Festschrift evangelische kinder- und jugendhilfe - Evangelisches ...

ev.kinder.jugendhaus.de

Festschrift evangelische kinder- und jugendhilfe - Evangelisches ...

Festschrift

Evangelische Kinder- und Jugendhilfe

00 Jahre


100 Jahre

Evangelische Kinder- und Jugendhilfe

Festschrift


Inhalt

Grußworte

Armin Laschet,

Minister für Generationen, Familie,

Frauen und Integration des Landes

Nordrhein-Westfalen ............................................... 4

Dr. h.c. Alfred Buß

Präses der Evangelischen Kirche

von Westfalen ................................................................. 6

Dr. Kristina Schröder

Bundesministerin für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend ......................... 8

Frank Baranowski

Oberbürgermeister der Stadt

Gelsenkirchen ............................................................. 10

Dr. Karl Bosold

Geschäftsführer der Evangelischen

Kinder- und Jugendhaus gGmbH ........... 12

Porträt

Martha Müller-Dieck,

Ehrenvorsitzende ..................................................... 14

Historische Entwicklung

Die Wurzeln...................................................................... 18

Entwicklung der Angebote seit 1990,

Das Evangelische Kinder- und

Jugendhaus .................................................................... 21

Porträt

Ulrike Haufe-Künkler,

Ehemalige Bewohnerin ...................................... 22

Die Geschichte des Evangelischkirchlichen

Heimvereins

Gelsenkirchen

von Marta Müller-Dieck ..................................... 26

Porträt

Nicole und Patrice mit Leonie,

Bewohner .......................................................................... 32

„Ich bin gekommen, damit sie das Leben

und volle Genüge haben sollen.“ (Joh. 10,10)

Gedanken zum 100-jährigen Geburtstag

der Ev. Kinder- und Jugendhilfe

von Superintendent Rüdiger Höcker .... 36

Porträt

Brunhilde Schwind, Mitarbeiterin

und ehemalige Bewohnerin............................ 40

Jugendhilfe im Wandel der Zeit

von Peter Vorndamme ....................................... 44

Porträt

Kathrin, Ehemalige Bewohnerin .............. 48

Die Paten

Dr. Norbert Lammert .......................................... 52

Jens Lehmann ........................................................... 54

Porträt

Tim Lotter, Mitarbeiter ....................................... 56

Der Aufsichtsrat ....................................................... 58

Impressum ..................................................................... 60

Inhalt 3


Armin Laschet

Grußwort

S

ehr geehrter Herr Vorndamme, liebe Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter des Evangelischen

Kinder- und Jugendhauses, zu Ihrem 100jährigen

Bestehen gratuliere ich Ihnen und allen Freunden

des Evangelischen Kinder- und Jugendhauses ganz

herzlich. Dass eine Einrichtung auf eine 100jährige

Geschichte zurückblicken kann, ist schon etwas ganz

Besonderes. Noch eindrucksvoller ist es, wenn diese

Einrichtung so modern und attraktiv geblieben ist, wie

das Evangelische Kinder- und Jugendhaus.

Das hat nach meiner Überzeugung vor allem damit

zu tun, dass es allen Beteiligten in dieser langen Zeit

immer wieder gelungen ist, zeitgemäße und auf die

Bedürfnisse der Menschen in Ihrer Region zugeschnittene

Angebote zu machen. Dahinter steht ein großes

Engagement, das – da bin ich mir sicher – häufig weit

über das übliche Maß hinausgegangen ist. Wenn man

sich das umfangreiche Angebot des Evangelischen

Kinder- und Jugendhauses anschaut, dann erkennt

man: Hier gibt es ein sehr harmonisch aufeinander

abgestimmtes modernes Instrumentarium an Hilfen,

das auf aktuelle Problemlagen von Eltern und ihren

Kindern zielt. Mit Ihren Angeboten erreichen Sie eine

große Zahl von Menschen und das in Zeiten, in denen

Familien durch gesellschaftliche und soziale Entwicklungen

vor immer neuen Herausforderungen stehen

und auf Ihre Unterstützung und wertvolle Arbeit

angewiesen sind.

In diesem Sinne möchte ich Sie ermuntern, Ihren Weg

konsequent fortzusetzen und den Familien, Kindern

und Jugendlichen, die Ihre Hilfe benötigen, zur Seite

zu stehen. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles

Gute und eine weiterhin erfolgreiche Arbeit.

In diesem Sinne möchte ich Sie ermuntern, Ihren Weg konsequent fortzusetzen und

den Familien, Kindern und Jugendlichen, die Ihre Hilfe benötigen, zur Seite zu

stehen. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und eine weiterhin erfolgreiche

Arbeit.

Armin Laschet

Minister für Generationen, Familie, Frauen und

Integration des Landes Nordrhein-Westfalen

Armin Laschet

Minister für Generationen, Familie, Frauen und Integration

des Landes Nordrhein-Westfalen

4 Festschrift Grussworte 5


Dr. h.c. Alfred Buß

Grußwort

Z

um 100jährigen Bestehen des Kinder- und

Jugendhaus Gelsenkirchen übermittle ich allen,

die mit dieser Einrichtung verbunden sind, meine

herzlichen Glück- und Segenswünsche. Aus den Anfängen

im Jahr 1910 in der „Evangelischen Fürsorge

der Frauenhilfe“ ist heute eine hoch professionelle

Einrichtung der Kinder- und Jugendhilfe in Gelsenkirchen

und Bochum-Wattenscheid erwachsen. In dieser

Entwicklung und besonders in den Aufgaben, die das

Kinder- und Jugendhaus heute wahrnimmt, spiegelt

sich unser evangelisches Verständnis wider von der

besonderen Verantwortung der Kirche für Kinder und

Jugendliche.

Denn die Grundlage evangelischer Arbeit mit Kindern

und Jugendlichen ist die wechselseitige Verschränkung

zwischen der Botschaft des Evangeliums und

der Orientierung an Kindern und Jugendlichen als

Subjekten und an ihrer Lebenswelt. Immer wieder

geht es darum diese Dialektik in der je besonderen

Situation auszuleuchten: Wie stehen die Lebenslagen

von Kindern und Jugendlichen zur Botschaft des

Evangeliums? Wie kann das Evangelium seine Bedeutung

für sie entfalten?

Diese dialektische Beziehung hat die hundertjährige

Geschichte des Kinder- und Jugendhauses immer

wieder geprägt und zur neuen Ausrichtung der Arbeit

geführt. Die Lebenslagen von Kindern und Jugendlichen

heute findet inzwischen verstärkt öffentliche

Aufmerksamkeit, ohne dass die damit verbundenen

gesellschaftlichen Herausforderungen hinreichend

aufgenommen werden.

Heute leben immer mehr Kinder und Jugendliche in

Haushalten, die Sozialleistungen beziehen. Das bedeutet

für sie Verlust an materieller Sicherheit und an

zukünftigen Lebensperspektiven. Es ist die Aufgabe

evangelischer Kirche, solche Kinder und Jugendliche

in ihrer individuellen Risikolage zu unterstützen und

ihnen zugleich Räume zu eröffnen, die aktive Teilhabe

und damit Integration ermöglichen. Es ist auch

zentrale kirchliche Aufgabe, Eltern und Familien zu

unterstützen und zu fördern.

Im Kinder- und Jugendhaus werden diese drei

zentralen Aufgaben einer jugendsensiblen Kirche

beispielhaft wahrgenommen. Dafür gilt mein Dank

allen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern sowie dem

Diakoniewerk Gelsenkirchen und dem Kirchenkreis

Gelsenkirchen und Wattenscheid. Auch für die Unterstützung

durch öffentliche Mittel, besonders des

Landes Nordrhein-Westfalen und der Kommunen,

danke ich. Der Leitsatz der Evangelischen Kirche von

Westfalen in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen

lautet: Keiner und Keine darf verloren gehen!

Ich wünsche allen, die dem Kinder- und Jugendhaus

verbunden sind, die hier arbeiten, und besonders den

Kindern und Jugendlichen, die diesen Ort beleben,

Gottes Segen dazu, dass dieser Leitsatz erfüllt werden

kann.

Dr. h.c. Alfred Buß

Präses der Evangelischen Kirche von Westfalen

6 Festschrift Grussworte 7


Dr. Kristina Schröder

Grußwort

V

or 100 Jahren lebten Kinder und Jugendliche

völlig anders als heute, doch ihre Bedürfnisse

sind heute dieselben wie damals: Sie brauchen Liebe,

Geborgenheit und Menschen, auf die sie sich verlassen

können. Kein Wunder also, dass die 100-jährige

Geschichte des Evangelischen Kinder- und Jugendhauses

eine Erfolgsgeschichte ist: Mit der Unterstützung

von Eltern bei ihren Fürsorge- und Erziehungsaufgaben

setzt die Kinder- und Jugendhilfe der

Einrichtung im Familienalltag an – dort also, wo seit

jeher die Weichen für eine glückliche Kindheit und

Jugend gestellt werden.

In der Entwicklung des Evangelischen Kinder- und

Jugendhauses spiegelt sich auf eindrucksvolle Weise

die fachliche Entwicklung der Kinder- und Jugendhilfe

in Deutschland. Aus der einstigen „Evangelischen

Fürsorge der Frauenhilfe“ ist über die Jahrzehnte

ein Familienstützpunkt mit einem breit gefächertem

Spektrum stationärer und ambulanter Angebote

geworden. Heute begegnet man den unterschiedlichen

Bedürfnissen von Eltern und ihren Kindern mit

möglichst maßgeschneiderten Hilfen. Ohne die hohe

Fachkompetenz, ohne das Einfühlungsvermögen und

ohne das persönliche Engagement der Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter wäre eine so individuelle Unterstützung

nicht denkbar.

Und auch nicht ohne innovative Ideen: Schon sehr

früh hat sich das Evangelische Kinder- und Jugendhaus

der Prävention von Kindeswohlgefährdung

gewidmet, einem Feld, das wir heute mit „frühen

Hilfen“ bezeichnen. So wird bereits im Jahre 1928 von

einer Mutter- und Säuglingsstation berichtet. Ledige

Mütter wurden vor ihrer Entbindung dort aufgenommen.

Nach der Geburt wurden die Mütter angeleitet,

ihr Kind eigenverantwortlich zu versorgen. Anschließend

wurden sie in Arbeitsverhältnisse vermittelt.

In einer Zeit, in der „ledige Mütter“ noch weit stärker

am Rande der Gesellschaft standen als die heutigen

Alleinerziehenden, war dies eine echte und wertvolle

Hilfe.

Dass das Evangelische Kinder- und Jugendhaus

heute ebenso innovativ ist wie damals, zeigt sich im

Bereich der Tageseinrichtungen für Kinder. Im Juli

2007 wurde der Kindergarten Förderkörbchen als

Familienzentrum zertifiziert und erhielt den Innovationspreis

Nordrhein-Westfalen. Eltern werden in

Elterntrainingskursen im Jugendhilfezentrum auf ihre

verantwortungsvolle Aufgabe vorbereitet und in ihrer

Erziehungskompetenz unterstützt und gestärkt.

Das Evangelische Kinder- und Jugendhaus hat

Generationen von jungen Menschen bessere Zukunftsperspektiven

geschenkt. Viele Eltern haben

Unterstützung, Ermutigung und Entlastung bei ihren

Erziehungsaufgaben erfahren. All denjenigen, die in

den vergangenen Jahren und Jahrzehnten dazu beigetragen

haben – sei es in Kinder- und Jugendwohngruppen,

sei es in der Familienberatung, in Betreuungsgruppen

und mit anderen Angeboten – danke ich

herzlich für Ihre Engagement!

Ein Kinder- und Jugendhaus lebt von den Menschen,

die sich dort um Kinder, Jugendliche und Familien

kümmern – auch das ist heute nicht anders als vor

100 Jahren. Meine Gratulation zum 100jährigen

Bestehen verbinde ich deshalb mit den besten Wünschen

für Personal und Leitung des Hauses. Setzen

Sie sich weiterhin, so wie bisher, mit Herz, Verstand

und Fingerspitzengefühl für Familien ein, die Hilfe

brauchen! Dann bleibt das Evangelische Kinder- und

Jugendhaus ein Ort, wo Kinder und Jugendliche Kraft

fürs Leben sammeln.

Dr. Kristina Schröder

Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen

und Jugend

8 Festschrift Grussworte 9


Frank Baranowski

Grußwort

D

ie Geschichte der evangelischen Familienhilfe

in Gelsenkirchen beginnt im Jahr 1910. Vor 100

Jahren stellten die Gemeinden ihre Sammelbüchsen

in Geschäften auf. Die auf diese Weise gesammelten

Spenden wurden danach direkt an die Hilfesuchenden

verteilt. In den folgenden Jahrzehnten veränderte

sich die Arbeit dieses Fürsorgevereins stetig. Zwei

Weltkriege taten ihr Übriges. Doch trotz aller widrigen

Umstände arbeitete das „Evangelisch kirchliche

Jugend- und Wohlfahrtsamt“, wie die Organisation

zwischenzeitlich hieß, weiter. Immer zum Wohle von

Kindern und Jugendlichen.

Vor mittlerweile 20 Jahren erfolgte der letzte große

Einschnitt in die 100-jährige Geschichte evangelischer

Kinder- und Jugendhilfe des Diakoniewerkes

Gelsenkirchen und Wattenscheid. Damals trat das

Kinder- und Jugendhaus als neue Jugendhilfeeinrichtung

an. Bis heute hat sie sich auf vielfältige Art und

Weise weiterentwickelt.

Im Rahmen der Jugendhilfe werden derzeit 153 Kinder

und Jugendliche, aber auch junge Erwachsene und Familien

unterstützt. Im eigenen Kindergarten werden 70

Mädchen und Jungen betreut und gefördert, weitere

27 Kinder in der Offenen Ganztagsschule. In Kooperation

mit weiteren Partnern betreibt das Evangelische

Kinder- und Jugendhaus darüber hinaus zwei Schwerpunktzentren

für Jugend- und Familienhilfe mit einem

umfangreichen Beratungs-, Therapie- und Hilfeangebot.

Kurzum: Die Arbeit der Evangelischen Kinder- und

Jugendhilfe ist aus dem Leben vieler Gelsenkirchenerinnen

und Gelsenkirchener nicht mehr wegzudenken!

Dafür bedanke ich mich bei allen Beteiligten herzlich

und wünsche dem Evangelischen Kinder- und Jugendhaus

auch weiterhin viel Erfolg.

Frank Baranowski

Oberbürgermeister der Stadt Gelsenkirchen

10 Festschrift Grussworte 11


Dr. Karl Bosold

Grußwort

I

n diesem Jahr feiert die Evangelische Kinder- und

Jugendhilfe in Gelsenkirchen ihren einhundertsten

Geburtstag. Damals wurde in Gelsenkirchen die

Evangelische Fürsorge der Frauenhilfe gegründet.

Aus diesen Wurzeln wuchs unsere jetzige Einrichtung:

Das Evangelische Kinder- und Jugendhaus, die

Jugendhilfe-Einrichtung des Diakoniewerkes Gelsenkirchen

und Wattenscheid. Mit seinen ambulanten

und stationären Angeboten in Bochum und Gelsenkirchen

steht es Jahr für Jahr zahllosen jungen

Menschen der Region, aber auch ihren Eltern hilfreich

zur Seite. Das Jubiläum ist Anlass zur Freude über

die vielen kleinen und großen Erfolge, die im Laufe

der Jahrzehnte erzielt werden konnten. Es ist Anlass

zur Rückschau auf die Wurzeln der Einrichtung, aber

vor allem auch zum Dank an alle Frauen und Männer,

die sich seit 1910 in unserer Region für eine aktive

Kinder- und Jugendarbeit eingesetzt haben.

Vor 100 Jahren gründete der Gemeindepfarrer Otto

Schumacher angesichts der dramatischen Lebensverhältnisse

vieler junger Mädchen und allein

erziehender Mütter die „Evangelische Fürsorge der

Frauenhilfe“. Unter Schumachers Führung schlossen

sich engagierte Frauen aus Frauengruppen aller

Gemeinden in Gelsenkirchen zusammen, um die Not

der Bedürftigen zu lindern. Ab 1920 wurden nicht nur

Mädchen und Frauen, sondern auch Jungen betreut.

14 Jahre, bevor der Staat mit Hilfe des Reichsjugendwohlfahrtsgesetzes

versuchte, die Jugendhilfe

einheitlich zu organisieren, entstand aus christlicher

Verantwortung und Nächstenliebe eine Institution, die

sich der schwächsten Glieder unserer Gesellschaft

annahm. In den ersten Jahren wurde die Arbeit finanziell

ausschließlich von Spenden getragen. Eine erste

feste Anlaufstelle erhielten Hilfsbedürftige durch die

Initiative einer engagierten Sozialarbeiterin – damals

noch Fürsorgerin genannt: sie stellte 1918 im Haus

ihrer Mutter an der Bismarckstraße in Gelsenkirchen

einen Raum zur Verfügung.

Noch bevor die Stadt Gelsenkirchen im Jahr 1924 ihrer

Verpflichtung zur Bildung eines städtischen Jugendamtes

nachkam, wurde die fürsorgliche Arbeit der

Frauenhilfe unter dem Namen „Evangelisch-kirchliches

Jugend- und Wohlfahrtsamt“ in großem Stil erweitert.

Finanziell wurde die Situation dadurch erleichtert, dass

die Gemeinden zwei Prozent des kirchlichen Steueraufkommens

zur Verfügung stellten. Trotz der Rückschläge

des 2. Weltkrieges, als die städtischen Zuschüsse

komplett gestrichen wurden, konnte die Arbeit dank

des unbeirrten Engagements aller Beteiligten im Laufe

der Jahrzehnte sowohl inhaltlich als auch räumlich

immer weiter ausgebaut werden.

Vor hundert Jahren wie heute sind es die Kinder, die

unter Not und Krisen besonders zu leiden haben.

Heute kann das Evangelische Kinder- und Jugendhaus

bedürftigen jungen Menschen und ihren Familien

mit professionellen Angeboten in Bochum und

Gelsenkirchen gezielt begegnen. Hier finden Kinder

und Jugendliche aus einem schwierigen Lebensumfeld

Geborgenheit, individuelle Hilfe und Förderung.

Hier erhalten aber auch Väter und Mütter, die mit der

Pflege und Erziehung ihrer Kinder überfordert sind,

kompetenten Rat und Beistand. Die Palette reicht

von Aufnahme- und Clearinggruppen, Mutter-Vater-

Kind-Gruppen, Elterntrainingskursen und gezielten

Fördermaßnahmen für Kinder und Jugendliche bis

hin zu Wohngruppen, in denen junge Menschen von

erfahrenen Pädagogen betreut und begleitet werden.

Die Tatsache, dass der Kindergarten „Förderkörbchen“

im Jahr 2007 mit dem Innovationspreis NRW

ausgezeichnet wurde, zeigt: hier werden nicht nur

hochwertige, sondern auch innovative Angebote

bereit gestellt.

Die Jugend ist unsere Zukunft. In den Einrichtungen

des Evangelischen Kinder- und Jugendhauses werden

wichtige Fundamente dafür gelegt, dass junge Menschen

einer guten Zukunft entgegen gehen können.

Dr. Karl Bosold

Geschäftsführer des Evangelischen Kinder- und

Jugendhauses

12 Festschrift Grussworte 13


Marta Müller-Dieck

Ehrenvorsitzende

„Es ist nicht zu glauben. Es sind schon so

viele Jahre! 47 Jahre war ich im Vorstand

des Heimvereins. Zuerst im Mütter- und

Säuglingsheim im Wiehagen, dann im

Kinderheim in der Schlosserstraße. 1993

war ich 75 Jahre alt, da bin ich Ehrenvorsitzende

geworden.

D

urch meine Mutter sind mir – heute sagt man

– die Gene zum Lehramt und zur Sozialarbeit

in die Wiege gelegt worden. Sie war Lehrerin und hat

ehrenamtlich für die Kirche gearbeitet. Auch mein

Vater war kirchlich engagiert. Er war Zechenbeamter

und so lange ich denken kann im Presbyterium der

Gemeinde. Mein Elternhaus hat mich zutiefst geprägt,

diese freudige, helfende Art. Ich habe eine fünf Jahre

ältere Schwester. Wir sind beide durch einen christlichen

Jugendbund gegangen. Ich war in einer Gruppe,

die gerne sang und Instrumente spielte. Das ganze

Jahr haben wir alte und kranke Menschen besucht,

gesungen und unsere Gedichte aufgesagt. Für andere

Menschen da zu sein, das wurde dort gelebt.

Mein Leben hatte ich mir eigentlich ganz anders vorgestellt.

1941 habe ich mich verheiratet und wollte

eigentlich eine Familie. Mein Mann ist im Osten seit

1944 vermisst. Durch meine ehrenamtliche Arbeit im

Heim war ich aber auch ohne eigene Familie voll ausgefüllt.

Meine Bekannten sagen immer, dass ich mit

dem Heimverein verheiratet war. Es war so! Ich hatte

kein Bedürfnis noch mal zu heiraten. Ich war verheiratet

mit meiner Arbeit, mit Schule und Heimverein. Ich

bin’s ja heute noch ein bisschen! Ich hatte ganz viele

Kinder. Ich hab das immer gerne getan, obwohl es

viel war. Immerzu schrie hier einer und dann schrie da

einer und die Müller-Dieck musste hin. Das war mein

zweites Zuhause, da in der Schlossertraße. Ich hatte

immer ganz direkten Kontakt.

Wir als Kuratorium mussten den äußeren Rahmen

halten. Die Leiter der Häuser sagten uns was nötig

war. Und wir besorgten es. Wir mussten uns um die

Mitarbeiter kümmern, besonders wenn es Probleme

gab. Das ist dann leider häufig bei mir hängen

geblieben. Oft kamen Mitarbeiter zu mir, die fühlten

sich ungerecht behandelt von ihren Vorgesetzten. Bei

Konflikten ist meine Devise immer gewesen, beide

Seiten zu hören. Ich habe die Mitarbeiter immer zuerst

angehört und dann den verantwortlichen Leiter

dazu genommen. Damit bin ich in meiner Schule und

auch in meinem Ehrenamt immer gut gefahren. Ich

wüsste keine Sache, die nicht gut für beide Seiten

ausgegangen wäre. In den letzten Jahren hatten wir

dann eine Mitarbeitervertretung. Das war mir eine

ganz große Hilfe.

Die längste Zeit, die ich da war, war es zum Jugendamt

in Gelsenkirchen ein gutes Verhältnis. Das ist

leider in den letzten Jahren anders geworden. Ich

kann nur bedauern, dass Menschen, die eigentlich nur

eine Aufgabe haben, nämlich anderen Menschen zu

helfen, sich nicht verstehen.

Die großen Schlafsäle habe ich noch miterlebt. Das

war schlimm. Das haben wir schnell geändert. So

um 1950 herum. Nicht auf einen Schlag. So wie es

finanziell möglich war wurde umgebaut, wurden

14 Festschrift Porträt 15


kleinere Räume und kleinere Gruppen geschaffen.

Später haben wir dann die erste Außenwohngruppe

gegründet. In Buer, in der Nienhof straße. Inzwischen

sind ja noch viel mehr dazugekommen.

Alles hat sich so sehr gewandelt. Die Kinder haben

sich geändert, weil die Elternhäuser anders geworden

sind. Sie haben kein warmes Nest mehr zu Hause.

Die Eltern sind schwächer geworden, sie wissen oft

selbst nicht mehr was zum Leben gehört. Das sind

bestimmt Extreme, aber ich habe das Gefühl, dass

diese Extreme mehr werden.

Es gibt Werte, die muss Erziehung

vermitteln.

Ehrlich sein. Pünktlich sein. Fleißig sein. Gewissenhaftigkeit.

Was ganz besonders dazu gehört, ist Kontaktfähigkeit.

Ich kenne alte Menschen, die sagen: Ich

bin so alleine, ich gehe kaputt an meinem Alleinsein.

Wenn ich dann zurückfrage, ob sie früher Freunde

hatten, ist die Antwort immer: Nein. Wenn man in

der Jugend nicht Beziehungsfähigkeit gelernt hat, ist

man später alleine. Ich bin nicht alleine, obwohl ich

über 90 bin!

Zu einigen Kindern habe ich immer noch Kontakt. Ein

Junge – seine Eltern waren beide Alkoholiker – hat

bei uns einen sehr guten Weg gemacht. Er ist jetzt

leitender Sozialarbeiter in Münster. Im letzten Jahr

hat mich ein Kind aus dem Kinderheim besucht.

Ulrike Hauffe, sie hat mir damals ein wunderschönes

Bild geschenkt, das habe ich in mein Amtszimmer in

der Schule gehängt. Das werde ich nie vergessen. Sie

hat mir erzählt, dass sie sich in den verschiedensten

Zweigen fortgebildet hat. Ich kann das alles gar nicht

mehr aufzählen. Toll!! Sie engagiert sich jetzt auch

bei der Telefonseelsorge. Daran sieht man, dass Heimerziehung

nicht immer verkehrt sein kann.

Ich habe erfahren, dass Kinder Vertrauen zu mir

haben. Sie haben mir Schönes, aber auch Schweres

erzählt. Und wir konnten darüber sprechen. Ich denke,

ich habe manchem Kind und manchem Mitarbeiter

helfen können. Das hat mir immer große Freude

bereitet. Ich habe soviel zurückbekommen!

Der Glaube war immer mein Fundament. Da sehen

sie ein blaues Büchlein liegen, das sind die Losungen.

Ich kenn gar kein anderes Leben, als darin morgens

zu lesen. So ist mir das von meinen Eltern vorgelebt

worden und ich habe mich bemüht, auch so zu leben.

Man kann es nicht immer auf den Lippen haben, man

muss es leben.

Ich kann das ganz persönlich sagen: Ich glaube, dass

Jesus Christus täglich mit mir geht, mich angenommen

hat, mich liebt und bei mir sein wird, wenn ich

die Augen schließe.

Weil ich weiß, dass Gott mich liebt,

bin ich an meine Mitmenschen gewiesen

…“

Ich war verheiratet mit meiner Arbeit, mit

Schule und Heimverein. Ich bin’s ja heute noch

ein bisschen! Ich hatte ganz viele Kinder.

Marta Müller-Dieck

16 Festschrift Festschrift 17


Historische Entwicklung

Die Wurzeln

I

m Jahr 1910 gründete der Gemeindepfarrer Otto

Schumacher mit Frauen aus allen Gemeinden die

„Evangelische Fürsorge der Frauenhilfe“.

Durch eine gemeinsame Sammelaktion der evangelischen

und katholischen Kirche mittels aufgestellter

Sammelbüchsen in Geschäften wurden Spenden

eingenommen, welche nach Prüfung durch den

jeweiligen Gemeindepfarrer und die im Fürsorgeverein

tätigen Frauen an Hilfesuchende verteilt wurden. Die

Arbeit wurde durch den Ausbruch des ersten Weltkrieges

unterbrochen und 1918 von der damaligen

Fürsorgerin Frau Wilms wieder aufgenommen, welche

in ihrem Haus ein Zimmer für die Arbeit an so genannten

gefährdeten Mädchen zur Verfügung stellte.

Ab 1920 wurden erstmals auch männliche Jugendliche

betreut. Die finanzielle Situation war bis zur

Einführung der Reichsmark 1923 sehr schwierig.

Nach 1923 wurde die Arbeit dann unter dem Namen

„Evangelisch kirchliches Jugend- und Wohlfahrtsamt“

in großem Ausmaß erweitert und hatte Vorbildfunktion

für die Landeskirche. Der Vorschlag des damaligen

Superintendenten Husmann, 2 % der Kirchensteuer für

die Gefährdetenarbeit abzuführen, wurde zwar nicht

von allen Gemeinden des Stadtgebietes unterstützt.

Dennoch entwickelte sich die finanzielle Situation positiv,

so dass Frau Wilms als Leiterin des Evangelischen

Jugend- und Wohlfahrtsamtes eingestellt werden

konnte. 1924 wurde das Reichsjugendwohlfahrtgesetz

eingeführt und die Städtischen Jugendämter gegründet.

1927 wurde ein ehemaliges Knappschaftsgebäude

in Gelsenkirchen-Mitte erworben, umgebaut

und 1928 dem Evangelischen Jugend- und Wohlfahrtsamt

übergeben. In der Einrichtung befanden

sich die Fürsorgearbeit für männliche Jugendliche,

ein Vorasyl sowie eine Mutter- und Säuglingsstation.

Bis zum Ausbruch des Dritten Reiches bestand

eine kooperative Zusammenarbeit mit dem Stadtjugendamt.

Danach wurden die städtischen Zuschüsse

gekürzt und letztendlich vollständig entzogen.

Im zweiten Weltkrieg erhielt das Gebäude starke

Bombenschäden und musste teilweise evakuiert

werden. Seit der Eröffnung der Einrichtung hielten

sich dort damals durchschnittlich 30 – 75 Kinder im

Alter von 0 – 5 Jahren auf. Außerdem wurden ledige

Mütter vor ihrer Entbindung aufgenommen. Nach der

Geburt des Kindes erhielten die Mütter entsprechende

Anleitung zur eigenverantwortlichen Versorgung

ihres Kindes und wurden anschließend in Arbeitsverhältnisse

vermittelt. Ihre Kinder konnten sie in der

Einrichtung besuchen. Unterstützung erhielten auch

berufsschwache Mädchen und Frauen.

Nach 1945 wurde die Säuglingsstation erweitert und

1952 wurde das jetzige Gebäude des Familienhilfecentrums

an der Schlosserstraße in Gelsenkirchen-

Schalke erworben. Die Eröffnung erfolgte 1953. In

der Nachkriegszeit stieg die Anzahl traumatisierter

und verhaltensauffälliger Kinder stark an, so dass für

die Mitarbeiter/innen umfangreiche Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen

durchgeführt wurden.

1957 wurde der „Evangelisch-kirchliche Heimverein

Gelsenkirchen“ gegründet. 1960 erfolgte eine Erweiterung

des Gebäudes um drei Etagen für Erziehungsgruppen.

Ende der 60-er Jahre erwarb der Heimverein

das Matthias-Claudius-Heim in Willingen, welches

im Dezember 1982 geschlossen wurde.

1974 wurde das ehemalige Mütter- und Säuglingsheim

abgerissen und mit dem Erlös des Grundstücksverkaufs

1976 ein eigenständiger Bereich für Jugendliche

ausgebaut.

Bereits 1980 lebten 64 Kinder in fünf familienähnlich

strukturierten Eriehungsgruppen und 16 Jugendliche

im sogenannten Jugendhaus. Nach dem Abschluss

der Schul- oder Berufsausbildung wurden für die

Jugendlichen eigene Wohnungen gesucht, welche

dann beim Auszug von den Jugendlichen als Mieter

übernommen wurden. 1986 wurde die erste Außenwohngruppe

für Kinder in der Nienhofstraße 13 in

Gelsenkirchen-Buer eröffnet. 1988 wurden innerhalb

der Einrichtung zwei Erziehungsgruppen geschlossen

und dafür zwei Tagesgruppen eingerichtet.

Ab 1990 nahm die Arbeit des evangelischen Kinderund

Jugendhauses als lebensweltorientierte, den

individuellen Bedürfnissen des Einzelnen angepasste

Jugendhilfeeinrichtung ihren Anfang und hat sich bis

zum heutigen Zeitpunkt kontinuierlich weiterentwikkelt

und ausgebaut.

Im Jahr 2004 wurde der Ev.-kirchliche Heimverein

Gelsenkirchen e.V. in die Evangelische Kinder- und

Jugendhaus gGmbH umgewandelt und somit Tochter

des Diakoniewerkes Gelsenkirchen und Wattenscheid

e.V..

18 Festschrift Chronik 19


Entwicklung der Angebote seit 1990

Das Evangelische Kinder- und Jugendhaus

1994 Mai: Eröffnung der Aufnahme- und Clearinggruppe

für Jugendliche in Gelsenkirchen-Beckhausen

1997 Oktober: Eröffnung der Mutter-Vater-Kind-Gruppe

auf der Schlosserstraße in Gelsenkirchen-Schalke

1998 März: Eröffnung des Jugendwohnprojektes in

Gelsenkirchen-Rotthausen (Wiehagen 56)

1999 Sommer: Eröffnung der Kinderwohngruppe auf

der Bergstraße 9 in Gelsenkirchen-Beckhausen

August: Erweiterung der Mutter-Vater-Kind-Gruppe

um eine zusätzliche Krabbelgruppe

2001 Februar: Eröffnung der Diagnosegruppe für

Kinder in Krisensituationen auf der Schlosserstraße

in Gelsenkirchen-Schalke

Juli: Übernahme der Trägerschaft des Ev. Kindergartens

in Gelsenkirchen-Schalke

2002 Mai: Eröffnung der Jugendwohngemeinschaft

auf der Cranger Straße 325 in Gelsenkirchen-Erle

Juni: Verlagerung der Hauptverwaltung sowie der

Tagesgruppe und der Fünf-Tage-Gruppe zum Centrumplatz

2 in Bochum

2003 Januar: Verlagerung der Jugendwohngruppe/

Jugendwohngemeinschaft zur Grimmstraße 17 in

Gelsenkirchen-Heßler

Juli: Beginn von Elterntrainingskursen im Jugendhilfecentrum

am Centrumplatz

Dezember: Umzug des Kindergartens “Förderkörbchen“

in die Schlosserstraße

2004 Juni: Verlagerung der Aufnahme- und Clearinggruppe

für Jugendliche zum Centrumplatz

2005 August: Übernahme der Trägerschaft der Betreuung

im Rahmen der Offenen Ganztagsschule an

der Förderschule “Fröbelschule“ in Wattenscheid

2006 Januar: Aufbau eines ambulanten Hilfezentrums

in Bochum-Wattenscheid in Kooperation mit der

LIFE Jugendhilfe GmbH

2007 Juni: Zertifizierung des Kindergartens “Förderkörbchen“

als Familienzentrum und Erhalt des

Innovationspreises NRW

Oktober: Eröffnung eines Mutter-Vater-Kind-Wohnprojektes

am Centrumplatz

November: Entwicklung des gemeinsamen Projektes

“Das Navigationssystem“ von Förderschule und

Jugendhilfe

2008 März: Umzug der Kinderwohngruppe an der

Bergstraße nach Gelsenkirchen-Ückendorf

April: Einweihung der Kinderwohngruppe an der

Ückendorfer Straße

2009 Oktober: Eröffnung des Mutter-Vater-Kind-

Hauses am Centrumplatz in Bochum-Wattenscheid

Dezember: Eröffnung des Familienbüros in der Meinolphusstraße

in Bochum-Ehrenfeld

20 Festschrift Chronik 21


Ulrike Haufe-Künkler

Ehemalige Bewohnerin

„Der große Traum von Heimkindern ist

eigentlich ganz banal: Auf einen Klingelknopf

zu drücken auf dem dein Name steht.

Und jemanden haben, zu dem man Mama

und Papa sagt. Das waren für mich die

Insignien von Familie.

I

ch bin als Säugling im Heim abgegeben worden.

Das war 1954, meine Mutter war aus Polen geflohen

und ich war unehelich geboren. Das war zu der

Zeit noch eine Katastrophe.

Meine Mutter hat eine zeitlang im Säuglingsheim

arbeiten können und damals haben wir wohl etwas

Kontakt gehabt. Dann hat sie in Privathaushalten gearbeitet.

Später, hat sie geheiratet, noch ein Kind bekommen

und eine Familie aufgebaut. Danach hat sie

keinen Kontakt mehr gehalten, aus welchem Grunde

auch immer. Erinnerungen dazu habe ich nur ganz

wenige. Aber eines weiß ich sicher: Es gab 5 oder

6 Kinder damals, die keinen Besuch bekamen. Die

bekamen besondere Vergünstigungen, zum Beispiel

durften sie Weihnachten das Märchen im Stadttheater

anschauen. Weil ich immer diese Vergünstigungen

bekam, weiß ich, dass mich niemand besuchte.

Ich habe zuerst in dem alten Haus gewohnt in der

Schlosserstraße, 1960, nachdem dieser Anbau

gebaut wurde, bin ich rüber mit meiner Wohngruppe.

Wir waren vierzehn, fünfzehn Kinder. Von anderthalb

bis vierzehn. Wir waren eine große Familie, nur der

Vater fehlte, weil es damals praktisch nur Erzieherinnen

gab. An eine erinnere ich mich besonders gut:

Ursula Kühn, die eigentlich eine Künstlerin war. Sie

hat mit uns gemalt, Ausstellungen organisiert und

Volkstänze gemacht. Weihnachten haben wir Krippenspiele

einstudiert und ich durfte den Erzengel

Gabriel spielen. Das ist eine tolle Erinnerung für mich

weil ich hervorgehoben wurde. Ich durfte den Engel

spielen, weil ich die Weihnachtsgeschichte so gut

auswendig lernen und sprechen konnte. Für mich

war das die Krönung des Jahres. Für ein Heimkind ist

es toll, einmal im Vordergrund zu stehen und nicht

nur eines von 15 zu sein. Anerkennung zu bekommen.

So etwas war sehr wichtig für mich.

An die Wohngruppe, kann ich mich gut erinnern. Es

gab eine kleine Küche, in der unser Geschirr stand.

Gekocht wurde darin nicht. Das Essen kam immer

per Aufzug aus der Großküche im Keller. Wir Kinder

haben immer gemeinsam gegessen und vorher natürlich

gebetet. Von dem riesigen Flur gingen die Zimmer

ab. Da hab ich eine lange Zeit in einem Zimmer mit

zwei anderen Kindern geschlafen. Später, als ich zur

Realschule gewechselt bin, habe ich ein Einzelzimmer

bekommen.

Ein Heimkind auf der Realschule, das war damals ein

Novum. Ich war die Erste. Die meisten Kinder aus

dem Heim gingen zur Hauptschule oder sogar zur

Sonderschule. Ich war so stolz, einen eigenen Weg zu

gehen, eigene Freunde zu haben. Meine Erzieherin hat

mich damals sehr gefördert. Sie hat mir beigebracht

selbständig zu lernen und meine Aufgaben gut über

die Woche zu verteilen. Damals bekamen wir den ersten

Fernseher ins Heim und ich erinnere, dass ich mir

22 Festschrift Porträt 23


immer die Nachrichten anschauen sollte. Wohl um

mich weiterzubilden. Im Heim habe ich viel Unterstützung

bekommen. Ich bin gut begleitet worden. Ich bin

aber nur ein halbes Jahr vom Heim aus zur Realschule

gegangen. 1965 hat meine Mutter mich zu sich

und meinem Stiefvater geholt. Ich war so glücklich,

zu Hause zu sein, dass ich zuerst gar nicht gemerkt

habe, dass dort einiges nicht stimmte.

Meine Mutter und mein Stiefvater waren Alkoholiker.

Wenn ich von der Schule kam, wusste ich nicht, in

welchem Zustand meine Mutter war und ob ich für

mich und meinen Bruder etwas zu essen machen

musste. Aber ich wäre nicht zurück ins Heim gegangen

– niemals.

Heute weiß ich, dass meine Lebensbedingungen

zuhause deutlich

schlechter waren als im Heim. Wenn

ich nicht diese Prägung durch das

Kinderheim, diesen strukturierten,

rhythmischen Alltag gehabt hätte

und diese sichere und verlässliche

Begleitung, dann wäre ich wahrscheinlich

zugrunde gegangen.

Mein Halbbruder hatte immer große Schwierigkeiten

in seinem Leben. Ich glaube, das liegt vor allem

daran, dass er in diesem Haushalt groß geworden ist.

Damit will ich das nicht glorifizieren, eine Heimkindheit

ist nicht das Tolle. Aber für mich war’s besser als

die andere Alternative.

Ich habe meinen Realschulabschluss wegen der

Kurzschuljahre damals schon sehr früh gemacht –

mit 15. Ich wollte Krankenschwester werden, war

aber zu jung und habe deshalb eine Ausbildung als

Arzthelferin bei einem Neurologen in Gelsenkirchen

angefangen. Ich habe damals bei meiner Mutter

gewohnt, aber das ging dann irgendwann nicht mehr.

Der Alkoholismus meiner Mutter wurde immer

schlimmer. Sie hat mich oft in meinem Zimmer eingesperrt

und ich konnte häufig nicht zur Arbeit.

Aber in dem Haus, in dem wir gelebt haben, gab es

eine supernette Nachbarin. Sie hat dafür gesorgt,

dass ich innerhalb dieses Hauses ein eigenes Zimmer

bekomme.

Es gab in meinem Leben immer

Menschen, die mich gesehen haben

und – bildlich gesehen – an die

Hand genommen haben.

Und als dann das später auch nicht mehr ging, weil

meine Mutter mich auch in diesem Zimmer eingeschlossen

hat, hat diese Nachbarin mir noch einmal

geholfen und ist zum Jugendamt gegangen. Sie hat

gesagt, dass es nicht mehr geht. Ich konnte dann

sofort im Krankenhaus anfangen, habe dort erst aber

ein hauswirtschaftliches Jahr gemacht, bevor ich

mit der Ausbildung anfangen konnte. Wichtig war

vor allem, dass ich im Schwesternwohnheim leben

konnte. Ich war im Grunde immer zu jung in meinem

früheren Leben und schon ganz früh auf mich selbst

angewiesen.

Im Krankenhaus habe ich meinen Mann kennen

gelernt und wir sind zusammen nach Berlin gezogen.

Ich habe dort tagsüber gearbeitet und abends mein

Abitur nachgemacht. Das war eine tolle Kombination,

arbeiten und lernen. Ich habe das drittbeste Abitur

des Jahrgangs gemacht und danach Publizistik und

Kommunikationswissenschaften studiert, weil ich

mal etwas ganz anderes machen wollte. Jetzt bin

ich Autorin und Lektorin und schreibe für einen Verlag

Pflegefachbücher. Hier kann ich die zwei Herzen, die

in meiner Brust schlagen, die Pflege und das Schreiben

prima verbinden.

Neben meiner Arbeit engagiere ich

mich bei der Telefonseelsorge.

Ich denke, meine Erfahrungen aus der Kindheit helfen

mir da. Ich kann mich gut in die Anrufer einfühlen, ich

weiß, wie schlecht es einem Menschen gehen kann.

Aber ich kann auch Optimismus vermitteln. Einfach,

weil ich gelernt habe, dass es auch immer Wege aus

der Krise gibt, dass man aus dem Loch herauskommen

kann.“

24 Festschrift Porträt 25


Die Geschichte des Evangelisch-kirchlichen

Heimvereins Gelsenkirchen

Marta Müller-Dieck schreibt über ihre

Erfahrungen aus 47 Jahren ehrenamtlicher

Tätigkeit im Heimverein:

S

iebenundvierzig Jahre durfte ich die Arbeit des

Heimvereins ehrenamtlich mitgestalten und

mitverantworten. Nun bin ich schon siebzehn Jahre

Ehrenvorsitzende. 100 Jahre – eine kaum überschaubare

Zeit. Und doch möchte ich einen kurzen Überblick

über das geben, was mir Zeitzeugen berichteten

und was ich selbst erlebte. Dieser Bericht kann nicht

wiedergeben, was an pädagogischer Arbeit geleistet

wurde und an menschlicher Zuwendung geschah.

Im Jahr 1910, also 14 Jahre bevor das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz

in Kraft trat, erkannten die Pfarrer

die finanzielle Not in ihren Gemeinden. Pfarrer Otto

Schumacher (aus der Gemeinde Gelsenkirchen-Bismarck)

sammelte fähige und verantwortungsbewusste

Frauen aus allen Gemeinden Gelsenkirchens und

gründete mit ihnen die „Evangelische Fürsorge der

Frauenhilfe“. An diesen kleinen Verein wandten sich

die Hilfesuchenden. Ihnen wurde mit Lebensmittelpaketen

und Gutscheinen geholfen. Mitfinanziert wurde

diese Hilfe auch durch das, von der Stadt genehmigte,

Aufstellen von Sammelbüchsen mit der Aufschrift

„Gefährdetenfürsorge der weiblichen Jugend“ in allen

Geschäften.

Der Erste Weltkrieg unterbrach die begonnene Arbeit.

Im Jahr 1918, nachdem Fräulein Wilms ihre Ausbildung

als Fürsorgerin beendet hatte, konnte sie im

Hause ihrer Mutter (Bismarckstraße 123) „gefährdete

Mädchen“ aufnehmen. Die Arbeit weitete sich sprunghaft

aus. Daher beschloss die Synode Gelsenkirchen

unter Superintendent Eugen Hußmann (also für alle

Gemeinden) zwei Prozent des Kirchenaufkommens

für die „Gefährdetenhilfe“ abzugeben. So konnte 1927

das ehemalige Knappschaftsgebäude in der Wiehagenstraße

125 für 45.000 RM gekauft und für 10.000

RM umgebaut werden. Mitfinanziert wurde das Haus

durch einen großen Handarbeitsverkauf, zu dem alle

Frauenhilfen des Stadtverbandes selbst hergestellte

Arbeiten gestiftet hatten.

Dieses Haus im Wiehagen – das Mütter- und Säuglingsheim

– ist die Wiege des Heimvereins. Wir können

auch sagen: Hier liegen unsere Wurzeln.

Rat und Hilfe fanden in diesem Haus auch Mädchen

ohne Ausbildung und in Not geratene Frauen. Die

jungen Mütter wurden angeleitet, ihre Kinder selbst

zu versorgen. Dadurch entstand oft eine enge und

dauerhafte Verbindung. Nach der gesetzlichen Schonzeit

wurden die Mütter wieder in ein Arbeitsverhältnis

vermittelt.

Im Zweiten Weltkrieg ging die Arbeit wieder zurück.

Die Kinder mussten evakuiert werden. Das Haus

bekam starke Bombenschäden.

1952 konnte das Haus Wilhelminenstraße 152 (das

heutige Familienhilfecentrum an der Schlosserstraße)

erworben werden. Nach einem einjährigen Umbau

wurde das Haus 1953 als Evangelisches Kinderheim

eröffnet. Hierher wurden zunächst die vier- bis

fünfjährigen Kinder aus dem Mütter- und Säuglingsheim

verlegt. Im Laufe der Zeit kamen immer mehr

26 Festschrift Festschrift 27


lernbehinderte, verhaltensgestörte und psychisch

geschädigte Kinder in dieses Kinderheim. Deshalb

musste sich die Erziehungs- und Betreuungsarbeit

nach neuen Erkenntnissen ausrichten. Die Mitarbeiter

nahmen laufend an Fortbildungsmaßnahmen teil.

Nachdem das Mütter- und Säuglingsheim im Wiehagen

1975 aufgrund umfassender Stadtsanierungsarbeiten

abgerissen werden musste, konnte mit dem

Erlös das Kinderheim Wilhelminenstraße um einen

Anbau erweitert werden. Bereits 1976 wurde mit

dem Jugendhaus erstmals ein eigenständiger Bereich

für Jugendliche eröffnet. 1980 lebten hier 60 Kinder

in fünf familienähnlich strukturierten Gruppen und 16

Jugendliche im Jugendhaus. Ziel der Jugendlichen

war es, kurz vor der Gesellenprüfung in eine eigene

kleine Wohnung einzuziehen. Die Kinder und Jugendlichen

wurden von Erziehern, Sozialarbeitern, Sozialpädagogen

und einer Diplompsychologin betreut.

Mit dem Mütter- und Säuglingsheim und dem Kinderheim

Wilhelminenstraße gründete Herr Pfarrer

Sauer, damals Leiter der Inneren Mission, heute

Diakonisches Werk, im Jahr 1957 den „Evangelischkirchlichen

Heimverein Gelsenkirchen e.V.“ Durch

seine besondere Rechtslage als eingetragener Verein

war es möglich, staatliche und kommunale Zuschüsse

für soziale Arbeiten zu bekommen.

Die Struktur des Heimvereins sah vor, dass jedes

Haus ein Kuratorium besaß, zu dem Menschen

gehörten, die sich für die Arbeit interessierten und

einsetzten. Aus den meist vier bis fünf Frauen wurde

die Vorsitzende des Kuratoriums gewählt. Diese war

dann „geborenes Mitglied“ des Heimverein-Vorstandes.

Weitere Mitglieder des Vorstandes wurden durch

die jährliche Mitgliederversammlung vorgeschlagen

und für vier Jahre gewählt. Dieser Vorstand bestimmte

dann den 1. und 2. Vorsitzenden.

Unterschriftenberechtigt waren die jeweiligen

Verwaltungsdirektoren des Kirchenkreises sowie die

amtierenden 1. Vorsitzenden des Vorstandes.

Finanziert wurde der Aufenthalt der Kinder und

Jugendlichen in unseren Häusern aus verschiedenen

Quellen: Elternbeiträge, Einsatzstellen der anerkannten

Privathäuser, Sozialämter der zuständigen

Städte, Landschaftsverband, Kirchengemeinden,

Mitgliederbeiträge und Spenden.

Die Abrechnung mit den einzelnen Häusern einerseits

und den Geldgebern andererseits geschah durch die

Verwaltung, bestehend aus zwei bis drei Angestellten.

Nachdem der Kirchenkreis bereits 1955 ein rund

12.000m² großes Grundstück in Willingen (Hochsauerland)

erworben und dem Heimverein zur Verfügung

gestellt hatte, baute der Heimverein hier ein

Schullandheim: das Matthias-Claudius-Heim. Das

Haus wurde in den ersten zehn Jahren in 14-tägigem

Wechsel mit 120 Schülerinnen und Schülern aus Gelsenkirchen

belegt. Später wurde die Belegungszahl

auf 80 reduziert. Die Stadt gab allen Schülern eine

Finanzierungshilfe von 5 DM pro Tag. In den Schulferien

füllten Ferienmaßnahmen verschiedener Gruppen

das Haus.

Als 1980 alle Städte in die Rezession kamen, kündigte

die Stadt Gelsenkirchen den Belegungsvertrag mit

dem Heimverein. Das war bitter für Schüler, Lehrer

und den Heimverein selbst. Das Haus ging in den

28 Festschrift Festschrift 29


Besitz von Russlanddeutschen über, die es bis heute

als „Christliches Schul- und Freizeitzentrum e.V.“ gut

weiterführen.

Als vierte Einrichtung kam 1961 die Evangelische

Pflegevorschule hinzu. Der Abschluss der dreijährigen

Pflegevorschule berechtigte Volksschulabgänger,

später Hauptschulabgänger, zum Eintritt in die große

Krankenpflege. Im Internat der Pflegevorschule

lebten 40 Schülerinnen. Morgens waren diese im

praktischen Einsatz in anerkannten Privathaushalten,

in Krankenhäusern und im Kinderheim. Nachmittags

hatten die Schülerinnen theoretischen Unterricht:

Deutsch, Religion, Mathematik, Geschichte, Erdkunde,

Biologie und Musik. Richtschnur war der Lehrplan an

Realschulen. Erteilt wurde der Unterricht von Lehrern

an Hauptschulen, Realschulen und Gymnasien.

Unter Anleitung der Hausmutter, einer Wittener Diakonisse,

die Kindergärtnerin war, lernten die Schülerinnen

außerdem mit Nadel und Faden umzugehen.

So konnten viele Schülerinnen den Abschluss der

mittleren Reife (früher Einjähriges, heute Fachoberschulreife)

machen.

Von 1961 bis 1974 gingen 223 Schülerinnen durch

unser Haus. Davon wurden 16 Schülerinnen nicht

zur Prüfung zugelassen oder verließen die Schule

vorzeitig. Die 207 Schülerinnen mit dem Abschluss

„Pflegevorschule“ oder „Einjährigem“ gingen zu 90

Prozent in die Krankenpflege. Die restlichen zehn Prozent

ergriffen sozialpädagogische Berufe.

Durch die wissenschaftliche Bildungspolitik in allen

Bereichen wurde die Pflegevorschule in ihrer Form

dann nicht mehr gebraucht, denn es kamen immer

mehr Abiturientinnen in die Krankenpflegeschulen.

Aus diesem Grund war es richtig, dass die Mitgliederversammlung

des Heimvereins 1975 beschloss,

die Pflegeschule bis zum 30. Juni 1977 auslaufen zu

lassen.

Schon zu meiner Zeit im Heimverein wussten wir,

dass Erziehungs- und Bildungsarbeit mit Kindern und

Jugendlichen besser in kleinen Gruppen gelänge.

Darum freuten wir uns, dass wir ein Haus in Gelsenkirchen-Buer,

in der Nienhofstraße, kaufen konnten.

Hier wurde dann 1986 die erste Außenwohngruppe

als Familie mit 10 Kindern eröffnet. Inzwischen hat

sich dieser Bereich erheblich erweitert. Aber davon

müssen andere berichten. Ab dem Jahre 2004 ging

der Evangelisch-kirchliche Heimverein e.V. in der

Evangelischen Kinder- und Jugendhaus gGmbH

auf, welche die Arbeit in Form einer gemeinnützigen

GmbH fortführt. Die, den individuellen Bedürfnissen

des Einzelnen angepasste, Jugendhilferichtung hat

sich seitdem und bis zum heutigen Zeitpunkt kontinuierlich

weiterentwickelt.

Persönliche Daten:

Meine Zeit im Vorstand des Heimvereins begann 1946

und endete 1993, also 47 Jahre. Davon war ich zwei

Jahre 2. Vorsitzende und elf Jahre 1. Vorsitzende.

Ab 1993 darf ich Ehrenvorsitzende sein und freue

mich immer, wenn ich sehe, dass auch heute die

Verantwortlichen das erkennen, was jetzt nötig – ja –

erforderlich ist. Ich danke Herrn Vorndamme, dass er

mich immer wieder am Geschehen des Heimvereins

teilnehmen lässt und wünsche ihm für alle Arbeit

Gottes Segen!

Marta Müller-Dieck

Gelsenkirchen im Januar 2010

Anmerkung der Redaktion:

Für ihre langjährige ehrenamtliche Tätigkeit im

Heimverein und darüber hinaus - Presbyterium,

Kreissynodalvorstand, Synodaler Diakonieausschuss,

evangelische Familienbildungsstätte – wurde Marta

Müller-Dieck im Februar 1988 das Goldene Kronenkreuz

der Diakonie verliehen. Diese Anerkennung war

auch bereits ihrer Mutter Hedwig Dieck (1888-1983)

zuteil geworden.

30 Festschrift Festschrift 31


Nicola und Patrice mit Leonie

Bewohner

„Leonie hat unser Leben total umgekrempelt.

Aber wenn wir sehen, wie gut sie sich

entwickelt, wenn sie uns anlächelt, dann ist

der ganze Stress vergessen.

N

icola: Ich war 15, als ich erfahren habe, dass ich

schwanger bin. Meine Mutter war nicht gerade

begeistert davon, aber sie hat mir freie Hand gelassen,

das Kind zu bekommen. Eine Abtreibung wollte ich auf

keinen Fall. In der Schule habe ich das zuerst geheim

gehalten, nur meiner besten Freundin davon erzählt.

Im sechsten Monat konnte ich aber meinen dicken

Bauch nicht mehr unter weiten Pullis verstecken und

da habe ich es in meiner Klasse erzählt. Ich hatte Sorge,

dass böse geredet wird, dass jemand dagegen sein

könnte, aber so war das gar nicht. Meine Klasse hat

total nett reagiert, die haben sich gefreut für mich und

einige haben mir sogar Hilfe angeboten.

Patrice: Als Nicola mir gesagt hat, dass sie schwanger

ist, bin ich sofort aus Berlin hierher gezogen. Wir

haben uns beim chatten im Internet kennen gelernt

und bis dahin noch nicht ständig zusammen gelebt.

Ich habe hier in der Gegend einen Job gesucht und ein

paar Monate in Düsseldorf gearbeitet.

Im Moment habe ich Erziehungsurlaub und bekomme

Elterngeld. Ich möchte die schöne erste Zeit mit

Leonie nicht verpassen und Nicola so gut es geht

unterstützen. Nicola geht ja im Sommer wieder zur

Schule und da will ich mich um Leonie kümmern.

Wenn ich mal nicht kann, bringe ich Leonie in die

Krabbelgruppe hier im Haus.

Nicola: Zu Beginn der Schwangerschaft waren wir

schon etwas unsicher und hatten Angst vor dem

was auf uns zukommt. Ich war so unsicher, ob wir

beide das so ganz ohne Hilfe schaffen könnten und

so sind wir zum Jugendamt gegangen und haben uns

beraten lassen. Ich habe einfach gedacht, dass es das

Beste für unser Kind ist. Ich hatte schon ein komisches

Gefühl, so ganz fremden Menschen so private

Dinge zu erzählen. Die Mitarbeiter dort waren aber

total nett. Ja, und dort haben wir von der Mutter-

Kindgruppe erfahren.

Wir sind dann schon zwei Monate vor der Geburt

eingezogen. Es war toll, andere Mütter kennen zu lernen,

zu sehen, wie die so leben und wie sie mit ihren

Kindern umgehen.

Patrice: Wir haben uns immer mal Kinder leihen können,

um zu üben. Mir hat das sehr geholfen. Ich habe

mich, als Leonie dann da war, viel sicherer gefühlt.

Wenn ich jetzt mal unsicher bin, kann ich immer die

Betreuer hier in der Gruppe fragen. Das finde ich

schon super.

Nicola: Die Geburt war ganz schön anstrengend

für mich. Über zwanzig Stunden hat es gedauert

bis Leoni endlich da war. Ich war zum Glück nicht

allein. Patrice war dabei, meine Mutter und meine

beste Freundin. Als es los ging, habe ich ihr eine

SMS geschickt, und sie ist nach der Schule zu mir ins

Marienhospital gekommen und ist bis zur Geburt da

geblieben. Obwohl es ja schon mitten in der Nacht

war, hatte sie fast ein schlechtes Gewissen zu gehen.

Ich fand es total gut, dass ich nicht alleine war und

soviel Unterstützung bekommen habe. Als Leoni da

32 Festschrift Porträt 33


war, war die ganze Anstrengung sofort vergessen.

Die Hebamme hat mir Leoni auf den Bauch gelegt

und für mich war alles sofort wieder gut. Ich war so

glücklich.

Patrice: Leonies Geburt mitzubekommen war ein

wunderschönes Erlebnis für mich. Das Größte, was

ich bisher erlebt habe. Ich hatte oft das Gefühl, nicht

richtig helfen zu können, kam mir manchmal nutzlos

vor. Aber ich glaube, Nicola hat das gar nicht so

gesehen, und ich konnte ihr helfen. Ich stand immer

hinter Nicola, habe ihr den Nacken massiert oder

Wasser geholt. Danach durfte ich Leonie baden. Das

fand ich ganz toll. Meine Eltern haben Leonie dann

auch sofort gesehen. Sie sind extra aus Berlin zu uns

gekommen und haben die ganze Nacht in der Klinik

gewartet.

Nicola: Meinen Realschulabschluss habe ich gemacht,

da war Leonie schon da. Ich bin stolz, dass ich

die Quali fürs Gymnasium geschafft habe. Im Sommer

fange ich die 11 in der Gesamtschule an. Ich will

unbedingt Abi machen. Ich glaube aber, studieren

will ich nicht. Mir reicht eine Ausbildung, dann dauert

es nicht so lange, bis ich auch Geld verdienen kann.

Denn wir möchten Leonie so gerne etwas bieten

können, wenn sie größer ist.“

Ich war so unsicher, ob

wir beide das so ganz ohne

Hilfe schaffen könnten, und

so sind wir zum Jugendamt

gegangen und haben uns

beraten lassen.

Nicola

Leonies Geburt mitzubekommen

war ein wunderschönes

Erlebnis für mich.

Das größte was ich bisher

erlebt habe.

Patrice

34 Festschrift Festschrift 35


Ich bin gekommen, damit sie das Leben

und volle Genüge haben sollen. (Joh. 10,10)

Gedanken zum 100. Geburtstag der

Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe

D

ie Evangelische Kirche weiß sich aufgrund

„ ihres christlichen Menschenbildes dem Wohl

und dem Schutz von Kindern besonders verpflichtet.

… Risiken für Kinder und Jugendliche sind zugleich

Gefahren für die Entwicklung von uns allen: wenn

Kinder vernachlässigt, misshandelt oder missbraucht

werden, dann ist die Zukunft einer humanen Gesellschaft

insgesamt in Frage gestellt.“

S o heißt es im Rahmenkonzept für den Kinderschutz

des Kirchenkreises Gelsenkirchen und Wattenscheid,

das der Kreissynode im Sommer dieses Jahres zur

Annahme vorliegt. Und dann heißt es weiter:

„In der eigenen Arbeit mit Familien und Kindern setzt

die Evangelische Kirche im Kirchenkreis Gelsenkirchen

und Wattenscheid diese Ziele in entsprechenden

pädagogischen Konzepten um, die sich dadurch

auszeichnen, dass sie unterstützend statt repressiv,

hilfe- statt straforientiert und vertrauensbildend statt

überkon trollierend sind. Im Wissen, dass ein lückenloser

Kinderschutz in einer freiheitlichen Gesellschaft

unmöglich ist, setzen wir auf die Wahrnehmungs- und

Schutzkompetenzen der Menschen in unseren Gemeinden,

Einrichtungen, Diensten und Treffpunkten. Neben

der innerkirchlichen Zusammenarbeit, bei der wir uns

gegenseitig in der Kindeswohlsicherung unterstützen,

arbeiten wir in den Gemeinden und Stadtteilen in Netzwerken

mit anderen Kirchen und gesellschaftlichen

Gruppen sowie professionellen Partnern zusammen.“

In einem solchen Konzept ist das Evangelische Kinder-

und Jugendhaus ein entscheidender Baustein in

einem integrativen Gesamtkonzept.

Wie sorgfältig eine Gesellschaft mit dem Leben

umgeht, entscheidet sich nicht zuletzt da, wo es um

die Rechte von Kindern und Jugendlichen geht. Ihre

Rechte auf Unversehrtheit, auf Bildung und Erziehung,

auf Förderung ihrer Fähigkeiten, auf ein Umfeld,

das sie stärkt, ermutigt und unterstützt, müssen

Priorität haben.

Die Gründe hierfür liegen in den Kinderrechten. Sie

sind unabhängig von jedem Gedanken der Verwertbarkeit.

Die Förderung von Kindern begründet sich

nicht aus der Zukunftsfähigkeit einer Gesellschaft.

Sie begründet sich auch nicht vom späteren „Nutzen“

als „Humankapital“. Sie ist unverzweckt, nach christlichem

Menschen- und Weltbild heilig.

Gott ist ein Liebhaber des Lebens. So erwächst die

Pflicht, ein kinderfreundliches Umfeld zu schaffen

aus der Liebe Gottes zum Leben.

Kinder sind darauf angewiesen, dass wir ihre Rechte

schützen. Es ist die Verantwortung der „erwachsenen“

Gesellschaft, das entsprechende Umfeld zu

schaffen. Dabei ist der Bezugsrahmen, den das Evangelium

setzt, dass „sie das Leben und volles Genüge

haben sollen“.

36 Festschrift Festschrift 37


Dieses Recht ist universal. Es ist das Recht eines

jeden Kindes und eines jeden Jugendlichen. Damit ist

die Gesellschaft als ganze wie auch jede und jeder

Einzelne in der Verantwortung. Diese Verantwortung

kann nicht delegiert werden – weder auf die Gesellschaft

noch auf die Familie. Gemeinsam sind beide

aufeinander angewiesen, wenn es darum geht, Kindern

und Jugendlichen Räume gelingenden Lebens

zu öffnen und sie in diesen Räumen zu begleiten.

Diese Räume sind zu schützen vor verzweckenden

Zugriffen Dritter. Darum ist es so wichtig, dass es

einen gesellschaftlichen Konsens aller Kräfte gibt,

wie die Lebensräume der Kinder und Jugendlichen

auszusehen haben, damit in ihnen das eigenverantwortliche,

aufrechte Leben eingeübt werden kann.

Kinderarmut, eine einseitige religiöse oder kulturelle

oder ideologische Ausprägung vergiften die Räume.

Gleichzeitig gilt, dass alle Versuche, diese Räume

konflikt- und wertefrei zu halten, dem Ziel widersprechen,

auf ein aufrechtes, selbstverantwortetes Leben

vorzubereiten.

Im 21. Jahrhundert bedeutet dies, dass es keine Alternative

gibt zu einer interreligiösen, interkulturellen,

intersozialen und koedukativen Ausprägung dieser

Räume. Unterschiede in der Kultur, in der Religion,

im Geschlecht, im sozialen Umfeld wird es immer

geben. Um so wichtiger ist es, für unsere Kinder und

Jugendlichen Räume zu schaffen, die gegenseitiges

Kennenlernen fördern, die den Respekt gegenüber

dem anderen Geschlecht, anderen Kulturen und

anderen Religionen einüben und soziale Unterschiede

nicht verfestigen, sondern das Verständnis füreinander

fördern.

Gemeinsam muss es darum gehen, ein pro-existentes

Miteinander zu gestalten. Pro-Existenz heißt, dass

Unterschiede nicht geleugnet werden, dass sie

wichtig sind für ein Leben in Fülle, dass aber ihre

ab- und ausgrenzenden Auswüchse überwunden

werden müssen durch ein gemeinsames Bekenntnis

zu einer friedlichen, gerechten, offenen Gesellschaft

in Freiheit und Würde. Unabdingbare Voraussetzung

ist dafür eine gemeinsame Erziehung und Bildung in

Kindergärten und Schulen. Dazu gehört ein langes

gemeinsames Lernen. Dazu gehört auch die Integration

von Menschen mit Behinderungen. Dazu gehört

die Offenheit, Andersartigkeit nicht als Bedrohung zu

begreifen, sondern als Bereicherung.

Vertrauen und Respekt kann man nicht erzwingen.

Beides wächst nur auf geduldigem Boden. Und der

Boden ist hart. Die wachsenden sozialen Konflikte

in unserer Gesellschaft, die Angst um gesellschaftlichen

Abstieg auf der einen und die Erfahrung gesellschaftlicher

Ausgrenzung auf der anderen Seite,

die religiös und kulturell geprägten Unterschiede im

Familienbild, im Frauen- und Männerbild, die unterschiedlichen

Erwartungen an ein gelingendes Leben

und die Auswirkungen globaler Konflikte auf das

Zusammenleben vor Ort sind für eine Saat des Friedens

und Vertrauens eine ziemliche Herausforderung.

Rückschläge sind da programmiert. Um so wichtiger

ist es, dass wir mutig Schritt für Schritt einüben, was

dem Ziel dient.

Leben und volles Genüge, sagt Jesus, ist Gottes

Wille. Leben und volles Genüge! Ein Leben am Rande

des Existenzminimums, ein Leben in Armut und

Ausgrenzung genügt diesem Anspruch nicht. Ein

Leben in Angst vor dem Fremden, ein Leben voller

Abgrenzung von dem Anderen, ein Leben gegen Andere

genügt diesem Anspruch nicht. Ein verzwecktes

Leben genügt diesem Anspruch nicht.

Wir leben nicht, um zu arbeiten. Wir leben und arbeiten.

Wir leben nicht, um Gott zu gefallen. Es gefällt

Gott, dass wir leben. Wir leben nicht, um zu lieben.

Wir lieben das Leben. Das Leben aber ist nichts Exklusives.

Es ist inklusiv, es schließt jede und jeden ein.

Diesem Ziel fühlen sich evangelische Kindergärten,

Familienzentren, Schulen, Kinder- und Jugendheime

in den Kirchengemeinden, Familienbildungsarbeit im

Kirchenkreis Gelsenkirchen und Wattenscheid und

unsere diakonische Arbeit im Kinder- und Jugendhaus

des Diakoniewerkes Gelsenkirchen und Wattenscheid

verpflichtet.

Dieses zu gestalten bleibt unsere Aufgabe im 21.

Jahrhundert – mit anderen, für andere, damit sie das

Leben und volles Genüge haben sollen.

Rüdiger Höcker

Superintendent des Kirchenkreises Gelsenkirchen

und Wattenscheid

38 Festschrift Festschrift 39


Brunhilde Schwind

Mitarbeiterin und Ehemalige

„Das Heim hat mein ganzes Leben

bestimmt. Irgendwie hat es mich nie losgelassen.

Ich habe hier als Kind gewohnt,

dann in der Küche meine Lehre gemacht

und hier meinen Mann kennen gelernt!

E

inmal war ich ein Jahr lang weg. Da habe ich in

einem Privathaushalt gearbeitet, aber das war

nichts für mich. Als mir vom Heim eine feste Hauswirtschaftsstelle

angeboten wurde, bin ich sofort

zurückgegangen. Das war 1983. Ich kann mir gar

nicht vorstellen, einmal woanders zu arbeiten.

„Ich bin mit 13 hier ins Heim gekommen. Meine

Mutter ist früh gestorben. Ich habe zuerst bei meiner

Tante gelebt, aber irgendwann ging das nicht mehr.

Sie war schon alt. Zu meinem Vater hatte ich keinen

Kontakt mehr, der ist nach Dortmund gezogen und

dort auch sehr bald gestorben. Ich habe ihn gar nicht

mehr gesehen.

Als ich hierher kam gab es das Jugendhaus noch

nicht, die Gruppen waren total gemischt. Von fünf bis

achtzehn Jahren. Abends war immer für alle schon

sehr früh Schluss. Ich war dreizehn und musste

immer schon wie die Kleinen um sieben Uhr ins Bett.

Im Sommer schien noch stundenlang die Sonne. Ich

lag jeden Abend wach. Da denke ich heute noch dran.

Alles war so streng. Später wurde das Jugendhaus

gebaut und ich bin dort eingezogen. Da gab es endlich

Gruppen nur für uns Jugendliche. Alles wurde für uns

lockerer, wir konnten viel länger raus. Im Schuppen

hinter dem Haus gab es manchmal Diskoabende für

uns Jugendliche. Das war toll. Ich habe hier meinen

Mann kennengelernt. Der lebte auch hier im Heim,

aber in einer anderen Gruppe. Ich habe ihn gesehen,

und sofort gewusst: „Der - und kein Anderer!“ Wir

waren sofort ein Paar. 1988 wurde ich schwanger und

da haben wir geheiratet. Mein Sohn ist jetzt schon

beim Bund.

Früher gab es in der Schlosserstraße die Großküche,

da haben wir für das ganze Heim gekocht. Das war

schön, damals mit meinen Kolleginnen. Wir haben

toll zusammengearbeitet. Aber wir hatten gar keinen

Kontakt zu den Kindern.

Die Großküche gibt es schon seit ein paar Jahren

nicht mehr. Jetzt koche ich direkt in der Fünf-Tage-

Gruppe. Das war damals eine ganz schöne Umstellung

für mich, die Arbeitsatmosphäre da in der

Schlosserstraße hat mir sehr gefehlt. Jetzt bin ich

aber sehr gerne hier in der Gruppe. Meine Arbeit hat

sich natürlich sehr verändert. Ich putze viel mehr und

kümmere mich um die Wäsche.

Kochen ist jetzt nicht mehr das Einzige, was ich tue.

Die Kinder hier essen fast alles ohne zu meckern. Am

40 Festschrift Porträt 41


liebsten Eintöpfe und natürlich Fischstäbchen. Mir

macht es großen Spaß, für so tolle Esser zu kochen.

Für die Kinder, die mittags aus der Schule kommen,

bin ich oft die erste Anlaufstelle. Sie helfen mir

immer ein wenig in der Küche oder decken den Tisch.

Dabei erzählen sie mir oft, wenn es etwas Tolles gab

in der Schule. Neulich kam Justin zu mir und war so

stolz auf eine Drei in seiner Klassenarbeit. Er wollte

unbedingt, dass ich die Arbeit unterschreibe. Er hatte

extra die Lehrerin gefragt, da ich das ja eigentlich

nicht darf.

Ich glaube, ich habe so ein gutes Verhältnis

zu den Kindern, weil ich auch im Heim groß

geworden bin und dasselbe erlebt habe.

Brunhilde Schwind

Ich denke, die Kinder mögen mich. Und ich sie auch.

Wenn ich merke, dass es einem Kind nicht gut geht,

hake ich nach und dann erzählen sie mir meistens

was los ist. Das sind oft Prügeleien in der Schule oder

schlechte Noten. Weihnachten haben die Kinder oft

sehr schlimmes Heimweh. Da müssen wir viel trösten.

Da bin ich auch nah am Wasser gebaut.

Ich glaube, ich habe so ein gutes Verhältnis zu den

Kindern, weil ich auch im Heim groß geworden bin

und dasselbe erlebt habe. Ich weiß, wie das ist, kein

richtiges Zuhause zu haben. Ich weiß aber auch, dass

die Kinder hier gut aufgehoben sind. Es geht Ihnen

hier so viel besser, als da wo sie herkommen.“

42 Festschrift Festschrift 43


Jugendhilfe im Wandel

An der Geschichte und Entwicklung der

Evangelischen Jugendhilfe Gelsenkirchen

wird der Wandel in der Zielsetzung und den

Schwerpunkten der pädagogischen Arbeit

sichtbar und deutlich.

W

as im Jahre 1910 mit ehrenamtlichem Engagement

als Hilfe und Unterstützung für „gefährdete

Mädchen“ begann, hat sich in der heutigen

Zeit zu differenzierten und sogenannten „passgenauen“

Hilfsangeboten durch hauptamtliche und fachlich

qualifizierte Mitarbeitende für Kinder, Jugendliche

und Familien entwickelt.

So wurde bereits im Jahre 1986 die erste Außenwohngruppe

des Ev. Kinder- und Jugendhauses in

Gelsenkirchen-Buer eröffnet. Ziel war es, den Kindern

in einem eigenen Haus und somit überschaubaren

Lebensumfeld ein Aufwachsen in einer familienähnlichen

Atmosphäre zu ermöglichen.

In den Folgejahren bezogen weitere Gruppen der

Einrichtung eigene Häuser und das ursprüngliche Kinderheimgebäude

in Gelsenkirchen-Schalke wandelte

sich von einem Lebensort für ehemals insgesamt

76 Kinder und Jugendliche zu einem Familienhilfecentrum

mit differenzierten Angeboten für Kinder,

Jugendliche und Familien.

Heute finden in diesem Gebäude 10 Kinder aus

familiären Krisensituationen vorübergehend Schutz

und Orientierung in der Diagnosegruppe. Des weiteren

bieten 3 Wohnbereiche mit jeweils 3 bzw. 4

Wohneinheiten Hilfe, Unterstützung und Förderung

für insgesamt 10 schwangere bzw. junge Mütter/

Väter mit ihrem Säugling oder Kleinkind im Rahmen

der Mutter-Vater-Kind-Betreuung. Um den Müttern/

Vätern neben einer gezielten Anleitung zur Förderung

ihrer Kinder Entlastung wie auch z.B. den weiteren

Schulbesuch zu ermöglichen, wurde in der ehemalige

Großküche eine Krabbelgruppe eingerichtet, die eine

Betreuung und Versorgung der Säuglinge und Kleinkinder

montags bis freitags in der Zeit von 7.00 bis

19.00 Uhr ermöglicht. Ältere Kinder können aus der

Krabbelgruppe in den im selben Gebäude beheimateten

Kindergarten und das Familienzentrum „Förderkörbchen“

wechseln, in dem insgesamt 70 Kinder aus

dem Ortsteil Schalke betreut und gefördert werden.

Auch hier wird die Krabbelgruppe wie der Kindergarten

von Müttern/Vätern nach ihrem Auszug aus der

Einrichtung und dem Bezug einer eigenen Wohnung in

der Nachbarschaft gerne weiter genutzt.

Abgerundet wird das Angebot des Familienhilfecentrums

durch als Mieter im Hause befindliche Praxen

für interdisziplinäre Frühförderung und Heilpädagogik

wie auch für Logopädie, die eine gezielte Förderung

von Kindern und Jugendlichen wie auch Erwachsenen

mit kurzen Wegen vor Ort ermöglicht.

Insgesamt werden im Ev. Kinder- und Jugendhaus

153 Kindern, Jugendlichen, jungen Erwachsenen und

Familien aus dem gesamten Ruhrgebiet differenzierte

stationäre und ambulante Hilfen im Rahmen der Kinder-

und Jugendhilfe an Standorten in Gelsenkirchen-

Schalke, Gelsenkirchen-Buer, Gelsenkirchen-Heßler,

Gelenkirchen-Erle, Gelsenkirchen-Ückendorf, Bochum-

Wattenscheid und Bochum-Ehrenfeld angeboten.

44 Festschrift Festschrift 45


Ein wesentlicher Wandel der Jugendhilfe in den

letzten Jahren besteht darin, nicht mehr nur das Kind

oder den Jugendlichen im Focus zu haben, sondern

in immer stärkerem Maße die Gesamtfamilie und das

familiäre Umfeld in die pädagogische Arbeit einzubeziehen.

So wurden Angebote wie das Rendsburger

Elterntraining, die aufsuchende Familientherapie und

das ambulante Familienclearing stetig ausgebaut.

Weiterhin wurde auf Initiative des Jugendamtes der

Stadt Bochum vom Ev. Kinder- und Jugendhaus in

Zusammenarbeit mit der LIFE Jugendhilfe GmbH

2006 ein ambulantes Hilfezentrum in Bochum-Wattenscheid

aufgebaut, das insgesamt mit 12 Mitarbeitern/innen

ca. 90 Familien im Bezirk Wattenscheid im

Rahmen der sozialpädagogischen Familienhilfe und in

Form von Projekten und Kursen unterstützt und begleitet.

Schwerpunkt der Arbeit des ambulanten Hilfezentrums

ist unter Einbeziehung des Sozialraumes

und der dort vorhandenen Angebote die Erziehungskompetenz

der Erziehungsberechtigten zu stärken,

die Selbsthilfepotentiale in den Familien zu aktivieren

und das Wohl der Kinder und Jugendlichen in den Familien

zu sichern. So soll Kindern und Jugendlichen

mit diesen Hilfsangeboten das weitere Aufwachsen

in ihrem gewohnten familiären und sozialen Umfeld

ermöglicht werden.

Auch in ihrer weiteren Entwicklung wird sich die

Jugendhilfe auf sich verändernde gesellschaftliche

Bedingungen mit ihren Folgen auf die Lebensverhältnisse

von Kindern, Jugendlichen und Familien

einstellen müssen. So wird es weiterhin notwendig

sein, in enger und vertrauensvoller Zusammenarbeit

mit den zuständigen Jugendämtern die angebotenen

Hilfen regelmäßig auf ihre Wirkung hin zu überprüfen

weiterzuentwickeln und neue, bedarfsorientierte

Angebote zu schaffen.

Peter Vorndamme

Leiter des Evangelischen Kinder- und Jugenhauses

46 Festschrift Festschrift 47


Kathrin

Ehemalige Bewohnerin

„Ich glaube, ich kann stolz auf mich sein,

dass ich nicht abgestürzt bin.

M

eine Mutter hat mich mit zweieinhalb Jahren

ins Heim gebracht. Sie hatte einen neuen

Mann. Ich war nicht sein Kind. Da musste ich weg. Sie

war 17 als ich geboren wurde und hatte immer viele

Männer. Ich weiß nicht, ob Sie Drogen genommen hat,

das würde aber zu ihr passen. Getrunken hat sie auf

jeden Fall immer viel.

Ich bin in eine Pflegefamilie nach Gelsenkirchen

gekommen. Da war ich etwa 3. In den ersten Jahren

war dort alles ganz normal. Also das, was man als

Pflegekind so als normal empfindet. Dann, nach ein

paar Jahren, sind meine Pflegeeltern auf einmal Zeugen

Jehovas geworden. Besonders mein Pflegevater

war da extrem. Ich stand oft mit ihnen auf der Straße

und habe den Wachturm hochgehalten. Zweimal in

der Woche waren Versammlungen in diesem Königreichsaal

und einmal in der Woche kam eine Gruppe

von zehn Leuten zum Studium von religiösen Büchern

zu uns nach Hause. Sie haben versucht, mich

in diesem Glauben zu erziehen, aber das hat nicht

geklappt. Ich bin keine Zeugin Jehovas geworden. Ich

war immer schon ein kleiner Rebell. Wenn ich etwas

nicht verstand, wurde ich bockig. Und dann, als ich

so plötzlich von dort weg musste, war es ja sowieso

vorbei mit der Bekehrung.

Meine leibliche Mutter hatte zu dieser Zeit Arbeit in

einem Blumenstand in dem Supermarkt, da wo wir

wohnten. Ich bin dort oft einkaufen gewesen, sie hat

mich gesehen und anscheinend die Obermutti in sich

entdeckt. Sie ist zum Jugendamt gegangen, es gab

dort ein Gespräch. Ich glaube, da ging es um diese

Geschichte mit den Bluttransfusionen und dass die

Zeugen Jehovas Operationen ablehnen und daher ein

Kind dort nicht aufwachsen sollte. Ich musste von

einem Tag auf den anderen wieder ins Heim. Nach

neun Jahren! Das war krass, so plötzlich aus meiner

Familie gerissen zu werden. Ich meine, bei denen war

bestimmt nicht immer alles toll. Ich war damals eine

Außenseiterin, ich hatte eine Jungenfrisur und nur

selbstgestrickte Pullis an. Auch ging es dort sehr

streng zu. Aber ich hatte wenigstens eine Familie!

Heute glaube ich, dass mir dieser Halt später sehr

geholfen hat.

Meine Pflegeeltern waren total fertig. Ich erinnere

mich, dass mein Pflegevater geweint hat und der war

eigentlich ein harter Klotz. Er war ein ehemaliger

Polizist, nicht gerade einer der Gefühle zeigt. Für mich

war das ein Schock. Ich hatte Angst, so zu werden

wie die Welt, die ich als böse empfunden hatte. Ich

hatte plötzlich keinen Schutz mehr.

Nach zwei Monaten in dem Heim in Gladbeck bin ich

dann zu meiner Mutter gezogen. Mir war sofort klar,

dass das nichts Gutes wird. Ich kam mittags dahin

und da stand schon Bier auf dem Tisch. Mein Stiefvater

war arbeitslos und hat schon morgens getrunken.

Ich hatte ja den Vergleich, meine Pflegemutter

hat höchstens ein Glas Wein im Monat getrunken.

Die Wohnung war sehr klein und ich kam zu meinen

Stiefbrüdern in ein enges Zimmer. Die beiden waren

nicht gerade begeistert. Meine Mutter hat mir ein

48 Festschrift Porträt 49


paar Wolldecken auf den Boden gelegt. Das war

dann in den nächsten Jahren mein Bett. Bei meinen

Pflegeeltern gab es immer mal Ohrfeigen, aber bei

meiner Mutter hat man richtig was auf die Schnauze

bekommen. Einmal kam meine Mutter abends in

unser Zimmer und hat ohne irgendeinen Grund meine

Brüder mit einem Schuh verprügelt. Auf mich hat

sie eingetreten. Das war die blanke Gewalt. Ich habe

auch noch Schlimmeres erlebt. Mein Stiefvater hatte

immer noch Kontakt zu seinem Ex-Schwiegervater,

die Beiden haben immer zusammen getrunken. Zu

dem Schwiegervater haben die mich immer geschickt.

Erst ist da nichts passiert, aber dann, nach

zwei oder drei Besuchen hat der mich missbraucht.

Ich weiß es noch genau. Ich kam danach nach Hause,

meine Mutter stand im Wohnzimmer und bügelte. Ich

habe mich so geschämt. Es war für mich nicht leicht

zu erzählen was passiert ist.

Meine Mutter hat kurz zugehört und

mir direkt ins Gesicht geschlagen!

Ich würde die Familie kaputtmachen. Meine Eltern

haben den Schwiegervater zu uns gerufen, drei

Flaschen Bier auf den Küchentisch gestellt und ich

sollte die ganze Geschichte vor diesem Mann wiederholen.

Klar, dass ich da den Mund nicht aufbekommen

habe. Die haben mir nicht geglaubt und mich weiter

zu ihm geschickt.

Auch mein Stiefvater hat mich sexuell belästigt. Er

war Angler und manchmal waren wir zum Nachtangeln

am Kanal. Abends hat der mich ins Zelt gebracht

und mich da betatscht. Das habe ich meiner Mutter

nicht mehr erzählt, ich wusste ja wie das endet. Beim

nächsten Nachtangeln bin ich weggelaufen und habe

mich einer Freundin anvertraut. Ihre Eltern haben

die Polizei gerufen und die haben meinen Stiefvater

mitgenommen. Da hat sich meine Mutter endlich von

ihm getrennt und wir sind nach Essen gezogen. Sie

hat mir versprochen, dass dieser Mann nie wieder unsere

Wohnung betritt. Aber schon nach 4 Wochen saß

der wieder bei uns rum mit seinen Tüten voller Bier.

Da habe ich fast einen Herzinfarkt bekommen. Mit

meiner Mutter und meinem Stiefvater ging das oft hin

und her. Meine Mutter trennte sich, war kurz weg und

hat sich dann wieder von ihm bequatschen lassen.

Wir sind bestimmt sieben Mal im Frauenhaus gewesen.

Ich bin in dieser Zeit immer wieder

weggelaufen. Ich wollte da nur weg.

Mir wäre es egal gewesen wenn sie

mich erwischt und totgeschlagen

hätten. Dann hätte die Sache wenigstens

ein Ende gehabt.

Mein Glück war, dass ich von der Mädchenschutzstelle

erfahren habe. Da bin ich hin. Endlich hatte ich

Ruhe. Ich wusste, dass mir nichts mehr passieren

konnte. Wenn ich vorher gewusst hätte, dass es eine

solche Hilfe gibt, wäre ich dort schon viel früher hin

gegangen.

Die Mädchenschutzstelle ist leider nur für den Übergang

und nach drei Monaten kam ich in ein katholisches

Heim nach Gelsenkirchen. Die Betreuer dort

haben gegen alles gemeckert was ich gemacht habe.

Sogar Taschenkontrollen gab es dort. Das ging für

mich gar nicht. Ich will frei sein. Die hatten was gegen

meinen Freund, der war ja auch viel älter und hatte

mit Drogen zu tun. Ich habe dort zwei Jahre nur Theater

gemacht. Als ich ging, war ich nicht traurig und

die Betreuer dort bestimmt auch nicht.

Von dort kam ich in die Schlosserstraße. Hier war

plötzlich alles ganz anders für mich. Die Betreuer

haben mir vertraut, sie haben mir zugehört. Ich hatte

viel mehr Freiheiten, ich konnte länger draußen

bleiben, bekam Taschengeld. Ich habe mich ernst

genommen gefühlt.

Hier hat mich niemand bequatscht

oder gesagt was ich zu tun oder

zu lassen habe. Das hasse ich, das

macht mich aggressiv. Ich will meine

Fehler selber machen und daraus

lernen.

Ab sechzehn war ich in der Verselbständigung, das

heißt ich musste für mich selbst sorgen, mein eigenes

Essen kochen und alleine mein Geld einteilen.

Mit 18 bin ich ausgezogen, und habe kurz eine Verkäuferinnenlehre

in einer Bäckerei angefangen, bin da

aber schon nach zwei Tagen rausgeflogen. Das war

einfach nichts für mich, ich will nicht bis an mein

Lebensende Kekse verkaufen. Aus der Jugendhilfe

war ich damit raus.

Danach habe ich jeden Job gemacht, den ich bekommen

konnte, um ja nicht von Sozialhilfe abhängig

zu sein. Ich will nicht enden, wie meine Mutter. Ich

habe gekellnert, in Autowerkstätten gearbeitet, und

für alle möglichen Produkte Promotion gemacht.

Aus einem dieser Promotionjobs ist eine Festanstellung

geworden. Jetzt arbeite ich in einem Kaufhaus

auf der Düsseldorfer Königsallee und bin dort sehr

glücklich. Ich habe einen tollen Mann geheiratet habe

die besten Schwiegereltern der Welt. Endlich habe ich

eine richtige Familie. Endlich bin ich frei.

Heute denke ich, dass das, was war,

dieser ganze Mist, der mir passiert

ist, der Preis war, den ich für mein

heutiges Glück zahlen musste.“

50 Festschrift Porträt 51


Dr. Norbert Lammert

Pate

U

nter den vielen wichtigen Einrichtungen und

Projekten der Evangelischen Kinder- und Jugendhilfe

fühle ich mich besonders dem Kinder- und

Jugendhaus in Bochum verbunden, vor allem, weil

ich die Arbeit dieses Hauses in besonderer Weise zu

schätzen lernte.

Dank der vielfältigen und differenzierten Angebote

des Evangelischen Kinder- und Jugendhauses werden

Familien auch und gerade in schwierigen Situationen

unterstützt. Als Ältester von sieben Geschwistern,

und als Vater von vier Kindern, weiß ich, wie

wichtig Familie für das Wohlergehen und die gesunde

Entwicklung von Kindern ist. Familien bekommen im

Bochumer Kinder- und Jugendhaus professionelle

Hilfe, um schwierige, manche überfordernde Lebenssituationen

zu meistern.

Obwohl ich bei der praktischen, alltäglichen Arbeit

des Hauses nicht mitwirken kann, hoffe ich, dass ich

mit meiner Patenschaft das Engagement, das hier

im Windschatten der Öffentlichkeit geleistet wird,

unterstützen kann. Ich freue mich, wenn ich somit

wenigstens einen kleinen Beitrag dazu leisten kann,

die sozialen Einrichtungen aus der manchmal stiefmütterlichen

Wahrnehmung herauszuholen und Ihre

wertvolle Arbeit mit großem Respekt zu würdigen.

Zum 100. Jubiläum der Evangelischen Kinder- und

Jugendhilfe gratuliere ich herzlich. Für das langjährige

soziale Engagement der Einrichtung und Ihrer

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedanke ich mich,

und zum stolzen Jubiläum wünsche ich alles Gute.

Dr. Norbert Lammert

Präsident des Deutschen Bundestages

52 Festschrift Die Paten 53


Jens Lehmann

Pate

I

ch komme aus Essen, glücklicherweise aus einer

„ sehr behüteten, deutschen Mittelstandsfamilie.

Ich bin viel mit Kindern zusammen gekommen,

die wesentlich weniger, aber auch mit solchen, die

wesentlich mehr als ich hatten. Das war für mich

Motivation und Anreiz. Ich habe mir gesagt, dass du,

wenn du ein einigermaßen schönes Leben haben

willst, etwas dafür tun musst. Egal, ob im Fußball,

oder in meinem sonstigen Leben.

Irgendwann sind eigene Kinder in mein Leben gekommen.

Da lag der Wunsch nahe, zu erfahren, wie die

andere Seite aussieht, bei Familien denen es nicht so

gut geht. Familien, die durch ihre soziale Benachteiligung

Situationen erleben, die man sich als Mensch,

der aus relativ behüteten Verhältnissen kommt, gar

nicht so vorstellen kann. Deshalb habe ich mich, als

mich Peter Vorndamme ansprach, gerne als Pate

engagiert.

Ich denke, dass die Familie die wichtigste Institution

unserer Gesellschaft ist. Kinder, egal ob benachteiligt

oder nicht, werden mal unsere Gesellschaft ausmachen,

sie werden die Stützpfeiler unseres Zusammenlebens

sein.

Den Kindern, von denen wir erwarten, dass sie uns

als Rentner, als alte Leute, beschützen und respektvoll

behandeln, müssen wir eine Jugend geben, die

genau das beinhaltet: Respekt und Schutz. Mir ist es

ein Anliegen, dass auch die, die benachteiligt sind,

normal und gut aufwachsen können. Kinder müssen

lernen, respektvoll und vorsichtig mit ihrer Umwelt

und den Mitmenschen umzugehen. Wenn wir uns

heute nicht genau darum kümmern, dann bekommen

wir in 20-30 Jahren eine Gesellschaft, die wir

uns vielleicht nicht wünschen.

Meinen Kindern versuche ich dies durch eine Mischung

aus Strenge und Lässigkeit zu vermitteln. Für

mich ist besonders wichtig, dass sie sich sozial gut in

ihr Umfeld einfügen. Dass sie sich vor allem gegenüber

Kindern, die weniger haben, immer respektvoll

zeigen. Aber auch, dass sie sich gegenüber Kindern

die mehr als sie selbst haben, tolerant verhalten. Das

ist zum Beispiel der Grund, weshalb meine Kinder im

Fußballverein spielen. Bei einer Mannschaftssportart

lernt man schnell, andere anzunehmen und zu

tolerieren.

Ich habe viele wichtige Dinge in meinem Leben durch

den Fußball gelernt. Und durch eine gute Erziehung,

die ich von zuhause aus mitbekommen habe.

Die Siege sind leider immer nur kurze Augenblicke.

Hinterher weiß man aber, wofür man so hart trainiert

und sich diszipliniert hat. Das ist eine gute Schule

für das Leben. Die Niederlagen sind aber noch viel

lehrreicher, weil man da, wenn man einigermaßen

gut reflektieren kann, schnell lernt, was man falsch

gemacht hat.

Ich glaube, Kinder sollten lernen, sich in eine Sache,

die Ihnen Freude macht, so richtig reinzuhängen.

Auch wenn es manchmal mit Mühsal verbunden ist.“

Jens Lehmann

Fußballprofi

54 Festschrift Die Paten 55


Tim Lotter

Mitarbeiter

„Ich glaube gute Sozialarbeiter haben vor

allem eins: Spaß an ihrem Beruf.

M

ein erster Beruf war Tischler. Ich habe eine

Lehre gemacht und auch abgeschlossen. Der

Bau war aber nichts für mich. Der Umgang dort war

mir viel zu rauh. Das wollte ich auf keinen Fall mein

Leben lang machen.

Mir war klar, dass ich mit Menschen arbeiten will und

so habe ich mein Fachabitur nachgemacht, um Sozialarbeit

studieren zu können. Für die Fachoberschule

braucht man ein einjähriges Praktikum. Ich habe

mich hier im Kinder- und Jugendhaus beworben und

konnte in der Bergstraße in einer Kinderwohngruppe

anfangen. Zuerst habe ich dort noch keine wichtigen

Aufgaben bekommen. Aber sehr bald habe ich auch

richtig mithelfen können. Ich habe Kinder zum Arzt

begleitet oder bei den Hausaufgaben geholfen. Das hat

mir großen Spaß gemacht. Die Schule fiel mir danach

leicht, weil ich wusste wo ich hin wollte.

Nach dem Fachabitur konnte ich auch meinen Zivildienst

hier im Haus ableisten. Mein Glück war, dass

ich bei meinem Praktikum schon Erfahrungen im

pädagogischen Bereich sammeln konnte. Ich brauchte

daher nie diese handwerklichen Aushilfsaufgaben

erledigen, die normalerweise für Zivis übrig bleiben.

Ich konnte sofort in der Betreuung anfangen. Meine

Kollegen haben mich dort in die Gruppe sehr gut

eingeführt. Den Kindern wurde sofort vermittelt, dass

mein Wort genauso galt, wie das, der erfahrenen Kollegen.

Ich erinnere mich gut, dass ich anfangs ein wenig

Angst hatte mich ganz auf dieKinder einzulassen,

weil meine Zeit in der Gruppe ja sehr begrenzt war.

Von der Fachhochschule habe ich mir, ehrlich gesagt,

mehr erhofft. Mir gibt es da zuviel Theorie, die mir

hier im Alltag mit den Kindern wenig bringt. Die praktischen

Inhalte an der Uni helfen mir dagegen sehr. Es

gibt Seminare über Körpersprache und Rollenspiele.

Da habe ich viel über mich und meine Wahrnehmung

lernen können. Ich glaube, gute Sozialarbeiter haben

vor allem eins: Spaß an ihrem Beruf. Als ich Tischler

war hatte ich jeden morgen Bauchweh. Jetzt gehe

ich voller Freude zur Arbeit und ich glaube, die Kinder

merken das.

Die Arbeit kann aber auch frustrieren. Ich habe mal

einen Jugendlichen begleitet, der gerade aus dem

Heim ausgezogen war und während seiner ersten

Schritte in der Erwachsenenwelt noch betreut wurde.

Das war für mich ein ziemliches Auf und Ab zwischen

Hoffen und Frust. Wir haben dem Jungen eine

Lehrstelle besorgen können und er hat sehr motiviert

begonnen. Dann fing aber schnell das Verschlafen

an, es gab Krankenscheine und schlussendlich hat

er alles hingeworfen. Er bekam eine Chance nach

der anderen und hat keine dieser Chancen nutzen

können. Das habe ich nicht verstehen können. Das hat

mich wirklich geärgert.

Ich denke, viele Jugendliche haben überhaupt kein

Ziel. Ihnen fehlt jegliche Motivation, ihr Leben zu

verbessern. Vielleicht liegt es daran, dass es viele von

Zuhause nicht anders kennen, weil da auch immer

alles vom nur Staat kommt. Ich denke, wir Sozialarbeiter

müssen versuchen solche Strukturen zu

durchbrechen.“

56 Festschrift Porträt 57


Der Aufsichtsrat

2010

Klaus-Dieter Salinga

Dr. Karl Bosold

Robert Schwager

Pfr. Ernst Klein

Norbert Bachstein

Renate Nessit

Michael Kramp

(v. l. n. r.)

58 Festschrift Aufsichtsrat 59


Impressum

Herausgeber:

Ev. Kinder- und Jugendhaus gGmbH

Centrumplatz 2

44866 Bochum

www.ev-kjh.de

Fotos und Texte der Porträts:

Martin Steffen, Bochum

www.martinsteffen.com

(bis auf S. 4, 6, 8, 10, 18-20)

Gestaltung:

Oktober Kommunikationsdesign GmbH, Bochum

www.oktober.de

Druck:

tarcom GmbH, Gelsenkirchen

www.tarcom.de

Auflage: 2.000 Stück

Bochum, April 2010

60 Impressum


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