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Loretta Lux / Nachmann Privatsammlung


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nachmann news

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my art

ein titan in weiSS

Günther Uecker

18

my neighbourhood

iSt unSer

politiScheS

SyStem am ende?

Prof. Dr. Dieter Frey

28

my munich

luxuS iSt

die idee deS Schönen

in unS

Petra-Anna Herhoffer

42

nachmann client

SchweStern werk

und GotteS BeitraG

Schwester Theodolinde Mehltretter

50

philosophy

ich finde ÜBerraSchunGen

etwaS wunderBareS!

Dr. Susanne Gaensheimer

Impressum

Herausgeber: Josef Nachmann

Beratung und Supervision:

Andreas Lukoschik

Chefredaktion: Jens Magers

Art Director: Janis Birznieks

Textredaktion: Amadeus AG, Schwyz

70

my bavaria

unSer wohlStand

BaSiert auf wiSSenS-,

innovationS- und

induStriekompetenz

Dr. Günter von Au

80

my germany

auS wirtSchaftlicher

Sicht iSt der atomauS-

StieG fÜr die deutSche

exportlandSchaft eine

rieSenchance!

Hannes Schwaderer

92

my europe

GuteS

unternehmen – Geht!

Konstanze Frischen

102

my world

ein BeSondereS

mÜnchner kindl

Alice Sara Ott

Anschrift

Nachmann Rechtsanwälte

Theatinerstraße 15

80333 München

www.nachmann.com

Telefon +49 89 2420740


Liebe Leser,

im Angesicht weltweiter Krisenszenarien, wachsender

gegenseitiger Kritik von Politik und Wirtschaft, wer die

Verantwortung für welche Fehlentwicklung trägt, wollen wir

wieder Personen und Unternehmen vorstellen, die vorbildhaft

an der Weiterentwicklung unseres Gemeinwesens und der

wirtschaftlichen Entwicklung arbeiten. Sie sind die Nachdenker,

Vorbilder und Mutmacher, die wir jetzt brauchen.

Andreas Lukoschik hat gemeinsam mit uns Gesprächspartner

ausgewählt, die mit Erfolg ihre Projekte umsetzen, ihr Leben leben.

Und dies im Sinne der Gesellschaft und der Schaffung dauernder

Werte. Glaubwürdig.

Unser beruflicher Alltag zeigt uns, dass es viele Gedanken

und Projekte gibt, die uns Mut und Hoffnung geben, weil sie

auf eine qualitativ wachsende Wirtschaft und eine vernünftige

Weiterentwicklung der gesellschaftlichen Lebensgestaltung

gerichtet sind. Es gibt so viele engagierte, innovative und

leistungsbereite Menschen, dass uns im Grunde nicht Bange

sein muss, wenn wir nur notwendige Korrekturen nicht als

Weltuntergang, sondern als normalen Gang der Dinge betrachten –

also mehr Gelassenheit als Gebot der Stunde.

Jede Krise bietet auch die Chance, sich auf Grundsätzliches

zu besinnen. So zum Beispiel, dass Kapital und Produktivität

zusammengehören und Wetten auf Unternehmen und Staaten

verboten werden müssen. Oder dass wir den kleinen Einheiten

wieder mehr Glauben schenken sollten, dem was wir politisch und

wirtschaftlich überblicken können und wo Korrekturen weniger

schmerzhaft, weil begrenzter sind.

Wir hoffen, dass wir wieder einen Sie interessierenden Mix aus

Themen, Menschen und unterhaltsamen Texten zusammenstellen

konnten. Wir danken Andreas Lukoschik, der neugierig und offen

unsere Interviewpartner für spannende und aussagekräftige

Gespräche gewinnen konnte.

Mit besten Grüßen,

Ihr Josef Nachmann

kindler/nachmann

handbuch insolvenzrecht in europa

Herausgegeben von Prof. Dr. Peter Kindler

und Rechtsanwalt Josef Nachmann

daS neue deutSche inSolvenzrecht – deutSchland-teil

deS handBuchS in ÜBerarBeiteter neuauflaGe.

Zum 1.1.2012 wird das Gesetz zur erleichterten Sanierung von

Unternehmen (kurz: ESUG) in Kraft treten und die seit dem 1.1.1999 geltende

Insolvenzordnung erneut reformieren. Neben der Einführung eines sog.

„Schutzschirmverfahrens“, in dem dem potentiellen Insolvenzschuldner die

Möglichkeit gegeben werden soll, unter Aufsicht eines vorläufigen Sachwalters

Sanierungsmaßnahmen einzuleiten, wird insbesondere der Einfluss der

Gläubiger auf die Maßgaben des Insolvenzverfahrens gestärkt. Schon bei

überschaubaren Unternehmensgrößen (mehr als 10 Mitarbeiter, mehr als

2 Mio. € Jahresumsatz) soll künftig vom Insolvenzgericht ein vorläufiger

Gläubigerausschuss bestimmt werden, der bei der Auswahl des (vorläufigen)

Insolvenzverwalters mitwirkt.

Die Konkurrenzfähigkeit des „Insolvenzstandortes“ Deutschland

soll nach den Vorstellungen des Gesetzgebers nicht nur durch das

o.g. Schutzschirmverfahren, sondern auch durch eine Stärkung des

Insolvenzplanverfahrens verbessert werden. Künftig wird die Eigenverwaltung

durch den Schuldner bzw. dessen Geschäftsführung die Regel werden.

Erstmalig wird auch der sog. Debt-Equity-Swap als Mittel zur Stärkung der

Eigenkapitalbasis eines Unternehmens in einen gesetzlichen Rahmen gegossen.

Neue Wege beschreitet der Gesetzgeber zudem bei der sog. Vorbefassung

des Insolvenzverwalters. War es nach der bisherigen Praxis bundesdeutscher

Insolvenzgerichte noch undenkbar, dass ein Insolvenzverwalter bereits vor dem

Insolvenzantrag beratend oder sanierungsbegleitend für das schuldnerische

Unternehmen tätig war, so soll jetzt – wenn auch in engen Grenzen – eine

Vorbefassung kein Ausschlusskriterium mehr darstellen. Es bleibt abzuwarten,

welche Auswirkungen diese Regelungen auf die Auswahl eines geeigneten

Insolvenzverwalters haben.

Diese und vorangegangene gesetzliche Änderungen wurden in dem

umfassend neu bearbeiteten Deutschland-Teil des Handbuchs für Insolvenzrecht

in Europa berücksichtigt. Auch künftig wird damit eine kurze und prägnante

Einführung in die deutsche Insolvenzpraxis zur Verfügung gestellt.

Erscheinungstermin der Ergänzungslieferung: voraussichtlich

1. Quartal 2012.


my art

Seite 8

GüNTHER

UEcKER –

EIN TITAN

IN WEISS

Feld 2008, 90 x 90 cm, Nägel,

Latex, Leinwand, Holz

Seine arbeiten hängen in allen

großen museen der welt und werden

meist an einem element seiner

handschrift erkannt – dem nagel.

unser autor andreas lukoschik traf

ihn in seinem atelier und sprach

mit ihm über Bleistift und nagel,

versenkung und ausdruck, wort und

Bildsprache.

Günther uecker's bauchtiefe

heiterkeit der diesseitigen welt

gegenüber – bei gleichzeitiger tiefer

kenntnis anderer Gesetzmäßigkeiten

und zusammenhänge – hat etwas von

einem zen-meister. diese urkraft wird

immer wieder schalkhaft erschüttert

durch sein, den ganzen mann zum

Beben bringendes lachen. dieser

mann ist trotz seiner 81 Jahre ein Berg

von einem kerl. und gleichzeitig der

empfindsame Übergang einer anderen

welt in die unsere.

? herr uecker, Sie haben in einem

interview gesagt: „da, wo ich immer

mehr sprachfähig werde, vermindert

sich meine Gestaltungsfähigkeit im

Bildnerischen.“ ist das so?

! In meiner Kindheit auf der Insel in

dem mecklenburgischen Traum war ich

recht sprachlos. Dort schaut man zum

Horizont und sagt nicht so viel. Man

überlegt erst lange, was man sagt. Dann

ist es zu spät, es zu sagen. Und man sagt

sich am nächsten Tag: „Hättste das doch

mal gesagt.“ Und so geht die Zeit dahin.

Das Sprechen habe ich hier im Rheinland

gelernt. Hier spricht man ja alles aus.

Aber es stimmt schon. Das Sprachliche

vernichtet das bildphänomenologische

Denken.

Ich hab´ mich schon mit 22 Jahren

bemüht, unalphabetisch zu denken. Was ganz

schwierig ist, Gedanken im Sinne alphabetischer

Zusammenhänge auszulöschen.

Denken ist ja nicht, Buchstaben aneinander

zu reihen, sondern Erkenntnis – und Wahrnehmungspraxis!

Und das Wahrgenommene

dann in Sprache zu überführen, also in Buchstaben

mit kausalen Zusammenhängen und

dem eine semantische Bedeutung zu geben,

das ist erst erlernbar mit der Zeit.

Das phänomenologische Denken aber,

das ja eigentlich den Philosophen zu eigen

ist, ist mir erst mit großer Konzentration

gelungen: für Zehntelsekunden eine

Wahrnehmung zu erlangen, die ohne

Buchstaben und Satzbedeutungen

auskommt. Das war sozusagen die

erste Hoffnung. Denn die Welt denkt

sich selbst. Und wir partizipieren mit

unseren Synapsen in Kurzschlussform

und erfahren so die Ereignisse des

Geschehens.

? wenn Sie sagen „phänomenologisches

denken“, ist das dann bildhaft?

! Es ist farbig und auch ausgelöscht –

und erhellend. Es hat vielleicht etwas zu

tun mit den Versenkungspraktiken der

buddhistischen Lehre. Aber die gibt´s auch

bei den christlichen Mystikern. Auf jeden

Fall habe ich diese Gegenwelt erfahren.

Ich war von der DDR geprägt, dass alles

sagbar sein muss. Demzufolge stand diese

Aussagbarkeit im Vordergrund und eine

andere Existenz trat in den Hintergrund,

wurde verschwiegen und verkümmerte.

Durch diese Prägung im dialektischen

Materialismus habe ich eine Gegenwelt

gesucht und fing erstmal damit an, den

Koran zu lesen. Da ich ja atheistisch

erzogen war, gab es keine herkömmlichen

Vorbehalte gegenüber anderen Religionen.

Ich habe dann auch in der Bhagavad Gita,

dem Taoismus, im großen und kleinen Boot,

in der christlich-jüdischen Glaubenslehre

und im Zen Vertiefungen erlebt, die es mir

ermöglichten, zu erfahren, dass es eine

andere Seinsdimension gibt. Die ist nicht

unbedingt individuell identisch mit der

eigenen figurierenden Seinserfahrung,


sondern ein Sein als Dasein.

Diese Prozesse hatten parallel laufend

zur Folge, das so Erfahrene auch bildnerisch

sichtbar zu machen – und damit ist Ihre

Frage vielleicht beantwortet –, das dann

in Farben und Reihungen und Strukturen

zum Ausdruck kam. In dem Versuch, immer

dasselbe zu tun und zu scheitern, erfuhr ich

im Scheitern meine eigene Individualität.

? Scheitern wird in deutschland

ja immer gerne als „versagen“

interpretiert.

! Na ja, aber die Individualität ist ohne

Scheitern niemals erkennbar. Denn das ist

ja der eigentliche „Unterscheid“, der sich da

kundtut. So ist Scheitern auch eine Kunst.

Wo die Sprache versagt, beginnt das Bild.

„individualität iSt ohne

Scheitern niemalS erkennBar.“

? wie sind Sie bei diesen erkenntnisprozessen

auf den nagel gekommen?

! Nicht wie auf den Hund (lacht

vergnügt), sondern durch die Erfahrung des

Zeichnens. Während man zeichnet, merkt

man, dass ein gezeichneter Akt unerreichbar

ist in der Vergleichbarkeit dessen, was man

sieht. Und der Versuch, mit dem spitzen

Bleistift in der Pupille und den Hautfalten

des Abzubildenden herumzustochern, um

das zu erfassen, was man sieht, ist eine Lüge

an sich selbst.

Wenn ich zeichne, habe ich zwar eine

Linie, die auch eine reale Linie ist, aber

der Bleistift ist auch die Realität dessen,

womit die Linie gezogen ist. Und er ist

noch mehr die Fortsetzung der Linie in

die Realität hinein. Und da komme ich in

die Nähe eines poetischen Gedankens von

Majakowski: „Poesie wird mit dem Hammer

gemacht.“ Der Bleistift, der in das Papier

geschlagen ist, bildet die plastische Linie,

die in den Raum weist, in dem man lebt und

der einen Schatten wirft, der auch wieder

eine Linie ist – und der unsere kosmischen

Zusammenhänge über den Tag offenbart wie

bei einer Sonnenuhr. Denn sein Schatten

wandert durch vergehendes Licht. So wie

man sich nachts in die Dunkelheit bettet

und morgens mit Erschrecken sieht, dass

man einen Schatten aus dieser Nacht

herauswirft. Das ist ja das größte Geschehen

der Seins-Erfahrung, die über den Tag vergeht

und wieder in die Dunkelheit mündet.

Solche Prozesse führten dazu, dass ich

anstatt des Bleistiftes dann einen Nagel

eingeschlagen habe. Aber zuerst waren es

Bleistifte in plastischer Masse. Da gibt es noch

viele frühe Bilder.

? vom Bleistift also zum Stahlstift.

hat das fixierende des nagels auch eine

Bedeutung?

! Natürlich. Man sagt ja auch, man

treffe den Nagel auf den Kopf, oder,

wir machen Nägel mit Köpfen. In der

Sprachwissenschaft gibt es sogar den Begriff

„festmachen“. Das ist aber ein gescheiterter

Versuch, der dazu führt, dass man die

Zeit erst wahrnimmt, wenn man sie zu

befestigen versucht oder misst. Mit der

Sonnenuhr wird durch die Schattenwirkung

eines plastischen Gegenstandes Zeit in der

Realität kinetisch wahrgenommen. Das

ist für mich am Ende der 50er Jahre eine

künstlerische Entdeckung als Material: die

Linie in ihrer Vielfalt, der Stab, der eine

Struktur bildet, eine Struktur, die ich dann

weiterentwickelt habe. Am Ende wurden

es Felder, die, mit meiner Innerlichkeit

vergleichbar, Selbstporträts sind.

(Er macht eine lange Pause.)

Bei meinen Arbeiten sehe ich nicht,

was ich mache, sondern ich handle. Und

am Ende des Handelns habe ich ein Bild

dessen, was aus mir zum Ausdruck kommt.

Ein inneres Bild wird zum Abbild und

für mich betrachtbar als eine Erkenntnis

meiner selbst. Deshalb mache ich auch

alle Jahre – in höchster Konzentration und

in größter Öffnung meines Inneren – ein

großes Feld, worin ich erkenne, in welcher

Verfassung ich mich befinde. Das ist

vergleichbar mit dem Erbrochenen, auf

dem man ausrutschen kann und dabei eine

reale Gravitationswirklichkeit erfährt. Es ist

etwas Engelhaftes geboren, aber auch der

Fall darin enthalten. Dieser Prozess führt

dazu, mich auf diese Art künstlerisch zu

formulieren.

(Wieder eine Pause)

Das ist heute allgemeines

Wahrnehmungsgut in der Rezeption

geworden. Man betrachtet eine Arbeit

und sagt: „Aha, das ist ein Bild von

Uecker.“ Aber am Anfang war das nicht

so. Da sagte Alfred Schmela (der große

Galerist, die Red.) 1958 zu einigen

meiner Arbeiten: „Bring mir die mal

vorbei.“ Und nach einigen Tagen: „Die

kannste wieder mitnehmen“ (lacht aus

vollem Halse). Aber dann hat er 1960

doch eine Einzelausstellung gemacht.

Aber er brauchte diese Zeit, das als

Kunst anzusehen. Denn meine Arbeiten

hatten keine innere Gestalt auf einem

Feld, sondern sie waren eine Gestalt

selbst. Wie „Eikon“ – das Bild. Das ist das

Anbetungswürdigste, was man erfahren

kann: dass etwas bildhaft wird und den

Ort der Sehnsucht erschafft, der ja flüchtig

ist. Dieses Flüchtige ist im „Eikon“ – dem

Bild – gebannt und wird in der Rezeption

angebetet oder geküsst, was ich in

orthodoxen-russischen Verhältnissen oft

erlebt habe.

Und da offenbart sich dem Betrachter,

dass da etwas geweckt ist, das etwas

zutiefst Menschliches enthält, das nicht

grundsätzlich zur Ablehnung führt

und zum Widerspruch. Es erweckt im

Betrachter höchste Erregungsmomente.

Das sind geistige, früher hat man gesagt,

Erweckungen. Also die provozierte

Wachheit für eine andere Wirklichkeit.

? Sie sprachen gerade über licht

und Schatten. arbeiten Sie – ganz

pragmatisch gesprochen – bei tages-

oder bei kunstlicht?

! Immer nur bei Tageslicht. So ein

elektrisches Licht bildet eindeutig einen

Schatten und widerspricht dem, was ich

vorhin sagte. Es schafft nicht die kosmische

Beziehung, dass alles sich im Wandel

befindet, eben weil es immer konstant

bleibt. Dagegen erfährt man bei Tageslicht

die Begegnung mit der Nacht durch die


zunehmende Verminderung des Lichts.

Zunehmendes Licht ist abnehmendes

Dunkel – und umgekehrt.

? Gibt es eine tageszeit, in der Sie

am liebsten arbeiten?

! Ja, bildnerisch nach der Mittagszeit

bis abends um zehn. Und vormittags eher

am Schreibtisch oder im Garten.

? Sie sagten einmal: „ich wollte

immer alt werden.“

! Ich wollte nicht. Ich will! Das Eigentliche

ist noch nicht getan.

? ist das wichtigste werk noch nicht

geschaffen?

! Das eigentliche Werk ist das Gesamte, wo

im Ganzen das Einzelne erkennbar bleibt.

„daS eiGentliche iSt

noch nicht Getan.“

? kommen wir zu ihrer arbeitsweise

ganz konkret. ich finde, wenn man sich

als Betrachter einem werk nähert, sollte

man den arbeitsabstand des künstlers

zur leinwand einhalten, um zu fühlen,

was ihn dabei bewegt und gezwungen hat.

! Jeder Schritt zurück, den der Künstler

vor seinem Werk tut, ist der Abgrund. Man

darf nie vor seinem Werk zurücktreten,

um eine Korrektur anzubringen. Dieses

vor und zurück ist eine alte Praxis, die auf

Korrekturen beruht, in dem Sinne, dass der

Künstler eine bestimmte Vorstellung hat, die

er verwirklichen will und für die er dauernd

seine Arbeit korrigiert. Dabei verfälscht er

sich über viele Schritte hinweg. Was ja auch

ein interessanter Prozess ist. Gerade habe

ich die Willem de Kooning-Ausstellung in

New York gesehen: erschütternd, existenziell

ringend – er und die Malerei. Er ist der Stier

und der Torero zugleich, ringend um diese

„Women Faces“, dieses Zahn-orientierte

Lachen.

? ringen Sie auch mit der leinwand?

! Ich ringe schon mit dem Material. Es

wird ja nicht nur eine Leinwand gespannt

oder auf eine Holzplatte aufgebracht,

sondern verwurschtelt. Es geschieht auf dem

flachen Boden oder hängend oder gespannt.

Das Material wird so behandelt, wie man

früher die Wäsche gewaschen hat, wo die

Frauen noch am Fluss die Wäschestücke

auf den Stein geschlagen haben: die

Verlorenheit des Jüngferlichen in der

Aussage als Hervorbringung von Ausdruck.

Da ist der Ausdruck in seiner Präsenz

erfahrbar.

? hören Sie dabei musik?

! Nein, nein. Wenn Sie mich sehen

könnten, wie ich arbeite, dann würden Sie

denken, wie mein Vater sagte: „Der Junge

ist nicht ganz normal.“ Wenn ich arbeite,

arbeite ich sehr intensiv – auch immer

allein in Obsession und erwecke mich dann

aus diesem Zustand, der manchmal auch

der Endzustand des Bildes ist. Aber das

hat etwas Manisch-Konvulsivisches. Das

geschieht in einer großen Geschwindigkeit

und ist wie eine platzende Kaugummiblase,

die in die Zeit hinausplatzt. Der Atem, der

in die Zeit und den großen Raum platzt. Es

sind ganz große Selbsterfahrungen auf den

Spuren der sichtbar werdenden Erinnerung.

Darin offenbart sich etwas, von dem ich

sage: „Das ist also in mir.“

Damit muss man ja erst mal umgehen –

ohne Korrektur – und sagen: „Ah, da könnte

man im Sinne einer Vorstellung von Kunst

korrigieren, was es werden soll.“

Diesen Prozess sehr konzentriert

durchzuhalten, dauert Stunden, Tage

manchmal auch nur wenige Zeit. Und

Spirale 2008, 90 x 90 cm,

Nägel, Latex, Leinwand, Holz


Kosmisches Feuer, 2010, Pigment, Sand,

Leim auf Leinwand, 300 x 300 cm

Planet - Blau, 2010/11,

Pigment, Tinte, Leim auf

Leinwand, 300 x 300 cm

Alle Abbildungen sind

courtesy walter storms

galerie.

Günther Uecker wird seit 30 Jahren

vertreten von der walter storms

galerie, Schellingstr. 48, 80799

München. www.storms-galerie.de


das Ergebnis dann zu akzeptieren und

nichts mehr daran zu ändern, DAS ist

die Wahrhaftigkeit, die man entwickeln

muss, um mit sich umzugehen und daraus

Erkenntnisse zu gewinnen. Statt immer

korrektiv zu arbeiten und zu sagen:

„Das ist nicht gelungen, das muss ich

wegwerfen und dann mach ich doch

wieder was Neues.” Alles muss erhalten

bleiben, um es im Zusammenhang – also

als Gesamtwerk – erkennbar zu machen.

? wann ist ein Bild oder eine arbeit

fertig?

! Das ist überhaupt nicht benennbar.

Es ist ein Gefühl. Das Bild-Werk ist

hervorgebracht und der bildnerische

Ausdruck ist die Wahrnehmung für den,

der davor steht und es sieht. Damit ist das

Bild erst erfüllt. Wenn Sie es in den Keller

stellen und das Licht ausmachen, existiert

Kunst nicht. Es ist nur Augenschein.

? Gibt es etwas, das Sie sich

wünschen, was im Betrachter passieren

sollte, wenn er mit arbeiten von ihnen

in kommunikation tritt?

! Niemals. Es ist schon schwer genug,

dass ich es aushalte, was ich da gemacht

habe. Und es zu akzeptieren, das ist der

größte Schritt, den man zu sich selber tun

kann.

Wenn man das so konsequent

macht, ist das wahrscheinlich auch

die Faszination für den Betrachter im

Museum oder in einer Galerie. Der dann

sagt: „In dieser Arbeit ist etwas enthalten,

das in mir auch vorkommt, aber bisher

noch nicht entdeckt war.“

? Sie arbeiten ja nicht nur mit dem

allen menschen bekannten nagel,

sondern auch mit vielfältigen weichen

materialien. ändert sich dadurch ihr

zugang zu dem, was ausgedrückt wird?

! Ja, ja. Viele sagen, der Uecker nagelt

nur. Aber eigentlich sind das wehrhafte

Prozesse, die eine Bildsensibilität im

Hintergrund verbergen. Eigentlich

vergleichbar mit einem Liebesbrief in

der Schule: das erste Mädchen, dem man

einen Liebesbrief schreibt und den man

dann in der Tasche zusammenknüllt

und ihn lange mit sich herumträgt.

Diese verborgenen Geheimnisse haben

eine starke Wirkung. Auch über das

ganze Leben hinweg. Das Verheimlichte

führt zu „Heimeligkeiten“, indem

man Elternverhältnisse durch Ehe

wiederherstellt und sich ein Sofa

anschafft.

„Erste Liebesbriefe an einen

Unbekannten, zerrissen, über den Berg

geweht und unerhalten” – das ist dieser

zerrissene Wahnsinn im Kopf und der

ist zu benennen als eine schöpferische

Qualität im bildnerischen Ausdruck.

Diese innere Struktur, die den Aufbau der

Figuration „Mensch“ bedeutet und seine

Funktion erkennbar werden lässt, ist

für mich so etwas wie ein Blick in einen

Sternenhimmel.

Es gibt dabei aber auch Künstlervernichtungsprozesse,

mit denen man gut

umgehen muss, um nicht daran Schaden

zu nehmen. Wenn man nicht dauernd

arbeitet, kondensieren sich die manischen

Verdichtungen so stark, dass sie einen

vernichten und sich gegen den Künstler

selbst wenden. Also ist er darum bemüht,

das zu bannen und bildhaft zu machen,

was ihn so erschüttert und drängt.

? malt eS sich durch Sie, was

Gestalt annehmen soll?

! Das ist eigentlich besser gesagt, als ich

es sagen kann. Ich begreife mich schon wie

ein Medium. Und früher habe ich das auch

geschrieben: „Ich möchte ein Loch sein. Und

alles geht durch mich hindurch, so dass

nichts aufgehalten wird.“

? wenn „eS sich malt“, was

kommt dann als erstes? der impuls

oder das material? wie ist ihr

Schaffensprozess?

! Ich arbeite bewusstlos. Ich denke

nicht Bilder vor. Ich denke nicht über

Bilder nach.

? dennoch berücksichtigen Sie

aber bestimmte ästhetische dinge wie

proportionen dabei.

! Ja, das sind die erarbeiteten handschriftlichen

Notationen, wie ich sie am

Anfang beschrieben habe. Da habe ich

mir sozusagen eine Handschrift geschaffen,

die manchmal sehr plastischen

Ausdruck findet und manchmal einfach

nur ein steuerndes Moment ist, das man

wegwischen möchte, das irritiert und ein

starkes Energiefeld bildet.

Ab 1962 war ich beteiligt, zusammen

mit Mathematikern des MIT, in New York

auszustellen, auch 1965 im Museum of

Modern Art in „The Responsive Eye“-

Exhibition – „Die Irritierung des Auges

mit Hilfe optischer Mittel“. Man kann mit

Hilfe von Interferenzen Welterkenntnis

gewinnen. Und: Man braucht nicht zu

sehen, wo man den Ansatz setzt.

Interferenzen, also die Ringe, die

sich durch ins Wasser geworfene Steine

von zwei Punkten ausgehend bilden und

überlagern, sind eine Wahrnehmung der

Wirklichkeit. Meine Handlung, diese

beiden Punkte anzulegen, ist nur, um die

Wirklichkeit zu provozieren. Und so sind

meine Bilder auch zu verstehen.

? ins wasser geworfene Steine?

! Da wirken Interferenzen ineinander

und geben mir die Freiheit der Verfügbarkeit,

was dann zum bildnerischen

Ausdruck führt.

Da wird nicht der einzelne Punkt

überlegt eingesetzt, sondern einem

innergesetzlichen Kontinuum folgend eins

zum anderen vermehrt. Wie wenn man

die Null und auch die digitalen Systeme

verwendet, die die Grundlage bieten für

unsere heutige Kommunikation.

Das ist das, was meiner Arbeit

zugrunde liegt. Was ja auch in den großen

Bildern zu sehen ist, die jetzt bei Walter

Storms in seiner Münchner Galerie

gezeigt werden.

? die letzte fragen: was bedeutet

Glück für Sie?

! Haben! Glück hat man, oder nicht.

Und man kann damit nie umgehen.

Man kann nur überwältigt sein, wenn

man´s hat (lacht aus vollem Herzen).

Und dann ist es wieder weg. Und dann

kommt die Melancholie. Deswegen habe

ich mir als Kind immer gesagt: „Ganz

tief fallen, irgendwann gibt es dann

eine Gegenenergie, die dich in äußerste

Höhen schleudert.“ Und so habe ich

mich immer fallen lassen. Auch in diese

Unbehaglichkeit der Empfindung vor

der Welt. Und dann schleudert es einen

wieder daraus hervor.


N7 Günther Uecker´s Werk steht für die

Kraft deutscher Künstler, am Weltmarkt mit

nachhaltigem Schaffen zu bestehen.


my neighbourhood

Seite 18

Fotos: Ralf Kaspers

IST UNSER

POLITIScHES

SYSTEM AM ENDE?

EINE PROVOKATION

er hat den lehrstuhl für

Sozialpsychologie an der ludwigmaximilians-universität

zu münchen

inne, ist akademischer leiter der

Bayerischen eliteakademie und leiter

des lmu-centers for leadership

and people management. das macht

prof. dr. dieter frey zu einem höchst

kompetenten Gesprächspartner für die

aktuellen fragen der Gegenwart. insbesondere

auch deshalb, weil er sich nicht

hinter beschönigenden formulierungen

versteckt, sondern missstände beim

namen nennt.

? herr professor frey, ist es nicht

eine merkwürdige Situation, wie

sich in geradezu hysterischer weise

finanzinstitutionen, politik, Börse

und Journalismus gegenseitig in eine

abwärtsschraube der vernichtung

wirtschaftlicher werte hineintreiben

und man sich die frage stellen muss:

ruiniert sich gerade der kapitalismus

selbst?

! In der Tat kann man erschrecken,

wenn man die Medienberichte jeden Tag

liest. Man erkennt in der Politik das sehr

häufige Versagen, Führung zu zeigen ebenso

wie wissenschaftlich-ethische Standards

einzuhalten. In der Finanzwelt regiert nach

wie vor die vorhandene Gier, schneller zu

großem individuellen Reichtum zu kommen,

und der Glaube, dass Geld die Welt regiert.

Es hat in der Tat den Anschein, dass die

Verteilung des Geldes die zentrale Frage der

Menschen ist. Materialismus und Egoismus

– ich wünschte man könnte es anders

nennen – scheinen die entscheidenden

Triebfedern zu sein.

Es gibt Gott sei Dank zwar auch

noch andere Personen, die sich jenseits

von reinem Materialismus und reiner

Gier gesellschaftlich wichtigen Aufgaben

zuwenden. Aber leider muss man wohl

sagen: Es herrscht die Devise „Was hab

ich davon?“, „Was bringt es mir?“, „Welche

Vorteile habe ich?“ – also dieses Ich-Denken,

dieses egozentrische, kurzfristige Denken

gepaart mit dem Ignorieren dessen, was

die Schwachen und die Zukunft betrifft.

Und in der Tat kann man sagen: Mit diesem

Verhalten ruiniert sich der Kapitalismus

selbst.

? was glauben Sie, wie es weitergeht?

! Ich bin nicht sehr optimistisch, dass

sich vieles bessern wird. Oft braucht

Illustration: Liga Kitchen


es die Oberkatastrophen, wie zum

Beispiel die Erdbebenkatastrophe in

Japan, die gleichzeitig auch mit einer

Reaktorkatastrophe verbunden war,

damit ein Umdenken einsetzt. Bei der

Finanzkrise 2008 dachte man, es habe sich

im Anschluss vieles verändert. De facto

hat es das aber nicht getan, weder an

den Kontrollmechanismen noch an den

Mechanismen der Finanzinstitutionen.

Schneller Erfolg, die Gier nach mehr, hohe

und höchste Renditen, Rücksichtslosigkeit,

kurzfristiges Denken herrschen vor. Und

dieses wird begründet mit „Systemzwang“.

? müssen wir Bürger uns gefallen

lassen, wie eine kleine Schar

höchstdotierter angehöriger einer

finanzelite kokainrauschgleich die

Grundwerte eines funktionierenden

wirtschaftslebens ruinieren?

Ralf Kaspers, Frankfurter Bõrse, 2008

! Die Bürger, teilweise auch die Medien

und natürlich auch die Politik stehen dem

ohnmächtig gegenüber. Wir lassen uns vom

Primat des Geldes und des Marktes zu sehr

beeinflussen. Es gibt nach wie vor keine

Personen und Institutionen, die hier Titfor-Tat

sagen und handeln. Mehrere Punkte

kommen dabei zusammen:

• Das Phänomen Too-Big-to-Fail: Wir

haben Institutionen, wie zum Beispiel

Banken, bei denen man sich sagt, sie

seien zu groß, als dass sie untergehen

dürften, weil sonst das gesamte System

zusammenbricht.

• Der Lobbyismus der Banken und

Finanzinstitutionen und deren Ignoranz.

• Und das internationale Spiel, bei dem

nationale Politik und nationale Alleingänge

machtlos sind.

Ich wünschte, ich könnte sagen: „Die Bürger

müssen sich gar nichts gefallen lassen.“ Aber

sie sind hilflos. Gefragt ist die Führung

in der Politik und zwar sowohl national

wie international in Form gemeinsamen

Handelns. Gefragt ist aber auch Führung

an den Universitäten, wo hochrangige

Wissenschaftler sich mehr positionieren

müssen. Aber von denen hört man ja, von

Ausnahmen abgesehen, nichts.

? deswegen ist es ja schon mal gut,

wenn Sie jetzt die Stimme erheben.

! Einen Aha-Effekt hatte ich durch den

Beitrag von Frank Schirrmacher in der

FAZ, in dem er sagte, er glaube, dass die

Linken Recht hatten und dass die so genannten

Reichen unser Wirtschaftssystem

kaputtmachen (siehe ders., „Ich beginne

zu glauben, dass die Linke recht hat”, in:

FAZ.NET vom 15. 8. 2011). Ich glaube, da

ist etwas Wahres dran. Wobei ich die Lage

noch wesentlich dramatischer einschätze.

Es bricht ja noch viel mehr über das

bürgerliche Lager herein.

Bedenken Sie doch einmal, wie viele

Kehrtwendungen in der jüngsten Vergan-

genheit stattgefunden haben. Die Mitglieder

der bürgerlichen Schicht gingen doch bisher

eigentlich davon aus, dass sie die Guten

sind, die nicht betrügen. Und plötzlich

wurde einem Freiherrn zu Guttenberg genau

das Gegenteil nachgewiesen. Und mit ihm

einigen weiteren Vertretern des politischen

Lebens. Sie alle hatten sich akademische

Würden erschummelt.

Ein anderes Beispiel ist die Atompolitik.

Da haben die meisten Anhänger konservativer

Parteien über Jahrzehnte hinweg

allen, die es hören wollten – oder auch nicht

– vorgebetet, diese Technologie sei sicher,

ohne Risiko und würde die Energiefrage für

die Zukunft nachhaltig sichern. Und dann

passiert Fukushima und die Konservativen

müssen sich fragen, ob die Anti-Atomkraft-

Aktivisten nicht doch Recht hatten.

Und zum Schluss – zumindest hoffe

ich, dass das der Schluss ist – stellt sich die

Frage, ob der Markt wirklich alles so viel

besser regeln kann oder ob nicht doch nur

einige wenige superreich werden und der

Mittelstand nichts davon hat, sondern in die

Röhre schaut und verarmt.

? was verstehen Sie unter dem

„bürgerlichen lager“ oder den

„konservativen“?

! Konservativ bedeutet für mich, ein

gefestigtes Wertegerüst zu haben, von dem

aus man neue Entwicklungen beurteilt

und im Prinzip begrüßt, sofern diese

Neuerungen in Einklang zu bringen sind

mit diesem Wertegerüst. Aber da liegt

aus meiner Sicht der Hase nur allzu oft

im Pfeffer. Es wird zu wenig klar und zu

wenig überlegt auf richtige Neuerungen

eingegangen, sie durchdacht und integriert.

Im Gegenteil: Erst wird zu lange im Alten

verharrt und dann, wenn es gar nicht

mehr anders geht, aktionistisch „gehudelt“,

wie der Bayer sagt. Manchmal aber wird

auch gar nichts getan, obwohl dringender

Handlungsbedarf besteht. Das gilt vor


allem für Themen, die kompliziert sind.

Dann kann das notwendige Handeln

nämlich leicht im Dickicht der Fachdetails

verschleppt werden. Stichwort: Finanzkrise.

Da hat sich doch nicht wirklich etwas

verändert. Banken können sich auch

weiterhin durch Fusionen zu systemischen

Machtapparaten aufschwingen, Geschäfts-

und Investmentbanken sind auch weiterhin

nicht konsequent separiert und durch

immer neues, billiges Geld wird ein neues

Spekulationskarussell in Gang gesetzt. All

das legt die Vermutung sehr nahe, dass der

Staat von der Finanzelite gekapert worden

ist und die altkommunistische Stamokap-

Theorie in die Tat umgesetzt wird: Unter

Führung einer Finanzoligarchie wird die

Endphase des Kapitalismus eingeleitet,

bei dem die Gewinne privatisiert und die

Verluste sozialisiert werden. Und damit

das ungestört vonstatten gehen kann,

muss der Staat seine Verbindlichkeiten aus

den Steuern seiner Bürger auch weiterhin

bedienen, was Zinslasten und Fälligkeiten

betrifft, die natürlich in die Finanzwelt

zurückfließen. Eigentlich sind wir Zeuge

eines ungeheuerlichen Prozesses.

? wie konnte es dazu kommen?

! Streng genommen, kann man sagen:

Wenn die gesamte Elite von Politik, Wirtschaft

und Wissenschaft nicht versagt hätte,

wäre diese Entwicklung nicht in dieser Form

entstanden. Diese Elite hat zu wenig gezeigt,

dass sie sich ihrer Verantwortung bewusst

ist, sowohl was die Ursachenbekämpfung

als auch die Entwicklung von Lösungsideen

betrifft. Aber es ist nicht allein die Elite,

die versagt hat. Wir brauchen überall

einen Aufbruch – in den Schulen und

Universitäten, in Firmen, Verbänden. Wir

brauchen mehr Diskussionen über die

Ursachen und die Lösungsmöglichkeiten

im Sinne von Think-Tanks. Wir müssen uns

in ganz Europa fragen: Wo hat ein Land

Potenzial? Wie kann es das Potenzial von

Motivation und Kreativität seiner Bürger, seiner

Institutionen, seiner Infrastruktur noch

stärker ausschöpfen? Wo kann und muss

man sich gegenseitig helfen? Wo braucht

man ganz simple Marschallpläne, um Regionen

voranzutreiben? Hier ist Politik alleine

überfordert. Genauso wichtig ist es, dass die

Elite aus Wirtschaft und Wissenschaft nicht

verstummt, sondern ihre intellektuellen

Beiträge leistet. Dazu gehört vor allem auch

der Bezug zu den Werten, die Europas

Kultur prägen. Nämlich eine offene Gesellschaft

im Sinne einer funktionierenden

Demokratie sowie eine sozial-ökologische

Marktwirtschaft. Dieses ist ein hohes

Kulturgut, das durch die jetzige Finanz- und

Schuldenkrise auf Dauer massiv bedroht ist.

Es hat den Anschein, dass dieser Bezug

zu den zentralen Werten Europas den

Eliten noch zu wenig bewusst ist. Kurzum:

Leadership ist gefragt – in allen Bereichen,

insbesondere in Politik, Wirtschaft und

Wissenschaft.

Es bedarf also nicht nur des Vorbildes

der politischen Führung, sondern auch

der Führung aller anderen Institutionen,

die glaubwürdig das Warum und Wozu

vermitteln und kreative Lösungsideen

implementieren müssen.

? Sie vertreten das fach der Sozial-

und wirtschaftspsychologie an der

ludwig-maximilians-universität in

münchen. welche möglichkeiten sehen

Sie als experte für eine veränderung der

verhältnisse in dieser zeit?

! Zuerst muss der Sinn, das Wozu,

politischer Maßnahmen vermittelt

werden. Dazu muss den unterschiedlichen

Bevölkerungsgruppen zum Beispiel in

den Ländern, die jetzt für die Schulden

geradestehen, erklärt werden, warum die

Rettungsmaßnahmen notwendig sind. In

Ländern wie Griechenland muss man den

Menschen erklären, warum sie Opfer bringen

Kaspers,

und warum sie Abstriche vom Status quo Ralf

Einemilliondreihundertsechzigtausend, 2007


machen müssen. Gelingt es nicht, die Wozu-

und Warum-Frage zu vermitteln, besteht die

Gefahr, dass die Bevölkerung jeweils das

eigene Land als unfair behandelt sieht.

Die Europäische Union und der Euro

sind kein Selbstzweck. Deshalb sollte

nicht nur erklärt werden, dass wir Europa

brauchen, sondern auch warum wir Europa

und den Euro brauchen. Bedingt durch die

mangelnde Idee, was man mit Europa eigentlich

anfangen will, mangelt es auch an

der Zielvorstellung, wo man hin will. Doch

gerade wer Änderungen und Opfer fordert,

muss Sinn und eine Vision bieten.

? nun ist das einfordern von opfern

ja nicht gerade populär...

! Ohne Einsparungen verbunden mit

harten Einschnitten werden sich die Probleme

nicht lösen lassen. Wer Akzeptanz bei

Einsparungen in der Bevölkerung erreichen

will, muss transportieren, dass es nach

dem Fairnessprinzip zugeht. Dabei gibt es

mindestens drei Arten von Fairness, nämlich

• Ergebnisfairness,

• prozedurale Fairness und

• informationale Fairness.

Es stellt sich dabei die Frage, ob alle im

Verhältnis gleich viel einsparen sollen, ob

die finanziell Leistungsfähigeren stärker zur

Kasse gebeten werden oder ob man auf sozial

Schwache besondere Rücksicht nehmen

soll? Es liegt in der Natur der Sache, dass

diese Ergebnisfairness am schwierigsten

zu erreichen sein wird, da Einsparungen

immer schmerzliche Einschnitte für den

Einzelnen bedeuten. Jeder Betroffene präferiert

natürlich jenes Verteilungsprinzip, wo

er am wenigsten Opfer zu bringen hat. Wie

auch immer man sich entscheidet, ist es

wichtig, dass der Bevölkerung die Kriterien

transparent gemacht werden, nach denen

Opfer gebracht werden müssen. Dabei muss

die Ursache bzw. die Kausalität und das

Ziel bzw. die Finalität der Einsparungen

veranschaulicht werden.

Prozedurale Fairness bedeutet, dass die

Kriterien offengelegt werden, warum welche

Einsparungen umgesetzt werden müssen.

Der Philosoph Friedrich Nietzsche umschrieb

es so: „Wer ein Warum zu leben hat,

erträgt fast jedes Wie.“

Ebenso ist informationale Fairness

geboten, das heißt, die Menschen müssen das

Gefühl haben, dass es keine Hidden Agenda,

also keine Hintergedanken, gibt, sondern

dass sie ehrlich und umfassend informiert

werden. Die Fairnessforschung liefert also

gute Grundlagen über die Akzeptanz von

Einsparungen.

? was ist, wenn die einschnitte

gemacht sind? wie soll's dann

weitergehen?

! Die Europäische Union sollte sich im

Sinne eines Problemlösers hinsichtlich der

Verbesserung der Wettbewerbsfähigkeit der

krisengebeutelten Länder verstehen. Aufbauend

auf traditionellen Stärken sollte der

Fokus vor allem auf Förderung von Innovationen

liegen. Notwendig dazu wären geballte

Think-Tanks, die ausloten, wie die bisher

ungenutzten Potenziale aktiviert werden

können. Innovationszentren in Universitäten

und Firmen wären genauso wichtig wie die

Förderung von Existenzgründern. In Unternehmen,

aber auch in den Behörden könnte

die Umsetzung wissenschaftlicher Erkenntnisse

über Innovationen forciert werden. Es

gilt, dass jedes Land seine gesamten Ressourcen

mit Hilfe Europas aktiviert. Vor allem

neue, weitgehend unbesetzte Technologien,

etwa im Bereich der erneuerbaren Energien,

könnten durch die EU gefördert werden. In

der effektiven Hilfe zur Selbsthilfe liegt die

eigentliche Solidarität, die die EU seinen

Mitgliedsländern schuldet. Vor allem ist ein

konkreter, nachvollziehbarer Maßnahmenplan

notwendig. Ansonsten drohen viele der

Vorschläge bereits im Keim zu ersticken.

Besonders wichtig ist es auch, den Menschen

eine Perspektive zu geben. Es muss vermittelt

werden, dass die krisengebeutelten Länder

es tatsächlich schaffen können, wenn sie

sich anstrengen. Es gilt, dabei eine Kultur der

Eigeninitiative zu etablieren. Es geht darum,

dass in den Schulen und Universitäten, aber

auch in den Firmen verstärkt unternehmerisches

Denken und Handeln aktiviert wird,

dass mehr reflektiert wird: Wo kann jeder

sein Know-how umsetzen, um sich möglicherweise

selbständig zu machen? Wo gibt

es innerhalb der Firmen, der Universitäten,

des Landes Know-how, das in Produkte oder

Dienstleistungen umgesetzt werden kann?

Alle von der Schuldenfrage betroffenen

Staaten müssen sich mit Hilfe der Führung

von Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und

Verwaltung darauf besinnen, ihre Potenziale

und Stärken zu aktivieren.

? welche rolle spielen die medien

beim notwendigen entstehen eines

solchen aufbruchs. müssen die medien

dazu nicht erst selbst ihr menschenbild

verändern? wird der mensch im

fernsehen nicht von einer breiten front

von Sendeanstalten als pausenclown

vorgeführt – und damit nicht gerade als

vorbild für andere gezeigt? wer schaut

den verantwortlichen, die nur mit der

wurst nach der Speckseite werfen, auf die

finger und hindert sie daran, die verdummungsmaschinerie

immer weiter laufen

zu lassen. wer von den Gebührenzahlern

empört sich endlich, dass auch öffentlich-

rechtliche Sender oft gebührenfinanzierte

Bedürfnisbefriedigung betreiben,

statt ihrem auftrag nach Bildung und

information nachzukommen? finden wir

daraus selbst einen ausweg oder muss

erst wieder einer kommen, der von oben

ein konzept wie das „gesunde volksempfinden“

durchsetzt?

! Gott sei Dank gibt es einige Medien, die

den Anspruch von Information und Aufklä-

rung gut umsetzen – zum Beispiel DIE ZEIT,

Süddeutsche Zeitung, FAZ und auch einige

Rundfunk- und Fernsehsender. Andererseits

muss man aber schon sagen, dass die Mehrzahl

der Medien dazu beiträgt, den Menschen

die Realität zu verschleiern – oder noch

schlimmer – die Bürger zu entmündigen. Mit

einer, wie ich es nenne, „Karnevalisierung der

Gesellschaft”: Fun, Action und Unterhaltung.

Am meisten ist der Rückzug der Intellektuellen

zu beklagen – fast überall. Politik,

Wirtschaft und Wissenschaft sind dabei nur

Zuschauer, aber nicht Akteure. Es fehlt, auch

an den Universitäten, eine kritische Analyse

des Status quo – ganz in dem Sinne, wie Sie

es beschreiben. Es wird viel zu wenig getan,

um sich der unglaublich wertvollen Werte

Europas bewusst zu werden. Weiterhin unternehmen

wir einzeln und als Gemeinschaft

zu wenig dafür, dass wir dieses nur bewahren

können, wenn wir ökonomisch erfolgreich

sind: mit Produkten und Serviceleistungen,

die international Anklang haben, zum Beispiel

Umwelttechnik, Medizintechnik – letztlich

auch Produkte, die die Probleme dieser

Welt minimieren, etwa Umweltprobleme oder

Probleme der Demographie. Das ist aber mit

einer Fun-Gesellschaft nicht möglich. Wer

kennt schon unsere Nobelpreisträger?

Ich möchte unser Land nicht schlecht reden.

Aber es wird in der Tat zu wenig getan,

um die „Verblödung der Massen” durch die

Medien zu verhindern und zu vermindern.

Und dies wird viel zu wenig thematisiert.

Letztlich beginnt es doch schon in den

Familien: chaos, mit hohen Trennungs-

und Scheidungsquoten und einer massiven

Verunsicherung, welche Werte der nächsten

Generation weitergegeben werden sollen.

Diese Wertediskussion ist für mich das

zentrale Moment. Es kann eben nicht nur

darum gehen, „Me, Myself, and I“ im Sinne

von Narzissmus, Ichlingen und Fun zu fördern.

Sondern es geht letztlich um wichtigere

Dinge in unserer Gegenwart und Zukunft:

Verantwortung für sich und andere übernehmen.

Das heißt, sich zuständig fühlen


für lokale, regionale, nationale und globale

Probleme. Solidarität für jene, denen es nicht

so gut geht. Nachhaltigkeit im Denken und

Handeln. Wir brauchen eine bessere Balance

als bisher zwischen Ich-Verwirklichung und

Verantwortung für die Zukunft der Gesellschaft

und Gemeinschaft.

Wir lassen derzeit letztlich die Familien

in ihrer Erziehung alleine. Und seit vielen,

vielen Jahren fordere ich eine Erziehungsausbildung

für Eltern und Erzieher. Das löst

zwar keine Strukturprobleme, aber es ist ein

wichtiger Beitrag zur stärkeren Reflexion

von Fragen wie „Welche Werte leiten mein

Verhalten?”, „Welche Werte sollten in der Erziehung

stärker transportiert werden?”. Diese

Diskussion fehlt in Elternhäusern, Schulen,

Universitäten und Unternehmen weitgehend.

Manchmal denke ich, die Führungselite hat

sich abgemeldet und ist untergetaucht.

? ihr fazit?

! Wir müssen endlich aufwachen und

mit dem Nachdenken, Umdenken und

Umsetzen anfangen. Nicht aktionistisch

und hektisch, sondern klug und nachhaltig.

Kein Land und keine Region ist so frei wie

Deutschland und Europa. Wir sollten das

nicht aus Bequemlichkeit verspielen.

? anstelle der frage nach dem „und wo

geht es hin?“, möchte ich Sie um ihre meinung

zu einem zitat eines kollegen bitten.

der slowenische philosoph und pychoanalytiker

Slavoj Žižek hat in der zeit gesagt

(ders., „der autoritäre kapitalismus ist der

Gewinner der krise”, in: zeit-online

vom 25.8.2011): „der autoritär geführte

kapitalismus ist der Gewinner der jetzigen

krise. er ist heute die größte Gefahr für

demokratie und menschenrechte. es ist

außerordentlich ironisch, dass heute, nach

dem triumph des kapitalismus über den

kommunismus, die kommunisten, die an

der macht blieben, die besten manager des

kapitalismus sind. dreißig Jahre nachdem

deng xiaoping sagte, dass nur der kapitalismus

china retten könne, gebärden sich

die politischen führer des westens, als ob

nur china den kapitalismus retten könnte.

hegel hätte diese umkehrungen geliebt!“

! Na ja. Es ist natürlich schon etwas

ironisch, wenn man zum Beispiel die politischen

Führer chinas beobachtet, wie sie

die kapitalistischen Länder ermahnen, sich

ökonomisch vernünftig zu verhalten, also

sowohl das Fehlverhalten bei der Finanzkrise

im Jahre 2008/2009 als auch die massive

Schuldenkrise der meisten kapitalistischen

Länder zu korrigieren. Ob china nun wirklich

der Gewinner der jetzigen Krise ist und ob

china wirklich den Kapitalismus retten kann,

das wage ich schon zu bezweifeln. Trotz

meiner Kritik am kollektiven Versagen der

Elite bleibe ich in Folgendem optimistisch:

Dass man durch Krisen auch lernen kann und

dass Krisen letztlich auch immer chancen

sind, grundlegend umzudenken. Nach wie vor

hoffe ich, dass die Privilegien, die wir gerade

in Europa haben, überleben werden und die

Vernunft über die Gier siegen wird, oder beides

zumindest eine gute Balance erhält, so dass wenigstens

die schlimmsten Fehlentwicklungen

korrigiert werden können. Je mehr menschliche

Schwächen wie Gier, Grenzverletzungen

usw. vorhanden sind, umso mehr brauchen wir

funktionierende lokale, nationale und globale

Institutionen, die dieses wirksam eingrenzen.

Diese finanzmarktregulierenden Institutionen

haben ihr Potenzial derzeit bei weitem noch

nicht ausgeschöpft. Keine Frage: china hat

hervorragende Manager. Aber die große Frage

wird sein, ob es dem Land wirklich gelingt,

Kapitalismus ohne eine offene Gesellschaft

auf Dauer weiterzuentwickeln. china hat

innerhalb weniger Jahrzehnte erreicht, wofür

der Westen gut doppelt so lange gebraucht hat.

Insofern können wir in der Tat von chinas

Management einiges lernen. Andererseits sind

viele Exzesse des chinesischen Kapitalismus,

zum Beispiel das Fehlen von sozialer Absicherung

der Bevölkerung, für den Westen nicht

Ralf Kaspers, Cent, New York, 2003

unbedingt ein Vorbild. Was wir brauchen

ist ein Wirtschaftssystem mit menschlichem

Antlitz. Also Systeme, die individuelle

Freiheiten geben, aber gleichzeitig auch für

die Schwachen da sind. Weltweit hat man das

Gefühl, es geht fast nur noch ums Geld – egal

ob im Sport, in der Politik oder in der Kultur.

Und Geld korrumpiert eben in vielen Fällen.

Wir brauchen eine bessere Balance mit Werten

wie Solidarität, Gemeinschaftsgefühl und

Verantwortungsübernahme auch für andere.

Hier sind wir alle gefordert, jede/r sollte bei

sich selbst beginnen.

N7 Nachmann Rechtsanwälte sehen in

den teilweise provokativen Thesen des

Sozialpsychologen Prof. Dr. Frey bedenkenswerte

Impulse, um die aktuelle Diskussion

über die Zukunft unseres Finanzsystems voranzubringen

und dabei die essentielle Bedeutung

des Mittelstandes zu erkennen.


my munich

Seite 28

Luxus ist

die Idee des

Schönen

in uns

Foto: © Hubertus Hamm / BMW Gran Coupé


wussten Sie eigentlich, dass die

herstellung von luxusprodukten

eine vielzahl an arbeitsplätzen in

deutschland sichert und damit nicht

nur ein wichtiger wirtschaftsfaktor,

sondern vor allen dingen ein wichtiger

kulturfaktor ist?

die öffentliche wahrnehmung

in unserem land ist bekanntermaßen

anders, oft ideologisch. wer das

wort luxus in den mund nimmt,

muss damit rechnen, als jemand

eingestuft zu werden, der abgehobener

Superverdiener ist, dessen herz nicht

am richtigen platz sitzt und der für die

wirtschaftlich schwierige Situation

vieler menschen in unserem lande

eigentlich persönlich haftbar gemacht

werden müsste.

andere verkürzen luxus auf

die magazin-vips, die es geschafft

haben und mit den oligarchen

auf den yachten dieser welt die

champagnergläser kreuzen. mit

anderen worten: luxus wird mit

hochemotionalen assoziationen

versehen, die mit der realität nur wenig

zu tun haben. doch das ist sowohl

falsch als auch kontraproduktiv. denn

luxus „made in Germany” ist meist das

resultat deutscher ingenieursleistung

und ebensolcher handwerkskunst. und

beides ist eine kulturleistung.

um das thema also einmal

emotionslos und in seiner wirtschaft-

lichen Bedeutung beleuchten zu

lassen, habe ich mich mit petraanna

herhoffer vom „institut für

luxus“ – kurz „inlux” – getroffen.

nicht zum champagnertrinken,

sondern auf eine latte macchiato aus

der institutseigenen neSpreSSomaschine.

ich wollte von der

luxusexpertin mit lehrauftrag an der

munich Business School wissen, was

man eigentlich unter luxus subsumiert.

! Luxus ist etwas, das erst stattfindet,

wenn ich meine notwendigsten

Lebensbedürfnisse erfüllt habe. Da gibt

es die Definition von den Soziologen, die

sagen, dass das Kleidung, Nahrung, Bildung

und ein Dach über dem Kopf ist. Für mich

gilt eine Erweiterung dieser Definition.

Ich finde, jeder hat auch ein Anrecht auf

eine bestimmte Form des Vergnügens. Also

etwas, das mit Freizeit (= freier Zeit) zu tun

hat, die ich mit etwas Schönem für mich

erfülle. Aber sobald ich einen Tick über

diese Grundbedürfnisse hinausgehe, wenn

ich zum Beispiel den Bedarf nach Kleidung

dadurch erfülle, dass ich mir hochwertige

Mode kaufe, die mir gefällt – oder noch

weiter gehend – die meine Persönlichkeit

ausdrückt, dann ist das schon kein Erfüllen

eines Grundbedürfnisses mehr, sondern

die Realisierung eines Wunsches nach

Luxus. Nach diesem Verständnis erfüllen

sich die meisten Menschen in entwickelten

Industrienationen meistens Luxuswünsche.

Nur die wenigsten fahren aus überzeugung

einen DAcIA, sondern ein Auto, das

eine gewisse Facette ihrer Persönlichkeit

herausstellt – von Sportlichkeit über

Familientauglichkeit bis zu ökologischen

Einstellungen. Insofern treffen wir alle

permanent Kaufentscheidungen, die

durchaus schon mit Luxus zu tun haben.

Woran man sieht – und darauf werden wir

in diesem Gespräch sicher noch einmal

zurückkommen –, wie wichtig eine genaue

Definition von Luxus ist und wie abhängig

diese vom persönlichen Blickwinkel oder

einer Branche ist.

Ich würde mich über mehr

wissenschaftliches Engagement und

Unterstützung von Seiten der Industrie

im Bereich der Luxusforschung freuen.

Zum Beispiel über das Einrichten eines

Lehrstuhls, in den Sozial- und – wichtiger

noch – in den Wirtschaftswissenschaften.

Zum Beispiel könnte ich mir

vorstellen, dass die eher ablehnende

Haltung in Deutschland gegenüber Luxus

Illustration: Liga Kitchen


auch durch einen „Overload” an Vulgärem

in Zusammenhang mit Luxus zustande

kommt. Zu Recht finden es die Menschen

unanständig, wie die Oligarchen in

Russland oder die Neureichen in china

ihren Reichtum zur Schau stellen. Das

wird noch dadurch unterstützt, dass sich

Luxusartikel auch in gewissen Milieus

– genauer gesagt in der Prostitution und

Zuhälterei – durchgesetzt haben. Oder in

der Rapper-Kultur, wo dicke Goldketten und

hochkarätige Diamanten gerne zur Schau

gestellt werden.

? haben diese milieus den Begriff

„luxus“ eigentlich beschädigt?

! Nein. In Amerika, wo diese Milieus

ja sehr stark auf sich aufmerksam machen,

gibt es eine neue Begrifflichkeit dafür.

Da gilt so etwas als „Bling-Bling“. Dieses

Wort zeigt sehr schön die Inhaltslosigkeit

derartiger Protzerei. Solch spielerische

Begrifflichkeit gibt es bei uns im Deutschen

noch nicht. Der deutsche Ausdruck

„protzen“ hat ja schon von der Lautmalerei

her etwas Aggressives an sich.

? welche vorteile für die

wirtschaft hat die Beschäftigung mit

dem luxus?

? Wolfgang Reitzle, früher Vorstand

bei BMW und dann bei Jaguar, hat sich als

einziger Industriekapitän die Frage nach

dem Luxus gestellt und darüber sogar

ein Buch mit dem Titel „Luxus schafft

Wohlstand“ geschrieben. Seine Aussage

darin lautet: Luxus ist Innovationsmotor

und braucht Forschung und Entwicklung.

Denn nur so findet man das bessere

Produkt. Eines seiner Beispiele dafür ist

das Navigationssystem, das ursprünglich

mit großem Aufwand für sehr luxuriöse

Limousinen entwickelt wurde und heute bei

ALDI im Angebot ist. Das ist der „Trickle-

Down-Effekt“ von solchen Innovationen,

die letztendlich für viele Konsumenten

verfügbar werden.

? haben Sie eine ahnung, wie viele

arbeitsplätze in deutschland mit der

herstellung von luxusprodukten zu tun

haben?

! Wir arbeiten gerade daran, das

herauszufinden. Dabei hängt diese Zahl

von der Definition ab, wen wir zu den

Luxusproduzenten rechnen: Teile der

Uhren- und Schmuckindustrie gehören mit

Sicherheit dazu. Aber welche Segmente

in der Textil- und Modeindustrie mit

ihren 4ooooo Arbeitsplätzen? Wo ziehen

wir die Grenze zwischen Premium und

Luxus? Produzieren Unternehmen, die

Design, Funktionalität und Materialität im

Sinne der „Best of category“ verdichten,

ebenfalls Luxusprodukte? Und wie sieht

es mit denjenigen Unternehmen aus, die

es schaffen, ein Produkt emotional so

aufzuladen, dass der Verbraucher einen

psychologischen Nutzen hat und schon

beim Kauf weiß, dass er dafür einen

Mehrpreis bezahlt?

Daran können Sie sehen, dass da eine

ganze Menge deutscher Arbeitsplätze im

Gespräch sind. Und das finde ich auch

richtig. Denn ich bin sehr dafür, nicht so

zu tun, als ob es sich bei Luxusprodukten

um ein kleines, nettes Nischchen handeln

würde, bei dem nur ein paar hundert

Männlein als fleißige Maßschuster,

Sattelmacher oder Edeltäschner in ihren

Werkstätten Maßgeschneidertes für eine

völlig abgehobene Klientel mit dem Munde

dengeln.

Man muss auch unterscheiden,

ob man den Begriff „Luxus” für die

Gesellschaft definieren möchte – oder ob

ein Unternehmen eines seiner Produkte zu

einem Luxusprodukt stilisieren möchte.

Ein Beispiel für Letzteres: Ich habe hier

auf dem Tisch dieses Wasser aus Osttirol:

„Urleiten“. Das sprudelt seit vielen hundert


Jahren aus der Erde. Damit ist es also weder

ein neues Produkt, noch per se Luxus. Um

dieses Wasser nun zu einem Luxusprodukt

zu machen, brauche ich ein Gutachten,

das die Qualität dieses Wassers ermittelt.

Das fiel in diesem konkreten Fall sehr

gut aus. Im nächsten Schritt hat man eine

neue Flaschenform entwickelt, welche

die Eleganz und Qualität dieses Wassers

verkörpert. Dann mussten Textetiketten

entwickelt werden, die klar machten, dass

es sich um ein artesisches Wasser handelt,

das nur aus dieser einen Quelle sprudelt.

Darüber hinaus kommuniziert man

heute dem Handel und Verbraucher, dass

„Urleiten” von seinem Geschmack her ein

idealer Begleiter zum Wein ist. Kurzum:

Um eine Marke zu einer Luxusmarke zu

machen, muss sie viele Inhalte in sich

tragen. Und wenn wir nochmal zu den

Arbeitsplätzen kommen, dann muss

man all diese Arbeitsplätze, an denen

solch eine „Raffinierung“ eines Produkts

stattfindet, eigentlich auch dazurechnen.

Womit wir bei bestimmten Zweigen des

Dienstleistungsgewerbes sind.

Es kommt also bei der gesamten

Luxusdiskussion sehr darauf an, dass man

ganz genaue Kriterien schafft, um den

Begriff „Luxus“ in den Griff zu bekommen.

? wenn ich bei ihrem Beispiel

bleibe und mal den advocatus diaboli

gebe, dann taucht ja schnell bei einer

solchen Beschreibung die vermutung

auf, dass es sich bei luxusprodukten

um marketing-Geraschel handelt.

! Nein, weil die Qualität dieses

Wassers stimmt – wenn wir bei diesem

konkreten Beispiel bleiben. Man kann

natürlich auch ein Wasser über einen

Goldfilter fließen lassen, wie „Gize” aus

Kanada das macht. Das funktioniert

sicherlich auch eine Zeit lang ganz gut.

Aber ich denke, das ist nicht nachhaltig.

? luxusprodukte müssen also auch

eine gewisse nachhaltigkeit haben?

! Ja, in jedem Fall! Verlassen wir

mal den Lebensmittelbereich, dann

wird das deutlicher. Luxusgüter sind

immer an eine gewisse Langlebigkeit

gekoppelt. Das Unternehmen HERMÈS hat

Luxusgegenstände als Objekte definiert, die

es lohnt, zu reparieren. Und für die es auch

die Ersatzteile gibt, sowie die Bereitschaft,

die Objekte zu erhalten.

Luxusprodukte werden ja auch gerne

in die nächste Generation weitergegeben.

Dabei leidet auch nicht ihre Schönheit,

weil Luxusgegenstände eine gewisse

Zeitlosigkeit in ihrem Design haben. Das

Gegenteil ist... „Bling-Bling”!

Luxushersteller müssen sich

darüber hinaus heute noch einer weiteren

Herausforderung stellen: Sind die einzelnen

Komponenten auch recycelbar? Gehen

sie also in den Kreislauf zurück oder

wandern sie auf eine Müllhalde. Allein die

Assoziation Müllhalde ist ausgesprochen

kontraproduktiv für jedes Luxusprodukt.

? Gehört das wirklich zur

definition von luxusgegenständen

dazu?

! Ich finde schon. Stichwort

„NESPRESSO“. Sehr guter Kaffee in genialer

Verpackung mit stylischen Apparaten

produzierbar, dargeboten von einer

Hollywood-Ikone. Die gesamte Erscheinung,

Geschichte und Qualität ist also absolut

stimmig. Aber es gibt keine vernünftigen

Behälter, in denen man die gebrauchten

Kapseln sammeln kann – ohne dass sie

schimmeln – und retournieren kann. Da

fehlt der letzte Schritt.

? damit sind wir bei der frage, ob

luxusgegenstände zwangsläufig nur

in kleinen und kleinsten Stückzahlen

gefertigt werden müssen. ein 7er Bmw

Foto: © Hubertus Hamm


ist ja zweifelsfrei ein luxusgegenstand,

der nachhaltig und langlebig ist, der

aber keineswegs in zehn-exemplarauflagen

von hand gefertigt wird,

sondern als ein massenprodukt

aufgelegt ist.

! Deswegen sage ich, dass man die

einzelnen Branchen – ob Schmuck, Food

oder Autos – voneinander trennen muss.

Die Autoindustrie hat andere Volumina, weil

man damit ja auch Eliten weltweit bedient.

In jedem Kontinent weiß man, was ein BMW

ist. Aber man weiß nicht unbedingt überall,

was eine Uhr von A. LANGE & SÖHNE

ist, obwohl sie genauso viel kosten kann

wie ein 7er BMW. Und dann gibt es ja auch

noch kleinere Serien und ganz besonders

seltene Stücke wie den jüngst vorgestellten

BMW-Steinway-7er, der mit einem

besonderen Klavierlack versehen ist und

dadurch noch feiner und satter glänzt als

der herkömmliche Autolack. Das sind aber

„Frills“, bei denen man über das Marketing

einer speziellen, abgrenzungsbedürftigen

Klientel noch eine kleine Besonderheit an

die Hand geben will.

? wenn ich all das höre, scheint

mir der Begriff „luxus“ in Bezug

auf seine vielfältigkeit ein plural-

Begriff zu sein – wie der englische

ausdruck für oberschicht, den es ja

auch nur im plural gibt, nämlich „the

upper classes“. Gehört zur vielfalt

dessen, was luxus ist, auch dazu, dass

luxus etwas – wie soll ich sagen –

Spielerisches hat?

! Unbedingt. Nehmen Sie das iPhone:

Im Vergleich mit einem BlackBerry kann

man ein iPhone ja in viel höherem Maße

selbst gestalten und individualisieren.

Welche Apps lädt man sich runter,

welche Fotos lässt man drauf? Womit wir

bei der spielerischen Komponente des

Luxus sind. Denn die gehört eindeutig

dazu. Man kann es auch die sinnlich

erfahrbare, hedonistische Komponente

nennen. Ein iPhone gehört fast schon

zur eigenen „Body Decoration“ dazu. Und

diese höchst individuelle Verbindung

mit einem Produkt ist das, was ich als

Liebesbeziehung zwischen Verbraucher

und Produkt bezeichne. Ich kann das

natürlich auch zu meinem BIc-Feuerzeug

haben, zum Beispiel weil es mich gerettet

hat, als ich eine Nacht auf dem Haleakalā

auf Maui verbringen musste und damit ein

Feuer entfachen konnte. Aber das ist eher

selten. Ein Luxusprodukt mit persönlichen

Erinnerungen aufzuladen, heißt, ihm eine

individuelle Wertigkeit zu geben. Zum

Beispiel wenn Sie Ihrem Sohn zum Abitur

einen MONTBLANc-Füller schenken. Dann

wird das ein Stift sein, der eine gewisse

Wertschätzung der Leistung zum Ausdruck

bringt und diesen jungen Menschen mit

einer solchen Geste in die Erwachsenenwelt

hereinholt. Das wird man mit einem

Billigprodukt nicht erreichen können.

? luxus hat ja wohl auch immer

Belohnungscharakter?

! So ist es. Natürlich kann man sich

als alleinstehende Rechtsanwältin ein Paar

schicke Weißgold-creolen oder etwas

Schönes von JIL SANDER als Belohnung für

eine besonders anstrengende Arbeitszeit

leisten. Gerade wenn man keinen Kerl

an der Seite hat, der einem so etwas

schenkt. Luxusgegenstände müssen etwas

Besonderes sein, sonst sind sie vielleicht

teuer – aber kein wirklicher Luxus.

ABER! Wenn sich Abramowitsch die

größte Yacht der Welt bauen lässt, dann

hat das nichts mit Belohnung zu tun,

sondern mit der Demonstration von Macht.

Und vielleicht ist es auch genau das, was

viele Menschen bei uns spüren, wenn sie

Luxusgüter skeptisch sehen.

Alte Luxusobjekte lassen sich leichter

lieben, wie zum Beispiel eine Vintage-

Kelly-Bag von HERMÈS. Sie hat Patina und

zeigt Substanz, schön zu altern – sowohl

von der Qualität und der Nachhaltigkeit

als auch von der zeitlosen Ästhetik her.

Sie zeigt auch, dass man sich schon lange

so etwas leisten kann. Außerdem wirkt

sie erst auf den zweiten Blick (diskret

und trotzdem abgrenzend), ist immer

gepflegt worden (reparaturfähig), und ist

porentief ökologisch, weil man ein solches

Objekt niemals wegwerfen wird. Ein

Luxusgegenstand in der zweiten Generation

hat noch eine weitere Ausstrahlung, die man

mit Geld nicht kaufen kann: Tradition.


Foto: Ralf Kaspers, Kaviar, 2008

? wenn man berücksichtigt,

dass deutschland bereits jetzt

weltweit den dritten platz als luxusproduktionsstandort

einnimmt, würde

ich gerne ihren vergleich kennen lernen

zwischen der wahrnehmung von luxus

„made in Germany“ und luxus „made

in france“ oder luxus „made in italy“?

! An erster Stelle unterscheiden

sich diese drei Ursprungsorte durch die

Wahrnehmung. Wir Deutsche bezeichnen

ja freiwillig Frankreich als die Wiege des

Luxus. Das hat gewisse geschichtliche

Wurzeln. Am französischen Hof in

Versaille lebten immerhin 20000 Menschen,

die sich alle mit immer größeren und

schöneren Luxusgegenständen gegenseitig

zu übertrumpfen trachteten. Das hat eine

großartige Qualität an Handwerkskünsten

hervorgebracht, die bis heute ihre

Ausstrahlung auf unser kollektives

Unbewusstes haben. Daraus leitet sich auch

die Wirkung von Kofferherstellern wie

LOUIS VUITTON oder Sattelmachern wie

HERMÈS her. Dennoch steht Frankreich im

Luxusbereich schwerpunktmäßig für Mode

– allerdings mit diesem Handwerksaspekt,

denn Haute couture ist ja auch

Maßanfertigung per Hand. Dazu kommt

Kosmetik und Parfüm, also weitgehend

alles, was mit weiblicher Selbstoptimierung

zu tun hat.

Auch Italien steht für Mode, aber

mehr in Richtung „Bella Figura“, wozu eine

Zeit lang auch eine gewisse Schnittigkeit

von Autokarosserien dazugehörte. Nicht

zuletzt gestattet das Matriarchat in Italien

dem Mann in dieser Hinsicht eine Art

Pfauenrolle zu übernehmen, weshalb wir

einen gewissen männlichen Schwerpunkt

bei der Selbstdarstellung haben. Generell

liegt die Hauptkompetenz der Luxusartikel

Italiens aber im Bereich des Leders. Also

Schuhe und Taschen. Damit ist es auch ein

sehr handwerkslastiger Luxus.

Im Luxus „Made in Germany“ findet

sich ebenfalls eine starke Fraktion im

Manufaktur- respektive Handwerksbereich

(von Meißen über Arzberg bis Dibbern),

die sowohl in einem traditionellen als auch

sehr frischen Design daherkommen. Die

andere starke, sehr viel modernere Seite

liegt im Ingenieursbereich. Stichwort:

Luxusautos (PORScHE, MAYBAcH,

ROLLS ROYcE, BENTLEY usw.), Uhren (A.

LANGE & SÖHNE, die Glashütte-Region),

Musikakustik (Burmester), aber auch im

Einrichtungs- und Ausstattungsbereich von

Häusern (DEDON, ROLF BENZ, WALTER

KNOLL). Manche Branchen werden von

deutschen Herstellern sogar dominiert –

beispielsweise Küchen, Badeinrichtung,

Musikinstrumente und Megayachten.

Und damit nicht genug: Wir haben,

wie die Uni Berlin erforscht hat, einen

Gründerboom im Luxusbereich in der Zeit

zwischen 2000 und 2005 erlebt. Und zwar

– große überraschung – in Berlin (!), wo

sich viele junge Firmen gegründet haben.

Wie zum Beispiel die Brillenmanufaktur

„MYKITA“ oder „ic! Berlin“, die ja von der

Materialität her innovativ sind mit ihren

Scharnieren und Gelenken. Die außerdem

einen tollen Werbeauftritt haben und

sehr schnell global Erfolg hatten. Und

wenn wir in Berlin bleiben, weil es ja

immer heißt, Berlin habe kein Geld, sei

aber sexy, dann muss man auch einmal

die vielen jungen Firmengründungen im

Modebereich dort sehen wie „lala Berlin“,

„kaviar gauche“ aber auch „Irene Luft“

hier aus München. Da sieht man bei allen

dreien ein Superdesign aus hochwertigsten

Materialien, die alle fantastisch in unsere

Zeit passen. Diese Labels werden es –

wenn sie nicht von Investoren aufgekauft

werden – sicher noch eine ganze Zeit

sehr schwer haben, ehe sie ihre Marken

etabliert haben. Aber das ist nur eine

wirtschaftliche Frage. Keine, welche die

Qualität in Frage stellt. Und all das basiert

nicht so sehr auf Ingenieurskunst, sondern

auf Kreativität! Mein Kollege Klaus Heine


von der TU Berlin spricht sogar von einem

Luxusbranchenwunder, dessen Ausmaße

man besser beurteilen könnte, wenn die

Luxuslandschaft bereits katalogisiert,

vermessen und kommuniziert wäre.

All das sollte passieren, damit

sich so etwas einstellt wie Stolz auf die

eigene Luxusgüterindustrie, statt gebannt

jenseits des Rheins zu schauen und das

französische „Savoir Vivre“ zu bestaunen

respektive das „Dolce Vita“ jenseits der

Alpen. Denn auch wir Deutsche haben

eine stark hedonistische Komponente in

unserem Lebensgefühl – auch wenn wir

noch keine Begrifflichkeit dafür gefunden

haben. Wobei wir natürlich wissen, dass das

„Wording” – siehe „Savoir Vivre“ und „Dolce

Vita“ – sehr wichtig für die Bewusstwerdung

dessen ist. Da mangelt es uns noch an

Identität und Selbstdarstellung. Allerdings

glaube ich, dass wir kurz davor sind,

diese Hürde zu nehmen und uns dazu zu

bekennen.

? fehlt es uns vielleicht an den

medialen plattformen für diese welt des

luxus?

! Absolut. Wie kaum ein anderes

Land verfügt Deutschland mit über 1400

Weltmarktführern – „Hidden champions”

genannt – über ein enormes Potenzial,

dass aber eben gerade auch das deutsche

Defizit zum Ausdruck bringt. Nämlich

führend zu sein in Ingenieurs- und

Handwerkskunst, aber zu bescheiden

und unsicher in der Verwertung dieser

Qualität und dem Aufbau strahlender

Marken und ihrer Emotionalisierung.

Bisher verdient nur der Boulevard sein

Geld damit. Und das ist maßlos schade.

Dieses „Red carpet-Phänomen“ lässt uns zu

Schlüssellochguckern verkommen, obwohl

wir Regisseure und Ausstatter großer

Luxusmarken sein könnten. Und von dieser

chance sollten wir unbedingt Gebrauch

machen.

Denn Luxus ist ein genialer

Gegenentwurf zum marodierenden

Discount, der mit seiner „H&M-isierung”

die Innenstädte verstopft und die Leute

mit seinen Billigversprechen in die

Discountmärkte der Vorstädte lockt.

Und dann haben wir plötzlich wieder

irgendeinen Lebensmittelskandal und

merken, dass man eben doch ein bisschen

mehr Geld für saubere und reine Nahrung

ausgeben muss. Das ist nämlich ebenfalls

eine Seite des Luxus – die gute, saubere,

nachhaltige Qualität, die Kennerschaft und

Einsicht erfordert, statt „Instant Pleasure“

für kleines Geld zu versprechen. Ein

connaisseur weiß, WAS er genießt, und

warum es gut ist. Und zwar im Detail. Und

er kennt und schätzt auch den Mangel. Ja,

er sucht ihn sogar gezielt auf, um aus dem

Kontrast die Fähigkeit zum Genuss zur

Kunst zu verfeinern. Eine Haltung, die dem

Fastfood-Anhänger völlig abgeht. All das

verdichtet sich in dem Satz: „Nicht das Teure

ist das Bedenkliche, sondern das Billige

ist das, worüber wir nachdenken müssen!“

Es hört sich zwar ungewohnt an, aber das

Thema „Luxus“ könnte uns einige wichtige

Ideen genau dafür geben.


N7 Nachmann Rechtsanwälte begrüßen

die Einstellung, dass die Herstellung von

Luxusgütern eine wichtige Rolle in der

deutschen Wirtschaft spielt und ihr ermöglicht,

in einer immer globaleren Wettbewerbssituation

Spitzentechnologien zu entwickeln.


nachmann client

Seite 42

Fotos: Hans-Günther Kaufmann

ScHWESTERN WERK

UND GOTTES BEITRAG

ODER WIE EIN

ScHWESTERNORDEN

WASSER IN GüTE

VERWANDELT.

die „kongregation der

Barmherzigen Schwestern vom

hl. vinzenz von paul“ mit ihrem

mutterhaus in münchen ist die

100-prozentige Gesellschafterin der

adelholzener alpenquellen Gmbh. die

Quelle sprudelt und die Schwestern

verwandeln wasser nicht in wein,

sondern in wohltaten. die erlöse

stellen einen hohen Standard in ihren

drei krankenhäusern, sechs alten-

und pflegeheimen sowie in ihrer

Berufsfachschule für krankenpflege

sicher. außerdem finanziert die

ordensgemeinschaft aus den Gewinnen

ihre werke der Barmherzigkeit.

dazu zählen unter anderem auch

Spenden an soziale projekte im

landkreis traunstein, in dem die

adelholzener alpenquellen ihren Sitz

haben. ebenfalls unterstützt werden

kindergärten, Schulen, die feuerwehr,

das rote kreuz und Sportvereine –

unternehmerisch wie auch sozial eine

Glanzleistung.

ich sprach mit der Generaloberin

Schwester theodolinde mehltretter,

die in der Geschäftsführung von

adelholzener lange Jahre das personal

geführt hatte und seit 2004 die

Geschicke des ordens leitet, über ihre

frühere und jetzige arbeit.

als ich ihr zum ersten mal

begegnete, fielen mir als erstes die

hände der Generaloberin auf. Große,

liebevolle hände, die gepflegt sind und

dennoch ein leben lang gewohnt waren,

zu arbeiten. und dann ihre wachen,

gütigen augen. Besser kann man „ora

et labora“ nicht verkörpern, dachte

ich bei mir. und wollte als erstes

wissen, wie es dazu gekommen ist, dass

ein orden christlicher nonnen ein

lifestyle-wasser wie „active o2“ auf

den markt bringen konnte.

! Wir hatten damals Herrn Friedrich

Schneider als Geschäftsführer. Er wusste

von diesem mit Sauerstoff angereichertem

Wasser. Ich habe ihm damals gesagt: „Herr

Schneider, wenn wir zwei a Stund z´samm

spazieren gehen, ist es genauso, als wenn

ich dieses Sauerstoffwasser trinken tät.”

Das war meine erste Einschätzung. Und ich

blieb auch ziemlich lange skeptisch. Aber

durch viele Gespräche und die Entwicklung

des Produkts habe ich gesehen, dass es

wirklich etwas Gutes ist und dem Körper

einen Impuls, ja richtig Leben gibt. Das

ist wirklich so. Ich kann es zum Beispiel

auf d'Nacht nicht trinken. Da kann ich

gar nicht mehr richtig einschlafen. Das

ist der Sauerstoff. Der geht sofort in die

sauerstoffunterversorgten Organe über. Ich

trink´s deshalb mittags, wenn ich müd´ bin.

? vielleicht sollten Sie’s zum

frühstück trinken...

! Ja, aber da mag ich lieber Kaffee. Also,

es ist wahr, dass es wirkt. Und wir sind froh

und glücklich, dass wir damals gesagt haben:

„Das wollen wir jetzt versuchen.“ Wir haben

in der Kongregation sogar dem Wunsch

stattgegeben, in andere Länder damit zu

gehen.

? kein schlechter entschluss!

adelholzener „active o2“ ist

marktführer in deutschland und wird

auch in einigen anderen ländern

vertrieben. reicht es ihnen, wenn eine

solche entscheidung gut für’s Geschäft

ist, oder gibt es da noch andere motive,

die wichtig sind.

! Schauen S', „Adelholzener“ ist ein

Name, durch den eine Botschaft rüberkommt.

Wir haben das Glück, dass wir unser

Wasser aus der Tiefe der bayerischen Alpen

beziehen. Und das rüberzubringen, ist uns

ganz, ganz wichtig.

Deshalb symbolisieren die Berge auf


den Etiketten die Klarheit und Reinheit

und Ursprünglichkeit. Der Kunde will ja

ein Produkt, das ehrlich ist. Und das ist bei

Adelholzener gegeben.

Wir versuchen, mit unserem

Unternehmen darüber hinaus das zu tun,

was allerorts „Nachhaltigkeit“ genannt

wird, was für uns aber einfach unser

Schöpfungsauftrag ist: Dass man Wasser

und Energie nicht unnötig vergeudet, dass

man die Natur nicht belastet. Wissen Sie,

alle Welt hat das Wort „Umwelt“ im Mund.

Das hört sich so an, als ob das die Welt sei,

die um den Menschen herum stattfindet. Ich

finde das ein bisschen wenig. Denn es ist

doch unser aller Welt. Deshalb haben wir

den Auftrag bekommen, unsere Schöpfung

zu bewahren und zu verwalten, um sie der

Nachwelt so gut wie möglich in die Hände

zu geben. Und da gehört es einfach dazu,

sie zu schonen. Das ist ja noch nicht mal

was Neues. 1807 hat Joachim Heinrich

campe – das war der Lehrer von Wilhelm

von Humboldt – zum Thema Nachhaltigkeit

gesagt: „Nachhalt ist, woran man sich hält,

wenn alles andere nicht mehr hält!“ Das ist

ein toller Satz. „Nachhalt ist, woran man sich

hält, wenn alles andere nicht mehr hält!“

Dieses verbreitete Immer-mehr-undnoch-mehr,

das hält ja nicht lange. Das

bricht zusammen. Und drum ist das Wort

von campe ganz wichtig. Dieser Ausspruch

ist mir übrigens zugefallen.

? wobei wir ja wissen, dass dieses

„zufallen“ einem nicht zufällig passiert.

! Das ist richtig. Das ist wirklich immer

ein Zeichen.

? wenn Sie sagen, dass „wir“ diesen

auftrag haben, meinen Sie das dann für

ihren orden oder...?

! Nein, nein, für alle Menschen. Das gilt

meines Erachtens für jeden Unternehmer –

einfach für jedermann: Dass man sich nach

Kräften einsetzt, die Zukunft so zu gestalten,

dass sie lebenswert ist. Das ist nicht an

einzelne Menschen gebunden. Das gilt für

alle Menschen!

? ist das ihre philosophische

weltsicht oder leitet sich das aus dem

katholischen Glauben heraus ab?

! Jeder muss so handeln, der vernünftig

denkt. Wir haben doch auch etwas von

unseren Vorfahren als Erben in die Hände

bekommen. Sie, ich, jeder. Und wir müssen

mit dem Erbe so umgehen, dass wir es

wieder in andere Hände geben können. So

wie wir auf den Schultern unserer Eltern

stehen, so steht die kommende Generation

auf unseren Schultern. Und das soll ja auch

wieder eine lebbare Welt sein, in der die

nächste Generation leben wird. Das ist doch

einfach logisch. Da muss ich nicht einen

katholischen Glauben dazu haben. Das ist an

kein Alter und keine Religion gebunden. So

wie „Gutes tun” auch an kein Alter und keine

Religion gebunden ist.

? wir erleben in unserer heutigen

zeit eher das Gegenteil. die leute wollen

immer mehr Geld und werden trotzdem

nicht besonders glücklich.

! Geld braucht man. Das ist nun mal

so. Aber es ist eine Frage, welche Priorität

räume ich dem Geld ein.

Es ist ein Ziel unseres Unternehmens,

Adelholzener so zu wirtschaften, dass

auch was übrig bleibt, wenn die Löhne

bezahlt, die Investitionen getätigt sind, um

auf dem Markt bestehen zu bleiben. Es ist

ein wichtiger Auftrag an und von uns, die

Arbeitsplätze zu sichern.

Dennoch soll so gewirtschaftet werden,

dass etwas übrig bleibt. Denn das bleibt

nicht bei der Geschäftsführung, sondern

fließt in die Kongregation zurück, und diese

finanziert soziale Projekte. Außerdem sind

wir als Kongregation für die Versorgung

unserer alten Schwestern zuständig. Wir

haben im Augenblick 345 Schwestern.

Davon sind sehr viele im Altenheim und

dafür müssen wir Sorge tragen. Dafür

brauchen wir auch dieses Geld.

? Geld verdienen ist ja auch nicht

unanständig.

! Nein. Es steht ja in der Bibel: „Macht

Euch die Erde untertan“ – und schaugts,

dass was Gutes damit getan wird.

? Bekommt die kongregation für

ihre aufgaben noch von anderswoher

Geld?

! Nein. Also früher bekamen unsere

Schwestern Gestellungsgelder, weil sie in

den Kliniken angestellt waren. Das ist jetzt

nicht mehr der Fall, weil wir keine jungen

Schwestern mehr haben und die meisten

nicht mehr im Arbeitsleben stehen. Deshalb

müssen wir sehen, dass wir uns selbständig

erhalten. Wir bekommen auch keinen

Pfennig Kirchensteuer, weil wir als Orden ja

unabhängig von der Institution Kirche sind.

Die Kongregation muss also schauen, dass

wir mit dem Erwirtschafteten die Häuser in

die Zukunft führen können.

? adelholzener mineralwasser

zu trinken, ist also nicht nur gesund,

sondern hilft ihnen auch ihre

karitativen arbeiten leisten zu können.

! Wir tun viel Gutes mit dem Erlös, den

wir aus dem Verkauf des Wassers erzielen.

Man darf darüber auch sprechen. Aber man

soll es auch nicht übertreiben. Dennoch

kann ich mit Fug und Recht sagen, dass viel

Gutes getan wird.

? wie haben Sie die marke

„adelholzener“ strukturiert, damit sie

auf dem markt bestehen kann?

O2

ACTIVE


! Die Philosophie von Adelholzener

besteht aus vier Säulen. Die eine ist

die „Tradition“. Die „Kongregation der

Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz

von Paul“ gibt es seit 1832 in Bayern. Das

sind nächstes Jahr 180 Jahre. Und wir

haben die Adelholzener Primusquelle 1907

erworben. Das sind auch immerhin mehr

als 100 Jahre. Da kann man schon von einer

Tradition reden.

Die zweite Säule ist die „Innovation“.

Unsere Geschäftsführer schätzen sehr, dass

die Kongregation der Innovation immer

wieder neuen Raum gibt.

Dann die menschliche

„Kommunikation“ – einer der wichtigsten

Grundpfeiler trotz der elektronischen

Vermittlung wie E-Mail, Fax und wer weiß,

was da noch alles kommen wird.

Und dann die „Vision“: Wir müssen

ja auch bedenken, was in fünf Jahren

sein wird. Auf diese Gedanken muss man

sich aber nicht allein verlassen, weil ja

auch noch einer von oben, Gott, mitlenkt.

Aber wir müssen alle unsere Fähigkeiten

einsetzen, um zu schauen, wie man unsere

Unternehmen – ob Industrie, Altenheim

oder Krankenhaus – in die Zukunft führen

kann.

Dieses „Vier-Säulen-Modell“ haben wir

in Bad Adelholzen immer praktiziert. Und

das hat sich gut bewährt. Wir haben das

immer mit einem einfachen Bild dargestellt:

Man darf nicht nur den Wald zu verstehen

suchen, sondern auch jeden einzelnen Baum.

So ist die Kongregation der Wald und jede

Einrichtung unserer Kongregation sind

die Bäume – und die muss ich pflegen und

hüten, damit es einen gesunden Wald gibt.

? wenn Sie „kommunikation“

sagen, dann ist damit ja nicht nur

gemeint, eine Botschaft von a nach B

zu transportieren, sondern da gehört

viel mehr dazu. was ich über Sie gelesen

habe, würde ich das mit „viel herz“

beschreiben. oder?

! Ja, das ist wichtig. Als ich noch in

Bad Adelholzen operativ tätig war, war

mir wichtig, dass die Mitarbeiter aus

ihrer Erfahrung heraus Vorschläge in das

Unternehmen einbringen sollten. Und

diese Erfahrung der älteren Mitarbeiter mit

der Flexibilität der jüngeren Mitarbeiter

zusammenzubringen, das habe ich immer

versucht. Und wenn´s gar zu rau wurde,

dann habe ich mit denjenigen einen langen

Spaziergang gemacht. Da kann man anders

miteinander reden als in einem Büro. Und

dann ging´s meistens wieder gut.

? was bedeutet es, wenn Sie sagen,

man müsse auch eine „vision“ haben?

! Wir haben – zunächst in der

Kongregation – damit begonnen, eine

zeitgemäße Wertearbeit zu installieren.

In der Kongregation wurden Werte

immer schon gelebt. Nur muss man sie

heute in unserer Zeit neu definieren und

aussprechen. Das haben wir versucht.

Die christlichen Grundwerte unserer

Kongregation sind:

• „Barmherzigkeit leben.” Das heißt,

miteinander und füreinander da sein.

• „Leben würdigen“ nicht nur im

Krankenhaus, sondern auch im Altenheim.

• „Miteinander und füreinander dienen.“

Das ist einer der wichtigsten Grundsätze,

den wir einfordern.

• „Wertschätzung pflegen und fördern.“

• „Wirtschaftlich und verantwortlich

handeln als Schöpfungsauftrag.“

Diese Werte gelten für die Kongregation.

Die Werte für die Führungskräfte in

Bad Adelholzen werden wir demnächst

definieren, weil ein wirtschaftliches

Unternehmen ja doch noch anders

funktioniert wie eine Kongregation. Dazu

gehört: „Verlässlichkeit“, „Toleranz“,

„Beständigkeit“, „Offenheit“, „Ehrlichkeit“,

„Maßhalten“ und auch „Mut zeigen“. Wenn

das zusammenwirkt, stellt sich aus meiner

Sicht auch ein unternehmerischer Erfolg

ein. Denn nur mit Ellenbogen kommt man

nicht weit. Das größte Kapital in einem

Betrieb ist immer noch der Mensch – nicht

die Maschinen und nicht die Abfüllanlagen.

Der Mensch bringt das Leben in ein

Unternehmen.

? das heißt aber doch – wenn wir mal

bei adelholzener bleiben, weil das ein sehr

weltliches unternehmen ist und unseren

lesern am nächsten –, dass die mitarbeiter

nicht nur ausführende handlanger sind?

! Wir wollen unseren Mitarbeitern

mehr geben als Lohn. Denn jeder ist

einmalig und hat viele Fähigkeiten

und Talente. Das macht eben dieses

Zusammenspiel aus, das das gemeinsame

Arbeiten schön und erfolgreich macht. Aber

natürlich sind wir auch dabei, Prozesse

zu optimieren, Arbeitsabläufe enger

in den Blick zu nehmen. Aber immer


im Zusammenhang mit denen, die das

ausführen – das „Warum“ und „Weshalb“.

Man muss die Menschen dort abholen, wo

sie stehen. Das versuchen wir täglich. Das

kann man nur, wenn einer die Richtung

angibt und die anderen mitnehmen will und

zwar jeden mit seinen Fähigkeiten. Einer

kann mehr, der andere bewegt weniger. Das

ist nun mal so. Man muss der Ehrlichkeit

halber auch sagen, dass das nicht immer

gelingt. Aber ich denke, der Wille zu diesem

Mitnehmen der Mitarbeiter ist da.

Als ich damals in Bad Adelholzen als

Personalleiterin für unsere Mitarbeiter im

Betrieb zuständig war und dort tagtäglich

mitgearbeitet habe, habe ich das wie eine

Familie erlebt. Natürlich war ich damals

mehr anwesend im Betrieb, als es jetzt

mein Nachfolger sein kann, weil ich als

Ordensschwester ja keine Familie habe.

Mein Nachfolger hat aber eine Familie.

Die darf unter der Arbeit nicht leiden.

Denn eine Familie ist das Rückgrat eines

Arbeitnehmers und die darf er nicht

vernachlässigen. Deswegen kann und soll

man meine Arbeit und seine Arbeit nicht

vergleichen.

? kommen wir nochmal zur

„innovation“. da haben Sie also

marketingexperten, eine werbeagentur

und andere Spezialisten. aber Sie

müssen ja letztendlich entscheiden,

welche Strategie eingeschlagen und was

gemacht werden soll. wie finden Sie den

richtigen weg für das unternehmen? ist

es der heilige Geist oder gründliches

nachdenken, was Sie weiterbringt bei

solchen entscheidungen.

! (Lacht aus vollem Herzen) Wichtig

ist für uns, Produkte zu entwickeln, die

ein langsames aber stetes Wachstum

haben. Wenn wir jetzt zum Beispiel ein

Energiegetränk machen, das momentan

einen Boom auslöst, aber längere Zeit nicht

durchsetzbar ist, dann ist das nichts für uns.

Jede Innovation soll ein kontinuierliches

Wachstum in einer Firma anstoßen. Es muss

etwas Handfestes ergeben.

Und wie kommt es dazu? Tja, da ist es

dann eben der Einfall oder die Inspiration

eines Einzelnen, den man diskutiert, prüft

und entwickelt, indem man Probefüllungen

macht, kostet und verfeinert. Ich denke, da

müssen alle Abteilungen zusammenhelfen,

damit dann EIN Produkt auf den Markt

kommt. Als ich noch im aktiven Geschäft

in Bad Adelholzen war, da ging das immer

eine gewisse Zeit, bis das neue Produkt so

gestanden hat, dass wir gesagt haben, das

geben wir jetzt dem Beirat zur Entscheidung.

? Gibt es das, dass die kongregation

oder der Beirat auch mal sagen: „nein,

das machen wir nicht!“?

! Wenn´s nicht stimmig ist, dann

schon. Das ist zum Beispiel bei der Werbung

wichtig. Wenn die Werbung nicht stimmig

ist für die Kongregation, dann geht es gar

nicht. Da muss alles von uns genehmigt

werden, was die Werbestrategie betrifft.

Auch jede Aussage.

? also mit nackerten ist da nix zu

machen?

! überhaupt nix! Das würde ja auch

gar nicht zu uns passen. Bei uns sehen

sie die tolle Gebirgswelt, den Schnee, die

Schöpfung. Und dann das Produkt: Das

muss sonnenklar, rein und eindeutig sein.

Adelholzener muss sich nach dem

Geschmack der Kunden richten – nicht

nach unseren Ideen. Wenn es dem Kunden

nicht schmeckt, hilft alles nichts.

Diese Kundenorientierung versuchen

wir auch mit unserem Außendienst zu

erreichen. Der Kundenkontakt mit den

Getränkemärkten ist uns nämlich ganz

wichtig. Wenn ein Kunde reklamiert, dann

wird dem sofort nachgegangen. Das gehört

zur Kommunikation und dem „Miteinander“

dazu! Da investieren wir stark ins Personal.

Ja, das ist sogar ein Schwerpunkt in Bad

Adelholzen. Deswegen bauen wir auch

den Außendienst nicht ab, weil der alles,

was dem Unternehmen schaden könnte,

auffangen und von ihm abwenden kann

– und soll. Die Außendienstmitarbeiter

kümmern sich um unsere Kunden. Damit

bin ich sehr zufrieden. Wir haben nämlich

wirklich gute, verlässliche Mitarbeiter.

Sehr viele von ihnen kenne ich noch

und rede auch mit ihnen. Ich sage ihnen

immer wieder gerne, dass die Kongregation

hinter ihnen steht, und mache ihnen Mut,

sich mit notwendigen Veränderungen

zu identifizieren. Veränderungen muss

es geben, um am Markt bestehen zu

bleiben. Der Wettbewerb wird ja immer

härter und jede Veränderung tut erst mal

weh. Das ist im privaten Leben so, das

ist in der Gemeinschaft so. überall! Jede

Veränderung bringt Angst. Aber Wachstum

ist nun mal Bewegung. Wenn Pflanzen

wachsen, dann bewegen sie sich. Aber

unsere Mitarbeiter sollen wissen, dass sie

für die Veränderungen etwas tun können,

damit vieles so bleiben kann, wie es ist.

Und dazu will ich ihnen Mut machen.

? Schwester theodolinde, was

meinen Sie: kann ein weltlicher

unternehmer aus ihren erfahrungen

mit adelholzener lernen?

! Hm! Jeder muss sein Unternehmen

selber auf die Füsse stellen. Da kann man

nichts übertragen. Das geht nicht. Die

Botschaft muss klar sein – und stimmen.

Und wenn die Botschaft den Kunden

anspricht, dann entscheidet er sich, das

Produkt zu kaufen. Und wenn´s ihm

auch noch schmeckt, dann ist es ganz toll.

Mögen Sie noch ein Glaserl?

? Sehr gerne!

? Sie kennen doch das produkt „red

Bull“...

! Also kennen ist vielleicht zu viel

gesagt. Ich weiß, dass es das gibt.

? würde es das bei ihnen geben

können? weil es ja auf seine weise auch

sehr authentisch ist.

! Ja mei! Es langt doch, wenn es schon

einer macht. Da müssen wir das doch nicht

auch noch herstellen.

? nochmal zur „vision“. wie viele

Jahre muss man aus ihrer erfahrung

nach vorne schauen?

! In die Zukunft schauen kann

niemand. Man muss sich zwar Gedanken

machen, was in der Zukunft sein kann. Aber

leben kann man nur die Gegenwart. Denn

letztlich entscheidet der heutige Tag, was der

Kunde kauft.

Außerdem habe ich ein sehr großes

Gottvertrauen und versuche, das Werkzeug

in Gottes Hand zu sein. Und mit meinen

Mitarbeitern zusammen, das Unternehmen

gut in die Zukunft zu führen. In der Bibel

steht 365-mal „Fürchte Dich nicht! Ich, Gott

der Herr, bin bei Dir.“ Und das glaube ich

felsenfest. Und ich spüre das auch. Dazu

muss ich auch gar nicht fromm sein. Das

Leben, das ich führe, ist einer der Wege.

Aber wenn man ein guter Mensch ist,

dann kann jeder das spüren. Ich habe den

Eindruck, dass sich dieser Gedanke immer

stärker durchsetzt.

N7 Nachmann Rechtsanwälte sind

beeindruckt von der „Kongregation der

Barmherzigen Schwestern vom hl. Vinzenz von

Paul“, die soziale Dienste in der Alten- und

Krankenpflege aus der eigenen wirtschaftlichen

Tätigkeit finanzieren.


philosophy

Seite 50

MMK Museum für Moderne Kunst

„IcH FINDE

üBERRAScHUNGEN

ETWAS WUNDERBARES!“

Susanne Gaensheimer leitet seit

2009 das museum für moderne kunst

– kurz mmk – in frankfurt am main,

eines der bedeutendsten museen für

Gegenwartskunst. Sie hat den deutschen

pavillon der diesjährigen Biennale kuratiert

und für die reinszenierung von christoph

Schlingensiefs Bühneninstallation „eine

kirche der angst vor dem fremden in

mir“ den Goldenen löwen der Biennale

erhalten. wir unterhielten uns mit frau

dr. Gaensheimer in frankfurt bei einer

tasse tee über christoph Schlingensief, das

leben als künstler und die aufgabe eines

museums im Jahr 2011.

Foto: Mauricio Guillén


? frau dr. Gaensheimer, in der

Bühneninstallation „eine kirche der angst

vor dem fremden in mir“ wird unter

anderem ein Gespräch zwischen christoph

Schlingensief und alexander kluge gezeigt,

in dem kluge fragt, wie Schlingensief

einem außerirdischen richard wagner

erklären würde. diese fragetechnik nehme

ich auf und stelle sie ihnen: „wie würden

Sie einem außerirdischen christoph

Schlingensief erklären?“

! Ich gehe mal davon aus, dass Sie keinen

wirklichen Außerirdischen meinen, sondern

jemanden, der mit der Kunst nicht so viel

zu tun hat. Der Grund, warum ich mich für

Schlingensief entschieden habe, war der –

und das kann man jetzt nach seinem Tod

noch viel deutlicher feststellen –, dass er einer

der wichtigsten Künstler in diesem Land

war. Seine Werke haben einen ungeheuren

Einfluss in verschiedenen Bereichen gehabt.

Er war auch deswegen wichtig, weil er

über Jahre hinweg in den verschiedensten

Medien gearbeitet hat und nie eindeutig

einzuordnen war. Und er war ein absolut

außergewöhnlicher Mensch, der immer das

totale Extrem gegangen ist und auch den

Mut hatte, das in aller Konsequenz zu tun.

? in einem seiner letzten auftritte, in

seinem Stück „remdoogo – via intolleranza

ii“ in münchen, fand ich ihn eher schon

till-eulenspiegel-mäßig unterwegs.

! Ja klar, er war auch unglaublich witzig.

? einer seiner vielen filme heißt

„egomania – insel ohne hoffnung“. wie

egoman war er?

! Er war natürlich sehr auf sich bezogen.

Aber er hatte auch genau das Gegenteilige

in sich. Er ist fast zeitgleich genau so

stark auf seine Mitmenschen eingegangen.

Er hat immer das Innerste in ihnen

angesprochen. Viele Menschen haben sich

bei ihm stärker erkannt und wiedergefunden

als bei irgendjemandem sonst. Es gab

Theaterschauspieler, die nach der Arbeit mit

ihm gesagt haben, sie spielen nicht mehr mit

einem anderen Regisseur.

? wie egoman muss ein künstler

überhaupt sein, um in einer

mediengesellschaft anzukommen?

! Künstler waren immer auch egoman.

Ich glaube eine Künstlerpersönlichkeit

funktioniert nicht ohne diese Ichbezogenheit,

also diese Selbstüberzeugung. Denn sie

müssen ja davon überzeugt sein, dass das,

was sie machen, wirklich wichtig ist. Sie

müssen über Jahre hinweg ihre Arbeiten

machen, ohne dass sie davon leben können

und ohne dass sich da eine Eigendynamik

entwickelt, die sie trägt. Gerade in den

ersten Jahren ist es oft so hart, dass sie es

nur mit einem starken und rückhaltlosen

Ichgefühl schaffen können. Das hat nichts

mit Egoismus zu tun – auch nichts mit

Egozentrik.

Gleichzeitig haben Künstler oft einen

sehr starken Selbstzweifel. Es gibt natürlich

schon irgendwann den Moment, in dem

sie sagen: „Jetzt ist das Kunstwerk gut.“

Aber es gibt auch einen langen Weg dahin.

Es ist ein permanentes Hinterfragen, ob

das Kunstwerk schon DAS Kunstwerk ist

oder noch nicht. Viele Verwerfungen und

Selbstzweifel treten da in Erscheinung.

Das war auch bei Schlingensief so:

permanente Selbsthinterfragung und

Selbstwandlung. Diese Fähigkeit, sich selbst

zu kritisieren und sich auch neu zu sehen

und zu definieren, ist natürlich auch eine

ungeheure Qualität, eine besondere Gabe,

die nur bei wenigen Menschen ausgeprägt

ist.

? für mich ist eine zentrale frage, wann

ein künstler weiß, dass das Bild fertig ist.

! Das finde ich auch eine interessante

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.

Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von Christoph

Schlingensief im Deutschen Pavillon, 2011, Model ©

Thomas Goerge, Christin Berg; Foto: © Roman Mensing,

artdoc.de in Zusammenarbeit mit Thorsten Arendt


Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir. Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von

Christoph Schlingensief im Deutschen Pavillon. Lunge vertikal. Foto: © Roman Mensing, artdoc.de

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir.

Bühneninstallation des Fluxus-Oratoriums von Christoph

Schlingensief im Deutschen Pavillon. Altaransicht mit

Filmprojektion. Foto: © Roman Mensing, artdoc.de


Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir. Aufführung

Ruhrtriennale, September 2008 © David Baltzer - Bildbühne.de


Frage. Die Künstler sprechen selbst auch

sehr oft darüber. Da gibt es keine Formel

und kein Rezept. Aber in DEM Moment ist

es dann einfach klar.

? und diesem moment wohnt

vermutlich ein großes Glücksgefühl inne.

! Ja bestimmt. Vor allem, wenn das

Werk dann auch noch wahrgenommen und

rezipiert wird. Denn ein Kunstwerk existiert

nur durch seine Rezeption. Wenn es keine

Wahrnehmung durch ein Publikum gibt, gibt

es auch kein Kunstwerk. Ein Kunstwerk ist

ohne den Betrachter unvollständig. Wenn

Sie ein Kunstwerk schaffen, dass Sie in

Ihrem Atelier verborgen halten, dann ist das

doch sehr unbefriedigend.

Douglas Gordon, Play Dead; Real Time, 2003

© MMK Museum für Moderne Kunst Frankfurt

am Main, Foto: Axel Schneider

? heißt das, dass der museumsdirektor,

der Galerist, der kunstkritiker, der

kunstjournalist teil des kunstwerks sind?

! Jeder! Jeder Betrachter ist Teil des

Kunstwerks. Die Betrachtung ist immer

ein elementarer Teil des Kunstwerks. Viele

Künstler haben ja genau damit gearbeitet.

Die Konzeptkunst in den 60er Jahren hat

sich stark mit der Rolle des Betrachters

beschäftigt. Es gibt ganze Richtungen, wo es

um Partizipation geht – übrigens auch etwas,

womit sich christoph Schlingensief stark

beschäftigt hat. Er hat den Betrachter immer

eingebunden. Beim Theater können Sie es

noch deutlicher sehen. Das Theaterstück

existiert erst durch die emotionale Erregung

des Betrachters. Schlingensief würde

nicht auf der Bühne rumhopsen, wenn da

niemand im Zuschauerraum säße. Und bei

der Kunst ist es genauso.

? war das schon immer so?

! Auch früher war der Hauptzweck der

Kunst die Kommunikation. Was nicht über

Schrift vermittelt werden konnte, wurde

über Bilder vermittelt. Daraus entstand

die religiöse Kunst. Irgendwann kam die

weltliche Kunst dazu und das war am

Anfang immer Auftragskunst. Da wurden

Botschaften über politische Verhältnisse

oder über Mäzenatentum in den Bildern

abgebildet und Machtpositionen aufgezeigt.

Die Botschaft war schon immer der Zweck

des Kunstwerks. Selbst eine Ikone dient der

Kommunikation – der Anschauung. Ohne

Kommunikation existiert die Kunst nicht.

? wenn man die Betrachter zum Beispiel

schon früh in der Schule lehrt, wie sie

kunstwerke betrachten können, dann ist

das eine sehr freiwillige und individuelle

form der kommunikation mit und über

kunstwerke. nun leben wir aber nicht

nur in einer mediengesellschaft, sondern

auch in einer wirtschaftswelt, in der das

marketing eine wichtige rolle spielt. Bei

der interpretation dessen, was man sieht,

kommt also auch schnell der marketingaspekt

fördernd oder ablenkend dazu

und man fragt sich beim Betrachten der

arbeiten des einen oder anderen künstlers,

ob der nicht „gemacht“ sei.

! Das halte ich für ein Klischee. Es gibt

natürlich verschiedenste Kräfte, die darauf

einwirken, dass ein Künstler eine bestimmte

Position hat. Und die hat er auch nicht

dauerhaft. Das ist oft eine Wellenbewegung.

Manchmal ist es so, dass Künstler in einer

bestimmten Zeit fast eine Art „Heldenstatus“

oder „Starstatus“ haben und hundert Jahre

später spricht keiner mehr von ihnen. Nein,

man kann keinen Künstler „machen“, dessen

Werk keine wirkliche Qualität hat. Das ist

meine überzeugung.

Natürlich spielt auch der persönliche

Geschmack eine Rolle. Es gibt Künstler,

die sehr erfolgreich sind und die man

selber nicht gut findet – und umgekehrt.

Es wird auch manchmal die Vorstellung

geäußert, ein Künstler werde verkannt oder

übersehen. Daran glaube ich auch nicht.

Wenn ein Künstler wirklich etwas zu sagen

hat, was auch von breiterem Interesse ist,

setzt sich das durch. Es gibt aber natürlich

immer auch Außenseiterpositionen. Das hat

häufig etwas damit zu tun, dass sich solche

Positionen nicht im aktuellen Diskurs oder

Trend bewegen. Aus diesem Grund gibt es

sicherlich sehr viele interessante Künstler,

die nicht die Wahrnehmung haben, die

ihnen gebührt. Hier muss man aber auch

berücksichtigen, dass es heute für einen

Künstler dazugehört, über sich selbst „zu

kommunizieren“. Oft sind die Künstler

gekränkt und sagen: „Die Leute kennen

mich ja nicht!“ Aber wie soll man sie kennen,

wenn nicht der Künstler selbst seine

Arbeiten und Vorstellungen nach außen

trägt? Es gibt bei jedem Künstler diese Zeit

vor dem Erfolg. Die ist sicher oft sehr hart.

? wie bedeutsam sind auktionshäuser

für den ruf eines künstlers und

Journalisten, die darüber berichten, dass

dieser oder jener künstler für eine neue

rekordsumme verkauft wurde?

! Auktionshäuser sind ein besonderes

Phänomen, weil die völlig unabhängig

von dem Künstler ihr eigenes Geschäft

mit der Kunst machen. Wenn jetzt ein

Thomas Demand für 100 000 Euro oder

ein Gursky oder Richter – wo es in die

Millionen geht – versteigert wird, dann

sieht der Künstler ja nichts davon. Anders

ist es natürlich, wenn eine Galerie das

Werk verkauft. Dann wird die Summe

aufgeteilt. Da arbeiten beide zusammen.

Ein weiteres Problem der Auktionshäuser

ist, dass durch die Eigendynamik des


Katharina Frisch, Tischgesellschaft, 1988 Raumansicht MMK, 2011 Foto: Axel Schneider © VG Bild-Kunst, Bonn 2011


Marktes völlig absurde Preise entstehen,

die dann wiederum das Gesamtgefüge

durcheinanderbringen. Oft wollen die

Künstler nämlich gar nicht so schnell in

solche Kategorien hochkatapultiert werden,

weil es auch sehr schwierig wird, ein solches

Niveau dauerhaft zu halten – und zwar

nicht nur für fünf Jahre, sondern für vierzig,

fünfzig, sechzig Jahre. Das ist nicht leicht.

? aber so ganz unangenehm ist es

den künstlern dann auch nicht, wenn

sie dadurch beim verkauf der nächsten

arbeiten durch ihren Galeristen mehr Geld

bekommen?

! Manchen ist das extrem unangenehm.

Die beschweren sich regelrecht. Die kaufen

teilweise sogar ihre eigenen Bilder in

den Auktionen zurück – auch weil ihnen

bestimmte Arbeiten sehr wichtig sind

und sie nicht wollen, dass sie bei einem

Privatsammler im Depot liegen und nicht

mehr in der Öffentlichkeit gezeigt werden.

auSStellunGen machen

? wenn Sie eine ausstellung kuratieren.

wie gehen Sie da vor. nehmen Sie als erstes

kontakt mit dem künstler auf?

! Ja immer. Also eigentlich ist es so, dass

sich Ausstellungsideen über viele Jahre hin

entwickeln durch eine Beschäftigung und

einen Austausch mit dem Künstler. Es ist

nicht so oft der Fall, dass man erst die Idee

hat und dann den Kontakt. Das gibt´s zwar

auch, aber das ist eher die Ausnahme.

Für ein Museum der Gegenwartskunst,

wie das MMK, ist es völlig undenkbar,

eine Ausstellung NIcHT gemeinsam

mit dem Künstler zu machen. Die enge

Zusammenarbeit mit dem Künstler ist

wesentlich und dadurch sind in den

Ausstellungen im MMK immer ganz

besondere Werke entstanden, die zum

Beispiel stark mit der Architektur dieses

Hauses arbeiteten und dann in unsere

Sammlung eingegangen sind. Deswegen

gibt es bei uns auch eine starke Vernetzung

zwischen Ausstellungsprogramm und

Sammlung.

? dann sind Sie als kunsthistorikerin

nicht so sehr mit der historie von kunst

beschäftigt, sondern eher mit dem

Schaffensprozess?

! Ja genau. Wir sind eigentlich ein

Ort der Produktion. Dazu haben wir im

letzten Jahr eine ganze Gesprächsreihe,

die MMK-Talks, veranstaltet, bei der es um

die Frage ging, inwiefern das Museum für

Gegenwartskunst nicht nur ein Ort der

Präsentation, sondern auch der Produktion

ist – der Produktion von Kunstwerken, von

Wissensinhalten usw.

? wen haben Sie gerade in arbeit?

! Im Moment arbeiten wir an einer

Ausstellung mit Douglas Gordon, die Ende

November eröffnet wird. Auch bei Douglas

ist es so, dass wir uns schon sehr lange

kennen und ich schon vorher mit ihm

zusammengearbeitet habe. Und jetzt war

einfach der richtige Zeitpunkt, zusammen

eine größere Ausstellung zu machen.

Für nächstes Jahr plane ich eine große

Ausstellung mit Thomas Scheibitz, mit dem

ich auch schon seit zwei Jahren darüber im

Gespräch bin.

? wie gehen Sie dabei vor?

! Ich versuche vor allem die Rahmenbedingungen

für den Künstler so zu schaffen,

dass er seine Vorstellungen realisieren kann.

Denn daraus entstehen meiner Erfahrung

nach immer die stärksten Ausstellungen. In

meiner Ausstellungsgeschichte waren das

immer die besten Projekte mit den überzeugendsten,

spannendsten und oft auch

einschneidendsten Ergebnissen, wenn man

die Künstler nur machen lässt. Da muss man

zwar als Kurator wie ein Sparringspartner

zur Seite stehen – bei Fragen muss man das

Ganze vielleicht in die eine oder andere

Richtung steuern. Aber ich versuche immer

möglichst wenig Vorgaben zu machen.

? wie war das bei Schlingensief?

! Während der Vorbereitungen waren

wir auch in einem solchen Gesprächsfluss,

hatten uns regelmäßig getroffen und dabei

waren auch schon einige Ideen entstanden,

so wie ich es in dem Vorwort des Buches

zum Deutschen Pavillon beschrieben

habe (auf Deutsch erschienen im Verlag

Kiepenheuer & Witsch und auf Englisch bei

Sternberg Press). Nach Schlingensiefs Tod

habe ich zusammen mit Aino Laberenz, der

Frau des Künstlers, dann aber sehr schnell

entschieden, diese Ideen nicht zu realisieren,

weil sie in vielerlei Hinsicht noch offen

waren. Ich habe dann ein Team aus engen

Mitarbeitern von Schlingensief gebildet, die

über Jahre hinweg mit ihm gearbeitet haben,

und viele Gespräche mit Leuten geführt, die

ihn und sein Werk sehr gut kannten, wie

zum Beispiel Alexander Kluge und chris

Dercon. So haben wir sehr lange versucht,

einen offenen Prozess in Gang zu halten.

Meine Rolle dabei war die einer Moderatorin,

die an bestimmten Punkten, die mir richtig

erschienen, Entscheidungen getroffen hat.

Aber immer auf der Basis einer Diskussion

mit dem gesamten Team. Ich hätte das

niemals ganz allein machen können.

? das kommt mir so vor wie die arbeit

eines vorstandsvorsitzenden, der sich

zuerst die argumente seiner vorstände

anhört und dann entscheidet, was gemacht

wird.

Ai Weiwei Serge Spitzer, Ghost Gu Coming Down the Mountain, 200506 Raumansicht

MMK, MainTor, 2011 Foto: Axel Schneider


Roy Lichtenstein, We Rose Up Slowly, 1964 © VG Bild-Kunst, Bonn 2011

! So ungefähr (lacht).

? was ist an der gezeigten arbeit „eine

kirche der angst vor dem fremden in mir“

im deutschen pavillon auf der Biennale di

venezia deutsch und was universell?

! Ich habe mich damals bewusst für

einen Künstler entschieden, der sich in

seinem Werk mit Fragen beschäftigt, die

dieses Land betreffen: gesellschaftliche

Fragen, politische Fragen, soziale Fragen,

menschliche Fragen – und das über fast drei

Jahrzehnte hinweg in aller Konsequenz und

Radikalität und kritischer als jeder andere

Künstler. Man könnte vielleicht sagen, dass

christoph Schlingensief sich nicht nur

inhaltlich mit Deutschland beschäftigt hat,

sondern dass auch die Tiefgründigkeit und

Existenzialität mit der er das gemacht hat,

in einer bestimmten deutschen Tradition

steht. Aber gleichzeitig stellt christoph

Schlingensief alle diese Fragen durch

sein Afrikaprojekt in einen globalen,

transnationalen Kontext.

? würden Sie christoph Schlingensief

eher als bildenden künstler, als regisseur

oder als...

! ...Er war einfach Künstler. Und

alle weiteren Bezeichnungen oder

Kategorisierungen finde ich unergiebig.

Er war nie nur Regisseur oder nur

Theatermann. Er hat sich immer gegen

den jeweiligen Betrieb aufgelehnt – auch

gegen den Kunstbetrieb. Vielleicht ist er am

ehesten Filmemacher. Er hat ja mit acht

Jahren angefangen, Filme zu machen. Und

das war er, glaub ich, mit Leib und Seele.

? was meinen Sie, woher kommt bei

ihm dieses alles-in-frage-stellen?

! Das war einfach ein Wesenszug von

ihm. christoph Schlingensief war ja ein

sehr gläubiger Mensch. Er wurde katholisch

erzogen und im Rahmen dessen natürlich

auch zu Ehrlichkeit. Für ihn war es völlig

unmöglich, zu lügen. Das ging so weit, dass

wenn seine Mutter ihn fragte, ob ihm das

Essen schmecke, er nicht die Unwahrheit

sagen konnte. Er hat in jedem Kunstwerk,

in jedem Interview, in jedem Theaterstück

immer sehr ehrlich und sehr direkt seine

Meinung gesagt. Das war natürlich schwierig

für das Publikum und für die Leute, die mit

ihm gearbeitet hatten. Und das wäre für

mich sicherlich auch schwierig geworden.

Ich will mich da gar nicht ausnehmen.

Nein, christoph Schlingensief war von

gnadenloser Ehrlichkeit und Direktheit und

das merkt man seinen Arbeiten auch an.

? wenn man die arbeiten nur

oberflächlich betrachtet, hat man leicht

den eindruck, er sei ein krawallmacher.

! Nein. Das war er überhaupt nicht.

Und auch das Thema der Provokation

stand für ihn nie im Vordergrund. Es ging

ihm wirklich darum, Dinge zu sagen, die

ihn zutiefst beschäftigt haben. Und das

waren eben oft politische, aber auch ganz

persönliche Themen. Er hat sich auch

immer wieder selbst und seine Arbeiten

in Frage gestellt. Und dass das für einige

Leute provokativ war, kann ich mir schon

vorstellen, weil sie sich vielleicht selbst

nicht hinterfragen wollten oder konnten.

Jeder, der sich offen zum Beispiel auf sein

letztes Theaterstück „Remdoogo – Via

Intolleranza II“ eingelassen hat, kam da

nicht ungeschoren heraus. Ich weiß nicht,

wie es Ihnen dabei ging. Mich hat es auf

jeden Fall unglaublich bewegt.

? wenn man ihnen so zuhört, wird

deutlich – und damit kommen wir wieder

auf den anfang unseres Gesprächs

zurück –, wie wichtig es ist, dass es

menschen gibt, die einem die Sprache

eines künstlers übersetzen. fühlt man

sich in ihrer rolle manchmal wie ein


psychotherapeut, der – jetzt mal ganz

hart und böse ausgedrückt – Botschaften

von autisten für die normale welt

übersetzt?

! Ein bisschen ist es vielleicht so. Ja,

das ist schon richtig. Man vermittelt eine

Botschaft. Aber wie gesagt, Künstler sind

alles andere als Autisten. Da gibt es einige

die sind regelrechte Kommunikationsgenies.

daS mmk

? wenn Sie „nur“ kuratorin

wären, würden Sie von museum

zu museum eilen, ihre aufträge

bekommen und wunderschöne und

bewegende ausstellungen machen.

aber als museumsdirektorin müssen

Sie dafür sorgen, dass die menschen

ins museum kommen und all das auch

noch finanziert ist. wie bekommt

man die Spannung zustande, dass

im museum ausstellungen zu sehen

sind, die den kunsthistoriker und

fachmann reizen aber eben auch den

mainstream ansprechen – und ihn

auch ansprechen Sollen –, was ja ein

großer unterschied ist? nur einfach

mit der wurst nach der Speckseite

zu werfen, das haben sich die meisten

fernsehanstalten auf die fahne

geschrieben. für ein museum existiert

da ja noch ein ganz anderer anspruch.

! Ich fand es hier in Frankfurt vom

ersten Tag an wichtig, das Museum stärker

zu öffnen. Das MMK hatte einen elitären

Status. Aber ich sehe ein Museum nicht

als elitären Ort, der sich nur an eine

Bildungselite richtet. Also war es mein Ziel,

die Türen demonstrativ allen möglichen

gesellschaftlichen Gruppen gegenüber zu

öffnen. Das haben wir durch verschiedene

Programme gezielt getan: Programme

für Kinder, Programme für Jugendliche.

Wir haben intellektuell anspruchsvolle

Veranstaltungen geplant ebenso wie solche,

die einfach nur Spaß machen sollten, wie

die MMK-After-Work.

Dabei bin ich allerdings nicht bereit,

die Inhalte zu kompromittieren. Man muss

das Profil eines Hauses sehr stark, klar

und konsequent herausarbeiten. Und im

nächsten Schritt muss man dieses Profil

vermitteln. Das schließt sich nicht aus.

Selbst die kompliziertesten Inhalte lassen

sich vermitteln. Deshalb spielt Vermittlung

bei uns eine zentrale Rolle und dadurch

haben wir das Publikum unseres Hauses

in den letzten zweieinhalb Jahren stark

verändert. Es kommen jetzt viel mehr

jüngere Leute ins Haus. Es kommen

Familien, es kommen Businessleute,

Studenten und endlich auch wieder die

Städelschüler, also die jungen Künstler, was

lange nicht mehr der Fall war. Und es macht

großen Spaß hier in Frankfurt zu arbeiten,

weil die Leute auch schwierige Dinge

annehmen. Das ist einfach toll.

? muss diese vermittlung

„unterhaltsam“ sein?

! „Unterhaltsam“ würde ich nicht sagen,

aber man muss sich schon etwas einfallen

lassen. Wir machen viel partizipatorische

Projekte, gerade mit Kindern. Da haben

wir tolle Workshops, bei denen die Kinder

zum Beispiel eine eigene Museumszeitung

machen, mit Künstlern zusammen etwas

bauen, eigene Ausstellungen kuratieren.

Dabei lernen und begreifen sie wahnsinnig

viel. Auf diese Weise können wir auch ein

bisschen davon kompensieren, was in den

öffentlichen Schulen im inzwischen stark

eingeschränkten Kunstunterricht nicht mehr

möglich ist.

Dann gibt es Workshops für Erwachsene,

die oft in Gesprächsform stattfinden. Das ist

umso wichtiger, weil die Gegenwartskunst

ja keine Kunst ist, die der reinen Erbauung

dient, sondern der Fragestellung und des

Diskurses. Wir verstehen deshalb unser

Haus als einen Ort, in dem Gespräche

geführt werden sollen und diskutiert werden

soll. Es geht nicht darum, dass man am

Mario Merz, At still point of the walking world, 1991 Installationsansicht MMK, 2011 © VG Bild-Kunst, Bonn 2011


Ende alles verstanden hat. Es geht vielmehr

darum, dass man sich durch die Kunstwerke

inspirieren lässt, bestimmte Fragen zu

stellen. Und deshalb ist für mich eine gute

Ausstellung eine, die im Betrachter Fragen

auslöst und Dinge anspricht, die ihm so

noch nicht bekannt waren.

? wie ändert sich unsere fähigkeit,

zu sehen, in einer zeit, in der wir immer

mehr in unseren eigenen vier wänden

mit den unglaublichsten Bildern aus aller

welt zugemüllt werden?

! Die Wahrnehmung, das Sehen der

Menschen hat sich insbesondere durch

die digitalen Medien verändert. Der

Wahrnehmungsmodus ist heute auf die

Oberfläche ausgerichtet, auf Schnelligkeit

und Produktivität – also auf Sehen

und Konsumieren. Das ist EINE Form der

Wahrnehmung. Deshalb ist es wichtig,

eine andere Form dagegen zu setzen.

? was setzen Sie dagegen?

! Das kann alles Mögliche sein.

Wenn Sie eine Ausstellung von Olafur

Eliasson sehen, setzen Sie die sinnliche

Wahrnehmung und deren Komplexität

dagegen. Dann gibt es die Reflexion und

das Hinterfragen, wie zum Beispiel die

Medienreflexion bei Thomas Demand.

Bei christoph Schlingensief ist es der

Stephan Balkenhol, 57 Pinguine, 1991

Installationsansicht MMK, MainTor, 2011, © VG Bild-

Kunst, Bonn, 2011, Foto: Axel Schneider.

direkte Angriff auf die Emotionen. Da

geht es immer um die totale Involvierung

des Betrachters. Oder die Konzeptkunst:

Wenn Sie Hanne Darbovens so genannte

„Schreibzeit“ nehmen, dann sprengt das

alles, was man bisher im herkömmlichen

Umgang mit Zeit gelernt hat.

? in der deutschen Sprache gibt es

den wunderbaren Begriff einfall, was

ja wörtlich aussagt, dass etwas von

oben, der Schwerkraft folgend, in einen

hineinfällt. damit der einfall auch einen

trifft, muss der kopf offen sein, sagen

die einen. andere meinen, er müsse dazu

leer sein. an solche Überlegungen kann

man metaphysische oder meditative

ost-west-Überlegungen anschließen –

oder wie auch immer. in jedem fall ist

ein einfall ein magic moment, weil man

zum ersten mal etwas versteht oder

neu sieht – oder einen zusammenhang

erkennt. kennen Sie solche magic

moments, wenn Sie sich mit einem

künstler beschäftigen? und wenn ja,

wie erleben Sie sie?

! Die gibt´s schon. Zum Beispiel

bei Schlingensiefs „Remdoogo – Via

Intolleranza II“. Da kam ich verändert

wieder heraus... Ein Film, in dem ich

fassungslos drei Stunden lang gesessen

bin, war Lars von Triers „Dogville“. Aber es

gibt auch Kunstwerke, vor denen Sie stehen

und gar nicht in Worte fassen können,

WAS Sie da sehen. Ich finde Kunstwerke

dann am besten, wenn sie erst einmal eine

überraschung in mir auslösen. Und etwas,

was ich noch gar nicht formulieren kann.

? es muss also etwas Überraschendes

haben?

! Ich finde überraschungen etwas

Wunderbares.

? darf ich das als Überschrift

verwenden?

! Gerne.

N7 Nachmann Rechtsanwälte gratulieren

Frau Dr. Gaensheimer zur höchsten Auszeichnung

der „Biennale di Venezia 2011“ – dem

„Goldenen Löwen“ für den von ihr kuratierten

deutschen Pavillon.


my bavaria

Seite 70

„Unser Wohlstand

basiert auf Wissens-,

Innovations- und

Industriekompetenz“

ein Gespräch mit dr. Günter von

au, dem ceo der Süd-chemie, der sein

unternehmen so zukunftsfit aufgestellt

hat, dass er nicht nur Begehrlichkeiten

bei der konkurrenz für eine Übernahme

geweckt hat, sondern mit der clariant

aG einen partner fand, mit dem alle

interessen optimal vereint wurden.

die Süd-chemie stellt mit rund 6500

mitarbeitern an weltweit etwa 120

Standorten innovative katalysatoren

und so genannte adsorbentien her.

diese technologien erhöhen die

effizienz zahlreicher industrieprozesse

und sorgen für einen schonenden

umgang mit natürlichen ressourcen.

wir sprachen mit dr. Günter

von au über zukunftstechnologien,

Biokraftstoffe, china und den

atomausstieg.

? herr dr. von au, ihr unternehmen

ist bemerkenswert gut aufgestellt.

wie finden Sie und ihre forscher die

innovationsfelder, in die Sie investieren?

! Wir stellen uns immer wieder zwei

Fragen. Erstens: Was sind die großen

Herausforderungen für die Menschheit? Und

zweitens: Was können wir zu ihrer Lösung

beitragen? So erkennen wir Megatrends

frühzeitig und finden Bereiche, in denen wir

mit unseren Technologien für Fortschritt

sorgen können. Beispiele dafür sind etwa

die Energiefrage, Maßnahmen gegen den

Klimawandel oder die bessere Versorgung

der wachsenden Weltbevölkerung mit

Nahrungsmitteln.

Nehmen wir einmal die Energiefrage:

Bis heute ist der fossile Rohstoff Erdöl der

zentrale Energieträger der Weltwirtschaft.

Wenn wir so wie bisher weiter produzieren,

wird es Erdöl jedoch schon in wenigen

Jahrzehnten nicht mehr oder nur noch zu

einem unangemessen hohen Preis geben.

Der Rohstoff ist genau wie Gas und Kohle

endlich, deshalb müssen Alternativen her!

Wir haben uns also gefragt, wie und in

Lidaka

welchen Bereichen wir Erdöl als Rohstoff

ersetzen können. Besonders aussichtsreich

Peteris

erschien die Substitution von Erdöl durch

Biomasse in der Kraftstoffherstellung.

Stichwort: Biosprit. Illustration:

Illustration: Liga Kitchen


tank oder teller?

BeideS!

? aber Biotreibstoffe haben ja auch

schon negativschlagzeilen geschrieben.

Stichwort: tank oder teller.

! Da haben Sie völlig Recht. Die bereits

existierenden, so genannten Biokraftstoffe

der ersten Generation werden aus

Pflanzenteilen gewonnen, die eine wichtige

Rolle in der Nahrungsmittelversorgung

spielen. Bei Biokraftstoffen aus Zuckerrohr,

Mais oder Raps kommt es daher

unweigerlich zu einer Konkurrenzsituation

zwischen Tank oder Teller. Das ist

gesellschaftlich nicht akzeptabel. Wir gehen

deshalb einen anderen Weg und haben ein

Verfahren entwickelt, das nicht essbare

Pflanzenteile, beispielsweise Agrarreststoffe

wie Stroh, mit Hilfe spezieller Enzyme in

Kraftstoffe wie Bioethanol umwandelt.

Um das zu erreichen, haben wir vor

fünf Jahren eine zentrale Forschungseinheit

aufgebaut und viele hervorragende

Wissenschaftler akquiriert. Heute stehen

wir kurz vor der Kommerzialisierung des

neuen Verfahrens und haben im Juli den

Grundstein für eine Demonstrationsanlage

gelegt. Sie wird in Straubing, im Herzen

der Kornkammer Niederbayerns, errichtet

und soll schon ab Ende 2011 Biokraftstoff

aus Weizenstroh herstellen. Wir lösen

den Konflikt „Tank oder Teller“, indem wir

ausschließlich Pflanzenreste verwerten

– und den Menschen und Tieren die

Feldfrüchte zur Ernährung lassen.

? der weizen kann weiterhin zu Brot

verarbeitet werden, während das Stroh,

das sowieso untergepflügt würde, in die

herstellung von Biosprit geht?

! Exakt. Ein Teil des Strohs muss

aus düngetechnischen Gründen zwar

weiterhin untergepflügt werden – aber

das haben wir bei der Kalkulation des

Biosprits schon mit eingerechnet.

? und wie sieht es mit der co 2 -

Bilanz aus?

! Auch bei der Verbrennung von

Biosprit entsteht natürlich cO 2 . Aber

diesen Anteil hat sich die Pflanze zuvor

durch Photosynthese aus der Luft geholt.

Das ist ein Kreislauf. Allerdings hat auch

unser neues Verfahren einen gewissen

Energiebedarf, so dass die Bilanz nicht zu

100 Prozent aufgeht – aber immerhin doch

zu 80 bis 90 Prozent, in Zukunft vielleicht

sogar noch besser.

? Sie stellen sich also gesamtwirtschaftliche

fragen und

versuchen herauszufinden, wie man

sie wirtschaftlich attraktiv und in

ökologisch verträglicher form lösen

kann. Stehen Sie damit allein auf weiter

flur?

! Nein. Man sieht ja an vielen Stellen, dass

Innovation gerade bei deutschen Firmen einen

sehr hohen Stellenwert genießt. Die chemische

Industrie hierzulande investiert 3 bis 3,5

Prozent ihres Umsatzes in die Forschung.

Bei der Süd-chemie sind es durchschnittlich

sogar mehr als 5 Prozent. Das mindert zwar

kurzfristig unser Geschäftsergebnis, ist

aber notwendig, um langfristig eine hohe

Innovationskraft zu erhalten. Und die ist für

ein Technologieunternehmen wie die Südchemie

essentiell. Damit sichern wir auch

zukünftig die Gewinne und den Fortbestand

des Unternehmens.

nicht nur SauBer,

Sondern rein

? deutschland lebt nun mal vom

rohstoff „Gehirn“ seiner menschen.

Gab es dieses innovationsdenken schon

immer bei der Süd-chemie?


! Ich denke schon. Innovation und

Wissensvorsprung haben bei uns eine lange

Tradition und waren gewissermaßen der

Ursprung des Unternehmens. Gegründet

wurde die Süd-chemie 1857, um künstliche

Düngemittel zu produzieren – nach

einem neuen Verfahren, das einer unserer

Gründungsväter, der berühmte chemiker

Justus von Liebig, entwickelt hatte. Später

kamen dann die heute unverzichtbaren

Adsorbentien – auf gut Deutsch

„Bindemittel“ – hinzu.

Wir stellen sie vor allem aus dem

natürlichen Tonmineral Bentonit her –

ein Rohstoff, den wir in der Hallertau

nordöstlich von Freising vor über 100

Jahren entdeckt hatten und heute auf der

ganzen Welt abbauen. Dank seiner Struktur

verfügt der Bentonit über eine extrem große

innere Oberfläche und damit über die

Fähigkeit, unerwünschte Stoffe zu binden –

beispielsweise aus Speiseölen.

Nahezu jedes zweite, heute im Handel

erhältliche Speiseöl wird in der Herstellung

mit einem unserer Produkte behandelt. Es

wäre sonst trüb und nicht so lange haltbar.

? das gute olivenöl, das wir so gerne

verwenden, auch?

! Das Olivenöl der ersten Pressung nicht.

Wenn es in spätere Verarbeitungsstufen

kommt, dann schon.

Wir reinigen mit unseren Adsorbentien

aber nicht nur Lebensmittel, sondern auch

Wasser. Angesichts des weltweit steigenden

Wasserbedarfs ist das eine der größten

Zukunftsherausforderungen. Bereits heute

haben zwei Milliarden Menschen keinen

Zugang zu sauberem Trinkwasser. Wir sind

mit unseren Produkten und Technologien

in ausgewählten Nischenmärkten für

die Wasserreinigung deshalb nicht nur

hierzulande, sondern gerade in den Ländern

Afrikas sowie in den Emerging countries

Südamerikas und Asiens gut vertreten.

? was reinigen Sie sonst noch?

! Luft. Wir sind einer der führenden

Anbieter von Katalysatoren für die

industrielle Luftreinigung. Zudem

entwickeln wir neue Technologien für

die Dieselabgasreinigung bei schwerem

Gerät – also bei Baggern, Trucks und

Omnibussen. Hier gibt es durch immer

strengere Abgasnormen eine weltweit große

Nachfrage.

? Sie stellen also produkte und

technologien her, deren leistungen für

den endverbraucher unsichtbar bleiben?

! Ja. Als Spezialchemieunternehmen

bewegen wir uns in hoch entwickelten

Nischenmärkten, die kaum einer

wahrnimmt. Beispielsweise wenn es um

Lösungen zum Schutz von Medikamenten

oder Elektronikgütern vor Feuchtigkeit geht.

? Sie meinen diese kleinen Beutelchen

in der verpackung, wenn man etwa eine

kamera kauft?

! Im Prinzip ja. Allerdings haben

wir uns auf Hochleistungslösungen

spezialisiert. Unsere Trockenmittel stecken

beispielsweise in den Stopfen vieler

Arzneimittelverpackungen oder sie werden

direkt in die Kunststoffverpackung integriert.

? dementsprechend ist der name Südchemie

auch nur wenigen bekannt.

! Unsere Kunden sind andere

Industriepartner und die kennen uns.

? ist das für die einführung neuer

produkte nicht sehr mühsam? denn

wenn Sie ein neues produkt entwickelt

haben, müssen Sie davon ja erst einmal

ihre kunden überzeugen, damit diese

es im zweiten Schritt in ihre produkte

integrieren.

! Nein. Denn zum einen entwickeln

wir ja die allermeisten unserer Produkte

in enger Anlehnung an unsere Kunden.

Wenn wir aber mit Innovationen ganz

neue Wege beschreiten, dann liegt

darin für ein forschungsgetriebenes

Unternehmen wie die Süd-chemie

unsere besondere Stärke. Denn so

können wir uns auf die Entwicklung

innovativer Verfahren konzentrieren.

Beispiel „Batterietechnik”: Wir haben vor

acht Jahren, anfangs durch reinen Zufall,

eine Möglichkeit zur Herstellung von

Lithium-Eisen-Phosphat entwickelt. Als

so genanntes Kathodenmaterial eignet

es sich hervorragend als Energiespeicher

für Lithium-Ionen-Batterien. Diese

arbeiten bisher mit Batteriematerialien,

die zum überladen neigen, dabei große

Hitze freisetzen und explodieren können.

Bei kleinen Batterien für Laptops oder

Mobiltelefone ist das Risiko relativ gering.

Aber zum Betrieb von Autos oder als

Speichermedium für Solaranlagen in

privaten Haushalten sind weitaus größere

Einheiten erforderlich. Um die Gefahren zu

mindern, werden herkömmliche Lithium-

Ionen-Akkus mit einem Stahlmantel

umgeben. Das macht sie schwer, teuer und

ungeeignet für die Anforderungen der

Elektromobilität.

Elektromobilität ist aber eines der

wichtigsten Zukunftsthemen. Deshalb

haben wir Lithium-Eisen-Phosphat

als Batteriematerial konsequent

weiterentwickelt und verfügen heute


über ein marktreifes Produkt. In Kanada

bauen wir gerade für 60 Millionen Euro die

weltweit größte Anlage für dieses zugleich

leistungsfähige und sichere Batteriematerial.

Sie wird ab Ende 2011 die Produktion

starten. Zudem streben wir direkte

Partnerschaften mit unseren Kunden

– große Batteriehersteller in aller Welt –

an, um die stark wachsende Nachfrage,

insbesondere in china, noch schneller

bedienen zu können. Dies ist der für uns

typische Weg, einen Markt aufzurollen – als

Technologiepartner großer Industrieplayer.

? welche rolle spielt beim thema

„elektromobilität“ das autoland

deutschland?

! Ich bin Mitglied der „Nationalen

Plattform Elektromobilität“. Dieses

Gremium berät die Bundesregierung in

Fragen der Elektromobilität. Erklärtes Ziel

der Regierung ist es, dass auf Deutschlands

Straßen im Jahr 2020 mindestens eine

Million Elektroautos fahren. Das sind zwei

Prozent der bis dahin wohl 50 Millionen

Fahrzeuge. Zwei Prozent klingt nicht

viel. Aber daraus abzuleiten, dass keine

besonderen Anstrengungen nötig sind,

wäre fatal. Denn damit würden wir eine

ganz wichtige Entwicklung verschlafen.

Hier sollte die Automobilindustrie sehr

aufpassen...

? ...weil sie ja schon einige

entwicklungen verschlafen hat?

! Das finde ich zwar nicht. Aber sie muss

jetzt die Entwicklung der notwendigen

Technologien anschieben. Denn die

Elektromobilität wird kommen. Ein Problem

für die deutsche Automobilindustrie ist:

Heute muss sie sich auf Komponenten aus

Asien verlassen, weil es in Deutschland

keine Batteriehersteller mehr gibt. Die

Batterie ist aber die Kernkomponente des

Elektroautos. Deshalb sollte Deutschland

eine solche Industrie wieder aufbauen, erste

Ansätze dazu gibt es bereits.

? wann wurde in deutschland die

wichtige Batterieproduktion aufgegeben?

! Das war in den siebziger Jahren.

Elektrochemie schien damals nicht

besonders attraktiv, weshalb die Forschung

an den Unis erlahmte. Die Produkte aus

Asien waren außerdem deutlich günstiger.

Und so schlief diese Technologie bei uns ein

– und erblühte in Asien. Dadurch haben wir

den Anschluss verpasst.

Das Beispiel zeigt, wie wichtig

Forschung und Innovation für Deutschland

sind! Ohne Innovationen verlieren wir

die Produktion und unsere Bedeutung als

Industriestandort. Wissens-, Innovations-

und Industriekompetenz sind aber die Basis

unseres Wohlstands. Diese Ressourcen sind

unser Kapital im globalen Wettbewerb.

Man sieht übrigens an England, wohin

das führen kann: Die haben sich auf

Dienstleitungen und den Finanzsektor

ausgerichtet und haben den Ausbau ihrer

Industrien deutlich zurückgeschraubt.

Damit verlieren sie aber eine wichtige Basis

für ihre wirtschaftliche Unabhängigkeit

und die Möglichkeit, dringend benötigte

Arbeitsplätze auch für geringer qualifizierte

junge Menschen nachhaltig anbieten zu

können.

? man kann eben nicht nur das Geld

anderer verwalten?

! So ist es. Man muss „Wert schöpfen“!

Und ich bezweifle, ob Wertschöpfung heißt,

eine Aktie von A nach B zu verkaufen. Was

ist da der Wert?

? und damit sind wir bei den originär

deutschen tugenden.

! Absolut. Das zeigt sich auch im

Geschäftsalltag: Gerade wegen dieser

Kompetenzen sind wir anerkannte und

im Ausland auf allen Industrieebenen

geschätzte Partner, besonders in Asien.

Daraus entstehen unsere Geschäfte.

chineSiSche

ehrerweiSunGen

? nun hat man ja den verdacht, wenn

ich das mal holzschnittartig formulieren

darf, dass sich der chinese alles genau

anschaut, was der deutsche erfindet,

um es danach zu kopieren. ist das eine

ernsthafte Gefahr oder tut sich in

diesem punkt etwas im reich der mitte?

! Beides trifft zu. Dennoch sollten wir

uns vor bequemen Vorverurteilungen

hüten. So hat die gefürchtete Kopierfreude

asiatischer Unternehmen durchaus

kulturelle Wurzeln, und zwar im

konfuzianischen Weltbild. Es besagt, dass

der Unerfahrene dem Weisen nacheifern

und ihn gewissermaßen kopieren solle.

Im Denken der Menschen ist das vielfach

noch tief verankert und wird keineswegs

als verwerflich betrachtet. Im Gegenteil:

Dieses Nacheifern gilt sogar als eine Form

der Ehrerweisung. Zeigt es doch, dass

man den Erfahrenen schätzt und seinem

Vorbild folgt. Das ändert natürlich nichts an

der Tatsache, dass man als Unternehmen

aufpassen muss, am Ende nicht das

Nachsehen zu haben.

Diese Erkenntnis setzt sich auch

in china immer stärker durch. Denn

china ist inzwischen ein Land mit

vielen, sehr innovativen Unternehmen.

Während es bei uns immer schwieriger

wird, hochqualifizierte Arbeitskräfte zu

finden, drängen dort Millionen junge

Wissenschaftler auf den Markt, die an

neuen Technologien forschen wollen – und

es auch können. chinesische Unternehmen

müssen ihr Know-how deshalb inzwischen

selbst vor unberechtigten Zugriffen

schützen. Daher zeichnet sich der klare

Trend ab, das Patentrecht in china zu

stärken und legale Möglichkeiten zu

schaffen, um Patente und Lizenzen

wirksam durchzusetzen.

? Sind Sie oft im reich der mitte?

! Die Süd-chemie betreibt in china

acht eigene Standorte mit fast 1000

Beschäftigten. Unter dem Dach des

clariant-Konzerns sind es nun noch

deutlich mehr geworden. Als Südchemie-Vorstandsvorsitzender

und

sicher auch künftig als Mitglied im

clariant-Verwaltungsrat gehört es zu

meinen Aufgaben, Präsenz zu zeigen und

den regelmäßigen Dialog mit unseren

chinesischen Partnern zu führen.

wie kommt daS neue

in die welt?

? ich möchte noch einmal auf

den anfang unseres Gesprächs

zurückkommen. Sie haben gesagt, dass

ihr unternehmen systematisch nach

neuen Geschäftsmöglichkeiten sucht,

indem es Bedarfssituationen analysiert.

aber wie finden Sie dann die lösungen

für einen erkannten Bedarf?

! Sie müssen die Kreativität ihrer

Mitarbeiter zulassen und fördern. Beides

hört sich simpel an, ist aber nicht einfach

zu realisieren. Kreativität lässt sich nicht

verordnen. Aber wir haben einen Prozess

etabliert, mit dem wir Innovation steuern.

In diesem so genannten „Gate-Review-

Prozess” befinden sich bei uns derzeit

rund 300 Projekte in unterschiedlichen

Entwicklungsphasen. Mit Hilfe eines

speziellen IT-Systems analysieren wir die

jeweiligen Fortschritte und entscheiden,

welches Projekt mit welchem Aufwand

vorangetrieben oder eingestellt wird.


? Geht das bis in den vorstand

hinauf?

! Ja natürlich. Ich bin dabei, wenn die

Entwicklungsteams in letzter Instanz

ihre Projekte vorstellen und diskutieren.

Das gehört zu meinen Aufgaben in der

Süd-chemie und sicher künftig auch bei

clariant.

? man spürt, dass Sie als chemiker

an neuen ideen sehr interessiert sind

und nicht nur die zahlen im kopf

haben.

! Das ist richtig. Denn ich bin davon

überzeugt, dass man technologische

Neuerungen zunächst mal verstehen muss,

um ihre Entwicklung managen zu können.

Zahlen und Marktanalysen allein reichen

nicht aus.

? die erfolge der Süd-chemie

geben ihnen recht. wie man der

fachpresse entnehmen konnte, ist das

unternehmen hervorragend aufgestellt,

weshalb es ja erst die Begehrlichkeiten

aus dem neutralen ausland gab. oder?

! Im Grunde wurde die Süd-chemie

nicht jetzt, sondern bereits vor fünf

Jahren verkauft. Damals sind die

Großaktionäre Allianz, Bayerische

Landesbank, Possehl- und später

auch noch die Messerschmitt-Stiftung

ausgestiegen. Mit One Equity Partners

(OEP) übernahm ein Private-Equity-

Unternehmen ihre Anteile und hielt

schließlich 50,4 Prozent der Aktien. Dass

die OEP als Private-Equity-Gesellschaft

ein Exit-orientiertes Geschäftsmodell

verfolgt hat und sich nach einigen Jahren

mit Gewinn von ihrem Investment Südchemie

getrennt hat, ist ihr gutes Recht

und keine überraschung. Ich bin jedoch

überzeugt, dass eine Lösung gefunden

wurde, die allen Stakeholdern gerecht

wird. Die übernahme durch clariant

ist aus unserer Sicht wirtschaftlich

sinnvoll und bestätigt die hohe

Wertschätzung für die Süd-chemie

aufgrund ihrer guten Marktstellung

und Wachstumsperspektiven. Neben

dem erfolgten Ausstieg von OEP bleiben

dank des Aktientauschs zudem die

Traditionsaktionäre der Süd-chemie

– mit einem nicht unerheblichen

Anteil an clariant und Sitzen im

clariant-Verwaltungsrat – weiterhin

unternehmerisch tätig. Und das operative

Geschäft der Süd-chemie wurde nicht

zerschlagen. Im Gegenteil: Als weitgehend

eigenständige Business-Units „Functional

Materials” und „catalysis & Energy”

unter dem Dach des clariant-Konzerns

profitieren unsere Geschäftsaktivitäten

von den nun noch globaleren Strukturen,

was sowohl im Sinne unserer Kunden

als auch der Mitarbeiter in den

Geschäftsbereichen ist. Süd-chemie

und clariant ergänzen sich und werden

gemeinsam weiter wachsen. Und auch ich

werde nach Aufgabe meines Postens als

Vorstandsvorsitzender bei der Süd-chemie

in den clariant-Verwaltungsrat eintreten.

Momentan als Vorstandschef der Südchemie

gilt mein Hauptaugenmerk jedoch

der Integration der Süd-chemie in die

clariant und der Wahrung der Interessen

unserer Mitarbeiter und Aktionäre.

? eine letzte frage: in dieser

ausgabe sagt der deutschland-chef

von intel, dass der atomausstieg

eine riesenchance für den

technologiestandort deutschland sei.

wie bewerten Sie den atomausstieg?

! Aus Sicht der Süd-chemie müsste ich

sagen: Das kommt uns gerade recht. Wir

bieten ja mit der Treibstoffherstellung

aus nachwachsenden Rohstoffen und

den Materialien zur Energiespeicherung

zwei entscheidende Technologien an,

die jetzt verstärkt gebraucht werden.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist die

Entscheidung dagegen ein Husarenritt

der Politik. Denn sie wurde getroffen,

ohne zu wissen – oder zumindest

fundiert vorhersagen zu können –, was

2022 die Alternativen zum Atomstrom

sein werden, wie teuer der Ausstieg

sein wird und wie eine sichere

Stromversorgung künftig

organisiert sein soll. Als

Unternehmer und Manager

würde ich niemals eine

so riskante Entscheidung

treffen. Das sage ich auch als

Vorsitzender der Bayerischen

chemieverbände. Denn gerade

die bayerische Wirtschaft und mit

ihr die besonders energieintensive

chemieindustrie ist zu 60 Prozent vom

Atomstrom abhängig.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Ich

bin kein Verfechter des Atomstroms. Ich

argumentiere als Unternehmenslenker,

der seine Entscheidungen bestimmten

Kriterien unterwirft. Deshalb sage ich:

Die Politik hätte die möglichen Szenarien

vorher intensiv prüfen müssen – von den

Kosten über die Alternativen bis hin zu

den technologischen Möglichkeiten.


N7 Nachmann Rechtsanwälte sehen

in Dr. von Au ein Unternehmervorbild

und gratulieren ihm zu den neuen

Herausforderungen in der Clariant AG.


my germany

Seite 80

Von Andreas Lukoschik

„Aus wirtschaftlicher

Sicht ist der Atomausstieg

für die deutsche

Exportlandschaft eine

Riesenchance!“

wir haben uns mit hannes

Schwaderer, Geschäftsführer von intel

und director energy Sector europe,

middle east & africa, über zwei wichtige

zukunftsfragen unterhalten: wie

organisiert man das post-atomstromzeitalter

so, dass es zum Gewinn für

deutschland wird? und wie gehen wir

mit unserem wichtigsten rohstoff um –

Bildung?

in beiden fragen entwickelt intel

als weltweit größter prozessorhersteller

und führender technologiekonzern gerade

mit seinem deutschland-Geschäftsführer

Strategien für die zukunft.

? herr Schwaderer, warum ist

gerade deutschland ein optimaler

Standort für die entwicklung neuer

Strategien im umgang mit alternativen

energien?

! In Deutschland haben wir ja nicht

wie in Frankreich zu 90% Atomstrom und

wären glücklich damit, sondern wir haben

heute schon einen völlig fragmentierten

Strommarkt. Strom wird bei uns extrem

dezentral generiert: durch die vielen

Solarpanels auf den Hausdächern, durch

Windmühlen, durch Wasserkraft, durch

Biogas- und Erdwärmeanlagen. So haben

wir heute schon die Situation – die ja auch

von der Regierung gewollt war –, dass man

gutes Geld dafür bekommt, wenn man

Strom ins Netz einspeist. Eine Solaranlage

amortisiert sich heute – trotz reduzierter

Einspeisepreise – immerhin in acht, neun

Jahren. Wenn ein Sommer sehr verregnet

ist, vielleicht erst in zehn. Insofern ist das

ein großes Incentive für viele Häuslebauer.

Damit ist das also bereits ein Teil der Lösung

– aber auch ein Teil des Problems.

Illustration: Liga Kitchen


dezentrale

StromerzeuGunG

? warum?

! Weil auf der letzten Meile Strom

verbraucht, aber auch produziert wird

und ins Netz zurückgespeist wird.

Das führt zu schwer managebaren

Spannungsschwankungen. Wenn bei

Ihnen zu Hause das Licht brennt und drei

Glühbirnen gleichzeitig abrauchen, dann

liegt es daran, dass Sie eine überspannung

abbekommen haben, die Ihr Stromversorger

nicht richtig managen konnte. Bei den

Glühbirnen ist es nicht so schlimm.

Wenn´s die Waschmaschine ist, wird´s

ärgerlich. Für die Stromversorger wird der

letzte Meter zu etwas wie einem „Schwarzen

Loch”.

Um solche Stromschwankungen

zu vermeiden, arbeiten wir mit

Stromversorgern, die bereits jetzt dezentrale

Messstationen aufgebaut haben. Das sind

kleine Kästchen, in denen ein computer

misst, wann was beim Stromverbraucher

passiert und warum es passiert. Aber

die Erzeuger können noch nicht darauf

steuernd reagieren, weil sie weder Software

noch computer haben, die das auswerten

und dann in Steuerung umsetzen. Daran

arbeiten wir zusammen mit anderen

Technologie-Unternehmen.

daS intelliGente Stromnetz

Will man das aktuelle Netz zu einem

„Intelligenten Stromnetz” umbauen – dem

so genannten „Smart Grid” –, dann ist das

ein weitgefächerter Prozess. Man muss

nämlich damit beginnen, dass man so

genannte „Smart Meter” installiert. Das

sind digitale Stromzähler, die mit einem

Internetanschluss verbunden sind und alle

15 Minuten die Information zurückgeben,

wie viel Strom gerade verbraucht wird. Das

ermöglicht dem Versorger, den Strombedarf

genau zu erfassen. Sie wissen also ganz

genau, zu welchem Tageszeitpunkt Sie

Spitzen haben und wann sie abflachen.

Dementsprechend kaufen Sie den Strom

ein oder produzieren ihn. Das hilft, weil

ja Strom auch Minutenpreisen unterliegt

wie andere Waren an der Börse auch.

Intelligenter wäre es, wenn wir über die

Messung hinaus auch bereits volatile

Strompreise für den Verbraucher hätten

und zwar abhängig von Bedarf und

Angebot.

? also dann wäre Strom abends, wenn

die ganze familie zu hause ist, teurer und

tagsüber billiger?

! Umgekehrt. Auch wenn es

berufstätige Männer und Frauen so kennen,

wie Sie gesagt haben, versammelt sich der

Großteil der Familie doch schon bereits

zum Mittag im Hause. Und deswegen wäre

das Preisgefüge anders herum. Tagsüber

teurer – nachts billiger. Denn die Windräder

drehen sich auch nachts und die Isar fließt

auch nachts und beide produzieren Strom

für niemanden. Es gibt nachts einfach

weniger bis gar keine Abnehmer. Das wird

in gewissem Umfang bereits heute von

Wirtschaftsunternehmen genutzt, weil der

Strom für Unternehmen nachts tatsächlich

billiger ist. So werden Kühlhäuser nur

nachts gekühlt, während sie tagsüber auf

eine höhere Temperatur hinlaufen. Aber

dank guter Isolation reicht das.

Kurzum: Wir haben bei der

Stromerzeugung zur Zeit eine zwölfspurige

Autobahn, die wir brauchen, da mittags

zwischen elf und ein Uhr gekocht wird.

Foto: Ralf Kaspers, New Jersey, 2006


Und dann verbraucht jeder Haushalt schon

mal ein, zwei Kilowatt mehr als sonst. Und

wenn die Dame des Hauses beim Kochen

auch nochmal die Waschmaschine anmacht,

dann sind es vier, fünf Kilowatt mehr, die

gebraucht werden. Wir haben also eine

zwölfspurige Autobahn für zwei Stunden am

Tag, während wir nachts nur einen Feldweg

brauchen. Das ist also teuer und ökologisch

gesehen suboptimal. Wie kann man so etwas

nun anders regeln?

Erstmal, indem man Anreize auch für

Privatkunden schafft, ihren Stromverbrauch

über die 24 Stunden des Tages zu verteilen.

Weil Strom immer teurer wird, ist Geld

für uns Verbraucher ja immer ein starkes

Incentive. Dabei würde ich als Verbraucher

über das gleiche Internet, über die mein

Stromerzeuger erfährt, wie viel Strom

ich verbrauche, selber wissen, wann der

Strom billig ist. Dann würde ich zum

Beispiel zu günstigeren Zeitpunkten

meine Waschmaschine einschalten. Und

genau das würde ein kleiner computer

tun, dem ich gesagt habe: „Immer wenn

der Strom unter 17 cent fällt, mach die

Waschmaschine an!” Da muss sich natürlich

im Verbraucherverhalten einiges ändern.

Denn die Dame des Hauses muss die

Waschmaschine vollpacken, Waschmittel

einfüllen und nur den computer einschalten.

Denn die Waschmaschine schaltet sich ja

selbst ein, wenn der Strom billig ist.

So könnte man die Stromspitzen über

den Tag hin besser verteilen und könnte den

Strom dann nutzen, wenn er im überfluss

vorhanden ist. Dann muss ich auch nicht

mehr so viel Strom produzieren. Was

bedeutet, dass man weniger Kraftwerke

braucht. Alle Kraftwerke müssen nämlich

volle Pulle laufen, wenn gekocht wird.

? diese sieben atomkraftwerke, die

jetzt abgeschaltet worden sind, waren

demnach nötig zum kochen?

! Zum Beispiel.

wettervorherSaGen

fÜr GleichmäSSiGere

StromerzeuGunG

Wenn man dann weiterdenkt, dann

weiß man auch in den Umspannwerken

durch solche Feedback-Informationen,

wann ich wie viel Strom durch konstante,

dezentrale Stromerzeugungsmöglichkeiten

– wie Biogasanlagen und Erdwärmepumpen

– zurückbekomme. Was

ich noch nicht weiß, ist, wie viel Strom

durch wetterabhängige Anlagen entsteht.

Also durch Solarzellen auf den Dächern

und durch Windräder. Dafür werden heute

Höchstleistungsrechner gebaut, die das

Wetter auf 5 Minuten und 100 Meter genau

vorhersagen können. Zur Zeit entsteht der

größte computer der Welt in Garching

am Leibniz-Rechenzentrum mit sage und

schreibe 7,6 Petaflops Leistung. Das sind 7,6

Billiarden Gleitkommaoperationen. Oder

mit anderen Worten: Da arbeiten 33000

Server parallel, um diese Rechenleistung zu

erbringen.

? und da sind prozessoren von intel

drin?

! In diesem Falle: Ja! Mit dieser

Rechenleistung kann man Stromversorgern

brauchbare Informationen liefern wie zum

Beispiel, dass heute in Berchtesgaden die

Sonne mit der und der Intensität zwischen

12 Uhr und 13 Uhr scheint und dass danach

ein paar Wölkchen kommen, die aber durch

erhöhtes Windaufkommen weggeweht

werden. Damit lässt sich einplanen, wie viel

Strom mit den dort installierten Solarzellen

erzeugt wird. Also kann der Stromversorger

als Folge davon zum Beispiel das Wasserkraftwerk

am Kochelsee zu dieser Zeit

runterfahren und den dort im überfluss

produzierten Strom dazu nutzen, zu diesem

Zeitpunkt das Wasser wieder den Berg

raufzupumpen. Dann kann er es morgen,

wenn in Berchtesgaden mehr Wolken am

Himmel sind und weniger Wind bläst, dazu

nutzen, wieder Strom aus Wasserkraft zu

produzieren.

autoS alS fahrBare

Batterien nutzen

Eine andere Art, den Strom, den man

produziert hat, aber nicht gebrauchen

kann, zu speichern, heißt „Batterie“. Und

hier kommt das Automobil ins Spiel. Wir

alle wollen ja ganz schnell zur „E-Mobility-

Gesellschaft” werden. Das hat große

Vorteile für die Umwelt, wenn man davon

ausgeht, dass der Strom fürs Auto cO 2 -frei

produziert wird. Aber das ist wieder eine

andere Frage. Zurück zum Auto als fahrbare

Batterie: Wenn das Auto in der Garage

steht, lade ich natürlich das Auto nur dann

voll, wenn der Strom billig ist. Also nachts.

Wenn ich tagsüber Strom brauche, aber

nicht den teuren Strom aus der Steckdose

nehmen will, kann ich meine Batterie im

Auto anzapfen, weil das billiger Strom aus

der Nachtproduktion ist. Natürlich setzt

das voraus, dass ich das Auto an dem Tag

nicht mehr brauche. So kann man sich also

vorstellen, dass die Elektroautos ein Teil

des „Intelligenten Stromnetzes” werden und

gleichzeitig dem lokalen Fortkommen seiner

Fahrer dienen.

? ist das nicht überhaupt ein großer

attraktionsfaktor für die elektromobilität,

dass autos multifunktionale energiespeicher

sind, anstatt nur fossile energie in

Bewegungsenergie zu verwandeln wie zur

zeit?

! Absolut. Und sie sind herrlich fahrbare

Batterien. Ich bin schon so ein Elektroauto

gefahren und muss sagen: Das macht einen

höllischen Spaß, weil der Elektromotor viel

performanter ist als ein Benzinmotor.

? das heißt?

! Er beschleunigt sehr viel schneller

als ein Benzinmotor. Das Fahren damit

macht also richtig Freude. Und wenn man

Liebhaber von speziellen Motorsounds

ist, dann wird der via Soundprozessor in

den Innenraum über die Lautsprecher

eingespeist. Vom FIAT 500 bis Ferrari kann

man sich den Sound aussuchen, ohne ein

schlechtes Gewissen der Umwelt gegenüber

haben zu müssen.

Zum Thema „Intelligentes Stromnetz“

oder „Smart Grid” gehört aber noch

mehr: Wir müssen nämlich neue Netze

bauen, weil wir den Strom aus Offshore-

Kraftwerken in der Ostsee nach Bayern

bringen müssen. Das ganze Netz muss als

Gesamtheit gemanagt werden, weil diese

Form der Stromversorgung natürlich sehr

stark grenzübergreifend ist: nicht nur

geografische Grenzen betreffend, sondern

auch die Grenzen zwischen verschiedenen

Versorgern.

Strom Sparen – aBer wie?

Und dann kommt natürlich die große

Frage: „Wie spare ich Strom?” Erstens

natürlich in der Erzeugung. Es gibt große

Unternehmen im deutschsprachigen

Raum, die Gasturbinen bauen mit einem

Effizienzgrad von 50%. Ältere Gasturbinen

leisten dagegen nur 20 bis 25%. Man kann

mit einer neuen Turbine also doppelt soviel

Strom erzeugen wie mit einer alten. Da

steckt ein Riesenpotenzial drin.

Dann kommt dazu, dass wir vielleicht

ein zusätzliches Stromnetz brauchen – mit

einer anderen Spannung –, das speziell zum

Auftanken der Autos ist.

Ich habe schon vor zwei Jahren mit

führenden Köpfen im Bundesumweltministerium

gesprochen, die damals schon

gesagt haben, dass wir wohl in drei Jahren –

also jetzt noch ein Jahr – volatile Strompreise

haben werden. Denn man kann auf der

Konsumentenseite – wie oben erwähnt – sehr


viel über die Preise steuern.

Und dann müssen wir einfach auch

weniger verbrauchen. Es gibt in der

Zwischenzeit für zu Hause das so genannte

„HEMS” – „Home Energy Management

System”. Das ist ein kleines Kästchen, das

hängt an der Wand. Genau dieser kleine, ans

Internet angebundene computer schaltet

selbstständig, abhängig vom Strompreis,

Geräte ein und aus. Und wenn ich aus der

Haustüre gehe, schalte ich das „HEMS” aus

und dann sind alle Stromgeräte, die ich

nicht brauche, wenn ich nicht zu Hause bin,

abgeschaltet.

? das kennt man ja aus

hotelzimmern: Sobald ich meine

zimmerkarte aus dieser kleinen Box

an der tür ziehe, sind alle lichter aus,

während die minibar aber trotzdem

weiterläuft.

! Genau so funktioniert das „HEMS”,

nur eben für ein viel größeres System,

nämlich für ein ganzes Haus. Man kann

also mit intelligenten Systemen vieles im

Haushalt managen. Es macht zum Beispiel

gar nichts, wenn sich beim Einschalten des

Elektroherdes derweil die Tiefkühltruhe

ausschaltet und die Temperatur von

minus 34 auf minus 33 Grad ansteigt. Das

ändert an der Qualität der eingefrorenen

Lebensmittel überhaupt nichts.

? Stellt sich die frage: was hat die

firma intel damit zu tun?

! Die hat damit ganz viel zu tun, weil

in all diesen Steuerungseinheiten – ob lokal

oder international – Intelligenz in Gestalt

von Prozessoren hineingehört. Heute haben

wir erst an vielen kleinen Stellen Intelligenz,

die einen Teil der Stromversorgung

managen – aber nie das gesamte Netz. Wir

brauchen deshalb ein intelligentes Netz über

ganz Deutschland oder besser über ganz

Europa, das dezentrale Stromversorgung

managt. Aber dafür braucht man sehr

viele hochleistungsfähige computer

bis hin zu riesigen Rechenzentren, die

Wettervorhersagen auf die Minute genau

treffen können. Das ist also ein Riesenfeld.

Erfreulicherweise sind wir heute schon

in vielen dieser Kleinst- und Großrechner

drin, oftmals ohne dass wir das wissen.

Wir haben zum Beispiel Kunden, die in

Windkrafträdern schon Intel-Prozessoren

verbauen, weil auch die gesteuert und

gemanagt werden sollen. Per Internet

sollen sie den Versorger über ihre Leistung

informieren und darüber, ob sie voll

funktionsfähig sind oder defekt.

der atomauSStieG iSt wirt-

Schaftlich eine GroSSe chance

fÜr den exportweltmeiSter

? ist deutschland da weiter als

andere länder?

! In dieser Kleinstrukturiertheit bei

der Stromerzeugung sind wir vermutlich

einzigartig auf der Welt. Dänemark kommt

schon seit Jahren ohne Atomstrom aus, hat

aber ganz andere Konzepte. Die haben zum

Beispiel zentrale Anlagen, die ganz Kopenhagen

mit Wärme versorgen, so dass nur

noch 3% der Häuser eine eigene Heizung

haben. 97% der Haushalte aber werden mit

Fernwärme versorgt, weil eine Heizung, die

eine ganze Stadt versorgt, immer viel effektiver

ist als viele kleine Einheiten.

Aber Deutschland ist nun mal einer der

großen Exporteure vielfältiger Techniken

und Technologien zur alternativen Energieerzeugung.

Wir haben große Windmühlenhersteller,

wir haben große Solarunternehmen,

wir haben große Konzerne, die in

Energietechnologien forschen und produzieren.

Das ist ein deutsches Pfund und Teil

unserer großen Export-Erfolgsgeschichte.

Und richtig verstanden, ist der Ausstieg

aus der Atomenergie für Deutschland eine


Riesenwirtschaftschance.

Wir sind nämlich gezwungen, uns

alternative Wege zu suchen, um unseren

Stromverbrauch zu managen: Sowohl aus

ökonomischer Sicht, weil wir das als einen

umsatz- und gewinnbringenden Teil unserer

Wirtschaft verstehen. Denn alternative

Energiegewinnung ist ein Entwicklungs- und

Innovationsbereich, aus dem wir die Welt

wieder mit unseren Produkten beglücken

können. Und natürlich auch aus ökologischer

Sicht ist das alles sehr sinnvoll. Nur

müssen wir aus ökologischer Sicht darauf

achten, dass wir zwar die zu Recht umstrittene

Atomenergie abschaffen, dafür aber

trotzdem nicht mehr CO 2 in die Luft blasen,

wenn wir rückwärts gehen und wieder

Energie aus Kohle und Gas gewinnen wollen.

Deshalb MÜSSEN wir Alternativen

dazu finden. Ich sehe – und das sage ich

gerne noch einmal – den Atomausstieg aus

wirtschaftlicher Sicht als eine Riesenchance

für Deutschland!

BILDUNG – DIE „META-ENERGIE“

? Das hört sich alles sehr schlau

an. Nutzen Sie diese Schläue nur für

das wirtschaftliche Fortkommen von

Intel oder dürfen auch andere daran

teilhaben?

! Damit sind wir beim Stichwort

„Bildung“. Und da sind Sie bei mir genau

richtig (lacht). Vor 12 Jahren haben wir

damit begonnen, für uns das Thema

Bildung aufzunehmen. Als wir einen

Vorstandsvorsitzenden hatten, den Sie ja auch

gut kennen – Craig Barrett –, der selbst aus

der Lehre kommt und Professor in Stanford

war, der hatte damals gesagt: „Es gibt nur ein

Gebiet, für das ich mich wohltätig im Sinne

von Corporate Social Responsibility engagieren

möchte, das ist Bildung.” Wir müssen unseren

Kindern die besten Werkzeuge und die besten

Voraussetzungen mit auf den Weg geben. Aus

unserer Sicht am besten mit digitalen Medien.

Wir haben also ohne besondere

Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit

aus Deutschland heraus ein Programm

entwickelt, bei dem wir jetzt schon seit

11 Jahren unter dem Titel „Intel Teach“

mit allen 16 Bundesländern einen Vertrag

geschlossen haben, um deutsche Lehrer

über die jeweils in den Bundesländern

ansässigen Anstalten für Lehrerfortbildung

ausbilden zu dürfen. Das machen wir gratis!

Der Grundansatz war und ist, Lehrern

beizubringen, wie man methodisch und

didaktisch sinnvoll digitale Medien für ein

besseres Lernen im Unterricht einsetzt.

Inzwischen ist das ein sehr

erfolgreiches Programm. Wir haben in

Deutschland – Stand heute – 450000 Lehrer

ausgebildet. Das sind drei Viertel der aktiven

Lehrer. Auf unsere Kosten! Meistens in

40-stündigen Präsenzschulungen. Wir

haben dazu aber auch parallel Schulungen

– Ausbaustufe 1 bis 3 – per Internet

zur Verfügung gestellt, die sich Lehrer

unterrichts- und curriculabegleitend –

also passend zum Unterrichtsfach, zur

Schulstufe usw. – runterladen können. Für

Lehrer ist es nämlich besonders wichtig,

dass sie auf urheberrechtsgeschützte

Inhalte zugreifen können, von denen sie

wissen, dass sie sie im Unterricht benutzen

dürfen – und das Ganze am besten auch

noch fächerübergreifend. Wenn ich zum

Beispiel im Erdkundeunterricht über die

Bevölkerungsexplosion spreche, dann ist es

doch ganz sinnvoll, den Mathematiklehrer

dazuzuholen und eine kleine Stochastik mit

einzubauen.

ES ÄNDERT SICH DIE ALTHERGE-

BRACHTE LEHR- UND LERNKULTUR

Was wir damit getan haben und tun, ist

eine althergebrachte Lern- und Lehrkultur

komplett aufzubrechen. Wenn der Lehrer

weg von der Tafel zum „Kollaborativen


Lernen” in die Klasse geht, ist er nicht

mehr der Alleinunterhalter VOR der

Klasse, sondern der coach und Trainer,

der MIT den Kindern arbeitet, die sich in

kleinen Gruppen Dinge mit dem Pc selbst

erarbeiten, sie grafisch umsetzen und so

weiter. So wird in vielen Schulen schon

gearbeitet. Leider aber immer noch in viel

zu wenigen. Und da ist Deutschland absolut

im Hintertreffen. Länder wie Portugal,

Spanien, Mazedonien, ja selbst Venezuela

und Argentinien – also nicht die, die wir zu

den üblichen verdächtigen, reichen Ländern

zählen – haben aber genau das gemacht und

ihre Kinder mit neuesten Pcs ausgestattet,

die für den Gebrauch in der Schule

optimiert sind. Das sind einerseits Gehäuse,

die man vom Tisch fallen lassen kann,

ohne dass sie kaputtgehen, oder über die

man auch schon mal eine cola ausleeren

kann und die dann trotzdem weiter

funktionieren. Andererseits unterscheiden

sie sich aber am ehesten von anderen Pcs

durch ihren Inhalt, weil man mit ihnen in

geschützten Räumen im Internet arbeiten

kann.

All das hat Vorteile, die wir immer

vermutet haben – aber nie belegen

konnten. Wir haben deshalb eine Studie

an der Universität Hamburg in Auftrag

gegeben und zwar über eine Laufzeit von

18 Monaten, um einen anhaltenden Effekt

nachweisen zu können.

Beim lernen am pc Sind

kinder viel motivierter

Der Haupteffekt ist: Die Kinder sind

viel motivierter, etwas zu lernen. Natürlich

finden die klassischen Arbeitswerkzeuge

immer noch statt – also Papier und Bleistift,

Geodreieck und Radiergummi. Aber man

kann eben auch mit einem Pc lernen und

zwar sehr viel besser, weil das Lernen

individualisiert vonstattengeht. Jeder

Mensch nimmt Inhalte auf unterschiedliche

Weise auf. Die einzige Art, die wir aber

Kindern bislang anbieten, ist Kreide auf

Tafel, um im Sinne des Abschreibens mit

Füller auf Papier eine Verinnerlichung zu

erreichen.

Jetzt stellen Sie sich vor, die Kinder

schreiben nicht ab – käuen also wieder –,

sondern recherchieren das Thema selbst

im Internet. Erstens macht das Spaß.

Zweitens finden sie mit dem richtigen

Ehrgeiz die richtige Lösung. Und drittens

sind das Inhalte, die sie nicht mehr

vergessen werden. Wir erinnern uns alle

daran, als wir mal Referate in der Schule

geschrieben haben: Ich kann meine

Referate heute noch relativ gut inhaltlich

wiedergeben – aber nur sie. Den ganzen

Rest, den ich via Frontalunterricht in der

Schule eingetrichtert bekommen habe,

habe ich mir weniger gut gemerkt. Das

Selbsterarbeiten ist also ein ganz wichtiger

Punkt. Das gräbt sich sozusagen ins

Gedächtnis ein. Und bleibt dort erhalten.

Der zweite Vorteil beim Lernen mit

digitalen Medien, der in der Untersuchung

an der Uni Hamburg bestätigt wurde, heißt

„Individualisierung“. Der eine ist mehr

visuell orientiert und braucht Bildchen

und Animationen. Der andere braucht

geschriebenen Text. Und der Dritte muss

es hören, um es sich merken zu können.

All das bietet ein computer. Zumal es alles,

was es an Schulbüchern gibt, inzwischen

oftmals auch digitalisiert gibt. Allerdings

in anderen Ländern mehr als bei uns. Bei

uns ist man oft noch damit zufrieden, wenn

man von jeder Seite eines Buches eine

PDF-Datei macht und dann so tut, als ob es

sich dabei um einen digitalen Inhalt handle.

Aber wenn ich auf einer Zeichnung – wie

in meinem alten Physikbuch – eine schiefe

Ebene sehe und ein Holzwägelchen darauf

symbolisch dargestellt ist, bei dem die

Pfeile zeigen, welche Kräfte wirken, dann

ist das eindrücklich. Aber eindrücklicher

ist es, wenn es mit einem echten Menschen

auf einem Fahrrad auf einer echten Straße

gezeigt wird und zwar in bewegten Bildern.

Dann kann ich einem Kind lebensnah an

echten Beispielen verständlich machen, wie

eine schiefe Ebene wirkt.

Das dritte Ergebnis der Hamburger

Studie ist: Die Steigerung der Motivation ist

nicht ein Strohfeuer, sondern ist anhaltend.

Schüler lernen damit also auch dauerhaft

mehr und besser.

Dieses digitale Lernen treiben wir

intensiv auf vielen Ebenen voran. Wir

stecken 100 Millionen Dollar pro Jahr in

solche Bildungsprojekte weltweit und in

die Entwicklung solcher Lernwerkzeuge,

in Lehrerfortbildung, in Ausstattung von

Schulen. Das ist – nebenbei gesagt – die

größte private Investition auf der Welt in

solche Projekte.

auSBlick in die zukunft

? wie sieht ihr ausblick für die

zukunft aus?

! Unsere Gesellschaft wird digitalisiert.

Und das wird alle Bereiche unseres

Lebens durchziehen. Wir werden unsere

Steuererklärungen über das Internet

abgeben, wir werden immer mehr Handel

über das Internet betreiben und ab 2012

werden die ersten Autos serienmäßig mit

Internetzugang ausgestattet sein. Und

das ist erst der Anfang. Zur Zeit sind wir

2 Milliarden Menschen auf dem Globus,

die mit 4 Milliarden Geräten im und

mit dem Internet kommunizieren – vom

Hochleistungscomputer über Telefonie

bis zur Kaffeemaschine. Im Jahre 2015

werden es 3 Milliarden Menschen sein

und 15 Milliarden Geräte. Und wir?

Wir werden immer mehr über das

Internet kommunizieren. Und welche

Zielgruppe profitiert davon am meisten?

Die Senioren! Die haben jetzt schon die

größte Zuwachsrate unter den neuen

Internetnutzern. Und bleiben so mitten

in der Gesellschaft – in der digitalen

Gesellschaft.

Kurz und gut: Die Digitalisierung ist

ein gesellschaftliches Phänomen. Mit ganz,

ganz vielen neuen Aspekten. Aber eines ist

uns klar: Wir werden in sehr vielen Geräten

Intelligenz haben. Und die analoge Welt

wird sich langsam verabschieden.

? das glaube ich nicht. ich denke,

sie wird sehr viel exklusiver werden.

! Oder so. Ich habe mir zum Beispiel

gerade einen Plattenspieler gekauft.

? Genau! das war ein gutes

Schlusswort.

N7 Nachmann Rechtsanwälte sehen in der

Tatsache, dass ein Technologiekonzern wie Intel

weltweit erstmals – und zwar in Deutschland

– eine Instanz wie den „Director Energy

Sector“ schafft, eine hohe Wertschätzung des

herausragenden Technologie-Know-hows in der

ökologischen Energieerzeugung. Grund genug

mit dem Mann über Deutschland zu sprechen,

der diese Aufgabe übernimmt.


my europe

Seite 92

Gutes

unternehmen –

geht!

wir sitzen im 20. Stock des

Japan towers in frankfurt – in einem

Besprechungsraum mit Blick auf die

Bankentürme. in unserem Gespräch geht

es aber nicht um die finanzbranche.

das thema unseres Gesprächs

dreht sich um frauen und männer, die

die welt ein bisschen besser machen

wollen. nicht als generöse wohltäter,

auch nicht als wohlwollende retter,

sondern als unternehmer. die rede ist

von den mitgliedern einer organisation,

die sich den namen ashoka gegeben hat

und die erste und größte non-profitorganisation

zur förderung von Social

entrepreneurship auf unserer erde ist.

in diesen wirtschaftlich

schwierigen zeiten hört man denn

auch viel über ashoka, weshalb ich von

einer expertin wissen wollte, was es

mit ashoka auf sich hat. und so kam es

zu diesem Gespräch mit einer jungen

frau, die auf den namen konstanze

frischen hört und trotz ihrer wenigen

lebensjahre unerhört viel bewegt

hat in ihrem leben – zum Beispiel als

Gründerin von ashoka deutschland.

? frau frischen, was ist ashoka?

! Das größte Netzwerk der besten

Sozialunternehmer. Bill Drayton, der

Ashoka 1980 in Indien gegründet hat,

beschäftigte unter anderem die Fragen:

Wie lassen sich gesellschaftliche Probleme

intelligent und nachhaltig lösen? Wie

lässt sich mit einem Dollar möglichst viel

bewirken? Seine Antwort: Wir suchen – wie

man es in der Wirtschaft auch tut – die besten

unternehmerischen Köpfe mit den besten

Ideen für eine stärkere Zivilgesellschaft.

Und das ist Ashokas Ansatz. Wir fördern

Männer und Frauen, die gezeigt haben, dass

sie ein bahnbrechendes Konzept haben,

um ein gesellschaftliches Problem zu lösen

– sei es im Bereich Gesundheit, Bildung,

Menschenrechte oder Entwicklung. Und

wir helfen diesen Social Entrepreneurs, ihre

Ideen zu verbreiten.

? ist das neu? und warum ist das

wichtig?

! Social Entrepreneurs sind der beste

Hebel, um gesellschaftliche Probleme zu

lösen und Wandel zu unterstützen. Natürlich

gab es sie schon immer. Denken Sie

an Maria Montessori zum Beispiel. Aber

niemand hat über sie als Typus geredet und

niemand hat sie gezielt gefördert.

Warum es Ashoka braucht? Unternehmer

können sich am Markt finanzieren.

Aber wer steht Sozialunternehmern bei,

die nicht unbedingt Aussicht auf raschen Kitchen

Gewinn versprechen, deren Idee aber gesellLiga

schaftlich unglaublich wichtig ist? Ashoka

wählt jedes Jahr sorgfältig die besten Sozialunternehmer

mit den vielversprechendsten Illustration:


Ansätzen aus und gibt ihnen Stipendien, die

es ihnen ermöglichen, sich Vollzeit, ohne

Existenzangst, auf ihre Arbeit zu konzentrieren.

Außerdem bekommen sie die Netzwerke,

die sie brauchen, um sich weitere

Unterstützung heranzuholen: Wir verbinden

sie mit anderen Social Entrepreneurs, sie

erhalten Rat und Tat von Unternehmern

und Verbindungen zur Wissenschaft und

Wirtschaft. Soziale Innovationen zu finden

und die Menschen zu fördern – das war und

ist der Kern unserer Arbeit.

? nennen Sie mir ein Beispiel.

! Einer der ersten Sozialunternehmer,

die ich traf, war Rodrigo Baggio aus

Brasilien. Sein Ziel ist es, Zugang zum

Internet und zu Informationstechnologien

auch für Arme verfügbar zu machen. Anfang

der 90er Jahre arbeitete er mit Kindern

in zwei Slums in Rio de Janeiro – neben

seinem Beruf, in dem er Geld für sich und

seine Familie verdiente. Ashoka hat Rodrigo

ermöglicht, sich Vollzeit auf sein Projekt zu

konzentrieren, es zu systematisieren und

auszubauen und nachhaltig zu machen.

Heute ist seine Organisation cDI (center

for Digital Inclusion) auf drei Kontinenten

vertreten und hat mehr als 800000 Kindern

und Benachteiligten geholfen. Sie meistern

computer und Internet, können Lesen

und Schreiben, sind in der Ausbildung

oder haben ihr eigenes Unternehmen

gegründet. Und Rodrigo kümmert sich nun

ganz um die weitere Expansion von cDI.

Er hat viele Preise gewonnen, spricht an

renommierten Universitäten, auf dem World

Economic Forum… So könnte ich Ihnen

jetzt jede Menge Geschichten erzählen.

Diesen Sprung, den Rodrigo gemacht hat,

den will Ashoka erzeugen. Damit neue

Lösungsmuster möglichst viele Menschen

erreichen.

? Sie erwähnten maria montessori,

die zeitlich mit henry ford gelebt hat. da

wäre es sicherlich auch sehr spannend

gewesen, wenn man die beiden

zusammengebracht hätte, um zu sehen,

was sich daraus für ihre arbeit ergeben

hätte. Bauen Sie bei ashoka solche

interdisziplinären Brücken?

der „GloBalizer“

! Sehr schön, dass Sie das ansprechen.

Wir haben eine Initiative, die sich

„Globalizer“ nennt und die darauf abzielt,

die besten Skalierungsstrategien für soziale

Innovationen zu finden. Leider wird im

sozialen Sektor das Rad sehr oft neu

erfunden, weil es keinen funktionierenden

Markt gibt – ein starker Unterschied

zum normalen Geschäftsleben. Aus

Ashokas Vogelperspektive sehen wir tolle

Innovationen, etwa im Bereich Housing in

Brasilien oder in der HIV/AIDS-Vorsorge in

Afrika. Aber in anderen Ländern werden

sie nicht aufgegriffen. Der „Globalizer”

sucht jedes Jahr nach den Ideen, die

reif sind für internationales Wachstum,

und bringt die Sozialunternehmer

danach dann mit Unternehmern aus

der Wirtschaft – also den Henry Fords –

zwecks gegenseitigen Gedankenaustauschs

und Strategieentwicklung zusammen.

Das ist eine sehr, sehr spannende

Sache. Außerdem suchen wir nach

Verbreitungsmethoden, die für den

sozialen Sektor geeignet sind, und

entdecken hier Interessantes im Bereich

Netzwerke und Open Source. Denn viele

Sozialunternehmer entschließen sich dafür,

ihre Quellcodes offenzulegen, damit andere

sie kopieren und damit mehr Menschen in

den Genuss ihrer Innovation kommen. Was

der „Globalizer” im Großen macht, tun wir

übrigens auch vor Ort: In unserem Ashoka-

Support-Netzwerk sind Unternehmer

zusammengeschlossen, die Ashokas

Sozialunternehmern in ihrem Land mit Rat

und Tat beiseitestehen.

? nochmal zum Social entrepreneur.

ein unternehmer will ja Geld verdienen.

ist das bei dem Begriff Social

entrepreneur auch vorgesehen?

! Wir verstehen Unternehmer in erster

Linie im Schumpeterschen Sinne – also

als jemanden, der schöpferisch zerstört,

der neue Muster und Abläufe einführt

gegen Widerstände und gesellschaftliche

Konventionen. Maria Montessori war

Bildungspionier, eine Spielzeugerfinderin,

eine Organisationsgründerin, eine

Markenspezialistin und eine internationale

Aktivistin. Social Entrepreneurs arbeiten

gemeinwohlorientiert. Sie werden

nicht dadurch charakterisiert, ob ihre

Organisationen „for profit” oder „not for

profit” sind, sondern dadurch, dass sie ein

gesellschaftliches Problem lösen. Das ist ihr

Ziel, das ist ihre Aufgabe. Danach richtet

sich auch ihre Rechtsform. In manchen

Feldern – im Mikrokreditbereich, im

Umwelt- oder Gesundheitswesen – können

Player Gewinn erwirtschaften, weil sich

dort ein Markt entwickelt hat und weil

Wirtschaftlichkeit Teil der Problemlösung

ist. Aber wer mit traumatisierten

Kriegsflüchtlingen arbeitet, versucht

zunächst einmal, die Menschen zu heilen

und Ursache von Hass und Ausgrenzung

zu beseitigen – natürlich so effizient wie

möglich, aber doch in der Regel wohl eher

nicht in Form einer Aktiengesellschaft

oder GmbH. Wer daran arbeitet, dass mehr

Kinder erfolgreich zur Schule gehen oder

chronisch Kranke in Armenvierteln besser

betreut werden oder dort bessere sanitäre

Verhältnisse herrschen, geht davon aus, dass

sich das volkswirtschaftlich auszahlen wird.

Aber zunächst müssen sie viel Zeit und Geld

investieren.

? das bedeutet aber auch, dass diese

Social entrepreneurs von ihrer idee

nicht unbedingt leben können?

! Nachhaltigkeit heißt nicht „for

profit”. Nachhaltigkeit in diesem Kontext

heißt, dass die Idee so gut ist, dass sie

auf Dauer hängenbleibt und sich trägt.

Aber Ashoka zahlt seinen Fellows, wie

wir die Sozialunternehmer nennen, die

wir fördern, Stipendien, damit sie sich

ohne Existenzangst drei Jahre darauf

konzentrieren können, bis ihre Idee läuft.

Hinterher müssen sie dann natürlich

schon selbst das von ihnen benötigte Geld

fundraisen oder erwirtschaften. Deshalb ist

das Stipendium auf drei Jahre begrenzt.

? woher bezieht ashoka sein Geld

dafür?

! Wir sind größtenteils von

Mitgliedsbeiträgen und Zuwendungen

finanziert. Wir nehmen keine staatlichen

Gelder an, sondern werden von Stiftungen

und Privatpersonen gefördert. Als

wichtiges Standbein haben wir unser

Netzwerk von Mitgliedern, das so genannte

Ashoka-Support-Netzwerk, in dem sich

Unternehmerpersönlichkeiten – viele

Familienunternehmer oder Executives –

finanziell sowie mit ihrem gesammelten

Know-how einbringen. Sie helfen unseren

Sozialunternehmern bei der Entwicklung

ihrer Organisation, sie öffnen Türen,

planen mit… Der finanzielle Betrag, der

im 5-stelligen Bereich pro Jahr anfängt,

wird so oft um ein Vielfaches überstiegen.

Wir werden aber auch durch Stiftungen

unterstützt, zum Beispiel die Siemens-

Stiftung oder die Hilti-Foundation.

? wie viele fellows gibt es

inzwischen in deutschland?

! Wir haben 40 Fellows in Deutschland

und weltweit knapp 3000.

? worin unterscheidet sich ein ashoka-projekt

von den vielen anderen initiativen

bürgerschaftlichen engagements?


„ein Social entrepreneur will

SyStemiSche fehler tilGen.“

! Ein Sozialunternehmer will ein

gesellschaftliches Problem nachhaltig

lösen. Er will keine Not lindern, sondern

ein System verändern, so dass es allen

Menschen besser nützt. Und er sieht seine

Zielgruppe selten als Opfer an, sondern

hilft ihr, stark und selbstbestimmt zu leben.

Einige Beispiele: Murat Vural

aus Bochum begeistert Kinder aus

bildungsfernen Schichten – viele davon

mit Migrationshintergrund – für Lernen,

Schule, Ausbildung oder Studium. Er

empowert junge Leute, Netzwerke zu

schließen und sich selbst zu helfen, und

verändert Schulen und Nachbarschaften.

Frank Hoffmann bildet blinde Frauen

als medizinische Tastuntersucherinnen

bei Frauenärzten aus – mit mehr Zeit

und einem besseren Tastsinn können sie

Knoten in der Brust besser und früher

erkennen als andere. Thorkil Sonne aus

Dänemark integriert autistische Menschen

in den ersten Arbeitsmarkt. Mit ihrem

Sinn für Details, ihrer Präzision und

Vorliebe für Routinen arbeiten sie in

der Softwarebranche, zum Beispiel bei

Dateneingaben oder Testings, besser als

jeder andere. Roshaneh Zafar aus Pakistan

verhilft armen Frauen in ländlichen

Gebieten mit Mikrokrediten zu einem

kleinen Geschäft und zu einer besseren

Zukunft.

Jedes Jahr suchen wir gezielt nach

sozialen Innovationen und wählen weltweit

etwa 200 neue Sozialunternehmer als

Stipendiaten oder Fellows aus. Sie sind

Innovationstreiber, die neue Ideen für

bestimmte Fragestellungen entwickeln und

die Haken aus einem System entfernen.

? wenn man die haken aus einem

System entfernt, schafft man ja etwas

neues. wie soll dieses neue aussehen?

„eS Geht darum, Strukturen

zu Schaffen, um Sich SelBSt

helfen zu können.“

! Social Entrepreneurs haben Ideen,

die Neues schaffen oder den Rahmen

ändern – Haltungen, Annahmen, Abläufe,

Routinen, Prozesse oder Institutionen.

Social Entrepreneurs warten nicht, bis

jemand anderes für sie ein Problem löst,

sondern fangen damit an.

? darin unterscheiden sich

die ashoka-projekte sehr klar von

anderen sozialen projekten oder dem

wohlfahrtsstaat?

! Sozialunternehmer arbeiten

nicht gegen den Wohlfahrtsstaat. Sie

verbessern ein gesellschaftliches System

dort, wo es Fehler hat. Man würde

in der Wirtschaft nie erwarten, dass

Innovation aus einem Ministerium

kommt, sondern man denkt: Das passiert

am Markt. Unsere Social Entrepreneurs

haben ihr Ohr am Markt und an der

Zielgruppe. Die Innovationen, die sie

daraus entwickeln, helfen etablierten

Institutionen weiter. Ich denke zum

Beispiel an unseren Fellow Rose Volz-

Schmidt. Ihre Organisation „wellcome“

unterstützt Familien, die nach der

Geburt eines Kindes Hilfe brauchen

und/oder überfordert sind. Frau Volz-

Schmidt verbreitet ihre Idee, indem sie

sie als Angebot anderen Playern – auch

großen Wohlfahrtsverbänden – zur

Verfügung stellt. Sie gibt also ihre Inhalte

und Expertise weiter, damit relevante

Institutionen ihrer Zielgruppe besser

helfen können.

? Bleibt die wichtige frage, wie

Sie zu diesen außergewöhnlichen

menschen kommen?

wie findet man Solche Social

entrepreneurS?

! Die Stuttgarter Unternehmerin Helga

Breuninger hat einmal über uns gesagt,

wir seien Trüffelschweine. Und ich

finde, sie hat Recht. Die Suche nach

unseren Trüffeln ist dabei extrem

gründlich.

Ich will sie kurz skizzieren:

Wir haben ein Netzwerk

von Nominatoren, die uns

mögliche Kandidaten

vorschlagen. Das

sind Experten, die

sich in ihrem

Bereich sehr gut

auskennen – zum

Beispiel Fachleute

aus Ministerien,

Stiftungen,

Professoren. Diese

Experten schlagen uns

Kandidaten vor, von

denen sie glauben, ihre

Idee werde in 20, 30

Jahren ein Feld verändert

haben. Diesen Namen folgen

wir nach und recherchieren.

Es gibt Interviews, Referenzchecks, vor

Ort Besuche, Marktanalysen. Dann trifft

das deutsche Team eine Vorauswahl. Der

nächste Schritt ist der internationale

Prozess: Dazu kommt ein Senior-Ashoka-

Mitarbeiter aus einem anderen Land nach

Deutschland und setzt sich zu einem

langen Auswahlinterview mit jedem der

Kandidaten hin – für mehrere Stunden –

und geht genau das Projekt durch, und

die Biografie des Kandidaten. Wer in

die nächste Stufe kommt, kommt ins

so genannte Panel. Da prüfen Experten

aus Deutschland, die Unternehmer

oder selbst Sozialunternehmer sind, die

Kandidaten. Danach setzen die sich mit

dem internationalen Auswahlvertreter an

einen Tisch und entscheiden im Konsens,

ob die Aufnahme

als Fellow in unser

Board vorgeschlagen

werden soll. Wenn ja, muss

das internationale Board auch noch seine

Zustimmung erteilen.

Das heißt, wir haben einen

sehr langen, qualitativ hochwertigen

Auswahlprozess. Unsere Faustregel ist, dass

wir pro Jahr auf 10 Millionen Einwohner

etwa einen Fellow pro Land finden.

? und nach welchen kriterien wird

ausgesucht?

! Es sind derer 5:

1. Die Innovation. Hat der oder diejenige

einen neuen Ansatz, der tatsächlich ein

gesellschaftliches Problem systematisch

lösen kann?

2. Der soziale Impact oder die gesellschaftliche

Wirkung der Idee. Die muss

möglichst groß sein.

3. Die unternehmerische Qualität der

Person.

4. Die Kreativität der Person.

5. Die „ethical fibre“ oder auch Integrität. Es

gibt ja immer Fanatiker oder Ideologen.

Die wollen wir aber nicht haben.


? Gibt es auch eine erfolgsmessung

bei diesem System?

! Natürlich. Gemeinsam mit

anderen Playern sowie der TU

München, der Universität Hamburg und

Pricewaterhousecoopers haben wir in

Deutschland den Social-Reporting-Standard

zur Wirkungsmessung eingeführt, der

sich immer stärker etabliert. Hier sehen

Sie genau, welchen gesellschaftlichen und

wirtschaftlichen Impact Sozialunternehmen

haben. Ein Erfolgskriterium von Ashoka ist

übrigens auch, wie viel Prozent der Fellows

feststellen, dass ihre Ideen unabhängig

von ihnen selbst repliziert werden, dass

also andere die Ideen aufgreifen und

weiterverbreiten und somit mehr Menschen

erreicht werden.

„wachStum Bedeutet Bei unS

die fraGe: wie Schaffe ich eS,

daSS ich von anderen kopiert

werde?“

Denn es geht darum, dass die Idee

möglichst schnell an möglichst vielen

Orten anschlägt. Jeroo Billimoria, ein

Fellow aus Indien, hat zum Beispiel ein

Kinderhilfstelefon für Straßenkinder

gegründet – „childline” mit Namen.

Das gibt es inzwischen in über 120

Ländern – nicht, weil Jeroo in 120

Ländern eigene Filialen aufgemacht hätte.

Sie arbeitet vernetzt mit bestehenden

Organisationen, denen sie ihr Knowhow

und ihre Methodologie gibt und

die sie international verbindet, also

Best Practices teilt, Lernfortschritte,

Standardisierungserfahrungen und so

weiter.

Das Thema Wachstum bedeutet für

Social Entrepreneurs, ihre Wirkung zu

steigern, und nicht, ihre eigene Organisation

zu vergrößern. Wachstumsmodelle im

sozialen Sektor beinhalten daher oft

Strategien wie Netzwerke, Open Source oder

campaigning. Sie müssen kooperativ und

vernetzend denken.

? deshalb braucht´es auch die

soziale kompetenz, die Sie ja in ihren

auswahlkriterien prüfen. das ist klar.

! Eindeutig.

? ich stelle mir jetzt vor, Sie

haben ein netzwerk von 3000 höchst

motivierten unternehmern, die die

unterschiedlichsten projekte realisieren.

all das fügt sich ja irgendwann einmal

zu einer Gesamtvision von einer neuen

welt zusammen, zu einem ziel. wie sieht

die aus? wo soll es hingehen?

! Wir möchten eine starke, freie,

demokratische Zivilgesellschaft, in der nicht

einige wenige Mächtige über viele Arme

bestimmen, sondern in der die Menschen

gleichberechtigt und aktiv an der Gestaltung

ihres sozialen Umfeldes mitwirken. Das ist

letztendlich das Ziel. Wir drücken das auf

Englisch aus mit „Everyone a changemaker!“

? Sicher erkennen Sie da aus der

vogelperspektive weltweite trends bei

allen diesen projekten ihrer fellows.

welche sind das?

! Einer ist das Thema Empathie.

Wir sehen – egal auf welchem Kontinent

und in welcher ökonomischen Klasse –,

dass Sozialunternehmer immer wieder

feststellen: Es ist ganz entscheidend,

dass Kinder die Fähigkeit zur Empathie

beherrschen. Nur wenn Kinder sich in

andere hineinversetzen können und

Mitgefühl haben, begreifen sie, was um

sie herum passiert. Nur so können sie

Beziehungen aufbauen, sich behaupten,

aufsteigen, kooperieren, Netzwerke knüpfen.

Empathie möglichst früh in Kindern zu

entwickeln, daran arbeiten viele Fellows.

Eines der, wie ich finde, faszinierendsten

Projekte ist das von Mary Gordon aus

Kanada, deren Organisation „Roots of

Empathy“ Kleinkinder als Lehrer für

Empathie in Schulen einsetzt.

Ein zweites großes Thema ist das des

Zugangs zu Märkten – zu Dienstleistungen

und Produkten – für alle. Denn viele

Arme sind von der Partizipation noch

ausgeschlossen. Das ändern wir durch

Kooperationen zwischen sozialen

Organisationen und Unternehmen entlang

einer Wertschöpfungskette, durch Hybrid

Value chains. Nehmen Sie das Beispiel

Slums. Mehr als 25 Millionen Menschen

allein in Indien sind ohne adäquate

Behausung – ein riesiger 400 Milliarden

Dollar-Markt. Aber die Wirtschaft

bedient ihn nicht, weil sie über das

Konsumverhalten der Armen zu wenig

weiß, von falschen Annahmen bezüglich

ihrer Kaufkraft ausgeht und außerdem

nicht weiß, wie sich die fragmentierte

Nachfrage wirtschaftlich machbar bedienen

lässt. Soziale Organisationen hingegen

kennen die Wünsche und Bedürfnisse dieser

Zielgruppe der Armen genau. Sie können

die Nachfrage aggregieren und haben

Instrumente entwickelt, wie Microfinance.

Wenn nun soziale Organisationen und

Unternehmen ihr Wissen bündeln und

neue Wertschöpfungsketten bilden, lassen

sich wirtschaftlich neue Produkte und

Dienstleistungen kreieren, die günstig

sind, aber das Bedürfnis der Leute erfüllen,

sich selbst ein Dach über dem Kopf und

somit ein würdigeres, sichereres und

produktiveres Leben zu leisten.

Ein drittes großes Thema ist Social

Finance: Wie lassen sich Finanzinstrumente

entwickeln, die auf die besonderen

Bedürfnisse von Sozialunternehmern

zugeschnitten sind und Wirkung und

Profitmaximierung nicht gegeneinander

ausspielen? Oder, wie lässt sich mehr Geld

in der Entwicklungsarbeit dorthin lenken,

wo es gebraucht wird und nützt?

? das Stichwort finanzen passt in

diese zeiten sehr gut hinein, wo vieles

drüber und drunter geht. Sehen Sie

und ashoka sich als Gegenspieler dieser

megalomanen finanzapparate oder wie

fügen Sie sich gesellschaftlich in dieses

System ein?

! Wir haben überhaupt nichts dagegen,

Geld zu verdienen. Viele unserer Fellows

arbeiten schließlich daran, dass mehr

Menschen mehr Geld verdienen. Geld ist ein

Mittel der Freiheit und zur Gestaltung der

Welt. Aber es kann nicht sein, dass einige

wenige Prozent der Menschen den Großteil

des Vermögens halten. Das System ist ja

ganz offensichtlich aus der Balance geraten

und der soziale Sprengstoff ist gewaltig. Vor

allem dank Internet und Fernsehen lassen

sich Ungleichheiten nicht mehr verbergen.

Und die Menschen sind nicht mehr bereit,

in Kauf zu nehmen, dass ein paar den

großen Reibach machen und die anderen in

die Röhre schauen.

? wie sind Sie eigentlich zu ashoka

gekommen? haben Sie ordentlich

Betriebswirtschaft studiert und...?

! Nein, nein. Ich habe Ethnologie

studiert, wenn auch an der London School

of Economics. Ein großartiges Studium!

Man versucht zu verstehen, wie Menschen

die Welt sehen, wie sie sie begreifen und

warum sie so handeln, wie sie es tun. Ein

entscheidender Impuls war meine Zeit in

Lateinamerika als Teenager. Ich habe dann

während meines Studiums unter anderem in

Indien geforscht und in einer Mikrokredit-

Slum-Entwicklungsorganisation gearbeitet.

Ich bin in den Journalismus gewechselt,

in die Finanz- und Wirtschaftsredaktion

von cNN. Von da aus bin ich als

Wirtschaftsredakteurin zur FAZ gegangen,

dann zur ZEIT und schließlich bei einer

Recherche auf Ashoka gestoßen. Habe dann

einige Fellows interviewt und auch Bill


Ralf Kaspers,

Massai, Kenia, 2007

Drayton, den Gründer, kennengelernt und

war so fasziniert, dass ich den Journalismus

an den Nagel gehängt und Ashoka

Deutschland gegründet habe: 2003, ohne

Startkapital, zunächst vom Küchentisch

aus. Ich musste für die Idee werben, Kapital

einsammeln, pro-bono-Unterstützer

gewinnen, Netzwerke zu Wirtschaft und

Universitäten aufbauen, Proof of concept

erbringen, Mitarbeiter finden…

? das ist ja eine lebensaufgabe.

! Die ersten Jahre waren anstrengend,

denn wir waren Vorreiter einer völlig neuen

Idee. Jetzt – 8 Jahre danach – haben wir

viel geschafft: Social Entrepreneurship

ist ein Thema, an dem Universitäten,

Politik und Wirtschaft nicht mehr

vorbeikommen. Wir haben in Deutschland

40 Fellows, wir haben ein wachsendes

Unterstützernetzwerk, Forschungsprojekte.

Wir kooperieren mit internationalen

Sozialunternehmern, kreieren neue

Finanzinstrumente mit Partnern,

konzentrieren uns auf cluster-Themen,

treiben immer mehr voran...

? Sie sind also quasi die mutter

von ashoka in deutschland?

! So ist es.

? dann war das ihr erstes kind?

! Ja genau. Die Nummer zwei ist in

der Krippe und die Nummer drei ist gerade

ein bisschen krank, weshalb ich jetzt auch

wieder nach Hause muss.

? da kann ich nur mit dem

SpieGel sagen: wir danken ihnen für

dieses Gespräch.


wer sich für die arbeit von ashoka

und den fast 3000 Social entrepreneurs

in 70 ländern – davon bislang 40 in

deutschland – interessiert, findet mehr

informationen auf www.germany.

ashoka.org oder auf der internationalen

website www.ashoka.org. ashoka

wird getragen von unternehmerisch

denkenden menschen, die einen

großen hebel für ihr finanzielles und

persönliches engagement suchen.

das ashoka-Support-network ist

ein internationales netzwerk aus

erfolgreichen unternehmern und

führungspersönlichkeiten. Sie fördern

ashoka nicht nur finanziell, sondern

stehen Social entrepreneurs mit rat

und tat zur Seite. Sie unterstützen

die fellows darin, ihre konzepte zu

optimieren und zu verbreiten, damit

aus neuen ideen zur Bewältigung

gesellschaftlicher probleme

bahnbrechende lösungsmuster werden

und möglichst viele menschen davon

profitieren und ihr leben selbst

gestalten können.

N7 Nachmann Rechtsanwälte beeindrucken

die innovativen Impulse, die Konstanze

Frischen und Ashoka Deutschland für die

Etablierung einer neuen Zivilgesellschaft

unternehmen und hoffen, dass auch weiterhin

viele Unternehmen der deutschen Wirtschaft

sie dabei unterstützen.


my world

Seite 102

Ein besonderes

Münchner

Kindl

die 23 Jahre junge pianistin hat

im letzten Jahr den „echo klassik”

als „nachwuchskünstlerin des Jahres“

bekommen, in den uSa war ihre

chopin-cd lange zeit auf platz 1 der

itunes-charts, die münchner az hat

ihr den „Stern des Jahres 2010“ in

der kategorie klassik verliehen und

die faz schwärmte: „fast körperlos

beherrscht diese pianistin ihr werkzeug,

hochkonzentriert und souverän.“

Jetzt hat sie die zwei c-dur-Sonaten

von ludwig van Beethoven eingespielt,

die die zeit als „verheißung am klavier“

feiert. wir unterhielten uns mit der

jungen münchnerin alice Sara ott über

ihre heimatstadt, ihre arbeit und das

klavierspiel.

Foto: © Esther Haase / DG

? wie bereiten Sie sich auf ein

neues Stück eines komponisten vor?

zum Beispiel als Sie die walzer von

chopin eingespielt hatten?

! Wenn man von Walzer spricht, dann

ist das ja eher etwas Fröhliches. Wenn man

sich aber die chopin-Walzer anhört – ich

habe mir damals viele Aufnahmen von Dinu

Lipatti und Alfred cortot angehört –, dann

spürt man diese Traurigkeit und Sehnsucht

und Verletzlichkeit. Wenn man dann seine

Biografie liest und weiß, was er für ein

Leben geführt hat, dann versteht man seine

Walzer plötzlich. Die Walzer hat er sein

ganzes Leben lang komponiert. Seinen

ersten Walzer hat er geschrieben, als er

noch sehr jung war und den letzten kurz

vor seinem Tod. In ihnen spiegelt sich sein

ganzes Leben wider.

Natürlich habe ich nicht all das erlebt,

was er erlebt hat. Wir leben ja auch in einer

ganz anderen Zeit. Aber ich glaube, ich

kann mich trotzdem mit diesen Emotionen

identifizieren und verstehen, durch was er

gegangen ist.

? angenommen, Sie müssten einem

regisseur erklären, wie Beethoven

die „waldstein-Sonate“, die Sie gerade

aufgenommen haben, komponiert hat.

wie würden Sie ihm Beethovens Situation

erklären, damit er sie für seinen film

versteht.

! Die „Waldstein-Sonate“ ist in c-Dur

geschrieben. c-Dur steht normalerweise

für Lebensfreude, Fröhlichkeit, also für

Positives. Als ich sie zum ersten Mal gehört

habe, ist es mir aber kalt den Rücken

runter gelaufen, weil sie sehr düster ist.

Ich habe dann seine Biografie gelesen,

um herauszufinden, was in dieser Zeit

passiert ist, und da habe ich gelesen, dass

er die „Waldstein-Sonate“ kurz nach dem

„Heiligenstädter Testament“ geschrieben

hat, in dem er seine Verzweiflung ausdrückt

über seine immer stärker werdende

Gehörlosigkeit. Er war in dieser Zeit kurz

davor, Selbstmord zu begehen. Wenn man

das weiß und nachfühlt, dann beginnt man

zu verstehen, warum eine solche Sonate

trotz c-Dur so düster und dunkel klingen

kann. So würde ich das dem Regisseur

erklären.

? was glauben Sie, warum er in dieser

Situation nicht eine moll-tonart genommen

hat, sondern c-dur?

! Beethoven wurde ja von vielen

Menschen enttäuscht – angefangen von

Napoleon bis zu den Frauen. Und am

Ende konnte er mit den Menschen nicht

mehr richtig kommunizieren durch seinen

Gehörverlust. Aber ich glaube letztendlich hat

er nie seinen Idealismus und seine Hoffnung

aufgegeben. Das spürt man in allen Stücken

von ihm. Die 3. Sinfonie, die er Napoleon

mit dem Titel „Sinfonia grande, intitolata

Bonaparte“ widmen wollte, ist in Es-Dur

geschrieben, einer Tonart, die aus seiner

Sicht jemanden verherrlicht und verehrt. Und

obwohl er dann den Namen in „Heroische

Sinfonie“ und später „Eroica” geändert hat

und sie nicht mehr Napoleon gewidmet hatte,

hat er die Tonart nicht geändert. Also trotz

aller Verletztheit und Hoffnungslosigkeit

hat er diesen letzten kleinen Schimmer von

Hoffnung nicht aufgegeben.

Das hört man auch in der „Waldstein-

Sonate“ ganz schön. Erst ist im ersten Satz

dieses düstere Gewitter und dann die Stille

danach – die tiefe Nacht. Und mit dem letzten

Ton des 2. Satzes, einem G, bricht im 3. Satz

ein Sonnenstrahl durch. Für mich ist das wie

ein Sonnenaufgang.

Ich glaube, Beethoven hat nie die

Hoffnung aufgegeben. All seine idealistischen

Ideen wurden in seinem Jahrhundert zwar

nicht gehört. Aber da Musik zeitlos ist, hat

er, so glaube ich, diese Botschaft und diese

Wünsche in Musik verpackt und in die

Zukunft geschickt – mit der Hoffnung,


dass die Menschen in der Zukunft seine

Gedanken verstehen und sich mit ihnen

identifizieren können.

? ein schöner Gedanke, warum er der

richtige komponist für die europahymne

ist.

! Ich habe die „Waldstein-Sonate“

aufgenommen, weil ich jetzt eine

Beethoven-cD aufnehmen wollte. Ich

bin immer meinem Instinkt gefolgt

und wollte diese beiden c-Dur-Sonaten

gegenüberstellen und zeigen, dass zwei

Sonaten in c-Dur, die im Abstand von nicht

mal zehn Jahren geschrieben wurden, so

verschieden klingen können. Ich weiß, dass

das in Deutschland sehr kritisch gesehen

wird und man der Meinung ist, dass erst

ein älterer Maestro Beethovens Musik

aufnehmen kann. Aber ich finde, jeder

Mensch kommt zu dem Punkt, wo er sich

mit Beethovens Musik auseinandersetzen

muss – und das beginnt nicht erst mit dem

50. Lebensjahr.

Ich wusste einfach, dass, wenn

ich diese Aufnahme jetzt nicht machen

würde, ich es später bereuen würde. Und

wenn es ein Fehltritt sein sollte, dann

lerne ich daraus. Aber ich glaube, man

sollte gewisse Risiken eingehen. Und für

mich war es JETZT wichtig, diese beiden

Sonaten aufzunehmen. Ich wusste von

Anfang an, dass es mehr contra als Pro

dafür geben würde. Aber da muss man

durch. Und darüber hinaus finde ich, ist

es eine Beleidigung gegenüber den großen

Interpreten Beethovens, wenn man anfängt,

diese junge Aufnahme mit deren großen

Aufnahmen zu vergleichen. So etwas

kann man nicht machen. Eigentlich kann

DG

/

man sowieso nicht verschiedene Künstler

miteinander vergleichen. Deswegen

Haase

sind wir ja in der Musik, wo es so viele

unterschiedliche Meinungen gibt. Und das

Esther ©

ist ja auch das Tolle, dass es nicht nur EIN

Ergebnis geben kann. Foto:


? daniel Barenboim hat einmal zu

mir gesagt: Sie müssen als pianist den

ton erst hören, damit Sie ihn anschlagen

können.

! Ja, absolut. Man muss erst wissen, wie

er klingen soll, ehe man ihn spielen kann.

Musik ist gut, sich selber kennen zu lernen.

Sowohl körperlich, weil man ja mit seinem

Körper die Musik zum Klingen bringt,

als auch geistig, weil man nur mit einem

wachen Geist den Klang findet.

? was ist für Sie angenehmer – im

Studio aufzunehmen, in dem Sie mit dem

instrument allein sind, oder vor publikum?

! Heutzutage ist es ja so, dass eine

wirkliche technische Perfektion verlangt wird,

wenn man ins Studio geht. Wenn da nur ein

kleiner Tonfehler ist, reagiert jeder allergisch.

Das war vor fünfzig Jahren noch nicht so.

Als cortot oder Rubinstein ihre Aufnahmen

gemacht haben, waren durchaus auch Fehler

drin. Aber das hatte damals einfach keinen

Menschen interessiert. Es ging um was ganz

anderes – um den natürlichen Fluss und die

Besonderheiten des Momentes, in dem sie

spielten. Das ist es, was mir manchmal in

diesen Studioaufnahmen heute fehlt.

Auf der Bühne haben wir dagegen nur

eine einzige chance. Da gibt es nur diese 40

oder 45 Minuten, in denen wir spielen und

man kann sie nicht wiederholen. Aber dafür

gibt es Momente, die so besonders sind und

die man ein zweites Mal nicht wiedererlebt.

Es gibt natürlich immer zwei Möglichkeiten:

Man bleibt auf der sicheren Seite und spielt

technisch perfekt. Es gibt aber auch Personen,

die wollen die Ideen, die ihnen in diesem

einzigen Moment kommen, sofort umsetzen

und dann gehen sie das Risiko ein, dass da

mal etwas nicht ganz so glatt läuft. Zu denen

gehöre ich. Deshalb ist jedes Konzert für

mich, als ob ich mich jedes Mal in ein neues

Abenteuer stürzte, von dem ich nicht weiß,

wie das Ende sein wird.

? da schimmert ein interessanter

aspekt durch, nämlich die einsicht, dass

man neben dem klavierspielen zuerst

leben muss.

! Absolut! Ich bin der Meinung, dass

die Musik nicht wachsen kann, wenn man

als Mensch nicht wächst. Musik lebt nicht

allein vom achtstündigen üben jeden Tag.

Wer das glaubt, bleibt stehen.

Wenn man von Beruf Künstler ist

und gewisse Erfolge hat, möchte man

natürlich immer ein bisschen mehr machen

und nichts absagen oder Veranstalter

enttäuschen. Aber das muss man lernen.

Das wichtigste ist nämlich, zu wissen,

womit man glücklich ist und wo die eigenen

Grenzen sind. Und diese Grenzen kennen

zu lernen ist sehr, sehr wichtig. Vor allen

Dingen, wenn man jung ist. Wenn man seine

Grenzen erst mit 35 kennen lernt und dann

ausgepowert ist, kann man für zwei oder

drei Jahre nicht mehr spielen.

Ich habe meine Grenzen letztes Jahr

kennen gelernt und habe daraus gelernt,

Nein zu sagen, was nicht einfach, aber sehr

wichtig ist. Aber man muss es einfach tun.

Denn wenn man nicht bei besten Kräften

ist, dann tut man niemandem etwas Gutes –

weder dem Manager noch dem Veranstalter

noch dem Publikum. Und dem Publikum

kann man nicht erzählen, dass man heute

nicht so gut drauf ist oder Liebeskummer

hat oder der Flügel nicht so richtig

mitmacht. Das geht nicht. Natürlich ist das

Klavier ein Instrument, das sehr viel übung

verlangt, aber ich war nie der Mensch, der

täglich zehn Stunden übt. Und – um zu Ihrer

Frage zurückzukommen – man kann seinen

Tag intelligent aufteilen und hat dabei Zeit

für viele Sachen. Vielleicht nicht so viel wie

andere, bei denen Tag für Tag der Rhythmus

gleich ist...

? dann hätten Sie sich auch um eine

anstellung im katasteramt bemüht...

! Aber wenn man dann seine Zeit hat,

dann nutzt man die auch sehr intensiv. Ich

habe nie das Gefühl gehabt, dass ich was

verpasst habe. Ich habe meine Pubertät

genauso ausgelebt wie andere, was auch

sehr wichtig ist. Die Zeit zwischen 16 und

20 sind für eine Frau einfach ungeheuer

wichtig, die man später nicht wiederholen

kann. Ich habe Gott sei Dank Eltern, die

in dieser Hinsicht sehr, sehr normal sind.

Ich habe keine „Stage-Mama“ und keinen

„Stage-Papa“.

? ihre mutter wollte sogar nicht,

dass Sie professionell klavier spielen.

! Nein, das wollte sie überhaupt nicht.

Und nun spielen ich und auch noch meine

jüngere Schwester, weil der Wunsch von

uns aus gekommen ist. Das ist sehr wichtig.

Denn wenn man zu etwas gezwungen wird,

dann ist ja keine richtige Motivation da und

man kann nicht kreativ sein.

? war die weigerung eine

pädagogische list ihrer mutter?

! Nein, nein. Das wollte sie wirklich

nicht. Und zwar nicht, weil sie es uns nicht

gönnen würde, sondern weil sie meinte,

dass Kinder unbegrenzte Möglichkeiten

haben sollten und wir uns nicht schon so

früh festlegen sollten, nur weil sie auch

Pianistin ist. Aber nachdem ich ein Jahr

lang gebettelt hatte, hat sie gemerkt, dass

ich es wirklich möchte.

? leben Sie in münchen?

! Ja. Ich lebe sogar noch bei meiner

Familie.

? was machen Sie, wenn Sie zeit

haben in münchen?

! Also wenn ich Zeit habe, dann

bin ich (lacht) bei meinem Freund in

Berlin. Ich habe aber immer gesagt, dass

ich nirgends anders leben möchte als

in München. Ich möchte mein Leben in

München verbringen, weil ich so viel

von dem aufregenden Leben in der Welt

mitbekomme, dass ich einen Platz brauche,

wo ich mich zuhause fühle, wo nicht alles

so groß ist und wo ich auch wieder runter

kommen kann. München hat ein sehr, sehr

gutes Kulturleben. Ich mag München.

Heute Abend gehe ich zum Beispiel

in den Herkulessaal, wo meine Schwester

spielt und höre ihr zu. Wir sind uns sehr,

sehr nahe. Und wir üben sogar zusammen.

? ihre mutter ist Japanerin,

ihr vater deutscher und Sie sind in

münchen aufgewachsen. als was fühlen

Sie sich?

! Na ja, ich gehöre eigentlich keiner

Kultur richtig an. Es gab früher Zeiten,

wo das für mich nicht einfach war. Man

sucht ja gerade in der Pubertät eine

Identität und möchte irgendwann einmal

100%ig zu einer Kultur gehören. Aber in

Deutschland wundern sich die Leute, dass

ich „ganz akzentfrei“ Deutsch spreche, was

als Deutscher ja nicht ganz so schwer ist.

Und in Japan erschrecken die Leute, wenn

ich Japanisch spreche, weil ich für sie

nicht aussehe wie eine Japanerin. In dieser

Hinsicht hat mir die Musik sehr geholfen.

Denn in der Musik spielt es keine Rolle,

welche Nationalität man hat. Musik ist,

glaube ich, die einzige Sprache, die über

Hass und Rassismus steht.

? das ist eine gute heimat.

! Für mich war sie immer DIE Heimat.

Jetzt denke ich, dass dieses Feststecken

zwischen zwei Kulturen in der Heimat

„Musik“, meinen Horizont sehr erweitert

hat. Auch wenn das manchmal nicht

einfach war.


Foto: © Esther Haase / DG

? wenn man die vier cover der

cds sieht, die Sie aufgenommen haben,

dann sieht man eine äußerlich beachtliche

wandlung.

! Ja? Ich bin der Meinung, dass ich

jeden Tag anders aussehe.

? heißt das, Sie fühlen sich auf allen

vier covern identisch?

! Ich identifiziere mich am meisten

mit dem jetzigen cover. Auf dem ersten

cover war ich ja auch erst 19. Jetzt bin ich

23. Während dieser Zeit verändert man

sich doch sehr. Aber zu den Fotos kann

ich sagen, dass alle offiziellen Fotos von

mir „approved“ sind (lacht). Und weil ich

mich für Mode interessiere, habe ich auch

nichts dagegen, mich feiner rauszuputzen.

Ich glaube auch, dass das vom Publikum


Foto: © Esther Haase / DG

erwartet wird. Wenn Sie zum Beispiel

in ein Konzert von meinen männlichen

Pianisten-Kollegen gehen, dann erwartet

keiner, dass ihm da visuell was geboten wird.

Aber bei uns ist das leider nicht so. Aber

die äußere Gestalt ist sowieso zweitrangig.

Wenn musikalisch nichts dahinter steckt,

ist man ersetzbar. Denn es gibt Hunderte

von jungen Menschen, die gut aussehen

und ein Instrument spielen können.

Und Gott sei Dank ist in dieser Hinsicht

die Welt noch fair geblieben, trotz aller

Medienbeeinflussung und all dem Tralala.

? wenn Sie klavier spielen und es

so richtig gut läuft, erleben Sie dann so

etwas wie magic moments?

! Ja, wenn die ganze chemie passt, die

Kommunikation mit dem Publikum, die

Akustik und der Flügel stimmen, dann gibt

es Momente, die man nicht wiederholen

kann, ja noch nicht mal erklären oder

beschreiben kann. Aber genau das sind die

Momente, für die wir Musiker eigentlich

leben. Und wenn ich das in einem von

zehn Konzerten erlebe, dann bin ich richtig

glücklich.

? erleben Sie das ganz in sich oder

eher außer sich?

! Ich habe schon Momente erlebt, dass

ich mich selber beobachte. Nicht, dass ich

mich wirklich sehen würde und sähe, welche

Mimiken ich mache. Aber es ist schon so

gewesen, dass ich mich aus der Perspektive

einer dritten Person mitbekomme.

Ab dem Moment, wo ich die Bühne

betrete, bin ich in einer anderen Welt. Auch

von der Wahrnehmung her ist alles viel

intensiver. Wenn ich am Klavier sitze, höre

ich alles. Ich bekomme ganz intensiv die

Stimmung vom Publikum mit, während ich

in der Straßenbahn davon zum Beispiel gar

nichts mitbekomme, obwohl die Menschen

um mich herum viel näher sind. Aber wenn

ich in der Musik bin, habe ich das Gefühl,

dass ich Gedanken von anderen Menschen

empfange. Wie auch immer, es ist in jedem

Fall etwas sehr Intensives. Diese intensive

Begegnung kenne ich aber auch aus Museen.

Wenn ich vor bestimmten Bildern stehe,

dann habe ich manchmal das Gefühl, dass

sich das Bild bewegt.

? Günther uecker hat mir in

unserem Gespräch gesagt, dass das, was

er beim arbeiten in seiner kunst erlebt,

nicht sprachlich ist. Geht ihnen das bei

der musik auch so?

! Ja, ja. Deswegen ist es auch so

schwierig, darüber zu reden. Musik ist

etwas, das mit mir geschieht, was ich

nicht beeinflussen kann und was – das

habe ich schon immer so empfunden

– die Seele eines Menschen komplett

nackt macht. Man kann nicht lügen: Man

kann nicht manipulieren. Man kann sich

überhaupt nicht verstellen. Es kommen alle

Emotionen hervor. Vor allem auch in der

Kommunikation mit dem Publikum. Das

ist für mich die reinste Kraft, die es heute

noch gibt, weil die Welt ja so unfassbar

manipuliert ist. Aber diese Kraft ist absolut

und rein geblieben. Und das ist seither nicht

zerstört worden, sondern hat den Menschen

Liebe und Hoffnung und Mut gegeben – in

all den schweren Zeiten.

N7 Nachmann Rechtsanwälte wünschen

der jungen Pianistin Alice Sara Ott aus

München für ihre viel versprechende Karriere

das Beste und dass sie die Natürlichkeit,

die in dem Interview deutlich wird, noch

lange behält – trotz der Herausforderungen,

die der internationale Kulturbetrieb an

außergewöhnliche Begabungen wie sie stellt.


Foto: Hans-Günther Kaufmann

Schmetterling

Welch schönes Jenseits

ist in deinen Staub gemalt.

Durch den Flammenkern der Erde,

durch ihre steinerne Schale

wurdest du gereicht,

Abschiedswebe in der Vergänglichkeiten Maß.

Schmetterling

aller Wesen gute Nacht!

Die Gewichte von Leben und Tod

senken sich mit deinen Flügeln

auf die Rose nieder

die mit dem heimwärts reifenden Licht welkt.

Welch schönes Jenseits

ist in deinen Staub gemalt.

Welch Königszeichen

im Geheimnis der Luft.

Nelly Sachs

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