Download der Gesamtausgabe (5 mb) - LMU

uni.muenchen.de

Download der Gesamtausgabe (5 mb) - LMU

NR. 1 • 2014

LUDWIG-

MAXIMILIANS-

UNIVERSITÄT

MÜNCHEN

MünchnerUni Magazin

ZEITSCHRIFT DER LUDWIG-MAXIMILIANS-UNIVERSITÄT MÜNCHEN

2

2

2

19 53 7 8

8

8

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K I N O

8

18

18

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Kalium Iod Stickstoff Sauerstoff

39,0983 126,90447 14,00674 15,9994

5

2

6

WISSENSCHAFT IN FILM UND FERNSEHEN

ZWISCHEN FAKTEN

UND FIKTION


der lmu-shop

im »schweinchenbau«

leopoldstrasse 13

80802 münchen

Öffnungszeiten im Semester:

Montag bis Freitag 10:00 – 16:00 Uhr

Öffnungszeiten in der vorlesungsfreien Zeit:

Dienstag und Donnerstag 10:00 – 16:00 Uhr

Kapuzen-Sweatshirt, erhältlich in den Farben: Petrol, Graphit, Dunkelgrün

www.lmu-shop.de


1 Eingang zum Gebäude Ludwigstraße

28, Vordergebäude. Hier sind

die Volkswirtschaftliche und die

Juristische Fakultät untergebracht.

EDITORIAL

Klappe, die erste: Wissenschaftliche Themen spielen in Film und

Fernsehen eine immer größere Rolle. Inzwischen lassen sich Fernsehproduzenten

sogar von LMU-Professoren beraten. Für eine

unterhaltsame Aufbereitung werden viele Disziplinen allerdings

trotzdem häufig auf den Kopf gestellt. Warum zum Beispiel „Der

Herr der Ringe“ gelobt und kritisiert wird, lesen Sie in unserer

MUM-Titelgeschichte.

Da es im wahren Leben keine Stuntmen gibt, widmen sich Dr. Wolfram

Hell vom Institut für Rechtsmedizin der LMU und Professor

Hans Bäumler von der Hochschule München der Unfallforschung.

Dabei werten sie Verkehrsunfälle aus, um die bisherigen Sicherheitssysteme

zu verbessern und so tödliche Crashs zu verhindern.

Einen eigenen Film gedreht hat die zehnte Klasse des Robert-Koch-

Gymnasiums in Deggendorf. Zusammen mit LMU-Professor Ferdinand

Kramer vom Institut für Bayerische Geschichte sammelten

sie Schwarz-Weiß-Fotos von türkischen Arbeitern, suchten Super-

8-Filme vom ersten Oktoberfestbesuch mit der nachgezogenen Familie

oder interviewten Kabarettist Django Asül, um die Geschichte

der sogenannten Gastarbeiter nachzuerzählen.

N R . 1 • 2014 EDITORIAL

1

Beim vierten Take dieser Ausgabe spielt Eliane Retz die Hauptrolle.

Die LMU-Mitarbeiterin unterstützt Mütter und Väter, die sich

nach einer Trennung in Streitigkeiten verlieren. Mit dem Programm

„Kinder im Blick“ sollen Gespräche wieder in vernünftige Bahnen

geleitet und das Kindeswohl gestärkt werden.

„Licht aus, Spot an“ heißt es zum Schluss für Mathias Scheffel.

Während seiner Zeit als Jurastudent verdiente sich der Alumnus

sein Geld als DJ Chef L und Partyveranstalter. Inzwischen gilt er als

Pionier des Münchener Nachtlebens und beeinflusst durch seine

Clubs wie Pacha, Filmcasino, Jack Rabbit, Gecko oder Reitschule das

Ausgehverhalten einer ganzen Studierendengeneration.

Viel Spaß beim Lesen,

Ihre MUM-Redaktion


N R . 1 • 2014 ZUR SACHE

2

ZUR SACHE

ZUV-LEITBILD:

DAS ERGEBNIS EINES BREIT ANGE-

LEGTEN DIS KUSSIONSPROZESSES

1 LMU-Vizepräsident

Dr. Christoph Mülke

Der Strategieprozess ZUV 2015 soll die Universitätsverwaltung

als zentralen Dienstleister der

LMU in administrativen und technischen Fragen

weiterentwickeln, entsprechende Konzepte formulieren

und diese in die Umsetzung bringen.

Mit dem Leitbild der ZUV liegt nunmehr ein erstes

konkretes Ergebnis dieses Prozesses vor.

Das Leitbild, das unter www.lmu.de/zuv-leitbild

abgerufen werden kann, leitet sich aus den strategischen

Zielen der LMU als Gesamtinstitution ab.

Auf dieser Grundlage formuliert es für die Arbeit

der ZUV einen Zielhorizont mit Kernaussagen zum

Selbstverständnis, zu Arbeitsprinzipien, zu den

Erwartungen an Führungskräfte und zu Handlungsmaximen:

„Wie wir uns verstehen“, „Wie

wir arbeiten“, „Wie wir Führung verstehen“ und

„Was unser Handeln prägt“ sind die zentralen

Abschnitte des Leitbildes.

Das Leitbild ist das Ergebnis eines breit angelegten

Diskussionsprozesses: Eingebunden waren

alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der ZUV,

ihre Ideen wurden in Großgruppenveranstaltungen

und in Workshops intensiv diskutiert und haben

den Text außerordentlich geprägt.

Serviceportal für die LMU und an der ZUVinternen

Kommunikation gearbeitet. Darüber

hinaus verfolgen wir das Ziel, Effizienz und Transparenz

unserer Dienstleistungen durch die Einführung

eines Prozessmanagements, die Professionalisierung

der Projektarbeit und der Schnittstellen

zu unseren „Kunden“ sowie – ganz konkret

– durch eine Revision des Drittmittel- und des

Reisekostenmanagements deutlich zu verbessern.

Ich freue mich darauf, wenn ich Ihnen hier demnächst

über die nächsten Schritte berichten kann.

Mein Dank gilt allen Beteiligten für ihr großes

Engagement bei der Erarbeitung des Leitbildes,

ganz besonders den Kolleginnen und Kollegen,

die unmittelbar mit der Erstellung des Textes beschäftigt

waren, nicht zuletzt aber auch den Angehörigen

der Fakultäten und der Departments für

das außerordentlich konstruktive Feedback, das

wir bislang erhalten haben. Ich bin zuversichtlich,

dass wir mit ZUV 2015 einen deutlichen Schritt

tun, um Forschung und Lehre an der LMU noch

weit besser als in der Vergangenheit gemeinsam

voranzubringen.

Nachdem das Leitbild im Dezember 2013 allen

Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der ZUV kommuniziert

worden ist, wird es nunmehr der universitären

Öffentlichkeit vorgestellt. Es formuliert

einen Zielzustand, an der die Entwicklung der

ZUV gemessen werden soll und will. Künftig wird

es deshalb darum gehen, dort, wo der im Leitbild

formulierte Zielzustand noch nicht erreicht ist,

Maßnahmen zu definieren, um das Leitbild in der

täglichen Arbeit umzusetzen.

Erste Konzepte hierfür liegen bereits vor und werden

umgesetzt: Im Themenbereich Information

und Kommunikation wird intensiv an einem ZUV-

Dr. Christoph Mülke

Vizepräsident der Ludwig-Maximilians-Universität

München


6

MUM NR. 1 · 2014

■ NEWS

4 MELDUNGEN

■ TITEL

6 ZWISCHEN FAKTEN UND FIKTION

WISSENSCHAFT IN FILM UND FERNSEHEN

ZWISCHEN FAKTEN UND FIKTION

WISSENSCHAFT IN FILM UND FERNSEHEN

12

■ ESSAY

10 AKADEMISIERT SCHRUMPFEN

DER DEMOGRAFISCHE WANDEL UND DIE HOCHSCHULEN

■ PROFILE

12 VERKEHRSTOD VERHINDERN

UNFALLFORSCHUNG AN DER LMU

16 LEHRE MIT SPASS UND STRUKTUR

PROFESSOR LORENZ ERHÄLT DEN ARS LEGENDI-PREIS

18 SCHMELZTIEGEL DEGGENDORF

SCHÜLER ERFORSCHEN IHRE GLOBALISIERTE HEIMAT

20 VOM EISBACH AN DEN WÜRMKANAL

UMZUG DER TIERMEDIZIN NACH OBERSCHLEISSHEIM

N R . 1 • 2014 INHALT

3

22 „KINDER IM BLICK“

HILFE IN DER TRENNUNGSKRISE

UNFALLFORSCHUNG

AN DER LMU

VERKEHRSTOD

VERHINDERN

24

24 AKADEMISCHER ABSCHLAG

SERIE: SPORT IST IHR HOBBY

26 VERBINDUNG VON EMPIRIE UND THEORIE

NEUES INTERNATIONALES DOKTORANDENKOLLEG

28 MIT ERZÄHLEN LERNEN

LMU MACHT SCHULE

30 GROSSE KÖPFE IN KLEINEM FORMAT

PORTRÄTMEDAILLEN

■ ALUMNI

SERIE: SPORT IST IHR HOBBY

AKADEMISCHER ABSCHLAG

28

32 „FEIERN UND STUDIEREN – DAS GEHT LOCKER!“

CLUBBETREIBER MATHIAS SCHEFFEL

■ MENSCHEN

34 NEUBERUFEN

40 PREISE & EHRUNGEN

■ SERVICE

46 TIPPS & TERMINE

LMU MACHT SCHULE

MIT ERZÄHLEN LERNEN

■ IMPRESSUM


NEWS

N R . 1 • 2014 NEWS

4

LMU-STUDENTIN IST BEHINDERTEN-

SPORTLERIN DES JAHRES

Anna Schaffelhuber wurde zur paralympischen

Sportlerin des Jahres 2013 gewählt. Die Jurastudentin

setzte sich beim Monoski in einer Publikumsentscheidung

gegen zwölf Konkurrentinnen durch.

„Ich hab mich wirklich sehr darüber gefreut. Für

mich ist die Auszeichnung ein Ansporn für mein

nächstes Ziel: eine Goldmedaille bei den Paralympics

2014 in Sotschi“, so Schaffelhuber. Bereits

im Februar holte sie bei der Weltmeisterschaft in

La Molina, Spanien, Gold im Slalom und qualifizierte

sich damit für die Vorauswahl zur Behindertensportlerin

2013. Diese Auszeichnung kann

sie schon zum zweiten Mal mit nach Hause nehmen:

Nach drei Goldmedaillen bei der Alpin-WM

in Sestriere, Italien, hat sie schon 2011 die Wahl

zur Behindertensportlerin des Jahres gewonnen.

Wenn Anna Schaffelhuber gerade nicht auf der

Piste anzutreffen ist, studiert sie im 5. Semester

Jura an der LMU: „Ich versuche, im Sommersemester

möglichst viel für die Universität vorzubereiten,

um im Winter genügend Zeit fürs Skifahren

zu haben. Das klappt im Moment auch ganz gut.

Diesen Winter werde ich mich aber vollkommen

auf die Spiele in Sostchi im März konzentrieren.“

■ cdr

ERSTE ABSOLVENTEN DES

PIR-MODELLSTUDIENGANGS

Die ersten neun Absolventen des Master- und Modellstudiengangs

„Prävention, Inklusion und Rehabilitation

(PIR) bei Hörschädigung“ nahmen Ende

Oktober von Lehrstuhlinhaberin Professor Annette

Leonhardt ihr Zeugnis entgegen. Alle Prüflinge

haben zuvor den Bachelor- und Modellstudiengang

gleichen Namens erfolgreich abgeschlossen.

Das Besondere daran: Der Studiengang ist der

einzige an der LMU, der im Bereich des Lehramts

neben dem Staatsexamen einen Bachelor- und

Masterabschluss ermöglicht. Dies geht auf eine

Zielvereinbarung zwischen dem Freistaat Bayern

und der LMU aus dem Jahr 2006 zurück. Neben

dem Lehramt wird eine Qualifikation für den Bereich

der Rehabilitation bei Gehörlosigkeit und

Schwerhörigkeit angeboten. Studierende können

folglich unter dem Dach von PIR entweder Gehörlosenpädagogik

oder Schwerhörigenpädagogik

für das Lehramt sowie Gehörlosenpädagogik oder

Schwerhörigenpädagogik für den nebenschulischen/außerunterrichtlichen

Bereich studieren.

Mit dem neuen Bachelorabschluss können Studierende

direkt in den Beruf starten. Möglichkeiten

bestehen etwa in schulvorbereitenden Einrichtungen,

in Schülerwohnheimen, bei den jeweiligen

1 Anna Schaffelhuber bei der Monoski-Abfahrt.


NEWS

Verbänden, in der Frühförderung und in Rehabilitationseinrichtungen.

Der Masterabschluss qualifiziert

für Leitungsfunktionen. Für den Einstieg

ins Referendariat – die Voraussetzung um als Lehrer

arbeiten zu können – ist ein Masterabschluss

zwingend erforderlich. Beenden Studierende des

Lehramts das Studium bereits mit Erreichen des

Bachelorabschlusses, können diese jedoch in allen

Bereichen arbeiten, in denen es auch für die Absolventen

mit dem Studium der nebenschulischen/

außerunterrichtlichen Ausrichtung möglich ist.

Der Bachelor ist vorzugsweise praxis-, der Masterstudiengang

hingegen forschungs- und projektorientiert.

Im Gegensatz zum Lehramt für Sonderpädagogik

brauchen Studierende für den Modellstudiengang

30 ECTS-Punkte mehr, weshalb

zehn statt neun Semester benötigt werden. Die

Absolventen verfügen anschließend über einen

international anerkannten, 300 ECTS umfassenden

Studienabschluss, mit dem sie sich weltweit

bewerben können.

■ dl

Leitbild

der Zentralen

Universitätsverwaltung

www.lmu.de/zuv-leitbild

n n n n

LEITBILD FÜR DIE ZUV

Die Zentrale Universitätsverwaltung (ZUV) hat

jetzt ein Leitbild. Es beschreibt unter anderem

Ziel- und Wertvorstellungen sowie das Selbstverständnis

der Verwaltung, aus denen sich wiederum

Entscheidungen und Verhaltensweisen ableiten.

Es soll dabei ständig weiterentwickelt werden.

Das Leitbild ist das Ergebnis eines intensiven

Prozesses, bei dem die Mitarbeiter der ZUV stark

eingebunden waren. So wurden im Rahmen von

Veranstaltungen, wie etwa Leitbildcafés, zum

Beispiel Arbeitsprozesse, Selbstverständnis oder

Erwartungen der verschiedenen ZUV-Einheiten

und ihre Zusammenarbeit erörtert und schließlich

verdichtet.

■ cg

www.lmu.de/zuv-leitbild

NEUES INSTITUT FÜR DIDAKTIK UND AUS-

BILDUNGSFORSCHUNG GEGRÜNDET

Am 1. Januar 2014 wurde das Institut für Didaktik

und Ausbildungsforschung in der Medizin am Klinikum

der Universität München gegründet. Der

seit 2011 an der Medizinischen Klinik und Poliklinik

4 etablierte Lehrstuhl für Didaktik und Ausbildungsforschung

wird damit als eigenständiges

Institut sichtbar und nimmt bundesweit eine Vorreiterrolle

ein. Direktor des Instituts ist Professor

Martin Fischer, seit November 2012 auch Studiendekan

für die Lehre im klinischen Studienabschnitt

des Medizinischen Curriculums München

(MeCuM) und für die Masterstudiengänge an der

Medizinischen Fakultät verantwortlich.

Das neue Institut versteht sich als Service- und

Forschungseinrichtung. Im Servicebereich sollen

die Studiendekane und alle theoretischen, klinisch-

theoretischen und klinischen Einrichtungen

in zentralen Fragen der Qualitätssicherung und

-weiterentwicklung der Lehre unterstützt werden.

Im Bereich der Ausbildungsforschung beschäftigt

sich das Institut mit der Messung und Vermittlung

klinischer Entscheidungs- und Wissenschaftskompetenz,

der Messung und Vermittlung von

Kommunikationskompetenz sowie mit dem Einsatz

innovativer Lehr- und Prüfungsformate.

Derzeit werden mehr als 20 Promotionsprojekte

am Institut und in enger Zusammenarbeit mit dem

Munich Center of the Learning Sciences (MCLS)

der LMU betreut. Das Institut ist an einer ganzen

Reihe von Drittmittelprojekten und Initiativen in

Zusammenarbeit mit nationalen und internationalen

Kooperationspartnern und mit dem Medizinischen

Fakultätentag (MFT), dem Masterstudiengang

„Master of Medical Education“ (MME) an

der Universität Heidelberg und der Gesellschaft

für Medizinische Ausbildung (GMA) beteiligt, deren

Präsident Martin Fischer derzeit ist. ■ red

N R . 1 • 2014 NEWS

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N R . 1 • 2014 THEMA

6

WISSENSCHAFT IN FILM UND FERNSEHEN

ZWISCHEN FAKTEN UND FIKTION

Das Interesse der Zuschauer an wissenschaftlichen

Themen in Film und Fernsehen wächst.

Langsam reagiert die Branche und engagiert für

eine realistische Darstellung immer häufiger Experten

als Berater – darunter auch Professoren

der LMU. Ein Medizin-Alumnus bietet mit seiner

Firma inzwischen sogar professionelle Unterstützung

am Set an. Obwohl viele Disziplinen

von der zunehmenden medialen Darstellung

profitieren, wird häufig dennoch ein falsches

Bild des jeweiligen Fachs projiziert – teilweise

mit grotesken Folgen.

Wissenschaft nimmt in Serien, Film und Fernsehen

eine immer größere Rolle ein. Dies konnten Studierende

und Mitarbeiter kürzlich sogar direkt vor

dem LMU-Hauptgebäude miterleben. Dort drehte

die Ratpack Filmproduktion den Kinofilm „Mara

und der Feuerbringer“ mit Schauspieler Jan Josef

Liefers als fiktivem Mediävistikprofessor Weissinger.

„Alle Kostüme, Artefakte, Schmuck und das

Setdesign basieren dabei auf wissenschaftlicher

Recherche“, betont Ratpack-Sprecher Christian

Becker. Nichts im Film, was mit nordisch-germanischer

Mythologie zu tun habe, sei ausgedacht.

„Ich wollte mich von Anfang an so nah wie möglich

am aktuellen Stand der Wissenschaft orientieren“,

ergänzt Regisseur und Bernd-das-Brot-Erfinder

Tommy Krappweis. Fakten böten den Zuschauern

Orientierung und nähmen einen höheren Stellenwert

ein als früher.

Aus diesem Grund hat sich der Grimme-Preisträger

auch bei der Beschreibung der LMU so nah

wie möglich an die Realität gehalten. Lediglich

für den Lichthof musste wegen der Renovierungsarbeiten

der Münchener Justizpalast als Double

einspringen. Dafür nimmt im zugrundeliegenden

Roman das Bodendenkmal für die Geschwister

Scholl eine wichtige Rolle ein: Hauptfigur Mara erlebt

in einem Tagtraum schemenhaft das Verteilen

der Flugblätter. Krappweis sind solche Momente

besonders wichtig, weil die nordisch-germanische

Mythologie in den 1930er-Jahren von den Nazis

für ihre Zwecke in Beschlag genommen wurde.

„Davon wollte ich mich ausdrücklich distanzieren

und auch im Film werden wir das natürlich deutlich

machen“, erklärt er.

HÄUFIGE BERATUNGSRESISTENZ

Da gerade bei Filmen mit historischem Kontext besonders

akkurat recherchiert werden müsse, holte

sich Krappweis den realen Professor Rudolf Simek

von der Uni Bonn ins Boot. „Für den ersten Entwurf

hat er von mir noch ordentlich Kritik einstecken

müssen“, erzählt Simek, der in seinen Büchern

auch den Einfluss der germanischen Mythologie

auf Romanklassiker untersucht. Doch Krappweis

habe sich seine Kritik zu Herzen genommen und

seriös mit ihm zusammengearbeitet. „Er hat viel

Fantasie, ist aber nicht beratungsresistent“, lacht

der Mediävist. Nur wenn er keine wissenschaftlichen

Quellen gefunden habe, habe er Krappweis

seine künstlerische Freiheit gelassen. Leider liefe

das bei Regisseuren von Dokumentarfilmen wie

„Terra X“ häufig nicht so glatt, weil die Sendungen

publikumswirksam aufbereitet werden müssten.

Das aufkeimende Interesse an mythologischen

Filmen ist nach Meinung von Simek eine Gegenbewegung

zur Tabuisierung nach dem Krieg, als

man die Wissenschaft für rechtslastig hielt. Statt

sich aber jetzt nur auf real existierende Mythologien

zu beziehen, habe zum Beispiel J. R. R. Tolkien

für seine Romantrilogie „Der Herr der Ringe“

manches einfach frei erfunden. Dies gelte noch

viel mehr für Harry-Potter-Reihe oder die Thor-

Comicverfilmungen. „Wenn ich mir den Film anschaue,

glaube ich, die Recherche dazu dauerte

einen Nachmittag lang“, kritisiert Simek.

Im Bereich der Medizin gibt es jetzt allerdings eine

Gegenbewegung. Ärzte wollten es nicht länger


7 Dreharbeiten zu Tommy Krappweis‘

„Mara und der Feuerbringer“ an der LMU.

hinnehmen, dass ihre Disziplin in Sendungen wie Dr. Stefan Frank

auf den Kopf gestellt wird. Daher gründete der ehemalige LMU-

Student Dr. Pablo Hagemeyer mit einigen Kollegen The DOX. Die

Beratungsagentur durchforstet Drehbücher, hilft bei der Dramaturgie,

vermittelt medizinisches Personal und spricht in der Weilheimer

Zentrale mit den Autoren. „Die Welt wird immer komplizierter und

komplexer“, veranschaulicht der Inhaber. Durch die Informationstechnologie,

die gestiegene Rechnerleistung und die große Diversifizierung

würden selbst Fachärzte nicht immer über das Neuste vom

Neusten Bescheid wissen. Die meisten Fragen der Autoren zielen

aber auf die Verhaltensweisen der Ärzte ab: „Wie würde er sich in

dieser Situation verhalten?“, „Welche Möglichkeiten hat er?“ oder

„Woran denkt er zuerst?“. Damit dies beim Dreh alles korrekt umgesetzt

wird, haben die Mitarbeiter mittlerweile ihren eigenen Regiebereich

oder spielen gleich selber mit. „Es gibt doch keinen besseren

Komparsen als einen echten Arzt“, grinst der Psychotherapeut.

ARZTSERIEN WERDEN REALISTISCHER

Insgesamt sind die gesendeten Abläufe aus Forschung und Praxis

realistischer als noch vor 15 Jahren. „Heute kann sich kein Produzent

mehr leisten, Mist zu produzieren“, berichtet Dr. Hagemeyer.

Dies liege aber nicht zuletzt an der zunehmenden Beratung von

Experten aus Medizin und Naturwissenschaft. So sei „Der Bergdoktor“

im ZDF aus fachlicher Sicht momentan die beste deutsche

Arztserie – „vor allem natürlich, weil wir sie zurzeit beraten“, ergänzt

der Alumnus augenzwinkernd. Im Übrigen sei auch im Film „Das

Schweigen der Lämmer“ sehr stimmig beschrieben, wie Hannibal

Lecter seinem Opfer das Gehirn aus dem Schädel löffele. Bei Sendungen

wie „Dr. Diary“ oder „Doc meets Dorf“ kann er aber auch

über Fehler lachen, weil diese nicht den Anspruch an Realität transportieren

wollten. Doch nicht alle können den Unterschied zwischen

Wahrheit und Fiktion erkennen: Umfragen zufolge glaubten nach

„Jurassic Park“ viele Menschen, dass man aus Moskitoblut Dinosaurier

züchten kann. So etwas ficht Dr. Hagemeyer zwar nicht an.

Kritisch wird es für ihn aber, wenn sich gravierende Fehlhaltungen

auf das Publikum übertragen. „Die meisten Fehler“, betont er ernst,

„werden leider immer noch bei der Reanimation gemacht.“

Den Filmboom im medizinischen Bereich erklärt der Arzt mit der

neuen Digitalisierungstechnik. Erst dadurch könnten Filme mit

den Themenbereichen Träume („Inception“), Genetik („Gattacca“),

52

Te

Tellur

127,60

2

8

18

18

6 V

23

Vanadium

50,942

2

8

11

2

oder Psychotherapie („Shutter Island“) endlich authentisch verfilmt

werden. Gleiches gelte für Serien wie zum Beispiel „Dexter“, „In

Treatment“, „Breaking Bad“, „CSI“, „RIS“ oder „Postmortem“. „Sie

alle sprechen in extremer Weise den eigenen Horror oder andere unterdrückte

Tabus an“, erklärt Dr. Hagemeyer. Menschen wollten vermittelt

bekommen, wie es ist, krank zu sein, zu sterben oder etwas

verlieren zu können. Ein weiteres Erfolgsgeheimnis sei die ständige

Überhöhung des Menschen in der Arztrolle und das Vergnügen der

Zuschauer, diesen durch profan Menschliches aus der Rolle fallen

zu sehen. Natürlich sei aber auch die Mutlosigkeit der öffentlichrechtlichen

Sender ein Grund für die vielen Arztserien. „Es braucht

einfach immer eine gute Weile, bis sich Neues etabliert.“

PRODUZENTEN SIND HÄUFIG NERDS

Trotz der Konzentration auf die Medizin wird laut LMU-Theaterwissenschaftlers

Lars Krautschick jede Wissenschaft im Fernsehen

verkörpert. Als Beispiele nennt er Indiana Jones für die Archäologen,

für die Kunstgeschichte die Werke von Dan Brown, für die

Physik „The Big Bang Theory“, für die Chemie „Breaking Bad“ und

für die Informatik „The IT Crowd“. Außerdem würden viele Horrorund

Slasher-Filme – Krautschicks Spezialgebiet – auf den Campus

von Universitäten spielen. Den Grund für die breite Streuung hat

Krautschick schnell ausgemacht: „Die heutigen Produzenten waren

früher alle Nerds, die Science-Fiction mochten“, sagt er. „Die sind

jetzt in dem Alter, wo sie Filme herstellen und ihre Lieblingsthemen

kombinieren können: Science und Fiction.“

Was Krautschick dabei jedoch stört, ist die Leichtgläubigkeit der

Zuschauer. „Das fing in den 1930er-Jahren an“, erklärt er. „Damals

dachten die Menschen, im Kino würde das ‚wahre Leben‘ gezeigt –

daran hat sich bis heute nicht viel geändert.“ Heute glaubten die Leute

durch parapsychologische Filme wie „Paranormal Activity“, sie könnten

Geisterjäger werden, durch Krimiserien wie „CSI“, Labortechniker

würden Waffen tragen, oder nach „Breaking Bad“, sie könnten

die Droge Crystal Meth herstellen – obwohl in der Serie immer ein

entscheidender Schritt im Herstellungsverfahren ausgelassen wurde.

Außerdem sei zum Beispiel bei „The Big Bang Theory“ das physikalische

Gedankenexperiment „Schrödingers Katze“ nicht korrekt

dargestellt worden und bei „Das A-Team – Der Film“ die Handlung in

Frankfurt am Main angesiedelt, obwohl im Hintergrund der Kölner

Dom zu sehen sei. „Darüber hinaus gibt es keine Maschine, die an-

N R . 1 • 2014 THEMA

7


7 Berater Dr. Pablo Hagemeyer von The

DOX mit „Bergdoktor“-Darsteller Hans Sigl.

6

C

Kohlenstoff

12,011

2

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19

SI

Silicium

28,086

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8

4

N R . 1 • 2014 THEMA

8

zeigt, ob man tot ist“, ergänzt Krautschicks Kollege Fabian Rudner.

„Im Film werden solche Apparaturen jedoch eingesetzt, um den Tod

mittels einer geraden Linie auf Bild- und Tonebene darzustellen.“

FILME INSPIRIEREN DIE WISSENSCHAFT

Allerdings können die zwei Lehrbeauftragten auch durchaus positive

Auswirkungen der fiktiven Darstellung von Wissenschaft erkennen.

So habe Jules Verne in „20.000 Meilen unter dem Meer“ schon im

19. Jahrhundert ein U-Boot oder in „Von der Erde zum Mond“ die

Reise zum Mond beschrieben. „Beides hat Wissenschaftler zum

Nachdenken angeregt, weil sie das in die Realität umsetzen wollten“,

unterstreicht Krautschick. Touchscreens sah man in „Minority

Report“, bevor sie in den Handel kamen, seit „Der Soldat James

Ryan“ gibt es neue Trainingskonzepte für Kriegsmanöver seitens der

US-Armee und seit „Minority Report“ mit der Hand in der Luft steuerbare

Computer. Generell sähen Computer heute überhaupt nur so

aus, wie sie aussehen, weil sie vor ihrer Existenz im Fernsehen so

dargestellt worden seien. „Wissenschaft beeinflusst Film und Film

die Wissenschaft“, fasst Krautschick zusammen.

Ob Wissenschaft im Film positiv oder negativ dargestellt wird, hängt

für die beiden Dozenten mit der politischen Lage zusammen. In Zeiten

des Kalten Kriegs galt sie wegen der Atombombe als schlecht,

nach dem 11. September 2001 plötzlich wieder als gut. „Dies zeigt

sich an den vielen Superhelden-Streifen wie ‚Spiderman‘, ‚Ironman‘

oder ‚Fantastic Four‘“, konkretisiert Rudner. Gerade in Krisenzeiten

wie jetzt seien Wissenschaftler besonders gefragt. „Diese sollen die

Krise – symbolisiert durch Monster – bekämpfen“, ergänzt Krautschick

und verweist auf den voraussichtlich im Mai 2014 startenden

Godzilla-Film. Um derartige Themen tiefgründiger zu erforschen,

ist an der LMU in Zukunft ein Masterstudiengang „Film“ geplant.

Für Geowissenschaftler ist das Filmgenre ebenfalls ein wachsendes

Feld, nicht nur in der Kulturgeografie, sondern auch in der Wirtschaftsgeografie

und in der Tourismusforschung. Der LMU-Professor

Gordon Winder aus Neuseeland untersucht beispielsweise, wie

Landschaften in Filmen dargestellt und genutzt werden. Zusammen

mit Studierenden versuchte er herauszufinden, an welchen Orten

„Der Herr der Ringe“ genau gedreht wurde und dabei insbesondere,

wie und für welche zusätzlichen Zwecke die fantastischen Filmlandschaften

genutzt wurden. Damit wollte der Wirtschaftsgeograf

analysieren, welche Rolle dieses Image in der regierungseigenen

„Brand Neuseeland“-Kampagne spielte. „Nachdem der neuseeländische

Kulturminister jede Gelegenheit zur Vermarktung nutzen

wollte, fiel uns dabei die Rolle des Promoters zu“, erzählt Winder.

Das Ergebnis: Die fantastischen Landschaftsbilder der Filme haben

die für Neuseeland typischen grasbewachsenen Hügel mit Schafen

in der Außendarstellung und Tourismuswerbung ersetzt. Die neueste

Kampagne im Zusammenhang mit dem Film „Der Hobbit“ gilt

als eine der erfolgreichsten in der Tourismuswerbung Neuseelands.

Dass die Destination Auckland in diesem Jahr vom Reiseführer Lonely

Planet in die Top Ten gewählt wurde, ist nicht zuletzt auch

darauf zurückzuführen. Gleichzeitig ist das neuseeländische Unternehmen

Weta zum zweitgrößten Animationsfilmproduzenten der

Welt gewachsen. „Dieses Beispiel steht für die erfolgreiche Verbindung

von Tourismusförderung und Projekten der Kulturindustrie“,

so Winder.

DER KLIMAWANDEL ALS KASSENSCHLAGER

So verwundert es nicht, wenn Geowissenschaftler für Produzenten

gefragte Ansprechpartner sind. „Gerade die Geophysik spielt eine

immer größere Rolle – nicht zuletzt wegen der globalen Erwärmung“,

betont Stuart Gilder vom Department of Earth and Environmental

Sciences der LMU. Dies unterstreichen auch Filme wie

„Volcano“, „The Core“, „The Day After Tomorrow“ oder das Tsunami-Drama

„The Impossible“. Zuletzt wurde sogar LMU-Dozent Dr.

Wilfried Hagg als wissenschaftlicher Berater für das Actiondrama

„Gletscherblut“ gehört. In dem ZDF-Streifen ging es um eine Gletscherexplosion

durch Schmelzwasser, wie sie tatsächlich 1892 am

Mont Blanc in den Alpen vorgekommen ist. Dr. Hagg sollte dabei

mehrere Versionen des Drehbuchs auf Plausibilität und die Effekte

auf Realitätsnähe prüfen. Anschließend gab er seine Kommentare

und Bedenken aus fachlicher Sicht ab. Manchmal rief auch die Autorin,

der Produzent oder Regisseur bei ihm an, bevor neue Drehbuchabschnitte

geschrieben wurden. „Meine Kritik wurde ernst genommen

und das Drehbuch deswegen auch mehrfach geändert“,

erinnert sich der Landschaftsökologe. Der Ehrlichkeit halber müsse

er aber gestehen, dass trotzdem mehrere extrem seltene Ereignisse

sehr stark gehäuft auftraten. „Aber sonst“, so Hagg, „wäre es wohl

kein Stoff für einen Film.“

■ dl


INTERVIEW MIT CHRISTOF DECKER

EINE FRAGE DER VERMITTLUNG

Professor Christof Decker ist außerplanmäßiger Professor für

Amerikanistik am Amerika-Institut der LMU. Zu seinen Forschungsgebieten

gehören kultur- und medienwissenschaftliche

Themen, Studien zur visuellen Kultur sowie die amerikanische

Literatur. Decker ist außerdem LMU-Vertrauensdozent der Fulbright

Kommission und Fakultätsreferent für „Internationalisierung

und Medien“.

MUM: Herr Professor Decker, nimmt Wissenschaft in Kino, Film

und Fernsehen eine größere Rolle ein als früher?

Decker: Zunächst einmal müssen wir uns die Frage stellen, von

welcher Wissenschaftlichkeit wir sprechen. Die Naturwissenschaften

werden häufig thematisiert, das hat eine lange Tradition. Es

gibt eigene Sendeformate, aber auch Figuren, die für naturwissenschaftliche

Forschung stehen. Der „Mad Scientist“, der sich zu einer

Art Schöpferfigur erhoben hat, ist ein altes Stereotyp aus Science

Fiction-Erzählungen. Wenn wir über Geisteswissenschaften reden,

befinden wir uns auf einer anderen Ebene. Für diesen Bereich kann

als Analogie in fiktionalen Formen das Verbrechen gelten. Geisteswissenschaftler

stecken in Detektivfiguren, die anhand von Spuren

versuchen, die Genese eines Tathergangs zu entschlüsseln – ein

hermeneutischer Prozess. Für beide Ebenen kann man von einer

Zunahme an Darstellungsformen sprechen.

MUM: Wie erklären Sie sich das gestiegene Interesse an wissenschaftlichen

Themen?

Decker: Dafür sehe ich zwei Gründe: Zum einen existiert in heutigen

Gesellschaften, die Erfahrungen immer stärker über Medien

vermittelt bekommen, ein unglaublicher Hunger nach Realitätsbezügen.

Das sieht man an der Zunahme von Spartensendern wie dem

Discovery Channel und erfolgreichen Dokumentarfilmen wie „Eine

unbequeme Wahrheit“ mit Al Gore, die naturwissenschaftlich argumentieren.

Zum anderen hat es im Bereich des Fernsehens eine

Zunahme an realistischen Erzählformen gegeben. Dabei versucht

man, fiktionale Szenarien authentischer und glaubhafter darzustellen.

Letzteres gilt allerdings stärker für den amerikanischen Kontext,

wo Serien wie „The Wire“ eine Art „goldenes Zeitalter“ des

Fernseherzählens eingeläutet haben.

MUM: Trotzdem entsprechen vermeintlich realistische Sendungen

häufig nicht der Realität. Welche Auswirkungen hat das auf

unsere Gesellschaft?

Decker: Man kann in Anlehnung an die US-Krimiserie mitunter von

einem „CSI-Effekt“ sprechen. Das heißt, dass eine aus bestimmten

Gründen besonders attraktive fiktive Repräsentation eines Vorgangs

so einflussreich wird, dass sie die Erwartungshaltungen an reale

Prozesse prägt – etwa im juristischen Bereich. Das kann problematisch

sein, weil es häufig nichts mit der tatsächlichen Praxis zu tun

hat. In dokumentarischen Beiträgen geht es hingegen – wie in der

Wissenschaft – weniger um absolute Wahrheit oder Wirklichkeitstreue

als um das Zusammenspiel von guter Argumentation und

überzeugenden Beweisen. Das sehe ich positiv.

MUM: Kann denn Wissenschaft überhaupt realistisch dargestellt

werden, ohne dass die Zuschauer abschalten?

Decker: Das ist eine zentrale Frage für die Vermittlung wissenschaftlicher

Erkenntnis. Was wir feststellen ist, dass sowohl Naturals

auch Geisteswissenschaften zum Teil so hochgradig spezialisiert

sind, dass sie selbst von Fachleuten nicht mehr nachvollzogen werden

können. Gleichzeitig stellt sich die Frage, wie weit die Popularisierung

des Wissens gehen sollte: Natürlich darf Wissenschaft nicht

so stark vereinfacht oder verfälscht werden, dass sie nicht mehr wiedererkennbar

ist. Aber dass man als Wissenschaftler sagt, komplexe

Prozesse sind nicht mehr vermittelbar, wäre eine Kapitulation. Man

sollte sich daher schon der Herausforderung stellen, komplizierte

Zusammenhänge auch für ein nicht vorgebildetes Publikum bar zu machen.

■ Interview: verstehdl

maraundderfeuerbringer.de

www.thedox.de

labcoatsinhollywood.com

larsrobertkrautschick.wordpress.com

bit.ly/Marvels_The_Avengers

www.diefilmgmbh.de/presse/ph_gletscherblut.pdf

N R . 1 • 2014 THEMA

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N R . 1 • 2014 ESSAY

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ESSAY

DER DEMOGRAFISCHE WANDEL UND DIE HOCHSCHULEN

AKADEMISIERT SCHRUMPFEN

Für die Hochschulen scheint die Rede vom demografischen Wandel derzeit etwas paradox: Die Nachwachsenden

werden weniger, aber die Studierenden mehr. Allerdings: nicht an jedem Ort und nicht in

jedem Studiengang. Denn der demografische Wandel verläuft regional selektiv und mit unterschiedlicher

Intensität.

1 Professor Peer Pasternack ist

Direktor des Instituts für Hochschulforschung

(HoF) an der Universität

Halle-Wittenberg. Der Sozialwissenschaftler

war unter anderem

Gründungsgeschäftsführer der

Leipziger Universitätsverlag GmbH,

Staatssekretär für Wissenschaft und

Forschung im Senat Berlins sowie

Forschungsdirektor des HoF. In seiner

Forschung befasst sich Pasternack

unter anderem mit den Themen

Hochschulorganisation und -reform,

Qualitätsentwicklung sowie Bildung

im demografischen Wandel.

Raumbezogen bewirkt der demografische Wandel

eine Polarisierung in demografische Schrumpfungsgebiete

einerseits und Wachstumszonen

bzw. -inseln andererseits. Die Bevölkerungsentwicklungen

korrespondieren mit den jeweiligen

wirtschaftlichen Situationen. In der Perspektive

der Regionalentwicklung ergeben sich so Prosperitätszonen

bzw. -inseln und Stagnations- bzw. Abschwungkorridore.

Manche Gegenden in Deutschland

sind mittlerweile so dünn besiedelt, dass sie

nach UN-Kriterien als unbewohnt gelten.

In den demografisch besonders herausgeforderten

Regionen gibt es eher kleine oder keine Hochschulen,

folglich auch keine hohe Studierendendichte.

Die hochschulinduzierte wissensintensive Dienstleistungsnachfrage

ist gedämpft, ebenso das derartige

Gründungsgeschehen. Außeruniversitäre

Forschung wird eher durch ausstellungsvorbereitende

Arbeiten des örtlichen Naturkundemuseums

repräsentiert als durch Max-Planck-Institute.

Verdichtungen von Hochtechnologieunternehmen

kommen nur ausnahmsweise vor. Dementsprechend

verhält es sich auch mit dem Konzentrationsgrad

an FuE-intensiver oder anderweitiger

Hochqualifikationsbeschäftigung. Die Informations-

und Medienwirtschaft beschränkt sich vornehmlich

auf lokale bzw. regionale Bedürfnisbefriedigung.

Das kulturelle Leben wird durch ein

traditional-bildungsbürgerliches Milieu dominiert

statt durch innovationsgeneigte Avantgardisten.

Ungebrochen hingegen ist der Drang in die Städte,

darunter insbesondere die großen. Damit ist

die für Hochschulen wichtigste Entwicklung benannt.

Während sich Fertilität und Mortalität, das

heißt vor allem das Ansteigen der Lebensalter,

überall ähnlich entwickeln, ist die Mobilität sehr

unterschiedlich: Studentische Zuwanderung in die

Städte geht einher mit Abwanderung aus ländlich

geprägten, am stärksten aus peripheren, das heißt

entwicklungsdefizitären Regionen.

In den Problemregionen stellen Hochschulen, da

öffentlich finanziert, die einzigen stabilen Einrichtungen

dar, die ihre Sitzregionen an die überregionalen

Kontaktschleifen des Wissens anschließen

und junge Leute mit gesteigerten Bildungsaspirationen

in der Region halten können. Sie sichern

damit die Resonanzfähigkeit der Regionen für wissensbasierte

Entwicklungen oder stellen diese her.

Sie sind dort ein zentrales Verödungshemmnis.

Auch heute schon macht den Hochschulen in diesen

Regionen Abwanderung zu schaffen, nämlich

in weniger nachgefragten Studiengängen, die zum

Teil mit Unterauslastungssituationen konfrontiert

sind. Insgesamt aber verteilen sich gegenwärtig

die Studierenden so, dass fast alle deutschen

Hochschulen im Durchschnitt ihrer Fächer gut

bis überausgelastet sind. Dabei handelt es sich

in vielen Regionen allerdings um Überlaufeffekte.

Sobald sich die Studiennachfrage nur ein wenig

entspannt, ist eines zu erwarten: Das traditionelle

(Im-)Mobilitätsverhalten der Studienanfänger wird

wieder zum Tragen kommen. Herkömmlich studieren

etwa 70 Prozent der Studierenden im 100-Kilometer-Umkreis

ihres Heimatortes, sobald sie dort

nur einen ihrer Wunschstudiengänge vorfinden.


Gesteigerte Heterogenität der Studierenden birgt erhöhte Studienabbruchrisiken.

Hier entsteht die Aufgabe, die Heterogenität zu

verarbeiten, ohne die Studienabbrecherzahlen steigen zu lassen.

Die Studienanfängerprognosen sowohl der Kultusministerkonferenz

(KMK) als auch des Centrums für Hochschulentwicklung (CHE) sagen

für die nächsten Jahre eine gewisse Entspannung der Studiennachfrage

voraus. Gab es 2012 bundesweit 493.500 Studienanfänger-

und -anfängerinnen, so werden für 2015 467.000 (KMK) bzw.

453.000 (CHE) prognostiziert, für 2020 449.500 (KMK) bzw. 425.000

(CHE). Damit besteht die Aussicht, dass sich in vielen Studiengängen

die Überlast reduzieren wird.

Der Rückgang der Studiennachfrage wird jedoch kaum die Großstadthochschulen

betreffen. Sie verfügen über eine ungebrochene

Anziehungskraft, weil sie in einer Großstadt sitzen. Das heißt zugleich:

Ihre Attraktivität resultiert weniger aus ihrer Leistungsstärke

– welche die Studienanfänger und -anfängerinnen in der Regel nicht

angemessen einschätzen können. Sie resultiert vielmehr aus dem

Image der Stadt, der richtige Ort für eine selbstbestimmte Lebensphase

zu sein. Etwas burschikos zugespitzt: Um diesen Standortvorteil

zu erhalten, müssen die Großstadthochschulen lediglich darauf

achten, dass ihr jeweiliges Hochschulimage das Stadtimage nicht

so dramatisch unterschreitet, dass es zu negativen Überlagerungseffekten

käme. Nachfrageprobleme jedenfalls sind für Großstadthochschulen

nicht zu erwarten, allenfalls eine gewisse Entspannung

der Überlast.

In einer anderen Hinsicht jedoch dürften auch die Hochschulen in

großen Städten den demografischen Wandel zu spüren bekommen:

Absehbar steigert sich die Heterogenität der Studierendenschaft.

Die Ursachen: Mobilität als einer der drei Faktoren der demografischen

Entwicklung ist nicht allein Binnenmobilität, sondern auch

Zuwanderung von außen. Eine entsprechende Veränderung der Bevölkerungszusammensetzung

vollzieht sich seit Jahrzehnten. Obwohl

es hier noch Handlungsbedarf gibt, erhöhen sich mittlerweile

in den zweiten und dritten Zuwanderergenerationen spürbar die

erworbenen Studienberechtigungen. Daneben gibt es demografische

Sekundäreffekte mit Auswirkungen auf die Hochschulen: die

Zunahme von Studierenden mit Kindern infolge der Pluralisierung

von Lebensentwürfen; der verstärkte Drang nach Hochschulbildung

im Alter als Ausdruck gesteigerter Teilhabewünsche der „jungen

Alten“; die zunehmende Zahl von Studierenden, die in familiäre

Pflegeaufgaben eingebunden sind; Rückkehrer aus dem Beruf an

die Hochschule, etwa für ein Masterstudium.

Eine konkurrierende Position dazu ist, dass die Studierendenzahlen

insgesamt zu hoch seien und auf ihre Reduzierung hingewirkt werden

müsse. Das drückt sich etwa in der populären Ansicht aus, ein

Drittel der Studierenden sei gar nicht studierfähig. Allerdings war

diese Meinung bereits im 19. Jahrhundert verbreitet. Damals besuchte

ein Prozent eines Altersjahrgangs (zwei Prozent der jungen

Männer, Frauen durften noch nicht studieren) eine Universität. Heute

sind es über 40 Prozent. Man wird daher vermuten können, dass die

Neigung verbreitet ist, jeweils das leistungsschwächste Drittel der

Studierenden als nicht studierfähig einzuschätzen.

Ob es zu viele Studierende gibt, wird man eher im Lichte wissensgesellschaftlicher

Entwicklungen betrachten müssen. Die Komplexität

der Berufsrollen nimmt zu. Es ist normal, im Berufsleben folgelastige

Entscheidungen treffen zu müssen, das heißt solche Entscheidungen,

die nicht nur für einen selbst, sondern für große Gruppen

von Menschen Wirkungen entfalten. Permanent sind im beruflichen

Handeln Normenkonflikte auszutragen, etwa zwischen Effektivität

und Nachhaltigkeit oder zwischen Haushaltsdisziplin und Sozialverträglichkeit.

Daher nimmt im beruflichen Alltag die Notwendigkeit

zu, Situationen jenseits der Routine zu bewältigen. Eine Kontaktinfektion

mit Wissenschaft gilt als Voraussetzung, um berufliche

Rollen ausfüllen zu können, für die Checklistenwissen nicht genügt.

Insofern sind wohl zwei Probleme zu trennen: der gesellschaftliche

Qualifikationsbedarf einerseits und die Eingangsvoraussetzungen,

mit denen Studienanfängerinnen und -anfänger von Familie und

Schule ausgestattet werden, andererseits. Der Qualifikationsbedarf

bildet sich darin ab, dass das Beschäftigungssystem seit Jahrzehnten

die steigenden Akademikeranteile absorbiert, ohne die Einkommensvorteile

der akademisch Ausgebildeten gegenüber Nichtakademikern

abzubauen. Marktökonomisch formuliert: Die Nachfrage passt

sich an das steigende Angebot an, aber nicht zu fallenden Preisen.

Die unzulängliche Vorbereitung auf ein Studium hingegen stellt

ein Problem dar, das nicht die Hochschulen lösen können, sondern

gesellschafts- und schulpolitisch zu bearbeiten ist. Die Lösung zu

unterlassen, würde gerade in der demografischen Schrumpfungssituation,

in der sich Deutschland befindet, auf eine Absenkung des

durchschnittlichen Qualifikationsniveaus der Bevölkerung hinauslaufen.

Getestet worden ist so etwas noch nicht. Einen entsprechenden

gesellschaftlichen Großversuch zu starten hat bislang kein Land

unternommen (abgesehen von Kambodscha unter den Roten Khmer

mit der Massenliquidierung seiner Akademiker). Ob sich Deutschland

diesen ergebnisungewissen Test leisten sollte, mag hier als

offene Frage diese Wortmeldung beschließen.

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UNFALLFORSCHUNG AN DER LMU

VERKEHRSTOD VERHINDERN

Die Unfallforscher um Dr. Wolfram Hell vom Institut für Rechtsmedizin

der LMU und Professor Hans Bäumler von der Hochschule

München versuchen mit ihrer Arbeit, tödliche Crashs zu

verhindern. Dafür analysieren sie bereits geschehene Verkehrsunfälle.

Die Ergebnisse dienen unter anderem zur Optimierung

von Sicherheitssystemen. Allerdings rennen sie damit nicht immer

offene Türen ein.

Unbekümmert fährt der Lkw-Fahrer seinen Kipplaster auf die Vorfahrtsstraße

und bleibt Sekunden später mit dem 16 Tonnen schweren

Gefährt stehen – mit Blick in die Richtung, aus der er eben gekommen

ist: Denn der Lastwagen hat sich durch die Aufprallwucht

des mit Tempo 70 ankommenden Kleinwagens um 180 Grad gedreht.

Dessen Insassen: eine Mutter und ein älteres Kind auf Fahrer- und

Beifahrersitz, ein 24 Monate altes Kleinkind im Kindersitz auf der

Rückbank. Die gute Nachricht: Alle drei haben überlebt – trotz extremer

Deformation des Fahrzeugs erlitten die Insassen in der vorderen

Fahrgastzelle sogar „nur“ mittlere bis leichte Verletzungen. Die

schlechte Nachricht: Das Kleinkind ist querschnittsgelähmt, obwohl

der Fond des Autos kaum Beschädigungen aufweist. „Das Problem

war der achtzehn Jahre alte Kindersitz mit viel zu lockeren Gurten“,

sagt der Mediziner und Unfallforscher Dr. Wolfram Hell, der unter

anderem die Stiftung Warentest im Bereich Kindersicherheit unterstützt:

Der kleine Junge sei schlicht und ergreifend nicht ausreichend

gesichert gewesen.

Professionell schlicht und wenig ergreifend schildert der Leiter der

Medizinisch Biomechanischen Unfallanalyse (MBU) am Institut für

Rechtsmedizin der LMU dieses als eines von vielen Beispielen, mit

denen er täglich zu tun hat – mit einem Unterschied: In der Regel

haben die Beteiligten der Unfälle, die er und sein Team untersuchen,

nicht überlebt.

UNFALLANALYSE INTERDISZIPLINÄR

Im Unfallforschungs- oder kurz „Ufo-Labor“ im zweiten Stock der

Rechtsmedizin in der Nußbaumstraße arbeiten die Doktoranden

und Diplomanden von Professor Hans Bäumler aus dem Bereich

Fahrzeugtechnik von der Hochschule München, der zusammen mit

Wolfram Hell die medizinisch-biomechanischen Analysen durchführt.

Das heißt, die Forscher fokussieren sich gleichsam interdiszip-

linär auf alle Kausalitäten, die zu einem Crash geführt haben, indem

sie Unfallkraftwagen auf Beschädigungen, technische Mängel und

gleichzeitig auch die tödlich Verunglückten mittels Obduktion, sofern

diese angeordnet wird, auf Grad und Art der Verletzung sowie

den Zustand des Fahrers beim Unfall hin untersuchen.

Dabei widmen sich die Teammitglieder ganz unterschiedlichen Projekten:

Doktorand Klaus Bauer etwa simuliert Fahrradunfälle und

Diplomand Florian Plöchinger beschäftigt sich mit Abbiegeunfällen.

Die Daten von tödlichen Verkehrsunfällen und deren Opfern – von

ihnen landen jährlich rund 150 auf den Obduktionstischen im Untergeschoss

des Gebäudes – führt Doktorand Michael Rasch in der

sogenannten Sicherheits-Unfall-Datenbank, kurz SUD, zusammen:

„Wir haben einige Jahrgänge mittlerweile lückenlos erfasst“, erklärt

er. Ob Unfallhergang, Wetterbedingungen, technischer Zustand des

Pkw, Zustand des Fahrers sowie die Verletzungen, die zum Tode

führten – alle relevanten Daten werden in der SUD präzise abgebildet.

Da ist die bei Tempo 200 gebrochene Karbon-Keramik-Bremsscheibe

des teuren Sportschlittens genauso dokumentiert wie der

Herzinfarkt eines Unfallfahrers, die verstopfte Bremsleitung ebenso

wie der Blutalkoholgehalt eines Rasers und die weit überhöhte Geschwindigkeit

seines schleudernden Wagens, den eine Hauswand

schließlich stoppte.

„Wenn wir technische Mängel bei bestimmten Fahrzeugtypen als

unfallkausal erkannt haben“, erläutert Wolfram Hell, „dann geben

wir das an die Überwachungsvereine weiter. Denn dass etwa eine

Bremsleitung nach und nach verstopfen kann, weil bei der Herstellung

billigste Materialien verbaut wurden, ist bei der regelmäßigen

Hauptuntersuchung nicht unbedingt festzustellen.“ Die Münchener

Unfallforscher haben deswegen auch die Firma Fahrzeugsystemdaten

Technik GmbH (FSD) in Dresden als Partner. Zu ihr gehören

alle technischen Überwachungsvereine Deutschlands. Die Vorgaben

der FSD müssen bei Kfz-Untersuchungen berücksichtigt werden.

WICHTIGE ARGUMENTATIONSGRUNDLAGE

Die meisten Unfälle werden aber nicht durch die Technik verursacht.

In 70 bis 80 Prozent ist der Mensch selbst schuld: Alkohol und zu

hohe Geschwindigkeiten sind die häufigsten Ursachen für tödliche

Unfälle. Aber auch Crashs aus medizinischen Gründen steigen.


Wolfram Hell: „Bei 39 Prozent der über 65-jährigen Männer sind

akute gesundheitliche Probleme der Grund für tödliche Unfälle –

zum Beispiel durch einen Herzanfall während der Fahrt.“

Alle diese Daten erfasst die SUD, die sukzessive erweitert wird.

Das macht sie nicht nur zu einem wichtigen Hilfsmittel für TÜV

und Co. Sie ist zudem eine unverzichtbare Argumentationshilfe vor

allem gegenüber der Autoindustrie, ihre Produkte noch sicherer zu

machen – ganz gleich, ob das die Fahrzeugstruktur oder hilfreiche

Assistenzsysteme betrifft, die etwa den Ausfall des Fahrers durch

Kollaps erkennen, das Auto abbremsen und am Straßenrand zum

Stehen bringen. „Obwohl die Pkw natürlich schon sehr viel besser

und sicherer geworden sind, gibt es immer noch viel Potenzial. Hier

ist manchmal leider viel Überzeugungsarbeit nötig“, sagt Wolfram

Hell. „Sicherheitsmaßnahmen oder -nachbesserungen sind kostspielig

und mitunter schwer zu vermitteln.“ Auch ein gut verlaufener

Crashtest, der natürlich schon sehr aussagekräftig sei, reiche

nicht, weiß der Mediziner. „Denn so traurig es auch ist: Man sieht

die Optimierungspotenziale nur, wenn man die Unfälle analysiert

und die richtigen Schlüsse daraus zieht.“

Dass er sich mit seinen Forschungsergebnissen und den daraus

resultierenden Forderungen nicht immer Freunde bei der Autoindustrie

macht, das Risiko geht der 54-Jährige, der auch Mitglied im

Deutschen Verkehrssicherheitsrat ist, gerne ein: „Wir forschen hier

nicht zum Selbstzweck oder für die Bibliothek. Wir wollen etwas

verbessern, wir wollen Menschenleben retten.“

SICHERHEIT GERNE – WENN SIE NICHTS KOSTET

Regelrecht ungehalten macht ihn allerdings die Verweigerung einiger

Lkw-Hersteller, ihre Fahrzeuge zum Beispiel mit technisch

seit Jahren realisierbaren Abbiegeassistenten auszustatten. Denn

Unfälle, bei denen der Radfahrer auf dem Radweg vom Fahrer des

rechts abbiegenden Lkw nicht gesehen und überrollt wird, gehören

schon zu den Klassikern: „Es vergeht kaum ein Monat, wo unten“,

Hell deutet in Richtung der Obduktionsräume, „nicht jemand liegt,

der auf diese Art und Weise umgekommen ist. Denn die Überlebenschancen

für die Radfahrer sind hier gleich null.“

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1 Mittlerweile ein „Klassiker“ unter den tödlichen Verkehrsunfällen:

Der Abbiegeunfall von Lkw und Radfahrer in der Computersimulation.

1 Der Fahrradfahrer wird vom Lkw-Fahrer kaum gesehen. Abbiegeassistenten

könnten Abhilfe schaffen und Menschenleben retten.


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Fakt ist, dass Lkw-Fahrer trotz neuer Spiegel, die den toten Winkel

besser einsehbar machen sollen, den rechts passierenden Radfahrer

nur Bruchteile von Sekunden wahrnehmen – wenn sie sich nicht

gerade anderweitig konzentrieren müssen. Außerdem: „Die Spezialspiegel

helfen wenig, sie verzerren meistens, was eine Entfernungsschätzung

schwer macht“, sagt Diplomand Florian Plöchinger, während

er mit einem speziellen Computerprogramm einen typischen

Abbiegeunfall simuliert. Das Programm ermöglicht auch einen Blick

aus der Fahrerkabine. Und tatsächlich: Nur ganz kurz erscheint der

Radfahrer in den immerhin drei Spiegeln, von der Kollision selbst

bekommt der Lkw-Fahrer gar nichts mit. „Ein Abbiegeassistent, der

mithilfe von Kameras und Alarm warnt, würde hier sehr helfen“,

sagt Wolfram Hell. Jüngst war er mit diesem Anliegen bei einem

Lkw-Zulieferer; dort hieß es lapidar: „Ist kein Markt. Viel zu geringe

Stückzahlen.“

Dass es auch anders geht, zeigt die Baumaschinenindustrie: Hier

müssen mittlerweile Kamerasysteme eingebaut werden, die verhindern,

dass Baufahrzeuge, etwa beim Zurücksetzen, Menschen

überrollen. „Zusammen mit den Überwachungsvereinen und den

Berufsgenossenschaften wollen wir das bei den Lkw-Herstellern

auch durchsetzen“, betont Hell.

BESSER MIT HELM

Einen Abbiegeunfall überlebt der Radfahrer in der Regel nicht. Da

nützt auch ein Helm nichts. Dennoch kann er Leben retten, weiß

Klaus Bauer. Der Doktorand hat ein Programm entwickelt, mit dem

er Fahrradstürze auf Basis von Realunfällen simulieren und genau

analysieren kann – herunterskaliert bis auf die kleinste verletzte

Schädelregion. Dazu nutzt er das sogenannte Straßburger Kopfmodell,

das den menschlichen Schädel in 65.000 Teile zerlegt. „Damit

lassen sich viel bessere Erkenntnisse über die Verletzung erzielen“,

erklärt Bauer, der selbst begeisterter Fahrrad- und Motorradfahrer

ist. „Von verletzten Fahrradfahrern hatten über 50 Prozent Kopfverletzungen

und 70 Prozent davon sind daran gestorben“, erläutert

Bauer seine Untersuchungen. Mit Helm hätte dies in vielen Fällen

verhindert werden können. Und noch eine Entdeckung hat Bauer

gemacht: „Ältere Menschen halten bei Kopfverletzungen viel weniger

aus als Jüngere.“ Ein interessanter Aspekt bei der Debatte um

die Einführung der Helmpflicht – vor allem vor dem Hintergrund des

Siegeszugs der sehr schnellen und vor allem bei älteren Menschen

beliebten Pedelecs.

Die Arbeit der Unfallforscher von LMU und Hochschule hat nicht

nur einen extrem hohen Anwendungsbezug – sie ist auch von volkswirtschaftlichem

Nutzen, wie Dr. Wolfram Hell betont. Er selbst

mag diesen Vergleich nicht besonders, weiß aber, dass so etwas

politische Entscheidungsträger beeindrucken kann: „Ein einziger

Unfalltoter bedeutet einen volkswirtschaftlichen Schaden von ein

bis drei Millionen Euro. Es gehen also in Deutschland jährlich rund

vier bis acht Milliarden Euro verloren.“ Unverständlich daher für

ihn, dass die Verletzungsprävention bei den Gesundheitsausgaben

weit hinter Krebs- sowie Herz- und Kreislauferkrankungen rangiert.

„Wir brauchen die Unfallforschung. Wir können das im Labor nicht

nachstellen.“

■ cg


Schnelle und wirkungsvolle Förderung von Forschung und

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PROFESSOR LORENZ ERHÄLT DEN ARS-LEGENDI-PREIS

LEHRE MIT SPASS UND STRUKTUR

Das Jurastudium an sich steht nicht in dem Ruf, besonders unterhaltsam zu sein. Bei Lehrenden wie

Professor Stephan Lorenz, Inhaber des Lehrstuhls für Bürgerliches Recht, Internationales Privatrecht

und Rechtsvergleichung an der LMU, sieht das anders aus – nicht nur wegen der plakativen

Fälle, die er in seinen Vorlesungen zuweilen zitiert. Für seine exzellente Hochschullehre erhielt

er im November den Ars-legendi-Preis 2013.

„Ich weiß nicht, ob Sie heute Morgen physisch, psychisch und intellektuell

schon in der Lage waren, Zeitung zu lesen“, beginnt Stephan

Lorenz seine Grundkursvorlesung Zivilrecht. „Ich schon – und bin

umgefallen vor Lachen.“ Per Folie zeigt er den entsprechenden Artikel:

Ein grimmig dreinschauender polnischer Abgeordneter will

einen im 16. Jahrhundert gewährten Kredit, damals in Golddukaten

gewährt, nun von der spanischen Regierung zurückfordern. „Zivilrechtliche

Ansprüche verjähren nicht“, wird der Mann zitiert. Professor

Lorenz kann das Lachen jetzt wirklich nicht mehr zurückhalten

und erklärt den rund dreihundert Studierenden: „Ich hoffe, Sie

wissen seit gestern, dass das anders ist: Zivilrechtliche Ansprüche

verjähren in drei Jahren.“ Kaum jemand in seiner Vorlesung zum

Thema Schuldrecht dürfte diese Frist jemals vergessen – und das

auch dank eines unterhaltsamen Beispiels.

„Ich will den Studierenden klar machen: Alles ist Jura“, sagt Professor

Lorenz anderntags in seinem lichten Büro an der Veterinärstraße.

„Der ‚Tatort‘, der Artikel in der Zeitung, der Koalitionsvertrag

bei der Regierungsbildung.“ Tagesaktuelle Beispiele, die zum Stoff

passen, bringt er deshalb direkt mit in die Vorlesung und ordnet sie

für die Studierenden ein; später können sie das Erlernte mit den

umfangreichen, sorgfältig geordneten Materialien auf seiner Internetseite

rekapitulieren – oder sich die Vorlesung per Podcast gleich

noch einmal anhören. Zwar sei er ein Verfechter der Präsenzlehre.

„Aber das Internet kann die Präsenzlehre unterstützen.“


EINE WÜRDIGUNG DER HOCHSCHULLEHRE

Für seine exzellente Lehre hat der Juraprofessor im November vergangenen

Jahres den „Ars-legendi-Preis 2013“ erhalten. Dieser wird

jährlich auf Vorschlag der Hochschulrektorenkonferenz vom Stifterverband

für die Deutsche Wissenschaft verliehen und würdigt die

Bedeutung der Lehre für die Heranbildung des akademischen Nachwuchses.

Nachdem der mit 50.000 Euro dotierte Preis bislang in

jährlich wechselnden Disziplinen vergeben worden war – zuvor etwa

an den LMU-Wirtschaftswissenschaftler Professor Joachim Winter

sowie den Mediziner und ehemaligen Vizepräsidenten der Universität,

Professor Reinhard Putz –, wurde er 2013 zum ersten Mal

für die Studieneingangsphase verliehen. „Professor Lorenz gelingt

es“, hieß es in der Begründung, „die Studienanfängerinnen und

-anfänger in den rechtswissenschaftlichen Einführungsvorlesungen

trotz der großen Teilnehmerzahlen für juristische Fragestellungen

zu begeistern.“ Für den Preis vorgeschlagen wurde Professor Lorenz

von seinen Studierenden; er teilt ihn mit Professor Manfred Hampe

von der TU Darmstadt.

„Gerade bei den Studienanfängern möchte ich den Gedanken erwecken:

Jura ist super“, erklärt Professor Lorenz. Humor sei bei dieser

Mission hilfreich. „Nicht nur, um die Leute wach zu halten, sondern

auch für den Memorisierungseffekt. Gerade in der Juristerei gilt: Je

grotesker ein Einzelfall, desto besser merkt man ihn sich. Und das

Leben an sich ist grotesk – da muss man ja nichts erfinden.“ Andererseits

sei eine Vorlesung „keine Harald-Schmidt-Show“. Die Studierenden

müssten auch frühzeitig den hohen Anspruch des Fachs

erkennen. Vom Stoff versucht Lorenz das Wichtigste herauszufiltern

und strukturiert zu vermitteln. „Das ist harte Arbeit und verlangt

eine sehr genaue Vorbereitung.“ Die Interaktion sei bei dreihundert

Studierenden natürlich schwieriger als in einem kleinen Seminar.

„Aber selbst in einer großen Vorlesung sieht man, wenn den Studierenden

Lichter aufgehen.“

1 Professor Lorenz will die Studierenden für Jura begeistern.

PODCASTS ZUR EXAMENSVORBEREITUNG

Als Erster an seiner Fakultät begann Lorenz, seine Vorlesungen aufzuzeichnen

und auf iTunes zur Verfügung zu stellen. „Einige Kollegen

haben gesagt: ,Bist du wahnsinnig!’“ Man spreche schließlich

nicht immer druckreif, sage am Ende etwas Falsches. „Aber dieser

Podcast war ein Bombenerfolg. Auch außerhalb unserer Uni.“ Den

schriftlichen Rezensionen auf iTunes zufolge nutzen ihn viele zur

Examensvorbereitung – indem sie sich vergangene Vorlesungen

auch ein zweites oder drittes Mal anhören. Zu sehen gibt es bei

den Podcasts nur die jeweils aufgelegten Folien plus Tonspur, nicht

aber Lorenz selbst: „Den Professor zu sehen hätte überhaupt keinen

Mehrwert.“

1 Seine Vorlesungen stellt Lorenz auch im Internet zur Verfügung.

Für sonderlich innovativ hält Lorenz seinen prämierten Lehrstil dabei

nicht; sein Ansatz sei „eigentlich ein konservativer“. Überzeugt

ist er jedoch von der Einheit von Forschung und Lehre. „Immer wieder

verhelfen mir die Vorlesungen auch zu neuen Denkanstößen für

die Forschung – selbst von Erstsemesterstudenten. Denn niemand

kann entlarvender fragen als ein Anfänger.“

■ ajb

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www.stifterverband.org

www.stephan-lorenz.de


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SCHÜLER ERFORSCHEN IHRE GLOBALISIERTE HEIMAT

SCHMELZTIEGEL DEGGENDORF

Wenn man an einen Schmelztiegel der Kulturen denkt, kommt man nicht gleich

auf Traunstein, Ruhpolding oder Deggendorf. Zu Unrecht, wie dort ansässige

Schüler in einem Kooperationsprojekt mit dem Institut für Bayerische Geschichte

zeigen: Ihre bayerischen Heimatorte sind von anderen Kulturen stark

mitgeprägt – sei es durch türkische Arbeitskräfte, russische Immigranten oder

Spitzensportler aus der ganzen Welt.

1 In den Fotoalben der ehemaligen „Gastarbeiter“

finden sich Erinnerungen an die nachtsfeste unter dem

Weih-

Atatürk-Porträt,...

Via Skype erzählt der türkische Großvater, wie das

vor 50 Jahren war, nach seiner Ankunft in Deutschland:

Wie er damals mit Dolmetscher zum Arzt

ging und sich beim Einkauf mit Händen und Füßen

verständigte oder wie sie im Ramadan zum Beten

ihre Maschinen verlassen durften... Der Enkel

sitzt im elterlichen Wohnzimmer in Deggendorf,

betrachtet seinen Großvater am Bildschirm und

übersetzt. Er selbst lebt in Deggendorf – der Opa,

der einst im Zuge der Gastarbeiteranwerbungen

nach Bayern kam, ist in die Heimat zurückgekehrt.

1 ...an den Alltag in der Textilfabrik...

7 ...und an erste Besuche in bayerischen

Supermärkten.

Zu sehen ist die Szene in einem Film der Klasse

10b des Robert-Koch-Gymnasiums Deggendorf. Es

geht um die Geschichte der sogenannten „Gastarbeiter“

in ihrem Ort, und die Gymnasiasten haben

allerhand Material zusammengesucht: Schwarz-

Weiß-Fotos von türkischen Arbeitern, die in den

1960er-Jahren am Münchener Hauptbahnhof ankamen;

Super-8-Filme vom ersten Oktoberfestbesuch

mit der nachgezogenen Familie; Gemälde,

Pfarrmatrikel, aber auch kurze Fernsehsequenzen.

Sie haben ehemalige Arbeiter interviewt, die bei

einer örtlichen Textilfirma anheuerten. Und Kabarettist

Django Asül, selbst „Gastarbeiter“-Sohn

und Deggendorfer Gymnasiast, erinnert sich an

Besuche in den Wohnbaracken.


ERINNERUNGEN AN DIE FLUCHT

Entstanden ist der Schülerfilm im Rahmen eines Projekts des Instituts

für Bayerische Geschichte der LMU mit dem Titel „Internationalisierung

vor Ort nach 1945. Menschen und Schauplätze“. Professor

Ferdinand Kramer, der am Historischen Seminar den Lehrstuhl für

Bayerische Geschichte und Vergleichende Landesgeschichte mit

besonderer Berücksichtigung der Neuzeit innehat, leitet das Projekt.

„Wir versuchen seit Jahren, die Außenvernetzungen Bayerns

und lokaler Lebenswelten stärker in den Blick zu nehmen“, erklärt

er. „Globalisierung bedeutet nicht nur vielfältige Beziehungen nach

außen, sondern auch Pluralisierung vor Ort.“ Dieser Aspekt des Phänomens

werde oft vernachlässigt. „Wir wollen Menschen dafür sensibilisieren,

dass das, was sie als ,ihr eigenes’ verstehen, oft Anteile

vieler anderer Kulturen hat.“ Dabei kooperiert man – auch wegen

des hohen Anteils an Lehramtsstudierenden – mit vier bayerischen

Schulen: An der Mittelschule Ruhpolding erforschte eine neunte

Klasse unter Anleitung von Wissenschaftlern und Lehrkräften das

Thema „Internationalisierung einer touristischen Region durch den

Breiten- und Spitzensport“; Achtklässler der Reiffenstuel-Realschule

Traunstein nahmen sich „Die Internationalisierung des Konsums“

vor; und im elften Jahrgang der Beruflichen Oberschule Traunstein

ging man den „Internationalen Bezügen in den Lebenswelten der

Schüler“ nach.

In ihren Elternhäusern, aber auch in der Nachbarschaft und örtlichen

Firmen suchten die Jugendlichen nach Quellen und Vernetzungen

und zeigten ihre Funde in zwei Schulausstellungen: Unter

Glas fanden sich dort Erinnerungsstücke wie eine kleine Geldbörse,

die eine rumänische Familie auf ihrer Flucht begleitet hatte, Kindertrachten

oder auch Musikinstrumente aus dem Wohnzimmer eines

Mitschülers mit albanischem Hintergrund.

„KLEINE METHODISCHE ENTDECKUNG“

In Workshops lernten die Jugendlichen, ihre Fundstücke wissenschaftlich

genau auszuzeichnen und Quellen nachzuweisen. Im

Umgang mit dem Migrantenthema war es den Historikern zudem

wichtig, die Schüler sprachlich zu sensibilisieren: „Wie viel Stereo-

1 Die Ausstellung warf etwa die Frage auf, „Warum erinnern keine Straßennamen

an die Heimat zugewanderter Arbeitskräfte?“

1 Unter Glas: Dinge, die die Familien einst beim Umzug bei sich hatten.

typ fließt in die Sprache ein, wie viel Klischee?“ Unterstützt, nicht

nur finanziell, wurde das Projekt von der Robert-Bosch-Stiftung, die

Schüler mit ihrer Denkwerk-Reihe frühzeitig an Universität und Fächerwahl

heranführen will; „Internationalisierung vor Ort“ ist bereits

die zweite Kooperation mit dem Institut. Weitere Projektpartner von

„Internationalisierung vor Ort“ sind das Institut für Europäische Ethnologie

der LMU mit Professor Irene Götz, das Archiv des Erzbistums

München und Freising sowie das Museumspädagogische Zentrum

München.

Der Film der Deggendorfer Gymnasiasten bescherte den Wissenschaftlern

auch eine von den Schülern angestoßene „kleine methodische

Entdeckung“, so Professor Kramer. „Zeitzeugeninterviews mit

Skype von Deggendorf aus mit den Großeltern der Schüler in Anatolien

zu führen – diese Methode fanden wir, gerade mit der Komponente

internationaler Vernetzung, schon sehr interessant.“ ■ ajb

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UMZUG DER TIERMEDIZIN NACH OBERSCHLEISSHEIM

VOM EISBACH AN DEN WÜRMKANAL

Die Tierärztliche Fakultät der LMU gehört zu den fünf veterinärmedizinischen Ausbildungsstätten Deutschlands und ist davon

die einzige im süddeutschen Raum. Derzeit verteilt sie sich auf verschiedene Standorte, wobei der Großteil der Gebäude in der

Königinstraße am Englischen Garten und in Oberschleißheim angesiedelt ist. Zukünftig soll die Fakultät komplett auf dem Campus

in Oberschleißheim zu Hause sein.

„Wo bitte geht es denn zum Englischen Garten?“

Diese Frage musste sich Professor Joachim Braun

so oft stellen lassen, dass er schließlich die Stadtverwaltung

bat, doch ein Schild aufzustellen. Die reagierte

darauf, markierte den Fußweg in die grüne

Lunge Münchens und die Fragen wurden seltener.

Dennoch wirken die Gebäude der Tierärztlichen

Fakultät, deren Dekan Joachim Braun ist, wie ein

undurchdringlicher Riegel zwischen dem bebauten

Schwabing und Münchens größtem Park. Allerdings

nicht mehr lange, denn die verbliebenen

Kliniken und Institute der Fakultät sollen in den

nächsten Jahren sukzessive nach Oberschleißheim

ziehen und Platz machen für das Gebäudeensemble

der Physik, das, zumindest auf dem

preisgekrönten Architektenentwurf, wesentlich

durchlässiger werden und dem Garten auch von

der Königinstraße her Geltung verschaffen soll.

Dessen Anlage begann 1789 unter der Ägide

Friedrich Ludwig Schkells – auch das Hoftor zur

Fakultät ist von ihm. Fast genauso lange sind auch

die Tierärzte hier beheimatet: Die „Thier-Arzney-

Schule“ wurde 1790 gegründet und nach mehreren

Umbenennungen 1914 als Fakultät

der LMU angegliedert. 2040 feiern die

Tierärzte den 250-jährigen Geburtstag

ihrer Einrichtung in München – für chim Braun eine Art „innere Deadline“

Joafür

die komplette Umsiedlung nach

Oberschleißheim. „Geschätzt wird die

Dauer des Umzugs derzeit auf 10 bis 20 Jahre, das

ist aber schon etwas optimistisch“, erklärt er.

ES IST ZU ENG

In Oberschleißheim – vor den nördlichen Toren

Münchens – sind bereits das Lehr- und Versuchsgut

der Fakultät, die Kliniken für Schweine bzw.

Wiederkäuer, für Vögel, Reptilien, Amphibien und

Zierfische sowie verschiedene Forschungseinrichtungen

angesiedelt. Die Umzüge begannen 1992,

weil am Standort Innenstadt kein Platz mehr war.

Als Nächstes steht der Bau eines Hörsaals mit Cafeteria

und der Umzug des Instituts für Infektionsmedizin

und Zoonosen (Mikrobiologie) auf dem

Programm. Die Bauarbeiten beginnen 2014, und

danach soll die Verlagerung sukzessive vonstattengehen.

Nicht nur der Platz am alten Standort ist begrenzt,

auch die Gebäude – in den 1950er-Jahren als

Zweckbauten entstanden – entsprechen längst

nicht mehr dem Design, das moderne veterinärmedizinische

Einrichtungen haben sollten. „Wir

haben zum Beispiel keine zentrale Patientenaufnahme,

keine zentrale Einrichtung für bildgebende

Verfahren und auch keine zentrale Intensivstation“,

sagt der Dekan der Fakultät. Zwar seien

die Gebäude am Englischen Garten in sehr gutem

Zustand und würden stetig auf den neuesten Stand

gebracht – erst jüngst wurden die Brandschutzeinrichtungen

komplett erneuert –, „auf längere Sicht

rechnet sich das aber sicherlich nicht“.


N

1 Der Siegerentwurf des Architektenbüros Bizer aus Stuttgart für den Campus

lässt viel Flexibilität. Ganz im Westen liegt das Versuchsgut der Fakultät,

daneben in Nord-Süd-Richtung die Kliniken, von denen die beiden oberen

– die Klinik für Vögel sowie die davon südlich liegende Klinik für Schweine

bzw. Wiederkäuer – bereits existieren. Nach Osten wird der Campus von den

Institutsgebäuden, einer baumbestandenen Allee sowie vielen Parkmöglichkeiten

abgegrenzt.

Auch potenzielle Neuberufungen hat Braun im Blick, wenn er auf die

in Schwabing sehr begrenzten Möglichkeiten hinweist, etwa Labore

mit neuen Techniken einzurichten: „Wir wollen Spitzenleute nach

München holen, und denen müssen wir auch eine entsprechende

Infrastruktur bieten.“ Und schließlich, erklärt er, sei die räumliche

Zusammenführung aller Kliniken und Institute auch im Sinne der

Vernetzung von theoretischer Forschung und ihrer klinischen Anwendung,

ohne die heute gar nichts mehr gehe.

PARKPLÄTZE SIND UNERLÄSSLICH

Der Entwurf des Architektenbüros Bizer aus Stuttgart habe diese

räumliche Zusammenführung in ihrem Modell am besten umgesetzt,

befand die Jury, die im Oktober 2013 die Entwürfe von 32

zum Wettbewerb zugelassenen Architekten begutachtet hat. Gefordert

war neben einem Entwurf für das Gebäude der Mikrobiologie

auch ein sogenannter städtebaulicher Ideenteil, der die Vereinigung

der gesamten Veterinärmedizin auf dem Campus Oberschleißheim

abbilden soll.

1.500 angehende Tierärztinnen und -ärzte werden an der Fakultät

ausgebildet, ebenso viele bewerben sich jährlich neu für die begehrten

Studienplätze – Tendenz steigend. Sie müssen zum Teil bereits

zwischen den Standorten pendeln – das sei zwar etwas umständlich,

dennoch würden die Studierenden viel Verständnis für die Situation

zeigen: „Sie sind eigentlich guter Dinge und sehen das eher positiv.

Schließlich sind die Gebäude in Oberschleißheim sehr modern und

bieten hervorragende Arbeitsbedingungen“, erklärt Braun.

Obwohl der Standort in Schwabing auf eine lange Tradition in der

Tierheilkunde zurückblickt, scheint hier niemand so richtig traurig,

wenn seine Tage am Englischen Garten schließlich gezählt sind und

zukünftig ein gemeinsamer Campus in der Metropolregion München

Nord das Know-how von Kliniken und Forschungseinrichtungen

bündelt.

■ cg

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„Ein wichtiger Vorteil des Siegerentwurfs“, sagt der Dekan der Fakultät,

„ist vor allem die Anordnung der Parkplätze. Die sind für eine

Dienstleistungseinrichtung wie die Tiermedizin unerlässlich.“ Die

Patienten und ihre Halter würden zumeist mit dem Auto kommen

und Oberschleißheim sei, im Gegensatz zu Schwabing und weiteren

Standorten wie dem Oberwiesenfeld, verkehrstechnisch sehr gut

erschlossen: Die Autobahn ist nicht weit, ebenso eine Bundesstraße.

Und auch der Flughafen sei gut erreichbar – mit Blick auf die zunehmend

internationalen Kunden der Tierkliniken ein weiterer wichtiger

Faktor. Zudem sei der Plan sehr variabel ausgestaltet, er ermögliche

die Verlagerung in Abschnitte, wie sie den Arbeitsabläufen in

der Fakultät am besten entsprächen. „Der Betrieb muss ja an allen

Standorten aufrechterhalten werden“, erläutert Professor Braun.

1 Der nächste „Campusbaustein“ ist der Neubau des Instituts für Infektionsmedizin

und Zoonosen (Mikrobiologie), der im kommenden Jahr starten soll.

Auch hier hatte der Bizer-Entwurf im Architektenwettbewerb die Nase vorn.

www.lmu.de/aktuelles/pdf/architekturwettbewerb.pdf


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„KINDER IM BLICK“

HILFE IN DER TRENNUNGSKRISE

Wenn Kinder im Spiel sind, wird eine Trennung kompliziert: Den Ex-Partner nicht

mehr sehen oder sprechen – das ist unmöglich, wenn man bereits eine Familie ist.

Aber notwendige Absprachen können sich in Streitigkeiten verlieren, während die

Kinder still vor sich hin leiden. Das an der LMU entwickelte Programm „Kinder im

Blick“ unterstützt Mütter und Väter in solchen Situationen und kann vernünftige

Wege durch die Trennung bahnen – zum Wohle des Nachwuchses.

Manche Kursteilnehmer sind frisch getrennt und

wollen typische Fehler von vornherein vermeiden.

Andere kommen, weil ein Familiengericht ihnen

den Besuch des bundesweit etablierten Kurses

auferlegt hat – nach juristischem Rosenkrieg über

Sorgerecht oder Unterhalt. Nach Möglichkeit

nehmen beide Eltern parallel, jedoch in verschiedenen

Kursen, teil. Was sie lernen, beruht auf

wissenschaftlichen Erkenntnissen, ist dabei aber

sehr praxisnah. Entwickelt wurde das „Kinder im

Blick“-Training bereits 2006 von Professor Sabine

Walper, Institut für Pädagogik der LMU, in Kooperation

mit dem Verein Familien-Notruf München.

„Wir wollen Eltern dafür sensibilisieren, was Kinder

in einer Trennungssituation brauchen“, erklärt

Sabine Walper, mittlerweile Forschungsdirektorin

am Deutschen Jugendinstitut und hierfür an der

LMU beurlaubt. „Und wir wollen ihnen dabei ganz

praktische Tipps an die Hand geben.“

Das Herzstück des Kurses sei es, den elterlichen

Rückhalt für die Kinder zu stärken. „Eine Gefahr

in Stresssituationen wie einer Trennung ist: Man

schaut nur dahin, wo es brennt“, so Sabine Walper.

„Verhält ein Kind sich also ruhig und kooperativ,

wird es mit seinen Sorgen oft nicht wahrgenommen.“

Gerade aber die Bedürfnisse und Bemühungen

der Kinder anzuerkennen, helfe ihnen wesentlich

bei der positiven Bewältigung der Trennung.

Professor Walper zufolge können Eltern in den

Kursen nicht nur ein feineres Gespür dafür entwickeln,

ob ihre Kinder gerade „an etwas knabbern“,

sondern auch ausprobieren, wie man das Kind in

solchen Situationen am besten unterstützt. Wirke

das Kind etwa nach dem Besuchswochenende bedrückt,

empfehle es sich, behutsam seine Gefühle

anzusprechen und auf diesem Weg das Problem

zur Sprache zu bringen. Sei wirklich klar, wo der

Schuh drückt, solle man das Kind vor allem zur

Selbsthilfe ermutigen, statt ihm eine Lösung aufzuzwingen.

„Emotionales Coaching“ nennt man

die Methode des amerikanischen Psychologen

John Gottman. Sehr hilfreich finden Eltern offenbar

auch die Tipps, wie sie die knappe Zeit mit

dem Kind, etwa an Besuchswochenenden, nutzen

können, um die Beziehung zu festigen. Dies lernen

die Eltern zum Beispiel beim „Beschreibenden

Lob“. Hat ein Kind etwas besonders schön

gemacht – den Tisch gedeckt oder ein Bild gemalt

–, wird es nicht nur knapp gelobt, sondern erhält

eine echte Rückmeldung: „Da ist ein kleines Haus,

und dort schlängelt sich ein wilder Fluss. Ich finde

es besonders schön, wie du die Farben ausgewählt

hast.“ Bei der Gestaltung dieser Übungen konnte

auf die Erfahrungen aus dem Elternkurs „Familienteam“

zurückgegriffen werden, den Dr. Johanna

Graf mit Professor Walper ebenfalls an der LMU

entwickelt hat, allerdings nicht speziell für Trennungsfamilien.


MERKZETTEL AUF DEM SCHOSS

Daneben lernen die Eltern, mehr auf sich selbst zu achten. Und auch

der direkte Umgang mit dem anderen Elternteil erhält in den sechs

Sitzungen, die stets von zwei psychologisch geschulten Kursleitern

geführt werden, viel Augenmerk: „Das Ergebnis langer Forschung

ist ganz klar“, so Sabine Walper. „An die veränderte Familienform

oder die neue Wohnsituation mit zwei Haushalten können Kinder

sich gewöhnen. Dauerhaft schädlich jedoch ist eine konfliktreiche

Beziehung der Eltern, in der sie ihre Ressentiments gegeneinander

nicht mehr verbergen können.“ Mit konkreten Methoden lernen

die Kursteilnehmer, Gespräche mit dem Ex-Partner in vernünftige

Bahnen zu leiten und unbedachte Äußerungen gegenüber dem Kind

zu vermeiden.

Gespräche mit dem Ex-Partner werden in Rollenspielen geübt. Damit

das Erlernte seinen Weg in den Familienalltag findet, gibt es

Betriebsanleitungen für daheim: Beim Telefonat mit dem anderen

Elternteil hat die Mutter – oder der Vater – einen Zettel mit Merksätzen

auf dem Schoß. „Ich konzentriere mich auf ein Anliegen“,

steht da etwa, um zu vermeiden, dass mehrere Dinge auf einmal

angesprochen werden. Aber – auch das sei ein wichtiges Signal

an die Eltern: Nicht alle Konflikte müssten unbedingt gelöst werden.

„In bestimmten Bereichen kann es für die Kinder besser sein,

wenn Mutter und Vater ihren eigenen Stiefel machen und damit

Reibungsflächen minimieren: Der eine kocht nun einmal vegetarisch

für die Kinder, der andere Schweinebraten.“ Manchmal sei es sogar

akzeptabel, wenn die Eltern eine Weile lang so wenig wie möglich

miteinander kommunizierten.

die Fähigkeit der Kinder, die Trennung zu bewältigen. Auch erste

Ergebnisse in Eliane Retz’ Dissertation deuten in diese Richtung.

Diesen zufolge bewerten selbst heillos zerstrittene Eltern, die von

Gerichten zu den Kursen geschickt werden und anfangs skeptisch

sind, ihn am Ende als sehr hilfreich. Auf der Internetseite von „Kinder

im Blick“ sind die Reaktionen einiger Teilnehmer nachzulesen:

„Seine Aggressionen gegenüber den Geschwistern haben nachgelassen“,

heißt es da über den Sohn, „Im Umgang mit meinem Ex bin

ich gelassener geworden“ oder einfach nur „Meine Tochter erzählt

mir mehr“.

■ ajb

?!?

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Bereits vor Jahren erhielt „Kinder im Blick“ den Präventionspreis

der Deutschen Liga für das Kind. Mittlerweile wurden allein in Bayern

rund 200 Kursleiter ausgebildet, die Liste der Anbieter in ganz

Deutschland wächst. Eliane Retz, die an der LMU die umfangreiche

Evaluierung des Elterntrainings koordiniert und sich in ihrer Dissertation

damit befasst, resümiert: „Es gibt in Deutschland nichts

Vergleichbares zu diesem strukturierten Gruppenangebot für getrennte

Eltern.“ Bisherige Analysen zeigten, dass sich durch die

Kurse nicht nur die Kommunikation der befragten Eltern mit dem

Ex-Partner und ihr Erziehungsverhalten verbesserten, sondern auch

www.kinderimblick.de

Ansprechpartnerin an der LMU ist Eliane Retz:

Tel. 089 / 2180-4896,

kinder-im-blick@edu.lmu.de


PRofiLE

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SERIE: SPORT IST IHR HOBBY

aKadEMischER abschLaG

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die jungen frauen, in Kragenshirts und beigen hosen, strahlen von ihrem Teamfoto: 2013 war ein gutes Jahr für die damenmannschaft

des Münchener Golfclubs e. V. Zu den Mannschaftstiteln als deutscher und, zum wiederholten Male, bayerischer

Meister kamen zahlreiche Einzelsiege. drei der Golfspielerinnen forschen beziehungsweise studieren an der LMU.

Vicki Troeltsch kam früh zum Golfen – sehr früh. „Mein Zwillingsbruder und ich wurden schon im Kinderwagen über den Platz

geschoben.“ Heute ist sie 22, LMU-Studentin der Pharmazie – und feierte auf dem vertrauten Terrain des Golfplatzes viele Erfolge:

Sie trägt Titel wie Deutsche und Bayerische Meisterin, war 2013 Mitglied des Golf-Nationalkaders, dazu kommen die jüngsten

Teamsiege mit der Damenmannschaft des Münchener Golfclubs. „Es ist einfach toll, zusammen auf Turnieren unterwegs zu sein“,

erzählt sie. „Unsere ganze Mannschaft versteht sich sehr gut.“ Im Hinblick auf die elitäre Aura, die dem Golfsport manchmal

anhängt, betont sie: „Wir sind alle keine Schickimickis, sondern ganz normal.“

Studium, Spitzensport und zudem das Privatleben zu vereinbaren – das verlange gutes Zeitmanagement und Organisation. Das

Training muss Vicki Troeltsch um jedes neue Semester herumplanen; jetzt im Winter geht es nach den Vorlesungen meist in

die Golfhalle. Aber trotz des engen Pensums, das ihr der Sport beschert, helfen die Erfahrungen vom Court in gewisser Weise

an der Uni. „Wenn ich vor einer Klausur aufgeregt bin, benutze ich Atemtechniken wie vor dem Abschlag: Durchatmen,

Augen zu. Und mir selbst ein bisschen gut zureden.“

Beim Golfen sei der Erfolg aber immer auch von der körperlichen Verfassung abhängig – und ein wenig Glückssache.

Beruflich sieht Vicki Troeltsch ihre Zukunft daher nicht im Profisport, sondern in der Pharmazie. „Zurzeit interessiert

mich besonders die Klinik. Eine Hälfte meines Praktischen Jahres werde ich deshalb in der klinischen Forschung in

Florida verbringen.“

„nUR noch fREiZEiT Und ERhoLUnG“

In einem anderen Bereich des Universitätsklinikums arbeitet ihre Mannschaftskollegin vom Münchener Golfclub,

Julia von Rohrscheidt. Die 29-Jährige promoviert am Institut für Immunologie der LMU – und spielt nebenbei

erfolgreich Golf. Den einstigen Ansporn, überhaupt mit diesem Sport anzufangen, brachte ein ganz anderes

Hobby: das Reiten. „Meine Schwestern und ich waren pferdebegeistert, aber mein Vater brauchte

jemanden, der mit ihm über den Golfplatz geht.“ Schlankerhand versprach er ein eigenes Pferd, falls sie

ein bestimmtes Handicap erreichen sollte. „Plötzlich waren wir Feuer und Flamme. Und als wir das

Handicap dann erreicht haben, wollten wir nicht mehr reiten, sondern nur noch Golf spielen.“ Doch

trotz aller Begeisterung: „An der Schule und später im Studium, erzählte ich kaum jemandem,

dass ich Golf spiele – wegen des Images.“ Mittlerweile, glaubt sie, wandelten sich die Zeiten,

und Golfen werde immer mehr zum Breitensport.

Neben den Mannschaftserfolgen konnte Julia von Rohrscheidt in diesem Jahr die ersten

Plätze bei der Bayerischen Meisterschaft sowie der Offenen Bayerischen Meisterschaft

für sich verbuchen. „Mit so einer Saison kann man gut abschließen.“ Denn

nächstes Jahr geht es in die Endphase ihrer Promotion über die Differen-


zierung des Thymus-Epithels. „Dann werde ich nicht mehr für viel

anderes Zeit haben.“ Schon jetzt ist der Sport für sie in den Hintergrund

gerückt. „Früher war ich im Sport erfolgsgetriebener, jetzt

bedeutet er eher Freizeit und Erholung für mich. Sobald ich auf den

Golfplatz komme, bin ich total entspannt, sehe nur noch die Natur

und den nächsten Abschlag.“ Beim Training in Straßlach scheint

sie nur noch ein- bis zweimal die Woche auf, wie sie einräumt, und

nimmt den Schläger vor allem für Turniere in die Hand. „Gut, dass

ich früher sehr viel trainiert habe – davon zehre ich wahrscheinlich

immer noch.“

1 Erfolgreich auf dem Golfplatz und an der Uni: Jessica Lindlau...

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Den fortdauernden Erfolg im Golfsport schreibt sie auch der Unterstützung

ihres Professors Ludger Klein zu. „Wegen Turnieren

bin ich zum Beispiel freitags öfter mal weg – oder gleich eine halbe

Woche lang. Dass ich meinen Urlaub dazu auf viele Tage übers Jahr

verteilen kann, ist von unschätzbarem Wert. “

Masterarbeit und Mannschaftssiege

Ihre Mannschaftskollegin Jessica Lindlau kennt diese Terminnöte:

Vergangenen Sommer gab sie in der Woche zwischen Bayerischem

Mannschaftspokal und Deutscher Mannschaftsmeisterschaft einmal

eben ihre Masterarbeit im Bereich Nanophysik ab. „Das war nicht

einfach“, resümiert die 25-Jährige. Mittlerweile promoviert sie in

der Nano-Photonics-Gruppe von Juniorprofessor Alexander Högele.

„Im Experiment betreiben wir Spektroskopie an Nanostrukturen

– und charakterisieren dabei neue Materialien.“ Im Reinraum

präpariert sie mit ihren Kollegen die Proben, um sie anschließend

im Labor Tieftemperaturen von minus 270 Grad Celsius auszusetzen.

Die Veränderungen werden mit einem speziellen Mikroskop

betrachtet, dessen Signale über ein Spektrometer auf den Computer

gelangen. Je nachdem, wie die Experimente verlaufen, verfolge man

unterschiedliche Richtungen. „Diese Forschung ist ein dynamischer

Prozess – und unheimlich spannend.“ Aber auch der Golfsport sei

ihr nach wie vor wichtig – und zudem ein guter Ausgleich. „Nach

einer Runde auf dem Platz ist man wieder frisch im Kopf und kann

sich voll auf die Forschung konzentrieren.“

■ ajb

1 ...sowie ihre Mannschaftskolleginnen Julia von Rohrscheidt...

5 ...und Vicki Troeltsch.


E B E

Evidence-Based Economics

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NEUES INTERNATIONALES DOKTORANDENKOLLEG

VERBINDUNG VON EMPIRIE UND THEORIE

Das Internationale Doktorandenkolleg Evidence-Based Economics

(EBE), das im Rahmen des Elitenetzwerks Bayern an der

Munich Graduate School of Economics eingerichtet wurde, hat

sich der Verbindung von Empirie und Theorie verschrieben. Nur

so kann man die wirtschaftlichen Herausforderungen der Zukunft

in ihrer Gänze verstehen.

Eine der ersten Handlungen von Daniel Wissmann,

Anastasia Driva und den anderen acht Doktoranden

in München war, gemeinsam zu überlegen,

wie sie ihre neuen Büros ein wenig schöner gestalten

können. So haben sie bei eBay-Kleinanzeigen

Dekorationsmaterial gefunden, unter anderem ein

Sofa, das die jungen Leute schließlich gemeinsam

in der U-Bahn transportiert haben: Zu sehen, ob

und wie Dinge funktionieren, treibt sie an – nicht

nur bei der Verschönerung ihrer Büros.

In ihrem Fachgebiet, der Volkswirtschaftslehre,

befassen sie sich mit Fragestellungen, die sich

dem Funktionieren oder eben Nicht-Funktionieren

wirtschaftlicher Prozesse oder Programme

widmen: Das Internationale Doktorandenkolleg

Evidence-Based Economics folgt dabei einem

Trend, der in den Wirtschaftswissenschaften immer

populärer wird: die Verbindung von Feldexperimenten,

die in realen Umfeldern stattfinden, mit

Modellen, die ökonomische Phänomene von der

theoretischen Warte zu beschreiben versuchen.

Co-Koordinator Professor Florian Englmaier erläutert

das an einem Beispiel: „Wir kennen das

Prinzip der Mikrokredite in den Entwicklungsländern.

Es gibt dort aber auch einen Markt für Mikroversicherungen.

Denn dass sehr kleine Risiken

bedrohlich sein können, vor allem für Menschen,

die sich eine kleine Existenz aufgebaut haben,

liegt auf der Hand.“ Feldstudien, sagt Englmaier,

hätten nun ergeben, dass die Einführung dieser

Versicherungen nicht so funktioniert, wie man

sich das vorstellt. „Die Frage ist nun, warum das

so ist.“ Eine Antwort darauf versucht etwa die

Munich Re Stiftung zu finden, die weltweit ein

Netzwerk aus Versicherungsunternehmen und

Nichtregierungsorganisationen koordiniert, die

genau daran arbeiten. Die Stiftung ist einer der

Partner der EBE-Graduiertenschule und erhofft

sich von den herausragenden Doktoranden eine

kritische Masse bei der Beantwortung dieser und

ähnlicher Fragen.

METHODIK IM MITTELPUNKT

Die zehn Doktoranden der ersten Kohorte – fünf

Frauen und fünf Männer – sind von Hochschulen

aus der ganzen Welt nach München gekommen.

Sie haben unterschiedliche wirtschaftswissenschaftliche

Backgrounds. Anastasia Driva aus

Athen zum Beispiel hat an der Universität Nottingham

und am University College in London

studiert. Ihr Forschungsschwerpunkt liegt im Bereich

der Gesundheitsökonomie: „Es ist ein sehr

interessantes und zugleich wenig erforschtes und

breites Feld“, sagt sie. In ihrer Masterarbeit hat

sich Driva dabei auf Indien fokussiert, das wie viele

andere Entwicklungsländer ein großes Potenzial

für Forschung im Bereich der Gesundheitsökonomie

biete. Die 22-Jährige, die vor allem durch einen

Studienkollegen und LMU-Alumnus in London

auf das IDK EBE aufmerksam wurde, möchte sich

aber noch nicht festlegen. Sie findet gerade gut,

dass das Doktorandenkolleg so angelegt ist, dass

im ersten Jahr ein Blick in viele unterschiedliche

Bereiche der Wirtschaftswissenschaften eröffnet

wird. Diese Struktur, dieses „über-den-Tellerrandhinausschauen“,

– habe den Ausschlag für ihre Entscheidung

gegeben, nach München zu kommen.

„Der große Vorteil am EBE im Vergleich zu einem

klassischen Graduiertenkolleg ist, dass wir

keine Forschungsfrage in den Mittelpunkt stellen,


an der sich alle Promotionen ausrichten müssen“, sagt der Dekan

der Volkswirtschaftlichen Fakultät und EBE-Koordinator, Professor

Joachim Winter. „Der Markenkern unseres Kollegs ist ein methodischer,

weil wir denken, dass die Anwendung evidenzbasierter

Methoden in allen Teilfeldern der Ökonomie von Relevanz ist.“

Dabei fußt das Kolleg auf einer soliden wissenschaftlichen Basis:

Nicht nur sind Partner aus der Wirtschaft oder Organisationen mit

an Bord; auch die Universitäten von Regensburg und Erlangen-

Nürnberg sind mit der Expertise einiger Lehrstühle daran beteiligt.

Ziel des IDK EBE ist es, dass die Doktoranden in ihrem späteren

Berufsalltag evidenzbasierte Methoden um- und einsetzen können.

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GUTES FUNDAMENT FÜR DIE ZUKUNFT

Mit Anwendungsbezug hat Daniel Wissmann schon Erfahrungen

gesammelt. Der 30-Jährige, der zusammen mit Anastasia Driva zu

den „student representatives“ des Kollegs gewählt worden ist, hat

während seines Studiums, das ihn von der Universität Tübingen

an die Brown University, die Harvard University und an die Barcelona

Graduate School of Economics führte, als Analyst im Consultingbereich

gearbeitet. Ihn reizt an dem Kolleg die Verbindung der

theoretischen Ebene, die bisher meist einen rational handelnden

Menschen voraussetze, mit der empirischen Herangehensweise, die

oftmals genau das Gegenteil an den Tag bringe.

Welche Richtung die beiden Doktoranden nach Ende des Graduiertenkollegs

einschlagen, ob sie in der Forschung, bei einer großen

Organisation oder in einem Unternehmen arbeiten werden, wissen

sie noch nicht genau. Sicher sei, sagt Anastasia Driva, dass „wir

nach Abschluss des Kollegs ein solides wissenschaftliches Fundament

haben werden, das uns ermöglicht, in vielen Bereichen Fuß zu

fassen“. Daniel Wissmann möchte vor allem „ein gut ausgebildeter

Wirtschaftswissenschaftler sein, der eine Vielzahl von Fragestellungen

mit modernen empirischen Methoden anzugehen weiß“. ■ cg

MUNICH GRADUATE SCHOOL FOR ECONOMICS (MGSE)

Unter dem Dach der im Jahr 2002 gegründeten Munich Graduate

School of Economics ist die gesamte Doktorandenausbildung

der Volkswirtschaftlichen Fakultät gebündelt. Sie ist eine der

ältesten Graduiertenschulen im wirtschaftswissenschaftlichen

Bereich in Deutschland. Im Herbst vergangenen Jahres sind das

Internationale Doktorandenkolleg EBE, das DFG-Graduiertenkolleg

„Microeconomic Determinants of Labor Productivity“ sowie

das Egon Sohmen Graduate Center gestartet. Letzteres wird

in den kommenden 15 Jahren Doktorandinnen und Doktoranden

der Fakultät mittels Stipendien fördern. Es soll damit an den

1977 im Alter von nur 46 Jahren verstorbenen österreichischen

Ökonomen Egon Sohmen erinnern. Sohmen hat zu Lebzeiten

wichtige Beiträge zur Theorie der Wechselkurse sowie zur Allokationspolitik

geleistet.

www.mgse.vwl.uni-muenchen.de

http://evidence-based-economics.de


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LMU MACHT SCHULE

MIT ERZÄHLEN LERNEN

Erzählen ist die Urform des Lernens. Leider bleibt im Schulalltag meist nur wenig Zeit dafür. Lehramtsstudierende

der LMU erzählen seit diesem Schuljahr in Münchener Ganztagsschulen Geschichten, um die Sprachfähigkeit von

Schülern zu fördern. Das Projekt „Mit Erzählen Schule machen“ ist darauf angelegt, die Erzählkultur an Münchener

Schulen – oft mit hohem Migrationsanteil – zu etablieren.

Es geht ganz schön laut zu in der Grundschule in der Burmesterstraße

in München: Die Schüler der Klasse 3bg räumen ihre Schulsachen

in die Rucksäcke, rennen durchs Klassenzimmer und schieben ihre

Stühle zu einem Stuhlkreis zusammen. Lehramtsstudentin Annika

Hoffman hat es nicht leicht, in den letzten zwei Schulstunden für

Ruhe im Klassenzimmer zu sorgen und mit ihrer Geschichte zu beginnen:

„Es war einmal ein Bauer mit einem alten Hund…“ Doch

plötzlich werden selbst die lebhaftesten Schüler ruhig und lauschen

gebannt der Geschichte vom alten Hund „Sultan“, der nicht mehr

gebraucht wird. Annika legt sich auch ganz schön ins Zeug, um ihre

Zuhörer bei der Stange zu halten: Sie mimt eine Katze, die nur noch

drei Beine und einen gekrümmten Schwanz hat, zeigt, wie groß die

Ohren von einem Wildschwein sind und heult wie ein Wolf. Und immer

wieder muss sie ihre Geschichte unterbrechen, um schwierige

Wörter wie „kraulen“ oder „Gnadenbrot“ zu erklären.

1 Die Lehramtsstudierenden zeigen

Flagge für ihr Projekt.

Doch genau darum geht es der Lehramtsstudentin beim Geschichtenerzählen:

Die Kinder sollen ihren Wortschatz erweitern und ihre

Sprachfähigkeit verbessern. Im Rahmen des Projekts „Mit Erzählen

Schule machen“ erzählt sie im Team mit anderen Lehramtsstudierenden

den Schülern der Münchener Ganztagsschule jede Woche

eine Geschichte. Davon profitieren vor allem Schüler, deren Muttersprache

nicht Deutsch ist: „Kinder mit Migrationshintergrund erhalten

über das mündliche Erzählen von Geschichten einen kreativen

und fantasievollen Zugang zur deutschen Sprache“, erklärt Dr. Uta

Hauck-Thum vom Lehrstuhl für Didaktik des Deutschen als Erst- und

Zweitsprache, die das Projekt koordiniert. „Erzählen ermöglicht den

Lehrern einen direkten Zugang zu den Schülern. Unsere Studierenden

haben im Rahmen des Projekts die Möglichkeit, den Einfluss

des mündlichen Erzählens auf den Unterricht konkret zu erleben“,

so Hauck-Thum.


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ERZÄHL-WORKSHOP FÜR STUDIERENDE

Um sich auf ihren Einsatz in der Schule vorzubereiten,

hat Annika zusammen mit anderen Studierenden

an einem Erzählseminar am Münchner

Zentrum für Lehrerbildung teilgenommen. Die

professionelle Geschichtenerzählerin Katharina

Ritter, die mit eigenen und geborgten Geschichten

im In- und Ausland auf Tournee geht, bildet

die Studierenden im Erzählen aus. Sie gibt Tipps

für die Auswahl der Erzählungen, den Einsatz von

Mimik und Gestik und regt die Lehramtsstudenten

an, eigene Märchen zu erfinden. „Ganz wichtig

ist für mich die Wahrhaftigkeit beim Erzählen: Es

geht mir darum, dass die Studierenden den Kindern

erzählen wollen und nicht einfach irgendetwas

erzählen. Dann wächst man mit der Zeit ins

Erzählen hinein“, erklärt die Leiterin des Erzähl-

Workshops. Das kann auch die Lehramtsstudentin

Sieglinde Hartinger bestätigen, die zusammen mit

Annika in der Grundschule an der Burmesterstraße

Geschichten erzählt: „Das erste Mal war es der

Horror: Es hat unheimlich lange gedauert, bis sich

die Kinder auf meine Geschichte konzentriert haben.

Aber mit jeder weiteren, die ich den Kindern

erzähle, wird es besser.“

Die Schüler der Klasse 3bg folgen gespannt Annikas

nächster Erzählung von einem Mädchen,

das am Ende der Welt ihre Brüder sucht: Hiba,

Enes und Adam sind ganz nah an Annika herangerückt

und halten oft vor Spannung die Luft an. Der

achtjährige Yunus stellt jedoch auch immer wieder

kritische Zwischenfragen: „Wo gibt es denn

überhaupt ein Ende der Welt? In Australien?“ oder

„Wieso müssen die Kinder denn arbeiten?“.

„An den Nachfragen merkt man ja schon ganz

deutlich, dass das Erzählen den Kindern etwas

bringt“, erklärt Annika. Außerdem mache es einfach

Spaß zu sehen, wie sich die Schüler von einer

Geschichte mitreißen lassen: „Am liebsten hören

sie Gruselgeschichten – da wollen sie am liebsten

selbst die Geschichte zu Ende erzählen.“ ■ cdr

1 Die professionelle Geschichtenerzählerin

Katharina Ritter erzählt

Schülerinnen und Schülern Geschichten.

Darin bildet sie auch die Lehramtsstudierenden

der LMU aus.


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PORTRÄTMEDAILLEN

GROSSE KÖPFE IN KLEINEM FORMAT

Porträtierten in Auftrag gegeben. Zum Beispiel

verschenkten Fürsten Medaillen mit dem eigenen

Konterfei in unterschiedlich teuren Ausführungen

an Angehörige des Hofs. Sie dokumentieren also

nicht nur die soziale Stellung der Auftraggeber,

sondern verraten auch etwas über die Position des

Empfängers.

1 Die Stadt Nürnberg ließ von

Albrecht Dürer und Hans Krafft dem

Älteren eine Silbermedaille mit dem

Bild Kaiser Karls V. anfertigen

anlässlich seines geplanten Besuchs

der Stadt im Jahr 1521.

Der LMU-Kunsthistoriker Walter Cupperi hat

zum Abschluss seines LMUexcellent Research

Fellowship zusammen mit der Staatlichen

Münzsammlung eine Ausstellung zu Porträtmedaillen

erarbeitet.

Das Who’s Who der Renaissance passt in eine

Hand: Medaillen mit einer Größe von ungefähr

zwei bis sieben Zentimeter Durchmesser bilden

die größten Persönlichkeiten der damaligen Zeit

ab. Die Porträts aus Gold, Silber, Bronze, Ton

oder Holz zeigen Kaiser und Fürsten, kirchliche

Würdenträger, Kaufleute und ihre Familien sowie

Künstler. „Sie waren eine Form, die eigene Identität

darzustellen“, sagt Dr. Walter Cupperi vom

Institut für Kunstgeschichte der LMU.

Für ihn sind sie daher „mehr als Porträtmedaillen“:

„Ihre Verbreitung ermöglicht es uns heute,

weitere kulturelle Phänomene zu zeigen“, sagt

Cupperi. Zusammen mit der Staatlichen Münzsammlung

München hat der Kunsthistoriker die

Ausstellung „Wettstreit in Erz. Porträtmedaillen

der deutschen Renaissance“ erarbeitet. Sie

ist zugleich der Abschluss seines vierjährigen

LMUexcellent Research Fellowship, mit dem die

Universität Nachwuchswissenschaftlerinnen und

-wissenschaftler fördert.

Die Medaillen wurden oft zu Ehren hochstehender

Persönlichkeiten angefertigt oder selbst von den

INFLATION DER „CONTERFAIT-PFENNIGE“

Die Medaillen zeigen nicht nur Gesichter. Mithilfe

von Inschriften wurden sie personalisiert, sie bilden

Namen, Stellung und Verwandtschaften ab und

wurden manchmal auch mit einem Motto versehen.

„Die individuell gestalteten Rückseiten, Zitate

und Aufschriften geben uns heute Einblick in das

Selbstverständnis der Porträtierten“, sagt Cupperi.

Im 16. Jahrhundert wurden die „Conterfait-Pfennige“,

wie die Medaillen damals genannt wurden,

so beliebt, dass sie in vielen gesellschaftlichen

Schichten geradezu inflationär verbreitet waren.

„Herrscher, Humanisten und Heilige und Handwerker

ebenso wie Ehefrauen, Kurtisanen, körperlich

Missgebildete und historisch weit zurückliegende

und eigentlich in ihrem Aussehen vollkommen unbekannte

Persönlichkeiten“ wurden mit Medaillen

bedacht, wie LMU-Professor Ulrich Pfisterer, Inhaber

des Lehrstuhls für Allgemeine Kunstgeschichte,

im Katalog zur Ausstellung schreibt.

Diesen Boom hatte die neue Kunstform auch dem

Material der Medaillen zu verdanken: Sie waren

sehr widerstandsfähig, gut zu transportieren und

leicht zu reproduzieren. Sie wurden in verschiedensten

Formen verbreitet, auch als Kettenanhänger,

Schmuck für Hüte und Kleidung oder

verzierten als Ornamente Möbel und Gebrauchsgegenstände.

Selbst Gebäude wurden mit medaillenförmigen

Porträtreliefs in Stein dekoriert. Der

italienische Dichter Pietro Aretino spottete 1545


WET TSTREIT

P O R T R Ä T M E D A I L L E N D E R D E U T S C H E N R E N A I S S A N C E

I N E R Z

darüber, dass sein Bildnis zwischen denjenigen Caesars und Alexanders

sogar auf Schachteln für Kämme zu finden war.

Die Medaillen dienten den Porträtierten vor allem dazu, ihr Andenken

zu wahren. Sie übten auch eine dynastische Funktion aus, wenn

sie an nachkommende Generationen vererbt wurden. Als Geschenk

unterstrichen sie Freundschafts- und Liebesbeziehungen. Ihre Symbolik

als Liebespfand zeigt sich beispielhaft auf der berühmten Grabmalskulptur

der Margarethe von Österreich. Die Porträtmedaille mit

dem Bild ihres verstorbenen Gemahls Philibert von Savoyen ist auf

ihrem Kleid nahe der Brust angebracht. „Deutlicher kann in der Bildhauerei

kaum ausgedrückt werden, dass die auf der Brust liegende

Medaille Zeichen der innigen und ewig währenden Liebe ist“, erklärt

Dr. Martin Hirsch von der Staatlichen Münzsammlung München im

Ausstellungskatalog. „Porträtmedaillen geben uns heute Aufschluss

über die damaligen sozialen Verhältnisse. Sie sind Zeugnisse der

zwischenmenschlichen Beziehungen in unterschiedlichen Gesellschaftsschichten“,

sagt Walter Cupperi.

LEITMEDIUM DER FRÜHEN RENAISSANCE

Die Medaillen spielten eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der

Porträtkunst. Selbst auf Bergkristall und Papier wurden Porträts in

Medaillenform gestaltet. „Sie waren ein Leitmedium der frühen Renaissance“,

sagt Cupperi. Die besten Künstler ihrer Zeit wendeten

sich früh der neuen Kunstform zu, darunter die Maler Albrecht Dürer

und Lucas Cranach. Die Porträts wurden häufig von Künstlern

vorgezeichnet und die Medaillen dann von Bildhauern oder Goldschmieden

aus Gold, Bronze oder Erz angefertigt.

Anhand der Medaillen lässt sich auch viel über die damaligen Ströme

der Migration und kulturellen Begegnung erfahren. So waren

unter den im deutschsprachigen Raum tätigen Künstlern zum Beispiel

auch viele Italiener und Franzosen. Die Medailleure waren sehr

mobil. Um an Aufträge zu kommen, reisten sie etwa zu politischen

Versammlungen und Fürstenhochzeiten.

In der Diplomatie war die Gabe von Medaillen immer mit Kalkül

verbunden. Es entwickelten sich feste Regeln, wie die Medaillen

beschaffen sein sollten. Politische und religiöse Anschauungen und

Ereignisse wie Schlachten spiegelten sich auf den Medaillen selbst

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UND DIE EDITH-HABERLAND-WAGNER-STIFTUNG

wider. Im 16. Jahrhundert entwickelten sich Spottmedaillen, auf denen

vor allem der Papst kritisiert wurde. Sie sollten schließlich die europäische

Politik dramatisch beeinflussen: Im Jahr 1672 waren Medaillen

„mit ungereimten spöttlichen Schilderyen“ für König Karl II. Anlass,

in den Krieg gegen Holland zu ziehen.

Die Ausstellung in der Staatlichen Münzsammlung, die von der Ernst

von Siemens Kunststiftung, der Edith-Haberland-Wagner-Stiftung

sowie Giesecke & Devrient gefördert wird, zeigt die Entwicklung der

Medaillenherstellung aus einem geografischen Blickwinkel. Erstmals,

so Cupperi, werde umfassend das kulturhistorische Spektrum

der im deutschsprachigen Raum entstandenen Medaillen der Renaissance

gezeigt. Diese Porträtkunst war sehr stark durch Kulturaustausch,

Mobilität der Künstler und manchmal Unbeständigkeit

der Produktionszentren geprägt. „Lokale Kontinuitäten und nationale

Grenzen, wie sie die Rede von ‚deutschen Medaillen‘ suggeriert,

waren womöglich weniger grundlegend, als in der Forschung zu

diesen tragbaren Porträts üblicherweise angenommen“, erläutert

der Kunsthistoriker.

Bis zum 15. März 2014 werden mehr als 200 deutsche Renaissancemedaillen

aus einigen der bedeutendsten Sammlungen Europas

vorgestellt. Am 7. und 8. Februar 2014 wird das Institut für Kunstgeschichte

zum Abschluss der Ausstellung eine Tagung mit dem

Titel „Die andere Seite. Funktionen und Wissensformen der frühen

Medaillen“ veranstalten. Im Sommer 2014 wird die Ausstellung im

Kunsthistorischen Museum Wien, 2015 in den Staatlichen Kunstsammlungen

Dresden besichtigt werden können.

■ nh

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N R . 1 • 2014 PROFILE

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N R . 1 • 2014 ALUMNI

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CLUBBETREIBER MATHIAS SCHEFFEL

„FEIERN UND STUDIEREN –

DAS GEHT LOCKER!“

Mathias Scheffel gilt als Pionier des Münchener Nachtlebens. Angefangen mit

Partys im Ultraschall und Kunstpark Ost ist der Gastronom heute am Pacha, Filmcasino,

Mamasita, Jack Rabbit, Gecko, Gast, der Reitschule und dem Optimolgelände

beteiligt. Begonnen hat alles mit einem Jurastudium an der LMU.

An die beste Party seines Lebens erinnert sich Mathias

Scheffel bis heute. „Das war 1993 die Technoparade

Union Move auf der Leopoldstraße“, erzählt

der Clubbetreiber in „seinem“ Mamasita am Münchener

Isartor. Damals war er gerade 28 Jahre alt

und studierte Jura an der LMU. Mit der Versammlung

wollte Scheffel gegen die zu dieser Zeit noch

sehr strengen Sperrzeiten demonstrieren. „Es waren

7.500 Leute angemeldet und zum Schluss sind

120.000 gekommen“, berichtet er nicht ohne Stolz.

Schon während seiner Studienzeit finanzierte sich

der gebürtige Stuttgarter seinen Lebensunterhalt

im Nachtleben als DJ Chef L. Probleme mit dem

Studium hatte er deswegen trotzdem nie: „Das

Tanzlokal Größenwahn, in dem ich aufgelegt habe,

hat schon um 1 Uhr zugemacht.“ Danach sei

er zwar noch im Parkcafé einen Absacker trinken

gegangen, aber um 8 Uhr wieder in der Stabi gewesen.

„Wenn man sich nicht maßlos betrinkt,

geht das locker!“, glaubt Scheffel.

1 Holger Fuchs (Constantin Film) und Mathias Scheffel (rechts) im Münchener Filmcasino.

Die Studierenden scheinen sich trotz der Umstellung

auf Bachelor und Master genauso wenig vom

Feiern abhalten zu lassen. Zumindest spürt Scheffel

seit der Einführung keinen Besucherrückgang

in seinen Clubs. „Wir führen zwar keine Statistik,

aber unsere Studentenpartys funktionieren immer

gut“, lacht er. Insgesamt gebe es sogar deutlich

mehr Studentenveranstaltungen als früher. Im

Bereich der Fachschaften seien sie mittlerweile

richtiggehend kommerzialisiert worden. Scheffel

muss es wissen: Sein Sohn studiert inzwischen

auch Jura an der LMU. Den interessiere das Nachtleben

allerdings eher weniger. „Wir waren einmal

zusammen im Pacha: Da habe ich ihm zwei Cuba

Libre spendiert und danach ist er brav nach Hause

gegangen – ich war länger da“, ergänzt er lachend.


Obwohl Scheffel das Nachtleben mit seinen Höhen und Tiefen kennt,

ist er kein strenger Vater. „Man muss doch keine Drogen nehmen,

um gut drauf zu sein“, unterstreicht er. In seiner Jugend sei er selber

jahrelang bei allen Afterhours der Stadt gewesen und ohne Drogen

genauso so gut drauf gewesen. Nicht umsonst habe die letzte Union-

Move-Parade im Jahr 2001 den Titel „Love Is The Only Drug“ gehabt.

„Es gibt genügend andere Möglichkeiten, sich zu stimulieren“,

grinst Scheffel. Deswegen wäre es für ihn auch in Ordnung, wenn

sein Sohn eines Tages in seine Fußstapfen treten würde. Momentan

sieht es aber nicht danach aus: „Ich hatte schon damals diese

Begeisterung und mit 16 Jahren meinen Ausweis gefälscht, um in

den Clubs auflegen zu können.“ Seinen Sohn reize das hingegen

alles überhaupt nicht.

Dem Nachtleben bis heute treu geblieben ist Scheffel eher zufällig.

„Ich war Marketingmanager bei BMG in London und habe die ersten

Schritte von Take That begleitet“, berichtet er. Danach habe er

aber bei EMI in Köln angefangen und sich um die Kölner Mundart-

Musikgruppen Bläck Fööss und Brings kümmern müssen. Deswegen

war er froh, als er das Angebot als Geschäftsführer für die alte

Abflughalle am Flughafen Riem bekam. Ab dem Moment sei ihm

auch klar gewesen, dass die juristische Karriere von jetzt an stark

eingeschränkt ist.

Klare Wahl: lieber Clubchef

als Anwalt

Das Studium abgeschlossen hat Scheffel trotzdem. Er ist sogar zugelassener

Anwalt beim Landgericht München I und II. „Ich praktiziere

aber nicht und vertrete höchstens ein- bis zweimal im Jahr

aus Gefälligkeit“, erläutert er. Allerdings müsse er natürlich auch in

seinem jetzigen Job viele juristische Auseinandersetzungen wie zum

Beispiel Anwohnerbeschwerden bearbeiten. Zuletzt musste er sich

außerdem gegen Rassismus-Vorwürfe des Münchener Ausländerbeirats

wehren. „Das ist absurd“, sagt Scheffel. Er und keiner, den

er kenne, würde auf die Idee kommen, seinem Personal zu sagen:

Lass einen Farbigen bei uns nicht rein. Erst kürzlich habe es sogar

die Aktion „Nachts sind alle Menschen bunt“ gegeben.

„Ich bin jedes Wochenende

unterwegs“

Obwohl Scheffels wilde Partyzeiten mittlerweile vorbei sind, trifft

man ihn noch jeden Donnerstag, Freitag und Samstag in seinen

Clubs. Machen ihm als Clubbetreiber noch viele Studentinnen Avancen?

„Nein, in meinem Alter gehöre ich nicht mehr zur Kernzielgruppe“,

lacht der Vater zweier Kinder. Der Grund für die langen

Nächte sei vielmehr, nicht das Gefühl dafür zu verlieren, was in den

einzelnen Läden passiert. „So was geht nun mal nicht vom Schreibtisch

aus“, erklärt er und bestellt eine Suppe. Es ist 18 Uhr und

Scheffel hat noch nichts gegessen. „Es ist“, fährt er fort, „aber nicht

mehr wie früher, wo ich als Geschäftsführer von zehn Uhr abends bis

morgens um sechs Uhr die Abrechnungen machen musste.“

Heute kümmert sich Scheffel stattdessen um Verträge, Sponsoren,

Veranstalter oder Firmenevents – mit Erfolg. Seiner Meinung

nach ist das Clubangebot in München gemessen an der Gruppe der

ausgehwilligen Menschen riesig. „Als Club muss man daher heute

schon sehr stark sein, um sich ein teures Programm und teure Preise

leisten zu können“, gibt er zu bedenken. Als er zum Studium von

Stuttgart nach München gekommen ist, habe es dagegen maximal

sechs Läden gegeben. Jetzt sind es 50.

■ dl

N R . 1 • 2014 ALUMNI

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NEUBERUFEN

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1 Prof. Dr. jan lipfert

■ Prof. Dr. jan liPfert

fakultät für PhySik

Jan Lipfert wurde im September 2013 zum Universitätsprofessor

für Experimentalphysik an der

LMU ernannt. Sein Schwerpunkt liegt im Bereich

der molekularen Biophysik. Er untersucht die

Struktur, Funktion und Interaktionen von biologischen

Makromolekülen, insbesondere von DNA

und RNA. Methodisch setzt er dabei einerseits

Einzelmolekülmethoden – besonders magnetische

Pinzetten – und andererseits Röntgenstreutechniken

ein. Gleichzeitig kombiniert er experimentelle

Techniken mit rechnergestützter Modellierung

von biologischen Makromolekülen, zum Beispiel

um ihre Struktur aus Streudaten zu berechnen

oder ihr Verhalten in Einzelmolekülmessungen

besser zu verstehen.

Geboren wurde Lipfert am 8. Oktober 1977 in

Frankfurt am Main. Nach seinem Abitur in Kassel

studierte er von 1998 bis 2000 Physik und Volkswirtschaftslehre

an der Ruprecht-Karls-Universität

in Heidelberg. Danach führte es den heute 36-Jährigen

an die Uppsala Universitet nach Schweden,

wo er seine Arbeit für den Master of Philosophy

mit dem Titel „Radiation induced damage in serine

phosphate – a model for strand breakage in

DNA“ verfasste. 2002 absolvierte er als Fulbright-

Stipendiat den Master of Science an der University

of Illinois at Urbana-Champaign, USA. Für seine

Promotion blieb Lipfert in den USA und ging an

die Stanford University. Dort promovierte er nach

kurzen Forschungsaufenthalten am Institut Pasteur

in Paris und an der University of Dundee in

Schottland 2007 mit einer Arbeit über „Small-

Angle X-Ray Scattering of RNA, Proteins, and

Membrane Protein-Detergent Complexes”. Nach

seiner Promotion ging Lipfert in die Niederlande

und arbeitete als Postdoc und Veni-Stipendiat der

niederländischen Organisation für wissenschaftliche

Forschung (NWO) an der TU Delft, wo er neuartige

magnetische Pinzetten entwickelte und zur

Erforschung der Eigenschaften von DNA und RNA

und ihrer Interaktionen mit Proteinen benutzte.

An der LMU will der Physiker seine Forschungsarbeiten

weiterführen und magnetische Pinzetten

sowie Röntgenstreuung benutzen, um die Struktur,

die Wechselwirkungen und die Interaktionen

von Nukleinsäuren zu untersuchen und ihre verschiedenen

Rollen in der Speicherung und Regulation

von genetischen Informationen zu verstehen.

Darüber hinaus freut er sich auf vielseitige Kooperationen

im Umfeld der Nanowissenschaften und

Biophysik in München. In der Lehre möchte Lipfert

insbesondere die interdisziplinären Aspekte

der Biophysik betonen, die an der Schnittstelle von

Physik, Biologie, Chemie, Informatik und Ingenieurwissenschaften

liegen. In seiner Freizeit interessiert

sich der Vater einer Tochter für Reisen,

Politik, Crossfit, Laufen und Fußball.

■ Prof. Dr. SaScha raithel

fakultät für BetrieBSwirtSchaft

Sascha Raithel wurde im Oktober 2013 zum Juniorprofessor

für Finanzorientiertes Marketing und

Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft

der LMU ernannt. Seine Forschungsschwerpunkte

liegen in den Bereichen Markenwert, Corporate

Social Responsibility, Unternehmensreputation

und deren Effekte auf Konsumenten und Kapitalmarktakteure.

Geboren wurde Sascha Raithel 1976. Nach seinem

Abitur studierte er Betriebswirtschaftslehre

an der Universität Augsburg. Erste Berufserfahrung

sammelte er während seines Studiums bei

der Munich Re und dem Fahrzeug- und Maschinenbaukonzern

MAN. Von 2004 bis 2009 arbeitete

er als Berater bei der Marketing- und Kommunikationsagentur

Pepper GmbH. Parallel dazu

war der heute 37-Jährige zwischen 2007 und

2009 Wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät

für Betriebswirtschaft der LMU und absolvierte

dort ebenfalls seinen Master of Business

Research. Anschließend arbeitete er bis 2011 als

Wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für

Betriebswirtschaft/Munich School of Management

der LMU. Im Juni desselben Jahres wurde

er mit seiner Arbeit zum Thema „Market-based

Assets and Financial Performance“ promoviert.

Er hat in renommierten Fachzeitschriften wie dem

Journal of Marketing Research und dem Journal

of the Academy of Marketing Science publiziert

und ist Mitglied im Editorial Review Board des International

Journal of Advertising. Raithel wurde

unter anderem mit einem Distinguished Fellowship

an der Fudan University in Shanghai sowie

dem Conference Best Paper Award vom European

Institute for Advanced Studies in Management (EI-

ASM) beim Workshop on Visualising, Measuring

and Managing Intangibles and Intellectual Capital

2009 in Dresden ausgezeichnet. Die prämierte Arbeit

war die Studie „Value-relevance of Customer

Satisfaction: Empirical Evidence for Global Automobile

Industry“.

Seine aktuellen und zukünftigen Forschungsvorhaben

beschäftigen sich unter anderem mit der


Neuberufen

Wirkung von Werbung bei großen Sportevents wie

dem Super Bowl auf Konsumenten und Investoren

sowie den Faktoren eines erfolgreichen Managements

von Markenkrisen. Seine Lehre fokussiert

auf die Vermittlung von Wissen über statistische

Methoden und deren Anwendung im Marketing an

Studierende in den Bachelor-, Master- und Doktorandenprogrammen.

■ Prof. Dr. Oliver Söhnlein

Medizinische Fakultät

Oliver Söhnlein hat zum 1. Oktober 2013 die Professur

für Vaskuläre Immuntherapie am Institut

für Prophylaxe und Epidemiologie der Kreislaufkrankheiten

(IPEK) an der Medizinischen Fakultät

der LMU angetreten. Die Professur ist Bestandteil

des vom Bundesministerium für Bildung und Forschung

geförderten Deutschen Zentrums für Herzkreislaufforschung.

Söhnleins Forschungsschwerpunkt

ist die Rolle von neutrophilen Granulozyten

in den entzündlichen Prozessen der Atherosklerose

und der Restenose.

Professor Söhnlein studierte Humanmedizin an

der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen,

wo er 2005 zur „Rolle von ACE Inhibitoren in der

vaskulären Entzündung“ promoviert wurde. Von

2004 bis 2008 arbeitete er in der Abteilung für

Physiologie und Pharmakologie am Karolinska

Institutet in Stockholm, Schweden. Dort wurde

Söhnlein 2008 zum Ph.D. in Physiologie zur „Rolle

von Granulaproteinen aus neutrophilen Granulozyten

in der akuten Entzündung“ promoviert.

Im Anschluss kam er ans Institut für Molekulare

Herzkreislaufforschung (IMCAR) an die RWTH

Aachen, wo er im Kontext einer umfangreichen

DFG-Förderung eine Arbeitsgruppe zur Untersuchung

der Rolle neutrophiler Granulozyten in der

Atherosklerose aufbaute. In Aachen habilitierte er

sich auch in Experimenteller Medizin. Nach der

Verleihung des hoch dotierten Vidi-Preises der

Niederländischen Organisation für Wissenschaftliche

Forschung (NWO) arbeitete Söhnlein 2012 in

der Abteilung für Pathologie des Academic Medical

Centers der Universität Amsterdam, von wo er

durch die Berufung an die LMU zurückgekehrt ist.

Für seine Arbeiten zur Rolle der neutrophilen

Granulozyten in vaskulären Entzündungen erhielt

Professor Söhnlein verschiedene Preise, darunter

den Hermann Rein Pries und den Adumed-Forschungspreis.

Seine Arbeiten wurden in hochrangigen

Zeitschriften wie „Circulation“, „Journal

of Clinical Investigation“, „Science Translational

Medicine“ und „Nature Reviews Immunology“

publiziert. An der LMU freut er sich auf die enge

Zusammenarbeit mit den Arbeitsgruppen – sowohl

am Institut als auch in den bestehenden Forschungsverbünden.

Er möchte dazu beitragen, die

herausragende Forschungsqualität des Instituts

weiter zu stärken, das auf internationalem Niveau

in der Herzkreislaufforschung eine Spitzenstellung

einnimmt.

■ Prof. Dr. Gunnar Schotta

Medizinische Fakultät

Professor Gunnar Schotta wurde zum 1. Oktober

2013 als W2-Professor für Molekulare Epigenetik

ans Adolf-Butenandt-Institut für Physiologische

Chemie, Physikalische Biochemie und Zellbiologie

der Medizinischen Fakultät der LMU berufen. In

der Forschung interessiert ihn vor allem, welche

Mechanismen der Genregulation in Zellen existieren,

welche Kontrollmechanismen bewirken,

dass eine Stammzelle in eine bestimmte Richtung

differenzieren kann und wie repetitive Bereiche im

Genom in Schach gehalten werden.

Geboren wurde Schotta 1972 in Meißen. Für seine

Doktorarbeit an der Martin-Luther-Universität in

Halle arbeitete er am Drosophila-Modell, um die

Ausbildung von Genrepression zu studieren. Anschließend

verließ er Deutschland in Richtung Österreich,

um am Forschungsinstitut für Molekulare

Pathologie (IMP) in Wien als Postdoc tätig zu sein.

Dort lag sein Fokus weiter an der Genstilllegung,

allerdings wechselte er das Modellsystem, um näher

an die angewandte Forschung angebunden

zu sein. Während dieser Zeit entdeckte er neue

Enzyme, die bestimmte Veränderungen an Histonproteinen

anbringen. Dies ist wichtig, um die Stilllegung

von Genombereichen zu bewerkstelligen.

An der LMU möchte sich der 41-Jährige weiterhin

im Mausmodell mit den Mechanismen der Genregulation

beschäftigen. Sein Fernziel ist es, zu

verstehen, wie die Genregulation funktioniert und

wie damit Zellen einen stabilen Differenzierungszustand

erreichen. Dieses Wissen will er nutzen,

um gezielt Zellen in bestimmte Richtungen programmieren

zu können und dadurch eventuell

Möglichkeiten für regenerative Therapieverfahren

zu schaffen.

■ Prof. Dr. Anja Ballis

Fakultät für Sprach- und

Literaturwissenschaften

Seit 1. Oktober 2013 ist Anja Ballis Professorin für

Didaktik der deutschen Sprache und Literatur sowie

der Didaktik des Deutschen als Zweitsprache.

N R . 1 • 2014 Menschen

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NEUBERUFEN

N R . 1 • 2014 MenSchen

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1 Prof. Dr. Sven Bachmann

Ihre Forschungsinteressen sind weit gefächert: Sie

umfassen die Erforschung von Bildungsmedien,

die Rezeption von Holocaustliteratur durch Schülerinnen

und Schüler sowieso den Umgang mit

Heterogenität im Deutschunterricht.

Ballis ist Jahrgang 1969. Nach einem Studium der

Fächer Deutsch, Geschichte und Sozialkunde für

das gymnasiale Lehramt an den Universitäten Erlangen-Nürnberg,

Marburg und Augsburg wurde

sie 1999 an der LMU mit einer literarhistorischen

Studie zu „Literatur in Ansbach“ promoviert. Im

Anschluss an die Promotion absolvierte sie das

Referendariat und arbeitete als Studienrätin, bis

sie 2004 an die Universität Augsburg als Wissenschaftliche

Mitarbeiterin zurückkehrte. Dort

habilitierte sie sich 2008 mit einer empirisch

ausgerichteten Arbeit zur „Schriftsprachlichen

Förderung von Jugendlichen mit Migrationshintergrund“.

Bis zu ihrer Berufung an die LMU war

sie von 2007 bis 2013 als Professorin an der Pädagogischen

Hochschule in Weingarten.

Mit ihren zukünftigen Forschungsvorhaben an der

LMU will Professor Ballis an bisherige Projekte

anknüpfen und diese weiterentwickeln. Hierbei

interessiert sie insbesondere der Einfluss von Bildungsmedien

auf Lehr- und Lernprozesse. Darüber

hinaus wird sie die empirische Ausrichtung

der Fachdidaktik Deutsch vorantreiben und ein

international und interdisziplinär dimensioniertes

Projekt zur Holocaust Education initiieren, das

pädagogische Konzepte ebenso berührt wie die

Nachhaltigkeit der aufgelegten Programme. In der

forschenden Lehre wird der Fokus auf der Thematisierung

von Heterogenität im Deutschunterricht

liegen, um Schüler mit besonderem Förderbedarf

bestmöglich einzuschätzen, gemäß ihren Fähigkeiten

zu fördern und angehende Lehrkräfte auf

diese zukünftigen Herausforderungen vorzubereiten.

■ Prof. Dr. Sven BachMann

fakultät für MatheMatik,

inforMatik unD StatiStik

Professor Sven Bachmann ist seit 1. Oktober 2013

W2-Professor am Institut für Mathematik im Rahmen

des Elite-Masterstudiengangs „Theoretische

und Mathematische Physik (TMP)“. Seine Forschung

gilt den Eigenschaften von quantenmechanischen

Mehrkörpersystemen in der Festkörperphysik,

die nur durch eine rigorose mathematische

Analyse auszuforschen sind. „Dabei ist die Wechselwirkung

zwischen physikalischem Verständnis

und mathematischer Abstraktion sehr fruchtbar“,

erklärt Bachmann. Neue mathematische Methoden

führen zu einem verfeinerten physikalischen

Bild, wie er kürzlich über die sogenannten Phasen

der Spin-Systeme (Magneten) erforscht hat.

Geboren wurde Bachmann 1980 in der Westschweiz

„mit Ausblick über die Alpen“, wie er

erzählt. Nach seinem Master in Physik an der

École Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL)

wurde er am Institut für Theoretische Physik der

Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich

(ETH) promoviert. Seine Doktorarbeit handelte

von mathematischen Aspekten der statistischen

Physik aus dem Gleichgewicht, genauer über Ströme

von Teilchen und deren thermische und quantenmechanische

Fluktuationen. Dabei war die fundamentale

Struktur des Problems nur unter der

Verwendung passender mathematischer Instrumente

zu verstehen. Anschließend war Bachmann

an der University of California in Davis, USA, „Arthur

J. Krener Assistant Professor“ und Postdoc.

An der LMU konzentriert sich Professor Bachmann

insbesondere auf das TMP-Programm, die

mathematischen Methoden der Quantenmechanik,

Seminare über diverse Forschungsthemen

der mathematischen Physik und auf die statistische

Physik. Besonders wichtig ist ihm dabei, wie

abstrakte Mathematik dazu beiträgt, physikalische

Phänomene grundsätzlich zu verstehen.

■ Prof. Dr. florian alt

fakultät für MatheMatik,

inforMatik unD StatiStik

Professor Florian Alt ist seit Oktober 2013 Professor

am Lehrstuhl für Angewandte Informatik

und Medieninformatik der LMU. Seine Lehr- und

Forschungsinteressen liegen an der Schnittstelle

zwischen Pervasive Computing und der Mensch-

Computer-Interaktion. Er interessiert sich für ubiquitäre

interaktive Systeme, speziell Interaktion im

öffentlichen Raum, Interaktion mit mobilen Endgeräten,

blickbasierte Interaktion und benutzbare

Sicherheit.

Florian Alt studierte Medieninformatik an der

LMU. Zwischen 2008 und 2012 arbeitete er als

Wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität

Duisburg-Essen und später an der Universität

Stuttgart, wo er 2012 mit dem Thema „A Design

Space for Pervasive Advertising on Public Displays“

promoviert wurde. Von 2009 bis 2012 war

Alt technischer Leiter an den Partneruniversitäten

in Essen und Stuttgart für das EU-Projekt „PD-

Net“, das sich mit öffentlichen Großbildschirmen


NEUBERUFEN

als Kommunikationsmedium der Zukunft beschäftigte.

2011 forschte er als Gastwissenschaftler an

den Telekom Innovations Labs der TU Berlin und

war als Gastdozent für Pervasive Computing an

der Universität Duisburg-Essen und für Unconventional

User Interaction an der Universität Linz,

Österreich, tätig. Vor seiner Promotion arbeitete

Alt als Webentwickler für Pinnacle Systems in

Mountain View und als IT-Spezialist für Schreiner

MediPharm LP in New York, beide USA.

Darüber hinaus ist Alt regelmäßig im Organisations-

und Programmkomitee verschiedener Konferenzen

vertreten, wie zum Beispiel der ACM

SIGCHI Conference on Human Factors (WiP), der

ACM Conference on the World Wide Web (WWW),

der International Conference on Mobile and Ubiquitous

Multimedia (MUM) sowie dem Symposium

on Pervasive Displays (PerDis). Zudem arbeitet

er unter anderem als Gutachter für ACM SIGCHI,

Ubicomp, NordiCHI sowie für die Fachzeitschriten

IEEE Computer und IEEE Pervasive Computing.

■ Prof. Dr. lutz S. GöhrinG

tierärztliche fakultät

Professor Lutz Göhring ist seit 1. April 2013 W3-

Professor für Innere Medizin und Reproduktion

des Pferdes an der Tierärztlichen Fakultät der

LMU. Davor war er Associate Professor an der

Colorado State University in Fort Collins, Colorado,

USA, und Juniordozent an der Tierärztlichen

Fakultät der Universität Utrecht in den Niederlanden.

An beiden Standorten hat er an der Neuropathogenese

des Equiden Herpesvirus (Typ 1) beim

Pferd geforscht. Dieses Virus kann nach Infektion

der oberen Atemwege beim erwachsenen Pferd

ein infarktähnliches Bild im Rückenmark verursachen,

das Lähmungserscheinungen mit sich

bringt. An dieser Problematik wird Göhring auch

in München weiterhin und in enger Zusammenarbeit

mit der Virologie der Tierärztlichen Fakultät

arbeiten.

Nach seinem Studium der Tiermedizin an der Universität

Utrecht war Göhring in der Zeit von 1993

bis 1995 in Bayern tätig. Als Praxisassistent arbeitete

er im mittelfränkischen Simmelsdorf. Seine

klinische Weiterbildung und Spezialisierung absolvierte

er in den USA am Marion DuPont Scott

Equine Medical Center in Leesburg, Virginia. Er

ist Diplomate im American College of Veterinary

Internal Medicine und klinische Schwerpunktthemen

sind für ihn die Neurologie sowie Neuropathologie

beim Pferd und die Infektionserkrankungen

des Pferdes.

An der LMU möchte Professor Göhring neben den

Forschungen am Equiden Herpesvirus vor allem

zur objektiven Diagnostik von neurologischen

Erkrankungen beim Pferd beitragen. Dabei wird

es sich insbesondere um Erkrankungen handeln,

die das Gangvermögen des Pferdes beeinflussen.

Dies wird in Zusammenarbeit mit der Neurologiegruppe

der Medizinischen Kleintierklinik und der

Neuropathologie der Tierärztlichen Fakultät stattfinden.

Weitere Schwerpunkte seiner Abteilung

sind die chronischen Atemwegserkrankungen bei

Pferden und Fertilitätsstörungen bei Stute und

Hengst.

■ Prof. Dr. SuSanne GöDDe

fakultät für SPrach- unD

literaturwiSSenSchaften

Susanne Gödde wurde zum 1. November 2013

zur Professorin für Griechische Philologie und

Religionswissenschaft der Antike an der Fakultät

für Sprach- und Literaturwissenschaften ernannt.

Während ihre Lehre sich auf alle Epochen der antiken

griechischen Literatur erstreckt, liegen ihre

Forschungsschwerpunkte insbesondere in der archaischen

und klassischen Zeit, wobei das Epos,

die Tragödie beziehungsweise die Institution des

antiken Theaters sowie die Rhetorik im Zentrum

stehen. Darüber hinaus forscht Professor Gödde

auf dem Gebiet der Religionsgeschichte der Antike

etwa zum Polytheismus, zur Kultgeschichte

einzelner Götter und Heroen sowie zur rituellen

Praxis. Schließlich befasst sich die Literatur- und

Religionswissenschaftlerin in der Lehre wie in der

Forschung mit der Transformationsgeschichte der

Mythologie in moderner Literatur und Kunst bis

hin zur Rezeption antiker Mythen in der modernen

Kulturtheorie.

Susanne Gödde, geboren 1965, wurde nach ihrem

Studium der Griechischen Philologie, Germanistik

und Klassischen Archäologie an der Westfälischen

Wilhelms-Universität Münster 1996 Wissenschaftliche

Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Kulturwissenschaftliche

Anthropologie der Universität Paderborn.

1999 wurde sie mit ihrer Arbeit „Das Drama

der Hikesie. Ritual und Rhetorik in Aischylos’

Hiketiden“ promoviert. Bis 2006 war sie Wissenschaftliche

Mitarbeiterin am Institut für Religionswissenschaft

der Freien Universität Berlin, wo sie

sich zum Thema „Euphêmia – Die gute Rede in

Kult und Literatur der griechischen Antike“ habilitierte.

Von 2008 bis Oktober 2013 hat Gödde den

Lehrstuhl für Griechische Philologie I an der LMU

vertreten. Sie ist seit 2012 Principal Investigator

der altertumswissenschaftlichen Graduate School

1 Prof. Dr. Susanne Gödde

N R . 1 • 2014 MenSchen

37


NEUBERUFEN

N R . 1 • 2014 MenSchen

38

1 Prof. Dr. Álvaro S. octavio de

toledo y huerta

„Distant Worlds“ sowie im Internationalen Doktorandenkolleg

„Mimesis“.

Im Rahmen ihrer neuen Professur möchte Susanne

Gödde in der Lehre Studierende dafür gewinnen,

ihre philologischen Kompetenzen mit kulturwissenschaftlichen

Fragestellungen zu verbinden.

Anvisiert ist auch eine Zusammenarbeit mit dem

interfakultären Studiengang Religionswissenschaft.

Derzeit arbeitet Professor Gödde an einer

Einführung in die griechisch-römische Mythologie.

In Vorbereitung ist ein Forschungsprojekt

mit dem Titel „Opfer und Gewalt: Kulturgründung

in antiken Narrativen und moderner Theorie“.

■ Prof. Dr. annette nicke

fakultät für MeDizin

Annette Nicke wurde mit Wirkung vom 1. Oktober

2013 zur Professorin für Molekulare Toxikologie

und Pharmakologie an der Medizinischen Fakultät

ernannt. Sie interessiert sich bereits seit Langem

für die Struktur, Funktion und Subtypcharakterisierung

von Membranproteinen, insbesondere

Transportern und Liganden-gesteuerten Ionenkanälen,

sowie die Struktur-Wirkungsbeziehungen

von Peptid-Toxinen. Ihre derzeitigen Schwerpunkte

sind die Untersuchung der molekularen

Funktion und Dynamik Liganden-gesteuerter Ionenkanäle

mittels optischer Methoden sowie die

Bestimmung der Lokalisation und Regulation von

ATP-gesteuerten P2X-Rezeptoren und ihrer Protein-Protein-Interaktionen.

Geboren wurde Nicke 1969 im niedersächsischen

Bückeburg. Im Anschluss an ihr Pharmaziestudium

an der Johann-Wolfgang-Goethe-Universität in

Frankfurt am Main wurde sie 1994 als Apothekerin

approbiert. Es folgte 1999 ihre Doktorarbeit

zum Thema „Determination of the quaternary

structure of the P2X receptor“ und nach einem

Auslandsaufenthalt in Australien im Rahmen eines

Emmy-Noether-Stipendiums habilitierte sie sich

im Jahr 2009 mit einem Heisenberg-Stipendium

der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG)

mit der Arbeit „Untersuchung der Oligomerisierung

und Ligandenbindung von Neurotransmittergesteuerten

Ionenkanälen“. Bis zu ihrem Wechsel

nach München war Nicke Projektgruppenleiterin

an den Max-Planck-Instituten für Hirnforschung

in Frankfurt am Main und Experimentelle Medizin

in Göttingen.

An der LMU möchte sich Professor Nicke stark auf

die Aufklärung der molekularen Funktion von Ionenkanalrezeptoren

konzentrieren. „Diese Arbeiten

fokussieren auf den P2X-Rezeptor und dienen

als Grundlage zur Entwicklung Subtyp-selektiver

Arzneistoffe und zur Identifizierung von Möglichkeiten

zur Modulation der Rezeptorfunktion“,

erklärt die Pharmazeutin. Außerdem möchte sie

P2X-Rezeptoren als therapeutische Zielstrukturen

validieren. Dazu müssen zukünftig die physiologischen

und pathophysiologischen Funktionen von

P2X-Rezeptoren aufgeklärt werden.

■ Prof. Dr. Álvaro S. octavio

De toleDo y huerta

fakultät für SPrach- unD

literaturwiSSenSchaften

Álvaro S. Octavio de Toledo y Huerta ist im Oktober

2013 zum Juniorprofessor für Romanische

Philologie an der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften

an der LMU ernannt worden.

Sein Forschungsgebiet ist die spanische Sprachwissenschaft,

vor allem die historische Syntax der

romanischen Sprachen und die iberoromanischen

Varietäten. In seinen Vorlesungen und Übungen

referiert er dementsprechend über die Grammatikalisierung

in den romanischen Sprachen.

Geboren wurde Octavio de Toledo y Huerta 1976

in Madrid. Nach seinem Sprach- und Literaturstudium

an der dortigen Universidad Complutense

ging es für ein Auslandsstudium an die Université

Paris IV in Sorbonne, Frankreich. Zurück in Spanien

folgte der Magister in spanischer Linguistik

zum Thema „Norm and Use of the Perfect Tenses

in Spanish Grammars from the 16–17th Centuries“.

Von 2002 bis 2006 war der heute 37-Jährige

jeweils am Campus in Madrid Lehrassistent an der

Universidad Complutense, der Université de Toulouse

II-Le Mirail, der Vanderbilt University und

der Universidades Norteamericanas Reunidas.

2012 absolvierte der Sprachwissenschaftler seinen

Ph.D. an der Universität Tübingen mit der Arbeit

„A History of Locative Relations in Spanish“.

An der LMU möchte Professor Octavio de Toledo y

Huerta in den nächsten drei Jahren seine Habilitation

und andere Publikationen über das 18. Jahrhundert

als Sprachepoche im Spanischen verfassen.

„Mein Ziel in der Lehre ist es, die Studierenden

zu einer stärker philologisch und sprachhistorisch

geprägten Betrachtung der spanischen und hispanischen

Texten aufzufordern“, erläutert er. In

seiner Freizeit bleibt der Professor ebenfalls den

Sprachen treu: Sein Hobby ist das Erlernen nichtromanischer

Sprachen wie Polnisch, Baskisch,

Neugriechisch, Hebräisch oder Quiché, einer Maya-Sprache

in Guatemala.


NEUBERUFEN

■ Prof. Dr. Mark henGerer

fakultät für GeSchichtS- unD

kunStwiSSenSchaften

An der Fakultät für Geschichts- und Kunstwissenschaften

ist Mark Hengerer zum 1. Oktober 2013

zum Professor für Geschichte der frühen Neuzeit

ernannt worden. Neben der westeuropäischen Geschichte

wird die Geschichte des Heiligen Römischen

Reiches einen Schwerpunkt bilden. Passend

dazu lehrt Hengerer aktuell zum Dreißigjährigen

Krieg, zum Westfälischen Frieden sowie zum

politischen System des Ancien Régime und zum

Frankreich in der Frühen Neuzeit.

Hengerer wurde 1971 in Neustadt in Holstein geboren

und ist an der Nordsee aufgewachsen. Nach

dem Abitur an der Kaiser-Karl-Schule in Itzehoe

studierte er unter anderem Geschichte, Philosophie

und Latein an den Universität Münster und

Wien. 1996 ging er für die Arbeit an der Dissertation

nach Konstanz. Die Promotion erfolgte 2002,

Thema der Dissertation war das Verhältnis von

Kaiserhof und Adel im 17. Jahrhundert. Während

seiner Zeit als Wissenschaftlicher Assistent im

Fachbereich Geschichte und Soziologie war er als

Gastwissenschaftler an der südböhmischen Universität

Budweis, Tschechien, und für zwei Jahre

Gastforscher in Frankreich am Maison des Sciences

de l‘Homme in Paris. Zurzeit forscht er auch zu

den Häfen der französischen Hauptstadt.

Bisher hat Hengerer mehrere Monografien und

Sammelbände sowie zahlreiche Fachartikel zu den

Themen Hof, Adel, Verwaltung, Memoria und jüdische

Geschichte verfasst beziehungsweise herausgegeben.

Zudem hat er Vorträge unter anderem

auf Konferenzen in Frankreich, Luxemburg, England,

Polen, Rumänien, Tschechien, Griechenland

sowie den USA gehalten. Privat interessiert er sich

für das Ballett sowie die Oper. Zudem musiziert er

auch selbst – wenn seine beiden Kinder es zulassen.

bau der Mutter-Kind-Behandlungseinheit besitzt

inzwischen deutschlandweit Modellcharakter.

Zudem befasst sich Reck in mehreren Drittmittel-geförderten

Forschungsprojekten mit Fragestellungen,

bei denen etwa der Einfluss prä- und

postpartaler Störungen der Mutter auf die Mutter-

Kind-Interaktion, die kindliche emotionale und

kognitive Entwicklung sowie neurobiologische

Parameter der Stressreaktivität und epigenetische

Prozesse im Vordergrund stehen. Ergänzt werden

diese Arbeiten durch Projekte zur Prävalenz von

prä- und postpartalen Depressionen und Angststörungen

sowie einer im Rahmen eines Projektes des

Bundesministeriums für Bildung und Forschung

aktuell laufenden randomisierten Psychotherapiestudie.

Über fundierte Lehrerfahrung verfügt Reck

sowohl im Bereich der Klinischen Entwicklungspsychologie

des Kindes- und Jugendalters als auch

der Interventionspsychologie.

An der LMU möchte Reck insbesondere im Kinder-

und Jugendbereich die Identifikation interaktioneller

und störungsspezifischer Risikofaktoren

der transgenerationalen Vermittlung von

psychischen Störungen untersuchen. „Basierend

auf dem Befund, dass Kinder von angstgestörten

depressiven Müttern ein deutlich erhöhtes Risiko

aufweisen, selbst an einer psychischen Störung zu

erkranken, soll in Kooperation mit dem Lehrstuhl

für Klinische Psychologie, dem Lehrstuhl für Entwicklungspsychologie,

der Begabungspsychologischen

Beratungsstelle sowie mit international führenden

Wissenschaftlern des Forschungsbereichs

ein Interventionsprogramm zur Prävention kindlicher

psychischer Störungen sowie kognitiver

und affektiver Defizite entwickelt werden“, erklärt

Reck. In der Lehre ist ihr insbesondere der Transfer

von empirischen und theoretisch vermittelten

Lehrinhalten in die Praxis sowie die Förderung der

Kreativität und Entwicklung eigener Forschungsideen

der Studierenden ein Anliegen.

1 Prof. Dr. corinna reck

N R . 1 • 2014 MenSchen

39

■ Prof. Dr. corinna reck

fakultät für PSycholoGie

unD PäDaGoGik

Professor Corinna Reck hat am 1. November 2013

die Professur für „Klinische Psychologie des Kindes-

und Jugendalters“ an der LMU angetreten.

Zuvor war sie als Leitende Psychologin in der Klinik

für Allgemeine Psychiatrie des Universitätsklinikums

Heidelberg tätig.

Die 49-Jährige verbindet ihre klinische Arbeit mit

der Forschung. Der von ihr direkt nach der Promotion

an der Universität Heidelberg initiierte Auf-

hinweis der redaktion: Eine vollständige

Liste der Neuberufenen findet sich im Internet

unter www.lmu.de/aktuelles/neuberufen


PREISE & EHRUNGEN

N R . 1 • 2014 MenSchen

40

1 Prof. Dr. ferenc krausz

1 Prof. Dr. immanuel Bloch

■ otto-hahn-PreiS für ferenc krauSz

Professor Ferenc Krausz, Direktor am Max-Planck-

Institut für Quantenoptik in Garching und Leiter

des Lehrstuhls für Experimentalphysik an der

LMU, erhält den mit 50.000 Euro dotierten Otto-

Hahn-Preis. Der ungarisch-österreichische Physiker

wird für seine bahnbrechenden Arbeiten auf

dem Gebiet der Attosekundenphysik, also der

Erforschung von Elektronenbewegungen, geehrt.

Die Auszeichnung wird von der Stadt Frankfurt,

der Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) und

der Deutschen Physikalischen Gesellschaft (DPG)

alle zwei Jahre vergeben.

Im Jahr 2001 gelang es Ferenc Krausz und seinem

Team erstmals, einzelne Attosekunden-Lichtblitze

aus extrem ultraviolettem Licht experimentell zu

erzeugen und zu messen (eine Attosekunde ist

ein Milliardstel einer milliardstel Sekunde). Diese

Ergebnisse markierten den Beginn der Attosekundenphysik

und setzten damit einen Meilenstein in

der Wissenschaft. Die Attosekunden-Lichtblitze

ermöglichten es erstmals, die ultraschnellen Bewegungen

von Elektronen sichtbar zu machen,

sie quasi zu fotografieren. In den letzten Jahren

gelangen Ferenc Krausz und seinen Mitarbeitern

zahlreiche Echtzeit-Filmaufnahmen der Bewegung

von Elektronen in Molekülen und Atomen.

Mit ultrakurzen Lichtblitzen könnte man künftig

auch in der Lage sein, Elektronen zu steuern und

damit die Elektronik extrem zu beschleunigen.

Auch hier hat das Team um Ferenc Krausz wegweisende

Erkenntnisse erzielt: So konnten die Forscher

um Krausz im Jahr 2012 erstmals zeigen,

dass man grundlegende Materialeigenschaften,

und damit vor allem das Verhalten von Elektronen,

mit der Frequenz von Licht verändern kann.

■ lMu-PhySiker erhält

Senior international Bec awarD

Das Preiskomitee der Bose-Einstein-Konferenzen

hat Professor Immanuel Bloch, Direktor am

Max-Planck-Institut für Quantenoptik (MPQ) und

ordentlicher Professor für Experimentalphysik

an der LMU, mit dem Senior International BEC

Award 2013 ausgezeichnet. Damit werden Blochs

„bahnbrechende experimentelle Beiträge zur

Physik von Quanten-Vielteilchensystemen aus

kalten Atomen in optischen Gittern“ gewürdigt.

Seit der Entdeckung der Bose-Einstein-Kondensate

– einer sehr speziellen und exotischen Form

von Materie – im Jahr 1995 werden die BEC-Konferenzen

alle zwei Jahre an verschiedenen Orten

abgehalten. „Sie stellen einen Höhepunkt der

Tagungen über die Physik ultrakalter Atome dar,

da nahezu alle herausragenden auf diesem Gebiet

forschenden Gruppen teilnehmen“, so Professor

Bloch. Die International BEC Awards werden seit

2011 vergeben. Diesjähriger Preisträger des Junior-Preises

ist Professor Markus Greiner (Harvard

University), der während seiner Doktorarbeit am

MPQ forschte.

■ auSzeichnunG für

lMu-MeDizinforScher

Zwei Forscher sind die diesjährigen Träger des

„Thieme Preises der Leopoldina für Medizin“.

Stylianos Michalakis vom Department Pharmazie

an der LMU und Regine Mühlfriedel von der

Universität Tübingen erhalten die mit 15.000 Euro

dotierte Auszeichnung für ihre Arbeiten auf dem

Gebiet der Gentherapie bei erblichen Netzhauterkrankungen

des Auges.

Michalakis und Mühlfriedel haben als interdisziplinäres

Forscherteam im DFG-Projekt „Evaluation

der Wirksamkeit lokaler Gentherapie bei

CNG Kanal-defizienten Mausmodellen für erbliche

Netzhauterkrankungen“ gemeinsam erstaunliche

Ergebnisse erzielen können. Ziel war die Gentherapie

zweier wichtiger Erkrankungen aus dem

Spektrum der erblichen Netzhautdegenerationen.

Diese Krankheiten können im fortgeschrittenen

Stadium zur Erblindung führen. Der 38-Jährige

hat in beiden Projekten die therapeutischen Viren

entwickelt, produziert und getestet. Anschließend

hat die 39-Jährige damit die Mausmodelle

therapiert. So ist es ihnen gelungen, Mäusen eine

komplett fehlende Sinnesqualität zu ermöglichen:

stäbchen- beziehungsweise zapfenvermitteltes

Sehen. Von besonderer Bedeutung für zukünftige

klinische Anwendungen ist, dass die Mäuse auch

ein durch Stäbchen- respektive Zapfensehen beeinflusstes

Verhalten entwickelten.

Der Thieme Preis wird von der gleichnamigen

Verlagsgruppe seit 2007 gemeinsam mit der Nationalen

Akademie der Wissenschaften Leopoldina

alle zwei Jahre an junge Wissenschaftler vergeben,

die wesentliche neue Erkenntnisse für die

Ätiologie, Pathogenese, Therapie und Prävention

menschlicher Erkrankungen erarbeitet haben.

■ juriStin erhält kulturPreiS Bayern

Dr. Daniela Schweigler erhält den diesjährigen

Kulturpreis Bayern der Bayernwerk AG (vormals

E.ON Bayern AG) für die LMU. Die Juristin wird

für ihre Dissertation „Das Recht auf Anhörung eines

bestimmten Arztes (§ 109 SGG) – Dogmatische


PREISE & EHRUNGEN

Einordnung und sozialgerichtliche Praxis eines

umstrittenen Prozessinstruments“ ausgezeichnet.

Schweigler befasst sich in ihrer Arbeit mit dem

Verfahren vor Sozialgerichten, in denen häufig

komplexe medizinische Fragen aufgeworfen werden,

etwa, ob ein Arbeitsunfall zu einer Minderung

der Erwerbsfähigkeit geführt hat. Um eine

Entscheidung zu treffen, nimmt das Sozialgericht

oft die Hilfe ärztlicher Sachverständiger in Anspruch.

Dabei handelt das Gericht grundsätzlich

von Amts wegen, das heißt, es entscheidet selbst

über die Notwendigkeit einer medizinischen Begutachtung

und bestimmt, wen es damit beauftragt.

Hier kennt das Sozialgerichtsgesetz eine

Besonderheit, die anderen Verfahrensordnungen

fremd ist: Neben der Beauftragung eines Gutachters

von Amts wegen kann die Klagepartei verlangen,

dass das Gericht ein Gutachten einer Ärztin

oder eines Arztes ihrer Wahl einholt. Methodisch

verbindet die Dissertation Rechtsdogmatik und

Rechtstatsachenforschung. Sie ordnet zunächst

das Antragsrecht in die Systematik und die Prinzipien

des Verfahrensrechts ein und fragt, welche

Zwecke das Gesetz damit verfolgt.

Mit dem Kulturpreis Bayern würdigt die Bayernwerk

AG herausragende wissenschaftliche und

künstlerische Leistungen an den bayerischen

Universitäten, Hochschulen für angewandte Wissenschaften

und Kunsthochschulen. Dr. Daniela

Schweigler gehört zu den 17 Preisträgern der Kategorie

„Universitäten“. Sie erhält ein Preisgeld

von 2.000 Euro.

■ StePhan hartMann zuM

ePSa-PräSiDenten Gewählt

Professor Stephan Hartmann von der Fakultät für

Philosophie, Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft

der LMU ist im September 2013 in

Helsinki, Finnland, zum Präsidenten der European

Philosophy of Science Association (EPSA)

gewählt worden. Er tritt damit die Nachfolge des

österreichischen Wissenschaftshistorikers Friedrich

Stadler an. Die EPSA wurde 2007 in Wien

gegründet und soll den Austausch zwischen Studierenden

und Wissenschaftsphilosophen auf der

ganzen Welt fördern. Hartmann ist bereits Alexander-von-Humboldt-Professor,

Co-Direktor des

Münchner Zentrums für Mathematische Philosophie

(MCMP) und Mitglied des Governing Boards

der amerikanischen Philosophy of Science Association

(PSA). Seine Forschungs- und Lehrgebiete

sind die Wissenschaftstheorie, Philosophie der

Physik, formale Erkenntnistheorie und soziale

Erkenntnistheorie.

■ vier lMu-wiSSenSchaftler

erhalten erc-GrantS

Der Professor für Theoretische Physik, Georgi

Dvali, wird gemeinsam mit Professor Cesar Gomez

(Instituto de Física Teórica, Madrid) vom Europäischen

Forschungsrat (ERC) mit einem Advanced

Investigator Grant ausgezeichnet. Gemeinsam

mit Cesar Gomez untersucht er in dem vom ERC

geförderten Projekt zwei fundamentale Fragestellungen

auf dem Gebiet der Gravitation: Zum einen

erforschen die Wissenschaftler das Verhalten

der Schwerkraft auf sehr kleinen Skalen, wo die

beteiligten Teilchen sehr energiereich sind. Zum

anderen geht es um die quantenphysikalischen

Eigenschaften großer schwarzer Löcher.

Einen weiteren Advanced Grant erhält Professor

Martin Parniske, Forschungsgruppenleiter im

Bereich Genetik an der Fakultät für Biologie. Er

möchte im Rahmen seines ERC-Projekts am Beispiel

der Rosenartigen untersuchen, welche genetischen

Schalter betätigt werden müssen, um die

Symbiose mit dem stickstofffixierenden Bakterium

Frankia zu ermöglichen. Dieses Bakterium ist als

Symbiont für die Forscher besonders interessant,

weil Frankia ein breites Wirtsspektrum hat und

auch unter atmosphärischen Sauerstoffkonzentrationen

Stickstoff fixiert.

Der Geophysiker Professor Heiner Igel wurde

ebenfalls mit einem Advanced Grant ausgezeichnet.

Igel wird mithilfe des Grants einen neuartigen

Rotationssensor zur Messung von Bodenbewegungen

entwickeln. In München soll mithilfe des ERC

Advanced Grants der erste in ein Observatorium

integrierte Rotationssensor gebaut werden, der

die Bodenbewegungen vollständig aufzeichnet.

Ebenso erhält Professor Magdalena Götz, Lehrstuhlinhaberin

für Physiologische Genomik an der LMU

und Leiterin des Instituts für Stammzellforschung

am Helmholtz Zentrum München, einen ERC Advanced

Investigator Grant. Im Fokus der Wissenschaftlerin

steht die Forschung an Zellen des Nervensystems.

Götz untersucht, wie diese sich entwickeln,

wie sie sich bei Schädigungen verhalten und

wie sie bei einem Zellverlust ersetzt werden können.

ERC Advanced Grants ehren europäische Forscher,

die bereits herausragende Leistungen in

den Wissenschaften erbracht haben. Damit sollen

sie für ihre hoch innovativen Forschungsvorhaben

die nötigen Freiheiten erhalten. Die Auszeichnung

ist mit einem Preisgeld von bis zu 2,5 Millionen

Euro dotiert.

1 Prof. Dr. Stephan hartmann

1 Prof. Dr. Magdalena Götz

1 Prof. Dr. heiner igel

N R . 1 • 2014 MenSchen

41


Preise & Ehrungen

N R . 1 • 2014 Menschen

42

1 Prof. Dr. Michael Brenner

Professor Götz ist zudem mit dem mit 50.000 Euro

dotierten Ernst Schering Preis ausgezeichnet

worden. Sie erhält den Preis für ihre wegweisenden

Arbeiten zur Erforschung der molekularen

Grundlagen der Gehirnentwicklung. Der Ernst

Schering Preis ist einer der renommiertesten

deutschen Wissenschaftspreise. Er wurde 1991

von der Schering Forschungsgesellschaft ins Leben

gerufen und wird seit 2003 jährlich vergeben.

Ausgezeichnet werden herausragende Leistungen

auf internationaler Ebene im Bereich der medizinischen,

biologischen und chemischen Grundlagenforschung.

Der Preis wird im September 2014

vergeben.

■ Michael Brenner

zum Präsidenten gewählt

Professor Michael Brenner, Inhaber des Lehrstuhls

für Jüdische Geschichte und Kultur an der LMU,

ist zum Internationalen Präsidenten des Leo Baeck

Instituts gewählt worden. Damit steht zum ersten

Mal seit Gründung des Instituts im Jahr 1955 ein

nach der Schoah geborener und in Deutschland

lehrender Akademiker an der Spitze der führenden

Institution zur Erforschung der deutsch-jüdischen

Geschichte und Kultur.

In den Jahren 1998 bis 2009 war Brenner Vorsitzender

der Wissenschaftlichen Arbeitsgemeinschaft

des Instituts und Internationaler Vizepräsident.

Michael Brenners Vertreter sind Professor

Shmuel Feiner (Jerusalem) und Professor David

Rechter (Oxford).

Das Leo Baeck Institut mit Zentren in Jerusalem,

London und New York sowie einer Dependance am

Jüdischen Museum Berlin hat das Ziel, das kulturelle

Erbe des deutschsprachigen Judentums zu

bewahren. Es verfügt über bedeutende Archivbestände

und Bibliotheken und gibt das renommierte

Year Book of the Leo Baeck Institute heraus. Erster

Internationaler Präsident des nach ihm benannten

Instituts war der 1956 verstorbene ehemalige Berliner

Rabbiner und Holocaust-Überlebende Leo

Baeck. Gegründet wurde das Institut unter anderem

von deutsch-jüdischen Intellektuellen wie

Martin Buber, Max Grunewald, Hannah Arendt und

Robert Weltsch.

■ Anneliese-Maier-Preisträgerin

kommt an die LMU

Im Rahmen des Anneliese-Maier-Forschungspreises,

der am 26. September 2013 verliehen wurde,

kommt die indische Archäologin Professor

Himanshu Prabha Ray an die LMU. Ray ist eine

weltweit anerkannte Archäologin und Historikerin.

Zu ihren Spezialgebieten gehören die frühe

Geschichte Indiens sowie die maritime Archäologie.

Ray leitet seit 2012 die indische National

Monuments Authority im indischen Kulturministerium.

Zuvor lehrte sie seit 2006 als Professorin am

Centre for Historical Studies der Jawaharlal Nehru

University in Delhi. Sie ist Herausgeberin der Indien-Serie

von Routledge über Archäologie und Religion

in Zusammenarbeit mit dem Oxford Centre

für Hinduistische Studien. Ray wurde von Monika

Zin, Professorin für Indische Kunstgeschichte am

Institut für Indologie und Tibetologie der LMU,

für den Preis nominiert, der ihr eine fünfjährige

Forschungskooperation mit der LMU ermöglicht.

Mit dem Anneliese-Maier-Forschungspreis unterstützt

die Alexander-von-Humboldt-Stiftung

international ausgewiesene Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler aus dem Ausland, um die Internationalisierung

der Geistes- und Sozialwissenschaften

in Deutschland zu fördern. Der Preis ist

mit 250.000 Euro dotiert.

■ Nanonica-Preis 2013

für Jochen Feldmann

Professor Jochen Feldmann, Inhaber des Lehrstuhls

für Photonik und Optoelektronik an der LMU und

Koordinator des Exzellenzclusters Nanosystems Initiative

Munich (NIM), erhält den mit 10.000 Euro

dotierten Preis „Breakthrough of the Year 2013“ des

Schweizer Unternehmens Nanonica. Der Physiker

wird für die Entwicklung des ersten „Nano-Ohrs“

ausgezeichnet. An seinem Lehrstuhl konnten mithilfe

einer optischen Falle und einzelner Goldnanopartikel

geringste Druckwellen detektiert werden.

Die Empfindlichkeit ist so hoch, dass das „Nano-

Ohr“ mittlerweile den kleinsten Motor der Welt

„hören“ kann: den Motor, mit dem ein Bakterium

seine Flagellen antreibt, um sich fortzubewegen.

Das Investmentunternehmen Nanonica wurde

2006 gegründet und ist spezialisiert darauf, die

Brücke zwischen herausragender Forschung

in den Nanowissenschaften und der Industrie

zu schlagen. Mit dem erstmals ausgelobten

„Breakthrough“-Preis möchte Nanonica Projekte

hervorheben, die ein hohes Potenzial für den

Sprung in die Anwendung aufweisen. Verantwortlich

für die Auswahl der Preisträger ist ein Komitee

aus renommierten Nanowissenschaftlern.

■ Physiker Robert Huber geehrt

Der Physiker Robert Huber erhält für seine Forschungen

an der LMU den Klung-Wilhelmy-We-


PREISE & EHRUNGEN

berbank-Preis. Damit werden Nachwuchsforscherinnen

und -forscher der Physik und Chemie ausgezeichnet.

Die Auszeichnung ist mit 75.000 Euro

dotiert. Robert Huber wird damit für seine Arbeiten

in der Laserphysik und der biomedizinischen

Bildgebung mittels Optischer Kohärenztomografie

(OCT) geehrt. Der Physiker war an der LMU zuletzt

Nachwuchsgruppenleiter am Lehrstuhl für

BioMolekulare Optik an der Fakultät für Physik.

Seit September 2013 hat er eine Stiftungsprofessur

am Institut für Biomedizinische Optik an der

Universität Lübeck inne.

Der Klung-Wilhelmy-Weberbank-Preis zählt zu

den höchst dotierten privat finanzierten Preisen

für deutsche Nachwuchsforscherinnen und -forscher.

Er wird im jährlichen Wechsel an Physiker

und Chemiker verliehen.

■ Salo Baron Prize für MirjaM zaDoff

Mirjam Zadoff lässt in ihrem Buch „Next Year in

Marienbad“ die jüdische Kultur in den Kurbädern

vor dem Zweiten Weltkrieg aufleben. Dafür ist

sie nun mit dem Salo Baron Prize ausgezeichnet

worden.

Die Kurbäder Franzensbad, Karlsbad und Marienbad

im heutigen Tschechien waren um die Wende

vom 19. zum 20. Jahrhundert beliebte Reiseziele

für die europäische Bourgeoisie. Viele jüdische

Gäste unterschiedlicher sozialer und nationaler

Herkunft verbrachten dort alljährlich die Sommermonate.

Mirjam Zadoff vom Historischen Seminar der

LMU hat die soziale und kulturelle Geschichte der

Kurbäder als jüdische Orte beschrieben. Dafür erhält

sie den Preis, den die American Academy for

Jewish Research auslobt. Die Auszeichnung wird

jährlich für das beste Buch im Bereich jüdischer

Studien vergeben, das im Vorjahr in englischer

Sprache erschienen ist.

der Kategorie „Pro“ für Forschende gekürt. Beteiligt

an dem Gemeinschaftsprojekt waren Professor

Ferenc Krausz, Dr. Christian Hackenberger,

Thorsten Naeser und die österreichische Firma

woogieworks.

Die Animation ist eine Reise vom Makrokosmos

in die Quantenwelt und zeigt, wie man Zeitintervalle

immer stärker verlängern muss, wenn man

extrem schnelle Vorgänge, wie etwa Bewegungen

von Elektronen, im Mikrokosmos beobachten will.

■ PhySik-StuDierenDe Gewinnen

BioMoD Prize

Vier Physikstudenten der LMU sind für ihr Projekt

„DNA Diamonds” mit dem internationalen

BIOMOD Prize, den das Wyss Institute for Biologically

Inspired Engineering der Harvard University,

USA, auslobt, ausgezeichnet worden: Das

Team von Marinus Huber, Sebastian Huber, Florian

Schüder und Florian Stehr entwickelte eine

Methode, mithilfe des sogenannten DNA-Origami

einzelne Nanodiamanten zielgenau an eine künstliche

DNA-Konstruktion zu binden.

Nanodiamanten sind Diamantsplitter, die kleiner

als 50 nm sind (1 Nanometer = 1 millionstel Millimeter).

Durch bestimmte Präparation können

Nanodiamanten in stabile Einzelphotonenquellen

verwandelt werden und gelten daher als vielversprechende

Kandidaten für neue Bio-Imaging-Methoden

und Quantenkryptografie-Anwendungen.

Hauptziel der Forschung des Teams „DNA Diamonds“

ist es, Hybridstrukturen aus Nanodiamanten

und anderen Nanopartikeln wie etwa Goldnanopartikel

zu erzeugen und dabei die räumliche

Anordnung der verschiedenen Komponenten mit

Nanometerpräzision zu kontrollieren. So kann

zum Beispiel die genaue Platzierung von Nanodiamanten

zwischen zwei Gold-Nanopartikeln die

optischen Eigenschaften von Nanodiamanten signifikant

verbessern.

1 Dr. Mirjam zadoff

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■ voM herzSchlaG zuM

QuantenSPrunG

Die Jury des Wettbewerbs „Fast Forward Science

2013“, der von „Wissenschaft im Dialog“ und dem

Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft ausgerichtet

wurde, hat das Video „Vom Herzschlag

zum Quantensprung“ vom Labor für Attosekundenphysik

der LMU und des Max-Planck-Instituts

für Quantenoptik prämiert.

Die populärwissenschaftlich aufbereitete Darstellung

ultrakurzer Zeiträume wurde zum Sieger in

Die vom LMU-Team entwickelte Methode nutzt

die DNA-Selbstorganisation, um die unterschiedlichen

Nanokomponenten nanometergenau räumlich

anzuordnen und so optische Quantenphänomene

und neue Möglichkeiten im Bio-Sensing auf

höchstem Niveau zu erforschen.

Neben dem mit 800 Dollar dotierten Hauptpreis

erhielten die vier Studenten zudem eine Auszeichnung

für die beste Online-Präsentation ihrer Arbeit.

Bei dieser wurden sie vom Ph.D.-Studenten

Tao Zhang von der LMU, der Grafikdesign-Studen-


PREISE & EHRUNGEN

N R . 1 • 2014 MenSchen

44

1 Prof. hans-Peter kriegel

tin Milena Mayer von der Universität Würzburg

sowie von Tim Liedl, Professor für Experimentelle

Physik an der LMU sowie Mitglied des Exzellenzcluster

NIM, unterstützt.

Der BIOMOD-Wettbewerb – was für Bio Molecular

Design steht – fand in diesem Jahr zum dritten Mal

statt. Der Wettbewerb bietet Studierenden die Gelegenheit,

in eigenen Projekten und Experimenten

die Selbstanordnung von biologischen Makromolekülen

für wissenschaftliche und technologische

Anwendungen zu nutzen. In diesem Jahr präsentierten

23 Teams mit insgesamt mehr als 200 Teilnehmern

von Spitzenuniversitäten aus der ganzen

Welt ihre Projekte in Boston, USA.

■ ieee icDM awarD für

ProfeSSor krieGel

Professor Hans-Peter Kriegel von der Lehr- und

Forschungseinheit für Datenbanksysteme an der

LMU hat im Dezember 2013 in Dallas, USA, den

2013 IEEE ICDM Research Contributions Award,

eine der beiden höchsten Auszeichnungen im Bereich

Data-Mining, erhalten. Der Preis wird für einflussreiche

Beiträge in diesem Bereich vergeben.

Der Informatiker Kriegel wird vor allem für seine

umfangreichen Publikationen auf dem Gebiet des

Data-Minings ausgezeichnet, die sich unter anderem

mit Clustering, mit Ausreißererkennung oder

hochpräziser Datenanalyse befassen. Insgesamt

hat Kriegel mehr als 450 Publikationen veröffentlicht,

die laut Google Scholar – einer Suchmaschine

für wissenschaftliche Texte – mehr als 30.000

Mal zitiert wurden.

Auf Microsoft Academic Search ist Professor Kriegel

unter dem Thema Data-Mining auf Platz fünf

gelistet – unter nahezu 80.000 Autoren weltweit.

Gewürdigt wird Kriegel auch für seine interdisziplinären

Kooperationen unter anderem mit Fächern

wie Archäologie, Biologie, Ingenieurwissenschaften

oder Medizin sowie mit der Industrie, die alle

auf seine Expertise zurückgreifen.

Der Preis wird von der International Conference

on Data Mining (ICDM) vergeben, die vom weltweiten

Berufsverband Institute of Electrical and

Electronics Engineers (IEEE) unterstützt wird, und

ging zum ersten Mal nach Deutschland.

■ heDwiG GaSteiGer erhält

Polytechnik-PreiS

Hedwig Gasteiger, Professorin für Didaktik der

Mathematik am Mathematischen Institut der

LMU, gehört in diesem Jahr zu den Gewinnerinnen

und Gewinnern des Polytechnik-Preises 2013.

Sie erhält die Auszeichnung mit einem Preisgeld

von 5.000 Euro vor allem für ihre Forschung zu

früher mathematischer Bildung in Alltags- und

Spielsituationen. In ihrem Projekt hat Professor

Gasteiger in Interventionsstudien analysiert, dass

mathematische Bildung in natürlichen Lernsituationen,

wie etwa beim Spiel in der Kindertagesstätte,

sehr erfolgreich sein kann, wenn die pädagogischen

Fachkräfte die notwendige Fach- und

pädagogisch-didaktische Handlungskompetenz

haben. Nur so können sie diese Lernsituationen

als wertvolle Lerngelegenheiten erkennen und für

die Förderung der Kinder nutzen.

Der Preis, der von der Stiftung Polytechnische Gesellschaft

in diesem Jahr zum zweiten Mal vergeben

wurde, steht unter der Schirmherrschaft der

Bundeswissenschaftsministerin Johanna Wanka.

Insgesamt ist er mit 70.000 Euro dotiert. In diesem

Jahr würdigt er vor allem Wissenschaftlerinnen

und Wissenschaftler, die attraktive Lehr- und

Lernangebote entwickelt haben, um Kinder für

Mathematik, Naturwissenschaften und Technik

zu begeistern.

Mit dem Preis will die Stiftung dazu beitragen, die

Brücke zwischen Theorie und Praxis zu schlagen

und die im Rahmen des Polytechnik-Preises gewonnenen

Erfahrungen und Erkenntnisse in den

Lernalltag einfließen zu lassen.

■ hiStoriker Becker Mit heinrich-vonlevelinG-PreiS

auSGezeichnet

Professor Rainald Becker vom Institut für Bayerische

Geschichte an der LMU ist im Dezember

mit dem Heinrich-von-Leveling-Preis für herausragende

Forschungen zur bayerischen Landesgeschichte

ausgezeichnet worden. Geehrt

wurde der Forscher, der derzeit eine Professur

an der Universität Bayreuth vertritt, vor allem für

sein Buch „Nordamerika aus süddeutscher Perspektive“.

Becker erforschte die Wahrnehmung

und das Wissen um Nordamerika im 17. und 18.

Jahrhundert vergleichend in verschiedenen Territorien,

Reichsstädten, Konfessionen und Orden

sowie Wissenschafts- und Bildungsinstitutionen

im Süden des Heiligen Römischen Reiches. Die

Studie verbindet klassische Ansätze der Landesgeschichte

mit innovativen Zugriffen aus der Wahrnehmungs-,

Transfer-, Vernetzungs-, Kultur- und

Wissensgeschichte und erschließt die Ordnung

des Wissens um Nordamerika in Süddeutschland.

In den Gutachten, die als Grundlage der Preisverleihung

dienten, wurde unter anderem die elabo-


PREISE & EHRUNGEN

rierte Quellenkenntnis, der hohe Grad an Innovation

und die bemerkenswerte Darstellung hervorgehoben.

Der Preis wird von der Forschungsstiftung

Bayerische Geschichte vergeben, die 2003 vom

Freistaat Bayern gegründet wurde. Ihr gehören

alle Vertreter der bayerischen Landesgeschichte

an den Universitäten im Freistaat an.

■ eXzellenzPreiS für

lMu-aBSolventen

Philip Maximilian Bender hat einen mit 1.500

Euro dotierten Exzellenzpreis der Deutsch-Französischen

Hochschule (DFH) erhalten. Er erhielt

ihn für seine Arbeit: „Brauchen wir eine Societas

privata europaea (SPE)?“ Hierin geht er der Frage

nach, ob diese SPE – eine europäische Gesellschaftsform

für kleine und mittlere Unternehmen,

die der deutschen GmbH ähnlich ist – überhaupt

noch notwendig ist, nachdem ein entsprechender

Verordnungsentwurf im März 2011 scheiterte.

N R . 1 • 2014 MenSchen

45

Bender absolvierte ein Studium der Rechtswissenschaften

an der LMU München und an der Université

Panthéon-Assas, Paris.

Der vom Club des Affaires Saar-Lorraine initiierte

Exzellenzpreis wird seit 2002 an die besten DFH-

Absolventen verliehen.

■ werner-creutzfelDt-PreiS für

zwei lMu-ProMovenDinnen

Dr. Emanuelle Le Bras und Dr. Johanna Wagner

sind für ihre wissenschaftliche Arbeit auf dem

Gebiet der chronischen Darmerkrankungen Morbus

Crohn und Colitis ulcerosa mit dem Werner-

Creutzfeldt-Dissertationspreis 2013 ausgezeichnet

worden. Die beiden Ärztinnen teilen sich den

mit insgesamt 1.000 Euro dotierten Preis. Beide

haben im Labor von Professor Stephan Brand

an der Medizinischen Klinik II. des Klinikums in

Großhadern geforscht. Schwerpunkt ihrer Arbeit

ist die genetische Ursachenforschung von Entzündungsgeschehen

im Rahmen der chronischen

Darmerkrankungen. Der Preis erinnert an den großen

deutschen Internisten und Gastroenterologen

Professor Werner Creutzfeldt.

1 Dr. emanuelle le Bras (links) und Dr. johanna wagner mit dem Direktor der Medizinischen

klinik ii, Professor Burkhard Göke, bei der überreichung des werner-creutzfeldt-Preises.


TIPPS & TERMINE

N R . 1 • 2014 Service

46

■ filMaBenD DeS rachel carSon centerS

zuM kliMawanDel

Das Rachel Carson Center for Environment & Society (RCC) präsentiert

am 20. Februar den letzten Film seiner Umweltfilmreihe „Green

Visions“. Der Schwerpunkt liegt dabei auf dem Thema Klimawandel.

Klimaschwankungen sind zwar nicht neu. Früher gingen sie jedoch

langsam vor sich – Tiere und Pflanzen hatten genug Zeit, sich an die

neuen Bedingungen anzupassen. Heute ist das anders: Durch die

moderne Lebensweise in Industriegesellschaften sind Menschen mit

einer rasanten Erwärmung konfrontiert. Zu dieser Thematik wird am

20. Februar im Münchener Gasteig in der Rosenheimer Straße im

Vortragssaal der Bibliothek der Film „Peak“ zum Skitourismus gezeigt.

Im Anschluss kann das Publikum mit Experten und Regisseur

Hannes Lang diskutieren. Weitere Informationen unter

www.rachelcarsoncenter.de.

1 Der film „Peak“ untersucht die auswirkungen des

Skitourismus‘.

1 Der unichor präsentiert ende januar seine

„klangsphären“.

■ SeMeSteraBSchluSSkonzert DeS unichorS

Am 26. und 27. Januar 2014 präsentiert der UniversitätsChor im

Lichthof der LMU unter dem Motto „Klangsphären“ jeweils ab 20

Uhr A-cappella-Werke für den gemischten Chor. Auf dem Programm

stehen unter der Leitung von Verena Holzheu: Giovanni Croces „O

sacrum convivium“, Josef Rheinbergers „Kyrie · Gloria · Ich liebe,

weil erhöret der Herr“, Wolfram Buchenbergs „Als vil in gote, als vil

in vride“, Heinrich Schützes „Unser Wandel ist im Himmel“, Arvo

Pärts „Magnificat Giovanni Gabrieli: Sanctus à 12“ und Zoltán Kodálys

„Laudes organi“. Ab 6. März 2014 singt der UniChor außerdem

in Zusammenarbeit mit Ludwig Wicki täglich „Herr der Ringe – Die

zwei Türme“ im Gasteig. Alle Termine unter www.unichor.de.

■ caS-workShoP üBer Strafen unD

StrafanDrohunGen in antiken kulturen

Vom 19. bis 21. Februar 2014 findet im Center for Advanced Studies

(CAS) in der Seestraße 13 ein internationaler Workshop unter der

Leitung von Dr. Birgit Christiansen zum Thema „Zwischen Abschreckung,

Vergeltung und Wiedergutmachung – Strafen und Strafandrohungen

in antiken Kulturen“ statt. Dabei werden beispielsweise

Fragen diskutiert, warum einige Vergehen mit einer Geld- und andere

mit der Todesstrafe geahndet werden oder welchen Zweck Strafen

und Strafandrohungen überhaupt haben. Bis heute werden solche

Themen mit Bezugnahme auf gesellschaftliche Traditionen und

Entwicklungen kontrovers diskutiert. Eine historische Betrachtung

trägt zum Verständnis der eigenen und fremder Kulturen bei. Teilnehmerinnen

und Teilnehmer sind unter anderem Hans Neumann

aus Münster, Guido Pfeifer aus Frankfurt sowie Karen Radner vom

University College London und Cornelia Wunsch von der University

of London. Anmeldung unter info@cas.lmu.de oder auf www.cas.

uni-muenchen.de.


TIPPS & TERMINE

■ „tout le MonDe kaPutt“ – Der erSte weltkrieG iM

coMic in Der univerSitätSBiBliothek

Fast 100 Jahre nach Beginn des Ersten Weltkriegs ist das Interesse

an diesem Ereignis ungebrochen. In Kooperation mit dem Historischen

Seminar zeigt die Universitätsbibliothek der LMU jetzt jeden

Werktag bis zum 11. April 2014 die Comic-Ausstellung „Tout le

monde kaputt – Der Erste Weltkrieg im Comic“. Dabei wird anhand

der vierbändigen Comicserie „Notre Mère la Guerre“ von Kris und

Maël die Grausamkeit des Kriegs in erschütternden Szenen von der

West- und der Ostfront visualisiert. Gleichzeitig werden Einblicke

in die Entstehung von „Notre Mère la Guerre“ sowie in die noch

nicht abgeschlossene Comicserie „Svoboda“ geboten. Darüber hinaus

können sich Besucher durch die Objekte aus der Sammlung

des Weltkriegsmuseums Historial de la Grande Guerre in Péronne,

Frankreich, davon überzeugen, dass in den ausgestellten Comics

weitaus mehr Dokumentarisches als Erdachtes steckt. Öffnungszeiten

unter www.ub.uni-muenchen.de.

N R . 1 • 2014 Service

47

■ uniGalerie unD caS würDiGen huBertuS reichert

In Kooperation mit der UniGalerieLMU finden in den Räumlichkeiten

des Center for Advanced Studies (CAS) in der Münchener

Seestraße 13 wechselnde Kunstausstellungen statt. Noch bis 28.

Februar 2014 wird aktuell jeden Werktag die Ausstellung „Hubertus

Reichert“ gezeigt. Der abstrakte Expressionist ist Jahrgang 1952

und hat an der Akademie der Bildenden Künste in München sowie

an der New York University, USA, Kunst studiert. In der Ausstellung

werden vorrangig Arbeiten präsentiert, in denen sich der Künstler

mit der Architektur des bedeutenden Architekten der Renaissance in

Oberitalien, Andrea Palladio, auseinandersetzt. Der Palladio-Zyklus

hat eine Sonderstellung in dem ansonsten nicht gegenständlichen

Werk Reicherts, aus dem auch weitere Arbeiten zu sehen sein werden.

Öffnungszeiten unter www.cas.uni-muenchen.de.

■ caS-aBenDvortraG üBer Die MüllProBleMe

iM internet

In Deutschland ist das Müllaufkommen in den letzten Jahren trotz

zunehmenden Wirtschaftswachstums zurückgegangen. Ist die Geschichte

der Abfallwirtschaft also eine Erfolgsgeschichte? Die Vortragsreihe

„Abfall in Umwelt und Gesellschaft“ des Center for Advanced

Studies versucht diese Frage an fünf Abenden zu beantworten. Am

30. Januar liegt der Schwerpunkt vor allem auf dem Müll im Internet.

Experten aus Wissenschaft und Praxis diskutieren dabei ab 18.15 Uhr

unter dem Motto „Spam und Filter. Müllprobleme im Internet“. Redner

von der LMU sind Professor Jens Kersten, Inhaber des Lehrstuhls

für Öffentliches Recht und Verwaltungswissenschaften, sowie Professor

Hubertus Kohle, Inhaber des Lehrstuhls für Mittlere und Neuere

Kunstgeschichte. Um Anmeldung wird unter info@cas.lmu.de

gebeten. Anfahrtsbeschreibung unter www.cas.uni-muenchen.de.

1 Mehr Dokumentarisches als erdachtes: comics im

krieg.

1 expressionismus im caS: Die uniGalerielMu präsentiert

werke von hubertus reichert.


TIPPS & TERMINE

N R . 1 • 2014 Service

48

1 jährlich gedenkt die weiße-rose-Stiftung mit einer vorlesung

der freiheitskämpfer.

■ GeDenken an Die weiSSe roSe

Die Weiße-Rose-Gedächtnisvorlesung findet jährlich zum Gedenken

an die Widerstandsgruppe um die Geschwister Scholl statt, die am

22. Februar 1943 verhaftet und hingerichtet wurden. Sie und viele

andere setzten ihr Leben aufs Spiel, um das Wichtigste für eine

Gesellschaft zu erreichen: Freiheit von Unterdrückung, die Freiheit,

zu sagen, was man denkt und auch die wissenschaftliche Freiheit.

Nachdem letztes Jahr Bundespräsident Joachim Gauck die Vorlesung

hielt, ist am 29. Januar 2014 die evangelische Regionalbischöfin

Susanne Breit-Kessler zum Thema „Dem Rad in die Speichen

greifen – Widerstand gestern und heute“ die Gastrednerin. Sie ist

seit 2000 Oberkirchenrätin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in

Bayern im Kirchenkreis München und Oberbayern, seit 2003 ständige

Vertreterin des Landesbischofs und die erste Frau in Bayern,

die ein bischöfliches Amt bekleidet. Beginn der Veranstaltung unter

www.weiße-rose-stiftung.de.

IMPRESSUM

herausgeber

Präsidium der Ludwig- Maximilians-Universität (LMU)

München

redaktion

Kommunikation und Presse LMU

Luise Dirscherl (dir), Katrin Groeschel (kat) (verantwortlich)

Clemens Grosse (cg) (federführend)

David Lohmann (dl), Anja Burkel (ajb)

Mitarbeiter dieser ausgabe

Constanze Drewlo (cdr), Nicola Holzapfel (nh)

onlineredaktion

Thomas Pinter (thp)

redaktionsadresse

Geschwister-Scholl-Platz 1, 80539 München

Tel.: +49 (0) 89 2180-3423

Fax: +49 (0) 89 33 82 97

mum@lmu.de

iSSn 0940-0141

titel- und heftgrafik: [www.haak-nakat.de]

umschlagfoto / rückseite : Michael Strauch

Die MuM erscheint vierteljährlich. eine online-ausgabe kann

unter www.lmu.de/presse/mum heruntergeladen werden.

fotos im heft: Haak & Nakat (S. 1, 2); Bernd Schönfelder (S.4); Rat Pack Filmproduktion

GmbH (S.7); The DOX (S.8); David Lohmann (S.9); Pressestelle Universität

Leipzig/Jan Woitas (S.10); Steffen Niclas-Fotolia.de (S.12/13/14 oben),

MBU/LMU (S.13 unten); Christoph Olesinski (S.16/17); privat (S.18); Bezirksjugendring

Oberbayern (S.19); Christoph Olesinski (S. 20); Landherr Architekten/

Ralf Wehrhahn (S.21); WavebreakmediaMikro-fotolia.de (S.23); DGV/stebl (S.25

oben); Julia von Rohrscheidt (S.25 Mitte); Vicki Troeltsch (S.25 unten); EBE (S.27);

Constanze Drewlo (S.28 oben); Uta Hauck-Thum (S.28 unten/S.29); Staatliche

Münzsammlung Bayern (S.30/31); Thomas Kiewning/epic-moments.de (S.32);

privat (S.39); Thorsten Naeser (S.40 oben); Koerber-Stiftung (S.40 unten); privat

(S.45); unafilm (S.46 oben); UniChor (S.46 unten); Rached Msadek (S.47 oben);

Roy Hessing (S.47 unten); Jan Greune (S.48); fotolia.com (S. 16/18/22/23/32/33).

Alle weiteren Fotos: Friedrich Schmidt bzw. LMU.

Designkonzept und layout

HAAK NAKAT [www.haak-nakat.de]

Distribution

Kommunikation und Presse LMU: Mathias Schiener

anzeigen: Kommunikation und Presse LMU

MuM und einsichten beim „Stummen verkäufer“

Professor-Huber-Platz 1.OG; Schellingstr. 3/4 Eingangsbereich; Ludwigstr. 28

Rgb.; Leopoldstr. 13; Oettingenstr. 67 Hörsaalgebäude; Pettenkoferstr. 12 Eingangsbereich;

Theresienstr. vor dem Café Gumbel; Luisenstr. 37 Eingangs bereich;

Königinstr. 10 Teilbibliothek UG; Unibibliothek Ludwigstr. 27 Ausleih halle; Historicum

Teilbibliothek EG; Biozentrum Pforte; Chemie und Pharmazie Haus F EG.


aktuelle StellenanGeBote Der luDwiG-MaXiMilianS-univerSität unter www.lMu.De/StellenanGeBote


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im Rathaus am Marienplatz

München Ticket

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Tourismusamt

Telefon (089) 233-9 65 00

Stadtinformation

Telefon (089) 22 23 24

Öffnungszeiten

Montag bis Freitag

10 bis 20 Uhr

Samstag

10 bis 16 Uhr

Internet

muenchen.de/rathaus


Der bunt beleuchtete

Lichthof der LMU

beim Orgelkonzert

am 9. November 2013.

www.lmu.de/mum

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