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uMagazine.de 01|2014 2,20 EURO

music and style

4 196654 902206 01

MACH’S DIR UNBEQUEM!

JENNIFER ROSTOCK

Warum wir die Berliner Krawallband nicht unterschätzen sollten


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uMag 03

Nicht gesucht. Gefunden.

Foto: José Haro

Guck mich nicht an wie das Reh den Jäger. Ich will diese Verantwortung nicht.

Szenenbild aus „Carmina o Revienta“ über eine Kioskbesitzerin aus Sevilla und ihre junge Tochter, die keinen rechten Plan vom Leben hat –

dem ersten spanischen Film, der gleichzeitig im Kino, im Internet (Pay-per-View) und auf DVD startete.


uMag 04

Inhalt

08

SINNBUS

Foto: Rosa Merk

Foto: Melt! Booking

18

BANKS

10

M.I.A.

Foto: Silke Zander

36

STUDIO

BESAU MARGUERRE

Foto: Leo Ritz

20

MESSER

40

LÉA SEYDOUX

Foto: Daniel Sannwald

Foto: Shane McCauley

16

PAPER & PLACES

Foto:Alamode Film

Foto: GHvC

22

CLICKCLICKDECKER

Foto: Sophie Krische

12

JENNIFER

ROSTOCK

30

ARMEDANGELS

Foto: Armedangels

06 Oscar Isaac

Folk + Film = fabelhaft

06 Helene Hegemann

Comeback mit Oper

08 Sinnbus

Zehn Jahre von Herzen

10 M.I.A.

Freundeskreis

12 Jennifer Rostock

Titten, Tattoos, Thesen

16 Paper & Places

Berlin ist nicht genug

18 BANKS

Das Sorgentelefon

20 Messer

Unangepasst neben dem Beat

22 ClickClickDecker

Entspannung am Limit

23 MØ

Kein Püppchen

25 Unmap

Wegwerfgemeinschaft

27 Justine Electra

Nostalgischer Spielzeuglärm

30 Armedangels

Lässige Mode? Ökorevolution!

36 Studio Besau Marguerre

Kupfer fürs Stylerzuhause

40 Léa Seydoux

Kompromisslos offen

43 Javier Bardem

Altmuckerschick im Kino

43 Global Activism

Kunst und Revolte

44 Joshua Groß

Debüt mit Detektivroman

46 Christoph Schlingensief

Ein Schlachtfest

50 Stefan Sichermann

Der Postillon spricht!

Titelfoto: © Shane McCauley


uMag 05

Editorial

Wir haben großartige Musik

gehört, das ganze Jahr lang.

2014 wird so weitergehen. Und

beginnt ungewohnt.

Wir bleiben nämlich im Land. Wir befassen uns mit Sinnbus, Messer,

ClickClickDecker, Jennifer Rostock, Unmap und Paper & Places, unsere

Gespräche erwähnen Münster, Nürnberg, Regensburg, Emmelsbüll,

Hamburg (immerhin!) und Berlin, Gott sei Dank auch Berlin. Natürlich ist

Berlin der Bezugspunkt für alle.

Der äußere jedenfalls. Der künstlerische ist eher ortlos, es gibt keine Schule –

und vielleicht ist es sogar die einzig spannende Identität für eine Band,

möglichst gar keine zu haben, überlegt Carsten Schrader in seinem Text

über Paper & Places auf den Seiten 16/17. Passt zum Zeitgefühl und zu den

Widersprüchen, die aufkommen, wenn Jennifer Rostock im „Fernsehgarten“

auftreten (mehr in der Titelstory) und die Gruppe Messer Deutschlands

wichtigsten Karriereplaner engagiert (dazu: Seite 20).

Mit Widersprüchen lebt auch die Modeszene, Stichwort: Exploitation. Da ist

es einfach besser, auf ganzer Linie dagegen anzugehen. Martin Höfeler tut

das mit seinem Fashionlabel Armedangels. Ellen Stickel hat ihn interviewt

und traf einen Mann, der die üblichen BWL-Regeln gegen den Strich bürstet:

„Das Gefühl, das ich hatte, als ich aus Indien nach Hause gekommen bin …

ich wusste einfach, dass ich beweisen will, dass man tatsächlich gut produzieren

und trotzdem ein profitables Unternehmen aufbauen kann.“

Mehr ab Seite 28.

Und wenn am Ende, nämlich in unserer Rubrik Zoom, Falk Schreiber über

den Bildenden Künstler Christoph Schlingensief schreibt (ab Seite 46), geht

es nicht besonders viel um Musik, aber sehr viel um Widersprüche und

Grenz gängertum. Geht schon in diesem Land. Man muss sich bloß trauen.

Jutta Rossellit

Chefredakteurin


uMag 06

Geta

ggt

Oscar Isaac

Dass die Coen-Brüder großartige

Filme drehen? Geschenkt. Dass ihr

neuer Film zum Reinspringen gut

aussieht und zum Auswendiglernen

gut geschrieben ist? Jaja. Dass man

danach mit Fo

lkmusik,

die ja erst seit Mumford & Sons sexy

ist, seinen MP3-Player vollstopft?

Jetzt geh! Denn das eigentlich Sensationelle an „Inside Llewyn

Dav

is“, diesem bittersüßen Porträt der Folkszene in New Yo

rk Anfa

ng

der 60er,

ist der Mann, der in jeder Szene zu sehen ist: Oscar Isaac

spielt den erfo

lglosen Sänger Llewyn Dav

is, und dass er singt wie

ein Popstar (auch zusammen mit Marcus Mumford!) und

klampft

wie ein Profi

? Zugegeben. Die Sensation hinter der Sensation

ist, wie es dem „Drive“-Nebendarsteller gelingt, einem den eher

unsympathischen Llewyn ans Herz zu binden. Denn Isaac macht mit

Hundeblick, Muckertolle und hippem Vo

llbart die Tr

aurigkeit

sichtbar (und die Unfä

higkeit, diese zu zeigen), die missgünstige

Menschen erst zu Arschlöchern macht. Ein ambivalenter Held,

wie ihn lange kein Film besaß. Ein Oscar für Oscar? Wä

r’n Hit. vs

Helene Hegemann

Helene Hegemann ist wieder da. Hat ein zweites Buch

veröffentlicht, „Jage zwei Tiger“ (erschienen bei

Hanser), das überraschenderweise gar nicht mal schlecht

ist. Hat für den Komponisten Michael Langemann ein

Opernlibretto geschrieben. Und inszeniert besagte

Oper auch gleich: „Musik“ feiert am 7.

12. mit dem hegemannesken

Untertitel „I make Hits Motherfucker“ an der

Oper Köln Premiere. Man könnte jetzt kritteln, dass

Opernregie etwas ist, das eine gewisse Erfa

hrung und vielleicht

auch Lehrzeit benötigt. Aber dann müsste man auch

sagen, dass 21 Jahre noch kein Alter für ein Comeback ist.

Und, Ficken!, das sagt doch überhaupt nichts aus.

Geht eben alles ein wenig schneller,

bei der jungen Frau. fi

s

Die vier Jungs von der irischen Band The Strypes sind zwar alle noch

keine 18, fi

nden aktuelle Musik aber konsequent kacke und

orientieren sich auf ihrem Debüt „Snapshot“ lieber am Bluesrock der

60er und 70er. Mit der

guten Kinderstube ist es

aber nicht weit her. Da

tut man ihnen schon den

Gefa

llen und stellt ihnen

die rockonkelige

The Strypes

Fr

age, in welches Jahr sie mit einer Zeitmaschine zurückreisen

würden, und bekommt dann von Sänger Ross folgende Antwort:

„W

ir würden nicht einsteigen und lieber in der Gegenw

art bleiben.

Dank Yo

utube haben wir doch einen viel besseren Blick auf die

Ve

rgangenheit und müssen uns nicht für John Lee

Hooker,

die Stones oder wen auch immer entscheiden.“ Rotzlöffel! cs

Foto: Universal Music


Gewinner des „Spirit of the Fringe Award“

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25.03. + 26.03.2014 FRANKFURT · 27.03.2014 MANNHEIM · 28.03.2014 RAVENSBURG · 29.03.2014 FREIBURG

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07.04.2014 BERLIN · 08.04.2014 KIEL · 10.04.2014 HAMBURG · 11.04.2014 OLDENBURG · 12.04.2014 BIELEFELD

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13.02.2014 KARLSRUHE · 14.02.2014 REGENSBURG

15.02.2014 MÜNCHEN · 16.02.2014 NÜRNBERG

18.02.2014 KÖLN · 19.02.2014 HANNOVER

20.02.2014 AUGSBURG · 21.02.2014 DARMSTADT

22.02.2014 OSNABRÜCK · 23.02.2014 DÜSSELDORF

25.02.2014 SAARBRÜCKEN · 26.02.2014 WÜRZBURG

27.02.2014 CHEMNITZ · 28.02.2014 DRESDEN

01.03.2014 BERLIN

26.12.2013 WEIDEN · 27.12.2013 ROSENHEIM · 28.12.2013 GERSTHOFEN · 29.12.2013 NEUNBURG VORM WALD · 30.12.2013 BAYREUTH

31.12.2013 ASCHAFFENBURG · 02.01.2014 STUTTGART · 03.01.2014 NÜRNBERG · 04.01.2014 WÜRZBURG · 05.01.2014 FÜSSEN

06.01.2014 LANDSBERG / LECH · 07.01.2014 BALINGEN · 08.01.2014 DONAUESCHINGEN · 09.01.2014 GÜNZBURG ·10.01.2014 FREIBURG

11.01.2014 HASLACH · 12.01.2014 SAARBRÜCKEN · 14.01.2014 KÖLN · 15.01.2014 FULDA · 16.01.2014 CH-EMMENBRÜCKE

17.01.2014 CH-ZÜRICH · 18.01.2014 CH-BASEL · 19.01.2014 CH-THUN · 20.01.2014 CH-GENF · 21.01.2014 FRIEDRICHSHAFEN

22.01.2014 SINGEN · 23.01.2014 ERDING · 24.01.2014 TRIER · 25.01.2014 MOSBACH · 26.01.2014 DEGGENDORF · 28.01.2014 HALLE / SAALE

29.01.2014 DRESDEN · 30.01.2014 WETZLAR 31.01.2014 KOBLENZ · 01.02.2014 GÖTTINGEN · 02.02.2014 DÜSSELDORF · 04.02.2014 DORTMUND

05.02.2014 WUPPERTAL · 06.02.2014 REUTLINGEN · 07.02.2014 NIEDERNHAUSEN · 08.02.2014 VOHBURG · 09.02.2014 SCHWÄBISCH GMÜND

11.02.2014 SIEGBURG · 12.02.2014 RHEINE · 13.02.2014 AURICH · 14.02.2014 KIEL · 15.02.2014 HILDESHEIM · 16.02.2014 DÜREN

18.02.2014 PADERBORN · 19.02.2014 OSNABRÜCK · 20.02.2014 CELLE · 21.02.2014 JENA · 22.02.2014 OLSBERG · 23.02.2014 PEINE

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23.01.2014 NEU-ISENBURG · 24.01.2014 L-ESCH ALZETTE · 25.01.2014 SAARBRÜCKEN · 26.01.2014 RASTATT

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08.02.2014 HEILBRONN · 09.02.2014 ZWICKAU · 10.02.2014 BAMBERG · 12.02.2014 ERFURT · 13.02.2014 SUHL

14.02.2014 VIERSEN · 15.02.2014 PADERBORN


uMag 08

Musik

BODIBILLDING

10 Jahre Sinnbus. Das Berliner Label feiert runden Geburtstag – mit allen Ecken und Kanten.

VON LASSE NEHREN

Foto: Rosa Merk

Daniel Spindler und Martin Eichhorn grinsen sich an. Ob ihr

Label Sinnbus gerade seine beste Zeit hat? „Das kommt drauf

an, auf welcher Achse man es betrachtet“, antwortet Spindler

etwas ernster. „Cool ist, dass es trotz aller Windungen bergauf geht. Es

ergeben sich neue Dinge, wir können uns öffnen und die Musik rausbringen,

die wir gut finden. Genauso gut könnte man sagen: Es ist starrer

geworden.“ Er erinnert sich, wie sie früher Platten veröffentlichten:

nach Bock und Bauchgefühl, entgegen wirtschaftlicher Erwartbarkeit.

Kleineres Label, kleinere Auflage. Kleineres Risiko. „Früher war klar:

Wenn Kam:as ne Platte rausbringen wollen, machen wir das. Heute …“

Weiter kommt er nicht. Eichhorn fällt ihm spielerisch ins Wort: „Wobei

wir das heute unbedingt wieder machen würden.“ Wieder lachen die

beiden auf diese liebevoll verschwörerische Art. „Zwar auf ganz andere

Art als Bodi Bill, aber diese Band war auch essentiell für uns: Da hatten

wir Orgasmen auf den Konzerten“, fährt Spindler fort, und Eich horn

löst die Situation auf: „Das ist ein Insiderwitz. Kam:as sind unsere un -

erfolgreichste Band.“

Ein Witz, in dessen Fußnoten die Erklärung für die Beständigkeit des

Ber liner Indielabels steckt. Als Sinnbus im Jahr 2003 gegründet wurde,

war die Motivation weniger eine perspektivische als eine dringliche.

„Es war uns ein großes Anliegen, unseren musikalischen Freundeskreis

zusammenzuhalten, die Talente, die wir schon immer gesehen haben,

zu bündeln“, erinnert sich Eichhorn. „Hätten wir ein Label gegründet

und wären auf Künstlersuche gegangen, wäre das wahrscheinlich zum

Scheitern verurteilt gewesen.“ Und sein Partner bringt es auf den Punkt:

„Was man außer dem Rausbringen von CDs als Label so macht, davon

hatten wir nicht wirklich einen Plan.“ Aus der Mitte einer künstlerischen

Com munity heraus setzten sich die Sinnbus-Macher zum Ziel, interessante

Konzerte zu veranstalten. Das Projekt wuchs sich zu einem Kon vo lut

aus Label, Vertrieb, Bookingagentur und einem nach nur einer Nacht

wieder geschlossenen Club aus. Während ein vergleichbares Indie label

wie Grand Hotel van Cleef im Laufe der Jahre derlei Geschäfts stellen

mit in die Strukturen aufgenommen hat, um ein zweites oder drittes

Standbein zu errichten, fiel bei Sinnbus alles weg – bis auf das Label, das

inzwischen um einen Musikverlag erweitert wurde. Dem sel ben kreativen

Umfeld, aus dem Sinnbus hervorgegangen ist, entstieg auch die Band,

welche die Zukunft des Labels entscheidend beeinflussen sollte. Seit

ihrem ersten Album im Jahr 2007 sind Bodi Bill bei Sinn bus unter Vertrag.

„Sie haben Genres auf eine sehr natürliche Art aufge brochen und so auch

Indiefans an Techno herangeführt“, sagt Spindler. Die Heranführung hat

eine Weile gedauert, doch das Festhalten an Bodi Bill hat sich gelohnt. Als

das Trio 2011 sein viertes Album „What?“ veröffentlichte, konnten sich

plötzlich alle auf Bodi Bill einigen – und man avancierte gemeinsam.

Seitdem hat sich die öffentliche Wahrnehmung von Sinnbus gewandelt.

Man kennt außer Bodi Bill vor allem Hundreds und Me And My

Drum mer– dabei nahm alles mit einigen Postrockbands und, Achtung,

O-Ton: „verquerem Indiezeug“ seinen Anfang. Das Roster hat sich mit

dem Musikgeschmack der Labelchefs gewandelt. Sie sind kein

Genrelabel, sondern vier Menschen auf der Suche nach Musik, die

etwas anregt. Eichhorn ereifert sich: „Es gibt eine Qualität, die man

sehen kann, aber nicht beschreiben. Sie ist wie eine Farbe. In einigen

Fällen ist das eine handwerkliche Qualität wie die Wahnsinnsstimme

von Charlotte von Me And My Drummer, in anderen Fällen eine Haltung

oder das, was auf der Bühne passiert. Man kann diese Qualität nicht

beschreiben – sie ist es aber, die die Dinge eint, die uns begeistern.“

Als wir im Rahmen der Jubiläumsfeierlichkeiten mit dem neuen Projekt

Unmap sprechen, soundcheckt Eva von Hundreds im Hintergrund mit

„Happy Birthday“, und Peter Gruse, dritter der vier Labelchefs, schaut

wieder holt rein, um sicherzustellen, dass alles in Ordnung ist. Es steckt

viel Herzblut in diesem Label, und deshalb glauben wir Daniel

Spindler auch, wenn er sagt: „Das klingt jetzt vielleicht ein wenig

pathetisch – aber wenn das Label nicht da wäre, würden wir was an -

deres zusammen machen.“


REBECCA FERGUSON

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„Dear Darlin‘“ und „Troublemaker“, sieben brandneuen

Tracks und dem kompletten Konzert der

„Right Place Right Time Tour“ aus der Londoner 02-Arena.


uMag 10

Fr

eun

desk

reis

M.I.A.

Musik, Kunst, Politik: M.I.A. kann irgenwie alles –

bloß nicht den Mund halten.

Foto: Didi Zill

1

Foto: Universal Music

5

Foto: Julia Schoierer

4

Foto: Senator Home Entertainment

6

Foto: Daniel Sannwald

7 8

Foto: Warner Music

Früher zwang ihr Onkel sie, zu Boney M. (1) zu tanzen, heute steht

Mathangi Arulpragasam alias M.I.A. neben Madonna (2) und Missy

Eliott (3). Nicht nur aufg

rund ihres Erfolgs scheint es mittlerweile unmöglich,

M.I.A. etwas aufz

uzwingen – weder mit popkulturellen noch

mit politischen Statements hält sich die 28-Jährige zurück. So erteilte

die tamilisch-britische Rapperin Barack Obama den Rat, seinen Fr

iedensnobelpreis

wieder abzugeben, während sich Rihanna (4), Sting

und Bruno Mars nach ihrem Auft

ritt bei den diesjährigen Grammym s den

Vo

rwurf anhören mussten, sie hätten Elemente von M.I.A.s Bühnenshow

gestohlen. Der Enthüllungsplattform Wikileaks widmete sie hingegen

ein Mixtape, woraufhin der Gründer Julian Assange (5; die

Wikileaks-Doku „W

e steal Secrets“ ist am 14. 11. bei Universal Pictures

auf DVD erschienen) im Gegenzug eines ihrer Konzerte via Skype eröffnete.

M.I.A. beschränkt sich aber nicht auf politischen Aktivismus:

Jude Law (6), zuletzt in „Side Effects – Tödliche Nebenw

irkungen“ (auf

DVD und Blu-Ray

bei Senator Home Entertainment erschienen) zu

sehen, kauft

e ein Graffif tigemälde der Künstlerin, und zwar lange bevor

sie als Musikerin sowohl für die Grammym s als auch für einen Oscar

nominiert wurde. Diese Doppelnominierung ist eine Adelung, die auch

Kollegen wie Eminem (7) und Phil Collins (8) zuteil ward. Nachdem

M.I.A. ihren Eltern je ein Album gewidmet hat, fokussiert sich das

Multitalent mit seiner aktuellen Platte „Matangi“ auf sich selbst. Mal

sehen, wen M.I.A. damit in ihren Bann zieht. Oder wer in ihre

Schusslinie gerät. ae


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DIE FREIHEIT

DER UNCOOLEN

Was haben Jennifer Rostock eigentlich auf dem uMag-Cover zu suchen? Ziemlich viel: Wer die

Berliner als prollige Titten-und-Tattoo-Kombo abtut, verpasst eine extrem meinungsstarke Band.

INTERVIEW: CARSTEN SCHRADER

Foto: Shane McCauley


uMag 13

Musik

CHECKBRIEF

BANDNAME Jennifer Rostock

MITGLIEDER Jennifer Weist (Gesang)

Johannes „Joe“ Walter (Keyboard)

Christoph Deckert (Bass)

Alex Voigt (Gitarre)

Christopher „Baku“ Kohl (Schlagzeug)

GENRE Rock, Glampunk, Elektropop

ORT Berlin

HERKUNFT Jennifer Weist und Joe Walter

stammen aus Zinnowitz (Usedom)

GRÜNDUNGSJAHR 2007

LIEBLINGSFEIND Tim Bendzko

AKTUELLES ALBUM „Schlaflos“ erscheint

am 17. Januar 2014

GÄSTE In dem Song „K.B.A.G.“

(Kein Bock aber Gästeliste) setzen sie

sich kritisch mit der Musikindustrie

auseinander, und weil sie ein „Feature,

das niemand braucht“ besingen, führen

sie die vielen prominenten Gastsänger

des Songs nicht explizit auf

LIVE

31. 1. München

8.+ 9. 2. Hamburg

11. 2. Köln

16. 2. Berlin

uMag: Jennifer, Joe, Christoph, warum gibt es so viele Berührungsängste

und Vorurteile in Bezug auf Jennifer Rostock?

Joe Walter: Wir waren nie eine Imageband, die ganz bewusst mit einer Zielgruppe plant.

Man kann etwas auf Massengeschmack bürsten, oder man kann auf cool, alternativ, indie

machen. Aber wir sagen eben nicht, dass wir die neuen Silbermond sind, und wir inszenieren

uns auch nicht als Indieband, sondern wir finden irgendwo dazwischen statt. Das

verwirrt die Leute. Deswegen finden sie uns komisch und doof, deswegen verstehen sie

uns oft nicht.

Jennifer Weist: Man kann da eine lange Liste anlegen: Wir reißen immer unsere Fressen

auf und sagen, was wir denken. Es wird sicherlich auch einige abschrecken, dass wir

auf der Bühne viel Alkohol trinken. Wir trinken ja schon vor einem Konzert, quasi zum

Vorglühen, damit der Auftritt dann für uns wie eine Party ist. Und dann gibt es auch

noch die sehr expliziten Sexsachen.

Christoph Deckert: Der große Vorteil dabei ist aber: Wenn man nie ernsthaft cool war,

muss man sich um viele Dinge auch keinen Kopf machen. Das gibt uns eine gewisse

Narrenfreiheit.

uMag: Wenn man sich anschaut, worauf ihr euch bisher so eingelassen

habt, dann muss es bei euch schon eine sehr grenzwertige Lust

an trashigen TV-Formaten geben.

Deckert: Wir haben sehr viele fragwürdige Fernsehauftritte gemacht, und es ist auch da

so, dass wir nicht mit jeder Entscheidung glücklich sind, die wir getroffen haben. Aber

wir haben das vorher immer abgestimmt. Es hat uns nie jemand gezwungen, in den

„Fernsehgarten“ oder zu „The Dome“ zu gehen.

Weist: Viele greifen uns deswegen an, aber ich muss ganz ehrlich sagen: Ich stehe zu

allem, was wir gemacht haben. Wir hätten sonst nie fünf so spaßige Jahre gehabt.

Walter: Vielleicht würden wir uns heute anders entscheiden, aber wir sind froh, dass

wir diese Erfahrungen machen konnten.

Deckert: Bei Sachen wie dem „Fernsehgarten“ sind wir ja auch nicht davon ausgegangen,

dass wir einen Nutzen davon haben. Es war schon im Vorfeld klar, dass sich keiner der

Zuschauer für uns interessiert. Wir wollten einfach mal diesen Schlagerfreizeitpark sehen und

dann zu Vollplayback in einem Pool stehen und so tun, als würden wir einen Song spielen.

uMag: Verhindern solche Auftritte nicht eine tiefergehende

Auseinandersetzung mit der Tatsache, dass Jennifer als sehr

selbst bewusste Frau auf der Bühne steht, die sich zu ihrer

Sexualität bekennt und sie offensiv auslebt? Jennifer, warum warst du

bisher noch nie auf dem Cover der Missy?

Deckert: Stimmt eigentlich, dein Umgang mit weiblicher Sexualität ist ja

schon ziemlich fortschrittlich.

>>


uMag 14

Musik

Weist: Vermutlich werfen sie mir Sexismus vor und

machen keinen Unterschied, weil ich eine Frau bin.

Ich finde ja auch, dass es etwas anderes ist, wenn

ich bei Konzerten von den Mädels fordere, sie sollen

sich ausziehen. Ich bin eben eine Frau, und meine

Titte ist auf der Bühne auch schon rausgerutscht.

uMag: Vor allem, weil du dabei ja ganz genau

die Reaktion der Typen beobachtest und gegen

chauvinistisches Gebaren scharf vorgehst. Wenn

sie glimpflich davonkommen, sprichst du sie auf

die Größe ihres Geschlechtsteils an oder forderst

sie auf, ihren Schwanz mal vorzuzeigen.

Weist: Trotzdem würde ich nicht sagen, dass ich

das mache, weil es mir wichtig ist, den Feminismus

voranzutreiben. Ich habe mal ein Seminar für junge

Mädchen gegeben, die auch auf die Bühne wollten.

Die haben mir dann etwa erzählt, dass sie nicht

damit klarkommen, wenn der Techniker sie anmault,

weil sie nicht wissen, was sie machen sollen. Mich

mault auf der Bühne jedenfalls keiner an, weil ich

ganz deutlich mache, dass das meine Bühne ist,

und da spielt es auch keine Rolle, dass ich nicht bei

jedem Stecker genau weiß, wo der reingesteckt

wird. Da geht es um Selbstbewusstsein und meinetwegen

auch um das Selbstbewusstsein, sich mal an

Technik zu wagen. Wenn ich zu den Mädels im

Publikum sage, sie sollen mal ihre Titten zeigen,

dann ist doch klar, dass ich nicht Titten sehen will.

Da steckt etwas dahinter, und danach könnte man

mich schon mal fragen – aber irgendwie macht das

keiner. Das ist dann wohl dieses Abgestempele.

INCLUDING THE HITS

STRONG &

WASTING MY YOUNG YEARS

OUT NOVEMBER 15

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uMag: Mit dieser Stigmatisierung habt ihr auch

ein Problem, wenn ihr verkündet, ihr wollt bei

euren Konzerten keine Leute mit Shirts von

Frei.Wild oder den Böhsen Onkelz sehen.

Statt Anerkennung zu bekommen, weil ihr gegen

Bands aus der Grauzone Stellung bezieht, wird

euch auch noch vorgeworfen, ihr nutzt den Kampf

gegen Bands mit rechtem Image für PR-Zwecke.

Walter: Wir haben diesen Facebook-Eintrag nachts

um eins im Tourbus geschrieben, und als wir am

nächsten Morgen aufgestanden sind, hatten wir 6 000

Kommentare. Sogar Todes drohungen waren dabei.

Weist: Jetzt hat es diesen Shitstorm gegeben, dabei

hatten wir vor drei Jahren auf einem Festival schon

eine ganz ähnliche Situation. Da habe ich zu einem

im Publikum gesagt, entweder er zieht sein Frei.Wild -

Shirt sofort aus, oder er soll sich verpissen. Damals


,,

uMag 15

Musik

Mich mault auf der

Bühne jedenfalls keiner

an, weil ich ganz deutlich

‘‘

mache, dass das

meine Bühne ist.

Jennifer Weist

ist nichts passiert, das ist irgendwie untergegangen,

was vielleicht daran liegt, dass Frei.Wild damals

noch relativ unbekannt waren. Aber es ist schon

interessant, dass uns jetzt vorgehalten wird, wir

wären auf eine Welle aufgesprungen.

Deckert: Die deutsche Poplandschaft ist so unfassbar

bequem. Niemand will irgendwo anecken, und

deswegen hält man sich schön aus allem raus.

Wenn, dann sagt man höchstens, dass man Nazis

doof findet. Aber klar: Alle außer den Nazis finden

Nazis doof. Natürlich wollen auch wir nicht mit

erhobenem Zeigefinger durch die Gegend laufen,

wir wollen Freiraum lassen und nicht einfach nur

eine Meinung vorgeben. Deswegen lassen wir einfach

mal bestimmte Dinge fallen, und dann können sich

die Leute selbst informieren.

Weist: Zu unserer Single „Ein Schmerz und eine

Kehle“ haben wir ein Statement zu Putin und der

Diskriminierung von Homosexuellen in Russland

aufgenommen, aber das wurde von den Medien

ignoriert. Da gab es dann Dinge, die wichtiger

waren: Tim Bendzko tanzt für seine neue Single

auf einem Seil.

uMag: Wobei „Ein Schmerz und eine Kehle“ ja

nun auch nicht gerade der radiotauglichste Song

von eurem neuen Album „Schlaflos“ ist …

Weist: Radio ist für uns eh durch, die wollen uns

einfach nicht.

Walter: Man bekommt von den Sendern ja Feed -

backzettel, und der schönste Kommentar war:

„Nein, wir spielen die neue Single nicht, denn

Jennifer Rostock sind komische Menschen.“

Das war das schönste Kompliment, das wir bisher

von einem Radiosender bekommen haben.


BIGGER ALS BERLIN

Eigentlich wollten Paper & Places nur die Hauptstadt erobern. Doch das Indiepoptrio

hat etwas, was sie auch international interessant macht: keine Identität.

VON CARSTEN SCHRADER

Foto: GHvC

Jetzt bin ich also angekommen: in einem Dönerladen in Prenzlauer

Berg“, sagt Harrison McClary und klammert sich an seine Flasche

Augustinerbräu, die für ihn zwar kein Stück Heimat, wohl aber

Repräsentant einer noch sehr jungen Vergangenheit ist. Vor anderthalb

Jahren veröffentlichte die Regensburger Band Paper & Places eine

EP namens „To Berlin“, und im Titelsong träumte der damals noch

nicht volljährige McClary von seiner Flucht aus der Provinzstadt. „Es war

als Chiffre fürs Unabhängigsein und die 1 001 Möglichkeiten der Großstadt

gemeint. Die Stadt stand damals für die Fantasiewelt in meinem Kopf“,

erklärt er.

Getrieben von einer neuen Dringlichkeit

Eins zu eins konnte Berlin auch gar nicht gemeint gewesen sein: Zum

Zeitpunkt der Entstehung war McClary noch nie dort gewesen, und erst

ein paar Tage nach der EP-Veröffentlichung absolvierte das Trio sein

erstes Hauptstadtkonzert. „Ich war dann schon ein bisschen erleichtert,

dass ich mit meinen Projektionen nicht so falsch gelegen habe und

es mich wirklich gereizt hat, nach Berlin zu ziehen“, kommentiert er

grinsend. Für einen definitiven Abgleich zwischen Fantasie und

Realität ist es allerdings noch ein bisschen zu früh: „Ich wohne erst seit

zwei Wochen und noch ohne Wohnung hier, und vermutlich verkläre

ich auch, wenn ich sogar das Hinterzimmer von einem Durch schnitts -

imbiss als sehr stimmig und stimmungsvoll empfinde“, sagt er und

nimmt einen großen Schluck aus seiner Bierflasche.

Es wird wohl noch ein bisschen dauern, bis sich bei ihm ein objektives

Berlingefühl einstellt, denn die nächsten Wochen dürften für den

Paper-&-Places-Sänger vor allem hektisch werden. Seit zwei Wochen

läuft die Uni, zwischendurch hetzt er zu WG-Besichtigungen – und

Ende November erscheint mit „No Home“ auch schon das Debütalbum

seiner Band. Dann gilt es auch, logistische Probleme zu stemmen, weil

Schlagzeuger Jo han nes an der Musikhochschule in Nürnberg studiert.

Auch Bassist Marc weilt im Süden und ist derzeit noch unsicher, ob er

den Sprung nach Berlin wagen soll.

Vor allem wird McClary jetzt wieder viel über Regensburg reden müssen.

Bei „To Berlin“ war die Sache noch klar – da waren Paper & Places

einfach sehr junge Foals-Fans mit einem außergewöhnlichen Talent für

Songwriting. „Die Foals sind der Grund, warum es unsere Band überhaupt

gibt“, sagt McClary und hat überhaupt kein Problem mit seiner

Liebe zu den britischen Kollegen. „Vor allem ich war da ein bisschen

crazy: Ich habe die Foals vergöttert, und mit unserer Mischung aus Pop

und innovativer Gitarrenmusik wollte ich ein ganz ähnliches Gefühl

vermitteln wie sie.“ Doch wenn jetzt „No Home“ erscheint, reicht der


uMag 17

Musik

CHECKBRIEF

BANDNAME Paper & Places

MITGLIEDER Harrison McClary

(Gesang, Gitarre), Marc Rauscher

(Bass), Johannes Koch (Schlagzeug)

GENRE Indiepop

HERKUNFTSORT Regensburg

JUGENDHELDEN Foals

NAMENSÄNDERUNG Hießen früher

Brics, mussten sich aber umbenennen,

da das Wort bereits als Marke

verwendet wurde

AKTUELLES ALBUM „No Home“

erscheint am 29. November

ANSPIELTIPPS „Lovestuff“, „Whisper

Whisper“, „Something Electric“

LIVE 28. 12. Bielefeld,

29. 12. Hamburg,

30. 12. Berlin

Verweis auf die Jugendhelden nicht mehr aus. Die zwölf neuen Songs

sind von einer Dringlichkeit getrieben, die mit jugendlicher Be geister ung

und Imitation längst nicht mehr zu erklären ist.

Man wird den Mythos Provinz bemühen, um die Strahlkraft der drei

Jungs zu erklären. „Natürlich bekommst du in einer Stadt wie Regens -

burg sehr schnell Aufmerksamkeit, wenn es neben dir noch bestenfalls

zwei andere Bands in deinem Alter gibt“, sagt McClary und grinst.

„Aber ich kann nicht das Klischee befeuern, dass ich übermäßig gelitten

hätte. Ich finde Regensburg nicht scheiße, schon allein deshalb nicht,

weil es der erste Ort gewesen ist, an dem ich mehrere Jahre am Stück

leben konnte“, spielt er auf seine amerikanische Herkunft an, die man

zwar auch an einem leichten Akzent hört, die aber vor allem dann

durchkommt, wenn er in emotionalen Momenten plötzlich englisch

einstreut und sich dann nicht in der Lage sieht, eine deutsche Übersetzung

zu finden, die eine ähnliche Tiefe ausdrücken kann.

In der frühen Jugend ist er zwischen NRW und Tennessee gependelt,

dann kam Regensburg, und bis zum Abi letztes Jahr ging das auch

okay. Auf „No Home“ erzählt er von der Zeit zwischen der Fantasiewelt

Berlin und seinem endgültigen Entschluss umzuziehen. „Regensburg

ist gut, aber es geht noch besser“, bilanziert er die Trennungs ge schich te,

an deren Ende die Erkenntnis stand, zu anders und zu ambitioniert für

die Provinzstadt zu sein. Doch auch wenn es kein leichtes Jahr für

McClary gewesen ist, haben nicht Hass, Wut und Verzweiflung den

Albumtitel diktiert, sondern bestenfalls ein leichter Trotz: „Für mich

steckt die Erkenntnis darin, dass ich momentan noch nicht einsehen

will, ohne ein Zuhause womöglich nicht bestehen zu können.“

Doch wenn es nicht das ganz große Provinzdrama war – wie sind Paper

& Places dann zu diesem Album gekommen, auf dem sie so selbstverständlich

zwischen unsagbar eingängigen Popsongs à la „Lovestuff“

oder „Speak up“ und melancholischen Mini-Epen wie „Whisper

Whisper“ und „Something Electric“ pendeln? „Ich weiß es nicht“,

gesteht McClary, doch sein ratloses Gesicht verrät auch, dass es ihm

durchaus Freude macht, über diese Frage nachzudenken. So stellt er

nach kurzer Überlegungszeit das hohe Konfliktpotenzial zur Dis kus sion:

„Unsere Band basiert nicht auf ähnlichen ästhetischen Konzepten: Wir

sehen unterschiedlich aus, hören mit Ausnahme der Foals komplett

verschiedene Musik, und selbst für die Entscheidung, welches Cover

wir nehmen, brauchen wir unendlich lang und sind immer kurz davor,

uns gegenseitig die Köpfe einzuschlagen.“

So nervig die Grabenkämpfe auch sind, für ihn sind sie unverzichtbar.

„Deswegen spiele ich ja auch in einer Band. Denn der Gedanke, Songs

ohne die Gegenwehr der anderen zu schreiben, reizt mich überhaupt

nicht“, erklärt McClary, der bei Paper & Places den Popansatz vertritt,

während Marc sich für Verschwurbelungen stark macht und Schlag -

zeuger Johannes vom Jazz kommt. „Aber das ist eben auch der Grund,

warum es bei uns keine klar ausformulierten Ziele gibt und bisher

alles einfach so passiert ist.“

Musik für identitätslose Boys und Girls

Paper & Places haben nie davon geträumt, bei bestimmten Festivals zu

spielen; gefragt jedoch wurden sie immer. Das Hamburger Label Grand

Hotel van Cleef nahm sie unter Vertrag, ohne dass sie vorher monatelang

nach einer Plattenfirma suchen mussten. Und sie haben sich nicht

beraten, wie sie „No Home“ auf internationales Niveau bringen, auch

das ist einfach passiert. „An schlechten Tagen halte ich uns deswegen

für eine identitätslose Band, und da beruhigt mich dann nur der

Gedanke, dass es in meiner Generation womöglich eh nur identitätslose

Boys und Girls gibt.“

Vielleicht ist es genau die Tatsache, dass Paper & Places nicht aus -

definiert sind, weshalb sie zu den derzeit aufregendsten Newcomern

zählen. Und vielleicht ist für eine Band mittlerweile die einzige überhaupt

spannende Identität möglichst gar keine zu haben. Womöglich

überwinden Acts wie Sizarr, Roosevelt, Pool und jetzt auch Paper &

Places das Stigma eines deutschen Sounds, weil sie zu locker und zu

offen für Schablonen sind. „Lassen wir es doch einfach sein, wie es ist“,

sagt McClary lachend, während er aufsteht und sich seine schwarze

Lederjacke anzieht. Er muss sich beeilen; zu seiner WG-Besichtigung in

Pan kow kommt er bereits jetzt zu spät. Doch wenn die potentiellen Mit -

bewohner schlau sind, lassen sie den Ex-Regensburger trotzdem nicht

wieder gehen.


uMag 18

Musik

GESTATTEN:

BANKS

Wenn es derzeit jemanden gibt, der in puncto

Offenheit keine halben Sachen macht, dann ist es

Jillian Banks.

Man muss nicht bis zum Sündenfall zurückdenken, um zu

begreifen, dass Reiz und Risiko mitunter dicht beisammen

stehen. Eine, die diese ambivalente Melange derzeit in Musik

gießt, ist Jillian Banks, oder: BANKS. Den Songs der in Los

Angeles lebenden Musikerin ist eine Schönheit eigen, die

sich aus ihrer eigenen Abgründigkeit speist. Es wirkt, als

beherrsche Banks ihre Songs im gleichen Maße wie sie von

ihnen beherrscht wird. Ihre Vocals wirken einerseits kräftig,

andererseits heiser und geradezu brüchig, die Stimme dringt

durch Hallbeschichtung und windet sich inmitten zerhackter

Basslandschaften. Die Texte verarbeiten universelle Themen,

doch fällt es schwer wegzuhören. Denn Banks ist offen, macht

sich verletzlich – etwas, zu dem sie nach eigenen Angaben

ihr musikalisches Vorbild Fiona Apple inspiriert hat.

„Before I ever met you

I never knew that my heart could love so hard.

Before I ever met you

I never knew I could be enemies with this regard.

Before I ever met you

I never knew that I liked to be kissed for days.

Before I ever met you

I never knew I could be broken in so many ways.“

aus: „Before I ever met you“

Zwei EPs hat Banks in diesem Jahr veröffentlicht, „Fall over“

und „London“, und bereits jetzt hat sie eine beachtenswerte

Gruppe von Weggefährten – oder womöglich: -bereitern – für

sich gewinnen können: S O H N, Totally Enormous Extinct

Dinosaurs und Jamie Woon sind bereits als Produzenten für

die Autodidaktin in Erscheinung getreten. Als Banks 15 Jahren

war, bekam sie ein Spielzeugkeyboard geschenkt. Emotionale

Stressbewältigung war damals ihr Antrieb zum Musikmachen

und ist es offenbar noch heute: Jederzeit scheint das Risiko

gegeben, man könnte etwas erfahren, dem man nicht ge -

wachsen ist. Eben diesem Risiko setzt sich auch Banks aus –

auf ihrer Facebook-Seite. Da steht: „Hello world! I like making

connections outside of a computer screen. Twitter, Facebook

and Instagram have never really been my thing. So my manager

is going to run the Social Media stuff. If you ever want to

talk, call me“. Ergänzt um ihre echte Telefonnummer. lan

Foto: Melt! Booking


uMag 20

Musik

DIE ZWEISCHNEIDIGEN

Postpunk 2013: Ist es jetzt unangepasst, wenn die Gruppe Messer Deutschlands wichtigsten

Karriereplaner engagiert?

VON CARSTEN SCHRADER

Foto: Leo Ritz


uMag 21

Musik

CHECKBRIEF

BANDNAME Messer

MITGLIEDER Pascal Mayburg (Gitarre),

Hendrik Otremba (Ge sang), Pogo

McCartney (Bass), Philipp Meynberg

(Schlagzeug)

GENRE Postpunk, Wave

HERKUNFTSORT Münster

SONSTIGE BESCHÄFTIGUNGEN Neben

der Arbeit an der Uni Münster und

seiner Lehrtätigkeit an der Fach hoch -

schule für Design arbeitet Hendrik als

Lektor, malt die Cover der Messer-

Platten und veröffentlicht journalistische

Texte und Essays; Pogo ist Sozial

arbeiter; Pascal studiert Kunst ge -

schichte; Philipp macht einen zweiten

Master in Literatur wissen schaft

NERDTUM Bis vor kurzem haben sich

die Bandmitglieder mit anderen

Freunden regelmäßig zu einem

Platten zirkel getroffen

COVERVERSION Gemeinsam mit dem

Schweizer Schlagersänger Dagobert

haben sie „Bonnie and Clyde“ von

Serge Gainsbourg und Brigitte Bardot

gecovert

AKTUELLES ALBUM

„Die Unsichtbaren“

Hendrik Otremba weiß, wie man Bomben platzen lässt: „Ich lebe

gern und bin eigentlich ein recht glücklicher Mensch“,

behauptet er mit einer ganz und gar eigenen Mischung aus

Trotz und Belustigung. Natürlich ist dem Messer-Sänger nur zu

bewusst, wie spektakulär seine Behauptung ist. Denn seit vor knapp

anderthalb Jahren ihr Debüt „Im Schwindel“ erschien, wurde die

Münsteraner Band für so ziemlich alles gefeiert – nur nicht für Lebens -

freude. Selbst das Feuilleton würdigte ihren an Postpunk und ganz

frühe Hamburger Schule erinnernden Sound mit kilometerlangen

Analysen, in denen immer wieder Namen wie Kolossale Jugend, DAF,

Einstürzende Neubauten, Sonic Youth und Fehlfarben fielen. Trotzdem

scheint Otremba es mit seinem Beharren auf Auch-mal-gut-drauf aber

ernst zu meinen: „Natürlich sind wir wütend, weil die Welt in vielen

Belangen nun mal ganz schön scheiße ist, aber es gibt auch schöne

Aspekte, an denen wir uns erfreuen.“ Und als würde er dem leicht

gestelzten Ton auch nicht so ganz trauen, springt Schlagzeuger Philipp

Waynberg seinem Bandkollegen bei: „Wenn mich an der ganzen Auf -

merksamkeit im letzten Jahr etwas gestört hat, dann ist es die Tatsache,

dass überall Hendriks Textzeile ,Die Wut, die mich zerfrisst, weil das

Leben eine Lüge ist’ zitiert wurde – aber niemand beachten wollte, dass

es dann mit ,weil das Leben meine Liebe ist’ weitergeht.“ Und da

lächelt Otremba dann auch. „Genau, der zweite Teil tauchte nie auf,

dabei ist diese Ambivalenz extrem wichtig.“

Ambivalent ist auch die Erfolgsgeschichte von Messer. Die vier mit

Punk sozialisierten Bandmitglieder veröffentlichen ihre Musik bei dem

ebenfalls in Münster ansässigen Einmannlabel This Charming Man, das

ansonsten nur rabiate Hardcoreplatten vertreibt, für die sich ausschließlich

eine kleine, klar definierte Szene interessiert. Zwar findet

man bei Messer durchaus auch zugänglichere Momente und

Popsprengsel, die als Haltegriffe funktionieren, doch das Grundgerüst

ist schroff. Und wenn man bedenkt, dass ihre Songs einer längeren

Auseinandersetzung bedürfen und sich nicht zum Nebenbeihören eignen,

verwundert der Massenzuspruch. „In Münster hat mir mal

jemand die Theorie unterbreitet, dass die Leute den total weichgespülten

Kram einfach satthaben, der in den letzten zwei Jahrzehnten die

Indieszene dominiert hat“, versucht sich Otremba an einer Erklärung.

Wenn man bedenkt, was etwa 20 Jahre nach der Hamburger Schule in

der Stadt los war, könnte das zutreffen: Am Ende stand der

Kumpelrock von Bands wie Tomte oder Kettcar, der die Ecken und

Kanten zugunsten des Chartserfolgs abgeschliffen hatte. „Diese

Wohlfühlmusik, die den Rückzug ins Private proklamiert, passt nicht

mehr so recht in die Gegenwart“, kommentiert Waynberg. „Deswegen

finde ich es gut, dass es in Deutschland gerade wieder einige Bands

gibt, die versuchen, ein bisschen unangepasster zu sein.“ Er nennt Die

Nerven, deren Berlinkonzert sich die beiden Messer am Vorabend mit

großer Begeisterung angesehen haben. Und mit Bands wie Trümmer

und 1000 Robota beziehen sich auch wieder junge Hamburger auf die

borstigeren Traditionen ihrer Stadt.

Aber wie geht das mit der Tatsache zusammen, dass sich Messer

pünktlich zum zweiten Album von Deutschlands derzeitigem It-

Manager Beat Gottwald vertreten lassen? „Wir wären unglaubwürdig,

wenn wir die Entscheidungsgewalt abgegeben hätten, wie man uns

vermarktet und anpreist, aber wir haben noch immer die Kontrolle

darüber, wo wir stattfinden und wo nicht“, verteidigt Waynberg die

Entscheidung, mit Gottwald zu arbeiten, der auch bei Casper und

Kraftklub die Strippen zieht. Und Otremba freut sich, dass selbst aus

ihrer alten DIY-Szene bisher nur selten der Ausverkauf-Vorwurf kam.

„Die schätzen es, dass wir uns nicht verbiegen und trotzdem konsequent

mit der Band weitermachen.“

Hört man das neue Album, ist es tatsächlich kaum vorstellbar, dass

sich Messer dazu bereit erklären würden, für Casper in Hallen mit

Hartschalensitzen die Vorband zu geben. Trotzdem machen sie mit

„Die Unsichtbaren“ einen großen Schritt nach vorn: Die Platte ist aufwändiger

produziert; obwohl Messer die Postpunk-Referenzen etwa

durch die Wahl bestimmter Effektgeräte noch verstärkt haben, steckt

viel mehr Gegenwart in dem Album, und das durch die große

Aufmerksamkeit gewonnene Selbstvertrauen spiegelt sich nicht zuletzt

in den mitunter sehr persönlichen Texten Otrembas. Etwa in dem Song

„Tiefenrausch“, in dem es um seinen schon vor längerer Zeit verstorbenen

Vater geht. „Natürlich rede ich mit Leuten darüber, und ich habe

auch früher mit Leuten darüber gesprochen, als mich das vielleicht

noch mehr bewegt hat, aber sich auf dieser Ebene damit auseinanderzusetzen,

ist einfach richtig geil. Gerade weil ich nicht richtig traurig

bin und es mich fertig macht, sondern weil ich es in Kanäle leite, die

es für mich zu Energie werden lassen“, erklärt er. „Das Schöne an diesem

Song ist die Zweiteiligkeit: Ich singe den Text in dem sehr runtergefahrenen

Part, dann gibt es eine Zäsur, und danach startet der instrumentale

Part mit sehr viel mehr Drive. Wenn wir den Song live spielen,

dann ist da bei mir das Gefühl: Nachdem ich es gesagt habe, legen die

anderen los, die Fahrt geht voll nach vorn. Und das sagt mir dann: Es geht

weiter.“ Und da ist sie dann wieder, die extrem wichtige Ambivalenz.


uMag 22

Musik

FRISCH ERSCHÖPFT

Wenn Ruhe eine Tugend ist, ist Unruhe ihre Voraussetzung.

Zumindest für Kevin Hamanns Projekt ClickClickDecker.

Foto: Sophie Krische

uMag: Kevin, gerade scheint die Zeit zufriedenstellender Rückschauen

zu sein: Dein Label Audiolith hat vor ein paar Monaten zehnjähriges

Bestehen gefeiert, und ClickClickDecker gibt es nun bereits seit zwölf

Jahren. Verblassen angesichts dieser Beständigkeit die Zukunftsängste?

Kevin Hamann: Diese Angst ist zum Glück immer da. Ich finde, es ist

auch ein Antrieb, keine Gewissheit zu haben. Sonst wird man unbissig,

ge setzt und vielleicht auch langweilig – und langweilt sich selbst.

Sich er lich entwickelt sich eine gewisse Vertrautheit, aber an sich ist der

Gedanke, wie lange es eigentlich noch weitergehen kann, wie lange

man so weitermachen wird, immer da. Ich habe zum Beispiel seit zwei

Jahren wieder einen festen Job. Das liegt nicht nur daran, dass ich es

mit der Musik allein nicht schaffen würde, sondern auch daran, dass

ich nach so vie len Jahren einfach mal wieder Lust hatte, einen richtigen

Job zu machen.

uMag: Und wo arbeitest du?

Hamann: Ich arbeite gerade bei Barner 16, einer inklusiven Stätte in

Hamburg Altona. Ich bin dort als Musiker angestellt und betreue mehrere

Musikprojekte. Das Kollektiv Barner 16 beispielsweise, das ist eine

Band, in der nur Musiker mit Handicap spielen.

uMag: Könntest du dir vorstellen, etwas zu tun, das rein gar nichts mit

Musik zu tun hat?

Hamann: Zur Zeit eigentlich nicht, nein. Gerade bin ich sehr zufrieden,

besonders weil ich meine Ausbildung zum Erzieher und die Musik verbinden

kann. Das ist für mich ein Traum. Und hier komme ich auf

deine Ausgangsfrage nach den Gedanken darüber zurück, wie lange so

eine Musikkarriere anhalten kann: Ich versuche, mir wieder ein zweites

Standbein aufzubauen und auch aus dieser Arbeit schöpfen zu können.

uMag: Kommen wir dennoch auf deine Musik zu sprechen. Die musikalische

Ausrichtung von ClickClickDecker hat sich während all der

Jahre kaum verändert. Werden dir Nebenprojekte wie Bratze zu

Ventilen für andere Bedürfnisse?

Hamann: Genau, das ist ja das Schöne! Sei es Bratze als Elektro-, My

First Trumpet als Instrumentalprojekt oder Ludger als Punkband: Ich

kann mich austoben. So hat man nie den Drang, sich verändern zu

müssen, sondern kann in den Schubladen hin und her springen. Ich

fand es total super, in einem Jahr hundert Konzerte lang die Rampen -

sau zu spielen, mich zum Schwitzen zu bringen und am Gerüst herumzuklettern.

Und im nächsten Jahr stehe ich nur mit der Gitarre auf der

Bühne und spiele den Weltumarmer. Bei ClickClickDecker konzentriere

ich mich wieder aufs Texten – mir gefallen diese Gegensätze.

uMag: Die Texte stehen auch auf deiner neuen Platte „Ich glaub dir gar

nichts und irgendwie doch alles“ wieder sehr zentral und wirken in

ihrer befindlichen, introvertierten Art wie Teil einer Hamburger Szene,

die inzwischen so nicht mehr existiert.

Hamann: Als Teil einer Szene habe ich mich nie gefühlt. Ich kam erst

nach der Hamburger Schule und mochte irgendwie alles: den Befind -

lichkeitsrock von Kettcar, den Schnödderrock von Element Of Crime,

den Erzähler-Country von Nils Koppruch. Ich habe versucht, aus all dem

zu schöpfen, und bin dann dann eben eher auf die Empfindsamkeits -

schiene geraten – das habe ich mir schon mal anhören dürfen. (lacht)

Und ich kann ja auch nachvollziehen warum.

uMag: Wo wir schon bei Rückschauen sind: Mit „Emmelsbüll und die

letzten 12“ erscheint bald ein Film über dich – eine nostalgische

Aufarbeitung?

Hamann: Ja, eine Aufarbeitung beziehungsweise Abarbeitung der letzten

zwölf Jahre. Die Fotografin, Regisseurin und Filmerin, die ihn

gemacht hat, hat uns jetzt anderthalb Jahre begleitet, war bei allen

Aufnahmen zur neuen Platte dabei, hat Fotos gemacht und gefilmt, und

das schöpfen wir komplett aus. Nebenbei hat sie Interviews mit vielen

Leuten geführt, die an unserer oder meiner Seite gestanden haben und

teilweise immer noch stehen. Mein Herz pocht schneller, wenn ich ihn

sehe. Ich kann es nicht erwarten, ihn Leuten zu zeigen. lan


uMag 23

Musik

AKTION

MIT JACK DANIEL´S

WINTER JACK KANN

DER WINTER KOMMEN

Foto: Chess Club/RCA Victor

BOSS OF THE BOYS

Die Dänin Karen Marie Ørsted alias MØ nimmt politische

Statements nicht allzu ernst. Dabei hat sie wichtige Dinge

zu sagen.

uMag: Karen, seit deinem letzten Gespräch mit uMag hat sich viel

getan – vor allem hast du bei Sony unterschrieben. Strebst du

bewusst die internationale Karriere an?

Karen Marie Ørsted: Wir haben uns für Sony entschieden, weil sie

mich nicht in irgendeiner Art verändern wollten. Sie waren bereit,

meine Visionen, meine Ideen und mein Aussehen beizubehalten, und

sie wollten mit den Songs weitermachen, die ich bereits geschrieben

hatte. Ich könnte mich auch gar nicht vollkommen ändern, das jungenhafte

Mädchen bin ich immer schon gewesen. Ich will einfach

keine dieser Frauen sein, die jungen Mädchen vormachen, dass man

perfekt und schön sein muss – davon gibt es genug!

uMag: Anstatt dich mit musikalischen Vergleichen zu konfrontieren,

machen wir es doch einmal andersherum: Gibt es Vergleiche, die dir

schmeicheln würden?

Ørsted: Die zwei Frauen, zu denen ich immer aufgeschaut habe, sind

Kim Gordon von Sonic Youth und Karen O von den Yeah Yeah Yeahs.

Ich finde nicht, dass ich ihnen musikalisch ähnle, möchte in meiner

Musik aber dieselbe Energie transportieren wie sie. Vielleicht schaffe

ich das irgendwann. Sie sind einfach die coolsten Frauen der Welt!

uMag: Im Video zu „Glass“ trägst du eine Jacke mit der Aufschrift

„Boss of the Boys“ – ein feministisches Statement?

Ørsted: Ich bin durchaus eine Feministin, dieser Umstand sollte aber

nicht wichtiger werden als die Musik selbst. Viele meiner besten

Freunde sind Jungs, da fand ich es lustig, der „Boss of the Boys“ zu

sein. Es ist ein wenig ironisch gemeint, aber natürlich kann man

sagen, dass es eine feministische Aussage ist. Allgemein finde ich es

wichtig, seine Position in der Musik zu vertreten und kritisch über die

Gesellschaft zu urteilen, die ja vollkommen kaputt ist. Die politische

Seite sollte aber nicht allein im Fokus stehen. all

Bald glitzert alles wieder wie gezuckert, weil der Schnee Stadt und

Land in eine weiße Pracht gehüllt hat. Jetzt heißt es: Winterjacke an

und dann mit den Freunden raus zum Rodeln! Zum Abschluss eine

gepflegte Schneeballschlacht und dann gemeinsam noch einen entspannten

Abend verbringen – herrlich! Wie, du hast gar keinen

Schlitten? Dann gewinne jetzt mit Jack Daniel’s Winter Jack alle

Zutaten für coole Wintertage mit deinen Freunden. Damit kannst du

nach dem Rodeln leckeren Jack Daniel’s Winter Jack aus Original -

bechern genießen. Mit dem feinen Geschmack von Zimt, Nelken und

weihnachtlichen Gewürzen erobert die Mischung aus Apfelsaft und

Jack Daniel’s Tennessee Whiskey alle Jahre wieder Herzen und

Gaumen ihrer Fangemeinde. Weitere Infos dazu gibt es auf

www.winterjack.de.

Wer dieses tolle Winter-Jack-Paket, bestehend aus dem legendären

Winter-Jack-Schlitten, einer Flasche Jack Daniel’s Winter Jack

und zwei passenden Bechern, gewinnen möchte, schickt einfach

bis zum 29. Januar eine E-Mail mit dem Betreff „Jack Daniel’s

uMag“ an info@bunkverlag.de.

Teilnahme ab 18 Jahren.

www.massvoll-geniessen.de


uMag 24

uMag präsentiert

LIVETIPP

ORCHESTRIERTER

WAHNSINN MIT

JÄGERMEISTER

Ein überdimensionaler Ghettoblaster, das

legendäre Hamburger DJ Orchester und die

Crème de la Crème des deutschen HipHop – das

sind die Zutaten für den orchestrierten Wahn -

sinn, mit dem die „Wolfenbütteler Festspiele“,

die neue Musikplattform von Jägermeister, am

13. De zember im Uebel & Gefährlich ihr Debüt

feiern. Die Show wartet mit einem neuen,

abgefahrenen Konzept auf: Das Ham burger DJ

Orchester führt nicht nur durch den Abend,

die Jungs mischen sich auch unters Publikum

und dirigieren von dort aus die überdimensionale

Boom box auf der Bühne. Der wird im

Laufe des Abends alles entsteigen, was im deut -

schen HipHop Rang und Namen hat. Freut

euch also auf fantastische Live auf tritte eurer

HipHop-Helden und einen Wahn sinnstrip

durch die Geschichte des Rap. Die „Wolfen -

bütteler Fest spiele“ nehmen euch mit auf

einen Flug durch Zeit, Raum, Beats und Raps.

Tickets gibt es für 10 Euro an der Abendkasse,

Einlass ab 0 Uhr.

Weitere Informationen gibt es auf

www.jaegermeister.de/festspiele.

Jägermeister ab 18 – für verantwortungsvollen Genuss

DEAR READER

Foto: Cameron Wittig Foto: Ravi Panchia

POLIÇA

Der düstere Pop hybrid

von Poliça ist weit

mehr als die Summe

seiner Teile. Gleich

zwei Schlagzeuge

sorgen für vielseitige

Beats, ein Bass für die

Tiefen und Channy Leaneaghs geisterhafter

Gesang für Härte und Fragilität zugleich. Der

Zauber Poliças schwebt irgendwo inmitten

all dessen.

TOUR 25. 1. Hamburg – 27. 1. Berlin – 28. 1. Köln

SATELLITE STORIES

Foto: FKP Scorpio

Ha! Die Finnen können gar nicht nur Metal

und Hardrock: Satellite Stories erinnern un -

weigerlich an Two Door Cinema Club und

liefern mit ihrem flirrenden Indiepop Sturm

und Drang in Songform. Bloghype hin,

Vergleiche her, we are dancing everywhere.

TOUR 4. 2. Hamburg – 9. 2. Köln – 19. 2. München – 20. 2. Berlin

Die Dear-Reader-Vorsteherin Cherilyn MacNeil

kann die Füße einfach nicht stillhalten: Nach

Soundtrackarbeiten zum Indiekinohit „Oh

Boy“ nahm sie erst ein Studio- und im An -

schluss ein Livealbum mit Orchester auf. Für

die aktuelle Tour reduziert die gebürtige

Südafrikanerin sich wieder aufs klassische

Bandformat, um ihre zart gesungenen Kom -

po sitionen zwischen Indie- und Kammerpop

auf die Bühne zu bringen.

TOUR 2. 12. Jena – 1. 1. Berlin – 15. 1. Nürnberg

16. 1. Stuttgart – 17. 1. Regensburg – 18. 1. Mannheim

19. 1. Frankfurt – 21. 1. Aachen – 22. 1. Bochum

23. 1. Halle – 24. 1. Bremen – 25. 1. Osnabrück

MILKY CHANCE

Begonnen als Solo -

projekt, hat sich Milky

Chance inzwischen

zum Duo erweitert.

Clemens Rehbein und

Philipp Dausch verzah -

nen zurückhaltende

elektronische Beats mit Reggae, Folk und Pop

– und schmieden daraus unbestreitbare Ohr -

würmer wie „Stolen Dance“ und „Feathery“.

Foto: David Ulrich

TOUR 31. 1. Osnabrück – 3. 2. Hamburg – 5. 2. Bremen

6. 2. Kiel – 7. 2. Berlin – 11. 2. Dresden – 12. 2. Leipzig

14. 2. Nürnberg – 17. 2. München – 22. 2. Frankfurt

24. 2. Konstanz – 28. 2. Stuttgart

BLITZKIDS MVT.

Zuletzt waren Blitz -

kids mvt. als Support

für Icona Pop unterwegs

– das gibt in

Sachen Feiertauglichkeit

schon einmal die

Hausnummer vor. Das Kollektiv um Sängerin

Noma heizt Tanzwütigen mit Elektropop und

Euphorie ein – die Clubs auf ihrer ersten

Headliner show dürften brennen.

Foto: Björn Jonas

TOUR 23. 1. Hamburg – 24. 1. Frankfurt – 25. 1. Karlsruhe

31. 1. Braunschweig – 1. 2. Nürnberg – 2. 2. München

3. 2. Berlin


uMag 25

Musik

BYE BYE, BEIWERK

Das Bodi-Bill-Splitprojekt Unmap ist von der Kunstin

die Popwelt umgezogen. Und Umzüge sind stets

Anlass, überflüssigen Krempel wegzuschmeißen.

Foto: Christoph Neumann

Unmap

uMag: Mariechen, Alex, Thomas, Matze, das Unmap-Debüt

„Pressures“ ist gerade erschienen – das Ende einer Reise, die

ganz anders begonnen hat, oder?

Mariechen Danz: Ich wollte echte Poplieder für meine

Performances, die mehr waren als: Ich singe, du machst den

Beat. Ich brauchte mehr Zugänglichkeit. Also hat Alex begonnen,

mit mir Songs zu schreiben.

Alex Stolze: Und als klar wurde, dass es sehr bass- und

schlagzeuglastiges Material war, das geil umgesetzt werden

musste, haben wir uns 2011 mit Matze und Thomas zwei Leute

vom Fach dazugeholt.

uMag: Es fallen bei euch dementsprechend die Kunst- und die

Musikwelt zusammen.

Stolze: Seit ich sie kenne, hat Mariechen ein Faible für die

Popwelt – und ich wiederum für Kunst. Wir konnten uns austauschen

und haben einander verstanden. Es war wie eine

Sprache, die sowieso im Raum stand.

uMag: Also gab es keinen ersichtlichen Graben zwischen

euren Welten?

Stolze: Ein Freund hat es mal sehr treffend gesagt: In der

Kunstwelt versucht man, eine klare Linie zu fahren, und am

Ende gibt es hoffentlich einen Käufer. In der Popwelt will man

zwar auch etwas Einzigartiges schaffen, doch man versucht,

damit eine Breite zu erreichen. Man öffnet sich der großen Welt.

uMag: Die eher archaischen Texte legen nahe, dass ihr auf

dem Weg zum Endergebnis viel experimentiert und wieder

verworfen habt.

Thomas Fietz: Das Studio war wie ein Sieb mit einer Presse

darunter. Bevor wir ins Studio gegangen sind, war vieles total

überladen und entfremdet, und in den ersten Tagen haben wir

bestimmt 50 Prozent wieder verworfen.

Stolze: Das Tolle war, dass im Grunde die Ursprungsideen, die

schon ein oder zwei Jahre alt waren, übriggeblieben sind.

Danz: Das ist eh eine gute Art zu arbeiten: mit viel beginnen und

dann wegschmeißen, bis nur noch bleibt, was man braucht. lan

21.03.14 MÜNCHEN

22.03.14 A-WIEN

24.03.14 FREIBURG

25.03.14 STUTTGART

27.03.14 HANNOVER

06.03.14 A-WIEN

07.03.14 A-WIEN

11.03.14 MANNHEIM

12.03.14 STUTTGART

13.03.14 FREIBURG

14.03.14 KARLSRUHE

ADEL TAWIL TOUR 2014

28.03.14 SCHWERIN

29.03.14 BERLIN

31.03.14 MAGDEBURG

01.04.14 KÖLN

03.04.14 HAMBURG

KURT KRÖMER

KURT KRÖMER TOUR 2014

16.03.14 ZWICKAU

17.03.14 NÜRNBERG

18.03.14 MÜNCHEN

20.03.14 MÜNSTER

21.03.14 BREMEN

22.03.14 HAMBURG

04.04.14 OBERHAUSEN

05.04.14 NÜRNBERG

07.04.14 LEIPZIG

08.04.14 CHEMNITZ

09.04.14 SAARBRÜCKEN

24.03.14 FRANKFURT

25.03.14 CH-ZÜRICH

26.03.14 CH-ZÜRICH

28.03.14 LEIPZIG

29.03.14 LEIPZIG

31.03.14 DRESDEN

11.04.14 FRANKFURT

12.04.14 ERFURT

13.04.14 HALLE / WESTF.

LIVE!

01.04.14 DRESDEN

03.04.14 BERLIN

04.04.14 BERLIN

05.04.14 BERLIN

06.04.14 BERLIN

TICKETS SIND ERHÄLTLICH UNTER WWW.TICKETMASTER.DE

UND AN ALLEN BEKANNTEN VORVERKAUFSSTELLEN

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LANG LEBE LOFI!

Für ihr zweites Album „Green Disco“ hat Justine Electra

verflixte sieben Jahre gebraucht. Doch die in Berlin lebende

Australierin ist sich sicher: Weird-Pop und Spielzeuglärm

haben wir immer noch dringend nötig.

uMag 26

Musik

uMag: Justine, das Vice-Magazin hat das Cover von „Green Disco“ zum

hässlichsten Cover aller Zeiten gekürt. Wie findest du das?

Justine Electra: Was? Ich dachte bloß zum hässlichsten Cover des Monats!

Das ist aber gemein (lacht) Nein, ich mag es sehr. Es ähnelt dem Cover

von „Soft Rock“; ich denke, das nennt man Branding. (lacht)

uMag: Warum hat es so lange gedauert, dein zweites Album aufzunehmen?

Electra: Wenn du keinen Plattenvertrag hast, der für drei Alben in

Folge abgeschlossen wurde, wartest du darauf, dass dein Label das

neue Material veröffentlichen will. Meine Plattenfirma wollte zwar ein

zweites Album machen, aber sie waren zu beschäftigt mit anderen

Sachen. Als klar war, dass sie keine Zeit hätten, die Platte rauszubringen,

war schon ziemlich viel Zeit vergangen. Ich musste also nach

einer anderen Möglichkeit gucken, die neuen Songs zu veröffentlichen.

uMag: Wie schon auf dem Debüt bedienst du dich vieler LoFi-

Elemente. Wieso, denkst du, hat das in diesem hochtechnologischen

Zeitalter noch seinen Reiz?

Electra: Die Leute wollen überrascht werden, und sie mögen die

Intimität, die dieser Sound schafft. Er löst etwas Bestimmtes in ihnen

Foto: Hannes Frueh

Electra

aus, weckt nostalgische Gefühle und spendet eine Geborgenheit, die

Techno logie so nicht geben kann. Kennst du Tunng? Ich mag, wie sie

Dance-Landschaften in ihren Sound integrieren und diese so verändern,

wie es der Song erfordert. Ich habe bei „Wild Country Boy“ auch

versucht, den Sound durch den Song galoppieren zu lassen.

uMag: Und wer rappt auf „Boozy Shoes“?

Electra: Na, ich natürlich! vr


uMag 27

uMag hat gewählt

Foto Lasse Nehren und Carsten Schrader: Elisabeth Graf Gatterburg, Foto Mitja Steffens: privat

DIE BESTEN ALBEN UND SONGS 2013

CARSTEN SCHRADER

ärgert sich, dass der Mercury Prize schneller

war als seine Jahrescharts. Ob James Blunt

seine Liebe jetzt noch würdigt? Außerdem

hat er die Songliste nur mit dem Zusatz

„unter Vorbehalt“ rausgerückt: Am 6. Dezember erscheint

eine neue Single von Ja, Panik, die bei Redaktions schluss

noch nicht vorlag.

DIE BESTEN ALBEN

1. James Blake: Overgrown 2. Disclosure: Settle 3. Every -

thing Everything: Arc 4. London Grammar: If you wait

5. Atoms For Peace: Amok 6. Daughter: If you leave 7. Son

Lux: Lanterns 8. Tocotronic: Wie wir leben wollen 9. Poliça:

Shulamith 10. Arcade Fire: Reflektor 11. Mount Kimbie: Cold

Spring fault less Youth 12. John Grant: Pale green Ghosts

13. Moderat: II 14. King Krule: Six Feet beneath the Moon

15. Austra: Olympia 16. No Ceremony///: No Ceremony///

17. Vampire Weekend: Modern Vampires of the City 18. These

New Puritans: Field of Reeds 19. Coco Rosie: Tales of a Grass -

Widow 20. Trentemøller: Lost

DIE BESTEN SONGS

1. Daughter: Youth 2. James Blake: Retrograde 3. S O H N:

Bloodflows 4. London Grammar: Wasting my young Years

(H. Schwartz Remix) 5. Baths: Miasma Sky 6. Son Lux: Lost

it to trying 7. Der Ringer: Ein Jahr mehr 8. Arthur Bea trice:

Grand Union 9. Mr. Little Jeans: Oh Sailor 10. The Dash woods:

Passin’ Youth 11. Foals: My Number 12. Trümmer: In all

diesen Nächten 13. The Hidden Cameras: Gay Goth Scene

14. Messer: Neonlicht 15. Chvrches: The Mother we share

16. Moderat: Bad Kingdom 17. Aluna George: Attracting Flies

18. The National: I should live in Salt 19. Maya Jane Coles:

Everything 20. Vampire Weekend: Step

LASSE NEHREN

hätte seinen inoffiziellen Jahreshit ja gern in

die Charts aufgenommen, nur hat sich bislang

kein Label bereit erklärt, den Crystal-

Castles-Wannabe-Song des Brötchenback -

automaten aus dem lokalen Supermarkt zu veröffentlichen.

Hat nun außerdem die Hoffnung, dass sich Cold-Laugen -

knoten-Wave 2014 als Genre etabliert.

Foto: Scott Barber

DIE BESTEN ALBEN

1. Moderat: II 2. Daughter: If you leave 3. James Blake:

Overgrown 4. Son Lux: Lanterns 5. Poliça: Shulamith

6. No Ceremony///: No Ceremony/// 7. Disclosure: Settle

8. Autre Ne Veut: Anxiety 9. Jon Hopkins: Immunity

10. Mount Kimbie: Cold Spring Fault Less Youth 11. Darkside:

Psychic 12. Deptford Goth: Life after Defo 13. Everything

Everything: Arc 14. Bonobo: The North Borders 15. Majical

Cloudz: Impersonator 16. Lapalux: Nostalchic 17. Flume:

Flume 18. Tricky: False Idols 19. DJ Koze: Amygdala

20. Savages: Silence yourself

DIE BESTEN SONGS

1. Grizzly Bear: Sleeping Ute (Nicolas Jaar Remix)

2. Son Lux: Lost it to trying 3. Daughter: Youth 4. James

Blake: Take a Fall for me 5. S O H N: Red Lines 6. Mount

Kimbie: Made to stray 7. Moderat: Milk 8. Flume: Sleepless

feat. Jezzabell Doran 9. S O H N: Lessons (XO Edit) 10. Aluna -

George: Attracting Flies 11. Hannes Rasmus: Wir sind hier

nicht in Detroit, Dirk 12. Barbarossa: The Load 13. Foals:

Late Night 14. Autre Ne Veut: Counting 15. Disclosure: Latch

feat. Sam Smith 16. Kisses: The hardest Part 17. Mø: Waste

of Time 18. Rhye: Hunger 19. New Found Land: Everything

works 20. The National: I should live in Salt

MITJA STEFFENS

hat Milky Chance in der Juni-Ausgabe mit

einem Gestatten-Text vorgestellt, ein halbes

Jahr später führt das Kasseler Duo mit

„Stolen Dance“ die deutschen Singlecharts

an. Seitdem belagern Plattenfirmenmitarbeiter und Head -

hunter jeglicher Art die Redaktionsräume, um ihm unmoralische

Angebote zu machen.

DIE BESTEN ALBEN

1. Milky Chance: Sadnecessary 2. Woodkid: The golden Age

3. Kakkmaddafakka: Six Months is a long Time 4. HVOB:

HVOB 5. Devendra Banhart: Mala 6. Daft Punk: Random

Access Memories 7. DJ Koze: Amygdala 8. David August:

Times 9. Stimming: Stimming 10. Is Tropical: I’m leaving

11. Moderat: II 12. Darkside: Psychic 13. Jack Johnson: From

here to now to you 14. Junip: Junip 15. Disclosure: Settle

16. Atoms for Peace: Amok 17. Gesaffelstein: Aleph 18. Super

Flu: Halle Saale 19. Daniel Bortz: Patchwork Memories

20. Girls In Hawaii: Everest

DIE BESTEN SONGS

1. Woodkid: Run Boy run 2. Only Real: Backseat Kissers

3. Vance Joy: Riptide 4. Uniform Motion: The Telephone

Box 5. Claire: Games 6. Rhye: Open 7. Fyfe: St. Tropez

8. James Blake: Retrograde 9. Crystal Fighters: You & I

10. Steven Maff: Johnny 11. Jungle: Platoon 12. The XX:

Reconsider (Jamie XX Edit) 13. Kanye West: Black Skinhead

14. Robosonic & Adana Twins: La Fique 15. Bilderbuch:

Maschin 16. Mikhael Paskalev: I spy 17. Daniel Dexter:

Sirens (Gramufon Con Carbe Remix) 18. Marika Hackman:

Bath is black 19. DE NA: Cash, diamond Rings, Swimming

Pools 20. King Krule: Border Line

TYLER WARD

DER YOUTUBE STAR AUS DEN USA

DAS NEUE

ALBUM

HONESTLY

JETZT IM HANDEL!

INKL. HIT-SINGLE

FALLING (FEAT. ALEX G.)

www.youtube.com/tylerwardmusic // www.tylerwardmusic.com // www.twitter.com/tylerwardmusic // www.facebook.com/tylerwardmusic


KETTENREAKTION, BITTE!

Mode muss schön sein! Falsch, Mode muss vor allem: niemandem wehtun. Martin Höfeler will

das mit seinem nachhaltigen Fashionlabel Armedangels erreichen. Nebenbei strebt er auch noch

die Weltherrschaft an.

VON ELLEN STICKEL


uMag 28

Style

CHECKBRIEF

NAME Martin Höfeler

ALTER 31

AUS Köln

STUDIERT BWL –

mehr oder weniger

PLANT die Ökorevolution

LABEL Armedangels

www.armedangels.de

Eingestürzte Textilfabriken, verseuchtes Grundwasser, Kinder -

arbeit – wenn man sich in ein tolles neues Shirt verliebt und es

kauft, sind das sicher nicht die Bilder, die vor dem inneren

Auge aufpoppen. Für Martin Höfeler schon, denn der Gründer des Ökomodelabels

Armedangels kämpft seit einigen Jahren gegen die Wind -

mühlen, die Textilbranche heißen. Seine Waffen: Überzeugungskraft, jede

Menge Enthusiasmus und ein Schuss naiven Glaubens

,,

an das Gute.

Ob das ausreicht? Sieht so aus.

uMag: Martin, euer Label Armedangels habt

ihr vor sechs Jahren während des Studiums

gegründet, eigentlich eher als Übungsprojekt.

Inzwischen ist es deutlich mehr als das …

Martin Höfeler: Ja, ich habe während des BWL-

Studiums Anton Jurina kennengelernt, und wir

haben beide schnell gemerkt, dass wir eigentlich

nur studieren, um irgendwann ein eigenes

Unternehmen aufbauen zu können. Wir habe

nicht darüber nachgedacht, dass Armedangels

irgendwann so groß werden könnte, dass wir

nicht mehr zum Studieren kommen. Ich bin zwar

immer noch eingeschrieben, weil es meinen

Eltern sehr wichtig war, dass ich mein Studium

zu Ende mache. Aber mittlerweile ist ihnen

das wohl auch schon fast egal.

uMag: Ihr habt relativ schnell prominente

Testi monials wie Thomas D, Jürgen Vogel oder Sibel Kekilli an Land

gezogen. Wie wichtig war das für euch?

Höfeler: Für uns ist alles wichtig, was die Marke weiterträgt. Dazu

gehören die Testimonials, aber auch die Kunden, die davon weiter -

erzählen. Ganz am Anfang haben wir unsere Idee auf einem Blatt

Papier skizziert, hatten aber nicht das nötige Geld, denn bei der Textil -

produktion muss man am Anfang viel in Vorleistung gehen. Wir haben

verschiedene Investoren angefragt, aber die meisten sagten uns: Ihr

habt ja gar keine Chance. Ihr produziert für mehr Geld als konventionelle

Marken, zahlt locker das Doppelte, wollt aber mit den Preisen

nicht höhergehen. Wir sagten aber: Doch, das wird funktionieren. Klar,

wir machen vielleicht nicht die Gewinne wie die anderen und können

nicht so viel für Marketing ausgeben, aber vielleicht ist das auch gar

nicht notwendig. Vielleicht können sich manche Dinge auch einfach

dadurch entwickeln, dass sie weitergetragen werden.

Wenn du ein T-Shirt

hast, das eine super Ökobilanz

hat, aber leider

völlig kratzt oder komplett

einläuft, dann ist uns auch

‘‘

nicht geholfen.

Martin Höfeler

uMag: Was waren die größten Veränderungen seit Gründung des Labels?

Höfeler: Puh, viele! Zu Anfang haben wir mit gerade mal sechs

ver schiedenen Printshirts angefangen, unsere aktuelle Kollektion hat

450 Teile. Außerdem haben wir in den vergangen Jahren sehr hart

daran gearbeitet, unsere gesamte Produktionskette so zu gestalten,

dass wir sicherstellen können, dass umweltgerecht produziert wird und

faire Arbeitsbedingungen herrschen. Früher waren unsere Produkte

lediglich Fairtrade, aber dieses Zertifikat

bezieht sich hauptsächlich auf den Rohstoff

Baumwolle an sich. In der Textil branche ist es

aber ja so, dass sehr viele Schritte notwendig

sind, bis ein Kleidungs stück entsteht.

uMag: Baumwolle ist ein sehr beliebtes

Material, braucht aber sehr viel Wasser im

Anbau. Wie geht ihr damit um?

Höfeler: Es gibt harte Diskussionen darüber,

welche Rohstoffe die beste Ökobilanz haben.

Wichtiger finde ich aber, dass das Wasser,

was die Pflanzen wieder in den Boden ab -

geben, nicht verseucht ist. Beim konventionellen

Baumwollanbau werden unglaublich

viele Schädlingsbekämpfungs- und Dünge -

mittel ins Grundwasser gespült. Wenn man

vor Ort ist und sich das anschaut, dann will

man das Glas Wasser, das sie einem anbieten,

echt nicht trinken. Beim Bioanbau wird mit

Mist gedüngt und Spritzmittel aus heimischen Pflanzen hergestellt.

Natürlich ist es wichtig, neue Fasern zu entwickeln, aber bisher gibt es

noch keine, die in der Gesamtbilanz so viel besser wäre als Baum -

wolle. Und wenn du ein T-Shirt hast, das eine super Ökobilanz hat,

aber leider völlig kratzt oder komplett einläuft, dann ist uns auch nicht

geholfen.

uMag: Wären eure Produktionsmethoden für die ganze Branche machbar,

wenn man mal vom Finanziellen absieht?

Höfeler: Du sagst es schon: wenn man vom Finanziellen absieht. Denn

was man machen muss, ist natürlich teurer. Hinter der Textilbranche

steckt sehr viel Lobbyarbeit, und Moderiesen wie H&M, Zara und Co.

behaupten ja immer, dass man für ihren Bedarf auf den vorhandenen

Flächen gar nicht genug Biobaumwolle anbauen könne. Meiner Erfah rung

nach stimmt das nicht. Die Bauern, die zur traditionellen Anbauweise

zurückgekehrt sind und mit denen ich gesprochen habe, sagten, dass

>>


uMag 30

Style

auf lange Sicht die Erträge bei Bioanbau höher sind. In Indien wurde

früher praktisch alles ökologisch angebaut, da gab es einfach noch nichts

anderes. Dann kamen die großen Düngemittel- und Saatgut konzerne

wie Monsanto und schwatzten den Bauern ihr genmani pu lie rtes Saatgut

auf und versprachen doppelte Erträge. Das hat auch am Anfang funktioniert,

dann mussten die Bauern aber natürlich auch spezielle Dünge -

mittel einkaufen, was sie viel Geld gekostet hat. Und am Ende hat man

festgestellt, dass der Ertrag mit jeder Saison weniger

,,

wurde. Also zu

deiner Frage: In einer perfekten Welt, in der

man das Finanzielle aus klammert, würde es

funktionieren. Das Finan zielle spielt aber nun

einmal für die meisten Konzerne eine sehr

große Rolle.

uMag: Ihr seid inzwischen auch ab und an in

Kaufhäusern zu finden – verträgt sich das noch

mit der Street Credibility, die ja für junge Marken

ein wichtiger Faktor ist?

Höfeler: Nee, natürlich nicht. (lacht) Wir wissen

aber auch: Wir werden nur etwas da draußen

verändern können, wenn die Marke und das

Unternehmen wirklich groß werden. Als ich in

Indien war, habe ich gesehen, wie viel Hoff nung

die Bauern haben, wenn man als Fairtrade-

Abnehmer da hinkommt, und wie wenig wir

damals nur abnehmen konnten. Das Gefühl,

dass ich hatte, als ich nach Hause gekommen

bin … ich wusste einfach, dass ich beweisen

will, dass man tatsächlich gut produzieren und trotzdem ein profitables

Unternehmen aufbauen kann. Mit jedem Stück, das wir verkaufen,

werden die Arbeits bedingungen in der kompletten Kette verbessert,

und Leute können von dem leben, was sie produzieren, ob das die

Bauern sind oder die Leute, die den Stoff herstellen oder die Färber in

der Färberei. Wir wollen aus der kleinen Nische raus, damit auch andere

Unternehmen das Gefühl bekommen, dass man auch mit guten

Arbeitsbedingungen erfolgreich sein kann.

Hergestellt werden die Shirts, Kleider, Hosen und Mäntel in Fabriken in

Portugal, Marokko, der Türkei und Indien. Die Produktion nach Deutsch -

land zu verlegen, stand für Martin Höfeler und seine Kollegen nie zur

Debatte; sie sind der Meinung, dass sich im Ausland noch viel mehr in

Ich will beweisen,

dass man tatsächlich gut

produzieren und trotzdem

ein profitables Unter neh -

men aufbauen kann.

Sachen Arbeits- und Sozialbedingungen bewirken lässt als hier zu lande.

Und was diese Bedingungen angeht, ist Höfeler knallhart: Wenn ihm

eine Fabrik oder ein Geschäftspartner suspekt sind oder die Einstellung

nicht stimmt, wird auch nicht zusammengearbeitet –Preise hin oder her.

uMag: Wie genau kontrolliert ihr die Produktion?

Höfeler: Auf der einen Seite indem wir direkt mit den Produzenten

zusammenarbeiten. Wir fahren mindestens einmal im Jahr selbst hin

und gucken uns die Bedingungen an. Zum

anderen ist die gesamte Produktionskette zertifiziert,

was auch heißt, dass die einmal pro

Jahr Besuch von Kontrolleuren bekommen,

die sich alles zeigen lassen und auch

‘‘

Martin Höfeler

Gespräche mit den Arbeitern führen, bei

denen keiner sonst aus der Fabrik dabei sein

darf. Schlussendlich darf man sich aber

keinen Illusionen hingeben: Wenn jemand

dabei ist, der einen betrügen will, dann geht

das natürlich. Deshalb ist es sehr wichtig,

dass wir mit Produzenten zusammenarbeiten,

denen wir vertrauen können und die auch

selber davon überzeugt sind, dass das die

richtige Entwicklung ist. Ich gehe auch immer

durch die Produktions stätten mit dem

Gedanken im Hinterkopf: Würde ich selbst

hier arbeiten wollen? Letztens haben wir eine

Fabrik in der Türkei besichtigt, die zwar zer -

tifiziert war, aber die hatten dort Dinge, die hätte ich als Arbeiter nicht

aushalten können. Das war nicht menschenwürdig.

uMag: Abseits der Weltherrschaft, was sind eure nächsten Pläne?

Höfeler: Wir wollen bald eigene Jeans herausbringen. Das wird eine

ganz große Nummer, denn Denim ist von der Produktion her ein ganz

furchtbares Produkt, es ist wirklich pervers, was an Chemie eingesetzt

wird, um diese ganzen Used-Effekte zu bekommen. In dieses Thema

haben wir in den letzten Monaten richtig viel Arbeit reingesteckt. Aber

wenn ich morgens in die Firma komme und sehe, wie vielen Leute wir

mittlerweile auch hier Arbeit geben, macht mich das sehr zufrieden.

Und dass wir für Menschen, die nicht täglich in den Nachrichten sind,

außer es passieren irgendwelche Katastrophen, die Situation vor Ort

verbessern können. Das ist echt ne gute Sache.


uMag 33 31

Style


uMag 32

Style

RAN DA!

Gitarre von der Stange? Pfft! Mit dem DIY-Bausatz von Rocktile und ein wenig handwerklichem Geschick bastelt man

sich ein Instrument mit Charakter.

www.amazon.de


uMag 33

Style

PANDA!

This Bear is a Rockstar! Die Frankfurterin Lin Beeser bleibt mit der „Animals gone wild“-Kollektion der expressiven

Ausrichtung ihres Labels Nil&Mon treu.

www.nilandmon.de


uMag 34

Style

DREAMS OF BLUE

www.donnawilson.com

Alles so grau da draußen? Manchmal hilft es tatsächlich,

sich vorzustellen, man wäre bei 30 Grad

am Baggersee und tauchte gerade durch das klare,

blaugrüne Wasser. Die tollen Decken und

Kissen von Donna Wilson leisten bei solchen

Tagträumereien farbkräftige Unter stützung.

Donna weiß halt, wie es geht. Ob's daran

liegt, dass ihre Designs zwischen den grünen

schottischen Hügeln entstehen, konnten wir

nicht abschließend klären. Egal. Diese

Sachen machen glücklich! es

DER SCHÖNE SCHEIN

www.besau-marguerre.de

www.stilwerk.de

Foto: Silke Zander

Manchmal muss man mutig sein:

„Der Zufall hat bei allen unseren

Projekten eine Rolle gespielt. Wir

lassen das aber auch zu oder fordern

es sogar heraus“, erklärt Eva

Marguerre ihre Arbeitsweise als

Designerin. Gemeinsam mit ihrem Partner Marcel Besau führt

sie ein Designbüro in Hamburg. Ihr neuestes Projekt ist – wie

schon einige ihrer vorigen Arbeiten – für den German Design

Award des Rats für Formgebung nominiert. Kollege Zufall spielte

auch hier eine große Rolle: Besau und Marguerre wollten

Kupferplatten durch Wärme farblich verändern, recherchierten

ausgiebig und experimentierten mit Campingkochern und

Herdplatten. Doch der Durchbruch kam erst, als sich ein auf

einem als Abstandshalter genutzten Lochblech versehentlich

klebengebliebener Barcode durch das Erhitzen auf dem Kupfer

abbildete.

Für die Stilwerk Limited Edition Design Gallery entwickelten

die beiden aus dieser Idee das Objekt „Iridescent Copper“ –

Kupferspiegel, die durch die thermische Bearbeitung auf der

Herdplatte ihrer Werkstatt eine individuell schillernde

Oberfläche bekommen. Der geometrische Touch kommt dann

durch den Einsatz von Papierausdrucken hinzu: Der Toner auf

dem Papier reagiert durch Hitze und Sauerstoff mit dem Kupfer

und ergibt das vorgegebene Muster. „Kupfer ist ein Material,

das die Menschheit schon seit mehr als zehntausend Jahre

begleitet, das machte für mich viel der Faszination aus“, erklärt

Marcel Besau. „Es hat was Archaisches, ist aber zugleich

Hightech.“

Ob es zum Sieg beim German Design Preis reicht, wird sich erst

im Februar entscheiden. Eva Marguerre und Marcel Besau

haben aber schon wieder viele andere Ideen im Kopf. Unter

anderem schwebt ihnen noch ein Projekt

mit Biokunststoff aus Brenn nesseln

und Kartoffelstärke vor. „Uns

interessiert, ob man mit Ma te -

rialien aus dem Vorgarten

etwas Ähnliches erreichen

kann wie mit den üblichen

Glas fa ser ge schich -

ten“, berichtet Mar cel

Besau. Dass die Optik da -

bei nicht zu kurz kommt,

ist ge setzt. Kurz: Die beiden

sollte man im Auge

behalten. es

Zander

Foto: Silke


uMag 35

Style

AKTION

MIT SOUTHERN COMFORT

LÄSSIG DURCH DEN WINTER


uMag 36

Spiele

ES IST ZEIT,

ALT ZU WERDEN

Michael Schock kann nicht mehr so zocken wie früher

„Welche der neuen Konsolen wirst

du dir denn holen?“, wurde ich

kürzlich gefragt. Ich antwortete,

dass ich als PlayStation-Jünger

wohl wieder zu Sonys Konsole

greifen, mir aber etwas Zeit damit

lassen würde. „Schon das neue

XY durchgespielt?“ – auch das fragt

andauernd immer irgendwer. Ich

antworte dann, dass ich angefangen

habe, mir aber Zeit damit lassen

werde. Ich könnte ein Tonband

aufnehmen und diese Antwort auf

Knopfdruck abspielen lassen: „Ich

lasse mir damit Zeit!“ Zur Hölle,

die Wahrheit liegt schon in meiner

Antwort: ein Tonband aufnehmen,

na klar, willkommen in den 80ern. Ich bin 30, ich werde alt. Mancher

wird lachen, aber in Gamerjahren ist das schon ein Dreiviertelrentner.

Damit habe ich kein Problem. Doch ich merke, dass sich meine Prio -

ritäten wandeln. Nicht zu reiferen Games, um Himmels Willen: nein.

Aber ich spiele nicht mehr mehrere Stunden am Stück, wie ich es vor

15 Jahren noch konnte. Ich spiele eine, zwei Stunden, dann reicht es

mir. Ich mäkele stärker an Logiklöchern in Storys herum, und mit

flacher Action kriegt man mich nicht mehr. Ich werde schlicht

anspruchsvoller –schließlich habe ich über die Jahre viel gesehen und

gespielt. Das ist gut, alles andere wäre Stillstand. Deswegen macht es

mir nichts aus, dass Spiele kürzer, kurzweiliger und auch einfacher

werden. Auf meine alten Tage will ich einfach schnell und gut von

Spielen unterhalten werden. Und ich kann daran bei einem Unter -

haltungsmedium wie Videospielen einfach nichts Schlechtes finden.

Wirklich: Alt werden als Gamer, das ist echt okay.

Foto: Vivien Gross

TANK MICH AUF

Großstädter belächeln sie, andere lieben sie

– die „ADAC Spritpreise“-App listet in einer

Kartenübersicht die günstigsten von rund

140 00 Zapfsäulen. Dank Routenplaner

auch in der Nähe des aktuellen Standortes.

BELÄSTIGE MICH

Die Lösung für die Generation Prokrastination:

Die App „Hassle me“ hilft euch, wirklich

wichtige To-do-Aufgaben nicht zu vergessen.

Wer hier nicht alle 30 Sekunden sein

Smartphone checkt, der hebe die Hand.

ASSASSIN'S CREED 4:

BLACK FLAG

Videospiele sind oft die Antithese von

Freiheit: Die Handlung ist meist linear, die

Wege vorgegeben, die Welt sehr begrenzt.

Erschienen für PlayStation 3,

PlayStation 4, Xbox 360, Einige dieser Kriterien brach die „Assassin’s-

Xbox One, Wii U und PC. Creed“-Serie erfolgreich auf. Wie oft fanden

wir uns wieder, wie wir über Dächer einer Stadt in vergangenen

Zeiten sprinteten, auf riesige Kathedralen kletterten oder ziellos nach

kleinen Bonusfedern suchten – sehr oft! Seitdem stagniert die Reihe

aber und ruht sich auf diesen Stärken aus, viel wirklich Neues passiert

nicht (außer einigen Extrafunktionen und Gimmicks bei der

Meuchelmörderhatz). Dafür gibt es die größte Bewegungsfreiheit eines

Actionadventures dieses Mal als Piratenabenteuer verpackt: In der

Rolle von Edward Kenway schlagt ihr euch als Freibeuter-Attentäter-

Mix durch den karibischen Dschungel des Jahres 1715. Das lautlose

Heranschleichen an Gegner ist dieses Mal wieder wichtiger als kopfloses

Drauflosmetzeln, die Auswahl an Nebenabenteuern ist groß. Da

schert es nicht so sehr, dass in Ubisofts Flag(piraten)schiff kein neuer

Wind in die Segel pustet .. ms

Foto: Ubisoft


uMag 37

Film

KINO

ab 25. 12.

im Kino

Only Lovers left alive

Jim Jarmusch findet, dass früher so einiges

besser war – und badet mit der Geschichte

eines blutkonserversüchtigen Vampirpaares

(Tilda Swinton, Tom Hiddleston) genussvoll

im Kulturpessimismus. vs

DVD

ab 16. 1.

im Kino

A Touch of Sin

Episodenfilm über das Leid kleiner Leute im

modernen China. Verzweifelte Aussage: Wem

von den korrupten Eliten Gewalt angetan wird,

der wehrt sich mit Gewalt. vs

TV

ab 16. 1.

im Kino

Twelve Years a Slave

Sklavenhalter verschleppen 1841 den freien

Afro amerikaner Solomon Northup auf eine

Plantage. Zwölf Jahre dauert Solomons

Martyrium. Steve McQueens Überlebens -

drama handelt von Unmenschlich keit – und

ist doch eine Ode an die Menschlichkeit.vs

Foto: © 2013 Sony Pictures Television,

Inc. and Showtime Networks Inc.

Frances Ha

Frances will Tänzerin werden,

lebt aber vor allem in den Tag

hinein, zusammen mit ihrer

Freundin Sophie. Dann aber

zieht Sophie zu ihrem Freund …

Greta Gerwig spielt in dieser

pointierten Komödie eine

Mittzwanzigerin zwischen

Jugend und Erwachsen werden,

zwischen kurzfristiger Euphorie

und langfristiger Verun -

sicherung. vs

VÖ 3. 12.

The Bling Ring

Eine Gruppe kalifornischer

Jugendlicher dringt in Promi -

häuser ein, um Schmuck,

Klamotten und Bargeld mit -

gehen zu lassen, das sie dann

in den Clubs von Beverly Hills

verprassen. Regisseurin Sofia

Coppola schuf ein nüchternes

Drama nach einer wahren

Begebenheit – mit dem herausragenden

Newcomer Israel

Broussard. lan

VÖ 19. 12.

Wissenschaftsfick

Wenn ein Paar in einem Krankenhauszimmer vögelt, verkabelt für EEG

und EKG, beobachtet von Kameras und Menschen: Wo sind wir dann?

Richtig: in den USA der 50er-Jahre. Sexualwissenschaftler William

Masters hat gerade erst von einer Prostituierten – die Kunden für seine

Studien manipuliert – erfahren, dass Frauen den Orgasmus simulieren,

und ist mehr als nur erstaunt. Warum tun die das?! Masters (verklemmt

und gleich zeitig neugierig: Michael Sheen) fasst den Plan, die weibliche

Sexualität wissenschaftlich präzise zu vermessen – und wenn er dabei

selbst als Testperson ran muss. Stylisch wie „Mad Men“, doch weitaus

freizügiger als die Serie über die Werber in Manhattan, kommt

„Masters of Sex“ daher und erzählt uns die im Kern wahre Geschichte

der bahn brechenden Sexualwissenschaftler William Masters und

Virginia Johnson (Lizzy Caplan, „True Blood“). jw

„Masters of Sex“, ab 5. 12 immer donnerstags um 22 Uhr auf Sky Atlantic HD.

Außerdem auf Sky Go und Sky Anytime.


uMag 38

Ernstfall Leben

NICHT MEHR

ODER WENIGER

Foto: Elisabeth Graf Gatterburg

v_sievert, unser V-Mann im Universum, macht was anders.

Ich würde nicht sagen, dass nichts mehr so ist wie früher. Und erst

Recht nicht, dass früher alles besser war. Es war nur … geordneter.

Also, man kennt das ja beim Einkaufen im Supermarkt: Kassiererin

scannt Lebensmittel, Lebensmittel rutschen hinter die Kasse auf die

Ablage, man bezahlt, Nächster bitte. Damit beide Kunden in Ruhe einpacken

können, gibt es diese Schiene, die den Einpackbereich einer

Kasse in zwei Hälften trennt. Das ist wie beim Zugverkehr: Ist ein Gleis

voll, wird ein anderes geöffnet. So verstaut jeder in Ruhe seinen Kram,

und man schleppt nicht den Räuchertofu seines Kassenhintermannes

nach Hause, während der ein Pfund gemischtes Hack in seine Gemüse -

pfanne wirft.

Doch man macht es nicht mehr wie früher. Die Leute an den Kassen

verwenden diese Schiene nicht mehr. Stattdessen schieben sie

Bärchen wurst, Wellnessweingummi und Milchbrötchen der Mutter mit

Kind auf Salamipizza, Merlot und Schokokekse des Agentur -

workaholics, als empfänden sie eine grausame Lust an ungebremsten

Lebensmittelkarambolagen. Ich weiß nicht, wie lange man das schon

nicht mehr macht. Aber seit mir das aufgefallen ist, denke ich darüber

nach, was ich eigentlich nicht mehr mache, das ich früher gemacht habe.

Ich gucke zum Beispiel nicht mehr linear Fernsehen. Was mich inter -

essiert, schaue ich jetzt in Mediatheken, auf DVD oder als Download.

Ich bin beim Fernsehgucken so flexibel und nutze die eingesparten

Werbeunterbrechungen dazu, alte Bücher auszusortieren und dem

allerübelsten Joch des Privatlebens nachzugehen: Ich putze.

Ich schlafe auch nicht mehr auf dem Bauch, obwohl das früher meine

liebste Einschlafposition war. Dann wurde irgendwann meine Nacken -

muskulatur zu steif dafür, und seitdem schlafe ich am liebsten auf der

linken Seite. Den Platz zum raumgreifenden Auf-den-Bauch-Liegen

habe ich eh nicht mehr, seit ich mit meiner Freundin zusammenwohne,

wodurch ich auch meist früher aufwache, weil sie morgens im Schlaf

strampelt. In der dadurch entstehenden Bonuswachzeit überlege ich,

welche DVDs ich wirklich noch brauche und habe auch schon einmal

etwas geputzt: die Saftpresse, aber leise. Ich nicke nicht mehr so viel

zustimmend, wenn mir jemand etwas erzählt. Ich nicke jetzt pointiert,

also an den richtigen Stellen und gut getimt. Liegt wohl daran, dass

meine Mutter manchmal einem inhaftierungsgeschädigten Zootier

ähnelt, wenn sie mir zuhört und am Dauernicken ist. Da möchte man

nicht hin! (wohlüberlegtes zustimmendes Nicken)

Gar nicht mehr lege ich Platten von Bands auf, die ich als Teenie und

Twen super fand. Ich habe mir alles von Robbie Williams bis Teenage

Fanclub und von Depeche Mode bis zum „Pulp Fiction“-Soundtrack

ungeheuer übergehört. Ich höre nun vermehrt nichts oder einfach das,

was gerade zu hören ist, von CDs meiner Freundin bis Kranken wagen -

sirenen, vom Gemurmel aus der Nachbarwohnung bis zum Rasseln der

Kaffeemaschine. Das erspart es mir, aus den gefühlt Hundert Milliarden

im Netz verfügbaren Songs auswählen zu müssen, und verstopft meine

Festplatte nicht mit Audiofiles, die ich nie höre. Die Vorstellung, soundsoviel

Gigabyte an Alben zu besitzen, die ich nie abarbeite und die

kontinuierlich mehr werden, verursacht mir Herzrasen. Ich grüße nicht

mehr den Mann, der bei uns das Treppenhaus reinigt, weil er nie zu -

rück grüßt und ich mich darüber sonst aufrege. Ich verwende keinen

Netzjargon mehr in meinen E-Mails (BTDT! Been There, Done That), da

ich sonst wie ein Berufsjugendlicher rüberkomme. Ich rege mich nicht

mehr über sinnlose Fotostrecken im Internet auf, sondern verlasse einfach

die betreffende klickgeile Site, und auch das Naschen aus in der

Küche herumstehenden Nudelgerichten vom Vortag unterlasse ich, das

tut meiner Figur nicht gut.

Dinge anders zu machen hat also seine Vorteile. Was die Einkaufs schiene

angeht, da hat sich mir vielleicht der tiefere Sinn der Nicht benutzung

noch nicht erschlossen. Ich nehme es jetzt einfach als nahrungsbasiertes

Mikado, wenn sich meine Einkäufe mit dem Kunden hinter mir vermischen.

Aus Sellerie, Bifi, Giotto-Stangen und Spaghetti wird sich schon was

Leckeres kochen lassen. Hab ich auch früher noch nicht gemacht.


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uMag 40

Kino

OHNE FILTER

Die Schauspielerin Léa Seydoux überzeugt mit Natürlichkeit. Eindeutig ein Talent – doch nicht

immer eine Tugend.

Foto: Alamode Film

VON LASSE NEHREN

Als ich nach der Vorführung von „Blau ist eine warme Farbe“ aus

dem Kino komme, wirkt der Film noch in mir nach. Immer wieder

rauschen einzelne Szenen vor meinem inneren Auge vorbei:

Léa Seydoux, wie sie als Kunststudentin Emma die Schülerin

Adèle kennen lernt und ebenso forsch wie abgeklärt mit ihr flirtet. Léa

Seydoux, wie sie in Rage flucht und schreit und schubst. Léa Seydoux,

wie sie nach der Trennung von Adèle dasitzt, gefangen zwischen Liebe

und Pragmatismus. Das Spiel der 28-jährigen Pariserin ist von einer so

rohen Kraft, dass einem die Natürlichkeit ihrer emotionalen Darbietung

nicht mehr aus dem Kopf geht. Der Film begleitet die beiden jungen

Frauen von den Anfängen einer intensiven Beziehung bis zu deren

Ende und noch darüber hinaus. Interesse, Leidenschaft, Eifersucht, die

kalte Schulter: Seydoux lässt sich von Regisseur Abdellatif Kechiche,

dessen Pendaterie bezüglich größtmöglicher Natürlichkeit bekannt ist,

zu Glanzleistungen antreiben. Sie beeindruckt. Und sorgt so dafür, dass

meine Vorfreude auf das Interview mit ihr zu einem nervösen Gemisch

aus Neugier und Unsicherheit zerfasert. Kennt man: Jeder projiziert

eine tiefenscharf gespielte Rolle gerne auf die Person, die sie verkörpert

hat. Professionell ist das nicht.

Am Abend vor dem Treffen sichte ich auf Youtube Interview material

mit der Schauspielerin, um ihr immergleiche Fragen zu ersparen. Sey -

doux scheint keine einfache Interviewpartnerin zu sein, so wie sie da

wuselt und albert. Na gut, beruhige ich mich: Das war direkt nach

Cannes, nachdem sie die Goldene Palme gewonnen hat, als sie unter

medialer Dauerbefeuerung stand. Da kann man mal einen schlechten

Tag haben.

Nach einem teuren Pariser Kaffee betrete ich am nächsten Tag das noch

teurere Pariser Hotel, um die beiden Aktricen und danach Regisseur

Abdellatif Kechiche zum Gespräch zu treffen. Léa Seydoux begrüßt

mich mit müder Höflichkeit oder höflicher Müdigkeit oder irgendetwas

dazwischen. Sie scheint geschafft, was sowohl nachvollziehbar als

auch verzeihbar ist. Was Seydoux im Gespräch preisgibt, ist allerdings

mehr als Müdigkeit. Beziehungsweise: weniger.

Ob es nicht schwierig sei, unter Kechiche zu arbeiten, der einerseits für

sein Verlangen nach uneingeschränkter Natürlichkeit bekannt ist, andererseits

berüchtigt dafür, einzelne Szenen stunden- oder gar tagelang

immer und immer wieder einspielen zu lassen.

„Ja, es ist schwer.“

Genauer: Ob es nicht schwer sei, nach zig Takes noch die Verbindung

zur porträtierten Figur aufrechtzuerhalten.


uMag 41

Kino

Dennis Lehane

CHECKBRIEF

NAME Léa Seydoux

ALTER 28

GEBOREN in Paris

BERUFE Model und

Schauspielerin

WOMÖGLICH GESEHEN IN

„Midnight in Paris“,

„Inglourious Basterds“,

„Robin Hood“, „Mission:

Impossible – Phantom

Protokoll“

AUSZEICHNUNGEN Sie erhielt

zwei Nominierungen für den

französischen Filmpreis César;

bei den Filmfestspielen in

Cannes gewann sie dieses

Jahr neben ihrer Film part -

nerin Adèle Exarchopoulos

die Goldene Palme

TRADITION Ihre Familie ist

tief in der französischen

Filmlandschaft verwurzelt:

Großvater Jérôme Seydoux

war Geschäftsführer von

Pathé, Großonkel Nicolas

Seydoux ist derzeitiger Ge -

schäfts führer von Gaumont –

zwei der bedeutendsten

Filmproduktionsfirmen des

Landes

AKTUELLER FILM „Blau ist

eine warme Farbe“ startet

am 19. Dezember

„Ja.“

Es sei schließlich kaum vorstellbar, sich nach extensiver Wiederholung noch

fallenlassen zu können.

„Mhm.“

Halbsätze, Abbrüche, ton- und motivationslose Gesten. Keine Lust, sich zu erklären.

Ihr Blick schweift durch den Raum, vielleicht auf der Suche nach jemandem,

womöglich nur nach irgendetwas, das spannender sein könnte als ein Interview.

Einmal wird sie dann doch noch richtig wach. Wir sprechen – oder: versuchen es

– über ihre Beziehung zu den Figuren, die sie spielt. Gefragt, ob sie diese auch

abseits der Arbeit mit sich herumträgt, wie es Schriftsteller manchmal beschreiben,

antwortet sie: „Nein, weil die Figur aus dir selbst entsteht und nicht außerhalb

deiner selbst.“ Auf das Geständnis hin, nicht genau zu verstehen, wie sie dies

meine, erwidert sie gereizt: „Und ich verstehe die Frage nicht!“ Sie wendet sich

ab, bestellt einen Kaffee – und fragt mich, ob ich ebenfalls einen möchte.

Blitzt hier für einen Augenblick die private Léa Seydoux durch die distanzierte,

ja abweisende Person, die vor mir sitzt? Eine Léa Seydoux, die zumindest einen

gegenseitig respektvollen Umgang wahrt? Von Wechselseitigkeit ist im Gespräch

nur wenig zu spüren, Seydoux antwortet nur selten mit mehr als zwei knappen

Sätzen. Ich laufe ins Leere beziehungsweise an ihrem Schulterzucken auf. Die

Aussage „Ich weiß es nicht“ ist kein kommunikativer Platzhalter, um Bedenkzeit

zu bekommen. Es bedeutet schlichtweg: Ich weiß es nicht. Gefühlt: Es interessiert

mich auch nicht. Punkt.

Offenbar besitzt die 28-Jährige keinerlei Interesse an einer öffentlichen Präsenz,

die sich über die Dauer ihrer Filme hinaus erstreckt. Zugleich aber sieht man sie

auf etlichen Magazinen: nur von einem transparenten Tuch verdeckt, im abgeschminkten

Lotterchic, in schlichtem Schwarz – die Inszenierungen reichen weit

über Promo verpflichtungen hinaus, die ein Film mit sich bringt. Der Unterschied

liegt in der eindeutigen Rollenzuweisung: Sie ist einfach da, und wir schauen.

Seydoux ist fleißig. Während der vergangenen sieben Jahre spielte sie in 20

Filmen, unter anderem kleine Rollen bei Woody Allen, Ridley Scott und Quentin

Tarantino, doch erst mit „Blau ist eine warme Farbe“ wurde ihr die Auf merk sam -

keit eines breiteren Publikums zu Teil. Die Reaktionen auf ihr Spiel sprechen für

sich. Sich im Gespräch über ihre Arbeit fordern zu lassen, ist aber das Letzte, was

Léa Seydoux möchte – ihre Reaktion: Sie spricht nicht. Sie ist Schauspielerin, ein

gute dazu. Sie hat ihren Teil beigetragen. Den Rest sollen andere verantworten.


LORIOT

Sensationen

uMag 42

Szene

GLAUBENSFRAGEN

368 Seiten, Leinen, € (D) 39.90

Über 400 unveröffentlichte

Zeichnungen von Loriot –

dar unter 38 Möpse.

Deutschlands belieb tester

Humorist und Kari katurist

darf neu entdeckt werden.

Spätlese ver sammelt

Schätze aus dem Nachlass,

die bis lang unbekannt

waren. Ein Fest für alle Liebhaber

des feinen Humors.

Foto: Anna Rozkosny

Die Tage werden kurz, es schneit, vor

dem Fenster hört man die Kirchen -

glocken bimmeln. Du lässt das Jahr

Revue passieren: Was hast du ge macht?

Bist du glücklich? Was soll das hier

eigentlich alles? Und kommt da noch

was? Und hastdunichtgesehen bist du

in der spirituellen Melancholie gefangen.

Das Berliner Labor für kontrafaktisches

Denken, bestehend aus der Autorin und

Dramaturgin Peggy Mädler und der

Kunsthistorikerin und Perfor merin Julia

Schleipfer, holt einen auf den Boden der Tatsachen zurück und baut vom 4. bis 14. 12. eine

theatrale Installation namens „Wer(s) glaubt, wird selig“ in die sophiensæle. Mit gottlosen

Pilgerwegen durch die Hauptstadt, gemeinsamen Sternebacken und einem Exkurs in atheistische

Heiligtümer. fis

GENERATION ENDZEIT

176 Seiten, Pappband, € (D) 26.90

Loriot als Fotograf –

anstatt sie in ein Gästebuch

schreiben zu lassen,

foto grafierte Vicco von

Bülow seine Gäste lieber.

Über die Jahre entstand

eine Foto ga lerie, die

persönliches Dokument ist,

amüsantes Gesellschaftspanorama

und kleine

Chronik wechselnder

Kleidermoden.

Illustration: © Loriot

Douglas Coupland

Auch der neue Roman von Douglas Coupland ist extrem lesenswert: In „Spieler Eins“ entwirft

der „Generation X“-Autor ein blutiges Endzeitszenario, indem er vier in einer Flughafenbar

gestrandete Figuren mit dem Ende der Zivilisation konfrontiert. Doch so spannend der Plot

auch ist, die wirklich wichtigen Erkenntnisse über das heutige Lebensgefühl fasst Coupland

am Ende des Romans schön kompakt mit einem Glossar zusammen. Da findet man dann

Einträge wie den „Zeitsnack“: „Oftmals enervierende Momente von Pseudo-Freizeit, die eintreten,

wenn vom Computer keine Rückmeldung kommt, weil er eine Datei sichert, nach

Software-Updates sucht oder, höchstwahrscheinlich, seine ganz eigenen Gründe dafür hat.“

Auch „das Erschöpfungsgefühl, das sich einstellt, wenn man die Antwort auf praktisch alles

im Netz finden kann“ bekommt mit der „Allwissenheits-Müdigkeit“ endlich ihr Schlagwort.

Mit dem Problem „intraaffinitale Melancholie vs. extraaffinitale Melancholie“ dürfte sich allerdings

auch schon die Generation X rumgeschlagen haben: „Was ist einsamer: als einsamer

Single zu leben oder einsam in einer toten Beziehung?“ cs

Foto: Martin Tessler


Foto: © 2013 Twentieth Century Fox

uMag 43

Szene

MUCKERSCHICK

Ah, Bono hat eine neue Frisur

und bringt eine Solo-CD raus.

Nein, Anton Corbijn hat Till

Lindemann von Rammstein für

einen Herrenduft fotografiert.

Auch falsch. Der Herr in

der stylischen 90er-Altrocker -

ästhetik ist der spanische

Schauspieler Javier Bardem

(„No Country for old Men“),

der neben Promis wie Brad Pitt

und Penélope Cruz in der blutigen

Gangsteraction „The

Counselor“ einen schrillen

Drogenboss spielt. Ist so 90er,

wie es klingt, ähm: aussieht. vs

»Die zahlreichen Fans

von George R.R. Martin

kommen bei diesem

Fantasy-Epos voll auf

ihre Kosten!« Library Journal

NEUE KUNST

Foto: Baixcentro, Courtesy: Baixcentro

In der arabischen Welt werden Revolutionen durch Instagram-

Filter beobachtet, und in Russland lernt der Protest gegen Putin von

performativen Ästhetiken: Widerstand, Revolte, politischer Aktio -

nismus sind plötzlich Teil des Kunstdiskurses. Beziehungsweise:

Der Kunstdiskurs ist plötzlich adäquate Beschreibungsform von

Politik. Das Karlsruher ZKM geht sogar noch weiter und bezeichnet

den „globalen Aktivismus als die erste neue Kunstform des

21. Jahrhunderts“. Eine Kunstform, die vom 14. 12. bis 30. 3. in der

Ausstellung „Global aCtIVISm“ präsentiert wird – unter anderem

mit „Na Faixa“ (Abbildung). fis

512 Seiten · € 15,00 [D]

ISBN 978-3-7645-3128-7

Auch als E-Book erhältlich

www.penhaligon.de

facebook.com/penhaligonverlag twitter.com/penhaligonbooks


uMag 44

Szene

06.03. ROSTOCK | 07.03. DRESDEN

08.03. MAGDEBURG

09.03. MÜNCHEN | 11.03. WIEN

12.03. ZÜRICH | 14.03. STUTTGART

15.03. NEU-ISENBURG

16.03. KÖLN

18.03. HAMBURG

10.04. ERFURT

11.04. HANNOVER

12.04. BERLIN

10.03. LEIPZIG | 11.03. HAMBURG

18.03. BERLIN | 19.03. DORTMUND

20.03. KÖLN | 22.03. LINZ

23.03. GRAZ | 24.03. NÜRNBERG

25.03. WIESBADEN

27.03. STUTTGART | 28.03. ZÜRICH

29.03. MÜNCHEN | 31.03. WIEN

BLEIBT DAS IMMER SO TOUR 2013

28.11. KÖLN

29.11. DORTMUND

30.11. FRANKFURT

02.12. SCHORNDORF

03.12. NÜRNBERG

04.12. MÜNCHEN

06.12. MERKERS

07.12. LEIPZIG

08.12. DRESDEN

10.12. HAMBURG

11.12. HANNOVER

12.12. BERLIN

phrasenmäher

TENTAKELABWEHR

In seinem Debütroman „Der Trost von Telefonzellen“ räsoniert Joshua Groß über Beat -

literatur, buddhistische Blechelefanten, Basketball, den BND – und darüber, was anzustellen

ist mit der diffusen Epoche, in der wir uns befinden.

uMag: Joshua, deine beiden Protagonisten versuchen,

der Banalität und angeblichen Endgültigkeit

unserer Zeit zu entfliehen. Kann das gutgehen?

Joshua Groß: Ich würde

nicht sagen, dass sie entfliehen.

Sie beginnen, die

vermeintliche Endgültig keit

aufzubrechen. Der Teil der

Gesellschaft, der diese End -

gültigkeit suggeriert, macht

dann Jagd auf die Prota go -

nisten, weil es in seinem

Interesse ist, dass alles so

bleibt, wie es ist. Den Bei -

den bleibt dann nur der

überlegte Rückzug, aber

dann treten sie erneut

gegen diese Endgültigkeit

an. Ich denke, dadurch helfen

sie mit, sie schrittweise

aufzubrechen. Die Chance,

dass das gut geht, besteht immer. Daran zu glauben

ist unsere Aufgabe.

uMag: Gegen Ende sind die beiden zu De tek tiven

geworden. Ist das die notwendige Kon se quenz?

Groß: Detektive sind stets damit beschäftigt, sich

Foto: Manuel Weißhaar

Joshua Groß

die Tentakel, die aus unserer mysteriösen und verworrenen

Epoche hängen, vom Hals zu halten. Das

wissen wir spätestens seit Raymond Chandler. Das

Investigative hat aber

auch eine unheimliche

Ele ganz. Detektive sind

nicht zu vereinnahmen,

aber sie sezieren die

Gegenwart mit unkonventionellem

Scharf sinn. Was

sie allerdings auch nicht

davon abhält, nebenbei

die überlegene Haltung

des modern day hippies

zu kultivieren.

uMag: Was hat das alles

mit dem „Institut für

Jenga-Turm-Forschung und

Assoziationen“ zu tun, das

im Buch öfter auftaucht?

Groß: Das Institut ist ein

unbestimmbarer Ort, der als flexible Keimzelle des

Widerstandes fungieren kann. Dieser Ort befindet

sich sowohl in der Realität als auch in der Fiktion.

Jeder Mensch ist herzlich eingeladen, nach dem

Institut zu suchen und mitzumachen! fis

IMPRESSUM

„9 HITS, 3 EVERGREENS“ TOUR 2014

18 19 20.02. BERLIN

21 22.02. STUTTGART

23 25.02. WIESBADEN

26 27 05.03. BREMEN

06 07.03. REGENSBURG

08 10.03. A-WIEN

12 13.03. HANNOVER

14 15.03. KAISERSLAUTERN

BOYCE AVENUE LIVE 2014

25.03. MÜNCHEN - MUFFATHALLE

27.03. BERLIN - HUXLEY‘S

28.03. KÖLN - PALLADIUM

29.03. HAMBURG - DOCKS

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Das nächste uMag

erscheint am 30. Januar


uMag 45

Szene

SCHWARZWEISS

Foto: © Pallas Film

Nein, dieser Trickfilm ist nichts für Kinder. Gewalt, Folter,

Depression, Einsamkeit sind die Themen in Jaroslav Rudis’ Graphic

Novel „Alois Nebel“, und der tschechische Regisseur Tomás Lunák

hat aus der Vorlage eine kongeniale Verfilmung gemacht. In harten,

kontra streichen Bildern, schonungslos und verstörend. Ab 12.

Dezember im Kino. fis

UNENDLICH LANGWEILIG

Das Projekt ist gelungen: Aus

im Nachlass gefundenen

Frag menten und Computer -

dateien ist ein Roman geworden.

Mit „Der bleiche König“

erscheint jetzt ein letztes

Meisterwerk des 2008 durch

Freitod aus dem Leben

gegangenen David Foster

Wallace in deutscher Übersetzung,

das Fans völlig zu

Recht frenetisch abfeiern

werden. Wer aber mit der

1 500 Seiten starken Großtat

„Unendlicher Spaß“ seine

Probleme hatte, der sollte

nicht meinen, die 640 Seiten

David Foster

Wallace

von „Der bleiche König“ wären leichter zu nehmen. Schließlich

spielt der Roman diesmal auch noch am vermutlich langweiligsten

Ort der Welt: in einem Provinzbüro des Service der amerikanischen

Steuerbehörde IRS. cs

Foto: Marion Ettlinger

13.10.2013

— 23.02.2014

STILL

BEWEGT

Ori Gersht, Pomegranate, 2006, Videostill

VIDEOKUNST

UND ALTE MEISTER

BAD HOMBURG V. D. HÖHE

Löwengasse 15

www.altana-kulturstiftung.de


uMag 46

Zoom

Abb.: © Filmgalerie 451, Foto: Thomas Aurin

Christoph Schlingensief: Freakstars 3000 (2003), v. l. n. r.: Christoph Schlingensief, Horst Gelonneck, Kerstin Graßmann, Mario Garzaner, Achim von Paczensky


uMag 47

Zoom

EIN SCHLACHTFEST

Christoph Schlingensief war ein meisterlicher Grenzgänger zwischen Kino, Politik und Theater.

Eine Ausstellung in Berlin würdigt ihn jetzt als Bildenden Künstler.

VON FALK SCHREIBER

E

in Film: Clara macht sich auf ins Ungewisse. Sie übertritt die

Grenze und trifft sympathische Eingeborene, die einem ehrbaren

Gewerbe nachgehen – Metzger. Ehrbar, bis Clara realisiert, dass

sie es ist, die hier zu Wurst verarbeitet werden soll … Ein Splatter.

Allerdings: Clara ist DDR-Bürgerin, wir schreiben das Jahr 1989, und

dass der Westen sich über die Grenzöffnung freut, hängt damit zusammen,

dass der stete Zuzug aus dem Osten vor allem Frischfleisch für die

Wurstproduktion bedeutet. Die Wiedervereinigung: ein Schlacht fest.

„Das deutsche Kettensägenmassaker“ war 1990 der erste Film, mit dem

der damals 30-jährige Christoph Schlingensief über eine kleine Trash -

kinogemeinde hinaus Aufsehen erregen konnte. Dieser Erfolg hat

natürlich zu tun mit der politischen Provokation, das latente Un be ha gen

an den Auswüchsen der Vereinigungsbegeisterung in einen Horror film

zu übertragen. Es hatte auch zu tun mit der Tatsache, dass Schlin -

gensief mit Karina Fallenstein, Susanne Bredehöft oder Irm Her mann

ein theatererprobtes Ensemble zur Verfügung hatte, dessen Qualitäten

mehr hergaben als panisches Kreischen. Und es hatte nicht zuletzt

damit zu tun, dass „Das deutsche Kettensägenmassaker“ eben auch als

Horror funk tionierte, als Film, der trotz bescheidener Mittel seinem

Vorbild „The Texas Chainsaw Massacre“ durchaus das Wasser reichen

konnte.

In der Folge baute Schlingensief seinen Ruf als detailgenauer Trash-

Horror-Politfilmemacher aus – und verschwand 1997, nach „Die 120

Tage von Bottrop“, bis auf weiteres als Kinoregisseur. Die Grenzen des

Films waren Schlingensief zu eng geworden, er begann, im Bereich der

Fernseh shows und der Aktionskunst zu arbeiten. Vor allem aber machte

er immer mehr Theater: wüste, aktionistische Projekte, hauptsächlich an

der Berliner Volksbühne, wo der Dramaturg Carl Hegemann früh er -

kannte, dass Schlingensief der perfekte Protagonist war für ein Theater,

das mehr sein wollte als bildungsbürgerliche Selbst ver gewisserung.

Zum Beispiel gründete Schlingensief 1998 eine Partei an der Volks -

bühne, „Chance 2000“, deren Bundes tagswahlkampf eine einzige

große Performance war, er baute mit „Passion Impossible“ eine Art

tempo räre Bahnhofsmission für das Hamburger Schauspielhaus, er entwickelte

mit „Bitte liebt Österreich“ eine fies-politische Castingshow für

>>


uMag 48

Zoom

Abb.: © Filmgalerie 451

Abb.: © Filmgalerie 451

Das deutsche Kettensägenmassaker (1990), v. l. n. r.: Eva Maria Kurz,

ohne Angabe, Mike Wiedemann, Irm Hermann

Christoph Schlingensief: Die 120 Tage von Bottrop (1997),

abgebildet: Margit Carstensen

die Wiener Fest wochen. Und nach einiger Zeit inszenierte er tatsächlich

auch Theater stücke: die Politsatire „Berliner Republik“ an der Volks -

bühne, „Hamlet“ in Zürich, Elfriede Jelineks „Bambiland“ am Wiener

Burgtheater.

Schlingensief inszenierte Starschauspieler, Laien, Obdachlose, Menschen

mit Behinderung, er überforderte seine Darsteller, so wie er sich überforderte.

Häufig gab es Vorwürfe, er nutze Menschen aus, die sich nicht

wehren könnten. Ein wenig war da auch etwas dran, aber es war auch

so, dass Schlingensief sich selbst ebenso ausnutzte. Er machte sich

selbst nackt und zeigte in seinen besten Arbeiten ein rohes, un fertiges

Scheitern.

Ein Scheitern, das spätestens 2008 eins wurde mit der Person

Schlingensief. Bei dem damals 48-Jährigen wurde Lungenkrebs diag -

nostiziert, nahezu alle folgenden Arbeiten bezogen sich auf seinen Um -

gang mit der Krankheit. „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in

mir“ bei der Ruhrtriennale in Duisburg, „Mea Culpa“ am Burg theater,

„Via Intolleranza II“ im Hamburger Kulturzentrum Kampnagel – Kritiker

mochten diesen Arbeiten Egozentrik vorwerfen: dass das allerdings


uMag 49

Zoom

Abb.: © Aino Laberenz

Abb.: © Filmgalerie 451, Foto: Aino Laberenz

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir (2008), abgebildet: Karin Witt und Komparsen

Christoph Schlingensief: The African Twintowers

(2005–2009), abgebildet: Irm Hermann

durch die Bank große Kunst war, ungeschützt, peinlich, selbst -

entblößend, das bezweifelte niemand mehr. Als Schlingensief am 21.

Au gust 2010 starb, da war sich die Kunstwelt einig, einen Jahr hun dert -

künstler verloren zu haben.

Einen Jahrhundertkünstler ohne Genre. Gerade in den letzten Jahren

waren seine Arbeiten Grenzgänge zwischen Musik, Theater, Film,

sozialer Intervention und Performance – eigentlich überraschend, dass

der ohnehin nach allen Seiten offene Bereich der Bildenden Kunst

Schlingensief nicht schon viel früher für sich einzuvernehmen versuchte.

Erst vor drei Jahren sollte Schlingensief den deutschen Pavillon auf der

Biennale von Venedig gestalten. Diesen Plan durchkreuzte der Tod des

Künstlers. Stattdessen gestalteten seine Witwe, die Kostüm bilnerin

Aino Laberenz, und Kuratorin Susanne Gaensheimer den Pavillon als

Erinnerungsraum. In Deutschland aber wurde Schling en sief bis auf

installative Einzelwerke in Hamburg, Leipzig oder Karlsruhe nie als

Bildender Künstler gewürdigt. Bis jetzt. Vom 1. De zem ber bis 19. Januar

zeigt das Berliner KW Institute for Contemporary Art eine erste große

Retrospektive, die ab März ins New Yorker MoMA PS1 weiterzieht.


uMag 50

Frequently asked Questions

CHECKBRIEF

NAME Stefan Sichermann

BERUF Websatiriker

ALTER 32

HAT Abitur, Magister Artium in

Alter Geschichte, Englischer

Linguistik und Mittlerer

Geschichte

WAR MAL Werbetexter

WEBSITE www.der-postillon.com

SEITENAUFRUFE IM OKTOBER

7 888 842

POSTILLON, IST DIE WELT NICHT

ZU VERRÜCKT FÜR SATIRE?

INTERVIEW: VOLKER SIEVERT

FACEBOOK-FANS 333 000

ANDERE KANÄLE Podcast bei

Bayern 3, Kanäle bei Yahoo und

Youtube

AUSZEICHNUNGEN

„Best Weblog German“ bei The

BOBs von der Deutschen Welle

2010, Grimme Online Award 2013,

Deutscher Webvideopreis 2013

INSPIRATION die US-Satirewebsite

The Onion www.theonion.com

Fotos: Privat

Stefan Sichermann, was hatte in letzter Zeit das größte satirische

Potenzial? Die FDP? Die Energiewende? NSA? NSU? Die FDP?

FDP und NSA haben sich da eigentlich ein starkes Kopf-an-Kopf-Rennen

geliefert, aber inzwischen nimmt die FDP mehr tragische als komische

Züge an. Im Überwachungsskandal hat aber auch weniger die NSA

satirisches Potenzial als die Protagonisten in der deutschen Politik.

Bitte ergänzen Sie: Satire darf …

... auch mal albern und ziellos sein.

Satire darf nicht …

...nichts.

Bei Religion hört für viele Leute der Spaß auf, manche reagieren gar

mit Gewalt. Man denke nur an die Mohammed-Karikaturen. Würden

Sie eine Satire über den islamischen Propheten bringen?

Es gab im Postillon auch schon Satiren über Mohammed und den

Islam. Bei mir beschwert haben sich bislang aber nur Christen. Am

liebsten bringe ich Satire über gläubige Menschen, die sich leicht in

ihren religiösen Gefühlen verunglimpft fühlen.

Wenn Ihnen nichts einfällt, was tun?

Krampfhaft überlegen, und wenn das nichts hilft: einfach in Panik

geraten. Ich habe aber meistens noch die eine oder andere zeitlose

Idee in der Hinterhand.

Welcher deutsche Politiker liefert die dankbarsten Sätze?

Aktuell: Hans-Peter Friedrich

Ist die Wirklichkeit nicht längst verrückt genug, um Satire überflüssig

zu machen?

Ich arbeite daran, dass die Satire irgendwann normal genug ist, um

die Wirklichkeit überflüssig zu machen.

Der Newsticker auf der-postillon.com pflegt die Kunst des Kurz -

kalauers. Ihre Lieblingsnews?

Ich habe keinen Lieblingsticker. Aber hier zwei schöne, um das Inter -

view aufzulockern: ++++ Immer nur Blasen: Ballerinas zu eng ++++

Grob überschlagen: ca. 50 % der Besucher fanden Kirmes attraktion

zum Kotzen ++++

Sie blocken die meisten Anfragen von Journalisten ab. Warum?

Na ja, ich beantworte immer gerne Fragen zu meiner Arbeit. Ich mag

es nur nicht, wenn sich alles auf meine Person konzentriert. Öffentlichkeit

habe ich auch so genug über die sozialen Netzwerken und

über meine Seite.

Und darf man das denn überhaupt: sich über andere lustig machen,

aber selber den Kopf einziehen?

Ich mache mich über niemandes Privatleben lustig, der es nicht

selbst in der Öffentlichkeit ausbreitet.

Haben Sie mit Freunden zu kämpfen, die sagen: Stefan, sei mal

komisch?

Nein. Die kennen mich ja schon länger und finden mich gar nicht so

witzig.

Bitte kommentieren Sie diesen Satz von Loriot: „Ich liebe Politiker auf

Wahlplakaten. Sie sind tragbar, geräuschlos und leicht zu entfernen.“

Ich fühle mich ehrlich gesagt unwohl, da meinen Senf dazuzugeben.

Sie sind vom Werbetexter zum Satiriker geworden. Vorteil?

Dass ich jetzt schreiben kann, was ich will, und nicht schreiben

muss, was ein Kunde will.

Im Web kann jedermann Satiriker sein – sollte das auch jedermann

tun?

Es spricht nichts dagegen.

Zuguterletzt: Ihr Lieblingswitz …

Da muss ich passen. Witze erzähle ich seltsamerweise überhaupt

nicht mehr gerne, seitdem ich den Postillon mache.


Filmfan?

Funschenker?

Serienliebhaber?

Gadgetsammler?

Schenk doch mal anders mit:

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