Christsein ist keine einfache Angelegenheit

adsonfecit

Leseprobe aus Klaus Pfeffer: Christseinist keine einfache AngelegenheitErscheint ab 5. Mai 2017

Unverkäufliche Leseprobe

Klaus Pfeffer

Christsein ist keine

einfache Angelegenheit

Mit Dietrich Bonhoeffer

auf dem Weg zu einer erneuerten Kirche

Hardcover, 140 Seiten

ISBN 978-3-9816594-2-9

www.adson-fecit.de

© verlag adson-fecit, Essen


Christsein ist keine

einfache Angelegenheit


Klaus Pfeffer

Christsein ist keine

einfache Angelegenheit

Mit Dietrich Bonhoeffer

auf dem Weg zu einer erneuerten Kirche

2017


ISBN 978-3-9816594-5-0

Lektorat: Mirko Kussin, Witten

Satz und Layout: Studio Wegener, Essen

Umschlaggestaltung unter Verwendung einer Zeichnung

von Roger Merged: Studio Wegener, Essen

Gesetzt aus der Janson Text und Myriad Pro

Druck: Multiprint, Kostinbrod, BG

Verlag adson fecit Dr. Gregor Meder, Essen

www.adson-fecit.de

© 2017 Alle Rechte vorbehalten.


Inhalt

Einführung 1 07

1 Eine Reise durch die

Lebensgeschichte Dietrich Bonhoeffers

1 11

Eine Entdeckung in der Krise 112

Ökumenische Weggefährtenschaft:

„Auf den Namen katholisch oder evangelisch

kommt uns nichts an …“ 116

Wer war Dietrich Bonhoeffer? 122

Theologie aus der Nähe zur Wirklichkeit 125

Antäus – ein Riese als Symbol für einen

Glauben mit Bodenhaftung 130

Geerdeter Glaube 131

Suche nach spirituellem Tiefgang 134

Geistlich Leben mitten in der Welt –

ohne „religiöse Einkleidungen“ 140

Eine Theologie der Freiheit und Verantwortung 144

Die Entdeckung der Liebe 152

Theologie aus dem Gefängnis:

Paradox und hochmodern 155

Perspektiven für ein Christentum der Zukunft 162

Was Bonhoeffer mich lehrt 172

2 Anstöße für das Leben im Heute 1 77

„Aber ob das Jahr ein Jahr mit Christus sei,

darauf kommt es an …“

Gedanken zur Jahreswende 180

„Gott ist uns ‚immer’ gerade ‚heute’ Gott“

Christliche Botschaft ist konkret 182

„Laßt Christus Christus sein!“


Zur Bedeutung geistlicher Übungen im Alltag 186

Wir leben zwar noch im Alten,

aber sind doch schon über das Alte hinaus

Österliche Gedanken 190

„Es gibt nichts Größeres,

als dass ein Mensch ein Segen für andere ist

Von der Liebe 193

Warten auf ein neues Pfingstwunder

Vom Drama der Unverständlichkeit

kirchlicher Sprache 197

Von der Freundlichkeit Gottes

Zur Erlaubnis der Selbstsorge des Christen 101

Von Gott nicht mehr loskommen

Zur Bedeutung mystischer Erfahrungen 103

Allein in der Tat ist die Freiheit

Von der Entscheidungsfreudigkeit der Christen 107

Im Glauben das Laufen lernen

Vom christlichen Erwachsenwerden 110

„Ich bring’ alles wieder“

Von einem ungewöhnlichen Weihnachtsmotiv 114

Mit Gott tritt man nicht auf der Stelle

Von der Veränderlichkeit des Lebens 117

Erfülltes Leben trotz unerfüllter Wünsche

Vom Leben als Fragment 119

Karneval

Von der Fröhlichkeit des Christen 121

Optimismus

Von der Kraft der Zuversicht 123

3 Statt eines Schlusswortes 127

Eine Zukunftsvision für die Kirche 130

Anmerkungen 138


7

Einführung

Auf der Insel Kreta habe ich zum ersten Mal öffentlich von

meiner Verehrung für Dietrich Bonhoeffer erzählt. Ich hielt

einen Vortrag in einem ungewöhnlichen „Setting“: Die Selbsterfahrungswoche

eines psychoanalytischen Seminars, in der alle

Teilnehmenden jeweils ein Referat halten mussten. Die Themenwahl

blieb jedem frei überlassen. Die Beiträge sollten – im

weitesten Sinn – mit kulturellen Themen aus Vergangenheit und

Gegenwart zu tun haben. Manche beschäftigten sich – dem Ort

angemessen – mit Mythen und Gestalten aus der antiken Kultur,

andere mit Kunst und Literatur. Die meisten Teilnehmer wählten

Themen, mit denen sie sich in ihrem Leben schon einige Zeit

beschäftigten. Ich wagte einen Vortrag aus meinem beruflichen

Leben und stellte Dietrich Bonhoeffer vor. Der evangelische

Theologe und Pfarrer, der aufgrund seines Engagements im Widerstand

von den Nationalsozialisten ermordet worden war, interessierte

mich schon viele Jahre. Er hatte mir viel zu sagen – und

wie ich auf Kreta erfuhr, sagte er auch vieles über mich.

Die Referate während dieser Woche waren für alle Teilnehmenden

mit großer Aufregung verbunden, weil es nur vordergründig

um die Präsentation eines Themas ging. Viel wichtiger war eine

tiefere Ebene in diesem psychoanalytischen Zusammenhang: Das


8

Einführung

Referat als Vehikel, um dem Innenleben des Vortragenden auf die

Spur zu kommen. Natürlich wusste ich, dass Dietrich Bonhoeffer

nicht zufällig zu meinem kirchlichen und theologischen Leitbild

geworden war. Aber ich ahnte noch nicht, wie viel er tatsächlich

mit mir persönlich zu tun hat. Das spiegelten mir die Teilnehmenden

erst nach dem Referat. Sie kannten mich aufgrund unseres

Seminar schon recht gut – und so entdeckten sie in dem,

was ich von Bonhoeffer erzählte, viele erstaunliche Hinweise auf

mein eigenes Leben, auf meine Geschichte, auf meine Fragen und

Ängste, auf meine Träume und Hoffnungen.

Seit dieser Erfahrung auf Kreta ist mir Dietrich Bonhoeffer noch

einmal näher gekommen. Ich weiß, dass ich viel von mir selbst

erzähle, wenn ich auf ihn zu sprechen komme – in meiner kirchlichen

Verkündigung, aber auch in Diskussionen und Gesprächsrunden.

Wer mich persönlich näher kennt, rechnet früher oder

später mit einem Bonhoeffer-Zitat.

Mit diesem Buch erfülle ich mir den langgehegten Wunsch, von

dem zu erzählen, was mich an Bonhoeffer fasziniert, was mich

prägt und inspiriert. Es braucht natürlich keine weitere Biographie

zu den unzähligen kleinen und großen Büchern, die das

Leben des Theologen aus unterschiedlichen Perspektiven und

mit verschiedenen Schwerpunktsetzungen zusammenfassen. Ich

werfe in diesem Buch einen kleinen, sehr persönlichen Blick auf

Bonhoeffers Leben und Denken und zeige, wie er mein Leben,

meinen Glauben und meinen Blick auf die Zukunft der christlichen

Kirche beeinflusst hat.

Zu Beginn berichte ich von meiner persönlichen Beziehung zu

Dietrich Bonhoeffer. Es gibt eine biographische Erfahrung,

die mein Interesse für ihn geweckt hat und zu einer intensiven


Einführung9

ökumenischen Weggefährtenschaft führte. Dann aber begebe

ich mich auf eine Reise durch seine Lebensgeschichte. Manches

streife ich nur kurz, an einigen Stellen halte ich intensiver inne,

weil sich hier für mich wesentliche Einsichten ergeben, die ich

weiterdenke und interpretiere. Sein Leben ist voller Kostbarkeiten,

aus denen ich sowohl für das eigene Leben als auch für das

christliche Denken und Handeln in der Gegenwart schöpfe.

Im zweiten Teil dieses Buches greife ich einige solcher „Kostbarkeiten“

auf: Ausgewählte Zitate, Begebenheiten und besondere

Aspekte aus der Lebensgeschichte kommen in abgeschlossenen

Beiträgen zur Geltung und laden ein, Bonhoeffer weiter zu entdecken.

Dabei handelt es sich um überarbeitete Fassungen geistlicher

Impulse, die ich für das „Pastoralblatt“ der Diözesen Aachen,

Berlin, Essen, Hildesheim, Köln und Osnabrück schrieb. 1

Sie stießen auf eine erstaunliche Resonanz und bestätigen mir die

Alltagstauglichkeit von Bonhoeffers Spiritualität. Einige weitere

Beiträge stammen aus einer Reihe von Radiosendungen für „Kirche

im WDR“.

Den Abschluss bildet in Teil III eine Zukunftsvision für die

christliche Kirche, die ich vor wenigen Jahren in der Online-

Zeitschrift „futur2 – Zeitschrift für Strategie & Entwicklung in

Gesellschaft und Kirche“ veröffentlicht habe. Darin verweise ich

zwar nicht explizit auf Dietrich Bonhoeffer, übe mich allerdings

in dem, was Bonhoeffer uns allen als seine nachkommenden Generationen

aufgegeben hat: Von einer Kirche zu träumen und an

ihr mitzuwirken, die auch in zukünftigen Gesellschaften als prägende

Kraft wahrgenommen wird.

Herzlich danke ich Herrn Dr. Gregor Meder, der mich ermutigt

hat, dieses Buch zu schreiben. Mit viel Einsatz hat er die Veröf-


10

Einführung

fentlichung in seinem Verlag möglich gemacht. Mirko Kussin

danke ich für das Lektorat und seine vielen inhaltlichen Anregungen,

die ich gerne aufgegriffen habe.

Dietrich Bonhoeffer zitiere ich nach der großen Gesamtausgabe,

die von 1986 bis 1999 im Christian-Kaiser-Verlag, München und

danach im Gütersloher Verlagshaus in 17 Bänden erschienen ist

(Dietrich Bonhoeffer Werke, DBW). Hinsichtlich der Lebensgeschichte

Bonhoeffers orientiere ich mich an der immer noch

wegweisenden Biographie seines Freundes Eberhard Bethge

(Dietrich Bonhoeffer. Eine Biographie. 8. korr. Aufl. Gütersloh

2004; zuvor München 1968. Zitiert: Bethge: DB).


1

11

Eine Reise durch

die Lebensgeschichte

Dietrich Bonhoeffers


12

Eine Entdeckung in der Krise

Es war eine meiner ersten großen Glaubenskrisen, die mich

als junger Theologiestudent gepackt hatte. Im Sommer 1988

hatte ich mich während der Semesterferien auf einen Einführungskurs

in die Klinikseelsorge eingelassen. Täglich besuchte

ich Patientinnen und Patienten mit unterschiedlichen Erkrankungen

auf den Stationen zweier Krankenhäuser in Neuwied. Zugleich

stellte ich mich in unserer sechsköpfigen Ausbildungsgruppe

den Erfahrungen, die ich bei der Begegnung mit den Kranken

machte. Nie zuvor war ich so intensiv der Zerbrechlichkeit des

Lebens, unendlichem Leid und dem Schrecken des Todes begegnet.

Gefühle wurden in mir wach, die mich tief erschütterten: In

mir schlummerte eine abgrundtiefe Angst vor der ganzen Unsicherheit

des Lebens. Nichts war wirklich sicher. Ich hatte gar

nicht so viel in der Hand, wie ich glaubte.

Mir waren diese Gefühle nicht wirklich fremd. Als Kind hatte ich

manchmal große Ängste. Meine Eltern konnten mich kaum allein

lassen, weil ich mich davor fürchtete, verlassen zu werden. Als

Fünfjähriger musste ich wegen einer Blinddarmentzündung ins

Krankenhaus – und veranstaltete ein Heidenspektakel, weil ich

nicht dort bleiben wollte und meinen Eltern hinterherlief. Natürlich

ließ die kindliche Angst nach, aber auch in späteren Jahren


Eine Entdeckung in der Krise13

konnte mich in manchen Situationen schnell der Mut verlassen.

Jetzt holte mich als Student die tiefsitzende Angst wieder ein –

und zeigte sich als etwas Ur-Menschliches: Das Leben ist eine

höchst unsichere Angelegenheit!

Die „Klinische-Seelsorge-Ausbildung“, die dem damaligen Kurs

zu Grunde lag, führt angehende Seelsorgerinnen und Seelsorger

gezielt in die Begegnung mit den eigenen Tiefen. Wer andere

Menschen verstehen lernen will, um sie unterstützend begleiten

zu können, muss zunächst sich selbst kennenlernen. So begann

für mich damals in Neuwied ein Weg intensivster Auseinandersetzung

mit mir selbst. Zur Seite stand mir ein Klinikseelsorger,

der gerade an seiner theologischen Dissertation arbeitete. Er war

und ist ein großer Verehrer Dietrich Bonhoeffers, dessen Gedanken

er für die Seelsorge fruchtbar machen wollte. 2 In unseren

Gesprächen geschah etwas, was uns beide damals überraschte

und bewegte. Immer wieder war Dietrich Bonhoeffer präsent.

Zu dem, was mich beschäftigte, bedrängte und auch aufwühlte,

fielen meinem Begleiter Geschichten aus Bonhoeffers Leben ein,

vor allem aber Zitate und ganze Abschnitte aus seinen Briefen,

Predigten und größeren Arbeiten.

Es war verblüffend: In meinen ersten Studiensemestern hatte

mich die Theologie enttäuscht. Was ich hörte und las, wirkte auf

mich abgehoben und weit weg von meinem Leben: Eine schwer

verständliche Theorie, die mich wenig berührte, sondern eher

langweilte. Jetzt begegnete ich einem Theologen, dessen Sätze

mich zutiefst bewegten. Sie trafen mitten hinein in meine konkreten

Erfahrungen, in meine Ängste und Zweifel, aber auch in

meine Hoffnungen und Sehnsüchte. Dietrich Bonhoeffer zeigte

mir, dass Theologie wohl doch viel mehr mit dem Leben zu tun

haben kann, als es mir die Universität damals vermittelte.


14

Eine Reise Durch die Lebensgeschichte

Entscheidend war für mich die Tatsache, dass Bonhoeffer die widersprüchlichen

und schwierigen Erfahrungen des Lebens nicht

verschweigt. In vielen Texten beschäftigt er sich mit Unsicherheiten,

Zweifeln und Ängsten – all das, was mich damals so umtrieb.

Ich ahnte, dass da ein Theologe seinen Glauben intensiv mit seinen

Lebenserfahrungen in Verbindung brachte. Meine Ahnung

bestätigte sich, als ich später Bonhoeffers berühmtes Wort entdeckte,

„dass eine Erkenntnis nicht getrennt werden kann von der

Existenz, in der sie gewonnen ist“. 3 Die Rede von Gott, die Theo-

Logie, muss aus dem konkreten Leben erwachsen, sonst bleibt sie

hohl und leer. Mir scheint, dass die Theologie und mit ihr die

kirchliche Verkündigung gerade deshalb in unserer Gesellschaft

kaum noch wahrgenommen wird, weil ihr der Bezug zum konkreten

Leben verloren gegangen ist.

Für mich war diese erste Begegnung mit der Gedankenwelt Bonhoeffers

ein wichtiger Schritt auf dem Weg, einen Glauben zu

finden, der sich nahe an den Erfahrungen meines Lebens bewegt.

Ein Glaube, der mir hilft, mich selbst und mein Leben besser zu

verstehen und zu deuten – indem ich Gottes Wirken mitten in

meinem Leben entdecke. Rückblickend kann ich nur bestätigen,

was Christoph Zimmermann-Wolf am Ende seiner Dissertation

so treffend formuliert: „Die eigene Identität zu finden ist ein

grundlegender Schritt zu der Erfahrung, von Gott so gewollt und

geliebt zu sein, wie man ist.“ 4

Ich ahnte damals wohl, wie sehr Bonhoeffer auf diesem Weg einer

christlichen Identitätsfindung helfen kann. Darum war ich

neugierig geworden. Wer war dieser Mann eigentlich? Wie verlief

sein Leben? Was hatte er hinterlassen? Im Laufe der Jahre

begab ich mich auf eine Entdeckungsreise und habe bis heute damit

nicht aufgehört: Ich las viele Biographien, weite Teile seiner


Eine Entdeckung in der Krise15

hinterlassenen Schriften und Briefe, dazu jede Menge Sekundärliteratur.

Dietrich Bonhoeffer ist für mich auf diese Weise zu einem

Weggefährten geworden. Immer wieder greife ich zu seinen

Texten und finde Anregungen für mein eigenes Leben und Denken.

In meiner Verkündigung taucht er häufig auf. Seine Lebensgeschichte

tröstet, ermutigt und provoziert mich – je nachdem,

in welcher Situation ich mich selbst gerade befinde. Und seine

immer noch aktuelle und durchaus provozierende Theologie regt

mich für mein eigenes theologisches Denken ungemein an.

Bonhoeffer lehrt mich, dass christlicher Glaube nicht vom konkreten

Leben mit all seinen Facetten getrennt werden darf. Er ist

weder eine nette, harmlose Verzierung des Lebens, noch löst er

die Konflikte, Widersprüche und offenen Fragen im Leben auf.

Er ist vielmehr ein Angebot, das Leben auf dieser Erde mit seinen

Konflikten, Widersprüchen und offenen Fragen, aber natürlich

auch mit all seinen großartigen Seiten, anzunehmen und zu gestalten.

Nämlich genau hier, mitten in diesem irdischen Leben,

ist der jenseitige Gott zu entdecken, der ja gerade deshalb Mensch

geworden ist, damit wir uns nicht von diesem irdischen Leben abwenden.

Vielleicht ist Gott auch deshalb Mensch geworden, damit

wir dies verstehen: Solange wir als Menschen auf dieser Erde

leben, haben wir keinen anderen Ort, um Gott auf die Spur zu

kommen. Vor allem die Menschen sind es, in denen ER sich zeigen

kann – und damit ist der Weg zu den anderen – und zu mir

selbst – auch immer ein Weg zu Gott.

Um keine Missverständnisse aufkommen zu lassen: Es versteht

sich angesichts der Zeit, in der Bonhoeffer lebte, ganz von

selbst, dass nichts in dieser Welt mit Gott unmittelbar identisch

ist. Christlicher Glaube verlangt, sich in der Unterscheidung der

Geister zu üben und zuweilen klar zu benennen, wo Gott aus-


16

Eine Reise Durch die Lebensgeschichte

drücklich nicht ist. Auch das lerne ich von Dietrich Bonhoeffer,

der in der Auseinandersetzung mit seiner Welt eindeutig Position

bezog und keinen Zweifel daran ließ, dass es auf dieser Erde

Dinge gibt, denen Christen – um Gottes Willen – widerstehen

müssen.

Ökumenische Weggefährtenschaft:

„Auf den Namen katholisch oder

evangelisch kommt uns nichts an …“

Vor vielen Jahren erntete ich deutlichen Protest, als ich in

einer katholischen Verkündigungssendung im WDR von

Dietrich Bonhoeffer erzählte. Ein Briefschreiber, der offensichtlich

ein sehr überzeugter Katholik war, stellte mir die vorwurfsvolle

Frage, ob ich denn nicht über katholische Vorbilder predigen

könne. Auch wenn solche eher negativen Reaktionen die

Ausnahme sind, so fallen meine Verehrung für Bonhoeffer und

die ökumenische Weggefährtenschaft vielen Menschen auf. Protestanten

freuen sich und schnell finden wir Kontakt zueinander.

Aber auch unter Katholiken ist Bonhoeffer bekannt und beliebt.

Das verwundert nicht. Bonhoeffer war in der ökumenischen Bewegung

seiner Zeit sehr engagiert. Unabhängig von der Verwurzelung

in seiner eigenen Kirche war er zeitlebens davon über-


Ökumenische Weggefährtenschaft17

zeugt, dass es im christlichen Glauben um Wesentlicheres geht

als um konfessionelle Rechthaberei. Ihm ging es um die Suche

nach Gott, um die Frage, wie dieser Gott in das aktuelle Leben

hineinspricht, um Orientierung und Halt zu geben. Wenn er

dazu Hilfen in anderen Konfessionen und sogar in anderen Religionen

entdeckte, so griff er sie unumwunden auf.

Obwohl sich die römisch-katholische Kirche aus der damaligen

ökumenischen Diskussion weitgehend heraus hielt, entwickelte er

einen für seine Zeit erstaunlich ungezwungenen und freien Umgang

mit der Schwesterkirche.

Es beginnt im Juli 1920: Bonhoeffer ist 14 Jahre alt und besucht

bei einem Ausflug im Harz zum ersten Mal eine katholische Kirche.

Der vergoldete Altar und die vielen Heiligen- und Marienbilder

beeindrucken ihn schwer. „Ich war ganz erstaunt von dieser

Pracht“, schreibt er seinen Eltern 5 .

Vier Jahre später – er ist Student in Tübingen – reist er mit seinem

Bruder Klaus nach Italien und erlebt in Rom die Kar- und Ostertage.

Seine Tagebucheinträge lassen spüren, wie beeindruckt er

ist: „Fabelhaft wirkt die Universalität der Kirche, Weiße, Schwarze,

Gelbe, alle in geistlichen Trachten vereint unter der Kirche,

scheint doch sehr ideal“, beschreibt er die Palmsonntagsliturgie 6 .

In manchen Gesängen entdeckt er in jenen Tagen sogar „einen

unerhört unberührten Eindruck tiefster Frömmigkeit“ und bilanziert

schließlich, dass „mir etwas Wirkliches vom Katholizismus

aufging“, und gesteht ein: „Ich fange an, den Begriff ‚Kirche’ zu

verstehen“. 7 Es scheint vor allem die über alle Grenzen von Nationalitäten,

Kontinenten, Sprachen und Kulturen hinausgehende

Verbundenheit der katholischen Kirche zu sein, die er in diesen

römischen Tagen hautnah erlebt. Sie drückt aus, was zum Wesen


18

Eine Reise Durch die Lebensgeschichte

des christlichen Glaubens gehört: Alle Menschen sind Töchter

und Söhne des einen Gottes und dadurch Geschwister. Was die

Menschen nach irdischen Kategorien oft voneinander zu trennen

scheint, hat vor dem Gott Jesu Christi keine Relevanz.

Die römischen Eindrücke inspirieren Bonhoeffer ein Jahr später

bei der Themenwahl für seine Dissertation. Unter dem Titel

„Sanctorum Communio“ entwickelt er ein Kirchenverständnis,

mit dem man ihm durchaus „’Heimweh’ nach dem Katholizismus“

hätte vorwerfen können 8 , weil es bei ihm fast zu einer Identifizierung

von Kirche und Christus kommt. Kirche versteht er

unter dem berühmt gewordenen Begriff von „Christus als Gemeinde

existierend“. 9 Dieses Kirchenverständnis leitet ihn in den

folgenden Jahren: Kirche hat sich nach seiner Überzeugung in

allem, was sie tut, an Jesus Christus und seinem Wort auszurichten

– und das kann sie auch, weil ihr die Gegenwart dieses Christus

zugesichert ist.

Ein sehr frühes Zeugnis, wie freundlich Bonhoeffer die katholische

Kirche betrachtet, hat sich aus dem Jahre 1927 erhalten.

Damals lädt er junge Leute zum sogenannten „Donnerstagskreis“

ein, um ihnen durch Vorträge und Diskussionen einen Zugang

zu theologischen Themen zu eröffnen. An einem dieser Donnerstage

referiert er über „die katholische Kirche“ 10 . Eingehend

beschreibt er, worin sie sich von der protestantischen Kirche unterscheidet.

Dabei macht er keinen Hehl aus dem, was ihn beeindruckt

– aber er stellt zugleich kritische Fragen: „Ist diese Welt

(der katholischen Kirche, K.P.) wirklich Kirche Christi geblieben?

Ist sie nicht, statt auf dem Weg zu Gott ein Wegweiser zu

sein, vielleicht zu einem Bollwerk mitten auf dem Weg geworden?

Hat sie nicht den allein seligmachenden Weg verbaut?“ 11


Ökumenische Weggefährtenschaft19

Bonhoeffer wird wenige Jahre später in ähnlicher Form seine

eigene Kirche kritisch hinterfragen. Das entscheidende Kriterium

einer legitimen Kirche ist für ihn, ob sie sich radikal an Jesus

Christus orientiert. Darum kann er sein Referat mit einem sehr

versöhnlichen Wort beschließen: „So wollen wir gern in Frieden

neben dieser ungleichen Schwester leben […]. Auf den Namen katholisch

oder evangelisch kommt uns nichts an, aber aufs Wort Gottes.“ 12

Mit diesem Satz ist auf den Punkt gebracht, was – nach Bonhoeffer

– wesentlich ist für eine Kirche, die sich Jesus Christus verpflichtet

weiß: Die Treue zum Wort Gottes, das Ringen um einen

Glauben, der allein Gott die Ehre gibt und in die Nachfolge Jesu

Christi führt – auf dieser Erde, in diesem Leben, an dem Ort, wo

Gott mich hingestellt hat. Es geht nicht um die Treue zu einer bestimmten,

von Menschen gemachten Kirche; es geht auch nicht um

einen Glauben, der menschlichen Kirchenvätern oder -müttern

die Ehre gibt und letztlich in der Gefahr steht, menschlichen Verführern

zu erliegen. Nein, aufs „Katholische“ oder „Evangelische“

kommt es ihm nicht an – und deshalb kann er eines Tages auch mit

seiner eigenen Kirche brechen, als er ihre schreckliche Untreue gegenüber

dem Wort Gottes erkennt.

So betrachte ich Dietrich Bonhoeffer keineswegs mit einer „katholischen

Brille“ und sehe in ihm nicht primär den protestantischen

Pfarrer und Theologen. Ich blicke aus meiner sehr persönlichen

Perspektive auf diesen großen Christen des vergangenen Jahrhunderts.

Dass ich Katholik bin und er Protestant, darauf kommt es

nun wirklich nicht an. Ich verstehe uns als ökumenische Weggefährten

– und ich bin davon überzeugt, dass die Zukunft des Christentums

ganz entscheidend davon abhängt, ob und wie die Christen

unterschiedlicher Konfessionen zueinander finden.


20

Eine Reise Durch die Lebensgeschichte

Ein Christentum, das in unserer pluralen, modernen Welt Bedeutung

beansprucht, kann und darf sich nicht länger in konfessionellen

Auseinandersetzungen ergehen, die heute ohnehin kaum noch

verstanden werden. 500 Jahre nach der letzten großen Kirchenspaltung

ist es höchste Zeit, dass wir Christen uns gemeinsam auf

die Suche nach Christus begeben, um IHN für die Gegenwart neu

zu verstehen und SEINE Worte überzeugend zu leben. Wir kommen

zweifellos aus verschiedenen konfessionellen Prägungen, die

zu großen Unterschieden in den Ausdrucksformen des christlichen

Glaubens führen und die nicht unterschätzt werden dürfen. Aber

das Verbindende überwiegt. Alle christlichen Konfessionen haben

eine gemeinsame Wurzel. Die Ursachen der Trennung liegen weit

zurück. Darum ist es an der Zeit, im Wissen um die gemeinsame

Wurzel neu und anders auf das zu schauen, was uns unterscheidet,

aber nicht dauerhaft trennen muss. Es geht vielmehr um einen Perspektivenwechsel:

Die römisch-katholische Kirche und die Kirchen

der Reformation haben jeweils große geistliche Schätze bewahrt

und entwickelt, die der gegenseitigen Bereicherung dienen

könnten. Ökumene bedeutet nicht, dass der eine sich dem anderen

anzupassen hat, sondern dass beide sich mit ihren jeweiligen Reichtümern

ergänzen, voneinander lernen und profitieren.

So ist die protestantische Wertschätzung des Wortes Gottes ein

großer Schatz, der dabei hilft, in der inneren Auseinandersetzung

mit der Bibel die Verbindung zum Ursprung und Grund unseres

Glaubens zu suchen und zu bewahren. Die Bibel als Heilige Schrift

und Wort Gottes ist die wichtigste Richtschnur für ein christliches

Leben, die auf die Ursprünge des Christentums verweist – sowohl

in der jüdischen Tradition als auch in der unmittelbaren Botschaft

Jesu Christi. Auch die synodale Struktur der protestantischen Kirchen

hat ihren besonderen Wert, weil sie ernst nimmt, dass Gott in

jedem einzelnen Getauften wirkt. Deshalb ist das geduldige Rin-


Ökumenische Weggefährtenschaft21

gen um einen Konsens in den vielen Entscheidungsprozessen ein

Ausdruck des Vertrauens auf das Wirken des göttlichen Geistes im

gemeinsamen Dialog der glaubenden Menschen.

Die katholische Liebe zur sakramentalen Verbindung mit Jesus

Christus vor allem in der Eucharistie, aber auch in den weiteren

Sakramenten, hilft, im Leben immer wieder über emotional und

körperlich spürbare Erfahrungen dem Göttlichen zu begegnen.

Die katholischen Sakramente sind meist sehr ausdrucksstarke liturgische

Feiern oder – wie in Beichte, Ehe und Krankensalbung –

sehr intime Begegnungen. Sie verweisen darauf, dass christlicher

Glaube konkrete Erfahrungen braucht, die innerlich und äußerlich

berühren. Die Wertschätzung der Tradition und die besondere Bedeutung

des Weiheamtes sind ebenso nicht zu unterschätzen. Sie

bringen zum Ausdruck, dass es im Christentum um etwas geht, das

nicht beliebig ist, sondern im Kern auf etwas Vorgegebenem beruht.

Die Verbindung und Verankerung mit dem Ursprung ist ein

sehr zentrales Element, um die eigene Identität zu sichern.

Es wird dem Christentum nur helfen, wenn die Konfessionen ihre

jeweiligen geistlichen Schätze zusammen tragen und sich auf diese

Weise ergänzen. Sie werden sich damit zugleich in ihren jeweiligen

Schwächen korrigieren – und sich damit vielleicht zu einer glaubwürdigeren,

überzeugenderen Kirche entwickeln. Es ist wichtig,

dass ein solcher Weg eingeschlagen wird – weil es um die gemeinsame

Verantwortung aller Christen geht, damit auch in kommenden

Generationen Jesus Christus im Alltag der Menschen lebendig

erlebbar wird.

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