Zukunft und Zusammenhalt – Für ein soziales Sachsen

parisax.de

Zukunft und Zusammenhalt – Für ein soziales Sachsen

Zukunft und Zusammenhalt

Für ein soziales Sachsen

Wohlfahrtsbericht 2010 der

Spitzenverbände der Freien

Wohlfahrtspflege in Sachsen


Zukunft und Zusammenhalt Für ein soziales Sachsen

Wohlfahrtsbericht 2010 der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen

Herausgeber: Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege

Vorsitzende: Beate Hennig (V.i.S.d.P.)

Redaktion: Yannis Brauweiler, Ulrich Karg, Hans-Jürgen Meurer, Ines Vogel,

Sigrid Winkler-Schwarz, Antonie Muschalek, Thomas Neumann, Andreas

Schuppert,

Fotos: DCV/KNA, Harald Opitz, Caritas-Archiv, Wohlfahrtsverbände

Druck: Lißner-Druck, Dresden


Inhalt

Vorwort 5

Soziale Daseinsvorsorge als staatliche Aufgabe 6

Zukunftspolitik: Kinder und Jugendliche stärken 7

Sachsen das am schnellsten alternde Bundesland 10

Menschen mit Behinderung Alle müssen können dürfen 12

Grundrecht „Dach über den Kopf“ Menschen in Wohnungsnot 15

Leere Taschen Menschen in Überschuldungssituatonen 16

Fern der Heimat Asylbewerber und Menschen mit Duldungsstatus 18

Handeln für den Menschen

Die Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen 19

Praxisbeispiele

Arbeiterwohlfahrt

Hilfe, wenn Ausweglosigkeit und Angst erdrückt

AWO-Schuldnerberatung Hoyerswerda lässt Menschen wieder wachsen 21

Wozu eigentlich Spitzenverbände?

AWO-Initiative „Ich lebe gesund“ sorgt für die Umsetzung sächsischer

Gesundheitsziele 22

Caritas

Teilhabe ermöglichen Der Caritasladen in Leipzig

hilft Menschen in Not 24

„Treffen kann es jeden“ 25 Jahre Caritas-Suchtberatung in Dresden 25

Deutsches Rotes Kreuz (DRK)

Vorurteile abbauen Die Migrationserstberatung des

Deutschen Roten Kreuzes 27

Diakonisches Werk

Alle machen mit Spielplatztreff der Diakonie in Dresden 29

Betroffene erfahren Zuspruch und Mitgefühl

Die Diakoniewohnunglosenhilfe der Stadt Zwickau 30

PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband

Leben in der Gesellschaft sichern

Kontakt- und Beratungsstellen für Menschen mit

(chronisch) psychischer Erkrankung 31

Leben im Alter Das Pflegeheim der vierten Generation 33

Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland

Der Hilfebedarf steigt

Unterstützung für die jüdischen Gemeinden in Sachsen 34

3


Vorwort

Zu keiner Zeit war das Spannungsfeld

zwischen den Anforderungen an die soziale

Daseinsvorsorge und schwindenden

Finanzmitteln so groß wie heute. Im Europäischen

Jahr gegen Armut und Ausgrenzung

erscheint dies besonders bitter, da

aktuelle Zahlen zur Armutsgefährdung

in Sachsen die erforderliche Handlungsnotwendigkeit

unterstreichen. Der dritte

Wohlfahrtsbericht der Liga der Freien

Wohlfahrtspflege möchte auf konkret

bestehende Engpässe und Problemlagen

hinweisen, aber auch Handlungsoptionen

aufzeigen.

Die einschneidenden Veränderungen in

der sächsischen Finanzpolitik, mit ihrer

ausschließlichen Fokussierung auf die

finanzielle Entlastung zukünftiger Generationen,

verkennt die bestehenden Erfordernisse

sozialen Handelns. Wird damit

der Rückzug des Freistaates aus seiner

Verantwortung für die soziale Daseinsvorsorge

eingeleitet? Ist die Chance auf eine

gleichberechtigte gesellschaftliche Teilhabe

aller Menschen so noch gegeben?

Die Zukunftsplanung unserer Gesellschaft

ist auf ein ganzheitliches Fundament zu

Wer ist die Liga?

stellen, bei

dem sowohl

ökonomische

als auch soziale

Aspekte

gleichermaßen

Berücksichtigung

finden

müssen.

Andernfalls

werden sich

die kurzfristigen

finanziellen Entlastungen in langfristige

soziale Belastungen für alle Generationen

wandeln.

Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege

ist bereit, sich aktiv am Dialog um die

ganzheitliche Gestaltung der Zukunft

Sachsens zu beteiligen. Der vorliegende

Wohlfahrtsbericht lädt ein, über verschiedene

Aspekte dieser gesellschaftlichen

Herausforderungen ins Gespräch zu

kommen. Wir freuen uns auf Ihre Rückmeldungen.

Beate Hennig

Liga-Vorsitzende

Die „Liga“ ist der Zusammenschluss der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege

im Freistaat Sachsen, die durch unterschiedliche weltanschauliche und religiöse

Motive oder Zielvorstellungen geprägt sind. Aufgabe der Spitzenverbände der Freien

Wohlfahrtspflege ist es, in verschiedenen gesellschaftlichen und politischen Bereichen

die Interessen der Schwachen und Benachteiligten in Anwaltsfunktion zu vertreten und

wahrzunehmen. Zur Liga in Sachsen gehören die Arbeitwohlfahrt, die Caritas, das

Deutsche Rote Kreuz, das Diakonische Werk, der PARITÄTISCHE Wohlfahrtsverband

und die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland.

5


Die Situation in Sachsen/Kinder- und Jugendhilfe

Soziale Daseinsvorsorge als staatliche Aufgabe

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein demokratischer und sozialer Rechtsstaat. Das

in Artikel 20 des Grundgesetzes geregelte Sozialstaatsprinzip ist unmittelbar geltendes

Recht, bedarf aber der Konkretisierung. Es lässt dabei einen hohen politischen Gestaltungsspielraum

zu was dazu führte, dass der Sozialstaat bedingt durch die wirtschaftliche

und politische Entwicklung vor allem in den vergangenen 20 Jahren zunehmend

vom Prinzip der Ökonomisierung geprägt wurde. Im Zuge des Paradigmenwechsels von

nachsorgenden zum aktivierenden Sozialstaat entstanden Lücken im sozialen System, die

für einige Menschen existenzbedrohende Situationen herbeiführten.

Die Wohlfahrtsverbände wirken als selbstständige Akteure an der Gestaltung des Sozialstaates

mit. Als Teil des sozialstaatlichen Systems nehmen sie im Auftrag des Staates die

vielfältigen sozialen Aufgaben wahr, erbringen Leistungen und lösen Rechtsansprüche ein.

Ohne die Wohlfahrtsverbände als Anbieter professioneller Leistungen, Anwälte der Hilfsbedürftigen

und benachteiligten Menschen, als Frühwarnsystem und Innovationsmotor

der sozialen Arbeit ist ein Sozialstaat moderner Prägung nicht denkbar. Die Bewältigung

gesellschaftlicher Herausforderungen von der Verfestigung und Vererbung von Armut bis

zur erschwerten Erreichbarkeit einzelner Bevölkerungsgruppen setzt starke Wohlfahrtsverbände

und eine aufmerksame Politik voraus.

Umso erstaunlicher ist es, dass die aktuelle gesellschafts- und sozialpolitische Debatte,

sowohl auf Bundes- als auch auf Landesebene, ausschließlich unter pseudo-ökonomischen

Aspekten geführt wird. Angesichts dieser Diskussion geraten Rolle und Funktion

des Sozialstaates und die Rolle der Wohlfahrtsverbände in ein eigenartiges Licht: Beide

werden nur noch als Kostenfaktor gesehen.

Dies ist vor dem Hintergrund rückläufiger Steuereinnahmen sowie schwieriger wirtschaftlicher

Rahmenbedingungen und dem Ziel eines ausgeglichenen Haushaltes vielleicht nahe

liegend, aber keineswegs zwingend oder vorausschauend. Denn soziale Arbeit ist präventive

Arbeit. Auch und gerade in ökonomischer Sicht. Die Folgekosten der jetzigen Kürzungen

werden um ein Vielfaches höher liegen als die geplanten Einsparungen. Gerade

Bereiche wie die Jugend- und die Suchtkrankenhilfe sind auf lange Sicht ausgerichtet und

bedürfen zur Umsetzung ihrer Konzepte auskömmlicher, verlässlicher Finanzierung. Das

an dieser Stelle kurzfristig eingesparte Geld mag auf den ersten Blick die Verlagerung von

Schulden in die nächste Generationen verhindern. Doch akut bestehende Bedarfe lassen

sich nicht gleichermaßen stunden. Eine vernünftige Haushaltsplanung spart intelligent,

berücksichtigt die langfristigen Auswirkungen von Einsparungen und wird der staatlichen

Verpflichtung zur sozialen Daseinsvorsorge gerecht.

6


Der Zusammenarbeit von Freistaat und Kommunen kommt bei der sozialen Daseinsvorsorge

eine besondere Rolle zu. Eine Mischfinanzierung ermöglicht, dass die soziale

Infrastruktur vor Ort bedarfsgerecht entwickelt werden kann. Die Mittelkürzung auf Landesebene

stellt Gemeinden, Städte und Landkreise vor eine unlösbare Aufgabe. Insbesondere

wenn sie im laufenden Haushalt und zudem rückwirkend erfolgt. Eine Kompensation

der Ausfälle ist nahezu unmöglich, da die kommunale Finanzsituation bereits jetzt

angespannt ist. So entsteht ein Verschiebebahnhof auf Kosten von Familien, Kindern und

sozial Schwachen.

Verfestigen sich die in der 5. Legislatur begonnen Tendenzen der Sozialpolitik, ist mit einem

Rückgang an sozialen Angeboten und dem Verlust von Arbeitsplätzen zu rechnen. Besonders

im ländlichen Raum wird es zu nachhaltig negativen Auswirkungen in der Versorgung

mit sozialen Diensten kommen. Die Lebensqualität wird damit weiter eingeschränkt und

die Attraktivität dieser Lebensräume gesenkt. Hinzu kommen die Herausforderungen des

demographischen Wandels, denen dann nicht mehr Rechnung getragen werden kann.

Die Gleichwertigkeit der Lebensverhältnisse in Sachsen wird zum leeren Versprechen.

Gerade weil Solidarpaktmittel auslaufen, EU-Fördermittel schwinden und Steuereinnahmen

sinken, muss der Freistaat in eine krisensichere soziale Infrastruktur investieren.

Die Liga der Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege fordert daher, im folgenden

Doppelhaushalt des Freistaates Sachsen in den Bereichen Bildung und Soziales mindestens

die Mittel einzustellen, wie sie im Haushaltsansatz 2009/2010 vorgesehen waren.

Jede weitere Reduzierung schränkt die Handlungsfähigkeit aller Akteure unzulässig ein.

Damit entzieht sich der Freistaat Sachsen seiner Pflicht, jedem Bürger eine menschenwürdige

Existenz zu ermöglichen.

Zukunftspolitik: Familien, Kinder und Jugendliche stärken

Die Förderung von Heranwachsenden ist für die Zukunftssicherung eines Landes essentiell.

Diesem Ziel sind sowohl Familie und Schule als auch die Kinder- und Jugendhilfe

verpflichtet.

Steigende Armutsrisiken und die demografische Entwicklung stellen jedoch gerade für Familien

eine zunehmende Belastung dar. Deshalb sind sie mitunter nicht in der Lage, ihren

Teil der Förderung im erforderlichen und erwartbaren Maß beizutragen. Gleichzeitig sind

die Kinder und Jugendlichen einer stetig steigenden Anforderung an Normverhalten und

Leistungsfähigkeit ausgesetzt. Dieser hohe Anspruch führt vermehrt zur Erfahrung von

Misserfolgen, die mit zunehmenden Versagensängsten einhergehen können.

7


8

Kinder- und Jugendhilfe

Gerade aus diesem Grund ist der Zusammenhang von sozialer Herkunft und Bildungschancen

in zukünftigen Generationen zu durchbrechen. Hierfür ist ein durchgängiger individueller

Bildungs- und Erziehungsansatz notwendig. Dieser befähigt Heranwachsende,

einen qualifizierten Schulabschluss zu erreichen, eine Ausbildung zu absolvieren und damit

im Erwerbsleben Fuß zu fassen. Die Chancen von Kindern und Jugendlichen, die mit

sozialen Benachteiligungen und individuellen Beeinträchtigungen leben müssen, können

auf diesem Weg nachhaltig verbessert werden.

Die Kinder- und Jugendhilfe unterstützt diesen Ansatz unter anderem durch:

Kindertageseinrichtungen Studien haben gezeigt, dass der frühzeitige Besuch von

Kindertageseinrichtungen die Aussicht auf einen höheren Bildungsabschluss verbessert.

Die derzeitige Praxis in Sachsen, den Kita-Besuch von Kindern insbesondere arbeitsloser

Eltern durch Ausschlusskriterien zu beschränken, ist daher als kontraproduktiv zu bewerten.

Kinder- und Jugendarbeit Sie schafft Freiräume für emotionale, soziale und sinnhafte

Erfahrungen und Erfolgserlebnisse. Sie kann soziale Unterstützung organisieren, Perspektiven

aufzeigen und Widerstandsfähigkeit fördern.

Schulsozialarbeit Sie stärkt und begleitet junge Menschen am Bildungs- und Lebensort


Schule. Sie trägt zum Bildungserfolg sowie zu gelingenden Übergängen in Ausbildung

und Beruf bei.

Familienbildung und Erziehungsberatung Dank eines niedrigschwelligen Zugangs

eröffnet sie für Betroffene und Familien die Chance, ihre eigenen Stärken und Potentiale

zu erkennen und zu nutzen. Seit einigen Jahren zieht sich der Freistaat aus seiner aktiven

Steuerungsverantwortung für die Weiterentwicklung und für den gleichmäßigen Ausbau

der Kinder- und Jugendhilfe in Sachsen schrittweise zurück.

Im Zuge der letzten Verwaltungs- und Strukturreform wurde das Landesjugendamt in

das Sächsische Staatsministerium für Soziales und Verbraucherschutz eingegliedert. Der

Kommunale Sozialverband Sachsen wurde Bewilligungsbehörde für die Jugendhilfeförderung

des Landes. Damit entstanden neue bürokratische Hürden. Durch die für das

Jahr 2010 um 30 Prozent reduzierte Jugendhilfeförderung schwächt der Freistaat nun

das Netzwerk nachhaltiger Jugendarbeit entscheidend. Dies steht im gravierenden Widerspruch

zu seiner Verpflichtung gegenüber künftigen Generationen.

Deshalb fordert die Liga

Die Sicherstellung der individuellen Bildung, Erziehung und Betreuung aller Kinder in

Kindertageseinrichtungen durch einen ausreichenden Personalschlüssel.

Schulsozialarbeit für alle bestehenden Mittel- und Förderschulen sowie eine flächendeckende

Infrastruktur an professioneller Jugendarbeit, insbesondere im ländlichen Raum.

Förderung von Beratungsstellen für Kinder, Jugendliche und ihre Eltern nach fachlich

anerkannten Vorsorgungsschlüsseln sowie auskömmliche Familienbildung.

Vor dem Hintergrund der finanziellen Situation im Freistaat wird empfohlen, die Finanzierung

sozialer Infrastruktur für Kinder, Jugendliche und Familien zu sichern, anstatt

Maßnahmen individueller Förderung, zum Beispiel Landeserziehungsgeld, zu verfolgen.

Zahlen und Fakten

29,3 Prozent der sächsischen Familien mit minderjährigen Kindern sind auf Grundsicherungsleistungen

angewiesen (Bundesdurchschnitt 14,3 Prozent).

Bei Alleinerziehenden mit minderjährigen Kindern sind es 52,9 Prozent.

Knapp ein Drittel der unter 15-jährigen im Freistaat lebt von Sozialgeld nach SGB II.

9


Altenhilfe

Sachsen das am schnellsten alternde Bundesland

Der demographische Wandel wird in allen gesellschaftlichen Bereichen zu grundlegenden

Veränderungen führen. Besonders sichtbar werden die Auswirkungen im Bereich der Pflege

und Altenhilfe. Sachsen steht in der demographischen Entwicklung bundesweit an der

Spitze und damit vor großen Herausforderungen.

In der eigenen Häuslichkeit und Lebenswelt älter zu werden, ist der Wunsch vieler Menschen.

Unter Berücksichtigung dieses Aspekts wurde in den vergangenen Jahren unter

großer Anstrengung eine funktionierende Infrastruktur aufgebaut. Sich verändernde familiäre

Strukturen schränken die zukünftige Leistungsfähigkeit der Pflege und Betreuung

durch Angehörige jedoch ein. Der Ausbau stationärer Pflegeplätze stellt dabei jedoch keine

Alternative dar.

Ergänzend zu den Betreuungs- und Pflegeleistungen sind auch die Gesichtspunkte des

Soziallebens zu berücksichtigen. Begegnungsstätten und gemeinschaftliche Aktivitäten

leisten einen wichtigen Beitrag zur Lebensqualität im Alter. Das Engagement von Freiwilligen

und Ehrenamtlichen spielt hierbei ebenfalls eine nicht zu unterschätzende Rolle.

Aus der Alterung der Gesellschaft ergeben sich nicht nur steigende Pflege- und Betreuungsbedarfe

sowie die Notwendigkeit adäquater Begegnungszentren, sondern auch ein

steigender finanzieller Mehrbedarf. Die Sozialleistungsträger sehen sich mit einer angespannten

Haushaltssituation konfrontiert, und die anstehenden Ausgaben erfordern eine

Priorisierung.

Ein möglichst langes Wohnen in der eigenen Wohnung ist dabei besonders zu fördern.

Die Etablierung eines aufsuchenden Dienstes, der in Anbindung an bestehende Strukturen

wie Begegnungsstätten, Sozialstationen und ambulante Dienste agiert, wird zukünftig

notwendig sein. Ziel solcher Angebote ist es, Unterstützungs- und Hilfsleistungen für den

Alltag zu schaffen, um die teilweise abnehmende Verfügbarkeit von familiärer Hilfe auszugleichen.

Neben dem Erhalt und der Stärkung existierender professioneller Angebote

10

Zahlen und Fakten

2020 ist bereits ein Drittel aller Sachsen über 60 Jahre Tendenz steigend.

70 Prozent aller Pflegeleistungen werden im häuslichen Bereich erbracht.

127 000 Personen erhielten 2007 auf Grund kognitiv eingeschränkter Alltagskompetenz

Pflegeleistungen nach SGB XI Tendenz steigend.


müssen Ehrenamtliche hinzugewonnen, begleitet und qualifiziert werden. Nachbarschaftshilfe

und Freiwilligenengagement erhalten also einen zunehmend wichtigen Stellenwert als

notwendige Ergänzung zu hauptberuflichen Leistungen. Der Einsatz von Ehrenamtlichen

kann jedoch kein Ersatz für professionell ausgebildete Fachkräfte sein. Zusätzlich bedarf

es der Entwicklung von Wohnkonzepten wie beispielsweise dem Mehrgenerationenwohnen,

aber auch der Anpassung von Wohnraum an altersgerechte Erfordernisse. Dazu

gehört ebenso ein gut erreichbarer Ort für Begegnungs- und Gemeinschaftsaktivitäten,

der ein Mindestmaß an gesellschaftlicher Teilhabe und Kommunikation ermöglicht.

Nicht nur die praktische Umsetzung von Pflege muss sich an den Erfordernissen orientieren.

Dies gilt auch für die Neudefinition des Begriffs der Pflegebedürftigkeit. Dieser ist vorrangig

auf die Betreuung in der vertrauten Lebenswelt auszurichten. Nicht zu vergessen ist

die soziale Absicherung von pflegenden Angehörigen. Analog zu den Unterstützungsleistungen

in der Kinderbetreuung muss auch für pflegende Angehörige eine entsprechende

Hilfe erfolgen. Insbesondere dann, wenn die berufliche Tätigkeit ausgesetzt und somit auf

ein geregeltes Einkommen verzichtet wird, muss eine finanzielle Absicherung greifen. Die

soziale Daseinsvorsorge ist so zu gestalten, dass Altersarmut für pflegende Angehörige

und pflegebedürftige Menschen gleichermaßen ausgeschlossen wird.

Deshalb fordert die Liga

altersgerechte (barrierefreie) Wohnangebote zu schaffen, die durch eine altersgerechte

Anpassung des Wohnumfeldes ergänzt werden. Bereits heute bestehen Fördermöglichkeiten,

die eine solche Anpassung ermöglichen und durch Wohnungsunternehmen und

-eigentümer stärker genutzt werden sollten. Die öffentliche Hand muss solchen Möglichkeiten

die entsprechenden Mittel zur Verfügung stellen.

den Erhalt und die Weiterentwicklung ambulanter, niedrigschwelliger und offener Angebote

zur Sicherung der Versorgung und Teilhabe älterer und pflegebedürftiger Menschen,

vorrangig in ihrer eigenen Häuslichkeit. Hierfür ist eine regelmäßige Abstimmung aller im

Hilfenetz tätigen Versorgungsakteure und beteiligten Partner zum weiteren Handlungsbedarf

erforderlich. Dies muss auf Grundlage eines Abgleichs zwischen dem erreichtem

Stand und der auf die künftige Entwicklung ausgerichteten integrierten Sozialplanung der

Kommune erfolgen.

die vorhandenen Ressourcen zu stärken. Dies gilt sowohl für die älteren pflegebedürftigen

Menschen selbst und ihre pflegenden Angehörigen als auch für die professionellen

Versorgungsakteure, sowie für die beteiligten Ehrenamtlichen. Dies kann insbesondere

durch zielgruppenspezifische Unterstützungsangebote erfolgen wie beispielsweise Motivation,

Gesundheitsförderung und weitergehende Qualifizierungen.

11


Menschen mit Behinderungen

Menschen mit Behinderungen Alle müssen können dürfen

In Sachsen leben mehr als 300 000 Menschen mit einer Behinderung Tendenz steigend.

Gerade für Menschen mit Behinderung, für chronisch und psychisch Kranke ist ein stabiles

soziales Netz besonders wichtig. Sie alle bedürfen einer individuellen, auf die Art und

den Grad ihrer Behinderung passgenau zugeschnittenen Unterstützung. Die in Sachsen

vorhandenen Unterstützungssysteme gewährleisten dies aber jedoch nur teilweise vor

allem in den strukturschwachen Regionen fehlen niedrigschwellige Angebote. Zudem sind

Menschen mit Behinderung samt ihren Angehörigen häufig einem gesteigerten Armutsrisiko

ausgesetzt.

Das beginnt schon bei den Mehrkosten für Heil- und Hilfsmittel, die chronisch Kranke und

Menschen mit Behinderung aufbringen müssen. Veränderungen im Gesundheitssystem

haben in den vergangen Jahren dazu geführt, dass der Selbstkostenanteil für Medikamente

sowie Hilfs- und Heilmittel immer weiter gestiegen ist. Hinzu kommt, dass Menschen

mit Behinderung oder chronischer Erkrankung häufiger von Arbeitslosigkeit oder

Erwerbsunfähigkeit betroffen und demnach verstärkt auf die staatliche Grundsicherung

angewiesen sind.

12


Aber auch die Wechselwirkung zwischen armutsbedingten Lebenslagen, Arbeitslosigkeit

oder der Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und seelischer Erkrankung ist empirisch

nachgewiesen. Neben Scham, Rückzug, Einsamkeit und Identitätsverlust haben die

Betroffenen häufig mit fehlendem Verständnis gegenüber ihrer psychischen Erkrankung zu

kämpfen. „Soziale Behinderung“ geht oft mit Isolation und Stigmatisierung einher.

Werden Menschen psychisch krank, ist ein Großteil von ihnen dennoch in der Lage, weiter

zu arbeiten, allerdings „entschleunigt“ und/oder in Teilzeit. Doch dann fehlt es häufig

an Bereitschaft seitens des Arbeitgebers oder an einer flexibel gestalteten Teilzeitstelle.

Auch ein denkbarer dauerhafter Ausgleich von Minderleistungen wäre ein gangbarer und

für die Kostenträger in jedem Fall kostengünstigerer Weg. Denn der Erhalt der Teilhabe

am Arbeitsleben ist für die Betroffenen von allergrößter Wichtigkeit. Ist diese Chance der

frühzeitigen Intervention verpasst, droht nach wiederkehrenden Erkrankungsphasen mit

Arbeitsunfähigkeit oft die Arbeitslosigkeit. Der Teufelskreis von Armut und immer schwereren

Krankheitsverläufen beginnt und endet nicht selten mit der Erwerbsunfähigkeit.

Menschen mit einem ehemals guten beruflichen Status geraten nun aufgrund der prekären

Finanzsituation und der psychischen Blockaden ins Abseits und bedürfen plötzlich der

Beratung und Unterstützung: Das beginnt bei ganz elementaren Problemen wie dem Finden

einer geeigneten Wohnung, weil das alte Zuhause nicht länger zu finanzieren ist. Auch

Behördentermine wahrzunehmen und einzuhalten, ist häufig nur noch mit Unterstützung

möglich. Nicht selten verschärfen behördlicherseits verhängte Sanktionen die finanzielle

Situation zusätzlich. Die daraus resultierende Hoffnungs- und Perspektivlosigkeit wandelt

sich für die Betroffenen zu einer Dauerbelastung, die die Erkrankung weiter verschärft

schlimmstenfalls bis hin zur stationären Aufnahme.

Aber nicht nur die Betroffenen selbst, sondern auch ihr Umfeld werden in Mitleidenschaft

gezogen. So besteht für Familien, die einen Angehörigen krankheitsbedingt betreuen oder

pflegen müssen, ebenfalls ein erhöhtes Armutsrisiko. Nicht zu unterschätzen ist zudem

die psychische Gefährdung von Familienmitgliedern im krankmachenden Milieu. Insbesondere

Kinder leiden unter der Situation und sind häufig aufgrund der Isolation und der

sie überfordernden Situation selbst gefährdet, wenn nicht frühzeitig interveniert wird. So

bedürfen sie und die Angehörigen eines unterstützenden Impulses wie einer qualifizierten

Beratung oder einer Selbsthilfegruppe.

Neben klinischer oder ambulanter fachärztlicher Hilfe sind es daher vor allem psychosoziale

komplementäre Leistungen, die verlässlich niedrigschwellig als Brückennetzwerke auf

Augenhöhe für die betroffenen psychisch oder suchtkranken Menschen und ihre Angehörigen

entscheidend für die weitere Lebensqualität sind. Für chronisch psychisch Kranke

und suchtkranke Menschen ist die Kontinuität und Verlässlichkeit von Kontakt- und Bera-

13


Menschen mit Behinderungen/Wohnungslose

tungspersonen komplementärer Netzwerke entscheidend. Bei häufigem Personalwechsel

und daraus folgenden Beziehungsabbrüchen wird erfolgreiche Hilfe drastisch erschwert.

Deshalb fordert die Liga

Die in Sachsen in den vergangenen Jahren entwickelten Hilfesysteme und Beratungsangebote

müssen von Freistaat und Kommunen weiterhin vorgehalten und finanziert werden.

Dies hilft nicht nur den Menschen, sondern führt langfristig zu einer Gesamtkostenreduzierung.

Damit Familien möglichst lange in der Lage sind, sich um ihre Angehörigen zu kümmern,

sind familienstützende Angebote unerlässlich. Dazu gehört auch, die Kurzzeitbetreuung

als gesetzlich definierte Eingliederungsleistung anzuerkennen.

Projekte, welche die Eigenständigkeit von Menschen mit Behinderung nachhaltig fördern,

wie beispielsweise die Umsetzung des Persönlichen Budgets, müssen konsequent

fortgeführt werden. Nur so ist selbstbestimmte Teilhabe am sozialen Leben im Sinne der

UN-Konvention für die Rechte der Menschen mit Behinderung möglich. Allgemeinverbindliche

Standards zur Verbesserung von Integration und Inklusion müssen gesetzlich fixiert

sein und in allen Lebensbereichen Anwendung finden.

Letztlich müssen alle am Prozess Beteiligten, angefangen von Betroffenen und Angehörigen

über Leistungsträger und -erbringer bis hin zu Politik und Verwaltung an einem

Strang ziehen, wenn Inklusion gelingen soll. Ziel ist eine umfassende Sozialplanung, bei

der einer kostenträgerübergreifenden Zusammenarbeit sowie einer sinnvollen Verteilung

der Zuständigkeiten die entscheidende Rolle zukommt.

14

Zahlen und Fakten

Von den allein lebenden Menschen mit Behinderung im Alter von 25 bis 45 Jahren:

hat ein Drittel weniger als 700 Euro im Monat zur Verfügung.

können lediglich 52 Prozent ihren Lebensunterhalt durch Erwerbstätigkeit bestreiten

oft im Niedriglohnbereich.

Haushalte mit Elternteilen mit Behinderungen verfügen im Schnitt über weniger als

halb soviel Geld wie der durchschnittliche Haushalt mit Kindern in Deutschland.

In Sachsen leben über 300 000 Menschen mit Behinderung.


Grundrecht „Dach über dem Kopf“ Menschen in Wohnungsnot

Wohnungslose und von Wohnungslosigkeit Bedrohte sind die am meisten benachteiligten

Menschen unserer Gesellschaft. Ihre Situation ist als prekäre Lebenslage beziehungsweise

als Lebenslage in extremer Armut zu verstehen. Die Notlage umfasst das Zusammenwirken

von Ausgrenzung, Krankheit, sozialer Isolation, fehlender materieller Existenzgrundlage,

fehlender oder nicht ausreichender Wohnung, fehlender Zugang zu Arbeit und

Ausbildung sowie mangelnden familiären Strukturen. Beim Bezug einer Unterkunft wird

beispielsweise eine verauslagte Mietkaution mit der Regelleistung verrechnet, obwohl dies

ein Verstoß gegen geltendes Recht ist. Die Bearbeitung der Kostenübernahme für Unterkunft

und Betrieb muss daher im vorgeschriebenen zeitlichen Rahmen erfolgen und die

tatsächlichen Kosten abdecken. Andernfalls besteht abermals die Gefahr der Wohnungslosigkeit

und der Kreislauf beginnt erneut.

Um diese besonderen sozialen Schwierigkeiten zu überwinden, gibt es die Einrichtungen

und Dienste der Wohnungslosenhilfe. Sie arbeiten auf Grundlage des § 67ff des SGB XII.

Der Rahmenvertrag des Freistaates Sachsen sieht drei Leistungstypen vor: Beratungsstellen

für wohnungslose und von Wohnungslosigkeit bedrohte Menschen, tagesstrukturierende

Angebote für bestimmte Personengruppen und ambulant betreutes Wohnen zur

Überwindung besonderer sozialer Schwierigkeiten. Hinzu kommen die polizeirechtliche

Unterbringung (Obdachlosenheime, Notunterkünfte) sowie die Versorgung mit Essen und

Bekleidung. Diese Maßnahmen dienen der Gefahrenabwehr und der niedrigschwelligen

15


Wohnungslose/Menschen in Überschuldungssituationen

Versorgung, welche sich ergänzend zur professionellen Wohnungslosenhilfe an Menschen

in Wohnungsnot richten. Die skizzierte umfassende Notlage begründet einen gesetzlichen

Anspruch auf Hilfe zu deren Überwindung. Diese Pflichtleistung ist von den zuständigen

örtlichen Sozialhilfeträgern im Rahmen der sozialen Daseinsvorsorge über Versorgung

und Unterbringung hinaus als Bedarf anzuerkennen und umzusetzen. Einrichtungen und

Dienste der Wohnungslosenhilfe sind dort flächendeckend vorzuhalten, wo Menschen

diese persönliche Hilfe benötigen.

Deshalb fordert die Liga

Keine Verzögerung der Hilfegewährung aufgrund von Zuständigkeitsunklarheiten zwischen

Jugendamt und Sozialamt bei 18 bis 21-jährigen jungen Erwachsenen.

Die 2006 eingestellte Sozialberichterstattung für Wohnungslose wieder aufzunehmen.

Nur so ist es möglich, Hilfsangebote gezielt einzusetzen und die Erfolgschancen zu erhö-

Leere Taschen - Menschen in Überschuldungsituationen

Überschuldung ist eine strukturell gewichtige Problematik, da sie weitreichende finanzielle

und soziale Folgen für die betroffenen Menschen, ihre Familien und die Gesellschaft im

Ganzen mit sich bringt. Wenn beispielsweise der laufende Lebensunterhalt nicht mehr

gesichert ist, kann dies leicht weitere Schulden nach sich ziehen, zum Beispiel durch

Miet- und Energiekosten. Auch ist der Zugang zu medizinischer Versorgung auf Grund

von Praxisgebühr und eventuellen Zuzahlungen nicht mehr möglich.

Hinzu kommen Auswirkungen im sozialen Umfeld. Den Kindern bleiben kostenpflichtige

Bildungsangebote verwehrt. Die Teilnahme der betroffenen Familien und Einzelpersonen

an gesellschaftlichen Aktivitäten nimmt ab. Der mögliche Verlust des Kontos verwehrt die

Teilhabe am Zahlungsverkehr, die Pfändung von Lohn und Gehalt kann bis zur Kündigung

führen. Überschuldung ist somit auch ein Vermittlungshemmnis bei der Arbeitsuche.

Vom Verlust des Selbstwertgefühls bis hin zu psychosomatische Erkrankungen sind Fol-

16

Zahlen und Fakten

2006 lebten in Sachsen nach offiziellen Angaben 1182 wohnungslose Menschen.

2008 wurden allein in den Anlaufstellen von AWO, Caritas, Diakonie und DRK über

3155 Menschen beraten und begleitet.


geerscheinungen keine Seltenheit. Private Überschuldung hat darüber hinaus auch gesamtgesellschaftliche

Effekte. Überschuldete Menschen nehmen nur eingeschränkt am

Wirtschaftsleben teil und können sich lediglich punktuell ins Gemeinwesen einbringen. So

entstehen aus dem oben beschriebenen Gründen Mehrkosten für die Gesundheitswirtschaft

sowie generelle Zusatzanforderungen an die sozialen Sicherungssysteme. Es ist

demnach auch eine volkswirtschaftlichen Belastung zu erkennen.

Deshalb fordert die Liga

Überschuldung muss als ein gesellschaftliches Problem wahrgenommen werden, welches

sozioökonomische Ursachen hat. Um die Situation sachgerecht abbilden zu können

und die Hilfeangebote der Schuldnerberatung bedarfsgerecht auszugestalten, ist eine

fundierte Datenerhebung mittels Statistik (Sozialreport) erforderlich. Die erhobenen Daten

sind regelmäßig durch den Freistaat öffentlich zu machen.

Menschen in Überschuldungssituationen benötigen Zugang zu kostenfreier professioneller

Schuldnerberatung mit psychosozialer Stabilisierung unter Einbeziehung ihres

Lebensumfeldes. Dies umfasst bei Bedarf auch die Beratung zum Insolvenzverfahren und

die Hilfe bei außergerichtlichen Einigungsverfahren.

Der „Schuldenprävention“ muss deutlich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden,

unter anderem durch den Aufbau und die Etablierung von flächendeckenden regelfinanzierten

Angeboten zur finanziellen Bildung, durch die Schaffung einer zentralen Präventionsfachstelle

zur Unterstützung und die Vernetzung der regionalen Angebote und nicht

zuletzt durch die Aufnahme der finanziellen Bildung als Unterrichtsfach in den Lehrplan.

Als Maßnahmen des Verbraucherschutzes sollte jedem ein gesetzlich verbrieftes Recht

auf ein Girokonto gewährt werden und eine verantwortungsbewusste Kreditvergabe erfolgen.

Zahlen und Fakten

9 Prozent aller sächsischen Haushalte sind überschuldet.

2007 waren etwa 380 000 Menschen in Sachsen von Überschuldung betroffen.

Nur 15 Prozent der Betroffenen können aktuell in der Schuldnerberatung betreut

werden.

17


Asylbewerber/Die Freie Wohlfahrtspflege in Sachsen

Fern der Heimat Asylbewerber und Menschen

mit Duldungsstatus

Das Asylbewerberleistungsgesetz (AsylbLG) schließt Asylsuchende, Menschen in

„(Ketten-)Duldung“ sowie Personen mit Aufenthaltserlaubnis aus humanitären Gründen

vom Bezug der allgemein gewährten sozialen Mindestleistung aus.

Die nach dem AsylbLG gewährten Leistungen liegen aktuell rund ein Drittel unter dem

Leistungsniveau des Arbeitslosengelds II. Seit der Einführung des AsylbLG im Jahr 1993

sind die noch in D-Mark benannten Sätze nicht erhöht worden. Für Nahrung, Kleidung,

Unterkunft, Heizung und Hygiene gewährt das AsylbLG einem Erwachsenen seit 17 Jahren

unverändert Sachleistungen im Wert von monatlich 360 D-Mark (= 184,07 Euro) -

mancherorts werden die Leistungen auch direkt ausgezahlt. Hinzu kommt ein Barbetrag

in Höhe von monatlich 80 D-Mark (= 40,90 Euro) für persönliche Bedarfe wie Fahrkarten,

Telefonate, Anwaltskosten und dergleichen. Die seit 1993 erfolgte Preissteigerung von

zirka 22 Prozent ist dabei ebenfalls nie berücksichtigt worden.

Für die medizinische Versorgung kommt der Staat nur auf, soweit ein Amtsarzt eine akute

Erkrankung oder Schmerzzustände attestiert. Notwendige Operationen oder medikamentöse

Behandlungen zur Linderung chronischer Leiden werden nicht übernommen. Es ist

daher augenscheinlich, dass der Leistungsumfang nach dem AsylbLG unzureichend ist,

um eine menschenwürdige physische und soziokulturelle Existenz zu sichern.

18


In seinem Urteil vom 9. Februar 2010 hat das Bundesverfassungsgericht dem Gesetzgeber

aufgegeben, bis Ende 2010 das Existenzminimum für Empfänger von Arbeitslosengeld

II neu zu definieren.

Deshalb fordert die Liga

Es ist geboten, das in der derzeitigen Form diskriminierende AsylbLG abzuschaffen

und die Betroffenen auf die gleiche Stufe mit Empfängern von ALG II zu stellen. Seitens

des Freistaates ist beim Bund auf diese Änderung hinzuwirken.

Zwischenzeitlich ist der Freistaat aufgefordert, in seinem Zuständigkeitsbereich eine

weitestgehende Öffnung der bisherigen Regelung zu veranlassen, wie sie in Teilen vom

Sächsischen Ausländerbeauftragten und dem Sächsischen Staatsminister des Innern

Zahlen und Fakten

5,3 Prozent der aufgenommenen Asylbewerber kommen nach Sachsen.

2008 waren es 1302 Personen.

Darüber hinaus lebten zu jener Zeit 3163 geduldete Personen im Freistaat.

Handeln für die Menschen

Die Bedeutung der Freien Wohlfahrtspflege in Sachsen

Die Freie Wohlfahrtspflege ist ein fundamental bedeutender Akteur im Sinne des Sozialstaatsgedankens

der Bundesrepublik. Das Grundgesetz selbst räumt durch das Subsidiaritätsprinzip

der Freien Wohlfahrtspflege einen Vorrang vor der Aufgabenerfüllung durch

den Staat ein. So leisten die Wohlfahrtsverbände durch ihre Konzepte, Einrichtungen und

Dienste einen entscheidenden Beitrag zur Sozialstaatlichkeit des Gemeinwesens.

Zentrale Aufgabe der Wohlfahrtsverbände ist es, Menschen in schwierigen Lebensumständen

zu unterstützen und ihnen aktiv bei der Verbesserung ihrer Lage beizustehen. Um

diesem Anspruch gerecht zu werden, gibt es verschiedene Einrichtungen und Dienstleistungen,

die in den unterschiedlichsten Bereichen sozialer Arbeit wirksam sind. Ihr Handeln

orientiert sich dabei stets an den jeweiligen Bedarfen, Bedürfnissen und Problemen der

Betroffenen. Die hohe Fachlichkeit und die oft langjährige Erfahrung der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter ermöglichen es, den Menschen auf Ihrem Weg zurück in die Gesellschaft

gezielt und effektiv zu helfen. Dabei werden die hauptamtlich Tätigen auch von ehrenamt-

19


Die Freie Wohlfahrtspflege in Sachsen/Praxisbeispiel AWO

lich engagierten Bürgerinnen und Bürgern unterstützt. Nicht zuletzt darin liegt eine weitere

entscheidende Stärke der Wohlfahrtsarbeit: Menschen zur Hilfe zu befähigen und vielfältige

Möglichkeiten zivilgesellschaftlichen Engagements anzubieten.

Von ausschlaggebender Bedeutung ist zudem die hochgradige fachinhaltliche Kompetenz

der Wohlfahrtsverbände. Die Verbindung von Praxis und theoretischem Wissen gestattet

es ihnen, sich entwickelnde Problemlagen frühzeitig zu erkennen, fundierte Lösungsansätze

zu erarbeiten und entsprechend passgenaue Angebote zu entwickeln.

Die auf diese Weise gewonnen Kenntnisse sind nicht nur für die erfolgreiche praktische

Arbeit von großem Wert, sondern auch für die politischen Entscheidungsträger aller Instanzen.

Die Wohlfahrtsverbände sind daher ein unersetzlicher Impulsgeber für eine praxisorientierte

Sozialpolitik. In ihrer Beratungsfunktion bündeln sie Kommunikationsprozesse

zwischen Einrichtungen sozialer Arbeit und Verantwortungsträgern aus Politik und Verwaltung.

Sie bilden Brücken, öffnen Diskussionsräume und erzeugen wechselseitiges Verständnis.

Ohne die Wohlfahrtsverbände ist die gezielte Gestaltung sozialpolitischer Prozesse

nicht realisierbar und der effiziente Einsatz von Ressourcen nahezu unmöglich.

Deshalb fordert die Liga

die bestehenden Strukturen der Wohlfahrtspflege und der sozialen Arbeit zu stärken,

anstatt zusätzliche Programme ohne die Beteiligung der betroffenen Akteure aufzulegen.

die Spitzenverbände der Freien Wohlfahrtspflege im Rahmen einer verlässlichen Zusammenarbeit

frühzeitig und kontinuierlich in die Planung und Fortentwicklung der Wohlfahrtspflege

in Sachsen einzubinden.

das Ehrenamt zu stärken, auch durch den Erhalt der dafür notwendigen hauptamtlichen

Stellen.

20

Zahlen und Fakten

Sachsenweit arbeiten über 85 000 Menschen in der Freien Wohlfahrtspflege.

25 000 weitere Bürgerinnen und Bürger engagierten sich ehrenamtlich.

Seit 2002 warben die Wohlfahrtsverbände allein aus Soziallotterien wie Aktion

Mensch, Glücksspirale, Fernsehlotterie über 95 Millionen Euro zusätzliche Mittel für

die Freie Wohlfahrtspflege ein.


Die Post von Monaten ungeöffnet: Ein Bild der Angst, Realitätsflucht und gefühlten Ausweglosigkeit.

Schuldnerberater bringen wieder Struktur in die persönlichen Finanzen.

Hilfe, wenn Ausweglosigkeit und Angst erdrückt

AWO Schuldnerberatung Hoyerswerda lässt Menschen

wieder wachsen

„Warum ist am Ende des Geldes immer noch soviel Monat übrig?“, heißt es auf einem

hellblauen Merkblatt der AWO Schuldnerberatung Hoyerswerda. Im Innenteil dann ganz

sachlich: Haushaltsplan, Schuldenregulierung, Verhandlungen, Insolvenz kostenlos, vertraulich.

Schuldnerberater Enrico Kirschner: „Eine Überschuldung stellt eine außerordentliche Belastung

für die ganze Familie dar. Sie wirkt sich nicht nur materiell aus, sondern führt

zu großen psychischen Belastungen, die weitere Probleme nach sich ziehen.“ Wie zum

Beweis steht in der Beratungsstelle eine große Kiste auf dem Boden: randvoll mit den ungeöffneten

Briefen eines Betroffenen. Ihr Anblick spricht Bände von Angst, Realitätsflucht,

gefühlter Ausweglosigkeit in der sich Menschen befinden, deren Einkünfte ihre Ausgaben

dauerhaft nicht decken können. Ohne Hilfe geraten sie tiefer in den Schuldenstrudel.

Wie es der Handzettel deutlich macht, bringt Berater Kirschner Struktur in die verfahrene

Situation der Schuldner, schafft Transparenz, verhandelt mit Gläubigern und arbeitet gemeinsam

mit den Betroffenen an einem individuellen Konzept. „Das ist das Spannende

an meiner Arbeit“, so Kirschner. Und was ist das Schönste? „Die Menschen wachsen.

Einmal stand eine Frau nach den sechs erfolgreich absolvierten Jahren Privatinsolvenz mit

einer Keksdose und Kaffee vor der Tür und ich dachte: ‚Holla, sie ist aber gewachsen.’

21


Praxisbeispiele AWO/Caritas

Die Klientin ging sonst immer ganz gebückt. Ich hielt das für einen Wirbelsäulenschaden.

Im Gespräch sagt sie den Satz „Es hat mich erdrückt, aber jetzt ist mir wie eine Last von

der Schulter gefallen. Da weiß man, warum man arbeitet.“

Die pauschale Schuldzuweisung: „Die können nicht mit Geld umgehen“ ist falsch. Viele

Menschen geraten durch Krankheit, Scheidung, Arbeitsplatzverlust oder Erbschaften

in finanzielle Schieflage. Individuelle Faktoren sind selten ausschlaggebend. Weniger als

zehn Prozent der betroffenen Menschen sind wegen einer Suchtproblematik überschuldet.

Prekäre Beschäftigung zu Armutslöhnen ist dazu ein fast systematischer Hintergrund

für ein Leben in dem es „hinten und vorn“ nicht reicht. Die abschmelzende Mittelschicht

sei auch nicht ungefährdet: „Kaum jemand in Sachsen kann für harte Zeiten sparen“, so

der Schuldnerberater.

Neun Prozent aller Menschen in Sachsen sind überschuldet. Nur 15 Prozent dieser

380 000 Betroffenen können hierzulande in Schuldnerberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände

und Kommunen beraten werden. Manche geraten stattdessen an windige Finanzberater

oder Banken und verschlimmern ihre Lage drastisch.

Wozu eigentlich Spitzenverbände?

AWO Initiative „Ich lebe gesund“ sorgt für die Umsetzung

sächsischer Gesundheitsziele

Im Mai 2006 beschloss das sächsische Sozialministerium Gesundheitsziele für den Freistaat.

Eines davon nennt sich „Gesund aufwachsen“. Ein Ziel setzen und es erreichen sind

bekanntlich zwei verschiedene Dinge. Wie wird politischer Wille zu konkretem Handeln?

In Sachen „Gesund aufwachsen“ machte sich die AWO als erster Wohlfahrtsverband auf

den Weg: Für die 200 sächsischen Kindertageseinrichtungen unter dem roten AWO Herzen

hat das „Team Familie“ des AWO Landesverbandes die Gesundheitsinitiative „ICH

LEBE GESUND“ erstellt. Das Ziel: ein Baukasten zur Gesundheitsarbeit für die Kitas vor

Ort.

Das plüschige AWO Gesundheitsmaskottchen „AWOlino“ gehört zum Repertoire des landesweiten

Vorgehens, genauso wie Malwettbewerbe und der Baustein „TigerKids“ - ein

Präventionsprojekt in Zusammenarbeit mit der AOK. Neben pädagogischen Handlungsleitfäden

gibt es dazu seit 2008 in den AWO Einrichtungen einen eigens entwickelten

Gesundheitspass für jedes Kind in Krippe, Kindergarten und Hort.

22


Die Menschen hinter dem „Spitzenverband“: Das Team Familie der Arbeiterwohlfahrt präsentiert gemeinsam

mit der AWO Landesvorsitzenden Margit Weihnert (Dritte von links) ein Gewinnerbild des diesjährigen

AWOlino-Malwettbewerbs.

So können frühzeitig gemeinsam mit Eltern und Erziehern - die Weichen für ein gesundes

Aufwachsen gestellt werden. Für viele Kinder kann das Einüben einer gesunden Lebensweise

und kompetenz den schmerzlichen Kreislauf „Armut macht krank und Krankheit

macht arm“ durchbrechen helfen. Das hatte die AWO Landeskonferenz im Sinn, als sie

den Arbeitsschwerpunkt „Kinder- und Familienarmut“ beschloss und für die Spitzenverbandsarbeit

in den Focus nahm.

Verbandsvorsitzende Margit Weihnert: „Die Kindertagesstätte ist ein wichtiger Ort der Gesundheitsbildung.

Bei einem Betreuungsgrad von 95 Prozent ist der Zugang zu fast allen

Kindern gegeben. Den häufigsten Gesundheits- und Entwicklungsstörungen sächsischer

Kinder wie Sprachauffälligkeiten, Herabsetzung der Sehschärfe, Störungen der Grob- und

Feinmotorik sowie emotional-psychosozialen Verhaltensauffälligkeiten kann hier am effektivsten

vorgebeugt werden.“

Inzwischen wird an der Bereitstellung der AWO Gesundheitspässe für alle sächsischen

Kitas gearbeitet und eine eigene Studie zur Erzieherinnengesundheit ausgewertet. Kultus-

und Sozialministerium greifen bewusst auf die Statistiken der Befragungen und Sachstandserhebungen

der AWO zurück. Stellvertretend für alle Bereiche des Sozialen zeigt

sich hier: Wohlfahrtsverbände sind Innovationsmotoren und Realitätstester für Politik.

23


Praxisbeispiele Caritas

Im Caritasladen gibt es vieles, was sonst unerschwinglich wäre.

Teilhabe ermöglichen

Der Caritasladen in Leipzig hilft Menschen in Not

Strampler, Jacken, Mäntel, sogar Hochzeitskleider gibt es. Im Caritasladen in Leipzig finden

bedürftige Menschen vieles, was ihnen sonst unerschwinglich wäre. Der rund 300

Quadratmeter große Laden befindet sich im Leipziger Stadtteil Grünau. Sozialer Brennpunkt.

Hier leben viele Menschen, die arbeitslos sind und Hartz IV-Leistungen empfangen.

„Die Armut nimmt zu“, sagt Geschäftsführer Tobias Strieder. Fast jeder fünfte Haushalt

in Sachsen sei von Einkommensarmut betroffen, allein in Leipzig 78 000 Menschen. Vor

allem für sie ist das Angebot im neuen Caritasladen in der Alten Salzstraße. Damit sie ein

Leben in Würde führen können. Es gehe darum, Menschen, die am Rande der Gesellschaft

stehen, zu achten.

Mit der Neueröffnung wurden die beiden bisherigen Standorte des Leipziger Caritasladens

in der Merseburger Straße und im Familienzentrum Grünau unter einem Dach zusammengeführt.

Das Angebot hat sich zu einer festen Anlaufstelle für Menschen in Not etabliert. Im

neuen Caritasladen erhalten die Bedürftigen nicht nur materielle Unterstützung, sondern

bekommen auch Informationen über weitere Hilfs- und Beratungsangebote. Die Waren

erhalten die Inhaber des „Leipzig-Passes“ oder bedürftige Rentner gegen eine Spende.

Neu hinzugekommen ist eine Möbelausgabe sowie der Wohnungssuchdienst.

24


Froh über die Einrichtung ist auch Christian Walther, Abteilungsleiter im Leipziger Sozialamt.

Der Caritas sei es immer wieder gelungen, den bedürftigen Menschen Hilfsangebote

zu machen und ihneb über die größten Notzeiten hinwegzuhelfen. Dabei handele es sich

jedoch nicht um Almosen, sondern um wirksame Hilfe, die „als Übergang“ gedacht sei

bis sich die Lage der Betroffenen verbessert habe. Mit solchen Einrichtungen dürfe die

Armut in der Gesellschaft nicht verfestigt werden. Dennoch seien sie für viele Menschen

überlebensnotwendig.

Bettina Schmidt (Name geändert) will den Besuch im Leipziger Caritasladen eigentlich

verhindern. „Ich bin allein erziehend mit zwei kleinen Kindern und versuche, soweit wie

möglich selber klar zu kommen“, erklärt sie. Beim Kauf von Kindersachen stößt sie aber

immer wieder an ihre Grenzen. „Gerade Kindersachen sind wahnsinnig teuer geworden,

dafür reicht mein Halbtagsjob nicht aus.“ Im Caritasladen bekommt sie Sachen für die

Kinder, die „sogar Neuwert haben.“ Darüber ist die junge Mutter sehr froh, auch wenn sie

sich eine andere Situation wünscht.

„Treffen kann es jeden“

25 Jahre Caritas-Suchtberatung in Dresden

Berthold Student verstand die Welt nicht mehr. Erst hat er in der Tasche seiner Frau kleine

Fläschen gefunden neckische Geburtstagsgeschenke für Freundinnen, dachte er. Dann

veränderte sie sich, war tagsüber plötzlich betrunken, bekam ihr Leben nicht mehr in den

Griff. „Vorübergehend“, beruhigte sich Berthold Student. Es folgten peinliche Auftritte bei

Partys mit Freunden oder Familienfeiern. Die Mutigsten haben ihn angesprochen: „Kann es

sein, dass deine Frau ein Alkoholproblem hat?“ Heute, so sagt er, sei seine Frau trocken.

Aber die Krankheit sei nicht heilbar und Rückschläge könne es immer wieder geben. Berthold

Student hat aber neuen Mut gefasst: Entzug, Paartherapie, Selbsthilfe. Die Eheleute

haben das ganze Programm gefahren, um ihre Probleme in den Griff zu bekommen.

Für Menschen wie Berthold Student gibt es Einrichtungen wie die Caritas-Suchtberatungsstelle

in Dresden, die 2010 ihr 25-jähriges Jubiläum feierte. Neben Beratung, Diagnostik

und Informationen zu Ursachen und Behandlungsmöglichkeiten von Suchterkrankungen,

insbesondere bei Alkoholproblemen, bietet die Beratungsstelle weitere Angebote

der Hilfe, zum Beispiel bei nicht stoffgebundenen Süchten, wie dem Glücksspiel. Darüber

hinaus gehören tagesstrukturierende Angebote, wie Freizeitgruppen, die von Betroffenen

und ihren Angehörigen besucht werden, zum Angebot. Finanziert wird die Beratungsstelle

über kommunale Mittel, aus Geldern der Eingliederungshilfe und aus Landesmitteln.

„Durch die Sparvorhaben der Landesregierung droht hier eine erhebliche Kürzung trotz

steigenden Bedarfs“, sagt der Leiter der Beratungsstelle, Peter Müller-Merkel, und warnt

25


Praxisbeispiele Caritas/Deutsches Rotes Kreuz

davor, Gelder in der Suchthilfe zu streichen. „Wer hier den Rotstift ansetzt, handelt verantwortungslos.

Die Folgekosten werden enorm sein.“

Seit 1968 ist Alkoholismus von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Krankheit anerkannt.

Aber noch immer sei sie gesellschaftlich geächtet, so Peter Müller-Merkel. Die

Erkrankung ziehe sich jedoch durch alle Teile und Schichten der Bevölkerung Tendenz

steigend. Müller-Merkel: „Treffen kann es jeden.“

Die Sächsische Landesstelle gegen Suchtgefahren (SLS) hat ausgerechnet, dass rund

3000 Betroffene in den nächsten zwei Jahren nicht mehr behandelt werden können, sollte

die sächsische Landesregierung ihre Kürzungspläne wahr machen. „Dies wird verheerende

Auswirkungen haben“, sagt Müller-

Merkel. „Es ist nicht nur Spielsüchtige oder

Alkoholiker, die Hilfe brauchen, sondern

auch die Familien. Die Kinder haben am

meisten zu leiden.“ Von den Problemen eines

Alkoholikers seien im Schnitt zwei bis

drei Menschen mitbetroffen. Alleinerziehende

Partner mit Kindern, die es nicht mehr

ausgehalten haben, geraten in die Armutsfalle.

Für Unterhaltsleistungen zum Beispiel

müsse dann der Steuerzahler aufkommen,

weil der Suchtkranke oft nicht mehr in der

Lage sei, dieses Geld aufzubringen. „Nur

ein Beispiel für die enormen Folgekosten,

die auf uns zukommen, wenn der Suchtkranke

nicht mehr die Hilfe bekommt, die

er braucht.“ Hier sei das Engagement aller

Akteure in der Suchthilfe gefragt. Die Kürzungen

im Haushalt seien eifach zu kurz

gegriffen.

Berthold Student kann heute offen über die Suchterkrankung

seiner Frau sprechen.

Berthold Student hat mit seiner Frau den

Sprung geschafft. „Aber auch nur deshalb,

weil wir viel Hilfe hatten, von Freunden, von Sozialarbeitern, Ärzten und Menschen, die es

gut mit uns gemeint haben“, sagt er. Wenn Sachsen mit seinen Kürzungen im sozialen

Bereich so weitermacht, hätten viele Menschen diese Chancen nicht mehr, befürchtet

Müller-Merkel.

26


Das DRK hilft den Migrantinnen und Migranten, sich im deutschen Behördenwald zurechtzufinden.

Hilfe bei der Eingliederung

Die Migrationserstberatung des Deutschen Roten Kreuzes

Gemäß seiner Grundsätze fördert das Deutsche Rote Kreuz ein gleichberechtigtes, friedliches

und respektvolles Zusammenleben aller Menschen, unabhängig von ihrer ethnischen

Herkunft, kulturellen Prägung oder weltanschaulichen Überzeugung. Die Migrationssozialarbeit

im Landesverband Sachsen e.V., die Beratung, Begleitung und Betreuung der

Migrantinnen und Migranten umfasst eine breite Palette von Orientierungs- und Eingliederungshilfen

(Wohn-, Arbeits- und Schulfragen und vieles mehr), Unterstützung bei sozialrechtlichen

Problemen und Verfahrensfragen sowie Hilfestellung bei psychosozialen

Problemen, wobei ein besonderes Augenmerk auf die Hinführung der Migrantinnen und

Migranten zu Eigeninitiative und Eigenverantwortung gelegt wird.

Seit dem 1. Januar 2005 ist das Deutsche Rote Kreuz im Land Sachsen Träger der Migrationserstberatung

(MEB) und knüpft mit diesem Programm an seine Erfahrungen ins-

27


Praxisbeispiele DRK/Diakonie

besondere in der Aussiedlerberatung, in der Projektarbeit, der Vernetzung und der interkulturellen

Arbeit an.

Insgesamt sind DRK-Berater in 22 Migrationsberatungsstellen (einschließlich Zweigstellen)

tätig. Dadurch wird ein hoher Beitrag zur Integration für diese Menschen geleistet. Im Mittelpunkt

stehen dabei die mit dem Integrationskurs beginnende Integrationsförderung sowie

die Befähigung zu selbständigem Handeln in allen Bereichen des täglichen Lebens.

Der Bedarf der Zielgruppen ist gekennzeichnet durch Multi-Problem-Konstellationen. Je

Beratungsfall werden durchschnittlich neun Themenbereiche relevant. Die Schwerpunkte

liegen hier in den Bereichen:

28

soziale Sicherung

Arbeit /Arbeitslosigkeit

wirtschaftliche Fragen des Alltags

Das Zusammenleben von Migranten und Einheimischen im Alltag, die Integration als dynamischer

Prozess der wechselseitigen Annäherung von Zugewanderten und Bürgerinnen

und Bürgern der Aufnahmegesellschaft verläuft nicht problemlos. Aus diesem Grunde

führte das DRK in Sachsen das Projekt „Q+Plus - LebensQualität steigern“ durch. Speziell

durch dieses Projekt sollte es gelingen, die aktuelle Lebenssituation von jungen Menschen

in Asylbewerberheimen zunächst exemplarisch in den drei ländlichen Regionen Annaberg,

Kamenz und Niesky (betreut vom DRK Kreisverband Weißwasser) zu verbessern.

Der persönliche Kontakt im Patenschaftsnetzwerk ist besonders wichtig.

Über den Aufbau eines

Patenschaftsnetzwerkes

sowie die Etablierung

verschiedener Basisangebote

im Bereich Bildung

und Kultur konnte

es ermöglicht werden,

Vorurteile abzubauen,

bürgerschaftliches Engagement

zu fördern und

die Lebenssituation der

jungen Menschen in den

Asylbewerberheimen zumindest

im Hinblick auf

zwischenmenschliche

Beziehungen und soziale

Kontakte zu verbessern.


Alle machen mit

Spielplatztreff der Diakonie in Dresden

„Hallo, ich bin Jan (Name geändert) und bin acht Jahre

alt. Ich besuche sehr gern den Spielplatztreff der

Diakonie. Die Mitarbeiter spielen, singen und basteln

mit uns. Einmal im Monat kochen wir auch zusammen

das macht viel Spaß und alle machen mit.

Wenn wir uns streiten, dann helfen uns die Sozialarbeiter.

Letzte Woche wurden auf unserem Spielplatz

sogar Fahrräder verteilt die haben andere Familien

für uns gespendet. Jetzt habe ich wieder ein schönes

Fahrrad. Das alte war viel zu klein und schon

lange kaputt.“

Auch wenn die Mehrheit der Kinder, was Ernährung,

Wohnbedingungen und Konsummöglichkeiten angeht,

in unseren Wohlstandsgesellschaften im histo-

rischen Vergleich unter günstigen materiellen Verhältnissen aufwächst, ist nicht von der

Hand zu weisen, dass die Schere zwischen begünstigten und benachteiligten Lebenslagen

immer weiter aufgeht. Wir erleben bei unserer Arbeit einen deutlich erhöhten Bedarf

an gesunder Ernährung, vor allem bei Kindern, deren Familien von Armut betroffen sind.

Zudem erfahren arme Kinder nach unseren Beobachtungen mehr Einschränkungen in der

Kleidung, bei Kinderspielzeug und Urlaub beziehungsweise Ferienaktivitäten sowie beim

Besitz eines Fahrrades. Vor allem dies hat einschneidende Folgen für die Entwicklung der

Kinder.

Unsere Angebote wenden sich grundsätzlich an alle Kinder und Eltern im Ortsamtsgebiet

Dresden-Neustadt. Besonderes Augenmerk gilt jedoch den sozial benachteiligten Kindern

und deren Eltern.

Unser Ziel ist es, durch den regelmäßigen Kontakt auf Höfen und Spielplätzen die Lebensqualität

von Kindern und Familien nachhaltig zu verbessern.

Unsere Schwerpunkte: Aufsuchende Sozialarbeit

mit verbindlichen Spielplatz-Treffpunkten

mit variierenden Territorien (Streetwork)

Gruppenarbeit (Elterntreff, geschlechtsspezifische Arbeit)

einzelfallorientiertes Arbeiten

Arbeit im Gemeinwesen beziehungsweise Stadtteil

Kooperation mit Grundschulen

Jan geht gern zum Spielplatztreff der

Diakonie.

29


Praxisbeispiele DRK/PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband

Betroffene erfahren Zuspruch und Mitgefühl

Die Diakonie-Wohnungslosenhilfe der Stadt Zwickau

30

Eine Bank ist kein Zuhause. So fasst die

Wohnungslosenhilfe der Stadtmission Zwickau

kurz und bündig ihren sozialpädagogischen

Ansatz zusammen und leider hat

die markige Aussage nichts an Aktualität

verloren. Im Gegenteil: Das Arbeitsgebiet

Wohnungslosenhilfe spiegelt die tiefe Spaltung

unserer Gesellschaft und die Entwicklung

hin zu einer Zwei-Klassen-Gesellschaft

am deutlichsten wider. So nimmt die Zahl

derer, die sich mit Wohnungsproblemen an

uns wenden, Jahr für Jahr zu.

Wir beobachten eine erhebliche Steigerung

der Zahl der Betreuten im ambulant betreuten

Wohnen, einer vom Kommunalen Sozialverband

Sachsen finanzierten Leistung.

Hier brauchen wir auch in Zukunft erhöhte

Platzkapazitäten. Die Klienten betreuen wir

im Schnitt ein reichliches Jahr. In dieser Zeit

konnten wir bei fast allen Betreuungsfällen

neuen, selbst angemieteten Wohnraum

ehemaliger wohnungsloser Bürger nachhaltig

sichern helfen.

Wir merken jedoch, dass es zunehmend

Wohnungslosigikeit trifft Familien besonders hart.

schwieriger wird, Wohnraum für zum Beispiel

Mietschuldner in Zwickau und Umgebung

zu finden. Oftmals steht ein hoher zeitlicher, organisatorischer und persönlicher

Aufwand dahinter bis für die Betroffenen ein passender Wohnraum gefunden ist.

Auch in der Beratungsstelle für wohnungslose Menschen bekommen wir das Problem

zu spüren. Wissend um die „Wohnungsnot“ (vor allem bei kleineren Wohnungen), versuchen

wir deshalb intensiv, den vorhandenen Wohnraum bei Ratsuchenden, denen ein

Verlust der Wohnung droht, zu erhalten. Darüber hinaus gilt es, Miet- und Energieschulden

abzubauen oder gegebenenfalls auch Ersatz- und Übergangswohnraum zur Verfügung

zu stellen. Der Treff in der Römerstraße 11 hat die Funktion, dem bisher beschriebenen


Personenkreis wenigstens für ein paar Stunden einen Schutzraum zu bieten. Betroffene

erfahren hier Zuspruch und Mitgefühl Vereinsamungstendenzen werden mit diesem

Angebot vorgebeugt. Das stützt den Selbstwert und gibt dem Selbsthilfepotenzial neue

Impulse. Der Treff arbeitet der gesellschaftlichen Ausgrenzung von Wohnungslosen aktiv

entgegen und soll in der Gesamtheit seiner Angebote eine Teilnahme am Leben in der

Gemeinschaft ermöglichen. Umso wichtiger ist es, diese durch die Stadt Zwickau und den

Landkreis Zwickau als freiwillig eingestufte Aufgabe nicht aufzugeben, sondern weiter in

angemessener Weise zu finanzieren.

Für das Jahr 2009 flossen ausschließlich Landkreismittel zur Aufrechterhaltung des Angebotes

allerdings erst nach zähem Ringen und einem durch viel Lobbyarbeit und Gebet

bewirkten Kreistagsbeschluss. Für uns war dies trotz aller Kämpfe ein Grund zur Dankbarkeit

für diese Chance zum Weitermachen. Neben den langjährig „etablierten“ Angeboten

in der Wohnungslosenhilfe führten wir bis ins Jahr 2009 ein Streetwork-Projekt durch,

das vier Jahre lang überwiegend durch „Aktion Mensch“ gefördert wurde. Streetwork

heißt Straßenarbeit und weist damit auf den Sinn dieses Projektes hin: Die Mitarbeiter und

Mitarbeiterinnen sind nicht nur in unseren Räumen tätig, sondern begeben sich in das

unmittelbare Lebensumfeld wohnungsloser Menschen, auf die Straßen und Plätze. Wir erreichten

viele Betroffene, die bis dahin keinerlei Hilfe in Anspruch nahmen und motivierten

sie mit Erfolg, ihre Probleme schrittweise anzugehen.

Da nach Ablauf der Projektlaufzeit die Anschlussfinanzierung nicht zustande kam, kann

diese Hilfeform im Jahr 2010 nicht fortgeführt werden. Damit gehen die Chancen, das

wohl niederschwelligste Angebot für wohnungslose Menschen aufrechtzuerhalten, gegen

Null. Einziger Trost: Die gewonnenen Erfahrungen bleiben uns erhalten und fließen auch in

die tägliche Beratungsarbeit ein.

Leben in der Gesellschaft sichern

Kontakt- und Beratungsstellen für Menschen mit

(chronisch) psychischer Erkrankung

Mitgliedsorganisationen des PARITÄTISCHEN Sachsen sind Träger von Kontakt- und Beratungsstellen

für Menschen mit (chronisch) psychischer Erkrankung. Die Beratungs-stellen

bieten einen niedrigschwelligen Zugang zu interdisziplinären und fachübergreifenden

Hilfsangeboten. Auf diesem Weg gelingt es, die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft für

die erkrankten Personen zu sichern bzw. wieder herzustellen. So zum Beispiel durch:

Information und Beratung zu sozialrechtlichen Belangen (Vermeidung von Wohnungslosigkeit,

Grundsicherung, Entschuldung, Vermeidung von Verschuldung)

31


Praxisbeispiele PARITÄTISCHER Wohlfahrtsverband

Unterstützung und gegebenefalls Begleitung bei Anträgen, Ämter- und

Behördengängen

Information und Beratung zur medizinischen und Rehabilitationsmöglichkeiten,

Kontaktvermittlung

Koordination und Vernetzung von Leistungen

besondere Leistungen, die in einer Krisensituation notwendig werden

Hinzu kommen Angebote zur Tagesstrukturierung sowie Kontakt- und Freizeitangebote,

durch die ein entscheidender Beitrag zur Vermeidung von sozialer Isolation geboten

wird. Durch Hilfen zum Erhalt und Training von Fertigkeiten beispielsweise durch ergotherapeutische

Angebote kann man einer Chronifizierung der Erkrankung entgegenwirken.

Die Aktivierung von Ressourcen und Selbsthilfepotentialen sowie die Förderung der Lebenskompetenz

dienen als Grundlage von Prävention. Dazu gehört auch die Unterstützung

bei der Zukunftsplanung. Eine wichtige Rolle übernehmen die Beratungsstellen bei

der Begleitung in Übergangsphasen. Dies kann der Wechsel von der Klinik nach Hause,

von der Arbeitslosigkeit in die Ausbildung oder Beschäftigung und schließlich wieder ins

Berufsleben sein.Entscheidend ist dabei auch die Einbindung von Angehörigen und des

sozialen Umfeldes. Ein Mittel dazu sind beispielsweise Selbsthilfegruppen, die ebenfalls

Unterstützung erhalten.

Insgesamt tragen die Kontakt- und Beratungsstellen durch Ihre Angebote dazu bei,

dass die Erkrankten ihre Würde behalten, sich nicht von Ihrem Lebensumfeld abschotten

und das Problem

(chronisch) psychische

Erkrankung entstigmatisiert

wird. Ganz

entscheidend ist außerdem,

die Vermeidung

oder Verkürzung

von Klinikaufenthalten

sowie in stationären

Wohnangeboten. Damit

sorgen Sie für eine

nicht unerhebliche finanzielle

Entlastung

der Pflege- und Sozialkassen.

Der PARITÄTISCHE untersützt psychisch kranke Menschen bei der Wiedereingliederung

in die Gesellschaft.

32


Im Pflegeheim der vierten Generation leben die Bewohner in kleinen Wohngemeinschaften.

Leben im Alter

Das Pflegeheim der vierten Generation

Der demographische Wandel und die Berücksichtigung individueller Bedürfnisse stellen

an die Betreuung und Pflege von Seniorinnen und Senioren immer wieder neue Herausforderungen.

Ein Ansatz zur Lösung dieser Herausforderung ist das sogenannte „Pflegeheim

der vierten Generation“. Gegenüber herkömmlichen Pflegeheimen leben die Bewohnerinnen

und Bewohner in kleinen Wohngemeinschaften zusammen, dem sogenannten

Wohn-Pflege-Haushalten. Es geht dabei um das gesunde Gleichgewicht zwischen Eigenverantwortung

und Betreuung. Die Betreuung erfolgt durch geschulte „Alltagsgestalter“,

das heißt, die Bewohnerinnen und Bewohner werden entsprechend ihre individuellen

Wünsche, Möglichkeiten und Gewohnheiten in die Aktivitäten des täglichen Lebens einbezogen.

Die pflegerische Versorgung übernimmt qualifiziertes Pflegepersonal.

Ein Beispiel für dieses Modell ist das Altenpflegeheim „Sonnenhof“ der Volkssolidarität in

Schildau. Von Anfang an war es Ziel der Einrichtung, dass sich die Bewohnerinnen und

33


Praxisbeispiele PARITÄTISCHER/Zentralwohlfahrtsstelle

Bewohner im Heim zuhause fühlen. Erreicht wurde dies durch die Schaffung von Räumen,

in denen man sich mit dem eigenen Ich identifizieren kann, um den eigenen Lebensbedürfnissen

nachzugehen. Neben dem Aspekt der Pflege steht die Betreuung im Vordergrund,

welche von der Qualität der hauswirtschaftlichen Dienstleistung beeinflusst wird. Mit der

Einführung des Konzeptes der Hausgemeinschaften sind die bisherigen Organisationsstrukturen

eines Altenpflegeheims aufgelöst und zu Alltagsaktivitäten, wie beispielsweise

der Zubereitung von Mahlzeiten und ähnlichem, verlagert worden.

Die Umstellung auf dieses innovative Konzept der Betreuung und Pflege älterer Menschen

schlug sich auch in der Personalplanung nieder, da die Schnittstelle zwischen

Hauswirtschaft und Pflege ein anderes Management beziehungsweise einen anderern

Aufgabenzuschnitt als in herkömmlichen Pflegeheimen beansprucht. Somit können die

Bewohnerinnen und Bewohner, unter Berücksichtigung der Biografie und der Teilnahme

an hauswirtschaftlichen Aktivitäten im Wohnumfeld, das Leben im Altenpflegeheim

„Sonnenhof“ genießen. Alle Entscheidungen oder auch Probleme werden im Heimbeirat

besprochen, um den Wünschen und Bedürfnissen in optimaler Weise nachzukommen.

Der Hilfebedarf steigt

Unterstützung für die jüdischen Gemeinden in Sachsen

Durch die Zuwanderung jüdischer Kontingentflüchtlinge stieg die Zahl der Mitglieder der

jüdischen Gemeinde Dresden von 61 (1990) auf 681 (2009) Personen. 348 von ihnen sind

über 60 Jahre, altersbedingt sind viele von ihnen in schlechter gesundheitlicher Verfassung.

Ein Großteil der Migranten ist zudem finanziell dauerhaft auf Grundsicherung angewiesen.

Die Stadt Dresden übernimmt jedoch nur die gesetzlichen Pflichtaufgaben, die

Migrationserstberatungsstellen können aus formalrechtlichen Gründen nur die nach 2005

Zugezogenen betreuen. Rund 90 Prozent der zugewanderten Gemeindemitglieder kamen

jedoch bereits vor 2005 im geregelten Aufnahmeverfahren nach Deutschland.

Während die jungen Migranten relativ schnell über vielfältige Bildungswege Anschluss

fanden und möglichen Arbeitsplätzen deutschlandweit nachzogen, blieben die Älteren

weitgehend isoliert und wenig betreut zurück. Der soziale Hilfebedarf bei der Alltagsbewältigung

stieg stetig.

Wird diese Hilfe durch soziale Dienstleister erbracht, so eröffnen sich dabei wiederum

Fragen zu kultur- und religionsspezifischen Thematiken, beispielsweise der medizinischen

Versorgung oder der Bestattung. Hinzu kommen Sprachprobleme. Die Sozialabteilung

der jüdischen Gemeinde hilft beratend und wird vermittelnd tätig. Die Jüdische Gemeinde

34


zu Dresden hat jedoch

in erster Linie Verpflichtungen

als Religionsgemeinschaft

zu erfüllen,

bemüht sich aber traditionell

im Rahmen ihrer

begrenzten personellen

und finanziellen Möglichkeiten

auch um die

sozialen Anliegen ihrer

Mitglieder. Um allen Ansprüchen

gerecht zu werden,

hilft ihr besonders

die Unterstützung durch

derzeit einen haupt- und

zehn ehrenamtlich engagierte

Migranten. Diese

Kapazitäten stehen an-

Die Zentralwohlfahrtstelle berät jüdische Migranten und hilft somit bei

der erfolgreichen Integration.

gesichts der Vielzahl besonders schutzbedürftiger älterer Zuwanderer in keinem Verhältnis

zum Bedarf an qualifizierter sozialer Beratung und Begleitung.

Zusätzlich gestaltet sich das Zusammenwachsen von alteingesessener Gemeindemitgliedern

und Zugewanderten schwierig. Die Vorstellungen über Judentum und die Funktion

und Struktur jüdischer Gemeinden, mit denen die Migranten einreisen, entsprechen vielfach

nicht der Realität in Deutschland. Enttäuschung auf beiden Seiten ist die Folge, was

die Integration zusätzlich erschwert. Seit 2008 werden deshalb verschiedene Veranstaltungsformen

entwickelt und auch rege genutzt. So zum Beispiel gemeinsame Ausstellungen,

Erzählnachmittage und die Sammlung von Lebensgeschichten für eine Gemeindepublikation.

Die Beschäftigung mit den Biographien der jeweils anderen „Mitgliedergruppe“

verbessert die Kommunikation, das Verständnis und eröffnet Gemeinsamkeiten.

Die Arbeit der Zentralen Wohlfahrtsstelle der Juden und der jüdischen Gemeinde in Dresden

umfasst zur Zeit neben der Sozialberatung (Krisenintervention, Informationsaufbereitung,

Hilfe bei der Beantragung und Inanspruchnahme erforderlicher Hilfen oder psychische

und physische Präventionsangebote zur sozialen Stabilisierung) und den sozialen

Interaktionsmöglichkeiten (Deutschkurse, Mobile Bibliothek, Gemeinde- und Seniorenabende)

vor allem Netzwerkarbeit zur besseren Integration und Bündelung von Ressourcen.

Gegenseitig verbesserte Aufmerksamkeit ist dabei ein Schlüssel zur Integration.

35

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine