Hundert Dinge

adsonfecit

Leseprobe aus Mirko Kussin / Tobias Wimbauer Hundert Dinge.

3


4


Mirko Kussin | Tobias Wimbauer

HUNDERT DINGE

Mit einem Gastbeitrag von

Melanie Wyssen-Voß

5


Mirko Kussin

geboren 1974 in Recklinghausen, wohnte viele Jahre in Dortmund und

lebt nun mit Ehefrau und Kater in einem 125 Jahre alten Haus am Rand

des Muttentals in Witten-Bommern.

Er ist freiberuflicher Redakteur und Autor. Zuvor viele Jahre in verschiedenen

PR- und Kommunikationsagenturen schrieb er Texte über

Melkroboter, orthodoxe jüdische Privatschulen und Mieterinitiativen.

Mit seinen literarischen Texten gewann er zahlreiche anerkannte Förderpreise

und Stipendien (u.a. Klagenfurter Literaturkurs, Förderpreis

des Literaturpreis Ruhr, gwk-Förderpreis) und veröffentlichte in zahlreichen

Anthologien und Literaturzeitschriften.

Tobias Wimbauer

geboren 1976 in Überlingen am Bodensee, aufgewachsen in St. Ulrich

im Schwarzwald, lebte bis zum ersten Studienabbruch in Freiburg und

nach einem kurzen Intermezzo in Sachsen-Anhalt seit 2003 in Hagen.

Lebt nun im ehemaligen „Naturfreundehaus Nimmertal“ im Nimmertal

bei Hagen.

Verheiratet, drei Katzen (nur noch). Inhaber eines Versandantiquariates,

freier Schriftsteller und Publizist mit einigen Buch-, Zeitschriftenund

Zeitungsveröffentlichungen (u.a. in der FAZ).

Überarbeitete, ergänzte und nunmehr durchgängig farbig illustrierte

Neuausgabe der 2012 im Eisenhut Verlag erschienenen ersten Ausgabe.

Umschlaggestaltung, Illustration, Layout und Satz:

Dirk Uhlenbrock, ersteliga.de

Gesetzt aus der Glober

Druck: Multiprint, Kostinbrod, BG

Verlag adson fecit Dr. Gregor Meder, Essen

www.adson-fecit.de

© 2017 Alle Rechte vorbehalten

ISBN 978-3-9816594-7-4

6


»Alles, was du hast,

hat irgendwann dich.«

Tyler Durden

7


8


Inhaltsübersicht

Vorwort

14

Akkuschrauber

Aquarium

Armbanduhr

Auto

Autoradio

Badische Zeitung

Bandshirts

Baumärkte

Bierglas

Bleilettern

Buch

Commodore 64

Comics

Compact Disc

Corned Beef

Decken

Diese-Drombuschs-DVD-Box

Ding

Dosenravioli

Dusche

Ehering

Einkaufswagenchips

Einwegpfandflaschen

Energy Drinks

Fahrradhelme

Fernbedienung

Fight Club

19

20

21

23

26

28

29

31

34

34

37

38

40

42

45

47

47

49

52

54

56

60

61

63

64

68

69

9


Filofax

Filzpantoffeln

Fischertechnik, Lego und andere Dinge,

die mich nie interessiert haben

Flugsterne

Frühstücksbrettchen

Füller

Gartenmauer

Geschenkgutschein

Geschirrspüler

Hochzeitsschuhe

IKEA-Tüte Frakta

Kamera

Kernseife

Klebstift

Küchenmesser

Kühlschrank

Kundenseparierer

Labyrinth

Lametta

Leere

Leonardo-Zeug

Lesezeichen

Listen

Marlspieker/Eisenstift

Mixtapes

Moppe, oder: Das Stansyndrom der

verschwindenden IKEA-Dinge

Nachthemd

72

73

74

76

77

79

81

81

82

83

85

88

89

91

91

94

95

96

97

97

99

101

102

103

103

106

108

10


Nasenhaarschneider

Nasenspray, abschwellend, z.B.

Xylometazolinhydrchlorid

Natrium Chloratum & Aurum Metallicum

Navi

Netzteile

Notizbuch

Ohropax

PCs

Pikes

Postkarten

Rasierer/Schermaschine

Reklame

Salzteignamensschilder

Sandwichtoaster

Schallplatten

Schmierpapier

Schrebergarten

Schreibtisch

Schuhe

Smartphone

Sofa

Sperrmüll

Spielmäuse

Sprudel

Stabilo Point 88

Stehpult

Stempel

Stoppschild

110

111

112

113

115

116

119

120

122

124

125

130

131

132

133

136

137

139

141

141

144

146

148

149

151

152

153

153

11


Tacker

Tagebücher I

Tagebücher II

Tamagotchi (Gastbeitrag)

TAN-Generator

Tanzschuhe sind die 14-Loch Doc Martens

der Fönfrisur

Tastatur

Toaster

To-Go-Becher

T-Shirt Prada Meinhof

TV-Gerät

Umhängetaschen

Vergaser

Wasser

Wunder-Bäume

Zahnprothese

Zeitschriften

Zeitungsmagazine

Zombies

Zum Schluß: Letzte Dinge

154

156

157

159

162

164

166

167

170

171

173

174

176

176

178

180

183

185

187

189

12


13


Es gibt Bücher über Generationen. Die sind entweder Wiroder-Sie-Bücher.

Nicht wiroderdie als Freund-Feind-Unterscheidung,

sondern aus der Innenperspektive (»Wir«). Oder

eben von aussen geschildert (»sie«). Sie verallgemeinern meist

das Erleben des Autors oder sind ein Schnipselwerk. Wie sehr

das zulässig ist, hängt von der Perspektive ab.

Wir sind der Überzeugung, dass eine Biographie einer Persönlichkeit

zu schreiben schlichtweg unmöglich ist, dass aber

eine Annäherung an das Ganze über Detailausleuchtungen

denkbar ist. Details, aus denen als Bausteine zu einer Biographie

gewissermassen nach und nach sich ein gültiges Bild

formt. In Folge dieser Überlegung kamen wir zu der Überzeugung,

dass ein Portrait, wenn nicht gar eine Soziologie unserer

Generation, der im 1970er-Jahrzehnt Geborenen und in den

70ern und 80ern Sozialisierten, über ein Bündel von Bildern,

von Details, von Umständen, von Dingen möglich ist. Oder frecher

formuliert: dass es anders gar nicht geht.

»Über X könnte ich Dir hundert Dinge erzählen …«; »wir haben

schon hundert Dinge versucht, um … was auch immer …«;

»100 things to do before … I die … whatever«, hundert Dinge

sind sprichwörtlich, hundert Dinge sind virulent, hundert Dinge

stehen immer für sehr viel mehr. Hundert Dinge sind als solche

immer mehr als sie selbst. Sie stehen in der saloppen Rede

für ein Gesamtes, das jemanden oder etwas ausmacht. Das ist

pars pro toto und totum pro parte gleichzeitig. So paradox das

klingen mag: Es ist ein Einhundertpixelbild, das aus der Nähe

einhundert Pixel hat und bei entschärfter Perspektive eben ein

Bild ist.

14


VORWORT

Hier sind also einhundert Texte über einhundert Dinge. Und

ein Gastbeitrag ausserhalb der Zählung. Einhundert Details

und einhundert Gedanken. Einhundert Stimmungen. Sie sind

Links, die auf etwas hinter den Dingen verweisen. Wir beanspruchen

nicht, repräsentativ zu sein, das sind wir nur für uns

selbst. Dieses Buch entstand zwischen September 2011 und

Januar 2012. Es ist eine Momentaufnahme. Hätten wir es im

Sommer geschrieben, hätte es sicherlich anders ausgesehen,

hätte anders geklungen. Hätten wir es ein Jahr eher geschrieben,

wäre manches Ding nicht aufgetaucht. Die Haltung zu Dingen

ist von Veränderung bestimmt. Deswegen ist dieses Buch

nur der Auftakt, der erste greifbare Schritt in einer Sammlung,

die weitergeschrieben wird, weitergeschrieben werden muss,

um Veränderung festzuhalten.

B MK & TW

15


16


17


18


HUNDERT DINGE

_ AKKUSCHRAUBER

Akkuschrauber? Brauch ich nicht. Sagte ich und schraubte bei

jedem Umzug meine Regale von Hand mit dem Schraubendreher

auseinander und hinterher wieder zusammen. Und auch

wenn die Umzüge meist recht rasch hintereinander kamen,

weil ich unstetes Wiesel erst in den Wäldern zwischen Hagen

und Dortmund so richtig sesshaft geworden bin, so waren es

doch jedesmal ein paar Regale mehr, die einige paar Bücher

mehr beherbergten als beim letzten Umzug. Man kann übrigens

vom Regalschrauben Blasen an den Fingern kriegen. Das

ist nicht schön. Womit wir beim Akkuschrauber sind. Wir hatten

zwei Akkuschrauber, deren Akkus irgendwann durch waren,

und die irgendwie nicht mehr wollten, irgendwann. Mein

erster Akkuschrauber der neuen Generation war der kleine

handliche von Bosch. Der streikte bei der dritten Schraube,

das eingetauschte Ersatzgerät hielt einen Monat länger. Damit

war das Akkuexperiment erledigt und ich dachte mir auch,

dass sehr viele Regale zu schrauben jeden Akku überlasten

müsse, also ging die nächste Runde an einen Schrauber, der

mit stromführendem Kabel versehen war. Geldhalber von der

Baumarkthausmarke. Der schraubte gewaltig, um nicht zu sagen:

aggressiv. Auch war er wohl etwas überspannt, jedenfalls

roch es beim Schrauben immer merkwürdig und wenn man auf

die Schrauberlüftungsschlitze schaute beim Schrauben, konnte

man sehen, wie drinnen Funken stoben. Nicht unbedingt so

das Vertrauensding. Als mir der Funkenflug zu gefährlich wurde,

kam erstmals ein teureres Modell von Bosch ins Haus. Der

bohrt und schraubt astrein. Zickt nicht, hat mir beim letzten

Lagerumzug artig, hurtig und superb drei Dutzend Ikeagormse

( l Moppe) zusammengeschraubt.

B TW

19


_ AQUARIUM

Es gibt Dinge, die man schon sein halbes Leben lang interessant

findet und trotzdem nicht besitzt. Manchmal mag das

ganz banale Gründe haben: zu wenig Geld, zu wenig Platz, zu

wenig Gelegenheit. Vielleicht spielt aber auch das Unterbewusstsein

eine Rolle. Weil da, ganz tief im Innern, eine dumpfe,

kaum spürbare, aber dennoch vorhandene Angst ist. Die Angst

davor, dass der Besitz dieser Sache nur halb so schön sein

könnte wie die Vorstellung davon.

Mir geht es mit einem Aquarium so. Ich habe noch nie eines

besessen, aber ich kann mich noch ganz dunkel daran erinnern,

dass mein viel zu früh verstorbener Opa eines hatte.

Das scheint mich geprägt zu haben. Ich mag die Ruhe, die ein

Aquarium ausstrahlt. Ich könnte stundenlang davor sitzen, den

Fischen zuschauen und in 80% der Fälle wäre das interessanter

als das Fernsehprogramm aller Privatsender und Streamingdienste

zusammen.

Warum ich mir bis heute keines zugelegt habe, weiß ich nicht

so richtig. Meist argumentiere ich, dass es einfach keinen geeigneten

Platz in der Wohnung gibt. Manchmal schrecke ich

vor der Arbeit zurück, die es machen würde, und dann ist da

auch stets der Gedanke an den Kater des Hauses. Ein Aquarium

wäre einfach zu gefährlich. Nicht für die Fische, sondern für

ihn. Er ist komplett liebenswürdig, kann aber nur Quatsch machen.

Nichts sonst. Er würde wahrscheinlich beim Versuch, die

Fische zu beschmusen, ertrinken. Und das ist es mir dann doch

nicht wert. Nicht zuletzt verbraucht ein Aquarium auch viel zu

viel Strom und ich müsste wieder ein schlechtes Gewissen haben.

Unsere Generation hat ja ständig ein schlechtes Gewissen.

Wir verbrauchen zu viel Wasser, Strom, Gas und Öl, konsumieren

zu viele Kohlenhydrate, Alkohol und Kippen. Produzieren

zu viel CO2. Bei einem Aquarium, das relativ sinnfrei Strom verbraucht,

wäre das schlechte Gewissen also vorprogrammiert.

20


Manchmal versuche ich mich zu überlisten. Dann installiere

ich einen Bildschirmschoner mit bunten Fischen auf meinem

Rechner. Das funktioniert aber ebensowenig wie Kaminfeuer-DVDs.

Es sind Simulationen. Es bleiben Simulationen. Und

das Herz spürt sehr genau, ob man es hinters Licht führen will.

Auf Simulationen lässt es sich nicht ein.

Ich werde also auch in Zukunft vor Aquarien stehen und eine

Sehnsucht spüren, wenn Guppys und Scheibenputzerfische

durch ihren gläsernen Wasserkasten flitzen. Ich werde weiterhin

sagen Irgendwann lege ich mir auch mal ein Aquarium zu.

Und werde weiterhin keines kaufen.

Vielleicht will ich auch gar kein Aquarium.

Vielleicht will ich einfach ein wenig Sehnsucht.

Manchmal.

B MK

· · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·

_ ARMBANDUHR

Ich trage schon seit Jahren keine Uhr mehr. Als ich noch unterwegs

war und nicht selbständig selbst und ständig daheim am

Schreibtisch sass, guckte ich aufs Handy, wenn ich die Uhrzeit

wissen wollte, oder auf eine der Uhren, die überall im öffentlichen

Raum so rumuhren. Sitze ich am Schreibtisch, bekomme

ich eine Uhr an einem meiner Monitore unten rechts angezeigt,

und eigentlich bräuchte ich auch da keine Uhr, denn mein Tageslauf

ist nicht von der Uhr abhängig, sondern von anderen

Dingen. Ich frühstücke zum Beispiel, wenn die Post da war. Das

ist meist zwischen 12 und 13 Uhr der Fall. Ist ein Vertretungstag,

der bei der Post »Rolltag« heisst, kann das aber auch schon um

11 Uhr sein, oder manchmal sehr viel später. Dann frühstücke

ich eben, wenn ich mit dem Verpacken der Ausgangspost fertig

bin. Das Abendessen mache ich, wenn Silvia Feierabend hat und

21


mir Rauchzeichen gibt, dass sie losfährt. Das ist mal früher, mal

später.

Präzise Zeitmessung brauche ich nur für’s Laufen. Da habe

ich eine Sportuhr mit GPS, damit ich meine Strecke hinterher

auf Google Earth anschauen kann, und Pulsmesser und überhaupt.

Das Ding erstellt mir die tollsten Statistiken. Aber die

Uhrzeit ist dabei von keiner Relevanz. Wobei »brauchen« auch

da nicht stimmt, da nur die Relation interessiert.

Uhrzeiten spielen meist auch nur ungefähr für mich eine Rolle.

Wenn wir zu einem Konzert fahren, das um 21 Uhr beginnen

soll, so geht es meist sowieso erst um 21:30 Uhr oder später los,

und ob man nun vorher eine Stunde oder anderthalb am Tresen

steht und Bierchen trinkt, ist hinsichtlich der Zeitmessung

ohne Belang. Sonntags 20:15 Uhr der Tatort, aber so genau ist

der auch nicht von der Uhrzeit für mich abhängig, weil ich nach

dem Abendessen am Sonntag sowieso mit Bücherverpacken

zugange bin und den TV dann einfach irgendwann anschalte.

Da kommt dann irgendwann die Tagesschau und dann der Tatort.

Ob nach einer halben Stunde Bücherverpacken oder nach

einer Stunde, ist nicht so wichtig.

Die erste Armbanduhr bekam ich von Opa Ristau. Opa Ristau

war nicht mein richtiger Opa, aber er war halt der einzige »alte

Mann«, der uns regelmässig besuchen kam, als ich klein war.

Opa Ristau war ein Förderer und Freund meines Vaters. Und er

schenkte mir die erste Armbanduhr. Die kam aus der Schweiz

und war schwarz mit grünen Reflexen und in der Nacht leuchteten

vier der Ziffern. Später hatte ich eine Solaruhr von Junghans

mit dem Logo vom SC Freiburg drauf. Und dann eine andere.

Und dann keine mehr. Bis heute.

B TW

22


_ AUTO

Fahren muss es, Platz muss drin sein für reichlich Bücherkisten.

Mein erstes Auto war ein Mitsubishi Colt. Uralt und in Orange.

Dem Nachbarn für 200 Mark abgekauft. Auf der ersten Fahrt

hatte ich einen Radfahrer auf der Motorhaube. War aber nicht

meine Schuld. Ich fuhr aus der Tankstelle raus, er fuhr ohne

Licht nachts um 10 bei Regen auf der falschen Fahrbahn, ihn zu

sehen hatte ich keine Chance. Doof nur für ihn, dass er gerade

einen sechzehnfachen Knöchelbruch vom letzten Snowboardurlaub

auskuriert hatte, denn auf eben diesem Knochen landete

er. Er rief nach Polizei, aber nüchtern erläuterte ich ihm die

Lage und wir schieden im Einvernehmen. Er war Tresenmann

in einer Innenstadtkneipe. Da hatte ich fürderhin Freibier bei

ihm, wenn ich vorbeikam.

Dann hatte ich einen volljährigen Audi 80, von einem anderen

Nachbarn. Den bekam ich geschenkt. Der funktionierte irgendwann

nur noch mit Gewalt. Gut, dass die Strasse abschüssig

war, in der ich wohnte, so konnte ich immer schön anrollen

und den zweiten Gang kommen lassend, den Motor starten.

Ich hatte mir mal den Fuss angebrochen in der Schule, weil

ich schneller nach draussen wollte zur Fünfminutenpause um

eine zu rauchen, und war rennend an die Flügeltüre gesprungen,

die an diesem Tag aber einseitig verschlossen war …, und

fuhr noch selbst zum Krankenhaus. Das war nicht so leicht, das

Auto anschieben auf flacher Strasse und dann reinspringen

zum Anlassen, und das mit dem doppelt so dicken pochenden

rechten Fuss. Klappte aber irgendwie. Das Auto starb irgendwann

den Heldentod. Ich nutzte es in seinen letzten Tagen

noch für Fahrtrainings auf abgelegenen Sportplätzen, wo ich

Handbremsenlenkung in Kurven übte und solche Spässe. Dann

war das Auto aber endgültig hinüber.

Von Onkel J. bekam ich einen Golf. Aus steuerlichen Gründen

lief der auf seine Zweitfrau. Einmal, als ich zu schnell fuhr, weil

23


ich zu Silvia wollte, da wir noch nicht zusammenwohnten, wurde

ich geblitzt. Eine Bagatelle von vielleicht zwanzig Euro. Aber

die telephonischen Vorwürfe waren enorm. Als hätte ich was

verbrochen. War ich froh, als das rum war. Heute haben wir

einen Caddy. Da passt ganz viel rein. 35 Mineralwasserkästen.

Oder 30 Bücherkisten. Braves Hotto.

B TW

· · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·

24


25


_ AUTORADIO

Die Änderung meiner Hörgewohnheiten führt mir am deutlichsten

vor Augen, dass ich älter werde. Alt.

Früher wäre ich niemals auf die Idee gekommen, im Auto

Radio zu hören. Damals mussten es eigens für diesen Zweck

zusammengestellte l Mixtapes sein: mal rockig, mal traurig,

meist traurig und manchmal rockigtraurig. Irgendwann hatte

ich es jedoch satt, immer die gleichen Stücke in der gleichen

Reihenfolge von den gleichen Bands zu hören. Das war so wenig

überraschend. Traurig.

Also hörte ich Radio, wobei 1Live einige Jahre lang mein bevorzugter

Sender war.

Irgendwann entwuchs ich der werberelevanten 1Live-Zielgruppe.

Ich begann immer häufiger den Dortmunder Lokalsender

Radio 91.2 zu hören. Nachrichten aus der Stadt, Warnungen

über Radarkontrollen sowie die größten Hits der 80er,

90er und das Beste von heute. Sagt zumindest der Jingle. Natürlich

laufen dort weder die größten Hits noch das Beste von

heute, sondern der belangloseste Mainstreamscheiß, den man

sich vorstellen kann. Aber immerhin ist er so belanglos, dass es

nicht weh tut. Vielleicht wechsle ich den Sender deshalb nur

noch selten.

Autoradio hören ist für mich auch: Zeitreise.

In meiner Kindheit fuhren meine Eltern mit meiner Schwester

und mir jedes Jahr in den Winterurlaub. Aus dem Ruhrgebiet

nach Tirol, knappe 900 Kilometer. Wir fuhren abends los

und kamen am nächsten Morgen an. Die Stimmung, die ich fühle,

wenn ich an diese Reisen denke, ist verschlafen. Wie in einem

Traum fährt mein Vater den bronzefarbenen Audi 80 über

Autobahnen. Wenn ich wach werde und aufschaue, sehe ich im

Scheinwerferlicht Tausende von Schneeflocken, die unentwegt

auf den Wagen zugeschossen kommen. Aus dem Autoradio

plätschert das Nachtprogramm: langsame, alte Swingstücke

26


aus den 1940ern. Noch heute fühle ich diese Stimmung manchmal,

wenn ich Songs von Dean Martin oder Frank Sinatra höre.

Irgendwann dämmert es, ich kann durch die Seitenfenster des

Audi auf die Berge schauen. Wenn es richtig hell ist, legt Mutter

eine Kassette mit dem Kufsteinlied ein. Dann sind wir bald da.

In der Gegenwart gibt es trotz der musikalischen Belanglosigkeit

der meisten Programme immer wieder Gründe, aus

denen das Autoradio wichtig ist. Die Konferenzschaltung auf

WDR 2 ist solch ein Grund. Samstags, wenn Spieltag ist und ich

im Auto sitze, höre ich Sabine Töpperwien und ihre männlichen

Kollegen aus den Stadien der Republik.

Ein anderer wichtiger Grund ist Heiligabend. An diesem Tag

fahre ich zu meinen Eltern. Die Autobahn ist leer, manchmal

schneit es und es herrscht eine unwirkliche Stimmung. Das Autoradio

ist an diesem speziellen Tag wichtig, denn aus ihm heraus

moderiert Mike Litt als einsamster DJ der Welt. Seit Mitte

der 1990er Jahre führt er am Heiligabend zwischen 18.00 und

1.00 Uhr durch das Programm von 1Live. Er redet angenehm

viel, liest E-Mails und Briefe seiner Hörer vor und es läuft entspannt

gute Musik. Pünktlich um 0.00 Uhr spielt er jedes Jahr

Silent Night, gesungen von Sinead O’Connor. Das ist für mich

der magischste Moment an Weihnachten. So viel Pathos, so

viel Liebe, so viel Hoffnung in Sineads Stimme. Das berührt

mich in jedem Jahr aufs Neue ganz tief im Herzen. Und erst

dann, wenn die Bescherung gelaufen ist, wenn der Rotwein

die angespannten Nerven beruhigt, wenn das Familienevent

Weihnachten abgehalten ist, erst dann kehrt bei mir der Geist

der Weihnacht ein. Dann ist Ruhe.

B MK

· · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·

27


_ BADISCHE ZEITUNG

Es gibt eine Art unnützer Nostalgie, die eine Art Leben in der

Vergangenheit ist, und die dabei ein Fortleben eines vergangenen

Zustands suggeriert oder autosuggestiv evoziert.

Eine solche unnütze Nostalgie habe ich heute ausgemacht

und abgeschaltet, indem ich mein Abonnement der Badischen

Zeitung kündigte. Ich bin mit dem Freiburger Monopol-Lokalblatt

gross geworden. Meine Mutter hatte die BZ abonniert

und als ich daheim auszog, zeichnete ich mein eigenes Abo.

Und als ich 2002 Freiburg verliess, nahm ich das BZ-Abo mit

und bekomme sie bis heute, jeweils mit einem Tag Verspätung

zugestellt.

Gewiss, ich kenne in jeder Ausgabe jemanden, der erwähnt

wird, ehemalige Arbeitsstellen (ich habe in einem Café in der

Wiehre, einem Antiquariat in der Innenstadt, dann bei Musikhaus

Ruckmich/Musiksortiment Schröder und schliesslich in

der Freiburger Turnerschaft von 1844 e.V. [Sportverein] gearbeitet),

Schule, Uni, Kneipen in denen ich versumpfte, Restaurants,

in denen ich ass. Leute sterben, die ich flüchtig kannte,

Bekannte auch. Firmen machen dicht, mit denen ich zu tun

hatte, Bekannte aus Schulzeiten heiraten, bekommen Kinder.

– Und all das verfolge ich irgendwie aus der Ferne und weiss

daher, welche Probleme es mit einer Deponie bei Kappel gibt,

wie der SC aufgestellt ist für die neue Saison, welcher Gemeinderat

80 Jahre alt geworden ist und ob mein Schulkollege Florian

Braune nun von Junges Freiburg zu den Grünen wechselt

oder nicht usw. usw.

Doch wofür? Ich war so froh, als ich vor sieben Jahren Freiburg

verliess. Und diese Erleichterung darüber ging in eine Verklärung

über. Ja, gewiss ist Freiburg wunderschön und wert

darin zu leben. Doch das eine hat mit dem andern nichts zu tun.

Ich werde in den nächsten Jahren nicht nach Freiburg kommen.

Ich werde nie wieder nach Freiburg ziehen. Wozu also das

28


Fern-Abonnement der Lokalzeitung? Es ist unnützes Wissen.

Futter für ein unfruchtbares Imaginärleben in einer ungelebten

und unbelebten Welt (die Autosuggestion der fortgesetzten

Teilhabe am freiburger Alltag) und ist somit: unnütze Nostalgie.

Auf unnützer Nostalgie bauen ganze Industrien und Politikerkarrieren

auf, ich selbst lebe davon mit meinem Antiquariat

und bin Teil davon. Mich von einer mich selbst betreffenden,

gleichwohl kleinen Spielform der unnützen Nostalgie zu befreien,

ist vielleicht ganz heilsam. Bald werd ich’s wissen.

PS: Auf der Suche nach ein/zwei Daten in alten Tagebüchern

festgelesen, die Bände 1998 bis 2001 quergeblättert. Das Gesuchte

nicht gefunden, viel aber wiedererkannt und mit einem

Frösteln fremd gefunden. Diese merkwürdigen freiburger Zustände,

die vielen Fragezeichen, das Blindtasten, die Unruhe.

So sehr mein Herz an Freiburg hing, so froh war ich, als ich die

Kisten packte und mit einem gemieteten klapperigen LKW mit

all den Büchern und Habseln aufbrach.

B TW

· · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·

_ BANDSHIRTS

Mein erstes »Band«-Shirt war, es ist peinlich, ich weiss, aber

es zu verschweigen wäre Lüge: Mein erstes Bandshirt war ein

übergrosses Elton John-T-Shirt von Gaultier. Das bekam ich

von meiner Mutter nach einem Elton John-Konzert geschenkt.

Wahrscheinlich nicht das Original, sondern eines von einem

fliegenden Händler vor der Konzerthalle. Ich muss dazu sagen,

dass ich Elton John damals gut fand. Damals heisst: als ich so

12 oder 13 war. Das war so eine temporäre Seitenphase meiner

Elvisperiode.

Dann kamen einige Bandshirts, die im Rückblick nicht minder

peinlich sind, Rammstein, Cradle of Filth und so. Die trug ich

gern zur Arbeit, ich hielt das für maximum shocking.

29


Und dann lange nichts. Dann trug ich Hemd und Krawatte

und Janker. Weil ich T-Shirt-Statements doof fand und der

Nachweis, dass man der Ultratrue-Fanboy ist, indem man das

rarste Hemd der auftretenden Band trägt, ebenso albern ist.

Und dann, vergangenes Jahr, bekam ich plötzlich wieder Lust

auf Bandshirts. Welche mit guter Optik, also keine mit Plattencovern

drauf, sondern Logo oder artwork. Nicht zu nah dran,

aber doch passend sollte es jeweils sein. Das erste Bandshirt,

das ich mit »Ü30« trug, war ein Blood Axis-Shirt (»The Tears

of Strangers are only water«) zum Plattenreleasekonzert von

Primordial im Turock in Essen. Dass das so gut passt, wusste

ich gar nicht. Ich erfuhr erst später, dass Michael Moynihan und

Allan Averill sich nach einem Konzert in Wien backstage getroffen

hatten und Averill offenbar ein grosser Blood Axis-Fan

ist. Das wurde mir dann so richtig klar, als ich Primordial als

Support von Immortal sah und sie ihr Konzert mit dem kompletten

Reign I Forever von Blood Axis einleiteten. Da glühten

Silvia und mir die Bäckchen und wir freuten uns und wir waren

wieder versöhnt mit dem Zeugs, das wir von den anderen Vorbands

ertragen mussten bis dahin.

Zu unserem dritten Wolves in the Throne Room-Konzert trug

ich ein Waldteufel-Shirt, der Gitarrist sprach uns deswegen an,

und wir hatten ein gutes Gespräch über Katzen, gemeinsame

Freunde, organic food, geilen und beschissenen Sound und wie

schön Portland ist (und Westfalen).

Sonst trage ich meist Neurosis- oder Saint Vitus-Shirts. Je

nachdem, was gerade passt. Am Blackmetal-Tag beim Rockhard-Festival

war ich der Einzige mit einem Vitus-Shirt, aber

ich war nicht der einzige Doomfan. Ich wurde fünfmal darauf

angesprochen von Menschen, die mir ihre Vitus-Tattoos zeigten

und die sich freuten über den Schriftzug auf meinem Hemd.

30


Ich stiess meist mit meinem Bier an, ich grinste, schob meinen

rechten Ärmel hoch und zeigte auf das geflügelte V mit

dem Kreuz darin.

B TW

· · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·

_ BAUMÄRKTE

Männer lieben Baumärkte, heißt es. Zumindest, wenn man

sich das Stimmungsbild in Mario-Barth-affinen Milieus anschaut.

Wahrscheinlich ist an diesem Klischee auch ein Fünkchen

Wahrheit. Runtergebrochen auf meine eigene Lebenswahrnehmung

heißt das: Ja, ich bin ein Mann und was soll ich

sagen … es gibt Orte, an denen ich mich weniger wohl fühle.

Eine Landzahnarztpraxis in Brandenburg etwa. Die Hochzeitsgesellschaft

eines IS-Kämpfers bei seiner Vermählung mit einer

13-jährigen Kriegsbeute etwa. Oder einfach: ein freier Stuhl

neben Ursula von der Leyen.

Also da bin ich dann schon lieber in einem Baumarkt.

In einem Baumarkt habe ich eine Ahnung davon, wie sich

Frauen in einem Schuhgeschäft fühlen müssen. Es geht ja nie

wirklich darum, ob man etwas braucht – seien es ein Paar

hinreißende schwarze Pumps aus Nubukleder oder ein neuer

funkelnder Stechbeitel. Beide Gegenstände lassen schlicht die

Fantasie des Käufers Achterbahn fahren. Vor unseren geistigen

Augen sehen wir unser Alltagsleben. Fraun sehen dreckige

Schuhe, angemackte Schuhe, Schuhe, die uns nicht gefallen.

Und Männer sehen ebenso die alte Werkzeugkiste im Keller

mit den verrosteten Stechbeiteln. Gebraucht, benutzt. Nicht so

schön eben. Nicht so modern eben. Nicht so gut eben.

Und dann sind wir im Laden, die Mädels im Schuhgeschäft,

wir Kerle bei Hellweg, Hornbach, Bauhaus. Und schlagartig

wird uns die Möglichkeit eines Lebens bewusst, das wir eigentlich

schon immer leben wollten. Egal ob neue Louboutins oder

31


Hilti. Nur mit ihnen können wir so sein, wie wir wirklich sind.

Besser. Glänzender. Strahlender.

Denken wir.

Natürlich ist da ganz tief hinten im Kopf die Ahnung, dass

das alles Quatsch ist. So, wie wir auch irgendwo ganz tief hinten

im Kopf wissen, dass Angela Merkel vielleicht nicht die

bestmögliche Kanzlerin dieses Landes ist. Oder dass Worte

und Taten der IS-Leute vielleicht doch etwas mit der Religion

zu tun haben. Aber das schieben wir beiseite. Und selbst das

Engelchen auf unseren Schultern ignorieren wir. Es erklärt uns,

warum die alten Stechbeitel in der Werkzeugkiste verrostet

sind: Nämlich einfach, weil wir sie in den vergangenen zehn

Jahren nicht einmal genutzt haben.

Egal, in Baumärkten schaltet unser Gehirn ab.

Und ich möchte mich selbst da auch gar nicht ausschließen.

Auch, wenn es sicherlich kaufsüchtigere Kerle als mich in den

Heimwerkerabteilungen dieses Landes zu finden gibt, denn ich

schaffe es durchaus durch die heiligen Hallen zu gehen ohne

bei jedem Besuch einen neuen Akkuschrauber zu kaufen.

Aber spannend ist es schon.

Vor allen Dingen ist es unglaublich spannend das Verhalten

der zwei Spezies zu beobachten, die sich dort, in den Hellwegs

und Hornbachs dieser Welt, aufhalten. Auf der einen Seite: die

Einkäufer. Sucher, Nurmalschauer, Nichtfinder. Auf der anderen

Seite: die Angestellten. Verkäufer, Infostandbewacher,

Kassierer. Begegnungen zwischen diesen beiden Arten sind

äußerst selten, denn Angestellte von Baumärkten haben magische

Kräfte und können von einer Sekunde auf die andere im

Nichts verschwinden. Wem diese Erklärung zu metaphysisch

erscheint, dem biete ich eine zweite Variante an: Die Baumarktverkäufer

dieses Landes haben im Laufe der vergangenen

Jahrzehnte ein weit verzweigtes unterirdisches Tunnelsystem

gegraben, an das alle Baumärkte angeschlossen sind. Kurz

32


nach Schichtbeginn treffen sie sich in einer riesigen unterirdischen

Kathedrale und feiern in mächtig exzessiven Partys sich

selbst, ihre Unverschämtheiten und ihren Da-kann-ich-ihnenjetzt-auch-nicht-weiterhelfen-Blick.

Ich halte diese Erklärung

für sehr wahrscheinlich. Die Eingänge zu diesem Tunnelsystem

sind stets unter irgendwelchen Regalen verborgen. Wie

oft sind Sie bereits in einem Baumarkt hinter einem Verkäufer

hergelaufen, er bog in einen Gang – Sie vielleicht zwei, drei

Meter dahinter – biegen ebenfalls ein und zack … weg war der

Verkäufer.

Ich sage nur Tunnelsystem.

Die seltenen Fälle, in denen die zwei Arten dann doch einmal

aufeinandertreffen, sind im Allgemeinen geprägt von einem

Unverständnis, das sehr schnell in Aggression umschlagen

kann.

Man spricht unterschiedliche Sprachen. Man missversteht

sich. Man mag sich nicht.

Berichte von zuvorkommenden, hilfsbereiten Baumarktverkäufern

können getrost als Urban Legends bezeichnet werden.

Falls Sie also wirklich einmal auf einen Baumarktverkäufer

treffen sollten: Fragen Sie nicht nach den 3,5 x 35 Spax-Schrauben,

fragen Sie nicht nach dem Weg zum Maleracryl. Fragen

Sie auch nicht nach dem Quadratmeterpreis einer bestimmten

Fliesensorte. Wenn Sie einen sehen, fragen Sie ihn nach dem

Tunneleingang.

Die Chance, auf diese Frage eine Antwort zu bekommen, ist

immer noch am größten.

B MK

· · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · · ·

33

Weitere Magazine dieses Users