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interesse 04/2016

In der Ausgabe 4/2016 widmet sich inter|esse folgenden Schwerpunkten: •Was muss, was kann Schule leisten? •Zu „Schule und Bildung“ streiten sich die Geister •Planspiel SCHUL/BANKER •Neues Kapitel bei „Geld im Unterricht“ •PISA-Finanzwissen: ohne Deutschland

Foto rechts: Dr.

Foto rechts: Dr. Jan-Martin Wiarda, Journalist und Buchautor, moderierte das Gespräch mit Clara Schick, Louisa Deltchev und Mustafa Ücbas sowie die anschließende Podiumsdiskussion. Integration, Wissensvermittlung, Berufsorientierung: Was muss, was kann Schule leisten? Welche Wünsche und Erwartungen haben junge Menschen – und damit die eigentlich Betroffenen – an die Schule? In einem von Dr. Jan-Martin Wiarda, Journalist und Buchautor, moderierten Gespräch mit Clara Schick und Louisa Deltchev, beide Schülerinnen und Preisträgerinnen des diesjährigen Wettbewerbs „Jugend und Wirtschaft“, sowie Mustafa Ücbas, Auszubildender bei der Siemens AG, brachten die jungen Leute ihre konkreten Vorstellungen in die Diskussion ein. Guter Unterricht, das bestätigten alle drei, müsse praxisnah und vielseitig sein. Er müsse sich, wie Louisa Deltschev meinte, auch an aktuellen Entwicklungen orientieren und neuere Erkenntnisse berücksichtigen. Zudem sollten Lehrer auch selbst fit sein im Umgang mit Computern und Technik. Ob Schule Spaß mache, und wie viel man lerne, so meinte Clara Schick, sei sehr von den Lehrern abhängig. Sie sollten an den Schülern interessiert sein und auf deren Lernbedürfnisse eingehen. Dazu gehörten auch Inhalte „die man fürs spätere Leben braucht“. Etwa: Welche Versicherungen benötige ich? Oder wie fülle ich eine Steuererklärung aus? Da es auch Aufgabe der Familie sei, dies zu vermitteln, müssten sich Eltern und Schulen stärker abstimmen. Während sich eine Schülerin mehr Leistungsdifferenzierung innerhalb der Klassen wünschte, damit „die Schwächeren mehr Unterstützung bekommen und die Besseren sich aber davon nicht bremsen lassen müssen“, forderte Mustafa Ücbas deutlich mehr berufsbezogene Informationen ein. Oftmals gebe es keinerlei Vorbereitung der Schüler darauf, was sie später studieren oder welche Ausbildung sie machen könnten. Podiumsdiskussion Der Bundesvorsitzende des Philologenverbandes, Heinz-Peter Meidinger, warnte in der darauffolgenden, ebenfalls von Dr. Jan-Martin Wiarda moderierten Podiumsdiskussion davor, die Schulen mit zu hohen gesellschaftlichen Erwartungen zu überfrachten. Die zentrale Bildungsaufgabe müsse die Wissensvermittlung bleiben. Ohne diese Grundlage ließen sich auch alle gewünschten sozialen Zusatzqualifikationen nicht erreichen. Dagegen meinte Margret Rasfeld, Gründerin der Initiative „Schule im Aufbruch“ und ehemalige Schulleiterin, das Problem liege heute nicht in mangelndem Wissen der Schüler. „Aber es fehlen uns“, so Rasfeld, „junge Menschen mit Veränderungsbereitschaft, Eigenverantwortung und dem Willen Verantwortung zu übernehmen.“ Sie kritisierte die inhaltliche Zersplitterung des Schulalltags in dutzende Einzelfächer und die einseitige Leistungsorientierung, wie sie durch PISA ausgelöst worden sei. Die GEW-Vorsitzende Marlis Tepe machte darauf aufmerksam, dass das derzeit größte Problem der Bildungspolitik in dem mangelnden Nachwuchs an Lehrkräften liege. In Sachsen hätten beispielsweise zum Schuljahresbeginn 45 Prozent der frei gewordenen Lehrerstellen nicht mit ausgebildeten Pädagogen besetzt werden können. Zudem beklagte sie, dass Fortbildungsmaßnahmen seit vielen Jahren in fast allen Bundesländern aus Kostengründen und um Unterrichtsausfall zu vermeiden zurückgefahren worden seien. 4 inter|esse 4 ◆ 2016

ankenverband Dr. Gerhard F. Braun, BDA-Vizepräsident und Vorsitzender des BDA/BDI-Fachausschusses Bildung-Berufliche Bildung, bekräftigte die Bedeutung der Lehrerweiterbildung. Die Herausforderungen an die Schulen seien auch aufgrund der durch Migration gewachsenen Heterogenität in den Klassen dramatisch angestiegen. „Wir müssen die Schulen daher gut ausstatten, auch mit qualifiziertem Personal“, meinte er. Auf Schülerseite sei schon länger ein kontinuierlicher Rückgang bei der Ausbildungsfähigkeit festzustellen. Erschreckend seien zudem hohe Abbrecherraten an den Universitäten, gerade in den MINT-Fächern. Eine stärkere Studienund Berufsorientierung bereits in den Schulen könne helfen, die persönlichen Eignungen der jungen Leute herauszufinden und den für jeden individuell angemessenen Ausbildungsweg zu wählen. hierzulande eine Sondersituation darstelle. Das Ziel müsse sein, die Stärken beider Systeme, der Hochschulausbildung und der dualen Ausbildung, miteinander zu verbinden. Mit Blick auf die Digitalisierung an den Schulen warnte Wößmann vor zu großen Erwartungen. Studien zeigten, dass der Einsatz von digitalen Medien keinen signifikanten Einfluss auf die Lernleistung habe. „Mit den schulischen Inhalten der Digitalisierung“ ergänzte die GEW-Vorsitzende Tepe, „müssen wir vor allem bei der beruflichen Bildung beginnen.“ Dort seien die Schüler am stärksten mit den digitalen Innovationen in den verschiedenen Berufsfeldern konfrontiert. Vermittelt werden müsse dabei „nicht digitale Bildung, sondern Bildung für die digitale Welt!“ Prof. Dr. Ludger Wößmann wies darauf hin, dass im internationalen Vergleich in Deutschland noch längst nicht so viele ein Studium aufnehmen würden wie in anderen Ländern, rechtfertigte dies aber auch damit, dass das gut funktionierende duale Ausbildungssystem Foto rechts: Heinz-Peter Meidinger; Fotos unten v.l.n.r.: Prof. Dr. Ludger Wößmann, Dr. Gerhard F. Braun, Marlis Tepe, Margret Rasfeld. inter|esse 4 ◆ 2016 5