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Trigonale 2012

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DAS PROGRAMM


Trigonale 2012

Das Programm

Unserem Publikum,

unseren Künstlerinnen und Künstlern


Vorwort

Trigonale 2012

Wenn der Sommer schon an Fahrt verloren hat und sich die

letzten Urlaubs- und Feriengedanken mit den ersten Blicken

auf das letzte Jahresviertel vermengen, kommt für Freunde

der Alten Musik die Zeit, ihr Leben für einige Tage wieder

vornehmlich »trigonal« auszurichten.

Ein trigonales Leben ist durch die Liebe zu und das Verlangen

nach Alter Musik geprägt, aber auch durch die Bereitschaft

gekennzeichnet, abendliche (bisweilen nächtliche

oder frühmorgendliche) Fahrten an unterschiedlichste Orte

zu unternehmen und dabei immer das Programmbuch im

»Reclam-Stil« mitzuführen.

Dem üblichen Konzept eines Musikfestivals, nämlich Konzerte

unterschiedlicher Ensembles aneinanderzureihen, die

für ihren Auftritt kurzfristig an- und danach sofort wieder

abreisen, hat Stefan Schweiger die Idee entgegen- und diese

mittlerweile auch umgesetzt, Künstler für eine längere Zeit

als »bloß« für den einen Konzertabend nach Kärnten zu

holen. Dadurch entsteht die – wie wir hören, auch von den

Künstlern sehr geschätzte – Möglichkeit, innerhalb der trigonale

neue Projekte zu formen und spannende, noch nicht

dagewesene Formationen zu bilden.

Mit begeistertem Herz hat Stefan Schweiger die trigonale programmiert

und mit seinem Team souverän vorbereitet. Nach

unserer Überzeugung kann das Verlangen nach Alter Musik

durch die geplanten Darbietungen gestillt werden. Wir laden

Sie herzlich dazu ein, zahlreich das Konzertangebot zu nutzen,

und bedanken uns gleichzeitig für Ihre Treue.

Vorstand der trigonale

Martin Wiedenbauer

Hans Slamanig

Albrecht Haller

- 4 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 5 -


Seite | Konzerte

Barokksolistene & S.i.R.

Der Krieg und die Sterne

Ensemble Sirocco & S.i.R.

Itinerari italiani

Ensemble Pentagonale

Der letzte Akt des Mittelalters

Dorothee Oberlinger & Franco Pavan

Un Viaggio Musicale

Dresdner Kammerchor

Israelsbrünnlein

Barokksolistene & S.i.R.

The Image of Melancholy

Echo du Danube & Ann Allen

Maria Maddalena

Ghislieri Consort & Clare Wilkinson

Sweeter than Roses

S.I.R. = SIngers in Residence

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Fortsetzung ...


Seite | Konzerte

Barokksolistene

Alehouse-Session No. 2

Catalina Vicens & Katharina Schmölzer

A la Luz del Alba

Eclipse

Kinder- und Familienkonzert

Ensemble Prisma, Markus Hering & S.i.R.

Der Kopf des Georg Friedrich Händel

Eclipse & Friends

Forgotten Secrets

Andrea & Paolo Pandolfo & S.i.R.

Time Machine

Cappella Nova Graz,

Domkantorei St. Pölten,

Les Cornets Noirs

Vespro della Beata Vergine

Anhang

S.I.R. = SIngers in Residence

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Fortsetzung ...


Freitag, 07.09. | 19 Uhr

Rathaus St. Veit

1 1

Jon Balke: Piano, Soundscape*

Der Krieg und die Sterne

Krieg und Frieden, Himmel und Erde, Leben und

Tod, Freude und Leid, Nacht und Tag. Universelle

Konzepte, die alle Menschen seit Urbeginn der

Zeiten beschäftigt haben.

Konzert mit den

Singers

in Residence

Barokksolistene

Bjarte Eike: Violine, Leitung

Milos Valent: Violine, Viola

Dasa Valentova: Violine, Viola

Thomas Pitt: Cello

Mattias Frostenson: Violone

Hans Knut Sveen: Cembalo, Orgel

Fredrik Bock: eorbe, Gitarre

Torun Torbo: Flöten

Monika Fischaleck: Barockfagott, Dulzian

Alexis Kossenko: Flöten

supported by

Hanna Herfurtner: Sopran

Isabelle Rejall: Mezzosopran

Jakob Bloch Jespersen: Bass

Marc Mauillon: Bariton

*Der Begri Soundscape (Klanglandschaft) ist ein englisches Kunst-

wort, zusammengesetzt aus den Begrien Sound und Landscape.

Die Soundscape beschreibt die akustische Hülle, die eine Person an

einem bestimmten Ort umgibt.

Einleitung

Im 17. Jahrhundert wurde Europa von endlosen Kriegen

heimgesucht. In »Battalia« ng der österreichische Komponist

H.I.F. Biber unterschiedliche Aspekte des Krieges ein

und machte sich dabei gekonnt instrumentelle Klänge und

Eekte zu Nutze, die man eher in der avantgardistischen

Musik des 20. Jahrhunderts vermutet hätte.

Die Musik wird zum Trinkgelage, zum traurigen Lebewohl

an den Liebsten, zum Marsch und zur blutigen Schlacht, bis

schließlich alles mit einer Klage für den verwundeten Soldaten

- 10 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 11 -


endet – dramatisch, ja, aber das ganze Stück ist dem Gott des

Weines und des Bieres – Bacchus – gewidmet!

Der Blick in die Sterne bot eine weitere Möglichkeit zur

Flucht ...

Es lag in der Natur der Barockmusik, den Hörer durch die

Musik auf eine höhere emotionale oder geistige Ebene befördern

zu wollen. Er kann von der dissonanten Traurigkeit und

Honungslosigkeit in seinem Inneren erlöst werden, wenn

die Harmonien der Musik ihn mit der großen Harmonie

des Kosmos verbinden. Man ging damals davon aus, dass die

Klänge des Universums sich in perfekter Übereinstimmung

zueinander befanden – anders als die misstönende Wirklichkeit

auf Erden. Wissenschaftler wie J. Kepler begründeten

ihre Forschungen auf den pythagoreischen Prinzipien der

»Sphärenharmonie«. Kepler vertrat die Ansicht, dass die Musiktheorie

und die Beziehungen zwischen den Planeten und

der Sonne auf denselben Grundsätzen beruhten. Ebenso wie

die Musik eine wichtige Rolle für die Wissenschaftler des 17.

Jahrhunderts spielte, erfreuten sich emen der Astrologie

und der Astronomie in der Musik großer Beliebtheit.

Diesem astralen Aspekt möchten wir uns widmen, wobei wir

nicht nur auf die Musik des Barocks und der Renaissance

eingehen, sondern auch auf die Werke des 20. Jahrhunderts,

in dem die Komponisten der Avantgarde lebhaftes Interesse

an Sternen und Planeten bekundeten.

1 Die Flucht in einen – oftmals grotesken – Humor war für

In seinem wunderbar meditativen Werk »Tierkreis« assozi- 1

den Europäer des 17. Jahrhunderts eine wirksame Möglichierte

Stockhausen die zwölf Sternzeichen mit der Zwölftonreikeit,

der grausamen Wirklichkeit (Pest, Hunger und Religihe:

Er versah jedes Sternzeichen mit einer Note und kompoonskriege)

für kurze Zeit zu entkommen.

nierte einen Strang kurzer, traumgleicher Melodien um diese

Note. Stockhausen fordert die Musiker auf, seine Melodien

frei zu verwenden; sie können auf beliebigen Instrumenten

gespielt werden, wobei er zu einem hohen Maß an Improvisation

ermutigt.

Improvisation und »broken consorts« (gemischte Ensembles

mit unterschiedlichen Instrumentengruppen und/oder Sängern)

waren im 16. und 17. Jahrhundert weit verbreitet.

Dieser Umstand bietet auch uns die Möglichkeit, all unser

Material frei zu verwenden und dadurch aus jedem Auftritt

ein neues und einzigartiges Konzert zu machen.

Und auch wenn Stockhausens »Tierkreis« in diesem Programm

eine Sonderstellung einnehmen mag, so ist dieses

Werk dennoch der rote Faden, der alles zusammenhält und

die Jahrhunderte des Barocks und der Moderne im Einklang

miteinander schwingen lässt.

Wir hören Werke von H.I.F. Biber, J. F. Rebel, C. Gesualdo,

J. Dowland, K. Stockhausen u.a.

Mein besonderer Dank gilt Veronika Skuplik, die mich mit

»Tierkreis« bekannt gemacht hat und mir so die Möglichkeit

zur Entwicklung dieses Programms erönete. Bjarte Eike 2012

- 12 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 13 -


In eigener Sache

1 Das diesjährige Erönungskonzert der trigonale ist mehr als

je zuvor ein Work-in-progress-Projekt. Verständlicherweise

bringt das Zusammenführen von Künstlern, die bisher noch

nie miteinander auf der Bühne standen, auch einige Risiken

mit sich. Um diese auf ein Mindestmaß zu reduzieren, behält

sich der künstlerische Leiter Bjarte Eike vor, die letztendlich

zur Auührung gelangenden Stücke erst im Zuge der Proben

in den Tagen vor dem Konzert festzulegen. Aus diesem

Grund lag uns bei Drucklegung das endgültige Programm

1

noch nicht vor.

Danke.

Allen Helfern hier auf Erden ...

... und auch im Himmel.

Stefan Schweiger, Leiter der Trigonale

- 14 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 15 -


Barokksolistene, unter der künstlerischen Leitung

des führenden norwegischen Barockviolinisten Bjarte Eike,

ist ein Ensemble der Alten Musik, das 2005 gegründet

wurde und in exibler Formation auftritt. Es bietet seinen

Instrumentalisten mit hohem solistischen Niveau – sie alle

zählen auf ihrem Instrument zu den herausragenden Interpreten

in Europa – die Gelegenheit, sich als Künstler und

Kammermusiker weiterzuentwickeln. Sie treten außerdem

in Formationen wie Kammerorchestern, Pub Bands, frei improvisierenden

Gruppen, Crossover-Ensembles oder kleinen

und intimen Kammerensembles auf. Durch Bjartes engagierte,

bewusst persönliche und innovative Programmgestaltung

und die mitreißende virtuose Spielweise der Musiker vermittelt

das Ensemble einem breiten Publikum Barockmusik auf

verblüend natürliche Art. Seine Konzerte werden oftmals

als spielerisch und wegweisend beschrieben.

Seit seinen Anfängen war BarSol Ensemble in Residence bei

verschiedenen Festivals in ganz Europa. Zu den Spielorten

und Stationen seiner Auftritte zählen: Bergen International

Festival, Rikskonsertene, Maijazz Stavanger, Copenhagen Jazzfestival,

trigonale, Kings Place London, Stockholm Early Music

Festival und BBC Proms, um nur einige zu nennen. BarSol

arbeitet regelmäßig mit der Den Ny Opera in Esbjerg, Dänemark,

mit dem Danish Radio Vokalensemblet und den Vestfoldfestspillene

in Norwegen zusammen.

supported by

www.barokksolistene.no

1 1

BarSol gibt etwa 50 Konzerte pro Jahr. Für die nächste Zukunft

steht eine Reihe spannender Einladungen und Projekte

in ganz Europa auf seinem Programm.

BarSol und die Mezzo-Sopranistin Tuva Semmingsen spielten

den Soundtrack für Lars von Triers Film »Antichrist« ein. Die

Aufnahme »London Calling« mit Semmingsen und BarSol ist

der Auftakt zu einer Reihe von mindestens sechs Aufnahmen

im Rahmen der neuen Zusammenarbeit zwischen BarSol und

dem Label BIS.

BarSol wird vom Norwegischen Kulturrat gefördert.

Bjarte Eike, Barockviolinist, sprengt

die Grenzen der klassischen Musik. Ständig

auf der Suche nach neuen Projekten

zwischen den musikalischen Genres, gewinnt

er mit seinem mitreißenden Spiel

neue Publikumsschichten und überrascht

als künstlerischer Leiter von BarSol immer wieder mit neuen

und innovativen Konzepten.

Als frei schaender Geiger und Konzertmeister erkundet er

ständig alternative Wege zur klassischen Musik. Obwohl seine

musikalischen Grundlagen auf der sogenannten 'Historisch

Informierten Auührungspraxis' (HIP) fußen, integriert er

- 16 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 17 -


gern andere künstlerische Aspekte – bildende Künste, Tanz,

Erzählkunst, Improvisation usw. – in seine Auührungen.

Neben BarSol arbeitet er regelmäßig mit Ensembles wie

Concerto Copenhagen, Concerto Palatino, I Fagiolini, Dunedin

Consort, Caecilia-Concert, Weser Renaissance, Sirius Viols,

Chelycus, Altapunta und Bergen Barock zusammen. Er erfährt

zurzeit ein zunehmendes Interesse europäischer Ensembles

und Orchester, die ihn als Gast-Konzertmeister und Dirigent

einladen.

Bjarte Eike tritt auch in verschiedenen Crossover-Formationen

auf, etwa dem Magnetic North Orchestra oder dem frei

improvisierenden Streichtrio Stryk!; ferner entwickelte er das

Projekt SIWAN gemeinsam mit dem Komponisten Jon Balke

und der marokkanischen Jazzsängerin Amina Alaoui (die

Einspielung von Siwan bei ECM erhielt den »Jahrespreis der

Deutschen Schallplattenkritik 2009«).

Er studierte an der Grieg-Akademie in Norwegen sowie bei

Richard Gwilt in London. Bjarte Eike war Artist in Residence

beim Bergen International Festival 2008 und beim Nordwind

Festival for performing Arts in Berlin 2009. Er hat bei zahlreichen

Einspielungen mitgewirkt. Gegenwärtig lehrt er Barockvioline

an der Norwegischen Musikakademie und ist Gastdozent

am Königlich Dänischen Musikkonservatorium.

Jon Balke, Pianist, Keyboarder, Komponist,

Arrangeur und Schlagzeuger, begann

seine professionelle Laufbahn 1974,

als er sich Arild Andersens Band für Studioarbeiten

für das deutsche Label ECM

anschloss. Seine musikalische Karriere hat

seither mehrere Phasen durchlaufen, in denen er als Ko-Leiter

mehrerer skandinavischer Gruppen fungierte, darunter:

E'OLEN, eine Zusammenarbeit mit westafrikanischen

Musikern (1978 – 1988),

SURDU, ein Trio, das sich von ethnischen Klängen

inspirieren ließ (1977 – 1979),

OSLO 13, eine 13-köpge Jazzband mit Schwerpunkt

auf Eigenkompositionen (1980 – 1993),

MASQUALERO, ein Quintett mit Jon Christensen und

Arild Andersen,

POINT4, ein »Doppelduo« mit zwei Pianos und zwei

Schlagzeugen.

Seit 1989 initiiert er eigene Projekte, für die er auch

komponiert:

JØKLEBA, mit Audun Kleive und Per Jørgensen,

MAGNETIC NORTH ORCHESTRA, Kammermusikensemble,

BATAGRAF, ein als Percussion ink Tank bezeichnetes

Schlagorchester,

SIWAN, mit Amina Aaloui und Jon Hasell.

Seine Kompositionsarbeiten spannen einen breiten Bogen

über Ensembles und Projekte in Ballett und eater, mit

Symphonieorchestern, Sängern und Jazzgruppen. Spartenübergreifende

Projekte führten ihn zu Kooperationen mit

bildenden Künstlern wie Kjell Bjorgeengen und Tone Myskja

oder mit den Choreographen Francesco Scavetta und Giorgio

Rossi.

Als Begleitmusiker hat er mit zahlreichen Sängerinnen und

Sängern gearbeitet, darunter Radka Tone, Sidsel Endresen,

Anne Li Drecker, Karin Krogh und Trine Lise Vaering, ebenso

1 1

- 18 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 19 -


wie Liveauftritte und Studioaufnahmen mit Künstlern wie

Archie Shepp, John Surman, Airto Moreira/Flora Purim, Michael

Urbaniak, Enrico Rava, George Russel, Paolo Fresu, Nguyen Le

und Marilyn Mazur.

Hanna Herfurtner wurde in München

geboren, wo sie auch ihren ersten

Gesangsunterricht bei Prof. omas Gropper

erhielt. In ihrer Jugend sang sie in verschiedenen

Chören und lernte so früh ein

breites Repertoire kennen, insbesondere

die Oratorien von Bach und Händel.

Nach dem Abitur studierte sie eaterwissenschaft und

Kunstgeschichte an der Universität München, bevor sie zum

Gesangsstudium zunächst an die Musikhochschule Stuttgart

zu Prof. Bernhard Jäger-Böhm, dann an die Universität der

Künste Berlin zu Prof. Julie Kaufmann ging.

Kehrte sie nach ihrem Studium zunächst als Solistin zu den

Chören ihrer Jugendtage zurück, so ist sie inzwischen als

Konzertsängerin mit Werken von Monteverdi bis Honegger

im gesamten deutschsprachigen Raum zu hören.

Einer ihrer Schwerpunkte war seit jeher die Alte Musik. So

sang sie 2007 bei den Opernfestspielen Bad Hersfeld in Monterverdis

»Orfeo« die Ninfa, die Euridice und La Musica und

gewann 2010 den dritten Preis beim Cesti-Wettbewerb der

Festwochen für Alte Musik Innsbruck sowie den Sonderpreis Resonanzen

des Konzerthauses Wien, wo sie seither regelmäßig

im Bachkantaten-Projekt unter der Leitung von Luca Pianca

zu hören ist. Außerdem konzertiert sie immer wieder mit

der Lautten Compagney Berlin. Im selben Jahr bestand Hanna

ihr Operndiplom. Bei der Ruhrtriennale 2009 sang sie eine

nackte Jungfrau in »Moses und Aron« von Arnold Schönberg

und im darauolgenden Jahr die Titelpartie in der Urauührung

von Hans Werner Henzes »Gisela«.

Im Sommer 2011 konnte man Hanna als ungeborenes Kind in

der »Frau ohne Schatten« von Richard Strauss unter der Leitung

von Christian ielemann bei den Salzburger Festspielen

erleben. Seit Januar 2012 ist sie Ensemblemitglied am Staatstheater

Kiel, wo sie unter anderem als Olympia in »Homanns

Erzählungen« von Jaques Oenbach und als Fraarte in Händels

»Radamisto« zu hören sein wird.

Auch der Liedgesang liegt ihr sehr am Herzen. Wesentliche

Impulse dafür erhielt sie von Axel Bauni und Eric Schneider.

Im Herbst 2009 gewann sie beim Paula-Salomon-Lindberg-

Wettbewerb in Berlin den ersten Preis. In den vergangenen

zwei Jahren war Hanna mit verschiedenen Programmen unter

anderem beim Heidelberger Frühling, dem Coburger Musikverein

und im Konzerthaus Wien zu Gast. Im August 2012

wird sie mit dem »Italienischen Liederbuch« von Hugo Wolf

beim Rheingau Musikfestival zu hören sein.

1 1

Isabelle Rejall wurde 1985 in Potsdam

geboren und studiert seit 2007 bei

KS Prof. omas Quastho an der Hochschule

für Musik Hanns Eisler Berlin.

Weiteren Unterricht erhielt die junge

Mezzosopranistin von Christine Schäfer,

Britta Schwarz und Prof. Burkhard Kehring. Während ihres

- 20 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 21 -


Studiums sammelte sie erste Bühnenerfahrungen bei den

Opernproduktionen der HfM Hanns Eisler als Zita in »Gianni

Schicchi«, Bastien in »Bastien et Bastienne« und Nutrice

in »L'incoronazione di Poppea«. Darüber hinaus gastierte sie

als Solistin bei Lunchkonzerten in der Philharmonie Berlin, bei

den Händelfestspielen Halle und bei den üringer Bachwochen

Erfurt mit dem Fratres Ensemble, beim Bach-Chor Berlin, bei

den Stuttgarter Bachwochen, bei der Singakademie Frankfurt

a.d. Oder sowie am Mozarteum Salzburg. Im Dezember 2012

wird Isabelle Rejall als Solistin in J. S. Bachs »Weihnachtsoratorium«

unter der Leitung von Prof. J. P. Weigle, mit dem

Philharmonischen Chor in der Philharmonie Berlin sowie beim

Lyrischen Salon in Weimar debütieren.

Die musikalische Erziehung von Jakob

Bloch Jespersen begann bereits als

Knabe im Kopenhagener Knabenchor. In

weiterer Folge studierte er an der Königlich

Dänischen Musikakademie und an der

Königlichen Opernakademie, wo er 2007

sein Diplom erhielt. Private Studien führten ihn darüber hinaus

zum Dirigenten Hervé Niquet nach Paris.

2006 gab er sein Debüt am Königlich Dänischen eater als

Angelotti in Puccinis »Tosca«. Er sang weiters den Basilio in

Rossinis »Il Barbiere di Siviglia«, den Masetto in Mozarts

»Don Giovanni«, den Collatinus in Brittens »e Rape of Lucretia«,

den Magister in der DVD-Aufnahme von Carl Nielsens

»Masquerade« sowie Rollen in zahlreichen Produktionen

zeitgenössischer Opern.

Jakob Bloch Jespersen hat über Jahre hinweg den Schwerpunkt

seiner Arbeit besonders auf die Musik des Barocks und auf das

zeitgenössische Repertoire gelegt. Seine Autorität in diesen

beiden Bereichen ist in ganz Europa anerkannt und hat zur

Zusammenarbeit mit dem Concerto Copenhagen, der Lautten

Compagney, den Ensembles Arte Dei Suonatori und Trinity

Baroque, dem Leipziger Kammerorchester, der London Sinfonietta,

I Solisti del Vento, dem Kammerensemble Neue Musik

Berlin und dem eatre of Voices geführt.

1 1

Marc Mauillon, französischer Bariton,

wurde 1980 geboren. Er studierte bei

Peggy Bouveret am Conservatoire National

Supérieur de Musique de Paris, wo er 2004

sein Studium abschließen konnte. Seine

große Liebe gilt der Alten Musik – und

so arbeitet er hauptsächlich mit Ensembles wie La Petite

Bande (Sigiswald Kuijken) oder Les Arts Florissants (William

Christie) zusammen.

Sein Operndebüt gab der junge Bariton dennoch als Papageno

unter der Leitung Alain Altinoglus, in einer Produktion, die

später mit dem Orchestre National d'Île de France auf Tournee

ging. Bald sang er auch den Guglielmo in Mozarts »Cosi fan

tutte«, den Aeneas in Purcells »Dido and Aeneas«, oder Bernardino

in »Benvenutto Cellini« mit dem Orchestre National

de France unter John Nelson. Marc Mauillon gibt auch gerne

Liederabende, wobei sein Repertoire von Machaut, Monteverdi

und Lully über Mozart und Schubert bis hin zu Mahler,

Korngold, Poulenc, Aperghis oder Scelsi reicht.

- 22 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 23 -


1

Zu den Höhepunkten seiner Laufbahn der letzten Jahre zählen

eine Einladung zu den Berliner Philharmonikern unter

William Christie, Bachs »Matthäus-Passion« mit dem Orchestre

National de France unter Kurt Masur, oder eine »Dido and

Aeneas«-Produktion unter William Christie bei den Wiener

Festwochen 2006.

Auf CD kann man den Bariton gemeinsam mit vielfältigen

Ensembles erleben. Seine erste Solo-CD mit Werken von

Guillaume de Machaut wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt

ist mit seiner Beteiligung die CD »Le remède de fortune«,

ebenfalls mit Werken de Machauts erschienen.

www.marcmauillon.com

1

- 24 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 25 -


1 1

- 26 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 27 -


Samstag, 08.09. | 19 Uhr

Rathaus St. Veit

Itinerari italiani

Vom italienischen Einfluß auf deutsche

Komponisten des 17. Jahrhunderts

Ensemble Sirocco

Nathalie Houtman: Blocköte

Roswitha Dokalik: Violine

Raphaël Collignon: Cembalo

Thomas Yvrard: Orgel

Singers in Residence

Hanna Herfurtner: Sopran

Isabelle Rejall: Mezzosopran

Konzert mit den

Singers

in Residence

Einleitung

»Auch ich war in Arkadien«.

Johann Wolfgang v. Goethe, Motto der »italienischen Reise«.

Wege von und nach Italien lassen sich für alle im heutigen

Programm vertretenen Komponisten nachzeichnen. Bis weit

ins 19. Jahrhundert gilt eine ausgedehnte Italienreise als regelrechter

Bildungsauftrag. Im Gegensatz zur heutigen Zeit,

in der die Reise nach Rom mit dem Flugzeug eine Sache von

wenigen Stunden ist, war ein solches Unterfangen um 1600

kein Spaziergang.

Heinrich Schütz' zweite Reise nach Venedig im Jahr 1628 war

in puncto Strapazen eher mit einer modernen Erstbegehung

in Patagonien vergleichbar, angesichts der Wirren des

30-jährigen Krieges aber wahrscheinlich weit gefahrvoller!

Jede Beschreibung der kriegerischen Handlungen zwischen

1618 und 1648 würde diesen Rahmen sprengen, zu kompliziert

ist das Netz der weit auseinanderliegenden, kreuz und

quer durch ganz Europa verlaufenden Konikte. »Der Krieg

ernährt den Krieg«, dieses kurze Zitat, dem Feldherrn Wallenstein

in den Mund gelegt, lässt jedoch die Auswirkungen

auf die Zivilbevölkerung deutlich erahnen.

- 28 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 29 -


Das lateinische Original (»Et in Arcadia ego«) des erwähnten

goetheschen Mottos ndet sich viel früher auf einem Bild

des Italieners Barbieri, das kurz vor Ausbruch des 30-jährigen

Krieges entstand. Mitten im schönsten arkadischen

Idyll ziert er hier einen Sockel, auf dem ein Totenschädel

ruht: »Auch ich, der Tod, bin in Arkadien« – ein intensives

Vorausahnen des alles prägenden barocken Spannungsfeldes

zwischen »memento mori« (Gedenken der Sterblichkeit) und

»carpe diem!« (Pücke [Nutze] den Tag!). Aber es tritt nicht

unvermutet auf, sondern ndet sich vielmehr in der Antike

bei Lukrez in dessen mehr als 6000 Verse umfassenden Abhandlung

»De Rerum Natura«:

O wie arm ist der Menschen Verstand, wie blind ihr Verlangen!

In welch nsterer Nacht und in wie viel schlimmen Gefahren

Fließt dies Leben, das bisschen, dahin!

Erkennt man denn gar nicht,

Dass die Natur nichts anderes erheischt, als dass sich der Körper

Wenigstens frei von Schmerzen erhält und der Geist sich beständig

Heiteren Sinnes erfreut und Sorgen und Ängsten entrückt ist?

(2:14-19)

Die Rückbesinnung auf antike Ideale – »ad fontes«, wie es

Erasmus von Rotterdam nannte – hatte bereits Petrarca wortgewaltig

gefordert. Von überall trug man alte Schriften

zusammen. Man bewunderte antike Dichter, Redner und

Philosophen und eiferte ihnen in geschliener Rhetorik

und poetischen Formulierungen nach. Verbunden mit dem

generell erstarkenden Selbstbewusstsein des Menschen, erhob

sich vor allem die Sprachkultur zu neuen Höhen und

bereitete Dichtern wie Dante oder Shakespeare den Boden.

Lukrez' Gedicht fand erstaunlich rasch Verbreitung in den

humanistischen Kreisen jener Zeit und hinterließ deutliche

Spuren in Philosophie und Kunst.

Diese neue Anität zur Sprache machte ihren Einuss auch

in der Musik geltend, etwa in der Forderung nach mehr Textdeutlichkeit.

Versuche zur musikalischen Belebung der antiken

Dramen seit Beginn des 16. Jahrhunderts durch Zirkel

wie die Florentiner Camerata gaben der Musik aber einen

gänzlich neuen Impuls: Sie ordnet sich nun vollständig dem

Text unter. Was hier entsteht, wird Inbegri der Barockmusik:

mit wenigen Akkorden begleiteter Sologesang, emotional

befeuert durch die Wiederentdeckung antiker Aektenlehren.

Ersten und leuchtenden Höhepunkt bildet das Schaen

des genialen Claudio Monteverdi.

Der Ruhm des prosperierenden, weltoenen Italiens, dessen

gesellschaftliches Klima die Entwicklungen der Renaissance

begünstigte, war trotz der Umwälzungen des 16. Jahrhunderts

ungebrochen. Wer etwas auf sich hielt, sandte sein künstlerisches

Personal – nicht nur Musiker – für einige Zeit zum

Studium nach Italien. Landgraf Moritz von Hessen-Kassel erkannte

die Begabung des jungen Heinrich Schütz und schickte

ihn für ganze drei Jahre nach Venedig. Schütz, der zeitlebens

nur Giovanni Gabrieli, Organist an der Kirche San Marco,

als seinen einzigen Lehrer angab, wirkte mit seiner genialen

Transferierung der italienischen Monodie in die reformierte

deutsche Sprache epochal für den gesamten deutschen Raum.

- 30 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 31 -


Die Italien-Mode des 17. Jahrhunderts verdeutlichen nicht

zuletzt Sammel-Abschriften verschiedenster Werke italienischer

und deutscher Komponisten, wie das Rost-Manuskript,

dem einige der heute zu hörenden Werke entstammen.

Die Wiener Hofkapelle wird ab 1619, dem Jahr der Heirat

von Ferdinand II. und Eleonora Gonzaga, in deren familiären

Diensten Monteverdi steht, regelrecht italianisiert. »Einheimischen«

Talenten, wie etwa Johann Caspar von Kerll, ermöglicht

man Studien in Italien. Die Hofkapellmeister sind ausschließlich

Italiener, was mit wenigen Ausnahmen bis weit

ins 18. Jahrhundert Sitte bleibt. Der in Scheibbs geborene

Heinrich Schmelzer, zuvor beliebter Ballettkomponist am Hof,

ist der erste österreichische Hofkapellmeister, pestbedingt allerdings

nur ein Jahr (1679).

In den Norden kommt der italienische Einuss über Jan Pieterszoon

Sweelinck, genannt »Orpheus von Amsterdam«, der

wahrscheinlich in den 80er Jahren des 16. Jahrhunderts in

Venedig bei Zarlino studierte. Die Lösung von der Vokalpolyphonie

geht im Norden mit enormen Entwicklungen

auf dem Gebiet des Orgel- und Cembalobaus einher. Große

Tastenumfänge und leichtgängiges Spiel ermöglichen einen

höchst virtuosen und expressiven Tasten-Stil, als dessen Meis-

ter Dietrich Buxtehude gerühmt wird: des stylus phantasticus.

Als Organist an St. Marien in Lübeck war Buxtehude auch

für geistliche Konzerte, die so genannten Abendmusiken, zuständig.

Sein umfangreiches Œuvre an Vokalmusik und Kantaten

ist bereits ganz selbstverständlich dem nun etablierten

Genius Wort-Ton-Verhältnis verpichtet.

Mit Georg Muat schließt sich ein besonderer Kreis: Als Knabe

gelangte der Florentiner Jean-Baptiste Lully – ursprünglich

Giovanni Battista Lulli – um 1646 an den französischen Hof

und wurde ein sehr enger Freund des sechs Jahre jüngeren

Königs Ludwig XIV. Seine immense kompositorische Begabung

machte ihn zum Aushängeschild und Inbegri französischer

Musik. Muat, der aus Savoyen stammt, hat Begabung

wie Glück, einige Jahre bei Lully studieren zu dürfen.

Derart perfekt durch einen Italiener im französischen Stil

geschult, vervollkommnet er sich später bei Corelli in Rom

im italienischen Stil und gilt, auch aufgrund der weiten Verbreitung

seiner Concerti grossi und Traktate, als Wegbereiter

und Ernder der »vereinigten Stile«, der »goûts réunis«.

- 32 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 33 -

Ewald Donhoer


Programm

Johann Rosenmüller

(1619 – 1684)

1. Sonata Quarta à 3

(Nuremberg, 1682)

Presto - Adagio - Grave - Presto - Adagio - Presto

Heinrich Schütz

(1585 – 1672)

2. Liebster, sagt in süssem Schmerzen

Johann Michael Nicolai

(1629 – 1685)

3. Sonata à 2

(Rost Manuscript, ca 1650, Bibliothèque Nationale de France)

Christoph Bernhard

(1628 – 1692)

4. Aus der Tieffen

Johann Kaspar Kerll

(1627 – 1693)

5. Sonata à 2

(Rost Manuscript)

Georg Muffat

(1653 – 1704)

6. Passacaglia

(2 keyboards solo)

Heinrich Schütz

7. Exultavit cor meum

Dieterich Buxtehude

8. Herr, wenn ich nur dich hab

BuxWV 38

Johann Heinrich Schmelzer

(1623 – 1680)

9. Pastorella à 2

(Rost Manuscript)

Anonymous

10. Variationes à 2

(Rost Manuscript)

Dieterich Buxtehude

(ca. 1637 – 1707)

11. Liebster, meine Seele saget

BuxWV 70

- 34 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 35 -


Texte

2. Liebster, sagt in süssem Schmerzen

Liebster, sagt in süssem Schmerzen

deine Sulamithin dir,

komm doch, saget sie von Herzen,

küsse mich, o meine Zier,

deine Huld ist zu erheben

für des schönsten Weines Reben.

Dein Geruch der ist viel besser,

Als der feist Olivensaft

an dem syrischen Gewässer,

Als des Balsams edle Kraft,

darum müssen auf dich schauen

und dich lieben die Jungfrauen.

Zeuch mich hinter dir, wir kommen,

folgen deinen Händen nach,

nun er hat mich eingenommen

in sein heilges Schlafgemach,

Will mich wissen an den Enden,

wo sich meine Brunst kann wenden.

Wem darf ich an Glücke weichen,

weil mich der so sehnlich liebt,

dem kein Wein ist zu vergleichen,

den die beste Traube giebt!

Allen Leute, welche leben,

Müssen meinen Freunden erheben.

Meint ihr, dass ich minder gelte,

o ihr Töchter Solyme,

weil ich schwarz bin, wie die Zelte

an der heissen Mohrensee,

könnt ich Schönheit doch noch leihen

Salomons Tapezereien.

Dass ich braune Haut gewonnen,

Seht mich darum nicht so an,

Ich bin schwarzbraun von der Sonnen,

Ihre Brunst hat dies gethan,

Seit dass mich in Zorn und Hassen

meiner Mutter Kinder fassen.

Ich muss ihnen stets verwachen

ihre Berg und ihren Wein,

Ihre Berge, welche machen,

dass ich itzund schwarz soll sein,

aber mein Berg blieb nur liegen,

weil ich musste sie vergnügen.

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4. Aus der Tieffen ruff ich

Aus der Tieen ru ich, Herr, zu Dihr.

Herr, höre meine Stimme,

Laß deine Ohren merken

au die Stimme meines Flehens.

So du wilst, Herr, Sünde zurechnen,

Herr, wer wird bestehen?

Denn bei Dir ist die Vergebung,

Daß man Dich fürchte.

Ich harre des Herrn;

Meine Seele harret,

und ich hoe auf sein Wort.

Meine Seele wartet au den Herrn

von einer Morgenwache biß zur andern.

Israel hoe au den Herren;

Denn bei dem Herren ist die Gnade

und viel Erlösung bei ihm,

Und Er wird Israel erlösen

aus allen seinen Sünden.

7. Exultavit cor meum

Exultavit cor meum in Domino

et exaltatum est cornu meum in Deo

dilatatum est os meum super inimicos meos

quia laetata sum in salutari tuo,

non est sanctus ut est Dominus.

Neque enim est alius extra te.

Et non est fortis sicut Deus noster.

Freude und Glück bewegt mich in Gott, dem Herrn.

Hoch und erhaben ragt nun mein Horn

durch die Kraft des Herren;

siehe, weit önet sich mein Mund wider alle meine Feinde.

Freude beseelt und erfüllt mein Herz,

denn du bist mein Erretter.

Nichts ist heilig wie du,

Herre Gott, denn es gibt keinen Gott als nur dich allein,

nichts ist so mächtig wie Jehovah, unser Herr und König.

8. Herr, wenn ich nur dich hab

Herr, wenn ich nur dich hab,

so frag ich nichts nach Himmel und Erden,

wenn mir gleich Leib und Seel' verschmacht.

So bist du doch Gott allezeit

meines Herzens Trost und mein Heil.

Alleluja.

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11. Liebster, meine Seele saget

Liebster, meine Seele saget

Mit durchaus verliebtem Sinn

Und mit vollem Sehnen fraget:

Liebster, ach, wo bist du hin?

Komm, mein Heiland, mein Verlangen,

Komm von Libanon gegangen.

Lass dich nden, o dein Jammer!

Dann so will ich führen dich

Hin zu meiner Mutter Kammer,

Ja, ich will bemühen mich,

Meine Lust, dich nicht zu lassen

Auf die Gassen, auf die Strassen.

Sage mir doch, bitt' ich, sage,

O du Sarons Blume, du,

Wo zugegen in Mittage

Nimmst du meine süsse Ruh?

Ach, wo pegst du samt den Schafen

Auszuruhen, auszuschlafen?

Komm, ach komm, lass deine Liebe

Dein Panier sein über mir,

Mich deine Absein nicht betrübe,

Sondern lass mich für und für

Unter deinen Armen sitzen,

Deine Liebesamm erhitzen.

Alleluja.

Raphaël Collignon studierte an den

Musikhochschulen von Paris, Straßburg,

Den Haag, Amsterdam und Brüssel, wo

er höchste Auszeichnungen in den Bereichen

Klavier, Kammermusik, Cembalo,

Basso Continuo und Jazz (Improvisation)

erhielt. 2005 unternahm er gemeinsam mit der Flötistin

Nathalie Houtman eine einjährige Welttournee. Dieses Projekt

führte zu Auftritten und Begegnungen auf Musikbühnen

in Russland, Asien, Afrika und Südamerika.

Als Basso Continuo-Spieler wird er regelmäßig zur Zusammenarbeit

mit diversen Ensembles und den bedeutendsten

Musikern der heutigen Barock-Szene eingeladen (Ton Koopman,

Jordi Savall, Chiara Banchini, Lars Ulrik Mortensen,

Christophe Coin, Emmanuelle Haim, Alfredo Bernardini, Andrew

Manze, François-Xavier Roth u.a.). Darüber hinaus widmet

er sich zunehmend der Komposition von Werken für die

darstellenden Künste (Tanz, eater, Zirkus & Film).

Roswitha Dokalik wurde 1980 in

Wien geboren. Sie studierte Violine an

der Hochschule für Musik und darstellende

Kunst und am Konservatorium der Stadt

Wien bei Eugenia Polatschek, weiters an der

Anton Bruckner Privatuniversität in Linz

bei Alfred Staar und Josef Sabaini. Sie schloss ihre Instrumental-

und Pädagogikstudien mit ausgezeichneten Erfolgen ab

und setzte das Studium der historischen Auührungspraxis

bei Michi Gaigg in Linz und Enrico Gatti am Koninklijk

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Conservatorium in Den Haag fort. Noch während ihres Studiums

substituierte sie im Brucknerorchester Linz und spielte

seitdem Konzerte, Tourneen und CD-Aufnahmen mit dem

L'Orfeo Barockorchester, EUBO, Orchestra of the Age of Enlightenment,

Ricercar Consort, Ensemble Aurora, Sirocco, Austrian

Baroque Company, Hofkapelle München und vielen mehr. Sie

ist Gründungsmitglied des Harmony of Nations Baroque Orchestra

und außerdem als Violinpädagogin tätig.

Nathalie Houtman erhielt nicht nur

einen ersten Preis im Fach Klavier am

Konservatorium von Mons, darüber hinaus

schloss sie auch ihr Studium am Brüsseler

Konservatorium im Fach Blocköte mit

Auszeichnung ab. Später studierte sie in

Amsterdam und anschließend in Den Haag, wo sie 2007 mit

dem Master of Music abschloss. Sie trat mit Frédéric de Roos

(La Pastorella) auf, mit dem sie als Solistin »Corellis Concerto

Grosso« (Diapason d'or) einspielte. Ferner arbeitete sie

mit Les Muatis, dem Ensemble More Maiorescu, dem Ensemble

Laterna Magica sowie mit dem Ensemble Apsara im

Repertoire der zeitgenössischen Musik. Ihr Interesse an der

indischen Musik führte zur wiederholten Zusammenarbeit

mit Harsh Wardhan, dem indischen Meister auf der Bansuri,

in Indien. Nathalie Houtman wurde auf verschiedenen Wettbewerben

ausgezeichnet. Unter anderem erhielt sie 2007 den

Preis der Fondation Belge de la Vocation, der ihr weiterführende

Recherchen im Bereich der traditionellen asiatischen

Flötenmusik ermöglichte.

Thomas Yvrard war 2005 Mitglied

des Barockorchesters der Europäischen

Union unter der Leitung von Lars Ulrik

Mortensen und Jaap ter Linden. Im Herbst

2007 wirkte er im Rahmen der XIV. Barockakademie

in Ambronay an der Aufführung

der französischen Oper »Le Carnaval et la Folie«

von André-Cardinal Destouches unter der Leitung von Hervé

Niquet mit. Als Austauschstudent in Amsterdem belegte er

außerdem Cembalokurse bei Menno van Delft.

omas Yvrard lehrt Basso Continuo am Konservatorium in

Douai in Nordfrankreich sowie historische Improvisation am

Konservatorium von Boulogne-Billancourt. Er ist Mitglied

der Ensembles L'oxymore und Sirocco und war 2008/2009

Preisträger des Mécenat Musical Société Générale.

Die weiteren Biografien nden Sie auf folgenden Seiten:

Hanna Herfurtner, Seite 20

Isabelle Rejall, Seite 21

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Samstag, 08.09. | 22 Uhr

Klosterkirche St. Veit

Der letzte Akt des Mittelalters –

Kristalline Polyphonie des Trecento

Ensemble Pentagonale

Kerstin Ansorge: Gotische Harfe

Claudia Caffagni: Gesang

Marilin Lips: Gesang

Sara Mancuso: Gotische Harfe,

Organetto, Clavicymbalum

Matthias Otto: Laute, Fidel

Christoph Prendl: Fidel, Organetto

Stefanie Pritzlaff: Blocköten, Traversöte

Marie Verstraete: Fidel, Blocköten

Einleitung

Der letzte Akt – das »Fin de siècle« des Trecento: Dieses hier

bewusst gewählte Leitthema klingt zunächst einmal wie der

Titel oder zumindest vielleicht wie das letzte »Kapitel« eines

Dramas von Francesco Petrarca oder Dante Alighieri ... oder

vielleicht doch von Giovanni Boccaccio? Ohne jedoch weiter

darauf eingehen zu wollen, ob diese drei nun zu Lebzeiten

tatsächlich »Dramen« verfasst haben – sie alle waren Mitbegründer

des Humanismus und zählen zu den wichtigsten

Vertretern der frühen italienischen Literatur –, lebten sie in

einer Zeit, die, aus heutiger Sicht betrachtet, gemeinhin als

äußerst facettenreich, ja in vielerlei Hinsicht sogar als geheimnisvoll

eingeschätzt wird.

Der Protagonist des »letzten Aktes« dieser Geschichte ist

also der Mensch des Mittelalters, der sich nur sehr zögerlich

vom geordneten Weltbild der katholischen Kirche löst

und sich auf eine Reise begibt, die ihn letztlich wieder – oder

sollte man besser sagen »zum ersten Mal erst so richtig«? – zu

sich selbst führt und ihn seine Individualität erkennen lässt.

Die Suche nach neuen Ufern zu Beginn des 15. Jahrhunderts

ndet ihren Widerhall auch in der Musik. Über die Gattungsgrenzen

von Chanson und Motette hinweg experimentieren

Komponisten mit immer komplexeren Rhythmen und

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Melodieführungen. In diese vielfältige musikalische Welt

tritt nun ein franko-ämischer Musiker, dessen Schaen einen

Wendepunkt in dieser Entwicklung darstellt: Johannes

Ciconia. Sein Werk ist ein paradigmatisches Beispiel für die

Inspiration, die aus einem überreichen kulturellen Umfeld

geschöpft werden kann und selbst wiederum zu neuen Ausdrucksformen

führt.

Von der Person Johannes Ciconias ist uns ein eher undurchsichtiges

Flechtwerk an Informationen über das Leben und

Werk eines Menschen erhalten, der mit seinen Kompositionen

nachweislich die Musik des späten italienischen Trecento

bis in die Mitte des Quattrocento hinein geprägt hat.

Verschiedene Forschungen haben bereits zur Rekonstruktion

seiner Biograe beigetragen, stetig neu entdeckte Quellen

hinterfragen, erweitern und ergänzen das Gesamtbild. Zumindest

so viel ist sicher: Johannes Ciconia starb vor genau

600 Jahren, nämlich im Jahre 1412 zwischen dem 10. Juni

und 12. Juli in Padua. Papst Bonifaz IX., seines Zeichens

Papst zur Hochphase des großen Schismas, genauer gesagt

der Kirchenspaltung der lateinischen Kirche, die zwischen

den Jahren 1378 und 1417 ihren Lauf nahm, bezeichnete ihn

in einem an Ciconia selbst gerichteten Brief, datiert auf den

27. April des Jahres 1391 und erst kürzlich in den Vatikanischen

Archiven wiederentdeckt, als clerico leodiensi, was auf

eine Herkunft aus dem belgischen Liège/Lüttich hindeutet.

Es handelt sich hierbei um einen wichtigen Baustein zur

Rekonstruktion der nur fragmentarisch erhaltenen Biograe

eines Komponisten, dessen Existenz unweigerlich im direkten

Zusammenhang mit seinen Werken betrachtet werden

muss. Die Tatsache, dass sein Vater den gleichen Namen trug

wie er, nämlich Jehan de Chywongne, macht es nicht gerade

leichter, ihn nicht mit anderen Klerikern aus Lüttich zu verwechseln,

die nachweislich in der Zeit zwischen 1350 und

1453 in Flandern, Südfrankreich und Italien gelebt haben.

Entsprechend kann man nun von den folgenden Fakten ausgehen:

Höchstwahrscheinlich um das Jahr 1370 in Lüttich

geboren, wuchs Johannes Ciconia dort als unehelicher Sohn

des Domherrn der Stiftskirche St. Johannes Evangelist auf.

Eine Auistung derselben Kirche aus dem Jahr 1385 registrierte

ihn dort als duodenus, einen Chorknaben. In einem in

Padua aufgefundenen Dokument bezeichnet er selbst seinen

Vater als quondam Joannis de civitate Leodii, also einen »gewissen

Johannes aus der Stadt Leodium«. Im Jahr 1391 stand er

nachweislich in Rom im Dienst von Philippe d'Alençon, einem

treuen Kardinal des römischen Papstes. Diese Konstellation

wiederum war ausschlaggebend für den bereits erwähnten

päpstlichen Brief, der seine uneheliche Abstammung defectus

natalium de presbitero genitus als hinfällig deklarierte, um

ihm so eine Karriere in der Kirche zu ermöglichen, die ihm

andernfalls verwehrt geblieben wäre.

Bezüglich seiner Karriere als Musiker ist bekannt, dass er ab

April 1403 bis zu seinem Tod als cantor et custos an der Kathedrale

von Padua angestellt war. Sogar das genaue »Gehalt«,

ein benecium mansionarie von 100 Gold-denari bereits ab

1402, das ihm vom Domkapitel zugestanden wurde, ist überliefert.

Für die Zeit davor – zwischen 1391 und 1401 – fehlt

es leider erheblich an Dokumenten, so dass nur eine äußerst

vorsichtige Analyse seines musikalischen Schaens, seiner

- 46 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 47 -


Präsenz in musikalischen Quellen sowie seiner stilistischen

und textuellen Entwicklung darüber Aufschluss geben kann,

für wen und wo Ciconia möglicherweise gearbeitet bzw. gelebt

haben mag. Ein Beispiel hierfür ist das Madrigal Una

panthera, das, nach einem längeren möglichen Aufenthalt in

Rom bis in die späten 1390er-Jahre, auf eine aktive Präsenz

am Hofe der Visconti in Pavia nach dieser Zeit und vor seinem

Aufenthalt in Padua hindeutet. Als eines von mehreren

Werken Ciconias, die mit den Visconti in Verbindung gebracht

werden können, ist bei diesem Stück genau bekannt, wofür es

geschrieben worden ist, nämlich anlässlich Lazzaro Guinigi

di Luccas Besuch in Pavia im Frühling des Jahres 1399, um

eine Allianz mit Gian Galeazzo Visconti einzugehen.

Betrachtet man Ciconias Kompositionsweise genauer, so fällt

eine tatsächlich neuartige Satztechnik auf, die eine Koordinierung

der Oberstimmen nicht nur mit dem so genannten

Tenor, sondern auch untereinander vorsieht. Man könnte

sie in ihrer Wirkung mit dem etwa zur selben Zeit erfundenen

Facettenschli vergleichen, der Edelsteinen, je nach

Lichteinfall, zu immer neuen Farbnuancen verhilft: ein treffendes

Beispiel für die Faszination des so oft proklamierten

»dunklen Mittelalters« für das Licht und dessen mannigfaltige

Schattierungen! Wie verhält sich dies nun im direkten

Vergleich mit anderen Kompositionen aus der Zeit und/

oder dem Umfeld Ciconias? Eine andere Herangehensweise,

um sich an diesen Musiker und seine Umwelt gewissermaßen

»heranzutasten« und ein besseres Verständnis dieser fast

schon »kristallinen« Polyphonie zu erlangen, ist es, sich mit

Zeitgenossen und Werken von Menschen auseinanderzuset-

zen, die Ciconia vielleicht sogar selbst gekannt haben könnte.

Entsprechend beginnt hier eine Reise aus der Neuzeit zurück

ins Mittelalter. Und der Protagonist? Die für sich selbst sprechende

Musik.

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Stefanie Pritzla

Das Ensemble Pentagonale bedankt sich ganz herzlich für die

tatkräftige Unterstützung von und für die Zusammenarbeit

mit Claudia Caagni vom Ensemble laReverdie. Sie lieferte

uns in den vergangenen Jahren bei weitem nicht nur die

nötigen Informationen aus ihrer eigenen Forschungsarbeit

(Claudia Caagni »Omaggio a Johannes Ciconia (ca. 1370 –

1412): Un modello per i mottetti di Ciconia: Marce Marcum

imitaris«, in Marcianum, VIII, 1, (2012)), um beispielsweise

den oben stehenden Text verfassen zu können. Wir durften

unglaublich viel von ihr lernen, sie hat uns nicht nur begleitet,

sondern im wahrsten Sinne des Wortes mit ihrem Elan

und ihrer Freude an mittelalterlicher Musik angesteckt und

begeistert.


Programm

Grazioso da Padova

(. 2. Hälfte des 14. Jh.)

1. Gloria 1)

Pierre Tailhandier

(. um 1390)

2. Credo 2)

Jacopo da Bologna

(. 1335 – 1365)

3. Aquila altera 6)

Jacopo da Bologna

(. 1335 – 1365)

4. Lux purpurata/diligite justitiam 1)

Motette

Jacob de Senleches

(. 1382/1383 – 1395)

5. La harpe de melodie 8)

Matteo da Perugia

(. 1400 – 1416)

6. Serà quel zorno may 4)

Ballata

Johannes Ciconia

(um 1370 – 1412)

7. Lizadra donna 9)

Ballata

Bartolino da Padova

(um 1365 – 1405) /Anonymus

8A. La doulse cere di un fier animal 3)

Madrigal

8B. La doulse cere di un fier animal 6)

Instrumental

Paolo da Firenze

(um 1355 – 1412)

9. Sofrir m'estuet et plus non puis durer 7)

Virelai

Johannes Ciconia

10. O Virum omnimoda / O lux et decus /

Beate Nicholae 10)

Motette

Johannes Ciconia

11. Una panthera in compagnia di Marte 5)

Madrigal

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Francesco Landini

12. De! Dinmi tu 3)

Madrigal / Caccia

Filippotto da Caserta

(. 1380 – 1410)

13. En attendant souffrir m'estuet grief payne 4)

Ballata

Johannes Ciconia

(. um 1390)

14. Venecie mundi splendor / Michael,

qui stena domus 10)

Motette

Quellen:

1) Padova: Biblioteca Universitaria, 684

2) Apt: Cathédrale Sainte-Anne, Bibliothèque du Chapitre

3) Firenze: Biblioteca Medicea-Laurenziana, Palatino 87

(Codice Squarcialupi)

4) Modena: Biblioteca Estense e Universitaria a.M.5.24

5) Lucca: Archivio di Stato 184 (Codice Mancini)

6) Faenza: Biblioteca Comunale 117

7) Paris: Bibliothèque Nationale, fonds italien 568

8) Chantilly: Bibliothèque du Musèe Condè 564

9) Parma: Archivio di Stato, Busta n.75 (frammenti musicali)

10) Bologna: Civico Museo Bibliograco Musicale, Ms Q 15

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Texte

1. Gloria

2. Credo

3. Aquila altera – Instrumental

4. Lux purpurata/diligite justitiam

Triplum:

Lux purpurata radiis

venti fugare tenebras.

Clementi vigens principe.

Honoris namque claritas

ipsius toti seculo

numen acquirit celebre

virtutis atque gratie.

Salvator rei publice.

Virtutum cultor optimus.

Verus amator ecax.

Constans in omni studio.

Et nil permittens irritum.

Clemens et iustus dominus.

Onustus arrogantibus.

1. Gloria

2. Credo

3. Aquila altera – Instrumental

4. Lux purpurata/diligite justitiam

Triplum:

Licht, das unter der Herrschaft

eines milden Fürsten erblüht,

kommt, geziert mit Strahlen, die Dunkelheit zu vertreiben.

Seine Ehre und Glanz erlangen

während seines ganzen Zeitalters

berühmte Autorität in

Tugend und Gnade.

Retter des Staates.

Größter Erschaer von Tugend.

Wahrer und nachhaltig Liebender.

Beständig in allem Eifer.

Und nichts Fehlerhaftes Zulassender.

Milder und gerechter Herr.

Von Anmaßenden belastet.

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Misericors egentibus

emittit lumen omnibus

salutis atque premii.

Motetus:

Diligite iustitiam

qui iudicatis machinam.

Prodesse cunctis discite.

Obesse nulli querite.

Hoc proprium est principis.

Ut sit exutum viciis.

Solicitudo presuli

sit comes, ut pacice

quiescant ejus populi.

5. La harpe de melodie – Instrumental

6. Serà quel zorno may

Serà quel zorno may

dolze madonna mia

che per toa cortesia

prenda el mio cor che vive in tanti guai?

Certo non ben convensi

zentil cosa trovar senza pietate

ne che in summa beltate

cortesia manchi ai lassi spirti accensi.

Barmherzig gegenüber den Bedürftigen.

Er sendet aus Licht des Heils

und des Verdienstes für alle.

Motetus:

Wähle Gerechtigkeit,

Du, der du das Staatsgetriebe wertest.

Lerne, Allen zu helfen.

Trachte danach, Keinen zu verletzen.

Dies ist die Besonderheit eines Fürsten.

Dass er ohne Laster sei.

Möge Besorgnis der Begleiter des Beschützers sein.

Damit sein Volk

in Frieden leben kann.

5. La harpe de melodie – Instrumental

6. Wird dieser Tag je kommen

Wird dieser Tag je kommen,

meine süße Gebieterin,

da du durch deine Güte

mein Herz ergreifst, das so in Qualen lebt?

Sicher ziemt es sich nicht,

Edles zu nden ganz ohne Erbarmen,

auf dass in höchster Schönheit nicht

die Güte fehlt, ach, unglücklich entbrannte Geister!

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Dunque perché non pensi

al mio grave dolore

non vedi tu che'l core

per te si struze et manca in pianti omai.

Serà quel zorno mai

dolze madonna mia

che per toa cortesia

prenda el mio cor che vive in tanti guai.

7. Lizadra donna

Lizadra donna che lo mio cuor contenti,

rendime pace omai di mei tormenti.

Tu say ben che honesto amor e pura fede

strinse lo mio cour di doglia e di martiri.

Senca aver may per ben amar mercede,

men ianto a gl'ochi, al pecto men sospiri.

Dimando a consollare I mey desire,

qualche conforto ay mei eri lamenti.

Warum denkst du dann nicht

an meinen tiefen Schmerz?

Siehst du nicht, dass dies Herz

für dich sich aufzehrt und in Tränen bald vergeht?

Wird dieser Tag je kommen,

meine süße Gebieterin,

da du durch deine Güte

mein Herz ergreifst, das so in Qualen lebt?

7. Meine schöne Dame

Meine schöne Dame, die mein Herz erfreut,

befreie mich von meinen Qualen.

Sie wissen genau, dass ehrliche Liebe und reiner Glauben

mein Herz mit Schmerz und Leid umschlingen.

Ohne jemals Trost erhalten zu haben, dich zutiefst zu lieben,

noch meine Augen weniger weinen,

noch weniger Seufzer in meiner Brust sind.

Ich ehe um Linderung meiner Wünsche,

etwas Trost für meine grausamen Klagen.

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8A. La doulse cere di un fier animal

La doulse cere di un er animal

se poit entendre pour saneance

grant ardimant et umble semblance.

Le vis human, le buste d'un lion.

intre segiés d'un brief allegier

que dit lialmant sans doctier.

A son col porta une scuto tout blans,

que de gonbrier il fut tout garans.

8B. La doulse cere di un fier animal

Instrumental

9. Sofrir m'estuet et plus non puis durer

Sofrir m'estuet et plus non puis durer

le grant forze d'amour:

je fort languis con joye en grant doulour.

Vidon gli ochi mortal di razi accesa

ammegiar una stella al modo d'un sole;

la vista mia non pote far difesa:

passo el razo al core onde si dole.

8A. Das sanfte Antlitz eines wilden Tieres

Das sanfte Antlitz eines wilden Tieres

kann verstanden werden, als dass es großen Wagemut bezeigt,

gepaart mit einem bescheidenen Auftreten.

Ein menschliches Gesicht, die Büste eines Löwen,

umgürtet, damit es Erleichterung bringt,

was auf eine ehrliche Art und Weise spricht, ohne zu predigen.

Er trägt, herabhängend an seinem Hals, einen Schild,

vollkommen in Weiß, sodass es Schutz erfahre vor allen Angreifern.

8B. Das sanfte Antlitz eines wilden Tieres

Instrumental

9. Ich muss leiden und kann nicht länger

Ich muss leiden und kann nicht länger

die große Kraft der Liebe ertragen.

Ich schmachte tief, Freude und große Trauer in perfekter Balance.

Meine sterblichen Augen sahen einen Stern,

brennend wie eine Sonne, umgeben von hellen Strahlen.

Mein Augenlicht konnte keinen Schild aufstellen: ein Strahl

traf bis ins Herz, das daher in Schmerzen sich windet.

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Non val sospir, non fe, non dir parole.

en grant doyl est mon cuer:

je pourport esperans in douls amour.

Sofrir m'estuet et plus non puis durer

le grant fors d'amour:

je fort languis con joye en grant doulour.

10. Cantus I

O Virum omnimoda veneracione dignum

cunctarum virtutum meritis decoratum

quem Dominus Tranensibus patronum pie concessit,

cuius precibus adjuvari,

devote deposcimus.

Amen.

Cantus II

O Lux et decus Tranensium, Nicholay peregrine,

qui in celis gloriaris cum sanctis perenniter,

in hac valle miserie nos suspirantes protégé,

qu carnis exuti ergastudo ad superos pertrahamur

dicentes: Miserere nobis, domine.

Amen.

Es gibt keinen Punkt im Seufzen, im Zusichern von Glauben,

im Sprechen von Worten. Mein Herz ist in großer Trauer.

Ich trage in mir Honung auf süße Liebe.

Ich muss leiden und kann nicht länger die große Kraft

der Liebe ertragen.

Ich schmachte tief, Freude und große Trauer in perfekter Balance.

10. Cantus I

Lasset uns andächtig den Mann anehen, würdig aller

Verehrung, geschmückt mit den Belohnungen aller seiner Taten,

dem der Herr Gnade zu Trani beschieden hat

als seinen Heiligen Schutzpatron

und dem durch seine Gebete geholfen wird.

Amen.

Cantus II

O Licht und Stolz von Trani, Nicolas der Pilger,

der Herrlichkeit im Himmel mit den Heiligen für immer

erfahren hat, uns zu beschützen in diesem Jammertal,

so dass, nachdem er dem Gefängnis des Fleisches entkommen ist,

wir auahren und sagen können: Herr, erbarme dich unser.

Amen.

- 62 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 63 -


Tenor

O Beate Nicholae,

supplicum vota suscipe, agitamus,

ut quos presencia tua declarasti

eterno tueare presidio

et perenniter gratulemur

tua festa colentes,

Amen.

11. Una panthera

Una pantera in conpagnia de Marte,

candido Jove d'un sereno adorno

constante è l'arme chi la guarda intorno:

Questa guberna la città Luccana

con soa dolceca el cielo dispensa e dona,

secondo el meritar, iusta corona,

dando a ciascun mortal, che ne sia degno

triumpho, gloria e parte in questo regno.

Tenor

Seliger Nicolas,

wir bitten dich, die Petitionen deiner Bittsteller anzunehmen,

dass wir, denen du in deiner Anwesenheit erklärt hast,

du würdest sie schützen durch deine ewige Hilfe,

so auch, deine Feste einhaltend,

unendlichen Dank erwerbend,

Amen.

11. Ein Panther

Ein Panther in Begleitung des Mars,

makelloser (weißer) Jupiter an einem geschmückten Himmel,

das ist für den, der ihn anschaut, eine beständige Verteidigung.

Dieser Panther beherrscht die Stadt Lucca.

Mit seiner Süße verbreitet und schenkt der Himmel,

verdientermaßen eine gerechte Krone,

indem er jedem Sterblichen, der ihrer würdig ist,

Triumph, Ruhm und Anteil an diesem Reich verleiht.

- 64 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 65 -


12. De! Dinmi tu

De! Dinmi tu che se'così fregiato

di perle d'oro,

quando tu ti vedi, chi ti par esser?

Par aver non credi

ricc'a cavallo ben accompagnato?

Ma un fum'è quel che per gloria tieni

et fregi drappi e tondi palafreni.

Ah che! Di chi dite ch'a quel ch'i'sento?

Ogni stato di gente cerca vento.

13. En attendant souffrir m'estuet grief payne

En attendant sourir m'estuet grief payne

et en langour vivre c'est ma destinée.

Puis que venir ne puis a la fontayne

tant est de ruisiaus en tour avironée.

Celle virtu lia Dieüs donée quelle puet souplir

ciascuns a sousance, per sa dignié et très nouble pousance.

Li grant ruissiaus, que la font leur amaine

si ont leur condustour estopée. Si c'om ne puet trouver

la droit vaine tant est coronpue l'iaue, et troublée.

Guster n'en puis une seule alevée

si Nobleté n'a [de] moy remenbrance

per sa dignité et [très noble pousance].

12. Komm' schon! Erzähl' mir

Komm' schon! Erzähl' mir, wer so

mit goldenen Perlen verziert ist,

wenn du dich selbst anschaust, welches Bild siehst du?

Denkst du wirklich nicht, dass es von Bedeutung ist,

ob du reich bist oder ein Pferd reitest oder ob dir ein prunkvoller

Hofstaat folgt? Aber was für eine Illusion ist es, dass du deinen

Ruhm, Zierrat, Kleider und gut genährte Pferde betrachtest.

Ah! Von wem sagt ihr, dass er (tatsächlich) besitzt, was ich so

höre? Jede Art Mensch sucht die Illusion [Wind].

13. Solange ich warte geschieht es,

dass ich große Leiden ertrage

Solange ich warte geschieht es, dass ich große Leiden ertrage

und es ist mein Schicksal, in Sehnsucht zu leben,

da ich nicht zu der Quelle gelangen kann,

die von vielen Bächen umgeben ist.

Gott hat ihr eine solche Tugend gegeben, dass sie, dank ihrer

Würde und sehr edlen Macht, alle Bäche reichlich versorgen kann.

Die großen Bäche, die die Quelle versorgt, haben ihren eigenen

Lauf verstopft, so dass man die rechte Ader nicht nden kann,

so verdorben und verschmutzt ist das Wasser.

Ich kann keinen einzigen Schluck genießen,

solange sich der Adel nicht an mich erinnert hat -

dank seiner Würde und sehr edlen Macht.

- 66 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 67 -


14. Cantus I

Venecie, mundi splendor,

Italie cum sis decor,

in te viget omnis livor

regulis mundicie.

Gaude, mater maris, salus,

qua purgatur quisque malus,

terre ponti to es palus,

miserorum baiula.

Gaude late, virgo digna,

principatus portas signa

(tibi soli sunt condigna)

ducalis dominii.

Gaude, victrix exterorum,

nam potestas Venetorum

nulli cedit perversorum,

domans terram, maria;

Nam to vincis manus fortis,

pacem reddis tuis portis,

et disrumpis fauces mortis,

tuorum delium.

Pro te canit cove pia

(tui statum in hac via

el conservet et maria)

Johannes Ciconia.

14. Cantus I

Venedig, du Bewunderte der Welt

und Stolz Italiens!

In dir blüht alles Streben

nach einem Kanon an Eleganz.

Freue dich, du Mutter des Meeres,

du rettende Kraft, durch die jeder Übeltäter gereinigt wird.

Du bist ein Pfahl zu Land und Meer,

eine Unterstützung für die Niedrigen.

Freue dich außerordentlich, du ehrenwerte Jungfrau.

Du trägst das Wappen

eines herzoglichen Fürstentums,

das dir allein zugeeignet worden ist.

Freue dich, du Eroberin der Heiden,

für die Macht von Venedig,

das Land und Meere zähmt,

überlässt nichts den Verdorbenen;

Denn du eroberst die Kräfte der Mächtigen,

du stellst in deinen Toren den Frieden

deiner Gläubigen wieder her,

und du brichst die Klauen des Todes.

Für dich, mit frommer Stimme, singt

(dass Gott und Maria auf diese Weise

dich bewahren können wie du bist)

Johannes Ciconia.

- 68 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 69 -


Cantus II

Michael qui Stena domus

Tu ducatus portas onus,

honor tibi, quia bonus

vitam duces celibem.

Phebo camper, princeps alme,

tibi mundus promit »salve«;

spargis tuis fructum palme,

victor semper nobilis.

Clemens, Justus approbaris,

decus morum appellaris,

tu defensor estimaris dei catholice.

Bonis pandis munus dignum,

malis fundis pene signum

leges suas ad candignum

gladio justitie.

Sagax, prudens, mitis pater,

(lex divina, cum sis mater)

mentis virtus tibi frater,

zelator reipublice.

Sedem precor tibi dari,

Deo celi famulari,

ejus throno copulari,

per eternal secula. Amen.

Cantus II

Michael, der du die Last

des herzoglichen Hauses von Stena trägst,

Ehre dir, denn du, ein guter Mensch,

weiß ein Leben im Zölibat zu führen.

Herrlicher Prinz, der du wie Phoebus bist,

es grüßt dich die Welt, und du,

der immer edle Sieger,

teilst die Früchte des Sieges unter deinem Volk auf.

Du bist geachtet als barmherzig und gerecht denkend;

du wirst gelobt als ein Ausbund an Tugend,

du bist geschätzt als Verteidiger des katholischen Glaubens.

Auf Gutes verleihst du die richtige Belohnung,

während du auf Böses, wie es war,

dein Gesetz mit dem Schwert der Gerechtigkeit,

als gerechtes Zeichen verhängst.

Du bist ein strenger, kluger, bescheidener Vater

(während du, das göttliche Gesetz, die Mutter der Kunst),

die Macht des Geistes ist dein Bruder,

O Wächter des Staates.

Ich bete darum, dass dir ein Platz gegeben wird

und damit du Gott im Himmel dienen kannst,

auf dass du mit diesem ron

auf ewige Zeiten vereint sein mögest. Amen.

- 70 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 71 -


Ensemble Pentagonale

Das Ensemble Pentagonale verdankt seine Entstehung dem

glücklichen Zusammentreen von fünf Musikern aus verschiedenen

europäischen Ländern, die 2009 an einem Meisterkurs

mit Claudia Caagni vom Ensemble laReverdie im

Rahmen des Festivals trigonale teilnahmen.

In den folgenden Jahren haben sich weitere Mitglieder angeschlossen.

Das Ensemble ist dadurch ein Schmelztiegel von

vielfältigen musikalischen und kulturellen Ideen geworden,

die die einzelnen Mitglieder durch ihre individuellen Erfahrungen

gesammelt haben.

Die Musiker verbindet ihre Passion für das musikalische

Repertoire des Mittelalters, dem sie mit einem gründlichen

Studium der Quellen begegnen.

Das Ensemble gab sein Debüt 2010 in Venedig.

Kerstin Ansorge studierte Blocköte

an der Universität der Künste Berlin bei

Prof. Gerd Lünenbürger und schloss ihr

Studium mit dem Diplom ab. Sie vertiefte

ihre Kenntnisse vor allem im Bereich

der Mittelaltermusik bei Prof. Pierre

Hamon und David Chappuis am Conservatoire National Supérieur

de Musique et de Danse Lyon im Rahmen eines Erasmus-

Austauschprogrammes.

Bei dieser Gelegenheit entdeckte sie ihre Passion für die gotische

Harfe, die sie bei Angélique Mauillon studierte.

Seitdem widmet sie sich vor allem der Mittelalter- und Renaissancemusik

und spielt Konzerte mit verschiedenen Ensembles

in Frankreich, Deutschland, Österreich, Italien und

Spanien. Sie unterrichtet Blocköte und Harfe in Lyon.

Claudia Caffagni wurde 1966 in

Bologna geboren. Bereits im zarten Kindesalter

begann sie mit dem Blockötenspiel.

Doch um den unweigerlich erdrückenden

Vergleich mit ihrer Schwester,

einer Flötenvirtuosin, zu vermeiden, ng

sie mit dreizehn Jahren an, bei ihrem Vater Mirco Lautenunterricht

zu nehmen und verliebte sich rettungslos in dieses

Instrument. Während eines langen Werdegangs im In- und

Ausland absolvierte sie ihr Studium zunächst bei Federico

Marincola und später bei Paul O'Dette und Jacob Lindberg,

bei dem sie 1989 das Diplom »Lute performing« am Royal

College of Music in London erhielt und schließlich bei

- 72 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 73 -


Hopkinson Smith an der Schola Cantorum Basiliensis studierte.

1984, mit der Gründung einer ersten Formation des Ensem-

bles laReverdie gemeinsam mit Ella de Mircovich und einem

befreundeten Lautenisten, begann sie, die eigene Musikforschung

über die Grenzen der Renaissance hinaus zu betreiben

(ein Repertoire, mit dem sie auch solistisch auftrat), hin

zur faszinierenden Welt der mittelalterlichen Musik. Die Zusammenarbeit

mit dem Ensemble laReverdie bewog Claudia

dazu, sich der mittelalterlichen Laute zu widmen und Gesang

bei Elisabetta Tandura zu studieren.

Gemeinsam mit dem Ensemble laReverdie übt sie eine intensive

Konzerttätigkeit aus und nimmt an den bedeutendsten

Festivals in ganz Europa teil. Darüber hinaus trat sie 2011

beim Festival Cervantino in Mexiko auf. Tonaufnahmen

erfolgten für Radio3 (Italien), den Süddeutschen Rundfunk,

den Bayerischen Rundfunk, den Südwestfunk und den Westdeutschen

Rundfunk sowie für BRT3, Radio Klara (Belgien),

France Musique (Frankreich), ORF 1, Antenna 2 (Portugal),

Rne und RTVE (Spanien), Radio2 (Polen), Radio Televizija

Slovenja (Slowenien), Espace2 (Schweiz) und KRO Radio4

(Holland). Es folgten Einspielungen für die Plattenlabels

Nuova Era und Giulia und seit 1993 regelmäßig für das vormals

französische und heutige italienische Label ARCANA

in Koproduktion mit dem WDR (Westdeutscher Rundfunk).

Insgesamt wurden sechzehn Plattenproduktionen veröentlicht,

die zahlreiche Auszeichnungen erhielten.

Mit Leidenschaft der musikwissenschaftlichen Forschung

verbunden, engagiert sie sich immer stärker in der Lehre: So

lehrte sie Historische Auührungspraxis der Alten Musik am

Konservatorium Giuseppe Tartini in Triest, hält Vorlesungen

über mittelalterliche Musik an der Accademia Internazionale

della Musica di Milano, lehrt Plektrum-Laute und frühe Notationskunde

an der Staatlichen Hochschule für Musik Trossingen

und ist seit 2003 Dozentin bei den Corsi Internazionali

di Musica Antica in Urbino. Als Gesangssolistin arbeitet sie

auch mit Accordone zusammen.

Neben dem Studium und ihrer Tätigkeit im Bereich der

Musik absolvierte sie das Diplomstudium Architektur am

Istituto Universitario di Architettura in Venedig mit ausgezeichnetem

Erfolg. Ihre interdisziplinäre Diplomarbeit mit

dem Titel »Il temperamento in musica e in architettura: la

Schola Riccatiana« erschien im Vorjahr. Claudia ist ebenso als

Begutachterin von Diplomarbeiten tätig, die sich mit interdisziplinären

emen zwischen Musik und Architektur befassen.

Seit 1990 ist sie stolze Mutter eines Sohnes, Lorenzo,

der jahrelang einer der leidenschaftlichsten Anhänger des

Ensembles laReverdie war.

Marilin Lips studierte Mittelaltergesang

bei Maria Staak in ihrer Geburtsstadt

Tallinn. Seit 1996 ist sie Mitglied

des Ensembles Rondellus, eines der bekanntesten

Alte-Musik-Ensembles Estlands.

Mit Rondellus sang sie Konzerte in

verschiedenen europäischen Ländern und nahm an den CD-

Aufnahmen Carmina Sanctorum (1989) und Adoratur Rosa

(2009) teil. Sie vertiefte ihre Kenntnisse und Erfahrungen in

Meisterkursen unter der Leitung von Claudia Caagni und

- 74 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 75 -


erlernte frühchristlichen Gesang bei Iegor Rezniko. Heute

ist sie aktiv als Sängerin und studiert gleichzeitig den Masterstudiengang

Kulturtheorie an der Universität Tallinn. Ihr

Ziel ist es, Mittelaltergesang mit der gegenwärtigen Methodik

der Kulturtheorie zu erforschen, wobei sie ihre Erfahrungen

als Sängerin mit der Ausbildung im Bereich der Semiotik

und Literaturtheorie verbinden möchte.

Sara Mancuso, gotische Harfe, Clavicymbalum,

Organetto, studierte Klavier

am Konservatorium B. Marcello in Venedig

und widmet sich seither der Alten

Musik. Sie studierte Cembalo, Klavichord

und Hammerügel bei M. Giorgio

Cerasoli und Bernard Brauchli und nahm an zahlreichen Meisterkursen

für mittelalterliche Musik teil, unter anderem mit

dem Ensemble laReverdie, organisiert von F.I.M.A (Urbino),

und bei Claudia Caagni im Rahmen der trigonale.

Heute gilt ihre Passion hauptsächlich der gotischen Harfe,

die sie bei Hannelore Devaere und Marina Bonetti studiert.

Sie ist Mitglied des spanischen Ensembles für mittelalterliche

Musik Puy de sons d'autre fois und dem venezianischen

Ensemble La Frottola. Seit zwei Jahren arbeitet sie mit dem

Ensemble laReverdie zusammen, mit dem sie bei einer CD-

Aufnahme beim Label Arcana mitgewirkt hat.

Matthias Otto, Mittelalterlaute und

Fidel, entstammt einer Musikerfamilie.

Erste musikalische Ausbildung (Gesang,

Violine) in einem Knabenchor (Dresdner

Kreuzchor). Danach Studium der Chemie

und Violine sowie aktive Mitwirkung in

verschiedensten Ensembles in Leipzig, Wien und Dresden.

Spezialisierung auf Barockvioline bei Simon Standage, auf

eorbe bei Frank Pschichholz und auf Mittelalterlaute bei

Claudia Caagni. Mitwirkungen bei zahlreichen Barockaufführungen

und in verschiedenen Mittelalterformationen.

Christoph Prendl, Fidel und Organetto,

studierte Cembalo bei Brett

Leighton und Viola da gamba bei Claire

Pottinger an der Bruckner-Universität

Linz sowie Viola da gamba und frühe

Streichinstrumente bei Paolo Pandolfo

und Randall Cook an der Schola Cantorum Basiliensis.

Wichtige Impulse erhielt er überdies von Jesper B. Christensen,

Jörg-Andreas Bötticher und Anthony Rooley im Rahmen

seines Studiums in Basel. Als Cembalist und Gambist hat er

in vielen Ländern Europas Konzerte gegeben, unter anderem

bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik, auf den historischen

Instrumenten der Sammlung Beurmann im Hamburger

Museum für Kunst und Gewerbe und in der Konzertreihe

Les Goûts Réunis in Lausanne. Er musiziert mit bekannten

Alte-Musik-Ensembles wie e Earle His Viols, Rayuela, dem

Sestina Consort und Les Cornets Noirs. 2011 erhielt er einen

- 76 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 77 -


Sonderpreis für die beste Ausführung stilgerechter eigener

Verzierungen beim Internationalen Telemann-Wettbewerb in

Magdeburg. Zurzeit absolviert er ein Masterstudium in eorie

der Alten Musik bei Johannes Menke und Felix Diergarten

an der Schola Cantorum Basiliensis.

Stefanie Pritzlaff, Blocköten und

Traversöte, studierte Maschinenwesen

an der TU München sowie Historische

Auührungspraxis mit Hauptfach Traversöte

bei Marion Treupel-Franck,

Hans-Joachim Fuss und Michael Eberth

in München (Konzertdiplom 2011) und Blocköte mit

Schwerpunkt auf Neue Musik bei Iris Lichtinger in Augsburg

und mit Schwerpunkt auf Mittelalterliche Musik bei Prof.

Maurice van Lieshout in München. Pädagogischer Abschluss

im Fach Queröte 2012. Zahlreiche Meisterkurse u.a. bei

Han Tol, Barthold Kuijken, Kees Boeke, Gabriel Persico, Kate

Clark, Liane Ehlich und Claudia Caagni lieferten wichtige

Impulse. Im Moment promoviert sie in Musikwissenschaften

an der LMU München.

2003 gewann sie einen 1. Bundespreis im Wettbewerb Jugend

Musiziert (Blocköte solo) sowie einen Sonderpreis für

zeitgenössische Musik. 2010 war sie Finalistin in der 24 th International

Competition for Early Music in Kofu, Yamanashi,

Japan (Traverso solo). Sie ist Mitglied in diversen Ensembles,

spezialisiert auf Mittelalter, Barock und Frühklassik sowie

moderne Musik mit Konzerttätigkeiten besonders im süddeutschen

Raum.

Marie Verstraete, Blocköte, Fidel.

Die gebürtige Belgierin spezialisiert sich

sowohl als Musikwissenschaftlerin als

auch in der musikalischen Praxis (Fidel,

Blocköte und Renaissancegambe) auf

die Musik des Mittelalters und der Renaissance.

Ihre Faszination für diese Musik festigte sie durch

zahlreiche Studien in Belgien, Deutschland, Italien und in

der Schweiz, u.a. bei J. Van Goethem, B. Spanhove, K. Boeke,

C. Caagni, N. Schwindt, L. Duftschmid, R. Cook, C. Pasetto,

P. Memelsdor und B. Bagby.

- 78 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 79 -


Sonntag, 09.09. | 11 Uhr | Schloss Ebenthal

15 Uhr | Pfarrkirche St. Peter bei Taggenbrunn

Un Viaggio Musicale

Dorothee Oberlinger: Blocköte

Franco Pavan: eorbe

Einleitung

Viaggio Musicale – Musik des europäischen

Hochbarock für Blockflöte und Theorbe

Flauto diretto, ûte à bec, recorder, voice ute … – unter den mannigfachen

Bezeichnungen, die sich im Laufe der Zeit für die

Blocköte einbürgerten, sticht eine romanische Form als mit

Abstand poetischste heraus: auto dolce oder ûte douce. Der

darin angesprochenen Süße und Anmut des Klangs galt die

Sympathie der Komponisten im 17. und 18. Jahrhundert, wenn

sie in ihren Opern und Kantaten, ebenso aber in der konzertierenden

Instrumentalmusik Blocköten-Partien schrieben.

Was dem zunächst so schlicht anmutenden Instrument hier an

Virtuosität, an Klangfarben und an melodischer Ausdruckskraft

abverlangt wird, steht ebenbürtig neben den Qualitäten,

die man heute allgemein mit dem ebenso bevorzugten Soloins-

trument der Barockzeit, der Violine, verbindet. Die eorbe

war neben dem Cembalo das zentrale Harmonieinstrument

des Basso continuo und wurde – wie die Laute auch – als Soloinstrument

eingesetzt. Sie war somit meist Bestandteil der

Besetzung eines barocken Kammerkonzerts, wie man es auf

zahlreichen Abbildungen dieser Zeit sehen kann – Blocköte

und eorbe bildeten also ein beliebtes Gespann.

Das heutige Konzert gewährt charakteristische Einblicke in

die Welt des barocken Kammerkonzerts in künstlerischen

Metropolen wie Hamburg, Paris, London oder Venedig, wo

man immer mehr dem goût melé zugetan war und sich fremden

Nationalstilen önete. So wurde z.B. London in seiner

geradezu euphorischen Begeisterung für den römischen Violinmeister

Arcangelo Corelli zur Hauptstadt des Concerto italiano

und seiner Virtuosen. Zu den Italienern, die nach ersten

Anstellungen in der Heimat ihr Glück in London suchten

und fanden, gehört der Mailänder Giuseppe Sammartini. Bekannt

gemacht hatte ihn in England wiederum der ndige

Verleger John Walsh, als er 1727 ein Dutzend seiner Triosonaten

druckte – mehr als ein Jahr, bevor ihr Komponist selbst

an der emse eintraf und schnell zum Lieblings-Oboisten

- 80 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 81 -


Händels avancierte. Sammartini war von der Bandbreite der

englischen Blockötensorten oensichtlich sehr angetan; so

komponierte er etwa ein Konzert für die höhere Fifth-Flute.

Sammartinis Sonate G-Dur op. 8 Nr. IV aus den »Six Solos«,

die 1760 posthum von John Johnson gedruckt wurden, ist im

galanten Stil geschrieben und weist in ihrem erönenden Andante

schon empndsame Züge im Stil eines Sicilianos auf.

Eine Reminiszenz an die große Zeit des »Roi du Soleil« Ludwig

XIV. bilden die Kompositionen von Marin Marais. Er

war ein Gambenschüler des heute biographisch kaum mehr

greifbaren Monsieur de Sainte-Colombe, des bedeutendsten

Gambisten seiner Zeit, über den Marais jedoch bald hinauswuchs.

1679 wurde er zum Ocier ordinaire de la Chambre du

Roi ernannt; er blieb in den Diensten Ludwig XIV. und bis

1725 bei Ludwig XV. Seine »Couplets de Folie« greifen die

Variationen des römischen Violinmeisters Arcangelo Corelli

über die damals allerorten beliebte Follia-Weise auf. Marais

erlaubt im Vorwort seiner 1701 veröentlichten »Folies« ausdrücklich

die Ausführung auf anderen Instrumenten.

Inszenierte der Sonnenkönig Ludwig XIV. seine oziellen Anlässe

mit Prunk und Pracht, so zog er für seine »Recrèation« am

späteren Abend leisere Töne vor: Gewöhnlich ließ er, wie sein

Kammerherr Marquis de Dangeau berichtet, Robert de Visée

kommen, damit er für ihn auf der Gitarre spiele. Nach dem

Tode des Königs erschienen diese intimen Stücke sehr bald im

Druck, in einer Fassung für ein beliebiges Melodieinstrument

und eine Bassstimme, daraus entstammt auch die Suite a-Moll.

Allenfalls Vivaldi-Forschern dürfte der Name Ignazio Sieber

(ca. 1680 – ca. 1757) heute noch etwas sagen, falls der Komponist

der vor nicht allzu langer Zeit wiederentdeckten sechs

Blockötensonaten überhaupt mit dem Oboen- und Flötenlehrer

am Ospedale della Pietá in Venedig identisch ist. Nicht

zu überhörende Parallelen zu einigen Werken seines dortigen

Kollegen Vivaldi machen dies allerdings wahrscheinlich.

Eine Besonderheit der Bibliothek des Schlosses Ebenthal stellen

die handgeschriebenen Lauten-, eorben- und Bassgamben-Tabulaturen

(aus der Zeit zwischen 1660 und 1720)

dar, die bereits faksimiliert veröentlicht wurden. In diesem

Konzert erklingen zwei Kompositionen von Hotman und

Bartolotti, die im Goëss-Manuskript (ca.1650 – 1670) unter

65 Kompositionen für eorbe bzw. Erzlaute und 26 Kompositionen

für Laute zu nden sind.

Der Gambist und eorbist Nicolas Hotman wurde vermutlich

in Brüssel geboren und übersiedelte im Jahr 1620 nach

Paris, wo er wahrscheinlich von André Maugars unterrichtet

wurde. 1636 bezeichnet ihn Marin Mersenne als einen der

besten Gambisten und eorbenspieler seiner Zeit. In Nachfolge

von Louis Couperin übernimmt er 1661 bis zu seinem

Tod drei Jahre später das Amt des Ordinarius der »Musique

de Chambre du Roi«. Hotman gilt als Begründer der französischen

Gambenschule und war vermutlich der Lehrer

von Monsieur Demachy und Monsieur de Sainte-Colombe.

Er beeinusste bedeutende französische Gambenvirtuosen

wie Marin Marais, Louis de Caix d'Hervelois und Antoine Forqueray.

Seine Kompositionen für Gambe und eorbe sind

- 82 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 83 -


spieltechnisch schwierig und fanden im Verhältnis zu seinem

Bekanntheitsgrad nur geringe Verbreitung.

Angelo Michele Bartolotti (um 1615 – um 1681) war ein italienischer

Gitarrist, Komponist und eorbist. Wahrscheinlich

wurde Bartolotti in Bologna geboren. Er gehörte zu einer

Gruppe italienischer Musiker, die am Hof der Königin Christina

von Schweden in den frühen 1650er Jahren beschäftigt

waren. Wahrscheinlich folgte er ihr nach Rom und reiste im

Jahr 1658 mit ihr nach Paris. Während seiner Jahre in Italien

veröentlichte er zwei bedeutende Sammlungen von Gitarrenmusik.

Bartolotti wurde in Frankreich als einer der besten

eorbisten bekannt und u.a. von Constantijn Huygens und

René Ouvrard hoch gelobt. Seine Abhandlung über das Basso-continuo-Spiel

auf der eorbe (»Tabelle pour apprendre

facilement en toucher la eorbe sur la Basse«, Paris 1669)

gehört zu den wichtigsten Quellen des 17. Jahrhunderts zu

diesem ema.

Georg Philipp Telemann, 1681 in Magdeburg geboren, war

wohl einer der produktivsten Komponisten der Barockzeit.

Sein außerordentlich umfangreiches Werk umfasste alle damals

gängigen Musikgattungen. Hieraus ist auch ein großes

Repertoire für die von ihm außerdem selbst gespielte »Flûte

a béc« hervorgegangen, das aus zahlreichen Solokonzerten,

Sonaten, Trios, Quartetten und Soloparts in Kantaten und

Opern besteht. »Der getreue Music-Meister« war Telemanns

erfolgreicher »musikalischer Fortsetzungsroman«, den er

zwischen 1728 und 1729 in Hamburg veröentlichte. Im

Jahre 1728 gründete er gemeinsam mit Johannes Valentin

Görner die gleichnamige Zeitschrift. Alle 14 Tage erschien

eine neue Ausgabe, die zwei bis drei Musikstücke für verschiedene

Besetzungen enthielt: Trios, Duette, Soli, Arien,

Generalbasslieder (»Singe-Sachen«), Fugen und anderes

mehr. Ganz im Sinne der Aufklärung war die Zeitschrift für

ein breiteres bürgerliches Publikum gedacht, das Anregungen

für das alltägliche häusliche Musizieren suchte. Die hieraus

entnommene kontrapunktisch kunstvoll gearbeitete viersätzige

»Sonata da chiesa à diversi strumenti« in g-Moll, die in

ihrer Anlage an Kirchensonaten Arcangelo Corellis erinnert,

erscheint in Telemanns Werkkatalog auch als Komposition

für Oboe, Flauto traverso oder Violine solo. »Der getreue

Music-Meister« lässt hier die Besetzung des Melodieinstrumentes

oen. Die Sonate f-Moll, ebenfalls in der traditionellen

viersätzigen Form der »Sonata da chiesa« gesetzt,

ist mit »Fagotto solo« betitelt, aber auch auf der Blocköte

spielbar, wie es Telemann am Ende des nalen Vivace anmerkt:

»Diß Solo kann auch auf der Flûte à bec gespielet werden.«

Bei der Veröentlichung dieser Sonate im »getreuen Music-

Meister« zeigte sich Telemann von seiner geschäftstüchtigen

Seite: Die Kompositionen wurden nie auf einen Schlag veröentlicht,

so dass sich der Interessierte immer die nächste

Folge der Zeitschrift besorgen musste, um das ganze Werk

spielen zu können.

Der klagende Kopfsatz (»Triste«), dessen Eingangsmotiv

ein Seufzen naturalistisch nachzuahmen scheint, ist ein

Kompendium barocker Aektenlehre und Rhetorik. Telemanns

Intervallbehandlung, die unerwarteten und kühnen

Harmonien sowie sein Umgang mit der Melodik machen

- 84 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 85 -


diese Sonate mit zum Kunstvollsten innerhalb seiner Block-

ötenwerke. Die Tonart f-Moll erfordert auf der Blocköte

viele im Charakter eher matt klingende Gabelgrie, was den

beabsichtigten Aekt der Trauer verstärkt. Johann Mattheson

schreibt 1713 zur Bedeutung von f-Moll innerhalb der barocken

Tonartencharakteristik: Der »Ton« f-Moll »scheinet

eine gelinde und gelassene wiewol dabey tiee und schwere mit

etwas Verzweiung vergesellschate tödliche Hertzens-Angst

vorzustellen und ist über die massen beweglich. Er drücket eine

schwartze hülose MELANCHOLIE schön aus und will dem

Zuhörer bisweilen ein Grauen oder einen Schauder verursachen.«

Dorothee Oberlinger

- 86 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 87 -


Programm

Ignazio Sieber

(ca. 1680 – ca. 1757)

Sonata VII

Preludio Largo/Corrente Allegro/Ceciliana

Largo/Capricio Allegro

Blocköte, Basso continuo

Marin Marais

(1656 – 1728)

Les Folies d'Espagne (Extract)

Voiceute solo

Robert de Visée

(ca. 1655 – ca. 1733)

Suite in a-Moll aus »Pièces de théorbe et de

luth mises en partition, dessus et basse«, 1716

Prelude/Allemande: Grave/Courante/Sarabande/Gigue/

Rondeau »La Montsermeil«

Blocköte, Basso continuo

Nicolas Hotman

(1614 – 1663)

Allemande

Aus dem Lautenbuch der Goëss-Bibliothek, Schloss Ebenthal

Angelo Michele [Bartolotti]

(ca. 1600 – 1668)

Sarabande/Passacaglia

Aus dem Lautenbuch der Goëss-Bibliothek, Schloss Ebenthal

Georg Philipp Telemann

(ca. 1681 – 1767)

Sonata in f-Moll

aus »Der getreue Music-Meister«

Triste/Allegro/Andante/Vivace

Blocköte, Basso continuo

Giuseppe Sammartini

(1695 – 1750)

Sonata op. 1 no. IV G-Dur

Andante/Allegro/Adagio/Minuet

Blocköte, Basso continuo

- 88 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 89 -


Dorothee Oberlinger, 1969 in

Aachen geboren, studierte Blocköte

in Köln, Amsterdam und Mailand. Als

»Instrumentalistin des Jahres« wurde sie

2008 mit dem renommierten Musikpreis

Echo Klassik für ihre CD »Italian Sonatas«

ausgezeichnet. Ihr Debüt gelang ihr 1997 mit dem 1.

Preis im internationalen Wettbewerb SRP/Moeck U.K. in

London und einem anschließenden Konzert in der Wigmore

Hall. Seitdem ist Dorothee Oberlinger regelmäßig zu Gast

bei den großen Festivals und Konzertreihen in ganz Europa,

Amerika und Asien und spielt als Solistin mit dem von ihr

2002 gegründeten Ensemble 1700 sowie mit renommierten

Barockensembles und Orchestern wie den Sonatori de la Gioiosa

Marca, Musica Antiqua Köln, der Akademie für Alte Musik

Berlin, London Baroque, der Academy of Ancient Music oder

Zero.

Neben ihrer intensiven Beschäftigung mit der Musik des

17. und 18. Jahrhunderts widmet sich Dorothee immer wieder

auch der zeitgenössischen Musik, so wirkte sie an der

jüngsten CD »Touch« des Schweizer Pop-Duos Yello mit.

Seit 2009 ist sie Intendantin der traditionsreichen Arolser

Barockfestspiele und seit 2004 ist sie Professorin an der Universität

Mozarteum Salzburg, wo sie das dortige Institut für

Alte Musik leitet.

Franco Pavan, der italienische Lautenist

und eorbist, ist für das trigonale-

Publikum kein Unbekannter. Nicht nur

als coverface der trigonale 2009, sondern

auch als Gast in mehreren Konzerten –

solistisch und mit verschiedenen Ensemb-

les – ist er uns vertraut geworden und ans Herz gewachsen.

Er schloss sein Studium der Laute und Musikwissenschaft

in Mailand mit »summa cum laude« ab und ist seither mit

den wichtigsten italienischen Ensembles im Bereich der Alten

Musik, wie Concerto Italiano, Accordone, La Cappella della

Pietà dei Turchini, La Risonanza, La Venexiana sowie mit dem

Londoner Ensemble Trinity Baroque aufgetreten. Er arbeitet

mit namhaften Dirigenten zusammen und hat in den bedeutendsten

Konzerthäusern weltweit gastiert. Weiters konzertierte

er in Uruguay, Chile, Mexiko, Kolumbien, Brasilien,

China, Ägypten und Marokko. Franco Pavan hat über 40 CDs

aufgenommen und Preise wie den Gramophon Award, Diapason

d'Or oder Premio Vivaldi della Fondazione Cini (Venedig) gewonnen.

Seine Soloaufnahme »Le Mouton Fabuleux« gewann

den Premio del Disco Amadeus 2009. Er unterrichtet die Fächer

Laute und Kammermusik für historische Musikinstrumente

am Konservatorium E. F. Dall'Abaco in Verona und schrieb

musikwissenschaftliche Artikel über die Geschichte der Laute

und die Musik des frühen 17. Jh. sowie eine Abhandlung

über neue Dokumente zu Monteverdi und Gesualdo. Auch hat

er an der neuen Ausgabe des New Grove Dictionary of Music

and Musicians und an der Enzyklopädie »Die Musik in Geschichte

und Gegenwart« mitgearbeitet und ist Mitglied des

Redaktionskomitees des Journal of the Lute Society of America.

- 90 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 91 -


Sonntag, 09.09. | 18 Uhr

Seminarkirche Tanzenberg

Israelsbrünnlein

Dresdner Kammerchor

Sandra Bernhardt, Elisabeth Göckeritz, Birgit

Jacobi, Maria Stosiek, Marie Luise Werneburg,

Nicola Zöllner: Sopran

Stefan Kunath, Franziska Neumann,

Inga Philipp, Ulrich Weller: Alt

Tobias Mäthger, Claudius Pobbig,

Clemens Volkmar: Tenor

Dirk Döbrich, Georg Preissler, Felix Rumpf,

Felix Schwandtke: Bass

Wolfgang Kostujak: Orgel

Jarek Thiel: Violoncello

Michael Dücker: eorbe

Hans-Christoph Rademann: Leitung

Einleitung

Eine mitteldeutsche Karriere. Man hüte sich davor, zu schreiben

»nur«, denn der geograsche Lebensradius eines Johann

Sebastian Bach war kaum weiter gespannt, und dennoch stellt

niemand in Zweifel, dass bei Werken des berühmten omaskantors

hoher Kunst zu begegnen sei. Hohe Kunst in

gleicher Weise, vielleicht etwas sperriger im Klangbild, vielleicht

etwas fremder im Hörvertrauten, vielleicht ein wenig

»weiter weg« im Lebensgefühl, begegnet uns gleichermaßen

bei Johann Hermann Schein. Rund einhundert Jahre vor Bach

an gleicher Stelle – geograsch: Leipzig – und in gleicher

Position – anstellungstechnisch: omaskantor – geschaene

»Hohe Kunst«. Und man mag sich angesichts des Schreibens

an den Leipziger Rat vom September 1629, in welchem

der omaskantor Schein die verschlechterten Arbeitsbedingungen

beklagte und sich verteidigen musste gegen den

Vorwurf, er sei nicht eißig genug und vernachlässige die

Aufsicht über seine Schützlinge an der omasschule, wiederum

an die Streitigkeiten zwischen omaskantor Bach

und dem Leipziger Rat erinnert fühlen. Es waren auch da vor

allem wohl die widerstreitenden wissenschaftlichen und musikalischen

Forderungen, die gestellt wurden, denen Johann

Hermann Schein in seiner Position als »General-Director der

Music […] in beyden Kirchen allhier in Leipzig« begegnete,

er, der zu seinen »normalen« musikalischen Verpichtungen

- 92 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 93 -


wöchentlich zehn wissenschaftliche und vier musikalische

Unterrichtsstunden zu erteilen hatte. Dennoch scheint er ein

gutes und enges, ja regelrecht freundschaftliches Verhältnis

zu den Einussreichen und Oberen der Stadt gepegt zu haben,

wovon Ratswahlmusiken wie zahlreiche Hochzeits- und

Trauerkompositionen für Leipzigs hochgestellte und gutbetuchte

Bürger zeugen. Auch seine 1623 erschienene Sammlung

»Israelis Brünnlein«, was da sind »Auserlesene Krat-

Sprüchlein / Altes und Newen Testaments / Von 5 und 6

Stimmen sambt / dem General-Baß«, widmete der seit 1616

als omaskantor wirkende Schein den Bürgermeistern und

dem Rat der Stadt Leipzig.

Wo aber kam dieser hochgebildete, musikalisch ambitionierte

und ebenso über die neuesten Entwicklungen informierte wie

im gesellschaftlichen Umgang geübte Musiker her? Geboren

am 20. Januar 1586 im erzgebirgischen Grünhain, wuchs

er nach dem Tod des Vaters ab 1594 in Dresden auf, wurde

1599 Kapellknabe in der Dresdner Hofkapelle und dort von

Hofkapellmeister Rogier Michael und Kapellknabenpräzeptor

Andreas Petermann in seiner musikalischen Entwicklung

begleitet. Weitere Stationen waren nach dem Stimmwechsel

der Besuch der Landesschule Pforta ab 1603 und der Beginn

des Universitätsstudiums in Leipzig 1608. Gottfried von Wolffersdor,

Hauptmann auf Schloss Weißenfels und Assessor

des Kurfürstl. Sächs. Ober-Hof-Gerichts zu Leipzig, berief

ihn 1613 als Hauslehrer und Hausmusikdirektor. 1615 ging

Schein als Hofkapellmeister nach Weimar und folgte kurz

darauf 1616 Sethus Calvisius im Amt des Leipziger omaskantors.

Dass wir es mit einem der bedeutendsten Komponisten des 17.

Jahrhunderts zu tun haben, mag schon andeuten, dass Wolfgang

Caspar Printz 1690 in seiner »Historischen Beschreibung

der Edelen Sing- und Kling-Kunst« Johann Hermann

Schein benannte als denjenigen, »welcher einer von dreyen gewesen

/ derer Nahmen von dem Buchstaben S anfangen / und die

man zu dieser Zeit für die besten drey Componisten in Teutschland

gehalten. Diese drey berühmte S aber seyen gewesen Schütz /

Schein / Scheit.« Und Printz führte weiter aus: »Eben zu dieser

Zeit hat Johann Hermann Schein / Director Musices zu Leipzig

keinen geringen Ruhm erworben. Er ist aber vornemlich fürtrelich

gewesen in dem Stylo Madrigalesco, in welchem er keinem

Italiener / vielweniger einem andern etwas nachgeben dören.

Seine Villanellen seyn vor der Zeit sehr hoch geachtet worden; und

hat er die Texte dazu selbst gerichtet.« – Das sagt viel über Schein

und dessen Ruf, zumal in einer Zeit, da Traditionsverständnis

im Sinne kontinuierlich gesteigerter Kreativitätslinien und

notwendiger Selbstndungspunkte für künstlerische Positionierung

noch lange nicht erfunden waren. Untermauert

wird dies am Beispiel des »Israelis Brünnlein« zumal, denn

die in Leipzig gedruckte Sammlung erlebte als einziges unter

Scheins geistlichen Werken noch 22 Jahre nach seinem Tod

eine Neuauage!

Johann Hermann Schein selbst schrieb in seiner Vorrede, die

vorgelegten Kompositionen seien »bey fürfallenden occasionen

musicirt« worden – was da sind Hochzeiten, Begräbnisse,

Ratswahlfeiern, Promotionen usw. – und »So wol für

sich allein mit lebendiger Stim und Instrumenten / Als auch

in die Orgel / Clavicimbel bequemlich zugebrauchen«. Unter

- 94 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 95 -


diesen 26 Motetten nden sich 23 auf alttestamentarische

Texte komponierte Stücke, was der Sammlung den Namen

gab. Übrigens allesamt kurz und knapp gehaltene Stücke,

keines mehr als fünf Minuten dauernd. Die Textquellen, aus

denen Schein schöpfte, sind die unversiegbaren »Brünnlein«

der Psalmen Davids, der Bücher Mose, der Propheten, des

Hohelieds Salomo und anderer Teile des Alten Testaments.

Zwei Kompositionen, »Ach Herr, ach meiner schone« und

»O, Herr Jesu Christe«, basieren auf freien Dichtungen, die

höchstwahrscheinlich Schein selbst verfasste. Alle Stücke sind

für fünf Stimmen gesetzt – ausgenommen das abschließende

sechsstimmige Madrigal –, denen ein Basso continuo ad libitum

zugeordnet wurde, wobei dieser den Charakter eines

Basso seguente, also eines der vokalen Bassstimme folgenden

Instrumentalbasses, hat. Das begegnet uns auch bei Monteverdi

oder in Ludovico da Viadanas Sammlung der »Cento

concerti ecclesiastici«, die 1619 in Frankfurt publiziert worden

waren. Mag sein, dass diese Sammlung die erste Quelle

war, durch die Schein mit dieser neuen Art zu komponieren in

Berührung kam. Mag sein, dass aber auch der intensive Austausch

mit dem ihm seit seiner Weißenfelser Zeit befreundeten

Heinrich Schütz den Impuls setzte, denn Schein selbst

hat Italien nie bereist. Wie auch immer, hier schließt sich

der Bogen zu Printz und dessen Äußerung, Schein sei »fürtreich

gewesen in dem Stylo Madrigalesco«, zumal derselbe

in seinem umfänglichen Werktitel des »Israelis Brünnlein«

dieses Charakteristikum selbst hervorhebt: »auf eine sonderbar

Anmutige Italian-Madrigalische Manier« habe er sie

komponiert.

Scheins Sammlung besitzt solitären Charakter im deutschen

Musikschaen der ersten Hälfte des 17. Jahrhunderts, was

in erster Linie auf der extrem intensiven Wortbezogenheit

seiner Musik, seiner bildhaft musikalischen Textdarstellung

beruht. Ähnlich wie Heinrich Schütz in seiner »Geistlichen

Chormusik« strebte auch Johann Hermann Schein eine Vermittlung

zwischen der deutsch-niederländischen Motettentradition

und der expressiven Tonsprache des modernen Madrigals

Monteverdi'scher Prägung an, doch hat Schein in viel

weiter reichendem Maße als Schütz expressive Elemente der

Textausdeutung benutzt, sodass er die Stücke mit Recht als

»Geistliche Madrigale« bezeichnen konnte. Walter Webeck attestiert

ihm hier eine singuläre Meisterschaft. Durch virtuose

Behandlung der fünf Singstimmen und des Generalbasses,

ohne dass ein Übermaß an Virtuosität oder Vereinzelung

der Stimmen auch nur im Ansatz entstünde, gelingen Schein

Klangeekte und Farbkontraste, die auch für heutige Ohren

unerhört und mitreißend sind. Keine Möglichkeit für einen

expressiven Ausdruck bleibt ungenutzt, reiche Dramatik und

kühne Harmonik überraschen, sind bis ins Detail der einzelnen

Stimme zu verfolgen. Das alles ist ihm aber nicht Selbstzweck,

denn seine Musik habe, so Johann Hermann Schein

in der Vorrede seines »Banchetto musicale«, »Christlicher

Andacht, bey verrichtung des Gottesdienstes und auch ziemlicher

ergötzlichkeit bey ehrlichen Zusammenkünten, alternis

vicibus zu dienen«. – Hohe Kunst, die ohne ihre Wurzeln

nicht zu denken ist.

Dr. Christina Siegfried war lange Jahre Dramaturgin und

Pressesprecherin der Musikfestspiele Potsdam Sanssouci. Seit

- 96 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 97 -


2008 ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin der Schumann-

Briefedition und seit 2009 Geschäftsführerin der Mitteldeutschen

Barockmusik e.V. und des Heinrich Schütz Musikfestes.

»Diese Musik kann Seelen reparieren.«

Hans-Christoph Rademann im Gespräch mit Oliver Geisler

über Johann Hermann Schein

Oliver Geisler: Johann Hermann Schein stammt aus Grünhain

im Erzgebirge und verbrachte da seine Kindheit. Zeit seines

Lebens wird ihm das Erzgebirge ein Sehnsuchtsort bleiben.

Auch das Titelblatt des »Israelsbrünnleins« ziert der Schriftzug

»Johann Hermann Schein / Grünhain«. Ist Verwurzelung

ein Lebensgefühl, das Du mit ihm teilst?

Hans-Christoph Rademann: Erzgebirge und Musikalität – das

sind fast schon Synonyme. Musik gehörte und gehört zum

Alltag dieser Region. Das Erzgebirge ist historisch gesehen

der Nährboden für den wirtschaftlichen und kulturellen

Reichtum der mitteldeutschen Städte. Unzählige Musiker

und Sänger aus dem Erzgebirge prägten die Musikkultur in

Dresden, Leipzig und weiteren Orten. Und Persönlichkeiten

wie Johann Hermann Schein, Johann Kuhnau oder Gottfried

Heinrich Stölzel haben vom Erzgebirge ausgehend mitteleuropäische

Musikgeschichte geschrieben. Gleichzeitig ist da

aber stets – in den Biograen wie mitunter in den Werken –

eine ganz starke Verwurzelung, auch Bescheidenheit spürbar.

Bei den Werken Scheins spüre ich vor allem eine besondere

Klarheit und auch Einfachheit ohne urbane und hösche

Schnörkel. Und ja – auch mir ist das Erzgebirge als meine

Heimat ein wichtiger Ort geblieben. Die Musik meiner

Kindheit ist lebensprägend und die gewisse Bescheidenheit,

Demut und Bodenständigkeit eines Johann Hermann Schein

kann einem nur Vorbild sein.

Geisler: In den Motetten des »Israelsbrünnleins« ist viel von

Schmerz, Vergänglichkeit, Verlust und Leid die Rede. Müssen

wir uns Schein als einen traurigen Menschen in einer

traurigen Zeit vorstellen?

Rademann: Ja und nein. Schein ist wie sein Freund Heinrich

Schütz natürlich nicht ohne die Verheerungen des Dreißigjährigen

Krieges zu denken, der als Signatur dieser Epoche

alles beeinusst. Und wie Schütz hat Schein viel persönliches

Leid erfahren. Von seinen zehn Kindern sterben sieben im

Kindesalter. Die eigens dafür komponierten Begräbnismusiken

sind absolut bewegende Werke. Die Vergänglichkeitsthematik

der Motetten des »Israelsbrünnleins« sind immer

auch vor diesem Hintergrund zu verstehen. Schein schildert

mitunter sehr drastisch, aber eben immer auch mit großer

Klarheit, Szenarien des Leidens und Vergehens.

Aber dann atmet diese Musik wieder eine Zuversicht, die ihresgleichen

sucht. Diese Musik kann Seelen reparieren. Fast

schon programmatisch lese ich da die Zeile »Am guten Tage

sei guter Dinge, und den bösen Tag nimm auch für gut« aus

der Motette »Siehe an die Werk Gottes«. Scheins »Israelsbrünnlein«

repräsentiert eine Geisteshaltung, die mich tief

beeindruckt.

- 98 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 99 -


Programm

Johann Hermann Schein

(1586 – 1630)

Ihr Heiligen, lobsinget dem Herren

Ach Herr, ach meiner schone

Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen

Die mit Tränen säen

Siehe, nach Trost war mir sehr bange

Siehe an die Werk Gottes

Drei schöne Ding

Pause

Wem ein tugendsam Weib bescheret ist

Freue Dich des Weibes Deiner Jugend

Lieblich und schöne sein ist nichts

Ich bin jung gewesen

Lehre uns bedenken

Ich freue mich im Herren

Der Herr denket an uns

Nun danket alle Gott

Texte

Ihr Heiligen, lobsinget dem Herren,

danket und preiset seine Heiligkeit!

Denn sein Zoren währet einen Augenblick,

und er hat Lust zum Leben.

Den Abend lang währet das Weinen,

aber des Morgens die Freude.

Psalm 30,5–6

Ach Herr, ach meiner schone,

nach dei'm Grimm mir nicht ablehne.

Denn deine Pfeil zumal

machen mir große Qual.

O weh, mein armes Herz

empndet großen Schmerz.

O du, mein lieber Herre Gott,

hilf mir in meiner großen Not.

Dichter unbekannt

Zion spricht: Der Herr hat mich verlassen,

der Herr hat mein vergessen.

Kann auch ein Weib ihres Kindeleins vergessen,

dass sie sich nicht erbarme

über den Sohn ihres Leibes?

Und ob sie desselbigen vergesse,

so will ich doch dein nicht vergessen.

Siehe, in die Hände hab' ich dich gezeichnet.

Jesaja 49,14–16a

- 100 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 101 -


Die mit Tränen säen

werden mit Freuden ernten.

Sie gehen hin und weinen

und tragen edlen Samen

und kommen mit Freuden

und bringen ihre Garben.

Psalm 126,5–6

Siehe, nach Trost war mir sehr bange.

Du aber hast dich meiner Seelen herzlich

angenommen, dass sie nicht verdürbe.

Denn du wirfest alle meine Sünde hinter dich

zurücke. Denn die Hölle lobet dich nicht,

so rühmet dich der Tod nicht,

und die in die Gruben fahren,

warten nicht auf deine Wahrheit.

Sondern allein, die da leben,

loben dich, wie ich jetzt tu.

Jesaja 38,17–19a

Siehe an die Werk Gottes,

denn wer kann das schlecht machen,

das er krümmet?

Am guten Tag sei guter Dinge,

und den bösen Tag nimm auch für gut;

denn diesen schaet Gott neben jenem,

dass der Mensch nicht wissen soll, was künftig ist.

Prediger Salomo 7,13–14

Drei schöne Ding sind,

die beide Gott und Menschen wohlgefallen;

wenn Brüder eins sind,

wenn die Nachbarn sich lieb haben,

wenn Mann und Weib sich miteinander

wohl begehen.

Jesus Sirach 25,1–2

Pause

Wem ein tugendsam Weib bescheret ist,

die ist viel edeler, denn die köstlichen Perlen.

Ihres Mannes Herz darf sich auf sie verlassen,

und Nahrung wird ihm nicht mangeln.

Sie tut ihm Liebs und kein Leid sein lebelang.

Sprüche Salomos 31,10–13

Freue Dich des Weibes Deiner Jugend.

Sie ist lieblich wie eine Hinde,

und holdselig wie ein Rehe.

Lass dich ihre Liebe allezeit sättigen,

und ergötze dich allewege in ihrer Liebe.

Sprüche Salomos 5,18–19

- 102 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 103 -


Lieblich und schöne sein ist nichts;

ein Weib, das den Herren fürchtet,

das soll man loben.

Sie wird gerühmet werden

von den Früchten ihrer Hände,

und ihre Werk werden sie loben in den Toren.

Sprüche Salomos 31,30–31

Ich bin jung gewesen und alt worden

und habe noch nie gesehen den Gerechten verlassen

oder seinen Samen nach Brot gehen.

Bleibe fromm und halt dich recht,

denn solchem wird's zuletzt wohl gehen.

Psalm 37,25–37

Lehre uns bedenken,

dass wir sterben müssen;

auf dass wir klug werden.

Herr, kehre dich wieder zu uns,

und sei deinen Knechten genädig.

Fülle uns früh mit deiner Gnade.

So wollen wir rühmen und fröhlich sein

unser lebelang.

Psalm 90,12–14

Ich freue mich im Herren,

und meine Seele ist fröhlich in meinem Gott;

denn er hat mich angezogen

mit den Kleidern des Heiles

und mit dem Rock der Gerechtigkeit gekleidet,

wie einen Bräutigam

mit priesterlichem Schmuck gezieret

und wie eine Braut in ihrem Geschmeide bärdet.

Jesaja 61,10

Der Herr denket an uns und segnet uns.

Er segnet das Haus Israel,

er segnet das Haus Aaron;

er segnet, die den Herren fürchten,

beide, Kleine und Große.

Der Herre segne euch je mehr und mehr,

euch und eure Kinder.

Ihr seid die Gesegneten des Herren,

der Himmel und Erden gemacht hat.

Psalm 115,12–15

Nun danket alle Gott,

der große Ding tut an allen Enden,

der uns vom Mutterleibe an

lebendig erhält und tut uns alles Guts.

Er gebe uns ein fröhliches Herz

und verleihe immerdar Friede

zu unser Zeit in Israel,

und dass seine Gnade stets bei uns bleib;

und erlöse uns so lange wir leben.

Jesus Sirach 50,24–26

- 104 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 105 -


Dresdner Kammerchor

Der Dresdner Kammerchor gehört zu den Spitzenchören

Deutschlands und ist bekannt für seinen unverwechselbaren

Klang von großer Intensität und Klarheit. Lebendige Ausstrahlung

sowie die oft gerühmte klangliche Homogenität

und Transparenz sind die Stärken des international gefragten

Ensembles. Eine Vielzahl von Rundfunk- und CD-Aufnahmen

sowie die Zusammenarbeit mit international bedeutenden

Dirigenten und Orchestern wie René Jacobs, Sir

Roger Norrington, Adam Fischer und Riccardo Chailly sowie

der Sächsischen Staatskapelle, dem Gewandhausorchester Leipzig,

e Orchestra of the Age of Enlightenment, Concerto Köln

und der Akademie für Alte Musik Berlin unterstreichen das

Renommee des Chores.

In der Konzertsaison 2012/13 wird der Dresdner Kammerchor,

neben Konzerten mit seinem Gründer und Chefdirigenten

Hans-Christoph Rademann, mit Christian ielemann, Reinhard

Goebel, Vaclav Luks und Stefan Parkman konzertieren.

Regelmäßig erhält das Ensemble Einladungen zu international

renommierten Festivals. Im Sommer 2012 gastierte der

Dresdner Kammerchor erstmals bei den Salzburger Festspielen.

Der Dresdner Kammerchor wirkt als Botschafter und Bewahrer

der sächsischen Musikschätze von Weltgeltung. Er ist impulsgebend

für die Pege der Alten Musik.

Bis 2017 realisieren Hans-Christoph Rademann und der Dresdner

Kammerchor gemeinsam mit dem Carus-Verlag Stuttgart

und MDR Figaro die erste Heinrich-Schütz-Gesamteinspielung.

Zahlreiche (Erst-)Einspielungen mit Meisterwerken

der sächsischen Musikgeschichte nden international

höchste Anerkennung und werden mit Auszeichnungen gewürdigt.

Der Dresdner Kammerchor ist Schöpfer romantischer Klangtableaus

und Erkunder moderner Tonsprachen des 20.

und 21. Jahrhunderts. Die eigene Konzertreihe »Dresdner

Kammchor. a cappella« lotet die Möglichkeiten der Chormusik

vom 16. bis zum 21. Jahrhundert aus. Und in der eigens

initiierten Dresdner Chorwerkstatt für Neue Musik ndet

eine intensive Auseinandersetzung mit der Gegenwart und

Zukunft vokalen Musizierens statt.

www.dresdner-kammerchor.de

Hans-Christoph Rademann zählt

heute zu den gefragtesten Chordirigenten

und anerkanntesten Chorklangspezialisten

weltweit. Wegweisend sind seine Kon-

zerte und Einspielungen mit dem Dresdner

Kammerchor und dem Dresdner Barockorchester,

besonders der mitteldeutschen Musikschätze des 17.

und 18. Jahrhunderts. Seit 2009 arbeitet er mit dem Dresdner

Kammerchor in Kooperation mit dem MDR und dem Carus-

Verlag Stuttgart an der ersten Gesamteinspielung der Werke

von Heinrich Schütz. Aber ebenso nden seine Interpretationen

romantischer Werke und zeitgenössischer Kompositionen

höchste Anerkennung.

- 106 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 107 -


1985 gründete er den Dresdner Kammerchor, dessen künstlerischer

Leiter er bis heute ist.

Er arbeitet mit Dirigenten wie Semyon Bychkov, Roger Norrington,

Christoph Eschenbach, Sir Simon Rattle und Christian

ielemann zusammen. Bei Gastspielen dirigierte er weltbekannte

Orchester und Chöre, u.a. die Sächsische Staatskapelle,

das Freiburger Barockorchester, Concerto Köln und die Akademie

für Alte Musik Berlin, das Rundfunksinfonieorchester Berlin,

das Rotterdam Philharmonic Orchestra, den National Chamber

Choir of Ireland, das Collegium Vocale Gent und die Bachakademie

Stuttgart. Zahlreiche Konzertreisen führten ihn in die

renommierten europäischen Musikzentren sowie in die USA,

nach Israel, Südafrika, Indien, Sri Lanka, Argentinien, Uruguay

und Japan. Hans-Christoph Rademann wurde mehrfach

mit dem Preis der Deutschen Schallplattenkritik ausgezeichnet

und erhielt außerdem wiederholt den Grand Prix du Disque,

den Diapason d'Or, den pizzicato Supersonic und den Choc de

Classica.

1994 wurde Hans-Christoph Rademann für seine Verdienste

um das Dresdner Musikleben mit dem Förderpreis der Landeshauptstadt

Dresden ausgezeichnet. 2008 wurde ihm die

Sächsische Verfassungsmedaille verliehen. Von 1999 bis 2004

leitete Rademann den Chor des Norddeutschen Rundfunks.

Seit 2000 ist er Professor für Chorleitung an der Hochschule

für Musik Carl Maria von Weber in Dresden. Seit 2007 ist

er Chefdirigent des RIAS Kammerchores. 2008 initiierte er in

Berlin das Dirigentenforum, das den internationalen Dirigentennachwuchs

fördert. Darüber hinaus ist er Intendant

des Musikfestes Erzgebirge, das im September 2010 seine Premiere

feierte. Hans-Christoph Rademann ist Schirmherr des

Christlichen Hospizdienstes Dresden e.V. und Mitglied des Stiftungsrates

der Erzgebirgischen eater- und Orchesterstiftung.

Im Sommer 2013 wird Hans-Christoph Rademann als Nachfolger

Helmuth Rillings die Leitung der Internationalen Bachakademie

Stuttgart übernehmen.

- 108 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 109 -


Mittwoch, 12.09. | 19 Uhr

Stiftskirche St. Georgen

e Image of Melancholy

Der Einfluss der Viersäftelehre auf die Musik

der Renaissance und des Barocks

Konzert mit den

Singers

in Residence

Barokksolistene

Bjarte Eike: Violine, Leitung

Per Buhre: Violine, Viola

Milos Valent: Violine, Viola

Judith Maria Blomsterberg, Thomas Pitt: Cello

Hans Knut Sveen: Cembalo, Orgel

Fredrik Bock: eorbe, Gitarre

Tuva Semmingsen: Mezzosopran

supported by

Singers in Residence

Hanna Herfurtner: Sopran

Ida Aldrian: Mezzosopran

Jan Petryka: Tenor

Ulfried Staber: Bass

Einleitung

Der griechische Arzt Hippokrates (460 – 370 v. Chr.) entwickelte

eine eorie zu den vier Temperamenten. Er glaubte,

dass die menschlichen Gemütsverfassungen, Verhaltensweisen

und Emotionen durch Körpersäfte verursacht würden

– Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle. Überwog einer

dieser Säfte, so ergab sich daraus ihm zufolge ein bestimmter

Charakter oder Persönlichkeitstyp. Dabei entsprach Blut

dem Sanguiniker (impulsiv, reizbar, kreativ), Schleim dem

Phlegmatiker (entspannt, ruhig, faul, abwartend), gelbe Galle

dem Choleriker (ehrgeizig, aggressiv, leidenschaftlich) und

schwarze Galle dem Melancholiker (introvertiert, nachdenklich,

künstlerisch-kreativ, traurig, leidenschaftlich).

Die alten Griechen dachten, dass sich bestimmte musikalische

Modi oder Tonfolgen auf das Gleichgewicht der vier

- 110 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 111 -


Körpersäfte auswirkten, und setzten deshalb Musik ein, um

die verschiedenen Gemütsarten zu beeinussen bzw. zu heilen.

Diese Auassung fand ebenfalls Eingang in die Musik

der Renaissance und des Barocks – durch Rhetorik und Affekte

ließen sich nicht nur die Stimmungen des Menschen

beeinussen, sondern auch seine Gesundheit.

Der Begri Melancholie geht zurück auf das griechische

»Melankholia« (melas = schwarz + khole = Galle) und wurde

schon früh mit Künstlern assoziiert. Ein trauriger und nachdenklicher

Gemütszustand mit dem Vermögen, Trauer, Niedergeschlagenheit

usw. auszudrücken oder zu verursachen,

war seit jeher ein beliebtes Ausdrucksmittel für Dichter, Maler,

Komponisten und Musiker.

Im post-elisabethanischen England um 1600 stand die Melancholie

bei Komponisten hoch im Kurs. Sie veröentlichten

umfangreiche Musikbände mit melancholischen Titeln.

John Dowland war geradezu ein Synonym für Melancholie.

Sein Motto war: 'Semper Dowland, semper dolens' (Einmal

Dowland, stets voller Schmerzen). Ähnliche Kult- oder Modebewegungen

in Künstlerkreisen kamen in späteren Jahrhunderten

auf.

Wir wollen in diesem Programm die Emotionen im Spannungsfeld

der Melancholie ausloten. Meiner Meinung nach

ist Melancholie nicht nur mit Traurigkeit und Verzweiung

verbunden – sie steht auch für Reexion, Meditation und

Trost. In verschiedenen Traditionen der Volksmusik sind

Brautlieder häug in Moll – oder in einer Kombination aus

Dur und Moll – geschrieben. Auch Freude und Glück können

mit Melancholie verbunden sein – Clowns sind hierfür

das beste Beispiel. Gleichzeitig handelt es sich in vielerlei

Hinsicht um die persönlichste aller Stimmungen: Auf der

Bühne kann ein Schauspieler an der Oberäche bleiben oder

nur »seine Rolle spielen« und dennoch komisch, impulsiv

und glücklich wirken. Wenn er jedoch Melancholie darstellen

will, muss er sich zwangsläug önen und seinen innersten

Gefühlen Ausdruck verleihen.

Dieses Projekt ist als Exkursion in unterschiedliche Musikstile,

Nationalitäten und Genres gedacht – mit der Melancholie

als gemeinsames ema. Von jeher waren es die

»traurigen Lieder«, die mich persönlich am nachhaltigsten

beeindruckten – sei es in der Klassik, in der Barockmusik,

im Jazz, Rock oder in der zeitgenössischen Musik. Ich wollte

schon seit langem ein Projekt wie dieses präsentieren und

freue mich nun sehr, es hier bei der trigonale aus der Taufe

heben zu können.

Die Arbeiten zu diesem Programm sind zurzeit noch im

Gang und deshalb steht noch nicht fest, welche Stücke wir

spielen werden. Klar ist hingegen unser Ziel: ein meditativer,

schöner, inniger und bewegender Abend – unser Verständnis

von Melancholie.

- 112 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 113 -

Bjarte Eike 2012


Die norwegische Sängerin Tuva Semmingsen

erhielt ihre Ausbildung an der

Norwegischen Staatlichen Musikakademie

und an der Königlichen Opernakademie in

Kopenhagen. Sie bestritt ihr Debüt 1999

an der Königlichen Oper in Kopenhagen

als Cherubino in der »Hochzeit des Figaro«. Als Ensemblemitglied

der Königlichen Oper hatte sie unter anderem Auftritte

in »Giulio Cesare«, in »Egitto« (Sesto), in »La Cenerentola«

(Angelina), in »Il Barbiere di Siviglia« (Rosina), in »Il

Ritorno d'Ulisse«, in Patria (Minerva und Melanto), als Nerone

in »L'Incoronazione di Poppea« und als Rosmira in Händels

»Partenope«. Außerhalb Dänemarks war sie in der Cenerentola

in Glyndebourne und an der Königlichen Oper in Stockholm

zu hören, im »Barbiere di Siviglia« in Nancy, Reims und Oslo,

in »Giulio Cesar« in Oslo und Lille mit Le Concert d'Astrée

unter Emanuelle Haïm und in »Orlando Furioso« mit dem

Ensemble Matheus unter Jean-Christophe Spinosi. Aktuelle Auftritte

beinhalten den »Giulio Cesare« mit der Capela Krakowiensis

unter Jan Tomasz Adamus und eine Rückkehr an das

Stockholmer Schlosstheater Drottningholm in Joseph Haydns

»Orlando Palatino«.

Tuvas Stimme erklingt mit Bjarte Eike & Barokksolistene auf

dem Soundtrack zu Lars von Triers Horrorlm »Antichrist«.

Mit den Barokksolistene entstand auch ein kürzlich veröentlichtes

Album mit Musik von Händel und dessen Zeitgenossen

unter dem Titel »London Calling«. Weitere Aufnahmen

umfassen Vivaldis »Sum in medio« und »Gloria e Imeneo«

mit dem King's Consort, die Titelrolle in Vivaldis »Ottone«

in Villa, weiters »Giulio Cesare« und »Partenope« auf DVD.

Ida Aldrian wurde in Bruck an der

Mur geboren. Mit fünf Jahren erhielt

sie ihren ersten Unterricht in Blocköte,

später auch in Klavier, Geige und Gesang.

Von klein auf war sie fasziniert vom

Singen und tat dies mit Begeisterung

in verschiedensten Chören. Bei Sigrid Rennert erhielt sie

schließlich ihren ersten Gesangsunterricht. Nach der Matura

folgten das Gesangsstudium an der Universität für Musik

und darstellende Kunst Wien zunächst bei Prof. Leopold Spitzer,

nun bei Prof. Karlheinz Hanser und Abschlüsse der Diplomstudien

Lied und Oratorium bei Prof. KS Marjana Lipovšek

sowie Musikdramatische Darstellung bei Prof. Uwe eimer

und Prof. Didier Orlowsky mit Auszeichnung.

Meisterkurse bei Bernarda Fink, omas Hampson, Peter Kooji,

KS Marjana Lipovšek, KS Wicus Slabbert u.a. gaben der jungen

Künstlerin stets neue Impulse und Möglichkeiten, sich vor

allem stilistisch weiterzuentwickeln.

Ida ist Preisträgerin beim Wettbewerb Prima la musica (2004)

und erhielt mehrmals den Förderungspreis der Universität

für Musik und darstellende Kunst Wien. Des Weiteren ist sie

Preisträgerin bei Musica Juventutis (2010). Im Jahr 2011 wurde

ihr der Preis der Armin Weltner Stiftung zuerkannt.

Ihre große Liebe gilt dem Musizieren mit Originalklangensembles,

so kann sie trotz ihrer jungen Karriere bereits

auf eine regelmäßige Zusammenarbeit mit Ensembles und

Orchestern wie der Wiener Akademie, dem Haydn Quartett,

barucco, dem L'Orfeo Barockorchester u.a. zurückblicken.

Jüngste Engagements führten Ida in J. Haydns »Stabat Mater«

unter der Leitung von Martin Haselböck zum Musikfestival

- 114 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 115 -


ion 2009 und nach Lateinamerika. Darüber hinaus trat sie als

Altsolistin bei den Bach-Tagen Bad Hersfeld auf.

Im Januar 2011 sang sie Bach-Kantaten im Rahmen des

Kammermusikzyklus der Musica Angelica in Los Angeles, im

April 2011 debütierte sie unter Fabio Luisi mit den Wiener

Symphonikern in Mendelssohns »Sommernachtstraum« im

Wiener Musikverein.

Neben ihrer Konzerttätigkeit fühlt sich Ida auch auf der

Opernbühne zuhause. 2008 verkörperte sie in G. F. Händels

»Alcina« die Rolle der Bradamante (Neue Studiobühne und

Schlosstheater Schönbrunn in Wien). Bei den donauFEST-

WOCHEN im Strudengau war sie als Aristea in A. Vivaldis

»L'Olimpiade« zu hören und im Jänner 2010 stand sie als

Dorabella in W. A. Mozarts »Cosi fan Tutte« im Schlosstheater

Schönbrunn (Wien) unter der Leitung von Martin Haselböck

auf der Bühne.

Jan Petryka, geboren in Warschau als

Sohn einer Musikerfamilie, bekam seinen

ersten Cellounterricht mit 9 Jahren am

Brucknerkonservatorium Linz. Nach seiner

Matura am Linzer Musikgymnasium ging

er an die Kunstuniversität Graz, wo er sein

Violoncellostudium abschloss. Seinem ersten Gesangsunterricht

bei Gertrud Schulz in Linz folgten Studien bei Rotraud

Hansmann in Sologesang, bei KS Marjana Lipovšek in Lied

und Oratorium sowie Musikdramatische Darstellung bei Didier

von Orlowsky an der Universität für Musik und darstellende

Kunst Wien. Der lyrische Tenor hat sich auf dem Gebiet

sakraler Musik von franko-ämischer Vokalpolyphonie

über Bachs Kantatenwerk, Oratorien und Messen der Wiener

Klassiker bis hin zu zeitgenössischen Kompositionen ein

breit gefächertes Repertoire erarbeitet.

Jan singt mit Klangkörpern wie: Arnold Schoenberg Chor,

Bruckner Orchester Linz, Mozarteum Orchester Salzburg, RSO

Wien, Symphonieorchester Vorarlberg, Wiener Akademie, Pandols

Consort Wien und Ensemble Cinquecento.

Als Tenor in der 2. Symphonie von A. Schnittke war er unter

der Leitung von Dennis Russell Davies zu hören, unter

Erwin Ortner sang er im Musikverein den Tenor im Soloquartett

in Franz Schmidts »Buch mit sieben Siegeln«.

Auf der Opernbühne sang Jan am Bregenzer Landestheater

als Tamino-Cover in der »Zauberöte« (Ltg. Gérard Korsten),

beim Festival Reinsberg den Damon in »Acis und Galatea«

unter Martin Haselböck, bei den Wiener Festwochen den Bartholomew

in H. Birtwistles »Last Supper« sowie den Jungen –

die Hauptrolle in E. L. Leitners Oper »Die Sennenpuppe« –

am Innsbrucker Landestheater. Am eater an der Wien verkörperte

er den Tom Rakewell bei einer Produktion von Strawinskys

»Rake's Progress« für Kinder. Er wirkte auch als Solist

in der Kinderoper »Das Traumfresserchen« an der Wiener

Staatsoper 2009/2010 mit.

2012 und 2013 bestreitet Jan u.a. eine Matthäus Passion-

Tournee mit der Wiener Akademie unter Martin Haselböck,

eine Konzertreise mit dem Bach Consort Wien zu den Händelfestspielen

in Halle/Saale, Auftritte mit dem Ensemble Cinquecento

in Österreich und Belgien, mehrere Liederabende

mit F. Schuberts »Die schöne Müllerin« sowie ein Konzert mit

polnischer Renaissancemusik mit dem Clemencic Consort im

Wiener Musikverein.

- 116 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 117 -


Ulfried Staber wurde in Fohnsdorf in

der Steiermark geboren. In der örtlichen

Musikschule erhielt er seine erste musikalische

Ausbildung auf der Violine und

am Klavier. 1995 begann er an der Universität

für Musik und darstellende Kunst

Graz das Lehramtsstudium für Musik. Im Rahmen dieses

Studiums bekam er erstmals Gesangsunterricht bei Elisabeth

Batrice und begann 1998 ein Gesangspädagogikstudium bei

Martin Klietmann, das er im Juni 2005 mit ausgezeichnetem

Erfolg abschloss. Während seines Studiums entdeckte er

die Liebe zur Chormusik. Er war Mitglied der Domkantorei

Graz, cantus, cappella nova und anderen Chören und Ensembles

mit denen er in ganz Europa und Asien viele Konzerte bei

verschiedensten Festivals bestreiten durfte.

Seine solistische Konzerttätigkeit erstreckt sich auf ganz Österreich,

Italien und Deutschland, wo er u.a. die Oratorien

sowie zahlreiche Kantaten von Bach, »Die Schöpfung« von

Haydn oder die »Marienvesper« von Monteverdi sang.

Auftritte im Rahmen zahlreicher Festivals, u.a. styriarte, Carinthischer

Sommer, trigonale, Feste musicale per S.Rocco/Venedig,

la strada, Psalm 2003, Ecchi Lontani Cagliari.

Er ist Mitglied des Renaissance-Vokalensembles Cinquecento,

das sich mit der Vokalpolyphonie des 16. Jh. beschäftigt

(zahlreiche preisgekrönte CD-Erscheinungen bei hyperion),

sowie des Männerquartetts schnittpunktvokal, welches seinen

Bogen vom Kärntnerlied über Auftragskompositionen bis hin

zur Zusammenarbeit mit dem Saxophonisten Wolfgang Puschnig

spannt (Pasticciopreis Jänner 2007, Hans Koller Preis 2007

mit W. Puschnig). Er arbeitet immer wieder mit verschiedenen

Ensembles wie Weserrenaissance (M. Cordes), dem Clemencic

Consort, dem Huelgas Ensemble (P. van Nevel) oder dem Balthasar

Neumann Chor (. Hengelbrock) zusammen.

Die weiteren Biografien nden Sie auf folgenden Seiten:

Barokksolistene, Seite 16

Bjarte Eike, Seite 17

Hanna Herfurtner, Seite 20

- 118 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 119 -


Donnerstag, 13.09. | 19 Uhr

Seminarkirche Tanzenberg

Maria Maddalena – Azione sacra

(Antonio Bertali, 1605 – 1669)

Poesia di Antonio Draghi

Hanna Morrison: Maddalena (Sopran)

Franz Vitzthum: Maria (Altus)

Andreas Post: Amor verso Dio, Primo Peccatore (Tenor)

Markus Flaig: Pentimento, Secondo Peccatore

(Bassbariton)

Echo du Danube

Friederike Otto: Zink

Sebastian Kuhn: Zink

Christoph Hamborg: Posaune

Martin Jopp: Violine

Elisabeth Wiesbauer: Violine

Ghislaine Wauters: Viola da gamba

Johanna Valencia: Viola da gamba

Richard Carter: Viola da gamba

Lutz Gillmann: Orgel

Johannes Vogt: Laute

Johanna Seitz: Harfe

Elisabeth Seitz: Salterio

Michele Claude: Perkussion

Christian Zincke: Viola da gamba, Violone, Leitung

Ann Allen: Regie

- 120 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 121 -


Einleitung

Bar seines strahlenden Schmuckes

läuft der schöne Lenker des lichten Tages auf ewiger Bahn.

Der Sonnengott weint,

eingehüllt in grauses Entsetzen über einen,

der hier zu Grabe liegt.

Der Mond beschreitet heute nicht mehr

mit seinem Silberfuß die Himmels Wege.

Trüb, verschleiert, gestützt auf diese Urne,

beweint er sein erloschenes Leben.

Das ist Schwulst! Und genau so wird Literatur des Barock

von der Literaturkritik durchaus abwertend bezeichnet, als

Schwulststil.

Die Aufgabe, für die erste (Wieder-)Auührung von Maria

Maddalena eine deutsche Übersetzung der Lyrik von Antonio

Draghi zu erstellen, war nicht leicht. In der wirren Fülle von

Metaphern und Allegorien entpuppte sich eine wunderbare

Poetik und eine Poetik des Wunderbaren. Langsam kristallisierten

sich die anfangs leeren Worthülsen zu einer eindrücklichen

mystischen Verzückung.

Und dann die Verbindung zu Bertalis Musik, zu seiner emp-

ndsamen Melodik und kühnen Harmonik! Keine Spur

mehr von leerem Pathos und prunkhafter Aufgeblasenheit.

Eine Welt der hemmungslosen mystischen Ekstase, die unmittelbar

berühren und ergreifen kann.

Bei dieser ersten Annäherung entstanden sofort Ideen, dieses

Werk in einen aktuellen Kontext zu stellen. Nicht um zu verfremden

oder zu kommentieren, sondern aus dem Bedürfnis

seiner Aktualität gerecht zu werden.

Antonio Bertali wurde im März 1605 in Verona geboren. In

dem Domkapellmeister Stefano Bernardi hatte er einen ausgezeichneten

Lehrer und Förderer. Dessen guten Beziehungen

zu den Habsburgern eröneten dem jungen Bertali

eine Karriere an der Wiener Hofkapelle, die ihn bis zur Position

des Hofkapellmeisters (seit 1649) und schließlich zur

Erhebung in den Adelsstand (1654) bringen sollten.

In einer Kaiserlichen Resolution vom Juli des Jahres 1666

heißt es, dass er 42 Jahre im Dienst des Hofes gestanden

war, er muss also bereits 1624, im Alter von 19 Jahren, nach

Wien gekommen sein. Die ersten Urkunden führen ihn als

Instrumentalisten an 4. Stelle der Streicher an. Bis zu seinem

Tode im Jahre 1669 hatte er drei musikbegeisterten Kaisern

gedient – Ferdinand II., Ferdinand III. und Leopold I.

Die Musikkultur des Kaiserhofes war von den ganz persönlichen

Interessen der Regenten geprägt. Seit Ferdinand III.

betätigten sich Kaiser gerne und durchaus gekonnt als Komponisten,

Musik war also nicht nur eines unter vielen Mitteln

der Repräsentation, sondern ein persönliches Anliegen. Somit

waren die Herrscher selbst in der Lage, die Leistungen,

der für den Hofdienst in Frage kommenden Musiker zu beurteilen,

was dem Niveau der Hofkapelle zweifellos zugute

kam.

- 122 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 123 -


Mit der Regentschaft von Leopold I. (1658 – 1705) kam es

dann zu regelmäßigen Auührungen Musik-dramatischer

Werke, die in den Zwanzigerjahren begonnen hatten. Insgesamt

waren es etwa 400 Werke, Opern, Oratorien, Sepolcri

und Serenaten, die in diesem Zeitraum aufgeführt wurden.

Auch die Kaiserinnen aus dem Hause Gonzaga, Eleonora I. –

die Frau Ferdinand des II., und insbesondere Eleonora II., die

mit Ferdinand dem III. verheiratet war, hatten an der Ausprägung

des Kulturlebens einen nicht zu unterschätzenden

Einuss. Die ohnehin dominierende kulturelle Ausrichtung

nach Italien, die sich mit der Durchsetzung der Gegenreformation

in Österreich verstärkt hatte, wurde weiter vertieft.

Eleonora II. rief die Accademia degli Illustrati ins Leben, an

der nach italienischem Vorbild über gegebene emen Reden

gehalten, Gedichte rezitiert und neue Musikwerke aufgeführt

wurden. Der venezianischen Botschafter Alvise Molin

schreibt ihr die Einführung des Oratoriums in Wien zu.

In Italien hatte sich bald aus dem Oratorium, einem »außer-

liturgischen Gottesdienste« eine Vergnügungsmusik ent-

wickelt, bei der die Grenzen zur Oper immer mehr verschwammen.

Nicht so in Wien. Der Zweck der religiösen Erbauung war

bis in 18. Jahrhundert im Vordergrund. So waren auch szenische

Auührungen eher die Ausnahme. Die explizit szenische

Form des Oratoriums in Wien war das Sepolcro – die

Beweinung und Verehrung des im Grab liegenden Christus.

Der Name leitet sich von dem Auührungshinweis »al

Santissimo Sepolcro« ab, wurde aber eher selten verwendet.

Geläuger waren die Bezeichnungen »azione sacra« und vor

allem »azione rappresentativa«.

Seine Blütezeit erlebte es während der Regierungszeit Leopold

I., der auch selbst einige Werke zu dieser Gattung beisteuerte.

Sein »il Transito di S. Giuseppe« kam seit 1680 über

zwei Jahrzehnte fast jährlich zur Auührung. Auch für die

Werke anderer lieferte er Einlagearien, wie zum Beispiel für

Antonio Draghis »la Vita nella Morte«.

Neben dem Oratorium waren es im Katholischen verwurzelte

Traditionen, die zu der speziellen Ausprägung des Sepolcro

führten. So kann man eine Verbindung zum mittelalterlichen

Geistlichen Spiel, in Wien insbesondere dem Passionsspiel

am Karfreitag in St. Stefan, sehen. Natürlich spielt auch die

übliche Praktik, am Karfreitag eine Nachbildung des heiligen

Grabes zu errichten, eine Rolle.

Auührungen fanden ausschließlich am Gründonnerstag in

der Privatkapelle der Eleonora II. und am Karfreitag, mit jeweils

einem anderen Stück, in der Hofburgkapelle statt – in

der Kapelle der Eleonora mit Aktion und auch mit Kostümen,

aber ohne weiterer Szenerie, vor einer Nachbildung des heiligen

Grabes, während man in der Hofburgkapelle zusätzlich

einen gemalten Prospekt errichtete.

Bertalis Sepolcro »Maria Maddalena« aus dem Jahre 1663 ist

in jeder Hinsicht typisch für die Gattung. Neben Maria und

Maria Magdalena agieren allegorische Figuren.

- 124 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 125 -


Weitere Charakteristika sind die kürzere einteilige Form, der

tableau-lehrhafte Aufbau – im Gegensatz zur darstellenden

Handlung eines Oratoriums geht es um die Versenkung in

den Schmerz, der zur Honung auf Auferstehung führt.

Die meist homophone Schreibweise und die häug tiefe Instrumentierung

mit Violen, dichte Chromatik – alles steht im

Dienst des Aektes der Trauer, der Klage und des Schmerzes.

Sepolcro »Maria Maddalena«

Christian Zincke

Es war aber allda Maria Magdalena und die andere Maria, die

setzten sich gegen das Grab.

Matthäus 27,61

Maria Magdalena und Maria, Mutter Gottes, durchleben

nach der Krisis der Karfreitagsereignisse eine lange Nacht vol-

ler Schmerzen, Leid und Trauer. Sie haben Jesus Kreuzigung

miterlebt, seinen Leichnam zur nahe gelegenen Grabesstätte

(dem Sepulchrum) im Garten von Golgatha begleitet und

wachen, warten und beten dort in qualvoller Entrückung.

Tu mentre al Ciel salisti

L’inferno al Cor m’appristi

Während du zum Himmel aufgestiegen bist

Hast du in meinem Herzen die Hölle aufgestoßen

Oben stehendes Zitat stammt aus Antonio Bertalis Libretto

für das Sepolcro »Maria Maddalena«, das zur Osterzeit unter

der Leitung des musikalisch ausnehmend engagierten Kaisers

Ferdinand II. in der Wiener Hofkapelle aufgeführt wurde. Das

Sepolcro war ein sehr besonderes Genre einer Miniaturoper

sakralen Inhalts, mit einem Aspekt der Ostergeschichte als

Gegenstand. Es unterschied sich von seinem gewichtigeren

großen Bruder, dem Oratorium, durch seine kürzere Dauer

und das stärker eingeschränkte ema, jedoch auch durch

seinen Operncharakter im Gebrauch von Kostümen, eines

Bühnenbilds und einer gespielten Handlung, selbst wenn es

ausschließlich als Teil eines Gottesdienstes aufgeführt wurde.

Gemäß den Regieanweisungen aus erhaltenen Quellen önete

sich zu Auührungsbeginn ein Vorhang, der das Grabmal

freigab, während im Verlauf des Sepolcro die Mitglieder

des Ensembles Handlungen zu vollziehen hatten, die den

Umständen des Stücks entsprachen (u.a. trauern, ein Kreuz

tragen, einen Schleier heben, niederknien oder Blumen bringen).

Im Wissen um die einstige Auührungspraxis habe ich für

die heutige Darbietung meiner Imagination erlaubt, sich auf

diesen Augenblick der Menschheitsgeschichte zu fokussieren,

um zu sehen, wie ich aus der Inspiration durch die Musik,

die ursprüngliche Praxis und die Erzählung selbst eine

atmosphärische und aussagekräftige Inszenierung erzeugen

kann, die Herz und Seele eines heutigen Publikums berührt.

Ann Allen (Übersetzung Gregor Chudoba)

- 126 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 127 -


Texte

Sinfonia

Pentimento

Non più di raggi adorno scorre

l'eterne strade il bel Retor del giorno

mà in un horrore involto piange il sole divin

ch'è qui sepolto piange il sole divin che è qui sepolto.

Amor verso dio

Con piè d'argento oggi le vie del Cielo

non più calca la luna

mà sol di fosco velo sù quest'urna sacrata

lagrima la sua vita hor tramontata.

Amor verso dio & Pentimento

Vieni oh morte, e dove sei?

Tu le porte apri à l'alma et à gl'omei.

Pentimento

In terra per mè piu morte non v'è ...

Amor verso dio

Per far immortale mia doglia letale

al Cielo Sali non è più qui.

Amor verso dio & Pentimento

Pur troppo (abi trista sorte)

in Paradiso osò dèntrar la Morte.

Symphonie

Pentimento

Bar seines strahlenden Schmuckes läuft der schöne Lenker

des lichten Tages auf ewiger Bahn.

Der Sonnengott weint, eingehüllt in grauses Entsetzen

über einen, der hier zu Grabe liegt.

Amor verso dio

Der Mond beschreitet heute nicht mehr

mit seinem Silberfuß die Himmels Wege.

Trüb, verschleiert, gestützt auf diese Urne,

beweint er sein erloschenes Leben.

Amor verso dio & Pentimento

Wo bist Du, Tod? Komm doch, Tod! Wo bist du?

Öne den verwandten Seelen diese Pforten!

Pentimento

Auf Erden ist fürderhin kein Tod für mich.

Amor verso dio

Um meinen tödlichen Schmerz zu verewigen,

fuhr er zum Himmel auf, weilt nicht mehr hier.

Amor verso dio & Pentimento

O Weh! Trauriges Schicksal!

Den Tritt ins Paradies wagte der Tod.

- 128 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 129 -


Amor verso dio

Amico e qual conforto appresti à miei lamenti.

Pentimento

Se'l mio Signor è morto

non hò in me, che tormenti.

Amor verso dio

Sospirando s'accresche il Martire.

Pentimento

Lagrimando l'annnegli il dolore.

Amor verso dio & Pentimento

Nel ebile humore ne i nostri sospiri sbilla

il cor l'alma spiri spilla il cor.

Sonata

Pentimento

D'occhi privi oh Dio

si si restin pur gl'orbi rotanti se

del Ciel racchiude i vanti

una pietra in questo di ...

Amor verso dio

... restin pur gli Astri, e le sfere sregolate

ogn'hor confuse già

per me sono deluse le speranze del godere.

Amor verso dio

Freund welchen Trost hast du für meine Klagen?

Pentimento

Da mein Herr tot ist,

trage ich nichts als Qualen in mir.

Amor verso dio

Seufzend wächst die Pein.

Pentimento

Weinen mag den Schmerz ersticken.

Amor verso dio & Pentimento

In Fluten der Zähren verströme sich das Herz!

Mit unseren Seufzern hauche die Seele ihr Leben aus!

Sonate

Pentimento

Des Augenlichts beraubt, blind nur,

dreht sich der Erdkreis weiter –

O Gott! Wenn an diesem Tag ein Grab

von Stein des Himmels Glorie verbirgt und einschließt, so …

Amor verso dio

… mögen Sterne und Welten-Sphären

in ewiger Verwirrung verharren!

Jegliche Honung auf irdischen Genuß ist ja enttäuscht.

- 130 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 131 -


Pentimento

freddo marmo al mio cordoglio amollisci tua durezza

le tue viscere di scogli al mio pianto ò prega,

ò spezza al mio pianto o piega ò spezza.

Amor verso dio

Lagrime amare scendete irrigate

non siete avare di vostre stille

e à mille à mille scorrete te grondate grondate da gl'ochi

dolenti in vivi torrenti.

Rendimi il mio Giesu. Sasso immortale rendimi

il mio Giesu sasso immortale ch'in si ero martoro

la tua pietade la tua pietade imploro.

Amor verso dio & Pentimento

La terra s'inondi

Il mondo s'aondi da l'acque il suolo s'ingobre il Cielo

S'oscurino i Cieli

e l'aria si veli da l'ombre il Cielo s'ingombre.

Amor verso dio

Andiam Compagno altrove

per far più grave il nostro aanno

in tanto che leggiero è quel duol,

che sfoga in pianto.

Pentimento

Signore ohimé senza te che faró? Moriró.

Pentimento

Kalter, harter Marmor, weiche meinem Gram!

Biege dich, du felsiger Schoß oder brich entzwei,

vor meinem Weinen!

Amor verso dio

Bittere Tränen, stürzt herab! Ihr Wasserbäche,

geizt nicht mit eueren Tropfen!

Tausendfach rinnet aus meinen schmerzenden Augen

in lebendigen Strömen!

Gib mir meinen Jesum wieder, ewiger Fels!

In wilder Pein erehe ich deine Barmherzigkeit.

Amor verso dio & Pentimento

Versinke in Fluten, o Erde!

Ertrinke im Wasser, o Welt!

Himmel, vernstre dich,

verhülle, verschatte Dich, Luft!

Amor verso dio

Andere Wege lass uns suchen, mein Gefährte,

unseren Schmerz zu vertiefen,

da doch der Schmerz sanfter wird,

wenn er im Weinen zergeht.

Pentimento

Herr, ach ohne dich, was soll ich tun? Sterben will ich.

- 132 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 133 -


Amor verso dio & Pentimento

si si moriamo e se il morir c'è tolto con disusate tempre

gema il cor pianga il Ciglio,

e l'Alma sempre con disusate tempre gema il cor.

Sonata

Maria

Questa, Maria, questa questa e la sponda funesta

questo è l' Anello del mio Filgio, e Signore

glio del glio ascolta il mio dolore

Tu nel trovar il solo solinga hor qui mi lasci priva

di tramontana in Mar di duolo Tu mentre

al Ciel salisti l'inferno

al Cor m'appristi in tanto aanno

oh Dio chi mi dà il glio mio priva d'humanita

a ita nel tuo morir

ohimè muor la mia vita.

Ahi sospiri ahi sospiri uscite pur uscite pur uscite

mà non partite nò nò non partite

che mentre i miei martiri uscendo allegerite piu tardi morirò.

Sonata

Maddalena

Oh Madre sconsolata o Maria sventurata

datemi il mio Signore o notte o giorno

chi di voi me lo invola? Chi mi lo rende oimè

chi mi consola? Voi Celesti Potente.

Amor verso dio & Pentimento

So wollen wir sterben.

Und ist dies verwehrt, so ächzen und

weinen maßlos Augen und Herz.

Sonate

Maria

Maria, dies ist das unselige Geld,

dies ist der Ring, das Siegel meines Sohnes, meines Herrn.

Sohn aller Söhne, Einziger, gib acht auf meine Schmerzen.

Du Unvergleicher im Finden, lässest mich nun allein,

ohne Kraft, in einem Meer von Schmerzen.

Da du zum Himmel auuhrest

önete sich das Inferno des Leidens meinem Herzen.

Ach Gott, wer gibt mir meinen Sohn zurück?

In deinem Sterben stirbt mein Leben,

bar jeden menschlichen Beistands.

Ach, ihr Seufzer, gehet aus!

Doch, nein, verlasst mich nicht!

Denn ihr erleichtert meine Martern, ehe ich sterbe.

Sonate

Maddalena

O trostlos betrübte Mutter! Ach unglückliche Maria! O Tag!

O Nacht! Ach, gebt mir meinen Herrn!

Wer hat ihn entwendet, wer gibt ihn mir wieder?

Ach, wer tröstet mich? Ihr hohen Mächte!

- 134 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 135 -


se pur merta pietà

chi seco più non l'hà Voi pietose

al mio duolo concedetemi solo

o che venga il mio nume à questo seno,

o che di doglia al n qui venga meno.

Ahi sospiri trattener non vi sò, mà pur uscite

si e in queasto di il Cor turbato

spiri anch'esso frà voi l'ultimo ato.

Maria

Mio celato tesoro per cui vivendo io moro

pupilla del Cor mio povera,

e cieca senza te son io.

Maddalena

Mà qual inigua sorte tiene quest'Alma in vita

trà continui tormenti in rio Martiro?

Se pur non è la Morte altro ch'è sol sospiro!

Maria

No che morir non deggio ... mà se già morta sono ...

mà se le l'Alma è partita come qui resto in vita

cadavere già fatto è questo corpo esangue

e freddo corre entro le vene il sangue.

Wenn nur der Erbarmen verdient,

wer von allem Erbarmen verlassen ist, so neiget euch

zu meinem Schmerz und gewährt mir einzig,

dass mein Gott entweder an diesen Busen komme,

oder dass ich vor Schmerzen hier den Geist aufgebe!

Ach Seufzer! Ich kann Euch nicht zurückhalten, entfahret nur!

Und mit euch soll an diesem Tage

auch dies verwirrte Herz den letzten Atemzug tun.

Maria

Mein geheimer Schatz, durch den ich lebendig sterbe,

du armer Augenstern meines Herzens!

Ohne Dich bin ich NICHTS, gar nichts.

Maddalena

Doch, welch niederträchtiges Schicksal hält diese Seele im Leben,

inmitten ständiger Qualen, grausamer Marter?

Wenn doch der Tod nichts anderes mehr ist, als nur ein Seufzer?

Maria

Nein, sterben darf ich nicht.

Doch wenn die Seele entohen ist, wie soll ich hier leben?

Ein Kadaver ist dieser blutleere Körper schon geworden.

Kalt ießt in den Adern das Blut.

- 136 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 137 -


Maddalena

Nò che morir non deggio mà se già morta sono

come qui resto in vita; mà se in te vivo o Dio hor,

che da me sei tolto almen

nel tuo viva il mio Cor sepolto.

Maria & Maddalena

Nel mondo nel Cielo non resti pupilla,

ch'in humida sbilla

non scenda dal Ciglio non resti pupilla.

Maddalena

Chi mi da mio Maestro, ...

Maria

... chi mi rende il mio glio?

Tu che suggesti il sangue?

Ch'io già per allatarti al sen mi tratti, deh per pietà ritorna

vieni, e rasciugua omai con tue lucide bende

quel sangue che da gl'occhi hora mi scende

mà non v'è chi m'ascolti?

Chi il mio gli m'invola

chi mi lo rende ohimè chi mi consola.

Sonata

Peccatore 1mo

Versate pur versate in liquidi torrenti occhi miei lagrimosi i

nostri guai da la bocca esalate rapidi miei sospiri

e con lievi respiri ristorate per poco i miei scontenti.

Maddalena

Nein, sterben darf ich nicht. Doch wenn die Seele entohen ist,

wie kann ich hier leben? Wenn ich nun in dir lebe, O Gott,

jetzt da du mir genommen bist, dann lebe mein Herz,

begraben in dem Deinen.

Maria & Maddalena

Auf Erden, im Himmel verbleibe kein Auge unausgeweint,

und keine Wimper sei,

von der nicht nass die schweren Tränentropfen fallen.

Maddalena

wer gibt mir meinen Meister, …

Maria

… wer meinen Sohn mir wieder?

Blut saugtest du aus meiner Brust, als ich dich nährte.

Ach um der Barmherzigkeit willen, komm zurück!

Komm und trockne mit deinen leuchtenden Blicken

jenes Blut, das jetzt aus meinen Augen niederstürzt!

Ist da denn niemand, der mich hörte?

Wer stiehlt mir meinen Sohn?

Wer gibt ihn mir zurück? Ach, wer tröstet mich?

Sonate

Peccator 1mo

Zerießet, ihr weinenden Augen in Fluten der Zähren,

über unserem Unheil. Entringt euch dem Munde, ihr Seufzer,

und erquicket mit sanftem Atem ein wenig mein Unglück.

- 138 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 139 -


Dal Vostro mormorio cessate in tanto

o fonti che scendendo da monti m'intonate

à l'orecchio oeso Dio ahi che scuotendo

i Venti de gli arbori

le frondi dicono in accenti

Perdo Perdo,

Dio ti chiama e non rispondi? Non rispondi?

À la morte d'un Dio per cui spezzanti

i marmi sarà intiero il cor mio?

Troppo grave è il mio peccato

il mio peccato qui fermar

io voglio i passi se fui molle,

e delicato unó spirar soura de'sassi spirar soura de'sassi.

Hora si che ben m'avegg'io ch'immortal

è il languir mio ed'eterno è

il dolor mio s'una Vita dogliosa è il mio morire.

Folle come credei

trà caduche bellezze

lontan da la Morte i pensier miei?

E pur non è beltade altro

che un ore che se in nobil recinto

pomposo un di si mostra nascé col giorno

et è col giorno estinto.

Peccatori

Non cosi ratto si strugge il candor di bianca

neve come il ben da noi se'n fugge al girar di tepo lieve.

Sonatina

Lasst ab von eurem Murmeln,ihr Quellen.

Euer brausender Sturz vom Berge herab

tönt mir im Ohr wie des beleidigten Gottes Stimme,

der im Winde die Bäume schüttelt,

das Laub in stummen Akzenten reden macht:

»Treuloser, Heimtückischer!«

Gott ruft dich und du antwortest nicht?

Bei Gottes Tod spalten sich die Felsen.

Und mein Herz sollte nicht brechen?

Zu schwer ist meiner Sünden Schuld.

Hier will ich die Schritte verhalten,

will ganz weich und zart werden,

um hinzusterben über diesen Felsen.

Nun merk' ich wohl, dass mein Schmachten unendlich ist

und ewig meine Qual, da mein Sterben

sich schmerzlich nur dem Leben entringt.

Du Narr! Wie konntest du glauben,

durch vergängliche Schönheit

die Gedanken des Tod zu bannen?

Ist Schönheit ja nichts anderes

als die Blume im edlen Hag,

die voller Pracht sich zeigt an einem Tag,

und am anderen schon verlöscht.

Peccatori

Schneller als die Reinheit des Schnees vergeht, ieht das Gute

von uns im unbemerkten Dreh'n der Zeit, im Nu.

Sonatine

- 140 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 141 -


Peccatore 2do

Scelerato se vissi ingoiami pur terra

con dispietata guerra mi tormentin

gl'Abbissi nascondetemi o rupi

lá ne'centri più cupi

forsenate mie brame

à la giusta vendetta

in van mi celo se fui prodigo

e indegno a le miserie

hor mi condanna il Cielo.

Peccatori

Ben comprendo

Hora intendo che quel ch'il Mondo dà tutto

é fumo tutt'è un ombra, e vanità.

Maddalena

Se peccaste infelici piangete i nostri falli,

ch'una goccia di pianto

che pentita sgorgo da mesto lume

suole portar d'eterno bene un ume.

Maria

Nel bagno ne l'onda che scorre, che gronda da gli occhi

dolenti si lavi ogni errore

si mondi del core le piaghe fetenti.

Peccatori

Al lume giocondo de l'Alba

nascente al sol moribondo.

Peccator 2do

Oh, ich Frevler, ich Missetäter! Und ich lebe noch?

Verschlingt, bekämpft mich nicht ohn' Erbarmen die Erde,

foltern mich nicht die Abgründe?

Verbergt mich, ihr Felsen, in innerster, tiefster Finsternis!

Dorthin, ins Herz des Dunkels

zieht mich mein verrücktes Verlangen.

Umsonst verstecke ich mich vor der gerechten Rache.

Mich, den unwürdigen, verlorenen Sohn,

verdammt nun der Himmel zur Pein.

Peccatori

Gut, verstehe ich / Nun begreife ich:

die Gaben der Welt

sind Rauch, Schatten und Wahn.

Maddalena

Unglückliche Sünder, weinet über unsere Fehltritte!

Denn schon der Tropfen einer einzigen Träne,

quellend voll Reue aus trauerndem Auge,

kann uns einen Strom ewigen Gutes zuießen lassen.

Maria

Im Bad, in der Welle, die aus trauernden Augen gleitet,

wäscht jeder Fehler sich rein.

Im Herzen reinigen sich die abscheulichsten Wunden.

Peccatori

Beim heiteren Licht der aufsteigenden Morgendämmerung

Für den einsam Sterbenden.

- 142 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 143 -


se'l Ciel mirerò aitto, e gemente ogn'hor piangerò

À l'emenda à l'emenda si si ne disperiam nò nò

che se proprio è di noi peccar sovente.

Iddio perdona ogn'hor perdona ogn'hor

à chi si pense à chi si pense si pense.

Maddalena

Farfalletta semplicetta,

che volasci di due lumi à i bei splendori d'eternare

se pensate la tua Vita

in sozziardori t'inganasti.

Maria & Maddalena

Cosi qui si pesca cosi si nascode

col' homo ne l'onde la morte ne lesca.

Sonata

Peccatori

Speranze gradite se per mio conforto

dal Cielo venite nel Cor già ui porto

ben care apparite speranze gradite.

Sonatina

Maria & Maddalena

Troppo folle e chi segue un van piacere

se travia dal buon

sertiere troppo in sù pazzo l'estolle.

Im Anblick des Himmels

werde ich stets betrübt und seufzend weinen.

Die Versöhnung ist da, es weicht die Verzweiung.

Immer wieder vergibt Gott

dem reuigen Sünder.

Maddalena

Kleiner, naiver Schmetterling,

Du ogst auf den Glanz zweier blendender Augensterne.

Dachtest Du dein Leben zu verewigen,

indem Du es beeckst, so täuschtest Du Dich.

Maria & Maddalena

Der Fischer versteckt in den Wellen die Angel,

den Köder, den Tod.

Sonate

Peccatori

Erwünschte Honung, wenn Du zu meinem Trost

vom Himmel kommst, so trage ich dich schon im Herzen.

Erscheine, Du teure, ersehnte Honung, komm!

Sonatine

Maria & Maddalena

Verrückt ist, wer eitlem Vergnügen folgt.

Er kommt vom rechten Wege ab

und rühmt sich wie ein Narr.

- 144 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 145 -


Peccatori

E troppo fragille vostra beltà troppo èmutabile

la vostra eta troppo troppo emutabile la vostra età.

Maddalena

Se nutri di speranza

tuoi desir vani, e infermi sappio ò Mortal,

ch al n solo s'avanza penitenza Terror, sepolcro,

e vermi sepolcro e vermi.

Maria, Maddalena, Peccatori

Sappi o mortal,

che solo s'avanza peniteza terror, sepolcro,

e vermi sepolcro, e vermi.

Peccatori

Zerbrechlich ist unsere Schönheit,

gebrechlich unser Alter.

Maddalena

Nährst Du nur Honungen,

sind deine Wünsche eitel und krank, so wisse Du Sterblicher:

Am Ende bleiben nur Reue, Angst und Schrecken,

Grab und Würmer.

Maria, Maddalena, Peccatori

Wisse dies, o Sterblicher!

Am Ende bleiben nur Reue, Angst und Schrecken,

Grab und Würmer.

- 146 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 147 -


Echo du Danube

Der Name gefällt mir immer noch, auch wenn sich manche

mit der Aussprache schwer tun. Der Begri Echo hat Poesie,

er ist musikalisch, klingend. Ohne Zweifel gibt es Echos,

doch haben sie etwas Immaterielles, als pendelten sie zwischen

zwei Welten. Und die Donau, an der ich aufgewachsen

bin, liebe ich ja sowieso.

Es gefällt mir, Freunde einzuladen, mit ihnen Projekte zu

verfolgen, Pläne zu schmieden über Musik zu diskutieren,

Auührungskonzepte zu entwickeln und am allermeisten

gemeinsam Musik zu machen.

Inzwischen waren wir auf Festivals, in recht fernen Ländern,

haben musikalische Schätze ans Tageslicht gebracht, haben

einfach viel Schönes gemeinsam erlebt. Ich hoe es geht so

weiter.

Seit seiner Gründung im Jahr 1999 begeistert Echo du Danube

das Publikum bei Festivals und Konzerten im In- und Ausland.

So gastierte es bei renommierten Festivals, wie dem Resonanzen-Festival

Wien, den Feste Musicali Köln, dem Carinthischen

Sommer, Österreich, dem Krakau-Festival, Polen und

dem Shakespeare-Festival, Neuss, dem MDR Musiksommer und

gab umjubelte Konzerte in ganz Europa, Marokko, im Liba-

non und Südkorea. Zahlreiche CD- und Rundfunkaufnahmen

(Accent, Naxos, Hessischer Rundfunk, Bayerischer Rund-

funk, Deutschlandfunk) dokumentieren den außergewöhnlichen

Klang und die umfassende Vitalität des Ensembles.

Programme von Echo du Danube sind oft Wiederentdeckungen,

die intensive Recherchen und Bibliotheksarbeit voraussetzen.

Diese oft spannende und langwierige Arbeit sieht

die Gruppe als wichtigen Aspekt des Musikerdaseins und als

Quelle neuer Inspiration.

Ann Allen wurde in England geboren.

Sie studierte Musikwissenschaft an der Universität

von Manchester und Barockoboe und

Blocköte in London an der Royal Academy

of Music, bevor sie nach Basel an die Schola

Cantorum Basiliensis kam. Hier spezialisierte

sie sich auf Musik des Mittelalters und das Spiel der Schalmei.

Mit ihrem Ensemble Mediva, das sich der Musik des

Mittelalters widmet, behauptete sie sich als Finalistin beim

EMN Young Artists Competition (England) und der Antwerp

Young Artists Presentation (Belgien). Sie arbeitet als Barockoboistin

und als Spielerin früher Holzblasinstrumente mit unterschiedlichen

Ensembles und Orchestern in ganz Europa.

2003 rief Ann Allen das Nox Illuminata Festival ins Leben,

in der Musik mit Licht, Dekorationen, Visuals und eater

lebendig gemacht wird. Das Festival ndet jährlich in Basel

statt und wurde vom Festspielhaus St. Pölten (Österreich) in

sein Programm aufgenommen. Darüberhinaus inszeniert Ann

Allen die Konzertreihe »ILLUMINATIONEN« im Burghof

Lörrach (Deutschland).

- 148 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 149 -


Hannah Morrison

Die aus einer schottisch-isländischen

Familie stammende junge Sopranistin

Hannah Morrison wuchs in Holland auf,

wo sie am Maastrichter Konservatorium

von 1998 bis 2003 Gesang und Klavier

studierte. Nach dem Diplom wechselte sie an die Hochschule

für Musik Köln, Abteilung Wuppertal, und schloss ihre Ausbildung

bei Frau Prof. Barbara Schlick Anfang 2009 mit dem

Konzertexamen ab. Gleichzeitig machte sie den »Masters in

Music in Performance« in der Londoner Guildhall School of

Music and Drama bei Prof. Rudolf Piernay. Diverse Meisterkurse

bei berühmten Künstlern wie Matthias Goerne, Christoph

Eschenbach, Roger Vignoles, Sir omas Allen und Dame

Kiri Te Kanawa rundeten ihre Ausbildung ab.

Erste Bühnenerfahrung sammelte Hannah als Carolina in Cimarosas

»Il matrimonio segreto« am Stadttheater Aachen.

Hannah Morrisons besondere Leidenschaft gilt dem Konzert

und dem Lied. Hier war sie schon viel solistisch im In- und

Ausland tätig: Im Oratorienbereich u.a. mit J.S.Bachs «Weihnachtsoratorium«,

der »Matthäuspassion«, G.F. Händels

»Jephta«, Haydns »Schöpfung« und »Sieben letzten Worte«.

Sie gastiert regelmäßig mit den Ensembles Les Arts Florissants

unter Paul Agnew und William Christie, Holland Baroque

Society, L'arte del mondo unter Werner Erhardt, Echo du

Danube und L'Arpeggiata unter Christina Pluhar. Seit 2009

bildet sie ein Duo mit der aus Südafrika stammenden Pianis-

tin Lara Jones. Im Liedbereich feierte Hannah schon Erfolge

in England (Oxford Festival, London, King's Place, Wigmore

Hall u.a.) mit den Pianisten Eugene Asti und Graham Johnson.

Franz Vitzthum, geboren in der Oberpfalz,

erhielt seine erste musikalische Ausbildung

bei den Regensburger Domspatzen.

Sein Gesangsstudium absolvierte er 2007 bei

Kai Wessel an der Musikhochschule Köln. Schon

während seiner Ausbildung erhielt er zahl-

reiche Preise und Stipendien.

Die Presse lobt Franz Vitzthums Stimme als intonationssicheren,

linear geführten Countertenor, der mühelos in die

Mezzolage reicht und durch außergewöhnliche Klangschön-

heit überzeugt. Mittlerweile folgten Einladungen zu Solo-

Abenden beim Rheingau Musik Festival, den Händel-Festspielen

in Halle, Karlsruhe und Göttingen, zu La Folle Journée

in Nantes und dem Bach Festival Philadelpia. Er arbeitete u.a.

mit den Dirigenten Nicolas McGegan, Andrew Parrott,

Hermann Max, Peter Neumann und Christoph Poppen zusammen.

Desweiteren hat er bei diversen Opern- und Oratorienproduktionen

mitgewirkt, u.a. bei Scherz, Satire, Ironie

und tiefere Bedeutung (Glanert), Jephta und Solomon (Händel),

Orfeo (Gluck) und Orlando generoso (Steani) und zuletzt in

Spartaco (Porsile) an der Winteroper in Schwetzingen.

Franz Vitzthum ist auch vielgefragter Kammermusikpartner.

So konzertiert er regelmäßig mit dem Lautenisten Julian

Behr, dem Basler Ensemble Capricornus und singt mit dem

von ihm gegründeten Vokalensemble Stimmwerck. Diese vielseitige

Tätigkeit spiegelt sich in seiner Diskographie wider:

Nach seiner Debüt-CD Ich will in Friede fahren mit dem Gambenconsort

Les Escapades hat Vitzthum kürzlich unter dem

Titel Himmels-Lieder eine weitere Solo-CD mit geistlichen

Barockliedern für das Label Christophorus aufgenommen.

- 150 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 151 -


Der Tenor Andreas Post wird besonders

für seine stimmschönen und eindringlichen

Interpretationen der großen

Evangelistenpartien von Johann Sebastian

Bach geschätzt.

Seine Konzerttätigkeit führt ihn auch regelmäßig

ins Ausland, wobei vor allem Frankreich, Italien,

Skandinavien, Luxemburg und die Niederlande sowie Israel,

Mazedonien, Südafrika, die Ukraine und Singapur zu

nennen sind. Er arbeitet mit Dirigenten wie Hermann Max,

Helmuth Rilling, Philippe Herreweghe, Ludger Rémy, Jos van

Veldhoven, Jan Willem de Vriend oder Michael Hofstetter und

mit Ensembles wie Concerto con Anima, Le Chardon, Les Amis

de Philippe, Combattimento Consort Amsterdam, Hannoversche

Hofkapelle, Musica Alta Ripa, Collegium Vocale Gent, Monteverdichor

Hamburg und der Nederlandse Bachvereniging.

Andreas Post ist gern gesehener Gast der Telemannfesttage

Magdeburg, Musikfestspiele Dresden, Tage Alter Musik Regensburg,

Händelfestspiele Halle, Ludwigsburger Schloßfestspiele und

Mozartfest Augsburg.

Auf der Opernbühne gestaltete er den Astromonte in der

wiederentdeckten Oper »Der Stein der Weisen« an der unter

anderem auch Mozart komponierte, Palemone in Josef Schusters

wieder entdeckter Oper »Amor e Psiche«, »Pedrillo« in

Mozarts »Die Entführung aus dem Serail«, einer Koproduktion

des Göttinger Sinfonieorchesters und des Deutschen eaters

Göttingen in der Saison 2006/07, Tamino in »Die Zauberöte«

bei den Festspielen Gut Immling 2008 und Uriel in einer

Bühnenversion von Haydns Oratorium »Die Schöpfung«

anlässlich des 300. Jubiläums der Stadt Ludwigsburg 2009.

2012 wird er bei den Tagen Alter Musik Regensburg erneut in

einer Oper von Josef Schuster mitwirken.

Sein besonderes Engagement gilt dem Kunstlied, dem er sich

seit 1995 gemeinsam mit der Pianistin und Liedbegleiterin

Tatjana Dravenau intensiv widmet. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit

sind drei Solo-CDs erschienen, zuletzt 2008

»Die schöne Müllerin« von Franz Schubert. Seit 2008 erarbeitet

Andreas Post zeitgenössisches Liedrepertoire zusammen

mit Axel Bauni, mit dem er Lieder von Reimann und Rihm

beim Kissinger Sommer zur Urauührung brachte. 2011 gestaltete

er zusammen mit Jan Philip Schulze die Urauührung

von Trojahns Rilke-Zyklus »Dir zur Feier«.

Zahlreiche CD- und Rundfunkproduktionen dokumentieren

sein breit gefächertes Repertoire. In 2012 erscheint eine

CD mit Arien von J.S. Bach, C.P.E. Bach, G.Ph. Telemann

und R. Keiser, die Andreas Post zusammen mit dem Orchester

Le Chardon eingespielt hat. Andreas Post absolvierte sein

Gesangsstudium in der Klasse von Prof. KS Soto Papoulkas

an der Folkwang-Hochschule in Essen. Das Konzertexamen

bestand er mit Auszeichnung. Der Preisträger des 11. Internationalen

Bach-Wettbewerbs Leipzig lebt in Essen.

Markus Flaig kam über die Orgel zur

Musik und über ein Schul- und Kirchenmusikstudium

zum Gesang. In Horb am

Neckar geboren, studierte er bei Prof.

Beata Heuer-Christen in Freiburg und bei

Prof. Berthold Possemeyer in Frankfurt am

Main; seit Herbst 2006 arbeitet er mit Carol Meyer-Bruetting.

- 152 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 153 -


Konzertreisen führten den Bassbariton durch ganz Europa,

nach Kolumbien, Mexiko und Korea sowie nach Japan für

eine Tournee unter Masaaki Suzuki, im Herbst 2010 schließlich

nach Brasilien, Uruguay und Argentinien für Auührungen

der »h-moll-Messe« mit dem omanerchor Leipzig.

Zahlreiche Rundfunk-, Fernseh- und CD-Produktionen unter

Dirigenten wie omas Hengelbrock, Hermann Max und

Konrad Junghänel zeugen von seinem breit gefächerten Repertoire.

Es reicht von der Renaissance über die Oratorien

aus Barock, Klassik und Romantik bis hin zu Urauührungen

zeitgenössischer Komponisten.

2004 wurde Markus Flaig Preisträger des Internationalen

Johann-Sebastian-Bach-Wettbewerbs Leipzig. Vor kurzem hat

er für die edition chrismon zusammen mit dem Ensemble Alta

Ripa sein erstes Solo-Album eingespielt mit Kantaten von

Bach (BWV 82), Telemann und Graupner.

Bereits während seines Kirchenmusikstudiums erhielt er einen

ersten Gastvertrag an den Städtischen Bühnen Freiburg

für die Partie des Azarias in Benjamin Brittens Kirchenparabel

»e burning ery furnace«. Seither war er in Opern

von Strauss, Schwehr, Monteverdi, Purcell und Rameau auf den

Bühnen von Baden-Baden, Schwetzingen, Bayreuth, Hannover

und Frankfurt zu sehen.

Seit 1997 erarbeitet er sich mit dem Pianisten Jörg Schweinbenz

ein umfangreiches Liedrepertoire.

Christian Zincke, geboren in Wien,

studierte Viola da gamba bei Jaap ter

Linden, Rainer Zipperling und Philippe

Pierlot und absolvierte sein Diplom am

Koninklijk Conservatorium in Den Haag.

Er konzertiert europaweit als Solist und

Continuospieler.

Christian Zincke ist Mitglied namhafter Ensembles wie La

Stagione Frankfurt, Camerata Köln, dem Main-Barockorchester

Frankfurt, Capella uringia, Bell Arte Salzburg u.a. mit denen

er CDs und Rundfunkaufnahmen einspielt und in ganz Europa

konzertiert.

Im Jahr 1999 gründete er das Ensemble Echo du Danube.

Christian Zincke liebt es in Bibliotheken, Dissertationen und

dem Internet nach bislang unerhörter Musik zu forschen. Einige

Entdeckungen aus dieser Tätigkeit gibt er in der Edition

Walhall heraus. Diese äußerst spannende Arbeit sieht er als

wichtigen Aspekt des Musikerdaseins und als Quelle neuer

Inspiration. Außerdem versucht er Menschen aller Altersgruppen

das Gambenspiel zu vermitteln.

Christian Zincke spielt auf einer Viola da gamba aus Sachsen,

ca. 1710 bzw. einem Violone aus dem Alemannischen Raum

aus dem frühen 18. Jahrhundert.

- 154 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 155 -


Freitag, 14.09. | 18.30 Uhr

Rathaus St. Veit

Sweeter than Roses

Sweeter than roses, or cool evening breeze

on a warm flowery shore ...

Ghislieri Consort

Clare Wilkinson: Mezzosopran

Marco Bianchi: Violine I

Barbara Altobello: Violine II

Chiara Zanisi: Viola

Alberto Guerrero: Barockcello

Franco Pavan: eorbe

Maria Cecilia Farina: Orgel

Einleitung

Music for a While

Das Programm des heutigen Abends widmet sich vorwiegend

der von Henry Purcell für das eater geschriebenen

Vokalmusik.

Der Stil Purcells ist so hochgradig individuell, dass er bis heute

in der Geschichte der britischen Musik als Einzelfall gilt.

Die Wurzeln seines Schaens reichen tief in den Boden der

englischen Kultur, seine Werke aber sind mehr als nur Früchte

eines bestimmten Umfelds; es sind einzigartige Blüten, die

nur Purcell hervorzubringen vermochte und die sein Schaen

zu etwas völlig Außergewöhnlichem machen – zu einer von

der Welt losgelösten, glücklichen Insel, die derart unabhängig

ist, dass sie ganz ohne den sie umgebenden Kontext auszukommen

scheint.

Das eaterschaen von Purcell beginnt im Jahre 1680 mit

der Komposition der Szenenmusik zum Drama »eodosius«

von Nathaniel Lee. Von da an schreibt Purcell bis zu seinem

Tode unzählige Bühnenwerke und widmet sich diesem

Schaensbereich in den letzten sechs Lebensjahren mit besonderer

Intensität.

- 156 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 157 -


Doch werfen wir einen Blick auf die Epoche, in der Purcell

aktiv ist: Zu jener Zeit unterliegt das musikalische Leben auf

der britischen Insel ganz anderen Bedingungen und Richtlinien

als auf dem restlichen europäischen Kontinent. Insbesondere

ist im damaligen England die Tradition des dramatischen

eaters verankert, und so sehr die Musik auch als

wichtiges Element der eaterhandlung anerkannt scheint,

wird sie oft nur als Beiwerk zum Bühnengeschehen gesehen.

Der größte Teil der von Purcell verfassten Szenenmusik, von

der das heutige Programm einige Kostproben geben möchte,

besteht aus kurzen Kompositionen, die problemlos aus dem

eaterkontext, für den sie ursprünglich vorgesehen waren,

herausgelöst werden können, sich also ebenso gut dazu eignen,

separat gesungen oder gespielt zu werden.

Einen wesentlichen Beitrag stellen fünf Werke dar, die in

den letzten sechs Schaensjahren des Autors entstanden:

»Dioclesian« aus dem Jahre 1690 nach dem Libretto von

Beaumont und Fletcher; »King Arthur« von 1691 zu einem

Text von John Dryden; »e Fairy Queen« von 1692 zum

»Sommernachtstraum« von Shakespeare; »e Indian Queen«

von 1695 und »e Tempest« aus dem selben Jahr zum

gleichnamigen Werk von Shakespeare. Alles Kompositionen,

die schon zu Lebzeiten Purcells ein zweifelsohne starkes Interesse

und Echo hervorriefen.

Die Wiederauührung dieser Stücke ist heutzutage als Opern-

inszenierung im etymologischen Sinne des Begries undenk-

bar, da die zitierten Werke sowohl in der italienischen – insbesondere

der venezianischen – als auch in der französischen

Tradition eine barocke Grandiosität verlangen, die in der

Vergangenheit den Durst nach imposanten Bühneneekten,

Erhabenheit und Prunk stillen sollte. So nährt sich die

moderne Auührung dieser Werke zwar nicht mehr von jener

Bühnenaufmachung, doch aber von der Großartigkeit

der Musik Purcells, deren Prächtigkeit nach wie vor ihre

wichtigste Stärke darstellt. Höhepunkte dieses prunkvollen

Werkes sind die zahlreichen Sologesänge, die die Bühnenhandlung

bereichern.

Besondere Hervorhebung verdient »Dido and Aeneas«,

das erstmalig 1689 in einer Mädchenschule von Chelsea

aufgeführt wurde. Es handelt sich um eine ernste Oper im

wahrsten Sinne des Wortes, wenn auch um eine Miniatur von

kaum einer Stunde Dauer, in der die Wiederaufnahme eines

wiederholten und sehr charakteristischen Typs von begleiteter

Monodie erkennbar ist, der sich zwar grundlegend von

den Rezitativen der italienischen Komponisten unterscheidet,

dennoch aber seine Wurzeln in den »Nuove musiche«

des Italieners Caccini hat. Nebst diesem außergewöhnlichen

Typ von Arioso sind auch Chöre und Tänze wiederzuerkennen,

die zum Teil unter dem Einuss des französischen Stils

stehen. Die dabei zustande kommende Mischung ist weder

italienisch noch französisch oder englisch gefärbt, sondern

ein Beispiel für den nur Purcell eigenen Stil.

Kehren wir an dieser Stelle wieder zum anfangs formulierten

Konzept zurück. Henry Playford, der den ersten Band von »Orpheus

Britannicus« – hierbei handelt es sich um eine Sammlung

von Purcell-Arien – herausgibt, schreibt im Vorwort

- 158 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 159 -


zur zweiten Auage: Das außergewöhnliche, alle Musikbereiche

umfassende Talent des Autors ist wohlbekannt; doch

besondere Bewunderung verdienen seine Vokalkompositionen,

in denen er auf geniale Weise die Energie der englischen

Sprache zum Ausdruck zu bringen und damit die

Zuhörer zutiefst zu verblüen und zu bewegen wusste.

In der Tat erlaubt der Großteil seiner Arien bis heute keine

Zuschreibung zu einem der »englischen Stile«, und dies eben

dank ihrer Fähigkeit, die Bedeutung der Worte so vollständig

auszuschöpfen, dass diese mit der Musik in völligen Einklang

treten, wodurch eine fesselnd einfache Struktur entsteht, die

die einzigartige melodische Sprache des Autors prägt. Daher

ordnen viele die Arien Purcells eben nicht der englischen

Musik als solche oder einer der britannischen Strömungen

zu, sondern denieren sie schlicht und einfach als »Purcellstil«.

Dieser ist mit der Zeit zu einem Inbegri geworden,

zu einem unverwechselbaren stilistischen Kodex, durch den

sich nur das Werk des Meisters aus Westminster auszeichnet.

Raaella Valsecchi, übersetzt von Sibylle Kirchbach

- 160 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 161 -


Programm

Henry Purcell

(1659 – 1695)

1. Ouvertüre in d-moll

2. Fairest Isle

Aus King Arthur

3. Music for a While

Aus der Bühnenmusik zu Oedipus, King of ebes

4. Prelude, Hornpipe, Air, Chaconne

Aus e Fairy Queen

5. If love's a sweet passion

Aus e Fairy Queen

6. When I have often heard

young maids complaining

Aus e Fairy Queen

7. Fantasia Upon One Note

8. Hark how all Things with one Sound rejoice

Aus e Fairy Queen

Pause

9. Sonata IV

aus der Sonate in 4 Teilen

10. Sweeter than Roses

Aus Pausanius, the Betrayer of his Country

11. Ouvertüre 'in Mr P. Opera'

Wahrscheinlich die Ouvertüre zum Prolog aus

Dido and Aeneas

12. Dry those eyes

Aus e Tempest

13. Bonduca Ouvertüre

14. Dido's Lament

aus Dido and Aeneas

- 162 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 163 -


Texte

2. Fairest Isle

Fairest isle, all isles excelling,

Seat of pleasure and of love

Venus here will choose her dwelling,

And forsake her Cyprian grove.

Cupid from his fav'rite nation

Care and envy will remove;

Jealousy, that poisons passion,

And despair, that dies for love.

Gentile murmurs, sweet complaining,

Sighs that blow the re of love,

Soft repulses, kind disdaining,

Shall be all the pains you prove.

Ev'ry swain shall pay his duty,

Grateful ev'ry nymph shall prove;

And as these excel in beauty,

ose shall be renown'd for love.

2. Du schönste Insel

Du schönste Insel, bist schöner als alle deines gleichen,

bist Heim von Leidenschaft und Liebe.

Venus wird dich für sich auserwählen,

wird für dich ihren Hain auf Cypern ganz vergessen.

Amor wird dich, liebstes seiner Länder,

erlösen von allem Leid und Neid,

wird dich befreien von der Eifersucht, dem Gift der Gefühle, und

von der Verzweiung derer, die sich in Liebesqualen verzehren.

Leises Murren, sanftes Stöhnen,

stilles Seufzen, dass die Liebe neu entfacht,

sanfte Ablehnung, zärtliche Verwehrung,

sollen die schlimmsten Qualen sein.

Jeder Liebender wird großzügig geben,

Jede Nymphe wird dankbar erwidern;

Und während die Damen durch ihre Schönheit betören,

vollbringen die Männer im Namen der Liebe Heldentaten.

- 164 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 165 -


3. Music for a While

Music for a while

Shall all your cares beguile.

Wond'ring how your pains were eas'd

And disdaining to be pleas'd

Till Alecto free the dead

From their eternal bands,

Till the snakes drop from her head,

And the whip from out her hands.

5. If Love's a Sweet Passion

If Love's a Sweet Passion,

why does it torment?

If a Bitter, oh tell me

whence comes my content?

Since I suer with pleasure,

why should I complain,

Or grieve at my Fate,

when I know 'tis in vain?

Yet so pleasing the Pain is,

so soft is the Dart,

at at once it both wounds me

and tickles my Heart.

I press her hand gently

Look languishing down,

And by Passionate Silence

3. Musik für einen Augenblick

Musik für einen Augenblick

wird alle deine Sorgen heilen.

Während du staunst wie deine Schmerzen vergehen,

und das Vergnügen noch verschmähst,

bis Alekto die Toten befreit

von ihren ewigen Banden,

bis die Schlangen von ihrem Haupt abfallen

und die Peitsche aus ihren Händen gleitet.

5. Wenn die Liebe eine süße Leidenschaft sein soll

Wenn die Liebe eine süße Leidenschaft sein soll,

warum bringt sie mir dann so viel Qualen?

Ist sie Bitterkeit, so sag,

warum zerschmelze ich vor Freude?

Ihretwegen leide ich voller Vergnügen,

warum sollte ich mich dann beklagen,

warum sollte ich meines Schicksals wegen jammern,

weiß ich doch, wie nichtig es ist?

Der Schmerz ist so erfüllend,

seine Pfeile stechen so süß,

dass sie zu ein und der selben Zeit

das Herz verletzen und es wohlig kitzeln.

Sanft drücke ich ihre Hand,

senke den schmachtenden Blick,

und im leidenschaftserfüllten Schweigen

- 166 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 167 -


I make my love known.

But oh! how I'm blest

When so kind she does prove,

By some willing mistake

To discover her love.

When in striving to hide,

She reveals all her ame,

And our eyes tell each other

What neither dares name.

6. When I have often heard

When I have often heard

Young maids complaining

at when men promise most

ey most deceive,

en I thought none of them

Worthy my gaining;

And what they swore,

I would never believe.

But when so humbly one

made his addresses, with looks so soft

and with language so kind,

I thought it sin to refuse his caresses;

Nature o'ercame,

and I soon chang'd my mind.

Should he employ all his wit in deceiving,

Stretch his invention, and artfully feign,

lasse ich sie meine Liebe erraten.

Doch wie glücklich bin ich,

wenn sie sich zärtlich zeigt,

und durch vorgetäuschte Ungeschicktheit

auch mir ihre Verliebtheit zu verstehen gibt.

Wenn sie so tut, als ob sie versuchen würde, sie zu verstecken,

und so das Brennen in ihrer Brust erst richtig verrät.

Mit den Blicken erklären wir einander

alle unaussprechlichen Gefühle.

6. Wie oft habe ich gehört

Wie oft habe ich gehört

wie die Mädchen sich beklagten,

dass die Männer, je mehr sie versprechen,

um so mehr bereit sind, ihre Versprechen zu brechen,

daher war ich vollauf überzeugt, dass niemals

ein Mann mein Herz erobert hätte;

denn niemals hätte ich

seinen Schwüren Glauben geschenkt.

Doch dann kam dieser demütige Jüngling

und umwarb mich, schaute mich so zärtlich an

und sprach so voller Liebenswürdigkeit,

dass es eine Sünde gewesen wäre,

sich seinen Liebkosungen zu verwehren;

die Natur hat über mich gesiegt

und hat mich zu anderen Überzeugungen gebracht.

Mag er mir auch falsche Versprechen geben,

mag er mich mit Kunst und List verführen,

- 168 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 169 -


I nd such charms,

such true joy in believing,

I'll have the pleasure,

let him have the pain.

If he proves perjur'd,

I shall not be cheated,

He may deceive himself, but never me;

'Tis what I look for,

and shan't be defeated,

For I'll be as false and inconstant as he.

8. Hark how all Things with one Sound rejoice

Hark how all things with one sound rejoice,

And the world seems to have one voice!

10. Sweeter than Roses

Sweeter than Roses,

or cool evening breeze

On a warm owery shore

Was the dear kiss,

First trembling made me freeze,

en shot like re all o'er.

What magic has victorious love!

For all I touch or see

Since that dear kiss, I hourly prove,

All is love to me.

ich fühle mich ganz verzaubert dabei,

schenke ihm Glauben mit solchem Genuss,

dass ich nur Freude haben kann

und alle Qualen ihm überlassen werde.

Sollte er seine Versprechen brechen,

werde nicht ich die Betrogene sein,

nur sich selbst kann er belügen, mich aber niemals;

ich habe gefunden, was ich begehrte,

und ich werde mich nicht geschlagen geben,

werde lieber meineidig und wankelmütig werden wie er.

8. Hör, wie alles in einem Klang sich vereint

Hör, wie alles in einem Klang sich vereint,

wie die ganze Welt eine einzige Stimme zu haben scheint.

10. Süßer als Rosen

Süßer als Rosen

und süßer als Abendfrische

war auf dem blumenübersäten Strand

jener kostbare Kuss,

der mich zuerst zitternd erstarren ließ

und dann wie ein Brand meinen ganzen Körper verschlang.

Wie zauberhaft ist doch die Liebe, wird sie erwidert!

Denn alles was ich nun sehe und berühre

verwandelt sich nach diesem Kuss

in Liebe.

- 170 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 171 -


12. Dry those eyes

Dry those eyes which are o'erowing,

All your storms are over blowing.

While you in this isle are biding,

You shall feast without providing.

Ev'ry dainty you can think of,

Ev'ry wine that you can drink of

Shall be yours and want

Shall shun you,

Ceres' blessing too is on you.

14. Dido's Lament

When I am laid in earth

May my wrongs create

No trouble in thy breast;

Remember me, but ah! forget my fate.

12. Trockne deine Augen

Trockne deine Augen, die vor Traurigkeit zerschmelzen,

denn die dunklen Wolken werden sich bald verziehen.

Während du auf dieser Insel weilst,

kannst du sorglos glücklich sein.

Jeden Leckerbissen, der dir vorschwebt,

jeden Wein, den dein Herz begehrt,

sollst du haben und an nichts

soll es dir fehlen.

Für uneingeschränkte Hülle und Fülle will Ceres bürgen.

14. Dido's Lamento

Wenn ich liegen werde, liegen in der Erde,

Soll keines meiner Versagen

dir irgendeine Qual bereiten.

Gedenke meiner, doch bitte! vergiss mein Los.

- 172 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 173 -

Übersetzungen Sibylle Kirchbach


Ghislieri Consort & Choir wurde 2003 von

dem italienischen Dirigenten Giulio Prandi, der Organistin

Maria Cecilia Farina, dem Violinisten Marco Bianchi und dem

Cellisten Alberto Guerrero ins Leben gerufen. Das auf historischen

Instrumenten musizierende Ensemble vereint 20

Choristen mit einigen der erfahrensten und angesehensten

italienischen Barock-Instrumentalisten, die zugleich langjährige

Mitglieder renommierter italienischer Gruppen sind.

Das Ensemble widmet sich insbesondere der Neuentdeckung

des sakralen Chor- und Instrumentalrepertoires Italiens aus

dem 18. Jahrhundert und bringt in seinen Konzerten gern

seltene und unveröentlichte Werke von Komponisten dieser

Epoche zur Auührung. Schon bald nach seiner Gründung

wurde das Ghislieri-Consort zu einem der gefragtesten jungen

Ensembles Italiens und trat mit Solisten wie Roberta Invernizzi,

Gloria Banditelli, Romina Basso, Christian Senn, Emanu-

ela Galli, Maria Grazia Schiavo und José Maria Lo Monaco auf.

Im Jahr 2010 erschien eine für das italienische Magazin

Amadeus eingespielte CD-Monographie über Giacomo Antonio

Perti (Bologna, 1661 – 1756), im selben Jahr begann das

Ensemble die Zusammenarbeit mit Sony Deutsche Harmonia

Mundi, wobei die erste CD aus dieser Kooperation im kommenden

November erscheinen wird.

Das Ghislieri-Consort ist Ensemble in Residence am Collegio

Ghislieri in Pavia, einer der renommiertesten Hochschuleinrichtungen

Italiens, sowie Mitglied des Circuito Lombardo di

Musica Antica und gastiert regelmäßig in Mailand, Villa Reale

di Monza, Brescia und Mantua.

Clare Wilkinson, Mezzosopran, wurde

in Manchester in eine Musikerfamilie

geboren und gab bereits im Alter von 17

Jahren ihr erstes professionelles Konzert.

Sie studierte Altphilologie am Trinity

College in Cambridge und sang dort im

international renommierten Chor. Im Anschluss daran folgte

ein Aufbaustudium im Fach Gesang am Trinity College of

Music in London.

Im Jahr 2004 traf sie erstmals auf Sir John Eliot Gardiner.

Seither sang sie alle großen Werke von Bach und zahlreiche

Werke anderer Komponisten unter seiner Leitung. Darüber

hinaus hat Clare in Bach-Projekten Andrew Parrotts – dem

Weihnachtsoratorium sowie der von ihm rekonstruierten

Trauer-Music – gesungen und mit renommierten Künstlern

wie Daniel Reuss, Michael Willens, Laurence Cummings,

Christophe Rousset, Nicolas Kramer, Bart Van Reyn, Richard

Egarr und Charles Olivieri-Munroe zusammengearbeitet. Als

leidenschaftliche Kammermusikerin tritt sie regelmäßig mit

den Gamben-Ensembles Fretwork und e Rose Consort of Viols

auf. Clare fühlt sich auch auf der Schauspielbühne zuhause.

Als Mitglied von I Fagiolini wirkte sie an dem mehrfach

ausgezeichneten szenischen Projekt »e Full Monteverdi«

mit. Weitere Rollen waren die der Messagiera in Monteverdis

»L'Orfeo«, Venere in Monteverdis »Ballo dell' Ingrante«,

Galatea in Händels »Acis and Galatea«, die Zweite Witwe in

Purcells »Dido and Aeneas«, Zinnia in Chabriers »L'Etoile«

sowie Penelope in Guido Morinis »Odissea«.

Zahlreiche CD-Aufnahmen zeugen von Clares reichem, künstlerischen

Schaen. Die Aufnahme von Händels »Messiah«

- 174 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 175 -


mit dem Dunedin Consort wurde mit dem Gramophone Award

ausgezeichnet. Von der Kritik gelobt wurde außerdem die

Aufnahme der »Matthäuspassion« (Dunedin Consort), die

Aufnahme der »Markuspassion« mit Amarcord und der Kölner

Akademie sowie ihr Album »Four Gentlemen of the Chapel

Royal« mit dem Rose Consort of Viols.

Zu den gegenwärtigen und künftigen Engagements zählen

das »Weihnachtsoratorium« mit dem Scottish Chamber Orchestra

/ Richard Egarr, der »Messias« mit e Netherlands

Bach Society / Jos van Veldhoven, die »Bach-Kantaten« mit der

Capella Augustina / Andreas Spering in Brühl, die »Matthäuspassion«

für den Bachkoor Holland / Gijs Leenaers und Haydns

»Nelson-Messe« für das SCO / Adam Fischer.

Einige der jüngst veröentlichten CDs von Clare sind »Welt,

Gute Nacht« von J. C. Bach mit den English Baroque Soloists /

Gardiner sowie die »Trauermusik« J. S. Bachs für Fürst Leopold

mit den Taverner Players / Parrott. Eine gemischte Recital-

CD mit Fretwork »e Silken Tent« steht auf der Website

von Fretwork (www.fretwork.co.uk) zum Download zur Verfügung.

www.clare-wilkinson.com

- 176 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 177 -


Freitag, 14.09. | 21 Uhr

Rathaus St. Veit

Alehouse-Session No. 2

Barokksolistene

Bjarte Eike: Violine, Leitung

Milos Valent: Violine, Viola

Mattias Frostenson: Violone

Fredrik Bock: eorbe, Gitarre

Hans Knut Sveen: Cembalo

Helge Norbakken: Percussion

Tuva Semmingsen: Mezzosopran

Thomas Guthrie: Bass

Steve Player: Barockgitarre, Tanz

www.barokksolistene.no

Der Klang der Londoner taverns und alehouses

im 17. Jahrhundert, versetzt mit guter Laune,

Humor und Bier.

supported by

Einleitung

Für Bjarte Eike, dem heurigen Titelhelden der trigonale und

Leiter von Barokksolistene (BAS), ist es gleichsam eine Conditio-sine-qua-non,

Auftritte im Rahmen unseres Festivals

damit zu verknüpfen, auch einen Abend in Form einer Alehouse-Session

gestalten zu dürfen. Nach dem überwältigenden

Erfolg der ersten Alehouse-Session bei der trigonale

2010 kommen wir deswegen seinem Wunsch gerne nach –

wohl sehr zur Freude unseres Publikums.

Doch wer meint, es handle sich hierbei um eine Wiederholung,

der irrt. Was sich nicht ändert, ist die Idee, traditionelle

Folk Music auf Kompositionen von Henry Purcell und

seinesgleichen treen zu lassen – das alles im Ambiente der

Londoner Tavernen und Alehäuser des 17. Jahrhunderts.

Neu ist hingegen, dass mit Steve Player ein herausragender

Barockgitarrist und Tänzer auf der Bühne steht, der diese

Alehouse-Session zu einem Musikereignis machen wird, das

Sie nicht nur akustisch in Erinnerung behalten werden. Mit

dem slowakischen Geigenvirtuosen Milos Valent und der norwegischen

Mezzosopranistin Tuva Semmingsen können wir

zwei weitere trigonale-Debütanten bei uns begrüßen.

- 178 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 179 -


An Alehouse Session –

Pub-Musik wie in alten Zeiten

Pubs – auch als taverns oder Alehäuser bekannt – sind dem

Engländer seit dem Mittelalter ein zweites Zuhause. Seit jeher

erfüllten hier Smalltalk, Gesang, Musik und nie nachlassendes

Klirren der Biergläser die Räume mit Leben. Im

ausgehenden 17. Jahrhundert, als die eater aus religiösen

Gründen geschlossen waren, wurden viele dieser Gaststätten

zu so genannten »Musickhouses«, in denen Musiker zusammentrafen,

um vor einem ebenso enthusiastischen wie bierdurstigen

Publikum Konzerte im intimen Rahmen zu geben.

In diesen Etablissements begegnete man außerdem den Sängern

der zahlreichen »Song-Clubs« mit ihren Darbietungen

zu mehr oder weniger frechen bzw. kritischen Texten. Auch

Henry Purcell und andere bekannte Musiker traten hier auf

und präsentierten ihre neuen Werke oder lieferten sich lebhafte

musikalische Gefechte mit den lokalen Vertretern der

Populären Musik.

»Ein Haus der Sünde könnte man sagen, nicht aber ein Haus der

Dunkelheit, da die Kerzen nie verlöschen … Es ist wie in einem

jener Länder weit im Norden, wo es um Mitternacht ebenso hell

ist wie am Mittag.«

John Earle, Microcosmographie: Or a Peece of the World

Discovered (1628)

Wandernde Musikanten –

im London des 17. Jahrhunderts und heute

Das Londoner Musikgeschehen in der Barockzeit war von

Dynamik, Energie und pulsierender Lebensfreude gekennzeichnet.

Zahlreiche Komponisten und Musiker strömten

aus ganz Europa in diese Stadt, in der Honung, ihren Lebensunterhalt

in einem der vielen Musikhäuser oder in den

neu erbauten eatern und Opernhäusern verdienen zu können.

Musik erfreute sich in England großer Beliebtheit, und

London war voller Musiker, die von einem Auührungsort

zum nächsten eilten – ein Phänomen, das freischaenden

Musikern der heutigen Zeit nicht unbekannt sein dürfte ...

Im Gegensatz zu Italien, Frankreich und Deutschland im 17.

und 18. Jahrhundert gehörten in England die Orchester weder

dem Hof noch waren sie Bestandteil der aristokratischen

Kultur. Der Englische Hof und seine Kultur wurden durch

die puritanische Revolution und den Beginn des Commonwealth

zeitweilig abgeschat. König Charles II. wurde 1660

zusammen mit seinem Hofstaat wieder eingesetzt, hatte aber

mit den ständigen Querelen zwischen Katholiken und Protestanten,

Whigs und Tories, Stadt und Hof und mit dem

Parlament zu kämpfen, das dem englischen Haushalt sehr

strae Zügel anlegte.

Ebenso wie sein Mentor und nanzieller Förderer Ludwig

XIV. hatte Charles II. eine Gruppe von 24 Streichern eingestellt.

Ludwig konnte es sich leisten, seine Musiker in Vollzeit

zu beschäftigen, die Musiker von Charles hingegen mussten

- 180 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 181 -


zusätzlich in den eatern und öentlichen Konzerthäusern

der Stadt arbeiten, um ein ausreichendes Einkommen zu erzielen.

Die englischen Aristokraten stellten Musiker zu bestimmten

Anlässen ein; außerdem kauften sie Abonnements für die

Opern- und Konzertsaison. Auch der König war Abonnent,

da ihm weder die eater noch die Konzertsäle noch die

in ihnen spielenden Orchester gehörten. Im 18. Jahrhundert

wurde es üblich, dass die Veranstalter und Förderer von

Konzerten Anzeigen in den Zeitungen veröentlichten und

Karten über Abonnements, in Läden oder an der Haustür

verkauften. Die Kartenverkäufe waren oen für alle – man

musste nicht Mitglied der Aristokratie sein, um Musik hören

zu können.

Musik sorgte in London im 17. und 18. Jahrhundert für Begeisterungsstürme,

zugleich aber gab es keine Orchester, die

Musikern eine Vollzeitanstellung boten. Dies führte dazu,

dass London vor freischaenden Musikern schier überquoll.

Musiker, die in einem Moment zwischen Biergläsern und

schreienden Menschen auf einem der vielen informellen

volkstümlichen Konzerte in den Tavernen und Alehäusern

und im nächsten Augenblick auf den großen Wohltätigkeitsveranstaltungen

der Stadt spielten, bevor sie zu einer Opernauührung

in Bühnenhäusern wie dem King's eatre im

Haymarket eilten. Zwischen Mai und September, außerhalb

der eaterspielzeiten, waren die Musiker in den so genannten

Pleasure Gardens anzutreen – riesigen Freiluftveranstaltungen

mit Musik.

Musiker im London des 18. Jahrhunderts zu sein, bedeutete

eine äußerst vielseitige Schaensweise und ausreichend Kapazität,

um das ganze Jahr über zu spielen. Für die meisten

bedeutete es aber auch eine so geringe Bezahlung, dass sie

konstant arbeiten mussten, damit Essen auf dem Tisch stand.

Sie hatten keinerlei Sicherheit und nur sehr wenig Rechte,

und oft genug waren sie gezwungen, ohne Gage zu spielen,

in der Honung, dass ein reicher Gentleman im Publikum

ihnen aus Mitleid ein paar shillings geben würde.

Wie ist es dem freischaenden Musiker in den letzten 350

Jahren ergangen?

Die Mitglieder von Barokksolistene spielen und singen mit einer

Menge unterschiedlicher Ensembles in Kirchen und Kon-

zertsälen, in eatern, Opernhäusern, Pubs sowie – wenn ihnen

danach ist – auf der Straße (oftmals in Verbindung mit einem

Besuch im Pub). Manchmal sind sie so in Zeitnot, dass vor dem

Konzertsaal bereits ein Taxi wartet, um sie von einem Gig

zum nächsten zu bringen. Dann wieder ist der Terminkalender

so leer, dass sie sich fragen, ob die Welt sie vergessen hat.

Es fällt auf, dass sich im Leben freischaender Musiker in

den letzten 350 Jahren verblüend wenig geändert hat – vielleicht

mit der Ausnahme, dass ein Musiker mit den heutigen

Gagen ein relativ anständiges Einkommensniveau erreichen

kann. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass die deutlichsten

Parallelen vielleicht zwischen den Musikern der

Barockzeit und den heutigen Interpreten dieses Repertoires

bestehen. Bjarte Eike

- 182 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 183 -


Die Biografien nden Sie auf folgenden Seiten:

Barokksolistene, Seite 16

Bjarte Eike, Seite 17

Tuva Semmingsen, Seite 114

- 184 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 185 -


Samstag, 15.09. | 6 Uhr

Burgkirche Hochosterwitz

A la Luz del Alba

Wenn der Tag anbricht …

Geistliche Musik des 13. und 14. Jh. aus Spanien

Catalina Vicens: Organetto und Rezitation

Katharina Schmölzer: Rezitation

Einleitung

Der ewige Kreislauf von Tag / Nacht, Licht / Dunkelheit,

Leben / Tod beschäftigt uns Menschen seit jeher. Im anbrechenden

Tag besiegt das Licht die Dunkelheit, und für die

Christen wird mit dem neuen Morgen die Auferstehung gepriesen.

Mit geistlicher Musik zu Ehren der Jungfrau Maria, dem

Morgenstern, wird dieser Kreislauf klanglich entworfen.

Der Beginn dieser kontemplativen Klangreise ndet im Kloster

Huelgas (»Platz der Zuucht«) nahe Burgos im nördlichen

Zentralspanien statt. Dieses Kloster wurde für Frauen königlicher

oder adliger Herkunft gegründet, die ein religiöses Leben

anstrebten, und der Heiligen Jungfrau Maria gewidmet.

Hier entstand der »Codex Las Huelgas«, eine kaleidoskopische

Anthologie europäischer Mehrstimmigkeit und Einstimmigkeit,

die das gesamte 13. und das frühe 14. Jahrhundert

umspannt. Seine Notation gibt einen Übergangszustand

zwischen der älteren modalen Notre-Dame-Notation und der

denierten Mensuralnotation um 1300 wieder und enthält

zahlreiche Messestücke sowie mehrere Werke, die besonders

für Marienfeste und weibliche Heilige geschrieben wurden.

Unter der Herrschaft Alfonso X., genannt »der Weise« (El

Sabio), König von Kastilien und León, entwickelte sich nicht

nur Las Huelgas zu einem kulturellen Zentrum, sondern die

gesamte Region, in der die Cantigas de Santa Maria entstanden.

Sie sind eine Sammlung vertonter Geschichten, welche

von den Wundern der Heiligen Jungfrau Maria erzählen und

in einer mittelalterlichen Sprache der iberischen Halbinsel,

verfasst wurden.

Im Südosten Spaniens, im heutigen Katalonien, nden wir einen

anderen wichtigen Wallfahrtsort der Marienverehrung –

das Kloster von Montserrat. Hier entstand im 14. Jahrhundert

- 186 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 187 -


eine Handschrift mit Liedern und Gedichten, die der Marienfrömmigkeit

dienten. Die Lieder der »Llibre Vermell de

Montserrat« wurden für die Pilger niedergeschrieben, damit

sie während ihrer Nachtwache geistliche Lieder in katalanischer,

okzitanischer und lateinischer Sprache singen konnten.

Die Jungfrau Maria, als eine Figur des Glaubens und der

Honung, der Wunder und der Liebe, geleitet uns in einen

neuen Tag.

- 188 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 189 -


Programm

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

1. Maria virgo virginum

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

2. Omnium in te Christe

Llibre Vermell de Montserrat (Anonym 14. Jh.)

3. Splendens ceptigera

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

4. Kirie: Rex virginum amator

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

5. Gloria

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

6. Salve virgo regia

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

7. Prosa: Stabat iuxta Christi crucem

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

8. Planctus: Quis dabit capiti

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

9. Audi pontus

Llibre Vermell de Montserrat (Anonym 14. Jh.)

10. Maria Matrem

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

11. Motet: Salve virgo regia/

Ave gloriosa/Domino

Cantigas de Santa Maria (Anonym 13. Jh.)

12. Miragres muitos pelos reïs faz

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

13. Benedicamus Domino

Cantigas de Santa Maria (Anonym 13. Jh.)

14. Quena Virgen ben servirá

Llibre Vermell de Montserrat (Anonym 14. Jh.)

15. Imperayritz de la ciudad joyosa

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

16. Discant: Fa fa mi/Ut re mi

Llibre Vermell de Montserrat (Anonym 14. Jh.)

17. Polorum regina

Codex Las Huelgas (Anonym 13., 14. Jh.)

18. Benedicamus domino

- 190 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 191 -


Texte

2. Omnium in te Christe

Omnium in te christe credecium

terge sordes mencium,

ut hac nocte prava nocte exeamus

et securi summo mane surgamus.

Und allen, die wir an dich, Christus, glauben,

reinige unsere Seelen von der Verderbtheit,

damit wir heute Nacht dem bösen Feind entgehen

und am letzten Morgen fröhlich erwachen mögen.

6. Salve virgo regia

Heil dir, königliche Jungfrau, Mutter des Sanftmuts,

Jungfrau voll der Gnade, ruhmreiche Königin,

vollkommene Mutter eines erlauchten Kindes,

die du sitzt in der Herrlichkeit des Himmelreichs.

Vom König der Könige im Himmel Mutter

und auch Schwester,

Hort der Reinheit, der hellste Stern;

auf dem ron der Gerechtigkeit sitzt du

im Angesicht aller himmlischen Mächte.

Die Freudigen versammeln sich und schenken dir

frohe Lieder verschiedenster Art:

So voller Kraft, so siegesgewiss,

so wunderschön, Mutter der Kirche.

Du Licht der Welt und fromme Mutter,

dir gehorchen die höchsten Sterne des Himmels.

Sie verharren, ergrien vor Deiner Schönheit,

Sonne, Mond und alle Sterne am Firmament.

Jungfrau, du herrschst über alle,

die Engel preisen dich über dem Äther.

Heil dir, du starke Beschützerin der Geistlichkeit

und wahre Helferin der Armen.

Du bist der keusche Mond der Gerechtigkeit.

Du Mutter der Gnade und Zuucht

für das Leben der Sünder,

starke Trösterin der Notleidenden: Hilf uns nach dem Tod,

wenn wir das elende Leben verlassen,

und aus Gnade, nicht nach unserem Verdienst,

führe uns zum Vater und zum Sohn.

- 192 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 193 -


7. Prosa: Stabat iuxta Christi crucem

Aufrecht vor dem Kreuz Christi,

Aufrecht sah sie den Meister des Lebens

Vom Leben Abschied nehmen.

Aufrecht, siehe die Mutter,

die schon nicht mehr Mutter war.

Aufrecht betrachtet die Jungfrau das Kreuz

Und das Leid der beiden Lichter,

Das des Gottes, das des Menschen,

Doch weinte sie mehr um ihr eigenes als um das andere.

Sie aufrecht, Er am Kreuze hängend,

Was Er in seinem Fleisch erlitt,

Verspürte sie in ihrem Busen.

In ihrem Herzen ward sie an das Kreuz genagelt,

In ihrem Herzen auch vom Schwert

Durchbohrt, die Mutter des Lammes.

In ihrem Herzen nahm sie die Krone des Martyriums,

In ihrem Herzen war sie verzehrt

Von der Liebe Glut.

Siehe, wie diese Hände wieder zum Leben erwachen

Und die Füße, vom Eisen durchbohrt,

Und die oenen Augen.

Siehe, das Haupt bekränzt von Dornen,

Die ganze Erde fühlt mit und folgt

Jeder Bewegung.

Die heiligen Lippen vom Speichel beeckt,

Die Haut aufgesprungen von der Geißel,

So viele Ströme Blut.

Und die niederträchtigen Verspottungen

Vollenden, was noch gefehlt hat zum Verlust

Und zum Leid der Jungfrau.

Sie weiß, was Weinen heißt für eine Mutter,

Wie schmerzlich es ist, zu gebären.

Diesen Schmerz, den die Geburt einst heilte,

Findet sie wieder vor dem Leichnam ihres Sohnes.

Wohlan denn, Mutter, sei glücklich,

Dass die Nacht Deiner Tränen nun,

Durchtränkt vom Licht, zur Freude werde.

Schenke das Glück des Morgens

Auch unserer Nacht,

Die länger dauert als drei Tage.

Schenk' uns von nun an Deinen Sohn. Amen.

9. Audi pontus, audi tellus

Wasser, hört, und all ihr festen Lande,

Hört, des Ozeans Gestande,

Höre, du Mensche, und alles, was da lebt unter der Sonne,

Er naht, Er kommt, hier ist Er,

An diesem Tage, an diesem Tage jetzt,

An diesem wunderbaren Tag, dem Tag der Bitternis.

Bald wird der Himmel sich verdüstern,

Die Sonne schwinden, und der Mond entiehen,

Die Sterne werden auf die Erde fallen.

Weh, weh, Unglücklicher,

Ihr armen Menschenwesen,

Wozu dieses Rennen nach unnützen Vergnügen?

- 194 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 195 -


14. Cantiga »Quena Virgen ben servirá«

Ein Mönch spazierte durch einen Garten und entdeckte

dort eine Quelle. Er setzte sich hin, betete zur Jungfrau

Maria und bat sie, ihm doch schon jetzt einen kleinen

Vorgeschmack vom Paradies zu geben.

Als er sein Gebet beendet hatte, begann ein kleiner Vogel

sein Lied zu singen. Verzückt lauschte der Mönch dem

lieblichen Gesang ganze 300 Jahre lang, obwohl es ihm

schien, nur eine kurze Weile zugehört zu haben.

Als er zum Kloster zurückging, sah er ein großes Tor, das

er nie zuvor gesehen hatte. Sein altes Kloster fand er nicht

wieder. Er betrat die Kirche, aber keiner seiner Mitbrüder

war dort. Andere hatten ihren Platz eingenommen.

Der Mönch erzählte ihnen, was er erlebt hatte, und sie

lobten die heilige Jungfrau Maria für dieses Wunder.

17. Polorum regina

Polorum regina omnium nostra.

Stella matutina dele scelera.

Ante partum virgo Deo gravida

Semper permansisti inviolata.

Et in partu virgo Deo fecunda

Semper permansisti inviolata.

Et post partum virgo mater enixa

Semper permansisti inviolata.

Unsere Königin aller Himmel, Morgenstern,

nimm unsere Sünden hinweg.

Vor der Geburt, Jungfrau, befruchtet durch Gott,

verbliebst du immer unversehrt.

Auch bei der Geburt, Jungfrau, fruchtbar durch Gott,

verbliebst du immer unversehrt.

Auch nach der Geburt, Jungfrau, Mutter,

verbliebst du immer unversehrt.

- 196 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 197 -


Catalina Vicens, historische Tasteninstrumente

und Perkussion, wurde in

Santiago de Chile geboren. Bereits im Alter

von 18 Jahren erhielt sie ein Stipendium,

um bei Lionel Party am renommierten

Curtis Institute of Music in Philadelphia,

USA, Cembalo zu studieren. Ein weiteres Stipendium des

DAAD ermöglichte es ihr, ihre Studien bei Prof. Robert Hill

in Freiburg fortzusetzen. Anschließend studierte Catalina

Cembalo bei Andrea Marcon an der Schola Cantorum Basiliensis

in Basel, wo sie schließlich, verzaubert durch die Musik

des Mittelalters, ein weiteres Studium mittelalterlicher Tasteninstrumente

bei Corina Marti anschloss.

Seit 2006 nimmt sie zusätzlich Perkussionunterricht bei

Lehrern wie Glen Velez, Murat Coskun u.a., Unterricht in Historischer

Perkussion bei Pedro Estevan (Hesperion XXI) und

Michael Metzler, in Barockpauke bei Philip Tarr und in Iranischer

Perkussion bei Madjid Khaladj.

Im Jahr 2008 wurde ihr der 1. Preis beim Fritz-Neumayer-

Wettbewerb für historische Tasteninstrumente verliehen. Als

Solistin sowie mit verschiedenen Ensembles trat sie in den

USA, Südamerika und ganz Europa in den renommiertesten

eatern wie dem Teatro Colon (Argentinien), dem e Kimmel

Center (USA), dem Teatro Sao Paulo (Brasilien), dem Palace

of Arts (Ungarn), der Semperoper Dresden (Deutschland)

und dem eater Basel (Schweiz) auf. Neben ihrer Mitwirkung

bei vielen Aufnahmen und ihren Auftritten bei den

wichtigsten Festivals und Konzertreihen der Alten Musik,

nahm sie an Meisterkursen von Gustav Leonhardt, Jesper

Christensen, Pedro Memelsdor, Christophe Deslignes, Christophe

Rousset und anderen teil. Catalina unterrichtet auch selbst bei

Meisterkursen in verschiedenen Ländern Europas und Südamerikas.

Katharina Schmölzer, geboren in

Villach, aufgewachsen in Wien. Nach der

Matura Italienischstudium in Rom und

anschließend Kunstgeschichtestudium in

Wien. Schauspielunterricht bei Justus

Neumann.

Ab 1986 Schauspielstudium am Mozarteum in Salzburg. Ein

prägendes Erlebnis war das Shakespeare-Seminar mit Peter

Zadek. Ab 1989 Engagements an Bühnen in Deutschland,

Österreich und der Schweiz, u.a. Stadttheater Bern, Schauspielhaus

Zürich, Staatstheater Mannheim, eater in der Josefstadt,

Salzburger Festspiele. Freie eaterproduktionen mit

dem Klagenfurter Ensemble.

Ab der Spielzeit 2012/13 Ensemblemitglied am Stadttheater

Klagenfurt.

Katharina Schmölzer ist Mutter von zwei Töchtern und lebt

mit ihrer Familie zurzeit in Villach.

- 198 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 199 -


Samstag, 15.09. | 14 Uhr

Burg Hochosterwitz

Long, Long Time Ago ...

Geschichten und Geheimnisse

längst vergangener Tage

Eclipse

Layil Barr: Blocköten, Viola da gamba

Jean Kelly: Harfen

Ripton Lindsay: Tanz

Johanna von der Deken: Erzählerin

Kinder- und

Familienkonzer t

Einleitung

Es gibt wohl kaum einen Ort, an dem sich mittelalterliche

Sagen und Geschichten besser erzählen ließen, als auf der

schon seit Jahrhunderten als Wahrzeichen unseres wunderschönen

Landes geltenden Burg Hochosterwitz. Und wenn

diese Geschichten noch dazu mit alter Musik zu tun haben,

ist es Grund genug für uns, das diesjährige Kinder- & Famili-

enkonzert im einzigartigen Ambiente der Khevenhüllerschen

Burg stattnden zu lassen.

Da ist zum Beispiel die Geschichte von König Richard Löwenherz

und seiner Gefangennahme: Wurde er von seinem

Heer befreit? Seinen Edelleuten? Seiner Familie? Nein, es

war sein getreuer Troubadour Blondel, der auf der Suche nach

ihm Harfe spielend durch das Land zog und ihm zur Freiheit

verhalf.

Doch Geheimnisse aus längst vergangenen Tagen zu lüften,

ist nur ein kleiner Teil dessen, was uns das Ensemble Eclipse

in diesem magischen Programm aus Sagen und Geschichten

– begleitet von mittelalterlicher Musik – bereiten wird. So

können wir auch alten Instrumenten lauschen, wie zum Beispiel

einer mittelalterlichen Harfe, einer Doppelöte, einer

Riesenöte und einer Harfe, deren Klang uns an einen Esel

erinnern wird.

- 200 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 201 -


Neben Musik erleben wir aber auch den beeindruckenden

jamaikanischen Tänzer Ripton Lindsay, der auf seine Weise

traditionellen und zeitgenössischen Tanz mit Elementen des

Hip-Hop, Reggae und des Jazz verbindet.

Johanna von der Deken, unserem Publikum bestens bekannt

als Moderatorin des letztjährigen Kinderkonzerts, wird abermals

als Erzählerin in Erscheinung treten und uns mit ihrer

wunderbaren Stimme durch das Programm begleiten.

Kommt und lasst euch königlich unterhalten und vergesst

nicht eure Eltern und Großeltern zu diesem Konzert mitzubringen.

Doch seid nicht verwundert, wenn ihr euch ganz

plötzlich in der Rolle des Musikers wiedernden solltet …

Eclipse

Von der Harfenistin Joy Smith und der Blockötenvirtuosin

Layil Barr ins Leben gerufen, bereichert dieses innovative

und mitreißende Ensemble die Szene der alten Musik mit

seinem hervorragenden Spiel und seiner farbenfrohen Präsentation

um frischen Wind und neue Ranesse. Die Musiker

stellen dabei gleichermaßen die meisterhafte Beherrschung

ihrer Instrumente und ihren exquisiten Geschmack

in Inhalt und Form unter Beweis.

Dieses außergewöhnliche internationale Ensemble spielt

auf selten gehörten und gesehenen Instrumenten und fügt

so Alte Musik, zeitgenössische Musik und Tanz zu einem

neuen Ganzen. Mit ihren phantasievollen Kostümen und der

szenischen Gestaltung bereiten uns die Musiker von Eclipse

ein Fest für die Sinne.

Zu den weltweiten Engagements zählen das Brighton Early

Music Festival, das Stour Early Music Festival, die Internationalen

Festspiele von Mersin, die Internationale Konzertreihe

von Istanbul, die Konzertreihe des Royal Northern College of

Music, Barbican, Hackney Empire, Glastonbury Festival, Womad

und andere mehr. Außerdem traten sie live im Fernsehen und

im Rundfunk auf, darunter bei den Sendern BBC Radio 3 & 4,

und wurden zu »selected artists« des Making Music Concert

Promoters' Programms 2008 gewählt.

Eclipse ist eines der spannendsten Ensembles in der gegenwärtigen

Alten Musikszene. Mit ausgeprägtem Gespür für

- 202 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 203 -


auührungstechnische Details und mit einigen der besten

Musiker der jungen Generation unter seinen Mitgliedern,

präsentiert das Ensemble in seinen Konzerten eine farbenfrohe

Mischung aus virtuoser Musik, Erzählkunst, eater

und Tanz.

Johanna von der Deken wurde in

Graz geboren, lernte am dortigen Konservatorium

Violine und absolvierte eine

Schauspielausbildung an der Schule des

Wiener Volkstheaters. Es folgten Engagements

in Fernsehen, Film und eater.

Ihre Gesangsausbildung erhielt sie am Konservatorium der

Stadt Wien, sowie im Privatstudium bei Hilde Rössel-Majdan,

Hilde Zadek und Herwig Reiter. Ihr vielfältiges Repertoire erstreckt

sich von Barockmusik bis zu zeitgenössischen Werken.

Die lyrische Sopranistin gastierte im Rahmen von Opernprojekten

am eater an der Wien, der Grazer Oper, der Berliner

Staatsoper, der Wiener Kammeroper, der Neuen Oper Wien,

dem Wiener Odeon, bei der Ruhrtriennale, der Oper Klosterneuburg,

am Wiener Schauspielhaus, am Stadttheater Klagenfurt,

beim Carinthischen Sommer, sowie an der Pariser Opéra

Garnier. Im Konzertbereich wurde sie zur Zusammenarbeit

mit renommierten Ensembles wie Die Reihe, das Klangforum

Wien, die Wiener Akademie, Armonico Tributo, das Haydn-

Trio Eisenstadt, Ensemble Prisma Wien, La Capella Reial de

Catalunya sowie die Wiener Symphoniker eingeladen. Projekte

der jüngsten Vergangenheit waren »König David« von Arthur

Honegger im Wiener Konzerthaus, »Opern der Zukunft« an

der Grazer Oper, »Death in Venice« im eater an der Wien,

»Xenos-Szenen« von Beat Furrer mit dem Klangforum Wien,

Haydns »Schöpfung« bei der Styriarte, »Sinfonia« von L. Berio

im Herkulessaal in München unter R. Chailly sowie »Jahrlang

ins Ungewisse hinab« von F. Cerha unter J. Kalitzke im Mozarteum

Salzburg.

Seit vielen Jahren macht Johanna von der Deken in Zusammenarbeit

mit der Jeunesse, der Philharmonie Luxemburg sowie

der Styriarte Kinderproduktionen, die von Opernbearbeitungen

(»Die Entführung aus dem Serail«, »Die Hochzeit

des Figaro«, »La nta giardiniera«, »Il mondo della luna«),

über Konzertprogramme (»Es werde Licht«) bis zu eigenen

Stücken (»Ein Lipizzaner in Havanna«) führen, und für die

sie stets als Texterin, als auch als Sängerin tätig war. Zur Zeit

schreibt sie im Auftrag der Wiener Staatsoper an dem Libretto

für eine Kinderoper, die von Lisi Naske vertont wird.

Layil Barr, Blocköten und Viola

da gamba, gilt als eine der virtuosesten

Blockötistinnen aller Zeiten. Ihr Spiel

wurde als »unvergesslich« und »umwerfend«

beschrieben, wobei sie in besonderer

Weise für ihre dynamische Interpretation

von Musik aller Epochen bekannt wurde.

Sie studierte an der Rubin Academy of Music in Jerusalem

und am Trinity College of Music in London bei Philip orby.

Während dieser Zeit gestaltete sie Sendungen für das Jerusalem

Music Centre und wurde mit verschiedenen Preisen

ausgezeichnet, unter anderem mit dem Preis der Amerika-

- 204 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 205 -


Israel-Kulturstiftung, dem Dorothy Stone Award und der TCM

Silver Medal for Early Music. Als Solistin trat Layil Barr mit

verschiedenen Orchestern auf, darunter das Royal Artillery

Orchestra und das Israelische Kammerorchester, und gab Gastspiele

in den USA, in China, Korea, Israel, Ägypten, Italien,

Spanien, Frankreich, Irland und im Vereinigten Königreich.

Während ihres Studiums am Trinity College of Music wurde

sie von Alison Crum in das Spiel der Viola da gamba eingeführt.

Layil Barr spielt mit zahlreichen Gruppen aus den Genres

Alte Musik und Weltmusik, darunter Le Concert Des Nations

unter der Leitung von Jordi Savall, e Telling, Charivari

Agreable, Minerva u.a.

Jean Kelly, Harfe, stammt aus einer

irischen Familie, die seit mehreren Generationen

professionelle Musiker hervorbringt.

1996 errang Jean ein Stipendium

für ein Harfenstudium am Royal College

of Music in London. Seit ihrem Abschluss

lebt sie in London und erfreut sich als vielseitige Harfenistin

zahlreicher Engagements. Sie geht regelmäßig mit dem

Locrian Ensemble auf Tournee, unter Darbietung von Harfenkonzerten

und eigenen Arrangements irischer Musik. Aus

der Zusammenarbeit mit dem Ensemble erwuchsen auch

drei CD-Aufnahmen, darunter Händels Harfenkonzert und

Mozarts Konzert für Flöte und Harfe. Eine CD mit Kammermusik

von Richard Arnell wurde vom Gramophone Magazine

mit einer besonderen Empfehlung versehen. Aufnahmen

von Jean erschienen darüber hinaus auch beim Guild Label.

Im Mai 2011 erhielt Jean eine Einladung nach Dublin, um

anlässlich des historischen Besuchs von Königin Elizabeth zu

spielen. Ihre Harfenmusik bildet einen Bestandteil einer Reihe

von Filmmusiken. Sie hat mit Katie Melua ebenso Aufnahmen

erstellt wie mit den Chieftains und für BBC Radio

und Fernsehen. Im Duett mit Sir James Galway trat sie 2005

auf RTE Television (Irland) zur Schlussfeier der Kulturhauptstadt

Cork auf. Als Bühnenmusikerin für die Boomerang eatre

Company aus Cork spielte Jean in Wien und St. Petersburg

und war 2006 Teil einer Produktion der Rough Magic

eatre Company am Soho eatre in London.

Gemeinsam mit Nobelpreisträger Seamus Heaney trat sie bei

der Erönungsfeier des Welt-Harfen-Kongresses in Dublin

auf und begleitete die irische Präsidentin Mary McAleese

auf einem Staatsbesuch nach Österreich. Jean hat mit dem

bekannten israelischen Sänger sephardischer Lieder Yasmin

Levy Harfe gespielt. Besondere Freude bereitet ihr traditionelle

irische Folkmusik, zugleich spielt sie auch mittelalterliche

Harfe und Fidel in der Londoner Gruppe Joglaresa, die

sich auf Alte Musik spezialisiert.

Jean bildet ein Duo mit ihrer Schwester Fiona Kelly, preisgekrönte

Flötistin, Stipendiatin an der Juilliard School of Music

und gegenwärtig in New York wohnhaft. Sie konzertierten

innerhalb und außerhalb des Vereinigten Königreichs, zuletzt

mit dem Irish Chamber Orchestra und einer Darbietung von

Mozarts Konzert für Flöte und Harfe als Höhepunkt. Für

P&O Kreuzfahrten wirkten sie bei den Classic Music Festivals

at Sea mit Richard Baker als Gastgeber mit, daneben brachten

sie auch mit weiteren irischen Musikern der Londoner Szene

eine CD unter dem Titel »Toss the Feathers« heraus.

- 206 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 207 -


»Ein Vergnügen für Ohr wie Auge, war die reizende Jean Kelly

der Star in Händels köstlichem Harfenkonzert mit dem Locrian

Ensemble, eine bezaubernde Kombination.« Bournemouth Echo

Ripton Lindsay, Tanz.

»Musik verleiht uns ein Gespür für Iden-

tität, Bestimmung und Zeit.

Es ist wichtig, ehrlich gegenüber sich selbst

und in seinem Tun zu bleiben.«

Unter Bewahrung der überlieferten Werte von Jamaika und

insbesondere der Maroons, der Nachkommen geohener

schwarzafrikanischer Sklaven in der Karibik und auf dem

amerikanischen Kontinent, hat Ripton Lindsay seine eigene

ausgeprägte Handschrift entwickelt, die traditionellen Tanz

mit Hip-Hop, Reggae und Jazz vereint.

Ripton gewinnt mit seinen Auftritten und Choreographien

die Herzen des Publikums auf der ganzen Welt, bei Karnevalsparaden

ebenso wie bei Festivals, als Darsteller gleichermaßen

wie als Workshopleiter.

Ripton war Gründer und von 1992 bis 2000 Künstlerischer

Leiter der Nkiru Performing Troupe, die sich auf traditionellen

jamaikanischen Tanz und Gegenwartstanz spezialisierte.

Im Verlauf seiner Karriere hat Ripton unter anderem mit der

deutschen Filmproduktionsrma Polyphon, mit MTV, der

Dave Matthews Band und dem Jazzmusiker Alex Wilson zusammengearbeitet.

Er absolvierte Auftritte bei zahlreichen

Festivals, darunter das WOMAD (World of Music, Arts and

Dance) im Vereinigten Königreich und in Abu Dhabi, in

Glastonbury, beim Big Chill und dem Shambala Festival.

Neben seiner Tätigkeit als Tänzer und Choreograph ist Ripton

auch DJ, Moderator und Poet und hat mit Afrika Bambaataa

von der Zulu Nation, mit Daddy G (Massive Attack), Aquasky,

Freq Nasty, Mr Benn und anderen zusammengearbeitet.

- 208 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 209 -


- 210 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 211 -


Samstag, 15.09. | 19 Uhr

Rathaus St. Veit

Der Kopf des

Georg Friedrich Händel

Aus einer Erzählung von Gert Jonke

Ensemble Prisma Wien

Gelesen von Markus Hering

Singers in Residence

Hanna Herfurtner: Sopran

Ida Aldrian: Mezzosopran

Jan Petryka: Tenor

Ulfried Staber: Bass

Thomas Fheodoroff: Leitung

Ingrid Ahrer: Gestaltung/Dramaturgie

Konzert mit den

Singers

in Residence

Einleitung

»Der Kopf des Georg Friedrich Händel« ist ein Projekt der

trigonale 2012, an dem viele Köpfe beteiligt sind. Sie alle hier

aufzuzählen, ist weit weniger wichtig (die Namen stehen ja

ohnehin alle im Programmheft), als darüber zu erzählen, wie

all diese Köpfe in den Prozess eines »Work in progress» eingebunden

sind.

»Der Kopf des Georg Friedrich Händel« ist ein kurzweiliger,

launischer und musikalischer Text über verschiedene Lebenssituationen

des barocken Genius, wie sie sich zugetragen haben

mögen – oder auch nicht! Der Kopf des Markus Hering

wird beim Vortragen des Textes das eine Mal dramatisch

lesen, ein anderes Mal poetisch, hier seine Stimme forte erheben,

dort piano, diese Passage allegro, jene adagio anlegen,

worauf der Kopf des omas Fheodoro mit seinem Ensemble

und den vier Sängern in Residence musikalisch reagieren, interagieren,

kontrastieren, reektieren etc. wird.

Was wird gespielt? Soviel steht fest: Musik vom Kopf des

Georg Friedrich Händel – Lassen Sie sich überraschen!

- 212 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 213 -


Ich möchte mit der Sprache nicht nur erzählen,

sondern auch Musik machen.

Das ist mein Wunsch.

So im guten alten homerschen Sinn.

Sprache und Musik bei Gert Jonke

Im 8. Feber 1946 als uneheliches Kind einer sehr begabten

Pianistin geboren, die ihre aufsteigende Karriere nach der

Geburt des Sohnes Gert Friedrich abbrechen mußte. Der

Vater, ein Musikinstrumentenbauer und Ziehharmonika-

Fabrikant, kümmerte sich nie um das Kind und blieb für den

Buben eine Sehnsuchtsgur.

Musik war von Anfang an bestimmend für Jonkes Leben.

Die Mutter Hedy gab tagsüber Klavierunterreicht fürs Auskommen,

am Abend spielte sie für den Buben Ravel, Chopin,

Debussy – ein Ritual, es waren die prägenden Momente für

sein Leben.

Künstler wollte er werden, am besten Musiker. Es kam dann

doch anders. Am städtischen Konservatorium in Klagenfurt

studierte er zunächst Klavier. (Er war mit sich nicht zufrieden

und führte es auf seine zu kurzen Finger zurück; später

erzählte er allerdings, daß er nicht eißig genug war, und er

bedauerte dies auch im Nachhinein.)

Dann, nachdem er dem Mief der lust-, kunst- und phantasiefeindlichen

Nachkriegs-Atmosphäre der Provinz entiehen

konnte, studierte er in Wien an der Filmakademie, danach

u. a. Germanistik, Philosophie und Musikwissenschaft.

Er brach diesen Weg aber ab und schrieb in seinen damaligen

Erzählungen über die Pumphosenwissenschaft, die Zwanzighosenuniversitätsmusikwissenschaft

und lebte fortan als Anrainer

des Geisteswissenschaftenlandstrichs.

Längst hatte er zu schreiben begonnen. Schon im Gymnasium

war diese zweite Leidenschaft in ihm erwacht, als der

Deutschlehrer jenes Gedicht von Trakl auf die Schultafel

geschrieben hatte: Der grüne Sommer ist so leise geworden.

Ab diesem Augenblick begann er zu dichten. Zuerst nur im

Kopf, seine »Kopfgeburten«, dann ng er zu schreiben an

– im Stile Trakls natürlich. (In der damaligen Kärntner Literatur-Zeitschrift

Der Bogen wurden seine Jugendversuche

abgedruckt, und er wurde ganz rasch als große Nachwuchsbegabung

präsentiert – auch im Rathaus von St. Veit, bei den

St. Veiter Literaturtagen 1964.)

Der erste große Erfolg des jungen Jonke war der Geometrische

Heimatroman, den er nach einer Persien- und Afghanistanreise

schrieb. Ein im gesamten deutschen Sprachraum

hochgelobter ungewöhnlicher »Anti-Heimatroman« war ein

Sprach-Experiment, in dem er mit seiner methodischen

Forschungsarbeit begann. Form und Inhalt ergänzten sich,

waren auf der Höhe des zeitgenössischen Empndens. Der

junge Schriftsteller schrieb an gegen die Einverleibung von

Mensch und Natur durch die Gesellschaft, gegen die vollkommen

künstlich werdende Welt der totalen Machbarkeit,

die durchrationalisierte Welt, die dann in Totalitarismus umschlägt.

Auch in seinen beiden nächsten Romanen blieb er bei

seiner konsequenten Radikalität: Glashausbesichtigung, 1970,

- 214 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 215 -


und Die Vermehrung der Leuchttürme, 1971 in Berlin geschrieben

und ebenfalls im deutschen Suhrkamp Verlag erschienen.

M. Kersting schrieb damals in der Zeit: Es handelt sich um eine

Dichtung, die ihren eigenen Apparat, die Sprache untersucht, also

einen erkenntniskritischen Vorgang in das eigene Medium verlegt.

Die ersten Bücher sind strenge Kompositionen. Musikalische

Formen werden hier eingesetzt: musikalisch-architektonische,

rondo-, refrain- und variationsartige Strukturen,

Wiederholungen, Übertreibungen, Umkehrungen usw. Ganze

Passagen sind in rhythmischer Prosa abgefaßt. Mit der

Wort-Klang-Poetik in seinen Sprachkunstwerken erzielte

Jonke höchste musikalische Wirkung.

In dem Essay Die Überschallgeschwindigkeit der Musik protestiert

Jonke heftig gegen Nietzsches Auassung, die Sprache

könne als Organ und Symbol der Erscheinungen nie und nirgends

das tiefste Innere der Musik nach außen kehren, sondern

bleibe immer, sobald sie sich auf Nachahmung der Musik

einläßt, nur in einer äußeren Berührung mit der Musik.

In Jonkes späteren Werken, der großen Roman-Trilogie, seinem

dramatischen Werk, seinen Erzählungen und Novellen,

seinen Musik-Essays wird dann die Musik selbst oder der

Musiker zum ema.

Nach der Musikgeschichte (Literarisches Colloquium Berlin)

und Beginn einer Verzweiung. Epiloge (Residenz Verlag), Im

Inland und im Ausland auch usw., erscheint 1977 der Roman

Schule der Geläugkeit (Suhrkamp).

Mit diesem Buch verändert Jonke sein Schreiben. Weg vom

radikal Experimentellen interessiert ihn nicht mehr die formale,

distanzierte Herangehensweise, sondern er stellt das

Subjekt, das ICH in den Mittelpunkt: Künstlerpersönlichkeiten

mit ihrer Honung, mit Hilfe der Kunst der Welt

zu entkommen. Die Sehnsucht nach dem Ideal ist nun ein

starkes Motiv - nach einer Utopie: der idealen Kunst, Form,

Sprache, Musik und - nach der idealen Frau.

( Jonke ist auch hier sehr konsequent in seinen grandiosen

literarisch-philosophischen Entwürfen. Seine Protagonisten

treibt eine Unbedingtheit in Perfektionsexzesse, die gefährliche

Grenzgänge zwischen Genie und Wahnsinn herausfordern.

Die absolute Konsequenz ist die Sehnsucht nach

Selbstauösung in der Kunst, im Tod, oder das Verschwinden

/ die Auösung ndet gleichzeitig mit dem apokalyptischen

Weltzusammenbruch statt.)

In dem ersten Teil des Buches, Gegenwart der Erinnerung,

wird ein Fest einer städtischen bürgerlichen Gesellschaft, zu

dem auch der Komponist Burgmüller, die Hauptgur der Erzählung,

vom Photographen Diabelli und seiner Schwester

Johanna eingeladen wird, wiederholt – und zwar so genau,

daß es keinerlei Abweichung zum Fest des Vorjahres gibt,

daß Zeit und Geschichte aufgehoben scheinen - die vollständige

Gegenwart der Erinnerung.

Ein kaum ertragbarer Zustand, der nur durch ein wunderbares

Ereignis, die Erfüllung der Sehnsucht, das Erleben

des Unsagbaren, des Unbeschreiblichen – der idealen Musik auf-

- 216 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 217 -


gehoben wird. Bei Jonke ist es die reine und vollkommene

Naturmusik.

Dem Pianisten Schleifer gelingt es, die wunderbarste Musik

hörbar werden zu lassen, ohne daß er je ein Instrument »wirklich«

in Einsatz gebracht hat, durch die virtuoseste der mir je

untergekommenen Lautlosigkeiten, die er seinem Instrument ent-

lockte. Alle Empndungs-Grenzen werden dabei überschritten,

»vernichtend schöne« Todesnähe stellt sich ein – um den

Preis des Vergessens, die Erinnerungslosigkeit. Die Musik ist

wohl zu hören, aber niemals ist es möglich, sie zu wiederholen,

sie zu notieren. Einzig mit Hilfe der Sprache kann eine

solche Musik beschrieben und damit transformiert werden.

(…) Als die Nachtluft plötzlich ganz leise schwingend zu klingen

begann, ein leicht vibrierendes Summen war von überall auf

mich eingedrungen, oder war es ein daherschwebendes Singen von

Tönen in einer kaum für möglich gehaltenen Höhe, das der gerade

eben aufgekommene leichte Wind zerstreute. Ich hatte die Emp-

ndung von überlagerten wandernden Tonwolken und sich ballenden

Klangnebeln, welche sich ineinander verschoben, herbei-

und hinwegwälzten, eine ganz leise, kaum hörbare, vernichtend

schöne Musik, wie sie mir bislang noch niemals untergekommen

war, ganz hoch, aber gleichzeitig ganz tief wohltuend abgedunkelt;

leicht verschwommene, hauchdünne Luftakkordächen, zusammengeknüpft

aus den von der Landschaft aufgestiegenen Tönen,

sämtlicher in der Gegend denkbarer Tonstufen (…)

Ich fühlte die einzelnen Töne zart über meine Haut gleitend

durch meinen Kopf streifend meinen gesamten Körper hindurch-

ießend, ein mich durchutender Musikwind, der in mir unbekannte

Empndungen und Gefühle auslöste, denen ich ganz

kurz glaubte, nicht gewachsen zu sein, und die ich nicht benennen

konnte (…), ich wurde von einer Art traumhaft glücklichen

Trauer erfaßt (…), und dann beel mich unsagbar glückliche

Freude. (Aus: Schule der Geläugkeit)

Auch im zweiten Buch der Trilogie, Der ferne Klang, das 1979

im Residenz Verlag erscheint, ist, neben der Suche nach der

wunderbaren einzigen Frau, Musik als Metapher ein großes

ema. Der Komponist Burgmüller und ICH-Erzähler begibt

sich auf eine Reise, die immer wieder am Anfangspunkt

endet. Auch hier lösen sich Raum, Zeit und Wirklichkeit auf,

letztlich schwindet alles dahin. Der Komponist hat schon

längst aufgehört zu komponieren, er scheitert an seinen viel

zu hohen ästhetischen Ansprüchen, an der Unrealisierbarkeit

dessen, was in seiner Phantasie anklingt. Er verlegt sich auf

die Erforschung der Möglichkeit und der Unmöglichkeit

der Musik. (Hier schließt Jonke die existentielle Krise mit

der modernen Musik zusammen – die Kommunikation wird

zum großen Problem.)

Doch dann verwandelt sich die Landschaft in eine Musikhülle,

in Tonhitzeklangwolken und Melodiegewebeschwaden,

und es kommt zu einem stetigen Tönen der Landschaft,

das schließlich die Zerstörung durch sich selbst ankündigt.

Das Tönen des fernen Klanges überschwemmt die Stadt, die

Landschaft, nimmt alles mit sich – ein überwältigend schöner

Untergang – Apokalypse und Neuanfang zugleich. Jonke bezieht

sich auf die Oper von Franz Schreker: Die Ouvertüre der

- 218 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 219 -


überwältigenden Schönheit eines herbeigehoten Unterganges, die

herbeigesehnte erregend berührende Zerstörung der Natur durch

sich selbst, die nun so lange sich weiter zerstört, bis die Leute aus

ihr herausverschwunden sind und sie, befreit von den Menschen,

wieder neu beginnen kann (…)

Der Roman hat drei grandiose Finale. Der Dichter stellt alles

wieder in Frage, schat Irritation: Daß sich diese ganze Welt

endgültig als eine völlig lächerlich irrtümliche geradezu göttlich

überirdische Witzkosmik, als kosmischer Witz in Form einer

geradezu transzendentalen Impertinenz herausstellen könnte.

Doch das Besinnen auf das Brauchbarste, was wir haben, auf

unsere Gefühle und Empndungen, kann auch als Auorderung

genommen werden:

»Ich«, was heißt denn schon »ich«? Können Sie mir das sagen?

Nein? Na sehen Sie. Richtig »ich« könnte man vielleicht höchstens

dann zu sich sagen, wenn die Empndungen und Gefühle, das

ohnedies Brauchbarste, worüber man verfügen kann, wirklich in

vollem Ausmaß empnden und fühlen könnten, was alles emp-

ndbar und fühlbar wäre, wären sie nicht abhängig und gefesselt

von einem anatomisch-spießbürgerlichen Körpersystem, das auf

Grund seines dilettantischen Aufbaus ihre vollwertige Entfaltung

verhindern muß. Und an ein solches »Ich« käme man, wenn

überhaupt, ganz langsam tastend heran, und selbstverständlich

ausschließlich per Sie.

Ulrich Greiner schrieb bei Erscheinen des Buches am 9. 10.

1979 in der FAZ:

Gert Jonkes Roman »Der ferne Klang« ist ein so außergewöhn-

liches und ausgefallenes Buch, daß man von der üblichen Aufgabe

einer Rezension, darzustellen, wovon es handele und wie es davon

handle, fast verzagen müßte, wäre nicht da der Wunsch, möglichst

viele Leser möchten sich einlassen auf diese phantastische Fahrt,

wo einem Hören und Sehen derart vergeht, daß man Hören und

Sehen von neuem lernt.

Nach den drei Romanen, in denen die erfundenen Künstler,

Musikkünstler, Komponisten, deren Leben mit seinem

Leben, seinen Erndungen assoziativ verwoben ist, schreibt

Jonke jetzt über drei reale Komponisten, an denen er nicht

nur historisch biographisch interessiert ist: Händel, Beethoven

und Webern sind die Helden (s)einer absoluten Kunst.

1985/86 wird der Spiellm Geblendeter Augenblick – Anton

Weberns Tod (Hessischer Rundfunk) mit Peter Fitz als Anton

von Webern gedreht. Jonke schreibt das Drehbuch und ist

auch wesentlich an der Umsetzung beteiligt. Im Film wird

Weberns Biographie mit den Lebenslinien jenes amerikanischen

Besatzungssoldaten, der aus einem tragischen Versehen

heraus im September 1945 den großen Komponisten

in Mittersill erschoß, verknüpft und in einer »Engführung«

aufeinander bezogen.

Hier geht es wieder um Jonkes Zentralthema, die Suche nach

der idealen Musik. Schweigen und Stille an der Grenze zum

Verstummen sind Voraussetzungen für das Entstehen der

wahren Musik. In der Musik Weberns scheint Hörbares nur

aus der Stille hervorzubrechen, um »die Zeit aufzuheben« –

ein Ideal.

- 220 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 221 -


Der Dirigent Anton von Webern verlangt in einer Probe

eines Violinkonzerts von Alban Berg von seinen Musikern,

daß sie die Stille beherrschen, ein »schweigendes Orchester«

sind. Erst die nicht gespielte Musik ist die wirkliche Musik.

Die »makellose Stille, wie er sie haben wollte« wird nur

ein einziges Mal erreicht. Webern versucht die Auührung

zu verhindern, um die Idee dieser Musik rein zu bewahren.

Jonke schreibt in seinem Essay Die Überschallgeschwindigkeit

der Musik über die Verunreinigung der Musik durch Umsetzung

in materielle Gestalt: Und außerdem ist ja auch jede Art

von Musikwiedergabe nichts anderes als eine Art von Musikbeschreibung

in einer jeweils verschiedenen Form der Wiedergabe

des Notentextes, den der Komponist niedergeschrieben hat – und

nicht die Musik selbst.

Die Novelle Geblendeter Augenblick – Anton Weberns Tod wurde

2006 im Buch Strandkonzert mit Brandung, (Verlag Jung

und Jung, Salzburg/Wien) herausgegeben - gemeinsam mit

Der Kopf des Georg Friedrich Händel und Seltsame Sache – Ein

Melodram für Lorenzo da Ponte.

Der Kopf des Georg Friedrich Händel ist zunächst eine Musikbiographie

des 18. Jahrhunderts. Natürlich bleibt es bei

Jonke nicht bei einer Erzählung im hergebrachten Sinn. Es

beginnt 1748 mit der Feuerwerksmusik und geht dann auf

den Tod Händels im Jahr 1759 über. Am 13. April ( Jonke

nennt keine Jahreszahl) verlassen ihn die Kräfte. Es ist ihm,

als würde er über seinem eigenen Körper … schweben, und er

ist als ein durchsichtiges Spiegeln von bisher noch niemals gehörten

Klängen empndbar geworden... Einen Tag danach ist

Händel gestorben, wie in den Biographien nachzulesen ist.

Bei Jonke kommt dann die Rückblende: Am 13. April, genau

zweiundzwanzig Jahre zuvor, aber war ihm schon Ähnliches widerfahren,

allerdings ohne derart hingegeben entschlossene Endgültigkeit.

Händel hatte schon damals einen »Schlaguß«, der

ihn halbseitig gelähmt machte, und nur in langen, energisch

und berserkerhaften betriebenen Anstrengungen hatte er es

damals geschat, wieder arbeitsfähig zu werden.

In Händels Rückschau auf sein Leben erfährt man die für

ihn guten und schlechten Begegnungen, u. a. mit John Gay,

dessen erfolgreiche Beggar's Opera den italienischen Opern

Händels mit ihren Luftgöttern eine große Konkurrenz gewesen

war und ihn in eine schwere Krise brachte. Händels

Kunstentwurf ist Jonke viel näher. Händel wird von Jonke gezeigt,

wie er in seinem Schaensrausch, der den Messias hervorbringt,

an die Grenzen des Vorstellbaren gelangt. - Wie

er nach einem peinigenden Gefühl des Unvermögens seine

Aufhebung und zugleich die höchstmögliche Steigerung in

der Kunst erlebt. - Die ideale Musik: die schwebende Ambivalenz

von Leben und Tod. Jonke schreibt in seinem Essay

Die Überschallgeschwindigkeit der Musik davon, wie Kunst es

zustandebringt, mit Worten »Unsagbares« auszudrücken, mit

Tönen und Klängen »Unhörbares« erahnbar bzw. empndbar

zum Fühlen zu bringen.

Ein unfaßbar selbstverständliches Glücksempndungsblitzen

durchdrang Händel immer wieder, und eine Freude durchutete

den Komponisten wie heftiger Aschenregen, der sich aus ihm erhob

und auch die letzten Spuren in ihm ausgebrannter Ruinenschatten

- 222 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 223 -


fortströmte ins unerreichbar tiefe Vergessen der gewissenhaft

abgeklärten Lagunen seiner Erinnerung, als wären mit seinem

Wiedererwachen gemeinsam auch bisher fremd gewesene Bereiche

eines ganz neuen Fühlens und Wissens hochgetaucht, die er spüren,

aber nicht benennen konnte, doch, benennen, klingend übertragen,

und war er allen verstecktesten Rätseln hautnah auf der

Spur mit den Tönen seiner gerade neu komponierten Musik, hörbar,

deren Auösung aufklingen zu lassen, bisher Unbegreiiches,

Unaussprechliches und Undenkbares zu deutlich begreifbar genau

vernehmlichen Gestalten geformt.

Händel ist ein Ideal, ihm wird die Erfüllung zuteil. Jonke

geht in seiner Dichtung wieder an den Anfang zurück – Zeit

ist aufgehoben, es existiert die reine Gegenwart in der Vergangenheit

und Zukunft. Im Tode schließt sich der Kreis.

Händel ist der einzige Künstler, dem Jonke diese Vollendung,

die ästhetische Utopie, die endgültige Erfüllung erlaubt.

Und am 13. April spürte Händel, wie der Horizont von weit

hinter der Stadt durch die Gassen wanderte und an seinem Bett

sich niederließ (…), während er schon über seinem eigenen Körper

zu schweben glaubte (…), während der Horizont mit Händel

schon hinter den Stadtrand an den Saum des beginnenden Ozeans

wieder zurückgelehnt war, ganz weit hinter dem stehengebliebenen,

in diesem Landstrich hinter der Stadt einfach steckengebliebenen

Fluß.

Ingrid Ahrer

- 224 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 225 -


Ensemble Prisma Wie n

Prisma steht für Spielfreude, Wahrhaftigkeit und Vision in

der Musik! In einem physikalischen Prisma wird einfallendes

Licht in seine Strahlen aufgespalten, um dem Betrachter in

seiner schönsten und reinsten Form – als Regenbogen – neu

zu erscheinen.

Übertragen auf das akustische Erleben nehmen wir Klang in

unser Prisma auf, um ihn dem Zuhörer in seiner Reinheit

und Wahrheit zu präsentieren.

Prisma spielt herausragende Musik aller Stilepochen in variablen

Besetzungen und natürlich auch am jeweils historischen

Instrumentarium. Die Zusammenarbeit mit erstklassigen

Sängern und Instrumentalisten wird gesucht, Auftragswerke

an zeitgenössische Komponisten werden vergeben.

Der Reiz des erhöhten künstlerischen Anspruchs an jedes

einzelne Ensemblemitglied ist durch die Idee einer vergrößerten

Kammermusik gegeben. Die Grenzen des Möglichen

sind dabei stets Herausforderung zur Erweiterung der Besetzungsgröße

– eine »gewachsene« Gruppierung also, die den

hundertprozentigen Einsatz aller Beteiligten erfordert.

Die mitwirkenden Musiker sind dem Gründer und Leiter

des Ensembles omas Fheodoro als Kammermusik- oder

Orchesterpartner, bzw. als Lehrer oder Schüler langjährig

bekannt. Durch diese Wurzeln ist eine gemeinsame musikalische

und stilistische Annäherung an die jeweilige Musik –

gleich einem gemeinsamen »Dialekt« – gewährleistet.

Prisma wurde 2004 gegründet und war u.a. bei der Styriarte,

beim Klangfrühling und im Wiener Konzerthaus zu Gast.

Gert Jonke, geboren am 8.1.1946 in

Klagenfurt, gestorben am 4.1.2009 in

Wien. Er studierte an der Universität in

Wien Germanistik, Philosophie und Mu-

sikwissenschaften und besuchte die Wiener

Hochschule für Musik und Darstellende

Kunst / Abteilung Film und Fernsehen. 1971 ging er mit

einem Stipendium nach West-Berlin, wo er fünf Jahre blieb.

Es folgten ein einjähriger Aufenthalt in London und ausgedehnte

Reisen in den Mittleren Osten und nach Südamerika.

Ab 1978 lebte Gert Jonke mit Unterbrechungen in Wien.

Unter den zahlreichen Auszeichnungen: 1977 Ingeborg Bach-

mann-Preis; 1997 Erich Fried-Preis; 2001 Großer Österreichischer

Staatspreis für Literatur; 2005 Kleistpreis; 2006

Arthur Schnitzler-Preis; »Nestroy« eater-Preis für das beste

Stück des Jahres 2003, Chorphantasie, 2006 für Die versunkene

Kathedrale, und 2008 für Der freie Fall.

Bücher (Auswahl):

Geometrischer Heimatroman. Suhrkamp, Frankfurt am Main

1969, Jung und Jung, Salzburg 2004

Glashausbesichtigung. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1970

Beginn einer Verzweiung. Residenz, Salzburg 1970

Musikgeschichte. Literarisches Colloquium, Berlin 1970

Die Vermehrung der Leuchttürme. Suhrkamp, Frankfurt am

Main 1971

- 226 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 227 -


Im Inland und im Ausland auch. Suhrkamp, Frankfurt am

Main 1974

Schule der Geläugkeit. Suhrkamp, Frankfurt am Main 1977

und 2006

Der ferne Klang. Residenz, Salzburg 1979; Jung und Jung,

Salzburg 2002

Erwachen zum großen Schlafkrieg. Residenz, Salzburg 1982,

Jung und Jung, Salzburg 2011

Stogewitter. Residenz, Salzburg 1996

Himmelsstraße – Erdbrustplatz oder Das System von Wien.

Residenz, Salzburg 1999, Jung und Jung, Salzburg 2001

Chorphantasie. Literaturverlag Droschl, Graz 2003

Redner rund um die Uhr. Jung und Jung, Salzburg 2003

Strandkonzert mit Brandung: Georg Friedrich Händel – Anton

Webern – Lorenzo da Ponte. Jung und Jung, Salzburg 2006

Die versunkene Kathedrale. Verlag der Autoren, Frankfurt am

Main 2006

Alle Stücke. Jung und Jung, Salzburg 2008

Alle Gedichte. Jung und Jung, Salzburg 2010

Theaterstücke (Auswahl):

Die Hinterhältigkeit der Windmaschinen. UA Steirischer

Herbst 1981

Damals vor Graz. UA Forum Stadtpark Graz 1989

Sanftwut oder Der Ohrenmaschinist. eatersonate, UA

Styriate Graz 1990. Weitere Auührungen: u.a. Hamburger

Kammerspiele 1993/94 mit Ulrich Wildgruber, TV-Aufzeichnung

(ORF, NDR, arte)

Opus 111. UA Volkstheater Wien 1993

Gegenwart der Erinnerung. UA Volkstheater Wien 1995

Es singen die Steine. UA Stadttheater Klagenfurt 1998

Insektarium. UA Volkstheater Wien 1999, alia-eater

Hamburg 2012 u. a.

Die Vögel. UA Volkstheater Wien 2002

Chorphantasie. UA Kulturhauptstadt Europas/eater Graz/

Burgtheater Wien 2003

Redner rund um die Uhr. UA Semper-Depot Wien 2004

Seltsame Sache. UA Ruhrtriennale 2005

Die versunkene Kathedrale. UA Burgtheater Wien 2005

Der freie Fall. UA Burgtheater Wien 2008

Film und Fernsehen (Auswahl):

Händels Auferstehung. Hessischer Rundfunk 1980, Regie:

Klaus Lindemann

Geblendeter Augenblick – Anton Weberns Tod. Hessischer

Rundfunk 1986

Redner rund um die Uhr – eine Sprechsonate. Aufzeichnung

einer eaterauührung des theater 04 aus dem Semper-

Depot Wien, Fernsehadaption und Bildregie: Martin

Polasek, ORF/3sat 2004

Reise zum unerforschten Grund des Horizonts. Ein Portrait

des Dichters Gert Jonke. Buch und Regie: Ingrid Ahrer und

Martin Polasek, ORF/3sat, kurtmayerlm 2008 (Österr.

Fernsehpreis für Bildungsprogramme 2008)

- 228 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 229 -


Thomas Fheodoroff wurde in Klagenfurt

geboren und erhielt am dortigen

Konservatorium seinen ersten Geigenunterricht.

Nach der Matura studierte

er Violine an der Wiener Musikuniversität

bei Günter Pichler und Ernst Kovacic.

1996 schloss er sein Studium mit Auszeichnung ab. Weitere

Anregungen holte er sich von Künstlern wie Igor Ozim, Erich

Höbarth, omas Zehetmair und György Kurtág.

Einladungen im In- und Ausland als Solist und Ensembleleiter

sowie Auftritte als Kammermusiker führen ihn in nahezu

alle Länder Europas, in den Nahen Osten, nach Japan,

in die USA, außerdem zu Festivals wie z.B. zur Styriarte, zum

Carinthischen Sommer, zum Rheingau-Musikfestival und zu

den Händelfestspielen Halle. Fheodoro gab Solokonzerte und

Kammermusikabende u.a. im Wiener Musikverein und Konzerthaus.

Dabei arbeitete er mit Musikern wie E. Kovacic, R.

Leopold, Ch. Hinterhuber, dem Quatuor Mosaique, F. Boesch, M.

Bilson, B. Fink, den Brüdern Kutrowatz uvm. zusammen.

Seit 1990 ist omas Fheodoro Mitglied des Concentus

Musicus Wien unter Nikolaus Harnoncourt, außerdem ist er

Professor für Violine an der Wiener Musikuniversität.

Ingrid Ahrer arbeitete als Schauspielerin

in Italien, Deutschland, Österreich und in

den USA. Sie war zuletzt als Dramaturgin

und Regisseurin und als Künstlerische Leite-

rin tätig. Mit Gert Jonke verwirklichte sie

Kunstprojekte und Inszenierungen. Bei dem

Film »Reise zum unerforschten Grund des Horizonts«

(2008), einem Portrait des Dichters Gert Jonke, führte Ingrid

Ahrer gemeinsam mit Martin Polasek Regie.

Markus Hering

Geboren am 26.04.1960 in Siegen/Westfalen.

Nach dem Abitur 1979 Ausbildung

zum Tischler.

1983 – 87 Ausbildung an der Hochschule

für Darstellende Kunst Hannover.

1987 – 89 erstes Engagement am Staatstheater Kassel.

1989 – 91 Städtische Bühnen Frankfurt am Main, dort erste

Arbeit mit Hans Gratzer in »Nathan der Weise«.

1991 – 93 Schauspielhaus Wien, »Roberto Zucco«, »Prelude to

a Kiss«, »Heimatstöhnen«, »Nietzsche«.

Arbeiten mit Hans Gratzer und Andreas Vitasek.

1993 – 2011 Engagement am Burgtheater. Arbeiten u.a. mit

Claus Peymann, Leander Haussmann, Karlheinz Hackl, Gabor

Zambeki, Tamas Ascher, eu Boermans, Stefan Kimmig, Roland

Schimmelpfennig, Stefan Bachmann und mehrere Male mit

Christiane Pohle, die die Stücke von Gert Jonke inszenierte.

2003 »Nestroy« als bester Darsteller in Gert Jonkes »Chorphantasie«.

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2008 »Nestroy« als bester Darsteller für »Verbrennungen«,

»Pool«, »Freier Fall«, letzteres wieder ein Stück von Gert Jonke.

Seit 1993 auch Arbeiten für Kino und TV. Regisseure wa-

ren u.a. Dieter Wedel, Michael Kreihsl, Diethard Klante, Rolf

Schübel, omas Roth, Costa-Gavras.

2008 »Whisky mit Wodka«, Kinolm, Regie Andreas Dresen.

2010 »Das Leben ist zu lang«, Kinolm, Regie Dani Levy.

Im Lauf der Jahre hat sich Markus Hering immer wieder der

Literatur gewidmet und mit einer Vielzahl von Lesungen

den deutschsprachigen Raum bereist. Mit seiner erfolgreichen

Lesung aus dem nnischen Epos Kalevala war er

auch in Helsinki zu Gast. Markus Hering hat einige Hörbücher

aufgenommen. Neben dem erwähnten Kalevala war

es zuletzt Arno Geigers »Alles über Sally«.

Markus Hering lebt mit seiner Familie in Wien.

Die weiteren Biografien nden Sie auf folgenden Seiten:

Hanna Herfurtner, Seite 20

Ida Aldrian, Seite 115

Jan Petryka, Seite 116

Ulfried Staber, Seite 118

Foto rechts: Umschlagseite zu »Strandkonzert mit Brandung. Georg

Friedrich Händel – Anton Webern – Lorenzo da Ponte«. (Verlag

Jung und Jung, Salzburg 2006).

- 232 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 233 -


Gert Jonke

DER KOPF DES GEORG FRIEDRICH HÄNDEL

In manchen Gegenden der Welt gibt es den Brauch, in der

ersten Frühlingsnacht auf den höchsten Bergen und Hügeln

des Landes auf riesigen Scheiterhaufen den Winter zu verbrennen.

Die letzten Schneeocken, so glaubt man, wirbeln

dann spätestens mit dem Aschenregen der dabei oft ent-

ammt zerstäubenden Wälder davon.

Im Jahre 1748 wurde der Frieden von Aachen gefeiert, indem

man den Krieg verbrannte. Die besseren Zeiten sollten

mit einem prächtigen Feuerwerk begonnen werden. Man

stellte den Pyrotechnikern ein möglichst massives Gebäude

auf, damit sie ihre brennenden Gemälde umso waghalsiger

in den Nachthimmel werfen konnten. Und Händel gab man

das größte Orchester, das es bis damals je gegeben haben soll,

damit das Feuer seiner Musik das bunt ammende Firmamentbild

würdig begleite.

12.000 Menschen waren meist zu Fuß zur Veranstaltung gekommen.

Leider muß das Gebäude, das man konstruiert hatte,

doch nicht massiv genug gewesen sein, denn als auf dem

Höhepunkt der Feier alles explodierte, niederbrannte und katastrophale

Panik ausbrach, mag vielleicht Händel einer der

wenigen gewesen sein, denen aufgefallen war, daß die letzten

Toten dieses verbrannten Krieges auch die ersten Toten

dieses neuen, schon angebrannten Friedens gewesen waren.

Am nächsten Tag wiederholte er die Musik ohne Feuerbegleitung

zu Gunsten eines Findlingshospitals.

Am 13. April spürte Händel, wie sich der ganze Barockhorizont

von weit hinter London durch die Gassen der Stadt

hauseinwärts über sein Bett beugte und die Straße von draußen

durchs Fenster ins Zimmer stürzte, als er schon über seinem

eigenen Körper zu schweben meinte und sich darüber

und darunter als ein durchsichtiges Spiegeln von zuvor niemals

gehörten Klängen empfand, welche durch seine wie die

Ebenen des Kontinents ausgeweitete Kammer wehten, wohin

sich der Horizont mit Händel aus dessen Zimmer heraus

schon wieder zurücklehnte ganz weit hinter den stehengebliebenen

Fluß, aus dem jene Klänge luftaufwärts kletterten, als

deren durchsichtige Spiegelung sich Händel noch eine Zeit-

lang empnden konnte, und im Vergleich dazu mußte ihm das

gerade noch im Ansatz hörbar gewordene Echo des beginnenden

Osterglockenläutens vorgekommen sein wie das auf-

dringliche Fallen eines schäbig verrosteten Blechscherbens

auf den Boden des katzenkopfpastergemusterten Himmels.

Am 13. April, genau zweiundzwanzig Jahre zuvor, aber war

ihm schon einmal Ähnliches widerfahren, allerdings ohne derart

hingegeben entschlossene Endgültigkeit. Der Diener legte

die gesamte ihm verfügbare Aufmerksamkeit in die Sorgfalt

bei der Verrichtung seines Dienstes an jenem Nachmittag,

- 234 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 235 -


denn der Meister war, verärgert wie Iange nicht mehr, hinter

dem donnernden Haustor treppenaufwärts geschäumt, weil

ihn die Nachlässigkeit eines oder mehrerer Mitglieder des

bei ihm angestellten schlampig singenden Vokalpersonals

im eater an die Wände seines Jähzorns gedrängt hatte,

so daß er sein Ausbrechen in bedrohliche Handgreiichkeit

nur mehr durch das Verschwinden seiner Person verhindern

konnte, deren Schritte auf und ab nach wie vor erregt am

Plafond zu hören waren.

Die Nachlässigkeiten im Laufe der Vorbereitungen zur Aufführung

hatten ein erträgliches Maß überschritten; zwar

kosteten ihn die Darsteller ein Vermögen, waren aber dieses

Vermögen auch einzulösen weder fähig noch bemüht.

Er hielt sie nicht einmal mehr für gefühlvoll genug, die Stille

eines verlassenen Zimmers, die auf einem vergilbten leeren

Papier vergraben eingezeichnet gewesen wäre, vom Notenblatt

schweigend herunterzusingen, und die Erregung, die

ihm aus dem Kopf gestiegen, hatte schon den Plafond zum

Dachboden durchbrochen, daß er nur mehr das Bedürfnis

verspürte, sämtliche Tausende der abgespielt verstimmten

ihm jemals zugemuteten unbrauchbaren Cembali seines Lebens

gleichzeitig von der Kante des Kreidefelsens in Dover

in den Kanal hinunterdonnern und am Grunde des Meeres

stranden zu lassen.

Die erschrockenen Sänger natürlich versuchten, ihn zu beruhigen,

man habe doch gesungen, so, wie er gewollt, was,

erwiderte er, gesungen, nein, er habe nichts gehört, so was

nenne man also singen, und wie habe das denn geklungen,

und er verfüge über völlig anderweitige Vorstellungen von

der menschlichen Stimme. Aber natürlich habe das geklungen,

wurde entgegnet, wie man gesungen und wie am Norenblatt

vermerkt gewesen von ihm, und was, er habe gar nichts

gehört, antworteten die Sänger und wollten auch gleich zum

Beweis schon wieder zu singen beginnen, aber jetzt wollte

Händel nichts mehr hören, aufhören, schrie er und hielt sich

die Ohren zu, sofort aufhören mit Singen, er könne kein

Singen mehr hören, und ab jetzt werde einfach nichts mehr

gesungen.

Das Haus in der Brookstreet galt schon lange vielen Nachbarn

als ein Narrenhaus. Oft rauschten nachts vom wogenden

Cembalo die schlafraubendsten Chaconnen oder Sarabanden

durchs oen vergessene Tor, oder ackerte aus dem

geöneten Fenster das schreiende Brüllen beim Singen oder

brüllende Singen beim Schreien oder auch singende Schreien

beim Brüllen in erstarrter Heroik italienischer Opernkonvention

oder aus der Kehle des verrückt gewordenen Deutschen,

einem unkorrekt musizierenden Gesangsorgan drohend um

den Kopf geschlagen.

Der Diener hatte es beinah soweit gebracht, mit seinen immer

bauchiger gewölbten Seifenblasen das spöttische Gezeter

der Lachtauben aus den Dachrinnen zu verscheuchen, als

ihm eine seiner hochgestiegenen Kugeln derart übertrieben

krachend zu platzen schien, daß er, um sogleich bei der Behebung

einer vermuteten häuslichen Katastrophe hilfreich zur

Stelle zu sein, treppenaufwärts rannte. Das Zimmer schien

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leer, als wäre es eben verlassen worden; unbesetzt das speckige

Glänzen vom Sitzleder des respektgebietenden Generalmusikdirektorensessels

hinterm Schreibtisch; schon wollte

er wieder hinaus, da sah er den Meister reglos steif am Boden,

seine Augen weit geönet ausgehöhlt im starren Blick, als

strömten durch sie nicht nur die vergangenen Stunden jenes

Tages, sondern langsam auch alle vorhergegangenen Wochen

und Jahre aus seinem hilos mächtigen Körper ins Zimmer

heraus, hinab durchs Treppenhaus ießend beim Tor auf die

Straße, stadtauswärts als ein immer schwächer hörbar sich

entfernendes Stöhnen und Röcheln. Auch der Kopist war ins

Zimmer hereingestürzt, erschrocken, und im gemeinsamen

Entsetzen der Angst um das Leben des Dienstherrn legten

sie den unregelmäßig zuckenden Körper aufs Bett.

Dann stürmte der Kopist, den Diener mit der Anweisung zurücklassend,

Stirne und Augen des Zusammengebrochenen

mit kalt gefeuchteten Tüchern zu kühlen, aus dem Haus.

Ein glücklicher Zufall trieb das Gefährt eines herzoglichen

Gönners herbei, der den Mann sofort erkannte und hielt.

Laut wurde in die Kutsche hineingerufen, man möge bitte

den Arzt zu holen behilich zu werden die Güte aufbringen,

denn Händel sei gerade leider dabei, ansonsten zu sterben.

Wie durch eine wild ausgebrochene Jagd scheuchte der

Kutscher die Pferde zum Haus des Doktors, der sofort von

der Beobachtung der wunderbaren Spektralpracht seiner

gesammelten Harnproben abließ und gemeinsam mit dem

Kopisten auf seinem kleinen einpferdigen Gefährt durch die

Straßen zurück zu Händel trieb; er eilte das Treppenhaus besorgt

aufwärts schreitend ins Zimmer, fühlte den Puls, verschnürte

den schla ihm wegsinkenden Arm und verkündete

laut und deutlich wie grundsätzlich zu Beginn eines jeden

Krankenhausbesuches »Aderlaß«, habe man nicht gehört,

»Aderlaß!«, eine Tätigkeit übrigens, die fast seine Lieblingsbeschäftigung

und seiner Meinung gemäß eine stets angebrachte

grundsätzliche Vorbeugemaßnahme darstellte.

Der Diener war dem Verlangen nach einer Schüssel nachgekommen,

schon drang die Nadel in die Vene, aus welcher

durch den angeschlossenen Schlauch lange ebriges Blut ins

Gefäß dampfte, bis Händel endlich erleichtert aufseufzte.

Die fragenden Blicke des Kopisten, was ihm denn fehle,

konnte er nur mit der Ratlosigkeit seiner Schultergesten erwidern,

leider kein leichtes, sagte er dann, nicht einmal ein

schweres Fieber, und auch keine Angina, eher Angina pectoris,

eine vorübergehende Ohnmacht wohl in jedem Falle,

entweder durch plötzliche Blutleere des Gehirns oder aber

andererseits die Möglichkeit geringerer Natur einer vorübergehenden

Kongestion aufgrund plötzlicher Überfüllung

des Kopfes, eine nie fehlende Begleiterscheinung übrigens

der beginnenden Wechseljahre, die plötzlichen Bildungen

von großen Höhlungen in den Kurven der Gedankenfalten,

wie er leider sehe, da sich nichts bewege, das eine Auge zum

Beispiel vergesse plötzlich, ordnungsgemäß die vorschriftsgemäße

Lidschlagtätigkeit richtig durchzuführen, was ihn

auf leider Apoplektisches schließen lasse, ein Schlaguß,

- 238 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 239 -


aufgrund zu großer Aufregungen im Laufe zu fetter und allzu

ausführlicher Ernährungstätigkeit und wohl auch zu hohem

Alkoholgenuß übrigens möglicherweise.

Vier Monate lebte er nur in der linken Hälfte seines Körpers,

die ohne die andere, nicht erfühlbare hilos im Bett baumelte

und schwer neben ihm lag. So war er sich selbst widerwillig

zu einem ihm anhängenden unerbittlichen Gefängniswärter

geworden, der ihn hinter Schloß und Riegel hielt, zu welchen

die Schlüssel verlorengegangen.

Kein Wort, kein Ton entkam seinen schief herabhängenden

Lippen, kein Zeichen befreite seine abgestorbene Hand aus

Papier. Nur manchmal, wenn Freunde kamen, ihm Musik zu

bereiten, war es, als begönnen die Töne und Klänge sich in

seinen Augen zu spiegeln, als würden die ihm vorgetragenen

Melodienketten von seinen Pupillen kopfeinwärts gezogen,

während seine bewegliche Körperhälfte vergeblich aus dem

Bett zu schwanken versuchte hausauswärts, als wollte er aus

der Dämmerung der Krankenstube den wie eine im Zimmer

erwachte Nachtfaltergesellschaft atternd durchs Fenster in

den Tag wehenden Harmonien nachfolgen.

Vor allem, um ihm aus diesem wehrlosen Stillstand zu etwas

Abwechslung zu verhelfen, und wohl kaum in der Honung

auf eine Besserung – auf Heilung wäre er gar nie gekommen

–, empfahl der Arzt, den Komponisten in die dampfenden

Kurbäder von Aachen bringen zu lassen, vielleicht erführen

dort die Leiden des Meisters ein wenig der dringend nötig

gewordenen Linderung.

Mag diese den Reglosen fortbewegende Reise ihn auch zu

einer kurzen Reise durch die erblaßten Bilderstürme seiner

Erinnerung veranlaßt haben, an seine vor Jahrzehnten ständigen

Reisen.

Zum Beispiel nach Lübeck. Er besuchte den berühmtesten

Orgelmeister des Landes, Dietrich Buxtehude, um sich um

das Amt des Organisten auf der damals größten Orgel der

Welt zu bewerben, das er auch liebend gern bekommen und

übernommen hätte, wäre nicht die Übernahme der Stelle

mit der unumgehbaren Verpichtung verknüpft gewesen, die

Tochter des alten Vorgängers in den Ehestand zu übernehmen;

als er aber diese zum ersten und letzten Male zu Gesicht

bekommen, so daß der tragische Atem ihrer bedauernswert

schuldlosen Häßlichkeit sein Gesicht streifte, hatte er

sofort seine dringend erforderlich gewordene Abreise erklärt.

Oder kurz danach die für ihn so entscheidende Reise nach

Italien, wo ihm bald die vornehmsten und großzügigsten

Mäzene die Türklinken der Eingangstore ihrer Lustschlösser,

Villen und Paläste aufdrängend in die Hand hineindrückten,

mit dem Ersuchen, so lange als möglich zu bleiben und seine

Musik zu hören den Vorzug zu gewähren.

Händel war vielleicht der erste Musiker, der sich bitten und

nichts befehlen zu lassen verstanden hatte. Er saß nicht, wie

viel später noch Haydn, an der Dienstbotentafel, sondern

wurde von den höchsten Herrschaften als ein Herr behandelt,

der sich auf die Zerlegung von Artischocken, Seespinnen,

Fasanen, Hummern oder Kapaunen ebenso gut verstand

- 240 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 241 -


wie auf die Zerlegung von Akkorden und Tonleitern. In

Italien war fast alles erfunden worden, was für Händel lebenswichtig

gewesen. Wahrscheinlich auch Italien selbst.

Schon Hunderte Jahre vorher hatte ein gewisser Guido von

Arezzo die Notenschrift erfunden, die es u. a. Händel erst

ermöglichte, Musik zu notieren, und wodurch auch erst die

sogenannte abendländische Kunstmusik entstehen konnte.

In Italien wuchsen die Geigen fast schon mit den Bäumen

unter der Rinde eingebaut aus der Erde, was den bis heute

unübertroensten Instrumentenbauern dort daraufhin wenig

Schwierigkeiten bereitete, die bis heute unübertroensten

Instrumente aus dem Holz herauszuschnitzen. Etwas später

hatten einige ganz besonders »Werktreue« oder Prinzipienreiter

versucht, die antike Tragödie in ihren Auührungspraktiken

genau wiederholend zu rekonstruieren. Aus diesem

vielleicht von manchen als peinlich bezeichneten Mißverständnis

heraus entstand dann die sogenannte »Oper«.

Woraus man den Schluß ziehen könnte, daß der besonders

starre Vorsatz absolutester Werktreue und Prinzipiengerechtigkeit

entweder zu einem peinlichen Mißverständnis oder

zu Jahrhunderte umwälzenden epochalen Neuerungen führen

kann oder aber auch Jahrhunderte umwälzende epochale

Neuerungen nichts anderes als ebenso ein peinliches Mißverständnis

darstellen. Das italienische Mißverständnis »Oper«

werktreu weitergeführt hat jahrhundertelang bewirkt, daß die

Leute ein Musiktheater auch oder vor allem dann nur original

italienisch aufgeführt bekommen haben mußten, wenn

sie die italienische Sprache gar nicht verstanden. Sicher hat es

auch den einen oder anderen Komponisten damals gegeben,

der haufenweise italienische Libretti komponierte, ohne ein

einziges Wort seiner Werke zu verstehen. Vielleicht ähnlich

der katholischen Messe das Lateinische, woraus sich mancher

vielleicht gar nicht schwer dazu verleiten ließe, die Oper

bis heute als eine Art höherer weltlicher Kirchenanstalt zu

bezeichnen.

Wer aus Italien kam, war damals sofort anerkannt und weltberühmt.

Deshalb wollte jeder, der etwas mehr auf sich hielt

als üblich, aus Italien kommen oder Italiener sein. Halb

Europa hielt etwas auf sich, hätte sich am liebsten in »Italien«

umgetauft und führte deshalb die italienische Oper in

ganz Europa ein. Händel z. B. in London. Er war mit seiner

»Agrippina« in Venedig bekannt geworden. Im Laufe der

ihm auferlegten musikalischen Wettkämpfe war ihm einzig

einmal jener ihm gleichwertig befundene Domenico Scarlatti

begegnet, der ihn zunächst am Flügel übertraf.

Die in unüberblickbar vielfarbigem Edelsteinglitzern durch

die Luft gleitenden Sonaten des Italieners waren der beängstigenden

Vollstimmigkeit der die Raume ausgefüllt verschließenden

Passacaglien des Deutschen einfach spielend

davon gelaufen.

Sein kühner Klaviersatz, seine Terzenläufe und Oktavengänge,

die seine Finger oft beinahe als Lichtstrahlen erscheinen

ließen, die auf die Tastatur gefallen waren, wurden ihm aber

später von der Orgel, auf der ihn Händel übertraf, durch

die Blasbalge einfach unsichtbar in die Pfeifen hinein verschluckt.

- 242 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 243 -


Der denkwürdigste aller Mäzene war jener Ottoboni gewesen,

ein Kardinal, der seine schwer zahlbaren Freundinnen zu

einem einträchtigen Chor von den damals besten Malern des

Landes gepinselter Ölgemälde an den Wänden seines Schlafgemachs

versammelt hatte, dargestellt als locker bekleidete

Gestalten berühmter weiblicher Heiliger, geordnet gemäß

des laufenden römischen Kirchenkalenderjahres.

Dieser sogenannte Kardinal hatte ihn zu jenen sogenannten

arcadischen Gesellschaften eingeladen, im Laufe derer Parkfestlichkeiten

die damals vornehmsten Leute des Landes sich

in parfumierte Schäferkostüme warfen in der Begleitung des

stumpfsinnigen Blökens der frisch gewaschenen und sorgfältig

shampoonierten Schafe, welche sie nicht nur zu hüten,

sondern immer auch ins Trockene retten zu müssen meinten;

in den von ihren oft herkulisch geprüften Dienern täglich

gesäuberten Augiasstallarchitekturimitationen und beim

Gesang dilettierender Epigonen, derer in vergilischem Abglanz

matten Verse von der unerreichbaren Schönheit des

einfachen Lebens am Lande, kamen sie sich vor wie aus den

vergangenen Jahrtausenden zurückgebliebene, übriggelassene

Halbgötter der antiken Natur, in welcher sie das Auftauchen

der Nymphen aus dem Plätschern der Bäche jede

Sekunde erwarteten oder hilos durch die Sträucher baumelnd

den hinterhältigen Zaubern einer verborgenen Circe

sich entkommen wähnten, welche sie um ein Haar in jene

Schweine verwandelt hätte, als welche sie durchaus nicht gehütet

werden wollten, aber der chefgöttliche Stier, der sich

der unbezwinglich schönen Europa näherte und sie vielleicht

auch schon auf seine Schultern zu hieven verstanden hatte,

wird wohl kaum mehr dazu gekommen sein, mit ihr im Meer,

geschweige denn im Tiber davonzuschwimmen, sondern er

wird sich wohl bald als ein Ochse herausgestellt haben, der

auf einer Wiese über dem Feuer gespalten gedreht worden

sein dürfte.

Was Händel als lange danach verbliebene Erinnerung davon

noch gegenwärtig geblieben war, mag ihm vielleicht viel später

zur Idee seines Singspieles »Acis und Galathea« gereicht

haben, jener Geschichte von dem die Schäferin liebenden

Schäfer, der von der Schäferin geliebt wird, aber die rasende

Eifersucht eines vom brennenden Verlangen nach der Schäferin

getriebenen Polyphemen fährt dazwischen, der ob des

einträchtigen Glückes der beiden verzweifelt und eines Tages

einen Felsen auf den gerade genau unter ihm aufgestellten

Viehhüter fallen läßt, der zu Tode getroen unterm herabgestürzten

Berg begraben unterm Stein in nach wie vor fortgesetzt

gesungenem Klagen anhält, welches aus dem Felsen

eine klagende Quelle zu entspringen veranlaßt, aus der sich

ein munter weiterklagend durchs Land davonlaufender Bach

zu ergießen beginnt, dessen Wellen aber aus nichts anderem

bestehen als dem immer länger bis zum Ende der Gegend

gebreiteten Kleid der nach immer weiter singend den ihr

weggenommenen Hirten beklagenden Hirtin, die das Wasser

entlang den Wellen ihrer Kleiderschleppe folgend weitergeht,

bis sie entweder in den nächsten ihren Weg kreuzenden Fluß

oder aber ins Meer sich ergießt im Laufe der friedlich erlösenden

Mündung.

- 244 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 245 -


Während Händel die Sänger zu sich ans Cembalo rief, um

mit ihnen weiter zu proben, hatte der Tanzmeister gebeten,

mit seinen Darstellungsschülern zu üben beginnen zu dürfen,

und zierte sich in seinen folgenden Gebärden wie ein

Kammerjäger, dem eine Wanze durch die ständig herumgefuchtelten

Lappen gehen könnte, während er seinen choreographisch

unterwiesenen Darstellern vorzuführen begann

und jene nachzumachen auorderte, wie man sich ohne von

Hektik getrieben systematisch bewegt, als würde man soeben

auf ein Tafelbild hinaufgezeichnet, ruhig geordnet im

ständigen Blick den Betrachtern zugewandt, gemäß den

unumstößlichen Regeln herrschender Dramaturgie möglichst

gleichgeschaltet links und rechts zum selben Zeitpunkt

auftretend, von rechts als etwas Gutes und von links als das

Böse und in der Mitte nur, als sei man der leibhaftige Deus

ex machina, und wie man seinen Widersacher während eines

unweigerlichen Duells mit dem Dolch oder sonst einem spitzen

Gegenstand, der gerade bei der Hand, im Laufe ganz

bestimmter in welcher Lage auch immer mehr oder weniger

günstig im Zuge was für einer Bewegung und in welchem

Takt am besten ordnungsgemäß zu erstechen habe.

Hauptsächlich wollte Händel Gewißheit darüber erlangen,

ob die Sängerin kurz vorher, als er einmal seinen scharfüberwachenden

Blick von ihr abgewandt hatte, das hohe C auch

selbst gesungen oder ob schon wieder der Kastrat ihres Liebhabers

den Ton aus ihrem Hals sich gescht hatte, weil er

ihn besser zu treen verstand als sie, bis ihn das Schnarchen

des Polyphemen, der selbst sein ihm aufgemaltes Auge auf

der Stirn geschlossen hatte (aus Erschöpfung aufgrund der

täglich acht- bis zehnstündigen Proben), einem Zornkrampf

übergab, der ihn das eater zu verlassen zwang und der vielleicht

auch jenen Schlag herbeigeleitet haben mag, der später

zu Haus seinen Körper geteilt hatte.

Wieviel Musik doch in ihm eingesperrt war, die immer bedrängender

aus ihm herauswollte, aber im bewegungsunfähigen

Körper als einem immer dichter und beinah schon

bedrohlich vielstimmig verwobenen Harmonienkreislauf für

immer gefangen schien und ihn manchmal schon bedenklich

ungeordnet aus allen hörbaren Tönen gleichzeitig zusammengesetzt

durchdrang, als hätte sein Kopf zufällig das

Echo der Explosionen eines Urlauts vom Zerspritzen einer

niemandem je begreiich weit entfernten fremden Sonne

empfangen, und als hätte sich dann der Schatten des Lärmens

ihres mehrere Millionen Dämmerungsjahre langsamen

Erlöschens hinter seine Stirne verirrt. Sein Drängen, sich

endlich wieder allem zu önen und die Ordnung im inneren

Klanguniversum wieder herzustellen, ließ zwar sein Klagen

heftiger und schmerzlicher ansteigen, ließ ihn aber zugleich

immer entschlossener und stärker werden, fast ähnlich den

heißen Quellen, die aus dem Innern der Erde strömten, im

dampfenden Kreislauf des Planeten vom Herzschlag eingeschlafener

Vulkane hochgetrieben.

Von Anfang an ignorierte er die Ärzte samt deren kleinmütiger

Warnung, nicht länger als täglich drei Stunden im

Wasser zu schwitzen, sein Körper würde sonst von der mit

dem durchs Zentrum des Planeten getriebenen Wasser hoch-

geschwemmten geheimnisvollen Macht des glühenden

- 246 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 247 -


Erdmittelpunktes erdrückt. Aber mehr erdrückt, als er ohnedies

war, konnte er nicht werden, deshalb überließ er sich

ganz den ermen, vertraute sich blind deren Gewalt an,

hüllte sich derart hingegeben in den Dampf der Geysire, als

ließe er sich vom Inneren des Planeten umarmen beim Versuch,

sich den Körperkäg wegschwemmen und abstreifen zu

lassen, fast so, als wäre er unter die unerforschte Oberäche

der Welt hinabgetaucht, um sie sich in ihrer Gesamtheit als

einen heißen Umschlag umzubinden.

Neun Stunden ließ er sich täglich durchs Wasser gleiten, und

es war, als löste sich nach und nach das unsichtbare Gefängnis

von ihm, aufgebrochen in den schwefeligen Dampfwolken.

Schon nach einer Woche schleppte er sich ohne Hilfe durch

die vornehm gekachelten Hallen des Bades, da in seinen verwelkten

Arm wieder Bewegung einkehrte, und auch seine

abgeschlat hängenden Lippen begannen sich zu straen

zur Formung langsam wiedergewonnener Worte und Sätze,

die seine dankbare Verwunderung zu staunendem Leuchten

brachte, als wäre mit den wieder ausdruckverleihbaren Gefühlen

und Empndungen auch vieles, was noch nie zuvor

ihm ins Gedächtnis getaucht gewesen, hochgekommen, das

er zwar spüren, aber nicht benennen konnte.

Am letzten Tag vor der Abreise schritt er durch die Hallen des

Domes emporenaufwärts zur ihm bereits geöneten Orgel.

Zunächst begann er vorsichtig nur mit der Linken allein einige

Finger über das obere Manual gleiten zu lassen, und dann

erst führte er die Rechte, zunächst ängstlich, am unteren Manual

hinzu, und als auch deren Finger seinen Befehlen tadel-

los gehorchten und seinen Anforderungen entsprachen, ließ

er den gesamten Innenraum das steinernen Schies dankbar

aus dem vollen Werk herausrauschen und durchs Dachgestühl

uten, daß die steinernen Seitenplanken zu zittern begannen,

während er seinen zu ganz neuer unbekannter Beweglichkeit

erwachten Körper von der Orgel durch die ganze

Halle gespannt zu fühlen meinte als einen Bestandteil jenes

übermächtigen Tönens durchs Marmorschi, das berstend

vollgefüllt war von den Korridoren dieser geöneten Harmonieschleusen,

und beinahe schien dieses Kirchengebäude

sich zu bewegen, ganz locker und leicht schwankend, als wären

dem Dach des riesigen backsteingezimmerten Frachters

draußen am Turm die Segel gesetzt worden für eine beginnende

Reise die Ebenen Flanderns auswärts zur Küste über

den Kanal des Meeres, zurück ihn sofort zu befördern, mitten

hinein in die Hauptstadt der Insel.

Sofort begann er so viel wie vorher noch nie zu arbeiten, um

alles, was in verloren gelähmter Zeit versäumt werden mußte,

zu notieren, endlich auf die Oberäche der Systematik seines

Notenpapiers hinaufzubefreien, um alles, was angestaut

verblieben war, musikalisch geordnet erklingbar auszubreiten.

Um seinen vertragswidrig schon vor einer halben Ewigkeit in

Hannover sitzengelassenen fürstlichen Dienstherrn, welcher

aufgrund günstiger Verwandtschaftsverwicklungen einerseits

und der englischen königlichen weiblichen Kinderlosigkeit

andererseits einmal zum künftigen König der Insel vorgesehen

war, wieder zu versöhnen, befahl er selbst dem Fließen

der Wassermusik der emse, seinem Rhythmus und keinem

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der aufkommenden Windstöße sich unterzuordnen und deren

Wellen, genau nach seiner Pfeife tanzend, an die Uferböschung

und die Bordwände der über sie hinweggleitenden

Schie zu schlagen.

Bald aber kehrten die schlechten Zeiten wieder zu ihm zurück.

Zunächst unterbrach der Tod der Königin alle Auührungen.

Aber auch danach blieben die Zuschauer fern, durch

einen ausgebrochenen spanischen Erbfolgekrieg vom Geldmangel

überrascht oder aber übersättigt vom schnurgeraden

Ernst der ihnen in jenen Krisenwochen immer unverständlicher

gewordenen Erhabenheit seiner steifen italienischen

Opernhelden und Heldenopern, die ihnen entweder nicht

mehr fein genug waren oder zu fein geworden. Das eater

blieb leer, und so verließen ihn auch bald alle anderen und

selbstverständlich auch Ihre Impertinenzen, die sogenannten

Herren Kastraten, welche sich aus ihrem astronomischen

nanziellen, ihn ausblutenden Verdienst durch den oft nur

mangelhaften Gesang seiner Arien vielfach die kuriosesten

Paläste bauen lassen konnten, und hatten sie es vielleicht

ihm heimzahlen wollen, was ihnen im Knabenalter angetan

worden war von den unverantwortlichen Sauschneidern der

fürchterlichen, den Fortbestand der Gesangskultur zu sichern

vermeinenden Kinderchorleiter, vor deren verstümmelnder

Gewalt keine sich der Pubertät nähernde schöne Stimme sicher

sein konnte.

Aber auch seine musikalischen Einfälle samt ihrer die Sinne

verzaubernden Macht schienen ihn zu verlassen, denn alles,

was er mit steigender Verbissenheit dagegen zu komponieren

versuchte, geriet ihm nun mehr blaß zu kraftlosen Klangschattengewächsen,

bis er, auch des letzten verbliebenen Mutes

verlustig, zu schreiben aufhörte.

Warum die heißen Quellen ihn nicht bei sich behalten hätten,

und warum er einer bedenklichen Befreiung wie dieser

ausgesetzt war, fragte er sich, wenn er müde abends durch

die Öde der überfüllten Straßen, die ihm wie leergefegt vorkamen,

irrte, und welche ihm wie von den Gefühlen seines

inneren Verzweifelns aus dem eigenen Kopf auf die Dächer,

Gassen und Plätze gesunken erschienen, als habe sich seine

Einfallslosigkeit als ein grenzenloses Trauern um die Häuser

gehüllt.

Doch war es vorwiegend eine boshafte Trauer, denn die jahrelange

Lästerkonkurrenz verdiente blendend, wenn auch

zum Teil auf seine Kosten, indem man einigen seiner Werke

ihren schnurgeraden Ernst raubte und sie in satirischer Verspottung,

zu schlagkräftigen Witzen verwandelt, in die randalierende

Öentlichkeit zurückschleuderte.

Denn zu einem bedeutenden Anteil hatte er seinen Niedergang

jener Betteloper des John Gay zu verdanken, welche das

Publikum stürmte, und mit der steigenden Begeisterung der

Leute an jener schien das Interesse an Händel zu versiegen

angesichts eines eaters, in dem die adelige Hochnäsigkeit

verkommener Grafen die Verschlagenheit heruntergekommener

Gassenprostituierter ehelichte und nebenbei auch

einige seiner Melodien, klug verstümmelt zu Gassenhauern,

über die Bühne geworfen wurden mit derart bewundernswert

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hinterhältiger Aufrichtigkeit, daß selbst er daran noch einigen

kurzweiligen Gefallen zu nden vermochte.

Man habe nun endlich genug, erklärte John Gay, genug von dahergeogenen

Göttern, diesen Landstreichern der Luft, Luftstreichern

des Himmels, ausgestopften Herren, die wie auf Stelzen

über den geschnürten Boden kämen, und auch genug von den in

veredelte Wolfsfellmäntel gekleideten gütigen Schäfern und Schäferinnen,

denn nun habe sich das allgemeine Interesse zu Gunsten

der eher herkömmlichen Diebe, Landstreicher, Betrüger, Bettler,

Zuhälterinnen und Hehlerinnen verschoben, und die Sprache, in

der jene sich unterhielten, sei gar nicht minder vornehm, sondern

durchaus hösch, wenn sie sich auch nur in den zwielichtigen

Winkeln der Hinterhöfe versteckt halte.

Alles, was man in den gefeierten Opern suche, nde man hier bei

ihm ebensogut, und die gefolterten Gefangenenchöre ließen seine

Kerkermauern nicht weniger erschütternd erbarmungslos bleiben

als üblich, man könne beruhigt weiter weinen.

Gewiß werde es vom werten Publikum gar nicht gerne gesehen, wenn

dieser gerade auftauchende Mister Macheath hingerichtet werde.

Aber natürlich, erwiderte der Henker, um dem Stück zu einer

poetischen Vollendung, wie sie nur dem Meister Händel geläug

sei, zu verhelfen, werde es günstiger sein, ihn zu hängen, denn

auch die anderen Schießbudenguren dieser Geschichte seien ja

wahrscheinlich entweder gehängt oder verbrannt oder deportiert

worden, in alle Winde zerstreut.

Nur dafür daß er aus dem Gefängnis ausgebrochen, wie man sehe,

lamentierte darauf dieser durchgebrannte Windbeutelkapitän, sei

er zur sofortigen Hinrichtung verurteilt worden, Deshalb gebe

er allen den guten Rat, niemandem mehr zu trauen, auch nicht

den eigenen Leuten, nicht einmal denen, die sich einem zutiefst

anvertraut hätten, denn dann lebe man wahrscheinlich einige

Monate länger als sonst.

Und er vertraute auch nicht einmal seinen besten Freundinnen,

die den Anblick des Strickes um seinen Hals nicht ertrugen, sondern

vorgezogen hätten, mit ihm gemeinsam gehängt zu werden,

anstatt allein zurückzubleiben, sondern gab ihnen nur den gutgemeinten

Rat, sich doch besser nach Westindien verschien zu lassen,

wo ihnen bestimmt das Glück beschieden, mindestens einen,

wenn nicht zwei oder drei Ehemänner wiederzunden.

Und als dann aber mindestens vier der Frauen mit seinen unehelichen

Kindern auftauchten und womöglich auch noch mit ihm

gehängt werden, mit ihm kommen wollten, da graute ihm nur

mehr vor den vermutlich darauf bald anfallenden über-irdischen

Unterhaltskosten und kosmischen Alimentenforderungen jenseits

dieser Welt.

Durch die feucht und staubig vom Himmel herabhängenden

Finsternisfetzen ging Händel in jener Nacht zu seinem Haus

zurück, wo alles schlief. Im Zimmer überkam ihn wehmütige

Erinnerung an jene früheren Zeiten, als er von seinen

Nachtspaziergängen stets die neue Linie einer Melodie, welche

ihm aus den leisen Selbstgesprächen des Flusses von einer

vorlaut hochgesprungenen Welle ans Ufer geworfen wurde,

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oder ein paar denkwürdige Akkorde aus den Faltenwürfen

des über die Dachböden gebreiteten Nachtföhnes heim und

gleich zu Papier gebracht hatte. Aber in diesen Wochen und

Tagen hatten sich ihm auch die Atemzüge der erwachten

Nächte zu verweigern angefangen, befanden ihn nicht mehr

vertrauenswürdig genug, ihm das Geheimnis ihrer Geräusche

zur Entzierung zu überantworten. Oder lag es an ihm, seinem

Gehör, seinem Empnden, abgestumpft von der Enttäuschung

über die Schmähungen treuloser Gleichgültigkeits-

öentlichkeit?

Der Schreibtisch war leer, wie immer.

Aber da war noch was, etwas im Kerzenackern Schimmerndes,

leicht bewegt im zitternden Schwanken der Flamme

selbst seinen in langsamer Ratlosigkeit schwimmenden

Augen entgegenwinkend ersichtlich. Ein Paket, ein Brief

vom Textdichter, der ihm »Saul« und »Israel in Ägypten« zu

brauchbar zurechtgeschneiderten Versen zusammengezimmert

hatte.

»e Messiah«. Der Titel einer neu von ihm komponiert zu

werden vorgeschlagenen Textvorlage. Der wollte aus ihm

noch restlos einen Narren machen, und noch dazu war es

eines dieser für alle Musikkrankheiten und Klangharmonie-

verstimmungen so überaus anfälligen Oratorien, die auch

nicht viel weiter geführt hatten als hierher.

Aber beim Lesen der ersten Zeile umng Händel eine in

gerade seinem Zustand unerklärlich wohltuende, ihn beru-

higende Erregung, eine Unerschrockenheit breitete sich um

ihn, als wäre alles auf einmal ganz anders geworden. Er solle

sich trösten, konnte er lesen, und ganz ruhig sein, und nichts

mehr werde ihn ab nun bedrängen können oder behelligen,

denn ab diesem Punkt des Lebens sei er aufgehoben derart,

daß man ihm nichts mehr anzuhaben vermöge.

Es war, als prasselte ein trockener Klangregen in einem aufgekommenen

Harfengewitter auf das Dach seines Hauses,

nein, über alle Dächer der Stadt und aller Städte und Dörfer,

und ein Feuer schien Händel ins Zimmer gedrungen zu sein,

in dem er noch immer überm Schreibtisch gebeugt saß und

schon einen ganzen Stoß Notenblätter vollgeschrieben hatte,

und waren es das Feuer und die seinen Kopf kühlenden

Flammen eines dargebrachten Dankopfers, das er jetzt zum

Klingen brachte, oder war es schon das zu ihm voraus mitten

in die Nacht herbeigesandte Feuer eines bald schon neu

anbrechenden Tages, der das Gestrüpp der vertrockneten

Sträucher des Morgengrauens entzünden würde, das der

Osten aufgefackelt hochschwemmte aus seiner Versenkung

hinterm Rand des Ozeans?

Es war, als hätte er sich den Äther höchstpersönlich als einen

übersichtlich notenlinieng streiften Papierbogen auf den

Schreibtisch geheftet und beschriebe hastig genau das

Brechen der Tageszeitengewitter durch die Gezeiten der

Nächte hindurch.

Im Auf- und Abrufen der Chöre, die er durch die unermeßlichen

Konzertsäle aller Horizonte fegte, stürzten deren vom

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aufbrausenden Geüster der Wälder begleitete Stimmen als

Vogelschwärme durch die geöneten Katarakte des Himmels,

unterwegs auf ihrer Besiedelung der Atmosphäre, und

zerrissen die ihnen untergekommenen Wolken mit ihren

Flügelschlägen in kleine Streifen und Lappen, die weit herabhingen

in die Felder des Tieands, aufgelöst zu freundlichem

Leuchten herabgleitender Lichthageltriller.

Ein unfaßbar selbstverständliches Glücksempndungsblitzen

durchdrang Händel immer wieder, und eine Freude

durchutete den Komponisten wie heftiger Aschenregen,

der sich aus ihm erhob und auch die letzten Spuren in ihm

ausgebrannter Ruinenschatten fortströmte ins unerreichbar

tiefe Vergessen der gewissenhaft abgeklärten Lagunen seiner

Erinnerung, als wären mit seinem Wiedererwachen gemeinsam

auch bisher fremd gewesene Bereiche eines ganz neuen

Fühlens und Wissens hochgetaucht, die er spüren, aber nicht

benennen konnte, doch, benennen, klingend übertragen, und

war er allen verstecktesten Rätseln hautnah auf der Spur mit

den Tönen seiner gerade neu komponierten Musik, hörbar

deren Auösung aufklingen zu lassen, bisher Unbegreiiches,

Unaussprechliches und Undenkbares zu deutlich begreifbar

genau vernehmlichen Gestalten geformt.

Nach drei Wochen war die Arbeit beendet. Aber noch fehlte

ihm darüber ein alles nachtklängeüberspannendes weit aufwärts

die Atmosphäre hindurch gebogenes hörbares Dach,

das er mit allen erreichbaren, ganz wie zum erstenmal gesungenen

Lichtstrahlenstimmen als eine von allen Mauerseglerschwärmen

der Insel geochten zusammenklingende Kuppel

über die große Landschaft des Werkes hinwegziehen wollte,

daß es endgültig so würde, wie es sein sollte.

Am 13. April hörte man das Werk zum erstenmal in Dublin.

Seit damals brachte ihn nichts mehr aus der Fassung, obwohl

er oft noch ähnlichen Mühsalen ausgesetzt war wie davor.

Aber alle Anstrengung war ihm mühelos hinter sich werfbar,

sämtliche ihm geltende Seitenhiebe schlugen ihm nur nicht

verletzende Wunden, und durch die ihm verschlossen gebliebenen

Türen ging er einfach im Vorbeigehen.

Die Stiegenhäuser der Tage und Wochen und Jahre lagen

ganz eben ausgebreitet vor ihm auf seiner noch oftmaligen

Reise durch die buntgefärbten Luftkirchenschie im Glanz

der Jahreszeiten, begleitet vom immer noch durchsichtigen

Aufruhr der Sehnsucht seiner bewegten inneren Landschaftsbilder,

deren Ausstrahlung aber auf seine äußere

Umgebung so stark war, daß sie mehr und mehr abzufärben

begannen, bis sich seine Umwelt an die Gegenden seiner inneren

Bilder derart angepaßt hatte, daß die Bilder, die er um

sich gebreitet sah, mit den Darstellungen, die er in seinem

Innersten überschauen konnte, übereinstimmend identisch

geworden waren.

Auch als er blind geworden im hohen Alter, hörte er nicht auf

zu sehen, sondern sah mit seinem unermeßlichen Gehör und

hörte dann alles durch die Fenster seiner innersten Augen.

Waren ihm seine schwer zählbaren Werke mit dem Verstreichen

der Zeit vermutlich bald selbst nicht mehr überschaubar

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gewesen, so daß er vielleicht anng, sie nach und nach langsam

wieder so in sich zurück hineinzuvergessen, wie sie Jahrzehnte

zuvor aus ihm herausgeströmt waren, so blieb ihm

der Messiah immer gegenwärtig, begleitete ihn überallhin.

Er liebte das Werk, weil er mit ihm auch sich selbst ganz

neu geformt erschaen empfand. Deshalb wollte er damit aus

der Öentlichkeit sich verabschieden, ehe er den endgültigen

Rückzug beschloß.

Am 6. April führte man den schwerkranken 74jährigen zum

letzten Mal nach Covent Garden aufs Podium. Seine Person

war schon lange zu einer Institution geworden, bei deren Erscheinen

zwei Kerzen vorangetragen aufs Cembalo gestellt

wurden.

Er saß da wie sein ganzes Leben bis jetzt noch immer, alleingeblieben

inmitten der Menge, die er nicht sah, doch als

durch die aufkommenden Cembalogewitter die undurchdringbar

dichten Chöre der zurückkehrenden Zugvogelwolken

die Fenster des Hauses durchstießen und herbeischwammen

und schon aufgelöst im Jubel der ihm dargebrachten

orkanisch berechneten Beifallskundgebungen seine Augenlider

streiften, leuchtete sein vom unendlich oftmaligen Erwachen

müde gewordenes Gesicht durch den Saal.

Erschrocken führte man ihn zurück ins Haus, wo er sich hinlegte,

ohne sich je wieder erhoben zu haben.

Und am 13. April spürte Händel, wie der Horizont von weit

hinter der Stadt durch die Gassen wanderte und an seinem

Bett sich niederließ, während die Straße von draußen durchs

Fenster ins Zimmer stürzte und er schon über seinem eigenen

Körper zu schweben glaubte, der als ein durchsichtiges Spiegeln

von bisher noch niemals gehörten Klängen empndbar

geworden, die aus seiner Kammer, die so weit geworden war

wie eine der Ebenen des Kontinents, zurückuteten, während

der Horizont mit Händel schon hinter den Stadtrand an den

Saum des beginnenden Ozeans wieder zurückgelehnt war,

ganz weit hinter dem stehengebliebenen, in diesem Landstrich

hinter der Stadt einfach steckengebliebenen Fluß.

Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Jung und Jung

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Samstag, 15.09. | 24 Uhr

Seminarkirche Tanzenberg

Forgotten Secrets

Eine phantastische Reise durch Kulturen & Zeit

Konzert mit trigonale-

Konzert mit den

Eclipse

Layil Barr: Blocköten, Viola da gamba

Jean Kelly: Harfen

Ripton Lindsay: Tanz

Singers

in Residence

von Elisabeth Naske

Clare Wilkinson: Mezzosopran

Bjarte Eike: Violine

Andrea Pandolfo: Trompete

Paolo Pandolfo: Viola da gamba

Singers in Residence

Ida Aldrian: Mezzosopran

Hanna Herfurtner: Sopran

Jan Petryka: Tenor

Ulfried Staber: Bass

Einleitung

Wer sich zu mitternächtlicher Stunde aufmacht, um in einem

einzigartigen Raum – der Seminarkirche Tanzenberg – Musik

zu erleben, kann mit Recht mehr erwarten, als nur ein Konzert,

das ebenso gut zu einer typischen Tageszeit stattnden

könnte.

So haben sich die Künstler des heutigen Abends vorgenommen,

uns mitzunehmen auf eine Reise durch Zeit und

Kulturen, auf der wir Märchen aus aller Welt, Merulas betörend

schönem »Canzonetta Spirituale Sopra alla Nanna«,

sephardischer und mittelalterlicher Musik, Hildegard von

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Bingens Visionen, längst vergessen geglaubten Geheimnissen

und Dämonen und Kobolden begegnen werden. Durch das

behutsame Einweben unseres heurigen trigonale-Auftragswerkes

– geschrieben von der österreichischen Komponistin

Elisabeth Naske – und von zeitgenössischem Tanz sollte es

uns gelingen, die Brücke ins Hier und Jetzt zu schlagen.

An dieser Stelle ist es der trigonale ein besonderes Anliegen,

der Firma HSH – Holz die Sonne ins Haus – für ihre Unterstützung,

die weit über das normale Maß einer Sponsortätigkeit

hinausgeht, zu danken. Sie ist es auch, die das heurige

Auftragswerk mit dem Titel klima.wandel ermöglicht hat.

Elisabeth Naske, die Komponistin unseres

Auftragswerkes, studierte Violoncello

bei Heidi Litschauer am Mozarteum Salzburg

und am Konservatorium Basel in der

Konzertklasse von omas Demenga, wo sie

1987 das Konzertreifediplom erhielt.

Meisterkurse u.a. bei Frans Helmerson, Heinrich Schi,

Christoph Coin und Sándor Végh folgten.

Sie war Mitglied des Gustav Mahler Jugendorchesters unter der

Leitung von Claudio Abbado, Vaclav Neumann u.a. und wirkte

in mehreren Kammerorchestern, wie der Camerata Bern, der

Serenata Basel, und der Camerata Academica Salzburg unter

der Leitung von Sándor Végh mit. Die Kammermusik bildet

einen wichtigen Bestandteil ihres musikalischen Wirkens mit

Partnern wie omas Demenga, Heinrich Schi und omas

Zehetmair, sowie dem Pascal Trio, dessen Mitbegründerin

sie 1993 war und mit dem sie u.a. im Rahmen der Salzburger

Mozartwoche und der Schubertiade Feldkirch konzertierte.

Weiters wirkte sie in verschiedenen Barockensembles mit

und trat als Partnerin von Elisabeth von Magnus und Anthony

Spiri am Barockcello auf. Von 1998 bis 2003 nahm sie Kompositionsunterricht

bei Tristan Schulze in Wien, mit dem sie

auch gemeinsame stilübergreifende Programme als Celloduo

gestaltete. Mit der Vertonung des »Kleinen Ich-bin-Ich« von

Mira Lobe im Jahr 2001 erregte sie die Aufmerksamkeit sowohl

des Musikverlages Schott, unter dessen Vertrag sie seitdem

steht, als auch der Volksoper Wien, die sie mit einer Kinderoper

beauftragte. »Die Feuerrote Friederike« nach einem

Buch von Christine Nöstlinger wurde 2004 als Auftragswerk

der Wiener Volksoper am Dach der Wiener Staatsoper urauf-

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geführt. Weitere Opernaufträge folgten, 2007 »Die Omama

im Apfelbaum« nach einem Buch von Mira Lobe, ein Auftragswerk

der Staatsoper Wien, 2008 »Die rote Zora« nach

einem Buch von Kurt Held, im Auftrag des eaters Luzern in

Koproduktion mit dem Grand éatre du Luxembourg. Für die

Produktion »Die Glücksfee« nach einem Buch von Cornelia

Funke wurde sie Preisträgerin beim Find it Wettbewerb der

Jeunesses Musicales Österreich.

Auch mit den Vertonungen von »Sindbad der Seefahrer«

2004, »Der selbstsüchtige Riese« nach einem Märchen von

Oscar Wilde 2006, »Ouroboros, eine musikalische Schöpfungsgeschichte«

2009, »Des Kaisers neue Kleider« nach

H.C. Anderson 2009, »Mäusemärchen – Riesengeschichte«

nach einem Buch von Annegert Fuchshuber 2010, »Don Qichotte

en famille« 2011 hat sich Elisabeth Naske einen herausragenden

Namen im Bereich des Musiktheaters für Kinder

und Jugendliche in ganz Europa erworben.

Für das Jahr 2013 hat die Wiener Staatsoper neuerlich einen

Opernauftrag vergeben, die Vertonung von »Das Städtchen

Drumherum« von Mira Lobe.

Die weiteren Biografien nden Sie auf folgenden Seiten:

Layil Barr, Seite 205

Jean Kelly, Seite 206

Ripton Lindsay, Seite 208

Clare Wilkinson, Seite 175

Bjarte Eike, Seite 17

Andrea Pandolfo, Seite 270

Paolo Pandolfo, Seite 268

Ida Aldrian, Seite 115

Hanna Herfurtner, Seite 20

Jan Petryka, Seite 116

Ulfried Staber, Seite 118

- 264 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 265 -


Sonntag, 16.09. | 14 Uhr

Klosterkirche St. Veit

Time Machine

Modern Trumpet vs. ancient Viola da gamba –

Modern Viola da Gamba vs. ancient Trumpet

Konzert mit trigonale-

Paolo Pandolfo: Viola da gamba

Andrea Pandolfo: Trompete

Singers in Residence

Hanna Herfurtner: Sopran

Ida Aldrian: Mezzosopran

Jan Petryka: Tenor

Ulfried Staber: Bass

Konzert mit den

Singers

in Residence

von Elisabeth Naske

Einleitung

Die vielfältigen Erfahrungen der beiden Musiker und ein gegenseitiges

Verstehen, das ganz ohne Worte auskommt und

so nur unter Geschwistern zu nden ist, erfüllen diese einzigartige

musikalische Performance mit Leben.

Musik des Barocks, Jazz, Folks und zeitgenössische Impro-

visation begegnen einander, und auch wenn die beiden Ins-

trumente uns normalerweise so weit voneinander entfernt

scheinen wie die Jahrhunderte, die zwischen ihnen liegen –

hier nden sie auf geheimnisvolle Weise zu einem gemeinsamen

Ton, der uns völlig überrascht und dennoch überzeugend

echt klingt.

Paolo und Andrea Pandolfo wuchsen zusammen in Italien auf.

Dann ging jeder von ihnen seinen eigenen Weg: Paolo spezialisierte

sich auf Renaissance- und Barockmusik und wurde

ein weltweit gefeierter und anerkannter Virtuose auf der Viola

da gamba. Andrea hingegen spielte Jazz, Folk und Klezmer

und begann vor einigen Jahren, für eater, Fernsehen und

Film zu komponieren. Ihr erstes gemeinsames Album war

»Travel Notes« im Jahr 2004. Seitdem ist jedes ihrer Treen

ein weiterer Baustein zu ihrem gemeinsamen Musikprojekt

»Time Machine«.

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Eine weitere Begegnung steht uns bei diesem Konzert ins

Haus: Die Pandolfo-Brüder treen auf unsere Singers in Residence,

um gemeinsam die trigonale-Auftragskomposition von

Elisabeth Naske erklingen zu lassen, die im Mitternachtskonzert

vom 15. September ihre Urauührung erlebte.

Paolo Pandolfo, heute einer der

Stars der Europäischen Alte-Musik-Szene,

studierte zunächst am Konservatorium

in Rom. Bereits während dieser Zeit

begann er, sich intensiv mit Renaissance-

und Barockmusik zu befassen und gründete

zusammen mit dem Violinisten Enrico Gatti und dem

Cembalisten Rinaldo Alessandrini das Ensemble La Stravaganza.

1981 setzte er sein Studium an der Schola Cantorum

Basiliensis bei Jordi Savall fort, mit dessen Ensemble Hesperion

XX er bis 1990 auf der ganzen Welt auftrat und zahlreiche

CDs einspielte.

Seit 1990, nach seinem ersten großen solistischen Plattenerfolg

mit C.P.E. Bachs Gambensonaten, ist er Professor für

Viola da gamba an der Schola Cantorum Basiliensis. Neben

seiner Tätigkeit als Lehrer tritt er weltweit mit Stars der Alten

Musik wie Rolf Lislevand, Michael Chance, Mitzi Meyerson,

Guido Morini, Emma Kirkby und Miguel Moren auf.

Seit 1992 leitet er Labyrinto, eine Instrumentalgruppe, die

sich dem Repertoire für Gambenconsorts widmet. Seine

Konzerttätigkeit als Solist und mit Labyrinto führte ihn u.a.

nach Italien, Frankreich, Deutschland, Japan, Korea, England

und in die Vereinigten Staaten. Bei seinen Auftritten wird

Paolo von Publikum und Presse gleichermaßen gefeiert. So

wurde er im American Record Guide schon 1997 als einer der

bedeutendsten Gambisten seiner Generation genannt, für

Gramophone ist er einer der brillantesten und poetischsten

Gambisten unserer Zeit, und der Boston Globe sieht in ihm

den »Yo-Yo Ma der Gambe«.

Seine zahlreichen Aufnahmen (u.a. bei Astrée, Emi, Philips,

Erato, Harmonia Mundi) wurden mehrfach ausgezeichnet.

Mittlerweile hat er einen Exklusivvertrag mit dem Label

Glossa. Zu seinen bedeutendsten Projekten – erschienen bei

Glossa – zählen seine CD »A Solo«, die 2 Marais-CDs, »Le

Labyrinth ... et autres Histoires« und »Le Grand Ballet«, sowie

die 2000 erschienene CD mit seiner Transkription der

sechs Cello-Solo-Suiten J.S. Bachs für Viola da gamba. Im

Juli 2004 erschien »Travel Notes« mit selbstkomponierter

Musik. Darüber die FAZ: »...ein Hörfenster der Ausdrucksmöglichkeiten

dieses Instruments, dabei weit entfernt von allen

akademischen Überlegungen über historische Authentizität und

historisierenden Anwandlungen«.

Paolo ist davon überzeugt, dass die Alte Musik eine wichtige

und reiche Quelle der Inspiration für die Zukunft der

westlichen Musiktradition sein kann. Darin liegt wohl auch

begründet, dass es ihm immer wieder gelingt, in seinen Projekten

Brücken zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart

zu schlagen, da er nicht nur Raum für Improvisation

schat, sondern auch Transkriptionen und zeitgenössische

Musik integriert.

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Andrea Pandolfo, Trompeter und

Komponist, wurde in Rom geboren. Seit

1997 ist er Mitglied des Klezmer-Ensemb-

les Klezroym. Die Musiker von Klezroym

schreiben und spielen Originalmelodien,

für die sie sich von der Musik der

jüdischen Diaspora Europas und Nordafrikas inspirieren

lassen. Andrea Pandolfo war künstlerischer Leiter für Paolo

Pandolfos Album »Travel Notes« und spielte in der darauolgenden

Produktion »Travel Notes Project«.

2007 war er Mitautor und Arrangeur in Abel Ferraras Film

»Go Go Tales«. 2005 komponierte und spielte er die Musik

zu dem Dokumentarlm »In un altro paese« (Excellent cadavers)

von Marco Turco.

Die weiteren Biografien nden Sie auf folgenden Seiten:

Ida Aldrian, Seite 115

Hanna Herfurtner, Seite 20

Jan Petryka, Seite 116

Ulfried Staber, Seite 118

Elisabeth Naske, Seite 263

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Sonntag, 16.09. | 18 Uhr

Dom zu Maria Saal

Claudio Monteverdi (1567 – 1643):

Marienvesper

Otto Kargl: Musikalische Gesamtleitung

Cappella Nova Graz

Domkantorei St. Pölten

Florian Ehrlinger: Tenor

Lukas Kargl, Ulfried Staber: Bass

Mitglieder von Trinity Baroque

Christine Maria Rembeck,

Andrea Oberparleiter: Sopran

Julian Podger, Nils Giebelhausen: Tenor

Les Cornets Noirs

Frithjof Smith, Gebhard David,

Matthijs Lunenburg : Zink

Claudia Mende, Cosimo Stawiarski: Violine

Brigitte Gasser: Viola da gamba, Lirone

Matthias Spaeter : Chitarrone

Patrick Sepec : Cello

Johannes Strobl: Orgel

Henning Wiegräbe, Eckart Wiegräbe,

Joseph Bastian: Posaune

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Einleitung

Schon seit geraumer Zeit war Claudio Monteverdi (1567 –

1643) mit seiner Stellung als Kapellmeister in Mantua und

vor allem mit seinem Dienstgeber Herzog Vincenzo I. Gonzaga

unzufrieden. Als er seine verstorbene Frau 1607 in seiner

Heimatstadt Cremona beerdigte, wollte er nicht mehr nach

Mantua zurückkehren, doch trotz eines Bittgesuchs seines

Vaters beorderte ihn der Herzog zurück an seinen Hof, für

den Monteverdi unter anderem die beiden sehr erfolgreichen

Opern »L'Orfeo« (1607) und »L'Arianna« (1608) komponiert

hatte. Zu dieser Zeit dürften auch schon Teile der »Marienvesper«

entstanden sein, die unter anderem durch die festliche

Intonatio, die Monteverdi auch als Eingangs-Toccata im

»L'Orfeo« verwendet hatte und die wiederum auf der Gonzaga-Fanfare

beruhte, sowie durch die Widmung an Maria, die

Schutzheilige der Stadt, starke Bezüge zu Mantua aufweist.

Gemeinsam mit der »Missa in illo tempore« wurde die »Marienvesper«

1610 in Venedig gedruckt; beide Werke wurden

Papst Paul V. gewidmet. Den Namen erhielt das Werk nicht

nach dem am Originaldruck angegebenen Titel, sondern nach

der Bemerkung »Vespro della B[eata] Vergine da concerto,

composto sopra canti fermi«, die vor dem »Domine ad adjuvandum«

im Stimmheft des Generalbasses angebracht ist.

Mit diesen wie auch anderen Kompositionen reiste Monteverdi

im Herbst desselben Jahres nach Rom. Hier wollte er

nicht nur für seinen Sohn um eine Stelle im römischen Seminar

bitten, sondern zugleich wohl auch für sich selbst eine

Stellung erlangen. Die unterschiedlichen traditionellen wie

auch modernen Formen und Stile, der Einsatz der Instrumente

sowie die festlichen wie auch meditativen Elemente,

die Monteverdi in der »Marienvesper« aekt- und abwechslungsreich

verwendete, erscheinen wie eine musikalische

Visitenkarte, mit der der Komponist seine vielfältigen Fähigkeiten

unter Beweis stellen wollte. Eine Anstellung beim

Papst bekam Monteverdi nicht, wohl aber wurde er 1612 nach

dem Tod Herzog Vicenzos in Mantua entlassen und ging im

Jahr darauf als maestro di cappella an San Marco nach Venedig.

Hier ist auch für das Jahr 1613 eine Auührung der

»Marienvesper« belegt.

Eine Vesper ist das Stundengebet am Abend. Sie beginnt mit

der Invitation aus Psalm 69 »Deus in adjutorium« und dem

Responsorium »Domine ad adjuvandum«. Danach folgen

fünf Psalmen, die sich nach dem Anlass der Feier oder nach

dem Kirchenjahr richten. In der »Marienvesper« sind dies

»Dixit Dominus« (Psalm 109/110), »Laudate pueri« (Psalm

112/113), »Laetatus sum« (Psalm 121/122), »Nisi Dominus«

(Psalm 126/127) und »Lauda Jerusalem« (Psalm 147). Abschließend

erklingen der Hymnus »Ave maris stella« und das

»Magnicat«.

Vor und nach jedem Psalm werden normalerweise die entsprechenden

Antiphonen gesungen, die jedoch in Monteverdis

»Marienvesper« nicht aufscheinen. Vermutlich an

ihrer statt fügte Monteverdi fünf nicht liturgische Stücke

im monodisch-konzertanten Stil ein, bei denen es sich um

die auf der Titelseite des Drucks angeführten »sacris concentibus«

handeln dürfte: »Nigra sum«, »Pulchra es«, »Duo

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Seraphim«, »Audi coelum« und »Sonata sopra Sancta Maria

ora pro nobis«. Im Gegensatz zu den polyphonen Psalmen,

die größer besetzt sind, cantus rmi zur Grundlage haben

und somit auf modalen Kirchentonarten beruhen, sind diese

kleiner besetzten Concerti, abgesehen von der Sonata, frei

komponiert, virtuoser und verweisen bereits auf die Funktionsharmonik

des beginnenden Barockzeitalters. Nicht zuletzt

deshalb gilt die »Marienvesper« als »das früheste der

wirklich bedeutsamen großen Werke abendländischer Kirchenmusik«

(Helmuth Rilling). Und über den Komponisten,

der als Begründer der nuove musiche, der neuen, um 1600

entstehenden Tonsprache, bezeichnet wird, sagte sein späterer

Kollege Domenico Guaccero: »Monteverdi stellte die Zukunft

vor, sein Werk […] ist sozusagen der Topf, in dem die ganze

moderne Musik gekocht ward – mit ihrer Humanität und mit

ihren Widersprüchen.«

Eva Maria Hois

- 276 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 277 -


Texte

Intonatio

Deus in adiutorium meum intende!

Responsorium

Domine ad adiuvandum me festina.

Gloria Patri et Filio et Spiritui Sancto.

Sicut erat in principio et nunc et semper

et in saecula saeculorum.

Amen.

Alleluia.

Psalmus 109 (110)

Dixit Dominus Domino meo:

Sede a dextris meis:

Donec ponam inimicos tuos

scabellum pedum tuorum.

Virgam virtutis tuae

emittet Dominus ex Sion:

Dominare in medio inimicorum tuorum.

Tecum principium in die virtutis tuae

in splendoribus sanctorum:

Ex utero ante luciferum

genui te.

Iuravit Dominus,

et non poenitebit eum:

Tu es sacerdos in aeternum

Intonation

Gott, komm mir zu Hilfe!

Responsorium

Herr, eile, mir zu helfen.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne und dem Heiligen Geiste.

Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

Alleluja.

Psalm 109 (110)

So sprach der Herr zu meinem Herrn:

Setze dich zu meiner Rechten,

bis ich dir deine Feinde

als Schemel unter deine Füße lege.

Weit sendet der Herr das Zeichen

deiner Macht über Zion hinaus!

Herrsche inmitten deiner Feinde.

Das Königtum ist bei dir am Tage

deines Sieges in heiligem Glanze.

Wie den Tau vor dem Morgenstern

habe ich dich gezeugt.

Geschworen hat es der Herr,

und es wird ihn nicht reuen:

Du bist Priester in alle Ewigkeit

- 278 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 279 -


secundum ordinem Melchisedech.

Dominus a dextris tuis confregit

in die irae suae reges.

Judicabit in nationibus,

implebit ruinas:

Conquassabit capita in terrae multorum.

De torrente in via bibet:

Propterea exaltabit caput.

Gloria Patri et Filio ...

Concerto

Nigra sum, sed formosa,

liae Jerusalem.

Ideo dilexit me rex

et introduxit me in cubiculum suum

et dixit mihi:

Surge, amica mea, et veni.

Iam hiems transiit,

imber abiit et recessit,

ores apparuerunt in terra nostra.

Tempus putationis advenit.

nach der Ordnung des Melchisedech.

Der Herr zu deiner Rechten zerschmettert

die Könige am Tage seines Zorns.

Die Völker wird er richten,

die Toten aufhäufen,

in allen Landen die Schädel zerschlagen.

Vom Wildbach am Wege wird er trinken

und darum sein Haupt erheben.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne ...

Concerto

Ich bin schwarz und dennoch schön,

ihr Töchter Jerusalems.

Darum hat mich der König auserwählt,

mich in sein Schlafgemach geführt

und zu mir gesagt:

Erhebe dich, meine Freundin, und komm.

Der Winter ist bereits vergangen,

der Regen vorbei und versiegt,

die Blumen sprießen auf unserer Erde.

Es wird Zeit, die Bäume zu beschneiden.

(Das Hohelied 1,5 und 2,10–12)

- 280 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 281 -


Psalmus 112 (113)

Laudate, pueri, Dominum,

laudate nomen Domini.

Sit nomen Domini benedictum,

ex hoc nunc et usque in saeculum.

A solis ortu usque ad occasum

laudabile nomen Domini.

Excelsus super omnes gentes Dominus,

et super coelos gloria eius.

Quis sicut Dominus Deus noster,

qui in altis habitat, et humilia respicit

in coelo et in terra?

Suscitans a terra inopem,

et de stercore erigens pauperem,

ut collocet eum cum principibus,

cum principibus populi sui.

Qui habitare facit sterilem in domo,

matrem liorum laetantem.

Gloria Patri et Filio ...

Concerto

Pulchra es, amica mea,

suavis et decora sicut Jerusalem,

terribilis ut castrorum acies ordinata.

Averte oculus tuos a me,

quia ipsi me avolare fecerunt.

Psalm 112 (113)

Lobet den Herrn, ihr Kinder Gottes,

lobt den Namen des Herrn.

Der Name des Herrn sei gepriesen,

jetzt und in alle Ewigkeit.

Vom Aufgang der Sonne bis zum Untergang

sei der Name des Herrn gepriesen.

Hoch über allen Völkern ist der Herr erhaben,

seine Herrlichkeit ist über den Himmeln.

Wer ist wie der Herr, unser Gott,

der in der Höhe wohnt und auch das Geringe im Himmel

und auf Erden sieht?

Den Ohnmächtigen richtet er auf,

den Armen hebt er aus dem Staub,

um ihn neben die Mächtigen zu setzen,

neben die Edlen seines Volkes.

Er lässt die Unfruchtbare im Hause leben,

als glückliche Mutter inmitten ihrer Kinder.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne ...

Concerto

Schön bist du, meine Freundin,

lieblich und anmutig wie Jerusalem,

erschreckend, einer vor dem Lager

aufgestellten Schlachtordnung gleich.

Wende deine Augen von mir,

denn sie zwangen mich, vor dir zu iehen.

(Das Hohelied 6,4–5 und 10)

- 282 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 283 -


Psalmus 121 (122)

Laetatus sum in his,

quae dicta sunt mihi:

in domum Domini ibimus.

Stantes erant pedes nostri

in atriis tuis,

Jerusalem, Jerusalem,

quae aedicatur ut civitas:

cuius participio eius in idipsum.

Illuc enim ascenderunt tribus,

tribus Domini:

testimonium Israel

ad contendum nomini Domini,

quia illic sederunt sedes in iudicio,

sedes super domum David.

Rogate quae ad pacem sunt Jerusalem;

et abundantia

diligentibus te.

Fiat pax in virtute tua,

et abundantia in turris tuis.

Propter fratres meos et proximos meos,

loquebar pacem de te.

Propter domum Domini

Dei nostri,

quaesivi bona tibi.

Gloria Patri et Filio ...

Psalm 121 (122)

Voll Freude bin ich über die,

die mir sagten:

Wir werden in das Haus des Herrn gehen.

So stehen unsere Füße

in den Vorhöfen deiner Paläste,

Jerusalem, Jerusalem,

das man als eine Stadt erbaut hat,

in der man zusammenkommen soll.

Hierher wanderten nämlich die Stämme,

die Stämme des Herrn,

um, wie das Gesetz Israel beehlt,

dort den Namen des Herrn zu feiern;

stehen hier doch die Sitze zum Gericht,

die ronsitze für das Geschlecht Davids.

Erbittet, was Jerusalem Frieden schenkt.

Möge es allen Überuss schenken,

die dich lieben!

Friede sei innerhalb deiner Mauern

und Reichtum sei in deinen Palästen!

Um meiner Brüder und Freunde willen

rufe ich: Friede sei mit dir!

Um des Hauses des Herrn,

unseres Gottes, willen

erehe ich das Heil für dich.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne ...

- 284 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 285 -


Concerto

Duo Seraphim clamabant alter ad alterum:

Sanctus Dominus Deus Sabaoth.

Plena est omnis terra gloria eius.

Tres sunt, qui testimonium dant in coelo:

Pater, verbum et Spiritus Sanctus.

Et hi tres unum sunt.

Sanctus Dominus Deus Sabaoth.

Plena est omnis terra gloria eius.

Psalmus 126 (127)

Nisi Dominus aedicaverit domum,

in vanum laboraverunt

qui aedicant eam.

Nisi Dominus custodierit civitatem,

frustra vigilat qui custodit eam.

Vanum est vobis

ante lucem surgere;

surgite postquam sederitis,

qui manducatis panem doloris.

Cum dederit dilectis suis somnum.

Ecce, haereditas Domini lii,

merces, fructus ventris.

Sicut sagittae in manu potentis,

ita lii excussorum.

Beatus vir, qui implevit

desiderium suum ex ipsis,

non confundetur

Concerto

Zwei Seraphim riefen einander zu:

Heilig ist Gott, der Herr Zebaoth.

Alle Lande sind voll seines Ruhmes.

Drei sind, die Zeugnis geben im Himmel:

Vater, Wort und Heiliger Geist.

Und diese drei sind eins.

Heilig ist Gott, der Herr Zebaoth.

Alle Lande sind voll seines Ruhmes.

(Jesaja 6,2–3 und Johannes 5,7–8)

Psalm 126 (127)

Wenn der Herr nicht das Haus baut,

so arbeiten alle umsonst,

die daran bauen.

Behütet der Herr nicht die Stadt,

wacht vergebens, der sie behütet.

Vergeblich erhebt ihr euch

vor Tagesanbruch,

um hernach umso länger aufzusitzen,

ihr, die ihr das Brot mit Sorgen esst;

denn denjenigen, die er liebt, gibt er es im Schlafe.

Siehe, Kinder sind eine Gabe des Herrn,

und die Leibesfrucht ist ein Geschenk.

Wie Pfeile in der Faust des Mächtigen,

so sind die Söhne der Jugendkraft.

Wohl dem Manne, der sein Verlangen

nach ihnen gestillt hat;

denn er wird nicht zuschanden,

- 286 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 287 -


cum loquetur

inimicis suis in porta.

Gloria Patri et Filio ...

Concerto

Audi coelum, verba mea,

plena desiderio

et perfusa gaudio.

… audio.

Dic, quaeso, mihi:

qua est ista,

quae consurgens ut aurora rutilat,

ut benedicam?

… dicam.

Dic nam ista pulchra ut luna,

electa ut sol,

replet laetitia terras,

coelos, maria.

… Maria.

Maria virgo illa dulcis,

praedicta de propheta Ezechiel,

porta orientalis?

… talis.

Illa sacra et felix porta,

per quam mors fuit expulsa,

introduxit autem vita?

… ita.

Quae semper tutum est medium

inter homines et Deum,

wenn er sich mit seinen Feinden

am Tore auseinandersetzt.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne ...

Concerto

Höre, o Himmel, meine Worte,

die voll Verlangen sind

und vor Freude überströmen.

Ich höre.

Sage mir, ich ehe dich an,

wer ist sie,

die leuchtend wie die Morgenröte aufgeht,

damit ich sie preise?

Ich werde es sagen.

Sprich, ist sie doch schön wie der Mond,

erlesen wie die Sonne,

erfüllt mit Freude den Erdkreis,

die Himmel und die Meere.

Maria.

Die Jungfrau Maria, jene liebliche,

geweissagt vom Propheten Ezechiel,

die Pforte des Ostens?

So ist sie.

Sie, die heilige, die gesegnete Pforte,

durch die der Tod vertrieben,

das Leben aber hereingeführt wurde?

So ist es.

Die immer sichere Vermittlerin

zwischen den Menschen und Gott,

- 288 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 289 -


pro culpis remedium?

… medium.

Omnes hanc ergo sequamur,

qua cum gratia mereamur

vitam aeternam. Consequamur!

… sequamur.

Praestet nobis Deus,

pater hoc et lius et mater

praestet nobis.

Pater hoc et lius et mater,

cuius nomen invocamus

dulce miseris solamen.

… amen.

Benedicta es, virgo Maria,

in saeculorum saecula.

Psalmus 147

Lauda, Jerusalem, Dominum,

lauda Deum tuum, Sion.

Quoniam confortavit

seras portarum tuarum:

benedixit liis tuis in te.

Qui posuit nes tuos pacem

et adipe frumenti satiat te.

Qui emittet eloquium suum terrae:

Velociter currit sermo eius.

Qui dat nivem sicut lanam,

nebulam sicut cinerem spargit.

Mittit crystallum suam sicut buccellas.

das Heilmittel für unsere Schuld?

Die Vermittlerin.

Dann lasset uns alle ihr folgen,

durch deren Gnade wir

das ewige Leben erringen. Folgen wir ihr!

Wir folgen ihr.

Dazu helfe uns Gott,

der Vater, der Sohn und die Mutter

mögen uns helfen.

Vater, Sohn und Mutter,

deren Namen wir anrufen,

süßer Trost für uns Elende.

Amen.

Gesegnet seiest du, Jungfrau Maria,

von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Psalm 147

Lobe, Jerusalem, den Herrn,

lobe deinen Gott, o Zion.

Denn er hat die Riegel

deiner Tore befestigt:

Er segnet deine Kinder in dir.

Er schat deinen Grenzen Frieden

und sättigt dich mit bestem Getreide.

Er richtet sein Wort an den Erdkreis,

schnell wie der Blitz eilt sein Gebot.

Er schüttet Schnee aus, weiß wie Wolle,

Nebel, grau wie Asche, breitet er aus.

Er schleudert den Hagel wie Steine.

- 290 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 291 -


Ante faciem frigoris eius quis sustinebit?

Emittet verbum suum

et liquefaciet ea,

abit spiritus eius

et uent aquae.

Qui annuntiat verbum suum Jacob,

iustitias et iudicia sua Israel.

Non fecit taliter omni nationi,

et iudicia sua non manifestavit eis.

Gloria Patri et Filio ...

Sonata sopra Sancta Maria

Sancta Maria, ora pro nobis.

Hymnus

Ave maris stella,

Dei Mater alma

atque semper virgo,

felix coeli porta.

Sumens illud Ave

Gabrielis ore.

Funda nos in pace,

mutans Evae nomen.

Solve vincla reis,

profer lumen caecis,

Wer kann seiner Kälte widerstehen?

Doch er spricht sein Wort

und lässt schmelzen Hagel und Schnee,

er lässt den Tauwind wehen,

und schon ießen die Gewässer.

Er verkündet Jakob sein Wort,

Israel sein Recht und sein Gesetz.

So hat er an keinem anderen Volk getan

und ihnen seine Gebote oenbart.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne ...

Sonata sopra Sancta Maria

Heilige Maria, bitte für uns.

Hymnus

Sei gegrüßt, du Stern des Meeres,

gütige Mutter Gottes

und immer Jungfrau,

selige Pforte des Himmels.

Aus Gabriels Mund hast du

den Gruß vernommen.

Gib uns Frieden,

wende Evas Namen.

Löse die Sünder aus ihren Fesseln,

erleuchte die Blinden,

- 292 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 293 -


mala nostra pelle,

bona cuncta posce.

Monstra te esse matrem,

sumat per te preces,

qui pro nobis natus,

tulit esse tuus.

Virgo singularis,

inter omnes mitis.

Nos culpis solutos,

mites fac et castos.

Vitam praesta puram,

iter para tutum,

ut videntes Jesum

semper collaetemur.

Sit laus Deo Patri,

summo Christo decus,

Spiritui Sancto

tribus honor unus.

Amen.

Magnificat

Magnicat anima mea Dominum

et exultavit spiritus meus

in Deo salutari meo.

vertreibe unsere Gebrechen,

erwirke für uns alles Gute.

Erweise dich als unsere Mutter,

durch dich empfange unser Gebet,

der um unseretwillen

dein Sohn wurde.

Auserkorene Jungfrau,

freundlich vor allen.

Erlöse uns von allen Sünden,

mach uns friedfertig und keusch.

Schenke uns ein reines Leben,

beschütze unseren Weg,

damit wir einst Jesus sehen

und uns allezeit freuen.

Lob sei Gott, dem Vater,

Ehre sei Christus, dem Allerhöchsten,

und dem Heiligen Geist,

Lob und Preis sei allen dreien.

Amen.

Magnificat

Meine Seele erhebt den Herrn,

und mein Geist freut sich

in Gott, meinem Heiland.

- 294 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 295 -


Quia respexit humilitatem

ancillae suae.

Ecce enim ex hoc beatam

me dicent omnes generationes.

Quia fecit mihi magna

qui potens est

et sanctum nomen eius.

Et misericordia eius a progenie in

progenies timentibus eum.

Fecit potentiam in brachio suo,

dispersit superbos mente cordis sui.

Deposuit potentes de sede,

et exaltavit humiles.

Esurientes implevit bonis

et divites dimisit inanes.

Suscepit Israel puerum suum,

recordatus misericordiae suae.

Sicut locutus est ad patres nostros,

Abraham et semini eius in saecula.

Gloria Patri et Filio

et Spiritui Sancto.

Denn er hat die Niedrigkeit

seiner Magd angesehen.

Siehe, von nun an werden mich selig

preisen alle Kinder und Kindeskinder.

Denn er hat große Dinge an mir getan,

der da mächtig ist

und dessen Name heilig ist.

Und seine Barmherzigkeit währet für und für

bei denen, die ihn fürchten.

Er übt Gewalt mit seinem Arm

und treibt die auseinander, die Hoart in ihrem Herzen tragen.

Er stößt die Gewaltigen vom ron

und erhebt die Niedrigen.

Die Hungrigen füllt er mit Gütern

und lässt die Reichen leer.

Er gedenkt der Barmherzigkeit

und hilft seinem Diener Israel auf.

Wie er geredet hat zu unseren Vätern,

zu Abraham und seinem Samen ewiglich.

Ehre sei dem Vater und dem Sohne

und dem Heiligen Geiste.

- 296 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 297 -


Sicut erat in principio et nunc et semper

et in saecula saeculorum.

Amen.

Wie es war im Anfang, jetzt und immerdar

und von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Amen.

- 298 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 299 -


Otto Kargl, geboren 1957 in der

Gaal bei Seckau, studierte von 1977 bis

1984 an der Hochschule für Musik und

darstellende Kunst in Graz Kirchenmusik,

Konzertfach Orgel und Instrumentalpädagogik.

Er schloss sein Studium mit

Auszeichnung und einem Würdigungspreis des Bundesmi-

nisteriums für Wissenschaft und Forschung ab.

Zwischen 1990 und 1993 besuchte er Interpretations-Seminare

der Bachakademie und des Europäischen Musikfestes

in Stuttgart, wo er entscheidende Impulse hinsichtlich dirigiertechnischer

Aspekte von John Eliot Gardiner beziehungsweise

wissenschaftlicher Kompetenz von Peter Gülke erhielt,

vor allem aber die theologisch-spirituellen Dimensionen der

Geistlichen Musik durch Helmut Rilling erfuhr. Angeregt

wurde er auch in Kursen von Josef Mertin (Alte Musik) und

Godehard Joppich (Gregorianik).

1983 gründete Kargl gemeinsam mit Studienkollegen die cappella

nova graz, die 1993 Preisträger beim EBU-Wettbewerb

war und 1997 den Ferdinand Grossmann-Preis für vorbildliche

Interpretation zeitgenössischer Musik erhielt. Von 1984

bis 1992 war Kargl Regionalkantor der Diözese St. Pölten, seit

1992 ist er Domkapellmeister an der Kathedralkirche zu St.

Pölten, wo er die Domkantorei gründete und am Konservatorium

für Kirchenmusik Gregorianik, Chordirigieren und

Chorsingen unterrichtet. Kargl ist seit 1992 künstlerischer

Leiter des Festivals Musica Sacra in Niederösterreich. 2004

erhielt er den Förderpreis der Landeshauptstadt St. Pölten für

Wissenschaft und Kunst.

Kargls Repertoire reicht von der Gregorianik bis zu Werken

des 20. und 21. Jahrhunderts, er leitete unter anderem die

Urauührungen von Bruno Strobls »Vesper« (1992), Christoph

Czechs Kantate »B.A.C.H.« (1996) und omas Daniel Schlees

»Der Baum des Heils« (1993), »Dann steht der Mandelbaum

in Blüte« (1995), »... und ich sah« (2003) sowie Franz Danksagmüllers

»Passio« (2001). Er ist Jurymitglied bei Kompositions-

und Chorwettbewerben sowie Leiter von Werkwochen

für Kirchenmusik in Salzburg und Brixen.

2001 folgte er einer Einladung zum Festival für Alte Musik

nach Finnland, wo er mit großem Erfolg ein deutsches Barockprogramm

mit dem Rundfunkchor Helsinki erarbeitete,

das im nnischen Rundfunk direkt übertragen wurde. Nach

Presseberichten war mit dem Chor »ein Wunder geschehen.

Niemals ist der Klang so warm und hell gewesen, niemals hat das

Ensemble so miteinander gelebt.«

Mit den Ensembles der Dommusik und der cappella nova graz

machte Kargl zahlreiche Rundfunkaufnahmen und CD-

Produktionen, unter anderem in der Edition für Alte Musik

des ORF.

Die Domkantorei St. Pölten wurde 1992 von Domkapellmeister

Otto Kargl gegründet. Es handelt sich um ein

Spezialensemble, das unter besonderer Bedachtnahme auf

Stilsicherheit, Stimmhomogenität, Präzision und Intonation

– auch in historischen Stimmungen – geführt wird und

sich längst einen Spitzenplatz in der heimischen Chorszene

ersungen hat.

- 300 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 301 -


Die rund zwanzig Mitglieder beschäftigen sich vorwiegend

mit Musik bis 1800 sowie mit zeitgenössischer Chorliteratur.

Neben dem liturgischen Dienst an der Kathedralkirche zu

St. Pölten kommt das Ensemble einer regen Konzerttätigkeit

nach.

Zum Repertoire zählen die A-cappella-Literatur des 16. sowie

die Kirchenmusik des 17. Jahrhunderts. Mit dem Ensemble

Private Musicke musizierte die Domkantorei Werke

wie beispielsweise die »Musicalischen Exequien« von Heinrich

Schütz und »Membra Jesu nostri« von Dietrich Buxtehude.

Weitere Höhepunkte bilden auch Urauührungen zeitgenössischer

Komponisten wie Christoph Czech und Michael

Radulescu sowie Rundfunk- und CD-Aufnahmen in Zusammenarbeit

mit dem ORF. Die Interpretationen alter, aber

auch zeitgenössischer Kirchenmusik wecken stets aufs Neue

das Interesse der Musikwelt.

Gemeinsam mit der cappella nova graz, dem Barockorchester

Solamente Naturali Bratislava und dem L'Orfeo Barockorchester

werden seit Ende der 1990er Jahre große kirchenmusikalische

Chor-Orchesterwerke erarbeitet, darunter Johann

Sebastian Bachs »Johannes-« und »Matthäuspassion« sowie

die »Messe in h-Moll«, Georg Friedrich Händels »Messiah«,

»Alexander's Feast«, »Joshua«, »Solomon« und »Israel in

Egypt«, Joseph Haydns »Schöpfung« sowie »Requiem« und

»Messe in c-Moll« von Wolfgang Amadeus Mozart. Viele dieser

Konzerte wurden vom ORF aufgenommen. In der kommenden

Saison stehen Bachs »Weihnachtsoratorium« und

Anton Bruckners »Messe in e-Moll« auf dem Programm.

Die Hauptintention der Cappella Nova Graz, gegründet

1983, ist die Auseinandersetzung mit der musikalischen

Sprache verschiedener Komponisten, um höchste Klangintensität

und Aussagekraft in der Interpretation zu erreichen.

Bewusst stellt der künstlerische Leiter Otto Kargl immer

wieder geistliche Musik bis 1800 zeitgenössischen Werken

gegenüber.

Das Ensemble war Gast bei renommierten Musikfestivals

wie den Eggenberger Schlosskonzerten in Graz, der Musica Sacra

Linz, den Oberösterreichischen Stiftskonzerten, dem Aschermittwoch

der Künstler in der Wiener Michaelerkirche, dem Festival

Musica Sacra in St. Pölten, der Brixner Initiative Musik

und Kirche, den Internationalen Barocktagen Stift Melk, dem

Attergauer Kultursommer, den Abendmusiken in Graz-Mariahilf

sowie dem Carinthischen Sommer.

Durch seine konsequente und kompromisslose musikalische

Arbeit ist das Ensemble schon seit einigen Jahren ein Begri

für »erstklassige Vokalkultur« (Neue Zeit). 1993 war die cappella

nova graz Preisträger beim Chorwettbewerb der Union

europäischer Rundfunkanstalten (EBU), 1997 wurde ihr der

Ferdinand Grossmann Preis zuerkannt. Für die Auührung

von omas Daniel Schlees Oratorium »und ich sah« erhielt

das Ensemble 2005 bei einem Kultur-Ranking der Tageszeitung

Die Presse Gold.

- 302 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 303 -


Florian Ehrlinger, geboren in Oberösterreich,

begann bereits in frühen Jahren

seinen musikalischen Werdegang. So war

er als Knabensolist, in der Titelrolle des

Musicals »Oliver Twist« von Lionel Bart,

am Linzer Landestheater zu sehen.

Es folgte ein Gesangsstudium bei Andreas Lebeda sowie bei

KS Adele Haas und Prof. Annamaria Rott an der Universität

für Musik und darstellende Kunst Wien. Weiters absolvierte er

den Operettenlehrgang am Konservatorium Wien bei Wolfgang

Dosch. Bei Auftritten arbeitete er unter anderem mit

dem Bach Consort Wien, dem Concerto Stella Matutina, dem

Ensemble Leopoldina oder der capella incognita zusammen.

Konzerte im Rahmen eines Symposiums bei Wien modern,

beim Konzert der Freunde der Wiener Staatsoper im Herbert v.

Karajan Centrum, bei einem Operettenabend im Konzerthaus

Wien, beim Liszt Festival in Raiding, bei den Tiroler Festspielen

Erl oder auch beim Kammermusikfest in Lockenhaus

runden sein breit gefächertes Repertoire ab. Er ist Mitglied

zahlreicher Spezialensembles, wie dem Vokalquartett 4sam,

der Company of music oder dem Origen-Ensemble. Bei Liederabenden

in der Schweiz, Italien oder Deutschland stellte er

sein Können unter Beweis. Zu seiner Bühnenerfahrung zählen

unter anderem Partien vom Buo bis zum Charaktertenorfach.

Zuletzt verkörperte er zum Beispiel den Oronte in

Händels Barockoper »Alcina«, den Pappacoda in der »Nacht

in Venedig«, den Alfred in »e little Sweep« von Benjamin

Britten, den Don Basilio in »Figaros Hochzeit«, den Casscada

und den Raul de St. Brioche in der »Lustigen Witwe« oder die

Knusperhexe in E. Humperdincks »Hänsel und Gretel«. Neben

seinem künstlerischen Schaen wirkt er als Gesangspädagoge

in Wien und unterrichtet regelmäßig bei Gesangskursen.

Lukas Kargl, Bariton, wurde in der

Steiermark geboren und begann sein

Gesangsstudium an der Universität für

Musik und darstellende Kunst Wien und

schloss 2008 mit dem »Master of Music«

im Opernkurs der GSMD (Guildhall

School of Music and Drama) bei Rudolph Piernay in London

ab. Er besuchte Meisterkurse von Helmut Deutsch, Christian

Gerhaher, Graham Johnson, Martin Katz, Emma Kirkby und

John Tomlinson.

Lukas ist »Samling Scholar« und »Britten-Pears Young Artist«,

erhielt den Youngsters of Art-Hauptpreis der Stadt St.

Pölten und wurde mit dem Patrick Libby-Preis der GSMD

ausgezeichnet. 2007 war er Seminalist beim Internationalen

Wettbewerb für Liedkunst der Hugo-Wolf-Akademie in Stuttgart

und 2008 Seminalist beim Wettbewerb Das Lied in Berlin.

2009 debütierte Lukas Kargl mit der Rolle des Phoebus in

Purcells »Fairy Queen« unter William Christie beim Glyndebourne

Opernfestival und bei den BBC Proms.

Auf der Opernbühne sang er die Titelrolle (Mozart, »Don

Giovanni«) mit La Fabrique Opera in Grenoble, Guglielmo

(Mozart, »Cosí fan tutte«) mit Clonter Opera, Polyphemus

(Händel, »Acis and Galatea«) mit New European Opera, Dancaïro

(Bizet, »Carmen«) bei den Schlossfestspielen Zwingenberg,

Sam (Bernstein, »Trouble in Tahiti«) im Wiener Musikverein,

Badger/Priest (Janacek, »Cunning Little Vixen«) und Lorenzo

- 304 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 305 -


(Bellini, »I Capuleti e i Montecchi«) im Schlosstheater Schönbrunn;

Papageno (Mozart, »Die Zauberöte«), Graf (Strauss,

»Capriccio«), Bobinet (Oenbach, »La vie parisienne«) und Don

Parmenione (Rossini, »L'occasione fa il ladro«) an der GSMD;

Als Lied und Konzertsänger war er in der Barbican Hall, St.

John's Smith Square und Cadogan Hall in London, beim Oxford

Liederfestival, beim Aldeburgh Oster Festival, in L'Abbaye

de Fontevraud, im Wiener Musikverein, im Festspielhaus St. Pölten,

im Linzer Brucknerhaus, im Orlandosaal in München, bei

den Mozartwochen in Bratislava und beim Skupina Festival in

Postojna zu hören.

Ulfried Staber wurde in Fohnsdorf in

der Steiermark geboren. In der örtlichen

Musikschule erhielt er seine erste musikalische

Ausbildung auf der Violine und

am Klavier. 1995 begann er an der Universität

für Musik und darstellende Kunst

Graz das Lehramtsstudium für Musik. Im Rahmen dieses

Studiums bekam er erstmals Gesangsunterricht bei Elisabeth

Batrice und begann 1998 ein Gesangspädagogikstudium bei

Martin Klietmann, das er im Juni 2005 mit ausgezeichnetem

Erfolg abschloss. Während seines Studiums entdeckte er

die Liebe zur Chormusik. Er war Mitglied der Domkantorei

Graz, cantus, cappella nova und anderen Chören und Ensembles

mit denen er in ganz Europa und Asien viele Konzerte bei

verschiedensten Festivals bestreiten durfte.

Seine solistische Konzerttätigkeit erstreckt sich auf ganz Österreich,

Italien und Deutschland, wo er u.a. die Oratorien

sowie zahlreiche Kantaten von Bach, »Die Schöpfung« von

Haydn oder die »Marienvesper« von Monteverdi sang.

Auftritte im Rahmen zahlreicher Festivals, u.a. styriarte, Carinthischer

Sommer, trigonale, Feste musicale per S.Rocco/Venedig,

la strada, Psalm 2003, Ecchi Lontani Cagliari.

Er ist Mitglied des Renaissance-Vokalensembles Cinquecento,

das sich mit der Vokalpolyphonie des 16. Jh. beschäftigt

(zahlreiche preisgekrönte CD-Erscheinungen bei hyperion),

sowie des Männerquartetts schnittpunktvokal, welches seinen

Bogen vom Kärntnerlied über Auftragskompositionen bis hin

zur Zusammenarbeit mit dem Saxophonisten Wolfgang Puschnig

spannt (Pasticciopreis Jänner 2007, Hans Koller Preis 2007

mit W. Puschnig). Er arbeitet immer wieder mit verschiedenen

Ensembles wie Weserrenaissance (M. Cordes), dem Clemencic

Consort, dem Huelgas Ensemble (P. van Nevel) oder dem Balthasar

Neumann Chor (. Hengelbrock) zusammen.

Christine Maria Rembeck ist in

Bayern geboren und aufgewachsen und

erhielt schon als Kind eine vielseitige

musische und musikalische Ausbildung

in Tanz, Gesang, Klavier und Blocköte.

Nach dem Abitur folgte ein Studium im

Fach »Rhythmik« (Musik- und Bewegungserziehung) an der

Musikhochschule in Wien. Die intensive Beschäftigung mit

freier Improvisation sowie mit instrumentaler Lied- und Bewegungsbegleitung

zählten zu den Studienschwerpunkten.

Zeitgleich studierte sie Blocköte, die ihre Begeisterung für

die Literatur des Früh- und Hochbarock entfachte.

- 306 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 307 -


Ihrer großen Liebe – dem Gesang – folgend, absolvierte Christine

Maria Rembeck ein Gesangsstudium mit dem Schwerpunkt

»Musik des 17./18. Jahrhunderts« an der Musikhochschule

in Leipzig. Es folgten Meisterkurse und weitere

Studien in London bei Jessica Cash, in Paris am Conservatoire

Supérieur National und in Dresden bei Karin Mitzscherling.

Als freischaende Sängerin ist CMR heute eine gefragte Sopranistin

für die Musik der Renaissance, des (Früh-)Barocks

und der Frühklassik. Ihr künstlerisches Schaen zeigt sich

in der Zusammenarbeit mit international renommierten En-

sembles, in zahlreichen CD- und Rundfunkaufnahmen so-

wie auch in Solokonzerten, in denen sie sich selbst am Klavier

begleitet und mit eigenen Lied-Arrangements und Kompositionen

präsentiert.

Andrea Oberparleiter, die Südtiroler

Sopranistin, wuchs in einer Familie

auf, in der das Singen und Musizieren in

vielfältiger Weise gepegt wurde. Neben

Kirchenmusik und mehrstimmigem

Volkslied gehörten auch Gospel und Jazz

zum Repertoire.

Nach der Matura ergri sie zunächst einen kaufmännischen

Beruf, entschied sich dann aber für ein klassisches Gesangspädagogikstudium

mit Schwerpunktfach Jazz- und Popularmusik

bei Prof. Karlheinz Hanser, BA Martin Senfter und

Stephan Costa am Mozarteum Salzburg.

Nach ihrem Abschluss mit Auszeichnung 2008 folgte das

Diplomstudium Lied/Oratorium bei Mag. Sébastièn Soules

am Tiroler Landeskonservatorium, welches sie 2011 ebenfalls

mit Auszeichnung abschloss.

Meisterkurse bei Prof. Kurt Widmer und KS Brigitte Fassbaender

rundeten ihre Ausbildung ab.

2009 begann sie zusätzlich zum Gesangsstudium ein Diplom-

studium in Komposition und Musiktheorie bei Prof. Franz

Baur am Tiroler Landeskonservatorium. Einige ihrer Kompositionen

wurden bereits im Rahmen von Rundfunkaufzeichnungen

aufgeführt (z.B. Mini-A-Touren).

Neben ihrer solistischen Tätigkeit im Rahmen von Messen

und Oratorien in Österreich und Italien gibt sie regelmäßig

Liederabende und Kirchenkonzerte. Weiters gehören Uraufführungen

und Interpretationen zeitgenössischer Werke (z.B.

»White Foam«, Wolfgang Mitterer, Ensemble Novo Sono) zu

ihrem Repertoire.

Als freischaende Künstlerin ist sie zurzeit in verschiedenen

professionellen Ensembles wie RIAS Kammerchor, MDR

Rundfunkchor, Trinity Baroque, Zürcher Sing-Akademie und

Capella Wilthinensis europaweit tätig.

Julian Podger begann seine Laufbahn

als Leiter und Dirigent während seiner

Schulzeit in Kassel. Er erhielt 1987 ein

Stipendium für das Trinity College in

Cambridge, wo er sein Ensemble Trinity

Baroque gründete, das ihm auch bei seinem

Studium der historischen Auührungspraxis half. Inzwischen

leitet er in ganz Europa Projekte und ist als Gastdirigent

und Dozent tätig.

- 308 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 309 -


Als Sänger ist Julian Mitglied mehrerer renommierter Ensembles,

u.a. Gothic Voices und e Harp Consort. Als Solist

ist er besonders gefragt als Evangelist in den Passionen von

Bach, Telemann und Schütz. Weiters ist er regelmäßig in den

Hauptrollen von frühen Opern zu sehen. Höhepunkte seiner

bisherigen Laufbahn waren Projekte mit Andrew Parrott,

John Eliot Gardiner (Bach Cantata Pilgrimage) und als Ulisse

(Monteverdi) mit dem Ricercar Consort und der Handspring

Puppet Company.

Nils Giebelhausen, Tenor, studierte

Gesang bei Hanno Blaschke (München),

Anna Maria Castiglioni (Mailand) und Wilfried

Jochens (Hamburg). Meisterkurse bei

Barbara Schlick ergänzten seine Ausbildung.

Bereits 1992 war er Preisträger beim Gesangswettbewerb

des Deutschen Tonkünstlerverbandes.

1998 gab er in Rimini sein Operndebüt in A. Draghis Barockoper

»La patienza di Socrate con due mogli« unter der-

Leitung von Alan Curtis. Im Frühjahr 2000 wirkte er dann

an der Bayerischen Staatsoper in München in C. Monteverdis

»Orfeo« als Pastore mit. 2004 sang er bei den Tagen alter Musik

in Bamberg den Blil in F.-A. Philidors Oper »Tom Jones«.

Auch als Oratorientenor ist er in ganz Deutschland zu hören,

sein besonderes Interesse gilt dabei Bachs Oratorien und Passionen.

Konzertreisen führten ihn bisher auch nach Italien,

Frankreich, Spanien, Dänemark, Belgien, Österreich und

in die Niederlande, Ungarn, Kanada und Japan. Außerdem

singt er auf dem Gebiet der »Alten Musik« regelmäßig in

Ensembles wie dem Balthasar-Neumann-Chor, Trinity Baroque,

Himlische Cantorey, dem Johann-Rosenmüller-Ensemble,

Chapelle Rhenane sowie dem Orlando di Lasso-Ensemble und

arbeitet mit Dirigenten wie omas Hengelbrock, Frieder Bernius

und Peter Neumann zusammen.

Les Cornets Noirs

Spezialisiert auf die Musik des italienischen und deutschen

Frühbarocks, hat sich das Instrumentalensemble Les Cornets

Noirs in der jüngeren Vergangenheit international einen Namen

gemacht.

Die sechs Musiker unterschiedlicher Herkunft haben sich

während gemeinsamer Studienjahre an der Schola Cantorum

Basiliensis, dem Lehr- und Forschungsinstitut für Alte Musik

an der Musikakademie Basel, kennen gelernt und seither ihr

gemeinsames Interesse für die Musik des 17. Jahrhunderts in

kontinuierlicher Arbeit weiterentwickelt. Dabei beschäftigt

sich das 1997 von Gebhard David und Bork-Frithjof Smith

gegründete Ensemble vor allem mit der Solo- und Ensemble-

literatur für den Zink (ital. »cornetto«, frz. »cornet«, aufgrund

seiner Lederumwicklung auch »schwarzer Zink« genannt),

der in dieser Epoche südlich und nördlich der Alpen seine

Blütezeit erlebte.

Les Cornets Noirs sind Preisträger des concours musica antiqua

beim Festival van Vlaanderen, Brugge, 2000. Seither konzertierte

das Ensemble bei Festivals in der Schweiz, in Österreich,

Deutschland, Tschechien, Polen, Frankreich, Italien

- 310 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 311 -


und Portugal sowohl mit eigenen Programmen als auch in

Zusammenarbeit mit Vokalensembles in Auührungen groß

besetzter Musik des Frühbarocks wie der »Marienvesper«

von Claudio Monteverdi oder der geistlichen Musik von Giovanni

Gabrieli, Heinrich Schütz und deren Zeitgenossen.

2004 konnten Les Cornets Noirs der Öentlichkeit eine erste

CD vorstellen (»O dilectissime Jesu« – Motetten und Sonaten

von Giovanni Legrenzi; Monika Mauch & Les Cornets

Noirs, Edition Alte Musik ORF) und sich über große Zustimmung

bei Publikum und Presse freuen. 2009 ist bei audite unter

dem Titel »Echo & Risposta« eine zweite Aufnahme des

Ensembles erschienen, ein abwechslungsreiches Programm

mit doppelchöriger Instrumentalmusik des 17. Jahrhunderts,

aufgenommen an den historischen Bossard-Orgeln der Klosterkirche

Muri (Schweiz).

- 312 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 313 -


- 314 - Trigonale 2012 – Programm Trigonale 2012 – Programm - 315 -


Unsere Verkaufsstellen

Buchhandlung Heyn

Kramergasse 2 – 4, 9020 Klagenfurt

Buchhandlung Hermagoras

Viktringerring 26, 9020 Klagenfurt

Kärntner Buchhandlung

Neuer Platz 14, 9020 Klagenfurt

Kärntner Buchhandlung

8. Mai Platz 3, 9500 Villach

Landhaus Buchhandlung

Wiesbadener Straße 5, 9020 Klagenfurt

Buchhandlung Besold

Hauptplatz 14, 9300 St. Veit/Glan

Buchhandlung Nest

Hauptplatz 2, 9800 Spittal/Drau

Kleintierpraxis Dr. Ladstätter

Gailtalstraße 33, 9620 Hermagor

Buchhandlung – Galerie Magnet

Hauptplatz 6, 9100 Völkermarkt

Kärntner Buchhandlung

Am Weiher 7, 9400 Wolfsberg

Trafik Kohlweg

Hauptstraße 3, 9063 Maria Saal

Alpen-Adria-Universität

Abteilung Musikwissenschaft, Raum I.1.36 (Nordtrakt),

Universitätsstr. 65 – 67, 9020 Klagenfurt

Für Kelag-Pluskunden gelten die üblichen Ermäßigungen

(siehe Kelag-PlusClub-News). Online ist die Bezahlung aus-

nahmslos nur mit Kreditkarte möglich. Bei Online-Buchung

erhalten Sie eine Bestätigung per E-mail, die Karten liegen

dann an der Konzertkasse für Sie bereit.

- 316 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 317 -


Das Landesmuseum Kärnten

im Überblick 2012

Landesmuseum Kärnten – Rudolnum

Museumgasse 2, 9021 Klagenfurt am Wörthersee

T +43 (0)50 536-30599

Entdecken Sie in Kärntens größtem Museum einzigartige

Natur- und Kunstschätze zur Kärntner Landeskunde. Unzählige

Exponate der ständigen Sammlung zeichnen in über

30 Schauräumen die Kärntner Natur- und Kulturgeschichte

nach. Wechselnde emen- und Sonderausstellungen setzen

aktuelle Akzente. Erleben Sie Forschung in 10 Disziplinen

und Wissenschaft zum Angreifen im Landesmuseum Kärnten

– Rudolnum!

Unter dem Dach »Landesmuseum Kärnten« versammeln

sich neben dem Haus am Klagenfurter Viktringer Ring (Rudolnum)

und dem Großen Wappensaal im Landhaus Klagenfurt

auch das Kärntner Botanikzentrum am Fuße des Kreuz-

bergls mit dem sehenswerten botanischen Garten und dem

Kärntner Landesherbar, der Archäologische Park Magdalensberg,

eine der größten und bedeutendsten Ausgrabungsstätten im

Ostalpenraum, und das Römermuseum Teurnia bei Spittal/

Drau mit dem berühmten frühchristlichen Mosaikboden.

Das Landesmuseum Kärnten steht außerdem vielen Institutionen

mit wissenschaftlicher Fachkompetenz zur Seite, dem

Freilichtmuseum Maria Saal etwa, oder dem Museum Globasnitz,

den Ausgrabungen am Hemmaberg oder auch der Keltenwelt

Frög bei Rosegg.

Wappensaal im Landhaus Klagenfurt

Landhaushof, 9020 Klagenfurt am Wörthersee

T +43 (0)463 57757-215

Der Wappensaal im Landhaus zählt mit seinen 665 Wappen

und dem Fürstenstein zu den wichtigsten Zeitzeugen des

- 318 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 319 -


Landes. Josef Ferdinand Fromiller, der bekannteste Kärntner

Barockmaler, hat die Wappen in handwerklicher Präzision

und barocker Üppigkeit für unzählige Fürsten und Adelshäuser

gemalt und damit einen der schönsten und eindrucksvollsten

Säle des Landes geschaen.

Das Landhaus in Klagenfurt entspricht in seiner Gesamtkonzeption

dem Kunstwollen des 16. Jahrhunderts und beeindruckt

durch seine renaissancezeitliche Architektur. Nach

einem Brand im Jahr 1723 hat Kärntens bedeutendster Barockmaler

Josef Ferdinand Fromiller (1693 – 1760) die bis

heute erhaltene künstlerische Ausstattung geschaen. Im

großen Wappensaal geben die Wandfresken mit historischen

Darstellungen, das Deckenfresko und die über 665 Wappen

eindrucksvoll Zeugnis von der Macht und dem Einuss der

Kärntner Landstände. Hier wird auch der Fürstenstein, eines

der ältesten Rechtsdenkmäler Europas, präsentiert. Von Fromiller

stammen ebenfalls die Wandmalereien im kleinen Wappensaal,

der bis heute als Beratungs- und Sitzungssaal des

Kärntner Landtags dient. Der Rundgang führt weiter in den

großen Plenarsaal mit den Kärntner Volksabstimmungsfresken

von Switbert Lobisser aus dem Jahre 1928 und mit einer

farbenprächtigen Darstellung der Karte mit den Grenzen des

Landes Kärnten des Malers Karl Brandstätter. Darüber hinaus

hat die Kärntner Künstlerin Gudrun Kampl für das Foyer

zwei Wandteppiche gestaltet. Besonders sehenswert ist

der vom zeitgenössischen Künstler Cornelius Kolig rekonstruierte

Anton-Kolig-Saal. Die originalen Fresken von Anton

Kolig aus dem Jahre 1930 wurden zur Zeit des Nationalsozialismus

abgeschlagen und zur Gänze zerstört.

Kärntner Botanikzentrum

Prof.-Dr.-Kahler-Platz 1, 9020 Klagenfurt am Wörthersee

T +43 (0)463 502715

Das Kärntner Botanikzentrum, bestehend aus Botanischem

Garten, Kärntner Landesherbar und einer Fachbibliothek,

liegt am Fuße des Kreuzbergls im historischen Steinbruch

der Landeshauptstadt Klagenfurt am Wörthersee. Besucher-

Innen durchwandern im Botanischen Garten die faszinierende

Panzenwelt Kärntens, ergänzt durch Besonderheiten aus

aller Welt. Schwerpunkte des Gartens sind die Erhaltung seltener

oder bedrohter Arten, Forschung, Beratung, Bildung

und Erholung. Zusätzlich wird jährlich ein »Index Seminum«

für den internationalen Austausch von Jungpanzen

und Samen herausgegeben. Zu den Highlights des Gartens

zählen neben der beeindruckenden Felskulisse mit dem Alpinum

eine Wasserlandschaft mit Wasserfall, Bach und Teich,

das Sukkulentenquartier sowie der Bauerngarten mit zum

Teil in Blindenschrift ausgeführten Beschriftungstexten.

- 320 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 321 -


Das Kärntner Landesherbar beherbergt neben dem ältesten

Herbarium in Kärnten, dem Herbarium Vivum aus dem Jahre

1752, eine ganze Reihe wertvoller Sammlungen. Es benden

sich hier 180.000 Belege von getrockneten und präparierten

Blütenpanzen, Farnen und Schachtelhalmen, Algen, Moosen,

Flechten und Pilzen. Sie dienen zur Erforschung und

Dokumentation der Panzenwelt und ihrer Veränderungen.

Weiters besitzt das Kärntner Landesherbar bedeutende Sondersammlungen:

historische Belegsammlungen, Fixierungen,

Früchte und Zapfen, Biograen, historische wissenschaftliche

Instrumente, ethnobotanische Objekte und Dias. Zusätzlich

ist hier eine umfassende Dokumentation vorwiegend

von Panzenfossilien aus Kärnten untergebracht. Schwerpunkte

des Herbars sind Forschung, Dokumentation, Datenbereitstellung

sowie Wissensvermittlung und die Herausgabe

der internationalen Fachzeitschrift »Wulfenia«. Als Grundlage

für sämtliche Arbeiten in Herbarium und Garten dient

die umfangreiche Bibliothek mit über 30.000 Büchern, Zeitschriftenheften

und Fachbeiträgen.

Sommervorträge zu einem aktuellen ema im Botanischen

Garten: Die Sommervorträge im Botanischen Garten des

Kärntner Botanikzentrums haben bereits Tradition! Von Mai

bis Ende September, jeweils mittwochs um 17 Uhr, haben Sie

die Gelegenheit, Wissenswertes, Interessantes und Spannendes

zu vielfältigen und stets aktuellen emen aus der

Welt der Botanik zu erfahren. Die Veranstaltungen nden

bei jedem Wetter statt! Eintritt frei!

Archäologischer Park Magdalensberg

Magdalensberg 15, 9064 Pischeldorf

T +43 (0)4224 2255

Besuchen Sie mit dem Archäologischen Park Magdalensberg

eine der größten römerzeitlichen Ausgrabungsstätten des

Ostalpenraumes. Seit über 60 Jahren wird das einstige Wirtschaftszentrum

freigelegt und restauriert. Auf dem geschichtsträchtigen

Gelände begegnen Sie dem Jüngling vom

Magdalensberg und vielen weiteren Funden, die vom römischen

Leben in der Stadt auf dem Magdalensberg zeugen.

Inneralpine Kelten versuchten 186 v. Chr. im Raum des späteren

Aquileia eine befestigte Siedlung zu gründen, wurden

jedoch von den Römern vertrieben. Die Funde auf dem Magdalensberg

zeigen einen Beginn der Besiedlung ab ca. 50 v.

Chr. Das Ausmaß einer keltischen Siedlung, in der sich italische

Händler niederließen, ist noch nicht bekannt. Im Jahr

15 v. Chr. besetzten die Römer das Königreich Noricum und

bauten das Zentrum des okkupierten Gebietes und des Handels

zur ersten Hauptstadt der Provinz aus. Auf dem Gipfel

- 322 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 323 -


des Berges entstand ein weithin sichtbarer Tempel mit Hallen

und Gebäuden, die für den Betrieb eines zentralen Heiligtums

notwendig waren. Die Dimensionen des Kultplatzes

lassen sich mit großen Anlagen des Mittelmeerraumes vergleichen.

Um Christi Geburt wurde der Gottheit u.a. die

Bronzestatue eines Jünglings von zwei Freigelassenen gestiftet,

die 1502 entdeckt wurde und in der napoleonischen Zeit

verloren ging. Sie blieb uns aber in einem Abguss des 16.

Jahrhunderts im Kunsthistorischen Museum in Wien erhalten.

Mit der Verlagerung der Verwaltung in die neu gegründete

Stadt Virunum im Zollfeld endete das rege Leben auf dem

Magdalensberg gegen 50 n. Chr.

Der archäologische Park umfasst vier Hektar und zeigt mit

seinen Ruinen wesentliche Bereiche der einstigen Stadt: eine

Marktbasilika, in der Amts- und Handelsgeschäfte abgewickelt

wurden, einen Tempel des Kaisers Augustus und der

Stadtgöttin Roma, das sogenannte Händlerforum, Handwerkerviertel,

Badeanlagen und eine amtliche Werkstätte zur

Fertigung von Goldbarren. Eindrucksvoll wird auch die Produktion

von Werkzeugen aus norischem Stahl dargestellt, der

in der römischen Welt berühmt war. Eine ansässige Bildhauerwerkstatt

hinterließ zahlreiche Zeugnisse ihrer Kunst. Die

Wandmalereiausstattung von oziellen und privaten Gebäuden

führten Spezialisten aus dem Süden aus.

Römermuseum Teurnia

St. Peter in Holz 1a, 9811 Lendorf bei Spittal/Drau

T +43 (0)4762 33807

Der Siedlungshügel von St. Peter in Holz war bereits seit 1200

v. Chr. besiedelt, als im 3. Jahrhundert v. Chr. die Kelten an

Einuss gewannen. Nach der römischen Besetzung im Jahr

15 v. Chr. erhielt die Siedlung Teurnia mit ihrem großen Verwaltungsbezirk

gegen 50 n. Chr. das Stadtrecht. Zahlreiche

öentliche und private Bauten entstanden. Um 400 ließ der

Bischof der Stadt eine Kirche errichten, während die staatliche

Verwaltung für die Befestigungsmauer der neuen Hauptstadt

der Provinz Noricum in der Zeit der Völkerwanderung

sorgte. Nach 488 war Teurnia auch der Sitz des Militärkommandanten

der Provinz, der auch als Stifter des berühmten

Mosaiks in der Friedhofskirche auftritt. Um 610 endete mit

der Einwanderung der Slawen das rege Leben der Stadt. Im

9. Jahrhundert wurde der Hügel neuerlich besiedelt, eine Kirche

errichtet und ringsum die Toten bestattet.

Das neue Römermuseum liegt im Mittelpunkt der antiken

Stadt Teurnia und ist modern, besucherfreundlich und nach

- 324 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 325 -


museumspädagogischen Gesichtspunkten gestaltet. Marmorbildwerke,

Inschriften, Schmuck, Waen, Werkzeuge,

Münzen usw. sind im Römermuseum nach kulturhistorischen

emen geordnet und erzählen uns von Gesellschaft, Alltagsleben

und Kunst der Römer und Kelten. Ein anspruchsvoller

Schutzbau überspannt die älteste Bischofskirche Österreichs,

die ein besonderes Zeugnis des frühen Christentums

darstellt. Außerhalb der Stadt bendet sich die Friedhofskirche

mit dem berühmten Mosaikboden aus der Zeit um 500

n. Chr. Mit seinen plakativen Tiergleichnissen spiegelt das

Mosaik die Gedankenwelt der frühen Christen wider. Aufgrund

seiner Gestaltung und einmaligen Aussagekraft ist es

zum Weltkulturerbe zu rechnen.

Institut für Kärntner Volkskunde

Domplatz 3, 9063 Maria Saal

T +43 (0)4223 3166

In der ehemaligen Propstei in Maria Saal bendet sich seit

1992 das Institut für Kärntner Volkskunde als Außenstelle des

Landesmuseums für Kärnten. Am Institut bendet sich eine

Bibliothek mit umfangreicher volkskundlicher Fachliteratur

(ca. 38.000 Werke) aus dem Nachlass von Prof. Dr. Oskar

Moser (1914 – 1996), welche mittels Datenbank erfasst ist

und die Volkskultur mit all ihren emenschwerpunkten dokumentiert.

Eine Photo- und Diathek ergänzt die Dokumentation

der europäischen Volkskunde sehr anschaulich.

Durch Kooperationen mit universitären Einrichtungen wie

der Alpen-Adria-Universität Klagenfurt und dem Volkskundeinstitut

der Karl-Franzens-Universität Graz bietet das Institut

eine Plattform für Studenten und Fachkollegen zur Unterstützung

fundierter wissenschaftlicher Arbeit. Seit der

Zeit seiner Gründung wird ein langfristig geplantes Projekt

zur systematischen Erfassung der aktuellen Bausubstanz im

ländlichen Raum durchgeführt und in Datenbanken gespeichert.

Durch die Visualisierung der erhobenen Daten in thematischen

Karten können Siedlungsstrukturen, die Einhaltung

von Bebauungsplänen und Dorfentwicklungstrends

anschaulich dargestellt werden.

Das dem Institut angeschlossene Möbelmuseum mit Bauerntruhen

und Kästen aus dem 16. bis 19. Jahrhundert gibt

einen einmaligen Einblick in die Wohnkultur und Volkskunst

des Landes.

Das nahegelegene Freilichtmuseum Maria Saal als ältestes

Museum seiner Art in Österreich beherbergt bäuerliche

Haus- und Hoormen aus den verschiedensten Landesteilen,

welche einen Einblick in die Wohn- und Wirtschaftsweise

vergangener Zeiten ermöglichen. Neben den interessanten

Bauernhäusern wird dem Besucher auch das bäuerliche

- 326 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 327 -


Handwerk im sogenannten »Industriegelände« vor Augen

geführt. Eine ländliche Gaststätte sorgt für das leibliche

Wohl der Gäste. Im Rundgang durch das Kärntner Freilichtmuseum

ist auch ein Naturlehrpfad integriert, welcher den

Besucher mit landestypischen Panzen und deren Lebensräumen

vertraut macht.

WWW.LANDESMUSEUM.KTN.GV.AT

- 328 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 329 -


In eigener Sache

Wir freuen

uns über

Ihre Spende!

Das trigonale-Unterstützungskonto:

Raiffeisenlandesbank Kärnten

Konto-Nr.: 9.01.123.322

BLZ: 39000

- 330 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 331 -


Michael Wersin: Schubert hören

Eine Anleitung

Mit 31 Notenbeispielen und 11 Abbildungen

210 Seiten, Hardcover mit Schutzumschlag

Format: 12,2 x 19,5 cm

Euro (D) 19,95 / Euro (A) 20,50 / CHF 28,50

ISBN 978-3-15-010872-7

Originalausgabe

Anhand aussagekräftiger Beispiele (u. a. Erlkönig, Winterreise,

Unvollendete) und exemplarisch vertiefender Analysen

der Schubertschen Tonsprache erschließt Wersin auf seiner

Entdeckungsreise auch für den musikalischen Laien die Bedeutung

dieses großen Komponisten des frühen 19. Jahrhunderts.

Die analytischen Betrachtungen werden eingebettet in

zeitgeschichtliche Zusammenhänge und um Einblicke ins

Biograsche ergänzt.

Michael Wersin, geb. 1966, ist Dozent für kirchenmusikalische

Fächer in St. Gallen. Er lehrt außerdem in Augsburg und

Luzern, tritt als Sänger und Continuo-Organist mit verschiedenen

Pro-Ensembles auf und schreibt als Musikjournalist

u. a. für das Klassikmagazin RONDO.

www.reclam.de www.reclam.de

- 332 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 333 -


Aus meines Herzens Grunde

Die schönsten alten Kirchenlieder

Ein ökumenisches Liederbuch

94 Kirchenlieder in den Fassungen, wie sie früher gesungen

wurden

Hrsg. von Richard Mailänder in Kooperation mit Caritas

und Diakonie

Mit 45 farbigen Illustrationen von Barbara Trapp

124 Seiten, Flexicover, Großdruck, A4-Format

Mit im Buch: Instrumental-CD (Orgel- oder Klavierbegleitung)

zum Mitsingen

Noten, Texte, Harmonien

Euro (D) 24,95 / Euro (A) 25,70 / CHF 35,50

ISBN 978-3-15-010864-2

Die thematisch aufgebaute Sammlung (Lob, Dank, Vertrauen,

Glaube, Schöpfung, Kirchenjahr, Maria und Heilige,

Morgen und Abend) wendet sich schwerpunktmäßig

an ältere Menschen, die die ihnen aus Kindheit und Jugend

vertrauten Kirchenlieder wieder singen möchten. Die Lieder

sind im Großdruck wiedergegeben, der Band ist mit stimmungsvollen

Bildern von Barbara Trapp illustriert. Eine

Mitsing-CD liegt bei. Im Anhang nden sich praktische

Hinweise zum Singen mit älteren Menschen.

www.reclam.de www.reclam.de

- 334 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 335 -


Johann Sebastian Bach: Motetten

Meines Herzens Weide

Trinity Baroque, Julian Podger

Best.-Nr.: RK 2601

Derart lebendig in Tempo und Phrasierung, homogen im Ensembleklang,

aber auch derart innig und berührend, hat man Bachs Motetten lange

Zeit nicht gehört. BR-Klassik

Una musa plebea

Das »gemeine« Repertoire

der italienischen Renaissance

Ensemble Lucidarium & Traditionelle Poeten

aus der Toskana und Korsika

Best.-Nr.: RK 2410

Eine Muse ... nimmt sich unbekümmert Zeit. Und damit Freiraum – für

ihre ganz eigene Version eines leuchtenden Utopia aus der Vergangenheit.

CD-Tipp, HR 2

Rosenmond und Lindentraum

Lieder von Liebe und Leben

Christine Maria Rembeck – Gesang, Klavier

Emilia Gliozzi – Violoncello

Best.-Nr.: RK 3002

Schlicht und zugleich kunstvoll sind diese Arrangements ...

FAZ, 21. 5. 2011

Bon Voyage –

Musik von Giovanni Paolo Foscarini

e Foscarini Experience

Frank Pschichholz – Chitarra Spagnuola

Nora iele – Percussion

Daniel Zorzano – Violone

Best.-Nr.: RK 2904

Einmal mehr Musik des 17. Jahrhunderts mit viel Drive und Beat.

Dem Label entsprechend wunderbar aufgenommen. Radio Stephansdom

Modena 1665

Georg Kallweit – Violine

Björn Colell – eorbe, Barockgitarre

Best.-Nr.: RK 2905

Hier stimmt einfach alles, das Können auf dem Instrument, die Klanggebung,

die Beweglichkeit der langen Töne, die rasante Spieltechnik …

Bernhard Morbach, RBB

Endzeitfragmente

Sequentia

Benjamin Bagby, Norbert Rodenkirchen

Best.-Nr.: RK 2803

Die Produktion ermöglicht mit vielen bislang nicht oder nur wenig

bekannten Sequenzen einen weiteren Einblick in die tiefe, mystische Welt

des mittelalterlichen Denkens und Fühlens. BR-Klassik

- 336 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 337 -


Winterreise

Nataša Mirković-De Ro – Gesang

Matthias Loibner – Drehleier

Best.-Nr.: RK 3003

Nicht nur wegen des letzten Lieds (Der Leiermann) eine Idealbesetzung!

Das gilt auch für Nataša Mirkovic-De Ro, die ungekünstelt und tief

ergreifend interpretiert. CD-Tipp, Ö1

… großartig! BR-Klassik

Mütterkinderlieder

(Bertl Mütter nach Gustav Mahler)

Bertl Mütter – Posaune

Best.-Nr.: RK 3009

Heinrich Schütz –

Ich hebe meine Augen auf

Musik aus der Dresdner Schlosskapelle I

Cappella Sagittariana Dresden,

Norbert Schuster

Best.-Nr.: RK 3001

Schütz-Interpretation auf sehr hohem Niveau … Die Einspielung zeigt

Heinrich Schütz als Meister des Klangeekts und als Souverän der

expressiven Möglichkeiten im Frühbarock. Klassik.com

Von den letzten Dingen

Barocke Trauermusiken

aus Mitteldeutschland

amarcord, Cappella Sagittariana Dresden

Best.-Nr.: RKap 30107

Trauermusik als beseelter Klangzauber! MDR-Figaro

Rose van Jhericho

Das Liederbuch

der Anna von Köln (um 1500)

Ars Choralis Coeln, Maria Jonas

Best.-Nr.: RK 2604

Die volle Stimme von Maria Jonas mit ihrer leidenschaftlichen

Betonung gibt den Melodien ihre große Überzeugungskraft.

Le monde de la musique 6/2007

Vita S. Elisabethæ

Das Leben der heiligen Elisabeth

von Thüringen (1207–1231),

erzählt in mittelalterlichen

Liedern und Texten

Ioculatores, Ars Choralis Coeln, amarcord

Best.-Nr.: RK 2605

Über fast 80 Minuten entfaltet sich ein Spannungsbogen, der der Chronologie

der Ereignisse von Ungarn über die Wartburg bis nach Marburg

folgt, um schließlich im überirdischen Mönchsgesang mit dem Wort

›Elisabeth‹ zu verklingen. Minnesang.com

- 338 - Trigonale 2012 – Anhang Trigonale 2012 – Anhang - 339 -


Frolich, zärtlich, lieplich ...

Oswald von Wolkenstein –

Liebeslieder

Ensemble Unicorn, Michel Posch

Best.-Nr.: RK 2901

Tromba Hispanica

Battallas y Canciones

Barocktrompeten Ensemble Berlin

Johann Plietzsch

Best.-Nr.: RK 2906

Les Caractères de la Danse

Purcell, Corelli, Rebel,

Albinoni, Telemann

Harmony of Nations Baroque Orchestra

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Virgo Sancta Caecilia

Gesänge aus dem Antiphonar

der Anna Hachenberch

Candens Lilium, Norbert Rodenkirchen

Best.-Nr.: RKma 20044

Der Erlauchte Fürst

Höfische Kultur zur Zeit

des Naumburger Meisters

Ioculatores & Jörg Peukert

Best.-Nr.: TAL 90003

Amours me fait desirer

Liebeslieder aus dem

14. Jahrhundert

Ensemble Alta musica, Rainer Böhm

Best.-Nr.: TAL 90004

Chanterai d’aquestz Trobadors

Live at montalbâne

Ensemble Belladonna

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Impressum

Trigonale FestivalbetriebsgmbH

Geschäftsführer Ing. Stefan Schweiger

Winklern 17

A - 9063 Maria Saal

Telefon: +43 - (0)4223 - 29079

E-Mail contact@trigonale.com

Internet www.trigonale.com

Herausgeber Trigonale

Redaktion Stefan Schweiger

Redaktionsassistenz Gerda Heger, Nicole Kelner

Artdirector Anne Hooss

Fotograe Ingrid Ahrer, Lukas Beck, Silvia Csibi,

Philippe Parent, Stefan Schweiger

Übersetzungen Gregor Chudoba, Anne Marie Dragosits,

Sibylle Kirchbach, Almut Lenz-Konrad,

Elfriede Schweiger

Herstellung Philipp Reclam jun.

Graphischer Betrieb GmbH,

Ditzingen

Stand August 2012, Änderungen vorbehalten

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