedoch das

Ganze von weitem betrachtet, kann man die Züge des Antlitzes Jesu erkennen, der eine Dornenkrone trägt.

Durchscheinend erkennen wir in diesem Gesichtergefüge, einer Darstellung besonderer menschlicher Verbundenheit,

das Angesicht des Gekreuzigten. Jeder einzelne möge nun für sich das Geheimnis dieser Gegenwart

in diesem Bilde entdecken.

Es sind jedoch alle Gesichter erforderlich – bekannte und unbekannte, jedes einzelne wird gebraucht! –, damit

der lebendige Christus mitten unter uns erscheinen kann, über alle Grenzen, Schranken und Unterschiede

hinweg: Hier ist nicht Jude noch Grieche, hier ist nicht Sklave noch Freier, hier ist nicht Mann noch Frau; denn

ihr seid allesamt einer in Christus Jesus (Galater 3, 28).

Hier ist eine Porträtgalerie von Menschen, denen Jesus begegnet ist (Menschen aller Art, mit ihren Zweifeln

und/oder ihrer Begeisterung, ihrer Zustimmung oder ihrem Widerspruch). Jesus bleibt offen, er schreckt nicht

vor dem Kontakt mit den unterschiedlichsten Menschen zurück:

Maria, Lukas 1, 38 / Simeon, Lukas 2, 29 / Die Einwohner von Nazareth, Lukas 4, 28-29 / Die Menschenmenge,

Lukas 5, 26 / Martha und Maria, Lukas 10, 41/ Die verkrümmte Frau, Lukas 13,13 / Der aussätzige Samariter,

Lukas 17,16 / Der reiche Mann, Lukas 18, 21 und 23 / Menschen mit schlechtem Leben, Lukas 5, 32 Der römische

Hauptmann, Lukas 7, 9 / Die Pharisäer, Lukas 5, 21; 7, 39 / Die Frau mit dem Parfüm, Lukas 7, 47 /

Die Ausländerin, Markus 7, 28 / Die Jüngerinnen, Lukas 8,1-3 / Die Angst der Jünger, Lukas 8, 25 / Herodes,

Lukas 9, 9 und Matthäus 2,16 / Der ungläubige Thomas, Johannes 20, 29 / Die Kinder, Lukas 18,16 / Zächäus,

Lukas 19, 6 / Judas, Lukas 22, 4 / Petrus verleugnet, Lukas 22, 60-62 / Pilatus, Lukas 23, 24-25 / Der römische

Hauptmann, Lukas 23, 47 / Die Frauen am Grab, Lukas 24, 9 / Die Emmausjünger, Lukas 24, 32 / Die feindlich

gesinnten Menschen, Lukas 9, 53

Der Baum

«Aus einem jahrhundertealten Baum, aus dem alten Stamme Isais, spriesst im strengen Winter ein neuer Zweig hervor.»

Hinter der Aussage dieses alten französischen Weihnachtsliedes

steht eine Kraft, die Jahrhunderte überdauert hat: Aus einem alten,

abgestorbenen Baumstamm, der vor sich hin modert, aber auch aus

einem Menschengeschlecht, für das keine Hoffnung mehr besteht,

kann Gott neues Leben entstehen lassen! Dem Kirchenlied aus dem

16. Jahrhundert liegt die Prophezeiung Jesajas zugrunde: «Und

es wird ein Reis hervorgehen aus dem Stamm Isais (Vater Davids)

und ein Zweig aus seiner Wurzel Frucht bringen» (Jesaja 11,1).

Unter prophetischer Eingebung verkündet Jesaja das Kommen des

Messias und die neuen Zeiten, die mit ihm anbrechen werden. Er

fährt fort: «Da werden die Wölfe bei den Lämmern wohnen und

die Panther bei den Böcken lagern. Ein kleiner Knabe wird Kälber

und junge Löwen und Mastvieh miteinander treiben» (Jes. 11, 6).

Ja, Gott wird einen neuen David hervorrufen! Die ersten Christen

haben sich nicht geirrt: Sie haben in Jesus den Messias erkannt, den

neuen David, der von den Propheten angekündigt worden war, den

Friedefürst. Beim Einzug nach Jerusalem am Palmsonntag jubelte

ihm die Menge zu: «Hosianna dem Sohn Davids!» (Matth. 21, 9).

Tod und Leben — Tod und Auferstehung: die ungeheure Verhei-

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ssung, die am Ostermorgen zur Erfüllung gelangt, eröffnet der ganzen Menschheit einen neuen Weg der

Hoffnung. Aus Dingen und Umständen, die bereits ersterben und der Zerstörung anheim gefallen sind und an

denen der Zahn der Zeit seine Spuren hinterlassen hat, lässt Gott eine völlig neue Hoffnung hervorsprudeln:

«Christus ist auferstanden! Er ist wahrhaftig auferstanden

Mitten aus einem zerklüfteten Stumpf, der zu nichts mehr nütze ist, wächst ein junger, kräftiger Baum. Handelt

es sich hier nicht um ein geradezu einzigartiges Abbild der Auferstehung, die zuallererst Jesus zuteil geworden

ist? Sehen wir hier nicht die Verheissung erfüllt, dass Gott aus dem Alten Neues aufwachsen lassen kann? Das

Bild des «neuen Zweiges» bildet den Kern der gesamten biblischen Hoffnungsbotschaft. Die ersten Christen

behielten das Alte Testament als heilige Schrift bei, weil es die Geschichte der Stammväter enthält – den Mutterboden,

in dem der Zweig des neuen Lebens in Christus verwurzelt ist.

Das Bild des Baumes spielt in der ganzen Bibel eine wichtige Rolle. Bei der Schöpfung setzte Gott den Mann

und die Frau in einen Garten, in dem er Bäume mit verschiedenen Früchten gepflanzt hatte (1. Mose 1 und 2),

und vor dem Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen wird dem Menschen klar, wie er vor Gott dasteht (1.

Mose 3, 1-7). Auch die Propheten nehmen das Bild des Baumes zur Hilfe, um die Gläubigen aufzufordern, sich

von Gott die Kraft schenken zu lassen, die sie zum Wachstum benötigen (Hes. 17, 24; Jer.17, 7-8). Hiob drückt

es mit folgenden Worten aus: «Denn ein Baum hat Hoffnung, auch wenn er abgehauen ist; er kann wieder

ausschlagen, und seine Schösslinge bleiben nicht aus. Ob seine Wurzel in der Erde alt wird und sein Stumpf im

Boden erstirbt, so grünt er doch wieder vom Geruch des Wassers und treibt Zweige wie eine junge Pflanze»

(Hiob 14, 7-9). Und schliesslich begegnet uns der Baum des Lebens im neuen Jerusalem (Offb. 22, 2), der das

ganze Jahr über Früchte trägt; Gottes Verheissung, uns am Ende der Zeiten neues Leben zu schenken, erscheint

hier in einer neuen, umfassenden Dimension.

Das Bild des Baumes ist der Natur entnommen und von daher für jedermann verständlich. Es hilft uns, unsere

Resignation angesichts des Todes und des Bösen, von dem die Welt durchdrungen ist, hinter uns zu lassen,

verhärtete Fronten im Generationenkonflikt zu überwinden und uns zu öffnen für eine Zukunft, in der Gott

Überraschungen für uns bereithält… neues Leben!

«Aus dem alten Stamme Isais… spriesst ein neuer Zweig hervor.»

Der Sämann

Erste Eindrücke

Die ungeheuer intensiven Farben sind wohl das Erste, was

einem Betrachter dieses Gemäldes auffällt. Mit schwarzer

Farbe eingefasste Konturen teilen das Bild klar und grosszügig

in einfache Flächen ein. Dann sind es aber wahrscheinlich

drei Dinge, welche wie lebendige Wesen den

Beschauer packen: Die Sonne, der Sämann und der Baum.

Die gelbe, untergehende Herbstsonne überstrahlt den ganzen

Himmel, der ihre Farbe annimmt. Der erdverbundene

Mensch ist ganz dem Säen hingegeben. Dunkel hebt er sich

im Gegenlicht vom Hintergrund ab und lässt die Saatkörner

auf Hoffnung hin in die brachliegenden Ackerfurchen fallen.

Noch dunkler steht der Baum da. Der immerwährende Wind

des südlichen Frankreich, der Mistral hat ihn im Laufe seines

Lebens gebeugt. Ein Ast wurde abgesägt, ein paar welke

Herbstblätter sind noch da. Kahle junge Triebe reckt er in

die klare Luft, in allem Gebeugtsein ungebrochen dem Licht entgegenwachsend.

Am fernen Horizont verschmelzen Himmel und Erde. Ein Bild voller Gegensätze (helldunkel/gelber Himmel

— blaue Erde) und dennoch in starker Intensität von einer Vision zusammengehalten, die mächtig auf uns

eindringt.

Der Künstler

«Wenn man getreulich fortfährt, lieb zu haben was wahrlich der Liebe würdig ist, und wenn man seine Liebe

nicht verschwendet an unbedeutende, nichtige und feigherzige Dinge, dann wird man nach und nach stets

mehr Liebe empfangen und stärker werden.» (Brief des Fünfundzwanzigjährigen an seinen Bruder Theo, 3.

April 1878) — «Du weisst wohl, dass eine der Wurzeln oder Grundwahrheiten nicht allein des Evangeliums,

sondern sogar der ganzen Bibel dies ist: Licht, welches in der Finsternis aufgeht. Durch Finsternis zum Licht.»

(Brief an Theo vom 15. November 1878.)

Die brennende Liebe zu allen Mitgeschöpfen und die verzehrende Suche nach dem stärksten und höchsten

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Licht haben den Holländer Vincent van Gogh zu jenem eminent menschlichen Maler gemacht, dessen tragisches

Leben bis heute überstrahlt bleibt von den überströmenden Kräften seines warmen Herzens. Und dass

er diesem Leben solche Kräfte abgerungen hat, wie seine Bilder sie verströmen, das wird besonders in Zeiten

grosser Erschütterungen und Unsicherheiten gerade auch junge Menschen immer wieder die innerste Pulsader

seines und ihres Suchens finden lassen, auch hundert Jahre darnach.

Die beiden Briefzitate stammen aus einer Zeit, da der einsame und verschlossene junge Vincent mit der ihm

eigenen Radikalität als freier Prediger unter belgischen Grubenarbeitern lebt, bis zur Erschöpfung Kranke pflegt

und ein Leben in äusserster Solidarität mit den Armen und Entrechteten seiner Zeit führt. Er wird weitere zehn

Jahre verzweifelt und gequält seine wirkliche Berufung suchen, um erst im Jahre, da er unser Bild malt (1888),

zu dem zu finden, was sein Lebensauftrag war: Mit einsamem Herzen leiden und endlich durch die Malerei das

Licht selber zu finden.

Mit ungeheurer Passion geht er seinen Weg, ein anderer Rembrandt, und bezahlt in der Verströmung aller

Kräfte jene tiefe Wahrheit mit dem eigenen Leben: «… durch Finsternis zum Licht.» Erst im Todesjahr gelang

es seinem Bruder erstmals, ein Bild (Rote Reben) für Fr. 400.-– zu verkaufen, im selben Zeitraum er folgt eine

erste Würdigung seines Werks. Bis dahin aber hatte er zeitlebens kein Werk verkauft noch irgendwelche Anerkennung

gefunden, sondern war als einsamer Sonderling, zuletzt in der Nervenklinik, und an sich zweifelnder

Autodidakt seinen Kreuzweg gegangen.

Das Bild

Nach einem für van Gogh reichen Sommer und Herbst in Arles, in welchem er die Ernte seines Lebens eingebracht

hat, malt er den Sämann. Zwischen Erde und Himmel schreitet die Gestalt übers Feld, ein Symbol für

den Künstler selber, ja für den Menschen überhaupt. Direkt hinter seinem Haupt leuchtet die untergehende

Sonne. Sie adelt seine einfache, geduldige, ja mühsame Arbeit und ihn selber. Van Gogh hat zu mehreren

Malen seine Liebe zum Gelb ausgesprochen, das für ihn zum Symbol des Glaubens und des Sieges wird. In

unserer Fassung des Bildes, es gibt mehr als eine, hat der schwerblütige nordische Maler die Sonne besonders

intensiv gemalt: «Ich wollte das innere Feuer eines Menschen durch die Leuchtkraft der untergehenden Sonne

ausdrücken.» Er dringt damit von der Oberfläche in die Tiefe, ins Wesen der Dinge und verströmt sich selber

auf der dringenden Suche nach dem, was unsere Welt zusammenhält. Der knorrige dunkle Baum, seit alters

Symbol für den Menschen, gibt den Durchblick in die durchglühte Landschaft frei, eine Vision, ein inneres Bild

voller Wärme und Licht. Allerdings, diese Botschaft wurde vom Maler wahrhaftig unter Leiden erkämpft. Auf

die Frage nämlich, welche Bedeutung den schwarzen Konturen zukomme, hat er geantwortet, dass dahinter

ein Gefühl von Angst verborgen sei.

Es ist ein tief religiöses Bild, das uns van Gogh mit dem «Sämann» geschenkt hat. Er steht damit in der Nachfolge

eines anderen Kreuzträgers, der selber als Sämann gelebt und gewirkt hat. Ich meine Jesus von Nazareth, dessen

Geschichte vom spenden Bauern (Matthäusevangelium Kapitel 13, Vers I ff.) zum Gleichnis seines ganzen

Tuns geworden ist: Trotz Dornen und Disteln, trotz steinigem Boden, trotz Not und Schrecken wächst Frucht.

Es kann wohl sein, dass Bild und Gleichnis einen Menschen auch heute begleiten, durch alles hindurch: Saat

auf Hoffnung, dem Licht entgegen.

Der Weinstock

Was ich sehe:

An einer Steinhalde wächst eine Rebe. Ich staune darüber, was für

eine Kraft in dieser Pflanze steckt. Aus dem zurückgeschnittenen

Holz treiben die hellgrünen Schosse. Die sonnenbeschienenen

Blätter streben dem Licht zu. Die oberste Knospe entfaltet sich wie

ein frisch geschlüpfter Schmetterling. Der Hintergrund lässt mich

an den Erdboden denken, welcher dem Wurzelstock Nahrung und

Halt gibt. Ich blicke lange ins dunkle Blaugrün, vor welchem sich

die gelbroten jungen Triebe und Blätter abheben.

Was ich empfinde:

Welch ein Wunder des Wachsens. Jeder Frühling bringt es von

neuem. Welche Kraft des Lebens. Ein lichtes Symbol für Hoffnung

und Entfaltung, für Lebensentwurf und Neubeginn. Vor ein paar

Jahren habe ich an unsere Hausmauer eine Rebe gesetzt. Ich

war erstaunt, wie kräftig sie emporwuchs. Wie schnell war sie zur

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mächtigen Ranke geworden. Ich hatte nichts getan ausser sie einzupflanzen. Heute ist der Wurzelstock dick und

verzweigt sich, in mehreren Girlanden bis weit hinauf. Das Zurückschneiden regt sein Wachstum offenbar nur

noch mehr an. Es ist jedesmal ein Fest, wenn im Frühling die Knospen springen, wenn Ranken und Blüten treiben

und die Bienen darin summen. Im Herbst aber ernte ich sorgfältig und glücklich die grossen süssen Trauben.

Woran mich das Bild erinnert:

Die farbige Photographie erinnert mich an das tiefste Geheimnis und Wunder meines eigenen Lebens. Ein

Bibelwort taucht vor mir auf. Im Johannes-Evangelium, Kapitel 15, Vers 5. Es ist für mich eines der herrlichsten

Worte überhaupt. Jesus selber sagt dort: «Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben. Wer in mir bleibt und ich

in ihm, der bringt viel Frucht. Denn ohne mich könnt ihr nichts tun.»

Andere Übersetzungen lassen dieses Wort noch näher an unser Bild heranrücken: «Wer an mir bleibt und in

wem ich wirke, der bringt reiche Frucht. Ohne mich aber bleibt ihr unfruchtbar.» (J. Zink) –«Wer mit mir fest

verbunden bleibt, der bringt reiche Frucht. Löst ihr euch aber von mir, so vermögt ihr nichts.» (F. Pfäfflin). Die

Schosse hängen ganz und gar vom Rebstock ab. Sie sind aufs Innigste mit ihm verbunden. Aus ihm strömt ihnen

der Lebenssaft zu. Diese Lebensbeziehung in der Natur wird von Jesus übertragen ins Leben der Christuszeugen.

Hierin steckt, so will mich dünken, ungemein viel an Hilfe für uns heutige Menschen. Gemeinschaft mit Christus

als Lebensinhalt, als Schutzkreis und Kraftquelle kann kaum intensiver beschrieben werden als in dieser königlichen

Verheissung. Immer von neuem packt mich die Stärke dieses Bildes: Christus der Weinstock, wir die Schosse.

Unwillkürlich erinnere ich mich ans Abendmahl. Beim Brotbrechen und Trinken geht Jesu Wort in Erfüllung.

Dort geschieht es, dass Nahrung vom Weinstock zur Rebe kommt. Nachdenklich sinne ich darüber nach. Der

Zweck der Schosse besteht ja darin, Frucht zu tragen. Im Gebet, im Gespräch mit Jesus wird mir jene Verbindung

zuteil, kommt jene Kraft in mein Leben, die zu Früchten führt. An mir ist es, seinem Wirken mich darzuhalten.

Wie ich damit lebe:

Während längerer Zeit hänge ich das Farbposter an eine Wand in meinem Zimmer. Mein Blick fällt oft darauf.

Täglich bleibe ich kürzer oder länger davor. Ich betrachte still und gesammelt die Pflanze und den Grund. Dabei

sage ich in mir drin das Wort Jesu vom Weinstock. Ich schliesse die Augen und lasse Bild und Text auf mich

wirken. Nach einiger Zeit (Tage, Wochen, Monate) spüre ich, wie beides in mich hineinzugehen beginnt. Ich

trage etwas davon in mir. Immer neue Schichten öffnen sich. Später lese ich in meiner Bibel das ganze Kapitel

Johannes 15. Ich notiere auf einem Blatt Papier meine auftauchenden Gedanken.

Während meiner Arbeit, unterwegs auf der Strasse, mitten in Lärm und Betrieb kann es sein, dass ich mich

an jene Ecke zuhause erinnere, wo der «Weinstock» hängt und auf mich wartet. Ich spüre ein Geborgensein

und das Wachsen einer tiefen Wahrheit. Schritt um Schritt, wie das Wachsen einer Pflanze, entfaltet es sich in

mir drin: «Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.» Ich beginne, damit zu leben.

Die Brücke

Kontraste an der Melezza im Tessin. Gegensätze zwischen starken

Felsblöcken und hervorsprudelndem Wasser, leblosem Gestein und

der sich stets verändernden Pflanzenwelt, hellem Sonnenlicht und

Halbschatten, tiefem Abgrund und verbindendem Brückenschlag.

Gleichzeitig heftig sanft, zerbrechlich und massiv, wirken die zarten

Silhouetten der Frühlingsblätter zur Rauheit der Felsen.

Ein anschauliches Bild für biblische Aussagen! Zuerst der Fels, als

Symbol von Stabilität im Gegensatz zur Hektik des Lebens. Gott

ist der Fels, so singen die Psalmdichter, und seine Treue hört nie

auf. Weiter erinnert mich der Fels an das Wasser, das in die Wüste

sprudelte nachdem Mose auf den Fels geschlagen hatte (2. Mose

17, 6). Dieser Fels war Christus, interpretierte Paulus diese Szene

(1. Korinther 10, 4.5). Gott ist nicht nur ein solides Fundament, er

ist auch Geist, der in unseren Herzen eine lebendige Quelle sein

möchte.

Zuletzt bleiben meine Augen an der Brücke haften. Die einzige

Zeugin menschlicher Entwicklung und Technik. Auf der rechten

Seite leicht abwärts neigend, verliert sie sich ins Unsichtbare. Ob

sie noch tragfähig ist? Zerbrechlich hängt sie in der Schlucht. Und

doch erleichtert sie es den Menschen, zusammenzukommen und

sich zu begegnen. Sie erinnert uns an die höchste Berufung des

Menschen, in Gemeinschaft, Harmonie und in Frieden mit dem

Schöpfer und mit den Mitmenschen zu leben.

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Die Quelle

Dornenkrone

Welche Ruhe und welchen Frieden strahlt dieses Bild des biblischen

Landes aus! Die Quelle des lebendigen Wassers, die mitten

in der Wüste entspringt… In Palästina ist der Sommer in der Regel

so trocken, dass die meisten Wasserläufe Ende Frühjahr nach der

Regensaison versiegen. Wo kein Wasser ist, ist kein Leben, da ist der

Tod. Das Überleben der Völker, die nacheinander den Mittleren

Orient bewohnt haben, war immer von der Wasserversorgung

abhängig. Das ist der Grund, weshalb das Wasser, und ganz besonders

fliessendes, lebendiges Wasser, in zahlreichen biblischen

Geschichten eine wichtige Rolle spielt. Der gute Hirte ist derjenige,

der seine Herde an den Punkt führt, wo er sie im Überfluss tränken

kann. An Auseinandersetzungen zwischen Hirten, die um das

lebensnotwendige Wasser ihrer Herden kämpften, fehlt es im

Alten Testament nicht.

Das Wasser ist auch Symbol eines Lebens, das irdische Realitäten

übersteigt. Die Taufe von Johannes im Fluss Jordan öffnet denen,

die im Namen ihres Lehrers zu Jüngern Jesu Christi gemacht

werden, den Heilsweg und das ewige Leben. Er ist es, der vor

dem Jakobsbrunnen in Sychar einer Samariterin geantwortet hat:

«Jeder, der dieses Wasser trinkt, wird bald wieder durstig sein. Wer

aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm gebe, der wird nie wieder

Durst bekommen. Dieses Wasser wird in ihm zu einer Quelle, die

bis ins ewige Leben hinein fliesst.» Joh. 4.13-14).

Bei der Betrachtung dieses Bildes des 1911 in Saint Quén

(Frankreich) geborenen Alfred Manessier kann man mit

Freuden wieder einmal lernen, dass weder zwischen Wort

und Bild noch zwischen «gegenständlicher» und «abstrakter»

Malerei ein Gegensatz besteht. Die «ungewöhnliche farbige

Sensibilität», welche Knaurs Lexikon moderner Kunst unserem

Franzosen attestiert, kommt in der «Couronne d’épines» (Dornenkrone)

ganz besonders zum Ausdruck. Das Originalgemälde

hat die Masse 57,5x47,5 cm. Wer es betrachtet, möge

zunächst diese Masse an irgendeiner Wand nachmessen und

sich das Bild im Geiste in der Originalgrösse vorstellen. Dann

wird er noch eher geneigt sein, sich von der Intensität seiner

Aussage packen zu lassen.

Wie jedes Bild, so will auch dieses erlebt sein; ja es möchte,

dass man mit ihm lebt. Gute Bilder können einem ein Leben

lang etwas sagen, und jedesmal ergibt das Gespräch mit

ihnen etwas Neues, Tieferes, eine Erfahrung, ein Geschenk

mehr. So setze sich der junge oder ältere Betrachter der Wirkung

dieses vor zwanzig fahren entstandenen Gemäldes mit

Freuden aus. Ich schlage folgendes Vorgehen vor:

Man versuche Manessiers Ölbild zunächst in zwei Ebenen

zu sehen. Da ist einmal der dunkle, schwärzliche Raster im

Vordergrund, durch welchen wir, wie bei einer Glasscheibe, in die Farben im Hintergrund blicken. Und da sind

diese Farben selber. Während unser Auge den Raster fixieren will, schieben sich die Farben immer mehr durch

diesen hindurch: Rot dominiert, Blau, Violett, Grün sind spärlich dazwischen gestreut.

Wieder versuchen wir den dunklen Raster figürlich zu erforschen, und jetzt entdecken wir den Kreis, die «Couronne»,

die Krone, den Kranz in der Mitte. Ganz deutlich fallen uns die Dornen auf. Eine im Original überdimensioniert

grosse Dornenkrone. Merkwürdig unbestimmte schwarze Zeichen umgeben sie rundum, irgendwie

beginnt die Krone diese Zeichen in ihren Kreis hereinzunehmen, hineinzuziehen ins Rund.

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Hier ist vielleicht der Moment, wo man den Bibeltext zur Stelle (Matthäus 27, 27 bis 30) nachliest («Sie flochten

einen Kranz aus Dornengestrüpp») oder den Psalm 22 in der Nachdichtung Ernesto Cardenals (aus: «Zerschneide

den Stacheldraht», Lateinamerikanische Psalmen). Oder man kann still und gesammelt die Plattenseite

«Zuschauer am Kreuzweg» aus der Hörfolge-Trilogie der Credo-Schallplatten zu Passion und Ostern anhören.

Jedenfalls beginnt die dunkle Krone vor den roten Farben, die wie pulsierendes Blut durch sie hindurch zu

leuchten scheinen, zu uns zu reden: Das Bild überlässt es dem Beschauer, wie weit er hineindringen will. Ob er

durch diesen Raster, die Dornenkrone hindurch in sein, ins menschliche Leben sehen kann? Ob er den üblen

Soldatenscherz, der zum dorngekrönten Haupt Christi geführt hat, zum Anlass nimmt, tiefer über diese Symbolik

nachzudenken: Ein blutendes Antlitz, der geschundene Nazarener wird durchscheinend für das Osterlicht

Gottes, für die heimliche, aber mächtige Umwälzung, die hier geschieht?

Manessier jedenfalls ist überzeugt, dass diese Krone Eingangstor ins Licht, in die Macht Gottes ist. Auf solchem

Grund liegt der Dornenkranz: auf dem roten Grund der hoffnungsvollen Zuwendung Gottes. Der Maler sagt es

mit Behntsamkeit, der Betrachter lasse sich führen, vielleicht sieht er plötzlich das Gesicht vor sich, welches die

Krone trägt. Dann lese er die Novelle «Heute noch» von Manfred Hausmann, wo es dem 24jährigen Matrosen

Norre Schmitt in seiner letzten Lebensstunde, da er am dahinjagenden Schnellzug hängt und erfriert, ebenso

ergeht: «Ist denn alles ganz anders? Hängt denn noch einer mit mir am Zuge?»

Das Bild Manessiers kann warten, bis wir es wieder und wieder ansehen, ja mit ihm leben. Es will Hinweis sein

auf die in Christus geschehene Umkehrung aller Dinge. Ich wünsche ihm viele wache, bereite, stille, intensive

Betrachter, vielleicht auch fröhliche Kreuzträger im Osterlicht.

Zerbrochenes Fenster — zerbrochene Hoffnung?

Der Innenraum schwarz und finster. Eingesperrt in sich selbst.

Keine Verbindung nach draussen. Eine Scheibe ist zwischen

mir und dem Leben, wie eine bläuliche Haut schliesst sie ab.

Zelle, Kerker, allein, einsam.»

«Links ist ein merkwürdiges Loch in der Scheibe: Hier ist Ausblick

möglich, die Luft kann herein. Durch die untere Hälfte

des Loches: Blick in grüne Blätter, Ranke, Weintraube, sonnenbeschienen,

Leben, Licht, Luft, Frühling, Freude, Hoffnung.

Die Zweige leben ja von der Sonne.»

«In der rechten Fensterhälfte erblicke ich jetzt zwei runde Löcher,

sie sind wie von Steinen ausgeschlagen: Ob jemand von

aussen mir das Fenster einschlug? Mir kommen Menschen in

den Sinn, deren Leben eingeschlagen ist, die etwas zu tragen

haben… Aber: Hat der mit den Steinwürfen von aussen mir

nicht geholfen? Jetzt sehe ich hinaus! »

«Das Ganze ist im Gegenlicht, ich blicke durchs bläuliche

Glas. Dort, wo die Scheibe fehlt, oben rechts und unten links,

kommt weissliches Licht herein, blicke ich in den Himmel.

Mir kommt in den Sinn, dass das Glas ja alle anderen Farben

herausfiltert und nur diese bläuliche Farbe hindurchlässt. Das

Chlorophyll der Blätter trinkt alle anderen Farben und lässt

für mich das Grün in meine Augen kommen. Wenn ich die

Augen schliesse, ist alles schwarz!»

«Das Gemäuer ist alt, die Blätter und Zweige sehe ich nur

verschwommen. Ist es nicht fast wie ein Spinnennetz, das

gesprungene rechte Fensterteil?»

«Fensterkreuz. Ich betrachte lange das schwarze Kreuz, die Kreuzform in der Mitte. Wenn alle Farben weg sind,

gibt es schwarz. Wenn alles Leben gewichen ist, bedeutet das Tod am Kreuz. Herr, begegnest Du mir so? Zeitaus,

nebenaus; in diesem Fenster? Bist Du am Kreuz, damit Luft und Leben zu mir komme? Gelten die Steine

Dir, die dieses Glas einschlugen?»

«Freiheit, Befreiung durchs Kreuz? Ich sehe durch dieses Kreuz in die Welt, in die Natur, ins Grün, ins Blau hinein.

Hast du mir diese Bresche geschlagen? Blick in den Himmel, ist er nur durch dich möglich? Wäre mein Raum

sonst fensterlos? Wäre meine Welt sonst hoffnungslos? Symbol und Hinweis auf Christus?»

«Im Glas sind Narben, nur der Rahmen, nur das Kreuz halten es noch. Es ist ein Blick aus einem Fenster. Andere

Ausblicke, aus anderen Fenstern kommen mir in den Sinn. Ich möchte den Blick durchs Fensterkreuz meiner

Lebtag behalten. Fenster-Kreuz. Das Kreuz als Fenster, Blick in meine, in unsere Zukunft: Durch Christus hindurch

in unsere Welt blicken, alle Tage!»

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Himmelwärts

Hoch oben in einem Frühlingshimmel steigt eine Taube hinan,

mit regelmässigem Flügelschlag steigt sie und steigt, dem Zenith

entgegen.

So wie sie einst Noah sah, nachdem er nach vierzig Tagen und vierzig

Nächten in seiner auf den Wellen der Sintflut dahingleitenden

Arche eingeschlossen, die Taube durch die Luke seiner wundersamen

Barke freigelassen hatte. Der von Gott vor den Wassern der

Sintflut bewahrte Noah hatte in seinem Schiff alle Gattungen der

Tiere mit sich geführt, so wie es Gott ihn geheissen hatte: durch ihn

wurde somit die ganze Schöpfung vor dem Untergang bewahrt.

Dank dieser tiefen Verpflichtung des Menschen gegenüber der

Natur kann Noah die Taube entsenden, um gleichsam für ihn den

Zustand der Erde zu besichtigen. Eines Tages wird sie zurückkommen,

ihm Kunde von möglichem Leben bringen und zum Zeichen

von Hoffnung und Versöhnung mit Gott einen Olivenzweig im

Schnabel tragen. Die Rettung ist gewährleistet. Dann wird Gott

den Regenbogen schaffen, dieses himmlische Symbol für den Bund,

den Gott mit den Menschen besiegelt: «Darum soll mein Bogen in

den Wolken sein, dass ich ihn ansehe und denke an den ewigen

Bund zwischen Gott und allen lebendigen Seelen in allem Fleisch,

das auf Erden ist» (1. Mose 9,16).

Künftig wird der Mensch durch den Bund mit Noah vor Gott für die ganze Schöpfung Eigenverantwortung

tragen. Sein Schicksal ist eng an dasjenige der Natur geknüpft. Auf diese Weise ist in diesen Anfangskapiteln

der Bibel der Aufruf an den Menschen nach verantwortungsvollem Umgang mit der Natur vorgezeichnet. Die

in die Lüfte steigende Taube zeigt dies mit einer besonderen Anmut.

Robert Hainard, der1906 geborene Genfer Künstler, verfügt nach langem Studium der Natur über eine ausserordentliche

Gabe der Beobachtung. Jedes seiner Werke – vor allem die Blätter, welche wildlebende Tiere

wiedergeben – ist das Resultat einer minutiösen Naturbeobachtung, die nicht selten mehrere durchwachte

Nächte hintereinander lang währte. Robert Hainard liebt die Natur. «In der Tat ist nur das Wirkliche das einzig

Mögliche. In meiner instinktiven Weigerung, nur das Geringste an dem, was geschaffen worden ist, zu verändern,

liegt die höchste Verehrung, ein selber Zurückstehen vor dieser unfassbaren Volikommenheit, die letztlich

Gott selber ist.»

Die aufmerksame Naturbeobachtung ist der erste Schritt, den der Mensch machen kann und muss, wenn er

am allgemeinen Bemühen um die Rettung der Schöpfung teilhaben will, einer Rettung, zu der heute die ganze

Menschheit aufgerufen ist. «Jedes meiner Bilder», erklärt Robert Hainard, «ist die Frucht eines langen Strebens,

von langen Fussmärschen und auf der Lauer-Liegen, von vielen Träumen. Diese Träume mussten so oft gebogen

und verändert werden, bis sie von der Wirklichkeit übernommen werden konnten, und sei es auch nur, um

sie durch ein ganz ungewohntes Geschenk zu ersetzen. Ich habe oft gesagt, es gäbe überhaupt keine Kompositionen

in meinen Bildern. Diese Behauptung stimmt nur ganz oberflächlich. Ihre Komposition ist vielmehr

eine Absprache zwischen Gott und mir, wobei er den wichtigsten Anteil daran hat. Seinen Teil würde ich nie

zu berühren wagen. Mir kommt es nur zu auszuwählen, weil ich in der göttlichen Fülle nicht alles fassen kann.

Es gibt Menschen, welche unter dem Diktat ihres Unterbewussten schreiben; ich tue es unter demjenigen der

Natur. Sie fabuliert weniger.»

Das Bild des Vogelfluges entgeht dem Auge des Naturbeobachters nicht: in der Tat handelt es sich um den

«Hochzeitsflug der Turteltaube». Diese durch die Türken aus Indien eingeführten Turteltauben wurden in der

Nähe der Moscheen ausgesetzt; von hier aus sollten sie später ihren Weg nach Europa antreten. Heute sind

sie auch bei uns in der Schweiz fast überall anzutreffen.

Um das vorliegende Blatt auszuführen, übte sich Robert Hainard in einer Technik, die er gut kennt: der sich an

japanischen Werken inspirierende, farbige Holzschnitt. Jede Farbe – auf unserem Holzschnitt sind es fünf verschiedene

Töne – wird auf je einer separaten Holzplatte festgehalten. Die Ganzheit des Bildes entsteht durch

das Übereinanderdrucken der verschiedenen Töne. «Ich geize nicht mit der Anzahl meiner Tafeln. Meistens sind

es 7 bis 12. Aber ich mag auch die Strenge, die in der Farbenwahl herrschen muss. Jeder meiner Holzschnitte

klingt wie Musik: 7,10,12 Töne, von denen jeder seine bestimmte Wirkung hat, die untereinander ihre Intervalle

haben. Diese Töne webe ich, durchkreuze ich und lege sie übereinander.» Mittels dieser Technik, die viel

Geduld erfordert, hat der Künstler im Laufe seiner 60 Jahre währenden Schaffenszeit ungefähr 800 graphische

Blätter verwirklicht.

Wer heute behauptet, an den Schöpfer zu glauben, muss dem Mass seiner Möglichkeiten entsprechend an

der Bewahrung der Schöpfung aktiv teilnehmen. Robert Hainard sagt es auf seine Weise: «Die Macht hat all

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denjenigen, die sie gesucht und sogar erreicht haben, Unglück gebracht. Denn dieses Streben ist das ruhelose

Eingeständnis der Ohnmacht, zu besitzen. Der moderne Mensch kann immer mehr besitzen, jedoch tut er fast

nichts. Die wahrheitsliebende Kunst und die Liebe zur wilden Natur vermitteln in meinen Augen dem Menschen

eine der wichtigsten Wertvorstellungen: nach Besitz der Natur und nicht nach deren Beherrschung begierig

zu sein.»

Wenn wir Gottes Diener sein wollen, so müssen wir auch im Dienste der Schöpfung stehen, um ihr unser ganzes

Leben zu widmen, sich an ihr zu erfreuen und aus ihr unsere Kraft zu schöpfen, aber auch um sie für kommende

Generationen so intakt als auch nur immer möglich zu erhalten. «Das Programm meines Lebens steht fest: den

Glanz der Natur aufzuzeigen und unsere Abhängigkeit von ihr bewusster zu machen; denn nichts ist überzeugender

als das Bild, und nichts gibt die vielfältigen Wünsche der Menschen besser wieder als die Schönheit.»

Hingabe

Diese Illustration von Bryan Pollard stellt die Begegnung mit

Jesus Christus dar. Auf eindrückliche Art und Weise führt sie

uns Gottes Geschenk an den Menschen vor Augen: die Hingabe

seines einzigen Sohnes in den Tod.

Der dornengekrönte Jesus hängt am Kreuz, das nur durch helle

Lichtbalken angedeutet wird und die Bildfläche horizontal und

vertikal teilt. Bei dieser stilisierten Darstellung konzentriert sich

alles auf die Mitte des Bildes.

Die Dramatik des Erlösungsgeschehens wurde in schnellen

Strichen hinskizziert, doch die Details verraten stille Tiefe. Die

Dornenkrone ist exakt um das wirre Haar des Gekreuzigten

geschlungen und scheint die zerberstende, diagonal auseinandergezogene

Zeichnung zusammenzuhalten. Im langsam vom

Haupt Jesu tropfenden Blut, das den Menschen einhüllt und ihn

von Schuld reinigt, widerspiegelt sich das Licht.

Die letzten Stunden von Jesu Leben sind gekennzeichnet von

unbeschreiblichem Schmerz, von körperlichen und seelischen

Leiden. Sein Gesichtsausdruck ist verzerrt und entstellt, die

Augen zusammengepresst, als durchzuckte ihn gerade ein

wahnsinniger Schmerz.

Die untere Gesichtspartie wird verdeckt durch einen Menschen,

der sich verzweifelt die Hände vors Gesicht schlägt. Er hat soeben

erkannt, was Jesus für ihn getan hat und seinem Mund

entweicht ein stummer Schrei: «Was habe ich getan? Oh Gott,

was habe ich dir angetan?»

Wer genau hinschaut, bemerkt noch ein drittes Gesicht. Unterhalb des verzweifelten Menschen lässt sich links

das Profil und der ausgestreckte Arm Jesu erkennen, der zu sagen scheint: «Komm her zu mir, mein Kind, ich

habe alles auf mich genommen, weil ich dich lieb habe!»

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Hoffnung trotz allem

Millionen Menschen sind im Lauf der Jahrtausende schon gefoltert

und getötet worden – nicht für ein Verbrechen, sondern

nur für ihre Überzeugung. Es waren oft die Besten, bis auf den

heutigen Tag: etwa Mahatma Gandhi, Dietrich Bonhoeffer, John

F. Kennedy, Martin Luther King.

Auf unserem Bild steht für sie alle einer, Jesus von Nazareth. Wir

sehen ihn ermordet, schon zum Schatten zerfallen, kein Mensch

mehr. Ein erschütterndes Bild. Der Mensch fehlt nun, der eine

bessere Menschheit vor sich sah und anfing! Und nur, weil die

Lieblosen die Liebe dieses Menschen nicht ertragen und die

Liebhaber von Macht und Gewalt es nicht aushalten wollten,

dass Jesus allein die Macht überzeugenden Redens und Lebens

anerkannte!

Die Welt ohne den Besten – wie kann das weitergehn? Erschütterung

hat die ganze Welt ergriffen: die Mordwerkzeuge

– Kranz, Leiter, Kran, Stacheldraht – sind zum Chaos verflochten;

aus friedlichen Häusern wurden Ruinen. Die Welt vor dem

Untergang? Entsetzliche Leere: kein Mensch ist mehr da. Die

Mächtigen flüchten vor ihrer eigenen Bosheit ins Festen und

Essen – die Ruhe um jeden Preis ist erreicht. Und die Freunde

des guten Menschen flüchten aus Todesangst. Das gab es nicht

nur einst in Israel, das hat sich wiederholt bis auf den heutigen

Tag: in unserm Jahrhundert in Russland, Deutschland, Spanien,

Griechenland, Jugoslawien… Unser Bild ist Spiegelbild unserer

Welt, Welt ohne Hoffnung.

Kein Wunder, dass heute auch mancher Mensch in seinem Innern so zerrissen ist: das Beste ist in ihm gestorben,

ermordet durch die Anforderungen, die Hetze und die Vereinsamung in der «hochentwickelten» Welt. Unser

Bestes: das Vertrauen in den Menschen, die Hoffnung, die schöpferische Kraft. Wir sehen in das Spiegelbild

auch unserer Seelen!

Muss es immer so weitergehen? Werden alle, die sich der heutigen rasenden technischen Entwicklung, der

chaotischen Ausbeutung der Erde und dem lieblosen Eigennutz in der Welt entgegenstellen, wieder überrollt

wie Jesus und die andern? Hat Gott sich verborgen?

Nein! Der Künstler lässt – sehen wir genau zu – der Hoffnung einen Spielraum. Das netzhaft gemalte Chaos:

ist es letztlich nicht nur Staffage; stürzt nicht gleich das Kreuz und alles mit; brauchten wir nicht nur das Chaos

wie ein eisernes Tor zu öffnen – und ständen in einer schönen Welt? Und die Sonne geht vor, nicht hinter

dem Horizont unter, rot und warm; sie steckt die Erde nicht in Brand, taucht Hügel und Ebene im Gegenteil in

warmes Licht. Also Hoffnung – trotz allem; Hoffnung für die Menschheit und Hoffnung für jeden Menschen

– trotz seiner Bosheit und seiner jahrtausendealten Geschichte! Das Gute im Menschen kann niemand töten.

Jesus konnte in Wahrheit auch nicht getötet werden: er lebt neu, von Gott bestätigt, in vielen Menschen. So

ist der mutige Weg des Jesus, den Unzählige fortsetzen bis auf den heutigen Tag, dennoch der richtige. Wer

hätte nicht Freude, mit diesem Bild zu leben? Stets vor Augen Hoffnung für die zerrissene Seele: Hoffnung auf

eine bessere, wärmere Menschenwelt – trotz allem!

Wer ist der Künstler, der dieses eindrückliche Bild geschaffen hat? Ge Gessler, 1924 in Zürich geboren, jetzt

wiederum in der Nähe Zürichs, lebte viele Jahre im Tessin. Dort fand er seinen eigenen Stil: meisterhaft verband

er die Liebe zur intensiven Farbe mit dem Willen zur klar gestalteten Form. Davon zeugen auch die sieben andern

Gemälde aus dem 1960 entstandenen Zyklus «Passion», dem unser Bild entnommen ist, und viele andere

Werke. Wohl möchte er uns in seinen Bildern mit der Harmonie von Form und Farbe beglücken, aber vor allen

Dingen möchte er uns zu tiefem Nachdenken führen – über uns selbst. Das ist ihm gelungen. Der Wille zur

unbedingten Wahrheit bestimmt Ge Gesslers Kunst.

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In meines Vaters Haus sind viele Wohnungen

Bronze-Relief von Werner Hilber, um 1970 (48 x 60 cm)

Zum Küns tler

Der Bildhauer und Maler Werner Hilber (28.8.1900-5.11.1989) wuchs in Wil SG, im Haus zum Pelikan auf und

lebte seit 1945 in Zürich. Der vitale, urwüchsige und feinsinnige Künstler hatte einen unbändigen Unabhängigkeitsdrang

und folgte seiner Doppelbegabung in unaufhörlichem Horchen und Suchen: «Wenn ich bildhauere,

sollte ich besser malen. Wenn ich male, sollte ich besser bildhauern!» (7.3.1972).

Wenn man sein Atelier an der Chorgasse inmitten der

verwinkelten Altstadthäuser betrat, empfing einen ein

überaus wacher und liebreicher Zeitgenosse, umgeben

von seinen Arbeiten. Im kleinen Hinterhofgärtchen zu

sitzen und ihm zuzuhören, zuzusehen, wie noch der alte

Mann mit weitausholenden Gesten und blitzenden Augen

ins Gespräch mit dem Gegenüber trat, das war Labsal für

Leib und Seele. Sein Werk harrt immer noch der Entdeckung.

Dass wir hier, quasi als kleines Vermächtnis des

Neunzigjährigen und im Gedenken an ihn, eine seiner entscheidenden

Plastiken veröffentlichen dürfen, geschieht

in ökumenischer Verbundenheit und in der Freude der

gemeinsamen Auferstehungshoffnung.

Das Werk selber

Den Guss des Reliefs hat der Bildhauer selber noch in

den achziger Jahren veranlasst. Nun wird es posthum

der Öffentlichkeit zugänglich. Es findet mehr als 20 Jahre

nach seiner Entstehung einen Platz an der Aussenmauer

der Friedhofkapelle in Wil SG, unweit von der Ruhestätte

des Künstlers.

Es gibt im Werk von Werner Hilber verschiedene Reliefs

ähnlicher Art. In diesem einen haben sie ihr Ziel gefunden.

Er hat ihm bewusst zum Titel das Jesuswort gegeben: «In

meines Vaters Haus sind viele Wohnungen» (Johannesevangelium

14,2). Werner Hilber hielt sich selber an diese

Worte des Auferstandenen und hoffte, für ihn sei dort in

Gottes Wirklichkeit auch ein Plätzchen. Wie schrieb er anno

1982: «Im Zentrum sitzt Gott. In ihm sind viele Wohnungen. Was dir die innere Stimme suggeriert, das ist seine

Sprache, und die ist zu befolgen… Gott helfe dir, den von ihm vorgezeichneten Weg durchzustehen, du kannst

ihm nicht entwischen. Gib dich Ihm ganz zurück, so wie er dich für Ihn geschaffen hat!»

Was ist zu sehen? Mein erster Eindruck bei dem relativ kleinen Ding ist, dass es wächst. Es ist nicht fertig. Es

steht auf dem Boden und wächst weiter nach links und nach rechts und nach oben. Das Tor ist offen, es kommt

richtig auf einen zu und hat gar keine Türe mehr, die geschlossen werden könnte. Das Weihnachtslied fällt mir

ein: «Heut schleusst er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis…»

Ich habe mich immer schon daran gefreut, dass in der himmlischen Stadt die zwölf Tore offenstehen (Offenbarung

21, 25). Und nun die originellen Wohnungsfenster im Relief! Wie verschieden sie sind. Immer wieder

sehe ich Neues. Ich entdecke zu Kreuzen zusammengefasste Formen. Besonders das Kreuz in der oberen Mitte

zieht meinen Blick immer neu auf sich. In den offenen Himmel schauen dürfen, das hat ja Jesu Leben gekostet.

Golden glänzt das Ganze. Oben ist es wie gekrönt.

Wirklich, da herrscht keine Wohnungsnot, da sind gewiss auch keine teuren Mieten zu bezahlen, da herrscht

Platz. Und was ist dahinter? Ich blicke durch die Öffnungen hindurch wie in eine grosse Laterne hinein. Dahinter

ist die Ewigkeit, Ziel meines Lebens. Ich denke an Menschen, die diesen Schritt gegangen sind. Ganz nahe

kommen sie zu mir, Eltern, Verwandte, Bekannte. Die Wohnungen bevölkern sich. Ich schaue und werde ganz

still. Dann summe ich leise das Kanonlied in mir: «Ein Tag, der sagt dem andern, mein Leben sei ein Wandern

zur grossen Ewigkeit!»

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Jona

Kennst du Jona? Kennst du die Geschichte jenes

Propheten, von dem die Bibel in einem eigens geschriebenen

kleinen Büchlein erzählt?

1. Nach einer Notiz im 2. Buch der Könige (14, 25)

scheint er im 8. Jahrhundert vor Christus gelebt

zu haben. Aber er ist ein merkwürdiger Prophet,

voll Widerspruch gegen das, was Gott von ihm

will. Er soll nach Ninive gehen, der Hauptstadt des

assyrischen Reiches im nördlichen Mesopotamien,

um den Bewohnern jener Stadt das Gericht Gottes

anzusagen, um sie zur Umkehr zu bewegen. Aber

Jona will nicht. Hat er Angst vor diesem Auftrag?

Fürchtet er, in Ninive verlacht oder verspottet oder

gar umgebracht zu werden? Oder scheut er bloss

die Strapazen der Reise durch die unendliche Weite

der Wüste? Das alles wäre verständlich. Aber er unternimmt

eine viel grössere und gefahrvollere Reise. Statt nach Osten aufzubrechen, sucht und besteigt er ein

Schiff, das nach Westen fährt, nach Tharsis, in jene berühmte Stadt im südwestlichen Spanien, ans andere Ende

der damals bekannten Welt. Nur eines will er, «hinweg aus den Augen des Herrn», wie die Bibel sagt (Jona 1, 3).

Das also ist Jona: Einer, mit dem Gott etwas vor hat, weigert sich, darauf einzugehen. Kennst du Jona?

2. Kaum aber ist das Schiff ausgelaufen ins offene Meer, wird es eingeholt von einem gewaltigen Sturm, der es

beinahe zum Kentern bringt. Die heidnischen Schiffsleute denken an einen Racheakt der Götter und suchen

nach dem Schuldigen. Bald ist Jona gefunden, der auch selber weiss, wem der Sturm gilt. Wenn das Schiff nicht

untergehen soll mit allen, die darauf unterwegs sind, muss Jona geopfert werden. «Werft mich ins Meer», sagt

er, «so wird das Meer ruhig werden und von euch ablassen» (Jona 1, 12). Er weiss jetzt, dass es nichts hilft, vor

Gott zu fliehen. Sein Wille ist stärker als der Widerstand des Jona.

Auch das ist Jona: Einer der sich Gott verweigert hat wird von ihm eingeholt.

3. Jona wird tatsächlich ins Meer geworfen. Und nun erzählt die Bibel jene berühmte Geschichte vom Fisch,

der Jona verschlungen und ihn nach drei Tagen und drei Nächten lebendigen Leibes wieder ans Land gespien

hat. Die Frage ist nicht, ob du glauben kannst, dass sich das genau so zugetragen hat, wie es die Bibel erzählt.

Auch wenn bei Gott kein Ding unmöglich ist, verlangt er doch nicht, dass du etwas glauben sollst, was du nicht

glauben kannst. Das eigentliche Wunder ist nicht die Geschichte mit dem Fisch, sondern die Tatsache, dass

Jona, der sein Leben schon verloren gab, in seiner äussersten Not zu Gott geschrien hat und von ihm gerettet

wird. Wie das geschehen ist, bleibt sein Geheimnis, aber dass es geschehen ist, hat Jona selber bezeugt in dem

ergreifenden Gebet, das uns im zweiten Kapitel seines Büchleins überliefert ist.

Das ist noch einmal Jona: Einer, der sich von Gott losgesagt hat, wird dennoch von ihm nicht preisgegeben.

Sein Beten ist der Anfang eines neuen Lebens.

4. Ist es nicht dieser Augenblick des staunenden Erwachens des Jona, den Celestino Piatti auf dem so eindrücklichen

Blatt festgehalten hat? Da ist der grosse Fisch inmitten des noch immer aufgewühlten Meeres. Er fürchtet

die Wellen nicht. Sie sind sein Element. Der offene noch triefende Schlund erinnert an das Geheimnis der

wunderbaren Errettung des Jona. Und nun wird der Leib des Fisches auf einmal durchsichtig für die Gestalt des

Propheten, der in seiner abgerissenen Hose hingekauert den Kopf erhebt und zu ahnen beginnt, dass ihm das

Leben noch einmal geschenkt ist. Nicht ein Leben auf der Flucht vor Gott, sondern ein Leben mit ihm und für

ihn. Das freundlich blitzende Auge des Fisches und die siegreich aus seinen Nüstern aufsteigende Wasserfontäne

lassen erkennen, dass auch er sich seiner Rolle bewusst ist und weiss, was in diesem Augenblick in seinem

Innern geschieht. Und im Hintergrund, am Ufer des Meeres, grüsst Ninive, die Stadt am Rand der Wüste, die

den Propheten erwartet und sich seiner Botschaft öffnen wird.

Das ist Jona: Einer, der den Sinn seines Lebens gefunden und angenommen hat, stellt sich Gott zur Verfügung

und wird zum Boten der Liebe Gottes für seine Mitmenschen. Kennst du jetzt Jona?

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Kreuz und Taube

Auf grünem Grund – Farbe der Hoffnung – lädt die flüchtige Taube

ein zum Flug in die Freiheit: «Kommt und ihr werdet sehen!»

(Joh. 1, 39). Ohne Taube würden die Gitterstäbe an das Gefängnis

erinnern; durch ihre Anwesenheit aber – Symbol des Heiligen

Geistes – wird das Gitter Zeichen des frei machenden Kreuzes:

«Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit» (2. Kor. 3,17).

Fotografiert auf der Wartburg, dort, wo Martin Luther das Neue

Testament übersetzt hat, sagt diese Taube auf ihre Weise auch,

dass «die ganze Schrift von Gott eingegeben ist» (2. Tim., 3,16).

Ein symbolisches Bild, das zu vielen verschiedenen Deutungen

einlädt:

Das Äussere, das Innere…

Werden die Gitterstäbe von innen gezeigt? Von aussen? Lassen

sie an ein Gefängnis denken? An ein Kreuz?…

Die Mauer: Verfallen? Rissig? Breit? Fest? Einladend?

Die Taube: Sie kommt an? Sie bleibt? Sie ist abflugbereit? Sie ist

ein Zeichen für…

Der verschwommene Hintergrund lässt denken an: Die Unsicherheit?

Die Trennung? Die Schöpfung? Die Hoffnung?

Wo ist das Licht?

Wo bin ich? Innen? Aussen? Unten? Was empfinde ich dabei?

Bibeltexte zum Lesen

Noah und die Taube (1. Mose 8, 6-12)

Die Taufe Jesu (Lukas 3, 21-22; Johannes1, 32-34) Pfingsten (Apg. 2,1-4)

Psalm 55, 7-9

Lesen eines der vorgeschlagenen Texte, Verbindungen herstellen zu dem, was im ersten Teil zur Taube gesagt

worden ist. Bei der Sintflut: Thema Hoffnung, Frieden und Versöhnung. Bei der Taufe: der Heilige Geist kommt

auf Jesus herab, die Freude Gottes im Lukasevangelium. Bei Pfingsten: Gottes Geist wird den Gläubigen geschenkt.

Bei Psalm 55: Freiheit und Sicherheit.

Eine Legende

«Sag’ mir, wieviel eine Schneeflocke wiegt», fragt die Meise die Taube. – «Sie hat gar kein Gewicht», lautet die

Antwort.

Daraufhin erzählt die Meise der Taube eine Geschichte:

«Ich sass auf einem Tannenzweig, und es fing an zu schneien. Nein, kein Unwetter: es schneite ganz sanft,

überhaupt nicht heftig. Weil ich nichts Besseres zu tun hatte, fing ich an, die Schneeflocken zu zählen, die auf

meinen Zweig fielen. Es fielen 3 751952. Als die 3 751 953ste Flocke auf den Zweig fiel – ein gewichtsloses

Nichts, wie du gesagt hast – zerbrach er.» – Mit diesen Worten flog die Meise davon.

Die Taube, seit der Zeit eines gewissen Noah Expertin in Friedensangelegenheiten, dachte einen Augenblick

nach und sagte sich: «Vielleicht braucht die Welt nur einen einzigen Menschen, damit alles verändert wird und

die Menschheit in Frieden leben kann.»

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Reifendes Korn

Das Bild berührt mich. Ich sehe die vielen Halme, dicht beisammen,

mit schweren Ähren. Ihr warmes Gelb strahlt, als ob sie die Sonne

eingefangen hätten – sie sind reif. Geheimnisvoll leuchtet dazwischen

der rote Mohn. Ich habe das Gefühl, mittendrin zu sein, in diesem

feinen Gewebe des Lebens.

Bin ich nicht selbst wie einer dieser Gerstenhalme? Ich wachse auf,

zuerst grün hinter den Ohren, dann langsam reifend durch Erfahrungen

und Einsichten, bis ich das Licht des Lebens einfange und

selber etwas ausstrahlen kann – wie das reife Korn. Und wächst nicht

auch bei mir Frucht: Körner, die wieder andern Nahrung geben,

wie an diesen Halmen? Frucht könnte sein: eine Erfahrung, die ich

gewonnen habe; eine Einsicht, die mir aufgegangen ist – in den

Sonnentagen oder den Stürmen meines Lebens.

Jesus hat einmal gesagt: «Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich

habe euch erwählt und dazu bestimmt, dass ihr hingeht und Frucht

tragt und dass eure Frucht bleibe. » (Johannes 15,16). So ist nach Jesu

Meinung das Fruchtbringen überhaupt der Sinn des Lebens. Frucht

ist dazu bestimmt, auf neuen Boden zu fallen und dort aufzugehen.

Es wäre ja auch schade, wenn ich eine Einsicht, die in mir gereift ist,

für mich behalten würde! Ich kann Wesentliches weitergeben: das

Vertrauen auf Gott, das in mir gewachsen ist; die Einsicht, dass Jesus

recht hatte, als er die Liebe zum Nächsten ins Zentrum der Welt rückte, auch den Hunger nach Gerechtigkeit

und die Sehnsucht nach Frieden.

Mir fällt auf, dass die Gerstenpflanze ihre Frucht durch lange Stacheln schützt. Raubvögel sollen abgeschreckt

werden. So muss ich wohl meine Früchte gegen den Feind meiner Seele schützen: gegen den Gedanken, ich

sei mir doch selbst der Nächste und niemandem etwas schuldig. Oder gegen die aufkeimende Resignation, bei

allem guten Willen sei ja doch nichts für Gerechtigkeit und Frieden zu erreichen!

Jesus hat aber Mut gemacht und gesagt, die Körner seien dazu bestimmt, in gute Erde zu fallen und aufzugehen,

dreissigfach, sechzigfach oder sogar hundertfach (Markus 4, 8).

Mittendrin steht der rote Mohn, wie aus einer andern Welt. Er könnte das Sinnbild für Christus sein, der für uns

alle in die Welt kam und aus Liebe zu gestorben ist. Trotzdem ist er noch gegenwärtig – mit seinem Mut, seinen

Gedanken, unsichtbar in unserm Innern, als unsere, als meine Innerste Kraft.

Die Halme stehen dicht beisammen – ist nicht auch das ein Lehrstück für uns Menschen?

Wenn wir dicht zusammenstehen, kann uns nichts umwerfen, können wir die Welt wärmer machen und Gottes

Gedanken in die Landschaft unserer bedrohten Erde hineinbringen. Beharrlich setzen wir Nächstenliebe, Gerechtigkeit

und Frieden gegen das Unkraut auf der Welt: gegen allen Eigennutz, alles Unrecht und alle Gewalttat.

Wenn das Kornfeld reif ist, wird einmal der Schnitter kommen und ernten. Auch das fällt mir jetzt ein. Irgendwann

einmal wird auch für mich der Tod kommen. Dann ist es schön, mit Frucht dazustehen und sagen zu können:

ich habe versucht, meine Bestimmung zu erfüllen. Nichts zu hinterlassen aber wäre bitter.

Römische Treppe aus den Tagen Jesu in Jerusalem

Ein Weg tut sich vor mir auf. Steinstufen führen nach oben. Dazwischen entdecke ich immer wieder Absätze.

Viereckige Steinblöcke sind zu einzelnen Stufen zusammengefügt.

Im Vordergrund sehe ich ein paar ebene, von der Sonne hell beschienene Steinplatten. In Gedanken trete ich

darauf und spüre die Wärme. Die Treppe lädt mich ein, den Weg unter die Füsse zu nehmen. Nach drei Stufen

ist wieder ein kleiner Absatz. Dann zähle ich einen, zwei, drei, vier, fünf und mehr Tritte. Immer weitere Steinstufen

führen empor. Bäume spenden Schatten, dann folgt wiederum ein Stück im Sonnenlicht. Dort weiter

hinten scheint die Treppe beschädigt zu sein. Schliesslich werden Mauern aus Quadersteinen sichtbar. Ganz

im Hintergrund fällt nochmals Sonnenlicht auf eine Hauswand. Der Weg scheint nach links weiter zu führen.

Was ich vor mir sehe, scheint eine sehr alte Treppe zu sein. Viele Menschen sind hier wohl schon die Stufen

hinauf- und hinuntergestiegen: Erwachsene, Kinder, Jugendliche. Ich möchte gerne erfahren, was eine solche

Treppe im Verlauf der Jahre oder gar Jahrhunderte erlebt hat.

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Eine besondere Treppe

Unser Farbfoto ist die Aufnahme einer Treppe aus römischer Zeit. Sie liegt in Palästinas Hauptstadt Jerusalem.

Dicht daneben steht die Kirche St. Peter in galli Canto (St. Peter des Hahnenschreis). Die Altertumsforscher

haben herausgefunden, dass diese Kirche in der Nähe des Platzes erbaut wurde, wo früher der Palast des Hohenpriesters

Kaiaphas stand. Ebenfalls nahe ist der Ort, wo nach christlicher Oberlieferung das erste Abendmahl

gefeiert wurde.

Die Treppe liegt an der Stelle, wo man von der Nordostseite

der Stadt Jerusalem her ins Kidrontal hinuntergehen kann. Von

dort ist der ÖIberg mit dem Garten Gethsemane erreichbar.

Also sehen wir hier die Treppe, über welche Jesus von Nazareth

oft gegangen ist. Ganz besonders sein letzter Gang kommt

mir in den Sinn, wie ihn der Evangelist Matthäus darstellt:

Nach dem Abendmahl kam er mit seinen Jüngern diese

Treppe hinunter und schritt zum Garten Gethsemane (Matthäusevangelium,

Kapitel 26, Vers 30 und folgende). Dort

wurde er gefangen genommen und hernach, gefesselt, von

den Kriegsknechten zurück und über dieselbe Treppe zum

Palast des Hohepriesters Kaiaphas gebracht (Matthäus 26,

47 ff. und 57 ff.).

Gedanken, die in mir beim Betrachten wach werden:

Zunächst packt mich der Gedanke, dass hier Jesus gegangen

ist. Auch er hat die Sonne Israels auf den vordersten Platten

gespürt. Auch er ist öfters diese Treppe hinuntergestiegen,

um im Garten jenseits des Tals ein wenig Erholung zu finden.

Aber jetzt ist es das letzte Mal, und daran denke ich. Es ist sein

Schicksalsweg, wir nennen ihn Passion.

Bevor er diese Stufen abends hinuntergeschritten ist, hat Jesus

das Abendmahl gefeiert. Bei diesem letzten Mal im Kreise

seiner Jünger hat er jene so persönlichen Worte gesprochen:

«Das ist mein Leib. Das ist mein Blut.» Offenbar fuhr dies den

Seinen so ins Herz, dass sie es in der Erinnerung behalten und später aufgeschrieben haben. Seither ist jedes

Abendmahl die Feier der Gemeinschaft mit Jesus und miteinander. Ich freue mich jedesmal darauf, wenn wir

es feiern. Kinder, Jugendliche und Erwachsene im Kreis um den Tisch, wo er unsichtbar Gastgeber und Mitte

ist. Ich möchte es als erste und auch einmal als letzte Mahlzeit feiern, in solcher Bruderschaft.

Nachdem sie das Kidrontal erreicht hatten, nahm Jesus drei seiner Freunde in die Tiefe des Gartens Gethsemane

mit. Dort bricht jene Nacht an, die ihn in tiefste Dunkelheit führen wird. Er bittet Gott inständig, den Kelch des

Leidens und Ausgestossenwerdens an ihm vorübergehen zu lassen. «Doch nicht wie ich will, sondern wie Du

willst! » Mit diesem inhaltsschweren Satz betritt Jesus endgültig den Weg der Passion. Er wird sich dabei bis zur

Hölle hinab beugen. Und so erlebe ich seine Gefangenschaft und den Rückweg über unsere Treppe empor

der Verurteilung und Kreuzigung entgegen.

Die alten, 2000jährigen Steine zeugen von diesem Leben und diesem Weg. Die Bewegung, welche Jesus von

Nazareth ausgelöst hat, kommt auf diese Weise bis zu uns, bis zu mir. So konkret ist das, wenn Gott Mensch

wird und uns begegnet. Aus dem hellen Licht der Zuwendung Gottes tritt Jesus ins Dunkel, wird er solidarisch

mit unserem menschlichen Leben, Fühlen und Sein.

Die alte harte Treppe sagt es mir ein wenig ungewohnt: Jesus war armer Leute Kind. Der Vater war offenbar

früh verstorben. So hat er, der Älteste, bis zu seinem 27. Lebensjahre als Zimmermann für Mutter und Geschwister

sorgen müssen. Dann konnte er knappe drei Jahre als Messias, als Christus wirken – und schon muss er die

letzten Schritte über unsere Treppe tun.

Aber welche Wirkungen sind von ihm bis heute ausgegangen. Es fällt mir plötzlich auf, dass zuhinterst auf dem

abgebildeten Wegstück Jesu ein hell erleuchtetet Wandstück sichtbar ist, ja dass der Weg überhaupt nur dort

weiterführt, wo ich Lichtspuren entdecke. Mir wird dies zum Zeichen für seine Auferstehung, für Jesu Durchbruch

durch Hölle und Tod.

Dies Kostbarste fährt mir ins Herz: Unsre Welt rollt keinem Weltuntergang, keiner letzten Nacht entgegen. Durch

alle damaligen, heutigen und morgigen Sonnenfinsternisse und Zusammenbrüche hindurch weiss ich: Jesu

Passion findet ihren Sinn, ihre Erfüllung am Ostermorgen, in Gottes Licht.

Dort erst, nach seinem diesseitigen Wirken beginnt der Weg, auf welchem mir durch die Jahrhunderte viele

vorangegangen sind. Ich kann hinten anschliessen. Auf dem Weg Jesu von Nazareth. Ich höre seine Einladung:

«Ich bin der Weg…!» Das Bild beginnt zu mir zu reden.

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Schöpfung

Schöpfung (1. Mose Kapitel 1, Verse 1-25): Von links oben

fallen weisse Strahlen ins Dunkel ein: Gottes ungeschaffenes

Licht drängt das Chaos zurück, es spiegelt sich

links unten in den Schaumkronen auf dem Meer, während

eine weisse Lichtbahn sich rechts unten im Wasser

fortsetzt, wo sich Fische tummeln. Das Wunder von Tag

und Nacht entfaltet sich im oberen Teil mit Mond, Sternen

und Sonne: Abend und Morgen. Eine weisse Taube

schwingt sich ins Gelb der aufgehenden Sonne empor.

Darunter breiten sich die sattgrünen Bäume und Wiesen

aus: Lebensfülle, Zeit und Mitwelt als Geschenk. Was wird

der Spätling Mensch mit Gottes guter Schöpfung tun?

Das Bild kann uns gerade heute nachdenklich machen:

Mir fällt auf, dass weit und breit kein Mensch darauf zu

sehen ist. Unsre Mitwelt kommt sehr gut ohne uns Menschen

aus, aber wir nicht ohne sie. Es fällt mir gerade vor

einem so strahlenden Bild schwer aufs Herz, wie sehr

die Schöpfung um uns her schreit, fleht, seufzt und stirbt. Es gibt Forscher, welche die Gattung Mensch «die

verheerendste Aussterbe-Ursache in der Erdgeschichte» nennen.

Nach dem biblischen Schöpfungsbericht ist eben nicht der Mensch Ziel oder Krone der Schöpfung. Erfüllung

und Mitte ist im 1. Mosebuch vielmehr der siebte Tag: Gott lädt als Ziel der Schöpfung zu einem Sabbath, zu

einem grossen Aufatmen und Feiern ein. Die geschaffene Welt wird erst am 7. Tag vollendet, an welchem der

Schöpfer sich seiner Schöpfung in Freude und Wohlgefallen zuwendet. Zu solchem Sabbath lädt Gott seine

Geschöpfe samt und sonders ein (1. Mose 2,1-4).

Wir müssen heute diese Lesart des alten Textes einander, gerade als junge Menschen, neu einprägen und daraus

leben, solange wir es noch können. Mich dünkt, Hanns Studers Bild lädt dazu ein. Wo Gott aufatmet, atmet

auch das hinterste und letzte Geschöpf auf, an welchem er seine Freude hat: «Am 7. Tag sollst du feiern, damit

dein Rind und dein Esel (die beiden Lasttiere der Antike) ruhen und der Sohn deiner Sklavin und der Fremdling

aufatmen können» (2. Mose 23,12).

Später formuliert das 3. Buch Mose, das biblische Gesetzbuch, ausdrücklich: «Das Land soll dem Herrn einen

Sabbath feiern» (25,2) und «Grund und Boden darf nicht für immer verkauft werden, denn das Land ist mein,

und ihr seid Fremdlinge und Beisassen bei mir.» (25, 23). Ein Aufatmen des Lebewesens Erde mit all seinen

Arten, Pflanzen, Tieren und Bodenschätzen wird hier direkt als Gesetz formuliert.

Wir haben in der Mitwelt neu unsern bescheidenen Platz zu suchen, unterwegs jenem grossen Sabbath Gottes

entgegen, welchen der Erstling der neuen Schöpfung, der auferstandene Jesus schon zu Lebzeiten gelebt und

angezeigt hat. Hanns Studers Bild weist uns auf das herrliche Geschenk der uns anvertrauten Mitwelt hin und

lädt uns heute zum Einsatz für jenes Aufatmen von Erde, Pflanzen und Tieren ein. Ein lohnender Lebenseinsatz

im Zeichen der Hoffnung.

Unterwegs

Bist du auch schon einen solchen Weg gegangen, in den Bergen? Stetig aufwärts in der frischen Morgenluft –

mit einem Ziel vor Augen? Es ist anstrengend und doch leicht. Wie von selbst setzt sich Fuss vor Fuss. Du schaust

dann und wann gespannt auf: Was kommt wohl hinter der nächsten Wegbiegung – welcher Blick ins Tal und

auf die Berggipfel wird dir gewährt, welch neue Sicht der Welt geschenkt? Links und rechts des Weges grünt die

Erde, goldene Blüten leuchten auf, kleine Schönheiten offenbaren sich bis weit hinauf in die Felsenlandschaft.

Vieles kann dir beim Aufstieg durch den Kopf gehen. Jesus ging auch solche Wege. Er liebte es, ganz allein auf

einen Berg zu steigen, um Gott nahe zu sein. Er brauchte die Stille, das Gespräch mit Gott ganz allein; hier fand

er neue Kraft. Aber er liebte es auch, mit Freunden auf den Berg zu steigen: um ihnen seine Weisheit mitzuteilen

und sie das Leben zu lehren. Einmal erlebte er eine Verklärung durch Gott auf einem Berg. Schliesslich, am

Ende seines Lebens, schritt er nochmals auf den Berg, draussen vor Jerusalem, begleitet von Feinden, die ihn

ans Kreuz schlugen.

Wie verläuft wohl dein Leben? Ist es ein Aufstieg? Welche Freunde findest du im Leben, welche Feinde? Was

wartet hinter der nächsten Wegbiegung auf dich? Es gilt, den rechten Weg im Leben zu finden, nicht einen

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falschen. Es gilt, das rechte Ziel zu stecken,

nicht ein falsches. Der Weg ist für den Christen,

für die Christin klar vorgezeichnet. Er ist

nicht allzubreit, nicht allzuviele gehen ihn. Er

ist steinig. Du kannst stolpern und Fehltritte

machen. Er ist anstrengend manchmal und

manchmal leicht. Aber eines ist er gewiss:

Aufstieg zum richtigen Ziel.

Einer hat den rechten Weg für uns ausgedacht:

Gott selbst. Jesus hat ihn auf dieser

Welt eingezeichnet und ist ihn gegangen. Er

sagt: «Folge mir nach!» Viele haben seither

diese Aufforderung angenommen, sind

Wege gegangen, haben an ihm gearbeitet,

ihn gangbarer gemacht; viele werden ihn

nach uns gehen. Nun bist auch du unterwegs.

Welchen Aufstieg suchst du in deinem Leben?

Willst du Erfolg haben im Beruf, locken dich Ziele wie Schönheit, Liebe zwischen Mann und Frau, Geltung

und Ehre unter den Menschen, Geld und Macht? Jesus hat andere Ziele gesteckt, leuchtende Wegzeichen an

die Felsen gemalt und göttliche Schritte getan. Wahres Leben und wahrer Aufstieg beginnt dort, wo du Schritte

wie Jesus tust, wo du zuerst und immer von neuem die Nähe Gottes suchst, ganz allein und ganz persönlich zu

ihm betest, ihn liebst und ihm vertraust; wo du um Vergebung deiner Schuld bittest und um Bewahrung vor

Fehltritten auf dem schwierigen Weg. Dann erhältst du die nötige Kraft zu jeder Zeit. Jesus lehrt uns, in welchen

Disziplinen wir uns üben sollen auf dem langen Weg des Lebens: Liebe zum Nächsten und Liebe zum Feind,

Kampf gegen das Unrecht und für die Gerechtigkeit. Stiftung von Frieden und Mut zur Wahrheit.

Der Weg ist nicht einfach. Das Wetter kann auch umschlagen, Nebel aufkommen, Gewitter und Sturm. Aber du

bist nicht allein. Jederzeit kannst du Gott anrufen; jederzeit findest du auch Weggefährten. Es gilt, bescheiden

von den Älteren und Erfahreneren zu lernen. Es gilt, die Augen offenzuhalten nach dem nächsten Wegzeichen,

nicht zu schnell, sondern überlegt und ruhig zu gehen in dieser steinigen Welt.

Du kannst einem, der nicht mehr weiterkommt, sein Leid abhören, eine Weile seinen Rucksack tragen helfen, ein

guter Kamerad, eine gute Kameradin sein. Ein andermal wirst du leiden, wunde Füsse haben oder ein wundes

Herz, auch einmal daran zweifeln, ob dieser Weg wirklich der göttliche ist und zum Ziel führt. Dann bist du froh

um andere, die dich einholen und dir gute Nächste werden. Auf diesem Weg trägt jeder einmal sein Kreuz.

Aber auf diesem Weg stechen dich nicht nur Disteln. Immer wieder leuchten auch kleine Lichter auf wie Blumen

am Wegrand: kleine Erfolge des Guten in der Welt, die dir gelingen; Liebe, die du erlebst; Freude am Leben,

die du spürst; Frieden und Gerechtigkeit, die aufblühen. Immer wieder einmal tun sich dir hinter der nächsten

Wegbiegung neue Erkenntnisse auf; eine grössere Sicht des Lebens wird dir geschenkt, die Hoffnung auf

Gottes Herrschaft in der Welt gestärkt. Es lohnt sich doch, diesen Weg zu gehen und den Aufstieg zu wagen.

Nicht umsonst hat Jesus gesagt: «Folge mir nach!» und «Ich bin der Weg die Wahrheit und das Leben; niemand

kommt zum Vater ausser durch mich.»

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Wasserfall am Jordan

Wasser aus den Quellen des Heils (Jesaja 12, 3)

Zum Bild

Wasser, frisches Wasser! Wir ahnen heute wieder, wie unersetzlich es ist. In Palästina, woher unser Bild stammt,

weiss man es seit alten Zeiten. Wo Wasser hinkommt, da ist Leben, wo es fehlt, ist Wüste. Ich bin einmal einen

ganzen Tag in der Wüste Juda gewandert und habe mit andern zusammen versucht, ein wenig nachzuempfinden,

was es heisst: staubig, verschwitzt und durstig endlich zu einer Quelle, zu einer Oase, zu einem Brunnen

zu kommen und frisches Wasser trinken zu können. Wasser ist lebensnotwendig. Besonders heute wissen wir

neu um diese Kostbarkeit, die es zu erhalten gilt.

Der so eindrücklich fotografierte Wasserfall gehört zu einem

der drei Quellflüsse des Jordan, die am Hermongebirge entspringen

und sich im nördlichen Galiläa zum nach Süden

drängenden Strom vereinigen. Auf unserem Bild ist sein zweifaches

Herunterbrausen, das Aufschäumen im natürlichen

Becken, in das er fällt – mit dem dunkel aufragenden Stein in

der Mitte – und das Weiterfliessen über die Stromschnellen

zu sehen: ein kräftiges lebendiges Gewässer. Östlich dieses

Wasserfalls liegt Baniyas, die nördliche Jordanquelle, welche

viel aufgesucht wird. Ich habe dort in heisser Julizeit die Füsse

gekühlt, das klare Wasser gespürt und in der Stille dem

nachgesonnen, was dieser Fluss Juden und Christen bedeutet.

Nebenan liessen sich schwarzhäutige Menschen aus Haiti

taufen, und ich erinnerte mich an Jesus, der ganz in der Nähe,

in Caesarea Philippi, seinen Jüngern mitteilt, er müsse nach

Jerusalem gehen. Dabei ahnen einige unter ihnen schon, welche

Passion am Ende jenes Weges auf ihn wartet (Matthäus

16,13-23). So lasse ich jetzt in Gedanken das Wasser des Jordan

nochmals beim Betrachten des Bildes über meine Füsse

laufen und summe den so oft gesungenen, musizierten und

bewegten Wassertanz zum Bibelwort: «Uschavtem mayim

besasson mimayne ha jeschua!» (Hebräisch) aus Jesaja 12, 3:

«Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Quellen

des Heils!» Das Bild lädt ein, zur Quelle, zu den Ursprüngen

unseres Glaubens zu kommen.

Wasser des Lebens

Der Jordan, welcher nach einer Strecke von rund 600 km schliesslich am tiefsten Punkt der Erde (-394m) ins

Tote Meer fliegst, hat auch eine eminent religiöse Bedeutung: Den Jordan überschreiten, das hiess, aus der

Wüste ins verheissene Land kommen. Der Durchzug unter Josua (Josua 3 und 4), der Kampf Jakobs mit dem

Engel an einer der Furten (1. Mose 32, 22-32), das reinmachende Wasser beim aussätzigen Syrer Naemann

(2. Könige 5, 10) und das Taufen Johannes des Täufers (Matthäus 3, 5) sind einige der wichtigsten Stationen.

Der Bericht von der Taufe Jesu im Jordan schliesslich ist dessen eigentliche Berufung zum Christus (Matthäus

3,13-17 / Markus 1, 9-11 / Lukas 3, 21 und 22). Ich denke an meine eigene Taufe auf Jesu Namen, der selber

Wasser des Lebens schenkt (Johannes 4,13 und 14).

Quellen des Heils

Am nördlichsten Punkt seiner Heimat, dort bei den Quellen und Wasserfällen des Jordans, eröffnet Jesus seinen

Freunden, dass er noch eine ganz andere Taufe, nämlich das Todesleiden auf sich nehmen muss (Matthäus16,

21). Er zieht anschliessend dem ganzen Jordanlauf folgend nach Jerusalem hinauf und hat dabei wahrscheinlich

ein altes Lied in den Ohren (Psalm 42 und 43). Es ist das Lied eines in den Hermon Verbannten, der an den

Wassern des Jordan sitzt und sein Heimweh nach Gott aus sich heraussingt: «Wie der Hirsch nach Wasser, so

schreit meine Seele nach Gott!» (Psalm 42, 2). Jesus hat das Lied sicher viel gesungen. Die Evangelisten zitieren

es, da er verzweifelt im Garten Gethsemane mit seinem Vater ringt (Matthäus 26, 38 / Markus14, 34). Das Bedrohliche,

das Wasser auch haben kann, kommt darin vor (Psalm 42, 8). Aber auch der dreimalige Refrain wird

gesungen: «Gott ist meines Angesichts Hilfe» (42, 6 und 12 / 43, 5).

Der im Jordan getaufte Jesus hat ja dann in Jerusalem auch diesen Refrain, diesen Liedschluss erfahren dürfen:

Seine Auferweckung von den Toten ist Gottes Antwort, ist Lebenswasser der Rettung geworden. Nachdenk-

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lich erinnere ich mich nochmals an meine eigene Taufe: Dreimal wurde mir damals ein Kreuz mit Wasser auf

die Stirn gezeichnet, dreimalige Bestätigung, dass Gott auch mich aus dem Tode herausgezogen hat und ins

Leben, sein ewiges Leben bringen wird. So gehe ich getrost meinen Weg und bitte ihn täglich um das Wasser

des Lebens, dass ich neugeboren, täglich ein neu getaufter Oster- und Pfingstmensch werde, der auf diesem

Erdboden seinen befreienden Ruf hört: «Folge auch du mir nach!» Ich engagiere mich z. B. für die Erhaltung

des vom Schöpfer geschenkten Wassers und danke für jeden Tropfen, den ich davon trinke. Er taufe uns, Junge

und Alte, mit seinem lebenspendenden Geist, auf dass unsere Mitwelt erfahre, aus welcher Quelle wir uns

nähren: «Bei Dir ist die Quelle des Lebens!» (Psalm 36,10).

Weg in Galiläa

Olivenbäume, rotbraune Erde, trockene Felder, ein in den

Stoppeln Futter suchender Esel, ein staubiger einfacher Weg

in Ober-Galiläa.

Wenn ich genau hinsehe, entdecke ich hinter dem rechten

Baum einen zweiten Esel. Geht eigentlich ein Pfad links ins

Feld und führt der Weg, von Steinen flankiert, nach rechts

weiter? Ich ahne den terrassierten, sanft ansteigenden Hügel

im Hintergrund. Durch die silbern schimmernden Ölblätter

hindurch blicke ich in den unwahrscheinlich hellen blauen

Himmel. Es ist Sommer und damit Trockenzeit, die Sonne Palästinas

lädt zum Verweilen im Freien ein. Schatten und Licht

wechseln auf dem Pfad. In Gedanken lasse ich mich unter

der vordersten Olive nieder und blicke den Weg entlang:

Ich bin in der Heimat Jesu, in der Nähe des Drusendorfes

Hurfeish, wo auch muslimische und christliche Familien

leben. Die Bewohner verdienen ihren Lebensunterhalt mit

Oliven, Obstanbau, Tabakfeldern und durch die Ertragnisse

zweier grosser Nähstuben. Fünf Kilometer östlich liegt der

nächste israelische Kibbuz: Sasa. Gegen Norden, wo sich

über dem Dorf der Aussichtsberg Har-Addir (1006 m. ü.

M.) als Teil des Gebirges Ephraim erhebt, stösst man schon

nach 5 km auf die heutige Grenze zum Libanon. Im Südosten

befindet sich in 25 km Entfernung Kapernaum am See

Genezareth, jenem grossartigen funkelnden Auge zur Jordanaue

hin. Im Westen sind es 27 km bis zur einstigen Kreuzritterstadt Akko am Mittelmeer, und von Nazareth

im Süden trennen mich gerade nur 35 km. Dort hat Jesus als Zimmermann gearbeitet und in den letzten kurzen

Lebensjahren seine Berufung als Christus zu leben begonnen.

Ich bin auf seinen Namen getauft und im Glauben an ihn konfirmiert. Deshalb sitze ich hier am Wegrand und

lasse mich von der galiläischen Umwelt anrufen: Da sind zunächst die Ölbäume, welche zwar langsam wachsen,

dafür aber ungeheuer alt werden können und immer wieder überraschend ausschlagen. Auf dürrem, steinigem

Boden sind sie besonders fruchtbar, aber es braucht Geduld: Der Mensch, der einen Ölbaum setzt, tut dies für

die nächste Generation, erst diese wird Oliven ernten können. Seit Noahs Taube mit dem Ölblatt im Schnabel

zurückkehrte (1.Mose 8,11), ist der Ölbaumzweig zum Sinnbild des Friedens geworden. Auch dieser bedarf eines

langen Wachstums. Und lag nicht Jesus in Gethsemane unter alten Ölbäumen (Matthäus 26, 36-39)? Blut hat

er geschwitzt, allein mit seiner Angst. Wahrhaftig, sein Friedensdienst uns zugut forderte ihn ganz. Gethsemane

mit den Ölbäumen ist für mich seither jener Ort, da es keinen Platz oder Raum, keine Zeit und kein Geschöpf

mehr gibt, und wäre es zuunterst, wo Jesus nicht auch ist und daneben liegt.

Aus seinem Friedenstiften leben, was heisst das heute für mich? Ein langes Nachsinnen beginnt bei mir: „Ich

will den Frieden zu deiner Obrigkeit machen und die Gerechtigkeit zu deiner Regierung!» (Jesaja 60,17). Dafür

lohnt es sich zu leben. Ein anderes Prophetenwort steigt vor mir auf, das Jesus sicher gekannt hat: «Sie werden

ein jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum sitzen, ohne dass einer sie aufschreckt!» (Micha

4, 4). Vieles davon kommt mir in Jesu Leben und Wirken entgegen. Und im Geist sehe ich die obergaliläische

Landschaft auf unserm Bild verwandelt durch den Frühjahrsregen. Dann sprossen hier rote Anemonen, Veilchen,

blaue Iris, rote Tulpen und Mohn, Glockenblumen, Orchideen, gelbe Margueriten, Malven, gelbe und lila

Disteln. So verwandelnd, dünkt mich, wirkt noch heute Jesu Botschaft. Ich möchte ihn um Seinen Geist bitten,

um selber ein Friedensmensch zu werden.

Ich wende meine Blicke dem Esel zu. Wieviele dieser geduldigen und genügsamen Tiere habe ich in Palästina

angetroffen. Besonders die Kinder verstehen sich mit ihnen sehr gut. Für Araberjungen ist der Esel wie für

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unsere Jugend das Velo: Zu zweit, zu dritt sitzen sie darauf, und das Grauohr ist ihr Spielkamerad. Der Esel ist

das Reit- und Lasttier des kleinen Mannes. Auf dem Maultier ritten zu König Davids Zeiten (1000 vor Christus)

die Vornehmen. Während ich dem Eselchen zuschaue, wie es an ein paar vertrockneten Disteln rupft, denke

ich nochmals an Jesus:

Ein Esel hat ihn als Kind auf der Flucht getragen. Auf dem gewaltlosen Esel ritt er am Palmsonntag in Jerusalem

ein. Nicht auf einem Pferd, sondern auf dem Esel: Der Friedenskönig reitet der Verurteilung entgegen, während

die Menge noch «Gelobt sei, der da kommt im Namen des Herrn» singt (Matthäus 21, 1-11). So ist auch der Esel

ein Hinweis auf Jesu Friedensarbeit und Friedensverheissung.

Ich komme nochmals tief ins Nachsinnen: Unter dem hellen Himmel Galiläas, in der Nähe eines Dorfes, in welchem

drei Religionen zusammenleben, sitze ich getaufter und konfirmierter Europäer und denke an Jesu zarte

und helle, befreiende und beglückende Botschaft, die er so von ganzem Herzen lebte. Still bitte ich ihn in der

Tiefe meines Herzens darum, dass er mich berühre, dass ein Glanz von seinem Wirken und Wollen auch auf

meine Lebensschritte falle, dass er mitten im Auf und Ab meines Lebens mit seinem «Schalom» bei mir sei. Ich

stehe vom Wegrand auf und beginne hinter Ihm herzugehen. Auch und gerade bei Jesus gilt: Weg wird Weg

im Gehen. Schritt vor Schritt. Ich fange damit an.

Die blaue Schöpfung

Beim ersten Blick auf dieses Bild sieht man blau – und denkt sofort an

Himmel, Wasser, Erfrischung, Freizeit, Tiefe, cool! Blau symbolisiert zudem

Kraft: aber nicht die rote, feurige – auch nicht die grüne, organische und

nicht die still verborgene Kraft der braunen Erde. Blau symbolisiert das

Unendliche. Das Meer mit seinen endlosen Wellen ist blau – wie auch

der Himmel, der uns einen Blick ins Univer sum tun lässt. Blau ist die Farbe

der Tiefe, wo Sehn sucht und Lebensdurst wohnen. Diesem innersten

Wunsch nach Leben, Geborgenheit und einem echten Lebenssinn kann

nur Gott in seiner Treue entsprechen. Sein uneingeschränktes «Ja» steht

über jedem Menschenleben.

In der Farbharmonie des Künstlers mischt sich so mancher Ton, mit Pinsel

und Scanner aufgetragen. Das Blau der rissigen Jeans und die originellen

Buchstaben erinnern an Kreativität und Freiheit – aber auch daran, dass

sich jugendliches Leben nicht einfach anpassen will. Die einzelnen Buchstaben,

etwa so verschieden wie auch wir Menschen, bilden zusammen

eine Einheit und wei sen, wie jede Kreatur des Universums, auf den Schöpfer

hin: «God is creator of the earth», Gott ist der Schöpfer der Erde.

In seiner unermesslichen Kreativität hat Gott den schönen, blauen Planeten

mit seinen Elementen geschaffen. Er ist aber nicht nur Herr der sichtba ren,

sondern auch der unsichtbaren Welt: Er kennt unsere tiefsten Wünsche, Fragen, Gedanken und Gefühle. Er ist

der Gott der Tiefe und der Weite, weit über unseren Dimensionen – aber auch der Gott der Treue, symbolisiert

durch die Farbe blau.

Ruhe nach dem Sturm

(nach Markus 4.35-41) von Helmut J. Hehl

Diese Aufnahme erinnert an die Geschichte im Neuen Testament, wo Jesus Christus die tobende See zum

Schweigen brachte. Seine Jünger, erfahrene Fischer, kamen in Seenot. Durch Sturm und hohe Wellen bedroht,

gerieten sie in panische Todesangst. In ihrer Ohnmacht und Hilflosigkeit weckten sie Jesus, der mit dabei war

und schlief, und baten ihn um Hilfe. «Er stand auf, sprach ein Machtwort zu dem Sturm und befahl dem tobenden

See: ‘Schweig! Sei still!’ Da legte sich der Wind, und es wurde ganz still» (Vers 39).

Die Gegensätze in dieser biblischen Geschichte widerspiegelt auch unser Bild: Dunkelheit – und doch triumphiert

das Licht, panische Angst – und doch Zuversicht, spannungsgeladen – und doch still, zeitlos – und doch aktuell.

Sind nicht wir alle, genauso wie die Fischer damals, mit diesen Spannungsfeldern konfrontiert? Sind wir in der

heutigen Zeit nicht auf ähnliche Art und Weise Sturm und Wellen ausgesetzt wie die Fischer damals in diesem

alten hölzernen Kahn? Symbolisiert sie nicht auch die Situation der Kirche, die oft genau so hilflos und ohnmächtig

scheint – angesichts der persönlichen, gesellschaftlichen und politischen Probleme und Unsicherheiten?

Aber vergessen wir nicht, Jesus hatte noch rechtzeitig eingegriffen, als die Jünger ihn darum baten. Souverän

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Jesus

Helena Backmark

Abendmahl

Helena Backmark

sprach er ein Machtwort und erwies sich als Herr der

Lage: «… und es wurde ganz still». Diese Ruhe nach dem

Sturm ist beim Betrachten dieses Bildes spürbar. Die

Bedrohung, die durch die Gewalten der Natur ausging,

lässt sich noch erahnen, aber die Stille überwiegt und

das Licht dominiert die noch vorhandene, aber besiegte

Dunkelheit. Dieser Sieg gilt heute noch, auch wenn alles

zu wanken scheint und manchmal nicht der kleinste Hoffnungsschimmer

am Horizont zu sehen ist. Gott ist auch

heute noch Herr der Lage, wenn wir ihn Herr sein lassen

und ihn um Hilfe bitten. «Warum habt ihr solche Angst?»

fragte Jesus (damals die Jünger). «Habt ihr denn immer

noch kein Vertrauen?» (Vers 40). Wir tun gut daran, uns

dieser Frage immer wieder zu stellen – in den Stürmen

des Lebens, beim Treffen wichtiger Entscheidungen und

auf der Suche nach Ruhe und Erfüllung.

Es ist mehr als ein einfaches, technisch gelungenes Bild von Jesus. Jesus

steht vor dir und schaut geradewegs in deine Augen, er bringt die Botschaft

der Barmherzigkeit. Sein Blick berührt die Tiefe deines Herzens.

Seine Füsse, seine Hände, sein ganzes Sein bewegt sich dir zu, bahnt

einen Weg des Lichts in der Finsternis, Finsternis wie Verletzungen, Angst,

Scham, «geliebte Sünden», Krankheiten, auch wenn all dies vorerst goldig

erscheint. Seine Hände, seine Arme und sein Gesicht sind bereit, dich zu

umgeben, mit seiner Zärtlichkeit dich zu schützen, dir Leben zurückzugeben.

Seine Verletzungen werden im Hintergrund dunkelrot dargestellt. Im

Vordergrund – hell beleuchtet durch das Licht – sein Gesicht, seine Hände,

Arme, Füsse und Beine. Es ist wie Jesus durch die Mauer seiner Kammer

schreitet um die Jünger zu treffen. Der Auferstandene kommt durch deine

Mauer deines Selbstschutzes um dir zu sagen: «Friede sei mit Dir». Dies

hat er schon damals zu Thomas gesagt und ihm die Wundmale gezeigt.

«Fürchte dich nicht, denn ich bin bei dir bis ans Ende der Welt.»

Oben links im Hintergrund ist das dunkle, leere Kreuz mit dem Licht des

Vaters, der Jesus sendet, dir zu begegnen.

Und auf dem Herzen Jesus’ im dunkelroten Teil entdeckst du ein kleines

Fenster mit den hebräischen Worten: «Vater, vergib ihnen, denn sie wissen

nicht, was sie tun». Das sind seine Schmerzen, verursacht durch unsere

Verfehlungen. Gleichzeitig offeriert er dir sein Erbarmen, seine Vergebung, seinen Schutz. Sein Friede, der all

unseren Verstand übersteigt. Sein Leben, dein ewiges Leben. Dein Jetzt und Hier wird zur Gegenwart Gottes.

Wie S. Augustin sagte: «Werde der du bist!»

Abendmahl, 2000 Jahre alt? Nein. Es ist der Herr, der dich ganz persönlich einlädt, jetzt und immer wieder die

Gemeinschaft mit ihm zu teilen. Erkennst du unter all den Inschriften den an dich adressierten Einladungsbrief?

Dieser leidende, blutende Herr ist der Auferstandene. Das Dreieck in der Bildmitte stellt das Licht der Welt dar,

das er vom Vater erhält. Von seinem Zentrum aus (gemeint ist damit der «goldige» Bauchnabel) reflektieren

diese Strahlen in seine Umgebung bis ans Ende der Welt, dargestellt durch die zwei Kreisbogen. Das Leben von

Christus durchschreitet den ganzen Globus: Unten links ist die lkone «Jungfrau der Zärtlichkeit», Symbol seiner

Kindheit bis hin zur Auferstehung, gekennzeichnet durch das leere Grab ganz rechts.

Der Auferstandene lädt dich ein zum Mahl der Vergebung und der Versöhnung, des Wiedersehens, des Bündnisses,

die Anfänge der «Hochzeit des Lammes».

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Rechts von Jesus sitzt Petrus, die Augen

verdeckt durch die «Scham seines Verrates»,

der Einladungsbrief genau diesen Schleier

berührend. Petrus antwortet, indem er die

Einladung annimmt und dabei ist. Gott lädt

alle Petrus’ ein, die Masken niederzulegen

und das Licht aufzunehmen. Links von Jesus

ein anderer Jünger, Judas: Im Gegensatz

zu der gebenden Geste von Jesus eher in

sich gebeugt, etwas bedrängt durch einen

anderen Jünger. Der Herr teilt aus, aber

Judas kann nicht warten. Er muss nach

seinen eigenen Ideen handeln. Er nimmt das Brot und den Wein, ohne dass er gesegnet und es ihm ausgeteilt

wurde. Gott lädt auch die Judas’ ein. Er lädt sie ein zu warten, den Segen zu erhalten bevor eine Gabe und

einen Segen für andere zu sein.

Und dann hat es noch die anderen. Die, die verkrampft beten, solche die stehen, bereit zu handeln (rechts),

und diese wie Johannes, links, ganz nahe bei Jesus. Sie warten. Die Trinkschalen sind auf dem Tisch, auch jene

von Jesus. Sie erwarten die Zeit des Herrn, seinen Segen.

Dein Leben ist berufen, ein Abendmahl zu sein: auserwählt, gesegnet, zerbrochen, dann wieder ausgeteilt und

multipliziert. Du trägst mit Jesus die Schmerzen, die Zerrissenheit, die Blindheit unserer Welt, auf dass das Licht

der Auferstehung ausgebreitet wird. Die Liebe, das Leben.

Transformation

Urs Lüthi

Gestein, geformt und geschliffen durch Wassermassen,

die während Jahrtausenden ihren Weg durch

diese Slot Canyons suchten. Ecken und Kanten wurden

zu runden Bogen und schwungvoll gestalteten

Formen. Wie mögen diese Felswände vorher ausgesehen

haben?

Licht und Dunkelheit prägen als Gegensätze dieses

Bild – ein eindrücklicher Vergleich zu unserem Leben.

Kennen wir sie nicht auch, die dunklen Schattenseiten?

Vielleicht sind es Ängste, Einsamkeiten, Gedanken,

die wir niemandem sagen können, unser eigenes

Versagen oder das Gefühl, weit weg von Gott zu sein.

Wir können diese Dunkelheiten nicht einfach aus unserem

Leben verbannen. Es geht auch nicht darum,

sie zu verdrängen oder zu ignorieren. Viel wichtiger ist

es, die Chance zu ergreifen, ehrlich mit sich selber zu

sein, die persönlichen «Ecken» und «Kanten» schleifen

zu lassen und Veränderung zu wagen. Und dies ist ein langer, nicht immer einfacher Prozess, gibt dem Leben

jedoch eine ganz neue Perspektive. Dabei ist nicht die Leistung gefragt, sondern die Offenheit gegenüber uns

vielleicht noch fremden Gedanken.

Wenn wir Jesus Christus in die Probleme und Nöte miteinbeziehen, haben wir die Hoffnung, dass Licht in unser

Leben dringt. Denn er sagt von sich selbst: «Ich bin das Licht der Welt.» Als Sohn Gottes hat er uns mit seinem

Leben und Sterben auf dieser Welt den Weg zum himmlischen Vater gebahnt. Nicht eine Rennbahn, aber einen

gehbaren Weg. Dieser Weg ist einmal geheimnisvoll, einmal dunkel und mit Schwierigkeiten verbunden und

einmal hell beleuchtet. Niemand kennt alle Einzelheiten zum voraus, vieles bleibt verborgen. Aber die Verheissung,

dass der Herr uns Menschen ans Ziel führt, ist allen gewiss, die ihm vertrauen. Und hören wir doch auf

sein Wort in Micha 7, 9: «Er wird uns aus dem Dunkel ins Licht führen. Wir werden es erleben, dass er uns rettet.»

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Blick nach oben

Stephan Zwygart / Ulrike Schillmeier

Ein wunderschöner, sonniger Tag mit strahlend blauem Himmel – ich

laufe etwas entfernt von den anderen – und plötzlich stehe ich vor

drei Birken. Ihre glatten Stämme ziehen meinen Blick nach oben. Ich

lege mich ins Gras, meine Arme verschränke ich hinter dem Kopf,

meine Füsse berühren den mittleren Stamm.

Später erzähle ich meinen Freunden, was ich gesehen habe. Es

war mehr als nur eine Formation von drei wunderschönen, gerade

gewachsenen Birkenstämmen, deren hoch ansetzende, gelbgrüne

Laubkronen sich vor dem tiefen Azurblau abhoben und durch die

ein sanfter Wind strich.

Ich habe ein Kreuz gesehen. Das Zeichen, das als Symbol dafür

steht, dass Jesus Christus die Schuld der Welt gesühnt hat und so

die Verbindung von der «Erde» zum «Himmel» wieder hergestellt

ist. Ich habe an das Kreuz gedacht, an dem Jesus Christus für meine

Sünden gestorben ist.

Und dann die drei einzelnen Birken, deren Kronen sich zu einem Kreis

schliessen. Ein Bild dafür, dass Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist ist,

genannt die Dreieinigkeit. Drei einzelne «Personen» mit verschiedenen

Funktionen, und doch gehören sie zusammen und bilden eine

unzertrennliche, vollkommene Einheit. Licht und Schatten treffen

sich – mitten auf den Stämmen. Wie war das nur schon beim soeben erwähnten Kreuz? Hat nicht gerade das

Sterben und Auferstehen von Jesus eine scharfe Trennung von Licht und Finsternis bewirkt?

Der Hintergrund: Blau. Blau, die Farbe, die für die Hoffnung steht. Wir haben Hoffnung. Noch mehr: Wir sind

zur Hoffnung berufen, wie es in Epheser 1.18 steht: «Er öffne euch die Augen, damit ihr seht, wozu ihr be-rufen

seid, worauf ihr hoffen könnt und welch unvorstellbares Erbe auf alle wartet, die an Christus glauben.» Es ist

gerade der «Blick nach oben», der uns diese neue Hoffnung schenkt.

Was ich erzähle, löst unterschiedliche Reaktionen aus. «Was für eine Idee, es waren doch nur drei Birken», rief

einer, ein anderer Freund war tief bewegt und sagte: «Nun begreife ich, was gemeint ist, wenn in Römer 1

Vers 20 steht: Gott ist zwar unsichtbar, doch an seinen Werken, der Schöpfung, haben die Menschen seit jeher

seine göttliche Macht und Grösse sehen und erfahren können.»

Hören

Farbfenster von Felix Hoffmann (1911-1975)

In der reformierten Kirche Bellach im Kanton Solothurn sind seit dem

Jahre 1957 in die rechte vor dere Stirnwand vier Scheiben von Felix

Hoffmann, dem bekannten Aarauer Künstler, eingefügt. Die Kirche

hat einen fünfeckigen Grundriss und empfängt durch diese Glasfenster,

die in die hell graue Wand eingelassen sind, eine Atmosphäre der

Sammlung und Stille. Alle vier Quadrate sind sehr hell gehalten und

stehen auf der Innenseite der Wand, so dass eine Tiefenwirkung bis zur

äusseren Fensterscheibe entsteht. Bei unserm Farbdruck ist deshalb an

den Rändern (aus ser links) ein dunkler Schatten zu sehen.

Unsere vorliegende Scheibe eröff net den Zyklus und befindet sich links.

Neben ihr folgt zum Stich wort «Sehen» ein Kelch und ein Frauenantlitz,

hernach die Scheibe «Beten» mit einem kleinen Mäd chen und dessen

Mutter und ganz rechts das vierte Fenster «Helfen» mit einem Gesicht,

das von der Hand eines Mitmenschen gestützt wird und aus einer

Schale zu trin ken erhält.

Wir wenden uns der Scheibe «Hö ren» zu, die wir mit besonderer Freude und im nochmaligen Ge denken an

den verstorbenen Felix Hoffmann hiermit ein wenig be kannt machen möchten.

Zwei Wesen sind darauf abgebil det: Ein Mensch und ein Vogel. Um sie herum ist in bräunlichen, graublauen

und weisslichen Farb tönen das Gehäuse angedeutet, in welchem sich dieser Mensch befindet und in das der

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Vogel von oben her hineinstösst. Wir wollen zunächst das mensch liche Antlitz und die sprechende Gebärde

dieses Menschen ein we nig näher betrachten und auf uns wirken lassen:

In gesammelter Aufmerksamkeit scheint hier jemand etwas zu hö ren. Die beiden Hände verstärken die Schale

und das Hinhalten des Ohres wie bei einem Menschen, der ganz, ganz genau hinhören will. Damit nichts von

aussen stö ren kann und um diesen Eindruck noch zu erhöhen, sind beide Augen geschlossen. Auch der Mund

ist zu. Ein Mensch hört. Felix Hoff mann hat in diese Geste den In begriff allen Hörens hineingelegt, das Hören

an sich spricht aus die ser Farbscheibe zu uns. Dem ruhigen, gesammelten Ge sicht ist anzusehen, was es hört.

Die Farbe Grün in der linken Gesichtshälfte weist darauf hin, dass hier etwas Hoffnungsvolles, etwas Leben

und Zuversicht Schaffendes vernommen wird. – Damit sind wir beim zweiten Le bewesen, beim taubenartigen

Vo gel. Er stösst mit grosser Kraft von oben her pfeilartig nach unten. Eine so grosse Zielgerichtetheit spricht

daraus, als gäbe es nur gerade diesen einen Menschen, zu welchem er fliegen will. Gleich zeitig breitet er den

einen Flügel so weit aus, dass er den Menschen damit schirmt und dieser sich dar unter zu bergen vermag. Der

kühne Vogel ist in blauer Farbe gehalten. Blau ist die Farbe des Himmels und gleichzeitig auch des Glaubens.

Rund um den Vogel

sind an ein paar Stellen kleine rot aufleuchtende Flecken: Hinweis auf das Feuer, das den Vogel an treibt und

als Boten zum Men schen ausschickt. Unser Bild ist eine symbolische Darstellung. Es geht darin um ein ganz

besonderes Hören. Die Taube ist ja seit alters Symbol und Sinn bild für den Heiligen Geist. Es ist die Stimme

Gottes, auf welche dieses Menschengesicht in seiner Versenkung so intensiv zu hören versucht. Und deshalb

haben wir das Werk Hoffmanns unter die Konfirmandenscheine aufgenom men. Wir wünschen ihm da und dort

in einem Zimmer einen guten, stillen Platz an einer Wand, wo der Blick eines jungen oder älteren Menschen

darauf fallen kann.

Man muss mit diesem Bild lange zusammenleben. Immer wieder kann man es betrachten. Immer neu fällt mein

Blick darauf. Ich freue mich daran. Ich kann mich hineinversenken. Ich darf mich selber darin sehen. In diesem

hö renden, empfangenden Menschen stecke ich selber. Durch das Ge wirr von Stimmen und Geräu schen, durch

Lärm und wirre Töne vernehme ich die Stimme meines Schöpfers.

Ein dauerndes Bedürfnis spricht aus dem Bild, ein lebenslanges Be mühen: «Rede, lieber Herr, dein Geschöpf

hört!» Erstaunt und be glückt sehe ich, wie die blaue Taube dicht ans Ohr geflogen kommt und mir die frohe

Nach richt zuflüstert und zuzwitschert: «Du gottgeliebter Mensch bist le benslang bei ihm geborgen.» Eigentlich

beginnt erst jetzt die Zwiesprache mit dieser Farbschei be. Ich wünsche dem Betrachter, dass er hierbei immer

neu jene fröhliche Folge erlebt: Hören - Sehen - Beten - Helfen.

Helfen

Farbfenster aus einem Bilderzyklus von Felix Hoff mann (1911-1975) in der reformierten Kirche in BeI lach (Kt. Solothurn).

Am Südfuss des Jura, zwischen Solothurn und Gren chen, liegt das kleine

Dorf Bellach, für dessen moder ne reformierte Kirche der Aargauer Künstler

Felix Hoffmann vier Farbfenster geschaffen hat. Schon ihre formale

und farbliche Gestaltung deutet auf ihren inneren Zusammenhang, der

denn auch in ihrer inhaltlichen Aussage klar zum Ausdruck kommt. Dargestellt

sind: Ein Hörender (1. Bild), ein Kelch und ein Frauenantlitz (2.

Bild), ein betendes Mädchen (3. Bild) und ein Hilfsbedürftiger mit seinem

Helfer (4. Bild).

HÖREN – SEHEN – BETEN – HELFEN heissen die Stichworte, mit denen

die Botschaft der vier Fenster signalisiert wird. Wer sie in Ruhe überdenkt

und die Bilder auf sich wirken lässt, entdeckt auf einmal, dass hier nicht

nur das Grundthema des reformierten Got tesdienstes anklingt, sondern

des christlichen Lebens überhaupt. Christsein ist keine moralische Qualität,

durch die Christen sich von andern Menschen unter scheiden. Christen sind Menschen wie alle andern, mit

ihrem Auf und Ab, mit ihren Vorzügen und Schat tenseiten, mit ihren Gaben und ihren Grenzen. Was sie von

andern unterscheidet, ist die Beziehung, in der sie stehen und aus der sie zu leben versuchen. Christus hat sie

in seine Nachfolge gerufen und nimmt Einfluss auf ihren Weg, auf dem sie zusam men mit ihren Mitmenschen

unterwegs sind.

Um sich auf diesem Weg zu orientieren, hören sie auf Gottes Stimme, wie sie uns im Wort der Bibel und auch im

Zeugnis der Gemeinde entgegenkommt. Sie beginnen auch, etwas zu sehen von den Spuren sei nes Wirkens,

nicht nur dort, wo Gutes gelingt, auch in den Tiefen des eigenen Versagens, dem das Angebot der Versöhnung

gilt, wie es uns durch die Gaben des Abendmahls vermittelt wird. Vor allem beten sie – für sich selbst und für

andere, für unsere bedrohte Welt und für den Weg der Kirche – um offen zu sein für Gottes Weisung und Hilfe.

Daraus entsteht dann auch eine neue Beziehung zu den Mitmenschen, die sich äussert im gegenseitigen helfen

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mit den Möglich keiten und Kräften, die uns gegeben sind.

Von diesem HELFEN redet das hier vorliegende vierte Bild aus der Serie von Felix Hoffmann. Mit seinen einfachen

Formen und seiner sparsamen Farbgebung spricht es unmittelbar zu uns. Der Blick fällt zuerst auf den

grossen fast waagrecht liegenden Kopf mit den beiden so auffallend verschiedenen Gesichtshälften. Eine Hand

stützt ihn von unten; eine andere Hand bringt ein mit Wasser gefülltes Gefäss in seine Nähe.

Wer mag dieser auf seinen Kopf und ein kleines Stück Hals reduzierte Mensch sein? Deuten vielleicht die beiden

Gesichtshälften – die dunkle und die helle – auf verschiedene Seiten seines Wesens? Oder spie gelt sich darin

seine soziale, gesellschaftliche oder gar rassische Eigenart? Ist es Zufall, dass die braune Haut dominiert? Der

hier Liegende braucht Hilfe, das ist keine Frage. Seine geschlossenen Augen, sein kaum geöffneter Mund, auch

die auf seine Stirn fallende Haarsträhne unterstreichen seine Unfähigkeit, sich selber zu helfen. Denkt Hoffmann

vielleicht an das Urbild des Hilflosen, von dem Jesus im Gleichnis erzählt hat, der auf der Strasse von Jerusalem

nach Jericho Räubern in die Hände fiel, die ihn schlugen und halbtot liegen liessen (Lukas 10,30)? Oder denkt

er an jene Rede Jesu vom Endgericht, wo er von Hun gernden und Dürstenden, von Fremdlingen und Nackten,

von Kranken und Gefangenen spricht und von dem, was wir für sie getan oder nicht getan haben (Matthäus

25,31ff)? Sind sie nicht alle unter uns? Liegen sie nicht genau so am Wegrand unserer Zeit als Frage nach unserem

Helfen, nach dem Mut und der Fanta sie unserer Liebe?

Der Helfende ist auf dem Bild nicht zu sehen. Nur seine Hände sind da. Auf sie kommt es an. Hände machen

keine Worte. Hände handeln. Sie greifen zu. Sorgsam beide, ohne jede Zudringlichkeit. Und doch bestimmt,

weil sie wissen, was hier nottut. Die Rechte hat den Kopf des Darniederliegenden unterfangen. Sie versucht, ihn

aufzurichten. Die Linke hält in einem Gefäss labenden Trank an seine Lippen. Er wird den Dürstenden erquicken

und ihm neuen Lebensmut geben. Beide Hände sind Zeichen der konkreten Zuwendung, der Überwindung

der Resi gnation, einer echten Mitmenschlichkeit

Solche Hände sind gefragt, auch Herzen und Gedan ken, die sie in Bewegung setzen. Sie können viel ver ändern.

Sie schaffen Vertrauen. Sie geben Hoffnung. Nicht nur auf der Ebene von Mensch zu Mensch, auch im Spannungsfeld

der sozialen und politischen Fragen, in der bedrohten Welt, in der wir miteinander unterwegs sind.

Freiheit

Der freiheitsliebende Mensch ist im Mittelpunkt der

Schöpfung, umgeben vom Sonnenlicht der Dämmerung

und der Dunkelheit.

Das Bild lässt viele Interpretationen offen. Hören

wir den Menschen sagen: «Herr, wer bin ich? Hineingestellt

in eine Welt, die so riesig zu sein scheint,

so un endlich, wie das Universum selbst. Und doch

gibt es Wegweiser. Da steht ein Baum rechts und

ein anderer links von mir. Ich stehe auf der Erde und

habe die Sonne vor mir, den Himmel über mir. Woher

komme ich und wohin soll ich gehen?»

Es sieht so aus, als ob die Suche nach dem richti gen

Weg eine Sache der Entscheidung des Men schen ist.

Immer. Nichts geschieht einfach nur so. Am Anfang

der Bibel spricht Gott von den beiden Bäumen im

Paradies. Den einen Baum nannte er den Baum der Erkenntnis und meinte damit die Fähig keit, das Gute vom

Bösen unterscheiden zu kön nen. Es war eine Erkenntnis, welche die Menschen zu Sklaven von Gesetzen, Denk-

und Wertesyste men machte. Der andere war der Baum des Le bens. Wer von dessen Früchten ass, wurde heil

und gesund. Der Baum des Lebens als Symbol für Je sus Christus, der aus Gnade erlöst, nicht weil wir ein Gesetz

befolgen. Wir stehen im Spannungsfeld zwischen Gesetz und Freiheit, Religion und Evan gelium. Es geht nicht

in erster Linie darum, das «Buch auswendig zu lernen», wovon Gott spricht, sondern es geht um eine lebendige

Beziehung zu dem lebendigen Gott, von dem die Bibel erzählt.

Hören wir das Gebet des Menschen vor uns: «Herr, Du hast mich als Wesen geschaffen, das einen freien Willen

hat. Doch ich weiss, dass in mir selber nicht nur Gutes ist. Ich brauche Deine Hilfe, um meinen Weg im Leben

zu finden und zu gehen. Deshalb stehe ich vor Dir, um mich von Dir umar men zu lassen und Deine Liebe in

mich aufzuneh men. Das ist meine Entscheidung für Dich. Segne mich! Denn Jesus Christus, Du hast es selbst

ge sagt: Wer in dir bleibt und du in ihm, der ist wie ein Baum, der Früchte hervorbringt. Gute Früchte. Amen.»

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Go for it

Für uns eine bekannte Situation: Als Einzelkämpfer oder als Mannschaft

beginnt man ein Spiel oder ei nen Wettkampf. Alle haben dasselbe Ziel

und für alle ist klar: jeder will gewinnen, jeder will der Erste sein, jeder will

den Siegespreis: die Goldmedaille. Einmal gestartet gibt jeder das Beste,

ganz nach dem Motto: Al les oder nichts! Nie mand lässt sich ablen ken,

was rechts oder links geschieht – nur noch das Ziel ist von Bedeutung.

Das Bild zeigt eine Gruppe Inline-Skatern. Auffallend nahe an einander

folgt einer dem andern – im Wis sen, dass man im Windschatten der

Vorangehenden Kräfte sparen kann. Dies setzt aber voraus, dass sie sich

als Gruppe auf ein Tempo einigen. Sie bewältigen den Lauf gemeinsam,

und trotzdem bleibt jeder ein Indivi duum. Dafür spricht die Tatsache,

dass jeder eine andere Sportbekleidung trägt.

Die folgenden Verse aus Philipper 3,12-15 weisen darauf hin, dass bereits

der Apostel Paulus dieses Bild in der Bibel gebraucht hat: «Dabei ist mir

klar, dass ich dies alles noch lange nicht erreicht habe, dass ich noch nicht

am Ziel bin. Doch ich setze alles daran, das Ziel zu erreichen, da mit der

Siegespreis einmal mir gehört, wie ich jetzt schon zu Christus gehöre.

Aber eins steht fest, dass ich alles vergessen will, was hinter mir liegt. Ich

konzentriere mich nur noch auf das vor mir liegende Ziel. Mit aller Kraft laufe ich darauf zu, um den Sie gespreis

zu gewinnen, das Leben in Gottes Herr lichkeit. Denn dazu hat uns Gott durch Jesus Chri stus berufen.»

Im Leben sind wir immer wieder herausgefordert, unsere Zielsetzung neu zu überdenken. Ist es eine berufliche

Karriere, ist es eine eigene Villa oder viel Geld auf dem Konto? Oder möchte ich berühmt werden und zu den

«Prominenten» gehören? Es ist offensichtlich, dass Paulus nicht solche Ziele gemeint hat. Er meint damit ganz

einfach: nahe bei Christus sein.

Und was ist mit dem Preis? Verspricht Gott auch eine Goldmedaille oder einen Pokal? Auch in die ser Hinsicht

werden wir mit ganz anderen Dimen sionen konfrontiert: Hier geht es um Gerechtigkeit und ewiges Leben –

um weit mehr als um ein Stück Gold oder Edelmetall.

Unser Leben ist kein Spaziergang. Immer wieder gibt es Herausforderungen, die es zu überwinden gilt. Und

– wie packen wir es an? Versuchen wir, al les alleine zu meistern oder nehmen wir die Gele genheit wahr, die

Hilfe von anderen Menschen in Anspruch zu nehmen und den Lauf des Lebens ge meinsam zu bestreiten? Die

Familie, eine Gemeinde oder die Gemeinschaft mit anderen Christen bie tet uns das nötige Umfeld dazu. Sind es

nicht oft gerade die schwierigen Zeiten, in denen wir erfah ren, dass wir auf andere angewiesen sind? Nehmen

wir doch bereits während der Jugendzeit die Gele genheit wahr und nützen wir das Potential, welches in einer

Gruppe Menschen zu finden ist!

«Jesus Christus – derselbe gestern, heute und in Ewigkeit.»

Zeitlos! Der Künstler Frank Baumann hat im Bild weggelassen, was immer

man weglassen kann, – geblieben ist das Kreuz. Grün übrigens, in der

Hoffnungsfarbe. Jesus hat auf der Via Dolorosa, dem Kreuzweg durch die

Stadt, zu den Frauen gesagt, die ihn trösten wollten: «Wenn solches schon

am grünen Holz geschieht, was wird erst mit dem dürren werden?» Also

kein schwarzes Kreuz, nicht das Rote, das Blaue, nicht das Weisse, sondern

Frühlingskraft. Leben im Ringen mit dem Tod, Leben selbst im Sterben für

andere.

Diesem Weg, den Jesus vorangegangen ist, gehört nach wie vor auch die

Zukunft; er ist weg weisend und bahnbrechend und ist der unver zichtbare

Widerstand gegen den Trend, wonach der Mensch nicht mehr über sich

hinaussieht (und sehen soll), weil das ach so arme und bedrohte Ich der

Wohlstandsverwahrlosten sich selber unbedingt braucht, in Selbstbestätigung

und Nabelschau. Dagegen nun das kraftvolle Grün des Verzichts,

der Hingabe an ein Reich, das uns übersteigt. Und noch blau. Blau hat

der Künstler als Hintergrund gewählt, weil es die Farbe des Bleibenden

ist. Warum? Grün vergeht jeden Herbst, und sogar rot verblutet einmal,

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Verliebtheit flacht ab, Rosen verblühen. Aber der Himmel bleibt blau, Sommer und Winter, abgese hen von

vorüberziehenden Wolkenfeldern. Das Bleibende der Liebe, die Treue also (in alter Sprache «Amen») ist die

Grundlage von allem, was Jesus getan hat: Er hat uns nie aufgegeben, auch nicht in der letzten Nacht. In diesem

Blau ist die bewegte «Bahn» verborgen. Sie führt vor wärts und aufwärts zum Vater. Jesus ist diese Bahn,

bei ihm lernen wir Treue kennen.

Zeitlos? Wie gesagt: In Ewigkeit, in Treue, unwan delbar. Trotzdem nicht zeitlos. Gerade die expres sive Darstellung

und Wahl der Farbe zeigt etwas von der Video-Clip-Kultur. Fast hingeworfen, ein Blitzlicht, ein Schnappschuss,

ein Impuls – für Leute von heute. Denn Christus ist ja auch für heute derselbe, für eine impulsbewegte Gesellschaft.

Das Sujet war ursprünglich als Briefmarke geplant – man wollte sich damit einen Gruss zuschicken. Dies

ist nicht zustandegekom men. Dafür kann der Impuls nun aus irgendeinem Winkel der Wohnung kommen, z.

B. in der Nähe der Garderobe, bevor man das Haus in Eile ver lässt: in goldenen Buchstaben ein Name, eine

Zuflucht, eine Geborgenheit für jede Situation, die heute auf mich zukommt …

Loslassen

Eine Blütezeit ist vorbei. Vom Löwenzahn, der einmal gelb

geleuchtet hat, sind nur noch verblühte Samen übrig. Einer

nach dem andern wird vom Wind weggetragen. Wie dem

Zufall überlassen, fallen sie wieder auf den Boden – niemand

weiss genau wohin. Jeder Einzelne ist dazu bestimmt, selber

Wurzeln zu schlagen. Alle Voraussetzungen sind vorhanden,

später selber als neue Blume zu wachsen und zu blühen.

Kennen wir solche Situationen in unserem Leben? Ein neuer

Abschnitt, eine neue Phase beginnt. Es gilt, das Altbekannte

zu verlassen, den Sprung ins Ungewisse zu wagen, zu neuen

Ufern aufzubrechen. Grenzen werden gesprengt, Horizonte

erweitert. Das sind in der Regel nicht einfache Prozesse. Oft

werden diese durch Ängste und Unsicherheiten begleitet.

Was wird die Zukunft bringen? Werde ich Entscheide bereuen?

Haben meine Träume und Visionen eine Chance, Wirklichkeit zu werden? Schaffe ich den Sprung in

die Selbständigkeit? Bin ich den Anforderungen, welche mein Leben an mich stellt, gewachsen? Wir realisieren

plötzlich, wie Sicherheiten, denen wir vertrauen, auf einmal den erwarteten Schutz nicht mehr bieten. In solchen

Zeiten dürfen wir darauf bauen, dass wir nicht alleine dastehen. Wenn wir Gott darum bitten, wird er unsere

Schritte führen und uns versorgen mit allem, was wir brauchen. Das Bild erinnert uns unmissverständlich daran,

dass jede Blume einmal verwelkt, jeder Mensch einmal stirbt. Doch Gott schenkt neues Leben. Er vergleicht uns

mit einem Samenkorn, das in die Erde fällt und – wenn es gestorben ist – zu neuem Leben erwacht: «Denn

Gott wird uns vom Tod zum ewigen Leben auferwecken, so wie er Christus durch seine Kraft auferweckt hat.»

(1. Korinther 6, 14)

Regenbogen

Stefan Zwygart

Wow — ein Regenbogen! Er weckt viele Erinnerungen

in mir. Ich kenne niemanden, der beim Anblick dieses

Naturwunders in eine schlechte Gefühlslage gerät,

denn unter allen Himmelszeichen ist der Regenbogen

Symbol für Harmonie und Verbindung. Er ist unglaublich

erhaben und doch bescheiden —fängt unten

an, geht bis oben ans Himmelszelt, kommt wieder nach

unten. Er ist nichts für Streber. Er ist auch nicht gotisch,

kein Spitzbogen. Er betont keinen Abschnitt. Dafür hält

er eben alles zusammen. Es ist dieses Wahr zeichen der

Hoffnung, welches Gott Noah nach der grossen Katastrophe

der Sintflut gab: Nie mehr sollen die Wassermassen

die Welt in eine Arche von Überlebenden und in

einen riesigen Friedhof zerteilen. Selbst wenn ein Kind

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die Geschichte von Noah nicht kennt, versteht es die tiefe Botschaft des freundlichen Bogens.

Er könnte auch ein Bogen aus gewöhnlichem Licht wie eine grosse gekrümmte Neonröhre am Himmel sein.

Man stelle sich eine solche Lichtwurst vor. Nun aber ist der Regenbogen als Anfang aller Ma lerei selbst schon

ein unübertreffliches Farbbild. Die Physiker erklä ren uns, warum sich das Licht in diese sechs Farben aufteilt: Es

wird in Wassertröpfchen gespiegelt und «gebrochen». Es wird sogar «zerlegt» in seine verschiedenen Wellenlängen,

von rot bis violett. Das Licht beginnt, von sich selber zu erzählen, wenn es auf Wasser trifft. Es offenbart

sein buntes, reiches Innenleben. Es erzählt von Liebe (rot), Treue (blau), Hoffnung (grün), Freude (gelb) und

noch viel mehr. Und wenn Jesus sagt: «Ich bin das Licht der Welt», sollte man nicht an eine Glühbirne denken

oder an eine Neonröhre, schon eher an ein Kerzenlicht, aber ganz bestimmt an den Regenbogen. Hier zeigt

sich der Reichtum des Lichts.

Als ich sechs Jahre alt war, wollte ich mit einem meiner jüngeren Brüder unter dem Regenbogen durchlaufen.

Wir starteten in Rich tung des bewaldeten Hügels, über dem der Bogen in der Abendsonne stand. Aber keine

Chance, der Bogen wanderte mit! Nun stellt euch vor, der Regenbogen stünde fix an einem Ort. Er würde

seinen ganzen Charme der Übernatürlichkeit verlieren. Das Ge heimnis liegt im persönlichen Versprechen des

Schöpfers an seine Geschöpfe, sie nicht im Stich zu lassen. Deshalb hat jeder Mensch seinen eigenen Bogen,

einen Bogen speziell für ihn, den er mit seiner persönlichen Perspektive wahrnehmen darf.

Was für ein Zeichen für den kommenden Lebensweg. Gott wird dir nicht hin und wieder irgendeinen Bogen

geben, mal klein, mal oval, mal schön, mal schräg. Nein, er wird dir deinen Bogen geben, als Zeichen zwischen

ihm und dir — dir ganz persönlich, als einen Gruss an dich. Mit dieser Freude will er dich an seinen Bund mit

dir erin nern. Wie viele Leute haben mir schon erzählt, dass sie genau im richtigen Augenblick, wie ein Zeichen

vom Himmel, einen Regenbogen sahen. Manchen zur Ermutigung, anderen zum Trost. Oder so wie an unserer

Hochzeit, als es ohne Unterlass regnete. Alles war «verhangen». Aber für Minuten riss der graue Vorhang auf,

und über dem Gürbetal stand ein prächtiger Regenbogen. Sonne und Regen — das wird es beides im Leben

geben — aber dass es zusam mengehört als etwas Ganzes, das erzählt der Bogen am Himmel, und das bestätigt

das Leben von Jesus, der diesen Bogen erfunden hat.

Neues Erwachen

Urs Lüthi

Ein Vulkan bricht aus. Es zischt und donnert. Begleitet von

imposanten, mächtigen Rauchwolken steigt tief aus dem

Erdinneren heisses, flüssiges Gestein nach oben. Die Gesteinsschmelze,

das Magma, kann bis zur Erdoberfläche

vordringen und als Lava ausströmen. Gelangt diese Masse

mit 1150°C ins Meer, beginnt selbst das Meerwasser zu

brodeln. Ob wir ein solches Ereignis als «Naturspektakel»

oder «Katastrophe» bezeichnen, hängt von der Perspektive

ab. Sind wir als Bewohner betroffen oder Beobachter aus

der Ferne? Furcht und Faszination sind nahe beisammen.

Die Medien berichten von mehreren zehntausend zur Evakuation

gezwungenen Menschen und nicht selten ist eine

grosse Anzahl Opfer zu beklagen.

Unser Bild zeigt die Spuren eines soeben beschriebenen

Vulkanausbruchs. Zurück bleiben die wellenartigen Struk turen. Sie sind Zeugen eines Lavastromes, der mit seiner

zerstörerischen Hitze über dieses einst fruchtbare Land den Tod gebracht hat. Seither ist viel Zeit vergangen.

Durch die Abkühlung sind die Spalten grösser geworden, doch mes serscharf ist das Gestein geblieben. Zerfetzte

Schuhsohlen und offene Schürfungen sind keine Seltenheit.

Und doch — welch ein Wunder — plötzlich spriesst Leben hervor! Ganz zart, aber unmissverständlich trotzt die

blü hende Blume dem Tod und proklamiert das Leben. Das Unvorstellbare ist wahr geworden. Sie ist Symbol

für Hoff nung, Fruchtbarkeit und für eine Neuschöfpung.

Kennen wir solche Situationen aus dem Alltag? Ein einziger Schicksalsschlag deckt wie ein Lavastrom alles Leben

zu. Angst, Schmerz, Rebellion lassen uns erstarren. Der Tod will zum Nachbar werden.

«Ich bin die Auferstehung und das Leben. Wer an mich glaubt, der wird leben, selbst wenn er stirbt», sagte

Jesus Christus von sich (Johannes 11,25).

Was braucht es nun, damit auch in unserem Leben eine neue Blume zum Blühen kommt?

Achten wir auf die Botschaft der Bibel, merken wir, dass Gott diese Hoffnungslosigkeit, diese Zerstörung kennt

und auch dementsprechend gehandelt hat. Genau deswegen kam Jesus auf die Welt, lebte unter uns bis er

gekreuzigt wurde. Mehr noch: Derselbe, welcher der Blume die Kraft gibt zu blühen, bringt Licht in die Dunkelheit.

Sie muss weichen. Ist das nicht Grund genug, mit neuem Mut aufzu stehen?

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Gipfelkreuz

Franz Kühni

Der Geist Gottes schwebte über dem Wasser. Und Gott

sprach: «Es werde Licht!» Und es ward Licht. (1. Mose 1,2f).

So könnte es ausgesehen haben, damals, ganz am Anfang,

als der Schöpfer das Urlicht aus der Finsternis hervorrief und

Sein Geist über dem Wasser schwebte. Eine Stimmung voller

Harmonie und Frieden muss geherrscht haben, nachdem der

Ewige sich ent schloss, seine Ewigkeit und Allgegenwart ein

Stück weit zurückzunehmen, um seiner Schöpfung Zeit und

Raum zu schenken. In seiner unendlichen Liebe hat Er sich

in der Schöpfung ein Gegenüber geschaffen, das ein Abbild

seiner Liebe und Harmonie, seiner Voll kommenheit und

Herrlichkeit sein sollte. Wie das Licht der Sonne den Himmel

golden und rötlich färbt, über dem Nebelmeer schwebt und

es sanft berührt, so sollte fortan Sein Geist alles Geschöpfliche

durchwirken und in Beziehung zu Ihm halten. Als alles vollendet war, schaute Er sich seine Schöpfung an und

sah: «Es war sehr gut!» (1. Mose 1,31).

Wer diese Spuren des Schöpfers in der ungetrübten Pracht der Natur betrachten will, steige an einem nebligen

Tag von Eriz (BE) aus auf den Westgipfel des Hohgants (2062 m ü. M). Der Wanderer wird inner halb von

zweieinhalb Stunden alles Neblige und Kalte, alles Undurchsichtige und Trübe hinter sich im Tal zurücklassen

und mit jedem Schritt ein Stück näher der Klarheit im Licht entgegengehen. Zuoberst, auf dem Gipfel, wird

er sich dann im Schatten des Kreuzes ausruhen und mit der glühenden Abendstimmung voller Frieden und

Harmonie eins werden.

Im Schatten des Kreuzes dürfen wir ausruhen von aller Mühseligkeit des Alltags. Das glühende Licht der Sonne

hinter dem Kreuz steht symbolisch für das himmlische Licht, welches unaufhörlich durch alle persönlichen Kreuze

hindurch scheint. Hinter all un seren Kreuzen, die wir selbst verschulden, unverschul det zu tragen haben und

nicht selten anderen aufbür den, steht das eine Kreuz Christi, das der Ewige selbst in unserer Welt aufgerichtet

hat — damals, vor 2000 Jahren, auf dem Felsen Golgatha. Dieses Kreuz er möglicht einen Frieden, wie ihn die

Welt nicht geben kann.

Wer im Schutze dieses Kreuzes ruht, fühlt sich wie die Bergdohle, die ihre Flügel ausbreitet und in unendli cher

Freiheit dem ewigen Licht entgegen schwebt.

The whole world

Frank Baumann

Auf dass sie alle eins seien.

«Auf dass sie alle eins seien gleich wie du, Vater, in mir und ich in dir»

(Johannes 17,21).

Aus der Welt eine einzige Familie machen. Das ist der Traum des Vaters.

Das ist das Gebet, das der Mensch gewordene Sohn sprach, bevor er

sein Leben hingab, um alle Menschen zu sich zu ziehen. Das ist auch der

entscheidende Wunsch im Leben eines jeden Menschen. Ein Wunsch,

den Gott uns allen ins Herz gelegt hat und der nur noch brennender wird

durch alle Widerstände: Zurückgezogenheit, Verachtung, Gewalt. Die

Men schen sind mit ihren so verschiedenen Gesichtern und Kulturen nicht

zur Zwietracht geschaffen, sondern zur gemeinsamen Bereicherung der

Schönheit und Harmonie der Schöpfung durch ihre Verschiedenheit.

Mir scheint, dass dieser Traum aus diesen lächelnden Gesich tern spricht.

Das Lächeln ist eine spezifische Eigenschaft des Menschen. Wir sind füreinander

geschaffen, als Geschenk. Dem anderen zulächeln bedeutet,

den anderen als Geschenk von Gott anerkennen, der uns nur Gutes will.

Unser Lächeln ist die Antwort auf das Lächeln Gottes, der «sein Angesicht

über uns leuchten lässt», um uns zu segnen (4. Mose 6,25). Ist es nicht

unser höchster Ruf, dem Leben zuzulächeln, jedem Menschen, weil Gott

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uns eines Tages zuerst zugelächelt hat, indem er Mensch wurde?

Auf diesem Bild sehe ich auch die Pupille eines blauen Auges. Ich stelle mir die Pupille Gottes vor, in der sich die

nach seinem Bilde geschaffene Menschheit widerspiegelt. Gott sieht uns alle, als würde er eine einzige Person

sehen. Gott sieht uns durch Jesus Christus, der wie seine Pupille ist. Durch ihn erhellt er jeden, der zur Welt

kommt. Durch seinen Tod hat er alle Finsternis und Zwietracht auf sich genommen. Durch seine Auferstehung

ruft er in unseren Herzen eine der Welt unbe kannte Freude hervor.

Diese Pupille ist auch deine und meine. Auch du und ich sind dazu berufen, die anderen mit den Augen Christi zu

sehen. Das bedeutet, jeden Menschen als jemanden zu sehen, der die ewige Freude vor sich hat; das bedeutet,

die gesamte Mensch heit in deinem Herzen zu tragen, damit sie das Lächeln Gottes kennen lernt. So können wir

den ersten Schritt auf die anderen zu tun, ohne jemanden auszuschliessen, das Lächeln der Liebe des Vaters

auch unseren Feinden schenken; wir können sogar diejenigen segnen, die ihre Blicke von uns abwenden und

sich uns gegenüber verschließen.

So können wir zur Verwirklichung des Traums des Vaters beitragen, die ganze Menschheit im Lächeln des

Segens zu verei nen.

Leuchtturm

Jean Guichard

Der Leuchtturm steht auf felsigem Grund. Er ist Symbol

für Sicherheit, Geborgenheit. Er beruhigt, er steht, ihm

kann nichts passieren. An ihm orientieren sich nachts

die Schiffe. Er ist da, damit nichts passiert. Ziel ist es, dass

die Schiffe auch bei schlechter Sicht und Dunkelheit

den Weg in den sicheren Hafen finden.

Genauso kann es uns Menschen ergehen. In jungen Jahren

zeigt sich der Himmel von der orange-rosaroten Seite,

alles scheint in Ordnung zu sein. Wir steigen ins Boot und

fahren hinaus aufs weite Meer. Es ist ruhig, das Leben

zeigt sich von der sonnigen Seite. Der Leuchtturm wird

langsam kleiner bis er ganz vom Horizont verschwindet.

Es ist Abend geworden, Wolken ziehen auf, der Wind

wird immer stärker. Pechschwarze Nacht umklammert einem. Angst kommt auf, Sehnsucht nach dem Tag wo

alles in Ordnung war. Nur ein kleiner Hoffnungsschimmer würde jetzt wunder wirken. Verloren, ausgestossen,

abgelöscht, fix und fertig am Ende. Muss ich jetzt sterben?

Da plötzlich ganz weit weg ein Lichtstrahl. Hilfe. Und schon ist er wieder weg. Fatamorgana? Ich schliesse die

Augen. Mir ist schlecht. Die Wellen bringen mich ganz durcheinander. Mir kommt das Wort in den Sinn. Ich bin

der Weg, die Wahrheit und das Leben. Wie das alles zusammenpasst. Diesen Weg möchte ich gehen. Wenn es

dich Gott gibt und du mir das Leben nochmals schenkst, will ich dich suchen. Während ich so dahin dämmere,

dringt Licht zu meinen Pupillen, blendendes Licht. Es kommt und geht, immer von neuem. Ich sehe in welche

Richtung sich der Weg bewegt. Das Licht wird immer grösser, ich auf dem Weg in den Hafen, wo die Wahrheit

auf mich wartet. Mein Glück ist grenzenlos. Gerettet, geborgen in Sicherheit, ich weiss wo ich bin, wer ich bin

und wohin ich gehe. Mein Leben macht Sinn. Ich bin gewollt, geliebt, ich darf mit ewigem Leben rechnen. Gott

hat offensichtlich einen Lichtplan für mich, wenn Jesus zu seinen Jüngern sagte: «Ihr seid das Licht der Welt».

Dieses Licht will ich sein.

Tankstelle

Michael Ziegler

Endlich eine Tankstelle! Schon in früheren Zeiten, als man noch von Hand pumpen musste, war die Tankstelle

manchmal wie eine Rettung. Jedenfalls wenn jemand schon einige Meilen auf Reserve gefahren war. Doch

halt: Der Fahrausweis wird noch nicht mit der Konfirmation ausgehändigt. Leider, denken einige. Die Zeit geht

aber schnell vorbei, und schon bald sitzen viele selber am Steuer, die jetzt noch mit dem Lenker Vorlieb nehmen

müssen. Und ihr werdet es sehen: Immer wieder muss man an einer Zapfstelle anhalten; die Autos haben Durst.

Und sie sind sehr ehrlich: Gibt man ihnen nicht ihren Most, dann bleiben sie irgendwo stehen. Es kümmert

sie nicht, ob der Fahrer pressiert ist oder nicht. Und auch wenn er oder sie nun kräftig ausruft, lässt sich das

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Fahrzeug nicht erweichen. Es macht keinen Kompromiss,

es fährt keinen Meter mehr. Ich selber und andere haben

da schon ihre Erfahrungen gemacht. Darum sieht man sich

lieber vor, bevor es zu spät ist. Tut man das auch gegenüber

dem eigenen, inneren Durst? Als die Reformatoren die

Konfirmation erfanden, dachten sie auch an eine Tankstelle

(obschon Luther und Zwingli noch mit Pferdekutschen

fuhren): Es sollte doch etwas geben, das den Tank füllt,

bevor die Leute ins Lehrlings- und Berufsleben einsteigen!

Die ganze Konfirmationsvorbereitung ist der Versuch der

Verantwortlichen, den Liebestank der Jugendlichen mit

Annahme, Verständnis und Wertschätzung zu füllen. Aber

schon in Reformationszeiten galt die Meinung, dass so ein

Konf-Tank nicht bis ans Lebensende ausreicht. Nochmals ein Blick auf unser Bild: Die Tankstelle ist ein Sinnbild

für wiederkehrende Benützung. Der Kirchensprit hat einen Namen: «JESUS SAVES» — Jesus rettet. Steht man

auf dem Pannenstreifen der Lebensbahn und fühlt sich allein, stehen gelassen, verraten, ausgepumpt oder als

Versager, so ist diese Liebe von Gott die wirkliche Rettung. Jesus hat sie sichtbar gemacht. Er kommt, kümmert

sich, füllt ein, auch wenn wir an den letzten Tankstellen vorbeigefahren sind: Schon vor den Problemen wäre

Gott da gewesen, und man hätte von ihm die Kraft erhalten, die weit trägt. Das Bild spricht davon, nicht an

Jesus Christus vorbeizusausen. Aber es spricht auch davon, dass wie aus dem Nichts eine Hilfe kommt, wenn

wir seinen Namen in Not anrufen.

«This little Iight of mine – I'm gonna let it shine»

Judith Müller

Der alte Gospelsong kommt mir in den Sinn, zu Deutsch: «Dies kleine Licht

von mir, hell soll es leuchten dir». Und tatsächlich: Das Auge wird sofort

auf den hellsten Punkt im Bild gelenkt: die Flamme. Die Wirkung eines so

kleinen weissen Fleckens ist eigentlich erstaunlich. Denn er macht nur ein

Promille der Gesamtfläche des Bildes aus. Ein Promille Alkohol im Blut ist

schon überaus schlecht, aber ein Promille Licht im Raum ist schon überaus

gut. So wirkt auch das simpelste Kerzlein: Es vertreibt das Tausendfache an

Finsternis. Der Flamme ist es dabei «wurst», ob unten eine teure Boutique-

Kerze steht oder das billigste Warenhaus-Lichtlein. Feuer ist Feuer, und

Licht ist Licht. Sobald es einmal entzündet ist, wiederholt sich das, was wir

schon anfangs im Schöpfungsbericht lesen: «Gott sprach: Es werde Licht,

und es ward Licht». Vielleicht fühlst du dich nicht gerade als Edelkerze mit

seltenem Design. Möglicherweise siehst du dich selber als ganz normales

Kerzlein. Vergiss Design und sei Licht!

Gott sprach also damals, und es wurde Licht. Und auch heute, wenn es

irgendwo wirklich hell wird und wenn wieder einmal so ein Promille-

Flämmlein eine ganze Menge von Finsternis vertreibt, dann geht dies

auf Gott zurück, der sprach: «Es werde Licht». Er sprach, und es wurde

Weihnacht. Er sprach, und es wurde Ostern. Von daher kommt das Licht in unserer Welt. Jesus gibt sein Licht

weiter, am liebsten an normale Durchschnittsmenschen. Ein ganz normales Leben soll ein Licht werden. Deshalb

gab es ganze Konfirmationsvorbereitungen und verschiedenste Einführungen in unseren christlichen Glauben.

Dort konnte man hören, was Jesus getan hat, und man konnte sehen, was er noch heute tut. Und jedes konnte

Jesus Christus seinen eigenen Docht entgegenstrecken: «Da, zünde an, ich bin es.»

Sehr gut, es hat Feuer gefangen, das kleine Kerzlein. Aber damit ist noch nicht alles getan. Schliesslich gibt

es draussen im Leben Wind. Der kann die Flamme auspusten. Doch gerade das sollte nicht geschehen. Licht

braucht eben einen Schutz. Schau also, dass die Kerze der Hoffnung, die Gott in dir angezündet hat, auch in

einem netten und nützlichen Gefäss weiter brennen kann. Gute Beziehungen bieten einen solchen Schutz.

Man kann dort ehrlich über Glaubensfragen reden, ohne ausgelacht zu werden. Und auch ruhige Momente

mit Gott allein, wo kein fremder Wind droht, schützen dein kleines Licht — es ist übrigens heller als du denkst.

Das alles ist gut und recht, aber was, wenn…? Was, wenn das Schicksal zuschlägt? Was, wenn deine Pläne nicht

zustande kommen? Wenn ein Sturm die Kerze samt Gefäss wegzupusten droht? Hast du es gesehen? Unser Bild

zeigt noch eine andere Dimension: du bist nicht allein. Gott hat diese Flamme nicht nur angezündet, sondern

er hält auch seine Hände um «dies kleine Licht von dir».

Paul Veraguth, Pfarrer

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Die Heimkehr des verlorenen Sohnes

Rembrandt (1668/69, heute in Leningrad, Museum Eremitage)

Das monumentale Gemälde, das im Original über zweieinhalb Meter hoch

ist, gehört in die letzte Schaffensperiode des grossen holländischen Malers.

Dass er eine der stärksten und vielseitigsten Künstlerpersönlichkeiten des

17. Jahrhunderts gewesen ist, steht wohl ausser Frage. Sein Schaffen

umfasst beinahe alle Stoffgebiete seiner Zeit. Vor allem hat ihn sein reformierter

Glaube, dem er sich schon in jungen Jahren zugewandt hat,

immer wieder veranlasst, sich mit der Bibel zu beschäftigen. Ungezählte

Gemälde, Zeichnungen und Radierungen Rembrandts sind biblischen

Themen gewidmet. Wie sehr ihn das Gleichnis vom verlorenen Sohn

fasziniert haben muss, belegt allein schon die Tatsache, dass kein anderer

Künstler diese Szene der Heimkehr so oft und so eindrücklich gestaltet hat,

wie er. Von der ersten Radierung, die der knapp Dreissigjährige 1636 in

die Kupferplatte eingraviert hat, reicht sein immer neues Bemühen bis zu

diesem reifen Werk der Spätzeit, das uns wie ein Vermächtnis zu Umkehr

und Heimkehr ruft.

Eigentlich braucht das Bild keine Erklärung. Wer das Gleichnis Jesu (Lukas

15, 11-32) kennt und die Deutung, die Rembrandt ihm gegeben hat in

Ruhe auf sich wirken lässt, wird unwiderstehlich hingezogen zu der Gruppe

von Vater und Sohn, die den ganzen Bildraum beherrscht. Soeben ist der

Vater aus dem dunklen Torbogen seines Hauses herausgetreten. Dort hat er immer wieder gestanden und

Ausschau gehalten nach seinem jüngeren Sohn, der eines Tages aufgebrochen war in die Fremde, um sein

Leben selber in die Hand zu nehmen, fern den Augen des Vaters, fern seiner Fürsorge, fern auch, wie er wohl

meinte, seiner Kontrolle. Alle Brücken der Familie, der Heimat, der vertrauten Arbeit, auch des Herkommens und

der gesellschaftlichen Ordnung hatte er hinter sich gelassen, um endlich frei und unabhängig, wie er glaubte,

seine eigene Zukunft zu gestalten. Dass er dabei in neue Abhängigkeit geriet und nicht nur seine Freiheit, sondern

auch seine Menschenwürde verlor, macht das Gleichnis Jesu mit aller wünschbaren Deutlichkeit offenbar.

Aber nun ist er da, in seinen letzten Lumpen, die ihm noch geblieben sind, mit zerrissenem Schuhwerk und

leeren Taschen, ein Bild der Armut, der Verkommenheit, wohl auch der Verzweiflung, einer der an seinem

Leben und seinen Zielen gescheitert ist. Noch hat er den Mund nicht geöffnet, um jene Worte im Gleichnis

zu sagen: «Vater, ich habe mich versündigt gegen den Himmel und gegen dich, ich bin nicht mehr wert, dein

Sohn zu heissen» — da hat ihn der Vater schon an sein Herz gezogen. Keine Spur eines Vorwurfes zeigt das

Antlitz des Vaters, keine noch so leise moralische Entrüstung, kein Zögern hält ihn zurück. Seine ganze Haltung

ist Zuwendung, Offenheit, verstehende Liebe für den, der heimgekehrt ist. Mit beiden Händen drückt ihn

der Vater an sich, so dass Vater und Sohn auf dem Bild zu einer Einheit verschmelzen, jener Einheit, die nur

grenzenlose Liebe möglich macht, die aus vollkommener Vergebung herauswächst und dem Heimgekehrten

neues Vertrauen schenkt. Diesen Augenblick des Neubeginns im Leben des verlorenen Sohnes hält Rembrandt

auf seinem Bild fest. Dass die anderen Anwesenden, auch der rechts im Bild herbeigekommene ältere Bruder,

seltsam befremdet zusehen und nicht zu begreifen scheinen, was hier vor sich geht, entspricht nicht nur der

Fortsetzung des Gleichnisses Jesu, sondern auch unserem eigenen Erleben, dem das Geheimnis der vergebenden

Zuwendung Gottes so lange verschlossen bleibt, bis wir als selber Betroffene, Gescheiterte, und doch

von Gottes Liebe Gesuchte Heimkehr in die Arme des Vaters wagen.

Werner. Pfendsack, Pfarrer

Überrascht am Feuer

Ruben Ung

Da muss Moses gestaunt haben! Nichts ahnend steigt er auf einen Berg — die Gedanken bei den Schafen und

Ziegen seines Schwiegervaters, die er gerade am Hüten ist, als er plötzlich vor einem brennenden Busch steht.

Er will näher treten, doch unüberhörbar ruft eine Stimme: «Komm nicht näher! Zieh deine Schuhe aus, denn

du stehst auf heiligem Boden!» Moses zieht die Schuhe aus, tritt näher ans Feuer und horcht. Ein spezieller Moment,

denn es ist nicht irgendjemand, der zu ihm spricht, es ist Gott persönlich. Und er sagt nicht irgendetwas,

sondern gibt Moses seinen Auftrag, nämlich: das Volk Israel aus Ägypten zu führen (2. Moses 3 ff)!

Hat uns diese alte Geschichte heutzutage überhaupt noch etwas zu sagen? Die Zeiten ändern sich. Doch Gott

ändert sich nicht. Und auch typisch menschliche Eigenheiten bleiben die gleichen. Mag sein, dass wir das Reden

Gottes heute nicht in dieser Form erleben, zumindest «nicht so spektakulär». Aber er spricht — auch heute noch.

36


Es ist zwar nicht immer einfach, seine Stimme zu hören und seinen

Willen zu erkennen. Oft sind es Ideen, Gedanken. Manchmal

ganz spontan oder über längere Zeit und immer wiederkehrend.

Nicht selten spricht Gott direkt durch sein Wort, die Bibel oder

durch Menschen, die uns begleiten. Es gibt auch Momente, da

redet er durch Bilder, Träume und Visionen. Entscheidend ist,

dass wir offen sind für das, was Gott uns sagen will, auch wenn

dies nicht unseren Vorstellungen entspricht. Was bei Moses

ganz überraschend geschah, braucht bei uns Zeit. Manchmal

geht es einfach darum, eine Pause einzuschalten. Es braucht

oft Geduld, wenn eine Antwort nicht sofort kommt. Gott spricht

von «heiligem Boden»: Wenn er spricht, ist das ein einzigartiger,

eben «heiliger» Moment, der unsere besondere Aufmerksamkeit verdient. Es lohnt sich, solchen Augenblicken

die nötige Bedeutung beizumessen.

Die Geschichte geht weiter: Moses wehrt sich — mehr oder weniger erfolglos. Er sucht Ausreden und Einwände

wie «wer bin ich schon?» und «die werden mir sowieso nicht glauben — und überhaupt — ich bin eh kein guter

Redner» …! Kennen wir solche Gefühle und Gedanken? Doch er ist gehorsam und tut, was Gott sagt, ob es nun

verstandesmässig nachvollziehbar ist oder nicht. Der Herr seinerseits gibt ihm Antwort, indem er ihm verspricht,

bei ihm zu sein (sein Name lautet: «Ich bin für euch da!», 2. Moses 3,14) und ihm konkret Anweisungen gibt (2.

Moses 4 ff). Feuer — einerseits Symbol für Wärme, Gemütlichkeit, Geborgenheit und leidenschaftlicher Liebe.

Feuer bringt Licht in Dunkelheit und Orientierungslosigkeit. Anderseits verbrennt es gnadenlos alles, was der

vernichtenden Hitze nicht standhalten kann. Welch eine Spannweite!

Nehmen wir die Herausforderung an: Still werden, hören — und tun! Wenn wir das wagen, wird unser Leben

eine spannende Angelegenheit!

Valérie Wassmer-Aebersold

Standfest

Jean Guichard

Er steht. Eine unvorstellbare Wassermasse brandet gegen seine

Turmmauer. Doch sie verteilt sich wie ein Hemdskragen und

schwappt ins wilde Meer zurück, woher sie kam. Tonnen von

Salzwasser — stell dir vor, jeder Kubikmeter eine Tonne. Und

dies seit Jahren, seit Jahrzehnten. Es wird wohl nicht die letzte

Welle gewesen sein. Wahrscheinlich werden sogar noch grössere

kommen.

Das Bild hat mir auf Anhieb gefallen. Als ich es zum ersten Mal

sah, im Büro eines Kollegen, dachte ich nur: «Wow!» Mehr dachte

ich nicht. Aber als ich heimging, sah ich immer noch diese beiden

Elemente im Widerstreit, die vergebliche Woge, den standfesten

Turm. Das Bild ist in Bewegung, auch wenn es nach 10 Jahren

immer noch haargenau denselben Moment festhält. Wenn du es aber länger als einen Moment anschaust,

dann fällt die Welle vor deinem inneren Auge zusammen. Du weisst, dass sie keine Sekunde so aufgetürmt

bleiben kann.

Niemand muss lang rätseln, was die Bildaussage ist. Darum gibt es in dieser Bildbeschreibung keinen langen

Sermon über die Kraft eines solchen Leuchtturms. Da und dort auf der weiten Welt mag mal ein solches Bauwerk

eingestürzt sein. Ich selber aber habe noch nie davon gehört, du wahrscheinlich auch nicht. Für den Betrachter

oder die Betrachterin gibt es jetzt aber noch ein Detail: Bevor du wieder wegschaust, hast du das Auge geschärft

und dieses kleine Männlein angeschaut. In der Tat, ein Mensch steht dort — gleich wird die Gischt ihn

einhüllen. Er ist nicht sonderlich beeindruckt, er rennt nicht ins Innere, die Tür hinter sich zuschlagend. Er weiss:

«Der Grosse da, er hinter meinem Rücken, hält das Gröbste von mir fern.» Was von der Wellenwucht noch auf

die Rückseite kommt, ist schon gebrochen, ist schon zerronnen. Die Füsse werden wohl nass, wahrscheinlich

auch die Kleider vom Wasserstaub. Wenn du am richtigen Ort stehst, kann es zwar herausfordernd und beängstigend

sein. Aber umbringen wird dich die ganze Sache nicht. Doch du würdest nicht auf die andere Seite

stehen wollen, da mache ich jede Wette. Und tatsächlich, nur einer ist dort hingestanden. Von ihm heisst es

in der Bibel: «Alle deine Wogen gingen über mich». Das ist die Geschichte, welche die Taufe erzählt. Seit Jesus

Christus dies für uns hinter sich gebracht hat und auferstanden ist, steht er für dich als der Leuchtturm dort, wo

Gefahren, Zerstörung, Gericht und Tod das Leben bedrohen. Warum solltest du nicht auch standfest werden,

wenn der Grosse da, er hinter deinem Rücken, das Gröbste (nicht alles!) von dir fernhält?

Paul Veraguth, Pfarrer

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Osterlicht

Katja Gottschewski

Ostern 2002. Katja Gottschewski fotografiert in BodØ

im Norden Norwegens ein einmaliges Nordlicht. Sieben

Jahre später findet die Konfbilder-Kommission das

fantastische Bild im Internet. Stundenlang hatte man

gesurft und Hunderte von Nordlichtern angeschaut:

Eine Welt, in die der Betrachter unwiderstehlich hineingesogen

wird; es soll sogar nordlichtsüchtige Menschen

geben, sagt Katja. Die gewaltigen, schwebenden Lichtvorhänge

bewegen sich still durch die langen Winternächte

der Polargebiete. Sie ändern ihre Farben und

Formen und zaubern in die kalte Dunkelheit einen himmlischen Mantelsaum. Ist es der Mantel des Schöpfers,

sind es die Bänder von tanzenden Engeln? Für die Einheimischen gehören die Lichterscheinungen von Klein auf

zum Leben. Leute aus südlicheren Breitengraden können für einen Moment Gänsehaut kriegen, wenn sie das

kosmische Farbenspiel betrachten. Unsere schönsten Feuerwerke verpuffen dagegen in Bedeutungslosigkeit.

Gelegentlich ist der Lichtgruss vom Himmel auch in der Schweiz sichtbar; dies gilt als selten und sensationell.

Die wirkliche Pracht entfaltet sich aber nur an den Polen: Der Sonnenwind kann dort in unser Magnetfeld eindringen

— kleinste Sonnenteilchen lösen durch Ionisation elektromagnetische Strahlung aus. Während einer

solchen «Licht-Show» auf einer Höhe von 100 bis 1000 km entlädt sich mehr Energie, als alle Kraftwerke der

Erde in der gleichen Zeit produzieren. Man schätzt sie auf über 100 Mio. Kilowatt! Das Licht selber ist nur ein

winziger Bruchteil dieser gesamten Energie.

Das sind alles wissenswerte Dinge, die ihr aber in den Physikstunden vielleicht schon gehört habt. Licht, Energie,

Faszination, Schönheit: Ist es nicht ein verblüffendes Zeichen, dass der gigantische Ring ausgerechnet an Ostern

erschien, über den Bergen der Insel Landegode? Der Schöpfer des Alls hat in der Osternacht gezeigt, dass seine

Kraft und Liebe die Finsternis und den Tod bei Weitem übertrifft. Er hat seinen Sohn aus der Unterwelt herausgeholt.

Viele junge Menschen fühlen sich heute zu schwarz hingezogen, und ihr Lebensgefühl verbindet sich

mit «gothic», einer beschwerlichen Welt voll von Gefahren und Abgründen. Genau da landet nun auch das

Osterlicht, das in der Nacht erglüht — schon jetzt wie ein Band, ein Ring, ein Bundeszeichen. Dahinter kündet

ein Sonnenaufgang ein noch grösseres Licht an, wie das Unser Vater sagt: «Dein Reich komme»!

Paul Veraguth, Pfarrer

Amazing Grace

Ruben Ung

Eine Welt ohne Musik? Da würde etwas fehlen! Musik

bereichert unser Leben, schenkt uns Freude, wischt den

Staub von unserer Seele und bringt uns zum Tanzen.

Auch wenn nicht alle die gleiche Musik hören, je nach

Kultur und Geschmack hat doch jeder Mensch einen

Stil, der ihn anspricht. Und wenn Musik nicht nur dazu

dient, eine Geräuschkulisse zu bilden, sondern Gott zu

ehren, entsteht eine ganz neue Dimension: die Anbetung.

Die Bibel spricht oft von Musik. Vor allem im Alten

Testament finden wir viele Erlebnisberichte, in denen

Musik eine zentrale Rolle spielt. Da ist kein Aufwand zu

gross, Gott zu loben (1. Chronik 23), oder es schwinden

Depressionen (1. Samuel 16, 14-23). Manchmal fallen

auch Mauern in sich zusammen (Josua 6, Apostelgeschichte

16, 25 + 26). In den Psalmen finden wir viele «Lieder», die uns ermutigen, ihm zu singen. Lobpreis und

Anbetung ist unsere Antwort auf sein Handeln und Wesen.

Und offenbar muss es die Musik schon immer gegeben haben, noch bevor die Welt geschaffen wurde (Hiob

38, 4-7). Mit Musik können wir Gott loben und danken. Sie hilft uns, vor ihn zu kommen, still zu werden, über

unser Leben nachzudenken und besinnliche Momente zu erleben.

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Amazing Grace, how sweet the sound,

Erstaunliche Gnade (unverdientes Geschenk), wie lieblich der Klang,

that saved a wretch like me!

der mich armen Kerl errettete!

I once was lost, but now l'm found,

Einst war ich verloren, aber nun bin ich gefunden worden,

was blind but now I see!

war blind, doch nun kann ich sehen!

Der altbekannte Gospel «Amazing Grace» bringt dies auf den Punkt: Jesus ist für uns am Kreuz gestorben, damit

wir leben können. Ist das nicht Grund genug, ihm zu danken und ihn zu ehren? Das Kreuz im Zentrum zwischen

Mensch und Gott erinnert uns an dieses Ereignis. Der Altar — im Hintergrund nur schwach erkennbar — steht

als Symbol für Hingabe, Ehrerbietung, Vergebung, Versöhnung und für die Gegenwart Gottes.

Durch Dankbarkeit kommt Licht in unser Leben. Wir erkennen uns, so wie Gott uns sieht: Angewiesen auf seine

Gnade, angenommen, so wie wir sind, geliebt durch seine Liebe.

Valérie Wassmer-Aebersold

Entscheidung

Ro Hegner

Jetzt mal sausen lassen — es geht ja herrlich bergab. Als wir als Velo-Gruppe

in Griechenland den höchsten Pass überquerten, konnten auch wir es

anschliessend über mehr als 2000 Höhenmeter sausen lassen, und das

ging so über eine Stunde lang. Konfirmiert, jetzt auf den Guido liegen und

ab die Post, talwärts? Eine Hürde ist genommen, eine nächste wartet um

die Ecke. Ist es der kleine Weg, der links steil hochgeht? Sieht so die Lehre

aus, die Berufsschule, der Gymer?

Mag sein, dass auch anstrengende Jahre kommen. Aber wir können

verraten: Das ist es nicht, was das Bild sagen will. Das hübsche Poster

heisst ja «Entscheidung», und Berufswahl ist wohl kaum gemeint. Schau

es darum mit mir zusammen noch einmal gut an: Die Voralpenlandschaft

zeigt sich von ihrer luftigen und erdigen Seite. Dort drüben, wo die Wolke

den Horizont küsst, wäre ich auf der geteerten Strasse im Nu. Aber wohin

führt der andere Weg? Steinig, steil. Er ist Zufahrt zu einem Bergheimet.

Hier gibt es Äpfel, Korn, im Winter die warme Stube. Hier ist Gemeinschaft,

Leben, auch wenn dieses Nest nicht so leicht zugänglich ist. Ist dies vielleicht

gerade das Geheimnis?

Ja, es ist ein Geheimnis. Jesus sagte einmal zu den Jüngern (und auch die standen oft an Wegverzweigungen):

«Wie steinig und steil ist der Weg, der zum Leben führt!» Er sagte dann noch etwas anderes, was man nicht so

gern hört, wenn man im Schuss ist: «Wenige sind es, die da abzweigen, wenige, die ihn finden, die ihn gehen.»

Die breite und gerade Bahn, mit raschen Optionen ständig lockend, ist nicht Leben.

Leben ist schmal, weil es immer nur Etwas ist, und nie Alles: Mal eine Richtungsänderung, mal der schattige

Fruchtbaum zum Ruhen, und schon wieder geht's weiter, diesmal andersherum. Einmal gilt es zu reden, dann

wieder zu schweigen. Einmal sich für Andere zum Geschenk machen, am nächsten Tag eine Hilfe gern annehmen.

Sorglos und doch sorgsam sein. Das alles kostet viel Aufmerksamkeit und Beweglichkeit. Für diesen

engen Weg braucht es eine Entscheidung, und es wird nicht die letzte sein. Jesus hat sich immer wieder als

Meister der Nebenstrassen gezeigt.

Paul Veraguth, Pfarrer

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