Charity statt Boyfriend

SpeakersExcellenceDE

Heike Ellwanger

Charity

einfach anders leben

statt tt

Südafrika

Boyfriend

einfach anders lieben


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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.

Für Fragen und Anregungen:

info@heike-ellwanger.de

2. Auflage 2016

Charity statt Boyfriend – einfach anders leben, einfach anders lieben“

© Heike Ellwanger, Selbstverlag

Rüderner Str. 37, 73733 Esslingen

Das Werk einschließlich aller Inhalte ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten.

Nachdruck oder Reproduktion (auch auszugsweise) in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie

oder anderes Verfahren) sowie die Einspeicherung, Verarbeitung, Vervielfältigung und

Verbreitung mit Hilfe elektronischer Systeme jeglicher Art, gesamt oder auszugsweise, ist

ohne ausdrückliche schriftliche Genehmigung des Verlages untersagt. Alle Übersetzungsrechte

vorbehalten. Die Namen der Protagonisten wurden teilweise verändert.

Autor: Heike Ellwanger

Co-Autor: Philipp Hagebölling

Mitwirkende: Claudia Mohr, Jana Krecker, Marlene Schmitz

Layout & Gestaltung: Scott Delitzsch

Lektorat: Gerhard Schmitz

Fotos: Heike Ellwanger, Philipp Hagebölling, Patrick Canny (Luftaufnahme),

Ines Rehberger (Titelportait)

Illustration: www.depositphots.com, www.colourbox.de

Druck: WIRmachenDRUCK GmbH, Mühlbachstr. 7, 71522 Backnang,

www.wir-machen-druck.de

Printed in Germany

ISBN 978–3-00–053804-9

Weitere Informationen zur Autorin, der Organisation und dem Buch:

www.heike-ellwanger.de

www.caresharesmile.org

www.ellwanger-foundation.com


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Heike Ellwanger

Entwicklungshelferin

Keynote Speaker

Autor

www.heike-ellwanger.de

Zur Person:

Heike Ellwanger, gelernte Diplomkauffrau, ist Gründerin der gemeinnützigen

Organisation „Care&Share&Smile e.V.“ sowie der „Heike Ellwanger Stiftung“.

Als Entwicklungshelferin und Initiatorin für effektive Gesundheits- und Ernährungsprojekte

in den Townships Südafrikas fördert sie zudem neue und bestehende

Projekte im Bereich Bildung, Talent, Sport und Musik.

Sie war über 20 Jahre als leidenschaftliche, erfolgreiche Fotografin tätig und hält

Vorträge über Change-Management und moderne Sabbaticals.


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Zum Inhalt

Durch ein verlockendes Jobangebot, einem

Schicksalsschlag und dem richtigen Timing zieht Heike

Ellwanger nach 20 Jahren Ehe, Beruf und Alltag einen

Schlussstrich und stürzt sich in ein unvorhersehbares

und spannendes Abenteuer in

Südafrika.

Ehrlich, witzig und selbstironisch schildert sie

ihren Lebensweg aus einem gehobenen Lifestyle zur

Entwicklungshelferin in einem südafrikanischen

Township.

Dabei vermittelt sie einen dokumentarischen Einblick

über eine Auszeit auf unbestimmte Dauer und die

faszinierenden Begegnungen in einer

kulturell bunten Community.

Bei diesem Wagnis motiviert sie ihren Ziehsohn Philipp

zu einem sinnerfüllteren Leben und berichtet

über ein generationsübergreifendes Joint Venture

der Charity und der Suche nach Glück und

Herzlichkeit.

Mit einem persönlichen Erzählstil, in kuriosen und

berührenden wie auch nachdenklichen Geschichten

erklärt sie das Erlebte zu einer motivierenden Botschaft

– und wofür sich der Mut zur Veränderung lohnt. Denn:

Glück verdoppelt sich, in dem man es teilt.

Erleben Sie einen inspirierenden und mutigen Weg,

anders zu leben – und anders zu lieben.


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Inhaltsverzeichnis

Teil 1: Reise

„un seul voyage va changer le cours d ‘une vie”

(eine einfache Reise kann den Lauf des Lebens verändern)

1. Kapitel Himmel und „Hölle“ in Afrika

2. Kapitel „Aussichtslos“

3. Kapitel „Back to the roots“

4. Kapitel Himmel und „Höhe“ über Afrika

Seite 9

Seite 16

Seite 29

Seite 37

Teil 2: Charity

„Wende dein Gesicht der Sonne zu, dann fallen

die Schatten hinter dich “

(südafrikanisches Sprichwort)

5. Kapitel Heike „goes“ Charity

6.1 Kapitel Herz an Kopf

„positives Arbeiten mit positiven Multiplikationseffekt“

6.2 Kapitel All for Charity

„Mittendrin statt nur dabei“

7.1 Kapitel „Wende dein Gesicht der Sonne zu,

dann fallen die Schatten hinter dich“

7.2 Kapitel My growing mission

8. Kapitel Mission possible

9. Kapitel Phil‘s Story

10.1 Kapitel Wir ziehen das gemeinsam durch!

10.2 Kapitel Das richtige Timing

11. Kapitel „Proudly Southafrican“

12. Kapitel Das Vor- und Danach-Wort

„Making of“ & Danke & Ausblick

Seite 60

Seite 104

Seite 130

Seite 144

Seite 149

Seite 198

Seite 204

Seite 226

Seite 234

Seite 242

Seite 292


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Ehrlich gesagt, hatte ich mir während meiner Ehe überhaupt keine Gedanken über

irgendwelche neuen Ehe-Modelle gemacht. Es ist wie verhext. Heutzutage unterliegt

alles einer 20-jährigen Verfallszeit. Wie nach dem bekannten Spruch: Verliebt, verlobt,

verheiratet und geschieden. Das ist in unserer Gesellschaft normal geworden. Wir

gewöhnen uns langsam daran, hören es nur zu oft aus unserem Bekanntenkreis.

Alles was so schön begonnen hatte: Eine glückliche kleine Familie, die miteinander

durch Dick und Dünn gegangen ist, und das mit einem Partner, den man besser kennt

als irgendeinen anderen, unterliegt nun einer 20-jährigen Verfallszeit – oder ist das

richtige Wort „Auszeit“? Könnte das ein neues Modell oder eine Chance für die

Wiederaufnahme der Ehe sein? Wie eine Weiterführung nach einem Sabbatical? Firmen

nutzen dies bereits und bieten Sabbaticals für ihre Arbeitnehmer an. Eine Auszeit

vom Beruf, raus aus der täglichen Tretmühle, um neue Kraft zu tanken, den eigenen

Horizont zu erweitern und erfrischt zurückzukehren.

Passende Angebote für eine berufliche Auszeit findet man weltweit im Ehrenamt

oder mit einem Travel & Work-Aufenthalt in einem Land mit neuer Kultur und neuer

Lebensweise. Nur wer etwas Neues wagt, erkennt sein noch schlummerndes Potential.

Hallo, wach auf!

Auszeit von der Ehe – für diesen Fall gilt: Ist man erst einmal raus, dann sind in der

heutigen Zeit die Verführungen bereits mit uns und den Jahren gewachsen.

Die Auszeit-Ersatz-Liebe wird im Internet fündig. Klick und weg oder Klick, klick,

klick, denn zehn Mal Bestätigung einheimsen ist besser als nur ein Mal. Quantität lässt

dich zum unwiderstehlichen Subjekt der Begierde werden. Ich sehe diese Portale eher

als Shopping-Portale für unerreichbare Wünsche und Begierden. Das Wagnis hält sich in

Grenzen, denn wagt Mann/Frau den einfachen Klick in den Warenkorb, ist er/sie nach

zwei Wochen noch in der Gewährleistung und kann sich einfach verstecken und das

Objekt zurückgeben. Und so zieht das Dating-Roulette unendliche Kreise.

Klick, klick!

All diese neuen Möglichkeiten, die sich jedem bieten, schreien nach Stillstand im

Alltagsroulette oder einem Ausbruch. „Ich will raus!“ Wenn alles in Bewegung ist,

bewegt sich was und jeder muss es für sich nutzen. Als Fazit kann die Auszeit somit

gesehen werden:

als Chance für einen Neuanfang

oder die Erkenntnis:

Das Neue ist der Anfang.


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Jetzt war die Zeit gekommen, etwas in mir aufzuwecken. Mmmh, da war doch was.

Eine Leidenschaft schlummerte schon jahrelang tief in mir, ich hatte sie nur vergessen.

Sie kam immer dann zum Vorschein, wenn es auf einer gemeinsamen Reise in fremde

Länder ging. Ich hatte daraus immer eine Fotoexpedition machen wollen. Dieses „andere

Leben“ in den unterschiedlichsten Standards und Kulturen zu dokumentieren, mit dem

Wunsch, für ein gesamtweltliches Verständnis zu sorgen. Tonnen an Bildmaterial und

später GB-Dateien sind lebenslange Zeugen und erinnern an tolle Momente, die bei

Ausstellungen dankbar darauf warten, entdeckt zu werden. Denn immerhin

waren es zwei Jahrzehnte, die ich meinen Mann in „ärmere“ Länder

gezerrt hatte, in deren Schulen, auf abgelegene, nicht touristische

Pfade, in die Slums und auf die Märkte der Einheimischen, um

diese Orte mit einer Fotoreportage zu dokumentieren. Auch

40 Grad und gefühlte 100 Prozent Luftfeuchtigkeit waren kein

Problem, wenn ich die Menschen zusammen mit meiner Kamera

aus ihrem begrenzten Dasein befreien und sie bereichern konnte,

denn sofort war der große Spaß für jeden garantiert. Glückliche Gesichter erwarteten

mich auch, wenn ich wie ein Ball von Haus zu Haus sprang. Mein Strahlen und meine

Offenheit wirkten magisch anziehend. Mit leuchtenden Augen folgten diese Menschen

sogleich meinem Lachen, wo immer ich mich befand.

„Hello, white lady“, klingt es noch heute in meinem Ohr. In Brasilien sah ich mich,

wie in einem Kindheitstraum, als Winnetou vornewegreiten. Nicht ganz so majestätisch,

ich glich eher einem Clown, der mit vollem Körpereinsatz kommunizierend durch die

kleinen Dörfer balancierte, schwer bepackt mit meiner Kameraausrüstung. Dorthin kam

ich ein halbes Jahr später wieder zurück, um die Fotos zu übergeben und zusammen

mit Paolo, einem brasilianischen Arzt, etwas aufzubauen. In einem armen Fischerdorf

weit außerhalb einer größeren Stadt wollten wir eine kleine Krankenstation ausstatten

und Paolo für eine bessere medizinische Versorgung sorgen. In der Nähe von Olinda

bin ich damals auf Umwegen mit einem Dorf in Kontakt getreten, das mich stark

geprägt hat. Die Kinder liefen barfuß umher, hatten kaum was anzuziehen, und fast

jeder, der mir begegnete, sah kränklich aus. Mein damaliger Guide war der medizinisch

ausgebildete Paolo. Er erklärte mir, das habe offensichtlich damit zu tun, dass sie sich

am Meer angesiedelt hatten und stolze Fischer waren. Gemüse wurde verachtet. Es gab

Fisch zum Frühstück, Fisch zu Mittag und wieder Fisch zum Abendessen. Das führte zu

Mangelerscheinungen.

Beim Besuch des Dorfes begegneten wir einem Mädchen, an das ich mich noch besonders

gut erinnere. Dieses Bild wird mir wahrscheinlich ewig in Erinnerung bleiben. Mit ihren

knapp sieben Jahren lief sie allein herum und ich merkte, dass mit ihr etwas nicht

stimmte. Was war das auf ihrem Kopf? Nein, konnte das sein?


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Sie lief mit einem offenen Kopf herum, wo sich die Maden schon von der großen Wunde

ernährten! Waaaaas!!! Man erzählte mir wie nebenbei, dass ihr eine Kokosnuss auf den

Kopf gefallen war. Das Ganze hatte sich so böse entzündet und keiner tat etwas! Mit

offenem Kopf schlief sie abends weiter auf ihren Bananenblättern und ihr Schicksal

wurde einfach so hingenommen. Doch nicht ich, so etwas kann ich nicht akzeptieren.

Zwanzig Minuten später waren wir in einer sehr einfachen Krankenstation und sie

bekam eine erste Notversorgung. Sehr notdürftig, da es an Desinfektion fehlte und

so ziemlich alles an Medikamenten. Wir vergessen oft, wie glücklich wir uns schätzen

dürfen. Es gibt jede Menge Menschen auf dieser Welt, die diesen Luxus nicht kennen.

Schon damals pflanzte sich bei mir die Idee ein, die Menschen dort besser zu versorgen.

Paolo und ich hatten sofort dieselbe Eingebung, eine Krankenstation dort aufzubauen.

Für dieses Projekt bin ich dann auch dorthin zurückgeflogen, aber leider erwarteten

mich vor Ort zu dieser Zeit projektverhindernde Umstände. Paolo fühlte sich bereits

sehr schlecht und starb bald darauf an einer Kombination von Leukämie und HIV. Ich

reiste wieder ab. Was blieb, war tiefe Traurigkeit und das ungute Gefühl, unter mit

Kokosnüssen behangenen Palmen zu gehen.

Man kann sich fragen, warum ich jedes mal auf unseren Reisen in fremde Länder immer

die örtlichen Schulen besucht habe. Mich hat schon immer der Schulstandard in

anderen Ländern interessiert. Ich wollte wissen, wie die Kinder dort lernen. Was ist der

Unterschied zu Deutschland? Wie hoch ist das Bildungsniveau? Fragen, die mich dazu

geführt haben, auf jeder meiner Reisen in die Welt Schulen zu besuchen. Trotz armer

Umgebung sehe ich alle Kinder in Schulkleidung. Man könnte meinen, dass Bildung von

der Kleidung abhängt. Dies sagt aber noch lange nichts aus über die bereitgestellten


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Lernmittel und das Ausbildungsniveau der Lehrer. Ich sehe immer wieder, mit wie viel

Stolz die Kinder in der Schule sind und es lieben zu lernen. Diszipliniert und stolz

zeigen sie ihre Hefte. Ich freue mich über dieses Potential, das einer armen Umgebung

die Aussichtslosigkeit der Zukunft nimmt. Dieses Potential darf nie verpuffen, es

sollte allen Kindern möglich sein, Bildung zu erwerben. Diese Garantie existiert in

vielen Ländern nur auf dem Papier. Es bleibt ein Mangel an qualifizierten Lehrern

und an Schulmaterialien. Die kurzen Besuche in den Schulen wurden immer gekrönt

durch unsere mitgebrachten Geschenke, wie zum Beispiel Hefte, Stifte, Bücher. An ein

besonders schönes Erlebnis erinnere ich mich gerne. Zum Dank für unseren Besuch in

einer Schule auf Jamaica und die mitgebrachten Schulhefte und Stifte wurde mir von

den Kindern ein Ständchen gesungen. Lauthals und dabei alles in Bewegung, glich

es einer lustigen Performance. Die Kids streckten ihre Arme weit aus, flatterten wild

drauflos. Mit diesem tollen Andenken wurde das Butterflylied zu meinem liebsten

Lebenssymbol.

Ich sah mich schon fliegen

- in die bunte Welt –

als Schmetterling

– wie es mir gefällt.

Danach wollten wir die Klasse zum Eisessen einladen. Auf diese spontane Idee brachte

mich ein kleiner Eisstand vor der Schule, den ich aber etwas überschätzt hatte. Denn

die Aktion verbreitete sich an der ganzen Schule wie ein Lauffeuer, und plötzlich

standen alle Schüler Schlange. Nun mussten wir noch andere örtliche Eis-Anbieter

suchen und anfragen, und dann hieß es: „Ice for everybody!“

Es reizte mich, neue Pfade zu entdecken, wo nicht bereits ein Trampelpfad der

Touristen vorhanden war. Ich hatte Durst, noch mehr über die Menschen, ihr Leben

und ihre Kultur zu lernen. Wir besuchten Gebiete, die selbst die Taxifahrer, die mich

fahren sollten, verweigerten. Sie waren der festen Überzeugung, man werde dort sofort

erschossen. Ich schaffte es immer, vor Ort Verbündete zu finden, die für unseren Schutz

sorgten. Nichts hielt mich auf, egal wie gefährlich, dreckig oder krankheitsbetroffen

die Gegend war – für mich war– und ist – das wie eine Jagd nach der unverblümten

Wahrheit. Irgendwie glich es dem Job eines Paparazzo. Tatsächlich füllte die Jagd nach

Stars und Sternchen nur eine kurze Zeitspanne in meinem Fotografenleben aus, als

ich für die Presse arbeitete. Oftmals gefährliche Situationen und unwegsames Gelände


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Zu früh beginnt mein nächster Arbeitstag und ich beginne

mein offizielles Foto-Storyboard abzuarbeiten.

Heute besuchen wir Krankenhäuser. Bereits in Weiß

gekleidet, folge ich den mit weißen Ärztejacken ausgestatteten

Gruppen durch sterile weiße Gänge. Alles

wirkt sehr sauber und stellt wiederum einen starken

Kontrast zu dem Lebensstandard draußen dar. Die vielen

Eindrücke halten mich nach wie vor gefangen. Am

späten Nachmittag gibt es ein weiteres überraschendes

Ereignis, denn Daniel schlägt nach der Arbeit spontan

eine Safari in einem privaten Game Reserve vor, als

Selbstfahrer.

(Safari = Das Wort Game Drive kommt aus dem Englischen, wobei der

Begriff Game für Wildtiere steht und von der Pirschfahrt die Rede ist.)

Unvorbereitet, immer noch Weiß gekleidet, lasse ich mir auch diese Erfahrung nicht

entgehen. Fettnäpfchen! Wie kann ich auch ohne Safari-Kleidung nach Afrika reisen!

Auf diesen Game-Park-Besuch, der mein allererster war, führt das sicher zur Belustigung.

Daniel fährt uns in einen Park, bezahlt das „Alleinfahren“ und „Man(n)“ fühlt

sich auch wie allein, denn wir fahren und fahren und fahren, holprig und irgendwie

nach kurzer Zeit etwas öde. Ja, ich langweile mich wirklich. Daniel liebt es, auf der

Pirsch zu sein. „Aber wo sind die Tiere?“ Achso, mein weißes Outfit vertreibt sie, denke

ich mir irgendwann. Da taucht plötzlich eine Giraffenherde mit Jungtieren auf. Wir

sind ganz dicht dran. Sie zupfen mit ihren großen Lippen das letzte Grün von einem

Busch. Ein kleines Giraffenbaby versteckt sich darin. Schade, aber wir müssen weiter.

Der Nachmittag verschwindet schnell in der Dunkelheit, und so wird meine Aufmerksamkeit

auf die sich bereits verändernde Beleuchtung der Landschaft gezogen. Beim

Sonnenuntergang färbt sich der Himmel über Afrika in ein wundervolles Licht. Ein

leuchtendes Orange und alle Facetten von Rot faszinieren mich zutiefst. Jetzt kommt

wieder meine fotografische Lust an die Oberfläche, um etwas Luft zu schnappen. Und

schnell wird es dunkel. Der Himmel brennt kurz blutrot wie Feuer auf und legt sich

danach schlafen! Eine Minute später ist es stockdunkel.


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Auf der fast 100 qkm großen Fläche wohnen offiziell rund eine Million, inoffiziell

jedoch mehr als drei Millionen Menschen. Ein staatliches Wohnungsbauprogramm

sorgte hier für Hunderttausende von einfachen 2-Zimmer-Häusern. Trotzdem

breiten sich illegale ’Squatter-Quartiere‘ weiter drum herum aus. Aber Soweto ist

heute kein mit Wellblechhütten vollgestopftes Elendsareal mehr. Nach der Wende

in Südafrika wurde dieser Teil der Stadt weitgehend saniert und Soweto floriert

mit modernen Krankenhäusern, Schulen und sogar Shopping-Zentren. Das einstige

Haus von Nelson Mandela befindet sich auch in dieser Lage. Trotz drastischer Verbesserung

ist in Soweto die große Armut in Südafrika zu spüren wie auch der mangelnde,

menschenunwürdige Wohnraum. Viele der Wohnungssuchenden kommen

von außerhalb der Grenzen Südafrikas, wie zum Beispiel Zimbabwe und Nigeria.

www.suedafrika.net/reisefuehrer/reiseziel-suedafrika-nordost/johannesburg/soweto.html

Mitten in dem Township bleibt mein Blick an einem Gebäude hängen, das im Vergleich

zu den Blechhütten einen hohen baulichen Standard zeigt. Völlig überraschend stellt

es sich als eine Schule heraus. Ich springe aus dem Taxi, die Kamera fest im Griff,

und laufe juchzend an den Zaun. Eine Horde jubelnder Kinder hat meinen blonden Zopf

schon längst entdeckt, und ich rufe ihnen entgegen: „Hello, hello, kiddis!“

Sie rennen alle auf einmal zu mir an den Zaun, strecken ihre Hände durch,

um mich zu erhaschen. Ihre unbändige Neugierde und ein Strahlen voller

Power überwältigt mich und meine Kamera. Das muss verewigt werden...

... Shot!


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2. Projekt: Community/Vorschule und Kindergarten

„Wonderland“

Bereits zwei Wochen wechselten wir zwischen den Projekten in der Knysna-Township

und den Elefanten außerhalb von Knysna. Drei Vorschulen, die alle nicht unterschiedlicher

sein konnten, kosteten uns Volontäre viel Schweiß und Energie, brachten uns

aber auch viele glückliche Momente. Wie schon die eine Schule mit dem tollen Namen

„Wonderland“ versprach, reizte es uns Volontäre täglich, über uns hinauszuwachsen,

um den Kindern Freude und Wissen zu schenken.

Thandiwe, eine kugelrunde, immer lachende Lehrerin vom Stamm der Xhosa, hatte diese

Vorschule mit Kindergarten gegründet, ihr fleißiger Mann hatte sie gebaut, und sie

hatte dann das Glück, von einer örtlichen Organisation (NGO) gefördert zu werden. Wir

Volontäre waren nur da, um die Lehrer zu entlasten und neuen Input zu bringen. So

auch das kreative Erlebnis mit Elefantenmasken. Unser Kombi-Volontariat mit Sozialund

Wildlife-Programmen führte zu der Idee, den Kindern mehr über Naturschutz nahezubringen.

Wir gestalteten eine spaßige Unterrichtsstunde, die Informationen über die

sanften Riesen vermittelte. Ziel war es, die Kids präventiv zu belehren und gleichzeitig

zu animieren, das Wissen mit anderen in der Community und daheim zu teilen.

Es wäre schön, wenn wir dadurch vielleicht den schrecklichen Werdegang eines Kindes

zum illegalen Elfenbein-Wilderer verhindern könnten. Volontäre haben sich

schließlich für eine große Aufgabe entschieden – Belehrung, Aufklärung, Hilfe und die

Förderung von Gemeinsinn.


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Kapitel

6.1

Herz an Kopf

„Positives Arbeiten mit

positivem Multiplikationseffekt“

Meine bisherigen Erfahrungen in der Volontärsorganisation ebneten den Drang, eigene,

effizientere Projekte zu verwirklichen. Ich vermutete, dass der Volontourismus

auch nur ein Geschäft ist. Ohne dies großartig werten zu wollen, ging mir einfach nicht

in den Kopf, was manche Pseudoprojekte von Volontärs-Organisationen mit Entwicklungshilfe

zu tun haben. Auch aus pädagogischer Sicht bin ich hin- und hergerissen,

den Wirkungsgrad der Unterrichtsstunden zu erkennen. Reicht es aus, bloß eine gewisse

Motivation mitzubringen ohne jegliche Erfahrung? Hierfür nicht ausgebildete

Volontäre Anfang zwanzig versuchen der großen Menge an Kindern auf Englisch etwas

beizubringen. Leider können die Kinder in den Vorschulen nichts verstehen. Sie sprechen

noch kein Englisch. Sie lernen es erst gegen Ende der Grundschulzeit. Die Kinder

gehen sofort eine innige Beziehung mit den Volontären ein. Problematisch sind die

meist zu kurzen Zeiträume des gebuchten Volontariats. Schrecklich ist es für sie, jedes

Mal wieder verlassen zu werden. Irgendwie war der Entertainmentfaktor dem pädagogischen

Wirken überlegen. Ich fragte mich, wem hiermit eigentlich geholfen wird. Ich

hatte durchaus das Gefühl, dass einige Projekte nur dem Zeitvertreib der Volontäre

dienten.

Natürlich waren es nicht alle! Und ich bin auch voller Lob, was das Engagement der Volontäre,

so wie ich sie erlebt habe, betrifft. Mich erfüllte das nur bedingt. Ich wünschte

mir, nachhaltigere Ergebnisse für die Projekte erzielen zu können. Es fehlen wichtige

Ressourcen, wie Essen, Lern- und Bastelmaterial, Möbel, Büroequipment etc. Wird eine


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Schule betrieben, fallen dauernde Kosten an für die Instandhaltung und Unterrichtsmaterial.

Ich finde einige Sachen einfach nicht ausgereift und zu Ende gedacht. Den

gleichen Eindruck hatte ich in den Wildlife-Projekten. Ehrlich gesagt, wollte ich obendrein

Größeres bewegen als Elefantenmist.

The kind of volunteering you do should depend on

your skills and qualifications, not what just you’d

like to do. Instead, offer to help local organizations

with skills you actually have. If you have web skills,

offer to build an NGO a website. If you’re a qualified

bookkeeper, help a business with admin tasks. And then, for the work you’re unqualified

for, donate money to employ local, skilled workers to complete what you

can’t do yourself. This supports local business while ensuring that jobs are done

correctly.

www.matadornetwork.com

So hielt ich stetig meine Augen und Ohren offen für neue interessante Projekte. Man

konnte ja bestehende Projekte unterstützen, die die Community-Bewohner bereits

ehrenamtlich anboten. Einzelne, überwiegend Frauen, engagieren sich für ihre Mitmenschen

mit diversen Angeboten: Workshops, Altenpflege, Kinderbetreuung, oder

Suppenküchen, Vorschulen, Freizeitkurse. Ich war fest entschlossen mitzuhelfen, bestehende

Projekte wirkungsvoll und nachhaltig zu fördern. Ich wusste, dass ich das

Rad nicht neu erfinden musste, und hörte bereits hier und da von bemerkenswerten

Menschen, die, wie Maggi, seit langer Zeit aktiv sind und im Kleinen Großes erreichten.

Diese wollte ich finden.

Ebenso quälte mich unentwegt ein Gedanke: Ich wollte einfach wissen,

was hinter diesem typischen South African Smile steckt.

Täglich passieren hier für mich unverständliche, krasse und kuriose

Geschichten. Wie soll ich diese einschätzen? Ich stecke hier in einer

völlig anderen Wertewelt wie auch anderen Lebensweise und verarbeite

stündlich neuen Stoff in meine deutsche Denkweise. Aber man darf sich von diesem

Smile nicht irreleiten lassen. Mein ungeduldiges Ich wollte nicht kapieren, dass man

eine Kultur und ein ganzes Land niemals innerhalb weniger Wochen verstehen kann.

Selbstironisch zur ernannten Retterin gekürt, konnte auch ich mich nicht innerhalb

der kurzen Zeit allein für eine bessere Welt einsetzen. Wie sollte ich allein auf mich

gestellt die Situation von allen, denen ich begegne, verändern. Verrenne ich mich

bereits gedanklich darin? Wie ein Pitbull biss ich mich daran fest, in der Community

Fuß zu fassen.


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Maggi ist auf ihren Bildern ganz in ihrem Element – einmal als Lehrerin, dann wieder

als Businessfrau, Community-Engel oder bei ihrem Fußballteam. Levy, Zebi und

Bella bestaunen das Buch nicht nur mit den Augen, sondern mit dem ganzen Körper,

und beinahe erdrücken sie Maggi, als sie sich über ihre Schulter lehnen. Es wird wild

kommentiert, und schon holt Bella das Fotobuch, das ich Sista Kerry gestern Abend

mitgebracht habe, aus dem Haus. Stolz zeigt sie Maggi die Bilder von sich am Strand.

Ihre Brüder versuchen ihr das Fotobuch aus der Hand zu reißen, um auf ihre Bilder

zu lenken. Sämtliche Finger verbiegen sich auf den jeweiligen Fotos. Ich habe Angst

um das schöne Buch. Aber gleichzeitig ist es schön zu sehen, wie sich eine besondere

Freude bemerkbar macht. Diese Menschen, die in ihrer großen Township oftmals nicht

wahrgenommen werden, sind überwältigt von dem Erlebnis, in einem Buch abgebildet

zu sein.

Nun stehe ich auf dem Rasta-Festival inmitten von Dreadlocks,

die bis auf den Boden reichen, und komme mir vor wie

eine Schauspielerin im falschen Film. Ein komisches Gefühl

überkommt mich, denn ich fühle mich hier nicht zugehörig. Ich

schaue mich verwundert um und bin erst mal überwältigt von

den vielen langen Haarprachten, die hier herumlaufen. Haarspülung

hätte hier nicht mehr viel geholfen, denn manche Dreadlocks vereinigen sich zu

einem verfilzten Strang, der bis zum Boden reicht. Hier ist vom Kleidungsstil her alles

vertreten – der eine mit ganz normalem Pulli und ein anderer mit Pappe um sich herum

bekleidet, um dem Erfrieren entgegenzuwirken. Ich sehe mich weiter um. Eine Reggae-

Band sorgt für das nötige Ohrenvergnügen mit Bob Marley-Songs. Hihi, kurios. Ich

entdecke auch Touristen und wundere mich. Alle suchen nach dem besten Marihuana,

das sie in ihre geliebten Welten begleiten soll. Und welch eine riesige Auswahl es davon

hier gibt! Die komplette Grundversorgung findet sich in Tütchen. Es ist schon ein

lustiger Anblick: Der leicht süße Geruch von Joints liegt wie ein Schleier in der Luft.

Eine entspannte Hülle bietet das Ganze hier. Meiner Meinung nach braucht man nur

einmal tief Luft zu holen und schon packt einen das Gefühl der Schwerelosigkeit. Ich

bin erleichtert, als wir endlich gehen, denn ich lehne jeglichen Konsum von Drogen ab.

Man kann mich hier eine Spielverderberin nennen, aber natürlich akzeptiere ich ihren

Brauch. Dass dieser Brauch hier außerhalb der Community ebenso eine große Tradition

hat, werde ich noch in einigen Haushalten von Downtown Knysna feststellen müssen.

Wir fahren zurück zu Kerry und setzen uns sofort ans Feuer: Aufwärmen, brrrrr, es ist

soooo kalt. Ich wundere mich, wo die Kids bleiben. Just in diesem Moment kommen sie

zu dritt um die Ecke. Sie tragen ein angeknabbertes Servierbrett und stellen es vor mir

auf den Tisch. Und was sehen meine erstaunten Augen? Einen Willkommenskuchen!

Ich glaube nicht, was ich sehe – kreisch, wie geil ist das denn?! –, und umarme sie


alle auf einmal. Insgesamt 24 Muffins schmücken die Umrandung des rechteckigen

Kuchens, der liebevoll mit rosa und weißen Streuseln dekoriert wurde und „Welcome

Sista Hieke” verkündet. Mit dem Aussprechen meines Namens haben sie immer noch

etwas Mühe. Manchmal nimmt mein Name dann die Form von „Heineken“ oder „Heika“

an. Alles kein Problem. Meine Finger sind so kalt, dass ich kein Selfie machen kann,

also bitte ich Maggi darum, und es zeigt mich mit Anorak und Kapuze und den Kids,

wie wir mit eiskalten Händen das Tablett hochhalten. Den ganzen Tag war ich nun

draußen, und es ist lausig kalt und windig, und selbst das Feuer wärmt mich nicht auf.

Ich muss zugeben, ich bin eine deutsche Sissi, oder ich sollte wie die anderen

die herbals (Kräuter wie Marihuana) rauchen. No way! Egal, da muss ich wie

Maggi ohne durch. Ich liebe meine Rasta-Family und freue mich auf eine

tolle Zeit mit ihnen.

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Endlich wieder zurück im Guesthouse, freue ich mich auf eine kreative Arbeit, die nur

ich in der Hand habe. Am Abend bastele ich eine Township-Broschüre am Computer

– schön bunt und mit einem Herz – „Get in touch with the heart of Africa – Township

tours simply different.“ Mein Seelenfrieden ist wiederhergestellt. Kuscheln mit meinen

zwei Wärmflaschen ... endlich wieder im Gästezimmer. Soeben kam noch eine SMS von

Sista Kerry:

„My bed is hot and it’s not a man.“

Die Präsentation im Tourismus-Büro am nächsten Tag macht mich schon etwas

aufgeregt, und ich gehe in Gedanken noch einmal alles durch. Maggi ist pünktlich vor

Ort und wir starten durch. Lara, die uns bereits erwartet, ist von unseren Ideen sofort

mitgerissen. Ich mache innerlich Purzelbäume vor Glück! Maggi hatte zuvor Seminare

besucht, um ein registrierter Tourguide werden zu dürfen, und das machen wir sogleich

offiziell. Leider gibt es in den nächsten Jahren einen Wildwuchs an Touren in die Community,

die meisten sind ungenehmigt und größtenteils bereichern sich die Touranbieter,

denn es ist für sie ein einträgliches Business geworden. Die Community sieht von

diesem Geld nichts. Wir wollen das anders machen. Unsere Einnahmen kommen direkt

den Projekten zugute. Es kann losgehen!

Knysna ist schnell zum Schmelztiegel

meiner Ideen-Verwirklichung

geworden. Hier kann man an jeder

Ecke noch etwas bewegen. Wir sind

wohl die Ersten, die das so machen

wollen. Glücklich verlassen wir Arm

in Arm das Gebäude. Vor lauter Freude

möchte ich am liebsten sofort jedem

Tourist verkünden, dass er mit

uns die ultimative Erfahrung macht.

Das wirkliche Leben‘ findet nicht in

Downtown Knysna statt, sondern bei

uns, hoch oben in der Community.


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Mit derselben Sozialarbeiterin machte ich weitere Touren, um angesichts unserer Handlungen

auch mal ein Erfolgserlebnis zu verspüren. Konnte denn dauerhaft etwas verbessert

werden? Ich bezweifle, dass es für alles amtliche Unterstützung gibt. Wir gehen

zusammen zu einem mir fremden Ort tief unten in der Township. Nähern uns einem

windschiefen Shack. Beim Eintreten merke ich erst, wie winzig es wirklich da drin

ist! Ein sehr alter Mann liegt im Dunkeln auf einer schäbigen Matratze. Er ist krank

und besitzt nur einen Schlafanzug, den er auch tagsüber trägt. Wir übergeben ihm

die warme Suppe, wie Fay es jeden Tag macht. Langsam setzt er sich zum Essen auf

und schaut mich mit glasigen Augen an. Die Situation ruft die Erinnerung an meinen

Besuch im Senegal in mir wach, als ich wohl für einen Engel gehalten worden war. Ich

verspreche ihm gleich für morgen eine warme Decke. Da er keine Elektrizität hat, wäre

eine Wärmflasche keine gute Idee.

Für die nächsten Tage bietet Fay mir weitere Touren mit ihr zusammen an. Sie macht

das ehrenamtlich, selbstlos und aus christlichem Glauben heraus, um Gutes zu tun.

Maggi ist sehr bedrückt über die Situation in ihrer Nachbarschaft und fühlt sich von

den Departments im Stich gelassen. Wie sollte ich mich erst fühlen. Auch ich stoße an

Grenzen, denn die sprachlichen Barrieren sind groß. Und dazu gibt es bereits so viele

Abteilungen in den jeweiligen Behörden, die ich alle abklapperte, um Informationen

zu sammeln.

Die Tage wurden voller, Einkäufe und Erledigungen in der Stadt, und nach jedem Morgen

in Maggis Schule folgte ein Besuch in der Suppenküche und auf dem Rückweg ein Halt

bei Kerry – oder in anderer Reihenfolge. Oft gab es Dringendes zu erledigen und mein

Handy stand nicht still. Flexibilität kann man hier lernen, kurze Stopps eingeschlossen,

denn irgendjemand winkte mir immer auf der Straße zu. Mein Bekanntheitsgrad

wuchs und alle wollten Kontakt mit mir knüpfen. Oft hörte ich ein Dankeschön


204

Kapitel 9:

Phil’s Story

Nächster Stopp: Johannesburg – Oliver-Tambo-Flughafen. Angekommen in Frankfurt,

suchte ich auf der riesigen Anzeigetafel mein Gate. Jetzt trennten mich nur noch

10.000 km und 12 Stunden Flug von Südafrika. Die Reise meines Lebens begann genau

hier.

Was verband ich nicht alles mit dem Wort Afrika. Mit den begeisterten Erzählungen

von Heike im Ohr bahnte ich mir meinen Weg zum Gate. Sie war schrecklich fasziniert

und hatte mir in den vergangenen Monaten fast täglich von etlichen spannenden Begegnungen

und Ereignissen erzählt. Irgendwann hatteSie darauf bestanden, dass ich

mir die Situation genauer anschaute, da ich ihr einfach nicht mehr folgen konnte. Die

vielen Namen und Begrifflichkeiten sorgten schon nach kürzester Zeit für ordentliche

Verwirrung bei mir. Zugegeben: Ich habe mich mit dem Land und seiner Geschichte

eher weniger befasst. Wenn ich an Südafrika dachte, kamen mir einige verstörende

Geschichten vor mein inneres Auge. Aber auch traumhafte Landschaften, spannende

Kulturen und eine der größten Artenvielfalten der Erde. Es war nicht mehr lang hin bis

zu meinem neunzehnten Geburtstag, und so ein Land zu bereisen war für mich eine

Ehre. Dennoch waren meine Emotionen hin- und hergerissen.

Heike hatte erzählt, dass sich ihr eigentlicher Alltag meist in einer Township

an der Garden Route abspielte. Dorthin sollte es für mich nach meiner Ankunft in


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Der Weg zu Lesley und Maria war jedoch ein absoluter Albtraum. Diese 600 Meter bis zur

ersten Kurve waren gespickt mit lauter instabilen und schiefen Wellblechhütten. Unser

Gartenhüttchen in Deutschland war gigantisch dagegen. Ich wurde fast schon sauer!

Was tut sie mir jetzt noch an? Bei jeder Hütte dachte ich mir: ‚Bitte bleib hier nicht

stehen, bitte nicht dieses Haus, auch nicht dieses, da will ich nicht rein, nein, nein,

nein, nein!‘ Am Ende dieser holprigen und mit Löchern gespickten Straße war eine

Art Wendeplatz. Die Häuschen wurden zunehmend schöner, und am Ende der Straße

überraschte mich ein einzelstehendes schönes Haus. Heike hupte auf den letzten 200

Metern jedem Kind und jedem Erwachsenen zu. Die Kinder rannten neben dem Auto

her, das auf Grund der Straßenlage, der Kinder, Hühner, Hunde, Schweine und Ziegen

Schritttempo fahren musste. Alle schrien wie am Spieß „Heikiiii, Heikaaa, Heineken“.

Heike strahlte vom einen Ohr zum anderen. Wir blieben auf dem Wendeplatz stehen,

vor diesem kleinen, gemütlichen und liebevoll wirkenden Haus, und stiegen aus. Lesley

und Maria standen auf ihrem eingezäunten Grundstück, im niedlichen Vorgarten am

Törchen, und hielten ihre neugierigen Hunde in Schach.

„Hey, Phil. We heard a lot about you! Come in, guys, we’re happy to see you.“ Heike

und ich kämpften uns durch 100 Kinderärmchen, die uns anfassten und umarmten,

und liefen auf das Törchen zu. Ohne Scheiß, ich glaube, es war Liebe auf den ersten

Blick. Die beiden waren um die 70 Jahre alt, sahen 20 Jahre jünger aus und waren der

Inbegriff von sympathisch. Heike wirkte wie ein Kind, das seine geliebten Großeltern

traf. Lesley nahm mich direkt an die Hand, führte mich um das Haus herum und sagte

mir, das wir hier in der Location Kanonkop seien. „Ich möchte dir unseren Garten vor

dem Haus zeigen. Der Ausblick ist einzigartig.“ Er hatte nicht zu viel versprochen. Sein

Garten, die Terrasse und der Ausblick waren unbeschreiblich. Der Hammer ist, dass er

alles selber gebaut hat. Über zehn Jahre hatte er dafür gebraucht und optimierte noch

jeden Tag weiter. Mitten in einem total heruntergekommenen Township-Bereich. Ich

stand mit ihm im Garten, Maria brachte uns ein Bier und strahlte uns glücklich an.

Heike sorgte seit einiger Zeit dafür, dass die beiden immer einen vollen Kühlschrank

haben und es ihnen an nichts mangelt. Lesley erzählte mir dann, dass er nun 50 Jahre

mit Maria verheiratet sei und sie über alles in der Welt liebt. Meine Freundin wäre dahingeschmolzen.

Selbst ich war gerührt von so viel Romantik. Ich war wirklich von den

Socken. Ein abgeschottetes, kaum zu beschreibendes kleines Paradies am Ende einer

ziemlich heftigen Straße.

Diese beiden Engel stellen für die Kinder aus der Straße ihr Haus und ihr Grundstück

inklusive Essen viermal in der Woche zur Verfügung. Das war also die legendäre Suppenküche.

Hier hätte ich als Kind auch von morgens bis abends abgehangen. Ich hoffte,

mehr Zeit mit diesem liebenswürdigen Paar verbringen zu dürfen. Die Kinder wuselten

währenddessen neugierig um uns herum. Es war wie Liebe auf den ersten Blick.


Mal zurück. Heike und die Rasta-Kids standen da und warteten, bis ich über das Rollfeld

in die kleine Maschine durfte. So fest umklammert wie das Mandela-Buch war auch

mein Entschluss, wiederzukommen. Mit der Durchsage, mich zum Flieger zu begeben,

endete mein erstes Kapitel in Südafrika.

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Damit sich in der kurzen Zeit in Deutschland, meine Welt auch wieder in

die richtige Richtung dreht, drehte ich auf als „neue Heike“. Ich

mischte mich wieder unter die Leute. Stuttgart bietet ein Sammelsurium

an tollen Locations und Events, die meinen ersten Besuch erwarteten.

Mit Freunden von Jana und Phil zog ich bei jeder Gelegenheit

durch die Veranstaltungen. Nebenbei sind wir zu einer gut gelaunten

Partyclique geworden und feiern auch heute noch gemeinsam. Ab sofort

wohnte die „Südafrika-Happiness“ in meinem Herzen. Ich strahlte, die Welt strahlte

zurück und ich fühlte mich wie verzaubert. So wurde der große Altersunterschied

zu einem Durchschnitt gemacht. Man lernt generationsübergreifend voneinander. Und

dabei entsteht in der Regel ein äußerst spannender und interessanter Austausch. Jedoch

war ich teilweise erschrocken, mit welchen Problemen sich die Generation Y

rumschlägt. Es schien, als ob manche bereits ihre Bodenhaftung verloren hatten und

im Partyleben untergingen. Die Welt ist so schnell, dynamisch und überflutet von Informationen,

dass man sich darin verlieren kann.

Ich bemerkte, dass viele Heranwachsende, ein Vorbild brauchen, ihr Leben, Beziehungsleben

oder Berufsleben richtig zu gestalten. Dank der bisherigen Erfahrungen aus meiner

Arbeit in Südafrika, kam ich inspiriert und voller Überenergie zurück. Ich wollte

so gerne die Menschen dazu bewegen, ihr Leben positiver in Angriff zu nehmen. Vor

lauter Enthusiasmus möchte man natürlich jeden begeistern. Ich bin da sowieso ein

Härtefall.

Wie wäre es denn wenn wir

„ unsere Probleme einfach

weglachen “

Die Faszination darüber, wie ich mit dem neuen Leben, nach der Trennung, wieder

durchstarte, war gerade auf Seiten der jungen Leute ein großes Thema. Es überraschte

mich und ehrte mich zugleich, wie sich die neuen Bekanntschaften und Freunde für

meine Geschichten interessierten: Südafrika, Townships, wilde Tiere. Das konnte Phil

dann noch toppen mit seinen teils sehr abenteuerlichen Geschichten aus der Township

oder seinen Erzählungen über die Nähe zu Wildkatzen. Trotz dem positiven Grundtenor

über unser Engagement in Südafrika gab es etwas skeptisches Feedback. So nach dem

Motto „viel zu gefährlich alleine als Frau; viel zu aufwändig; viel zu weit weg usw.“

Letztendlich geht es um das Große und Ganze. Man muss nicht um den halben Globus

fliegen. Man muss auch nicht in Townships arbeiten. Es reicht, etwas Gutes für sein

Umfeld zu tun, für Mensch und Tier. Und für sich selber. Einfach mal wieder unter

Leute gehen, Spass haben.


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Kaum ein Jahr später wurden die „Young Teenagers“ weiter gefördert. Die Gewinne und

vielen Medaillen, die sie bis dahin ergattert hatten, führten dazu, dass die lokale Bank

FNB auf sie aufmerksam wurde. Ich dachte, ich traue meinen Ohren nicht, als Monika

mir stolz erzählte, dass zwanzig unserer Zöglinge zu einem Trainingscamp eingeladen

worden waren. Inklusive Flug, Versorgung und Training in Johannesburg. Wow! Es

bestärkte und motivierte mich in meiner Arbeit, Talente zu entdecken und ihnen die

Chance zu geben, auf das „nächste Level“ zu kommen. Hier habe ich alles richtig gemacht.

Und das macht mich unendlich stolz!!!

Das Jahr 2012 hatte erst begonnen und es lief immer besser.

Voller Energie packte mich der Übermut. Darüber konnten

sich die Projekte freuen. Das Netz meiner Bekanntschaften

in der Township wurde immer größer.


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Phils Abschied

Phils Zeit neigte sich leider wieder dem Ende zu. Es hieß wieder Abschied nehmen. Deshalb

ließ ich mir etwas Besonderes einfallen. Ich veranstaltete für ihn eine kleine Community-Party,

bei welcher sich alle Bekannten von ihm verabschieden konnten. Alle

kamen und keiner wollte es verpassen, sich von ihm zu verabschieden. Ich bin schwer

beeindruckt, wie er diese ganzen brutalen Kontraste als junger Mensch verarbeitet.

Mehr noch: Er wurde für die jungen Leute ein richtiges Vorbild und setzte großartige

Impulse. Seine selbstlose Art bereichert die Menschen um ihn herum, und ich blickte

in einige weinende Gesichter, als er verabschiedet wurde. Ich habe ihn quasi ins kalte

Wasser gedrängt, und er wurde zu einem Rettungsschwimmer. In Südafrika wurde er

richtig umgepolt. Erstaunlich bei einem Neunzehnjährigen. Selten war ich so stolz.

Ihn hierfür zu begeistern war sicherlich eine der besten Ideen meines Lebens. Ich bin

sehr dankbar, dass er nie aufgehört hat, begeistert mit mir an einem Strang zu ziehen.

Lesley und Maria sagten uns, dass wir für sie mehr als nur eine Familie geworden sind.

Jeden Tag wurden wir in unzählige Gebete integriert. „Der blaue Himmel über Knysna

ist euer Segen und wird immer über euch wachen ...!“

Zwei weitere Überraschungen sollten Phil erwarten. Ich ging mit

ihm zu einem „magischen Ort“. Um Knysna herum gibt es viele

außergewöhnliche Orte, aber dieser hier liegt besonders. Zwischen

den Heads verneigte er sich demutsvoll vor der grandiosen Küstenkulisse.

„Goodbye, Knysna-I will come back!“ total hin und weg von all

den Eindrücken.


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vollen Sorge um ihn herangezogen. Benni, der sowieso jeden Tag bei Lesley und Maria

verweilt, freute sich schon, sich um Rexy zu kümmern. Das würde seit langem seine

positivste Lebensbereicherung sein.

Rexy und ich schluckten unseren Kummer runter und voller guter Absicht, „drohte“ ich

den anderen Hunden mit unserer symbiosenhaften Zweisamkeit. Ich setzte mich auf

den Boden, meinen Hund auf dem Schoß und ließ die Hunde sich vorsichtig beschnuppern.

Zack....und plötzlich kommt die 16 Jahre alte Hündin Sina und siehe da. Sie

scheint Rexy als Welpen zu akzeptieren. Die Lage entspannte sich. Still sendete ich ein

Gebet nach oben und Lesley und Maria und ich schauten uns voller Erleichterung an.

„Kann ich mich darauf verlassen, dass der Hund wohlauf ist, wenn ich in ein paar Wochen

wiederkomme?“ „It’s a promise!“, sagten Lesley und Maria freudig lachend.


„Inspirierend, spannend, herzlich, selbstironisch, generationsübergreifend“

Reise

Entwicklungshilfe

coloured

Garden Route

Südafrika Liebe

Klick

Zufriedenheit

Volontourimus

Depression

LebensglückKamera

Charity

Crime

Love Story

„Der Ton des Buches

verliert trotz seiner

Leichtigkeit nicht an Tiefe.

Es ist schon eine Kunst,

geplatzte Träume und

schmerzende Realität so

wieder zu geben, dass es

dem Leser Mut macht, das

Leben mit offenen Augen

und Herzen weiter zu

begegnen.“

Sabbatical

Verein

Mission

Knysna

traumatisch

Township

Tragödien

Wahnsinn

Gegensätze

Motivation

Spaß Inspiration

Fliegen

verrückt

Single

paradiesisch

Löwen

Lachen

Big Five

afrikaans

Spannung

Glück

Rettung

Kulturen

Veränderung

Herz

Freude

Mut

C. Steen (Künstlerin)

„Offenheit und Wissen

lässt dich andere Kulturen

verstehen.“

Y. EL Harrouk (Schauspieler)

ISBN 978-3-00-053804-9

9 783000 538049

www.heike-ellwanger.de

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