Lass Fallen Anker

hein.seemann

Sonderheft 2019 der Deutschen Seemannsmission

SONDERHEFT 2019 DER DEUTSCHEN SEEMANNSMISSION

Gestrandete

Riesen

Wracks mahnen zu Respekt

und Demut vor der Schöpfung,

sagt der Kreuzfahrtkapitän.

Und sie erinnern an Ausbeutung

und harte Arbeit . . .


STATIONEN SEEMANNSMISSION WELTWEIT SEEMANNSMISSION WELTWEIT STATIONEN

Ankerplätze

In Deutschland ist die Deutsche Seemannsmission mit 16 Stationen

für Seeleute aus aller Welt da. Zudem engagieren wir uns in 18 Häfen

in Europa, Amerika, Afrika und Asien für die Würde der Seeleute.

Unser Motto: „support of seafarers’ dignity“

IN DEUTSCHLAND

Cuxhaven

Kiel

Sassnitz

WELTWEIT

Amsterdam,

Niederlande

Brunsbüttel

Rostock

Lübeck

Wilhelmshaven

Stade-Bützfleth

Hamburg-Altona

Emden

Bremerhaven Hamburg (Krayenkamp)

Brake

Hamburg-Harburg („Duckdalben“)

Bremen

Rotterdam,

Niederlande

New York, USA

Großbritannien:

Middlesbrough

London

Antwerpen,

Belgien

Mäntyluoto, Finnland

Duisburg

Le Havre, Frankreich

Deutschland

Genua,

Italien

Piräus, Griechenland

Hongkong,

China

Alexandria,

Ägypten

Santos,

Brasilien

Lomé,

Togo

Douala,

Kamerun

Singapur

Valparaíso, Chile

Durban,

Südafrika

Die Adressen finden Sie auf

den Seiten 34–35

2 LASS FALLEN ANKER

LASS FALLEN ANKER

3


EDITORIAL

INHALT

Liebe Leserin, lieber Leser,

2 Ankerplätze

Seemannsmission weltweit

„Fairer Handel beginnt mit der Erkenntnis, dass auf

4 Editorial

Schiffen Menschen leben.“ Das sagte mir ein ehe maliger

Geschäftsführer der Deutschen Seemannsmission,

nachdem ich gerade meine Stelle in der Geschäftsstelle

TITEL

6 Abwracken in Indien: Sicherer

und sauberer als früher

Pastor Christoph Ernst,

Generalsekretär

der Deutschen

Seemannsmission

in Bremen angetreten hatte.

Dieser Satz begleitet mich seither. Denn viele Menschen

haben zwar eine vage Vorstellung von 400 Meter

langen Containerschiffen, nicht aber davon, was an

Bord eigentlich passiert, wenn bis zu 20 000 Container

von einem Ende der Welt zum anderen bewegt

werden. Geschweige denn davon, wie es am Ende eines

Schiffslebens aussieht und wie es nach ihrem Ableben

mit den gigantischen Stahlkolossen weitergeht. Darüber

10 Faszination Wrack: Kreuzfahrtkapitän

Ulf Wolter erzählt von

seinen Eskapaden

13 Chittagong: Eine Ausstellung

von Christian Faesecke

14 Geistliches Wort: Olav Fyske Tveit

über das Brausen des Meeres

15 Meldungen

16 Interview: Der neue Generalsekretär

Christoph Ernst

berichten wir in diesem Heft.

Ein Job auf einem Hochseeschiff gehört immer noch

zu den gefährlichsten Arbeitsabenteuern überhaupt:

18 Seerecht: Professor Andrew Serdy

über die Regeln auf hoher See

20 Kirchentag: Der Journalist Hans

Leyendecker ist Kirchentagspräsident

Es herrscht ohrenbetäubender Lärm, dem niemand

21 Meldungen

Stand auf dem

Markt der Möglichkeiten

Themenbereich 4:

Arbeit – Arbeitslosigkeit – Armut

Halle 7, Stand 7-J01, Bereich

Westfalenhallen, Innenstadt-West

Die Seemannsmission auf dem Kirchentag

Seafarers’ Night /

Feierabendmahl mit vielen

Gästen. Eine Entdeckungs reise

in die Welt der Schifffahrt

und der Seeleute zum Thema

„Fair übers Meer“ der Deutschen

Seemanns mission.

Am Freitag, 21. Juni, um 19 Uhr

in der Großen Kirche Aplerbeck,

Märtmannstraße 13

entrinnen kann. Die Arbeit ist hochriskant, und die

psychischen Belastungen sind enorm. Die DSM investiert

heute in psychosoziale Betreuung und Notfallversorgung,

ein wichtiger Schritt zeit gemäßer Professionalisierung

unserer Arbeit. Wir freuen uns, auch diese Arbeit hier

vorstellen zu können.

Für viele Menschen ist es heute selbstverständlich, beim

Einkaufen auf „Fair Trade“-Siegel zu achten. Aber „Fair

Trade“ heißt bislang vor allem „Fair Erzeuger“, auch wenn

wir heute mit etlichen Reedern zusammen arbeiten und

der Verband Deutscher Reeder unsere Arbeit fördert. Mit

dieser neuen Ausgabe von „Lass fallen Anker“ möchten

wir Sie einmal mehr neugierig machen auf unsere Arbeit.

Denn: „Fair übers Meer“ – das geht uns alle an!

Christoph Ernst

Titelbild: Christian Faesecke, Foto: Deutsche Seemannsmission

Fotos: Martina Platte (2), Jürgen Hohmuth, Privat

22 Freiwillige: Erlebnisberichte – Niklas

Kölln aus Brunsbüttel, Hannah Fritz

und Ina Meyer aus Antwerpen

24 Suizid: DSM-Präsidentin Clara

Schlaich über Seelennot auf See

27 Angst: Psychosoziale Notfallver

sorgung kann helfen, sagt

Seemanns pastor Matthias Ristau

28 Douala: Die Seemannsmission in

der größten Stadt Kameruns

30 Genua: Ein Hafen, eine zerbrochene

Brücke, eine italienische Stadt

31 Duisburg: Was, wenn der Rhein

immer flacher wird?

32 Wilhelmshaven: Mehr Hafen, mehr

Schiffe an den Terminals

33 Interview: Drei Fragen an Bischöfin

Kirsten Fehrs

33 Impressum

34 Kontakte und

Ansprechpersonen

24 > 10 > 27 > 22

24 Suizid: Der Blick aufs Schraubenwasser

kann schlimme Gedanken auslösen

10 Titel: Rostige Wracks faszinieren

Seeleute in aller Welt

27 Angst: Manchmal ganz schön trist:

Immer die Container vor der Nase

22 Freiwillige: Hannah und Ina erzählen

aus dem Hafen von Antwerpen

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TITEL

TITEL

Den Fortschritt

anerkennen

Von: Ralf Nagel, Geschäftsführendes Präsidiumsmitglied Verband Deutscher Reeder (VDR)

Eine Werft im indischen

Alang: Hier wird abgewrackt –

und zwar nach europäischen

Sicherheitsstandards

Warum Indien heute ein guter Ort ist, um Schiffe sicher zu recyceln.

Wir sollten die Werften mit internationalen Standards dort unterstützen –

auch, um Zehntausende Arbeitsplätze und Familienexistenzen zu sichern

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LASS FALLEN ANKER

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TITEL

TITEL

Alang – Bilder und Berichte von hier gingen um die

Welt. Die indische Küstenstadt liegt nördlich von

Mumbai am Golf von Khambhat und ist eines der

wichtigsten Zentren der weltweiten Schiffsrecyclingindustrie.

Lange stand die Recyclingindustrie dort und anderswo in der

Kritik, beim Zerlegen der Schiffe Umwelt- und Arbeitssicherheitsstandards

nicht hinreichend zu beachten – zu Recht. Aber

mittlerweile hat sich in Südasien viel geändert.

Ein Grund dafür ist insbesondere das 2009 in der Internationalen

Seeschifffahrtsorganisation IMO verabschiedete

sogenannte „Hongkong-Übereinkommen“, welches internationale

Vorschriften zum umweltgerechten und sicheren

Recycling von Seeschiffen insbesondere für Werften enthält.

Die „Hong Kong International Convention for the Safe and

Environmentally Sound Recycling of Ships, 2009“ (HKC) ist

eine Vereinbarung für weltweite Verbesserungen für umweltfreundliches

Recycling von Schiffen und für die Arbeitsbedingungen

in den Abbruchwerften beziehungsweise Abbruchbetrieben.

Seit Verabschiedung der Konvention setzt

sich die Schifffahrtsindustrie und mit ihr auch der Verband

deutscher Reeder für das zügige Inkrafttreten des Übereinkommens

ein. Denn dann müssten sich alle Beteiligten weltweit

nach diesen Standards richten.

Noch immer aber gilt die Konvention nicht. Sie tritt zwei

Jahre, nachdem folgende Kriterien erfüllt sind, in Kraft:

Mindestens 15 Staaten müssen sie ratifizieren, die mindestens

40 Prozent der Welthandelstonnage und

nicht weniger als drei Prozent Recyclingkapazität

(ge messen am Durchsatz der vergangenen zehn

Jahre, be zogen auf die 40 Prozent der Welthandelstonnage)

repräsentieren. Doch erst acht Staaten,

die nur gut 20 Prozent der Welttonnage repräsentieren, haben

sie bislang (Stand Februar) ratifiziert – Deutschland hat eine

Ratifikation im vergangenen Herbst angekündigt.

77 von den insgesamt etwa 120 Werften in Alang er füllen

mittlerweile die Vorgaben der HKC. Es hat sich viel verändert,

zum Positiven, wie Delegationen aus Europa in ver gangenen

Jahren, aber auch erst im Februar vor Ort deutlich sehen konnten.

Werftarbeiter tragen heute Schutzkleidung und sind

geschult in Arbeitssicherheit und Umweltstandards. Regelmäßig

trainiert wird der Umgang mit Gefahrstoffen, die inzwischen

nicht nur auf den Werften getrennt und zwischengelagert,

sondern im Nachlauf fachgerecht in einer eigens

ge schaffenen Gefahrgutstelle im Hinterland gesammelt

und verwertet werden. Auf den Werften gibt es Sicherheitsbeauftragte,

die Arbeitsabläufe kontrollieren. Staatliche

Stellen prüfen regelmäßig den Umweltzustand von Wasser

und Strand vor den Werften.

Die Werftbetriebe in Alang mit einem Statement of Compliance

haben sichtbar investiert und mittlerweile sehr hohe

Standards. In vielen Arbeitsbereichen gibt es

betonierte Böden mit Drainagen und Auffangvorrichtungen,

um Teile aus den Schiffen

umweltgerecht zerschneiden und reinigen zu

können. Die Strandberührung abge trennter

Schiffsteile wird auf ein Minimum reduziert,

die meisten Arbeiten werden nicht auf dem

Strand, sondern auf nachgelagerten, versiegelten

Flächen vollzogen. Optisch zeigen

sich die zertifizierten Werften sauber und geordnet

und scheinen mit europäischen Betrieben

auf Augenhöhe zu stehen.

DIE INDISCHE SEITE gewährte den

Besuchern jeweils vollen Einblick in die

Recycling abläufe – nicht nur auf den von

verschiedenen Klassifikationsgesellschaften

mittlerweile auf Übereinstimmung mit den

Standards des Hongkong-Übereinkommens

zertifizierten Werften, sondern auch auf einer

Vielzahl von Recyclingbetrieben, die bislang

auf herkömmliche Weise ohne entsprechende

Statements of Compliance arbeiten. Die

EU-Delegation besuchte vor Ort auch das

zentrale Trainingszentrum für Werftarbeiter

sowie Gefahrgutsammelstellen.

„Die EU handelt in guter Absicht,

aber mit problematischen Folgen“

Also eigentlich alles auf dem besten Weg?

Leider nein – und das Problem liegt ausgerechnet

in Europa. Denn auch die Europäische

Union hat in der jüngeren Vergangenheit gehandelt.

Vielleicht in guter Absicht, aber doch

mit problematischen Folgen.

So hat die EU zum einen eine regionale

Regelung erlassen, die EU-geflaggten Schiffen

ein Recycling nur noch auf solchen Werften

erlauben, die EU-Standards entsprechen

und auf einer speziellen europäischen Liste

geführt werden. Diese Regelung gilt seit Ende

vergangenen Jahres – und würde zum Beispiel

fast die Hälfte der von Deutschland aus

gemanagten Handelsschiffe betreffen, da an

deren Heck die Flagge eines EU-Landes weht.

Die EU-Kommission hält sich noch bedeckt,

inwieweit auch Werftbetriebe außerhalb

Europas auf die Liste kommen können. Zwei

Fotos: VDR

Vorzeigebetrieben in Alang jedenfalls verweigerte die EU

erst kürzlich die Eintragung auf die Liste – eine aus unserer

Sicht sehr schwierige Entscheidung. Indien hat Fort schritte

gemacht, diese gilt es auch in Europa anzuerkennen und Anreize

zu setzen, um solche Werften, die noch keine hohen

Standards erfüllen, ebenfalls auf den Weg zu einer sicheren

und umweltfreundlichen Verwertung von Schiffen zu bringen.

Würde die EU eine Nutzung von Werften generell ausschließen,

die nach der „Beaching“-Methode Schiffe recyceln,

das Schiff also zum Verwerten zunächst wie in Alang auf einen

Strand aufsetzen, wäre gesamt Südasien und damit drei Viertel

aller weltweiten Recyclingkapazitäten von heute auf morgen

für Schiffe unter EU-Flaggen nicht mehr nutzbar.

Aber auch aus einem weiteren Grund wäre es eine falsche

Entscheidung: Angesichts der großen Nachfrage nach Stahl

in den sich entwickelnden asiatischen Volkswirtschaften hat

die Recyclingindustrie eine enorme ökonomische wie auch

soziale Bedeutung in Indien, aber auch in Bangladesch oder

Pakistan. So leben auf dem indischen Subkontinent ganze

Regionen und Wirtschaftszweige, die auf das Schiffsrecycling

ausgerichtet sind, von der Stahlverwertung oder vom Weiterverkauf

von Schiffsteilen und Schiffsmobiliar. Allein in Alang

sind direkt bei den Werften 66 000 Menschen angestellt.

Die EU sollte ihren eigenen, hehren Prinzipien folgen, Fortschritte

vor Ort anerkennen und die Entwicklung in der Region

weiter fördern. Es wäre kein gutes Zeichen, würde Europa den

Werftarbeitern von Alang sozusagen die Jobs wegnehmen und

Safety first, das gilt jedenfalls

auf den meisten Abwrackbetrieben

in Alang. Das

Problem, sagt der Autor, liegt

jetzt eher in Europa

ganze Industriezweige boykottieren lassen.

Unser Interesse muss sein, dass sie unter

sicheren, menschenwürdigen Bedingungen

arbeiten und ihre Familien ernähren können.

Natürlich ist nicht alles gut in Alang.

Betriebe, die bislang ohne ein sogenanntes

Statement of Compliance arbeiten, haben

noch einen Weg der Umrüstung und

Um organisation der Werftgelände vor sich,

um die Standards des Hongkong­ Übereinkommens

zu erfüllen. Dieser Weg sollte aber

auch aus Brüssel unterstützt, nicht erschwert

werden. Ohne ein deutliches Zeichen aus

Europa, die erreichten Veränderungen der

zertifizierten indischen Werften zu honorieren

und zu unterstützen, wird der Schritt zur

Transformation aller Werften in Alang und darüber

hinaus erheblich schwieriger werden.

UNSER FAZIT: Erschwert Brüssel den

Zugang zu indischen Werften, ist damit niemandem

gedient. Die Betriebe in Alang und

anders wo in Asien brauchen Anreize, um dem

Beispiel der bereits zertifizierten Werften zu

folgen. Verbote aus Brüssel sind der falsche

Weg, um Fortschritte an den Stränden und

für die Menschen dort zu fördern.

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TITEL

TITEL

„Ich lasse mich locken,

schaue, klettere herum,

lote die Stimmung aus“

Da will ich rauf!

Von: Ulf Wolter, Kapitän

Rostige alte Pötte faszinieren den Kreuzfahrtkapitän.

Man kann von ihnen lernen, sagt er – und betrachtet die Wracks

nicht nur von der eigenen Brücke aus

Fotos: Jürgen Hohmuth

Auf-der-Durchreise-Wracks“, so nenne

ich meine Begegnungen mit den

rostigen Pötten. Wenn einer von

ihnen in der Nähe ist, wenn die Bedingungen

es zulassen, wird der Kurs spontan geändert,

um diesen Plan umzusetzen. Vom eigenen

Schiff aus habe ich schon viele Wracks betrachtet:

aus sicherer Distanz von der Brücke

mit dem Fernglas. Es ist natürlich spannender

und intensiver, mit dem Wrack auf Tuchfühlung

zu gehen. Manchmal gelingt das von

der Landseite oder mit Hilfe eines kleinen

Bootes. An einigen dieser desolaten Schiffskörper

bin ich aufge entert und habe meinen

Fuß an Deck gesetzt. Am liebsten allein,

um ungestört zu sein. Ich bewege mich dort,

neugierig zwar, jedoch stets mit besonderer

Vorsicht und mit Respekt. Eigentlich sind das

ja Orte, an denen ich nichts verloren habe.

Trotzdem stöbere ich weiter und lasse mich

locken von dem, was noch halbwegs existent

und irgendwie zugänglich ist. Hinein

in die Logis, den Maschinen- und Laderaum,

die Brücke, die Bilge, den Kettenkasten, die

Vor allem Rost hält die

„Desdemona“ (links)

noch zusammen.

Der Frachter, 1952 in

Hamburg gebaut,

havarierte 1985 vor der

Küste Argentiniens.

Die „Logos“ bereiste als

Bücher- und christliches

Hilfsschiff die Weltmeere,

bis sie 1988 in

chilenischen Gewässern

auf Grund lief

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TITEL

TITEL

Kombüse und vieles mehr von vorn bis achtern,

Spant für Spant.

Fotografieren will ich da gar nicht. Lieber

schärfe ich die eigenen Sinne und kon zentriere

mich auf die Umgebung. Auf meine Art und

Weise. Alles anschauen, herum klettern, die

Stimmung ausloten und aufsaugen. Auch

den Geruch, der ganz eigen ist. Es riecht nach

Schlick, Muscheln und Meer, ein modrigfeuchtes

Milieu, rostig und schlammig zugleich.

Manchmal richtig derb. Ich spüre das

Besondere des Ortes. Und versuche, keinen

unnötigen Lärm zu verursachen, um die

Atmosphäre nicht zu stören. Wer weiß schon,

welche Folgen das haben könnte?

Was für dramatische Szenen mögen

sich an Bord abgespielt

haben, als das

Unglück seinen Lauf

nahm! Man liest und

hört viel Unterschiedliches.

Mythen und

Legenden ranken sich

vom Kiel bis hoch zum

Masttopp. Vom Anker,

der nicht hielt, dem

betrunkenen Seemann,

verrutschter Ladung, von lukrativen

Drogengeschäften, Monsterwellen und dichtem

Nebel bis hin zur Selbst versenkung ist

die Rede. Endlos lang ist die Liste. Jedes Wrack

erzählt seine eigene Geschichte von vergangenem

Unglück. Möglichst geräuschlos,

so wie ich kam, verlasse ich den magischen

Ort auch wieder. Ohne Fotos, dafür mit reichlich

Impressionen.

WRACKS, die aus dem Wasser ragen,

rotten häufig weit weg von jeglicher Zivilisation

auf abgelegenen Untiefen oder schwer

zugänglichen Inseln und Küstenabschnitten

vor sich hin. So ist nur wenigen Menschen

der Blick, geschweige denn der direkte Zugang

auf solche rostigen Kähne vergönnt. Das

sind meine Lieblingswracks. Die exotischen

Destinationen an Bord meines Schiffes, weit

abseits vielbefahrener Routen, ermöglichen

mir immer wieder einen Wrackbesuch hautnah,

sofern das Wetter und die Zeit dieses erlauben.

Ein Privileg! Viele von diesen maroden

Schiffskörpern beobachte ich seit einigen Jahren

und erlebe den kontinuierlichen Verfall.

Mitunter bin ich überrascht von der guten Genetik

einiger dieser rostigen Pötte. Sie halten

sich erstaunlich gut, obwohl doch Wasser und

Wetter immerzu an ihnen nagen. Jedenfalls

kehre ich mit gespannter Erwartung immer

wieder gern an solche Orte zurück.

ALS SEEMANN kann ich von Wracks

etwas lernen. Da bin ich mir sicher. Sie lehren

und mahnen mich stoisch, vorsichtig und

verantwortungsvoll mit dem eigenen Schiff

umzugehen. Damit das Schicksal nie brutal

zuschlagen möge, damit ich immer auf dem

rechten Kurs mit ausreichend Wasser unterm

Kiel bleibe. Und dann

„Legenden

ranken sich vom

Kiel bis in

den Masttopp“

Ulf Wolter, Kapitän

geht es bei meinen Wrackbesuchen

auch um Demut

und Wertschätzung

gegenüber dem Meer, diesem

kostbaren und wunderschönen

Element. Da

habe ich Gewissheit!

Das Zusammenspiel

von Meer und fulminanter

Landschaft verleiht den

Wracks oft eine magische Ausstrahlung.

Hinzu kommt der Einfluss von Sonne und

Wolken, das gesamte Wettergeschehen lässt

den reglosen Schiffskörper in besonderem

Licht erscheinen. Manchmal hilft sogar der

Mond mit. Diese Atmosphäre greift Jürgen

Hohmuth auf und vermittelt sie mit seinen

Fotos. Sie sind eindeutig und klar, traurig und

schön zugleich. Es sind Bilder, Stimmungen

und Momentaufnahmen. Man sieht: Es geht

auch um Leben und Tod. Erst durch solche ausdrucksstarken

Aufnahmen versteht man den

Mythos von „Wracks am Ende der Welt“.

Ulf Wolter, 52, früher MS Europa 2, wird jetzt

Kapitän auf dem neuen Expeditionsschiff

„Hanseatic Inspiration“, ebenfalls Hapag-

Lloyd. Er stammt von der Elbinsel Krautsand,

auch sein Vater, Großvater und Urgroßvater

waren Kapitäne. Für das Buch „Wracks am

Ende der Welt“ (2012, vergriffen) hat er den

Text geschrieben. Die Bilder auf diesen Seiten

stammen aus diesem Buch.

Fotos: HL Cruises

Foto: Christian Faesecke

Hinter den Reisfeldern

Rund 150 000 Menschen leben von der Schiffsverschrottung

in Bangladesch nahe der Millionenstadt Chittagong.

Christian Faesecke war dort

Von Weitem erblicke ich

Schiffsbrücken zwischen

den Baumkronen“, erzählt AUSSTELLUNG

Christian Faesecke von seiner Reise

nach Bangladesch. „Die zartgrünen

Reisfelder gehen über in einen Highway,

zu dessen Seiten sich Fabrikhallen

und Hütten miteinander verflechten.“

Auf der Straße angekommen,

entdeckt er in den zahllosen aneinandergereihten

Hütten Verkaufsflächen

für Schiffsbauteile. Da kann

man wirklich alles erwerben, was einmal

an Bord der am Strand demontierten

Schiffe war: Maschinenblöcke, Inneneinrichtungen,

Rollen benutzter Kabel, Navigationsinstrumente, Rettungsringe

und Feuerlöscher. Manchmal sind darauf sogar noch

die verblichenen Namen der einstigen Schiffe zu entziffern.

Christian Faesecke, 1979 in Kiel geboren, ist gelernter Orthopädie-Techniker

und baut seit über zehn Jahren Beinprothesen

für Menschen nach Amputationen. Früh war sein

„Chittagong. Schlachthof der

Schiffe“ heißt die Fotodokumentation

von Christian Faesecke. Sie

ist während des Kirchentags in

Dortmund vom 20. bis 22. Juni in

der Passage der Westfalenhalle,

Innenstadt West, zu sehen.

Am Strand

nahe

Chittagong

wird abgewrackt.

Die Teile kann

man dann

an der Straße

kaufen

Interesse an Reisen in ferne Länder

erwacht. Sie führten ihn zunächst

nach Mittel- und Südamerika, dann

nach Kenia und Dubai und später

nach Indien und Bangladesch. In seinen

Fotoreportagen beleuchtet er

die Hintergründe der globalen Warenproduktion,

die Verwertungskette

und zeigt die Arbeitsbedingungen der

Menschen, die von den Verbrauchern

der Produkte nicht gesehen oder nicht

wahrgenommen werden.

Christian Faesecke hat auch die

Schiffsverschrottung in Bangladesch

dokumentiert, wo Containerschiffe in monatelanger Handarbeit

abgewrackt werden.

Die Ausstellung (auch das Titelbild dieser Ausgabe von

Lass fallen Anker“ gehört dazu) wird während des Kirchentags

in Dortmund zu sehen sein. Anschließend können

Stationen der Seemannsmission, interessierte Kirchengemeinden

und Gruppen die Ausstellung ausleihen.

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GEISTLICHES WORT

SIMAGNAM ASPELITAS MELDUNGEN AM WASSER

Gott, der du stillst

das Brausen des Meeres,

das Brausen seiner Wellen

und das Toben der Völker.

(PSALM 65,8)

Von: Olav Fyske Tveit

Als Pfarrer auf vier Inseln an der

Westküste Norwegens wurde ich

jeden Sonntag an die besonderen

Existenz bedingungen am Meer erinnert. In

jeder Kirche hing ein Schiffsmodell in der

Mitte des Gebäudes von der Decke herab.

Mindestens zwei wichtige Botschaften wurden

damit ausgedrückt:

Erstens: Das Meer bietet die Möglichkeiten

für das Leben der Menschen an der

Küste und auf See: Essen, Arbeit, Verdienst,

Wohlstand, Kommunikation, Erfahrungen

und das Kennen lernen anderer Kulturen und

Kontinente. Aber Fernweh wird zum Heimweh

mit wachsendem Abstand zur Heimat und zur

Familie. Am Meer lauern auch Gefahren und

manchmal unbekannte Risiken. Menschen am

Meer wissen auch von Katastrophen und Tod.

Zweitens: Das Schiff erinnerte zugleich

daran, dass Gott uns alle als Kirche wie die

Mannschaft eines Schiffes mit an Bord nimmt

und miteinander versammelt. Gott gibt uns

Weggeleit, sagt die Richtung an und führt

das Schiff durch Sturm und Wellen – in allen

Jahren, in allen Zeiten, bei jedem Wetter.

ICH FRAGTE MICH: Wie hängen diese

zwei Botschaften zusammen? Was verbindet

unser tägliches Leben angesichts des Meeres

mit seinen Möglichkeiten und drohenden Gefahren

mit unserem Verhältnis zu Gott, zu

Gottes Liebe, Gottes Schutz, Gottes Rettung

und Heilung in der Kirche?

Dr. Olav Fykse Tveit ist

lutherischer Theologe

und Pastor in Norwegen

und Generalsekretär des

Ökumenischen Rates

der Kirchen.

Ganz oft kamen für mich die Antworten auf

meine Fragen in der Kirche nicht von ausgefeilten

Texten oder dogmatischen Lehren

der Kirche. Antworten leuchteten oft in den

Fragen selbst auf, wenn sie an Gott gerichtet

wurden. Ich fand sie in Gebeten, die die versammelte

Gemeinde sprach, als Gefühl der

Geborgenheit in der Gemeinschaft und in den

Rufen um Hilfe – gerade auch mit den Worten

der Bibel, insbesondere den Psalmen, oder im

Schatz der Lieder und Gesänge der Gemeinde.

Gott hat uns für das Leben in dieser Welt

geschaffen – auch für das Leben am Meer.

Fischern und Seeleuten gibt es das tägliche

Brot. Aber nie und nirgendwo

ist unser Leben ohne Risiken

und Gefahren. Auch die

Schöpfung, sagt der Apostel

Paulus im achten Kapitel des

Römerbriefes, leidet mit uns

und hofft auf die Befreiung

durch Gott. Trotz allem: Nie

und nirgendwo sind unsere

Tage ohne Gott, ohne den

hörenden Gott, den Gott, der

uns die Botschaft der Liebe

Christi mit auf den Weg gibt

durch sein Wort, wie es in der

Kirche verkündigt wird.

Du bist nicht allein. Du

bist geliebt, so dass auch du

lieben kannst in dieser Welt.

Auch am Meer.

Foto: Albin Hillert

Fotos: Seemannsheim, 1930, Holzhafen: Staatsarchiv Hamburg, 720-1_00729_19; privat

Die ICMA Weltkonferenz

findet vom 21. bis 25. Oktober

in Kaohsiung in Taiwan statt.

„50 Jahre Zusammenarbeit

für Seeleute, Fischer und ihre

Familien“ heißt das Thema.

Die Internationale Christliche

Maritime Assoziation ist

ein freier Zusammenschluss

von christlichen Non-Profit­

Organisationen, die für das

Wohl von Seeleuten in aller

Welt arbeiten. Die ICMA

wurde 1969 gegründet und

repräsen tiert derzeit mehr

als 4590 Seemannsmissionen

und 900 Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter in 125 Ländern.

Während der Konferenz in

Taiwan wird das 50-jährige

Bestehen der Kooperation

gefeiert. Und der Termin für

die nächste westeuropäische

Regional konferenz steht

auch schon fest: 6. bis 8. Mai

2020 in Antwerpen.

Jetzt hat er einen Namen: Der ökumenische

Seemannsclub in Brake heißt nun „ Seamensclub

Pier One“. Gemeinsam haben die Deutsche

Seemannsmission Unterweser und Stella Maris

Bremen Namen und Logo entwickelt. Beide

gewährleisten auch die regelmäßigen Öffnungszeiten

an sechs Tagen in der Woche. Der Club

wurde 2006 eröffnet. Er liegt innerhalb des

ISPS-Bereiches des Braker Hafens. Im Jahr 2018

konnten 2654 Seeleute im Club begrüßt werden.

In der „Fischer- und Schifferstube“

am Hamburger

Fischmarkt begann 1898

die Geschichte der Altonaer

Seemannsmission. Ein

neues Buch erzählt viele

spannende Details: das Wirken

der legendären Seemannspastoren

Jungclaussen, Thun,

Kieseritzky und Osterwald.

Den Kampf gegen die Nazis,

die eigene Seemannskirche,

die Pamir-Katastrophe. Außerdem

viele Facts zur Clubarbeit

in den 1960ern ebenso wie

zur Kreuzfahrerbetreuung in

der Sea farers’ Lounge.

Arnd Ziemer, Leon Ziemer:

Große Elbstraße 132 – wo Seeleute

ankern. Geschichte der

Seemannsmission Hamburg-

Altona, 272 S., 389 Abb.

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INTERVIEW

INTERVIEW

„Mehr Fortbildung

und Austausch“

Christoph Ernst ist „der Neue“ – und will sich vor

allem um die haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter

in den Stationen weltweit kümmern

Die Gangway ist der

Zugang zum Schiff –

und zu den Seeleuten

Sie sind seit 1. März Generalsekretär

der Deutschen Seemannsmission.

Wie haben Sie

die ersten Wochen im neuen

Amt erlebt?

Christoph Ernst: Es ist für mich alles

ganz neu und Tag für Tag hoch spannend.

Ich bin schon vielen und überaus engagierten

Kolleginnen und Kollegen begegnet, die eine ganz

großartige Arbeit leisten. Ich bin auch dankbar, dass

ich vom Bonus eines Newcomers profitieren darf

und alle noch Geduld mit mir haben, also nicht alle

Heraus forderungen in den ersten Tagen angegangen

werden müssen.

Was sind das für Herausforderungen?

Manchmal wird die Arbeit der Deutschen Seemannsmission

in der Öffentlichkeit zu wenig gesehen, oder

es werden auch kurzsichtige Schlüsse gezogen. So

sind einige Kirchen in Zeiten von Sparbemühungen

nur sehr zögerlich, die Seemannsmission finanziell

zu unterstützen, weil sie meinen, das sei Aufgabe der

Kirchen an der Küste. Aber auch die Waschmaschinen

aus Gütersloh, die in die ganze Welt exportiert und

mit denen natürlich auch Kirchensteuern generiert

werden, kommen nicht ohne Containerschiffe an ihre

Bestimmungsorte. Gerade im Blick auf Öffentlichkeits-

und Aufklärungsarbeit gibt es also viel zu tun.

Was war Ihre Motivation, dieses neue Amt

anzutreten?

Kirche muss sich dort positionieren, wo sie Außenwirkung

erzielt. Sie muss sich gerade um die kümmern,

die vielleicht mit Kirche erst mal gar nichts zu tun haben.

Diese Schnittstelle zwischen Kirche und Gesellschaft

war mir immer besonders wichtig, und die

Arbeit der Deutschen Seemannsmission ist genau

an dieser Schnittstelle angesiedelt. Die Seeleute, die

wir betreuen und die unter schwierigsten Bedingungen

arbeiten, sind häufig keine deutschen Staatsbürger.

Trotzdem haben wir für sie eine besondere

Verantwortung, denn unser Wohlstand als Exportnation

wäre ohne die Seefahrt undenkbar. Im Binnenland

macht sich doch kaum jemand bewusst, dass

90 Prozent des Welthandels über die Ozeane abgewickelt

werden. Gerade deshalb muss die Fürsorge für

die Seeleute, die mit ihrer harten und gefährlichen

Arbeit fernab ihrer Familien unseren Lebens standard

mit ermöglichen, selbstverständlich sein. Dafür

stehen wir als Seemannsmission.

Stammen Sie selbst von der Küste?

Nein, ich bin in Görlitz in der Oberlausitz aufgewachsen

und habe die ersten 25 Jahre in der DDR gelebt. In

den vergangenen neun Jahren war ich als Referent der

Evangelischen Kirche in Deutschland für die deutschsprachigen

Gemeinden in Nord- und Westeuropa zuständig.

In dieser Region gibt es einige Stationen der

Deutschen Seemannsmission, die mit den deutschsprachigen

Gemeinden verbunden sind, insofern gab

es Kontakte. Auch davor hatte ich ein ausgeprägtes

ökumenisches Interesse, das mag an meiner Kindheit

und Jugend in der vergleichsweise engen DDR liegen.

Ich war von 2003 bis 2010 Pfarrer der deutschsprachigen

Gemeinde in Ottawa in Kanada, und während

meines Studiums verbrachte ich ein Jahr im kalifornischen

Berkely, wo ich jeden Tag von der Dachterrasse

des Wohnheims aus die Containerschiffe unter der

Golden Gate Bridge hindurchfahren sah. Den Hamburger

Hafen habe ich erst viel später kennengelernt.

Wie sind Sie überhaupt zur Theologie

gekommen?

Nicht ohne Umwege. Ich komme aus einem behüteten

ostdeutschen Pfarrhaus, war daher nicht

in der Staatsjugend FDJ, habe auch keine Jugendweihe

mitgemacht und wurde dann in der DDR auch

nicht für eine zum Abitur führende Schule vorge­

Fotos: Martina Platte

„Mit ihrer harten

und gefährlichen Arbeit

sichern die Seeleute

unseren Lebensstandard“

schlagen. Da ich ohnehin ein eher praktisch veranlagter

Mensch bin, habe ich eine Tischlerlehre gemacht

und danach auch als Tischler gearbeitet. Später wollte

ich doch noch etwas anderes machen und wurde

erstmal „Filmmissionar“ beim Evangelischen Jungmännerwerk

Magdeburg.

Was hat man sich denn darunter vorzustellen?

Das bedeutete, dass ich praktisch jeden Tag in einer

anderen Kirchengemeinde in der DDR einen Film vorgeführt

habe. Das hieß „Filmfeierstunde“, es begann

immer mit einem Kirchenlied und endete nach dem

Film mit Gebet und Segen. Nur so galt es als gottesdienstliche

Veranstaltung, für die man keine staatliche

Genehmigung brauchte. Ich war immer drei Wochen

auf Tour und hatte dann eine Woche frei. So habe ich

jeden Tag ganz unterschiedliche Gemeinden kennengelernt.

Schließlich habe ich dann doch nach langem

Zögern angefangen, am Theologischen Seminar in

Leipzig zu studieren. Im fünften Semester kam die

Wende, und da ich ostdeutsche Kirchen zur Genüge

kannte, bin ich zum Studium nach Bochum gegangen

und wurde später Pfarrer in der westfälischen Landeskirche,

bevor es mich nach Kanada verschlug.

Wo sehen Sie in nächster Zeit Ihre

vordringlichen Aufgaben als Generalsekretär?

In erster Linie sehe ich es als meine Aufgabe, mich

um die Menschen zu kümmern, die als Haupt- und

Ehrenamtliche in unseren Stationen weltweit Dienst

tun. Wir sollten für sie verstärkt Möglichkeiten der

Fortbildung und des Austauschs schaffen, denn es ist

ein wirklich schwerer, anspruchsvoller und zu weilen

auch einsamer Dienst. Wir denken im Zeitalter der

Digitalisierung auch über Möglichkeiten von Teleseelsorge

nach, denn die Verweildauer der Schiffe in

den modernen Häfen wird immer kürzer. Außerdem

gehört es zu den wichtigen Aufgaben des Generalsekretärs,

gemeinsam mit dem Vorstand die Seemannsmission

in der Öffentlichkeit zu repräsentieren.

Das ist auch insofern wichtig, als wir in Zukunft noch

stärker als bisher auf außerkirchliche Unter stützung

angewiesen sein werden.

Der Vorstand der Deutschen Seemanns mission

hat im vergangenen Jahr beschlossen, die

Geschäftsstelle von Bremen nach Hamburg

zu verlegen. Wann wird es soweit sein?

Zunächst einmal: Die Entscheidung ist das richtige

Signal, denn Hamburg ist die deutsche Hafenstadt

par excellence, in der es gleich drei Stationen der

Seemannsmission gibt und in der auch viele unserer

Partner aus Reedereien und Politik ansässig sind. Ein

neuer Standort ist auch deshalb nötig, weil das Gebäude

in Bremen, in dem unsere Geschäftsstelle viele

Jahre zu Hause war, verkauft und abgerissen worden

ist und wir zurzeit nur zur Untermiete in den Räumen

des Diakonischen Werkes in Bremen untergebracht

sind. Ich hoffe, dass der Umzug im kommenden Jahr

stattfinden kann, dafür suchen wir gerade geeignete

Räumlichkeiten. Aber ich bin da zuversichtlich und

habe auch schon Ideen, die allerdings noch nicht ganz

spruchreif sind. Interview: Reinhard Mawick

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LASS FALLEN ANKER

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SEERECHT

SEERECHT

„Es gibt

kein Recht

der Natur“

Wo treffen sich See- und Völkerrecht? Welche Risiken birgt die unbemannte

Schifffahrt? Andrew Serdy lehrt Seerecht in Southampton. Ihn fasziniert an

seinem Fachbereich die Kombination mit Politik und Wirtschaft

Professor Andrew Serdy lehrt an

der Universität von Southampton

Internationales Recht und

„Ocean Governance“.

Professor Serdy, was bedeutet „Law of the

Sea“? Haben die See, das Meer, die Ozeane,

wirklich ein eigenes Recht?

Andrew Serdy: Den Gedanken des freien Meeres (mare

liberum), das Zugang für alle bietet, vertrat 1609 erstmals

der niederländische Jurist und Theologe Hugo

Grotius. Doch gerade da, wo die Hoheitsgewalt

fehlt und alle sich noch immer mehr oder weniger

frei bewegen dürfen, braucht es einen Rahmen zur

Verhütung des juristischen Vakuums. Dazu sind die

Weltmeere immerhin in acht Zonen eingeteilt. Das

Seerecht behandelt in diesem Umfeld die Balance von

Rechten und Pflichten im Miteinander der Staaten.

Sind alle Länder betroffen oder nur die mit

direktem Zugang zum Meer?

Zwischen den Küstenstaaten und den Flaggenstaaten

der Schiffe ergibt sich natürlich eine besondere Spannung.

Manchmal findet sich sogar der gleiche Staat in

anderer Umgebung selbst in der entgegengesetzten

Rolle wieder. Die Antwort auf die Frage „Wer setzt die

Regeln?” hängt darum davon ab, wie weit entfernt man

sich von einer Küste aufhält und was man dort anstellt.

Es geht hier auch um die Klärung der exakten Ausdehnung

der genannten Zonen. Dieser Klärungsprozess

schafft Sicherheit, wenn die Grenzen zur Trennung

der Zonen auf Seekarten richtig eingezeichnet sind.

Für die Seemannsmission steht Beachtung der

Menschenrechte auf See, an Bord und im Hafen

im Mittelpunkt. Könnten wir gemeinsame

Sache machen? Oder gibt es auch Widersprüche

zwischen diesen beiden Rechtsfeldern?

Zunächst einmal gibt es kein Recht in der Natur. Im

Laufe der Jahrhunderte haben Menschen es für Menschen

konstruiert. So auch das Völkerrecht, das sich

Fotos: Martina Platte

um das Verhältnis von Staaten zueinander bemüht.

Die allerdings sind abstrakte Gebilde, was allzu oft

vergessen wird.

See- und Völkerrecht gehören also zusammen?

Glücklicherweise gehört es zu den Grundprinzipien des

Völkerrechts, Verträge zur Behandlung eines Problems

von internationalem Interesse möglichst komplementär

und kumulativ zu behandeln. Vertragswerke setzen

also aufeinander auf. Daher dürfen wir erst mal voraussetzen,

dass die Menschenrechte und das Seerecht

komplett miteinander vereinbar sind. Wenn es dann

doch zu Unklarheiten kommt, wird nach einem Konsens

gesucht. Das Problem ist also eine Frage der Einstellung:

Wer das, was das eine Feld vorsieht, als unerwünschten

Eingriff in das andere Feld betrachtet, hat

in der Regel eine zu enge Sicht auf ein einzelnes Thema.

Dabei ist es immer besser – wie auf der Brücke eines

Schiffes – den Blick auf den ganzen Horizont zu richten.

Über zehn Jahre haben wir Erfahrungen mit

der „Maritime Labour Convention“ gesammelt,

die aus unserer Sicht ein wichtiger Meilenstein

für die Rechte der Seeleute ist. Wie schätzen

Sie die künftigen Perspektiven der darin

getroffenen Vereinbarungen inzwischen ein?

Keine internationale Konvention dürfte für alle Zeiten

perfekt sein. Gerade in einem dynamischen Umfeld

wie dem der Beschäftigungsbedingungen an Bord

müssen wir immer neue Entwicklungen berücksichtigen,

wenn die Konvention als Instrument nicht veralten

soll.

Ein Beispiel?

Seit 2006 wurden drei Änderungen der MLC vereinbart,

von denen die ersten beiden bereits in Kraft sind.

Die dritte zu den arbeitsrechtlichen Konsequenzen

von Piraterie hat die besten Chancen, bald zu folgen.

Das heißt, diese Konvention ist flexibel genug?

Ja, ich finde die Verfasser weise, weil das Änderungsverfahren

so konzipiert ist, dass es recht schnell über

die Bühne geht. In anderen Feldern des Völkerrechts

ist solch ein Prozess oft mühsamer. Viele Änderungsanträge

ziehen sich vor Inkrafttreten ein Jahr zehnt

oder mehr in die Länge, bevor bestimmte Be dingungen

zum Inkrafttreten erfüllt sind – und manchmal werden

sie niemals erfüllt.

Einen nächsten Schritt bildeten die „Rotterdam

Rules“ von 2008 – welche Bedeutung haben

diese Regeln, auf die sich die Generalversammlung

der UN schon geeinigt hat, und warum

sind sie noch nicht von ausreichend Staaten

unterzeichnet oder gar ratifiziert worden?

Ziel der Rotterdamer Regeln war die weltweite Einigung

über ein einheitliches Regelwerk, das alle Schritte

der Beförderung von Waren via Seeschifffahrt abdeckt,

sogar einschließlich der ersten und der letzten Etappe

an Land. Die drei vorangegangenen Regelwerke – die

ursprüngliche Haager Regelung 1924, ihre Aktualisierung

1968 (Haag-Visby) und das Hamburger Übereinkommen

1978 – wendeten sich jeweils an eine

andere unter den Interessengruppen der Schifffahrtsindustrie.

Die Rotterdamer Regeln waren ein Versuch,

einen für alle akzeptablen Kompromiss zu finden, der

sogar das Internet einbezieht.

Eigentlich sollten auch die USA beitreten, aber

das ist bis jetzt nicht geschehen.

Ja, es war die Hoffnung, dass dann viele andere nachziehen

würden. Möglicherweise ist dies der nun noch

fehlende, jedoch not wendige

Anreiz. Andererseits wird das

„Arbeitsplätze

an Bord gibt es

vielleicht bald

nicht mehr“

bloße Erreichen der Zahl von

20 Vertragsstaaten, die für

das Inkrafttreten erforderlich

sind, nur noch eine vierte

Option zu den bestehenden

drei hinzufügen. Dann würde

das Ziel der Einigung nicht erreicht

werden – es sei denn,

es würde noch viel mehr Beitrittsstaaten anziehen.

Sie sind in Australien geboren, haben ungarische

Vorfahren, in Deutschland studiert und

forschen und lehren jetzt in Großbritannien.

Ich bekam mit Anfang 30 die Chance, in das Seerecht

zu wechseln. Mich fasziniert die Kombination

aus rechtlichen, wissenschaftlichen, wirtschaft lichen

und politischen Fragen. Und so habe ich mich darauf

spezialisiert.

Was bewegt Sie persönlich mit Blick auf die

aktuelle Lage der Weltmeere, der Schifffahrt

und der Seeleute?

Meiner Ansicht nach besteht das größte Risiko für

die Seefahrt in der Entwicklung der unbemannten

Schifffahrt. Der Seehandel wird weiterhin be stehen,

da dies die effizienteste Art ist, Güter und Waren über

die ganze Welt hinweg zu transportieren. Aber wahrscheinlich

werden Arbeitsplätze an Bord von Schiffen

durch Kontrollzentren an Land ersetzt werden. Es

gibt zwar immer noch „Besatzungen“, die aber werden

sich an Land aufhalten. Die damit verbundenen

Beschäftigungs probleme werden ganz anderer Art sein

als die bisher bekannten – im Moment ist dies aber

noch nicht vorhersehbar. Interview: Jan Janssen

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KIRCHENTAG

MELDUNGEN

Auch bei

schwerer See

„Was für ein Vertrauen“ ist das Motto

des Evangelischen Kirchentags.

Und Vertrauen ist etwas, was wir

von den Seeleuten lernen können.

Auch im Ruhrpott

Der Evangelische Kirchentag findet

dieses Jahr in Dortmund

statt. Für einen Münchner beispielsweise

ist das schon Norddeutschland.

Andere würden eher sagen: „Das

liegt doch mitten in Deutschland.“ Und

tatsächlich, die Verbindung Dortmund

und Seefahrt springt einem nicht auf

den ersten Blick ins Auge. Doch Dortmund

ist eine alte Hansestadt, hier ist

der größte Kanalhafen Europas, und eine

halbe Stunde entfernt liegt mit Duisburg

ein Standort der Seemannsmission.

Auch Dortmund lebt also am Puls

des weltweiten Handels, der über

Schiffe abgewickelt wird, selbst wenn

Hans Leyen decker,

70, vielfach

preisgekrönter

investigativer

Journalist,

ist Präsident des

37. Deutschen

Evangelischen

Kirchentags

in Dortmund

die Container riesen hier nicht anlegen.

Im Grunde genommen muss man aber

sagen – egal ob Hafenstadt oder Alpendorf:

Wir leben alle von dem, was die

großen Schiffe bringen.

AUF DEN SCHIFFEN arbeiten

weltweit gesehen unzählige Menschen,

tagein tagaus, über viele Monate oft in

großer Einsamkeit, damit wir um die

Ecke kaufen können, wonach uns ist –

und die meisten wissen noch nicht mal

davon.

Das ist nicht nur eine harte Arbeit,

sondern auch eine von vielen nicht gesehene

Arbeit.

Mit harter Arbeit kennt man sich in

Dortmund aus. Hier kann man mit dem

Wort „malochen“ etwas anfangen, und

hier wurde im Strukturwandel vieles

nicht gesehen, viel Arbeit nicht anerkannt.

Aber heute sieht Dortmund anders

aus und steckt voller Aufbrüche.

Das ist einer der Gründe, wieso wir

den Kirchentag in Dortmund unter

die Losung „Was für ein Vertrauen“

(2. Könige 18,19) gestellt haben.

Das Zitat stammt aus einer Geschichte,

in der Jerusalem von einer

großen Armee belagert wird. In dieser

Situation gibt König Hiskia nicht auf,

sondern vertraut auf Gott. Was Hiskia

da tut, ist nicht einfach. Vertrauen auf

Menschen und auf Gott ist immer

ein Wagnis, denn nur dann wirklich

wichtig, wenn ich mir selbst nicht sicher

bin. Wenn ich alles sicher im Griff hätte,

müsste ich niemandem vertrauen. Aber

Hiskia vertraut Gott in aussichtsloser

Lage – es ist ein Trotzdem-Vertrauen.

Am Ende wird er recht behalten, die

Stadt fällt nicht.

ICH BEWUNDERE dieses Vertrauen

und finde es unheimlich wichtig,

für mich persönlich, aber auch für

die Gesellschaft. Das ist, glaube ich,

etwas, was ich und viele, die nicht zur

See fahren, von den Seeleuten lernen

können. Dieses Trotzdem-Vertrauen.

Im Angesicht der Naturgewalten, der

harten Arbeit und der Trennung von

Familie und Freunden. Vertrauen, dass

sie behütet bleiben, dass sie durchhalten

und dass ihre Lieben sie im Herzen

haben.

Ich wünsche mir, dass der Kirchentag

in Dortmund, zu dem wir über

100 000 Teilnehmer erwarten, auch

ein Ort sein wird, an dem wir gegenseitig

unser Vertrauen stärken, auch unser

Trotzdem-Vertrauen in schwierigen

Zeiten. Und es dann exportieren, in die

Stadt, in unser Land und vielleicht ja

auch auf See. Einen Hafen dafür gäbe es

in Dortmund zumindest schon mal.

Fotos: Robert Gross, privat (2)

Das Havariekommando und die Deutsche

Seemannsmission Hannover haben ihre

Zusammenarbeit auf eine neue Ebene

gehoben und arbeiten bei der maritimen

Notfallvorsorge noch enger zusammen.

Das Havariekommando ist eine gemeinsame

Einrichtung des Bundes und der

Küstenländer zum Unfallmanagement auf

Nord- und Ostsee. Durch neue vertragliche

Bindungen können die Mitglieder der

Seemannsmission nun noch tiefer in die

Struktur der Vorsorge integriert werden.

Drei Fachberater der Seemannsmissionen

Bremerhaven und Cuxhaven werden das

Havariekommando unterstützen und

die Betreuung von Betroffenen und

Einsatzkräften während einer komplexen

Schadenslage koordinieren.

Die Nordsee-Bibel ist in der zweiten Auflage.

Am Anfang waren Bilder vom Meer: keine

kitschigen Postkartenansichten, sondern

lebensnahe, aufwühlende Bilder des Malers

Hermann Buß. Dann kamen kurze, biblische

Texte dazu – und schließlich persönliche

Betrachtungen von Theologinnen und

Theologen. So entstand ein ungewöhn liches

Projekt: die Nordsee-Bibel, kraftvolles

Zeugnis des Ringens um einen Glauben,

der sich den großen Fragen des Lebens stellt.

Das Buch ist überall im Buchhandel und

direkt beim Verlag Agentur Altepost 2015 erhältlich;

29,95 Euro, ISBN 3-978-98175-28-5-4.

Die Baltic Breeze lag

wegen eines Brandes im

Maschinenraum für drei

Monate an der Seebäderbrücke

in Cuxhaven. Für die

Seemannsmission viel Zeit,

um mit der Besatzung im

Kontakt zu sein, sowohl an

Bord des Autotransporters

als auch im Seemannsclub.

Bevor das Schiff zum

Abwracken in die Türkei

geschleppt wurde, gab’s

von der Crew eine „ runde

Erinnerung“ als Dank.

Seeleute in Cuxhaven

können übrigens neuerdings

kostenlos ins Fitnessstudio!

Lars Schabrau,

Inhaber der Fitness Factory,

machte das möglich.

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LASS FALLEN ANKER

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FREIWILLIGE

Stolzer Bufdi im größten

Hafen an der deutschen

Westküste: Niklas Kölln.

Den Weihnachtsschmuck

haben Seeleute aus Bordabfällen

gebastelt

Hannah (links)

und Ina besuchen

Seeleute in einem

Hafen nahe der

Stadt

So übers

Leben reden

FREIWILLIGE

Hannah Fritz und Ina Meyer

unterstützen die Seemannsmission

in Antwerpen

Begeistert wegen meiner Oma

Niklas Kölln ist Freiwilliger in Brunsbüttel. Und bekommt im Hafen

eine exklusive Führung auf einem ukrainischen Schiff

Fremde Kulturen und Menschen aus anderen Ländern

fand ich eigentlich schon immer spannend. Nur: Wo

kann man solchen Leuten begegnen? Das ländlich geprägte

Dithmarschen an der Westküste Schleswig-Holsteins,

wo ich wohne, bietet da nur wenige Möglichkeiten – und

trotzdem gibt es eine: die Seemannsmission in Brunsbüttel.

Durch Zufall erfuhr ich, dass es dort eine Stelle im Bundesfreiwilligendienst

(Bufdi) gab. Und wie es manchmal so ist im

Leben: Die schönsten Dinge passieren unerwartet! So bin ich

also seit August 2018 stolzer Bufdi und darf an jedem Arbeitstag

Schiffe im Brunsbütteler Hafen – übrigens der größte

Hafen an der deutschen Westküste – besuchen.

AUCH NACH SECHS MONATEN und einer gewissen

Routine ist es jedes Mal aufs Neue spannend: Welche Menschen

erwarten mich an Bord? Jeder Seefahrer ist anders.

Viele sind zunächst etwas verschlossen. Dann ist es unsere

Aufgabe, erst mal ein lockeres Gespräch anzufangen und uns

zu erkundigen, womit wir der Crew etwas Gutes tun können.

Andere Seeleute sind sofort Feuer und Flamme, wenn sie

unsere Begrüßung „Good afternoon, we’re from Seamen’s

Club!“ hören. Sie fragen uns, wann und wie sie am besten

zu unserem Seemannsclub kommen können. Der bietet Seeleuten

in gemütlicher Atmosphäre ein Stück Zuflucht vom

harten Arbeitsalltag an Bord – mit Snacks, Getränken, Billard

und freiem Internetzugang. Der Transfer zum Club und die

Betreuung des Clubs gehört neben den Schiffsbesuchen auch

zu meinen Aufgaben als Bufdi.

Eigentlich gleicht kein Arbeitstag dem anderen; schon deshalb,

weil fast jeden Tag neue Schiffe den Hafen ansteuern und selten

eins länger bleibt als drei Tage. Man lernt Un mengen an

Menschen kennen, doch weiß man nie, ob man sich wiedersieht.

Ein Schiff bleibt mir besonders in Erinnerung: die „TR

Niklas“. Nicht, weil ich mit ihr namensverwandt bin, sondern

aufgrund eines schönen Erlebnisses: Der ukrainischen Besatzung

erzählte ich, dass meine Oma in der Ukraine geboren

wurde. Das sorgte wohl für Begeisterung: Ein Seemann bot

mir daraufhin einen exklusiven Schiffsrundgang an mit Blick

in den Motorenraum und auf die Brücke. Ein Privileg!

SOLCHE BESONDEREN MOMENTE gibt es immer

wieder. Etwa vor kurzem, als mich eine komplette philippinische

Besatzung nach SIM-Karten fragte. Nachdem ich mit

viel Zeitaufwand jedem eine verschafft hatte, wusste ich, dass

ich etwas Gutes getan hatte: Die Männer konnten das erste

Mal seit acht Wochen Kontakt zu ihren Familien aufnehmen.

In der Weihnachtszeit war ich auf einem Schiff, dessen Crew-

Aufenthaltsraum besonders weihnachtlich geschmückt war;

aus recycelten Bordabfällen, von den Seeleuten mit viel Liebe

zum Detail gebastelt (siehe Foto). Unter den ebenfalls selbst

gebauten Weihnachtsbaum legte ich dann Geschenke, die die

Seemannsmission für die Seeleute gepackt hatte. Denn: Viele

von ihnen feiern Weihnachten an Bord, fern von zu Hause.

Ich bin gespannt, was ich als Bufdi noch alles erleben

werde. Eins steht aber jetzt schon fest: Die Erfahrungen, die

ich hier sammle, sind für mich unglaublich wertvoll.

Fotos: privat

Foto: privat

Hallo! Wir zwei Mädels sind im Zuge des Internationalen

Jugendfreiwilligendiensts (IJFD) bei

der Deutschen Seemannsmission in Antwerpen.

Antwerpen ist der zweitgrößte Hafen Europas. Ein paar

Zahlen gefällig? 2018 wurden auf einer Fläche von 152,57 qkm –

die übrigens größer ist als die von Rotterdam – 235,2 Millionen

Tonnen Güter umgeschlagen, die durch 14 595 Schiffe in

unseren Hafen gebracht wurden. Und irgendwo mittendrin

wir zwei, die zusammen mit unserem Stationsleiter versuchen,

so viele Schiffe zu besuchen wie möglich.

Hier in Antwerpen arbeiten die Seemannsmissionen aus

verschiedenen Ländern und Kirchen sehr eng zusammen, so

können wir den kompletten Hafen mit Besuchen abdecken.

Jeder Kollege, jede Kollegin hat einen Teil des Hafens zugeteilt

bekommen, in dem er oder sie die jeweiligen Schiffe besucht.

In unserem Fall ist das ein kleines Hafengebiet, nicht weit

entfernt von der Stadt. Dort legen vor allem Tanker an, ein

paar Stückgutschiffe, Bulkcarrier und kleine Containerschiffe.

Bis auf ein paar Liner kommen die Schiffe in dem von uns

betreuten Hafengebiet eher unregelmäßig. Viele Crews wissen

nur, welches ihr nächster Hafen ist, und nicht unbedingt,

wo sie in einem Monat sein werden. Wenn sie dann durch

Zufall wieder bei uns landen, ist die Wiedersehensfreude

umso größer.

SCHON DER BESUCH ist also wichtig. Außerdem

bringen wir immer die Informationen zum kostenlosen Bus-

Service des Seemannsclubs mit an Bord, Zeitungen in einigen

Muttersprachen der Seeleute, und wir bieten SIM-Karten zum

Verkauf an. Wie so ein Schiffsbesuch verläuft, ist auch von der

Crew abhängig. Neben der Crew Mess, dem Aufenthaltsraum

für die Besatzung, liegt in der Regel die Küche. Ist die Crew

also gerade beschäftigt, sind wenigstens der Koch oder sein

Gehilfe, der „Galiboy“, nebenan, und wir können ihnen kurz

DEIN „AUSLANDSJAHR“

IN DEUTSCHLAND

Der Freiwilligendienst mit Seeleuten aus aller Welt ist

wohl mit Abstand der internationalste Dienst, den man

sich im Inland vorstellen kann. Im Laufe eines Jahres

begegnen uns Menschen aus über 180 Nationen, die

mit ihren Schiffen über die sieben Weltmeere in unsere

Hafenstädte kommen. Egal ob im Bundesfreiwilligendienst

oder als Freiwilliges Soziales Jahr, bei uns gibt es

für jede und jeden die passende Stelle.

Du möchtest mehr erfahren? Die Inlandstationen der

Deutschen Seemannsmission informieren ausführlich

über den Freiwilligendienst auf www.bufdimare.de

die mitgebrachten Informationen erklären. Ansonsten unterhalten

wir uns mit den Crew-Mitgliedern, die einen Moment

Zeit haben und den kleinen Talk dann genießen.

Mal hören wir etwas über die Heimatländer, mal über

Haustiere, Kinder, Träume, Essen, Kulturunterschiede, mal

reden wir einfach über das Leben. Wir haben auch schon mal

eine Führung durch den Maschinenraum bekommen. Manchmal

zeigt uns ein stolzer Koch die riesigen Kühlschränke.

Im Seemannsclub findet der andere Teil unserer Arbeit

statt. „Wo bekommt man die beste Pizza her?“ – „Wo ist der

nächste Starbucks?“ – „Was kann ich meiner Freundin mitbringen,

wenn ich nach Hause komme?“ – ganz gleich, welche

Frage oder welches Problem, wir haben immer ein offenes

Ohr und helfen gerne weiter. Genau darum geht es uns. Für

ein bisschen Ablenkung sorgen. Zeigen, dass sich jemand

kümmert und sorgt. Eine Verbindung zwischen Schiff und

Land schaffen. Ein offenes Ohr haben. Uns geht das manchmal

richtig ans Herz. Und es macht riesige Freude.

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SEELSORGE

SEELSORGE

Das darf

keine Option sein

Von Clara Schlaich

Niemand weiß, ob Suizide auf hoher See häufiger

passieren als an Land. Tatsache ist: Seeleute leiden oft

unter Einsamkeit und unter der langen Trennung

von der Familie

PROFESSIONELLE PSYCHOSOZIALE HILFE:

GUT FÜR SEELEUTE UND REEDER

Wer über belastende Erlebnisse sprechen will, braucht Vertrauen

und Vertraulichkeit. Die Deutsche Seemannsmission

ist eng mit der Welt der Seeleute verbunden und zugleich

unabhängig von Firmen und Behörden.

Die Psychosoziale Notfallversorgung (PSNV) in der

Deutschen Seemannsmission wurde professionalisiert, wir

haben ausgebildet und Strukturen geschaffen. Damit kann

die Deutsche Seemannsmission Reedereien und Agenturen

unterstützen:

Schulung von Seeleuten und Landpersonal

Vorbereitung auf belastende Ereignisse

Professionelle Betreuung und Beratung von Seeleuten

während belastender Ereignisse und danach

Immer wieder sind die Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter der Deutschen

Seemannsmission mit Fällen

von Suizid unter Seeleuten und Kreuzfahrtpassagieren

konfrontiert. Sie treffen

dann auf eine verstörte Crew, denn

oft sind die Umstände des Todesfalls

unklar. Ein Selbstmord hinterlässt bei

Kollegen und Familien Schuldgefühle

und Traumatisierung. Durch persönliche

Gespräche und E-Mail- Kommunikation

versuchen die Mitarbeiter der Seemannsmissionen

die seelischen Nöte

für die Zurückgebliebenen an Bord zu

lindern.

Suizid ist eine der häufigsten Todesursachen

bei jungen Männern. Es ist unklar,

ob Selbstmorde unter Seeleuten

häufiger sind als bei der Landbevölkerung.

Die wissenschaftlichen Studien zu

Suizid bei Seeleuten zeigen ein uneinheitliches

Bild: Einerseits ist es so, dass

bei Seeleuten psychische Erkrankungen

seltener sind als in der Normalbevölkerung.

Andererseits ergab ein Survey der

International Transport Workers’ Federation

(ITF) im Jahr 2015, dass sechs bis

35 Prozent der befragten Seeleute einen

Kollegen kannten, der schon mal über

Suizid nachgedacht hatte. Auch wird

davon ausgegangen, dass die meisten

Fälle von „unklarem Über-Bord-Gehen“

mit einem Suizid zusammenhängen.

DIE RISIKOFAKTOREN für Suizide

sind bekannt und lassen sich auf die

besondere Situation von See leuten übertragen:

Isolation, die lange Trennung

von der Familie und Freunden, fehlende

Möglichkeiten zum Gespräch, Schlafmangel,

finanzielle Sorgen, Mangel

an Sport- und Freizeitmöglichkeiten,

Alkohol, Spannungen in der Crew, traumatische

Erlebnisse durch Verletzungen,

Erlebnisse bei der Flüchtlingsrettung,

Piraterie, Havarie, familiäre Krisen. Besteht

dann noch eine seelische Labilität

oder entwickelt sich eine psychische

Erkrankung, kommt es zu Depressionen

oder zu Angst, wird die Hoffnungslosigkeit

zu groß, und die Lebensprobleme

erscheinen unlösbar. Dann sehen die

Betroffenen oft keinen Ausweg mehr.

In einer englischen Studie aus dem

Jahr 2009 wurden die folgenden Ursachen

des Selbstmords bei See leuten

Die Deutsche Seemannsmission ist offen für Gespräche

zu Partnerschaften im Bereich der Psychosozialen Notfallversorgung.

Foto: Martina Platte

Schraubenwasser

nennen Seeleute

diesen Anblick. Gut

gestimmten, starken

Menschen sagt das

schäumende Element:

Wir kommen voran,

wir kommen

dem Ziel näher

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SEELSORGE

SEELSORGE

Rate volor aspiend itiaturem. Namus aut

lab invel esequam solore, qui omnim duciae

vendit volupta exceruptatum il inum rem is

aruptatum solum, evento et, qui nonsequ

Beim Blick

übers weite

Wasser mag

manchem,

der auf See

arbeitet,

die eigene

Verzweiflung

immer größer

vorkommen

ETHIK IN DER SCHIFFFAHRTSMEDIZIN

Im Juni findet das 15. „International Symposium on

Maritime Health“ statt. Schifffahrtsmediziner aus aller

Welt treffen sich, um über gesundheitliche Themen

für Beschäftigte und Passagiere rund um Schiff, Hafen,

Offshore und Tauchen zu sprechen.

Erstmals findet dabei ein gemeinsames Symposium

der Deutschen Seemannsmission und der International

Maritime Health Association zu ethischen Themen in der

Schifffahrtsmedizin statt. Unter anderem werden Fragen

zur psychosozialen Notfallversorgung, Tauglichkeitsuntersuchungen,

der ärztlichen Schweigepflicht, Folgen der

Traumatisierung durch die Flüchtlingsrettung diskutiert.

Information zum Thema erhalten Sie bei Matthias Ristau,

Seemannspastor der Nordkirche:

nordkirche@seemannsmission.org

Dr. med. Clara Schlaich, MPH, Präsidentin der Deutschen

Seemannsmission e.V. clara.schlaich@jhu.edu

genannt: Arbeitsplatzkonflikte (30 Prozent),

familiäre Probleme (20 Prozent),

psychische Erkrankungen und Alkoholismus

(20 Prozent). Achtzig Prozent der

Suizide an Bord wurden durch Ertrinken

vollzogen.

SOZIALE UNTERSTÜTZUNG

und Gespräche mit Angehörigen,

medizinische Hilfe oder Angebote wie

die Telefonseelsorge stehen an Bord

nicht zur Verfügung: Die Seeleute sind

an Bord mit ihrer Verzweiflung oft alleine

gelassen. Hinzu kommt das Stigma, das

Suizide in vielen kulturellen und religiösen

Kontexten umgibt.

Zieht sich ein Seemann an Bord zunehmend

zurück, ist er niedergeschlagen

oder aggressiv oder berichtet von

belastenden familiären oder finanziellen

Problemen, trinkt er zu viel Alkohol

und äußert lebensmüde Gedanken: „I

wish I were dead“ oder „I wish I hadn’t

been born“, ist es schwer für die Kollegen,

darauf einzugehen und die richtigen

Fragen zu stellen: „Do you ever

feel like just giving up? Are you thinking

about dying? Have you ever thought

about suicide before or tried to harm

yourself before? Do you need help?”

Nachfragen, zuhören und einfach für

ihn da sein – das sind wirksame Hilfen,

um Verzweiflungstaten zu verhindern.

Die Weltgesundheits organisation

fordert die Staaten auf, wirksame

Präventionsprogramme einzuführen.

Auf See geht es darum, die Seeleute zu

schulen, Suizidalität zu erkennen und

auch konkret anzusprechen. Hier gibt

es noch viel Nachholbedarf.

Die Deutsche Seemannsmission und

ihre Mitarbeiterinnen und Mit arbeiter

leisten einen wichtigen Beitrag zur seelischen

Gesundheit von Seeleuten. Sie

helfen, die soziale Isolation zu vermindern,

schaffen Freizeitmöglich keiten,

bieten Kommunikationsmittel. Ge schulte

Seelsorger in den Einrichtungen haben

ein offenes Ohr und können auch

schwierige Gespräche aushalten.

Fotos: Martina Platte

„Das kann doch einen

Seemann nicht erschüttern.“

Doch. Kann es

Ein Sturm ist überstanden, ein Brand gelöscht –

da wäre es gut, auch mal über die Angst zu sprechen

Es sind Menschen, die da auf den Schiffen leben

und arbeiten, Menschen wie du und ich. Sie

haben sich für den Seemannsberuf entschieden

und nehmen damit einiges auf sich, sind Schweres

gewöhnt. Aber trotzdem stimmt der Schlagertext oft

nicht: Vieles kann einen Seemann erschüttern. Auch gerade

deshalb, weil die normale psychische Belastung an

Bord schon hoch ist. Einige Gründe sind: wenig Schlaf,

ständig Lärm, viel Druck – und die Familie ist weit weg.

BESONDERS BELASTEND kann es sein, wenn

ein schwerer Unfall passiert, wenn es durch Piratengebiet

geht, wenn einer über Bord geht, nach dem

Selbstmord eines Kollegen oder auch erlebter Lebensgefahr,

zum Beispiel in schweren Stürmen oder bei

einem Brand auf dem Schiff.

Immer wieder kommt dann von Leuten in Schifffahrtsfirmen,

aber auch von Seeleuten selbst die

Reaktion: „Das sind doch harte Seebären, die können

das ab.“ Doch das ist längst nicht immer so. Das zeigt

schon der über 2000 Jahre alte Seefahrerpsalm aus

der Bibel (Ps 107,23–32) wenn er über Seeleute in einem

Sturm so spricht, dass

„sie gen Himmel fuhren und in den Abgrund

sanken,

dass ihre Seele vor Angst verzagte,

dass sie taumelten und wankten wie ein Trunkener

und wussten keinen Rat mehr“.

Damals waren das bestimmt ganz harte See männer,

aber auch sie nahm der Sturm so mit, dass ihre „ Seele

Das Leben

an Bord ist

oft trist und

gleichförmig,

an anderen

Tagen rauh

und gefährlich.

Kein Thema für

harte Jungs?

vor Angst verzagte“, das heißt, es war eine hohe psychische

Belastung mit Folgen. Bis heute ist es immer

noch ein Tabu, darüber zu reden. Das haben mir

gestandene Seemänner nach einem Gottesdienst

bestätigt, in dem ich über den Psalm predigte und

darüber, dass in der Seefahrt alle sagen: „Das macht

denen doch nichts aus.“ Deshalb dauert es in der

Seefahrt wahrscheinlich länger, bis die Beteiligten

erkennen, wie wichtig Notfall seelsorge

für die Seeleute ist. Auch bei den Feuerwehren

an Land hat es gedauert, aber

in zwischen werden psychische Belastungen

stärker wahrgenommen und

es wird darauf reagiert.

Für die Deutsche Seemanns mission

ist es von Anfang an selbstverständlich,

gerade für solche Seeleute da zu sein,

die Schweres durchgemacht haben.

Jetzt wird dieser Einsatz professionalisiert.

Es werden größere Gruppen von

Mitarbeitenden ausgebildet, damit wir qualifizierte

Hilfe in der Psychosozialen Notfallversorgung (PSNV)

für Seeleute leisten können – als Menschen, die sich

in der Welt der Seeleute auskennen, aber nicht Teil der

Hierarchie des Schiffes und der Firma sind.

Ziel ist es, dass wir als Seemannsmission ein qualifiziertes

Netzwerk der Notfallversorgung anbieten

können. Damit werden wir unserem Motto gerecht:

„support of sea farers’ dignity“, denn so unterstützen wir

die Seeleute in ihrer Würde, wenn „ihre Seele vor Angst

verzagt“. Matthias Ristau

Wir sind für

Seeleute da,

gerade dann,

wenn „ihre

Seele vor

Angst verzagt“

26 LASS FALLEN ANKER

LASS FALLEN ANKER

27


MISSIONEN

MISSIONEN

Gregory und seine

Kollegen in der

Seemannsmission

Douala halten ein

Restaurant mit 300

Plätzen am Laufen

Mit Mimik, Gestik und Empathie

Die Mission in

Douala ist ein

Treffpunkt für

Expats und Seeleute

und viele

kamerunische

Vereine. Hier und

auf den folgenden

Seiten erzählen

Mitarbeiterinnen

und Mitarbeiter

der Deutschen

Seemannsmission

von ihrer Arbeit

Mitten im Herzen Doualas, der größten

Stadt Kameruns, liegt seit

1966 das Seemannsheim, manche

nennen es liebevoll Foyer du Marin. Wir

arbeiten in Partnerschaft mit der evangelischen

Gemeinde, die nur einen Fußmarsch

entfernt ihre Hauptkirche hat. In 25 Zimmern

und Wohnungen können wir bis zu 60 Gäste

unterbringen. Von unserer Terrasse blickt

man direkt auf den Hafen. Die Lage unseres

Hauses ist einmalig und wird auch von vielen

kamerunischen Vereinen und Expats geschätzt.

Eine große amerikanische Offshore

Petroleumfirma hat zwei Wohnungen für ihre

internationalen Ingenieure und Techniker gemietet

und nutzt täglich mit ihrem Management

unsere Restauration. Außerdem hat sich

ein Restaurant für bis zu 300 Gäste etabliert.

Gregory, Teamleiter und Kassierer im Service,

ist seit 1986 bei uns. „Damals“, erzählt

er, „waren wir ein sehr kleines Team, um den

Pool herum saßen die Gäste, das war eher

eine Imbissatmosphäre. Wir verkauften auch

nur Brochettes (Fleischspieße). Inzwischen

sind wir ein richtiges Restaurant geworden

mit einer abwechslungsreichen Karte. Unser

Team ist sehr gewachsen, heute arbeiten fast

50 Kameruner hier. Die Seefahrer fühlen sich

hier wohl, und wir heißen sie willkommen

in möglichst allen Sprachen und zur Not mit

Mimik und Gestik.“

Wir bieten zwei Konferenzräume zur Vermietung

an, der große Saal dient auch

als Kapelle, in der Andachten und Gottesdienste

zu den großen christlichen Festen

abge halten werden, immer dreisprachig. Zu

diesen Gottes diensten laden wir natürlich

besonders die internationalen Seeleute ein,

die einen längeren Aufenthalt im Hafen haben.

Wie in vielen anderen Seemannsheimen

weltweit gibt es bei uns auch Billard, Tischtennis,

einen Basketballplatz, Wi-Fi und bald

auch ein Karaoke gerät. Was uns besonders

macht, sind die kulturellen Angebote: Konzerte,

Aus stellungen – und den saubersten

Swimmingpool der Stadt, umgeben von

einem tropischen Paradiesgarten.

Montags bis samstags fahren wir in

den Hafen. Immer wieder berichten uns die

Gangway- Aufsichten, aber auch Kapitäne

und Offiziere, wie schwierig es ist, Shore-

Pässe zu erhalten. Sie klagen über das lange

Immigrations prozedere und berichten von

permanenten Nachfragen nach Geschenken

und vom herausfordernden Umgang

mit Hafen autoritäten, unter denen sie sehr

leiden. Sie sind dankbar für den Austausch

über Themen, den sie untereinander vielleicht

nicht haben können: über die Entwicklungen

im eigenen Land, zum Beispiel der Ukraine,

in Europa – oder über die deutsche Kolonialgeschichte

in Afrika. Manchmal sind sie aber

Fotos:Silvie Boyd

auch einfach nur dankbar für eine Karaokestunde

an Bord ihres Schiffes, weil sie an der

westafrikanischen Küste zwischen Lomé und

Douala pendeln und die Aufenthalte so kurz

sind, dass sie keine Shore-Pässe erhalten. Eine

der häufigsten gestellten Fragen ist: „Mam,

is it a safe place? Do you really live here with

your family?“ Ob es wirklich sicher ist, in

Douala von Bord zu gehen . . . Ihre Bilder im

Kopf, produziert und verschärft durch Verbote

von Reedereien, in afrikanischen Häfen

oder sogar speziell in Douala an Land zu gehen,

forciert von „Ratschlägen“ der lokalen

Agenten und Chartergesellschaften, sind

durchweg negativ und betonen die aktuelle

Konfliktsituation im Lande.

Es gibt noch zwei weitere bedeutende

Häfen in Kamerun außer dem in Douala: In

Kribi ist ein neuer, von der Regierung realisierter

Deep Sea Port entstanden, mit noch

sehr geringer Auslastung, auch weil die

Infra struktur nicht angemessen mitgeplant

wurde. Ein anderer Hafen ist in Limbé, wo es

den Seeleuten aktuell aufgrund der politischen

Lage verboten wird, von Bord zu gehen.

Und dann gibt es noch einen kleineren Hafen

namens Tiko, ebenfalls in South West Region,

der wie eine Armeebasis total abgeschottet

und vom Militär bewacht wird.

Dort befand sich mehr als neun Monate

lang ein Stückgutfrachter mit – unter anderen

– indischen Seeleuten an Bord, der aufgrund

eines irreparablen technischen Schadens

und mangelnder Auftragslage vom libanesischen

Schiffseigner verlassen wurde.

Was diese Crew in insgesamt anderthalb

Jahren zwischen Luanda, Douala und Tiko

er dulden musste, ist schockierend und dennoch

kein Einzelfall an unseren Küsten und

in den Häfen. Unglücklicherweise informierte

uns die hiesige Gewerkschaft für Seeleute

sehr spät, so dass wir erst im Dezember

von der Notfallsituation dieser Seeleute erfuhren.

Nachdem der libanesische Kapitän

das Schiff Ende Dezember 2018 verlassen

hatte, ver blieben fünf indische Seemänner

und zwei kamerunische Wächter an Bord.

Nach einigen Besuchen und Gesprächen

an Bord stellten wir fest, dass der mentale,

gesundheit liche und moralische Zustand der

„Schockierend,

was diese

Crew erdulden

musste –

und das ist

kein Einzelfall“

Diese indische Crew

hat die Seemannsmission

Douala

aufgepäppelt und

ihnen geholfen,

zurück in die Heimat

zu fliegen. Der

indische Honorarkonsul

(Mitte) hat

vermittelt

Inder sich drastisch verschlechterte. Wir gaben

der Crew die Chance, sich zu überlegen

und zu diskutieren, ob sie das Schiff verlassen

oder ob sie bleiben will. Allmählich wurde ihnen

klar, dass ihnen der Glaube und die Kraft

fehlten, dieser Situation standzuhalten. Die

Männer wollten nicht mehr in dem verlassenen

Hafen bleiben, mit einem Kapitän, der

alle seine Versprechen per WhatsApp immer

weiter aufschob. Also schlugen wir dem lokalen

Agenten vor, dass wir die indische Crew

ins Seemannsheim nach Douala bringen

würden. Hier konnten sie sich in einem

Krankenhaus adäquat behandeln lassen,

auf die Tickets für ihre Heimreise warten und

eine offizielle Reise erlaubnis der indischen

Botschaft in Nigeria erhalten, weil der Reisepass

eines Seefahrers

seit fast einem Jahr abgelaufen

war.

Happy End: Vier der

fünf konnten am 26. Januar

2019, dem Indian

Republic Day, nach Mumbai

fliegen. Der letzte, der

sich außer Malaria auch

noch Typhus eingefangen

und einen un gültigen

Pass hatte, musste sich

weiterhin, völlig traumatisiert,

gedulden. Dank

der Unterstützung des

Vertreters der internationalen

Transportarbeitergewerkschaft (ITF) in

Mumbai, der Druck auf den indischen Agenten

ausübte, damit auch das letzte Ticket endlich

ausgestellt würde, konnte auch dieser

Mann eine gute Woche später endlich heimfliegen.

In diesen Tagen vertraute er mir an,

dass er und seine Kollegen bereits auf der

Reise von Luanda nach Douala den Regen auffangen

mussten, um Trinkwasser zu haben.

Das sind Erlebnisse, die mich bewegen.

Und hier ist unsere Aufgabe: Mut machen,

die Seeleute über ihre Rechte aufklären, ihnen

Notfallnummern für Seeleute mitgeben, sie

darin bestärken, dass sie nicht Monate ohne

Bezahlung ausharren, sondern sich an ITF und

Missionen in Europa wenden, über Helplines

und Netzwerke. Silvie Boyd

28 LASS FALLEN ANKER

LASS FALLEN ANKER

29


MISSIONEN

MISSIONEN

Die Autobahnbrücke,

die den Hafen und

die Stadt verbindet,

ist eingestürzt

und unbenutzbar.

Seit Monaten

müssen die Genueser

improvisieren

Was bedeutet eine Brücke?

Der Ponte Morandi in Genua,

den es nicht mehr

gibt, bedeutete viel für die Stadt und

den größten Hafen Italiens, in dem ich

für die Seemannsmission tätig bin.

Die Brücke war die Hauptverkehrsader

für den Transport in die Stadt und zu

den Häfen im Zentrum. Sie war eine

schnelle Verbindung für die Seemannsmissionen

und für alle Genueser. Über

den Ponte kamen die Waren, konnten

Fähren und Kreuzfahrtschiffe erreicht

werden. Viele fuhren mehrmals am Tag

hinüber. Es gibt ansonsten nur noch die

alte Römerstraße „Via Aurelia“, die sich

direkt am Meer entlangschlängelt –

romantisch und schön, aber wenig geeignet

für den Verkehr einer Stadt mit

gut einer halben Million Einwohner.

Diese herrliche Stadt am Wasser, la

Superba, die Stolze, genannt, mit ihrem

einmaligen Standort zwischen Meer

und Bergen, hat seit letztem August,

als die Stadtautobahnbrücke zusammenbrach,

viele Probleme zu lösen. Zum

einen gab es 43 Tote und viele Ver letzte.

Kein Weg zum Hafen

Die Morandi-Brücke in Genua ist im August 2018

zusammengebrochen. Eine Katastrophe für die Stadt,

die Schifffahrt – und die Seeleute

500 Menschen, deren Häuser unter der

Brücke standen, mussten evakuiert werden.

Jetzt brauchen sie neue Wohnungen,

finanzielle und psychologische Hilfe.

Denn ihre Häuser werden abgerissen,

wie auch die gesamte Brücke. Eine neue

„Wir versuchen,

die Folgen zu

lindern, besonders

für die Seeleute“

wird gebaut, nach Plänen des Architekten

Renzo Piano, eines Sohnes dieser

Stadt. Nach den Schuldigen an diesem

Unglück wird noch gesucht. Es ist aber

davon auszugehen, dass die privaten Betreiber

der Autobahnbrücke einen großen

Anteil daran haben. Daher müssen

sie für die Kosten der neuen Brücke aufkommen.

Aber was ist mit dem Leid der

vielen Menschen, die betroffen sind?

Die Bevölkerung der Stadt, der

gesamte Verkehr, eingeschlossen die

Häfen, und unsere Seeleute leiden an

diesem menschengemachten Unglück.

Es war ja keine Naturkatastrophe, kein

Tsunami oder Erdbeben.

Wir versuchen, die Folgen zu lindern,

vor allem für die Seeleute. Um ihnen

einen möglichst angenehmen Aufenthalt

in Genua zu ermöglichen, renovieren

wir, Stella Maris und die deutsche Seemannsmission

in Genua, in diesem Jahr

den Club in Voltri, am Container hafen

außerhalb des Zentrums. Ausflüge in die

Stadt oder Einkaufsfahrten sind zurzeit

aufgrund der Verkehrslage schwierig geworden.

Viele Seeleute haben nicht mehr

die Möglichkeit, an Land zu gehen und

die Stadt zu besuchen, deshalb erhöhen

wir die Zahl der Schiffsbesuche.

Mir persönlich ist deutlich gewor den,

wie abhängig ich von einem Transportsystem

bin, das im Sinne der Menschen

und auch der Umwelt funktioniert.

Das gilt sowohl für die Schifffahrt,

die fair für die Umwelt und den Menschen,

der dort arbeitet, sein sollte, wie

auch für das Transportsystem an

Land. Barbara Panzlau

Fotos: Barbara Panzlau, Port of Genoa, Frank Wessel

Ist das schon der Klimawandel?

Keine Seeschiffe – und die Binnenschiffe nur zu einem Drittel beladen:

Als der Rhein ein halbes Jahr Niedrigwasser führte

So habe ich den Rhein in all den

Jahren als Schifferseelsorger

noch nie erlebt: ein halbes Jahr

lang Niedrigwasser! Manchmal sah es

so aus, als könnte ich zu Fuß auf die andere

Seite gehen.

Natürlich hat sich der Wasserstand

auf die Schifffahrt hier in Duisburg und

am Niederrhein ausgewirkt: ein halbes

Jahr lang keine Seeschiffe – und Binnenschiffe,

die maximal zu einem Drittel

beladen waren. Die also öfter fahren

mussten, um die gleiche Ladungsmenge

zu befördern.

Die „Johann Hinrich Wichern“

ist das Kirchenboot des

evangelischen Binnenschifferdienstes

in Duisburg

„Umso

wichtiger,

dass wir

diesen

Verkehrsträger

umweltverträglich

machen“

Unser Kirchenboot war in dieser Zeit

aufgrund eines Motorschadens nicht

einsatzfähig. Nicht weiter schlimm,

wenn sowieso keine Schiffe im Hafen

liegen.

Bis Weihnachten war alles wieder

gut: Motor repariert, Wasserstand gestiegen.

So konnten wir unser Weihnachtsprogramm

wie gewohnt abarbeiten:

Posaunenfahrten an den

Adventssonntagen, Weihnachtsgeschenke

verteilen in der Woche vor

Weihnachten. So soll es sein.

Aber was, wenn der Rhein jetzt häufiger

Niedrigwasser hat?

Rund 70 Prozent aller

Transporte auf Binnenwasserstraßen

in Europa

werden zwischen Rotterdam

und Duisburg bewältigt.

Werden wir künftig

nur noch auf Lkw und

Schiene setzen?

Das wäre eine logistische

und ökologische

Katastrophe.

Ich denke, das lang

anhaltende Niedrigwasser

war ein Vorbote

des Klimawandels. Wir

haben gemerkt, wie dringend

wir auf Binnen- und

Seeschiffe angewiesen

sind. Umso wichtiger ist

es, diesen Verkehrsträger

weniger umweltschädlich

zu machen.

Für das Wohlergehen

der Menschen an Bord können und

wollen wir uns gerne weiter ein setzen.

Und der Klimaschutz geht uns alle

an. Frank Wessel

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LASS FALLEN ANKER

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MISSIONEN

IMPRESSUM

Der JadeWeserPort in

Wilhelmshaven:

Die Seemanns mission

muss flexibel sein

Spenden Seeleute sind viele

Monate von ihren Familien

getrennt. An Bord arbeiten sie

sieben Tage die Woche. In Häfen

bleibt ihnen kaum Zeit, etwas

zu unternehmen. Die Seemannsmission

setzt sich für bessere

Lebens- und Arbeits bedingungen

ein. Unterstützen Sie uns!

www.seemannsmission.org

Drei Fragen an

Kirsten Fehrs

Immer mehr los

am Terminal

In Wilhelmshaven legen die

größten Containerschiffe der Welt an –

oft am Wochenende

Kein Einsatz ist wie der andere.

Wer in der Seemannsmission

arbeitet, muss jederzeit bereit

und in der Lage sein, sich auf Veränderungen

einzustellen. So planen unsere

Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der

Seemannsmission zwar ihre Einsätze.

Aber wenn sie dann in einem der vielen

Wilhelmshavener Häfen sind, dann

entscheidet sich erst an Bord, wie sie

die Seeleute begleiten können und was

diese brauchen. Flexibel sein ist wichtig.

Gleiches gilt auch für unsere Seemannsmission.

Als sie 1959 gegründet

wurde, geschah das als Reaktion auf

den neu geschaffenen Ölhafen und die

Gründung der Nord-West- Ölleitung

GmbH. In den 60 Jahren ihres Bestehens

ist es der Seemannsmission gelungen,

sich auf alle Veränderungen einzustellen.

So auch auf den JadeWeserPort,

der 2012 seinen Betrieb aufnahm.

Mag der Start des Container-Terminals

Wilhelmshaven (CTW) zu Beginn

auch schleppend gewesen sein, nimmt

er doch in den letzten Jahren Fahrt auf.

So fährt die Reederei-Allianz OCEAN

Alliance und der Reedereien-Verbund

2M Wilhelmshaven im Liniendienst an.

Komplettiert wird das Netz der Dienste,

die Wilhelmshaven eingebunden haben,

mit verschiedenen Feederlinien. Dazu

passt, dass immer mehr Firmen sich am

Güterverkehrszentrum des JadeWeser-

Ports in direkter Nachbarschaft zum

CTW ansiedeln.

Wir als Seemannsmission reagieren auf

jede Veränderung und schaffen es, die

steigende Zahl der Schiffe am CTW zu

besuchen. Auch am Wochenende gehen

unsere ehrenamtlichen Schiffsbesucherinnen

und -besucher an Bord, und damit

an den Tagen, an denen nicht selten

die größten Containerschiffe der Welt

Wilhelmshaven ansteuern.

Diese wichtige Arbeit wird auch von

außen wahrgenommen und gewürdigt.

Zum Beispiel bei der Feier zum 60-jährigen

Bestehen der Deutschen Seemannsmission

in Wilhelmshaven vom 23. bis

25. August 2019. Dann wird Elke Büdenbender,

die Frau des Bundespräsidenten,

als Schirmherrin das Fest eröffnen und

begleiten. Peter Sicking

Fotos: JadeWeserPort, privat, Marcelo Hernandez

KIRSTEN FEHRS IST BISCHÖFIN IM SPRENGEL

HAMBURG UND LÜBECK IN DER NORDKIRCHE.

AUSSERDEM GEHÖRT SIE DEM RAT DER EKD AN

Sie sind in diesem Jahr „Stimme der Seeleute“ für die

Deutsche Seemannsmission. Wie kam es dazu?

Kirsten Fehrs: Als Bischöfin in Hamburg und Lübeck bin ich ja gleich

für zwei Hafenstädte zuständig. Viele Kontakte ergeben sich da von

selbst – ob beim Reederessen, bei Bordbesuchen oder beim Ge denken

für ertrunkene Seeleute. So habe ich gerne zugesagt, mich in diesem

Jahr besonders der Seemannsmission zu widmen.

Wie erleben Sie die Arbeit der Seemannsmission?

Unglaublich interessant! Ich war schon mit bei Bordbesuchen – nicht

als Bischöfin, sondern als Praktikantin des Seemannsdiakons. Wir

wurden so dankbar aufgenommen! Klar, auch wegen der Telefonkarten,

aber vor allem auch wegen des Gesprächsangebots. Und so

habe ich viel gehört: über die schwere Arbeit an Bord, die Sehnsucht

nach der Familie, den Schlafmangel – aber auch über Zusammenhalt

und Solidarität unter den Seeleuten. Dann sehe ich natürlich

die tolle Arbeit, die in den Seemannsheimen und im Seemannsclub

„Duckdalben“ geleistet wird – die kannte ich zwar schon vorher, sehe

sie aber jetzt noch mal mit geschärftem Blick. Hier wird das Evangelium

wirklich gelebt – handfest, praktisch.

Was können Sie den ahnungslosen Landratten weitersagen?

„Ahnungslos“ stimmt – ich musste mir ja selbst erst mal klar machen,

wie wichtig die Arbeit der Seeleute für unseren Alltag ist. Inzwischen

habe ich schon oft erzählt, dass bis zu 90 Prozent unserer Waren

per Schiff ins Land kommen. Und wie hart die Männer und Frauen

an Bord dafür arbeiten müssen. Wir hatten sogar einen Fernsehgottesdienst

dazu. Danach bekam ich zahlreiche Zuschriften, mit

dem Tenor: „Vielen Dank für diese Infos, das haben wir alles gar nicht

gewusst.“

IMPRESSUM „LASS FALLEN

ANKER – Sonderheft 2019 der

Deutschen Seemannsmission“.

Hervorgegangen aus:

„Blätter für Seemannsmission“

(Erstausgabe 1892), begründet

von Pastor Julius Jungclaussen,

Hamburg, und Pastor Friedrich M.

Harms, Sunderland, „Organ der

Deutschen Seemannsmission“ und

„LASS FALLEN ANKER“, Freundesbriefe,

herausgegeben von Seemannspastor

Harald Kieseritzky.

Herausgeber

Deutsche Seemannsmission e. V.,

Contrescarpe 101, 28195 Bremen,

+49 421/1638452, E-Mail:

headoffice@ seemannsmi ss ion.org

V.i.S.d.P. Christoph Ernst

(Generalsekretär)

Redaktion

Martina Platte, Jan Janssen

Realisierung

Gemeinschaftswerk der

Evangelischen Publizistik gGmbH,

Emil-von Behring-Straße 3,

60439 Frankfurt/Main,

kontakt@chrismon.de.

Projektkoordination:

Anne Buhrfeind, Andreas Fritzsche

Gestaltung und Satz: Lisa Fernges.

Druck

Strube Druck & Medien OHG,

Stimmerswiesen 3, 34587 Felsberg.

32 LASS FALLEN ANKER

LASS FALLEN ANKER

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ADRESSEN SEEMANNSMISSION WELTWEIT SEEMANNSMISSION WELTWEIT ADRESSEN

Kontakte und Ansprechpersonen

A

ALEXANDRIA (ÄGYPTEN)

Markus Schildhauer

Mobil: +20 12 23 44 27 50

E-Mail: alexandria@seemannsmission.org

Adresse: P.O. Box 603, Mansheya oder

19 Mohamed Masseoud, 21111 Alexandria

AMSTERDAM (NIEDERLANDE)

Hans-Gerhard Rohde

Fon: +31 20 622 08 42, Mobil: +31 65 331 06 93

E-Mail: amsterdam@seemannsmission.org

Adresse: Keizersgracht 733,

NL-1017 DZ Amsterdam

ANTWERPEN (BELGIEN)

Jörg Pfautsch

Mobil: +32 478 29 24 69

E-Mail: antwerpen@seemannsmission.org

Adresse: Antwerp Seafarers’ Centre

(Seemannsheim), Italielei 72,

B-2000 Antwerpen

Fon: +32 3 233 34 75 (9.00 bis 9.45 Uhr)

Fax: + 32 3 232 29 10

B

BRAKE (DEUTSCHLAND)

Dirk Jährig, Marco Folchnandt

Fon: +49 4401 810 04

E-Mail: brake@seemannsmission.org

Adresse: Seamen’s Club, Ecumenical

Seafarers’ Centre, Zum Pier 1, 26919 Brake

Fon: +49 4401 85 54 25

Fax: +49 4401 85 54 26

BREMEN (DEUTSCHLAND)

Magnus Deppe

E-Mail: magnus.deppe@seemannsmission.org

Michael Klee

E-Mail: michael.klee@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsheim,

Hermann-Prüser-Str. 4, 28237 Bremen

Fon: +49 421 69 69 62 35

BREMERHAVEN (DEUTSCHLAND)

Int. Seemannsclub „Welcome“

Thomas Reinold, Antje Zeller

Fon: +49 471 424 44

E-Mail: welcome@seemannsmission.org

Adresse: An der Nordschleuse 1,

27568 Bremerhaven-Container-Terminal

Bremerhaven-Mitte, Seemannsheim

Andreas Latz

Fon: +49 471 902 63 07, Mobil: +49 151 67 80 94 60

E-Mail: andreas.latz@seemannsmission.org

Dirk Obermann

Fon: +49 471 430 13, Mobil: +49 151 52 48 30 39

E-Mail: dirk.obermann@seemannsmission.org

Christine Freytag

Mobil: +49 176 84 02 43 50

E-Mail: christine.freytag@seemannsmission.org

Adresse: Schifferstr. 51–55,

27568 Bremerhaven

BRUNSBÜTTEL (DEUTSCHLAND)

Leon Meier, Anja Brandenburger-Meier

Fon: +49 4852 872 52

E-Mail: brunsbuettel@seemannsmission.org

Adresse: Kanalstr. 8, 25541 Brunsbüttel

C

CUXHAVEN (DEUTSCHLAND)

Martin Struwe, Sarah Herzog

Fon: +49 4721 56 12-0,

Fax: +49 4721-56 12-30

Mobil: +49 160 95 07 58 42

E-Mail: cuxhaven@seemannsmission.org

Adresse: Grüner Weg 25, 27472 Cuxhaven

D

DOUALA (KAMERUN)

Silvie Boyd

Fon Reception: +237 233 42 27 94

Mobil S. Boyd: +237 69 99 154 52

E-Mail: douala@seemannsmission.org

Adresse: Foyer du Marin, B.P. 5194, Douala-

Akwa (Cameroun)

DUISBURG (DEUTSCHLAND)

Gitta Samko

Fon: +49 203 29 51 39 91, Fax: +49 20 66 99 18 14

E-Mail: duisburg@seemannsmission.org

Adresse: Ev. Binnenschifferdienst und

Deutsche Seemannsmission,

Dr.-Hammacher-Str. 10, 47119 Duisburg

DURBAN (REPUBLIK SÜDAFRIKA)

Ron Küsel

E-Mail: durban@seemannsmission.org

Fon: +27 826 54 40 09, Fax: +27 864 00 42 03

Adresse: P.O. Box 112, New Germany 3620,

South Africa

E

EMDEN (DEUTSCHLAND)

Meenke Sandersfeld

Fon: +49 4921 920 80

E-Mail: emden@seemannsmission.org

Adresse: Am Seemannsheim 1, 26723 Emden

G

GENUA (ITALIEN)

Barbara Panzlau, Mobil: +39 342 326 15 91

E-Mail: genua@seemannsmission.org

Adresse: Missione Marittima Germanica

presso Stella Maris Genova,

Piazzetta Don Bruno Venturelli 9,

16126 Genova

H

HAMBURG

Diakonisch: Fiete Sturm

Kaufmännisch: Martin Behrens

Fon: +49 40 306 22-0

Fax: +49 40 306 22-18

E-Mail: altona@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsheim, Große Elbstr. 132,

22767 Hamburg-Altona

Seemannspfarramt der Nordkirche

Matthias Ristau

Fon: +49 40 32 87 19 92

June Yanez

Mobil: +49 151 18 86 84 40

E-Mail: nordkirche@seemannsmission.org

Adresse: Große Elbstr. 132,

22767 Hamburg-Altona

Krayenkamp

Susanne Hergoss, Felix Tolle

Fon: +49 40 370 96-0

Fax: +49 40 370 96-100

E-Mail: krayenkamp@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsheim, Krayenkamp 5,

20459 Hamburg

Duckdalben

Jan Oltmanns, Anke Wibel, Adelar Schünke,

Martina Schindler, Nonilon Olmedo,

Abigail Fortich-Täubner, Olaf Schröder,

Katrin Kanisch, Sören Wichmann

Fon: +49 40 740 16 61, Fax: +49 40 740 16 60

E-Mail: duckdalben@seemannsmission.org

Adresse: international seamen’s club,

Zellmannstr. 16,

21129 Hamburg-Waltershof

Bordbetreuung

Jörn Hille

Fon: +49 40 740 16 61, Fax: +49 40 740 16 60,

Mobil: +49 170 308 35 00

E-Mail: jorn@dsm-harburg.de

Seafarers’ Lounge

Markus Wichmann, Mobil: +49 151 18 86 84 38

Olaf Schröder, Katrin Kanisch

Fon: +49 40 236 48 38 70

E-Mail: cu@seafarers-lounge.de

HONGKONG (CHINA)

Martina Platte

Fon: +852 24 10 86 15, Fax: +852 24 10 86 17

E-Mail: hongkong@seemannsmission.org

Adresse: Hongkong, Mariners’ Club, 2

Containerport Road, Kwai Chung, NT

K

KIEL (DEUTSCHLAND)

Geschäftsstelle DSM-Kiel

Seemannsheim „Haus auf der Schleuse“

Stefanie Zernikow

Fon: +49 431 33 14 92, Mobil: +49 152 29 22 73 49

E-Mail: dsm-kiel@seemannsmission.org

Adresse: Maklerstr. 9, 24159 Kiel

Seafarer’s Lounge

Fon: +49 431 90 89 45 97

E-Mail: seafarers-lounge-kiel@

seemannsmission.org

Adresse: Ostseekai 1, 24103 Kiel

Internationaler Seamen’s Club Baltic Poller

Fon: +49 152 29 22 73 49

Adresse: Ostuferhafen 15, 24148 Kiel

Seemannsheim Holtenau

Ewa Hellmann

Fon: +49 431 36 12 06, Fax: +49 431 36 37 07

E-Mail: kiel-holtenau@seemannsmission.org

Adresse: Kanalstr. 64, 24159 Kiel-Holtenau

L

LE HAVRE (FRANKREICH)

Michael Ludwig

Fon/Fax: +33 235 49 58 30

Mobil: +33 623 10 56 75

E-Mail: lehavre@seemannsmission.org

Adresse Büro: 32, Rue de Trouville,

76610 Le Havre

LOMÉ (TOGO)

(Zurzeit nicht besetzt)

Fon: +228 22 27 53 51

Fax: +228 22 27 77 62

E-Mail: lome@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsheim Foyer des Marins,

Lomé/Togo

LONDON (GROSSBRITANNIEN)

Mark Möller

Fon: +44 1375 37 82 95

Mobil: +44 7958 00 51 24

E-Mail: london@seemannsmission.org

Adresse: German Seamen’s Mission,

16, Advice Avenue, Chafford Hundred,

GB-Grays, Essex RM 16 6QN

LÜBECK (DEUTSCHLAND)

Bärbel Reichelt

Fon: +49 451 729 91, Fax: +49 451 889 05 05

Mobil: +49 172 308 05 60

E-Mail: b.reichelt@seemannsmissionluebeck.de

Adresse: Seelandstr. 15 / Lehmannkai 2,

23569 Lübeck

Internationaler Seemannsclub

„Sweder Hoyer“

Geöffnet: So., Mo., Di., Do. 17–21.30 Uhr

Fon: +49 451 399 91 06 (Call for transport)

M

MÄNTYLUOTO (FINNLAND)

Wolfgang Pautz-Wilhelm

Mobil: +358 400 74 05 94

E-Mail: mantyluoto@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsheim, Uniluodonkatu 23,

28880 Mäntyluoto

MIDDLESBROUGH / TEES-HARTLEPOOL

(GROSSBRITANNIEN)

Irmgard Ratzke-Schulte

Fon: +44 16 42 82 50 84, Mobil: +44 79 13 67 51 32

E-Mail: middlesbrough@seemannsmission.org

Adresse: 67, The Avenue, Linthorpe,

Middlesbrough TS5 6QU

N

NEW YORK (USA)

Arnd Braun-Storck

Fon: +1 212 677 4800-0 (Rezeption)

E-Mail: port-mission@sihnyc.org

Adresse: Seafarers’ International House &

Deutsche Seemannsmission,

123 E., 15th Street, New York, N. Y. 10003

Reservierung: www.sihnyc.org

NORDENHAM (DEUTSCHLAND)

Bordbesuche

Rolf Kühn

Fon: +49 4731 41 42, Mobil: +49 174 768 42 93

E-Mail: nordenham@seemannsmission.org

Fon: +49 4401 85 54 25, Fax: +49 4401 85 54 26

Adresse: Deutsche Seemannsmission,

Unterweser e. V., Zum Pier 1, 26919 Brake

P

PIRÄUS (GRIECHENLAND)

Reinhild Dehning

Fon: +30 210 428 75 66, Mobil: +30 69 44 34 61 19

E-Mail: piraeus@seemannsmission.org

Adresse: P.O. Box 80 303, 18510 Piräus -

Botasi 60/62, 18537 Piräus

R

ROSTOCK (DEUTSCHLAND)

Folkert Janssen, Mobil: +49 160 233 78 66

Regina Qualmann, Mobil: +49 151 10 94 26 21

Dorothea Flake, Mobil: + 49 151 10 94 26 21

E-Mail: rostock@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsclub „Hollfast“,

Überseehafen, Am Hansakai, 18147 Rostock

Postfach 481028, 18132 Rostock

Fon: +49 381 67 00 431,

Fax: +49 381 67 00 432

Geöffnet: täglich 17–22 Uhr

ROTTERDAM (NIEDERLANDE)

Jan Janssen

Mobil 1: +31 653 88 06 66

Mobil 2: +31 612 24 55 80

Mobil 3: +31 620 49 53 77

E-Mail: rotterdam@seemannsmission.org

Adresse: Deutsche Seemannsmission

Rotterdam, Nachtegaal 40, NL - 3191 DP

Hoogvliet / Rotterdam

Seamen’s Centre Rotterdam, Schiedam

Fon: +31 1 04 26 09 33

S

SANTOS (BRASILIEN)

Felipi S. Bennert

Mobil: +55 47 99 11 23 70

Office Fon: +55 13 32 24 28 80

E-Mail: santos@seemannsmission.org

Adresse: Seamen’s Centre,

Av. Washington Luiz, 361,

Santos - SP - Brasil, CEP 11055-001

SASSNITZ (DEUTSCHLAND)

Mobil: 0152 56 44 84 41

E-Mail: sassnitz@seemannsmission.org

Postanschrift: Grundtvig-Haus,

Seestr. 3, 18546 Sassnitz

Seemannsclub „Rügen-Anker“ im Mukran

Port, Im Fährhafen 20, 18546 Neu Mukran

Geöffnet: So.–Fr. 19–22 Uhr

SINGAPUR (SINGAPUR))

Mike Hofmann

International Lutheran Seafarers’ Mission

Mobil: +65 65 89 83 28

E-Mail: mikehofmann@lutheran.org.sg

STADE-BÜTZFLETH (DEUTSCHLAND)

Kerstin Schefe

Fon: +49 41 46 12 33, Fax: +49 41 46 12 68

E-Mail: stade@seemannsmission.org

Adresse: Seemannsclub „Oase“,

Hafen Bützfleth, Postfach 5154,

21669 Stade-Bützfleth

Geöffnet: Mo.–Fr. 16–22 Uhr,

So. 16–22 Uhr, Sa. geschlossen

T

TEES-HARTLEPOOL (S. MIDDLESBROUGH)

TRAVEMÜNDE (SIEHE LÜBECK)

V

VALPARAISO (CHILE)

Beratung

Fon: +56 32 212 83 01

E-Mail: valparaiso@seemannsmission.org

W

WILHELMSHAVEN ( DEUTSCHLAND)

Tanja und Rainer Baumann, Simone Sarow

Fon: +49 44 21 99 34 50,

Fax: +49 44 21 99 34 51

E-Mail: wilhelmshaven@seemannsmission.org

Adresse: Hegelstr. 11, 26384 Wilhelmshaven

Peter Sicking

Fon: +49 44 21 50 29 96

34 LASS FALLEN ANKER

LASS FALLEN ANKER

35


Für menschenwürdige Arbeitsbedingungen und mehr Umweltschutz im Seeverkehr

Die Seemannsmission setzt sich

für Seeleute ein – und für ein Siegel

„Fair Trade“ kennt jeder. Zum fairen

Handel gehört aber auch der faire

Transport. Für die Seemanns mission

(DSM) heißt deshalb das Schwerpunktthema

in diesem Jahr: Fair

übers Meer.

„Konkret bedeutet das vor allem,

dass die Besatzungen auf den

Schiffen unter fairen Bedingungen

beschäftigt werden müssen“,

sagt Folkert Janssen, Leiter der DSM

Rostock. Er war maßgeblich an der

Erarbeitung des Jahres mottos „Fair

übers Meer“ beteiligt.

An diesem Ziel wird allerdings

schon seit Jahren gearbeitet. 2006

hatte die UNO-Unterorganisation

für Arbeit, ILO (Internationale Arbeitsorganisation),

das Seearbeitsübereinkommen

„Maritime Labours Convention“

auf den Weg gebracht.

Sieben Jahre dauerte es, bis die

Konvention ratifiziert war. Nun gibt

es also einen Grundrechtekatalog für

alle Besatzungen, egal, unter welcher

Flagge sie beschäftigt sind. Viele

Para meter werden da als Mindeststandards

für die Menschen an Bord

verbindlich geregelt.

Anforderungen für

- die Arbeit auf Schiffen,

- Unterkunft, Freizeiteinrichtungen,

und Verpflegung,

- Gesundheitsschutz, medizinische

und soziale Betreuung und soziale

Sicherheit.

Die Einhaltung dieser Konvention

wird von den Hafenstaatskontrollen

geprüft – doch die sind längst nicht

ausreichend. So sind auch im Jahr

2019 noch viele Missstände zu beklagen.

Manchen Seeleuten werden nicht

einmal die Heimatheuern bezahlt. Die

Einkommen des Servicepersonals auf

Kreuzfahrtschiffen sind vielfach so

niedrig, dass es auf die Trinkgelder

angewiesen ist.

Hier gilt es zu Tarifvereinbarungen

zu kommen, die ein Einkommen

über die Heimatheuern hinaus

festschreiben und die Trinkgelder

als Faktor für ein Grundeinkommen

ausschließen.

Janssen: „Wir müssen die Internationale

Transportarbeiter-Föderation

(ITF) in ihrem Ringen um eine Verbesserung

der Heuersituation nachhaltig

unterstützen.“

Was könnte dabei helfen? Die

DSM schlägt vor, über ein neues

Siegel „Fair übers Meer“ nachzudenken.

Unser Vorschlag: Standards festlegen.

Schiffseignern oder Betreibergesellschaften,

die diese Standards

erfüllen, dann als Anreiz das Siegel

verleihen. Unabhängige Jurys

sollten darüber entscheiden, wer es

bekommt. Christiane Sengebusch

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