Vortrag Jungenförderung

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Vortrag Jungenförderung

Jungenförderung

Vortrag in der Gesamtkonferenz am 29.09.09

1. Einleitung: Wo ist das Problem?

Zum Thema Jungenförderung sind in den letzten Jahren zahlreiche Artikel, Aufsätze und

Bücher erschienen. Im Folgenden einige beispielhafte Titel:

„Die Jungenkatastrophe. Das überforderte Geschlecht“ (Beuster, 2006)

„Kleine Jungs – große Not“ (Bergmann, 2008)

„Lasst sie Männer sein“ (Hurrelmann, Quenzel, 2008)

„Jungen sind die großen Bildungsverlierer“ (vom Lehn, 2008)

Schon an diesen provokanten, fast reißerischen Titeln kann man erkennen, dass die Autoren

versuchen, ein Problem überhaupt erst bekannt und bewusst zu machen.

Die eine Seite des Problems kennt jeder aus seiner Unterrichtserfahrung. Es sind

häufig Jungen, die Probleme „machen“: Sie sind vorlaut, stören Unterricht, sind faul,

unordentlich und unorganisiert usw. Dabei handelt es sich zwar um Stereotype, doch kann

wohl jeder nachvollziehen, dass auch etwas Wahres daran ist.

Die andere Seite des Problems ist in ihrer Tragweite weniger offensichtlich, wird aber

von den genannten Büchern und Aufsätzen und von statistischen Befunden ans Licht

gebracht:

Hier einige beispielhafte Daten:

60% aller vorzeitig Eingeschulten sind weiblich

Es verlassen fast doppelt so viele junge Männer die Schule ohne Hauptschulabschluss

wie junge Frauen

Mädchen sind im Schnitt im Alter von 15 Jahren den Jungen in der Lesekompetenz

ein Jahr voraus

Nur 44,5% der Abiturienten sind männlich

Aus diesen und zahlreichen anderen statistischen Befunden kann man zusammenfassen,

dass die Jungen ein Problem haben. Allerdings sind diese Befunde vielleicht nicht sonderlich

relevant für die Situation an Gymnasien: sie betreffen ja meist andere Schulformen und man

könnte denken: Was macht es schon aus, dass paar Prozent Jungen weniger Abitur haben?

Eine Statistik des Schwalmgymnasiums zeigt jedoch, dass auch für uns das Thema – und

sogar in verstärktem Maße – relevant ist. Seit den 60er Jahren werden die Zahlen

männlicher oder weiblicher Abiturabgänger erhoben. Es verwundert nicht, dass in den 60er

Jahren die jungen Frauen unter den Abiturabgängern prozentual in der Minderheit waren.

Frauen wurden damals im Bildungswesen benachteiligt: viele Eltern hielten es für unnötig,

dass Mädchen eine höheren Bildungsweg gehen. Seit dem ist der Frauenanteil kontinuierlich

gestiegen:


Bedenklich ist jedoch, dass in derselben Zeit der Männeranteil stärker als zu erwarten

gesunken ist:

80

70

60

50

40

30

20

10

0

1962

1966

1970

1974

1978

1982

1986

1990

1994

1998

2002

2006

Wie zu sehen, nähern sich beide Kurven keinesfalls den zu erwartenden 50% an. Die Kurven

kreuzen sich vielmehr und die Verhältnisse kehren sich um: So sind in den letzten 10 Jahren

die Zahlverhältnisse ungefähr wie in den 60er Jahren nur mit getauschten Rollen. Man kann

daraus den Schluss ziehen, dass heute die Jungen im Bildungssystem benachteiligt sind.

2. Ursachen für das Problem der Jungen

In der Literatur werden zahlreiche Ursachen genannt: Welche davon von den Autoren jeweils

in den Vordergrund gestellt werden, liegt an ihrer persönlichen Einstellung; Studien zur

Gewichtung der Ursachen gibt es nicht. Der Stil, mit dem einzelnen Ursachen Bedeutung zu

oder abgesprochen wird, hat oft ideologischen Charakter. Im Folgenden haben wir die

vielfältigen Ursachen daher ohne Gewichtung zur besseren Übersicht in vier Ursachenfelder

geordnet. Einzelne Punkte ließen sich auch anders einordnen.

Gemeinsam ist diesen Ursachenfeldern, dass auch sie zumeist außerhalb des Gymnasiums

liegen. Es liegt hier daher der Einwand nahe, dass die Schule ohnehin nichts an diesen

Ursachen direkt ändern kann und folglich auch nicht dafür verantwortlich ist.

Dem ist jedoch zu entgegnen: Obwohl viele Ursachen außerhalb der Schule liegen,

entsteht das Problem erst bzw. vornehmlich für die Jungen in der Schule. Also ist die Schule

selbst Teil des Problems. Auch wenn die Schule an den Ursachen oft nichts ändern kann,

hat sie doch einen Bildungsauftrag und trägt Verantwortung dafür, gleiche Bildungschancen

für Jungen und Mädchen nicht nur theoretisch zu gewähren, sondern auch praktisch

herzustellen. Fazit und Motto:

Da, wo negative Einflüsse, welcher Art auch immer, die Bildungschancen für Jungen

vermindern, muss die Schule versuchen, das im Rahmen ihrer Möglichkeiten zu

kompensieren.

Ursachenbereiche der Jungenproblematik

Bindungs‐

störungen

biologische

Eigenschaften

Medienkonsum und

Freizeitverhalten

Rollen

und

Klischees

• Erwartungen und Maßstäbe der Schule

Jungen

Mädchen


Die Graphik soll veranschaulichen, dass sich diese Ursachenfelder überlappen und

ineinandergreifen. Im Folgenden werden sie einzeln besprochen. Danach werden sie noch

einmal aufgegriffen, um Handlungsmöglichkeiten der Schule vorzustellen.

2. 1. Bindungsstörungen und Feminisierung der Schule

Der Begriff „Bindungsstörung“ wird vor allem von Psychologen gerne gebraucht:

Insbesondere bei verhaltensauffälligen z. B. hyperaktiven und aggressiven Jungen – also da,

wo man im Volksmund von „unerzogen“ spricht, also eine Erziehungsversagen unterstellt,

wird das Problem oft als Bindungsstörung analysiert.

Verantwortlich gemacht werden dafür vor allem die heutigen Familienstrukturen der

Kleinfamilie. Dadurch dass Großeltern keine so große Rolle mehr in der Erziehung spielen

und es meist nur wenige Kinder gibt, wenn sie nicht sogar Einzelkinder sind, rücken die

Kinder stärker ins Zentrum der Familie. Die Kinder werden zum einen verwöhnt, zum

anderen überfordert durch einen sehr hohen Erwartungsdruck, der auf ihnen lastet. Speziell

die Jungen können damit weniger gut umgehen. Für sie kommt erschwerend hinzu, dass

innerhalb dieser Kleinfamilien die Väter oft nur eine Nebenrolle spielen (so beschreibt dies

etwa Wolfgang Bergmann) und von den emanzipierten Müttern etwas an den Rand des

Erziehungsgeschehens gedrängt werden; wenn die Mütter nicht ohnehin alleinerziehend

sind. (Typisch sei, so Bergmann, dass die Mütter sich meist nicht, wie früher üblich, über

ihren Partner definieren, sondern über ihr Kind: „Mein Kind ist das Wichtigste in meinem

Leben“.) Infolge dieses Ungleichgewichtes fehlt es den Jungen oft an einer männlichen

Identifikationsfigur. Das wiederum setzt sich dann im Kindergarten und in der Grundschule

fort, wo die Jungen fast ausschließlich mit Erzieherinnen zu tun haben; auch an den

Gymnasium steigt mittlerweile der Anteil der weiblichen Lehrkräfte. Man spricht hier

allgemein in der Literatur von einer Feminisierung der Schule.

2. 2 Jungentypische Mediennutzung und Freizeitgestaltung

Es wird vielfach festgestellt, dass die Freizeitgestaltung der Mädchen kreativer ist und sie

vielfältiger fördert. Insbesondere gibt es für Mädchen eine ausgeprägte Jugendbuchkultur mit

eigenen Genres wie Pferdebücher. Etwas Analoges für Jungen gibt es nicht. Statt zu lesen,

sehen Jungen weitaus mehr Fern und verbringen im Vergleich zu den Mädchen viermal

soviel Zeit mit Computerspielen. Darunter leidet zum einen natürlich ihre Lesekompetenz

(weil sie eben weniger lesen), zum anderen wirken sich Computer und Fernsehen (Video)

auch direkt negativ aus. Sie stellen meist eine eher einseitige Belastung dar – trainiert wird

beim Computerspielen vorwiegend die Reaktionsfähigkeit. Die Folge davon kann eine

allgemeine Minderentwicklung sowohl emotionaler als auch intellektueller Vermögen sein.

Außerdem kann die Nutzung stark emotionalisierender Medien (z. B. Actionfilme oder

Shooterspiele) dazu beitragen, dass Gedächtnisinhalte, die erst kürzlich (z. B. in der Schule)

erworben wurden und somit noch im Kurzzeitgedächtnis gespeichert sind, gelöscht werden.

Manche Neurobiologen wie Manfred Spitzer ziehen daraus die Konsequenz, dass

Fernseher und Computer in Kinderzimmern und Schulen gar nichts zu suchen hätten. – Wir

denken, man kann an dieser Stelle sagen: Es kommt eher darauf an, wie man diese Medien

nutzt.

2.3. Rollenverständnisse und Klischees unter Jungen

Damit ist gemeint, dass Jungen das Bedürfnis haben, sich in der Klasse von den Mädchen in

ihrem Verhalten abzugrenzen. Da Mädchen als angepasst und fleißig gelten, ist es für

Jungen im Unterschied dazu besonders cool und männlich, wenn sie unangepasst, vorlaut,

unordentlich und faul sind. Statt sich mit Inhalten auseinanderzusetzen, sind Jungen

allgemein stark auf ihre Selbstdarstellung als Männer in diesem Sinn bedacht, also

„performanzorientiert“. Das sind alles Eigenschaften, die im schulischen Kontext fatal sind

und sich nicht nur auf schlechte Noten für das Arbeits- und Sozialverhalten auswirken: auch

die Fachnoten werden davon beeinträchtigt.

Als uncool gilt es auch, wenn man sich Gefühle oder Schwächen eingesteht. Jungen

haben daher oft Probleme mit romantischer Literatur, oder damit, Hilfen zu beanspruchen,

oder sich für Selbstkritik zu öffnen.


Ein weiterer Punkt ist, das Mädchen oft Bewunderung ernten, wenn sie in Bereiche

vordringen, die als männlich gelten, z. B. Fußballspielen; Jungen dagegen werden nicht nur

nicht ermutigt, sondern würden sich lächerlich machen, wenn sie anfangen, Socken zu

stricken und Ballett zu tanzen.

2. 4. „Biologische“ Eigenschaften der Jungen

Diese Bezeichnung ist absichtlich etwas provokant gewählt. Es ist in der Pädagogik seit

Jahrzehnten Mode, Unterschiede zwischen Jungen und Mädchen entweder gar nicht

wahrhaben zu wollen oder allein auf Sozialisation zurückzuführen. Aus beiden Ansichten

folgt die Bemühung um eine geschlechtsneutrale Erziehung.

Mittlerweile wird mehr und mehr anerkannt, dass eine solche geschlechtsneutrale

Erziehung eher schädlich ist, weil sie den natürlichen Unterschieden der Kinder nicht gerecht

wird. Es scheint vernünftiger, anzuerkennen, dass sich Unterschiede zwischen Mädchen und

Jungen nicht nur im körperlichen Bereich zeigen, sondern dass es auch psychische

Unterschiede gibt, die aber häufig körperlich z. B. hormonell bedingt sind. Mit der

Bezeichnung „Biologische Eigenschaften“ ist nun nicht gemeint, dass Sozialisation bei

diesen Eigenschaften gar keine Rolle spielt. Wir möchten vielmehr betonen, dass diese

Eigenschaften mit Sicherheit nicht nur durch Sozialisation erzeugt werden, sondern auch

teilweise in der „Natur des Mannseins“ liegen (und häufig hormonell bedingt sind). Aus dieser

Sichtweise folgt die Empfehlung an die Erziehung, manche dieser Unterschiede stärker zu

respektieren und konstruktiv mit ihnen umzugehen, anstatt sie aus ideologischen Gründen

zu bekämpfen oder zu ignorieren.

Ein unstrittiger Punkt ist der, dass Jungen ein stärkeres Bewegungsbedürfnis haben

und einfach weniger gut stillsitzen können und daher mehr zu Unruhe neigen als Mädchen.

Ein weiterer Punkt ist das, was häufig in der Literatur als männliches

„Dominanzprogramm“ bezeichnet wird: Es gibt typisch männliche Aggressionsformen, die in

der Entwicklung der Jungen als natürlich zu betrachten sind. Dazu gehört vor allem

spielerisches Raufen und Rangeln, also ein ganz allgemein agonales, d. h. wetteiferndes

und kräftemessendes Verhalten. In der Pädagogik besteht für dieses Verhalten unter Jungen

leider sehr wenig Verständnis; es ist vorherrschende Meinung, so etwas gehöre sich einfach

nicht und müsse unterdrückt werden.

Eine Reihe von Unterschieden ist geradezu hirnanatomisch greifbar, sie werden u. a.

auf das Corpus callosum zurückgeführt, das beide Hirnhälften miteinander verbindet und bei

Männern schwächer ausgebildet ist. Damit wird eine gewisse sozusagen cerebrale

Einseitigkeit erklärt, die sich bei Jungen in oft sehr einseitig-speziellen Begabungen äußert.

Des weiteren gibt es Unterschiede im Ablauf der Pubertät. Diese setzt bei Jungen

später ein und zieht sich daher auch länger hin: Viele männliche Jungendliche verlassen das

Gymnasium nach der achten, neunten oder zehnten Klasse – nicht, weil es ihnen an

Begabung und Intelligenz fehlt, sondern weil sie pubertätsbedingt auf Schule keine Lust

haben und nicht über ausreichende Einsicht und Selbstdisziplin verfügen, um mit der Schule

durchzuhalten, bis sie aus dieser Phase herausgewachsen sind.

Schließlich vertreten Neurobiologen die Ansicht, dass Jungen ganz entgegen dem

Klischee vom starken Geschlecht in Wirklichkeit von Natur aus in manchen Bereichen

schwächer sind. Sie brauchen z. B. ein höheres Maß an Ordnungen und Regeln. Vor allem

können sie vieles weniger von selbst, z. B. Ordnung einhalten und sich organisieren: daher

müssen sie dazu entsprechend stärker angeleitet werden. Klassisches Beispiel ist hierfür die

Heftführung. Jungen kommen von allein praktisch nie auf die Idee, Hefte so ordentlich und

ästhetisch schön zu gestalten wie Mädchen. Als Lehrer neigt man automatisch dazu, schön

gestaltete Hefte besser zu bewerten. Man liest schön geschriebene Texte auch schneller

und übersieht dabei leichter Fehler oder inhaltliche Schwächen.

Zu diesen Ursachen, die meist außerhalb der Schule liegen, kommen viele Bedingungen in

der Schule, die Teil des Problems sind. Statt festzustellen, dass Jungen den Erwartungen

und Maßstäben, die man in der Schule an sie stellt, nicht genügen, kann man oftmals auch

umgekehrt feststellen, dass die Erwartungen und Maßstäbe den Eigenschaften und

Bildungsbedürfnissen der Jungen einfach nicht gerecht werden und daher kritisch überdacht


werden sollten. Man könnte also bestimmte Erwartungen und Maßstäbe der Schule noch als

eigenen Ursachenbereich dazunehmen.

3. Handlungsmöglichkeiten im Rahmen der Schule

3. 1. Zu Bindungsstörungen und Feminisierung der Schule

Dieses Problem kann zwar in der Schule nicht gelöst, aber zum Teil kompensiert werden.

Nötig ist dazu vor allem, dass Lehrer als starke, in sich ruhende Persönlichkeiten vor den

Schülern stehen und dadurch eine sozusagen positive Autorität ausstrahlen: denn Jungen

brauchen Erwachsene als überzeugende Vorbilder. Dies kann nicht nur von Männern

geleistet werden; vielmehr betonen manche Psychologen, dass Frauen diese Rolle als

starkes Erwachsenenvorbild ebenso übernehmen können. Diese Form der Autorität

beinhaltet neben selbstsicherem, souveränem Auftreten (man sollte sich z. B. nicht von den

vielen Vorgaben, z. B. des Lehrplans, in seinem pädagogischen Ethos einschüchtern lassen)

auch die Setzung von klaren Ordnungs- und Regelstrukturen und viel Konsequenz, wenn es

um die Einhaltung dieser Regeln geht. Es wird immer wieder in verschiedenen Kontexten

darauf hingewiesen, dass Jungen mehr Ordnung und Regeln brauchen und sich weniger gut

selbst organisieren können.

Eine speziellere Idee, um den Mangel an männlichen Identifikationsfiguren zu

kompensieren, ist auch, dass man Vertreter als typisch männliche geltender Berufsgruppen

in den Unterricht einlädt, z. B. Forstwirte – wenngleich diese Empfehlung vielleicht eher für

andere Schulformen zielführend ist, da der gymnasiale Bildungsweg nur für die wenigsten

als typisch männlich geltenden Berufsgruppen erforderlich ist.

Ein anderer, weiter aber letztlich wohl nötiger Weg ist der, dass man durch

entsprechende Werbe- und Informationsarbeit versucht, Jungen für weiblich dominierte

Berufsgruppen zu werben und zwar vor allem für den Erziehungsbereich (v. a. Kindergärtner

oder Grundschullehrer), um längerfristig ein ausgewogeneres Geschlechterverhältnis im

Erziehungs- und Bildungswesen zu erreichen. Hier gilt es den bestehenden Klischees,

gemäß denen Erziehungsberufe wie Kindergärtner und Grundschullehrer als typisch

weibliche Berufe gesehen werden, entgegen zu arbeiten.

Konkreter und naheliegender sind die Konsequenzen aus der jungentypischen

Mediennutzung und Freizeitgestaltung.

3. 2 Zur Mediennutzung und Freizeitgestaltung unter Jungen

Es gilt zum einen, eine gezielte Leseförderung zu betreiben. Zentral ist hierbei vor allem die

Lektüreauswahl. Es hat sich gezeigt, dass Jungen in etwa genauso gut Texte lesen und

verarbeiten wie Mädchen, wenn sie an den Inhalten der Texte interessiert sind. Häufig

interessieren sich aber Jungen eher für Sachtexte. Vor allem in der Unter- und Mittelstufe ist

es daher geboten, Sachtexte zumindest als Wahlmöglichkeit anzubieten. Dabei sollte man

auf eine Zuordnung der Texte gegenüber den Schülern als männliche oder weibliche Texte

verzichten, damit die SuS nicht in eine Rolle gedrängt werden, sondern sich selber

heraussuchen können, was ihnen liegt.

Eine weitere Idee ist, den Computer zur Leseförderung einzusetzen, um die Vorliebe

für dieses Medium im Unterricht zu nutzen (computergestützte Leseförderung).

Auf jeden Fall ist es nötig, über Gefahren und Risiken des Fernsehens und

Computerspielens aufzuklären, also eine kritische Medienerziehung zu betreiben.

Insbesondere sollte man dazu die Eltern aufklären und sowohl, was die Leseförderung, als

auch, was das Einschränken von Computerspielen betrifft, mit ins Boot holen.

Darüber hinaus wäre es wünschenswert, wenn im Rahmen der Ganztagsschule mehr

Freizeitangebote musischer, sportlicher oder handwerklicher Art gemacht würden. Eine Idee

wäre, dass man stärker mit Vereinen kooperiert.


3. 3 Zu Rollenverständnissen und Klischees unter Jungen

Zunächst ist zu bemerken, dass Rollenverhältnisse oft in der Pädagogik als etwas

angesehen werden, was man überwinden oder aberziehen muss; und dies geschieht oft

durch den Versuch einer geschlechtsneutralen Erziehung. Ungeachtet dessen bilden sich

Rollenverhältnisse aber unerbittlich aus, sobald Jungen und Mädchen zusammen

unterrichtet werden. (Möglicherweise werden durch geschlechtsneutrale Themen und Inhalte

Rollenverhältnisse noch verschärft, weil die Kinder nun in der Form, wie sie sich diesen

Inhalten zuwenden, ihre Rolle suchen, anstatt über die Auswahl eines ihnen männlich oder

weiblich erscheinenden Gegenstands.) Daraus folgen drei bessere Strategien, damit

umzugehen.

Zum einen kann man darüber nachdenken, ob es sinnvoll ist, zeitweilig die

Koedukation aufzuheben. Das Stichwort ist hier temporäre Seedukation. Man hat

beobachtet, dass in eingeschlechtlichen Lerngruppen die Jungen besser mitarbeiten, weil sie

weniger auf Selbstdarstellung bedacht sind und es weniger peinlich für sie ist, fleißig zu

arbeiten. Auf der anderen Seite lassen sich auch Mädchen in eingeschlechtlichen Gruppen

leichter für z. B. Physik begeistern.

Die andere Strategie ist, dass man als Pädagoge Rollenverständnisse reflektiert, um

dann bewusst und konstruktiv damit umzugehen. Das bedeutet nicht, dass man Rollen und

Klischees fördern sollte, aber dass man z. B. – wie oben schon genannt –

Wahlmöglichkeiten für verschiedene Vorlieben und Zuordnungen im Sinne dieser

Rollenverständnisse anbietet. Man kann beispielsweise ruhig mit Bundesligatabellen

rechnen lassen, aber eben wahlweise auch mit dem Gestütsbestand an Pferden und Ponys.

Die dritte Strategie ist, dass man Rollenverhältnisse und Klischees mit den Schülern

reflektiert und die Vorstellungen zu verändern bzw. zu erweitern versucht.

3. 4 Zu „Biologischen“ Eigenschaften der Jungen

Ungeachtet des Anteils an Sozialisationsfaktoren, von denen biologische (bzw. genetisch

bedingte) Eigenschaften wohl immer überlagert sind, kann man folgende Empfehlungen

geben:

Wegen des großen Bewegungsbedürfnisses der Jungen gilt es, gezielt

Bewegungsmöglichkeiten innerhalb und außerhalb des Unterrichts zu schaffen. Bewegung

ist ganz allgemein für Konzentration und Gedächtnis förderlich. Mit etwas Phantasie kann es

in fast jeder Unterrichtsstunde gelingen, für die Schüler eine sinnvolle Gelegenheit zu

schaffen, einmal aufzustehen und sich zu bewegen. Dazu haben wir viele konkrete Beispiele

in unserem Ordner gesammelt.

Daneben gibt es Formen von Unruhe, die man stärker tolerieren sollte, weil sie für die

Schüler keine Störung darstellen und oft sogar förderlich sind. Zum Beispiel kann das

Herumspielen mit Gegenständen im Unterricht, Kneten oder Kritzeln die Konzentration

fördern. Manche Jungen stehen während Stillarbeitsphasen gerne auf und stellen sich z. B.

zum Abschreiben hin. Es gibt im Sinne der Schüler keinen triftigen Grund, warum so etwas

nicht erlaubt sein sollte. Oftmals ist hier Umdenken erforderlich.

Ähnlich ist es mit dem typisch agonalen Verhalten der Jungen: Raufen und Rangeln

sollte solange erlaubt sein, wie alle Beteiligten sichtlich daran Spaß haben, ohne sich

ernsthaft zu gefährden. Hier darf man als Pädagoge keinesfalls wegsehen, man sollte aber

so mutig sein, harmlose Rangeleien zuzulassen. Dieses ‚Raufen und Rangeln‘ als ein

spielerisches Kräftemessen trainiert die Körpersensibilität; also das Gespür sowohl für den

eigenen Körper als auch den der anderen Schüler und ist ein wichtiges Element der

jugendlichen Entwicklung. Man vermutet zudem, dass dieses Kräftemessen unter Jungen

eine allgemein realistischere Selbsteinschätzung fördert: denn viele Jungen neigen zu einer

generellen Selbstüberschätzung.

Damit verbunden ist auch die Forderung, das Arbeits- und Sozialverhalten stärker

von fachlichen Ansprüchen zu trennen und dafür zu sorgen, dass es die Fachnoten nicht

beeinträchtigt. Hier ist wieder das Beispiel Heftführung besonders zu erwähnen: statt sich

automatisch von der Schönheit und Ordentlichkeit eines Heftes beeindrucken zu lassen,

sollte man bedenken, dass dies keine sehr sinnvollen Kriterien sind: wichtig ist doch eher ein

richtiges, vollständiges und lesbares Heft.


4. Schluss

„Durch Ansätze des ‚offenen Unterrichts‘ und unstrukturierte, auf Harmonie

und Konfliktunterdrückung ausgerichtete pädagogische Arbeit … haben

Mädchen bessere Entfaltungsmöglichkeiten als Jungen.“ (Hurrelmann,

Quenzel)

Dieses Zitat fasst einige der hier ausgeführten Positionen zusammen. Es handelt sich nicht

um eine Aussprache gegen offenen Unterricht. Vielmehr betont das Zitat, dass insbesondere

Jungen stark angeleitet werden müssen, um auch in offenen Unterrichtsphasen effizient

arbeiten zu können: sie müssen selbständige Arbeit und Organisation zuvor gelernt haben.

Das Thema Konfliktvermeidung wurde mit dem Plädoyer fürs „spielerische Raufen und

Rangeln“ bereits angesprochen.

Abschließend möchten wir noch einmal betonen: Jeder sollte versuchen, seine eigenen

Maßstäbe und Erwartungen daraufhin zu prüfen, ob sie für die Jungen förderlich sind. In

vielen Einzelheiten kann sicher schon ein geringfügiges Umdenken dazu beitragen, Jungen

mehr Halt und Verständnis zu geben, Benachteiligungen zu mindern und ihnen zu helfen,

ihre Schwächen auszugleichen. Hierzu gilt es auch immer wieder, einen Blick für die

individuellen besonderen Stärken der Jungen zu gewinnen: Denn Schwächen werden

kompensiert, indem man die Stärken stärkt.

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