Der nüchterne Patient - Fortbildung - UniversitätsSpital Zürich

fortbildung.usz.ch

Der nüchterne Patient - Fortbildung - UniversitätsSpital Zürich

PRAXIS Praxis 2011; 100 (11): 631–638 631 Der nüchterne Patient Alltag im Spital: Nichts zu essen und zu trinken – die Frage aber lautet: für wie lange? Nüchternheit – das 19. Jahrhundert Der nüchterne Patient wurde zuerst 1858 als konzeptuell wichtig erachtet, als Snow et al. feststellten, dass eine Äther-Narkose bei vollem Magen zu Erbrechen führen konnte, was als unangenehm, aber ungefährlich interpretiert wurde. Erst der Fallbericht eines britischen Soldaten, der bei Behandlung einer Schusswunde im Bein an einer perioperativen Aspiration verstarb, sorgte für eine Sensibilisierung bezüglich einer Aspirationsprophylaxe. Die ersten praktikablen Empfehlungen wurden auf Basis persönlicher Erfahrungen 1883 vom britischen Chirurgen Lord online-CME der PRAXIS ist gemäss Fortbildungsprogramm der Schweizerischen Gesellschaft für Allgemeinmedizin (SGAM) als strukturierte und nachweisbare Fortbildung anrechenbar. Die Fortbildung entspricht einem geschätzten Arbeitsaufwand von einer Stunde pro Fortbildungsbeitrag und wird somit mit 1 Credit bewertet. SGAM-Mitglieder können online-CME der PRAXIS auf dem Selbstdeklarationsprotokoll notieren. Die Schweizerische Gesellschaft für Innere Medizin (SGIM) vergibt im Rahmen der nachzuweisenden Fortbildung Innere Medizin pro online-CME der PRAXIS 1 Credit. Joseph Lister formuliert: «While it is desirable that there should be no solid matter in the stomach when chloroform is administered, it will be found very salutary to give a cup of tea or beef-tea about two hours previously» (Lister 1883). Er führte als Erster die Unterscheidung der Nahrungsmittel in fest und flüssig ein, was von den meisten Textbüchern bis Mitte der 1960er Jahre in diesem Wortlaut übernommen wurde. Nil per os (NPO) – das zwanzigste Jahrhundert In den 1960er Jahren kam es dann zu einer Ausbreitung der nil-per-os-Regel (NPO) mit Nüchternheit ab Mitternacht des Vorabends und die Unterscheidung zwischen flüssiger und fester Nahrung im prä-interventionellen Rahmen wurde aufgehoben. Entscheidend waren hier unkontrollierte Tierversuche, in denen vergleichsweise grosse Mengen azider Flüssigkeiten intrabronchial appliziert wurden, welche nach heutigem wissenschaftlichem Standard keine Übertragbarkeit auf den Menschen erlauben. Dennoch fanden die in diesen Versuchen induzierten Pneumonitiden weithin Beachtung und unterstrichen die undifferenzierte NPO-Regel. Es stellte sich als organisatorisch praktikabel heraus, Patienten ab dem Vorabend einer Intervention nüchtern zu lassen, da keine spezifischen Nahrungs- oder Medikamenten-Verordnungen an die betreuenden Ärzte und Pflegefachkräfte ausgegeben werden mussten und sich zudem Probleme in der Terminplanung der Operationssäle/Interventionsräume einfacher ausgleichen liessen. «While it is desirable that there should be no solid matter in the stomach when chloroform is administered, it will be found very salutary to give a cup of tea or beef-tea about two hours previously» Joseph Lister, 1883 © 2011 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern DOI 10.1024/1661-8157/a000553


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 632 Der nüchterne Patient Forschung und neue, evidenz-basierte Richtlinien – ab 1980 Ende der 1980er Jahre mehrten sich die Hinweise, dass Fasten länger als 4 Stunden keinen Unterschied bezüglich Volumen des Mageninhalts oder Säuregehalt erbrachte, und die ersten klinischen, prospektiven und kontrollierten Studien wurden initiiert, um Unterschiede bezüglich Magenentleerung und Einfluss auf den Magen-pH sowohl fester als auch flüssiger Speisen in Abhängigkeit von Volumen und Zeit zu untersuchen. Eingenommene Flüssigkeitsvolumina dieser Studien bewegten sich zwischen 90 und 1000 ml; als Getränke wurden Wasser, Kaffee (mit oder ohne Milch) und Fruchtsäfte gewählt, und es wurden Zeiträume von 1.5–3 Stunden gegenüber 8–12 Stunden verglichen. Der generelle Konsensus dieser zwischen 1986 und 1993 veröffentlichen Studien war, dass das residuelle Magenvolumen unabhängig ist von der Art der Flüssigkeit, dem aufgenommenen Volumen und der gewählter Methode zur Bestimmung der Magenvolumina. Auch neuere direkte Nachweisverfahren wie z.B. die Ultrasonographie konnten zeigen, dass 300 ml Wasser innert 60 Minuten und die gleiche Menge an kohlehydratversetztem Wasser (oder Fruchtsaft) nach 90 Minuten komplett entleert war. Im Gegensatz dazu kann nach Aufnahme grösser Mengen fester Nahrung eine Fastenzeit von 6 Stunden ungenügend sein, wie De Silva et al. bei Patienten nach einer Reismahlzeit mit Linsen und Eiern in einer prospektiven, randomisierten Arbeit an über 100 Patienten zeigen konnten. Präinterventionelles Fasten (NPO) über Nacht wurde schliesslich von den meisten anästhesiologischen Arbeitsgruppen abgeschafft, nachdem in prospektiven Studien gezeigt werden konnte, dass Aspiration und andere peri-interventionelle Risiken bei Flüssigkeitsaufnahme bis zu zwei Stunden vor Operation nicht erhöht sind [8]. Entscheidend für den Transfer dieser Forschungsergebnisse auf die klinische Praxis war ein 1990 publiziertes erstes Editorial in «Anesthesiology». Der Autor präsentierte die bis anhin publizierten Ergebnisse aus Studien bei Kindern und Erwachsenen und kam zu folgendem Schluss: «I believe we have had enough publications directed at a problem that may not be clinically important, and suggest instead that we focus our attention upon fasting guidelines, and the type, timing and volume of liquid that is ‹safe› for elective surgical patients to consume with and without premedication».


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 633 Der nüchterne Patient Guidelines – das 21. Jahrhundert Knapp 10 Jahre dauerte es nach Publikation des ersten Editorials in «Anesthesiology», bis die amerikanische Gesellschaft für Anästhesie (ASA) die publizierten Erkenntnisse in ihre Richtlinien aufnahm und zu den auch heute noch gültigen zwei Stunden Flüssigkeits- und sechs Stunden Nahrungskarenz vor operativen oder interventionellen Eingriffen bei Nicht-Risikopatienten überging (1999). Tab. 1: Einführung der aktuell gültigen Empfehlungen zum präoperativen Fasten (Nahrungskarenz in Stunden vor dem Eingriff). Organisation Jahr flüssig fest Amerikanische Gesellschaft für Anästhesiologie (ASA) 1999 2 6 Blaubuch Medizin UniversitätsSpital Zürich (USZ) 1999 2 6 Vereinigung britischer und irischer Anästhesisten (AAGBI) 2001 2 6 Cochrane Review 2004 2 6 Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie (DGAI) 2004 2 6 Kanadische Anästhesisten Gesellschaft (CAS) 2005 2 6 Norwegische Nationale Konsensus Leitlinien (NNCG) 2005 2 6 Forschung – Nachteile des nil per os (NPO) In den Folgejahren kam es zu einer Gegenbewegung zum Fasten, indem Studien publiziert wurden, die die negativen Effekte von präoperativem Fasten beleuchteten. So konnte gezeigt werden, dass Fasten über Nacht zu einem Gesamtflüssigkeitsverlust von mindestens 1 Liter führt, was mit unangenehmem Durstgefühl, Schläfrigkeit und Schwindel assoziiert wurde [3]. Im Falle zusätzlicher Darmvorbereitung mit Laxanzien vor kolorektalen oder anorektalen Prozeduren, konnten zusätzliche Dehydratation und akzentuierte Störungen des Elektrolythaushaltes dokumentiert werden. Weitere Studien zeigten eine Zunahme der postoperativen Insulinresistenz sowie negative Effekte auf postoperative Muskelmasse und Muskelkraft. Jung et al. dokumentierten messbare Funktionseinschränkungen wie z.B. postoperativ prolongier- te intestinale Motilitätsstörungen [4]. Studien an Patienten mit kardiovaskulären Eingriffen zeigten einen niedrigeren Vasopressorenbedarf nach präoperativer Einnahme von kohlehydratreichen Flüssigkeiten. Weiterhin konnten positive Effekte auf das Immunsystem (spezifisch am Beispiel der Monozytenfunktion) dokumentiert werden. Die Realisierung der Anfang des Jahrtausends geänderten Guidelines sowie die Umsetzung der Erkenntnisse von Studien der letzten 10 Jahre zeigten regionale Unterschiede. Anhand einer Untersuchung wurde 2005 in Westeuropa eine Adhärenz an die neuen Leitlinien in über 85% aller Spitäler berichtet [2], während in Asien (spezifisch Japan) die gängige Praxis des «overnight NPO» zum selben Zeitpunkt von über 50% der Spitäler beibehalten wurde [7].


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 634 Der nüchterne Patient Stand der Dinge und aktuelle Empfehlungen – das 21. Jahrhundert In der Schweiz sind momentan (Stand Januar 2011) keine national gültigen Leitlinien zu diesem Thema publiziert; man verweist aktuell bezüglich gängiger Anästhesiepraktiken u.a. auf die amerikanischen, britischen und deutschen Gesellschaften, an derer Empfehlungen man sich nach kritischer Prüfung orientieren soll. In der Umsetzung all dieser Guidelines gilt: Alle Eingriffe, die eine notfallmässige Intubation nach sich ziehen können (z.B. Angiographie bei Komplikationen), oder direkt intrapulmonal respektive proximal-intestinal eingreifen (Bronchoskopie, Koloskopie) sind wie elektive Intubationen im Rahmen geplanter Eingriffe bezüglich Aspirationsprophylaxe zu bewerten. In der praktischen Umsetzung wichtig erscheint der Hinweis, dass Emulsionen, also fett- und wahrscheinlich auch proteinhaltige Flüssigkeiten (z.B. Milch) wie feste Nahrung zu behandeln sind. Begründet liegt diese Empfehlung in Beobachtungen, dass Milch bei Kontakt mit Magensäure gerinnt und eine joghurtähnliche Konsistenz annimmt. Kaffee mit Kaffeerahm (10 ml) ergibt eine gelartige Konsistenz und zeigte in vitro unveränderte Abflusszeiten durch pylorus-ähnliche Öffnungen; dies wurde aber letztlich nicht in vivo untersucht [6]. Die genannten Empfehlungen sind daher nicht nur präoperativ sondern Zusammenfassung Patienten vor geplanten Interventionen, die eine Sedation beinhalten oder das Risiko einer solchen bei schwerwiegenden Komplikationen bergen, dürfen bei fehlenden Hinweisen auf eine Motilitätsstörung oder Obstruktion des Gastrointestinaltraktes bis zwei Stunden vor dem Eingriff klare Flüssigkeit zu auch präinterventionell gültig – insbesondere vor Angiographien, Gastroskopien und Bronchoskopien. Bezüglich Gastroskopien mit Fokus auf die optimale Sicht und somit adäquate Untersuchung muss der oralen Medikation der Patienten Aufmerksamkeit gewidmet werden. Pharmazeutische Produkte mit Wandadhärenz wie orale Kontrastmittel oder topische Antazida (z.B. Alucol®) sind wie feste Nahrung zu behandeln und hier ist eine Karenz von mindestens 6 oder besser 12 Stunden einzuhalten, da die Mukosa sonst häufig nicht beurteilbar ist. Auf der anderen Seite ist das Weglassen einer medizinisch vitalen Dauermedikation vor Endoskopien gefährlich; nicht selten kommt es im Aufwachraum zu einer hypertensiven Entgleisung, da der Patient nach Vorschrift sämtliche Antihypertensiva weggelassen hat. In der Regel sind alle Medikamente innert 1–2 h absorbiert, Ausnahmen bilden hier Magenentleerungserkrankungen. Hypoglykämie-induzierende orale Antidiabetika sollten allerdings aus verständlichen Gründen am Untersuchungstag weggelassen werden. Die aktuell gültige deutschsprachige Leitlinie der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI), an der wir uns orientieren, gibt folgende Empfehlungen zur präoperativen Nüchternheit: Tab. 2: Empfehlungen zur präoperativen Nüchternheit (adaptiert nach: Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin (DGAI) und des Berufsverbandes Deutscher Anästhesisten (BDA) 2008) Fest • Bis 6 Stunden vor der Intervention kann Nahrung, etwa in Form einer kleinen Mahlzeit, z.B. eine Scheibe Weissbrot mit Marmelade, ein Glas Milch, aufgenommen werden. Flüssig • Klare Flüssigkeiten, die kein Fett, keine Partikel und keinen Alkohol enthalten (z.B. Wasser, fruchtfleischlose Säfte, kohlensäurehaltige Getränke wie Mineralwasser, Limonade oder Tee oder Kaffee, jeweils ohne Milch) können in kleinen Mengen (ein bis zwei Gläser/Tassen) bis zu 2 Stunden vor Intervention getrunken werden. • Oral applizierbare (Dauer-)Medikamente und/oder Prämedikationspharmaka (ausser Kontrastmittel, topische Antazida (z.B. Alucol®), Bisphosphonate, Antidiabetika) können bei Patienten ohne Hinweise auf eine gastrointestinale Motilitätsstörung oder Obstruktion am Interventionstag mit einem Schluck Wasser bis kurz vor der Intervention eingenommen werden. sich nehmen. Die reguläre Dauermedikation kann und soll mit wenig klarer Flüssigkeit ebenfalls eingenommen werden. Eine leichte Mahlzeit kann bis 6 Stunden vorher verzehrt werden. Joseph Lister erkannte dies bereits vor 130 Jahren.


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 635 Fallbericht «Der nüchterne Patient» Anamnese des Patienten 61-jähriger Schweizer Mann mit bekannter chronisch obstruktiver Lungenerkrankung kommt wegen zunehmender Müdigkeit zum Hausarzt. Er raucht 1 Päckchen Zigaretten pro Tag, total bisher 45 pack years. Befunde des Patienten Status 61-jähriger Mann in leicht reduziertem AZ, 166 cm, 55 kg, Puls 78/min, regelmässig. BD 145/90 mmHg re sitzend, AF 22. Leises Atemgeräusch, keine Nebengeräusche (NG). Normale Herztöne, keine NG. Halsvenen nicht gestaut. Abdominal und neurologisch unauffällig. Keine Ödeme. Aktuelle Therapie Spiriva® Routinelabor Natrium 122 mmol/l (136–145) Harnstoff 2.0 mmol/l (2.9–8.2) Kreatinin 65 mol/l (62–105) Harnsäure 103 mol/l (210–420) Weitere Befunde Thoraxröntgenbild mit Rundherd im rechten Lungenoberlappen. Weg zur Diagnose/Kommentar Aus didaktischen und datenschützerischen Gründen geben wir hier eine vereinfachte Krankengeschichte wieder. Im realen Fall fehlte, wie so häufig, eine Lungenfunktion. Ausserdem war nicht klar, ob und wie das behandelnde medizinische Personal den Patienten zu einem Rauchstopp zu motivieren versuchte. Weg zur Diagnose/Kommentar Hier fällt als pathologisches Vitalzeichen eine leicht beschleunigte Atemfrequenz in Ruhe auf. Fehlende Ödeme und die nicht gestauten Halsvenen sprechen gegen eine Hypervolämie, der normal-hohe Blutdruck und normfrequente Puls gegen eine Hypovolämie. Die Laborkonstellation ergibt eine Hyponatriämie. Bei klinischer Euvolämie wäre die Bestimmung der Serumosmolarität (welche dann tief wäre) der nächste Schritt. Diese fehlt aber. Der tiefe Harnstoff und die tiefe Harnsäure sprechen für eine hypotone Hyponatriämie bei einem Syndrom der inadäquaten ADH-Sekretion. Die wahrscheinlichste Ursache bei diesem Patienten ist paraneoplastisch im Rahmen eines, wahrscheinlich kleinzelligen, Bronchuskarzinoms. Der verdächtige Befund im Thoraxröntgenbild verlangt nach einer Bronchoskopie mit transbronchialer Biopsie zur Diagnosesicherung. Ob bereits vor dieser Untersuchung eine Computertomographie zur genaueren Lokalisation bzw. Staging der vermuteten Tumorerkrankung durchgeführt wird, bespricht man am besten mit dem Pneumologen, der die Bronchoskopie durchführen wird.


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 636 Intervention am Patienten inkl. Kommentar Mindestens 24 Stunden vor der Bronchoskopie besprechen Sie mit dem Patienten die Untersuchung (Nutzen, Risiken) und unterschreiben danach gemeinsam das «Informed Consent»-Formular, welches Bestandteil der Krankengeschichte ist. Dort wird das Thema Nüchternheit vor dem Eingriff angesprochen. 6 Stunden vor der Bronchoskopie soll der Patient keine festen Speisen mehr zu sich nehmen. Bis zu 2 Stunden vorher darf er noch klare, ungesüsste Flüssigkeiten trinken. Spätestens hier wird evident, dass zur Einhaltung dieser Grenzen der Bronchoskopeur einen Zeitplan haben muss, in dem er dem Patienten resp. dem betreuenden Personal eine Uhrzeit am Untersuchungstag nennen kann. Dass viele stationär liegende Patienten auf Abruf behandelt werden und keinen fixen Termin erhalten, stellt einen wichtigen Grund für die Nichteinhaltung der Nüchternheitsregeln dar. Wie wollen Sie nun auf der Abteilung mit Ihrem Patienten planen, wenn Sie nicht wissen, wann er dran kommt? Für die konsequente Befolgung der Nüchternheitsregeln verlangen Sie vom Untersucher zumindest ein Zeitfenster. In unserem Fall: Der Patient wurde ambulant für 14 Uhr einbestellt. Somit konne er ein leichtes Frühstück zu sich nehmen und bis am Mittag (12 Uhr) noch klare Flüssigkeit (Wasser) trinken. Die Bronchoskopie konnte komplikationslos durchgeführt werden; der Patient hatte weder unter Durst noch Hunger zu leiden. Die transbronchiale Biopsie ergab wie befürchtet den Befund eines kleinzelligen Bronchuskarzinoms.


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 637 Fragen zu «Der nüchterne Patient» Frage 1 Wer formulierte die noch heute gültige Fastenregel als Erster? (Einfachauswahl, 1 richtige Antwort) a) Harvey Cushing b) Joseph Lister c) Algernon Moncrieff d) George Parr e) Thomas Wakley Frage 2 Wie lautet die heute gültige Nüchternheitsregel vor invasiven Eingriffen, in Stunden für klare, ungesüsste Flüssigkeit / feste Speisen? (Einfachauswahl, 1 richtige Antwort) a) 2 Stunden / 2 Stunden b) 2 Stunden / 4 Stunden c) 2 Stunden / 6 Stunden d) 4 Stunden / 8 Stunden e) 12 Stunden / 12 Stunden Frage 3 Welchen Zeitabstand vor einem Eingriff empfehlen Sie für das Trinken von Milch? (Einfachauswahl, 1 richtige Antwort) a) 2 Stunden b) 4 Stunden c) 6 Stunden d) 10 Stunden e) 16 Stunden Frage 4 Wie gross ist in einer Studie in Japan im Jahre 2005 der prozentuale Anteil der Institutionen, die sich nicht an die neue Leitlinie mit der 2/6-Stunden-Regel halten? (Einfachauswahl, 1 richtige Antwort) a) 10% b)20% c) 30% d)40% e) 50% Frage 5 Sie weisen eine 76-jährige Patientin mit bekannter symptomatischer peripherer arterieller Verschlusskrankheit zur Durchführung einer perkutanen transluminalen Angioplastie einer Kollegin zu. Sie und die Patientin erhalten einen Termin für nächsten Mittwoch um 15 Uhr. Was erklären Sie der Patientin bzgl. Nüchternheit an diesem Tag? (Einfachauswahl, 1 richtige Antwort) a) Ab Mitternacht keine feste und flüssige Nahrung mehr zu sich nehmen b) Ab Mitternacht keine feste Nahrung mehr zu sich nehmen, Flüssigkeiten bis zum Znüni erlaubt c) Frühstück erlaubt, kein Mittagessen, Trinken bis 13 Uhr erlaubt d) Frühstück erlaubt, leichtes Mittagessen, Trinken bis 13 Uhr erlaubt e) Frühstück erlaubt, kein Mittagessen, Trinken von klarer ungesüsster Flüssigkeit bis 13 Uhr erlaubt Auflösung der Fragen und Kommentar in PRAXIS Nr. 12 vom 8. Juni 2011 Sie können die Fragen auch online unter www.praxis.ch lösen. Nach Beantwortung der Fragen sind Auflösung und Kommentar sofort abrufbar.


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (11): 631–638 638 Korrespondenzadresse Dr. med. Daniel Pohl Klinik und Poliklinik für Innere Medizin Universitätsspital Zürich Rämistr. 100 8091 Zürich Daniel.Pohl@usz.ch CME-Antworttalon Um Ihre Bestätigung für das Bearbeiten der CME zu erhalten, schicken Sie uns bitte den ausgefüllten Antworttalon bis spätestens 7. Juni 2011 mit einem frankierten und an Sie adressierten Rückumschlag an Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Redaktion PRAXIS, Länggass-Strasse 76, Postfach, 3000 Bern 9. Sie können die Fragen auch online unter www.praxis.ch beantworten und Ihre Bestätigung direkt aus drucken. Ihre Antworten zum Thema «Der nüchterne Patient» 1 2 3 4 5 Absender a Name Adresse b Vorname Autoren Klinik und Poliklinik für Innere Medizin1 , Klinik für Gastroenterologie und Hepatologie2 , Universitätsspital Zürich 1 Dr. med. Daniel Pohl, 2 Dr. med. Christoph Gubler, 1 PD Dr. med. Markus Schneemann Bibliographie (Auswahl; vollständige Liste beim Korrespondenzautoren) 1. Practice guidelines for preoperative fasting and the use of pharmacologic agents to reduce the risk of pulmonary aspiration: application to healthy patients undergoing elective procedures: a report by the American Society of Anesthesiologist Task Force on Preoperative Fasting. Anesthesiology 1999; 90:896-905. 2. Hannemann P, Lassen K, Hausel J, Nimmo S, Ljungqvist O, Nygren J, et al. Patterns in current anaesthesiological peri-operative practice for colonic resections: a survey in five northern- European countries. Acta Anaesthesiol Scand 2006;50:1152-1160. 3. Holte K, Kehlet H. Compensatory fluid administration for preoperative dehydration – does it improve outcome? Acta Anaesthesiol Scand 2002;46:1089-1093. 4. Jung B, Lannerstad O, Påhlman L, Arodell M, Unosson M, Nilsson E. Preoperative mechanical preparation of the colon: the patient's experience. BMC Surg 2007;7:5. 5. Lister J. On anaesthetics. Holmes System of Surgery. Longmans Green and Co., London, 1883. 6. Maltby JR. Fasting from midnight--the history behind the dogma. Best Pract Res Clin Anaesthesiol 2006;20:363-378. 7. Shime N, Ono A, Chihara E, Tanaka Y. Current practice of preoperative fasting: a nationwide survey in Japanese anesthesia-teaching hospitals. J Anesth 2005;19:187-192. 8. Stuart PC. The evidence base behind modern fasting guidelines. Best Pract Res Clin Anaesthesiol 2006;20:457-469. c Titel/FMH PLZ, Ort d e Datum Unterschrift ✂


PRAXIS Continuing Medical Education Praxis 2011; 100 (12): 741–741 741 Antworten zu den Fragen zu «Der nüchterne Patient» aus PRAXIS Nr. 11 Frage 1 Richtig ist Antwort b). Joseph Lister (1827–1912) war ein berühmter britischer Chirurg und gilt als Vater der Antisepsis. 1883 formulierte er bereits die heute gültige Fastenregel. ad a) Harvey Cushing (1869–1939) war ein berühmter U.S. amerikanischer Neurochirurg. Er erhielt übrigens 1926 den Pulitzer-Preis für seine monumentale Biogaphie über William Osler. ad c) Algernon Moncrieff ist eine Figur in Oscar Wildes Komödie «The Importance of Being Earnest» von 1895. ad d) George Parr ist eine Kunstfigur des britischen Komikerduos John Bird and John Fortune. ad e) Thomas Wakley (1795–1862) war ein berühmter britischer Chirurg. Er war der erste Herausgeber des Lancet ab 1823. Frage 2 Richtig ist Antwort c). Präoperatives Fasten bedeutet: Bis 2 Stunden vor dem Eingriff sind erlaubt: Ungesüsste klare Flüssigkeiten. Feste Speisen bis zu 6 Stunden vorher. (Siehe auch Text und Abbildungen Theorieteil.) © 2011 by Verlag Hans Huber, Hogrefe AG, Bern Frage 3 Richtig ist Antwort c). Da Milch durch den Kontakt mit Magensäure gerinnt und eine joghurtähnliche Konsistenz annimmt, gilt die Regel für feste Speisen, also 6 Stunden. ad a) Die 2 Stunden gelten nur für klare ungesüsste Flüssigkeiten. Frage 4 Richtig ist Antwort e). In dieser Umfrage von 2005 bei fast 400 Spitälern in Japan gaben 50% an, ihre Fastenregel nicht den neuen Erkenntnissen und Guidelines anzupassen, sondern beim traditionellen NPO zu verharren. Wir hoffen, dass es in der Schweiz nicht ähnlich konservativ gehandhabt wird. Frage 5 Richtig ist Antwort e). Nur Antwort e) entspricht den neuen Richtlinien mit 6 Stunden nüchtern für feste Nahrung und 2 Stunden für klare, ungesüsste Flüssigkeiten vor der Untersuchung. ad a) Diese Regel entspricht dem traditionellen und überholten NPO = nil per os. ad b – d) entsprechen nicht der neuen Regelung wie unter a). DOI 10.1024/1661-8157/a000554

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine