Die heimlichen Chefs - Yoga Vidya

yoga.vidya.de

Die heimlichen Chefs - Yoga Vidya

DAS UNTERNEHMER-MAGAZIN08/13DEUTSCHLAND 7,50 €ÖSTERREICH 8,50 €WAHLKAMPFUnternehmer legen sichmit Peer Steinbrück anNEUE MÄRKTEWo deutscheFirmen wachsenSPIONAGESo schützenSie IhreE-MailsDie heimlichen ChefsSekretärinnen Sie wissen alles über die Firma – und ihre Vorgesetzten.Nahaufnahme einer besonderen Beziehung


Bretz ist einsehr clevererGeschäftsmannAnna Trökes Yogalehrerinund Autorin populärer YogabücherHierzulande ist das Geschäft mit der Seelengymnastikweniger ausgereift: Auf der einenSeite stehen die Fitnessketten. Sie haben Geldund das betriebswirtschaftliche Know-how,aber außer ein paar Stunden im Kursprogrammkein Interesse an Yoga. Auf der anderen Seitegibt es diejenigen, die zwar Interesse haben, einebiegsame Wirbelsäule und ein gütiges Lächeln,aber sie haben...nun ja, eben nur das.Und es gibt Volker Bretz. Sohn des SofafabrikantenKarl-Fritz Bretz aus dem rheinlandpfälzischenGensingen.Bretz, geboren am 3. Februar 1963, ist einJunge mit wenigen Freunden und vielen Büchern.Er liest über Cäsar und Alexander denGroßen. Dass sie mächtig, aber nie glücklichwaren. Bretz ist weder das eine noch das andere.Statt mit den Brüdern im elterlichen PartykellerMädchen zu beeindrucken, überspringter eine Klasse, wird im Abitur Jahrgangsbester.Schnitt: 1,1. Leistungskurs: Mathematik. Weilder Vater sich ihn als Nachfolger wünscht,macht Bretz ein Praktikum in der elterlichenSofafabrik. Er fühlt sich weit entfernt vomGlück.Weil man es immer gebrauchen kann, studiertBretz in München Betriebswirtschaft.Aber eigentlich interessieren ihn andere Dinge:An der Uni belegt er Psychologievorlesungen,besucht abends ein Astrologie-Institut undschließlich – eine Yogaschule. „Tiefes Berührtsein“notiert er dazu in seinem Lebenslauf. ImJahr darauf, 1981, zieht Bretz in der Yogaschuleein, schläft auf einer Isomatte imÜbungsraum. Der Vater telefoniert nun regelmäßigmit dem Sektenbeauftragten der Kirche,fordert vom Bruder: „Du musst den Volker daloseisen!“Wenig später wird Bretz zum Leiter des MünchenerYogazentrums ernannt. Man brauchteinen, der was von Zahlen versteht. Im Jahr daraufschickt man ihn nach Wien. Dann Genf.Los Angeles, Paris, London, New York, Toronto.Volker Bretz, der etwas eigenbrötlerische Diplomkaufmannaus Deutschland, macht sich aufder ganzen Welt einen Namen, weil er die kurzvor der Pleite stehenden Yogaschulen auf Vordermannbringt. Bretz sagt: „Ich war so waswie die Feuerwehr.“Knapp zehn Jahre geht das so. Bis zu jenemTag im März 1992: „Vision Swami Sivanandasmit Berufung, Yogazentren in Deutschland zueröffnen“, steht im Internet, wo Bretz – damites jeder nachlesen kann – seine gesammeltenLebensdaten veröffentlicht hat. Derzeit baut erein Yoga-Wikipedia auf. Vier seiner Angestelltenarbeiten Vollzeit daran. Es solle „nicht soyogakritisch“ sein wie das richtige Wikipedia.Dort nämlich wurde vor einiger Zeit der Artikelüber ihn gelöscht. Bretz habe ein „Selbstdarstellungsproblem“und sei „als Yoga-Eintrag irrelevant“,heißt es in der dazugehörigen Diskussion.In Bretz’ eigenem Wiki finden sich unterseinem Namen nun 18 gedruckte Seiten. Erhabe nichts zu verbergen, sagt Bretz. Aber etwasspäter muss er es doch loswerden: „Ich binsicherlich der relevanteste Mensch in der Yogaszenein Deutschland.“Der lohnende Teil des YogaBretz’ Hochrechnungen zufolge üben mittlerweileeine halbe Million Deutsche nach seinemSystem. Das ist viel in einer Branche, die so verästeltist, dass sich keiner traut, belastbare Zahlenzu erheben, und oft schon innerhalb einesStadtviertels bis zu zehn verschiedene Stile unterrichtetwerden. Die meisten Schätzungengehen davon aus, dass sich die Zahl der Yogatreibendenin den letzten Jahren deutschlandweitauf rund fünf Millionen verdoppelt hat.Bretz sagt: „Ich behaupte, dass die jetzige Yogawellein Deutschland durch Yoga Vidya angestoßenwurde – und damit durch mich.“Tatsache ist, dass Bretz einen recht effizientenMechanismus entwickelt hat, um seine Anhängerschaftzu vergrößern: Bis heute hat YogaVidya über 10 000 Yogalehrer „zertifiziert“.Was für den Einzelnen nicht viel heißt, weilsich in Deutschland ohnehin jeder Yogalehrernennen darf. Für Bretz aber bedeutet es, dassviele seiner Absolventen sich selbstständig machenund noch mehr Yoga-Vidya-Studios eröffnen.Bretz bekommt eine Umsatzbeteiligung,die Studiobetreiber einen Businessplan, eineHomepage und einen garantierten Abstandvon mindestens 15 Kilometern zum nächstenYoga Vidya Cooperations Center, wie Bretz seineFranchisenehmer nennt. Die meisten steigenspäter selbst in das Geschäft mit der Lehrerausbildungein. Teile des Programms müssenin der Bad Meinberger Zentrale absolviertwerden, was dort für steigende Übernachtungszahlensorgt.Dass dies der lohnende Teil des Yoga-Businessist, entdeckte Bretz Anfang der 90er-Jahre:Sein erstes Frankfurter „Yoga Center amZoo“ lief schleppend. Bretz klebte Plakate, verteilteHandzettel, nichts half. In jener Zeitwollten die Deutschen an die Börse, nicht insYogastudio. Sein Erbteil aus der Sofafabrik42impulse AUGUST 2013


Yoga-City Täglich leitet Volker Bretzeinen Yogagottesdienst (o.). Samstagssitzen bis zu 400 Menschen auf demzubetonierten Schwimmbecken der einstigenKurklinik (u. r.), in der striktes Alkoholverbotherrscht. Getrunken wird heißesWasser, „Ayurvedawasser“ (u. l.).YOGA IDEEN


Visionär Volker Bretz und seine Lehrer Vishnudevananda (†1993) undSivananda (†1963). Beide kennt er mehr oder weniger persönlichYOGA-BUSINESSIn Deutschland ist Yoganoch eine sehr mittelständischeBranche – über die eskaum verlässliche Zahlengibt. Schätzungen zufolgeüben fünf Millionen Deutscheregelmäßig Yoga. Geldverdient wird hauptsächlichmit Zubehör wie Matten,Kleidung, DVDs oder auchdem bekannten Yogi-Tee.Studioketten etablieren sicherst allmählich. Mit seinenknapp 100 Yoga-Vidya-Filialenhat Volker Bretz sichjedenfalls einen komfortablenVorsprung verschafft.war fast aufgebraucht, als Bretz feststellte, dasses Schüler gab, die lieber Lehrer sein wollten –und die richtigen Schlüsse zog. Wenige Monatespäter schrieb seine Yogaschule Gewinne.Eine gewöhnliche Yogastunde kostet zwischen10 und 15 Euro. Eine Yogalehrerausbildungbei Yoga Vidya – je nach Dauer – zwischen3000 und 7000 Euro. Vier Wochen dauertder kürzeste von Bretz entwickelte Kurs.Schon deshalb produziert Yoga Vidya wesentlichmehr Yogalehrer als andere Schulen, derenAusbildungen oft über vier Jahre gehen. Wasvor allem den alteingesessenen Bund DeutscherYogalehrer ärgert. Eine Vierwochen-Ausbildungsei Schmalspur, findet dessen ChefinAngelika Beßler. „Die Leute haben dann einZertifikat und werden aufs Volk losgelassen.“Bretz sagt: „Ich habe mein BWL-Grundstudiumauch in nur einem Semester gemacht. Das hatmir nicht geschadet.“So oder so. Der Verband weigert sich, mitBretz zusammenzuarbeiten, weshalb der einfachseine eigene Interessenvertretung aufgemachthat: den Berufsverband der Yoga VidyaLehrer. Später gründete Bretz einen Verbandder Yoga Vidya Gesundheitsberater, einen Verbandder Yoga- und Ayurvedatherapeuten sowiezwei Über- und sechs Unterverbände dieserVerbände.Das Prinzip „Viel hilft viel“ hat Bretz auchin eine effektive Onlinestrategie verwandelt:Unter seinem gelben Yogakittel trägt er stetsein winziges MP3-Aufnahmegerät samt Mikrofon.Wenn er ein Seminar oder einen Workshopgibt, und das ist mehrmals täglich, schneidet erseine Worte mit oder lässt sich per Video aufzeichnen.Dann stellt er alles ins Netz.Insgesamt bespielt Yoga Vidya zehn Youtube-Kanäle und zwölf weitere bei ähnlichen Portalen.Hinzu kommen 15 Blogs, 26 Podcasts undungefähr 70 Kanäle bei Twitter. Es gibt Sendungenzum richtigen Atmen, einen Videokochkursfür Veganer oder den Burn-out-Podcast.Bretz sagt: „Wir müssen keine Angst vorirgendwelchen Google-Algorithmen haben.“Angst haben die anderen. Nicht vor Google,sondern vor Bretz. „Die Allgegenwart von YogaVidya“ erzeuge in ihm Unbehagen, schreibt derKölner Yogalehrer Bernd Franzen in seinemBlog. Eine Nutzerin sagt: „Ich finde es beängstigend,wie Yoga Vidya sich ausbreitet.“ DieLeute dort verdrängten „mit ausgefeilten Marketingkonzeptenund Dumpingangeboten alleanderen Yogalehrer vom Markt“.Tatsächlich unterbietet Bretz die gängigenPreise. Er beschäftigt rund 200 fest angestellteMitarbeiter. Die meisten leben und arbeiten inseinen Yogazentren. Sechs Tage die Woche. 42Stunden. Dafür bekommen sie rund 300 Euroim Monat, zweimal täglich Essen, einen Schlafplatz.Für Teamleiter legt Bretz noch 30 Eurodrauf. Ausbeutung, sagen Arbeitsrechtler. Beträgtein Gehalt weniger als zwei Drittel des üblichenTariflohns, spricht das Bundesarbeitsgerichtvon Sittenwidrigkeit und Lohnwucher.Nur: Was ist der übliche Tariflohn eines Yogis?Bretz sagt, dass wer in seinen Zentren lebe,zwar wenig Geld bekäme. „Aber jede Mengeanderer Dinge.“ Persönliche Betreuung zumBeispiel. Wer mehr als drei Jahre angestellt ist,für den zahlt Bretz zusätzlich knapp 1500 Eurojährlich in eine Art betriebliche Altersvorsorge.Das Gros der Mitarbeiter bleibt ein halbes Jahrkürzer. Wer geht, bekommt ein Arbeitszeugnis.Es gehe nicht darum, reich zu werden, sagtBretz. Nur groß.Dass es ihm nicht ums Geld geht, sonderndarum, die Welt mit Yoga zu beglücken, glaubenselbst seine Kritiker: „Bretz ist ein sehrcleverer Geschäftsmann“, sagt die bekannte44impulse AUGUST 2013


YOGA IDEENYoga-Autorin Anna Trökes.Trotzdem sei er, wie sie es ausdrückt,dem Yogagedanken tiefverbunden. Deshalb hat BretzYoga Vidya auch als gemeinnützigenVerein organisiert. LautSatzung muss er alle Gewinnewieder in die „Verbreitung desYoga“ investieren – sein Systemist zum Wachstum verdammt.Und weil Bretz findet, dass Yoga für jedengut ist, hat er sich für eine breite Zielgruppeentschieden. Durchtrainierte Großstädter siehtman bei Yoga Vidya kaum. Dafür Hausfrauenaus Diepholz und Menschen mit Vorliebe fürbunte Stoffhosen und Wollsocken.Ansonsten – und das Problem haben viele,die ihn kennen – sucht man vergeblich dieSchublade, in die sich Bretz stecken lässt. Er istzu erfolgreich für einen esoterischen Spinner.Zu ausgeglichen für einen Getriebenen. Er magein Selbstdarsteller sein – und bringt beim persönlichenSmall Talk kaum ein Wort heraus. Erkontrolliert täglich die Unternehmenszahlen –und glaubt doch fest, dass man ohnehin nichtsunter Kontrolle hat. Er ist der Tiere wegen Veganer– und zu Gast auf dem Bad MeinbergerSchützenfest.Die Mitgliederfühlen sich verpflichtet,denMenschen durchdie Verbreitungdes Yogazu dienenSatzung des Yoga Vidya e.V.Yoga- statt KurbetriebSeit Jahren lebt Bretz selbst in seinem Yogahochhaus.Verfügt über wenige Quadratmeterim siebten Stock, das vereinsübliche Gehaltund schlechten Handyempfang. Morgens umhalb sechs sitzt er auf dem schmalen Betonbalkon,macht Atem- und Yogaübungen. Drinnenhat er eine Kochnische und eine behindertengerechteToilette – die stammt noch aus Kurklinikzeiten.Schließlich lebte Bad Meinberg bis zur Jahrtausendwendevon Tausenden Kurgästen.Dann kamen die Gesundheitsreformen undkeine Gäste mehr. Vier von einst sechs Klinikengingen pleite. Drei davon hat Bretz gekauft.Auch weil der Bürgermeister des Städtchenssich persönlich dafür eingesetzt hat. Der heißtEberhard Block und hat keine Zeit für Yoga, istaber Vegetarier. 1000 Arbeitsplätze seien damalsweggefallen, erzählt Block. Die kannBretz zwar nicht ersetzen, aber er bringt Menschenin die Stadt, die Geld ausgeben. Wer sichauf den „besonderen Bedarf“ der Yogis einstelle,sagt Block, könne gute Geschäfte machen.Der Bioladen hat Anfang des Jahres seine Verkaufsflächevon 40 auf 120 Quadratmeter ausgedehnt.Sie habe sich spezialisiert,sagt die Inhaberin. Rohkostriegel.Sojaschnitzel.Trockenfrüchte. Die Buchhandlungnebenan hat ihre Esoterikabteilungaufgestockt. Das Wollgeschäftbietet Naturgarne an.Längst gibt es eine Bürgerinitiative:„Yogastadt Bad Meinberg“.Vergangenes Jahr benannte der Stadtratdie Straße, an der Bretz’ Zentrale liegt, in „Yogaweg“um.Aber Bretz wäre nicht Bretz, wenn ihm dasreichen würde. So zählt der „Aufbau von Yogabibliothekensowie eines Yogamuseums“ zuden erklärten Vereinszielen. Zuletzt hat er dieehemalige Parkklinik der Stadt gekauft. Bei YogaVidya heißt sie „Projekt Shanti“. Dort sollensich künftig auch andere Seminaranbieter einmieten.Bretz träumt von einer „Yoga-Universität“.Zurzeit stehen in den Räumen hauptsächlicheinige sehr bunte, wenig benutzte Sofasaus dem Unternehmen seiner Brüder. Egal, beiYoga Vidya ist man zuversichtlich: Schließlichsei sogar Thomas D schon mal im „Shanti“ gewesen.Zuversicht zählt ohnehin zu den Dingen,die man von Bretz lernen kann. Anderenennen es Größenwahn, Chuzpe, Mut oder Unternehmergeist.Diesen Monat eröffnet er ein Yogahaus imAllgäu. 1 Million Euro hat Bretz in die Sachegesteckt. Ein weiteres an der Ostsee? Warumnicht? Dann hätte man alle Himmelsrichtungenabgedeckt. Außerdem gebe es noch in gut50 deutschen Städten Platz für weitere Yoga-Vidya-Schulen. Dann sei Deutschland voll.Erste Studios in den Niederlanden und derSchweiz stehen. Das restliche Europa soll folgen.„Groß denken“, sagt Bretz „das habe ichvon meinem Vater gelernt.“Wahrscheinlich besser, als er es je vorhatte.So gut, dass der Vater sagt, sein Sohn tue nungenau das, was er nie gewollt habe: ein Unternehmenführen. So gut, dass seine Mitarbeiterhin und wieder unruhig werden: dieses „immermehr, immer größer“. So gut, dass ihn sein yogischerVollkommenheitsanspruch manchmalselbst stresst. Sonntags geht Bretz jetzt wiederin die Kirche. Zur Entspannung.NTERMSTRICH U Volker Bretz ist mit knapp10 Millionen Euro Umsatz Deutschlands größterYoga-Industrieller. Er selbst sieht das anders.Unternehmer werden wollte er nie. Nur glücklich.AUGUST 2013 impulse 45

Weitere Magazine dieses Users
Ähnliche Magazine