Mira und Laurent Kann es sein, dass wir uns lieben?

fleigejo

An einem kleinen Tisch saß eine junge Frau, die offen­sichtlich
ebenfalls Studentin war, wie fast alle, die hier in Uni-Nähe
verkehrten. Dass sie einen dicken Bauch hatte,
also schwanger war, bemerkte ich erst, als ich bei ihr am Tisch
Platz nahm. So etwas Dämliches auf Schwangerschaft und
Kinder Bezogenes wollte ich nicht ansprechen. Ich fragte
sie einfach, was sie studiere. „Medizin, was sonst? Brauche ich
bei dem Bauch demnächst ja drin­gend, oder?“ reagierte sie
mit einem leicht verschmitzten Lächeln. „Na ja, aber ich bin
ja auch nicht angefangen Kfz-Ingenieur zu werden, als ich mir
ein Auto kaufte. Meinst du, ich sollte es doch lieber machen?“
wandte ich fragend ein. „Ich hatte ja das Glück, es vorher
auch schon zu machen, während du wahr­scheinlich ganz
von vorne anfangen müsstest. Du solltest dir vielleicht
einen Freund zulegen, der so etwas kann.
Ich denke, es könnte schon lustig werden, sich weiter
Gedanken über deine berufliche Perspektive zu machen,
Herr Inge­nieur, aber ich muss jetzt unbedingt
nach Hause und mich ein wenig hinlegen.“

Elvi Mad

Mira und Laurent

Kann es sein, dass wir uns lieben?

Unverhofftes Glück im Mai

Erzählung

Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

Joseph von Eichendorff, Mondnacht

An einem kleinen Tisch saß eine junge Frau, die offensichtlich

ebenfalls Studentin war, wie fast alle, die hier in Uni-Nähe

verkehrten. Dass sie einen dicken Bauch hatte,

also schwanger war, bemerkte ich erst, als ich bei ihr am Tisch

Platz nahm. So etwas Dämliches auf Schwangerschaft und

Kinder Bezogenes wollte ich nicht ansprechen. Ich fragte

sie einfach, was sie studiere. „Medizin, was sonst? Brauche ich

bei dem Bauch demnächst ja dringend, oder?“ reagierte sie

mit einem leicht verschmitzten Lächeln. „Na ja, aber ich bin

ja auch nicht angefangen Kfz-Ingenieur zu werden, als ich mir

ein Auto kaufte. Meinst du, ich sollte es doch lieber machen?“

wandte ich fragend ein. „Ich hatte ja das Glück, es vorher

auch schon zu machen, während du wahrscheinlich ganz

von vorne anfangen müsstest. Du solltest dir vielleicht

einen Freund zulegen, der so etwas kann.

Ich denke, es könnte schon lustig werden, sich weiter

Gedanken über deine berufliche Perspektive zu machen,

Herr Ingenieur, aber ich muss jetzt unbedingt

nach Hause und mich ein wenig hinlegen.“

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Mira und Laurent - Inhalt

Mira und Laurent......................................................................................... 4

Kuss des Himmels........................................................................................ 4

Meeting im Bistro......................................................................................... 4

Kein Eremit................................................................................................. 5

Mira und Laurent.......................................................................................... 6

Bei Mira zu Haus.......................................................................................... 7

Träumen statt Interpretieren.......................................................................... 8

Verkümmernde Seele....................................................................................9

Schnelle Sympathie...................................................................................... 9

Kann es sein, dass wir uns lieben?................................................................10

Abendbrot mit Namensfindung.....................................................................12

Ekstatische Zustände?.................................................................................13

Spaziergang im Forst.................................................................................. 14

Wandlung zum Fatalismus?.......................................................................... 16

Ich bin doch ganz normal............................................................................17

Mein Fatum............................................................................................... 18

Gaby und Peter.......................................................................................... 19

Schau die kleine Tigerin...............................................................................20

Marietta.................................................................................................... 21

Hochzeitsmorgen........................................................................................ 22

Zusammenleben.........................................................................................22

Welchen Namen?........................................................................................ 23

Nalanis Geburt........................................................................................... 24

Alles um Nalani.......................................................................................... 25

Neues Antikonzeptivum............................................................................... 25

Dominante Nalani....................................................................................... 26

Ich bin das Zentrum....................................................................................26

Zum ersten Mal allein.................................................................................. 27

Ganz allein eure Angelegenheit..................................................................... 28

Ich bin nicht deine Zweitfrau........................................................................ 29

Nalanis Club.............................................................................................. 30

Familiensaga.............................................................................................. 30

Wintertimes............................................................................................... 31

Jahresfeierlichkeiten................................................................................... 32

Erweiterte Ansicht...................................................................................... 33

Mira und Laurent – Seite 2 von 34


Mira und Laurent

Kuss des Himmels

Diese wunderschönen Maientage, die nach Natur, nach erwachender, wachsender Natur

duften, wenn du den Geruch der sich erwärmenden frischen Erde wahrnehmen kannst,

diese Tage, in denen die Sonnenstrahlen alles um dich herum mit einer sanften Milde

erwärmen und in denen sie allem, was du siehst einen leuchtenderen, freundlicheren

Farbton geben, lassen mich immer an den Beginn von Joseph von Eichendorffs Mondnacht

denken. Es war das erste Gedicht, dass ich nach Christian Morgensterns Kindergedichten

kennenlernte. Sie waren mein erstes persönliches 'Bilderbuch'. Ich hatte zwar

vorher auch schon meine Forschungsbibliothek, bestehend aus zwei ausrangierten zerfledderten,

wahrscheinlich kirchenbezogenen Büchern, deren wunderliche Graphiken

und Kupferstiche ich mir immer wieder zu Gemüte führte, aber Morgenstern war ein

ganzer Himmel voller glitzernder Lichter. Natürlich waren die Gedichte lustig in ihren

Ideen, in ihrer Sprache, aber sie ließen mich nicht laut lachen. Sie erheiterten mich, begleitet

von einem schelmisch prickelnden Gefühl. Ich ließ sie mir immer noch vorlesen,

als ich sie schon längst alle auswendig kannte. Dass der große Elefant ausgerechnet Sophiechen

Wiedelband grüßen lässt, und der Bürger Kohlweißling aus Wiesenplan sich

über einen leichten Wind freut, der sein Haus, die Glockenblume, zum Klingen bringt,

hörte ich immer wieder gern erzählen. Besonders, wenn meine Mutter die 'Kätzchen ihr

der Weide', diese Silberschätzchen, befragte, wo sie denn den Winter über geschlafen

hätten, gab es mir ein kleines schmunzelndes Hochgefühl, sodass ich vor Glück einen

Kuss von ihr brauchte. Sie beglückten mich einfach, diese kleinen surrealen Komödien,

die trotz ihrer Skurrilität aber auch Freundlichkeit und Wärme vermittelten. Nachdem

meine Mutter noch weitere Gedichte besorgt hatte, die nicht in dem Buch aufgeführt

waren, meinte sie, ein anderer, Eichendorff, habe auch sehr nette Gedichte geschrieben,

die auch zum Teil lustig seien, und eine ganze Reihe davon könne sie sogar singen. Als

erstes las sie mir abends im Bett die 'Mondnacht' vor. Ich fand es nicht unbedingt

schlecht, aber an Morgenstern kam er nicht heran. Die erste Strophe fand ich noch gut.

Dass der Himmel die Erde küsst, und sie jetzt von ihm träumen muss, keine schlechte

Idee und hörte sich auch gut an, wie er's gesagt hatte, hätte von Morgenstern sein können,

aber dann lässt er die Seele still nach Hause fliegen. So billig hätte sich's Morgenstern

nicht gemacht. Er hätte zum Beispiel aus Kuss und Traum die große Liebe gemacht.

Die beiden hätten geheiratet, ganz viele Kinderlein bekommen, die jetzt überall auf der

Welt verteilt sind, und jedes von ihnen ist aus einem Kuss zwischen Himmel und Erde

entstanden. Oder aber die Liebe wäre zerronnen, weil der Himmel sich im Herbst wüst

und rüpelhaft aufführte, und die Erde jetzt vor solch wechselhaften Scharlatanen wie

dem Himmel gewarnt ist. Trotzdem denke ich an diesen genussvollen Tagen im Mai

nicht an das Stückchen Sonnenschein, das klein Irmchen für sich und ihr Schirmchen

beim Kaufman erworben hat, sondern daran, dass der Himmel die Erde still geküsst haben

müsse, obwohl diese Aktivität bei Eichendorff eher für die Nacht vorgesehen war.

Meeting im Bistro

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Ich hatte noch gar keine Lust, nach Hause zu fahren. Vielleicht wollte meine Seele ja

auch erst noch durch die stillen Lande fliegen, aber mir war mehr danach, unter Menschen

zu sein. Ich wollte noch einen Espresso trinken, nur das Bistro war ziemlich voll.

An einem kleinen Tisch saß eine junge Frau, die offensichtlich ebenfalls Studentin war,

wie fast alle die hier in Uni-Nähe verkehrten. Dass sie einen dicken Bauch hatte, also

schwanger war, bemerkte ich erst, als ich bei ihr am Tisch Platz nahm. So etwas

Dämliches auf Schwangerschaft und Kinder Bezogenes wollte ich nicht ansprechen. Ich

fragte sie einfach, was sie studiere. „Medizin, was sonst? Brauche ich bei dem Bauch

demnächst ja dringend, oder?“ reagierte sie mit einem leicht verschmitzten Lächeln.

„Na ja, aber ich bin ja auch nicht angefangen Kfz-Ingenieur zu werden, als ich mir ein

Auto kaufte. Meinst du, ich sollte es doch lieber machen?“ wandte ich fragend ein. „Ich

hatte ja das Glück, es vorher auch schon zu machen, während du wahrscheinlich ganz

von vorne anfangen müsstest. Du solltest dir vielleicht einen Freund zulegen, der so

etwas kann. Ich denke, es könnte schon lustig werden, sich weiter Gedanken über deine

berufliche Perspektive zu machen, Herr Ingenieur, aber ich muss jetzt unbedingt nach

Hause und mich ein wenig hinlegen. Ich habe hier nur eine kleine Pause gemacht.“

erklärte die junge Frau und wollte aufstehen. „Ich kann dich doch nach Hause bringen,

ich habe ja ein Auto, wie du weißt. Dann musste du nicht die umständlichen,

anstrengenden Wege mit Bus und Bahn machen. Es steht direkt vor der Tür.“ bot ich ihr

an. Sie stutzte kurz, schien zu überlegen, ob es Einwände geben könnte und meinte

dann: „Ja, das wäre sehr lieb von dir. Und du hast keinen dringenden Termin? Es würde

dich nicht stören?“ Ich erklärte ihr auf dem Weg zum Auto, dass und warum ich heute

sowieso noch überhaupt keine Lust hätte, schon nach Hause zu fahren.

Kein Eremit

Einerseits waren es sicher die schönen Maientage, aber es kam auch sonst manchmal

vor, dass mich nichts verlockte, die Räumlichkeiten meines Appartements zu bewachen.

Bis vor zirka dreiviertel Jahr hatte ich mit drei Frauen und zwei weiteren Männern in einer

WG gewohnt. Die Probleme nahmen zu und begannen mich zu nerven. Ich sah

einen Gewinn darin, meine Ruhe zu haben, und von niemand anderem und seinen Problemen

belästigt zu werden. Nur jetzt beginnt mich meine Ruhe und Isolation zu nerven.

Wenn ich mal eine Pause machen will, mir einen Kaffe trinken und mit jemandem

reden, es ist nie jemand da. Vor allem sind die nicht da, die dir trotzt der Probleme Aufmerksamkeit

schenkten, dich beachteten, dir vermittelten, dass du ein akzeptiertes Mitglied

dieser Gruppe bist, dass du anerkannt wirst, einfach so, selbstverständlich. Ich

denke nicht, dass ich Minderwertigkeitsgefühle habe, aber was es bedeutet immer ein

Feedback in Form von Aufmerksamkeit, Beachtung, Akzeptanz und Anerkennung zu bekommen,

merke ich erst jetzt, da ich es überhaupt nicht mehr habe. Alles dazu muss

ich extra organisieren, muss Freunde einladen, mit ihnen Termine für gemeinsame Vorhaben

ausmachen, damit du überhaupt jemanden findest, der dir Aufmerksamkeit und

Beachtung schenken könnte. Alles wirkt konstruiert. In der WG ergab sich spontan

mehr als man wahrnehmen konnte und da von sechs Personen auch immer noch Freunde

oder Freundinnen anwesend waren,spielte sich ein reichhaltiges Leben ab. Mein jetziges

Leben soll dadurch bunt werden, dass ich abends mal allein in die Kneipe gehe.

Das passt alles überhaupt nicht zu mir und meinen Bedürfnissen. Vor allem habe ich gar

keine Beziehung zu Frauen mehr. Meine Sexualität konnte ich aber nicht in der WG zurücklassen.

Ich habe keine Freundin, weil ich eine Frau, mit der ich mir eine dauerhaftere

Beziehung vorstellen könnte, noch nicht gefunden habe. Nichts Ungewöhnliches ei-

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gentlich, nur mit einer Frau deshalb befreundet zu sein, damit ich jemanden habe, an

dem ich meinen Sexualtrieb ausagieren kann, obwohl ich weiß, dass ich die Frau nicht

liebe, einer Frau, die mich wahrscheinlich mag und bewundert, die mich schätzt und

liebt, eine grässliche Vorstellung. Auch die Vorstellung, mit einer fremde Frau zu ficken,

die ich für eine Nacht angebaggert hätte, tötet in mir die Lust. Eigentlich verrückt, wenn

beide Sex wollen, warum sollen sie es dann nicht miteinander haben. Trotzdem mag

und kann ich so etwas nicht. Vielleicht bin ich zu konservativ oder zu verklemmt, aber

ich kann die Nähe und Intimität zu dem anderen Menschen und seiner Person nicht

ausblenden, die Aufmerksamkeit und Beachtung allein auf die Genitalien lenken, nur

das wahrnehmen, was mein Sexualtrieb erkennen will und nur meine sexuelle

Befriedigung sehen. In der WG war das kein Problem. Da kam es häufig zu Kontakten

und Unterhaltungen, bei denen man im fortgeschrittenen Stadium das Bedürfnis hatte,

die Kommunikation auf anderer Ebene im Bett fortzuführen. Man hatte sich im Gespräch

gegenseitig Beachtung geschenkt und gemerkt, dass man Sympathien für einander hatte,

das man den anderen mochte, ohne dabei schon direkt an Sex zu denken. Man hatte

Lust darauf, es mit der anderen Person zu erleben. Wie sollte etwas Ähnliches sich

heute ergeben. All diese Unzufriedenheiten mit meinen derzeitigen privaten

Lebensbedingungen vergegenständlichten sich in den Lokalitäten meines Apartments,

das mir manchmal auch wegen seiner räumlichen Begrenztheit im Verhältnis zu den

weiten offenen Räumen der WG wie eine Zelle erschien. Ich lebte in einer

unbeabsichtigten Klausur. Die meiste Zeit war ich ja mit Studium und Uni befasst. Da

fiel es mir nicht auf, und ich musste nicht daran denken, trotzdem konnte es nicht so

bleiben. Ich wollte mich nicht im Privatleben langsam zum Eremiten ausbilden.

Mira und Laurent

Das habe ich Mira Schönfeld, so hieß die junge Frau, die ich nach Hause brachte, natürlich

nicht erzählt. Auf halber Strecke wurde uns plötzlich bewusst, dass wir unsere Namen

gegenseitig gar nicht genannt hatten. „Ich habe ja mit Mira noch riesiges Glück gehabt.

Meine Eltern hatten damals nämlich einen indischen Hau. Das Mira verstehen sie

auch als indischen Namen, nur den gibt’s ja hier und vor allem in Italien und anderen

Ländern auch. Glücklicher weise heiße ich nicht Indirah, Gandhi war nämlich damals für

sie eine Lichtgestalt, aber Manju sollte ich erst wirklich heißen. Meine Omi hat mich davor

gerettet.“ erläuterte Mira zu ihrem Namen und ich verdeutlichte, dass es mir nicht

besser ergangen sei. Meine Eltern seien ein wenig frankophil, und damals in ihrer Hochphase,

als ich geboren wurde, hätte es natürlich ein französischer Name sein müssen.

„Es gibt so viele Namen, die man sowohl französisch als auch deutsch aussprechen

kann und die es in beiden Ländern gibt. Warum haben sie mich nicht beispielsweise Paul

genannt, nein Laurent musste es sein. Wem es nicht ausdrücklich gesagt wurde, nennt

dich nicht so. Entweder man spricht es deutsch aus, oder sieht gar nicht, dass am Ende

ein T steht und sagt einfach Laurenz. Laurent Berger, ich bitte dich, wie hört sich das

denn an, im Französischen ist es ganz passabel, aber halb französisch und halb deutsch,

das ist doch ein Unname.“ beschwerte ich mich. „Mir gefällt er trotzdem.“ meinte Mira,

„Ich finde Laurent ist ein schöner Name. Yves Saint Laurent, das klingt doch göttlich.

Laurent Fabius war mal Ministerpräsident in Frankreich, oder weiß der Herr Ingenieur so

etwas nicht? Was studierst du eigentlich?“ „Der Herr Ingenieur will Master of Education

werden, mit dem Wahlfach Sozialphilos-ophie.“gab ich ihr zur Antwort. „Oh je, das ist

allerdings viel schlimmer als dein Name. Bekommt man da beim Examen gleich einen

Hartz IV Antrag mit überreicht? Warum tust du das?“ erschrak sie. „Im Prinzip hast du

Mira und Laurent – Seite 5 von 34


vielleicht nicht ganz unrecht, nur für mich sehe ich das nicht so.“ erklärte ich noch kurz,

und da waren wir auch schon bei Mira zu Hause angekommen.

Bei Mira zu Haus

„Komm doch mit rein, wenn du sowieso noch nicht nach Hause willst. Ich bin ganz allein.

Meine Eltern sind noch nicht zurück, da können wir uns noch weiter unterhalten,

dann wird’s Maman auch nicht so langweilig Laurent.“ forderte Mira mich auf. „Ja die

kleine Madam holt sich einfach so viel von mir, dass es mir manchmal im Kopf ganz blumig

wird. Am besten geht’s mir dann immer, wenn ich liegen kann. Ende Juli, Anfang

August wird sie raus wollen aus meinem Bauch, dann ist das vorbei. Aber ich mag's

jetzt auch. Das ist vielleicht ein komisches Gefühl, wenn du anfängst zu merken, wie in

dir ein kleiner Tiger wächst. Es ist so ein Konglomerat von Gefühlen. Wenn ich sagte,

ich bin stolz, dann wäre das eine platte, falsche Beschreibung, es kulminiert in einem

dominanten Gefühl, das warm, freundlich und wohlwollend ist. Machen bestimmt alles

die Hormone. Genauso wie ich die Schwangerschaft zugelassen habe. Felsenfest stand

bei mir die Gewissheit, dass ich in einem solchen Fall abtreiben lassen würde, als ich

aber erfuhr, dass ich schwanger war, schienen auf einmal magische Mächte meine Welt

zu verändern. In wenigen Tagen war ich soweit, dass ich es unbedingt wollte. Der Zellhaufen

in deinem Bauch wird dir plötzlich ganz wichtig, bedeutsam und du beginnst ihn

liebevoll zu betrachten. War wenigstens bei mir so.“ erklärte Mira zu ihrer Schwangerschaft.

„Und warum wolltest du vorher unbedingt abtreiben?“ erkundigte ich mich. „Na

hör mal, gibt es denn eine ungünstigere Situation? Ich hab' keinen Mann, keinen

Freund, stecke mitten im Studium und wohne bei meinen Eltern. Die kleine ist ein Pillenkind.

Alle Fehler, die man machen kann, habe ich meiner Ansicht nach nicht gemacht,

trotzdem hat's funktioniert. Für mich ein absolutes Rätsel.“ erklärte Mira. „Und

der Vater, was hält der davon?“ wollte ich wissen. „Setz dich doch zu mir auf die Couch.

Das ist ja schrecklich, wenn du hinter meinem Kopf aus dem Sessel redest.“ forderte

Mira mich auf, „Ja der Vater, ich weiß wie er heißt, und ich habe auch seine Adresse.

Grundsätzlich abstreiten tut er es nicht, nachdem ich ihm erklärt habe, warum nur er

der einzig Mögliche sein könne. Ich weiß auch nicht, ob ich finanzielle Unterstützung

von ihm überhaupt wollte, ob ich nicht alles einfach vergessen sollte? Im Grunde ist es

ja auch alles mein eigenes Problem.“ „Wegen der Pille?“ fragte ich nach. Mira schaute

zur Decke und sinnierte. „Laurent,“ hob sie zögernd an, „ich weiß nicht ob ich dazu etwas

erzählen sollte. Ich kenne dich ja überhaupt nicht, und das wäre sehr privat. Also

ich habe keinen festen Freund. Mir ist bislang noch niemand begegnet, bei dem ich das

gewünscht oder für möglich gehalten hätte. Vielleicht habe ich zu hohe Ansprüche oder

spinnerte Traumvorstellungen, aber ich komme mir nicht wie in der Asche sitzend und

auf den Traumprinzen wartend vor. Ich weiß nicht, was es ist, aber einen Anlass, mich

verlieben zu können, hat es bislang noch nicht gegeben. Ich habe einfach noch nie jemanden

kennengelernt, der bei mir eine entsprechende Aufmerksamkeit erweckte. Und

eine Beziehung anfangen mit jemandem, gegen den ich von Anfang an Vorbehalte

habe, den ich nicht besonders schätze, nur bedingt mag, den ich nicht ein wenig bewundern

kann, grauenvoll. Was wird denn daraus? Hinterher vergisst du, dich rechtzeitig

zu lösen, und schleppst dieses von Anfang an kaputte Verhältnis durch dein ganzes

Leben. Auch wenn du selbst später noch so viel falsch machst, aber du brauchst doch

wenigstens einen hoffnungsvollen Start, und nicht ein Verhältnis, das von Anfang an nur

den Kriechgang kennt. Ja, und deine Sexualität scheint das aber nicht zu interessieren.

Die wartet nicht so lange, bis du einen richtigen Freund gefunden hast. Die sucht von

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Anfang an nach Befriedigung und kann es auch mit einem anderen Mann für eine Nacht

mal ganz gut finden. So hab' ich mich eben von Zeit zu Zeit beholfen, und einer davon

ist nun der Vater meiner Tochter geworden. Jetzt weiß du alles von mir. Und du? Verheiratet

bist du ja wohl nicht, aber eine Freundin wirst du haben. Der kannst du heute

Abend eine kuriose Geschichte erzählen.“ „Gar nichts werde ich erzählen, Mira. So etwas

erzähle ich nicht. Du hast es ja mir und nicht anderen Menschen berichtet. Abgesehen

davon habe ich sowieso keine Freundin.“ erklärte ich knapp. Miras Mutter kam zurück

und sah mich bei ihr auf der Couch sitzen. Ob etwas passiert sei, weil es wahrscheinlich

den Eindruck erweckte, als ob ich pflegend oder beobachten an ihrer Seite

säße. Mira klärte alles kurz auf und meinte dann: „Mutti, Laurent ist Philosoph, denk

daran und plapper nicht einfach so daher, wenn du mit ihm redest.“ Alle schmunzelten.

„Du hast mir noch nicht erklärt, warum du die Zukunft für dich als Sozialphilosoph nicht

so desaströs siehst wie für andere, aber nein, zuerst will ich wissen, warum du keine

Freundin hast. Ich hab' es dir auch erklärt und sogar noch viel mehr.“ setzte Mira an

mich gewandt fort. „Ich werde dir nichts erklären müssen.“ antwortete ich Mira, „Bei

mir ist es identisch so wie bei dir, und aus dem gleichen Grund wie du, habe ich auch

keine Gebrauchsfreundin, die ich gar nicht lieben und schätzen kann.“ „Du wirst doch

auch sexuelle Bedürfnisse haben. Männer gehen doch häufig in einen Puff oder so etwas.

Tust du das auch, oder schleppst du auch manchmal jemanden ab?“ forschte sie

weiter. Ich erzählte ihr von meiner derzeitigen Lebenssituation und von den Bedingungen

in der WG. „Von mir meinen die Leute, dass es mir ganz mies gehen müsse, während

des Studiums alleinerziehend ein Kind zu bekommen, aber ich sehe es überhaupt

nicht so und kann gar nicht so empfinden. Deine Situation scheint mir allerdings sehr

übel. Du darfst das nicht tagsüber verdrängen, ändere das ganz schnell. Wenn dich am

Spätnachmittag oder Abend deine Gruft ankotzt, komm doch einfach vorbei. Musst nur

vorher anrufen. Ich freue mich auch auf unsere Unterhaltung. Es sei denn, du wolltest

doch noch Kfz-Ingenieur werden, dann spreche ich nicht mehr mit dir.“ sagte es, lächelte

und streichelte mir mit ihrem Handrücken über die Wange. Zum Abschied umarmten

wir uns und lächelten uns längere Zeit gegenseitig an.

Träumen statt Interpretieren

Ein denkwürdiger Nachmittag im Mai. Ob der Himmel tatsächlich die Erde still geküsst

hatte, dessen war ich mir nicht ganz sicher, aber dass meine Seele ihre Flügel weit ausgespannt

hatte, als sie mit dem Auto über die abendlich leeren Straßen nach Hause

gondelte, stand fest. Meine Apartmentfestung schien sich zu lockern und zu weiten, als

ob sie intuitiv verstanden habe, dass meine emotionale Verfassung im Moment keinerlei

Einengungen zulasse. Ich fühlte mich leicht und wohl. Warum genau? So direkt benennen

konnte ich es nicht. Sollte ich analysieren, was da heute Nachmittag überhaupt geschehen

war, was es im Einzelnen für mich bedeutete. Nein ich wollte es nicht, es hätte

nicht zu meinem Empfinden gepasst, hätte es womöglich gestört. Das war mir schon als

kleines Kind bei Morgenstern aufgefallen. Natürlich konnte ich sagen, das etwas lustig

sei, weil es sich ja so in der Realität gar nicht zutragen konnte, nur war das ja letztendlich

nicht der Grund dafür, weshalb die Gedichte so kurios kitzelnd wirkten. Das wollte

ich aber auch gar nicht erklärt haben. Ich wollte sie hören und lächelnd genießen. Dafür

hatte Morgenstern sie ja auch für mich geschrieben. Ich habe die Interpretation eines

Germanisten von Eichendorffs Mondnacht gelesen. Wenn er das Gedicht in seine molekulare

Struktur zerlegen will, um die Teile davon im vielgliedrigen Kategoriensystem

deutschsprachiger lyrischer Details einordnen zu können, soll er es tun. Nur das will ich

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als Leser oder Hörer überhaupt nicht wissen und mit Sicherheit hat Eichendorff es auch

nicht auf dieser Basis konstruiert. Die Botschaft, die ein Gedicht mir vermittelt, entsteht

aus meiner Aufmerksamkeit gegenüber den Emotionen, die es bei mir auslöst, den Assoziationen,

die es anspricht, den Erinnerungen und Gedanken, die es weckt. Das fügt

sich zu einem Bild und davon hängt es ab, was mir ein Gedicht sagt und bedeutet, aber

doch nicht von der Kategorisierung der lyrischen Strukturelemente. Ich lehne es auch

schlicht ab, es mir vorschreiben zu lassen, wie ich etwas zu sehen habe, was meine

Wahrnehmung zu erkennen hätte. Wie sich die Bilder bei einem anderen gezeigt hatten,

würden sie sich mir sowieso nicht zeigen. Auch wenn es selbstverständlich eine

übermäßige Fülle an Gemeinsamkeiten und Ähnlichkeiten gibt und notwendigerweise

geben muss, haben Wahrnehmungen letztendlich immer ein an eine einzelne Person

gebundenes nicht zu knackendes individuelles Copyright. Meine gehören mir, ich mag

sie, das bin ich und nicht jemand anders, der mir erklären will, was ich eigentlich zu

sehen und zu empfinden hätte. Um nicht falsch verstanden zu werden, ich liebe

Informationen, die mein Blickfeld erweitern, mag zum Beispiel Ausstellungskataloge, die

mir Rahmenbedingungen und Situation in der ein Bild entstanden ist, näher bringen,

aber manchen Beiträgen scheint der absonderliche Impetus innezuwohnen, mir erklären

zu müssen, wie eine bestimmte Farbkombination in einem ausgewählten Bildsegment

auf mich zu wirken habe. Das will ich nicht nur nicht wissen, das nervt. Ich würde den

Nachmittag im Mai nicht in seine Einzelteile zerlegen und sie zu analysieren versuchen.

Ich glaubte, davon lieber träumen zu sollen, wie die Erde durch den vermeintlichen

Kuss des Himmels.

Verkümmernde Seele

Ich konnte mich nicht über zu wenige Freunde und Bekannte beklagen, nur ich hatte oft

kein Interesse, den Kontakt zu suchen, als ob es mir zu mühsam wäre oder einen ineffektiven

Aufwand erfordere. In der WG kannte ich dieses Phänomen nicht. War ich

schon müde und träge geworden, zumindest in meiner freien Zeit. Ich verglich die unterschiedlichen

Situationen damals und jetzt. Natürlich traf man sich immer in der WG.

Bekannte und Freunde kamen gern. Am großen Küchentisch traf man auch meistens

noch andere Leute, hier war das Leben, war immer Leben, intensives Leben. Intensiv

war für mich das Leben in der Uni, in Gesprächen, Seminaren, in der Bibliothek. Wenn

ich ein Referat halten musste, wenn ich für einen Artikel in einer Fachzeitschrift oder

sonst wo recherchierte, aber außerhalb meiner Arbeit nur laue Pfade. Meine Lebenshaltung

musste ich organisiert bekommen, und dann? Dann war eigentlich alles beliebig.

Anregende Diskurse über bedeutsame Themen wurden nirgendwo geführt. Nirgendwo

saßen Menschen beim Wein zusammen und erzählten Geschichten, dass man sich die

Bäuche hielt vor Lachen, nirgendwo passierte etwas, es gab keine Anregung und kein

intensives Leben im Privatbereich mehr. Meine Bekannten waren noch da, aber meine

Seele schien zu verkümmern.

Schnelle Sympathie

Dieser Nachmittag mit Mira passte nicht in das laue, beliebige Dahinleben. Er schien in

mir etwas angeregt zu haben, das mich immer wieder daran denken ließ. Ob der Aufwand,

sie zu besuchen, gerechtfertigt sei, so eine Frage könnte mir hier nie kommen.

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Ich dachte oft daran, wie es dieser jungen Frau mit dem schon großen Kind im Bauch

jetzt wohl ginge. Ich hatte eigentlich ja nur zufällig neben ihr am Tisch gesessen und ihr

dann wegen ihrer Lage angeboten, sie nach Hause zu fahren. Wäre ich von ihrer Haustür

aus zu mir gefahren, es wäre bei einem kurzen Intermezzo geblieben. Ich ging mit

rein, um mich zum Zeitvertreib mit ihr zu unterhalten. Wir hätten zum Beispiel über leckere

Käsesorten sprechen können. So lief es allerdings nicht. Wir, die uns überhaupt

nicht kannten, hatten viel von uns persönlich preisgegeben. Ich hatte mich wohl schon

mal mit Freunden darüber unterhalten, dass ich meine Entscheidung aus der WG auszuziehen

bereue, aber was ich dieser unbekannten Mira erzählte, hatte ich noch nie jemandem

gesagt. Warum? Ich hätte ihr mein persönliches Befinden nicht so detailliert

schildern müssen. Was hatte mich dazu veranlasst? Sympathisch war sie mir schon direkt

erschienen. Wir hatten ja nur zwei Sätze gewechselt. Wenn sie sich distanzierter

verhalten hätte, wäre mir der Gedanke, sie nach Hause bringen zu wollen, wahrscheinlich

gar nicht erst gekommen. Hatte der erste Blick vielleicht schon unsere gegenseitige

Aufmerksamkeit geweckt, hatten wir direkt erkannt, dass wir uns eventuell mögen würden?

Kann es sein, dass wir uns lieben?

Ich konnte und wollte Mira ja nicht direkt in den nächsten Tagen anrufen. Also, nach einer

Woche telefonierte ich mit ihr, und erklärte, dass ich mal anfragen wolle, ob ich sie

kraft meines Automobils wieder irgendwo hin befördern dürfe, ob es sie danach gelüste.

„Nein, ich habe im Moment keine Gelüste zum Autofahren, aber lass mal bei dir schnell

welche wachsen, die dich unverzüglich hierher befördern. Wo steckst du denn eigentlich?

Ich war schon davon ausgegangen, dass du dich nicht mehr melden würdest und

habe schon überlegt, ob in der letzten Woche etwas misslich für dich gewesen sein

könnte. Und bring ein bisschen Zeit mit, sodass du auch noch zum Abendbrot bleiben

kannst.“ forderte sie mich am Telefon auf. „Na du lebst ja doch noch und bist nicht in

der Zwischenzeit in deinem Apartmentgefängnis verwelkt.“ wurde ich freundlich lachend

mit Umarmung und Kuss begrüßt. „Ja, ich habe mir tatsächlich schon Sorgen um dich

gemacht. Wie du deine Situation beschrieben hast, finde ich sie schon sehr unerträglich.

Als angehender Sozialphilosoph müsstest du doch bestimmt schon theoretisch wissen,

dass dein Privatleben den Bedürfnissen menschlicher Sozialwesen nicht gerecht wird.“

erklärte Mira und lachte. „Ich weiß es nicht nur theoretisch, Mira, ich erfahre es auch

praktisch und will es so schnell wie möglich ändern.“ reagierte ich darauf, „Ein erster

Schritt ist schon, dass du mich wissen lässt, was das kleine ungeborene Kind mit der sie

umhüllenden Mutter anstellt, ob es sie immer noch schwindlig werden lässt.“ „Ja das

schon, aber sonst ist es sehr lieb und brav. Es lässt mich nicht mies und kratzbürstig

werden, macht mir nicht den Blues, quält mich auch nicht sonst irgendwie, sondern

scheint sich ausschließlich mit der Produktion von Glückshormonen für meine Nahrung

und meinen Sauerstoff zu bedanken. Ein Glückskind muss es sein, zumindest solange

es bei mir im Bauch ist. Nein, in der Tat, sonst habe ich auch schon mal Tage, an denen

ich mich schlaffer fühle, alles so notwendig erledigt bekomme, das gibt es nicht mehr.

Ich bin immer gut drauf.“ erklärte Mira lachend, „Warum hast du dich nicht mal gemeldet.

Ich wollte dich schon anrufen, konnte aber nirgendwo eine Telefonnummer von dir

finden.“ „Mira, du hattest mir freundlicherweise angeboten, dich besuchen zu können,

wenn mich meine Lage sehr stören sollte. Aber sonst kennen wir uns doch gar nicht.

Wir haben doch sonst nichts miteinander zu tun, und da rufe ich dich doch nicht gleich

am nächsten Abend an, als ob ich's nicht abwarten könnte.“ klärte ich es auf. Sie schau-

Mira und Laurent – Seite 9 von 34


te mich an, lächelte zwar, aber mit einem leicht skeptisch verzogenen Mund. Sie antwortete

nicht, sondern blies eine tiefen Luftstoß durch die Nase aus. Es schien ihr nicht

gefallen zu haben, was ich gesagt hatte. „Ich geh uns mal einen Kaffee machen. Für

dich Espresso, nicht war?“ erklärte sie und verschwand zur Küchenzeile. Als sie sich mit

dem Kaffee wieder gesetzt hatte, meinte sie: „Du hast schon recht, Laurent, im Grunde

sind wir füreinander völlig fremde Personen, die zwar sehr persönlich miteinander geredet

haben, aber ansonsten haben wir nichts miteinander zu tun. Nur ich empfand es gar

nicht so, ich nahm das Fremde in dir nicht wahr, du erzeugtest kein Bedürfnis, mehr Distanz

zu wahren. Als ob du mir sehr vertraut wärest, empfand ich dich. Ich weiß nicht,

warum das so ist, aber eigentlich war es fast von Anfang an da, eine Art von Sympathie

ist entstanden, ein vertrautes Wohlgefühl, ohne dass ich mich mit einem einzigen

Gedanken damit befasst hätte.“ erläuterte Mira. Dass ich sie am liebsten auch am

nächsten Tag direkt gern angerufen hätte, und diese Fremdheitsfloskeln formal zwar

korrekt, aber eigentlich vorgeschoben waren, sagte ich ihr nicht. Ich wollte es vor mir

selbst auch gar nicht zulassen. Dass ich den Freitagnachmittag in der letzten Woche als

außergewöhnlich und nett empfunden und mich öfter daran erinnert hatte, war ja in

Ordnung, aber etwas anderes, darüber hinaus Gehendes konnte nicht sein. Ich hatte

nicht von Mira geträumt, mich in sie verliebt, Unsinn. Ich kannte sie ja wirklich

überhaupt nicht. Lapidar reagierte ich auf ihre Erklärung: „Ja, das ist wohl so, dass wir

blitzschnell den anderen wahrnehmen und für uns eine Einschätzung seiner Person

zurecht legen. Bei mir bist du da auch sicher in die Kategorie Sympathisch,

Vertrauensvoll eingeordnet worden, sonst hätte ich bestimmt nicht so mit dir reden

können.“ Das schien Mira auch nicht zu gefallen. Sie presste die Lippen zusammen und

schaute in eine andere Richtung. Nach einer Weile drehte sie sich wieder zu mir und

lächelte. „Was ist heute los mit dir, Laurent? Am letzten Freitag warst du so nett, so

lieb, freundlich und offen, aber heute bist du kantig, verstockt und kommst mir vor, als

ob du einen Pflichtbesuch zu erledigen hättest. Was ist mit dir passiert? Hast du dir

irgendwelche Gedanken gemacht, die du mir nicht verrätst. Du musst mir ja nichts

sagen, aber in der vorigen Woche hättest du's. Erkläre mir doch wenigstens, warum du

es heute nicht tun willst.“ sprach sie mich an, und ich erwiderte ihr darauf: „Ich weiß es

doch auch nicht, Mira, ich denke nicht, dass ich heute verstockt sein will, es verwirrt

mich nur. Ich mag dich, Mira, obwohl ich dich gar nicht kenne. Ich habe die Woche über

oft an dich denken müssen, und wäre am liebsten jeden Tag bei dir gewesen. Es ist

verrückt, ich weiß nicht, wie ich es mir erklären soll, ich kann noch nicht einmal sagen,

warum ich dich gerne sehen möchte. Was soll das? Es spielt sich real für mich so ab,

hat aber zu der Realität, die ich erkennen kann, überhaupt keinen Bezug. Das ist doch

irrsinnig.“ Jetzt bekam Miras Lächeln ein Strahlen mit schelmischem Unterton. „Kann es

sein, dass das mal Liebe werden soll, was in dir so anfängt?“ fragte sie und schaute

mich an. „Ich fand dich auch sympathisch und nett, aber dass du täglich häufiger in

meinen Gedanken auftauchtest, ich mich abends fragte, was du jetzt wohl machen würdest,

die Vorstellung, dass du Trübsal blasend in deiner Kemenate hocken würdest,

nicht ertragen konnte, am liebsten zu dir gefahren wäre und nachgeschaut hätte, das

war ja irgendwie mit Sympathie allein nicht zu erklären. Du musstest offensichtlich wohl

etwas anderes in mir berührt haben, mir mehr bedeuten, als jemand, mit dem ich mich

mal nett unterhalten hatte. Und wenn du gar nicht weißt, warum das so ist, und dein

rationaler Einfuss auf diese Gedanken immer schwächer wird, dann soll das so etwas

wie Liebe sein. Laurent, kann es sein, das wir anfangen uns zu verlieben?“ fragte sie

wieder mit diesem schelmischen Lächeln. „Ich weiß nicht wie Liebe geht, aber ich

könnte mir schon vorstellen, dass es so ähnlich aussehen könnte, wie das, was wir

füreinander empfinden.“ reagierte ich auch lächelnd. „Zuerst geht Liebe so, dass man

Mira und Laurent – Seite 10 von 34


sich küssen muss. Also küss mich, bitte.“ erklärte Mira den folgenden Schritt. Bevor sich

unsere Lippen zum Küssen berührten, schauten wir uns lächelnd tief an. Nach intensivem

Küssen blickten wir uns wieder an und küssten uns erneut. Es tat gut, war sehr

angenehm, aber ein wenig sonderbar kam mir die Szenerie schon vor. Mira schien es

nicht anders wahrzunehmen. „So, jetzt sind wir verliebt.“ erklärte sie kategorisch und

lachte. „Laurent, ich denke, wir sollten einfach alles so akzeptieren, wie es ist, und das

tun, wozu wir Lust haben, sollten es einfach so laufen lassen und unsere gegenseitigen

Bedürfnisse respektieren. Ich mag dich, ich mag dich sehr. Mehr weiß ich auch nicht.

Wie Liebe bei mir geht, kann ich dir nicht sagen. Null Erfahrung, hab' ich noch nie

gehabt. Bis jetzt finde ich's aber aufregend, warm und vor allem dominant.

Anscheinend ist für uns beide ja die Anwesenheit, die Nähe des anderen wichtig, dann

sollten wir uns eben so oft wie möglich sehen. Das heißt, du müsstest herkommen. Tu

das bitte.“ Mira lächelte wieder und gab mir einen flüchtigen Kuss. „Aber anfassen

möchte ich dich auch schon, wenn wir doch verliebt sind. Da habe ich zwar bislang noch

gar nicht dran gedacht, dich zu streicheln und dich zu berühren, aber die Vorstellung

gefällt mir. Das ist schon eine sonderbare Liebe, die wir machen, nicht wahr? Aber ein

wenig kurios und lustig ist ja nicht schlecht. Oder erwartest du, dass Liebe für dich nur

ganz ernst und wichtig sein muss. Aber nein, so kann ich dich nicht sehen, Laurent.“

entwickelte Mira einige Vorschläge zum weiteren Procedere. „Ob das alles so aufregend

war? Auf jeden Fall verspüre ich ein starkes Bedürfnis, mich hinzulegen. Ah Laurent,

jetzt wo wir sowieso schon verliebt sind, können wir uns doch gemeinsam bei mir auf's

Bett legen und weiterreden, oder?“ schlug sie vor. Neben Mira auf dem Bett liegend,

betrachtete ich ihr Gesicht. Ich hatte den Eindruck, es zum ersten Mal bewusst wahrzunehmen.

Jetzt konnte ich mir vorstellen, dass Leute meinen, andere genau gesehen

zu haben, aber dann für die Fahndungsfotos bei der Polizei völlig falsche Angaben

machten. Ich hatte Mira ja am letzten Freitag und heute stundenlang gesehen, ihr

natürlich auch ins Gesicht geschaut, aber jetzt erschien es mir, als ob alles neu für mich

daran wäre. Ihre Stirn, ihre Augenbrauen und Augen, wie sich ihre kleine Nase im Profil

vorreckte, ihre Wange mit dem dahinterliegenden Ohr, Mund und Kinn, und wie sie sie

beim Sprechen bewegte, als ob ich das alles noch nie gesehen hätte. Mir gefiel dieses

Gesicht, das zu Mira gehörte, ich mochte es, meine Augen liebten seinen Anblick. Ich

streichelte Miras Wange. Sie drehte ihren Kopf zu mir und lächelte mich mit sanften

glücklichen Augen an. Jetzt musste ich sie küssen.

Abendbrot mit Namensfindung

Mira redete darüber wie sie zur Namensfindung für ihr Töchterchen kommen wollte,

während die Fingerkuppe meines rechten Mittelfingers sanft die Haut ihres Gesichtes

touchierte, als plötzlich ihre Mutter reinkam. „Mira,“ sagte und kurz stockte, „wir können

essen.“ meinte sie nur knapp. Als wir am Abendbrottisch Platz genommen hatten,

bekam ich ostentativ einen Kuss von Mira. „Ja, wisst ihr, wir sind nämlich verliebt.“ erklärte

sie in einem kecken Tonfall ihren Eltern und lachte. Die wussten gar nicht, wie sie

damit umgehen sollten und lächelten leicht verlegen. Dann erklärte Mira, dass man

wohl nicht umhin könne, was wir für einander empfänden, als Beginn einer Liebe zu bezeichnen.

Jetzt machten die Eltern entspanntere Gesichter und Frau Schönfeld wurde im

Gespräch immer offener und launiger. Wir fuhren mit der Namensfindung fort. „Heute

finden ja die Leute die Uraltnahmen wieder toll. „Wilhelm, Heinrich und Hubert, entsetzlich,

wie kann man seinen Kindern so etwas antun?“ fragte Frau Schönfeld, „Fehlt nur

noch, dass sie sie auch wieder Anton und Adolf nennen werden. Oder beabsichtigst du

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auch, deine Tochter Hedwig, Agnes oder Gertrud zu nennen?“ und lachte. „Nicht so direkt,

aber als Kind hält man es für wichtig, so zu heißen, wie andere auch heißen.

Gleichgültig wie es klingt und sich anhört. Nur das ist doch schade. Es gibt so wundervolle

Namen, die nicht auf die Heiligen des christlichen Abendlandes zurück gehen. Ich

denke, dass im Arabischen, oder auch in einigen afrikanischen Sprachen viel mehr Wert

auf den Klang gelegt wird. Vor allem die Polynesischen Namen finde ich wunderschön.“

antwortete Mira. „Nur die indischen nicht. Die sind grässlich, oder?“ erkundigte ich mich

schelmisch lächelnd. „Nein, nein, ich halte die für sehr schön, nur du magst als Kind

nicht einen Namen, mit dem du überall auffällst. Ich weiß überhaupt noch nicht, was ich

machen soll. Vorschläge und Hilfen sind erwünscht, nur entscheiden werde ich natürlich

schon.“ meinte sie dazu. „Das habe ich ja noch nie von dir gehört.“ reagierte Frau

Schönfelder und zu mir gewandt, „Mira meint nämlich immer wir hätten einen indisch

Vogel, und hätten dem unsere Tochter opfern wollen. Aber waren sie mal in Indien.

Kennen sie die geistigen und philosophischen Strömungen dort. Nein, nein, ich fang

jetzt nicht damit an, sonst werde ich nämlich gleich von meiner frisch verliebten Tochter

gesteinigt. Sag' mal, Mira, nimmst du das eigentlich gar nicht ernst. Du machst so

Witze damit.“ „Mutti, brems dich. Schon, schon, aber es ist doch ein schönes Gefühl, ich

freu mich doch, dass wir uns lieben, dass ich verliebt bin, darf ich denn da nicht auch

ein wenig lustig sein? Ein Requiem ist jedenfalls nicht die Musik, die ich mir zu meiner

Liebe wünsche.“ Vater Schönfeld verfolgte nur amüsiert die Unterhaltung, die

hauptsächlich von den beiden Frauen bestritten wurde. Sein Versuch, mit mir in ein

Gespräch über mein Studium zu kommen, wurde von seiner Frau zunichte gemacht.

Mira und ich unterhielten uns anschließend wieder auf ihrem Bett. Ich hätte immer hier

liegen können und mit ihr reden, sich dabei gegenseitig anschauen und sich mit den

Fingern betasten. Seit wann hatte ich das eigentlich nicht mehr gehabt? Nie hatte ich es

gehabt. Mit einer Frau nebeneinanderliegend sich unterhalten und glücklich dabei sein.

Die Abschiedsszenerie gestaltete sich lang und innig, fast so, als ob ich Mira jetzt wegen

einer Forschungsfahrt für mehrere Jahre verlassen würde. Immer wieder küssten wir

uns und streichelten unsere Gesichter. Jetzt glaubte ich zu spüren, was es Mira

tatsächlich bedeutete.

Ekstatische Zustände?

Ich konnte das alles gar nicht verstehen und erfassen. Geschehen lassen, einfach laufen

lassen, das schien nicht nur eine sinnvolle, sondern die einzig mögliche Devise zu sein.

Zu verstehen gab es da nichts. Es handelte sich schlicht um Wunder. Vielleicht kam Mira

ja gar nicht aus dem Indischen, sondern war einfach eine Abkürzung des lateinischen

Miracula, des Plurals von Wunder. Szenen des Nachmittags reminiszierend schlief ich

ein. Beim Zeitung lesen am Frühstückstisch meinte ich wieder nüchtern zu sein. Mira

Schönfeld, einer Frau, der ich bis vor einer Woche und einem Tag nichts bedeutet hatte,

die mich bis dahin nicht eimal kannte, war ich plötzlich das emotional Wichtigste geworden,

obwohl sie eigentlich immer noch so gut wie nichts von mir wusste und kannte.

Was war das in ihr, das mich so sehen wollte wie sie mich so sah. Was bot ich ihren Augen,

ihren Ohren, das sie sehen und verstehen konnten und mich für sie begehrenswert

erscheinen ließ. Was weckte in ihr das Bedürfnis, sich meine Nähe zu wünschen und

dies mit Wohlfühlemotionen zu verbinden. Ein Rausch, eine Verzückung, es schien wie

ein ekstatischer Zustand, der zur Realität keinen Bezug hatte. Glaubte sie in mir das

Idealbild des imaginären Wunschgeliebten, an dem sie möglicherweise über Jahre gemalt

hatte, erkennen zu können? Ich weiß es nicht. Jedenfalls schien es sich für mich

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außerhalb klar erkennbarer, identifizierbarer Realitäten zu bewegen. Aber ich befand

mich ja nicht in der Rolle des außenstehenden Betrachters, der den Phänomenen bei

Mira zuschaute und sie zu verstehen versuchte. Wenn ich Miras Entwicklungen für außerhalb

der Realität liegend ansah, war es ja bei mir selbst nicht anders. Ich wähnte

mich allerdings nicht in einem Trance ähnlichen Zustand, aber erklären, was mich

drängte, mir möglichst bald ihre Anwesenheit zu wünschen, in ihrer Nähe zu sein, konnte

ich auch nicht. Erotisch sexuelle Implikationen, weil sie eben eine Frau war, konnte es

wenn überhaupt nur sehr indirekt und unbewusst hintergründig haben. Ja, sie schien

schon etwas zu versprechen, das mir bedeutsam war, das mir gefiel, wonach ich suchen

könnte. Das fertige Bild einer Frau, nach der ich als Freundin suchte, gab es nicht. Mit

so etwas hatte sie nichts zu tun. Aufgeschlossen, verständnisvoll hatte sie auf mich gewirkt.

Als authentisch, aufrichtig sah ich ihr Verhalten, Freude verbreitete sie und brachte

mich zum Lachen. Ihre Ironie und ihr untergründiger Humor gefielen mir. Vor allem

aber vermittelte sie mir Vertrauen, Aufmerksamkeit und Anerkennung als Person, nicht

für irgendwelche von mir erbrachen Leistungen. Ein harmonisches Bild, das mir ihre

weichen Gesichtszüge mit den verständnisvoll spöttisch lächelnden Lippen und den

schelmisch fragenden Augen zeigten. Aber ich war mir nicht sicher, ja glaubte es eher

nicht, dass es das Bild, das mir gefiel, das ich darstellen konnte, allein war, was in mir

dieses Bedürfnis, dieses Verlangen erzeugte. Zumindest hatte ich es nicht bewusst so

gesehen, und auf Grund dessen beschlossen Mira zu lieben. Aber was gab es denn in

mir, welche Bilder existierten denn dort, denen Mira entsprach und die bei mir diese Bedürfnisse

hervor rufen konnten? Ließe sich so etwas überhaupt ohne sexuelle Implikationen

erklären? Oder waren es die Urerfahrungen von Vertrauen, Zuneigung, Aufmerksamkeit

und Anerkennung, von denen meine Wahrnehmung meinte, in Mira eine adäquate

Entsprechung zu erkennen, dass ihr Bild mir vermittelte, meine Wunschpartnerin

für zwischenmenschliche Beziehungen zu sein, sie mich schätzen, lieben und bewundern

würde, wie ich es mir erträumte. Vielleicht gab es in mir ja doch die Vorstellung einer

Frau, die ich lieben könnte und wollte, die mein Verlangen wecken würde, nur man gestatte

es meinem Bewusstsein nicht, dieses Bild erkennen zu können.

Bei Morgenstern hatte ich das Empfinden, dass er mich mögen müsse, mich durch seine

Gedichte einschloss in den Kreis der Wissenden, die darüber scherzen und lachen konnten,

gemeinsam lachten, sich gemeinsam an den subtilen und teils skurrilen Scherzen

freuen konnten. Vermittelte mir Mira auch das Empfinden, mich einschließen zu wollen,

Lust daran zu haben, mich aufnehmen zu dürfen in ihren Kreis, in den Kreis der Vielfalt

ihrer Welt, ihres Lebens und mich daran teilhaben zu lassen. Mir kam es schon vor, als

ob sie sich für mich weit geöffnet habe, um mich eintreten zu lassen in das Empfinden

ihrer Freude, ihre Zuneigung, ihrer Liebe und ihres Glücks.

Spaziergang im Forst

Ich rief Mira an, erklärte, das ich noch einkaufen müsse und ab dann zu ihr kommen

könne. „Ja, mach es so. Ich freue mich, mein Liebster, muss ich jetzt wohl sagen.“ erklärte

sie mit einem zarten Lachen am Telefon. „Laurent,“ sagte sie nur als sie mich eintreten

ließ, wir uns umarmten und küssten. Mira schien heute nicht so lebhaft freudestrahlend.

Ob es ihr heute nicht so gut ginge. „Nein, nein, schon.“ meinte Mira, „Nur mir

ist heute so irgendwie anders. Ich habe von uns geträumt. War aber nix Besonderes.

Was ich mitbekommen habe, war nur ein Ausschnitt, wie wir zusammen auf dem Bett

liegen. Einfach wiederholt. Nix passiert. Wir sind nicht gemeinsam davon geflogen oder

so etwas. Aber den ganzen Morgen über träume ich schon irgendwie. Ich hätte einfach

Mira und Laurent – Seite 13 von 34


im Bett liegen bleiben können und träumen. Ich bin heute so sentimental oder so inniglich

oder wie sagt man?“ sprach's und lachte sich halb tot. „Gefühlsselig oder beseelt.“

schlug ich noch vor. „Ich glaube, meine Seele würde am liebsten mit dir ein wenig spazieren

gehen. Nach Liegen bekommt mir leichte Bewegung am besten. Und außerdem

wird im Wald direkt an der Produktionsstätte die Luft bestimmt besonders sauerstoffhaltig

sein. Hättest du auch Lust?“ fragte Mira. Also fuhren wir zum Forst. „Ich mag das eigentlich

sehr hier, nur leider komme ich viel zu selten dazu. Der Geruch ist im Wald ein

ganz anderer. Wie riechst du eigentlich, Laurent? Hinterher kann ich dich womöglich gar

nicht riechen.“ lachend wollte Mira meinen Hals, mein Gesicht riechen. „Du hast Aftershave

genommen. Lass das sein. Es stinkt und ist nutzlos, bei manchen sogar schädlich.

Lass mal deine Hände riechen, oder riechen die nach Seife und Handkrem. Nein ganz

nett, aber das besagt ja nicht viel.“ erklärte sie mir und gab mir einen Kuss auf jeden

Handrücken. „Ich finde es schon toll im Wald, das Grün der Blätter, und besonders das

zarte jetzt, schmeichelt deinen Augen. Aber auch unabhängig von dem, was hier alles

tatsächlich los ist, was hier wächst und lebt, kann ein Wald unzählig viele Assoziationen

hervorrufen. Wald hat ja früher eine viel stärkere Bedeutung im Leben der Menschen

gehabt. Heute ist er zum großen Teil zu einer Fabrik degeneriert, wird als

Produktionsstätte für die Papier- und Holzindustrie gesehen. Früher waren die Wälder

größer und standen in ständiger Beziehung zum Leben der Menschen. Nicht nur Hänsel

und Gretel haben sich dort verirrt, Hexen, Räuber und Zwerge hatten dort ihr Domizil,

und auf alten Gemälden spielt die Gestaltung des Waldes immer eine bedeutende Rolle.

Diese große alte Buche lässt mich zum Beispiel an die tiefen dunklen Wälder denken, in

denen man sich verirren konnte, die einem keinen Weg nach draußen wiesen. Ich kenne

das ja gar nicht, nur aus der Literatur, aber mit solchen Buchen hatte es bestimmt zu

tun. Wenn du auf einer Autobahn dadurch fährst, siehst du ja nichts, kannst nichts

erkennen, erlebst nichts.“ stellte Mira ihre Beziehung zum Wald dar. Ich konnte sie nur

bestätigen: „Unsere Beziehungen zum Wald haben sich stark reduziert. Es nimmt alles

nicht nur rasant zu in der Informations- und Wissensgesellschaft, es gibt auch Bereiche

die abnehmen oder sogar ganz verloren gehen, auch wenn sie eigentlich zu unseren

liebsten gehören sollten. Man kennt sicher unendlich viele wissenschaftliche Details vom

Wald, aber daraus wächst keine emotionale Beziehung, die dir spezifische

Empfindungen vermitteln kann. Dazu musst du den Wald erleben und aufmerksam

wahrnehmen können. Diese Vielfalt der unterschiedlichen Bereiche, die miteinander

agieren, dieses Zusammenspiel von mikroskopisch Kleinem bis zu den riesigen Bäumen.

Wie ein ganzer Kosmos wirkt es auf mich, ein Sinnbild des Lebens, wie ein riesiges

Orchester, das ein wunderbares Klangbild erzeugt und ohne jeden Dirigenten optimal

harmoniert. Wenn man ihn lässt, stellt der Wald ja ein eigenständiges Ökosystem dar,

das sich immer wieder selbständig regeneriert. Wie er es ja wahrscheinlich schon über

Jahrmillionen getan hat. Also, nicht nur nette historische Assoziationen, bitte, sondern

ein wenig mehr Ehrfurcht vor der Komplexität dieses hervorragend bewährten

Systems.“ „Sollte ich jetzt ein Gebet sprechen? Hieltest du das für angezeigt?“ fragte

Mira schelmisch und ich antwortete: „Nein, nicht unbedingt, aber ein Gedicht, ein Lied

könnte es schon sein.“ „Nur ich kenne kein ehrfurchtsvolles, andächtiges, außer so

etwas Blödem wie: 'Im Wald da sind die Räuber'. So etwas meintest du doch nicht,

oder?“ schaute sie mich wieder schelmisch an. „Ja, ja, prahlst hier mit der historischen

Bedeutung des Waldes, aber nicht nur bei Gemälden war er wichtig, auch in der Musik

und Literatur hat er eine herausragende Stellung gehabt, besonders in der Romantik.

„Wer hat dich, du schöner Wald“ von Eichendorff konnte meine Mutti sogar singen.“

wies ich sie ironisch zurecht. „Bitte, sing es mir vor, bitte. Nein zuerst will ich dich

küssen, aber dann.“ bat sie. Ich versuchte es. Die erste Strophe bekam ich noch

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zusammen:

„Wer hat dich, du schöner Wald

aufgebaut so hoch da droben?

Wohl dem Meister will ich loben

so lang noch meine Stimm erschallt

Lebe wohl, lebe wohl!

Lebe wohl, lebe wohl, du schöner Wald!“

„Wunderbar, du wirst es der Kleinen später vorsingen müssen. Kannst du noch mehr so

etwas?“ fragte Mira „Ja meine Mutter hat immer viel gesungen. Nicht so Kleinkinderkram,

das mochte sie nicht, und mir lag auch nicht viel daran. Außer Versen in denen

die Lautmalerei dominierte. Das fand ich auch oft lustig. Ich behalte das immer. Wahrscheinlich

vergisst du das, was du zuerst gelernt hast als Letztes.“ meinte ich. „Natürlich,“

erklärte Mira, „schlimm wär's, wenn's nicht so wäre. Du kannst ja nichts, wenn du

geboren wirst, außer schreien und an Mamas Zitze saugen. Alles was du kannst hast du

doch zusammen mit deiner Gehirnentwicklung gelernt. Stell dir vor, du könntest wieder

vergessen, wie laufen geht. Und wenn du da eben schon Lieder und Gedichte gelernt

hast, wirst du die auch nicht wieder vergessen. Laurent, du bist so gebildet.“ verkündete

sie, lachte und kniff mich dabei. „Ich glaube meine Träumereien sind verschwunden,

einfach futsch, obwohl du mir ein romantisches Lied vorgesungen hast. Jetzt habe ich

viel mehr Lust darauf, dich zu ärgern, als irgend wovon zu träumen.“ meinte Mira, und

ich entgegnete ihr, dass die zu respektierende Andacht des Waldes dies nicht gestatten

würde. „Sag mal, mon amie, wie sieht es denn eigentlich mit deinen Laufvorstellungen

aus? Du wirst ja sicher auch bedenken, dass wir den gesamten Weg noch zurücklaufen

müssen.“ erkundigte ich mich. „Oh ja, mon ami, das hört sich gut an. Das ist für Mann

und Frau, nicht wahr? Mon amour hörte sich das auch gut an? Aber chèrie das mag ich

eigentlich nicht, genauso wenig wie Schatz und Liebling. Mein Liebster fände ich da

noch am besten und manchmal vielleicht auch mein Süßer ganz lustig. Aber kann man

sich nicht weiter auch einfach bei seinen Namen nennen, muss man sich eigentlich mit

diesen Kosebezeichnungen anreden, wenn man verliebt ist? Ja wäre schon besser, nicht

wahr, wenn du es öfter hörst, dass du für den anderen der Liebste bist.“ sinnierte Mira.

Ich musste lächeln und erklärte ihr: „Im Moment bist du die aller Süßeste für mich.“ An

der nächsten Biegung wollten wir umkehren.

Wandlung zum Fatalismus?

Laurent, ich will eigentlich gar nicht viel darüber nachdenken,“ erklärte Mira wieder zu

Hause beim Kaffee, „aber weil es alles so unfassbar unerklärlich ist, reizt es mich doch

immer wieder. Ich hatte dir ja gesagt, dass ich noch nie jemanden kennengelernt hätte,

in den ich mich verlieben konnte. Ich habe es mir natürlich gewünscht, aber gesucht

habe ich danach nie. Als ich schwanger wurde, habe ich gedacht, es jetzt sowie erst mal

auf längere Zeit verschieben zu können, und gerade dann passiert es. Als du dich nach

einer Woche noch nicht gemeldet hattest, dachte ich o. k., alles nur Anflug einer dummen

Vermutung. Auch als du am Freitag dann kamst, war mir klar, er will eben nicht

mehr, will sich vielleicht nicht auf 'ne Schwangere einlassen, oder was auch immer. Und

dann war eigentlich innerhalb von wenigen Minuten alles ganz anders. Alles geschieht

nicht so, wie ich mir mein Leben eigentlich vorstelle, wie ich es planen würde und könnte.

Ich glaube, das geht gar nicht. Mir kommt es ehr so vor, als ob das Leben mich lebt

und zwar gar nicht schlecht. Alles zu planen und es dann durch adäquate Aktivitäten zu

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füllen und abzuarbeiten? Wie unattraktiv, wie langweilig. Ich möchte das gar nicht mehr.

Ich möchte es so wie es ist, so wie es daherkommt, ergreifen und voll leben können. Du

wirst es sicher nicht so sehen, Laurent. Ich hatte ja sonst auch ein festes Kategoriengefüge,

in das ich alles einordnen konnte, nur dann hat sich mein tatsächliches Leben

nicht mehr dafür interessiert, hat sich nicht mehr daran gehalten, alles in Unordnung

gebracht, hat mir gezeigt, dass es so unbrauchbar ist. Es hat mich gelehrt, offener und

flexibler zu sein, und ich finde es gut so und bin froh darüber.“ Mir war nicht ganz klar,

was ich nicht so sehen würde, weil mir manches von dem, wie sie es sah, doch zu abstrakt

erschien, um mir konkret etwas darunter vorstellen zu können. Ich sah nur, dass

ich sie mochte, auch für das, was sie gerade gesagt hatte, selbst wenn es fatalistisch

erscheinende Anklänge hatte. Dass sie mir einiges noch deutlicher erläutern würde,

dessen war ich mir sicher.

Ich bin doch ganz normal

Es sei eigentlich nicht richtig, dass sie seit dem Frühstück nichts gegessen habe, aber

essen wenn man keinen Appetit habe, sei ja auch nicht richtig. Sie würde sich jetzt am

liebsten zunächst mal wieder hinlegen nach dem Gewaltmarsch im Forst. Dass ich mich

zu ihr legte, war selbstverständlich. Nur Mira legte sich nicht hin, sondern kniete in der

Hocke neben mir und begann mein Hemd aufzuknöpfen, sie zog das T-Shirt aus der

Hose und schob es hoch. „Zieh das mal aus, das geht so nicht.“ ordnete sie an. Was so

nicht ginge, bekam ich nicht mitgeteilt. Als ich brav mit freiem Oberkörper auf dem Bett

lag, wurde ich überall berochen. „Mhm, gut, sehr gut, du kleiner Stinker, gefällt mir.

Und so zarte weiche Haut hast du. Vierundzwanzig bist du, nicht wahr? Dann wird das

bestimmt immer so bleiben.“ meinte Mira, drückte mir an mehreren Stellen einen Kuss

auf die Brust, strich mit jeder Wange einmal darüber und beugte sich zu meinem Kopf,

damit wir uns küssen konnten. „Und weißt du was?“ sagte sie, um mir dann leise etwas

ins Ohr zu flüstern. „Nein Mira, das kann ich nicht.“ äußerte ich mich daraufhin fast entrüstet.

„Oh je, du hast mich völlig falsch verstanden. Davon habe ich doch nichts gesagt.

Ich habe doch nur gesagt, dass ich erstaunt darüber bin, mich oft so rattig zu fühlen,

obwohl das biologisch gesehen ja eigentlich völlig funktionslos ist.“ „Darf ich mich

jetzt wieder anziehen?“ fragte ich. Ein „Nein,“ mit einem Lachen erhielt ich darauf als

kategorische Anweisung, „möchtest du denn gerne? Sonst könnte ich mich ja auch bei

dir ein wenig ankuscheln und dich vielleicht ein bisschen streicheln.“ Mira legte ihren

Kopf auf meine Schulter und ließ ihre linke Hand über meine Brust gleiten. Ich kraulte

ihr in den Haaren und sie recke mir manchmal ihr strahlendes Gesicht entgegen, damit

wir uns küssen konnten. Sie spielte mit meinen Brustwarzen und kniff sie heftig. Als ich

leicht aufschrie, kratzte sie mir von oben bis unten über meinen freien Oberkörper, richtete

sich auf, reckte sich und lachte. „Ich glaube, es ist doch alles in Ordnung.“ meinte

sie und lachte wieder. „Weißt du,“ hob sie an, sich mit ihren Händen auf meine Schultern

stützend, „ich fand es urkomisch. Ich dachte, wenn man verliebt wäre, müsse man

total scharf aufeinander sein, und zuerst mal zusammen ins Bett wollen, aber daran

habe ich bei dir überhaupt nicht gedacht. Gestern fiel mir das erst auf. Sonderbar, es

spielte überhaupt keine Rolle, obwohl mein Sexualtrieb ja nicht stillgelegt ist. Vielleicht

wollten wir so etwas gar nicht, wollten uns lieben wie Bruder und Schwester. Wenn du

Lust und Sehnsucht hast, muss die sexuelle Begierde denn nicht dazu gehören? Anscheinend

nicht. Ich weiß nicht wie wichtig es auch ist oder sein wird, nur das Zentrale,

bei der Frage, ob du den andern liebst ist es jedenfalls nicht. Wenn ich möchte, mir

dringend wünsche, dass du bei mir, in meiner Nähe bist, dann kommt ein Gedanke ans

Mira und Laurent – Seite 16 von 34


Bett dabei gar nicht vor. Die Anwesenheit deiner Person, dich zu erleben und dich zu erfahren,

macht die Lust und den Kitzel aus, alles mögliche andere kann sich daraus ergeben.

Beim Ficken, was ist das denn, nachher war's schön, vielleicht sehr schön, und

dann? Dann ist da nix. Du wirst nicht jemand anders lieben können, weil dir der Sex mit

ihm so gut gefällt, das ist überhaupt keine Basis. Da könntest du dich auch in deinen

Dildo verlieben, wenn's dir damit Spaß macht.“ „Meinst du denn, es könnte sich bei uns

doch irgendwann noch mal dahin entwickeln, dass wir auch zusammen ins Bett wollen,

oder hältst du das bei unserer Liebe für völlig abwegig und überflüssig?“ erkundigte ich

mich zu Miras perspektivischen Vorstellungen. Sie ließ sich zu mir runterfallen und biss

mir in die Nase. „Es ist schon da. Für solche Frechheiten müsstest du eigentlich direkt

aufgefressen werden. Aber nein, ich bin mir schon sicher, dass alles in Ordnung ist. Als

ich gerade auf deiner Schulter lag und dich streichelte, merkte ich schon, wie ich Lust

bekam, mehr zu machen, dass ich Lust auf deine Person mit deinem Körper habe. Weiß

ich aber auch erst richtig seit jetzt. Jetzt habe ich's zum ersten Mal in Ansätzen gespürt.

Aber bei dir, wie ist es denn da eigentlich. Für Männer stehen sexuelle Aspekte doch viel

stärker im Vordergrund.“ wollte sie von mir wissen. „Also, dass ich eine Frau sehe, der

Anblick ihres Körpers in mir sexuelle Lust erweckt und ich gern mit ihr Sex hätte, so

läuft das bei mir eigentlich nicht. Ich glaube schon, dass es Bilder gibt, die bei mir mit

sexuellen Konnotationen belegt sind, die kenne ich aber gar nicht. Die Frau wirkt dann

auf mich wahrscheinlich nett oder interessant oder so ähnlich. Bei dir weiß ich das auch

nicht. Ich fand dich schon nett, auch wie du sprachst, ob das vielleicht mit

irgendwelchen erotischen Hintergründen im Bunde war, ich weiß es nicht, bewusst

geworden ist mir davon jedenfalls nichts. Nur ganz unabhängig davon war dein Körper

ja sowieso absolut tabu. Mich zu fragen, ob du vielleicht einen erotischen Hintern

hättest, völlig undenkbar. Na ja, und so ist es eigentlich jetzt auch noch. Gedanken an

Sex zwischen uns beiden gibt es gar nicht.“ stellte ich meine Situation dar. Fast

entrüstet reagierte Mira darauf: „Was soll das denn? Ich bin doch keine Heilige,

untouchable, weil ich einen dicken Bauch habe. Ich bin doch ganz normal. Vielleicht

sieht der dicke Bauch ein wenig kurios aus, aber sonst ist doch alles genauso. Ich

möchte, dass du mich begehrst, ich wünsche mir, dass du Lust hast, mich zu berühren

und zu streicheln, mein Körper sehnt sich danach von dir angefasst zu werden. Er ist

keine no-go-area für diene erotischen Fantasien und will es auch überhaupt nicht sein.

Behandele mich also, bitte, ganz normal. Das tut mir gut und gefällt mir und nicht deine

Unnahbarkeitsfantasien. Im Übrigen verfüge ich über einen sehr erotischen Po.“ Wir

schauten uns an und ich meinte zögernd, dass ich sie schon verstehe, und auch für

einsichtig halte, was sie gesagt habe, nur falle es mir schwer, so zu empfinden.

Schwangerschaft und sexuelle Lust wollten bei mir nicht gut zusammen passen. „Mon

ami, du machst es dir selber schwer. Warum bleibst du nicht einfach über Nacht hier.

Dann können wir machen, wozu wir Lust haben. Ich werde dich nicht zu irgendetwas

drängen. Vielleicht werden wir uns gar nicht anfassen, vielleicht werden wir uns

streicheln, vielleicht werden wir auch Lust bekommen, etwas anderes zu machen, wer

weiß. Nur dann könnten sich unsere Körper ein wenig mehr aneinander gewöhnen. Mit

einem Gutenachtkuss von dir einzuschlafen und als erstes, wenn ich aufwache, morgens

dich zu sehen, wäre allein schon ein kleiner Traum.“ erklärte Mira, lächelte mich an und

gab mir einen Kuss.

Mein Fatum

Die Empfindungen widerstritten sich in mir. Auch abends im Bett bei ihr sein und mit ihr

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einschlafen zu können erschien mir schon verlockend, aber die Schwangerschaft in Verbindung

mit möglichen sexuellen Ambitionen verunsicherten mich und machten mir ein

wenig Angst. Natürlich würde ich über Nacht bleiben. Nicht weil die Argumente dafür

überwogen hätten, sondern weil es immer so war, dass ich mich für Mira entschied. Ich

sollte eben nach Hause fahren, mir holen, was ich für die Nacht brauche, während sie

im Moment ein wenig Schlaf gut gebrauchen könne.

Beim ersten Mal begegnen wir uns, beim zweiten Mal erkennen wir, dass wir verliebt

sind, beim dritten Mal stellen wir fest, das wir gemeinsam ins Bett müssen, was wird

der Sonntag mit sich bringen? Ich sollte mich auch zum Fatalisten umorientieren. Möglichkeiten

zu gezielten Einflüssen auf das für mich vorgesehene Schicksal schien ich

nicht mehr zu haben. Da ich diese Situation aber gar nicht klagend bedauerte, sondern

alles freudig begrüßte, schien innerlich die Umorientierung schon längst vollzogen zu

sein. Ich würde gespannt warten, was das Schicksal bei mir für den morgigen Tag vorgesehen

hätte. Aber jetzt musste es sich ja sogar auch noch um meine Nächte kümmern.

Ich konnte nur hoffen, dass das Schicksal sich damit nicht überfordert fühlte.

Gaby und Peter

Als ich zurückkam schlief Mira noch. Ich unterhielt mich mit den Eltern. Herr Schönfeld

erklärte: „Mira hätte auch viel lieber etwas Geisteswissenschaftliches oder Kunst und

Kultur Bezogenes studiert, aber alles was in Frage kam, war ihr zu unsicher. Sie verfügt

eigentlich nicht über zu wenig Selbstachtung, hat keine schwache Selbstwertschätzung,

wieso waren sie sich so sicher?“ „Ob ich mir so ganz sicher war, weiß ich nicht. Ich sah

nur die Alternative. Entweder es klappt, dann habe ich das, was ich suche und für mich

will, oder ich muss mich mein ganzes Leben lang mit etwas rumquälen, was nicht mein

Ding ist. Folglich musste es klappen, und es hat mir ja auch Spaß gemacht, und macht

es noch immer.“ erklärte ich dazu. „Ihre Einstellung gefällt mir und imponiert mir. Sonst

sind sie auf ihre Freizeit angewiesen, um das zu tun, was sie wirklich erfüllt. Was haben

sie denn für Freizeitbeschäftigungen?“ wollte Herr Schönfeld wissen. „Ihre Tochter“ antwortete

ich kurz und wir lachten. Dann erklärte ich, dass ich bis vor nicht allzu langer

Zeit in einer WG gelebt hätte, und dort keinen Mangel an Freizeitaktivitäten gehabt

habe. „So eine konkrete durchgehende Betätigung könnte ich mir für mich auch gar

nicht vorstellen. Mich intensiv irgend womit beschäftigen, das habe ich den ganzen Tag

über. Mir ist dann persönlicher Kontakt mit anderen Menschen wichtiger und lieber. Ich

gehe gern ins Theater und manchmal auch ins Kino, trinke gern Wein, schätze leckeres

Essen aber ich lese auch gern Belletristisches. Ein bunter Strauß an Vorlieben, aber kein

deklariertes Hobby.“ erläuterte ich meine Vorstellung. „Mira schläft immer noch. Ich

denke wir sollten sie zum Abendbrot wecken. Was haben sie denn heute mit ihr gemacht,

Herr Berger, dass sie sich so umfänglich davon erholen muss?“ fragte Frau

Schönfeld und lächelte. Ich erzählte es ihr und dass Mira möchte, dass ich bei ihr übernachte.

„Dann wecken sie sie jetzt auch mal am besten, da können sie ja schon üben.“

meinte sie und schmunzelte. Mira schien sich in anderen Welten zu befinden. Es dauerte

bis sie sich wieder voll orientieren konnte. Beim Abendbrot war sie aber wieder hellwach

und 'king of the table'. Sie brachte uns immer wieder durch ihre Darstellungen und Ausführungen

zum Lachen. Ich räumte mit Frau Schönfeld ab, während Papa und Tochter

sich schon ins Wohnzimmer begeben hatten. „Wenn ich gewusst hätte, dass alle so würden,

hätte ich bestimmt fünf davon haben wollen.“ meinte Frau Schönfeld und wir lachten

wegen ihrer leicht kuriosen Ausdrucksweise. „Fünf Stück davon das hätte aber auch

Mira und Laurent – Seite 18 von 34


ganz schön viel Arbeit bedeutet.“ meinte ich dazu. „Ja das war es ja auch. Es war sehr

schön mit Mira, aber es bereitete natürlich auch einige Umstände. Und so meinten wir,

eins sei schön, aber das reiche auch. Dass sie so 'ne tolle Puppe wurde und uns so viel

Spaß gemacht hat, konnte man als Baby ja noch nicht erkennen.“ reagierte Frau Schönfeld

darauf. Wie sie redete, konnte ich mir gut vorstellen, dass Mira die 'tolle Puppe' ihr

zu verdanken hätte. Mit meiner Bemerkung, ich fände es schon in Ordnung, wie sie es

gemacht hätten. Ich sei genügsam und wäre mit einer völlig zufrieden, begaben wir uns

auch ins Wohnzimmer. Wenn wir uns heute Nacht vertrügen, ob ich mir dann nicht

überlegen wolle, hierher zu ziehen. „Mutti, du bist unmöglich. Dir scheint das rasante

Tempo, in dem sich alles entwickelt hat, noch nicht schnell genug zu sein. Lass uns doch

mal sehen, wie sich was ergibt. Mir kommt alles als sehr schnell vor. Ich brauche es

nicht schneller, sondern denke eher, ob es langsamer nicht vielleicht besser wäre. Ich

sehe Laurent heute zum zweiten Mal, nachdem wir uns kennengelernt haben, und du

meinst gleich, er solle doch schon hier einziehen. Hast dich wohl selbst in ihn verliebt,

wie? Dad pass mal ein bisschen besser auf.“ meinte Mira und fuhr fort, „Ich muss heute

Abend ein Glas Wein trinken. Soll ich das hier tun oder gleich im Bett. Lieber im Bett,

nicht war. Ich werde heute wahrscheinlich sowieso nicht so schnell müde sein.“ Auf meinen

verwunderten Blick erklärte sie, dass bei einer großen Untersuchung festgestellt

worden sei, Kinder von Frauen, die während der Schwangerschaft zwei Glas Wein pro

Woche getrunken hätten, seien am cleversten, und nicht die völligen Abstinenzkinder.

Zu Anfang habe sie sich aber trotzdem nicht getraut. „Diese vins désalcoolisés kann

man natürlich auch trinken. Aber bei Wein bin ich ziemlich fimschig. Die schmecken mir

nicht, und da ärgert man sich bei jedem Schluck. Das zweite Glas trinke ich immer

Dienstags. Also musst du Dienstagabend hier sein, wenn du dich an dem Besäufnis beteiligen

willst.“ sagte Mira, lachte und erklärte weiter „Mutti, ich trau mich gar nicht, mit

dem ins Bett zu gehen, der hat Angst vor mir.“ Frau Schönfeld grinste, schaute mich an

und meinte: „Du nimmst ja den Wein mit, der wird dich mutig machen. Aber warum der

Herr Berger Angst vor dir hat, verstehe ich nicht. Hast du ihm gedroht?“ „Nein, der hat

Angst, weil wir zu zweit sind und er ist ganz alleine. Kann man ja verstehen, oder? Übrigens,

du willst dir diesen Menschen in dein Haus holen, und sprichst immer von Herrn

Berger. Wenn du ihn nicht mit Laurent anredest, wird er sowie so nie kommen. Und du

genauso Dad.“ „Ja, ist ihnen das denn Recht, Herr Berger? Dann müssten sie mich aber

auch Gaby nennen, und dich dann Peter?“ meinte sie fragend zu ihrem Mann gewandt.

Der lächelte und nickte. „Dann muss ich ja meinen Wein doch hier trinken. So etwas

kann man doch nicht einfach halbschlafend sagen. Das ist doch etwas Besonderes. Da

müssen wir doch drauf anstoßen, und um den Hals fallen müsst ihr euch gegenseitig.“

erläuterte Mira den Ablauf der Zeremonie, und alle befolgten es.

Schau die kleine Tigerin

„Komm doch mal her.“ forderte Mira mich auf, als wir uns auszogen, „Schau mal da drin

tobt sie sich aus, die kleine Tigerin. Manchmal scheint's ihr in der Kugel schon zu eng zu

werden, dann drückt sie mit einem Ärmchen oder Beinchen eine Wölbung nach außen.

Meistens kannst du auch einfach mit der Hand spüren, wie sie sich bewegt. Willst'e mal

fühlen? Aber ich glaube jetzt schläft sie. Ich spüre nämlich auch nichts.“ Wir umarmten

und küssten uns, und in Miras Blick lag etwas Zufriedenes leicht Glückliches. Im Bett

kam sie zu mir, beugte sich über mich und sagte: „Du bist mein Liebster, mein Einziger

und Allerliebster. Das muss ich dir einfach noch mal sagen, Laurent. Es tut mir gut, es

so sagen zu können und es mich dir sagen zu hören.“ Es schien mir, als ob Mira das

Mira und Laurent – Seite 19 von 34


Empfinden hatte, mich mit ihrem Baby verbunden zu haben, und sie sich dadurch voller

und umfänglicher von mir aufgenommen fühlte. In der Tat war es ja auch so, dass ich

mich zu dem, was mit ihrer Schwangerschaft zu tun hatte, relativ distanziert verhielt.

Ich wusste auch nicht recht, wie ich damit umgehen sollte und war eher reserviert. Jetzt

hatte sie mir ihren Bauch gezeigt, mit mir darüber gesprochen, mich fühlen lassen, unsere

Bäuche hatten beim Küssen aneinander gelegen. Sie hatte mich ihrem Bauch, ihr

mit ihrem Bauch Aufmerksamkeit schenken lassen. Ihren schwangeren Bauch in mein

Empfinden für sie integriert. Unsicherheit und Zurückhaltung waren durch diese kurze

Szene plötzlich wie verschwunden. Mir war es direkt gar nicht bewusst geworden, aber

Mira schien verspürt zu haben, dass sich für mich etwas geändert hatte. „Meine Liebe,“

reagierte ich sie umarmend. Lange lagen unsere Wangen aneinander. Als sie ihren Kopf

ein wenig hob, blinzelte Mira mir direkt vor meinem Gesicht zu und meinte: „Ich glaube

ich werde jetzt wieder selig oder so. Komm ganz nah zu mir. Unsere Körper wollen sich

gegenseitig spüren können. Wir lagen dicht aneinander und unsere Hände berührten

sanft die Haut des anderen. „Hast du immer so große Brüste, oder hängt das auch mit

der Schwangerschaft zusammen?“ wollte ich wissen. „Ach, meine Glocken sind jetzt

schon so groß wie richtige Milchkuh-Euter. Ich möchte wissen, wohin das noch führen

soll. Und vor allem, was davon wieder zurück geht. Mit solchen Dingern kannst du doch

nicht leben. Das ist ja schrecklich. Lass uns über etwas Anderes, Schönes reden.“

reagierte Mira, „Mir ist heute im Wald bewusst geworden, dass ich gar nichts singen

kann, auch Gedichte kann ich so gut wie keine rezitieren. Das ist schade, sehr schade,

nicht wahr? Du kennst sicher ganz vieles?“ „Du wirst auch einiges in der Schule gelernt

haben und hast es wider vergessen. Mir geht es nicht anders. Nur die frühen

Kindergedichte, die kenn ich noch, aber sonst sind auch alles nur Bruchstücke übrig

geblieben. Unser Musiklehrer hatte mal einen Kunstliedsänger auf dem Klavier begleitet.

Uns sang er die die Lieder beim Klavierspielen im Unterricht selbst vor. Ich habe

bestimmt viele gekannt, na ja ich kenn sie heute auch noch, aber singen kann ich

immer nur die erste Zeile oder irgendetwas aus der Mitte, was mir besonders gefiel.

Zum Beispiel aus der Winterreise den Leiermann:

Und dann ist es auch schon vorbei.

Drüben hinterm Dorfe steht ein Leiermann

Und mit starren Fingern dreht er, was er kann.

Marietta

Ich mochte den Musiklehrer eigentlich. Er hat mir auch viele Zugänge eröffnet. Aber vor

allem mochte ich seine Tochter. Ich hatte überhaupt keinen Kontakt zu ihr, aber ich fand

sie wunderschön. Ihre mittellangen schwarzen Haare, wie sie lachte und in meinen Erinnerungen

hatte sie große tiefe Augen. Vor meiner Pubertät fand ich immer Frauen toll,

die viel älter waren als ich, präpubertärer Ödipus bestimmt. Zum Beispiel mit vier habe

ich schon unserem Kindermädchen die spätere Ehe versprochen. Ah, die hatte ja auch

schwarze Haare und du auch. Anscheinend mag ich seit der unerfüllten Liebe zu unserem

Kindermädchen Frauen mit schwarzen Haaren. Na so etwas, da brauche ich zwanzig

Jahre um das raus zu bekommen.“ stellte ich erstaunt fest und lachte. „Da liebst du

also in mir dein Kindermädchen. Oh je, Laurent, das werde ich aber nicht machen für

dich.“ bejammerte Mira die augenblickliche Lage. Ich sinnierte: „Ich habe nie gedacht,

Frauen mit schwarzen Haaren gefallen mir besser oder etwas in der Richtung, aber dass

Marietta irgendeinen Einfluss auf mein Bild von Frauen ausgeübt hat, kann schon gut

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sein. Ich mochte sie wirklich sehr, und als ich mit fünfzehn-sechzehn erfuhr, dass sie geheiratet

hatte, gefiel mir das gar nicht. Ich kannte sie überhaupt nicht mehr, dachte

auch nicht an sie und dass es etwas zwischen uns geben könnte, sah ich nur mit vier

Jahren so, trotzdem gefiel es mir nicht. Ich weiß noch, dass ich ihr selber nichts vorwarf,

sondern Schuld daran war dieser mir völlig unbekannte Mann. Ja, ja, sie muss

schon eine kleine Madonna für mich gewesen sein. Denkst du, das es ein Zeichen ist,

dass etwas davon in meinem Gehirn haften geblieben ist, und sich jetzt immer noch bei

Wahrnehmungsprozessen und Entscheidungsfindungen einmischt?“ „Natürlich,“ meinte

Mira, „wenn du sogar Gedichte aus der Zeit nicht vergessen hast, dann werden so tiefe

emotionale Empfindungen doch nicht verloren gehen. Wie du Zuneigung und Liebe

siehst, wirst du auch ihr zu verdanken haben. Die Details kannst du nicht erkennen und

bewusst darauf zurückführen, aber dass dir Vertrauen und Zuneigung zu empfinden

leichter möglich ist, wenn die Frau auch noch schwarze Haare hat, das kann schon so

sein. Spätestens, wenn du mich mal aus Versehen Marietta nennst, werden wir's genau

wissen.“ sie lachte und schloss meinen Kopf in ihre Arme. Nachdem Mira sich darüber

beklagte, dass sie sich als kleines Kind in niemanden verliebt habe, und jetzt gar nicht

eruieren könne, warum sie mich liebe, unterhielten wir uns noch kurze Zeit und schliefen

dann eng aneinander gekuschelt ein.

Hochzeitsmorgen

Als ich am Sonntagmorgen aufwachte, hatten wir uns im Schlaf gelöst. Ich wollte warten,

bis Mira wach wurde, aber sie schlief und schlief. Ich holte mir ein Buch aus dem

Regal, Musils Törleß, das war lange her. Ich war begeistert damals von Musil. Hatte eine

regelrechte Musilphase, aber nach dem 'Mann ohne Eigenschaften' war plötzlich

Schluss. Warum? Ich weiß es nicht. Mir hatte nichts missfallen, aber ich habe mich nie

wieder mit Musil befasst. Heute, an einem Sonntagmorgen im Mai bei Mira Schönfeld

nahm ich zum ersten Mal wieder den Törleß in die Hand, weil ich Lust dazu verspürte.

Vielleicht war es doch nicht dass vorherbestimmte Fatum, das sich an mir vollzog, sondern

diese junge Frau, die sich Zugang zu Gehirnregionen bei mir verschafft hatte, zu

denen meine eigenen Bewusstseinssphären keinen Zutritt hatten. Ob man so etwas

jetzt den Medizinern im Studium beibrachte? Wohl eher nicht. Ob ihr vermittels übersinnlicher,

magischer Kräfte so etwas gelangt. So wird es sein. Mit Elfen und Feen wird

sie im Bunde stehen, das könnte einiges erklären. Ich hatte das dringende Bedürfnis,

meiner schlafenden Fee, einen elfensanften Kuss auf die Wange zu hauchen. Trotzdem

schlug sie die Augen auf, sah in mein Gesicht, lächelte und brachte mit schlafender, tonloser

Stimme ein: „Komm!“ hervor. Wir lagen aneinander träumten, schmusten und

küssten uns als meine Fee plötzlich verkündete: „Ich steh' heute nicht auf!“. Na, dann

würden wir heute eben mal nicht aufstehen. Mir war alles gleichgültig, schön und angenehm

würde es schon werden. Mich hatte heute wahrscheinlich, das inniglich Sentimentale

erfasst oder uns beide. Wir lagen einfach direkt voreinander, erzählten uns etwas,

der andere fragte dazu, oder fand einen Anlass, selbst etwas zu erzählen. Es war wunderschön

den anderen beim Erzählen anzuschauen. Oft gab es etwas zum Lachen und

die Anlässe sich zu Streicheln und zu Küssen waren vielfältig. „Ich will ja nicht stören,

aber ihr wisst, dass es zwölf Uhr ist?“ kam Miras Mutter rein. Das wussten wir nicht. Ich

beschwerte mich: „Gaby, Mira will heute nicht aufstehen.“ „Soll ich mal schimpfen?“ bot

sie an und verließ das Zimmer wieder. Wir schmusten noch ein wenig und gelangten

dann zu der Überzeugung, dass es jetzt wohl angebrachter sei, in vertikaler Körperausrichtung

am weiteren Tagesgeschehen teilzunehmen. Doch bevor wir den Entschluss

Mira und Laurent – Seite 21 von 34


ealisieren konnten, kam Frau Gaby Schönfeld mit einem großen Tablett herein. „Espresso,

war doch richtig, nicht wahr?“ fragte sie mich. „Oh, Mutti, was machst du. Wir

wollten gerade aufstehen, aber jetzt tun wir's natürlich nicht. Danke, danke, das ist riesig

lieb von dir.“ Dann flüsterte ihre Mutter Mira etwas ins Ohr und Mira lachte. Nach der

Hochzeitsnacht bekäme man immer das Frühstück ans Bett gebracht, habe sie gesagt,

erklärte Mira. „Irgendwie war es für mich auch so ähnlich. Die erste Nacht mit meinem

Liebsten zusammen, und für dich ja auch wohl, Laurent. Sonst assoziiert man immer

mit Hochzeitsnacht, das fleißig gefickt werden muss. So ein Schwachsinn, wir haben uns

geliebt, oder war es für dich nicht wie eine wunderschöne Hochzeitsnacht?“ Ich stimmte

Mira einfach zu, obwohl ich es eigentlich eher nicht so sah, dass wir jetzt verheiratet

wären.

Zusammenleben

Ab jetzt verbrachte ich jede freie Minute bei Mira. In den Haushalt war ich voll integriert,

auch mit allen möglichen Hilfen und kleinen Aufgaben. Mein Apartment stand

leer. Was sollte ich dort? Bei Schönfelds zu wohnen brächte ausschließlich Vorteile mit

sich. Also war der Umzug beschlossen. Gästezimmer und Bügelzimmer waren zu meinem

Domizil umfunktioniert worden. Gäste konnten auch weiter bei mir schlafen, da ich

immer bei Mira schlief. Das Semester ging zu Ende, für mich bedeutete es allerdings

nicht ausschließlich Freizeit. Für Mira rückte der Geburtstermin langsam näher. Sie

wollte im Geburtshaus und nicht in der Klink entbinden, und ich sollte sie dabei

begleiten. Das war auch für mich mittlerweile selbstverständlich. Es gab keine irgendwie

gearteten Vorbehalte oder Distanzen mehr. In kürzester Zeit war eben alles ganz normal

geworden. Wir hatten auch Wege zu unserer Sexualität gefunden und konnten

problemlos damit umgehen. Alles war natürlich immer noch spannend und aufregend,

man erlebte es zum ersten Mal mit einer geliebten Freundin beziehungsweise einem

geliebten Freund. Spannender war es aber noch, sich gegenseitig zu erkunden. Dazu

brauchte man nicht dem anderen etwas aus seiner jeweiligen Biographie zu erzählen.

Das tat man auch, aber viel mehr über die Persönlichkeit des anderen erfuhr man, wenn

man über etwas anderes sprach, und sich dabei ganz auf seinen Partner einlassen, ihm

die gesamte Aufmerksamkeit widmete, alle Wahrnehmungsmöglichkeiten bewusst auf

ihn ausrichten konnte, sich nicht ausschließlich auf seine verbalen Informationen fokussierte

und Mimik, Gestik und Körpersprache in Bruchteilen zwangsläufig schludrig

nebenbei mitbekam, wenn man nicht nur den Text der Worte hören wollte, sondern

auch bewusst der Melodie der Stimme lauschte, dann wurden Gespräche zu kleinen

gegenseitigen Opernaufführungen. Jedes Gespräch war eine Scene d'amour, in der man

sich gegenseitig Aufmerksamkeit, Anerkennung und Zuneigung vermittelte und in der

man sich öffnete, Lust daran empfand dem Partner tieferen Zugang zu seiner

Persönlichkeit zu gewähren. Um einen Gesprächspartner so wahrzunehmen, musste

man vielleicht nicht unbedingt verliebt sein, nur wir hatten es noch nie so erlebt. Unsere

Liebe mit ihrer gegenseitig hohen Aufmerksamkeit hatte uns den Zugang dazu

ermöglicht und die Lust daran geweckt. Dass wir irgendwann irgend wodurch kein

Interesse, keine Lust mehr an dieser intensiven Art von Kommunikation haben, es als

unbedeutend vergessen könnten, war nicht vorstellbar. Wir waren eher ein wenig

süchtig danach.

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Welchen Namen?

Mira hatte ein so simples, klares und dezidiertes Verhältnis zu Namensgebung für Kinder

gezeigt, als sie mir damals Erläuterungen zu ihrem Namen gab, jetzt war davon

nichts mehr vorhanden. Sie bekam Panik, wenn sie an den Geburtstermin dachte, die

Kleine auf der Welt wäre, und sie sich immer noch nicht für einen Namen hätte entscheiden

können. Es ging nicht darum eine Wahl zu treffen, ob die kleine Laura oder

vielleicht doch lieber Lena heißen sollte. Die Probleme waren tiefgreifend struktureller

Natur. Natürlich hieße ein Kind gern so, wie man übliche Vornamen kenne, aber wenn

Mira zum Beispiel damals Yvonne geheißen hätte, wären sie in der Klasse zu dritt mit

diesem Namen gewesen. Das hätte sie auch nicht gewollt. Ergo schieden die Top-Ten-

Listen aus, aber bei allem anderen war es offen, nur schön klingen sollte es, wenn sie

ihr Töchterchen rufen würde. Da klang es einfach in anderen Sprachen meistens melodischer

als in dem oft gehackten Indogermanischen, nur zu exotisch sollte es ja auch

wieder nicht sein. Zusätzlich belegte man den Namen ja auch noch mit einer Vorstellung,

dem imaginierten Bild des dazu passenden Kindes, und wenn es sich dann tatsächlich

überhaupt nicht so entwickeln würde? Das kräftige stabile Kind sich zeitlebens

als zarter Schmetterling sehen musste? „Ich bin völlig verwirrt, Laurent, weiß überhaupt

nicht, was ich machen soll. Willst du nicht aus den Namen, die mir gefallen, einen aussuchen,

und so machen wir's dann?“ bat Mira mich. „Nein Mira, welchen Namen deine

Tochter für ihr gesamtes Leben tragen soll, das wird schon deiner Entscheidung überlassen

bleiben müssen. Ich glaube auch nicht, dass es deiner Tochter später gefiele, wenn

ein anderer ihr den Namen gegeben hätte. Nur ich denke, du machst dir ein zu großes

Problem, weil du befürchtest, dass deiner Tochter später nicht gefallen könnte, was du

jetzt als schön für sie empfindest. Aber wird das so schlimm sein? Es ist doch

selbstverständlich, dass du etwas auswählst, was dir gefällt. Vorher fragen kannst du

sie ja nicht.“ „Werd' ich aber tun. Du weißt ja, dass ich mich immer mit ihr unterhalte.“

warf Mira lächelnd ein. „Wird es etwa ein Problem geben, wenn deiner Tochter der Name

nicht besonders gefällt?“ fuhr ich fort, „Liebst du deine Mutter ein Körnchen weniger,

weil sie dir einen indischen Namen gegeben hat? Du kannst ihr doch mehrere Namen

geben, dann kann sie sich ja immer noch mit einem der anderen anreden lassen, wenn

ihr der erste nicht gefällt.“ Kurze Zeit später kam Mira mit einem Plan. „Nalani, Ruth,

Rebecca“ sollte sie heißen. Sie erläuterte einiges dazu und bat mich um meine Meinung.

Mira, sie sind alle wunderschön. Jede junge Frau wird neidisch sein, weil sie nicht auch

Nalani Schönfeld, Ruth Schönfeld oder Rebecca Schönfeld heißen kann. Wenn dein

Töchterchen es nicht so sehen sollte, wird sie sich unseren Argumenten nicht entziehen

können und doch glücklich damit werden. Willst du deine Namensfindungskreativität

nicht auch mal für mich anwenden und einen neuen Namen für mich suchen?“ reagierte

ich auf ihre Auswahl. „Das werde ich überhaupt nicht tun, mon amour, weil für mich

'Laurent' der unschlagbar schönste Name ist, den ein Mann nur haben kann.“ sagte es

und lachte.

Nalanis Geburt

Die Räumlichkeiten im Geburtshaus kannten wir ja, trotzdem hatte ich bei Geburt immer

eine Assoziation zum Kreißsaal, aber hier war Wohnzimmeratmosphäre angesagt.

Man stand in Kontakt mit der Geburtsabteilung eines Krankenhauses, weil man sich

nicht sicher war, ob bei Mira alles problemlos verlaufen würde. „Jetzt hab' ich doch

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Angst, du musst ganz nah bei mir sein, Laurent?“ schmiegte sich Mira an mich. Nur ich

hatte wahrscheinlich ein viel mulmigeres Gefühl als die selbst betroffene Mira. Allein die

Vorstellung, dass sie unendliche Schmerzen erleiden müsste, konnte ich schon nicht ertragen.

Ich hatte starke Zweifel, ob so etwas sein müsse. Bei keinen anderen Säugetieren

gab es das. Die Art wäre bestimmt schon längst ausgestorben, die unter solchen

Foltermethoden ihre Jungen hätte zur Welt bringen müssen. Wo sollte denn da bei den

Menschen ein evolutionärer Vorteil liegen. Bei den Umständen der Geburt konnte ich ihn

jedenfalls nicht erkennen. Ich bezweifelte auch, ob die Vorteile einer natürlichen Geburt

diese Schmerzen rechtfertigten und nicht die Geburt durch Kaiserschnitt oder unter Spiralanästhesie

sinnvoller sei. Ich konnte Miras Qualen nicht ertragen. Die Folterknechte

hätte ich anschreien können, endlich aufzuhören, aber es war keiner da. Ich war hilflos,

ich konnte nur weinen. Trotz ihrer Schmerzen umarmte Mira lächelnd meinen Kopf. „Du

musst nicht weinen, Laurent,“ tröstete sie mich, „Wir schaffen das schon.“ Ich merkte

wie ich Miras Hand fast zerdrückte. Millionen von Frauen erleiden täglich diese Qualen

und selbst für jedes dümmste Arschloch auf dieser Welt hat sich einmal eine Frau dies

gefallen lassen. Ja, ja, dass man seine Mütter hochachten sollte, jetzt konnte ich es

schon sehr deutlich empfinden. „Du warst das also. Jetzt kannste dich nicht mehr verkriechen.“

begrüßte Mira entspannt glücklich das kleine verknautschte, neugierig schauende

Gesicht auf ihrer Brust. Sie redete immer mit ihr, wie mit einem kleinen vierjährigen

Kumpel, und das kleine Gesicht schien zu hören, woher die Stimme kam.

Vier Stunden später waren wir mit einer zusätzlichen kleinen Madame wieder zu Hause.

Oma und Opa Schönfeld konnten sich nicht bremsen. Sämtliche verfügbaren Glückshormone

waren wohl zu Ausschüttung gebracht worden. Manches konnte man einfach

überhaupt nicht verstehen, zum Beispiel, warum Gaby mich immer umarmte und küsste.

Alle saßen auf Miras Bett und wollten etwas erfahren. Ob ich Mira auch gut unterstützt

hätte. Mira blinzelte mich an und erklärte: „Ja, doch, Laurent hat sehr mitempfunden.

Er hat immer fleißig mit gepresst und mir dabei fast meine Hand zerdrückt.“ Ich

erklärte, dass ich diese Geburtsqualen für unerträglich hielte. „Wenn jeder Mensch immer

daran denken würde, dass sich seine Mutter dafür hätte foltern lassen, damit er zur

Welt kommen könne, lebten wir bestimmt im Matriarchat.“ Mira und Nalani mussten

jetzt erst mal schlafen, und wir besprachen alles beim Kaffee in der Küche weiter.

Alles um Nalani

Jetzt war das Neue, Großartige, Spannende nicht mehr in erster Linie die wunderbare

Liebe, sondern Nalani. Das traf nicht nur für Mira zu, sondern ich empfand es genauso.

Dass ich genetisch ja gar nicht der Vater war, der Gedanke kam nicht. Es war unser

Kind, unser wüstes Kind. Nalani konnte sehr intensiv und heftig an Miras Brustwarzen

saugen. Als Mira plötzlich mal „Au!“ aufschrie, stoppte die Kleine, öffnet die Augen und

schaute Mira an. „Ja, du musst nicht so wüst sein. Du bekommst doch alles. Ist doch

sowieso alles nur für dich.“ erklärte die ihr. Nach der Instruktion durch die Mama

schloss Nalani wieder ihre großen Augen und fuhr im gewohnten Stil fort. Das wüste

Kind war an Köstlichkeit nicht zu überbieten. Nalani hörte mir auch mit großen offenen

Augen zu, wenn ich mit ihr sprach, versuchte sich durch eigene „Öhs und Ahs und Ohs“

in das Gespräch einzubringen oder lächelte sanft. Sobald aber die Stimme der Mama erklang,

wurde die Unterhaltung mit mir zum billigen unbedeutenden Geschwätz. Wenn

Mira mit ihr sprach, konnte ich mich ruhig zu Wort melden, es interessierte sie nicht. Sie

würdigte mich keines Blickes. Zwischen uns im Bett zu liegen und sich von uns beiden

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unterhalten zu lassen, schien sie sichtlich zu genießen. Im wachen Zustand, sich aus einer

derartigen Situation zur Seite auf ihren Platz legen zu lassen, akzeptierte sie meistens

nicht. Nalani würde bestimmt später mal eine große Kommunikatorin. Auch Oma

Gabi und Peter liebten es sehr, mit der jungen Frau ins Gespräch zu kommen. Wenn sie

nicht schlief oder trank, wurde sie ständig von jemandem unterhalten, nur beim Baden

schien es ihr auch wichtiger, sich auf das Wasser konzentrieren zu können. Es ereignete

sich ständig Neues, Lustiges und Süßes um und mit Nalani. Schade war nur, dass es für

die nächsten sieben bis acht Monate kalt sein würde, und die Aktivitäten mit ihr draußen

sehr begrenzt sein würden.

Neues Antikonzeptivum

Mira hatte alles ohne jedwede Komplikationen überstanden, als ob es für den Körper einer

zweiundzwanzigjährigen Frau selbstverständlich sei, auch mal ein Kind zu bekommen.

Ein weiteres sollte es allerdings so schnell nicht geben. Das alte Präparat, das sie

jahrelang genommen hatte, wollte Mira, auch wenn die Schwangerschaft gar nicht ursächlich

damit zusammenhing, nicht weiter nehmen. Mit ihrer Frauenärztin hatte sie

sich ein wenig gezankt, weil die bei der festen Ansicht geblieben war, dass Mira bei der

Einnahme irgendwelche Fehler gemacht haben müsse. Sie wollte sich in der Klinik beraten

lassen. Hier erklärte man ihr auch, dass ihr Präparat sehr gut verträglich sei, sie

aber nicht die erste Frau wäre, die trotzdem ein Kind bekommen habe. Das Risiko sei

aber so gering, dass man das Präparat nicht als unsicher bezeichnen könne. Wieso es

zu diesen Schwangerschaften komme, habe noch niemand herausgefunden. Wie schön

es hinterher zu erfahren, aber jetzt spielte es keine Rolle mehr. Im Prinzip war es ja ein

großes Glück gewesen. Sie würde doch auf Nalani nicht verzichten wollen. Mira ließ sich

ein Medikament verschreiben, das von der Struktur her ähnlich war, bei dem es aber

noch nie zu ungewollten Schwangerschaften gekommen sei. Ich stand der Verhütung

durch die „Pille“ sowieso nicht sympathisch gegenüber. Dies Einwirkung auf das

Hormonale System der Frau stellte nach meiner Meinung einen massiven körperlichen

Eigriff dar, dessen letztendlichen Einflüsse auf das gesamte Zusammenspiel der körperlichen

Prozesse sicher nicht detailliert bekannt waren. Viele Diskussionen über

gesundheitliche Aspekte von Nahrungsmitteln waren doch Petitessen gegen die gezielt

vorgenommenen Einwirkungen durch die Ovulationnshemmer.

Dominante Nalani

Nalani dominierte eindeutig das Geschehen. So lieb und freundlich, wie sie sich im Allgemeinen

zeigte, so unerbittlich war sie auch, wenn etwas so geregelt werden sollte,

wie es sich nicht mit ihren Vorstellungen zu decken schien. Nur Mamas Küssen, Schmusen

und Säugen waren dann in der Lage ihre Erbostheit wieder zu besänftigen. Natürlich

hatte Nalani das Leben verändert, aber ob und wie sich dadurch die Beziehung zwischen

Mira und mir verändert haben könnte, sah ich nicht. Sie schien uns eher noch bereichert.

Mira konnte sich nicht nur über ihr Töchterchen freuen, sondern hatte das

Glück, die Freude mit mir teilen und gemeinsam genießen zu können. Ich sah es nicht

so, dass unsere Zuneigung füreinander in irgendeiner weise an Bedeutung verloren hätte,

weil sich jetzt alles auf Nalani foccusiere. Unsere Liebe war auch jetzt noch genau

wie vorher das, was man mit ironischem Unterton als 'heiß und innig' bezeichnen wür-

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de. Unsere Lust aufeinander hatte sich nicht verändert.

Ich bin das Zentrum

Wir lebten jetzt schon sieben Monate zusammen. Eine kurze Zeit für eine Beziehung,

doch obwohl sich alles so intensiv und temporeich entwickelt hatte, empfand ich es als

meinen selbstverständlichen Alltag. Auch wenn ich im November sagen konnte, im April

Mira noch gar nicht gekannt zu haben, erschien es mir, als ob dies mein selbstverständliches

Leben sei. Ein Leben, das zu mir passte, mir gehörte, das ich mochte und liebte

und das mich glücklich sein ließ. Mira schien es ein wenig anders zu sehen. Ich hatte ihr

gesagt, dass ich später zurückkäme, weil ich noch etwas Dringendes zu erledigen hätte

und deshalb nicht mit spazieren gehen könne. Nichts Besonderes, so etwas konnte

schon mal vorkommen. Als Nalani eingeschlafen war, meinte Mira: „Ich weiß es nicht

genau, Laurent, aber ich denke, dass wir beide doch sehr unterschiedliche Menschen

sind.“ gespannt lauschte ich, und Mira fuhr fort, „Wenn man mich fragen würde, wer ich

bin, was meine Persönlichkeit ist, dann würde ich erzählen, dass ich mit meinen Eltern

zusammen lebe, ein kleines Kind habe, zum ersten Mal in meinem Leben mit einem

ganz lieben Freund zusammen bin, was mich sehr glücklich sein lässt und dass ich Medizin

studiere. Ich stelle mir vor, dass der, der dich nach deiner Person fragte, zu hören

bekäme, dass du den Master in Sozialphilosophie machtest und was du wo schon alles

veröffentlicht hättest, deine Dissertation schon in die Wege geleitet sei und du auf jeden

Fall im Wissenschaftsbereich bleiben würdest. Ich käme da gar nicht vor.“ Wenn ich ehrlich

sein sollte, könnte Mira nicht ganz Unrecht haben. „Und worin und woran liegt der

Unterschied unserer Persönlichkeiten?“ fragte ich sie. „Stell es dir doch mal umgekehrt

vor. Ich würde mich über die letzten Vorlesungen, Seminare und meine Perspektive im

Medizinstudium definieren. Lächerlich wäre das doch. Das wäre ja nicht der Mensch

Mira. Für dich scheint es aber so zu sein. Als der Mensch Laurent erscheint dir der, der

in seinem Studium Anerkanntes leistet und dort Beachtung findet. Das ist für dich das

Wichtigste an dir. Das andere ist nebensächlich und kann vergessen werden.“ erläuterte

sie. „Nein, Mira, das ist nicht wahr.“ reagierte ich darauf, und sie meinte. „Natürlich

bedeutet dir unsere Beziehung, unser Leben etwas. Du möchtest es nicht verlieren. Es

ist sicher mehr als dein Hobby. Nur es ist subsidiär, du definierst dich nicht darüber,

sondern über das, was du beruflich machst. Was du tatsächlich leistest ist ja unerheblich,

das Entscheidende ist die Beachtung und Anerkennung die du dafür erhältst oder

selber siehst. Und da ist dir die Anerkennung in der Uni am wichtigsten, die macht den

Laurent Berger aus. Die Aufmerksamkeit und Anerkennung, die du von Mira Schönfeld

einfach so erhältst, weil sie dich liebt, und von Nalani und meinen Eltern können damit

nicht konkurrieren.“ „Mira, du verdrehst alles. Auch wenn wir beide uns noch so lieben,

hat doch jeder immer seine eigene Identität, die er auch behält und behalten sollte. Es

ist doch erschreckend, wenn man sich nur noch über Pflichterfüllung für eine Gruppe

definieren kann und gar nicht mehr weiß, wer man selber eigentlich ist. Und was ich an

der Uni mache, das bin ich, das bin ich seit meiner Jugend immer gewesen. Da sehe ich

schon meine Identität und meine Persönlichkeit. Ich mach es auch gern und nicht nur

für Anerkennung. Es interessiert mich, macht mir Freude und bestätigt mich.“

antwortete ich darauf. „Und wofür brauchst du dann mich und Nalani? Weil der Herr

Sozialphilosoph auch mal seinen Spaß haben will, obwohl er den ja eigentlich auch

schon an der Uni hat. Mensch, Laurent, dass ich dir das sagen muss, dass du mehr und

vornehmlich etwas anderes bist, als jemand, der seine Arbeit macht. Das hast du

hauptsächlich erst in der Schule gelernt, dass du auch dafür geliebt und anerkannt

Mira und Laurent – Seite 26 von 34


wirst, wenn du gute Arbeit machen kannst. Es geht dir nicht um die Arbeit, es geht um

Aufmerksamkeit, Beachtung, Anerkennung, Liebe, Zuneigung. Du brauchst Vertrauen

und Sicherheit. Du kannst hervorragend mit anderen kommunizieren, weil das deine

Welt ist, in der du lebst. Dass das alles für dich möglichst ideal funktioniert, ist das

Entscheidende für dich als Menschen. Wenn du deine Arbeit für das Wichtigste hältst

und darin deine Person erkennst, dann liebst du sie an erster Stelle. Laurent Berger ist

mit seinem Herzen bei der Arbeit und nicht bei mir.“ erklärte Mira intensiver sprechend.

„Das ist doch alles gar nicht wahr.“ warf ich ein. Weiter kam ich nicht. „Laurent, versteh

mich bitte nicht falsch. Ich mag dich. Ich liebe dich und will das auch behalten, nur

unsere Beziehung kann sich nicht bei dir auf einem Nebenplatz abspielen. Das ertrag ich

nicht und das ist auch keine Basis. Unsere Gemeinsamkeit ist kein Nebenbereich, sie ist

das Zentrum. So ist es aber für dich offensichtlich nicht. Ich will das nicht. Ich bin nicht

deine Kebse neben der Hauptfrau Uni.“ sagte es, stieß die heruntergefallene

Strohalmschachtel durch den Raum und ging in ihr Zimmer.

Zum ersten Mal allein

Was sollte das bedeuten? Es war heute nichts anders gewesen als die sieben Monate

vorher auch schon. Nie war sie auf die Idee gekommen, dass mein Herz nicht bei ihr

sein könne. Hatte sie die Tatsache, dass ich in der Uni und nicht bei ihr war, auf die Idee

gebracht, die Uni sei mir wichtiger als sie? War die Fragestellung dieser Alternative nicht

schon unsinnig. Bist du lieber Mensch oder Arbeiter? Hatte sie mich im Grunde gefragt

und geschlossen, dass ich lieber Arbeiter sei als Mensch. Als Mensch würde ich sie lieben

können, als Arbeiter sei mir das aber nur zweitrangig. So ein Unsinn. Hatte sie vielleicht

einfach ein starkes Bedürfnis nach einem Zusammensein mit mir, war enttäuscht,

dass ich es nicht dazu hatte kommen lassen und hatte dann geprüft, ob es nicht daran

liegen könne, dass mir unsere Liebe nicht so viel bedeute wie ihr. Wir verhielten uns

schon sieben Monate lang wie Amor und Psyche und jetzt unvermittelt tiefste Zweifel

und Ansprüche? Es verwirrte mich. Wenn ich nicht hier gewohnt hätte, wäre ich jetzt

nach Hause gefahren. Bei Mira schlafen konnte ich nicht. Zum ersten Mal seit ich hier

wohnte. Ich weiß nicht wie lange ich noch grübelnd bei mir im Bett gelegen habe, als

ich Nalani hörte, kamen mir die Tränen. Könnte es sein, dass so der Anfang vom Ende

aussehen würde? Ich heulte noch mehr.

Ganz allein eure Angelegenheit

Als Gaby mich am nächsten Morgen aus meinem Zimmer kommen sah, ging sie zu Mira.

Ich deckte weiter den Frühstückstisch. Gaby, die fast immer zu Scherzen aufgelegt war,

machte ein ernstes Gesicht. „Ihr habt euch gestritten, nicht wahr?“ meinte sie. „Ja,

Mona ist der Ansicht ...“ weiter kam ich nicht, weil Gaby mich unterbrach. „Laurent, niemand

sähe es so gern wie ich, dass ihr beiden eure Meinungsverschiedenheiten beilegen

könntet, aber das ist ganz allein eure Angelegenheit. Keiner kann sie klären, außer

ihr beiden selbst. Oder meinst du, es würde dir helfen, wenn du Mira sagen könntest:

'Gaby sieht das auch so wie ich.'? Doch wohl kaum, oder? Du wirst dir schon selber etwas

einfallen lassen müssen. Mira möchte in ihrem Zimmer bleiben und nicht gestört

werden. Zur Uni will sie heute nicht. Du könntest also den Wagen nehmen.“ Mira

brauchte jetzt mein Auto. Sie musste ja immer zum Stillen kommen, und auch sonst

Mira und Laurent – Seite 27 von 34


war es für sie im Moment nützlicher als für mich. Im Seminar fiel es mir nicht nur

schwer, mich zu konzentrieren, ich bekam überhaupt nichts mit. Ich erklärte, mir sei

nicht gut, holte mir in der Cafeteria einen Kaffee und setzte mich damit draußen auf

eine Bank im kalten Novembersturm. Was ich eigentlich denken sollte, wusste ich gar

nicht. Jedes mal wenn ich sah, wie Mira zu mir gesprochen hatte, wurden mir die Augen

feucht. So hatte sie noch nie mit mir geredet, so hätte sie eigentlich nie mit mir reden

können. War das ein Zeichen, dass wir bislang in einem Traum gelebt hatten, und die

Realität ganz anders mit uns umgehen könnte. Aber warum sprach sie plötzlich so mit

mir, konnte mich so behandeln? Ich hatte nichts gemacht. Nur ihre Vorstellungen hatten

sie dazu veranlasst, sich so zu enragieren. Was sie sah, hatte ja nie irgendeine praktische

Bedeutung gehabt. Nie hatte sie sich in einer sekundären Position empfunden, nie

sich beklagt, dass sie mir nicht wichtig genug sei. Woher diese plötzliche Befürchtung,

ja Gewissheit sogar mit der Erklärung, dass sie es so nicht wolle und ertragen könne.

Bislang gab es nicht einmal etwas, von dem sie meinte, es an mir nicht leiden oder ertragen

zu können. Aber was sollte sich denn überhaupt ändern, dass Mira es würde ertragen

können, sagen, dass sie mir das Wichtigste sei? Das hatte ich vorher auch schon

gesagt. Sollte ich das Studium fliegen lassen? So ein Unfug. Sie fand es ja auch gut und

mochte mich dafür, dass ich so etwas machte. Ratloses Grübeln. Sollte ich das jetzt den

ganzen Tag so weiterbetreiben bis ich nach Hause fuhr? Da wollte ich heute am liebsten

auch gar nicht hin. Ich hatte nichts, wo ich bleiben konnte. Aber was hätte ich jetzt in

meinem Apartment anfangen sollen? Spazieren gehen, mir vom Sturm die Haare verwüsten

lassen, das wäre eine Alternative. Ich hatte ja das Auto dabei, konnte also in

den ruhigen Forst fahren. Wie ein Kind, das seine Mutter verloren hat, heulte ich auf

dem Weg, den Mira und ich damals am Samstag gemeinsam gegangen waren. Ein wenig

war es auch wohl so. Vieles von dem, was ein Kind bei seiner Mutter findet und was

für den Menschen sein ganzes Leben über von großer Bedeutung bleibt, hatten wir in

unserer Beziehung gesehen, und es hatte uns glücklich sein lassen. Für sicher und

selbstverständlich hatte ich es gehalten, da es ja auf Gegenseitigkeit beruhte. Keiner

würde es zerbrechen wollen. Doch jetzt schien es auf dem Wege, für mich verloren zu

gehen.

Ich bin nicht deine Zweitfrau

An meinen Gedanken und Vorstellungen hatte sich nichts geändert, aber der wüste Umgang

des Sturms mit den Kronen und Ästen der ehrwürdigen alten Bäume, der von ihnen

die Herausgabe auch des letzten Blattes forderte, schaffte eine Atmosphäre zu der

mein zaghaftes Zaudern nicht mehr passte. Gefestigt fuhr ich nach Hause. Ich hatte mir

einen Espresso gemacht, saß am Küchentisch und schaute in die Zeitung. Peter kam

rein, sah mich mit hochgezogenen Brauen an und meinte: „Ehekrise?“ „Ja, so könnte

man das bezeichnen.“ antwortete ich mit einem gequälten Lächeln. „Ist es denn

schlimm?“ fragte Peter noch. Ich zuckte mit den Schultern, und Peter hielt mir mit einer

Hand den Unterarm. „Ihr werdet das schon packen.“ meinte er tröstend. Wir saßen beide

stumm Zeitung lesend nebeneinander am Tisch, als Gaby aus Miras Zimmer kam.

Nachdem sie Windeln entsorgt und anderes in die Wäsche gegeben hatte, sagte sie:

Mira fragt, ob du mit ihr sprechen würdest.“ Was hatte das denn zu bedeuten, 'ob ich

mit ihr sprechen würde', Nahm sie etwa an, dass ich es eventuell ablehnen könnte,

mich mit ihr zu unterhalten? Mira saß auf dem Bett und hatte verweinte Augen. Sie versuchte

ein Lächeln. „Setz dich doch zu mir, Laurent!“ forderte sie mich auf. Leicht unsicher

saßen wir am Kopf des Bettes nebeneinander und schauten uns an: Mira streichel-

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te meine Wange und lächelte wieder. „Ich habe dich beleidigt, nicht wahr? Ich will das

nicht. Es tut mir leid, ganz schrecklich leid. Mir war nur vor längerer Zeit schon mal aufgefallen,

dass es für uns beide ganz anders läuft. Mein Studium und später meinen Job

werde ich machen, werde es ordentlich machen, aber es wird nie mein Leben sein. Es

hat für mich eine Funktion wie Hausaufgaben, mein Leben findet anderswo statt. Bei dir

ist es aber anders. Es ist nicht eine Pflicht die du erfüllen musst, es bedeutet dir etwas,

du machst es gern. Ich wollte das eigentlich nur mal mit dir ansprechen und habe mich

dann völlig verrannt. Wir sind keine anderen Menschen und ich empfinde mich auch

nicht als deine Zweitfrau. Ich weiß, dass du mich über alles liebst und ich dir außerordentlich

viel bedeute. Meinst du, es könnte alles so werden, als ob das nicht geschehen

wäre, Laurent?“ fragte sie, und ich meinte: „Nein, nein Mira, für so völlig abwegig und

uninteressant halte ich das gar nicht, was du gesagt hast, sonst wärest du ja auch nicht

darauf gekommen. Dass du dich daran orientierst, wo du die meiste, dir am bedeutsamsten

erscheinende Aufmerksamkeit und Anerkennung bekommst, ist fast überall so.

Schau dir doch mal die ganzen Teenies an, die alle Stars werden wollen. Öffentlich bewundert

werden, welch größere Aufmerksamkeit gibt es. Natürlich bedeutet es mir auch

etwas, zu erfahren, dass du etwas weißt, etwas kannst, das andere dich beachten und

anerkennen, es ist nicht unwichtig. Aber ich glaube, bei dir wird es nicht viel anders

sein. Alle brauchen das mehr oder weniger intensiv. In deiner Vorstellung wirst du nicht

nur die Frau mit einem netten Freund sein, sondern auch die Frau, die mit ihrer Klugheit,

ihrer Intelligenz, ihrem Humor etc. zufrieden ist und das bekommst du durch etwas

bestätigt. Es gibt etwas das dir als eine solche Frau Aufmerksamkeit schenkt dich

anerkennt. Deine Selbstachtung und deine Selbstwertschätzung sind durchwoben von

Anerkennungen und wären ohne entsprechende Aufmerksamkeit die dir zuteil wird nicht

denkbar. Vor allem aber ist dein Selbstbild doch viel differenzierter. Ich denke nicht, das

ich sagen kann, ich definiere mich über meine Arbeit, ich bin wesentlich mehr. Ich bin

auch der, der Literatur liebt, der sich gern Opern anschaut und vieles, vieles mehr. Alles

was du an mir entdeckst und vieles was du noch nicht an mir entdeckt hast. Eine Dichotomie

Arbeit oder Beziehung kann es nicht geben. Meine Persönlichkeit gleicht ehr einem

Biotop mit vielen darin vorkommenden Einzelbereichen die miteinander agieren

und schon mit einander harmonieren müssen. Oder kannst du das gar nicht so ähnlich

sehen, Mira?“ Mira sah mich ernst an, dann lächelte sie und mit einem lachenden „Herr

Berger, sie sind ja so gebildet.“ fiel sie über mich her. Wir balgten und küssten uns. Mira

saß halb auf mir und stützte sich mit ihrem Armen in Höhe meines Kopfes auf dem Bett

ab. Sie schaute in meine Augen und fragte: „Jetzt?“ Natürlich. Wir blieben einfach

aufeinander liegen, jeder betastete mit seinen Fingern das erschöpfte glückliche Gesicht

des anderen. „Ich glaube ein bisschen gehört das zur Liebe doch schon dazu. Würde

zumindest ganz gut dazu passen, nicht wahr?“ sinnierte Mira wir lachten und rollten uns

auf die Seite.

Nalanis Club

Nalani hatte von alledem nichts mitbekommen. Wenn sie schlief, lebte sie anscheinend

in einer anderen Welt, in der sie Geräuschen und Belästigungen aus dieser Welt nicht

zugänglich war. Wir hatten uns gerade zum Abendbrot gesetzt, als Nalani mitteilte, dass

sie sich jetzt wieder in dieser Welt befinde: „Nalani, wer wird denn so ein Geschrei machen?

Freudenlieder musst du singen, ja, etwa so:

Freut euch, ihr Nalanis alle!

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Freue sich, wer immer kann:

Laurent hat viel an uns getan.

Freude, Freude über Freude:

Mami wehret allem Leide.

Wonne, Wonne über Wonne:

Laurent ist die Gnadensonne.

Nalani hatte Mira die ganze Zeit mit erstaunten großen Augen angestarrt. Wir hatten ihr

ja sonst auch immer etwas vorgesungen. Kinderlieder oder Schlafliedchen, aber in eine

dieser Kategorien schien das soeben Vernommene überhaupt nicht zu passen. Etwas

völlig Neues musste sie gerade erlebt haben, zumal Mira es den weihnachtlich huldvollen

Sphären entrissen und näher in den Bereich von Schlachtgesängen jubelnder Fußballfans

gebracht hatte. Vielleicht würde sie bei der Stärkung an Miras Brust ja nochmal

darüber nachdenken, wo so etwas in ihrer neuen Welt wohl am besten einzuordnen

wäre. Wenn sie gesättigt war, hatte sie Muße sich zu orientieren. Mitglied der Runde am

Küchentisch zu sein, war eine ihrer bevorzugten Positionen. Sie meldete sich dann zu

Wort und erwartete, das eine oder einer ihrer Stammtischkollegen darauf reagierte. Es

ergaben sich oft lustige Szenen, und wenn alle lachten, lachte Nalani auch. Das Menschen

Sozialwesen sind, nicht nur weil sie das Erste und Wesentlichste aus den Kontakten

zu ihrer Mutter lernen, sondern auch von Anfang an die Kommunikation mit anderen

Menschen wünschen, suchen und lieben, wo konnte man das in der Praxis deutlicher erkennen

als an unserem Groupie Nalani.

Familiensaga

Ob das die Vorgabe für einen Rhythmus darstellen solle, und man davon auszugehen

habe, dass wir uns jetzt alle sechs bis sieben Monate zerstreiten würden, wollte Peter

wissen. „Ja, genau Dad, nur die Abstände werden immer kürzer werden, sodass wir uns

irgendwann permanent streiten werden. So wie ich das jetzt am liebsten mit dir möchte.

Du bist unmöglich. Hast du dich denn nie mit Mutti gestritten? Wenn du jetzt 'nein'

sagst, dann lügst du.“ reagiert Mira. „Ich denke, man sollte nur ein wenig vorsichtig

sein. Einmal Gesagtes ist nicht wieder aus der Welt zu bekommen, auch wenn man sich

für alles entschuldigt und alles verziehen wird. Der Mund, der dich einmal 'Idiot' genannt

hat, wird immer der bleiben, der das potentiell wieder tun könnte. Auch wenn du

sehr erbost bist, solltest du versuchen, dich zu bremsen, damit du dich nicht zu etwas

hinreißen lässt, was du hinterher nicht gewollt hättest. Ungeschehen zu machen ist es

nicht wieder. Ich habe dich doch auch nie 'Idiot' genannt, Schatz, nicht war? Obwohl du

dich manchmal sehr idiotisch benommen hast.“ schloss Gaby lachend an Peter gewandt

uns strich ihm dabei übers Haar. „Ach Gaby, das hätte ich dir doch durchgehen lassen

bei deiner Exaltiertheit.“ reagiert Peter und an mich gewandt fuhr er fort, „Stell dir vor,

da wollte sie doch ...“ und dann erzählte er eine Story, die alle zum Lachen brachte.

Gaby konterte mit einer ebensolchen. Stundenlang blieben wir am Tisch sitzen und

bogen uns oft vor Lachen über Kurioses aus der Historie des Schönfeldschen

Familienlebens. Mira konnte auch einiges dazu beisteuern, und die Omi schien auch in

diesen Kreis gepasst zu haben. Das, was man sich gemeinhin unter einer normalen

biederen Kleinfamilie vorzustellen hatte, war auf Schönfelds wohl nicht anwendbar, und

zu dem Bild eines Anwaltsehepaares mit einem Kind passte es erst recht nicht. Es gefiel

mir, gefiel mir sehr, dass es sich bei uns jemals zu einem routinehaften familialen

Alltagstrott entwickeln könnte, diese Furcht schien bei der Charakteristik des Systems

Mira und Laurent – Seite 30 von 34


der Familie Schönfeld ausgeschlossen.

Wintertimes

Es wurde Winter, das erste gemeinsame Weihnachtsfest mit einem lebendigen Christkindchen

konnte gefeiert werden, und Nalanis Köpfchen schien sich jeden Tag mit neuen

Erkenntnissen und Kombinationen vollsaugen zu wollen. Mira kannte mittlerweile

ganz viele Lieder, und die Gesangsstunden genossen hohes Ansehen bei Nalani. Ich hatte

ihr mal ein Morgenstern Gedicht vorgetragen. Sie konnte ja nichts davon verstehen,

aber die Theatralik meiner Sprache und der Mimik schienen ihr dabei sehr zu gefallen.

Dass der kleine Hund mit Namen Fips vom Onkel einen Schlips erhielt, begeisterte sie

klanglich so, dass sie immer laut kicherte, als ob ich sie gekitzelt hätte. Die Zeiten würden

härter werden. Im nächsten Semester standen für uns beide Examina an und unser

privat verfügbarer Zeitraum würde schrumpfen. Eine Kinderfrau zu engagieren, hatte

Gaby strickt zurückgewiesen. Sie schmuse sowieso viel lieber mit Nalani, als in der

Kanzlei Streitigkeiten vor Gericht zu bringen. Die Tage wurden länger und wärmer und

Madam begann, die Welt außerhalb der Wohnung im Sportwagen visuell zu okkupieren.

Die Wahrnehmung dieser vielfältigen neuen Eindrücke schien jedoch nicht wenig anstrengend

zu sein, sodass Nalani immer schon auf dem Weg eine Recreationsphase benötigte

und regelmäßig nach kurzer Zeit einschlief.

Was würden wir denn eigentlich im Mai machen? Ein großes Fest veranstalten? Wir wollten

auf jeden Fall ins Bistro, und Nalani sollte auch mit. Sie war ja damals auch dabei

gewesen. Jetzt würde sie sehen können, wie der Herr Ingenieur seinen Espresso trank,

aber ich war der Ansicht, es dürfte uns schwer fallen, ihr den Bedeutungsgehalt dieses

Szenarios nahe zu bringen. Mira sah das völlig anders. Sie würde es Nalani erklären.

Dass sie ihr zuhöre, sei sicher, und wie sie es hinterher interpretiere, sei schließlich ihre

Sache, das stünde ihr ja genauso frei, wie jedem anderen Menschen auch. Ja, Nalani

hatte viel zu interpretieren, denn Mira erzählte ihr alles Mögliche, meistens den größten

Blödsinn, aber Nalani hörte immer mit aufmerksamem Interesse zu und mischte sich in

Pausen oder auf Fragen mit eigenen Beiträgen ein. Wir wollten es uns einfach zu Hause

gemütlich machen. Essen gehen wollten wir nicht, aber zu Hause sollte es schon ein

nettes Menü geben.

Jahresfeierlichkeiten

Nachmittags im Bistro mussten wir uns immer wieder Küssen und anstrahlen. Wer uns

zusah, hielt uns bestimmt nicht für wenig crazy. Wir waren ja schließlich keine Teenies

mehr, bei denen man das noch als nicht ungewöhnlich hätte durchgehen lassen. Als wir

das Bistro verließen, vielen wir uns um den Hals und mussten schrecklich lachen. Ein

wenig skurril mutete der Bistrobesuch schon an, aber er war auch mit Sentiments verbunden.

Es war richtig und o. k. gewesen, dass wir es gemacht hatten, aber im nächsten

Jahr würden wir es nicht mehr brauchen. Es würde ein albernes Ritual sein, wir waren

woanders. Der gemütliche Abend blieb am Esstisch hängen. Bis wir ins Bett gingen

saßen wir bei Speiseresten, Wein und Käse am Tisch. Unsere Gespräche waren so intensiv,

dass wir es als störend empfunden hätten, die Lokalitäten wechseln zu müssen. Das

Aufregendste konnte Peter berichten. Unser Haus stand zum Verkauf, und Peter fragte,

Mira und Laurent – Seite 31 von 34


was wir davon hielten, es zu kaufen. Finanziell stelle es für Schönfelds kein Problem dar.

Mira und ich schauten uns an. Heute hatte bestimmt der Himmel die Erde nicht still geküsst,

und den Mond konnte man wegen der Wolkendecke auch nicht sehen, aber Peter

hatte diesen Tag trotzdem zu einem wunderschönen Maientag werden lassen. Das erforderliche

Küssen besorgten Mira und ich schon persönlich und unsere Seelen schwebten

allemal. Wie hätte man es in Erwägung ziehen können, das Haus nicht zu kaufen? Es

war eine wunderschöne alte Anwaltsvilla mit drei Etagen und einer kleineren Dachgeschosswohnung.

Im Parterre, das früher mal die Praxisräume beherbergt hatte, sollten

wir mit Nalani wohnen, Gaby und Peter blieben hier in der ersten Etage. Die zweite Etage

sollte vermietet werden. Dass dort Bernd und Uta einziehen würden, wünschten wir

nicht nur, sondern hielten es für so gut wie sicher. Bernd war mein bester Freund aus

der WG. Er wohnte dort auch nicht mehr, weil er Uta kennengelernt, sich in sie verliebt

und mit ihr eine gemeinsame Wohnung hatte. Wir trafen uns öfter, mochten uns alle gegenseitig,

und Bernd vermisste auch trotz Uta die umfänglichen Kommunikationsmöglichkeiten

der WG. Würde es irgendetwas geben können, dass es Bernd und Uta nicht

auch als Wunschvorstellung erscheinen ließe, mit uns zusammen zu wohnen. Ob die

kleine Dachgeschosswohnung überhaupt wieder vermietet werden solle, oder ob wir

eventuell selber Bedarf für die Räume haben könnten, wollten wir später entscheiden.

Dass wir dabei und der Planung weiterer Details kein Interesse hatten, uns mit solchen

Quisquilien wie Gedanken über den aktuellen Sitzort zu befassen, war naheliegend. Mira

war der Ansicht, zur Feier des einjährigen Bestehens unserer Liebe seien gemeinsame

Tänze unverzichtbar. Tatsächlich schien es aber wohl mehr die Freude über die zukünftige

Perspektive zu sein, die sie körperlich mit mir ausagieren wollte. „Das sollten wir öfter

machen.“ erklärte Mira, legte dann aber etwas Bluesiges auf, schmiegte sich eng an

mich und meinte. „Laurent mein Allerliebster, ich kann es nicht einfach so fassen. Ich

spüre, wie es in meinem Bauch kribbelt, als ob eine Sonne aufgehen und der Himmel

sich weit öffnen würde.“ „Und die Erde still geküsst hätte.“ ergänzte ich. „Was ist das?

Das kenne ich irgendwo her.“ wollte Mira wissen. „In den schönen Maiennächten passiert

das schon mal öfter.“ Und dann sprach ich ihr leise die Mondnacht vor. „Und deine

Seele ist in einer Maiennacht wirklich nach Hause geflogen. Und ein Jahr später wird sie

ein wunderschönes großes neues Zuhause mit Freunden bekommen. Meine Liebe hat

eine gute Wahl getroffen, weil deine Seele mit den Maiennächten, in denen sich Himmel

und Erde küssen, im Bunde steht.“ sprach sie, während ihre Lippen meine zum Küssen

suchten. „Und so schrecklich gebildet bist du.“ verkündete sie lachend, wobei sie mir

kräftig in den Bauch boxte und wegrannte. Sie war aus ihren Maienträumen zurückgekehrt,

und hätte wahrscheinlich am liebsten mit mir Fangen gespielt oder Ähnliches.

Übermütig vor Freude schien Mira. Dass wir uns heute Abend nicht lieben würden, war

auszuschließen.

Erweiterte Ansicht

Ich musste meine Ansichten erweitern. An diesen wunderschönen Maientagen schien

nicht nur der Himmel die Erde still zu küssen, sondern auch das Schicksal schien sich

mit einem Kuss uns zuzuwenden. Aber wie hatte ich mir das vorzustellen. Dass der

Himmel sich der Erde zuwendet, eine süße Vorstellung. Dass es die Erde veranlasste

von ihm zu träumen, war nur zu verständlich. Aber das Fatum? Konnte man dazu denn

poetische oder lyrische Assoziationen entwickeln? Mir gelang es nicht. Nicht nur dass es

ein Neutrum war, störte dabei, es besingen zu können, auch seine stoische Verfasstheit,

seine starre Festlegung ließen Gedanken an eine lyrisch flexible Geschmeidigkeit als

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Grundlage für ein emotional gewünschtes Mitschwingen nicht zu. Wahrscheinlich war es

aber auch gar nicht das gesamte Schicksal in seiner rüden Determiniertheit, das uns jedes

Jahr in den Maientagen diese Gunst erwies. Dieser gesamte Fatalismus war mir im

Grunde sowieso unsympathisch. In keinem der von mir als angenehm empfundenen

emotionalen Bereiche ließen sich irgendwo Assoziationen zum Fatalen finden. Mich mutete

viel mehr an, dass Tyche während des Kusses vom Himmel zur Erde herab stieg,

vermittels ihrer Flügel über die stillen Lande zu uns nach Hause flog und dort ihr Füllhorn

über uns ausschüttete. Vielleicht würde sie in einer späteren Maiennacht ja auch

noch mal den kleinen Pluto bei uns absetzen, aber angesichts unserer Berufe, hielt ich

das doch eher für nicht so sehr wahrscheinlich.

FIN

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Es war, als hätt der Himmel

Die Erde still geküsst,

Dass sie im Blütenschimmer

Von ihm nun träumen müsst.

Joseph von Eichendorff, Mondnacht

Kann es sein, dass das

mal Liebe werden soll?“

erkundigt sich Mira bei Laurent.

Laurent hatte Mira

nach Hause gebracht.

Sie war noch nie richtig verliebt

und Laurent auch nicht.

Laurent vermutet,

dass es auch mit dem Mai

zu tun haben muss.

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