Bin ich weiß?

Naturfreundejugend

Methode für den Einstieg in das Thema Rassismus und Critical Whiteness

5. Bin ich weiß?

Methode für den Einstieg in das Thema Rassismus und Critical Whiteness

Politische Bildung

Ziele:

» Diskutieren, warum Weiße ihre eigene

Hautfarbe oft als farblos und normal

erleben und welche Konsequenzen

Hautfarben für Lebensmöglichkeiten

in der Gesellschaft haben.

Alter: ab 14 Jahren

Gruppengröße: 10 bis 20 Personen

Dauer: 30 Minuten

Ort: Seminarraum

Material:

Ablauf: Achtung: Diese Methode ist nur für ausschließlich

weiße Seminargruppen geeignet!

Felix-von- Luschan-Skala

der Hautfarben (Internet)

A4-Papier

Stifte

Die Teilnehmer*innen erhalten je eine Felix-von- Luschan-Skala

der Hautfarben (im Internet z.B. bei Wikipedia zu finden).

Anhand dieser Skala sollen sie sich zuordnen. Anschließend

kommen die Teilnehmer*innen zu zweit zusammen. Sie erhalten eine Kopie der Diskussionsfragen

sowie A4-Papier und Stifte und werden gebeten, in den folgenden 20 Minuten die

Fragen auf den Kopien zu diskutieren und sich dazu Notizen zu machen.

Nach 20 Minuten kommen alle im Plenum zusammen und stellen sich kurz die Diskussionen

aus den Zweiergruppen vor und klären ggf. entstandene Fragen.

Variante:

Die Teilnehmer*innen werden gebeten, sich zu Gruppen zusammenzufinden, die exakt die

gleiche Hautfarbe haben, um zu visualisieren, aus wie vielen Farben Weiß besteht.

Diskussionsfragen

1. Warum nennen sich Weiße weiß, obwohl sie doch gar nicht weiß sind?

2. Wann ist Euch das erste Mal aufgefallen, dass ihr „weiß“ seid?

3. In welchen Situationen ist euch eure Hautfarbe bewusst?

4. Was bedeutet Weißsein für euer Leben?

NACHHALTIGE JUGENDREISEN


Zusammenhang auch genau als solcher zu

verstehen – als Einblick, als Appetizer, als

Anstoß.

Die Impulse alleine reichen unserer Ansicht

nach also nicht aus, um eine Gruppenstunde,

Seminar oder Workshop mit dem

Thema „Afrika“ durchzuführen zu können.

Weiterführende Buch- und Medienempfehlungen

finden sich deshalb auch am

Ende dieser Impulse. Außerdem natürlich

einige Methoden, die in Gruppenstunden

mit älteren Kindern und Jugendlichen

durchgeführt werden können.

Afrikabilder

Im Zeitalter des medialen Überflusses haben

Bilder durch ihre Allgegenwärtigkeit

und ständige Wiederholung großen Einfluss.

Ist euch schon einmal aufgefallen,

welche Bilder auf Fotos, in Büchern, auf

Konsumgütern, in den Medien und auf

Spendenaktionen klassischerweise mit

Afrika in Verbindung gebracht werden?

Ländliche Gebiete und Strohhütten, ein

Massai in traditioneller Kleidung im Sonnenuntergang,

Safari und Giraffen, Slums

und Armut, eine weiße Person in strahlender

hilfsbereiter Pose umringt von schwarzen

Kindern. Was ist daran falsch, zeigt es

doch nur die vorgefundene Realität?

Frage: Du machst einen mehrwöchigen

Urlaub in Südafrika. Du kommst aus dem

Urlaub zurück und deine Freunde möchten

gerne ein paar Fotos sehen. Was glaubst

du, hast du fotografiert und was glaubst

du, möchten deine Freunde für Bilder sehen?

Ungefähr die oben beschriebenen

Bilder? Also Safari, atemberaubende Natur,

Giraffen, schwarze Kinder beim Fußballspielen

auf einem sandigen Hinterhof

– oder hast du Hochhäuser, mehrspurige

Autobahnen, Strandpromenaden mit internationalem

Publikum und Menschen in

Businessanzügen auf dem Weg zur Arbeit

fotografiert?

Bilder vom afrikanischen Kontinent knüpfen

oftmals an schon bekannte Vorstellungen

an, die wir alle aus Reiseführen, Medien,

Werbung und von Urlaubsfotos kennen.

Es entsteht der Eindruck, als seien alle afrikanischen

Länder gleich. Überall gibt es

Giraffen und Löwen, die Menschen laufen

barfuß und oben ohne über die Felder,

die Kinder haben Hunger, müssen zu unmenschlichen

Bedingungen arbeiten oder

ziehen als Kindersoldaten durch die Lande.

Falsch ist das nicht, aber…

Aber natürlich gibt es auch in afrikanischen

Ländern eine Ober- und Mittelschicht,

Universitäten, Krankenhäuser und

Theater und natürlich gibt es auch in Europa

Kinderarmut, kriegerische Handlungen

und klimatisch bedingte Katastrophen. Eigentlich

wissen wir alle das auch. Die Bildersprache

in Tageszeitungen, Magazinen

und Fernsehen ist aber eine andere. Hier

entsteht das Afrika der Krankheiten, Kriege,

Krisen und Katastrophen. Hier entsteht

das homogenisierte Bild eines „unterentwickelten“,

„konflikthaften“, „traditionellen“

und „armen“ Kontinentes. Dem gegenüber

steht Europa: reich, fortschrittlich

und aufgeklärt.

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IMPULSE


Afrika ist ein riesiger Kontinent! Die Landschaften,

die Menschen, die Lebensweisen,

die Städte, die Pflanzen und Tiere sind

überall anders, divers und individuell.

Wenn ihr also eine Gruppenstunde, eine

Freizeit oder ein Seminar plant, das sich

mit dem afrikanischen Kontinent beschäftigen

soll, überlegt euch, welchen Fokus ihr

setzen möchtet.

+ Warum möchtet ihr überhaupt über den

afrikanischen Kontinent sprechen? Was

ist das Ziel?

+ Über welches Land, welche Länder wollt

ihr sprechen?

+ Was wisst ihr über diese Länder? Und

woher habt ihr dieses Wissen? Ist die

Quelle seriös?

+ Kennt ihr vielleicht jemanden, der aus

diesem Land kommt oder könnt ihr z.B.

über die IYNF oder die NFI Kontakte zu

befreundeten Organisationen und Menschen

in diesem Land aufbauen?

Kolonialismus

Als Kolonialismus wird die staatlich geförderte

Inbesitznahme auswärtiger Territorien

bezeichnet. Die Gesellschaft des

eroberten Gebiets wird ihrer Eigenentwicklung

beraubt. Kolonialismus geht

stets mit der Unterwerfung, Vertreibung

und/oder Ermordung der ansässigen Bevölkerung

durch eine Kolonialherrschaft

einher.

Der Beginn der Kolonialzeit kann für Europa

mit der „Entdeckung“ Amerikas durch

Christoph Kolumbus zum Ende des 15.

Jahrhunderts festgelegt werden. Das Ende

der Kolonialzeit wird zumeist mit dem

Ende des Zweiten Weltkrieges angegeben.

Die Theorie des Postkolonialismus

(manchmal auch als Neokolonialismus

bezeichnet) geht aber davon aus, dass die

ehemaligen Kolonien nur politisch befreit

wurden, weiterhin aber durch europäische

Sichtweisen, Wirtschaftsformen etc. beherrscht

werden.

AFRIKA 3


4

DEUTSCHE KOLONIALGESCHICHTE

1871 wurde das Deutsche Kaiserreich gegründet.

Damit wurde Deutschland zum

Nationalstaat. Gleichzeitig wurde Deutschland

im Zuge der Industrialisierung zur wirtschaftlichen

Großmacht. Zunächst waren es

Industrielle, Kaufleute, Forscher und einige

Politiker, die in diesem Zuge eine Notwendigkeit

für die Gründung deutscher Kolonien

sahen. Der Kolonialismus sollte die gesellschaftlichen

Widersprüche und Konflikte

ausgleichen, die sich aus der kapitalistischen

Entwicklung ergeben hatten. Die Befürworter*innen

deutscher Kolonialpolitik argumentierten,

dass neue Absatzmärkte für die

deutschen Exportprodukte generiert werden

müssten. Außerdem wollte man billige Rohstoffe

und Luxusgüter einführen. Ein einendes

„Herrenmenschengefühl“ und die Teilhabe aller

Deutschen an den neuen günstigen Produkten

aus den Kolonien sollten soziale Konflikte

innerhalb Deutschlands glätten. Deutschland

sollte auch in den Köpfen und in den Herzen

der Menschen zu einer Nation werden.

Zudem bestand Sorge, dass Deutschland

von anderen Ländern wie etwa Portugal und

Spanien wirtschaftlich abgehängt werden

könnte. Die Forderung, dass das Reich bei

der „Aufteilung der Welt“ nicht nur zusehen

dürfe, sondern die Schwelle zur Weltmacht

überschreiten müsse, fand gesamtgesellschaftlich

immer größeren Anklang. Unterstützt

wurden diese Forderungen durch

unzählige Romane und Fortsetzungsge-

IMPULSE

schichten in Zeitungen, in denen die Kolonisation

und das Leben in den Kolonien als

spannendes Abenteuer beschrieben wurden.

Diese Geschichten vermittelten ein Sendungsbewusstsein,

mit dem die Deutschen

geradezu verpflichtet wären, Afrika „kulturell“

zu missionieren. Viele Deutsche waren

zur Auswanderung und vor allem zu einer

Beteiligung am Kolonialismus bereit. Die

Gründe hierfür waren vielfältig: christliches

und/oder fortschrittsgläubiges Überlegenheitsgefühl,

wirtschaftliche Not oder Profitinteresse.

Dass dieses koloniale Sendungsbewusstsein

von der Minderwertigkeit der Kolonisierten

ausging, wurde mit einer erschreckenden

Selbstverständlichkeit hingenommen.

Bismarck (erster Reichskanzler des Deutschen

Reiches, 1871 bis 1890) unterstützte

die Kolonialbewegung. Er versprach sich von

seinem Engagement für deutsche Kolonien

einen Wahlerfolg bei den bevorstehenden

Reichstagswahlen. Auf der „Kongo-Konferenz“

in Berlin 1884/1885 sicherten sich die

europäischen Kolonialmächte – darunter

auch Deutschland – gegenseitige Gebietsrechte

über afrikanisches Land zu. Der afrikanische

Kontinent wurde aufgeteilt. Dabei

wurden tatsächlich bestehende Grenzen

nicht berücksichtigt, sondern beliebig neue

Grenzen gezogen. Dieses Vorgehen ist heute

noch an anhand vieler Grenzverläufe afrikanischer

Länder zu erkennen. Man sieht, dass

die Grenzen nicht „natürlich gewachsen“

sind, sondern reißbrettartig verlaufen.

AUSWIRKUNGEN UND WIDERSTÄNDE

Die deutschen Kolonialmächte erhoben zunächst

in den Kolonien sogenannte „Hüttensteuern“.

Diese wurde jedem Haushalt

auferlegt. Bis dahin hatten die Menschen

sich selbst versorgt. Nun mussten sie sich in

Arbeitsverhältnisse und damit auch in Abhängigkeit

der Kolonialherren begeben. Mit

den Steuern, die in Naturalien, mit Geld oder

aber durch Arbeit auf Plantagen abgegolten

werden konnten, entstand ein Zwang zur Ar-


eit. Gegen diese Steuer gab es zahlreiche

Aufstände.

Im März 1905 wurde die „Hüttensteuer“ in

Ost-Afrika zu einer „Pro-Kopf-Steuer“, was

eine vielfache Erhöhung bedeutete. Um für

die Steuer aufkommen zu können, mussten

die meisten Menschen auf den Baumwollplantagen

arbeiten. Viele von ihnen starben

bei oder in Folge dieser körperlich höchst anstrengenden

Arbeit. Im Juli 1905 gab es eine

Rebellion auf einer der Plantagen. Die ersten

Erfolge der Aufständischen bewirkten eine

Ausweitung der Kämpfe auf den gesamten

Süden und auf weitere Gebiete von Ost-Afrika.

Die deutschen Truppen reagierten mit der

„Politik der verbrannten Erde“: Sie brannten

ganze Dörfer nieder, beschlagnahmten Vieh

und Vorräte, vergifteten Brunnen und vernichteten

die Ernten auf den Feldern. Damit

entzogen sie der widerständigen Bevölkerung

die Lebensgrundlage.

Den wohl größten Aufstand gegen die Kolonialherrschaft

gab es in 1904 in „Deutsch-Südwest“

ausgehend von den Hereros. General

von Trotha erließ bereits 1904 den Befehl, alle

Hereros innerhalb der deutschen Kolonie zu

erschießen. 1907 war der Aufstand offiziell

beendet – von etwa 80 000 Hereros hatten

höchstens 15 000 überlebt.

DAS ENDE DER KOLONIALZEIT UND DIE AUS-

BLEIBENDE AUFARBEITUNG

Während des Ersten Weltkriegs bzw. mit

seinem Ende wurde die deutsche Kolonialherrschaft

über die afrikanischen Gebiete

beendet. Nach der Ausrufung der Republik

im November 1918 wurde das Reichskolonialamt

vom neuen Reichskanzler Friedrich

Ebert (SPD) aufgelöst. Durch den Friedensvertrag

von Versailles verlor das Reich im

Juni 1919 offiziell alle Kolonien.

Damit war Deutschlands Kolonialzeit offiziell

beendet – seine Kolonialisierungsbestrebungen

allerdings längst nicht. Während der

Weimarer Republik und des Nationalsozialismus

arbeiteten und warben die Kolonialvereine

weiter und forderten: „Deutschland

muss – Deutschland wird wieder Kolonialmacht

werden“.

Die ehemaligen Kolonien wurden nie entschädigt.

Erst hundert Jahre nach dem

Völkermord an den Hereros wurde dieser

überhaupt erstmals als solcher von einer

deutschen Politikerin benannt: „Die damaligen

Gräueltaten waren ein Völkermord,

für den man heute vor Gericht verurteilt

würde.“(Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD)).

Diese Aussage wurde von der Opposition

als „teurer Gefühlsausbruch“ der Ministerin

kritisiert, der „die entscheidende Wende zu

Lasten Deutschlands“ im Streit um Reparationszahlungen

bedeuten könne.

Die nicht von der Hand zu weisenden Verknüpfungen

zwischen Nationalstaatlichkeit,

Herrenmenschengefühl, Weltmachtbestrebungen,

Rassentheorien, Völkermorden und

NS-Zeit bedürfen einer Aufarbeitung, die bis

heute nicht stattgefunden hat.

Rassismus

Es gibt nicht den einen Rassismus. Rassismus

ist vielmehr ein Phänomen mit unterschiedlichen

Ausprägungen. So gibt es den

kolonialen Rassismus, den Neo- oder auch

kulturellen Rassismus (welcher sich nicht

mehr auf unterschiedliche „Rassen“ bezieht,

sondern auf unterschiedliche Bewertung von

wahrgenommenen Kulturen), den antiislamischen

Rassismus und auch im Antisemitismus

spielt der Rassismus eine Rolle.

Nach Stuart Hall (Soziologe), geht es bei

Rassismus um Abgrenzung und um die Markierung

von Unterschieden mit dem Ziel,

eine bestimmte Gruppe von gesellschaftli-

AFRIKA 5


6

chen Zugängen/Teilhabe auszuschließen. Die

Gruppen werden nach willkürlich gewählten

Kriterien, wie Hautfarbe, Herkunft und kulturellen

Gewohnheiten gebildet. Dabei ist es

wichtig zu verstehen, dass es nicht wirklich

um diese Unterschiede geht, sondern um

dessen geschichtlich-kulturelle Aufladung.

Das heißt, es geht nicht wirklich darum, welche

Hautfarbe jemand hat, sondern vielmehr

darum, welche Bedeutung dieser im Laufe

der Geschichte und innerhalb einer Kultur

zugeschrieben wurde.

Die Ursprünge des modernen Rassismus liegen

in der Kolonialzeit und sind somit auch

sehr eng verknüpft mit der Industrialisierung

und der kapitalistischen Weltordnung. Zu

Zeiten der europäischen Aufklärung, in der

Freiheit, Brüderlichkeit und Gleichheit postuliert

wurde (Achtung: jedoch nur für weiße,

bürgerliche Männer!), musste eine Erklärung

und Rechtfertigung dafür gefunden werden,

warum der größere Teil der Erdbevölkerung

nicht zu diesen „freien“ und „gleichberechtigten“

Menschen gehören durfte. So wurde

die koloniale Ausbeutung, Versklavung und

Unterdrückung mit der angeblich „primitiven“

und „unzivilisierten“ schwarzen Bevölkerung

gerechtfertigt, die erst noch zu Menschen

erzogen werden müsse. Der Rassismus

entstand also als eine Art Rechtfertigungsund

Legitimationslegende.

IMPULSE

DIE KONSTRUKTION DES ANDEREN

Rassismus basiert auf einer strikten Grenzziehung

zwischen „dem Eigenen“ und „dem

Fremden“. Rassismus liegt also nicht erst

dann vor, wenn jemand tatsächlich von Rassen

spricht, sondern auch dann, wenn stattdessen

verallgemeinernd von Kultur, Mentalität

und Wesenseigenschaften gesprochen

wird. Und zwar immer dann, wenn

1. so getan wird, als seien Wesen, Kultur

und/oder Mentalität ursprünglich und

angeboren.

2. davon ausgegangen wird, dass alle Menschen

eines Landes (einer Region, einer

Gesellschaft) die gleiche Mentalität, das

gleiche Wesen und oder die gleiche Kultur

haben.

3. Kultur statisch dargestellt wird.

4. die Unterschiede zwischen dem Eigenen

und dem Anderen als unüberwindbar

dargestellt werden.

Beispiele hierfür sind z.B.:

„Der Islam unterdrückt seine Frauen.“

„Ausländer sind krimineller als Deutsche.“

„Auf meiner Afrikareise habe ich gelernt,

dass die Afrikaner*innen sehr arm sind.

Trotzdem sind sie sehr glücklich, tanzen und

singen gern.“

„Nordafrikanische Männer belästigen unsere

Frauen.“

„Schwarze haben den Rhythmus im Blut.“

„Die (Italiener, Marokkaner, Syrer, etc.) sind

halt so.“

„Die Griechen sind selbst schuld an der Finanzkrise,

sie haben oft keine Lust zu arbeiten.“

Aber auch mit der Gegenüberstellung von

Begriffen wie z.B.:

„Entwickelt-unterentwickelt“, „modern-traditionell“,

„Stadt-Land“, „zivilisiert-primitiv“,


Farbige: Der Begriff ist eine abwertende

Bezeichnung der deutschen Kolonialherren

Anfang des 20. Jahrhunderts als für die

unterworfenen Menschen in den deutschen

Kolonien. Zudem stellt sich heutzutage die

Frage „Wenn schwarze Menschen „farbig“

sind, was sind dann weiße Menschen? Unfarbig?“

„helfend-hilfsbedürftig“, „emanzipiert-unaufgeklärt“

wird der Andere hergestellt und

gleichzeitig abgewertet.

Hierbei ist wichtig zu verstehen, dass es bei

beiden Prozessen vor allem darum geht, eine

eigene Identität als Deutsche*r (Europäer*in,

Weiße*r) herzustellen. Denn erst durch die

Abgrenzung von anderen kann das Eigene

entstehen. Rassismus dient also nicht nur

der Abwertung und Unterdrückung, sondern

vor allem auch der Bildung einer Identität.

ICH BIN DOCH KEIN RASSIST!

Viele Menschen reagieren schockiert und

abwehrend, wenn man sie darauf hinweist,

dass sie sich rassistisch geäußert haben. Das

kann natürlich auch und gerade in der Arbeit

mit Kindern und Jugendlichen passieren.

Hier kann es hilfreich sein zunächst einmal

festzustellen, dass eine rassistische Äußerung

Menschen nicht zu Rassisten macht,

sondern nur zu Menschen, die in einem rassistischen

System aufgewachsen sind. Nur

dann kann es auch gelingen, Rassismus als

solchen gemeinsam zu entlarven und gegen

ihn vorzugehen.

Rassismus in der Sprache

Sprache ist ein machtvolles Instrument. Sie

ermöglicht unser Zusammenleben. Sie prägt

unser Denken. Sprache ist niemals neutral.

Worte entspringen immer einem historischen

Kontext und sind ein Spiegel der Gesellschaft.

Daher können Wörter Bedeutungen

haben, die über das hinausgehen, was

eigentlich gesagt werden wollte.

Sprache spielt im Kontext von gruppenbezogener

Menschenfeindlichkeit (hier Rassismus)

eine große Rolle. Victor Klemperer

schreibt dazu in seinem 1947 veröffentlichen

Werk, LTI (Lingua Tertii Imperii – die

Sprache des Dritten Reiches)

„Worte können wie winzige Arsendosen

sein: Sie werden unbemerkt verschluckt; sie

scheinen keine Wirkung zu tun – und nach

einiger Zeit ist die Giftwirkung doch da.“

Die unten aufgeführte Liste rassistischer

Wörter erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit

– im Gegenteil. Sie gibt lediglich

einen kleinen Einblick. Wir empfehlen zur

weiteren Vertiefung: Afrika und die deutsche

Sprache, Susan Arndt, Antje Hornscheidt

(Hg), 2004.

N-Wort: Das Wort geht auf lat. „niger“ (=

schwarz) zurück. Es wurde von Beginn an

rassistisch verwendet und erstmals im 17.

Jh. von weißen Europäer*innen als Bezeichnung

der Menschen in Afrika gebraucht. Das

Wort steht in engem Zusammenhang mit

der aus der Kolonialzeit hervorgegangenen

Sklaverei.

Dieser Begriff ist eng mit der Unterdrückung

und Ausgrenzung von Menschen verknüpft.

Es stimmt nicht, dass es eine Zeit gab, in der

das N-Wort nicht rassistisch war.

Mohr: Der Begriff geht auf griech. „moros“

(= dumm) zurück. Der Begriff ist die älteste

deutsche Bezeichnung für Schwarze Menschen

und von Beginn an negativ.

AFRIKA

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Verwendet stattdessen die selbst gewählten

Begriffe „Schwarze“ oder auch PoC

(People of Color)

Stamm: Im Kontext des Kolonialismus hat

dieser Begriff das Ziel der Herabstufung der

Kolonialisierten und stand in Abgrenzung zu

der weißen Eigenbezeichnung als Volk. Das

Wort wurde aus „Stammbaum“ abgeleitet. Es

suggeriert also, dass ein Verwandschaftsgrad

zwischen allen Mitgliedern dieser Gruppe

besteht; es sich also um eine ursprüngliche

und nicht um eine durch politische und kulturelle

Prozesse entstandene Gemeinschaft

handelt.

Benutze je nach Kontext die Begriffe:

Dorf, Gemeinde, Gesellschaft etc..

Eingeborene: Wurde im Kontext von Versklavung

und Kolonialismus durch Weiße

Europäer*innen verwendet und galt für

Menschen unterworfener Gesellschaften.

Der Begriff impliziert die Abwesenheit von

„Zivilisation“ und wurde deshalb nicht auf

weiße Menschen angewandt.

Benutze stattdessen die Eigenbezeichnung

der jeweiligen Menschen, über die du

sprechen möchtest. Wenn du die eigenen Bezeichnung

nicht kennst, kannst du ganz einfach

die äquivalenten europäischen Begriffe

verwenden wie z.B.: Bürger*innen, Anwohner*innen

etc..

Häuptling: Der Begriff setzt sich zusammen

aus dem Wortstamm „Haupt-“ und dem Suffix

„-ling“ zusammen. Kritisiert wird, dass die

Endung „ling“; eine verkleinernde („Prüfling“,

„Lehrling“) und zumeist abwertende Konnotation

(Feigling, Wüstling usw.) hat. Zudem

entstand der Begriff im Zuge der Kolonialisierung.

Hier sollte ganz klar zwischen politischen

Machthaber*innen in Europa und

den Machthaber*innen der unterworfenen

Kolonien hierarchisch unterschieden werden

können. Indem man den Machthaber*innen

der Kolonien neue Begriffe zuwies, wies man

ihnen auch Rollen zu, die eine Gleichrangigkeit

oder Vergleichbarkeit mit europäischen

Machthaber*innen ausschloss.

Benutze stattdessen Eigenbezeichnungen.

Wenn du diese nicht kennst, verwende

äquivalente europäische Begriffe wie

z.B.: Bürgermeister*in, Präsident*in usw..

Entwicklungsland/Dritte Welt: Mit dem Begriff

„Dritte Welt“ wird pauschal von einer

Gruppe von Ländern gesprochen, denen aus

einer westlichen Weltsicht unterstellt wird,

dass sie unterentwickelt wären. Wer „Dritte

Welt“ sagt, homogenisiert. Er macht also

alle gemeinten Länder gleich, obwohl sie

sich natürlich in Staatsform, Sprache, Kultur,

Strukturmerkmalen etc. unterscheiden.

Die gleichzeitige Verwendung des Begriffs

„Erste Welt“ zeigt des Weiteren das globale

Machtgefälle zwischen den „demokratischen

Industriestaaten“ (Erste Welt), den „sozialistischen

Industriestaaten“ (Zweite Welt),

den „Entwicklungsländern“ (Dritte Welt) und

manchmal einer Vierten Welt (der ärmsten,

ohne ausländische Hilfe nicht überlebensfähigen

Staaten) auf.

Oft wird in diesem Kontext alternativ

von Ländern des globalen Südens gesprochen.

Da hier aber ebenfalls mit „Länder

des globalen Nordens“ eine hierarchische

Dualität aufgemacht wird, raten wir dazu,

entweder die Länder zu benennen, über die

gesprochen werden soll, oder die zu thematisierende

Problemlage mit Länderbeispielen

in den Fokus zu rücken.

Schwarzafrika/Schwarzafrikaner*in:

„Schwarzafrika“ ist ein kolonialistischer Begriff.

Zudem beruht der Begriff auf einem

rassistischen Konzept der Einteilung der

Welt und seiner Bewohner*innen, da er die

angebliche Gemeinsamkeit auf die Hautfarbe

seiner Bewohner*innen bezieht. Deshalb

8

IMPULSE


wird der Begriff Schwarzafrika in Afrika zu

Recht abgelehnt. Genauso wie die Begriffe

„dunkler Kontinent“. Besser sind die geografischen

Begriffe wie zum Beispiel: Afrika

südlich der Sahara, das subsaharische Afrika,

Ostafrika, Westafrika, Zentralafrika, je nach

Kontext – oder, noch besser, die genauen

Nationenbezeichnungen.

Rasse: Es gibt keine menschlichen Rassen!

Rassentheorien sind Theorien, die die

Menschheit in verschiedene Rassen einteilen.

Sie waren vor allem im 19. und im

frühen 20. Jahrhundert sehr einflussreich,

gelten aber heute als überholt und wissenschaftlich

nicht mehr haltbar. Rassentheorien

wurden stets genutzt, um Menschen zu

unterdrücken. Siehe: Kolonialzeit, NS-Zeit,

Apartheit.

Achte auch darauf, nicht unbewusst

„Ethnie“ und „Kultur“ synonym für Rasse zu

verwenden. Der Punkt ist, es gibt keine klar

voneinander abzugrenzenden Menschengruppen.

Immer wird es Überschneidungen,

Hybriditäten und Kategorien der Gemeinsamkeiten

geben.

Afrika: Natürlich ist dieser Begriff kein No-

Go. Aber noch einmal zur Erinnerung: Der

Begriff meint einen ganzen Kontinent. Bitte

redet nicht von der afrikanischen Sprache,

der afrikanischen Kultur oder Lebensweise.

Diese gibt es nicht! Differenziert!

Critical Whiteness

Critical Whiteness kann zunächst einmal

übersetzt werden mit „Kritisches Weiß-Sein“.

Critical Whiteness ist eine wissenschaftliche,

aber auch eine politische Theorie. Sie ist in den

Sozialwissenschaften anzusiedeln und wurde

in den 1990er Jahren in den USA entwickelt.

In dieser Theorie geht es vorrangig darum,

die Vormachtstellung der als weiß markierten

Menschen zu hinterfragen. Sie geht da-

von aus, dass sich durch rassistische Diskurse

das Weißsein zu einer privilegierten Norm

etabliert hat, an der sich alle Menschen in

der Gesellschaft orientieren müssen. Das

bedeutet, dass es in unserer Gesellschaft als

„normal“ gilt, weiß zu sein. Dagegen fallen

diejenigen auf, die „nicht-weiß“ sind.

Wenn es im Folgenden um die Begriffe

„schwarz“ und „weiß“ geht, ist nicht die Vielzahl

der menschlichen Hautfarben gemeint.

Vielmehr geht es darum, welche Menschen

in der Gesellschaft Rassismus erfahren und

welche nicht.

Ist euch in einer alltäglichen Situation eure

Hautfarbe schon mal bewusst aufgefallen?

Wenn ihr weiß seid, vermutlich nicht. Anders

ergeht es Schwarzen Menschen oder

People of Color (PoC). Sie werden in unterschiedlichen

alltäglichen Situationen darauf

hingewiesen, welche Hautfarbe sie haben.

Etwa dann, wenn sie von Menschen gefragt

werden „wo sie denn herkommen“, da diese

Frage immer impliziert, dass Menschen mit

schwarzer Hautfarbe keine (echten) Deutschen

sein können.

Sowohl Schwarze als auch PoC sind selbst

gewählte Bezeichnungen nicht-weißer

Communities. Der Begriff PoC bezeichnet

alle Menschen, die von Rassismus betroffen

sind bzw. schon einmal rassistische Erfahrungen

gemacht haben.

Weiße können, laut der Critical-Whiteness-Theorie,

nicht von Rassismus betroffen

sein. Weiße können aufgrund ihres Äußeren

diskriminiert oder unfair behandelt werden. Solche

Erfahrungen sind aber nicht gleichzusetzen

mit rassistischen Erfahrungen. Denn um rassistische

Erfahrungen zu machen, müssen neben

der Ungleichbehandlung, der Diskriminierung

und/oder Ausgrenzung weitere Komponenten

mit im Spiel sein: Privilegien und Macht.

Menschen, die als weiß erkannt/verstanden

werden, haben in fast allen Gebieten der

AFRIKA

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Welt Privilegien und Vormachtstellungen

inne! Wenn also einzelne Weiße diskriminiert

werden, ändert das nichts an der privilegierten

Stellung, die Weiße hinsichtlich

Ressourcenzugängen und Teilhabe global

gesehen haben. Deshalb kann hier auch

nicht von Rassismus gesprochen werden.

WER DARF SPRECHEN, WER WIRD GEHÖRT?

Ein zentraler Punkt der Critical-Whiteness-Theorie

ist die Kritik an der Vormachtstellung

des europäisch-nordamerikanischen

Wissenssystems. Ist euch schon

einmal aufgefallen, welche Sprachen in der

Regel erlernt werden müssen, um Zugänge/

Teilhabe in der globalen, akademischen Welt

zu erhalten? Englisch, Spanisch, Französisch,

Deutsch. Kann eine*r von euch nur vier afrikanische

Sprachen aufzählen? Wusstet ihr,

dass allein in Uganda 43 Sprachen gesprochen

werden? Wie viele afrikanische Persönlichkeiten

kennt ihr eigentlich?

Sagen wir, eine*r unter euch möchte gern

ein*e Philosoph*in werden, welche Denker*innen

sollte sie*er dann kennen? Aristoteles,

Plato, Hegel, Marx, Arendt, Foucault?

Genau, die „wichtigen“ kommen aus dem

globalen Norden. Kennt ihr nur ein*n einzige*n

afrikanische*n Philosoph*in?

Es ist naheliegend anzunehmen, dass die Beschränktheit

nur damit zu tun hat, in welchem

Teil der Welt wir aufgewachsen sind.

Dass dem nicht so ist, kann man sehr gut

der Rede von Chimamanda Ngozi Adichie

(Schriftstellerin) entnehmen.

„I was also an early writer. And when I began

to write, at about the age of seven, stories in

pencil with crayon illustrations that my poor

mother was obligated to read, I wrote exactly

the kinds of stories I was reading. All my characters

were white and blueeyed. They played

in the snow. They ate apples. And they talked

a lot about the weather, how lovely it was

that the sun had come out. Now, this despite

the fact that I lived in Nigeria. I had never

been outside Nigeria. We didn‘t have snow.

We ate mangoes. And we never talked about

the weather, because there was no need to.

My characters also drank a lot of ginger beer

because the characters in the British books I

read drank ginger beer. Never mind that I had

no idea what ginger beer was.”

(The Danger of a Single Story, Chimamanda Ngozi Adichie

Vortrag, TED-Conference, Juli 2009)

Weiterführende Bücher und Materialien

+ Noah Sow, 2009, Deutschland Schwarz

Weiss: Der alltägliche Rassismus

+ Susan Arndt, Antje Hornscheid, 2009,

Afrika und die Deutsche Sprache. Ein

kritisches Nachschlagewerk

+ Katharina Oguntoye, May Opitz, 1992,

Farbe bekennen

+ Glokal e.V. , 2013, Mit Postkolonialen Grüßen

+ Engagement Global, Weltkarte „Perspektiven

wechseln“

IMPRESSUM

Herausgeber: Naturfreundejugend Deutschlands,

Warschauer Str. 59a, 10243 Berlin

Redaktion: Lukas Nicolaisen

Kontakt: lukas@naturfreundejugend.de

Layout: Nicole Jaecke (fija.de)

Fotos: NFJD, außer S 2: Flickr (cashburnd CC

BY-SA 2.0)

Die „Impulse für die Kinder- und Jugendarbeit der

NaturFreunde“ erscheinen in unregelmäßiger Folge

und können von Teamer*innen kostenlos über www.

naturfreundejugend.de/impulse bezogen werden.

Gefördert vom Bundesministerium für Familie,

Senioren, Frauen und Jugend.

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