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Furios

StudentiScheS campuSmagazin an der Freien univerSität Berlin

Kostenlos

06

Jun 2011

HEIMAT


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Ihre Stadt.

Ihre Karriere.

Ihre Chance!

Eintritt frei!

6. Juli 2011, Axel-Springer-Passage/Ullstein-Halle

>>> Jetzt anmelden unter absolventenkongress.de/berlin

Unter der Schirmherrschaft

von Klaus Wowereit

Regierender Bürgermeister von Berlin


Für die Optik sOrgen:

Julia Schönheit

Furios 06 impressum

Rachel Edelstein

studied fine art at the University

of California Santa Cruz. She

enjoys reading and exercising in

her free time.

Cora-Mae Gregorschewski

studiert Biologie, malt leidenschaftlich

gern und hat ihre Fotos

aus FURIOS auch schon in der

SZ und im TIP veröffentlicht.

Christian Güse

studiert Nordamerikastudien und

fühlt sich am eigenen Zeichenbrett

so heimelig, dass er dort auch gern

mal übernachtet.

studiert Spanisch und Nordamerikastudien

im 4. Semester.

Christoph Spiegel

studiert Mathe und VWL und

geht nächstes Semester nach

Australien.

Sarah Ungan

studiert Geschichte und Kultur

des Vorderen Orients und fotografiert

auch mal ganz gerne.

Herausgeber: Freundeskreis Furios e.V.

Chefredakteur: Filip Tuma (V.i.S.d.P., Am Toch 6,

26605 Aurich)

Stellvertretender Chefredakteur: Hendrik Pauli

Ressortleitung Campus: Anchalee Rüland

Ressortleitung Kultur: Eliese Berresheim

Ressortleitung Politik: Hendrik Pauli

Layout: Christoph Spiegel, Christian Güse, David Goldwich

Redaktionelle Mitarbeiter dieser Ausgabe:

Catharina Tews, Margarethe Gallersdörfer, Jonna

Lüers, Valeria Schönian, Jonas Breng, Björn Stephan,

Furios 06/2011

MitMachen?

www.fucAmpus.de/mitmAchen

mitmAchen@furios-cAmpus.de

Liebe KommiLitoninnen,

Liebe KommiLitonen,

lehnt Euch einen Moment zurück, macht es Euch bequem. Denkt

an zu Hause, an den moosigen Geruch des Schwarzwaldes, die bayrische

Blasmusik, den wohltuenden Kölner Dialekt: Fühlt Euch ganz

daheim! Und – spürt ihr es, das Heimatgefühl?

Selbst wenn es gerade für einen kleinen Moment da war, wurde es

doch schon im nächsten von der gierigen Meute in der Mensa niedergetrampelt

oder zwischen den anderen tausend unbekannten Gesichtern

beim Spurt zum Seminar verpufft. Wer soll hier heimisch werden?

Die meisten von uns haben ihr Zuhause zurückgelassen. Es zieht uns

in die Ferne, neue Orte zu entdecken, Erfahrungen zu sammeln. Auf

dieser ständigen Flucht nach vorn bleibt uns selten die Zeit, darüber zu

sinnieren, wo wir uns tatsächlich zu Hause fühlen.

Also begeben wir uns auf die Suche – nach einem Gefühl, das sehr

flüchtig scheint, obwohl es doch eigentlich an einen festen Ort gekoppelt

ist. Anchalee Rüland spürt den Wurzeln des Begriffs nach und

erkennt, dass Heimat für uns umso mehr Bedeutung gewinnt, je weiter

sie entfernt ist. Catharina Tews traf sich mit Moritz von Uslar, der für

kurze Zeit die Hauptstadt gegen die brandenburgische Provinz eintauschte

und dabei eine selbstverständliche Verbindlichkeit vorfand.

Ein besonders vertracktes Gefühl ist es, fern von daheim zu sein, wenn

sich dort gerade eine Revolution abspielt. Michael Wingens und Filip

Tuma unterhielten sich mit zwei Studentinnen aus Kairo, die genau

das durchleben mussten. Ob es letztlich möglich ist, sich in Berlin

ein warmes Nest einzurichten, diese Frage stellt sich Hendrik Pauli

und beschreibt dabei eine nicht ganz unkomplizierte Liaison. Der

Flaneur schließlich ließ sich dazu bewegen, für uns ein paar Orte der

Ruhe und Besinnung ausfindig zu machen. Auf was er dabei stieß –

lest selbst!

Wer mit dem Heft durch ist und nicht genug haben kann, findet

aktuelle Nachrichten, Reportagen und Veranstaltungstipps rund um

die FU auf www.furios-campus.de.

In unserer Redaktion gibt es stets Platz für neue Furiose. Egal ob

Ihr schreiben, fotografieren oder gestalten wollt – kommt vorbei!

Die Termine für unsere Redaktionstreffen findet Ihr online.

Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch

Eure FURIOS-Redaktion

Matthias Bolsinger, Max Krause, Katharina Hilgenberg,

Henrice Stöbesand, Viktoria Deßauer, Rebecca

Ciesielski, Fanny Gruhl, Konstanze Renken, Vincent

Novak, Galina Haak, Laura Gertken

Illustrationen: Rachel Edelstein, Christian Güse, Julia

Schönheit, Cora-Mae Gregorschewski

Fotografien: Sarah Ungan, Cora-Mae Gregorschewski,

Christian Güse, Julia Schönheit

Titelfoto: Sarah Ungan

Lektorat: Carolin Benack

Inserate: Michael Wingens – inserate@furios-campus.de

� www.furios-campus.de

� redaktion@furios-campus.de

editoriaL

Jeder Autor ist im Sinne des Pressegesetzes für den

Inhalt seines Artikels selbst verantwortlich. Die in

den Artikeln vertretenen Meinungen spiegeln nicht

zwangsläufig die Ansicht der Redaktion wider. Gemäß

dem Urheberrecht liegen die Rechte an den einzelnen

Werken bei den jeweiligen Autoren.

3


4

inhaLt

inhalt 06

titelthema: heimat

Das Plan-B-Gefühl 6

Jeder hat sie. Entziehen kann man sich ihr kaum. Doch woher

kommt sie, die Heimat? Auf der Suche nach den Wurzeln

eines schwer fassbaren Begriffs.

Heimatgespräch 8

Moritz von Uslar im FURIOS-Gespräch über sein neues

Buch »Deutschboden. Eine teilnehmende Beobachtung«.

Für die Recherche verbrachte er drei Monate in der brandenburgischen

Provinz Zehdenick alias »Oberhavel« – irgendwo

zwischen Hartz IV-Avantgarde, magischen Spielautomaten

und dem Witz des Dahingelaberten.

Kairo Calling 10

In Ägypten bricht die Revolution aus – alles über Nacht.

Die Studentinnen Hend und Masouda müssen in Berlin

mitverfolgen, was in ihrer Heimat passiert, abgeschnitten

von ihren Familien.

Berlin – so nah, so fern 12

Sie kommen um zu bleiben. Jedes Jahr wird Berlin für zigtausende

junge Menschen zur neuen Heimat.

Politik

Interview mit Peter-André Alt 16

Der Präsident im Gespräch über Hochschulnovelle,

Schleudersitze und politische

Ambitionen.

Atemnot im Hörsaal 18

Wenn die Doppeljahrgänge kommen, rücken wir alle zusammen.

Einsamer Protest 19

Das Berliner Hochschulgesetz kommt und keiner geht hin.

Akademische Ängste 20

Was Hartz IV mit der Uni zu tun hat.

CamPus

24 »Eltern haften für

ihre Kinder« – wen hat das je

abgehalten?

Furios tagesaktuell

auF

Fu-CamPus.de

Gefundenes Fressen 22

Frisches aus dem Müllcontainer.

Licht aus in der großen Stadt 24

Unsere Industrie verfällt. Zeit für eine Entdeckungsreise.

Maybe Baby 26

Eine gute WG zu finden, ist schwer...

Hot Stuff 27

…einen passenden Mitbewohner, umso mehr.

Ein unmoralisches Angebot 30

Ghostwriter verschaffen geplagten Studenten Atempausen.

Furios 06/2011


8 »Warum sie aufgehört

haben, Nazis zu sein? Weil

sie endlich mal wieder einen

Döner essen wollten.«

kultur

4 aus 40 000 14

Liebe lieber Afrikanisch 28

Die Sexkunst Kunyaza im Selbsttest.

Warenfetisch: 31

Moleskine – Leere Seiten statt Charakter.

»Da kommste nich’ raus« 32

Die Slam-Poeten Marc-Uwe Kling und Sebastian Lehmann im

Gespräch.

Tütensuppentotalitarismus 32

Klings Känguru-Chroniken in der Rezension.

Der Flaneur 33

Im Rausch der grünen Triebe.

Veranstaltungskalender 34

10 Das ägyptische Regime wurde nicht im Internet

zu Fall gebracht, sondern auf den Straßen Kairos. Hend und

Masouda kennen die Menschen hinter den Medienberichten.

Anzeige

empörter student

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6

titeLthema: heimat

das plan-B-geFühl

Jeder hat sie. Entziehen kann man sich ihr kaum. Doch woher kommt sie, die Heimat?

Auf der Suche nach den Wurzeln eines schwer fassbaren Begriffs.

Von AnchAlee rülAnd. Illustration von rAchel edelstein.

550

Kilometer. Der Weg nach Hause ist weit. So weit, dass Nina die

Fahrt nur selten auf sich nimmt. Heute sitzt sie im Zug, die dunkle

Nacht rauscht vorbei, drinnen herrscht gedämmtes Licht und dösige

Stimmung. Noch drei Minuten. Ninas Herz klopft. Der Zug

bremst ab, wird langsamer und dann endlich: die hell erleuchtete

Skyline von Frankfurt am Main. »In dem Moment weiß ich, jetzt

ist es nicht mehr weit«, sagt Nina, die im vierten Semester Geschichte

und Publizistik an der Freien Universität studiert. Nicht

mehr weit bis nach Hause meint sie, denn Nina kommt aus einem

kleinen 200-Seelen-Dorf in der Nähe von Frankfurt am Main.

So wie Nina geht es den meisten Menschen. Sei es der Dormitzer

Kirchturm, das Freienwalder Ortsschild oder der Kölner Dom:

Wenn sie in die Heimat zurückkehren, steigt der Adrenalinpegel

und neben der Freude macht sich eine leichte Nervosität breit.

Trotzdem bleibt Heimat für jeden etwas sehr Individuelles. Jeder

hat sie – für sich. Doch es ist nahezu unmöglich, zu beschreiben, in

welchem Verhältnis Gefühl, Erinnerung und Geografie zusammen

kommen müssen. Das macht eine klare Definition schwierig. »Heimat

ist dort, wo man sehr viele Erfahrungen zum ersten Mal hatte.

Wo man also biologisch betrachtet in der Kindheit und Jugend

möglichst viele Informationen wie Gerüche und Farben im Gehirn

abspeichern konnte«, sagt Michael Cugialy, Diplom-Psychologe an

der Freien Universität. Er arbeitet in der Zentraleinrichtung für

Studienberatung und psychologische Beratung und hat dort häufiger

mit Heimweh und Einsamkeitsgefühlen zu tun.

Für Nina ist Heimat ein »Plan-B-Gefühl«. »Ich weiß, dass ich

immer nach Hause kommen kann. Deshalb macht mich Heimat

glücklich. Ich muss aber auch nicht bleiben, ich kann jederzeit wieder

gehen«, sagt sie. Für sie ist am wichtigsten, dass ihre Familie

und Freunde da sind, dann fühlt sie sich zu Hause. Thomas Stodulka

sieht das ähnlich. Er ist Ethnologe und wissenschaftlicher Mitarbeiter

des Exzellenz-Clusters »Languagess of Emotion«– ein echter

Gefühlsexperte also. »Auch wenn es heute in Mode gekommen ist,

dass man sich von seiner Familie lossagen und sich eine Wahlfamilie

suchen kann, gehören für mich Mutter, Vater und Geschwister

zu Heimat dazu«, sagt er.


Der Begriff bereitet Kopfzerbrechen. Unzählige Literaten und

Dichter, darunter Max Frisch und Joseph von Eichendorff, haben

sich mit ihm beschäftigt. So lag für Max Frisch das Besondere in der

Unübersetzbarkeit des deutschen Wortes »Heimat«. Ein Blick ins

Wörterbuch genügt, um zu sehen, dass eine Übertragung in andere

Sprachen schwierig ist. »Home« oder »homeland« im Englischen,

»Patrie« im Französischen, »Roma« im Indonesischen. Gemeint ist

entweder das Haus oder das Vaterland. Beides gibt die Bedeutung

des Wortes »Heimat« nur unvollständig wieder. »Im Deutschen hat

man eine sprachliche Repräsentation gefunden, die sowohl Ort als

auch Gefühl einschließt, ohne dass eins von beiden linguistisch

wirklich betitelt wird. Denn Heimat ist nicht gleich Heimatort

oder Heimatgefühl, sondern beides«, sagt Thomas Stodulka und

sieht darin die Besonderheit des deutschen Begriffs.

Verfolgt man die Spur des Wortes zurück zu seinen Anfängen,

dann zeigt sich ein gemeinsamer Ursprung des Begriffs in den verschiedenen

Sprachen. Von dem germanischen Wort »heim«, das

so viel bedeutete wie Wohnplatz oder Haus, leitet sich nicht nur

das deutsche »Heim« ab, sondern auch das englische »home«. Beides

bezeichnet den Ort, an dem man lebt. »Heimat« meint aber

vor allem immaterielle Werte und damit mehr als das Gebäude, in

dem man aufwächst. Dieser Aspekt kam im 8. Jahrhundert durch

das althochdeutsche »heimoti« und später das mittelhochdeutsche

»heimote« hinzu, das sich mit »zu dem Heim gehörig« übersetzen

lässt.


Mit der Zeit wandelte sich die Bedeutung von Heimat stark – vor

allem vergrößerte sie ihren Radius und bezog nun auch den rechtlichen

und literarisch-sehnsüchtigen Zusammenhang ein. Denn wer

im Mittelalter das »Heimatrecht« besaß, der durfte sich in einer

Siedlung niederlassen: Heimat als klar definierter Rechtsbegriff.

Im 18. Jahrhundert, der Epoche der Romantik, wurde Heimat als

Gegenentwurf zur Realität entwickelt – eine vertraute Landschaft

oder Natur, nach der man sich in der Fremde zurücksehnte. Ein

Gedanke, der auch heute noch gilt: »Was einem Heimat bedeutet,

merkt man vor allem dann, wenn man Mentalitätsunterschiede

feststellt, wie zum Beispiel im Ausland oder in einer fremden

Stadt«, sagt Michael Cugialy.

Im 19. Jahrhundert, der Zeit der industriellen Revolution und

der großen Bevölkerungswanderungen, erhielt der Begriff eine

Furios 06/2011


politische Färbung. Der Ruf nach einer Deutschen Nation wurde

laut. Dem französischen »Patrie« folgend wurde Heimat zum Synonym

für Vaterland und Nation und hatte damit immer noch eine

positive Bedeutung. So wie heute, weiß Cugialy und verweist auf

die selektive Erinnerung: »Der Begriff Heimat und eine negative

Beschreibung schließen sich eher aus. Negative Erfahrungen sind

zwar nicht eliminierbar, aber ihre Bewertung kann sich ändern.

Das Gedächtnis ist so organisiert, dass man sich an unangenehme

Erfahrungen weniger gut erinnert als an positive.« Auch Nina fällt

zu Heimat spontan nichts Negatives ein: »Seitdem ich ausgezogen

bin, nehme ich störende Aspekte nicht mehr so wahr. Vielleicht

sehe ich Zuhause durch die Entfernung auch etwas durch die rosarote

Brille. Ich möchte einfach nicht negativ darüber denken.«

Doch manche Erinnerungen sind so verstörend, dass sie nur

negativ betrachtet werden können. So wurde Heimat im Dritten

Reich für viele zu etwas abgrundtief Schlechtem. Von der Nazi-

Propaganda missbraucht, bestimmte die Blut- und Bodenideologie

den Einheitsgedanken. Heimat war gleichbedeutend mit

dem Ausschluss aller Nicht-Deutschen. Für Millionen ein Todesurteil.

Nach dem Krieg war Heimat für lange Zeit etwas sehr

Konservatives. Der Heimatfilm feierte seine Erfolge und

gaukelte der Nachkriegsgeneration eine heile Welt vor.

Gleichzeitig sorgte die ständige Auseinandersetzung mit

den deutschen Vertriebenen für politischen Zündstoff.

Sie forderten das »Heimatrecht im Osten« – die Rückgabe

von Pommern und Schlesien – und diskreditierten

somit das Motiv für Jahrzehnte.

»Heute wird der Begriff wieder sexy«, meint der

Ethnologe Thomas Stodulka. »Vielleicht erfahren

wir in Zukunft eine Zweiteilung entlang des

Begriffs Heimat. Für eine kosmopolitische

Klasse wird sich herausstellen, dass Heimat

für sie nur noch wenig Bedeutung hat. Für

die Meisten wird Heimat aber weiter von

Bedeutung sein – vielleicht umso mehr.«

Es ist kein Zufall, dass viele Menschen

später an ihren Heimatort zurückkehren.

Dies liege vor allem an

positiven Erinnerungen, erklärt

Michael Cugialy. »Die Leute

Furios 06/2011


titeLthema: heimat

erinnern sich daran, dass sie an diesem Ort eine gute Kindheit hatten.

Im Gehirn wird bei der Rückkehr viel aktiviert, sodass einem

Geschichten wieder einfallen, die vorher vielleicht nicht mehr präsent

waren.«

Diese Sehnsucht nach alten Zeiten verspürt auch Nina. Trotzdem

soll Berlin noch für eine Weile ihr Zuhause bleiben. Zurückkehren

möchte sie erstmal nicht. ■

Anchalee Rüland ist Leiterin des Campus-Ressorts. Zu

Hause fühlt sie sich in Bonn. Berlin ist aber auch ganz

schön.

7


8

titeLthema: heimat

Herr von Uslar, es ist 11.41 Uhr. Wäre

es in Oberhavel jetzt schon Zeit für ein

Hackepeterbrötchen?

Absolut. Ich saß immer um neun Uhr in

der Gaststätte Schröder und dann kamen

ein Pott Kaffee, zwei »Hacke«, ein Marmeladenbrötchen

und das Schönste auf der

Welt: ein Eibrötchen.

Sie hatten Lust auf ein Abenteuer und

suchten sich einen Ort, an dem faktisch

nichts passiert. Wie passt das zusammen?

Mir ging es tatsächlich um eine andere

Lebenswirklichkeit. Ich wollte andere

Gespräche hören, einen anderen Beat,

einen anderen Humor kriegen, als diesen

super ironischen, abgehängten Berliner

Hipsterquark. Eins härter, eins direkter, eins

prolliger. Der angebliche Proll ist natür-

lich auch keiner. Das musst du schreiben!

(Lacht.) Der Proll ist mit seiner eigenen

Selbstinszenierung so sehr beschäftigt, dass

es ihn praktisch nicht mehr gibt.

Wie haben Sie das hinbekommen, keine

Stereotypenreportage zu schreiben?

Ich wollte einfach kein scheiß Plattenbau-

Tourist sein – der tausendste, der da mit

der berühmten Reporter-Neugier und ganz

viel tollem Verständnis gucken kommt, was

die tätowierten Assi-Kids so treiben. Besser:

sich einfach an die Theke mit hinstellen,

mitsaufen, die Klappe halten, sehen, was

passiert. Ich habe mich saufend zur Verfügung

gestellt – so umschreibe ich meine

Recherchetechnik. In der Wiederholung

an sich liegt schon Unwahrheit. Jeder Tag,

an dem man nicht urteilt, ist ein gewonnener

Tag. Die Menschen in Oberhavel

haben sich als äußerst kommunikativ und

verbindlich herausgestellt. Meine Beziehung

zu den Leuten geht bis heute weit über das

Buch hinaus.

Den Großteil Ihrer teilnehmenden Beobachtung

verbrachten Sie mit den Mitgliedern

der Band »5 Teeth Less«: Raoul,

Eric, Rampa und Crooner. Was macht

deren Freundschaft aus?

Die heißen in echt Paul, Carl, Drüse und

Spooner. I love the names! Der Ort und die

Band hält diese Jungs zusammen. Wichtig

»Jeder tag, an deM Man

nicht urteilt, ist ein

gewOnnener tag.«

ist die Band natürlich auch deshalb, weil die

Arbeit wenig taugt und auch sonst Wenig

taugt. Alle die Jungs, die ich beschreibe,

sind in der Kneipe Schröder zu Oberhavel

großgeworden – ein fast mystischer Ort:

Hier spielen sich am Freitagabend wahre

Western-Szenen ab.

Paul, der selbst Hartz IV bezieht, definiert

den typischen Hartz IV-Empfänger

als »dreckigen Hund, dicke Alte dazu,

zwei Kinder und immer versoffen.« Reden

sich alle ein, sie wären anders?

Der Hartz-IV-Empfänger an sich nimmt

sich immer als den untypischen Hartz-IV-

Empfänger wahr. Der sagt: »Das ist nur ein

Übergang bei mir, ich hab mit den Assis

nichts zu tun«. Und logischerweise gibt es

auch unter Hartz-IV-Empfängern verschiedene

Stufen der Selbstwahrnehmung, aber

auch des sozialen Absturzes. Das gehört zur

Selbstbehauptung und zum Selbstschutz.

Die Jungs aus der Band wirkten extrem

unverzweifelt und untrostlos auf mich. Paul

arbeitet jetzt sogar wieder.

Es gibt so großartige Sätze in Ihrem Buch

wie: »Alkoholiker: Kopfschmerzen habe

ich heute. Weiß gar nicht von was. Vielleicht

vom Fahrrad fahren ohne Mütze.«

Genauso gefallen! Riesig! (Lacht.) Sowas

hab ich gerne. Kann ich nicht genug hören.

Das ist ja auch der Sinn, dass man einfach

diesen Bla abschreibt.

Es heißt, in Oberhavel leben nur drei

Schwarze. Der Ethos der Jugend bleibt

der Rechtsradikalismus – wie passt das

zusammen?

Ich habe dort alles andere als einen Naziort

gefunden. Aber die Leute, mit denen ich

rumhing, sagten von sich selbst, sie seien

früher Nazis gewesen. Dabei war das echt

Für die Recherche verbrachte er drei Monate in der brandenburgischen Provinz Zehdenick alias

»Oberhavel« – irgendwo zwischen Hartz IV-Avantgarde und dem Witz des Dahingelaberten.

MORITZ VON USLAR über sein neues Buch »Deutschboden/Eine teilnehmende Beobachtung«.

Das Gespräch führte cAthArinA tews — Foto von corA-mAe gregorschewsKi

inFo

Moritz von Uslar, 40, ist der Erfinder der legendären

»100 Fragen an...«-Interviews der

Süddeutschen Zeitung. Er war Redakteur

beim SPIEGEL und schreibt heute für die

ZEIT die Beiträge »99 Fragen« und »Freitagnacht«.

Nach Theaterstücken und einem Roman

ist »Deutschboden« sein aktuellstes Buch.

schwierig, meinten sie. Man wollte immer

Ausländer hassen, es waren aber irgendwie

gar keine da. Das sagten sie mit einem

Lächeln und einem Kopfschütteln. Warum

sie aufgehört haben? »Na ehrlich gesagt,

wollten wir endlich mal wieder einen Döner

essen.« Find ich so gut! (Lacht.) Das sagt

mehr über die Nazizeit aus als viele lange

Aufsätze. Ohne etwas verharmlosen zu

wollen, erklärt es, was Rechtsradikalismus

in den neuen Bundesländern damals auch

sein konnte: ein Style, eine Jugendkultur,

einfach die letzte Möglichkeit, seinen Eltern

auf die Nerven zu gehen. Sie haben es selbst

so beschrieben: »Es ging darum, dass man

die Straße runtergelaufen ist und die Leute

den Bürgersteig gewechselt haben.« Und

wenn wir das so sagen, dann sind wir da,

wo jede Jugendkultur seit Rockabilly, seit

den Teds hin will: Leute erschrecken. Ein

Alptraum sein.

Furios 06/2011


Uslar erzählt von seinen Erfahrungen in der Kleinstadt, einer anderen Welt, an die er sich gewöhnen könnte.

Welche Rolle spielt die Heimat in der

Provinz?

Es gibt eine ganz starke Verbundenheit

zu der Kleinstadt und der Region. Die

Einwohner werden da auch im Zweifelsfall

nicht weggehen. Kennen jeden Baum,

jedes Haus, jeden Typen, haben zu allem

ne Geschichte. Ich als Reporter habe keine

Heimat. Für mich ist Heimat so ein abstrakter

Begriff wie Freiheit. Ich bin in Köln

geboren, bin dann in Berlin aufgewachsen,

dann ins Internat im Schwarzwald, später

Hamburg, München und seit zehn Jahren

bin ich wieder in Berlin. Einen Ankerpunkt

im wörtlichen Sinne habe ich nicht. Um

es kitschig zu sagen: Ich bin heimisch im

Film, in der Literatur, in der Popkultur, im

Lebensstil. Ich brauche keine Heimat, weil

ich sie so nicht kenne. Gleichzeitig wirkt

sie natürlich wahnsinnig attraktiv auf mich.

Ein Zuhause zu haben, wie die Jungs es

mir vorgelebt haben, finde ich unheimlich

schön. So eine Ruhe liegt darin. Königlich.

Rumgammeln an der Tanke und angeheiterte

Autorennen – irgendwie hört sich

das aus Ihrem Mund alles ganz romantisch

und dufte an?

Das kommt daher, weil ich es auch wirklich

als dufte und romantisch erlebt habe. Ich

bin ja Fan von diesem Leben da. Es hat

Furios 06/2011

Würde und Humor. Ich schaue voller Respekt

darauf und ich kann wirklich irre gut

nachvollziehen, warum die so leben. Man

kann sich nicht aussuchen, wie man lebt.

Es ist deswegen auch so ein wahnsinniger

Luxus gewesen, dieses andere Leben mal

drei Monate ausprobieren zu können. Mich

berührt dieses Leben in Oberhavel, in der

Kleinstadt, mehr als ein luxuriöses Leben.

Ich überlege, ob man da nicht irgendwann

mal ein Ferienhaus baut.

In einem Absatz fragen Sie sich, ob die

Randexistenzen der Gesellschaft in Wahrheit

keine Problemfälle, sondern eine Art

der Avantgarde sind. Wie jetzt?

Der Begriff »Avantgarde« ist keine qualitative

Aussage. Er meint, dass gewisse Leute

gedanklich oder im Lebensstil einer großen

Entwicklung vorausgehen. Wenn man sieht,

wie sich in Brandenburg Orte entvölkern

und wie Leute eine Lebenspraxis entwickeln,

um damit zurecht zu kommen, dann

würde ich das als Avantgarde bezeichnen.

Sie haben keine Arbeit, hängen in Jungsgangs

miteinander rum und dabei halten sie

trotzdem ihre Würde und familiäre Strukturen

hoch. Ich finde diese Art des Lebens

total untrostlos und in Ordnung. Ich kann

hier sagen, macht mal weiter so Männer!

titeLthema: heimat

Lässt sich in

Ihrem Buch

ein tieferer

Sinn entdecken?

Hoffentlich

nicht. Also ich

kenne ihn nicht.

Ich darf ihn nicht kennen.

So wie es Rainald Goetz sinngemäß

Fortsetzung

online auF

Fu-CamPus.de

immer gesagt hat: »Aller Sinn ist Erkennen,

ist Festhalten der Gegenwart.« Die Aufgabe

der Literatur liegt im genauen Abschreiben

der Welt, der Gegenwart, der Wirklichkeit:

Hierin sehe ich meine Aufgabe. Was im

Alltag dieses Landes passiert, das ist das

Dramatischste, Irrste, Überraschendste

und gleichzeitig Poetischste, was ich als

deutscher Autor beschreiben kann. Das

im O-Ton festzuhalten und literarisch zu

verdichten, was in gutgehenden Lokalen

in Zehdenick um halb zwölf mittags beim

fünften Pilsbier besprochen wird – gut, das

ist der Traum. Schöner wird es nicht. ■

Catharina Tews studiert Spanisch

und Publizistik. Sie wird

diesen Sommer ihr erstes Pils

bei Schröder trinken gehen.

9


10

titeLthema: heimat

kairO calling

In Ägypten bricht die Revolution aus – alles über Nacht. Die Studentinnen Hend und

Masouda müssen in Berlin mitverfolgen, was in ihrer Heimat passiert, abgeschnitten von

ihren Familien. Von michAel wingens und filip tumA. Fotos von sArAh ungAn.

Furios 06/2011


Ä

gypten ist stabil. Das dachten zumindest alle. Doch Tunesiens Regierung

war gerade erst gestürzt, als ein Facebook-Mitglied unter

dem Pseudonym ElShaheed zum Protest aufrief: »Kommt zum

Tahrir-Platz, am Samstag dem 25. Januar.« Die Nachricht verbreitete

sich über die sozialen Netzwerke wie ein Lauffeuer. Innerhalb

weniger Tage versammelten sich tausende Menschen in mehreren

ägyptischen Städten und demonstrierten für Freiheit und Reformen.

Auch für Hend Labib waren die Unruhen eine Überraschung.

Jäh wurde sie aus ihrem Alltag an der Freien Universität gerissen.

Die junge Ägypterin studiert Politikwissenschaft am Otto-Suhr-

Institut. Was sie hier nur in der Theorie behandelt, wurde in ihrer

Heimat plötzlich Realität. Hend wuchs in der Nachbarschaft

des Tahrir-Platzes auf, der als Ausgangspunkt der Revolution zum

Symbol für den arabischen Frühling wurde. Wenn sie nun die Berichte

von den Straßen Kairos in den Medien verfolgt, dann sieht

sie keine exotischen Plätze voller Demonstranten und Sicherheitskräfte,

sondern Schauplätze ihrer Kindheit, wo ihre Familie noch

immer wohnt.

Die 24-jährige Masouda Stelzer ist Tochter eines deutschen Einwanderers.

Zum Studieren ist sie nach Berlin gekommen. Viele ihrer

Schulfreunde und Bekannte protestierten auf dem Tahrir-Platz

gegen das Regime. Nichts konnte sie einschüchtern. Sie wichen

auch nicht, als der Innenminister Scharfschützen postieren ließ

und die Polizei mit Schlagstöcken und Tränengas auf sie losging.

Masouda macht sich aber nichts vor. Sie ist sich bewusst, dass

die Bewegung von einer privilegierten Jugend angetrieben wird.

Anders als die Menschen, die am meisten unter dem Regime litten,

haben sie die Zeit, Proteste zu organisieren und Zugang zu

höherer Bildung. Gerade deshalb sehen sich die jungen Ägypter

in der Verantwortung dafür zu kämpfen, auch den Ärmsten eine

Perspektive zu geben – bei einer Jugendarbeitslosigkeit von 30%

keine einfache Aufgabe. »Das Mubarak-Regime hat zu lange versäumt,

das Land zu reformieren. Jetzt hat sich der Unmut darüber

entladen«, fasst Masouda die Situation zusammen.


Während sich der Druck auf den Straßen erhöhte, standen

für Hend schlaflose Nächte bevor. Das Regime kappte sämtliche

Kommunikationswege. »Ich hatte keine Möglichkeit mehr, meine

Familie in Kairo zu erreichen, weder über Telefon noch per

Internet.« Unterdessen rollten wenige Schritte vom Arbeitsplatz

ihrer Mutter Panzer auf. Die Lage in Kairo eskalierte. Zur gleichen

Zeit konnte Hend in Berlin lediglich Videozusammenschnitte im

Internet verfolgen. Hend und Masouda war klar, dass sie sofort

in ihre Heimatstadt zurückkehren mussten. Zu Tatenlosigkeit

verdammt zu sein, während zuhause alles aus den Angeln gehoben

wird, war für beide schwer zu ertragen. Schließlich waren es

Furios 06/2011

ihre Mütter, die sie davon abhielten, nach Ägypten zu kommen.

Masouda erinnert sich: »Meine Mutter sagte mir immer wieder, es

wäre gar nichts los.«

Dabei war allen klar: Die Realität sah anders aus. Es gab massenhaft

Überfälle und Plünderungen. Die Untätigkeit der Polizei

war Kalkül des Regimes. »Ohne uns versinkt ihr im Chaos« lautete

die Botschaft. Eine Drohgebärde, auf die sich die Bevölkerung

nicht einließ. Sie bildete eine Bürgerwehr, um die Straßen

und Geschäfte zu sichern. Masoudas Bruder, gerade erst achtzehn

geworden, half Straßensperren zu errichten, um Plünderer aufzuhalten,

während Hends Vater jede Nacht mit dem Gewehr in der

Hand in der Nachbarschaft patroullierte. Derweil erreichte die

revolutionäre Stimmung vom Tahrir-Platz auch Berlin. Dutzende

demonstrierten vor der ägyptischen Botschaft und am Brandenburger

Tor. Hend war oft dabei. »Ich hatte aber nicht das Gefühl,

einen echten Beitrag zu leisten«, sagt sie.

Die Anspannung entlud sich erst in dem Moment, als klar wurde:

Mubarak war zurückgetreten. Jubel brandete auf am Brandenburger

Tor.


titeLthema: heimat

Mittlerweile sieht Masouda die Dinge nüchterner. »Ob das mit

der Demokratie klappt, ist für mich die große Frage. Ein Regime

ist schneller abgeschafft, als ein neuer Staat errichtet«, sagt sie.

»Die Bevölkerung hat zwar eine Chance, sich neu zu orientieren,

doch die Menschen sind sehr ungeduldig und fordern sofortige

Ergebnisse.« In Ägypten stellt die Armee inzwischen eine Übergangsregierung,

für den Herbst sind Neuwahlen geplant. Kritiker

wie der Friedensnobelpreisträger Mohammed el-Baradei halten

das für verfrüht. Den Parteien bleibe zu wenig Zeit, sich zu organisieren.

Gespräche über Politik stehen in Kairo nun an der Tagesordnung.

»Vor der Revolution waren alle Fußballexperten, nach der

Revolution sind alle Politikexperten,« fasste es eine Freundin

Masoudas zusammen. Fürs erste hat das Militär die Zügel in die

Hand genommen und begleitet den politischen Wechsel. Die Sorge

ist groß, dass der erfolgreiche Regime-Sturz nicht zu echten

Reformen führt und der Umschwung versiegt. Neue Proteste formieren

sich. Doch unabhängig davon, was in den nächsten Monaten

geschieht, sind die beiden FU-Studentinnen stolz auf das,

was bereits erreicht wurde. »Früher galt die ägyptische Jugend als

passiv und politikverdrossen. In den letzten Monaten hat sich das

als falsch erwiesen.« ■

Michael Wingens studiert Politikwissenschaft im 2. Semester

und freut sich darauf, nächstes Jahr das neue Kairo zu

erkunden.

Filip Tuma studiert Sinologie, Politik- und Musikwissenschaft.

Er beobachtet mit Neugier, wie sich in China Netzaktivisten

ihren Weg bahnen.

11


12

titeLthema: heimat

Berlin – sO nah, sO Fern

Sie kommen um zu bleiben. Jedes Jahr wird Berlin für zigtausende junge Menschen zur

neuen Heimat. hendriK pAuli kam vor anderthalb Jahren – und fremdelt immer noch.

I

ch bin kein gutes Vorbild. Für einen Berlinbewohner

unter dreißig gehört es sich,

von dieser Stadt uneingeschränkt begeistert

zu sein. Vor allem als Zugezogener,

für den Großstadtluft überall sonst kaum

erschwinglich ist. Berlin ist keine Stadt,

Berlin ist eine Marke, die mittlerweile als

Lebensgefühl Karriere gemacht hat: arm,

aber sexy. Ich bin nicht uneingeschränkt

begeistert. Seit fast anderthalb Jahren versuche

ich, mir die Stadt zu eigen zu machen,

versuche ich heimisch zu werden. Der gute

Vorsatz ist da, aber gelingen will es mir

nicht so richtig. Begeisterte Neu-Berliner

würden meine Integration wahrscheinlich

für gescheitert erklären.

Eigentlich habe ich mein ganzes Leben

in der Provinz verbracht. Zuerst in der

westfälischen, dann einige Jahre in der fränkischen,

zwischendurch auch mal ein paar

Monate in Düsseldorf und Mainz, was im

Grunde auch Provinz ist. Nun also Berlin,

das nicht wenige für die derzeit aufregendste

Metropole der Welt halten. Großstadtabenteuer

in einer Stadt mit 24-Stunden-BVG

und flächendeckender Billig-Gastronomie.

Wie viele andere hatte auch ich meinen

persönlichen Berlin-Moment. Der

Moment, in dem mir klar wurde: Da will

ich hin – ohne zu bedenken, dass ich dort

auch leben muss. Einfach so dahinleben,

das geht in Berlin nicht. Jedenfalls nicht für

Illustration von rAchel edelstein.

einen Binnenmigranten wie ich es bin, der

nicht nur zum Studieren hier ist, sondern

auch auf seinem persönlichen Kreuzzug ins

Glück. Die Stadt der unbegrenzten Möglichkeiten.

»Give me your tired, your poor,

your huddled masses«, das ist das Liebesversprechen

am Fuß der New Yorker Freiheitsstatue

für alle mit einer Idee von einem

anderen, besseren Leben.

Berlin will Neuankömmlingen auch

etwas besonderes bieten, aber nicht unbedingt

eine Aufstiegsgeschichte. Die Stadt

ist arm und will sexy sein. Das klingt halb

nach Versprechen, halb nach Warnung. Ein

Flirt mit allen Vergnügungssüchtigen, mehr

aus Verlegenheit, denn aus Überzeugung.

Ich habe meine Flegeljahre längst hinter

mir. Ich will nicht mehr flirten, sondern

eine ernsthafte Beziehung, ein Glück, das

länger hält, als die nächste Trendblase.

Wer sein Glück machen und wer der

Stadt etwas abtrotzen will, der muss sie

mögen. Er muss sie verteidigen gegen ungerechtes

Urteil und wenn er es wirklich

ernst meint, muss er ihr irgendwann auch

seine Liebe erklären. Doch Liebe wird nur

gegenseitig oder sie wird gar nicht.

Mit 3,4 Millionen Menschen teile ich

diese Stadt, mit hundertzwanzigmal mehr

als der Kleinstadt, aus der ich komme. Besonders

viel Liebe kann ich wohl nicht erwarten.

Wenn überhaupt.

Mehr als 700 Jahre organische Stadtgeschichte.

Geschichte quasi über Nacht getilgt;

danach dreimal die Stunde Null: 1945

Teilung, 1961 Mauerbau und 1989 Mauerfall.

Berlin, die verspätete Hauptstadt, die

ich vor 16 Jahren zum ersten Mal für ein

paar Tage besuchte, ist also gerade erst der

Pubertät entwachsen. Wer ist da schon zu

wahrer Liebe fähig.

»Die Stadt gibt dir nichts«, sagt der

Schriftsteller Maxim Biller, »sie nimmt

nur.« Vor zwei Jahren hat der Filmmacher

Igor Paasch den Autor und andere Lokalprominente

für seine Dokumentation

»Willkommen in Berlin« zu ihrem Berlin-

Gefühl befragt. Das reicht von seliger Verzückung

bis blanker Verachtung. Berauscht

sein, angewidert sein, verliebt sein – jede

Empfindung ist oft nur eine Straßenecke

entfernt.

• •

Man muss Ringen mit der Stadt, weil

sie mit sich selbst ringt. »Frag die Leute aus

New York, wo sie glauben, dass gerade alles

passiert«, sagt Biller. Ich will gar nicht in

New York nachfragen, sondern in Passau,

Bonn und Braunschweig. Und ich will dabei

in glänzende Augen sehen. Weil Berlin

ihnen gefällt und nicht nur, weil sie leicht

zu beeindrucken sind.

Paris ist die Diva, Moskau die Hure und

New York die Stadt, die niemals schläft.

Was ist Berlin? Die Metropole mit den

meisten innerstädtischen Grünflächen? Das

Furios 06/2011


wäre eine ehrliche Marke. Patenschaften

für Baumscheiben, Gemeinschaftsgärten

auf dem Tempelhofer Feld und demnächst

die erste Urban Farm auf einem Dach über

der Stadt. Das ist die Versöhnung von

Landkommunenhippies und grüner Bürgerlichkeit.

Das klingt nett, aber nicht nach

Weltstadt.

Ich habe nicht das Gefühl, hier fehl am

Platz zu sein – noch nicht. Wahrscheinlich

auch, weil die Stadt jemanden, der auf der

Suche ist, mit ihrer sich wandelnden Kulisse

jederzeit neu verführen kann. So bin

ich zur einen Hälfte der Dauertourist und

zur anderen der Stadtaffe, den Peter Fox so

kraftvoll-rotzig besang, der »die Stadt im

Blut haben muss«.

Doch nicht alles, was man im Blut hat,

wirkt berauschend. Vieles betäubt bloß.

Den warmen Dunst aus Öl und Stahl, den

ich als Berlinbesucher in den U-Bahnhöfen

förmlich aufgesogen habe, rieche ich schon

lange nicht mehr. Oft spielt sich mein Leben

tagelang zwischen Wohnung, U-Bahn

und Hörsaal ab. Die Bundeskanzlerin und

Furios 06/2011

Wie sagt er es ihr bloß: der

Mensch und seine Stadt.

ihr Kabinett könnten eigentlich von einem

beliebigen Ort aus über meinen Bildschirm

flimmern. Mir fehlt jegliches Gefühl, dass

alles nur ein paar Kilometer entfernt stattfindet.


Berlin ist weder im besseren Sinn quirlig

noch im schlechteren Sinn gehetzt. Aber

wo sonst kann man als junger Mensch

mit überschaubarem Budget an einem

Ort sein, wo sich das Leben so schnell

dreht wie in Berlin. Die 25-jährige Autorin

Juleska Vonhagen hat in ihrem Buch

»Groß.Stadt.Fieber« 33 Geschichten von

jungen Berlin-Einwanderern aufgeschrieben.

»Nach Berlin zieht man nicht um,

man geht nach Berlin«, schreibt sie. »Du

willst was erleben, spüren, dass du in Berlin

lebst«, erzählt Hannah, die Tanzlehrerin

aus Wattenscheid, in einem Kapitel. Darum

trifft sie sich mit einem mäßig attraktiven

amerikanischen Schriftsteller, der eine

Deutschnachhilfe sucht. Nach ein paar Mi-

titeLthema: heimat

nuten ungelenken Smalltalks landen sie im

Bett. Diese Art von Vergnügungssucht ist

mir fremd und soll es auch bleiben. Ich will

etwas Dauerhaftes.

Ein Freund sagte mir einmal: »Wenn im

ersten Monat auch nur die kleinste Missstimmung

aufkommt, dann kannst du eine

Beziehung eigentlich vergessen. Dann wird

das nichts mehr.« Die Frist ist schon seit

langem vorbei. Es gab schöne Momente,

aber gehadert habe ich auch. Wenn wir

uns aber die ganze Zeit nur taxiert und gar

nicht richtig aufeinander eingelassen haben,

dann stünde unser erstes Rendezvous

noch bevor.

Es ist Sommer. Berlin, fass dir ein Herz,

oder ich geh’ nach Braunschweig. ■

Hendrik Pauli studiert

Politikwissenschaft. Nebenbei

lernt er Plattdeutsch, um seine

Verwandten beim nächsten

Heimatbesuch zu beeindrucken.

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4 / 40000

4

40 000*

* 40.000 Menschen verirrten sich an die Freie Universität.

4 von ihnen haben wir aufgestöbert.

»ich sehe mich aLs europäer«

Benjamin, 23, ist Franzose und studiert Geschichte und Philosophie. Seit

April 2011 ist er Vizepräsident des Internationalen Clubs und leitet dort

den Deutsch-Spanischen Stammtisch.

Was für mich Heimat ist? Das ist eine schwierige Frage, weil ich denke, dass

ich nicht der typische Franzose bin.

Vor vier Jahren bin ich nach Berlin gekommen, um Deutsch zu lernen. Ich

wollte Erfahrungen im Ausland sammeln. Mein Studium in Paris habe ich abgebrochen.

Ich konnte mir nicht vorstellen, mein ganzes Leben in Frankreich

zu verbringen, ohne eine Fremdsprache zu können.

Ich bin vor allem an dem Austausch zwischen Studenten aus unterschiedlichen

Kulturen interessiert. Als Dolmetscher begleite ich deutsch-französische

Jugendbegegnungen. Ich habe auch ERASMUS in Madrid gemacht und habe

Spanisch gelernt. Ich sehe mich als Europäer und ich bin für das Konzept

Europa.

In Berlin fühle ich mich heute heimisch. Ich habe mir hier was aufgebaut und

mir teilweise die deutsche Kultur angeeignet. Manchmal fühle ich mich aber

immer noch fremd – wegen der Sprache. Am Anfang habe ich mich nach

jedem Seminar unverstanden und wie ein halber Mensch gefühlt.

Meine Kultur und meine Sprache prägen mich. Ich denke wie ein Franzose.

Aber das heißt nicht, dass ich mich in Frankreich wohler fühle als in Berlin.

Heimat bezieht sich für mich nicht auf einen Ort, sondern auf eine Wertvorstellung.

Weniger tabus und Fades gemüse

Saki Kojima, 21, studiert für ein Jahr Germanistik an der FU. Hier sieht

sie ihre japanische Heimat mit anderen Augen.

Nach Berlin zu kommen war ein Kulturschock. Küssen in der Öffentlichkeit,

das macht man in Japan nicht. Mittlerweile schätze ich es aber, dass das Leben

hier mit weniger Tabus behaftet ist. Seit Ende des schrecklichen Winters

fühle ich mich sogar wohl in Berlin. Schade nur, dass nicht alle Deutschen so

offen sind. Ich bin vor allem mit Austauschstudenten befreundet.

Das Bewusstsein für meine japanische Herkunft ist durch meinen Aufenthalt

hier stark gewachsen. Vor allem durch die Atom-Katastrophe in Fukushima.

Ich verfolge die deutschen und japanischen Medienberichte und kann die

Passivität in meinem Land nur schwer nachvollziehen. In Deutschland wird

die Meinung offener und mit weniger Rücksicht auf Hierarchien geäußert.

Die Diskussionskultur an der Uni zum Beispiel war neu für mich.

Das werde ich vermissen. Trotzdem freue ich mich auf meine Rückkehr nach

Japan, auf meine Familie, Freunde und auf gut gewürztes Gemüse. Ich bin

überzeugt, dass mich zu Hause ein erneuter Kulturschock erwartet!

Furios 06/2011


Notiert von eliese Berresheim, mArgArethe gAllersdörfer, JonnA lüers und VAlerie schöniAn.

»ich hab einen grossen stein«

Doris, 25, studiert Kunstgeschichte mit Schwerpunkt Afrika an der FU

und Kultur und Religion an der HU.

I bin jetza des fünfte Joar in Berlin, aber man hört immer no’ deutlich, wo i

herkomm, also aus Regensburg in Bayern. Um halbwegs Hochdeutsch zu sprechen,

muss ich mich schon ganz schön anstrengen. Ursprünglich komme ich

aus einem Dorf mit sieben Häusern. Das ist der Ort, wo ich zur Ruhe komme.

Heimat finde ich als Begriff schwierig. Für mich sind das kleine Dinge, die

ein Kindheitsgefühl hervorrufen. Zum Beispiel Rinde vom Baum. Ich bin

früher gern auf Bäume geklettert und wenn ich heute einen Ast anfasse, dann

merke ich: Das habe ich schon hundert Mal gemacht. Mir ist es wichtig, dass

ich Dinge von zu Hause um mich habe. Ich habe einen großen Stein mit

nach Berlin genommen, auf dem ich früher immer gesessen bin. Der liegt

jetzt in meinem Zimmer.

Vom Freundeskreis her fühle ich mich eher in Berlin zu Hause. Aber zu

sagen, ich bin in Berlin daheim, das geht irgendwie nicht. Schon allein, weil

die Leute mir das nicht abkaufen würden. Die meisten, die mich hören,

denken, ich bin erst seit ein paar Tagen hier!

Was ich neben dem Dialekt mit meiner Heimat verbinde: ich brauche

irgendwas, das den Horizont zustellt. Im Flachland, so ganz ohne Berge oder

Hügel, werde ich unruhig. In der Stadt geht das aber. Schon witzig, wahrscheinlich

können mir hohe Häuser die Berge ersetzen.

»heimat ist Wie mami«

Dima, 20, studiert Wirtschaftswissenschaften. Er schätzt sich glücklich,

zwei Heimaten zu haben.

Ich komme ursprünglich aus der Ukraine. Mit sechs Jahren bin ich mit meinen

Eltern nach Magdeburg gezogen. Dort bin ich aufgewachsen, jedoch mit

ukrainischem Pass. 2007 habe ich die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt.

Dreieinhalb Jahre später wurde sie mir durch den Magdeburger Oberbürgermeister

überreicht.

Magdeburg war schon meine Heimat, bevor ich die Staatsbürgerschaft

bekam. Um ein Stück Papier gegen ein anderes zu tauschen, musste ich viel

Zeit und Geld investieren. Jetzt habe ich sie, na und? Ich kann jetzt eben

wählen gehen. Meinen Alltag tangiert das nicht. Trotzdem bin ich stolz. Vorher

war ich auf Zeit hier. Jetzt habe ich alle Rechte und kann nicht zurück

geschickt werden. Das gibt mir Sicherheit.

Heimat ist für mich der Ort, an dem ich groß geworden bin. Es ist wie mit

Mami: Sie geht einem nie auf die Nerven. Für mich ist das Magdeburg. Aber

auch die Ukraine. In dieser Hinsicht bin ich doppelt glücklich. Seit eineinhalb

Jahren lebe ich in Berlin. Aber meine Heimat kann ich es noch nicht

nennen.

Furios 06/2011

4 / 40000

Fotos: corA-mAe gregorschewsKi

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poLitiK

»poLitiKer sind reaLitätsFern«

Präsident Peter-André Alt über die Berliner Hochschulnovelle, Schleudersitze im Turbostudium

und warum er gerne mal Politiker wäre. Das Gespräch führten JonAs Breng und BJörn stephAn.

Herr Alt, mal ehrlich, brauchte Berlin

überhaupt ein neues Hochschulgesetz?

Juristen sagen immer, Gesetze sollen das

Nötigste regeln, aber nicht jedes Detail.

Insofern hat das Gesetz eine Tendenz zur

Überregulierung. Die Novellierung ist ein

Vorhaben vom Anfang der Legislaturperiode,

das dann erst einmal auf die lange

Bank geschoben wurde. Was jetzt entstanden

ist, ist ein Kompromiss zwischen

den Koalitionspartnern, der zum Ende

der Legislaturperiode noch verabschiedet

werden sollte.

Sie waren einer der größten Kritiker der

Novelle. Bildungssenator Zöllner hat

das Gesetz auch gegen Ihren Widerstand

durchgeboxt. War es ein politischer

Alleingang?

Nicht ganz. Vieles, was ärgerlich ist, bleibt

leider bestehen. Letzten Endes haben wir

aber auch in einigen Punkten Verbesserungen

erreicht. Es ist beispielsweise

nicht mehr nötig, Prüfungsordnungen der

Senatsverwaltung vorzulegen, wenn sie neu

Fotos von corA-mAe gregorschewsKi.

geschrieben werden. Das ist ein gewisser

Fortschritt, den wir mit Mühe und Not

ausgehandelt haben.

Sie verbuchen den Ausgang nicht als

persönliche Niederlage?

Nein. Wir waren realistisch. Von Anfang

an war klar, dass die Koalitionsfraktionen

SPD und Linke die Novelle gemeinsam

tragen – zwischen die beiden passte kein

Blatt.

Warum haben Sie die Studierendenvertreter

dann nicht mit ins Boot geholt?

Selbst Ihr Vorgänger Dieter Lenzen

– nicht gerade als Freund der Studierenden

bekannt – hatte zu Demonstrationen

aufgerufen.

Ich bin der Meinung, dass einige Zielsetzungen

der Studierendenvertreter

nicht richtig sind, zum Beispiel was

die Zwangsexmatrikulation betrifft. In

anderen Punkten wie der Einführung von

Lehrprofessuren waren wir einer Meinung.

Deshalb haben wir dazu im Akademischen

Senat auch drei gemeinsame Resolutionen

verabschiedet.

Aber bei der letzten AS-Sitzung haben

Sie verhindert, dass der Demonstrationsaufruf

in die Resolution aufgenommen

wurde.

Jeder kann zu einer Demonstration gehen.

Ich möchte dem aber nicht so ein Gewicht

geben. Wir haben im AS über die

einzelnen Punkte gesprochen. Am Tag der

Verabschiedung des Gesetzes konnten die

studentischen Proteste keinen Ausschlag

mehr geben.

Wenigstens in Sachen Überregulierung

waren Sie sich mit den Studierenden einig,

blieben aber ungehört. Wurden der

Hochschulautonomie durch die Novelle

die Flügel gestutzt?

Ja, auf jeden Fall. Das ist der wesentliche

Aspekt, bei dem das Gesetz in die falsche

Richtung läuft. Denn die Botschaft, die

davon ausgeht, ist falsch. Die lautet nämlich:

Wir vertrauen euch nicht, deshalb

müssen wir alles möglichst genau regeln.

Furios 06/2011


Was bedeutet die Hochschulnovelle aus

Ihrer Sicht konkret für die Studierenden?

Ich nenne ein paar Beispiele. Erstens soll

die Wahlfreiheit im Studium verbessert

werden. Für die Bachelorstudiengänge ist

das ganz klar ein Gewinn. Zweitens gibt es

eine große Entlastung bei der Benotung.

In Zukunft sollen in der Regel drei Viertel

der Leistungen benotet werden, das heißt,

es wird nicht mehr jedes Modul benotet.

Gerade in der Studieneingangsphase ist

das wichtig. Diese Entscheidungen müssen

jetzt in den einzelnen Fachbereichen umgesetzt

werden.

Einer der Hauptkritikpunkte der Studierenden

waren die Zwangsexmatrikulationen.

Hat das Turbostudium nun auch

noch einen Schleudersitz bekommen?

Nein. Sie müssen sich mal überlegen,

was das für Wenn-dann-Konstruktionen

sind. Erst muss eine Studienvereinbarung

geschlossen werden, die besagt: »Du musst

innerhalb von drei Semestern bestimmte

Anforderungen erfüllen.« Nur wenn Sie

nicht einmal ein Drittel der Zielsetzung

erreichen, würden Sie zu einer Studienberatung

eingeladen werden. Und auch nur

falls man dieser Einladung nicht nachkommt,

würde eine Exmatrikulation drohen.

Das ist ein sehr unwahrscheinlicher

Fall. Ich glaube, dass Beratungen dabei das

richtige Mittel sind. Ich habe in meinem

Leben mindestens tausend Studienberatungen

durchgeführt und die Betroffenen

haben das als sehr sinnvoll empfunden.

Aber ist es nicht dennoch eine subtile

Kriegserklärung an die sogenannten

Bummelstudenten?

Ja. Bei der Formulierung stimme ich Ihnen

zu. Aber das ist auch in unserem Sinne.

Wir werden vom Land finanziert für Studienerfolg.

Es ist unsere Aufgabe, gut zu

betreuen und zum Erfolg zu führen.

Bei den Teilzeitstudiengängen zaudern

Sie auch. Muss eine fortschrittliche Uni

solche Angebote nicht bereitstellen?

Darüber streite ich mich auch mit Ihren

Kommilitonen im Akademischen Senat. In

der modernen Lebenswelt muss man solche

Angebote unterbreiten – das stimmt.

Es gibt viele Menschen, die berufstätig

sind und die das Studium nicht in Vollzeit

realisieren können. Aber es gibt einfach

Studiengänge, die sich nicht in Teilzeit

studieren lassen.

Ist Herr Zöllner in dieser Hinsicht realitätsfern?

Auch Herrn Zöllner fließen die Mittel

nicht wie Milch und Honig zu, er hat nur

begrenzte Möglichkeiten.

Furios 06/2011

Ein ähnlich kritischer Punkt bleibt

die Einführung der Lehrprofessuren.

Warum wehren Sie sich nach wie vor

dagegen?

Ich habe mich vor allem vehement gegen

die Einführung des Typus des wissenschaftlichen

Mitarbeiters für die Lehre ausgesprochen,

weil der Nachwuchs immer in

beiden Bereichen, also auch in Forschung,

qualifiziert sein muss. Bei Lehrprofessuren

würde ich mich für moderate zwölf

Stunden Lehre pro Woche aussprechen.

Das sollte das Limit sein. Wir sind ja keine

Fachhochschule.

Wozu diese Zurückhaltung?

Wir befinden uns da in einem Zwiespalt.

Wir wollen die Besten berufen und werden

Probleme haben, wenn wir zu viele Lehrprofessuren

ausschreiben, weil sie einfach

nicht attraktiv für die Wissenschaftler sind.

Bei zwölf Stunden Lehrdeputat findet man

keine guten Naturwissenschaftler. Und

wir können doch froh sein, wenn wir die

herausragenden Leute überhaupt bekommen

und sie nicht in die Welt gehen – das

bringt doch auch den Studierenden was.

Ist der Ton zwischen der Politik und den

Hochschulen nun rauer geworden?

Nein, das war in Berlin schon immer so.

Wobei wir in vielen Punkten auch eine

gemeinsame Linie haben. Wir wollen den

Senator ja nicht brüskieren. Er unterstützt

uns gegenüber dem Finanzsenator und vertritt

uns über die Grenzen Berlins hinaus

bei der Kultusministerkonferenz.

Was denn nun? Ist Zöllner Verbündeter

oder Gegner?

Zöllner ist ein Verbündeter und Kenner

der Hochschulen. Schwierigkeiten macht

er nur dann, wenn er zu viele Detailregelungen

vornehmen will.

Warum tut er das?

Herr Zöllner weiß, dass die drei Berliner

Universitäten unter schwierigen Rahmenbedingungen

vorzügliche Arbeit leisten.

Aber als Ressortchef muss er auch die Forderungen

des Koalitionspartners berücksichtigen.

Vieles an der Hochschulnovelle

war Wunsch der Linkspartei. Er kann ja

nicht alles allein durchsetzen.

Sie haben gesagt, Politik sei nichts für

Sie. Aber wollen Sie Zöllner nicht mal

zeigen, wie man es richtig macht und

einfach tauschen?

Rollentausch ist immer interessant, das

sollte man viel öfter machen. Das bemerke

ich schon, wenn ich im Hörsaal sitze, anstatt

vorne zu stehen. Wir könnten ja mal

eine Woche tauschen.

Auch für eine ganze Legislaturperiode?

Nein, das wäre zu lang. Es ist zwar eine

interessante Aufgabe, aber man braucht ein

hohes Frustrationspotential. Die Lebendigkeit

der Hochschule würde mir fehlen

– obwohl bestimmt auch die SPD sehr

lebendig sein kann. ■

»Bei zwölf Stunden Lehrdeputat finden sie einfach keinen guten Naturwissenschaftler«.

Peter-André Alt über die Lehrprofessuren.

poLitiK

Jonas Breng studiert Politikwissenschaft

im 4. Semester und leitet in seiner

Freizeit Kochkurse für Paare.

Björn Stephan hat ein halbes Jahr lang

Waisenkinder in Ghana gehütet. Bis

Oktober schlägt er sich mit Praktika

durch, dann wird wieder studiert –

diesmal an der HU.

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poLitiK

atemnot im hörsaaL

Die Doppeljahrgänge kommen! Wegen eindimensionaler Umsetzung des

Hochschulpaktes müssen auf dem Campus in Zukunft alle etwas enger

zusammenrücken. Von mAtthiAs Bolsinger.

Illustration stephAn gArin.

Mehr Bildung, mehr Leistungsfähigkeit, das war das Ziel.

Vor vier Jahren beschlossen Bund und Länder den

»Hochschulpakt 2020«, um das Studienangebot der

steigenden Nachfrage anzupassen. Ab Herbst drängen die doppelten

Abiturjahrgänge an die Universitäten. Durch die Aussetzung

der Wehrpflicht fehlt eine wichtige Entlastung. Den Universitäten

drohen Engpässe.

Noch in diesem Jahr sollen 1500 Studienplätze in Berlin geschaffen

werden. Auch die Freie Universität stockt auf, auf den ersten

Blick. »Die Aufnahmekapazität wird zeitlich befristet erhöht«,

heißt es im feinsinnigen Verwaltungssprech. Nur so würden die

Finanzierungshilfen des Bundes für Berlin bis 2013 gesichert. Mehr

voll finanzierte Studienplätze wird es an der FU also nicht geben.

Doch man bleibt gelassen. »Wir haben gelernt, wie man mit der

Situation der Überlastung umgeht«, äußerte Präsident Peter-André

Alt in der »Berliner Zeitung«. Sollten einzelne Fachbereiche mit

dem Andrang überfordert sein, hat die Hochschulleitung zusätzliche,

temporäre Mittel zugesagt.

Das Schiff scheint auf Kurs. Doch da könnte der Käpt’n die

Rechnung ohne die Matrosen gemacht haben. Die Verantwortlichen

für die Umsetzung des Hochschulpaktes scheinen auf einem

Auge blind zu sein, denn mit höherer Aufnahmekapazität allein

ist nichts getan. Das werden sowohl die »alten Hasen« als auch die

FU-Frischlinge zu spüren bekommen, denn für Lehrräume, Mensen

und Wohnheime sind keine Mittel des Hochschulpaktes vorgesehen.

»Immerhin müssen wir keine Container aufbauen, um den

Ansturm der Doppeljahrgänge zu bewältigen«, so FU-Präsident Alt

mit Blick auf die Raumkapazitäten. Obwohl die Raumkapazitäten

Matthias Bolsinger studiert Politikwissenschaft

und ist gespannt, wie solidarisch sich die FU in

Engpässen wirklich erweisen wird.

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anscheinend noch nicht ausgeschöpft sind, zeigt die Lernrealität

der Studierenden ein anderes Bild. Schon jetzt verfolgen viele die

Vorlesungen vom Boden aus. In Zukunft wird man zusammenrücken

müssen auf dem Campus.

Das wird Auswirkungen auf den Alltag der Studierenden haben:

»Die Fachbereiche sind gehalten, die räumliche Kapazität auch in

sogenannten Randzeiten voll auszunutzen«, heißt es von zentraler

Stelle. Im Klartext: Mehr Veranstaltungen zu unbeliebten Zeiten,

auch samstags. Besonders hart wird es die jobbenden Studierenden

treffen. Auch Studierende mit Kind werden umdisponieren

müssen.

An chronischer Überfüllung werden nicht nur die Lehrveranstaltungen

leiden. Noch garantiert die Mensa in der Silberlaube

auch zu Stoßzeiten jedem einen Platz. In der Veggie-Mensa sieht

das anders aus: Lange Schlangen an der Ausgabe und zur Neige

gehende Gerichte. Freie Platzwahl hat man dort schon lange nicht

mehr.

Das Studentenwerk mahnte bereits

vor vier Jahren, im Hochschulpakt

würden die Mittel für

soziale Infrastruktur fehlen –

vergeblich. Das letzte Wohnheim

wurde vor zehn Jahren

eröffnet. Seither ist die Zahl

der freien Wohnheimplätze stetig

zurückgegangen. Insgesamt

sind es zu wenige für eine Studentenstadt

wie Berlin, in der günstiger

Wohnraum immer knapper wird.

Nicht nur in den Hörsälen heißt es

Zusammenrücken. ■

Furios 06/2011


einsamer protest

Beim neuen Berliner Hochschulgesetz stand viel auf dem

Spiel. Doch das Interesse daran blieb erstaunlich gering.

Ein Rückblick von mAx KrAuse. Illustration christiAn güse.

Der Protest gegen die Novelle des

Berliner Hochschulgesetzes

endete so, wie er begonnen

hatte: leise. Gerade einmal 250

Studierende gingen am 12. Mai, als

das Gesetz beschlossen wurde, auf die

Straße. Das unterbot selbst pessimistische

Schätzungen. »Wir schaffen es nicht mal,

die ganze Straße zu füllen«, berichtete ein

Teilnehmer enttäuscht.

Der Schlussakkord verhallte also so ungehört

wie der gesamte Protest. Dabei war die

Empörung groß, als Bildungssenator Jürgen

Zöllner im Januar 2011 seinen ersten Entwurf

zur Hochschulnovelle vorstellte. Viele an den

Universitäten fühlten sich übergangen, forderten

weitreichende Änderungen. Als der Protest

im Februar jedoch konkret wurde, zeigte sich

ein ungleiches Bild. Während an der Technischen

Universität Berlin zur Informationsveranstaltung

mehrere hundert Menschen kamen,

blieb es an der FU still: lediglich 30 Menschen

waren bei der Versammlung in der Silberlaube

anwesend. Ein einsamer Protest.

Der Kampf gegen die Novelle ist an der FU

stets die Sache einiger Weniger geblieben. Arvid

Peschel, damals Referent für Hochschulpolitik

im AStA, war der Hauptakteur an der

Freien Universität. Er und seine Mitstreiter an

den anderen Berliner Hochschulen sorgten

dafür, dass die schärfsten Veränderungen noch

abgeschwächt wurden. Vor allem die neuen

Regelungen zur Zwangsexmatrikulation, die

es ermöglichen, Studenten schon vor Ablauf

der Regelstudienzeit aus der Uni zu werfen,

empörten Arvid. »Die Novelle widerspricht

allen Forderungen nach einem selbstbestimmten

Studium.«

Gehört wurde Arvids Kritik aber nur von

Wenigen. Zu einer zweiten Vollversammlung

zum Thema kamen etwa 150 Menschen, eine

leichte Steigerung immerhin. Doch Anfang

Mai wurde dem Widerstand dann ganz der

Wind aus den Segeln genommen. Der Grund:

Rot-Rot veröffentlichte eine Änderung der

Novelle, in der viele Kritikpunkte der Studierenden

aufgenommen wurden. So wurden

etwa die Möglichkeiten zur Zwangsexmatrikulation

eingeschränkt oder der Passus zur

Kürzung der Laufzeit studentischer Verträge

gestrichen. Zöllner zeigte sich großherzig gegenüber

den Studierenden – womöglich auch

aus wahltaktischen Motiven.

Furios 06/2011

Denn auffällig ist, dass die Kritik der Landeskonferenz

der Rektoren und Präsidenten

(LKRP) und des akademischen Mittelbaus am

Bildungssenator abperlte. Dabei hatten sich

die Universitätspräsidenten viel Mühe gegeben,

das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen

und »die Beschneidung der Hochschulautonomie«,

wie LKRP-Präsident Alt erklärte, heftig

angeprangert. Auch die wissenschaftlichen

Mitarbeiter beschwerten sich über die Einführung

einer neuen Stellenkategorie, die kaum

noch Raum für die Forschung lässt. Doch erhört

wurden nur die leisen Stimmen der Studierenden.

Vielleicht steckt dahinter ja, dass

Zöllner vor dem Hintergrund der anstehenden

Abgeordnetenhauswahlen den Grünen ein

Bein stellen wollte. Schließlich hatten die die

Novelle bis zuletzt abgelehnt und sich so als

Fürsprecher studentischer Interessen profilieren

können.

Die Änderungen für die Studierenden sind

also letztlich eher kosmetischer Natur. Für Präsident

Alt dagegen bleibt das Gesetz eine bittere

Pille, denn seine Strategie ist nicht aufgegangen:

Bis zuletzt verteidigte er die neu geregelte

Zwangsexmatrikulation und machte sich so

für die Studenten zu einem unmöglichen

Bündnispartner. Dabei hätte ein gemeinsamer

Widerstand von Präsident und Studierenden

gegen Zöllners Hochschulnovelle möglicherweise

viel mehr bewirken können. ■

Max Krause studiert Mathematik

und Philosophie.

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Von Prekariat spricht man, wenn die Unterschicht gemeint ist. Hartz IV ist

nicht gerade das, was man an der Uni erwartet. Doch das akademische Prekariat

ist bittere Realität.

Von KAthArinA hilgenBerg. Foto von christiAn güse.

Eva Lahnsteiner schmeißt hin. Die wissenschaftliche Mitarbeiterin

am Fachbereich Rechtswissenschaften liebt ihre

Tätigkeit. »Ich wäre überglücklich, wenn ich diese bis ans

Ende meines Lebens machen könnte«, sagt die 29-jährige. Aber der

Unialltag macht die zierliche Doktorandin fertig. »Wenn ich noch

zwanzig Jahre bleibe, bin ich ein Psychowrack.« Die Österreicherin

zieht ihre Konsequenz und will der Uni endgültig den Rücken

kehren.

Eva ist kein Einzelfall. Es rumort im akademischen Mittelbau,

dieser heterogenen Gruppe irgendwo zwischen Studienabschluss

und Professur. Wissenschaftliche Mitarbeiter, Lehrbeauftragte, Stipendiaten,

die vor allem eines eint: unsichere Zukunftsperspektiven

und die Angst vor dem sozialen Abstieg.

Der Mittelbau trägt die Hauptlast von Lehre, Forschung und

Studierendenbetreuung, vor allem da der wissenschaftliche Sektor

zwischen 1992 und 2009 expandierte: Während die Zahl der Professoren

in dieser Zeit um 20 Prozent stieg, gab es bei den Stellen

der wissenschaftlichen Mitarbeiter einen Zuwachs von 80 Prozent.

Eine wissenschaftliche Karriere ist in Deutschland mit besonderen

Risiken verbunden. Sichere Stellen unterhalb der Professur sind

hierzulande selten. Britische und US-amerikanische Hochschulen

hingegen bieten ihrem promovierten Nachwuchs sofort eigenverantwortliche

Fünf-Jahres-Stellen mit guten Chancen auf Entfristung

an.

2009 waren laut einer Studie der Hochschul-Informations-System

GmbH 83 Prozent der Arbeitsverträge wissenschaftlicher Mit-

arbeiter befristet, über die Hälfte davon auf weniger als ein Jahr.

Eva Lahnsteiner beklagt den enormen Druck. »Morgens wache ich

auf und denke: Welche Stelle hast du in ein paar Wochen? Und:

Ich muss endlich mit meiner Dissertation fertig werden! Dazu steht

täglich ein Berg von Arbeit vor mir und ich weiß – das schaffe ich

nie!«

Eva hat eine halbe Stelle, 19,25 Wochenstunden laut Vertrag.

Doch daran halten sich die wenigsten. Allein die Lehrverpflichtungen,

Vor- und Nachbereitung, Studierendenbetreuung und

Forschung sprengen meist den gesetzten Rahmen, ganz zu schweigen

von Aufgaben, die nicht zum Stellenprofil gehören und

trotzdem immer öfter von wissenschaftlichen Mitarbeitern

erledigt werden: vom Kopieren, über Hotelbuchungen

bis zum Catering. Dabei sollte dem Nachwuchswissenschaftler

ein Drittel der Arbeitszeit zur Anfertigung

seiner Promitions- oder Habilitationsschrift zu

Verfügung stehen. Das tatsächliche Arbeitspensum

nähert sich dem einer vollen Stelle. Nur

gerüchteweise hat Eva von Professoren gehört,

die die Arbeitslast den bezahlten

Wochenstunden anpassen.

»Das Problem der unbezahlten

Überstunden betrifft 99,9

Prozent des Mittelbaus«, sagt

Christof Mauersberger.

Der Politikwissenschaftler

ist Mitglied der

Furios 06/2011


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Initiative FU-Mittelbau, in der sich auch Eva Lahnsteiner engagiert.

»Wir fordern, dass die Arbeitsverträge realistischer gestaltet

werden.« Die Initiative gründete sich 2009 als uniweiter Zusammenschluss

des Mittelbaus. Problembewusstsein wollen sie schaffen

und ein Netzwerk zur Artikulation ihrer Interessen organisieren.

»Die Leute denken, sie stehen alleine da. Wir haben einen Blog eingerichtet

um zu zeigen: Vielen geht es wie euch!« Die erste Aktion

war ein Rundbrief, der die Situation des Mittelbaus thematisierte

und mit 280 Unterschriften auf große Resonanz stieß. Daraufhin

erklärte sich das Präsidium zu Gesprächen bereit. Das erste Treffen

mit Präsident und Kanzler fand im Januar statt. »Mich hat wirklich

überrascht, wie wenig Bewusstsein für die grundsätzlichen Strukturprobleme

beim Präsidium existiert«, resümiert Mauersberger.

Von Strukturproblemen mag FU-Präsident Peter-André Alt

wirklich nicht sprechen. Er meint, die Universität biete hochattraktive

Arbeitsbedingungen. »Wir bringen junge Menschen in eine Situation,

in der sie sich unabhängig und selbstbestimmt ihre eigenen

Ziele und Projekte setzen.« Natürlich verstehe er die Ängste des

Nachwuchses, er war ja selbst einmal jung. Die Akademie brauche

innerhalb ihrer »Qualifikationsdynamik« einen Mittelbau mit befristeten

Stellen. Jeder müsse sich darüber im Klaren sein, welches

Risiko er mit einer wissenschaftlichen Karriere eingehe, sagt Alt.

Doch so sehr das Präsidium dies auch beschwört, manche Probleme

sind mit ein bisschen Eigenverantwortung nicht zu lösen.

Deutsche Universitäten produzieren seit langem einen Überschuss

an Nachwuchswissenschaftlern, die auf lange Sicht keinen Platz im

System haben. Doch die Entscheidung darüber, wer es letztendlich

schafft, fällt spät. Nur die Berufung auf eine Professur bringt Sicherheit

und ist im Durchschnitt erst mit 42 Jahren zu erwarten.

Zwischen Studium und Berufung liegen Zeiten extremer Unsicherheit

und häufiger Job- und Ortswechsel, die sich noch dazu mit der

Phase der Familienplanung überschneiden.

Was also zieht junge Menschen dennoch an die Uni? Für Eva

war es der Traum von einer besseren Zukunft, sie spezialisierte sich

auf Menschenrechte. »Wir sind Idealisten«, meint sie. Das wissenschaftliche

Arbeiten, Schreiben und Lehren sei ein Traumjob. »Und

die Professur ist immer noch eine attraktive Position«, ergänzt

Christof Mauersberger.

Doch die Zahl der Professuren ist eng begrenzt. Lange nicht jeder

Nachwuchswissenschaftler kann darauf hoffen, berufen zu werden.

Trotzdem bleibt die Professur die einzige Position im akademischen

System, die die Möglichkeit bietet, unbefristet als Wissenschaftler

tätig zu sein. Wer nicht berufen wird ist mit Mitte vierzig viel zu

qualifiziert und spezialisiert für die freie Wirtschaft. Ein großer Teil

Furios 06/2011

poLitiK

derjenigen, die hier aus dem System fallen, bleibt dennoch an der

Uni und arbeitet als Privatdozent oder Lehrbeauftragter. Wenn sie

überhaupt bezahlt werden, liegt das Honorar zwischen 800 und

1000 Euro brutto pro Seminar.

Von der Möglichkeit, Lehraufträge zu vergeben, wird inflationär

Gebrauch gemacht. Sie leisten zwischen 10 und 50 Prozent der

Lehre. In einer Umfrage der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft

Berlin geben 50 Prozent an, ihre Lehrtätigkeit hauptberuflich

auszuüben. Zwei Drittel von ihnen haben ein monatliches

Nettoeinkommen von unter 1000 Euro. Für die unter chronischer

Finanznot leidende Universität lohnt sich das Konzept. Zum einen

sind Lehraufträge mit geringen Lohnkosten verbunden, zum anderen

stehen die Lehrenden in keinem Anstellungsverhältnis mit der

Uni, weshalb diese keine Sozialversicherungsbeiträge leisten muss.

So wirken sich die Unsicherheiten bis ins Rentenalter aus.

Hier sieht auch Präsident Peter-André Alt Handlungsbedarf.

Er spricht sich gegen unbezahlte Lehraufträge aus. Eine höhere

Entlohnung sei allerdings nicht drin. Für vielversprechende Nachwuchswissenschaftler

plant er das sogenannte Karrierewege-Modell

mit flexiblen Fonds für die Übergangsperioden. Für die weniger

Aussichtsreichen setzt er auf einen qualifizierten Ausstieg. »Wir stehen

in der Pflicht, dem Nachwuchs auch eine Ausstiegsperspektive

zu geben«, sagt Alt. Dazu gehöre die Vermittlung von Kompetenzen,

die auch in anderen Berufen wichtig sind.

Mehr Dauerstellen als Alternative zur Professur, wie sie der Mittelbau

fordert, wird es nach dem Willen des Präsidiums nicht geben.

Die Logik dahinter: Das System werde so nur verstopft und

weniger Nachwuchswissenschaftler bekämen die Chance zum Einstieg.

Eva Lahnsteiner, die Idealistin, hat das Vertrauen in diese Dynamik

verloren. Doch zumindest ist sie keine perspektivlose

Aussteigerin. Als Juristin hat sie viele Möglichkeiten. Unbezahlte

Überstunden kann sie überall leisten, woanders allerdings mit der

Aussicht auf eine sichere Zukunft. So verabschiedet sie sich vom

Traumjob an der Uni. Denn dort herrscht eine Moral, die Brecht

mit den Worten beschrieb: Die Mittel kärglich und die Menschen

roh. Wer möchte nicht in Fried und Eintracht lehren – doch die

Verhältnisse, sie sind nicht so! ■

Katharina Hilgenberg studiert Sozial- und

Kulturanthropologie und freut sich auf ihre eigene

prekäre Zukunft. Sie wird mit 7 Katzen im brasilianischen

Amazonasbecken leben.

21


22

campus

geFundenes Fressen

20 Millionen Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr in deutschen Mülltonnen.

Das meiste ist noch essbar. Wie einige verpasste Stunden Schlaf zu einem Festmahl

verhelfen können, hat henrice stöBesAnd herausgefunden.

Illustration von corA-mAe gregorschewsKi.

Friederike und Josef sind auf der Pirsch.

Sie haben Beute gewittert. Vermummt bewegen

sich die beiden durch die Nacht, ihre

Silhouetten sind kaum erkennbar, so dunkel

ist es. In ihren Händen halten sie leere

Plastiktüten, Josef umklammert eine kleine

Taschenlampe.

Die beiden sind Anhänger einer Bewegung,

die vor einigen Jahren in den Vereinigten

Staaten entstand und sich über

das Internet bis nach Europa verbreitete:

Sie holen ihr Essen

aus dem Müll. Genauer: aus

den Containern der Supermärkte.

Alle ein bis zwei Wochen

begeben sich die beiden auf

nächtliche Exkursionen.

Nur im tiefsten Winter,

zwischen Januar

und De-

zember, setzen sie aus. »Bei der Kälte und

dem Schnee hatten wir einfach keine Lust«,

sagt Josef.

Mit den Temperaturen steigt auch die

Freude an der Sache – heute Nacht sind

sie sichtlich aufgeregt. Zielgerichtet und

schnellen Schrittes steuern die Studenten

die umzäunte Ecke eines verlassenen Geländes

an. Ihr Ziel: genügend Obst und

Gemüse für die kommende Woche.

Dabei können es sich die beiden

eigentlich leisten, ganz normal

im Supermarkt einzukaufen.

Doch um Geld

sparen geht es beim

»Containern« nicht,

jedenfalls nicht nur.

Für viele steht der

Protest im Vorder-

grund – eine Gegenbewegung zur »Wegwerfgesellschaft«.

»Es ist verrückt, wie viele gute Lebensmittel

man in den Tonnen findet«, entrüstet

sich Friederike.

»In anderen Ländern ist die Nahrung

knapp, während wir hier mit Essen umgehen,

als sei es wertlos«. So öffnen Friederike

und Josef in Zehlendorf nachts Mülltonne

um Mülltonne und fördern das zutage, wofür

der Rest der Gesellschaft keine Verwendung

mehr findet: Äpfel mit Druckstellen,

falsch abgepackte Tomaten, mitunter Gemüse

und Obst ohne erkennbare Mängel

– Überschussware.

Die Tonnen quietschen leise, als Josef sie

öffnet. Ein unangenehm stechender Geruch

steigt aus dem dunklen Inneren hervor.

Der Strahl der Taschenlampe fällt auf

Berge von Obst und Gemüse – Orangen,

Clementinen, Grapefruits, Brokkoli, Tomaten.

Friederike zückt ihre gelben Gummihandschuhe:

jetzt heißt es aussortieren.

In Deutschland steht das Kramen im

Müll, auch »Dumping« genannt, unter

Strafe, denn die Container sind Privatbesitz

der Supermärkte. Wer sich am Müll der

Märkte bedient, macht sich also des Diebstahls

schuldig.

Um sich gegen diese vermeintlichen Diebe

zu schützen, halten viele Supermärkte

ihre Container versteckt, andere lassen ih-

Furios 06/2011


en Müll von Videokameras überwachen.

»Jeder Containerer ist ein potenzieller

Kunde«, lautet das Credo der Eigentümer.

Durch Schloss und Riegel versuchen sie,

die Müllsammler an die Einkaufskassen zurückzuholen.

In Schweden sollen Mitarbeiter

eines Supermarkts die weggeworfenen

Lebensmittel aus »Schutz vor Dumpstern«

sogar vergiftet haben und in den USA werden

mitunter Glasscherben auf den Müll

gekippt, um die Müllsucher fern zu halten.

Friederike und Josef ist so etwas noch

nicht untergekommen. »Wir wurden zwar

schon öfters erwischt«, so Friederike, »aber

die Konfrontationen sind harmlos.«

Auch die Reinigungskraft des Supermarktes

lässt sich von den Dumpstern bei

ihrer nächtlichen Raucherpause nicht stören.

»Macht ruhig weiter«, winkt sie ab, als

Josef sich entschuldigt. »Ist ja schließlich

nur Müll, will ja eh keiner mehr haben.«

Drei Tüten voller frischer Orangen, zwei

Tüten zum Bersten gefüllt mit allerlei Gemüse,

als besonderes Bonbon eine Mango

aus Kenia und Pflaumen aus Süditalien:

Die Schatzsuche von Friederike und Josef

hat sich gelohnt. »Heute war mal wieder ein

guter Tag«, meint Josef zufrieden. »Morgen

können wir uns eine bunte Gemüsesuppe

kochen.«

Nur wenige Male hatten sie beim Containern

weniger Erfolg. »Die Tonnen sind

oft noch viel voller als heute«, erzählt Friederike.

Eigentlich könne man seinen ganzen

Bedarf an Vitaminen über das Containern

decken – doch müsse man dann bereit

sein, das zu essen, was man eben so finde.

»In den nächsten Tagen werde ich mich

wohl hauptsächlich von Orangen ernähren«,

lacht Friederike.

Rund 20 Millionen Lebensmittel werden

in Deutschland jährlich weggeschmissen,

betonte jüngst Ilse Aigner, Bundesministerin

für Ernährung. Genauere Zahlen zur

großen Verschwendung existieren allerdings

noch nicht – doch auf das Problem

mit dem Müll sind bereits zahlreiche Politiker

und Verbraucherschützer aufmerksam

geworden.

Über Leute wie Josef und Friederike

kann sich Kommilitonin Julia nur aufregen.

»Ich kann ja wohl mal 1,49 Euro für

Orangen hinblättern. Warum gibt man die

Reste nicht an die Leute, die es wirklich nötig

haben?« Das Wühlen im Müll kommt

für sie nicht in Frage.

»Man könnte das Essen doch an die Tafeln

geben«, fügt ihre Freundin hinzu.

Tatsächlich liefern einige Märkte die

aussortierten Nahrungsmittel an Berliner

Tafeln aus – doch oft ist es kostengünstiger,

die Lebensmittel einfach in den Müll

zu werfen.

Sehr zur Freude von Josef und Friederike,

die durch das nächtliche Containern

zwar einiges an Schlaf einbüßen, aber auch

Geld sparen. »Manchmal finden wir sogar

Bio-Lebensmittel«, freut sich Friederike.

Die seien im Alltag für einen Studenten fast

unbezahlbar.

Friederike lässt viel warmes Wasser in das

Spülbecken laufen. Die Beute muss nun

noch sorgfältig abgewaschen werden, denn

Dunkelheit und Feuchtigkeit machen die

Container für Bakterien und Pilze zum Paradies.

Besonders gefürchtet unter Dumpstern

sind Mykotoxine, Schimmelpilzgifte,

die bereits in geringen Mengen schädlich

sind. Drei Waschgänge sind da Mindest-

PHAbo11_210x74_4c_SpreePresse:Layout 1 26.05.2011 11:03 Uhr Seite 1

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Die Emanzipation

vom Diktat

der Lebensmittelindustrie hat ihre Tücken

– schließlich kennen die Dumpster die genauen

Gründe für den Wegwurf der Nahrungsmittel

nicht. Die grassierende EHEC-

Welle bereitet ihnen Bauchschmerzen.

Deshalb verzichten Friederike und Josef zur

Zeit lieber auf Gurken und Tomaten im

Container.

Josef schält währenddessen eine Blutorange.

Schiebt sich ein Stück in den

Mund und seufzt genüsslich: perfekt. »Ein

Adrenalin-Kick ist natürlich auch immer

mit im Spiel«, meint er. Man wisse nie, ob

man nicht doch mal davonlaufen müsse.

Und was in den Mülltonnen zu holen sei.

Auf widerlichere Dinge als vergammeltes

Obst sei er bisher aber zum Glück noch

nicht gestoßen. Von tierischen Produkten

wie Milch, Butter und Fleisch lässt er lieber

gleich die Finger.

Wenn Friederike und Josef containern,

dann nur in den Bio-Tonnen. Der Mülltrennung

sei Dank. ■

Henrice Stöbesand studiert

Politikwissenschaft und ist

gestählt im Kampf gegen

Amöben, Parasiten und

Typhus – die Orangen hat sie

trotzdem nicht gegessen.

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23


24

campus

Licht aus in der

grossen stadt

Alte Industriegelände, Fabriken und Bunker vegetieren in der Hauptstadt vor sich hin.

Eine handvoll Künstler und Abenteurer entdecken Berlin auf eigene Art. Furios-Reporterin

ViKtoriA dessAuer begleitet eine Urban Explorerin auf Erkundungstour in einer alten Brauerei.

Fotos von sArAh ungAn.

Furios 06/2011


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Steffi steht an einer gut befahrenen Straße und blickt auf die

bröckelnde Backsteinfassade einer verlassenen Brauerei. Das

stillgelegte Gelände mitten in Berlin ist Anziehungspunkt für

Graffitikünstler, Fotografen und Abenteuerlustige. Sie sind »Urban

Explorer«, Erforscher alter Fabriken und Industriegelände und bewegen

sich am Rande der Legalität. Der Reiz, Orte zu entdecken,

die von anderen Menschen schon längst aufgegeben wurden, lässt

sie immer wieder losziehen.

Der Haupteingang der Brauerei ist abgesperrt. Aber Steffi kennt

einen geheimen Eingang, der auf das Gelände führt. Das erste

Highlight der Tour ist ein altes Bierlabor. Es ist völlig verwüstet.

Auf dem Boden liegen Bieretiketten, leere Flaschen und Plastikschrott.

Die vollen Bierflaschen, die sie vor kurzem noch hier gefunden

hatte, sind inzwischen verschwunden. »Man klaut nichts,

man zerstört nichts, man macht Fotos und dann geht man wieder!«

So lautet das Credo der Urban Explorer, erklärt sie. Doch nicht alle

halten sich daran.

Urban Explorer bleiben eher unter sich. Außer in Internetforen,

wo sie Erfahrungen, Fotos und Videos ihrer Touren austauschen,

geben sie nicht viel über ihr Hobby preis. Sie möchten verhindern,

dass die verlassenen Gelände in Undergroundclubs verwandelt

oder verwüstet werden.

Vom Labor aus führt eine Treppe in den Keller. Unter Steffis

Füßen knirschen Glasscherben und mit jedem Schritt wirbelt

Dreck auf, der sich langsam auf Kleidung, Haare und Hände legt.

Die Luft im Keller ist feucht und muffig. In den finsteren Räumen

riecht es nach Lack oder anderen Chemikalien. Aus solchen

Gründen hat Steffi immer eine Atemschutzmaske parat. Sie knipst

ihre Taschenlampe an. Im Schein des Lichtkegels tauchen riesige

Wannen auf. »Wahrscheinlich haben sie hier das Bier gebraut«, sagt

Steffi leise. Plötzlich knarrt eine Tür. Es raschelt. »Unheimliche Situationen

hat man öfter«, erzählt sie. »Als ich hier einmal in einem

alten Lagerraum war, sah ich plötzlich eine dunkle Gestalt. Da bin

ich erstmal einen Schritt zurückgegangen und habe tief durchgeatmet.

Das war dann aber nur ein Graffiti, das jemand aus Spaß an

die Wand gemalt hat.« Inzwischen flüstert Steffi und muss lachen,

weil es gar keinen Grund dazu gibt. Sie würde nie alleine auf so eine

Tour gehen. Viel zu gefährlich: »Man weiß nie, worauf man tritt.

luxemburg lecture

raul ZeliK

nach deM KaPita L iSMUS?

PeRSPeKtiven deR eManziPatiOn

04. jULi 2011, 20:00 UhR

vORSteLLUnG deS neUen BUchS

vOn RaUL zeLiK

anschließend diskussion mit Gregor Gysi

und Wolfgang engler

Moderation: Silvia Fehrmann

eine Kooperation von Rosa-Luxemburg-

Stiftung und dem Literaturforum im

Brecht-haus

Kontakt Brecht-Haus: ChristiAn hippe hippe@lfbrecht.de

Kontakt Rosa-Luxemburg-Stiftung: utA tACkenberg tackenberg@rosalux.de

literaturforum im brecht-haus

chaUSSeeStRaSSe 125, BeRLin-Mitte

Furios 06/2011

Außerdem könnte

etwas einstürzen.

Im Notfall

ist es besser, zu

zweit zu sein«,

sagt sie ernst.

In den nächsten

Räumen finden

sich noch allerlei

Fundstücke:

Alte Bierfässer,

Schließfächer,

Kaffeemaschi-

Das Kapital lesen

Seit 2006 wird in der Rosa-Luxemburg-

Stiftung das Kapital von Karl Marx gelesen.

Marx hat den Kapitalismus in

seiner allgemeinsten Form analysiert.

Räumlich und zeitlich haben kapitalistische

Gesellschaften aber ganz verschiedene

Gesichter. Um diese zu verstehen, werden

ergänzend zur Kapitallektüre sogenannte

«Satelliten seminare» angeboten.

weitere informationen unter

www.Das-Kapital-lesen.De

Kontakt: AntonellA MuzzupAppA Referentin für

Politische Öko nomie, Tel. 030 44310-421,

muzzupappa@rosalux.de

campus

Bier wird hier schon lange nicht mehr gebraut. Ein Feld von

Etiketten erinnert an vergangene Betriebsamkeit.

nen, Schuhe und eine alte Schreibmaschine. Es blitzt. Steffi macht

ein Foto nach dem anderen.

Aus den dunklen Kellerräumen geht es nun nach oben aufs

Dach. Auch hier muss sie genau aufpassen, wo sie hintritt. Manchmal

ist das Dach morsch oder sogar löchrig. Hier oben holt sich

die Natur alles wieder zurück, denn mitten auf dem Dach wachsen

Bäume. Von hier aus erspäht Steffi andere Besucher. Auf dem

gegenüberliegenden Dach liefern sich ein paar Golfer ein kleines

Turnier.

Das nächste Gebäude ist ein anliegendes Wohnhaus. Steffi wandert

von Wohnung zu Wohnung. Sie findet fast unversehrte Badewannen

oder Öfen. In den meisten Räumen hängt sogar noch die

alte 70er-Jahre-Tapete an der Wand.

Wieder draußen setzt sie sich kurz auf eine Treppe, die es vielleicht

bald nicht mehr geben wird. Einige der Gebäude sollen abgerissen

werden, um einem Baumarkt oder Möbelhaus Platz zu

machen. Für Steffi endet die heutige Tour. Sie verlässt das Brauereigelände

und steht wieder vor dem alten, unauffälligen Backsteingebäude

an der gut befahrenen Straße. ■

Viktoria Deßauer studiert im Master interdisziplinäre

Lateinamerikastudien.

SateLLitenSeMinaRe:

11. jULi 2011, 19:30 UhR

ra

Kein Kapitalismus ohne

na

(hierarchische) geschlechter- Pe

verhältnisse!

Mit: ariane Brensell

10. OKtOBeR 2011, 19:30 UhR

natur als gratisproDuKt?

daS veRhäLtniS vOn GeSeLLSchaFt

Und natUR in deR KRitiK deR

POLitiSchen ÖKOnOMie … and BeyOnd

Mit: jana Flemming

14. nOveMBeR 2011, 19:30 UhR

politiK mit Dem «Kapital»?

SOziaLe KäMPFe zWiSchen

StRUKtUR Und handLUnG

Mit: Frieder Otto Wolf

veRanStaLtUnGSORt: rosa-luxemburg-stiftung FRanz-MehRinG-PLatz 1, BeRLinli

anMeLdUnG UnteR: vaLeantO@daS-KaPitaL-LeSen.de

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Br

Kon

Kon

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campus

maybe baby

Wenn Naturalien zur Miete werden: reBeccA ciesielsKi stößt auf der Suche nach einer neuen

WG auf einen besonders fürsorglichen Vermieter. Illustration von JuliA schönheit.

Meine Mitbewohnerin guckt mich ungläubig an. »Da willst du

nicht wirklich hingehen?« Wir sitzen in unserer Küche und studieren

WG-Gesuche. »Wir sind eine coole WG aus netten, sportlich

aussehenden, jungen Mädels und suchen eine Frau zwischen 17

und 26 Jahren. Der Vermieter ist ein cooler Student«, heißt es in

der Anzeige. Nur seine Nummer wird in der Kontaktspalte angezeigt.

»Schau, da steht noch: ›Zimmer ist möbliert, mit breitem

Futonbett.‹« Meine Mitbewohnerin deutet mit angewidert-belustigtem

Gesichtsausdruck auf den Bildschirm. »Den solltest du

als erstes fragen, ob du die Miete in Form von Dienstleistungen

bezahlen musst.«

Glücklicherweise suche ich eigentlich gar keine neue WG. Ich

mache einen Selbstversuch. Und weder der Text noch die Bilder

der Frauen mit den langen Fingernägeln, die ihre Cocktailgläser

in die Kamera halten, können mich abschrecken. Ich suche die

Herausforderung. »Kannst du mir die Nummer diktieren?«, frage

ich, während ich bereits nach meinem Handy krame. »Nö, aber

ich rufe gern die Polizei, wenn du nicht mehr wiederkommst.«

Am nächsten Tag biege ich von der Karl-Marx-Allee in eine

Straße, in der die realsozialistischen DDR-Prestigebauten der

70er-Jahre-Durchschnittsplatte gewichen sind. Noch im Fahrstuhl,

auf dem Weg in den 10. Stock, kommen mir Zweifel, ob die

ganze Aktion wirklich eine gute Idee war.

Meine Neugierde siegt. Oben angekommen stelle ich schnell

fest, dass die Bezeichnung »cooler Student« gleich doppelt gelogen

war. Cool? Student? Bezüglich der Coolness bin ich mir sicher:

lichtes Haar, graues Hemd in hochgezogener Hose, Kölner Akzent

– eine Nullnummer. Was den Studenten angeht, ist Spekulation

im Spiel. Denn ein Studium ist bekanntlich nicht zwangsläufig an

Alter oder Haarfülle gekoppelt.

Die Wohnung hat normale Plattenbaugröße, ist also verdammt

eng. Das Laminat im Flur ist nur bis zur Hälfte verlegt und in

der Küche können sich kleine untergewichtige Personen mit etwas

Übung sogar umdrehen, ohne nennenswerte Schäden zu verursachen.

»Du siehst, es ist alles da: Spülmaschine, Mikrowelle und

hier werde ich für die Mädchen noch einen Flatscreen anbringen«,

er deutet auf den knappen Quadratmeter zwischen Kühlschrank

und Spüle. »Ahhh, einen Flatscreen«, wiederhole ich die Essenz

seiner Aussage so neutral wie möglich. Hat er gerade »die Mädchen«

gesagt? Wo sind die eigentlich? In einer Parallelexistenz, in

der ich erwägen würde, hier einzuziehen, müsste ich meine potentiellen

Mitbewohnerinnen doch kennenlernen, oder? »So einen

Zinnober wie WG-Castings machen wir hier nicht. Wenn ich ein

Mädchen sehe, das mir gefällt, dann kann es hier auch einziehen.«

Ein Mädchen, das mir gefällt. Aha.

»Um Gebrauchsartikel wie Spülmittel brauchen sich die Mädchen

übrigens nicht zu kümmern. Das besorge ich. Ich bin sowieso

oft hier.« Sicher denkt er, er spräche von einer Nettigkeit.

Für mich hört es sich mehr nach einer Drohung an. »Ich hab den

Mädchen auch eine Waage besorgt, damit sie sich jeden Tag wiegen

können.« Jetzt reichts.

Ich überlege kurz, ob ich etwas sagen soll. Aber was würde es

nützen, ihm zu erklären, dass er aus meiner Sicht ziemlich neben

der Matrix läuft? Kurz bevor ich gehe, bittet er mich, ihn bei Facebook

zu adden. »Ich heiße King Universum 1 und bin der Typ

mit dem Surfbrett.« Als ich aus der Haustür trete, klingelt mein

Handy. »Lebst du noch?« ■

Rebecca Ciesielski studiert Kommunikationswissenschaften

und Kulturanthropologie. Sie lebt glücklich

in geordneten WG-Verhältnissen.

1 Adelstitel von der Redaktion geändert

Furios 06/2011


Mitbewohner gesucht. Umzugshelfer, Kampfsportler und Ahnenforscher gefunden. Wie

sich der Casting-Marathon auf der anderen Seite anfühlt, durfte fAnny gruhl erleben.

Wir hatten sie gefunden, die Traumwohnung, die unser neues

Zuhause werden sollte. Freiheit und Selbständigkeit jenseits von

Mamis Fittichen. Lediglich zwei Männer fehlten uns drei Mädels

noch, um die 5er WG zu vervollständigen. Die Rechnung war

einfach. Der Weg zum Ergebnis leider nicht. Dabei klang die Vorstellung

von einem Casting so lustig: Ausgedehntes Kaffeekränzchen

mit netten Leuten, denen wir ganz unverblümt Löcher in

den Bauch fragen konnten. Pustekuchen! 78 Anfragen in 24 Stunden

waren nur der Anfang der kräftezehrenden Wochen, die die

absonderlichsten Exemplare der Gattung Mensch in unser neues

Zuhause locken sollten.

20 Minuten reichen für den ersten Eindruck. So der Plan.

Screw the plan! Einer war spät dran, der andere zu früh und plötzlich

saßen wir mit drei Bewerbern an einem Tisch oder wir wurden

komplett sitzen gelassen.

Furios 06/2011

campus

hot stuFF

Der erste Bewerber stellte schon vorab klar: »Ich brauche eine

Aufenthaltsgenehmigung um in Berlin zu studieren.« Fünf Minuten

Smalltalk, dann wollte er wissen, wie schnell er den Mietvertrag

unterschreiben könnte. Etwas übereilig, der Gute. Das Trauerspiel

nahm seinen Lauf:

Der Informatiker, der seinen Blick nicht von der Tischkante abwenden

konnte, mit einer Hautfarbe die laut »Keller« zu schreien

schien. »Naja, ich mache sehr viel im Internet.« Aha. Fast exotisch,

seine Vorliebe für Gesellschaftsspiele.

Schon mal was von Tang Lang Quan gehört? Nee? Der Hippie

im Leinenhemd und mit Muschelkette beherrscht diese und 99

weitere Kampfsportarten. »Ist klar, Frieden finden wir auch ganz

gut. Ach und du wirst schadenfroh, wenn man nicht weiß, was

man mit seinem Studium anfangen will?« Dickes Fettnäpfchen,

mein Freund. Kein gelungener Gesprächseinstieg, wenn man

Geisteswissenschaftlerinnen gegenübersitzt.

Der Oldie war der Waghalsige. Mit 40 nochmal was ganz Verrücktes

studieren. Optometrie zum Beispiel. Nein, du hättest es

nicht dreimal erklären müssen! Oh, Ahnenforschung als Hobby,

nicht schön, aber selten. »Ja, unsere Ur-Omas leben alle noch.

Wie alt warst du gleich?«

Der »Recall« wurde aus Mangel an Möbelpackern auf den Umzugstag

gelegt. Während wir uns Gedanken machten, mussten die

Bewerber unsere Sachen in den den vierten Stock schleppen. Toller

Schachzug! Letzten Endes musste trotzdem das Los entscheiden:

Der glückliche Gewinner war ein Jurastudent, der beim Umzug

seine Muskeln spielen ließ. Und offen zugab »Die fabelhafte

Welt der Amélie« schon viel zu oft gesehen zu haben. 12 Points!

Die zweite Zusage ging an einen süßen Amerikaner, der sich auf

dem Weg zur Wohnung gleich drei mal verlief. Unsere Mutterinstinkte

waren geweckt.

Fazit: Drei Meinungen sind zwei zu viel, 78 Bewerber viel zu

viele, eine Packung Kaffee zehn zu wenig und umziehen werden

wir sobald nicht mehr! ■

Fanny Gruhl studiert PuK, Politikwissenschaft und

Philosophie. Mit ihren Mitbewohnern kann sie

Disneyfilme sehen, der gemeinsamen Knoblauchvorliebe

frönen und gute Einzugsfeiern schmeißen.

27


28

KuLtur

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Liebe Lieber aFriKanisch

Bettgeflüster zu Forschungszwecken. Was passiert, wenn eine Studentin die Anleitung für die

afrikanische Sexkunst Kunyaza in die Hände bekommt? Ein Erfahrungsbericht von moniKA p.

Illustration von christiAn güse.

Das mystische Bild einer nackten Frau, umhüllt von Nebelschwaden,

fesselt meinen Blick. Das exotische Wort

»Kunyaza« steht in orangefarbenen Lettern auf dem Flyer

geschrieben. »Multiple Orgasmen und weibliche Ejakulation mit

afrikanischer Liebeskunst.« Oha! Das ist auf jeden Fall was anderes

als die ewigen Yoga-Flyer. Aus dem Text neben dem Bild erfahre

ich, dass im Rahmen einer Studie Paare gesucht werden, die Kunyaza

zu Hause ausprobieren möchten. Ich muss herzlich lachen. Die

denken echt, wir Studierende wären zu allem bereit. Trotzdem stecke

ich den Flyer ein. Mein Gefühl sagt mir, dass das doch nicht

so unsinnig klingt, sogar reizvoll sein könnte. Und notfalls kann es

immer noch als Partykuriosität herhalten.

Abends beim Gespräch mit meinem Freund Lars fällt mir der

Flyer wieder ein: »Das wäre doch ganz spannend, oder? Was meinst

du?« Seine Antwort kommt prompt: »Lass uns das mal ausprobieren.«

Ich verdutzt: »Wie, jetzt ernsthaft?« Das kam unerwartet. »Na

klar, das hört sich doch interessant an«, meint Lars. Man könnte

meinen, ich hätte ihm angeboten, mit mir zum Paragliding zu gehen.

Ich habe das Gefühl, dass Männer da ziemlich spontan und

unbekümmert sind. Habe ich das ernst gemeint? Will ich das überhaupt?

Schließlich geht mir auf, dass es kein Zurück mehr gibt. Au-

theatersport shoW

1995 hat Theatersport Berlin die sportlichste

aller Bühnenformen nach Berlin

gebracht – und feiert über 15 Jahre später

jeden Montag eine Premiere: Jede

Woche neu, unerwartet, atemberaubend.

Sei auch Du spontan und nimm Teil an unserer Verlosung

von 3 x 2 Tickets für die Show am 11.07.2011

um 19.30 im Admiralspalast. Schreib eine Mail bis

zum 04.07.2011 an redAKtion@furios-cAmpus.de

und versuch Dein Glück!

ßerdem bin ich auch neugierig, ob diese afrikanische Liebeskunst

tatsächlich erfüllt, was sie verspricht. »Lass es uns tun, Lars.«

Der Link auf dem Flyer führt mich auf die Website des Afrikanischen

Instituts für Sexualforschung. »Entfachen Sie das Feuer

in Ihrer Frau!« lädt ein zum Weiterklicken. »70% der Frauen bekommen

beim üblichen Geschlechtsverkehr, das heißt durch Penetration,

keinen Orgasmus.« Das soll wahr sein? »Experten aus

der ganzen Welt sind sich darüber einig.« Na dann. Bei näherem

Hinsehen entpuppen sich diese Experten unter anderem als Katja

Hertin, Textchefin bei der Zeitschrift »Cosmopolitan« und die ehemalige

Pornodarstellerin Dolly Buster. Geballtes Fachwissen.

Ich klicke weiter auf den Link »Was tun?«. Verschiedene »westliche

und orientalische Lösungen« wie Oralverkehr oder Kamasutra

werden vorgeschlagen. Doch dann die Verheißung: die »Lösung

aus Afrika«! Das Geheimnis der Liebeskunst heißt Kunyaza. Das

Klicken geht weiter. Ich erfahre, dass die Menschen in Afrika seit

Jahrhunderten wissen, wie es richtig geht. Warum erfahre ich das

erst jetzt? Bei Kunyaza sollen die Frauen nicht nur zum Orgasmus

kommen. Das äußere »Klopfen« des Penis auf die Klitoris

und die Scheidenwände regt angeblich auch die Produktion von

Scheidenflüssigkeit an. Bis zu einem Liter. Ich setze »Bett mit Folie

überziehen!« auf meine innere To-Do-Liste und scrolle hinunter zu

Furios 06/2011


den Kommentaren von anderen Teilnehmern der Studie. Die sind

meist niveaulos, bestätigen aber den Effekt von Kunyaza. Die Antwort

auf meine Email an das Institut kommt prompt und liefert

eine detaillierte Beschreibung der Technik von Kunyaza, begleitet

von einer Skizze der bevorzugten Stellungen und einem Video.

Letzteres öffne ich am nächsten Morgen nach dem Frühstück –

ein Fehler. Lautes Seufzen und Stöhnen erfüllt das ganze Zimmer.

Hoffentlich schlafen meine Mitbewohner tief.

Am Abend kommt Lars vorbei. Es wird ein

stinknormaler Pärchenabend: Essen, Film gucken

und irgendwann ins Bett. Wir machen ziemlich

lange rum – als ob jeder von uns den entscheidenden

Moment so lange wie möglich herauszögern wollte.

Nervosität auf beiden Seiten, auch Lars ist offenbar

nicht so abgeklärt wie es den Anschein hatte. Der Anleitung

folgend lege ich mich mit geöffneten Beinen an den Rand des

Bettes. Lars kniet vor mir und beginnt mit seinem Glied meine

Klitoris zu massieren. Die erste Berührung ist etwas ungewohnt,

hart und weich zugleich. Als Lars seinen Rhythmus gefunden hat,

spüre ich ganz deutlich das Klopfen. Ein warmes Kribbeln kriecht

langsam meinen Bauch hinauf. Aber darüber hinaus spüre ich keine

tiefere Erregung. Irgendwann brechen wir das Unterfangen erschöpft

ab. Doch dabei wollen wir es nicht belassen. Beim zweiten

Versuch benutzen wir Gleitgel. Das Massieren wird dadurch angenehmer

und das Kribbeln setzt schneller ein. Ich versuche, mich

zu entspannen, mich auf das angenehme Gefühl zu konzentrieren.

Doch irgendwann treffen sich unsere Blicke und die Anspannung

entlädt sich in lautes Gelächter.

Furios 06/2011

KuLtur

Theatersport Show

Immer montags & ein Mal im Monat

Samstag Nacht Special im Admiralspalast

Bühnenpiraten Jeden Sonntag

in der Komödie am Kurfürstendamm

Mit dem Stichwort »Jung & Spontan« Tickets

zum Sonderpreis von 12 Euro unter

030 43 72 00 918 & www.theatersport-berlin.de

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Wir haben Kunyaza noch ein paar Mal ausprobiert, aber mein

»inneres Feuer« hat es nicht zum Lodern gebracht. Wahrscheinlich

haben wir uns zu verkrampft auf die Technik konzentriert,

vielleicht waren wir zu zaghaft oder zu ungeduldig. Spaß hat es

trotzdem gemacht. Diese Erfahrung hat uns gezeigt, dass wir miteinander

offen über Sex reden können. Let´s do it! ■

29


30

campus

ein unmoraLisches angebot

Als Student muss man nicht alles wissen, denn viele Wege führen zum Erfolg.

Darauf setzen Ghostwriting-Agenturen und verdienen an unserer Bequemlichkeit

ihr Geld. Dürfen sie das? VAlerie schöniAn auf der Suche nach der Lücke im Gesetz.

Foto von JuliA schönheit.

Die Stimme am anderen Ende der Leitung klingt unwirsch: »Ich

hab’ nur zwei Minuten«, plärrt es in den Apparat. Die Begeisterung

von Karl-Heinz Smuda über studentische Anrufe hält sich offenbar

in Grenzen. Es sei denn es handelt sich, wie in diesem Fall, um

ein journalistisches Anliegen. Smuda lacht. Fragen beantworte er

gerne. »Dann habe ich natürlich länger Zeit!«

Karl-Heinz Smuda ist Ghostwriter. Für ihn heißt Ghostwriting

Bücher schreiben – andere Menschen liefern den Inhalt, er das

schriftstellerische Können. Die Studenten, die bei ihm anrufen,

wollen jedoch etwas anderes. Sie sind auf der Suche nach jemandem,

der für sie eine wissenschaftliche Arbeit erstellt, einem akademischen

Ghostwriter. Tatsächlich gibt es die wie Sand am Meer.

Von wegen zwielichtige Kontakte oder geheime Codewörter: Bei

Google erscheinen in 0,23 Sekunden 175.000 Treffer. Allein die ersten

sechs Ergebnisse genügen für alle Haus- bis Doktorarbeiten der

gesamten Studienzeit.

Ganz oben mit dabei, die Textagentur Steven aus Duisburg. Auf

ihrer Internetseite werben sie: »Wir bieten Ihnen ein kompetentes

und fachlich hochklassiges Ghostwriting von Hausarbeiten und

allen anderen Arten von akademischen Arbeiten«. Christoph Steven

ist Leiter der Agentur. Der Kontakt zu seinen Kunden läuft

nur telefonisch über ihn oder mit einem seiner 50 Mitarbeiter per

E-Mail. Ganz bequem und einfach.

Die Vorstellungen der Hilfesuchenden sind sehr unterschiedlich.

Bei einigen lautet die Devise »Hauptsache bestehen«, andere bieten

ältere Hausarbeiten zur Einsicht an, damit es auch ja so klingt, als

sei die Arbeit »aus eigener Feder«. Nach dem ersten Kontakt folgt

das Anmeldeformular. Ausgefüllt und eingereicht, erhält der Student

ein paar Tage später ein auf seine Wünsche zugeschnittenes

Angebot mit entsprechenden Honorarvorstellungen zurück. Ist der

Sack einmal zugezurrt, geht es ans Eingemachte: Themenschwerpunkt,

Gliederung – auf Wunsch wird auch ein Exposé erstellt.

Von nun an erhält der Student Teillieferungen zu zehn Seiten, um

alles mit dem Professor abklären zu können. Und ein paar Wochen

Nebulöse Schreibwerkstatt:

Wenn die Kasse klingelt aber

andere die Lorbeeren ernten.

später ist alles geschafft! Alles natürlich streng geheim, so wie in

den AGB der Agenturen vorgeschrieben.

Der Clou des Ganzen: Die Texte sind nur Vorlagen, die noch

einmal bearbeitet und »an den eigenen Stil angepasst« werden

müssen. Laut Steven kostet so eine »Vorlage« ungefähr 1000 Euro,

ein akademisches Schnäppchen also. Das Oberlandesgericht Düsseldorf

hingegen rechnet mit dem zehnfachen Betrag. Es bezeichnet

Ghostwriting als Sittenwidrigkeit, die von der Rechtsordnung

nicht gebilligt werden dürfe. Damit sei der geschlossene Vertrag

zwischen Agentur und Student zwar nichtig, aber weitere rechtliche

Folgen blieben aus.

Christoph Steven hat das Recht auf seiner Seite. Schuldig macht

sich nur der Student, der die Arbeit als die eigene einreicht. Ohne

Stevens Wissen versteht sich. Das hält er für legitim. »Sie müssen

sich ja trotzdem mit dem Thema beschäftigen«, beschwichtigt er.

»Einige haben einfach nicht gelernt, wie«, sagt Stevens. Studenten

in der Not unter die Arme greifen – so definiert er seine Dienstleistung.

Smuda ist von diesen Studenten genervt. Bis zu fünf Mal täglich

erhält er diese Art von Anfragen. »Einmal hat mich eine Mutter

angefleht, für ihre Tochter eine wissenschaftliche Arbeit zu verfassen.

Die arbeite bei McDonalds und habe einfach keine Lust nach

Feierabend noch an ihrer Arbeit zu schreiben.«

Es gibt viele Ausreden. Es ist natürlich selten die Faulheit, sondern

die Arbeit, Sprachprobleme oder Desinteresse an nur diesem

einen Thema. »Dann such dir doch einfach was anderes«, sagt Smuda

und löscht die Studenten-Anfragen aus seinem E-Mail-Account.


Valerie Schönian studiert Deutsche Philologie und Politikwissenschaft

im zweiten Semester. Diesen Beitrag

hat sie ohne die Hilfe einer Ghostwriting Agentur

geschrieben.

Furios 06/2011


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WarenFetisch:

moLesKine

Leere Seiten statt Charakter.

Von cAthArinA tews. Illustration: JuliA schönheit

Gott, wie arty-farty wir wieder sind! Der

FU-Möchtegern-Trendsetter ist hochgradig

verliebt: in sich selbst und in die Idee etwas zu

besitzen, das auch Hemingway, Picasso und

Wilde in der Tasche hatten. »Ce n’est pas un

livre, c’est Moleskine«, wispert er. »Dit heest

Maulwurfshaut, du Vollpfosten!«, nölt das Krömerchen

in mir zurück. Warum wird ein Artefakt

der Avantgarde zum Sammlerobjekt der

Markenaffinen und Pseudokreativen?

Moleskine ist zwar eher der Gérard Depardieu

unter den Notizbüchern – verwechselbar,

wären da nicht die vielen Rundungen – doch

gerade die Exklusivität des Simplen sichert dem

Büchlein den Platz im Hipster-Herz.

Ursprünglich in kleinen Pariser Buchbinderläden

gefertigt, bekamen die Bücher ihren

Namen von Bruce Chatwin, einem britischen

Schriftsteller, Ende der 80er. Mit dem einstigen

Underdog-Image hat Moleskine heute bei über

20 Millionen verkauften Exemplaren weltweit

nur noch wenig am Hut. Und bei den heutigen

Preisen hätte Moleskine-Besitzer Picasso seine

Entwürfe wohl lieber zusammengetackert und

Hemingway seine Romane auf einen Stapel

Barservietten geschrieben.

Vor falscher Bescheidenheit bewahrt neben

dem stolzen Preis auch ein bedrucktes Ex-libris-Kärtchen:

»Dieses Moleskine gehört XY, einem

Genie, das seine Einfälle für die Nachwelt

festhalten sollte.«

Wer dem cleveren Produktmarketing vollends

erliegen möchte, dem sei hiermit die

Moleskine-Umhängetasche, Nerdbrille und der

unverzichtbare Clip Pen wärmstens empfohlen.

Charakter wird nachgeliefert!

Auch dieser Trend symbolisiert nur die stete

Suche des Hipsters nach dem einen Farbklecks,

der ihn von der grauen Masse abhebt. Zu schade,

dass das meistverkaufte Moleskine-Exemplar

einfach nur schwarz ist. ■

Bücher.

Medien.

eBooks.

Furios 06/2011

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KuLtur: WarenFetisch

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KuLtur: WarenFetisch

»da Kommste nich’ raus«

Ein Gespräch mit Marc-Uwe Kling und Sebastian Lehmann über ihre Bücher, ihre Lesebühne

»Lesedüne« und lustige bis kritische Geschichten aus der anstrengenden Welt des Kapitalismus.

Von reBeccA ciesielsKi und KonstAnze renKen. Fotos von corA-mAe gregorschewsKi.

Ihr steht beide oft auf der Bühne. Du, Marc-Uwe, mit Deiner

Band »die Gesellschaft«, Ihr beide bei der »Lesedüne« und moderierend

beim »Kreuzberg Slam«. Wie geht Ihr mit Lampenfieber

um?

MU.: Je mehr schiefgehen kann, desto

nervöser bin ich. Wenn ich ohne die

Band auftrete, bin ich eigentlich nicht

aufgeregt. Irgendwann lernt man,

damit umzugehen. Jedenfalls gehe ich

mit dem Gefühl auf die Bühne, dass

ich das kann und hinkriege.

SL.: Bei der Lesedüne geht ständig

etwas schief.

MU.: Hinterher kommen die Leute

immer und fragen: »Das war geplant,

oder?«. Die Leute glauben sowieso

immer, dass alles geplant war. Wenn du

mit Ironie arbeitest, kannst du die Fehler thematisieren.

Ihr habt beide jeweils Euer erstes Buch veröffentlicht. Was ist das

für ein Gefühl?

MU: Ich schreibe gerade an meinem zweiten Buch. Ich weiß jetzt

schon, dass es ein verdammt gutes Gefühl sein wird, es endlich

fertigzustellen. Komisch fühlt es sich aber an, wenn man das Manuskript

abgibt und weiß, dass es noch Monate dauern wird, bis man

das gedruckte Buch in den Händen hält. Natürlich gibt es immer

Geschichten, die ich im Nachhinein nochmal überarbeiten würde.

tütensuppentotaLitarismus

Marc-Uwe Kling: Die Känguru-Chroniken. Ansichten eines

vorlauten Beuteltiers. Rezensiert von VAlerie schöniAn.

Marc-Uwe Kling wohnt mit einem Känguru zusammen. Wehren

konnte er sich dagegen nicht: »Das Känguru ist bei mir eingezogen.

Es hat einfach sein ganzes Zeug rübergeschafft und danach

gesagt: ›Is’ okay, oder?‹« Eine Wohngemeinschaft

auf Abwegen: der Kleinkünstler, der keinen Fisch mag

und das kommunistische Känguru, das nur Fischstäbchen

zubereitet. Von »Olé«-rufenden Fußballfans bis

zum Axel-Springer-Verlag, das Känguru hat sich die

Abschaffung des Kapitalismus als sein täglich Ziel

gesetzt. In der Fahrschule wehrt es sich gegen die

Rechts-vor-links-Regel und bei Monopoly besetzt es

Marc-Uwes Häuser auf der Schlossallee.

Der nimmt das alles erstaunlich gelassen hin. Er

arbeitet weiter an seinen Gedichten, leistet in der

Hängematte passiven Widerstand gegen den Kapitalismus

oder seilt sich vom Balkon ab. Trotz der unterschiedlichen

Gesinnung: Die beiden schließen schnell Freundschaft.

Am Ende wirken sie wie ein altes Ehepaar, das seine Zeit

zumeist mit Bud-Spencer- und Terence-Hill-Filmen zubringt und

dabei über die Welt philosophiert.

Gut, dass der Verlag mir eine Frist setzt, sonst würde ich alles ewig

überarbeiten und nie veröffentlichen.

Marc-Uwe, in einer Geschichte meint das Känguru: »Wenn alle

nichts tun würden, gäbe es keinen Kapitalismus

mehr. […] Gilt Bud-Spencer-

Filme gucken noch als nichts tun?« Wie

politisch wollt Ihr sein? Oder sind eure

Geschichten eher postpolitisch-selbstreflexivironisch?

SL.: Postpolitisch-selbstreflexivironisch?

Das finde ich gut. Das möchte ich sein.

MU.: Ich denke, wenn man Systemkritik

üben will, muss man mitreflektieren,

dass man Teil des Systems ist. Dadurch

ist diese Art der Kritik zwangsläufig

gebrochen. Diesen Bruch kittet man mit

Ironie. Oder man macht ihn durch Ironie

sichtbar. Systemkritik muss Selbstkritik sein, weil niemand außerhalb

des Systems steht. Selbst die Kritik wird im Kapitalismus zur Ware.

Da kommste nich’ raus.

Wie würdet Ihr es finden, in 10 Jahren unter der Rubrik »Poetry

Slam« in Deutschlehrbüchern aufgeführt zu werden?

SL.: Es gibt schon Poetry Slam-Texte für den Unterricht. Vielleicht

sind Slam-Texte näher an der Lebenswirklichkeit der Schüler als zum

Beispiel »Der Henker und sein Richter« von Dürrenmatt. Slam-Texte

sind wahrscheinlich die gegenwärtigste Gegenwartsliteratur. ■

Der Kleinkünstler dokumentiert die Erlebnisse des ganz gewöhnlichen

WG-Alltages natürlich nicht, ohne dass das Känguru

seinen Senf dazu gibt. Daraus entstanden sind schließlich

»Die Känguru Chroniken«. Wäre es nach dem

Känguru gegangen, würde das Buch »HITLER,

TERROR, FICKEN« heißen, gemäß der »Essenz

der Spiegelbestsellerliste«.

Bei ihren philosophischen Streifzügen kommen

sie zu ein paar erstaunlichen Erkenntnissen: Es gibt

keine wirklichen Wahlen. Eigentlich ist alles vergleichbar

mit einer Entscheidung zwischen Tütensuppe

von Maggi oder Tütensuppe von Knorr. Aber

es ist sowieso alles Nestlé. Das ist der Tütensuppentotalitarismus.

Der trockene Humor und der schräge Blick auf das

Leben tragen von der ersten bis zur letzten Seite. So wird

das Buch zu einem Highlight der Gesellschaftssatire, das man nicht

aus der Hand legen kann. Wenn es ein Buch gibt, das Menschen in

der U-Bahn laut zum Lachen bringt, dann ist es dieses. ■

Furios 06/2011


FLaneur:

Im Rausch deR gRünen TRIebe

Der Flaneur im Liebeswahn. Sonnentrunken streift er durch Dahlems

Grünanlagen, auf der Suche nach Mutter Natur. Dabei schlägt er hin

und wieder über die Stränge und nimmt es auch mit der Wahrheit

nicht so genau. Widerwillig aufgezeichnet von cAthArinA tews.

Illustration und Foto von christiAn güse.

Mein Herz gehört nur einer einzigen Dame.

Betörend schön ist sie, in all ihren schillernden

Farben, ihr Odeur duftet nach tausend Fluren

frischer Wiese, getragen von schwungvollen Sommerwinden.

Meine Schöne lockt mich zu sich ins

Freie. Oh Mutter Natur, drücke mich an deinen

grünen Busen, nimm mich gefangen! Ich stürze

aus den engen, düsteren Räumen der silbernen

Laube in den Hof. Ich will die Alma Mater mit

dir betrügen und spüre unter meinen nackten

Sohlen den saftigen, gräsernen Teppich. Bunte

Skulpturen tun sich wie Windmühlen vor mir

auf, die Hügel werden zu einem Gebirge, ich

muss sie überwinden um bei dir zu sein.

Freiheit, versuche mich nicht! Ich muss zum

Sünder werden, meinem zehrenden Verlangen

nachgeben. Efeuranken krallen sich meine Bücher

und Hefte und ziehen sie die Fassade empor,

bis sie im Blattwerk verschwinden. Trunken

vor Liebe wandele ich über steinerne Pfade hin

zum Thiel-Tal der Verliebten. Küssend räkeln sie

sich zwischen den Halmen, wispern sich ewig geltende

Treueschwüre zu, während Sonnenstrahlen

Schweißperlen auf ihrer Stirn tanzen lassen. Einst

war ich genau an diesem Ort unfreiwilliger Beobachter

der Zeugung von Alfred Konrad Seiler. Ein

kluger Junge mit Hasenscharte und erster Student

der Freien Universität.

Deine Gesandte, die Biene, kann nicht von

mir lassen. Leichtes Weib, flieg fort mit deinen

Pollen bestäubten Beinchen! Und ihr, scharlachrote

Feuerkäfer, liebt ihr euch zu zweit, zu dritt,

zu viert? Eine hexapodische Orgie des Sommers!

Das lodernde Feuer der Leidenschaft wird euch

bald in Asche wandeln! Deinen Verlockungen

kann ich nicht standhalten, Mutter Natur! Die

kleine Amsel verschwindet im Geäst. Versteckst

Furios 06/2011


du dich? Machst du dich rar? Willst mich um den

Verstand bringen?

Ich muss weiterziehen. Will dabei die Rinde

deiner Pappeln kitzeln und das frische Grün

deiner jungfräulichen Blättchen liebkosen. Du

vernebelst meinen Sinn, ich möchte die Augen

schließen und deinen Duft verschlingen. Meine

Füße verlieren die Haftung. Ich taumele. Welch

Narr hat diese monströse Skulptur aus rostigen

Spießen mitten in dein Herz gestochen? Erdolcht

liegst du da. Die Ameise flüstert: »Es war eine

Gabe.« Doch wer verschenkt, was der Ästhet auf

die Deponie brächte? Ein blinder Betriebswirt

soll es einst seiner Maid zuliebe losgeworden sein.


Meine Augen brauchen Ruhe. Ich schreite voran.

Doch dort, konzentrische Kreise aus Menschen.

Sozialistische Revolutionen und kapitalistische

Verirrungen kriechen aus ihren Mündern.

Deine Butterblumen, gepeinigt und erschlagen

von einer marmornen Marx-Gedenkplatte.

Alma Mater, herrisches, wankelmütiges Weibsbild,

du bist vergessen. Hiermit breche ich mit

dir und will mich Größerem hingeben. Mutter

Natur, das kühle Nass deiner Krummen Flanke

schreit willig nach mir, wie der Säugling nach der

Brust. Ich hänge mein Beinkleid über ein Gänseblümchen

und stürze mich tollkühn in deine

Fluten. Wir vereinen uns. Ich möchte in dir ertrinken.


Die Gedanken des Flaneurs notierte

Catharina Tews. Für ihre Richtigkeit

übernimmt sie keine Verantwortung.

FLaneur

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34

VeranstaLtungsKaLender

got Plans?

Veranstaltungen von, für und mit Studenten der FU. Gesammelt von eliese Berresheim,

mArgArethe gAllersdörfer, lAurA gertKen, gAlinA hAAK und Vincent noVAK

Mehr Veranstaltungstipps unter www.furios-cAmpus.de/KAlender Eure Veranstaltungen an redAKtion@furios-cAmpus.de

Jul

ein arztbesuCh mit risiken

und nebenwirkungen

The Rat Trap: englisches Uni-Theater. Dienstag 5. Juli

und Mittwoch 6. Juli, 19 Uhr, JFK Institut Berlin

Lansstraße 7-9, Eintritt frei.

Schauplatz: Wartezimmer. Die Patienten lesen Zeitung oder sehen

betreten zu Boden. Nicht gerade ein Ort des Wohlfühlens. Umso

unangenehmer, wenn alle im Raum einen kennen, man selbst jedoch

keinen blassen Schimmer hat, wer die anderen sind. Genauso

ergeht es George, Protagonist des Theaterstücks »The Rat Trap«. Er

versucht herauszufinden, wo er den anderen Personen schon mal begegnet

ist. Eine Erinnerungsreise beginnt, auf der George nicht nur

etwas über die Fremden erfährt, sondern auch seinen Ängsten nachspürt.

Die neugegründete Theatergruppe des JFK Instituts bringt

nach kurzer Probezeit dieses skurrile Chaos auf die Bühne. Ein

Muss für Theaterfreunde mit Sinn fürs Surreale. jfki.fu-berlin.de

Jun

gemeinsam sind wir

sChriFtsteller

»Tentative Experiment to Form a Literary Collective«

– Seminar von Daniel Kehlmann und Adam

Thirlwell, Veranstaltung in englischer Sprache. Erster

von fünf Terminen: 20. Juni, KL 32/202, 12:00h

Große Literatur wird allein im stillen Kämmerlein geschrieben.

Ist auf dem Buchdeckel eines Romans mehr als ein Autor verzeichnet,

kann man sich die Lesezeit getrost sparen – oder?

An der FU soll der Gegenbeweis angetreten werden. Die

Forschungsleiter des Seminars sind keine anderen als Daniel

Kehlmann (»Die Vermessung der Welt«) und Adam Thirlwell

(»Strategie«). Diese beiden Stars der deutschen und britischen

Gegenwartsliteratur hat das Peter-Szondi-Institut für seine

Sommersemester-Gastprofessur gewonnen. Kehlmann und

Thirlwell wollen der Frage nachgehen, ob kollektives Arbeiten

in der Literatur überhaupt möglich ist. Die prominenten Profs

sind offen für alles: ein Magazin, einen Pop-Up-Store oder eine

Radionsendung können produziert werden. Jeder kreative Kopf

ist willkommen! geisteswissenschaften.fu-berlin.de

Jun

im singenden klang

des gayageum

Gayageum-Ensemble Sagye. Vier junge

koreanische Musikerinnen auf traditionellen

Instrumenten. 28. Juni, 20

Uhr, Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek

Berlin, Haus Potsdamer Str. 35,

Eintritt 10/12/15 €

Jul

kiez – gesChiChte(n)

Ausstellung: stud.berlin: 200 Jahre Studieren in

Berlin. Organisiert von Studenten und Absolventen

der FU, HU und TU Berlin. Bis 31.7. Außerdem:

Stadtführungen ab Juni durch die Berliner Lieblingskieze.

Unigebäude der HU am Hegelplatz, Dorotheenstraße 24,

Mo-Fr 8-22 Uhr, Sa 10-18 Uhr.

Wie sich Studieren seit 1750 verändert hat und wie Studierende

Universitäten und Wissenschaft beeinflusst haben, das zeigt die

aktuelle Ausstellung stud.berlin. Besonders spannend sind die

verschiedenen Stadtrundgänge, unter anderem die »Hain- und

Bergführungen« durch die studentischen Lieblingsstadtteile

Kreuzberg, Prenzlauer Berg und Friedrichshain. Oder auch die

Dahlem-Tour, die mit Geschichten und Fakten zu Orten und

Gebäuden auf unserem Campus aufwartet. Einige werden auch

von Zeitzeugen oder Experten begleitet. Die Touren können

mithilfe des jeweiligen Faltblatts (gibt’s bei der Ausstellung) auch

selbst unternommen werden. studberlin.de

Jul

absChlusskonzerte des

Collegium musiCum

Freitag, 01.07.2011 und Samstag, 02.07.2011, jeweils

um 20 Uhr. Philharmonie Berlin Großer Saal.

Karten 12,- / erm. 9,- Euro

Es ist soweit: Nach über 20 Jahren reicht der derzeitige Leiter

des Collegium Musicum Manfred Fabricius den Dirigierstab

weiter. Um diesen Abschied in besonderem Maße zu würdigen,

finden sich Ende dieses Semesters alle vier klassischen Ensembles

des CM zu zwei großen Abschlusskonzerten im Großen

Saal der Philharmonie Berlin zusammen. Neben ausgewählten

Beiträgen der einzelnen Ensembles wird es am Ende ein

großes Finale unter Beteiligung aller Musizierenden geben.

Ein besonderes Konzert-Event zu einem besonderen Anlass.

collegium-musicum-berlin.de

Nicht nur das koreanische Essen in der Mensa dürfen wir uns zu Gemüte führen.

Auch die traditionelle Musik Koreas kommt nach Berlin. Nach dem Abschluss

ihres Studiums an der National Universität in Seoul haben sich JungMin Song,

SunYoung Hwang, DoHui Yaun und JiEun Lee zum Sagye-Ensemble zusammengeschlossen.

Seit 1999 reisen sie um die Welt; sie sind unter anderem schon in

Vancouver, San Francisco und Spanien aufgetreten. Die vier Musikerinnen spielen

das Gayageum, eine Wölbbrettzitter, die durch ihre seltsam gebogene Form beeindruckt.

Eine Gelegenheit für all jene, die einen Einblick in die klassische koreanische

Musik bekommen möchten.

Furios 06/2011


Rein ins Erlebnis!

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Hans Otto Theater, Potsdam; Foto: Prof. Dieter Leistner

Mit uns zu den schönsten Ausflugszielen

in Berlin und Brandenburg.

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Tickets und Tipps: www.bahn.de/brandenburg

Ticket gilt im Verkehrsverbund

Berlin-Brandenburg auch in:

Foto: Manfred Reschke Saarow Therme

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