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Sandini Archiv Auch Japan verfügte in der Zeit zwischen den Weltkriegen über Sperrballoneinheiten. 1938 - tschechoslowakische Soldaten führen einen Sperrballon zum Aufstiegsort.


Sandini Archiv In ihrer B-Ausgabe vom 28. Juli 1979 überschrieb "Die Welt" einen vierspaltigen Beitrag mit der Schlagzeile "Vor Ballons versagt die Spürnase". Die Unterzeile "Als Kopilot auf Übungsflug im Atombomber FB-lIl über Maine" machte deutlich, was der Autor H. Joacbim Maitre damit meinte: Im Verlaufe seiner Reportage über den Mitflug in diesem Überschall-Kampfflugzeug beschreibt er dessen hervorragende technischenAusstattungen sowie Gefechtseigenschaften. Dabei beantwortet er seine selbst gestellte Frage, welche Waffen die FB-ln heute zu fürchten habe, so: "Sperrballons. Die Spürnase der Effbee versagt vor dünnen Drähten". Die möglicherweise ob ihrer Kuriosität gewählteArtikelüberschrift verdeut - lichte schlagartig ein Problem, mit dem sich Experten der Luftverteidigung international gesehen nach dem 2. Weltkrieg immer mal wieder beschäftigt haben: Die Taktik aller Jagdbombereinsätze LITERATUR -Bowen, Ezra: Kampfflieger des ersten Weltkrieges, EltviUe 1983 Dokumentation Das m. Reich - Ein Volk, ein Reich, ein Führer, Hamburg 1989 -Ege, Lennart: Ballone und Luftschiffe 1783-1973, Zürich 1973 -Groehler, Olaf: Geschichte des Luftkrieges, Berlin 1981 -Lenotti, Wolfram, Dr. (Gesamtgestaltung): Rot­ Weiß-Rot zur Luft, Wien 1957 -Nemecek, Vaclav: Vojenska Letadla 1, Prag 1974 -PloetzA.G.: Geschichte des Zweiten Weltkrieges, Würzburg 1960 TITELBILD Beobachtungsballon mit getarnter Hülle im Frontbereich. Auch hier ist die Motorwinde auf einem Zweiachshänger installiert. Rechts: Kugelballon, wie er vor dem J. Weltkrieg als Frei- und aLs FesseLballon auch in DeUTschLand üblich war. © Copyright, 1996 Alle Rechte, auch die des a uszugsweisen Nachdrucks, beim PODZUN-PALLAS -V ERLAG GmbH, Kohlhäuserstr. 8 61200 WÖLFERSHEIM-BERSTADT Tel. 0 60 36 / 94 36 - Fax 0 60 36 / 62 70 Verantwortlich für den Inha lt ist der Autor. Gesamtredaktion: Sicgfried Brcycr, Postf. 1136, 63401 Hanau (Für Beantwortung Ihrer Fragen bitte einen frankierten Rückumschlag beifügen!) Technische Herstellung: Heinz Nickel Satz & Druck, 66482 Zweibrücken 2 VORWORT ging schließlich dahin, so tief wie möglich anzugreifen und damit das gegnerische Radar zu unterfliegen, den Fla-Raketen auszuweichen. Da wäre es für die jeweilige Luftverteidigung schon sehr hilfreich gewesen, mit dem in zwei Weltkriegen bewährten Mittel Sperrballon mindestens für eine große Verunsicherung der anfliegenden Besatzungen zu sorgen. Die Luftangriffsmittel wären so in eine größere Höhe gezwungen worden und somit leichter zu bekämpfen gewesen. Mit dem folgenden Heft soll wenigstens teilweise eine Lücke in der Literatur zum Thema Sperrballon an Beispielen ihrer Rolle in der Luftverteidigung von Hauptstädten geschlossen werden. Etwas ausführlicher wird dabei auf sowjetische Sperrballone eingegangen, da in der deutschsprachigen Literatur darüber so gut wie nichts zu finden ist. ISBN: 3-7909-0569-0 Vertrieb: Podzun-Pallas-Verlag GmbH Kohlhäuserstr. 8 61200 Wölfersheim-Berstadt Telefon: 0 60 36/94 36 Telefax: 06036 / 6270 Alleinvertrieb für Österreich: Pressegroßvertrieb Salzburg 5081 Salzburg-Anif Niederalm 300 Telefon: 06246 / 37 21 Verkaufspreis für Deutschland: 14,80 DM, Österreich: 116,- Schilling, Schweiz 15,80 srr. Für den östcrreichischen Buchhandel: Verlagsauslieferung Dr. Hain, Industriehof Stadlau, Dr. Olto·Neurath-Gasse 5, 1220 Wien


Sandini Archiv J I Um die lahrhundertwende führten Schiffe mehrerer Länder einen Fesselballon mit, um die Sichtweite und damit die Aufklärungsmöglichkeit zu vergrößern. Das Foto zeigt das Ballonschiff ELBA. Ein 1000-m J -Drachenbalion wird am Boden gehalten - die Sandsäcke sind gut zu erkennen (etwa /9/4/15). 3


Sandini Archiv DIE ENTWICKLUNG DES FESSELBALLONS BIS 1918 In den Streitkräften der wichtigsten Industrieländer sind bis zum Ende des 19. Jahrhunderts mehr oder weniger einsatzbereite Formationen entstanden, die den Ballon als Mittel zur Aufldärung der gegnerischen Linien und dahinter liegender Gebiete sowie zum Leiten des eigenen Artilleriefeuers verwenden sollten. Ihre eigentliche "Feuertaufe" bestanden diese Luftschiffer-Formationen im Verlaufe des 1. Weltkrieges überwiegend erfolgreich. Für die Bedeutung der gefesselt aufgelassenen Ballone spricht die Tatsache, daß ihr Abschuß der Vernichtung einer gegnerischen Jagdmaschine gleichgesetzt wurde. Um ein Beispiel zu nennen: In der Liste der deutschen Flieger-Asse nimmt Hauptmann Heinrich Gontermann mit 39 Abschüssen den 13. Platz ein. Tatsächlich hat er 18 BaUone und 21 Flugzeuge abgeschossen. So verwundert es also nicht, daß Beobachtungsund Feuerleitballone häufig durch Flak-Sperren oder Jagdflugzeuge gesichert wurden. Da die Autoren Joachim Dressel und Manfred Griehl diese Thematik bereits im Waffen-Arsenal Band 149 (' 'Deutsche Fessel- und Sperrballone/l900 -1945" ; PODZUN-PALLAS-Verlag 1994) behandelt haben, kann hier auf eine Wiederholung der internationalen Ballon-Geschichte verzichtet werden. Hervorgehoben seien lediglich die folgenden Feststellungen zum bis 1918 erreichten technischen Entwicklungsstand: Bis etwa zur Mitte des 1. Weltkrieges hatte der längliche, besser in der Luft "stehende" und auch bei höheren Windgeschwindigkeiten verwend ba- re Ballon (System Bartsch-Sigsfeld: Drachenwirkung durch schräge Anstellung des zylindrischen Körpers mit BaUonet unter dem Heck zum Prallhalten des Ballons) den kugelf6rmigen verdrängt. Nach dem Vorbild der ab Juli 1916 durch die Engländer und Franzosen verwendeten Caquot-Fesselballone entstand der deutsche AE­ BaUon, mit dem die kaiserlichen Luftschiffer-Formationen ab Herbst 1916 ausgestattet wurden. Im Grunde genommen stellte der von Hauptmann Albert Cacquot geschaffene, am Heck mit drei luftgefüllten, voneinander um 120 0 versetzten Steuersäcken ausgestattete französische BaUon eine Wei· terentwicklung des deutschen DrachenbaUons dar. Der nach einem erbeuteten Caquot-BaUon entstandene deutscheAE-Iyp und sein französisches Vorbild waren gewissermaßen die Basis für die noch im 2. Weltkrieg von allen Streitkräften verwendeten Ballon-Muster, wobei der Sperrballon eigentlich ein Fesselballon ohne Korb und ohne Besatzung ist. Bis zur Entwicklung des Caquot-Ballons waren auch alle anderen Voraussetzungen geschaffen worden, um den Fesselballon in großem Umfang militärisch verwenden zu können: Die Industrie war in der Lage, die benötigten Ballone zu produzieren (schwerpunktmäßig in Deutschland Firma August Riedinger, Augsburg; in Großbritannien Arsenal Woolwich/London, Chatham in Kent; in Frankreich im Arsenal Chalais-Meudon). Wasserstoffentwicklungsanlagen standen ebenso zur Verfügung wie Behälter Im Gemäldefe.stgehalten: Angriff eines deutschen Jagdflugzeuges auf einen franzäsischen Fesselballon. 4


Sandini Archiv Luftschifftrupp 20 (Darmstadt) mit einem Drachenballon. D C r Drachenballon von Parseval-Sigsfeld im Prinzip - oben mit leerem, unten mit gefülltem Ballonett. Es bedeuten: A-Steuersack, B-Ballonett, C-Gasraum, D­ Ventilleine, E- Ventil, F-2. Ventilleine, G-Füllansatz, H-Füllansatzfür Ballonett, 1-Ventil zum Füllen des Steuersackes, K-Entleerungsventil des Ballonetts, L­ Entleerungsschlauch des Steuersackes. E Prof Dr. Dr. August von Parseval (1861-1942) erhielt 1893 für den gemeinsam mit Hans Bartsch von Sigsfeld (1861-1902) konstruierten Drachenballon ein Reichspatent. 5


Sandini Archiv aus Stahl oder Gewebe zum Gastransport sowie mobile Motorwinden zum schnellenAuflassen und Einholen der Ballone (wichtig: Wetteränderung, Fliegerangriffe). Darüber hinaus waren die Ballone selbst am Boden beweglich - mit Hilfe von Fuhrwerken, Lastkraftwagen oder Eisenbahnwaggons. Selbst auf Schiffen waren sie zu finden. Beispielsweise erhielt die französische Marine bis zum 1. Juli 1918 insgesamt 200 Caquot-Ballone der Typen P (750 m 3 ) und P2 (820 m 3 , für größere Schiffstypen). Diese Vorbemerkungen sollten deutlich werden lassen, daß alle Voraussetzungen - Herstellung, Logistik, Erfahrung der Truppe - vorhanden waren, um bei Notwendigkeit ein neues Kampfmittel der Luftverteidigung in Form des Sperrballons entstehen zu lassen. Ion vor dem Start. Eine österreichischeFesselballonabteilung bestand J 9 J 4 aus 6 Offizieren, 48 Mann, 8 vierspännigen Wagen (6 für je 20 Gasflaschen, 1 für . ·


Sandini Archiv Von Anfang an wurde, international gesehen, Wert darauf gelegt, die Motorwinden für die Fesselballone mobil zu halten. Nach und nach wichen die zunächst pferdebespannten Modelle den motorisierten. Diese russische pferdebespannte Einachs-Motorwinde hat noch eine von der Feldartillerie übernommene Protze. Russische Motorwinde "Stella" von 1915. Russische Motorwinde 11 Adsundsa" mit 22,5-kW-Motor, in mehreren Serien gebaut und von 1914 bis /9/8 von Balloneinheiten verwendet. Französische Motorwinde von Renault. Motorwinde für Sperrballone von der gleichen Firma, jedoch auf Halbkettenfahrzeug. 7


Sandini Archiv PASSIVES KAMPFMITTEL BALLONSPERRE Gelegentlich kam es im Verlaufe der Kriegsjahre beimAngriff auf dieAufklärungsballone dazu, daß ein HaIteseil oder auch der Ballon selbst vom angreifenden Flugzeug gestreift wurde. Auch andere ungewollte "Berührungen" von Flugzeug und BallonlHalteseil dürften gelegentlich aus den verschiedensten Gründen zustande gekommen sein. Ob diese "Zusammentreffen" den Gedanken beeinflußt haben, gefesselte Ballone als Sperren in der Luft zu verwenden, ist nicht dokumentiert. Überliefert ist hingegen, daß die Italiener bereits ab 1916 Sperrballone zum Schutz von Venedig vor den Angriffen österreichiseher Flugzeuge verwendeten. Dazu ließen sie 120 Ballone unterschiedlichen Typs um und in der Stadt auf. Der äußere Ring mit 80 Ballonen befand sich bis zu 14 km vom Stadtzentrum entfernt, die restlichen 40 Ballone wurden in diesem selbst bis zu einer Höhe von 1500 m aufgelassen. Die außen stehenden Ballone nahmen eine unterschiedliche Höhe ab 150 m ein. Sie waren nicht untereinander verbunden. Es ist nicht Der militärische Ballon hat für Venedig bereits J 849 eine Rolle gespielt, allerdings noch nicht für die Verteidigung. Die zeitgenössische Zeichnung weist auf Österreichs damaligen Versuch hin, die Lagunenstadt mit Hilfe von 200 unbemannten Ballonen zu bombardieren. Es traf aber wohl nur eine Bombe das Fort St. Andre, ohne großen Schaden anzurichten. 8 belegt, ob oder wieviele von den angreifenden Flugzeugen zumAbsturz gebracht wurden. Offensichtlich haben sich die Sperren aber zumindest auf die Moral der Besatzungen dahingehend ausgewirkt, daß sie höher anflogen. Damit sank natürlich einerseits die Treffgenauigkeit (man bedenke das damalige'fransportvermögen an Bomben, die Motorleistung sowie die Flughöhe!) und andererseits ergaben sich für die aktive Luftabwehr (Flak, Jäger) im Verbund mit den passiven (Scheinwerfer, Richtungshörer) günstigere Vernichtungsmöglichkeiten. Die Italiener reagierten auf die Versuche der österreichischen Maschinen, die Ballonsperren zu überfliegen, mit dem Auflassen bis zu einer Höhe von 3000 m. Daß die auch um die Städte Ferrara, Ancona, Grado, Trent und Brindisi aufgelassenen Ballonsperren die Angriffe der österreichischen Flieger beeinflußt haben müssen, ist durch eine Zahl belegt: Am 23. Juli 1917 gingen vier Flugzeuge der Donaumonarchie durch italienische Ballonsperren verloren. Prinzip des Tandem-Ballons. Schema einer sehr aufwendigen Ballonsperre aus der Zeit des J. Weltkrieges.


Sandini Archiv "SCHÜRZEN" AM HIMMEL VON LONDON Von den italienischen Erfolgen mit Ballonsperren beeinflußt wurde in Frankreich geplant, nach diesem System 150Abteilungen mit je 10 Ballonen zu schaffen und sie um wichtige Zentren zu gruppieren. Obwohl bis zum Kriegsende nur noch/ und 70 dieser Abteilungen mit 750 Ballonen in den Dienst gestellt werden konnten, haben sie durch ihre Konzentration um Paris dazu beigetragen, Frankreichs Hauptstadt in der letzten Phase des Krieges vor schweren Luftangriffen zu verschonen. Ballonsperren gab es auch bei Nancy, Dünkirchen und Neuves-Maison (20 km hinter der Front). Der französische Sperrballon Typ N (Füllung 155 m 3 , bei Aufstieg in die Maximalhöhe von 2000 m: 216 m 3 , Stahlseil 4 mm; Ausführung mit 3-mm­ Seil bis auf 4000 m und als Verbesserung bis auf 5000 m) konnte mit einem weiteren Ballon zum Tandem N/NN gekoppelt werden. Diese Kombination war bis zu einer Höhe um 3000 m und ei- ner Windgeschwindigkeit von 12 mls verwendbar. Als deutsche Flugzeuge nach den wenig erfolgreichen Bombenangriffen der Luftschiffe ab 1917 begannen, am Thge und in der Nacht Ziele in Großbritannien anzugreifen, wurde auch dort die Luftverteidigung durch das passive Mittel Sperrballon verstärkt. Zahlreiche Experimente führten zu einer völlig neuen Form - der Netzsperre: Je drei Ballone wurden untereinander durch 450 m lange Stahltrossen verbunden, von denen aus alle 23 m ein etwa 300 m langes leichtes Kabel nach unten hing Ge Netz um 40 Kabelenden). Diese auch als "Schürze" bezeichnete Sperre wurde in eine Höhe von 2500 bis 3000 m aufgelassen, womit ein Überfliegen für damalige Verhältnisse nur sehr schwer möglich war. Diese ab Juli 1917 erprobten Netzsperren hatten im Sommer 1918 um London eine Gesamtlänge von 82 km. NachAngaben von Fachleuten war zumindest die psychologische Wirkung auf die angreifenden Flugzeugbesatzungen nicht : .... \. So könnte eine "Schürze" am Himmel von London im Jahre 1918 ausgesehen haben. 9


Sandini Archiv zu unterschätzen. In Verhören sagten gefangengenommene deutsche Piloten aus, sie hätten diese Sperren sehr gefürchtet. Allein das Dasein dieser Sperren habe eine große psychologische Wirkung gehabt: Jeder Flugzeugführer vermied peinlichst, in die Ballonsperre zu fliegen und mit hoher Wahrscheinlichkeit abzustürzen. Obwohl sich diese Ballonsperren inmitten dichtbesiedelter Räume befanden, wurde die Bevölkerung nicht über ihren wirklichen Zweck informiert, vielmehr wurden sie mit einer großen Geheimnistuerei umgeben. Deutschland wendete erst ab Januar 1918 intensiv den Sperrballon in der Luftverteidigung an, als sich die französisch-britischen Luftangriffe auf die Industriegebiete an Mosel und Saar, Freiburg, Mannheim und Köln - teilweise auch gegen Essen, Hamburg und München häuften. Gab es Ende 1916 neben 500 Flak-Geschützen, 47 Scheinwerfern und 82 Abfangflugzeugen lediglich 5 Sperrballone, so änderten sich die Zahlen bis zum 30. September 1918 wie folgt (Zahlen in Klammern - Stand Ende 1917): 896 (626) Flak-Geschütze, 454 (447) Scheinwerfer, 170 (77) Flugzeuge und 327 (279) Sperrballone. Erwähnt werden muß noch, daß die vor allem um wichtige Werke in Luxemburg sowie im Saar- und im Moseltal stationierten 10 Luftsperrabteilungen auch über 209 Sperrdrachen verfügten. (1916: 10, 1917: 146). Diese Sperrdrachen dürften einfacher und billiger als die Ballone herzustellen gewesen sein, aber nicht deren Steighöhen erreicht haben. Außerdem ver- langte der Drachenaufstieg günstige Windverhältnisse (um es vorweg zu nehmen: in den Sperrabteilungen der deutschen Luftwaffe spielte der Drachen noch im 2. Weltkrieg eine kleine Rolle). Nach dem 1. Weltkrieg blieb der Sperrballon noch längere Zeit im Bestand der Luftverteidigung mehrerer Länder, so auch in der Japans und Rumäniens. Die Streitkräfte Polens und der Tschechoslowakei - beide Staaten waren nach dem 1. Weltkrieg entstanden - werteten die Kriegserfahrungen aus und fühlten sich veranlaßt, in bescheidenem Maße ebenfalls Sperrballon-Fonnationen aufbauen zu müssen. Polen orientierte sich damals, wie im Militärwesen überhaupt, an Frankreich (das polnische Werk WBS produzierte bis 1938 nach französischen Lizenzen 200 Tandemballone N und NN). Die Tschechoslowakei dagegen bemühte sich, aus dem Nachlaß der zerbrochenen Donaumonarchie Österreich-Ungarn Ballone und weiteres Material zu erhalten. Die Luftverteidigung Österreichs war nach der Zunahme der Luftangriffe mehnnotoriger italienischer Bomber ab 1915 zunehmend verstärkt worden. Bei Kriegsende umfaßte sie neben 100 Flugwachen, 14 FlugnachrichtensteIlen sowie drei Zentralen insgesamt 30 Batterien mit je vier Fla-Waffen (Kanonen und Maschinengewehre), sechs Fla-MG-Kompanien mit je 30 MG, 30 Jagdflugzeugen und die Heimatschutzkompanie 1 mit 35 Sperrballonen (Hersteller: Firma Semperit Wien). SO GUT WIE UNVERÄNDERT IN DEN 2. WELTKRIEG In der Zeit zwischen den beiden Weltkriegen haben sich die Luftfahrzeuge überhaupt und die militärischen ganz speziell in jeder Hinsicht stark weiterentwickelt. Der Sperrballon bzw. die Ballonsperre dagegen ist so gut wie unverändert in die Luftverteidigungsarsenale der am 2. Weltkrieg beteiligten Staaten aufgenommen worden. Technische Modernisierungen betrafen vor allem das Material, die Winden und das Zubehör. In Deutschland - hier waren durch den Versailler Vertrag selbst Luftfahrzeuge leichter als Luft, also auch Ballone, verboten - beschäftigte sich die Reichswehr unter der üblichen Geheimhaltung mit dem Projekt Sperrballone/Sperrdrachen. Den Schutz durch Fla-Waffen ergänzend waren sie dafür gedacht, große Objekte - so wichtige Werke und Verkehrszentren - gegen Tieffiiegerangriffe zu schützen. Mit dem Aufbau der Wehrmacht und damit der Luftwaffe (offIzieller Gründungstag: 26. Februar 1935) sind die Arbeiten an dem Projekt 10 Luftsperrwesen zwar fortgeführt, aber offensichtlich nicht gerade besonders intensiviert worden: Aus dem 1935 gebildeten Sperrballon-Versuchszug war bis Mitte 1939 mit der Luftsperrbatterie Bad Saarow nahe Berlins lediglich ein aktiver Verband entstanden. Hinzu kamen drei Reserve-Luftsperrabteilungen sowie eine Luftsperr-Ersatzbatterie. Mit der Unterstellung der Flakartillerie vom Heer zur Luftwaffe (1. April 1935) gehörte auch der Luftsperrdienst zu Görings Befehlsbereich. Bevor ausführlicher auf die Rolle von Sperrballonen bzw. Ballonsperren während des 2. Weltkrieges in Großbritannien, Deutschland und in der Sowjetunion eingegangen wird, sei erwähnt, daß auch Frankreich, Japan, Rumänien und die USA vor dem 2. Weltkrieg über Sperrballon-Einheiten verfügten. Die Informationen zu diesem Thema sind leider sehr spärlich, obwohl es sehr viele Veröffentlichungen zum Luftkrieg 1939 bis 1945 gibt.


Sandini Archiv Oben: Ausbildung an ZK-Fesselballonen im Ballon­ Zentrum Parris IslandiSouth Carolina des US-Marine Corps im 2. Weltkrieg. Polnischer Sperrballon NN. Im Mai 1919 begann in Polen der Aufbau von Balloneinheiten, der 1920 abgeschlossen war undfünf Formationen umfaßte, die sich vor allem auffrühere Luftschiffhallen stützten. Verwendet wurde erbeutetes deutsches sowie importiertes französisches Material. J 926 begann die Produktion militärischer Ballone für Aufklärungsund für Sperraufgaben in Polen. Rechts: In der Zeit zwischen den Weltkriegen gab es in mehreren Ländern verschiedene Projekte, Ballone nicht nur passiv in der Luftverteidigung zu verwenden. Vielmehr gingen die Vorschläge dahin, den wasserstoffgefüllten Ballon als eine Art Luftmine zu benutzen. Unten: Dieses Projekt einer Luftmine sah vor, die aus der Meteorologie bekannten Pilotballone mit je einem 200 g schweren Körper (Durchmesser 6 bis 8 cm) zu behängen, der J 14 g Sprengstoff aufnimmt. Beim Berühren eines Luftfahrzeugs sollte einer der vier Stoßzünder aktiviert werden. 11


Sandini Archiv FRANKREICH Nach den Angaben des "PLOETZ" verfügte lediglich die Marine über mehrere Sperrballon-Abteilungen (neben vier Klein-Luftschiffen und mehreren Beobachtungsballonen auf Vorpostenschiffen). Bei der Flakartillerie der HeimatIuftverteidigung werden zwar Scheinwerferabteilungen erwähnt, jedoch keine Sperreinheiten. Die Zeitschrift "Die Wehrmacht" berichtete in ihrer Ausgabe 1/39 (S. 14), die französische Regierung habe dem Generalrat des Seinedepartements auf seinen Vorschlag zur Aufstellung einer besonderen Ballonsperrtruppe zum Schutz von Paris einen ablebnenenden Bescheid erteilt mit der Begründung, daß dazu 3000 Sperrballone mit einem Mannschaftsbestand von etwa 40 000 Mann nötig seien und sich die Kosten auf rund zwei Milliarden Francs beliefen. - Winston S. Churchill schreibt in seiner Dokumentation "DER ZWEITE WELTKRIEG" (Scherz Verlag, Bem München Wien 1995; Seite 908) zur Rolle von Sperrballonen bereits in der Vorbereitung der In vasion in der Normandie: "Es erschien höchst unwahr- 12 • USA Da die USA bei Kriegsbeginn noch über keine selbstständige Luftwaffe, sondern nur über Heeres-Luftstreitkräfte verfügten, gehörten die vorhandenen 8 Ballonstaffeln (nicht getrennt nach Aufklärungs- und Sperrballonen) zu den Armeekorps. In den Gliederungen der Flak-Formationen von 1939 (8 aktive Regimenter, 10 Regimenter und 2 selbständige Bataillone der Nationalgarde für den KriegsfaJl) gab es keine Sperrballone. Mit Kriegsbeginn hatten dann - obwohl kaum mit Fliegerangriffen zu rechnen war - sechs BaJlonstaffeln den Schutz von Basierungen und Depots der US-Marine zu übernehmen. Unterstellt war der Sperrballondienst der US-Streitkräfte der Armee und dem Marine Corps. Während des Krieges lief bei Goodyear in den 'USA die Großproduktion des Ballon-Modells ZK, das auf der Basis des britischen Typs "L.Z." entwikkelt worden war. Der "L.Z." wiederum basierte auf dem französischen Caquot-Ballon von 1915. Bereits hier sei erwähnt, daß die Flotte von 7000 Schiffen und Booten bei ihrer Landung in Nordfrankreich am 6. Juni 1944 durch zahlreiche Sperrballone (Ballon-Kommando mit 4000 Mann) gegen Tieffiieger abgeschirmt wurde. " Bei der Bildung von Brückenköpfen an feindlich besetzten Küsten haben die Alliierten oft Teile ihres Ballon-Kommandos eingesetzt -auf Sizilien und am italienischen Festland ebenso wie auf Korsika und SaJerno, am Persischen Golf und bei Suez. scheinlich, daß all diese Bewegungen zu Land und zu See der Aufmerksamkeit des Feindes entgehen würden. Sie boten seiner Luftwaffe so viele verlockende Ziele, daß wir jede nur erdenkliche Abwehrmaßnahme ergriffen. Siebendtausend Geschütze und Raketenwerfer und über tausend Ballone dienten zum Schutz der großen Soldatenmassen und ihrer Fahrzeuge",


Sandini Archiv Oben und Unten: Die Fotos auf den Seiten 12 und 13 zeigen, daß die Schiffe und Boote in der Operation "Overlord" auch bei der Überfahrt von Großbritannien nach Frankreich sowie während der gesamten Anlandung durch eine große Anzahl von Sperrballonen gegen Tiefflieger gedeckt wurden. -- 13


Sandini Archiv DIE HILFSFLIEGERTRUPPE GROSSBRITANNIENS BEGINN MIT DER BALLON EINHEIT NO. 30 In Großbritannien sind offensichtlich gerade noch rechtzeitig die drohenden Zeichen des herannahenden Krieges erkannt worden. Waren 1938 im Bestand der Luftverteidigung 320 Flak-Geschütze im Kaliber 7,5 cm, 1430 Scheinwerfer und 140 Sperrballone verfügbar, so verstärkte ein Programm im Umfang von 46 Millionen Pfund Sterling den Schutz gegen Luftangriffe um 1246 schwere und 1200 leichte Flak-Waffen, 4704 Scheinwerfer und etwa 500 Sperrballone. Nachdem man den Sperrballonen in den 20er und 30er Jahren - wie in einigen anderen Ländern auch - keine wesentliche Beachtung mehr geschenkt hatte, schuf die Royal Air Force am 17. März 1937 speziell für den Schutz Londons eine erste Sperrballoneinheit. Unter der Nr. 30 war sie zunächst Teil des Kommandos der Jagdflieger. Im Jahr darauf (1.11.1938) wurde sie unter Vizeluftmarschall O.T. Boyd Teil des neuen und selbständigen Ballonkommandos. Die Hallen der ehemaligen Königlichen Luftschiffwerke wurden in eine Ballonversuchsanstalt umgewandelt, und Salisbury sowie Cardington bildeten die Ausbildungsstätten für die zehn Sperrballonabteilungen, die auf die Ballonzentren Kidbrooke (Nr. 1), Hook (Nr.2), Stanmore (Nr. 3) und Chigwell (Nr. 4) verteilt waren. Jede Abteilung hatte etatmäßig 13 Offiziere, 602 Unteroffiziere und Mannschaften in vier Zügen mit je 15 Sperrballonen. Zunächst war vorgesehen, für jede Abteilung ein Stammpersonal von 100 Mann der aktiven RoyalAir Force zu bilden. Später schränkte man das Stammpersonal auf einen Offzier und 64 UnteroffizierelMannschaften ein. Sie bildeten Freiwillige aus, mit denen der Bestand aufgefüllt wurde. Als die neue Sperrballon truppe im Herbst 1938 ihr erstes Manöver mit zahlreichen Ballonaufstiegen auf eine Höhe von 1500 m über Regent- und Beim Aufbau der britischen Sperrballoneinheiten wurde großer Wert auf die Vollmotorisierung gelegt. Einer der Schlepper f ührte die zum Auffüllen der Ballone notwendigen Wasserstoff- Flaschen mit. 14


Sandini Archiv Hydepark, am Tower und an der Themse veranstaltete, zeigte sich bereits eine Tücke: FünfBaIlone rissen sich durch den böigen Wind los, wobei die nachschleppenden Kabelenden Kurzschlüsse bei Stromleitungen sowie weitere Schäden verursachten. Am nächsten Tag wurden zwei der Ballone nahe der dänischen Küste aus der Nordsee geborgen. Daß auch andere Gefahren drohten, hatte sich bereits am 17. September 1937 gezeigt, als bei einer Übung in der Nähe von Cardington durch Blitzeinschlag vier der zehn aufgelassenen Sperrballone zerstört wurden. Davon unbeschadet ging der Ausbau der Sperrballontruppe weiter vor sich. Geplant waren zu jener Zeit Ballonsperren für Birmingham, Bristol, Cardiff, Glasgow, Manchester, Liverpool, Newcastle, Plymouth, Sheffield und Southampton. Mit Kriegsbeginn am 3. September 1939 umgab London bereits eine Sperre aus 444 Ballonen. Die Industrieanlagen und/oder Häfen, die Mündung Im Rahmen der ersten Sperrballonübung /938 wurde dieser Ballon in der Londoner City aufgelassen. Nach damaligen Angaben dauerten das Füllen und das Auflassen eines Ballons in eine Höhe von rund 5000 m etwa 30 min. Frankreich besaß zu jener Zeit mit dem Ballon "Arie/" den besten Typ. Bei Windstille soll er auf 6500 m, bei starkem Wind auf rund 6000 m gestiegen sein. Die französischen KabeltrommeIn nahmen ein 4 mm starkes Spezialseil von 7500 m Länge auf der Themse sowie anderer wichtiger Wasserstraßen (Behinderung des Legens von Minen aus der Luft) wurden durch weitere 180 Ballone gesichert. Zu jener Zeit wurde zwischen stationären (große Ballone, Höhe bis 6000 m) und mobilen (kleinere, bis 600 m Höhe, aufgelassen von Motorfahrzeugen und Schiffen bzw. Kähnen) Sperrballonen unterschieden. Die Aufgabe der Ballone wurde darin gesehen, besonders wichtige und empfindliche Ziele vor Sturzkampffiugzeugen und Tieffiiegern zu schützen.AIs wesentlich wurde dabei der moralische Effekt auf die Besatzungen der angreifenden Maschinen - vor allem in der Dunkelheit - gesehen. Nach der Form der Anordnung von Ballonen um Städte und andere Flächenziele oder um Fabrik-, Bahn- und Hafenanlagen sowie weitere Punktziele gab es Ring-, Schachbrett- oder Nadelkissensperren. Haupttypen waren der Sperrballon MK-VI mit einem Fassungsvermögen von 76 m 3 und der MK-VII mit 540 m 3 • 15


Sandini Archiv 16 .. Sill da HlllptquJrli.1 des fight. Comm-oo 6 Sitz des Hauplquarti.s da Graup Comm .. d x Au;p(all des fight« CommlOd Eine britische Sperrballoneinheit in der früheren Luftschiffhalle. Mit den F akrzeugen ließen sich die aufgefüllten Ballone schnell in die vorgesehene Position bringen. Jeder LKW trug die Motorwinde und die Kabeltramme l. Im Falle einer Verlegung fand auch die Ballonhülle auf der Ladefläche Platz. In der Vorkriegsplanung waren 600 Sperrballone für den Schutz Londons vorgesehen. Sie sollten mit einem Zwischenraum von 100 m hochgelassen werden und so einen Raum mit einem Durchmesser von etwa 16 km um Charing Craß decken. Unten: Die Ballonsperren im System der britischen Luftverteidigung mit Stand August 1940. R_hauplJtlliCII Ktnnamm. des jMlilill'" Ab$dIninl Dwrdl eillOllljlllTlfl gachÜtll. Slädt. TlIllIMlnplinim zwisctt.J .., AbsdInin .. 2 STAfFEUI ZIIII .. JlgIbtlfltln im Absdtnin 16 ZtIII cIIr sdIw ... RakglsdlÜlu bIi S'illt",. AugpliTltll U$W,


Sandini Archiv Wie wichtig die Sperrballone waren, wird durch Aussagen deutscher Flugzeugbesatzungen bestätigt. Bereits während des Frankreichfeldzuges war ein deutsches Flugzeug bei Le Havre an das Stahlkabel eines Ballons geraten und abgestürzt, den eine britische Einheit aufgelassen hatte. Einige Hinweise auf die Wirksamkeit der britischen Sperrballone im Mutterland sind in dem Buch von UlfBalke (Der Luftkrieg gegen England und über dem Deutschen Reich 1941-1945, Teil 2 von: Der Luftkrieg in Europa; Koblenz 1990) zu finden. Danach konnte beispielsweise die Besatzung einer Do 217 beim Angriff auf einen Geleitzug den Ballonen nur durch sofort eingeleiteten Messerflug entgehen, weil ein Ruf des Funkers den Piloten noch rechtzeitig warnen kounte. Gelegentlich wurden nach Berichten der Besatzungen auch die 20 bis 30 um wichtige Fabrikanlagen gruppierten Sperrballone rechtzeitig entdeckt - so von einer Do 217 am 1J2. September 1941. Nach einem Angriff vom 8. Dezember 1941 berichtete eine Bomberbesatzung, ihnen wäre durch starke Flakabwehr, Scheinwerfer und auf 1800 m stehende Sperrballone keine Wirkungsbeobachtung ihrer Bomben möglich gewesen. Am 28. Februar 1942 schaffte eine Do 217 gerade noch den Rückflug, nachdem sie im Tieffiug mit dem Tragflügel ein Schulmäßiger Aufstieg britischer Sperrballone 1938. ACHTUNGISPERRBALLONI Sperrballonseil durchschlagen hatte. Gelegentlich konnten andere Besatzungen den Absturz ihrer Kameraden durch eine Ballonsperre sehen und nach der Landung melden - so geschehen am 9. Mai 1942 im K.G.2. Häufig machte die Konzentration von Sperrballonen das Angriffsverfahren der deutschen Verbände zunichte, die ihre Bomben im starken Gleitflug abwarfen. Am 27. Juli 1942 erlebte eine Bomberbesatzung, wie ein daumendickes Seil zwischen Rumpf und rechtem Motor etwa 10 cm weit in den Tragflügel schnitt, schließlich riß und noch Löcher in Tragfläche und Höhenleitwerk schlug. Einige Piloten berichteten - nach glücklicher Heimkehr oder auch in britischer Gefangenschaft-, daß sie beim plötzlichen Ausweichmanöver vor den Scheinwerferstrahlen mit Ballonseilen in Berührung gekommen sind. Auch Begegnungen mit Sperrballonen in einer Höhe von 3000 m waren üblich. Als Abwehrmaßnahme gegen die Ballone wurden für die Bomber mehrere Arten von Zerschneidern oder Abweisern der Kabel entwickelt und erprobt. Durchgesetzt hatte sich keines dieser Geräte - zu schwer, zu materialaufwendig, zu teuer. Übrigens: ähnliche Versuche der britischen und der sowjetischen Luftstreitkräfte wurden ebenfalls ergebnislos abgebrochen. 17


Sandini Archiv Aus gut organisierten britischen LuJtabwehrzentren wurden die lagdverbände und die Flak sowie alle Aktivitäten - darunter auch die Sperrballonaufstiege - geleitet. An der Küste gefangen genommener deutscher Flieger - möglicherweise war ihm ein Sperrballon zum Verhängnis geworden. Heinkel He 111 H-8 mit Sondergerät zum Durchschneiden von Ballonkabeln. 18 Auch diese lu 88 A-6 trug einen Ballon-Abweiser.


Sandini Archiv Sperrballon der i940 im Bestand der 945. RAF­ Abteilung formierten polnischen Ballonstaffel. Sie war im Verlaufe des Krieges mit Sperrballonen der britischen Typen LZMK­ V und VII sowie der Modelle MK VIll und XII aus den USA ausgerüstet. Die aus 6 Offizieren und 488 Mannschaften bestehende polnische Einheit war am Hafen von Glasgow (i2 Posten) ebenso im Einsatz wie bei der V-i-Abwehr von London (22 Posten). FRAUEN ERSETZTEN GROSSBRITANNIENS BALLON-MÄNNER Insgesamt umfaßte das britische Sperrballon­ Kommando 47 Staffeln (allein für London 10) mit etwa 2100 Sperrballonen (während des Höhepunktes der "Luftschlacht um England" etwa 2300 bis 2500) und 28 000 Mann. Im Jahre 1942 traten viele Frauen der W.A.A.F. (Women's Auxiliary Air Force) an die Stelle des männlichen Personals. Wie Fachleute berichten, haben sie sich trotz schwerster Belastungen - so häufige Luftangriffe, Probleme mit der Verpflegung der weit abseits gelegenen Posten - hervorragend bewährt. Eine besondere Bedeutung kam den britischen Sperrballonen zu, als am 12.113. Juni 1944 der Eine V-i im Anflug auf London. Beschuß Londons mit der V-I begann. Nach englischen Angaben gelangten von den etwa 8000 Flügelbomben (im Durchschnitt 80 Tage lang täglich 100) um 29% bis London selbst. Von den restlichen 71 % konnten 279 (nach anderen Angaben: 232 V-I) mit Hilfe der 1750 Einheiten umfassenden Ballonsperre um London vernichtet werden. Offiziell ist das britische Ballon-Kommando am 5. Februar 1945 mangels Bedarf aufgelöst worden. Dennoch deckten Ballon-Einheiten Montgomerys Verbände bei den Kämpfen in Holland und am Rhein. Einer der rund 2000 zur Abwehr der V-i verwendeten Sperrballone um London. 19


Sandini Archiv Füllung eines Ballons der 8. Ballonabteilung 1920 auf der Krim. Oben: Rechts der Gasbehälter. Mitte: Ob an der Front oder bei Festen (hier Flugplatz Moskau zum Tag der Luftflotte am 2. August /918 mit einem Ballon der J. Ballonabteilung) - Ballone waren in Rußland und in der Sowjetunion beliebt. Unten: Gasholder 1919 im Fußmarsch an die Front. 23


Sandini Archiv 24


Sandini Archiv Linke Seite: Unveröffentlichte Fotos von 1925 aus dem Ausbildungszentrum Kunzewo nahe Moskau der 1. Ballonabteilung: Hier Gaserzeugung in und Gastranspart von Kunzewo zum Artillerie-Schießgelände. Diese Seite: Aufstieg eines Fesselballons am Dorf Tokarewo in der Nähe des Schießplatzes (Mitte). Unten: Zur Ausstattung von Kunzewo gehörten auch kugelförmige Freiballone. Die Vielzahl von Ballonaktivitäten der Roten Armee erleichterte den schnellen Aufbau von Sperrballoneinheiten kurz vor und während des 2. Weltkrieges. 25


Sandini Archiv 26 Oben: Angehörige der 1. Ballonabteilung der Roten Annee bereiten einen Fesselballon zum Aufstieg vor. Im Vordergrund ist das vollgummibereifte Fahrzeug mit der Motorwinde zu erkennen. Aufstieg eines kugelförmigen Freiballons 1925 nahe Kunzewo im Dorf Tokarewo. Beide Fotos verdeutlichen den großen Bedarf an Bedienungspersonal für den Ballonaufstieg jeder Art.


Sandini Archiv Do 17/Ju 88 im Mai 1993 nach 50 Jahren Trennung in Gotha zu einem Treffen zusammenkamen, spielte in den Erinnerungen "Wißt ihr noch_ .. " auch die Frage "Habt Ihr noch die Sperrballone um Moskau vor Augen?" eine Rolle (Siehe Luftwaffen-Revue 3/93, S. 67: Generation ohne Beispiel). Doch zurück zum Herbst 1941: Die mit der immer näher rückenden Front anwachsenden Bombenangriffe führten dazu, daß die Ballone nicht nur in jeder Nacht, sondern auch am Tage - besonders bei bedecktem Himmel - aufgelassen wurden. Da von den Posten zahlreiche Soldaten für die Front abgezogen werden mußten, trafen ab November 1941 in einer kurzen Vorschulung vorbereitete Frauen bei den Ballon-Einheiten ein. Zunächst verblieben noch die Offiziere, die Posten­ Chefs, die Maschinenführer und deren Gehilfen in ihren Funktionen. Nach und nach sind aber auch diese Stellen bei den Ballon-Posten oft mit Frauen besetzt worden. Mit Beginn der Luftangriffe waren nur die Anflugrichtungen von Norden und Nordwesten (9.SBR) sowie von Westen und Süden durch Sperrballone gesichert. Da die Luftwaffe versuchte, die Stadt zu umfliegen und auch von Osten her anzugreifen, ist im Frühjahr 1942 mit dem 13. SBR (Oberstleutnant W.M. Schewtschenko) ein dritter Sperrballon-Verband für Moskaus östliche Seite aufgebaut worden. 28 Nach Kriegsbeginn versahen viele Frauen und Mädchen den verantwortlichen Dienst in den Luftbeobachtungs- und Luftmeldeposten (russ. Abk.: WNOS). Ihre präzisen Informationen trugen dazu bei, daß die Sperrballone rechtzeitig aufgelassen werden konnten. Unten: Ein sowjetischer Sperrballon und das Windenfahrzeug - ein leichter Lkw GAZ-AA.


Sandini Archiv Die nur aus Frauen und Mädchen bestehende Bedienung eines sowjetischen Sperrballonpostens ist angetreten. Unten: Zur moralischen Unterstützung der Moskauer Bevölkerung ausgenutzt - der Absturz eines deutschen Bombers Junkers Ju 88, an dem vielleicht auch ein Ballonseil beteiligt war. 30


Sandini Archiv Zu dieser Zeit war die sowjetische Dezember-Offensive schon dahingehend wirksam geworden, daß sich die Lage auch für die Luftverteidigung Moskaus etwas entspannt hatte. Jedoch setzten die harten KriegslWintermonate den Ballon-Posten arg zu: Erwiesen sich die Halteseile der Ballone an sich schon als nicht immer genügend fest, um ein sie nur streifendes Flugzeug ernsthaft zu beschädigen (daher auch die Versuche mit Minen am Seil), so brachten es Stürme und klirrende Fröste ab OktoberlNovember 1941 mit sich, daß die Halteseile oft brachen, die Ballone sich selbständig machten. Allein in einer Nacht zu Aufang Oktober 1941 flogen dem 9. SBR 40 Ballone davon, beim 1. SBR waren es gar 50 Prozent. Zwar wurden fast alle wieder gefunden, das war aber zeit- und materialaufwendig, zudem mußten die Ballone noch repariert werden. Leichte Abhilfe brachten die Instruktionen an die Postenkommandeure dariiber, wie die richtigen Eiustellwinkel der Ballone vor dem Auflassen zu erreichen, wie die Winden zweckmäßig zu belasten sind (Gerätekontrolle über starkes Ansteigen der Zugkraft). Begonnen wurde, dem Meteorologischen Dienst stärkere Beachtung zu schenken: Jedes Regiment richtete einen Posten ein, der die Wetterverhältnisse in der Höhe der Sperrballone mit Hilfe daran befestigter Radiosonden registrierte. Sie gaben alle 15 min. Angaben über Temperatur, Druck und Windgeschwindigkeit durch. Spä· ter wurden derartige meteorologische Posten auf der Abteilungsebene eingerichtet. Im Zusammenhang mit dem Problem Trossenbruch sei ein Zwischeufall erwähnt, der sich am 6. Dezember 1941 im l.SBR ereignet hatte, und der in die Annalen der sowjetischen Luftverteidigung eingegangen ist: Beim Einholen eines Ballous gerieten dem Maschinisten an der Winde Eissplitterchen von der Stahltrosse in die Augen. Dadurch verwirrt achtete er weder auf Winde noch auf Trosse. An der Rolle entstand ein Knoten, die Trosse riß, und der Ballon begann zu steigen. Postenfiihrer Sergeant (Unteroffizier) Dimitri Weligura konnte gerade noch blitzschnell eine der vom Ballon herabhängenden Leinen (dienen zum Trausport auf der Erde) ergreifen. Doch allein ließ sich der Ballon - immerhin 30 m lang und mit einem Durchmesser von 6 rn-nicht halten. Er stieg mit dem Mann am Seil. Einen Moment später war es zum Absprung zu spät. Der Wind trug den Ballon in etwa 150 m Höhe mit Frontrichtung davon. Unter großen Mühen gelang es Weligura, sich bis zum mit dem Ablaßventil verbundenen Seil hochzuhangeln und Gas VOM SPERRBALLON MITGERISSEN abzulassen. Nach etwa 110 km war er wieder auf der Erde, um zunächst als vermeintlicher Spion gefangen genommen zu werden. Als sich alles aufgeklärt hatte, war der Rotbannerorden Lohn für Findigkeit und Tapferkeit. Neben dem Trossenbruch stellte sich die Gasversorgung der Ballon-Posten als ein weiteres Problem heraus. Zu großen Schwierigkeiten kam es, weil die Anzahl der Gasflaschen nicht ausreichte. So sah sich die Führung gezwungen, Soldaten zum manuellen Transport der benötigten Mengen in Gasholdern (Behälter aus Gewebe) über Entfernungen von 20 bis 25 km einzusetzen. Da die Zu jener Zeit noch wichtiges Mittel zur Klärung der Luftlage - ein Trichterhärer, mit dem grob die Anflugrichtung von Luftfahrzeugen zu bestimmen war. 31


Sandini Archiv tenen Engpässe in der Gaserzeugung zu beseitigen. Nach sowjetischen Nachkriegs-Veröffentlichungen sind die 445 Moskauer Ballonposten, die es auf dem Höhepunkt der Kämpfe gab, schachbrettartig unter Berücksichtigung der deutschen Anflugrouten verteilt worden. Die einzeln stehenden Ballone hatten einen Abstand von 1 km zueinander, die Tandemballone von 1,5 km. Den Erinnerungen Beteiligter ist zu entnehmen, daß eine gewisse Zeit verstreichen mußte, bis die Ballon-Stellungen richtig verteilt waren: Örtliche Bedingungen der einzelnen Stadtteile mußten ebenso berücksichtigt werden wie das Vorhandensein von markanten Punkten, nach denen sich die angreifenden Flugzeugbesatzungen richten konnten. Als festgestellt wurde, daß der ballonfreie Moskwa­ Fluß eine Einflugroute darstellte, wurden die Ballone umpostiert. Nicht selten ist es zunächst auch vorgekommen, daß sich die Haltetrossen beim Auflassen an den Glockentürmen der Kirchen, an Fabrikschornsteinen oder sonstigen hohen Gebäuden verlingen, sich eng benachbarte Ballone mit ihren Trossen verhedderten. Allein im Dezember 1941 sind Moskaus Sperrballone an 28 Tagen aufgelassen worden. Sie befanden sich dabei 314 Stunden in der Luft. Insgesamt wurden im Raum Moskau an 268 Tagen Sperrballone aufgelassen. Beim Zusammenstoß mit den Trossen sind sieben Abstürze feindlicher Flugzeuge registriert worden, und in 17 Fällen mußten beschädigte Flugzeuge nach dem Berühren von Trossen oder Ballonen notlanden. Noch ein Wort zum Zusammenwirken der einzelnen Mittel in der Moskauer Luftverteidigungszone: Das Vorfeld und die Hauptanflugstrecken der deutschen Bomber sicherten die Jagdflieger sowie die Flak-Verbände. Weit vorn begann die Aktionszone der Jäger. Sie reichte bis zum Feuer- Auch in anderen Städten diente der Abschuß von Flugzeugen - hier einer Heinkel He Hf in Stalingrad - des schier übermächtigen Feindes, um die Moral der schwer leidenden Bevölkerung zu heben, 33


Sandini Archiv bereich der Flak, in den die Jäger höchstens bei der Verfolgung eines wichtigen Zieles einfliegen durften. Der dichte Flak-Gürtel sowie die aufgelassenen Ballone in den einzelnen Luftabwehrzonen waren der Grund, daß in diesen Bereichen in der Regel keine Luftgefechte stattfanden. Die Jagdflieger waren über die jeweilige Höhe der aufgelassenen Sperrballone informiert. Diese wurden üblicherweise vor der Morgendänunerung eingezogen, um das Starten und Landen von Maschinen auf den Moskauer Flugplätzen nicht zu behindern. Offiziell wurde der Sperrballon als passives Mittel in der sowjetischen Luftverteidigung so beurteilt: "Die Hauptbedeutung der Sperrballone bestand darin, daß sie den Bombern die Möglichkeit versperrten, aus geringen Höhen zu 34 , ' ., handeln, wodurch die Treffsicherheit beim Bombenwurf aufEinzeIprojekte wesentlich verringert worden war ..• " schrieb Oberstleutnant d. R. Dipl.-Ing. E. Chasanow im Militärhistorischen Journal (Moskau Heft 8n7). Inoffiziell heißt es, daß die am Himmel stehenden Ballone ebenso wie das Sperrfeuer der Flak für die stark in Mitleidenschaft gezogene Bevölkerung eine Art moralische Stütze darstellen sollte und es auch tatsächlich war. Der Chasanow-Artikel schließt übrigens mit folgender Feststellung: "Die wissenschaftlich-technische Revolution bietet große Möglichkeiten für die Verbesserung der Sperrballone, der Vergrößerung ihrer Steighöhe bei der Verwendung neuer, leichterer und festerer Materialien". Neben Sperrballonen wurden von de r Sowjetarmee während des gesamten Krieges auch Beobachtungs· und Feuerleitballone der Artillerie verwendet. Bis auf die Gondel waren die äußerlichen Unterschiede - siehe (oben) den Sperrballon 1941 über Leningrad I heute Petersburg - nicht sehr groß. Nach 1945 sind Fesselballone beibehalten worden. beispielsweise als kostengünstige Absprungplattjormen für die Ausbildung von Fallschirmspringern. (Hier (links) in den 50er Jahren in de r Armee der Tschechoslowakei: ein sowjetischer Ballon mit dem gängigen LKW S1S-151 als Motorwinde).


Sandini Archiv Sperrballone gehörten in der UdSSR bereits vor Kriegsbeginn nicht nur zur Luftverteidigung der Hauptstadt. So gab es im Juni 1941 im westlichen Teil der UdSSR sechs Regimenter und zehn selbständigeAbteilungen, die mit Sperrballonen ausgerüstet waren. Außer Moskau hatten zu dieser Zeit Leningrad und Baku je zwei Sperrballon-Regimenter. Kiew, Riga, Odessa, Batumi, Villnius (Vilna), Kaunas, Lwow, Drogobitsche und Minsk wurden durch je eine selbständige Ballon-Abteilung gedeckt. In Sewastopol gab es einen zur Schwarzrneerflotte gehörenden Sperrballonverband. Er war für die Ballone der Luftverteidigung von HäfenJ-Flottenbasen ebenso zuständig wie für die auf den Kriegsschiffen mitgeführten und aufgelassenen Ballone vom Typ MAZ-I. Im Verlaufe des Krieges gab es zahlreiche Veränderungen (beispielsweise spielten Sperrballone auch im Raum Stalingrad eine Rolle), auf die hier aus Platzgriinden nicht eingegangen werden kann. Nur soviel: Das für die Luftverteidigung Lenin- LENINGRAD UND ANDERSWO grads zuständige 2. Luftverteidigungskorps verfügte über das 4. SBR (Major S. Lukjanow) und über das 11. SBR (OberstieutnantA. Toropow) mit insgesamt 297 Ballonposten (145 mit Einzel-, 152 mit Tandem-Ballonen). Damit wurde ein Fläche von etwa 300 km 2 gedeckt. Da Leningrad bereits in den ersten Kriegstagen aus der Luft angegriffen worden ist, mußten die Posten sofort aktiv werden. Bekannt ist, daß versuchsweise eine aus drei Ballonen ("Triplet") bestehende Sperre eine Höhe von 6000 m erreichte. Auf dem Höhepunkt der Blockade verfügte Leningrad über insgesamt 360 Sperrballone. Bei der Verteidigung Leningrads spielten Fesselballone für die Feuerleitung der Eisenbahngeschütze sowie der schweren Artillerie eine große Rolle. Wenig bekannt ist, daß die Sowjetarmee Ballone zur Feuerleitung bis zum Kriegsende verwendete. Beispielsweise wurden während der Abschlußgefechte im Kampf um Berlin in über 900 Fällen sowjetische Ballone aufgelassen, wobei sie 340 deutsche Artillerie- oder Feuerpositionen erkundeten und 140 Schießkorrekturen ausführten. Die Originalunterschrift dieses Agenturjotas lautet: Fesselballons vor der lsaaks-Kathedrale während der 900tägigen Belagerung Leningrads. Tatsächlich handelt es sich hier natürlich um Behälter Jür den Gastransport zu den Sperrballonen. 36


Sandini Archiv I / , / , / In der Fachliteratur so gut wie nicht erwähnt - sowjetische Radarstation der Moskauer Luftverteidigung von J 94 J: Auf zwei Kfz GAZ-AA war die Funkmeßstation RUS-I (1939) untergebracht (oben). Die verbesserte RUS-2 "Redoute" (1940, 1941 modernisiert) benötigte nur noch ein Fahrzeug (unten). Folgende Parameter der RUS-I / RUS-2 sind bekannt: Arbeitsbereich 3,6 - 4/4 m; Strahlungsleistung 300 W/40 - 50 kW Auffassungsbereich 30/ 100 km. Mit den von den Radarstationen, den Horch- sowie den visuellen Meldeposten kommenden Informationen ergab sich ein relativ reales Bild über die tatsächliche Luftlage, was nicht zuletzt auch für die zweckmäßigen Ballonaufstiege wichtig war. \ 37


Sandini Archiv DEUTSCHLAND: LUFTSPERRFORMATIONEN ALS TEIL DER FLAKARTILLERIE Im bereits erwähnten PLOETZ wird zum Stichwort deutsche Sperrballone nur gesagt, daß sie ebenso wie die Sperrdrachen zum Bestand der Flakartillerie zählten.Auch im Kriegstagebuch der Wehrmacht sucht man vergeblich nach ausführlicheren Informationen zu diesem Bereich der deutschen Luftverteidigung. Betont wird lediglich, daß Ballone nicht zum dringenden Bedarf zählten. In der Dokumentation "DIE DEUTSCHE LUFT­ WAFFE 1939-1945" vonA. Galland, K. Ries und R Ahnert (PODZUN-PALLAS 1987) wird sehr detailliert der Bestand der Flak-Artillerie aufgezählt - 21 193 leichte, 4800 mittlere und 113 260 schwere Flak, 83 Fla-Raketenwerfer "Föhn", 2262 Flakscheinwerfer aller Größen und 5559 Ringtrichter-Richtungshörer-, Sperrballone dagegen sind überhaupt nicht erwähnt. Irgendwie belegen allein diese Beispiele aus der Fachliteratur, welchen Stellenwert die Sperrballone in der Luftwaffe hatten. Tatsächlich sind die deutschen Sperrformation natürlich nicht bei dem vorn erwähnten Stand von einer aktiven Luftsperrbatterie in Bad Saarow (unterstand dem Luftflottenkommando 1 Berlin) sowie vier Ersatzbzw. Reserveformationen geblieben. Im Jahre 1939 wurden drei Luftsperrabteilungen gebildet, und 1940 kamen drei weitere hinzu. Offensichtlich ist ihre Anzahl ab 1941 unter dem Eindruck des Kriegsverlaufes erhöht worden, denn bis einschließlich 1943 kamen 18 weitere Abteilungen hinzu, von denen einige aber 1944 aufgelöst bzw. umgewandelt wurden. Die ortsfest stationierten oder mit Hilfe von Transportbatterien beweglichen bzw. verlegbaren Einheiten waren mit Ballonen im Fassungsvermögen 70 bis 200 m 3 ausgestattet. Generell ist festzustellen, daß die Führung der Luftwaffe in Hinsicht auf die Luftverteidigung Auch die Wehrmacht verzichtete nicht auf Richtungshörer, obwohl sich erste Radargeräte im Bestand befanden. 38 davon ausging, daß infolge der schnellen Besetzung der Nachbarländer und der Ausdehnung des eigenen Territoriums sowie der (vor Kriegsbeginn noch) geringen Reichweite der Bomber nicht mit massierten Luftangriffen auf Deutschland zu rechnen war. Die Erfolge gegen Polen und Frankreich schienen diese Ansicht zu bestätigen. Interessant ist in diesem Zusammenhang: An der 1935 gegründeten Luftkriegsakademie Berlin-Gatow galt die "LuftangritTslehre" bis 1943 als Hauptfach.AIs die "Taktik der Luftverteidigung" dann in das Lehrprogramm aufgenommen werden sollte, machte es große Schwierigkeiten, dafür geeignete FachleutelDozenten zu bekommen. Dennoch kann nicht gesagt werden, daß die Flugabwehr völlig unterschätzt worden ist. Immerhin umfaßte allein das für den Raum Berlin (von Oranienburg im Norden bis SchönefeldlErkner nach Süden; gehörte zum Luftgau ill) verantwo.rtliche Luftverteidigungskommando 1 im September 1939 160 Flak-Geschütze 10,5 und 8,8 cm sowie 200 Rohre im Kaliber 3,7 und 2 cm (Gesamtfläche Berlin 884 km'; 4 Mio. Einwohner; Rüstungswerke: 40 Flugzeugbau, 10 gepanzerte Fahrzeuge, 30 Artillerie- und Schützenwaffen sowie chemische Kampfstoffe, 50% der Sturmgeschützproduktion). Zur im September 1941 für die Luftverteidigung Berlins gebildeten 1. Flak-Division gehörten die Flak-Regimenter 22, 53 und 126 (264 schwere Flak, 75% 8,8 cm), das Flak-Scheinwerfer-Regiment 82 und die ill. Abteilung zur Luftverteidigung z.B. V. (zur besonderen Verwendung-Sperrabteilung), außerdem Fernmelde- und Transporteinheiten. Gegen Sperrballone in der Berliner Luftverteidigung soll es starke Vorbehalte gegeben haben, da man durch die aufgelassenen und möglicherwiese Und immer mal wieder ein deutscher Sperrdrachen. Dieses Fesselflugzeug O.D.R. 43 von Valentin Oesterle aus dem Zeitraum 1942/43 war ein Versuchsmodell. Es sollten größere Ausführungenfür Luftsperren folgen.


Sandini Archiv Originalseite aus einer Fliegerzeitschrift vom Oktober 1938 mitfolgenden Bildunterschriften: Bilder von den diesjährigen großen Herbstmanövem. Links oben nach unten: Der Führer trifft im Manävergelände ein. - Während eines Fliegerangriffs auf einen Fliegerhorst im Westen Berlins. - Mit Scheinwerfem und Horchgeräten wird der nächtliche Himmel nach Flugzeugen abgesucht. Rechts oben nach unten: Abwehr eines Aufklärungsflugzeuges. - Domier-Bombenjlugzeuge im Tiefanjlug. - Während des" Fliegerangriffs" aufBerlin verfolgen Reichskriegsminister Generalfeldmarschall von Blamberg, Ministerpräsident Generaloberst Gäring und General der Flieger Milch mit ihrem Stabe vom Dach des Reichsluftfahrtministeriums aus die Kampfhandlungen. Vom Sperrballon war während des Manövers noch keine Rede! (WK.) 39


Sandini Archiv abgerissenen Ballone Behinderungen für den normalen Flugverkehr sowie sonstige Störungen aller Art befürchtete. Nach Zunahme der Bombenangriffe, die insbesondere unter Mitwirkung der US-Verbände durch hunderte Flugzeuge aus Höhen um 6000 m und darüber vorgenommen wurden, waren die Sperrballone durch ihre geringe Steighöhe für die Flächendeckung - so auch für die Berlins, hier begannen die massierten Angriffe im Sommer 1943 - ohnehin wirkungslos. Deswegen wurden dann Sperrballone durch die deutsche Luftverteidigung vor allem zum Schutz kleinerer Objekte - Indnstrieanlagen, Talsperren usw. - vor Tieffiiegern verwendet. Die gleiche Aufgabe, so die ursprüngliche Absicht, sollten Sperrballone gemeinsam mit Fla-Waffen gegenüber den Beobachtungs- und Feuerleitballonen der Artillerie erfüllen. Diese beiden Fotos erschienen im Dezember 1938 mitfolgendem Text in der deutschen Luftfahrtpresse: Daß auch die neue Luftwaffe nicht auf die " aufgeblasene Konkurrenz" verzichten kann, zeigen diese Bilder von einem neuen Deutschen Fesselballon, der anläßlich des Erntedan/ifestes auf dem Bückeberg zu sehen war. Der Fesselballon kurz vor dem Aufstieg. Foto aus demfriedensmäßigen Ausbildungsbetrieb einer Fesselballonbatterie der Wehrmacht im Jahre 1939: Die sorgfältig zusammengelegte Hülle wird auf eine Unterlage getragen, um den Ballon mit Gas zu füllen. 40


Sandini Archiv Der Ballon ist f ertig zum Aufstieg, das Windenseil ist eingehakt, und die Soldaten halten den Ballon an den Seilen am Boden. Unten: Die Motorwinde ist auf einem Anhänger untergebracht, als Zugmittel dient ein Halbkettenfahrzeug. 41


Sandini Archiv 42 \ . , . . " ';..( I Oben: Das Einholen des Ballons durch die Haltemannschaft wird geübt . Eine Ballonhülle wird entfaltet. Um die empfindliche Hülle zu schonen, trägt die Bedienungsmannschaft Schuhe mit weichen Sohlen.


Sandini Archiv Auch Ballon-Beobachter und Spezialisten zum Leiten des Artilleriefeuers aus der Luft wurden im bestimmten Umfang noch zur Friedenszeit ausgebildet. Links: Zweiachsiger Sonderanhänger mit Motorwinde. Friedensmäßig werden rot-weiße Windsäcke in festgelegten Abständen an der Trosse befestigt, um eigenen Fliegern den Standort des Ballons anzuzeigen. 43


Sandini Archiv Rechts: Der Korb für die Beobachter wird an diesen Sperrballon gehängt: Für die Bedienungsmannschaften bedeutete es keine großen Unterschiede, ob sie für die Fesselballolle zu Beobachtungs- oder zu Sperrzwecken ausgebildet wurden. 44 r 1 , i , \


Sandini Archiv Abschluß des Ausbildungstages - der Ballon" marschiert" in die Halle. Vorposten- und Sicherungsboot der KriegsmLlrine mit Sperrballon, bestückt mit einer 75-mm- und zwei 37-mm-Flak sowie einem 20-mm-Vierling. Weil ab 1943 über See keine wirksame Luftdeckung mehr geflogen werden konnte, waren die in der östlichen Ostsee operierenden Einheiten bis an die Grenze ihrer Seetüchtigkeit und Tragfähigkeit mit Fla-Waffen in den Kalibern 13 bis 105 mm bestückt. Um genügend gegen die gefürchteten Tie.ffl.ieger der sowjetischen Marine gewappnet zu sein, wurden zusätzlich Raketen-Abschuß­ Gerüste (RAG) für Drahtseil-Geschosse sowie Flammenweifer und Sperrballone mitgeführt. Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, daß Sperrballone bei der Sicherung der alliierten Geleitzüge eine nicht unwichtige Rolle spielten. So gehärten am 29. Juni 1941 zum Schutz eines aus 44 Handelsschiffen bestehenden alliierten Geleitzuges drei Zerstörer, mehrere Jagdflugzeuge und acht Sperrballone. Insgesamt sind zum Schutz der Seeverbindungen von den Alliierten fast 5000 Kampfschiffe, etwa 2000 Flugzeuge und 200 Fesselballone verwendet worden. 45


Sandini Archiv Insgesamt sind folgende Luftsperrabteilungen formiert (Angaben nach: "Die Verbände der Luftwaffe 1935-1945", Herausgeber Wolfgang Dierich; Verlag Heinz Nickel, Zweibrücken 1993) worden: 1939 201: aufgestellt im Luftgau IV Dresden, eingesetzt im Luftgau VI Münster, ab 1940 im Luftgau XI (Wilhelmshaven, Hamburg). 202: aufgestellt im Luftgau IV Dresden, eingesetzt zunächst im Luftgau XI (Kiel); in den Westen verlegt, 1944 aufgelöst. 203: aufgestellt im Luftgau m Berlin, eingesetzt im Luftgau XI; der Stab fungierte dort zeitweilig als "Inspizient der Luftsperrverbände" dieses Luftgaus, später in BelgienINordfrankreich stationiert. 1940 204: nach AufstellunglEinsatz im Luftgau VII München (Oberndorf), dann im Luftgau XII (Mannheim), 1944 aufgelöst. 205: aufgestellt im Luftgau rv, eingesetzt im Luftgau XII, dann im Luftgau XI (Kiel), 1944 aufgelöst. - 206: aufgestellt im Luftgau rv, eingesetzt im Luftgau XI, 1944 aufgelöst. 1941 101: aufgestellt und eingesetzt im Luftgau m Berlin, 1944 im Luftgau VI wirksam. 102: nach Aufstellung im Luftgau m zum Luftgau VIII und mit diesem im gleichen Jahr nach Rumänien verlegt und später Gerät an rumänische Armee übergeben; 1945 unter der 13_ Flakdivision an der Westfront im Einsatz. 103: aufgestellt und eingesetzt im Luftgau VI Münster. 104: aufgestellt und eingesetzt im Luftgau m Berlin, außerdem noch im Luftgau IV Leipzig. 105: aufgestellt und eingesetzt im Luftgau XVII Wien. 106: -aufgestellt und eingesetzt im Luftgau VI. 107: zunächst in Frankreich eingesetzt, 1942/43 im Luftgau IIIJIv. 1942 207: aufgestellt in Westfrankreich, vernichtet und 1944 neu aufgestellt, zuletzt am Atlantik. 208: Einsatz im Luftgau XI. 664: aufgestellt im Luftgau VI, im Westen eingesetzt. Über die 1943 (961, 962) und 1944 (963) aufgestellten Abteilungen ist nur bekannt, daß sie bis 1944 wieder aufgelöst worden sind, also kaum eine Rolle gespielt haben können. Mit Zunahme der alliierten Luftangriffe auf das Reichsgebiet ab 1942 wurden verstärkt Sperrabteilungen um Berlin, Hamburg und Bremen, im Ruhr- und Saargebiet ( Foto) sowie an anderen wichtigen Stellen konzentriert. Als die Angriffe die Ballonhöhe von 900 bis 2200 überstiegen, verloren diese Sperren ihren Wert. Bei der Zunahme der TIejJliegerangriffe ab 1944 wären Ballonsperren wichtig gewesen, doch dazu fehlte die eigene Deckung aus der Luft- 46


Sandini Archiv Der Sperrballon ist nach dem 1. Weltkrieg verschrottet, im 2. Weltkrieg erneut verwendet und danach wieder verschrottet worden. Inwieweit eine Renaissance bei Fortbestehen der Militärbliicke ins Auge zu fassen gewesen wäre, deutete das Beispiel mit der FB-l11 im Vorwort an. Thtsächlich spielt der Fesselballon auch heute noch - wenn auch auf eine völlig andere Weise - eine gewisse Rolle: Seit 1987 bietet die USA-Finna TCOM Corporation Fesselballone vom Typ STARS (Länge erste Muster: 25 mund 31 m; Tragfähigkeit 110 bzw. 250 kg) als Träger von Antennen und/oder von Frühortungsradars an. Ein derartiger - allerdings 60 m langer - Fesselballon entdeckte am 2. August 1990 um 2 Uhr in der Nacht den Aufmarsch der irakischen Panzer- und Fahrzeugkolonnen vor dem Überschreiten der Kuwaitischen Grenze. Die- DER FESSELBALLON LEBT ser Ballon war 1988 aus den USA bezogen und mit einem modifIzierten Westinghouse-RadarTPS-63 bestückt worden. Die Iraker hatten die bodengebnndenen Radarstationen angegriffen oder gestört, die Station am Fesselballon konnten sie weder optisch noch mit Radar ausmachen. Möglicherweise hat diese Episode dazu beigetragen, daß Syrien im September 1995 an Israel den Vorschlag richten wollte, nach einem israelischen Rückzug von den umstrittenen Golan-Höhen dort Sperrballone für ein Frühwarnsystem zu verankern. Bemannte israelische Stationen lehnte Syrien ab. Noch ist dazu nichts entschieden. Sicher aber dürfte sein, daß das Kapitel Fesselballon - der Sperrballon ist ein Thil davon - noch nicht abgeschlossen ist. Dieser in Kuwait stationierte Fesselballon meldete mit Hilfe seines Westinghouse-Radars TPS-63 am 2. August 1990 um 2 Uhr nachts den Einmarsch der irakischen Armee. 47


Sandini Archiv Italien bevorzugte kugelförmige Fesselballone. Dieser auch für Beobachtungszwecke zu verwendende Ballon ist mit einem kleinen Motor versehen, um im Gefahrenteil die Landemanöver zu erleichtern.


Sandini Archiv Waffen-Arsenal Band 161 Verkaufspreis: DM 14,801 ÖS 116,--1 sfr 15,80 Die Hallen der ehemaligen britischen "Königlichen Luftschiffwerke" waren die Ausbildungsstätte der SperrbaIIongruppe 30, aus der Großbritanniens Sperrballonabteilungen des 2. Weltkrieges hervorgingen. Im Hintergrund an der Wand ein Rumpfring des früheren britischen Luftschiffes R 101. Etwa 1000 Sperrballone sicherten 1944 die Landung der Allüerten in der Normandie. - PODZUN-PALLAS-VERLAG • 61200 Wölfersheim-Berstadt

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