Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen ...

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Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen ...

Katarzyna Śliwińska

Eine deutsche Odyssee?

Figurationen der Irrfahrt in der deutschen

Literatur über Flucht und Vertreibung 1

A German Odyssey?

The topic of wandering in the German literature on escape and exile

The twentieth century happens to be defined as the century of expulsion. Homer’s

Odyssey became its metaphor, even though the epic is not a story of expulsion as it

focuses on the protagonist’s return to his homeland Ithaca. This paper addresses the

question of how the narrative framework of The Odyssey, along with the order of myth

placed within its structural design, finds its reflection in post-war German literature

thematizing flights and expulsions of German civilians from eastern provinces of

the Third Reich. In view of Yuri Lotman’s and Mikhail Bakhtin’s writings the author

analyzes the afore-mentioned prose’s time and space structures which to a large extent

constitute the plot structure of the texts under scrutiny, and condition the ways of

reading and understanding them.

Mit dem Titel des Beitrags ist eine Frage gestellt, die sich auf eines der für

die Erinnerung an die letzte Phase des Zweiten Weltkrieges maßgeblichen

Narrative bezieht: Lassen sich höchst heterogene Vorgänge, die mit dem Begriffspaar

›Flucht und Vertreibung‹ erfasst werden, tatsächlich als eine (deutsche)

Odyssee erzählen? Die Frage nach den ›Figurationen der Irrfahrtin der deutschen

Literatur über Flucht und Vertreibung geht von der methodologischen

Prämisse aus, dass sich vergangene Ereignisse „nicht ohne weiteres in Erinnerungen

[verwandeln]“, sie werden vielmehr – so Hagen Schulze und Etienne

François – „dazu gemacht durch das kollektive Bedürfnis nach Sinnstiftung,

durch Traditionen und Wahrnehmungsweisen, die aus den gesellschaftlichen

1 Zur begrifflichen Präzisierung und historischen Verortung des Begriffspaares ›Flucht und

Vertreibung‹ vgl. Hans Henning Hahn, Eva Hahn: Flucht und Vertreibung. In: Etienne François,

Hagen Schulze (Hrsg.): Deutsche Erinnerungsorte. Bd. 1. München 2001, S. 335-351 sowie dies.:

Mythos „Vertreibung“. In: Heidi Hein-Kircher, Hans Henning Hahn (Hrsg.): Politische Mythen

im 19. und 20. Jahrhundert in Mittel- und Osteuropa. Marburg 2006, S. 167-188.

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Milieus erwachsen“. 2 Daher wird in einem ersten Teil mit Überlegungen zum

Komplex Erfahrung/Sinnkonstitution/Literatur der analytische Rahmen dieses

Beitrags abgesteckt. Auf dieser Grundlage wird sodann die Frage diskutiert,

inwieweit von der Odyssee als einem Deutungsmuster komplexen historischen

Geschehens sinnvoll gesprochen werden kann. In einem weiteren Schritt wird

– mit Blick auf die antike Vorlage – die narrative Struktur der in der deutschen

Nachkriegsliteratur erzählten Flucht- und Vertreibungsodysseen untersucht;

hier richtet sich der Blick mit Michail Bachtin und Jurij Lotman vor allem auf

die Semantisierung von Räumen und die Raum-Zeit-Strukturen. Abschließend

wird ein Ausblick auf die biographischen ›Irrfahrten‹ in neueren Familien- und

Generationenromanen gegeben.

1. Flucht und Vertreibung als ›kulturelles‹ Thema

Katarzyna Śliwińska

An die zwölf Millionen Deutsche 3 wurden in der letzten Phase des Krieges

und danach aus den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches und aus

weiteren Teilen Mittel- und Südosteuropas evakuiert, flohen in Trecks, wurden

deportiert oder ausgewiesen. Bereits die ersten Sinndeutungen des Erlebten, die

in den Flüchtlings- und Auffanglagern in mündlicher Überlieferung kursierten

oder als Erlebnisberichte gezielt gesammelt und aufgezeichnet wurden 4 , wurden

Gegenstand wissenschaftlichen Interesses, das nicht nur der Faktizität des Geschehenen,

sondern von Anfang an auch den kulturellen Formen galt, in denen

das Erlebte erinnert, erzählt und interpretiert wurde. 5 Diese Aufmerksamkeit

für die symbolischen und diskursiven Praktiken der Weltaneignung teilt auch

die neuere Geschichts- und Sozialwissenschaft, in der seit längerer Zeit eine

Verschiebung der Schwerpunkte konstatiert wird – von den quantifizierenden

Verfahren der Struktur- und Prozessanalyse hin zu den Prozessen und Akteuren

der Sinnproduktion. Im Zeichen dieser als ›kulturelle Wende‹ apostrophierten

Umorientierung wurden Methoden entwickelt, die es erlauben, sich solchen

Fragestellungen im Kontext von Zeitgeschichte zuzuwenden; verwiesen sei auf

2 Etienne François, Hagen Schulze: Einleitung. In: Deutsche Erinnerungsorte. Bd. 1, S. 11-24, hier

S. 13.

3 Zu den variierenden Zahlen vgl. Hahn, Hahn: Mythos „Vertreibung“, S. 166 ff.

4 So z. B. in der offiziellen, von der Bundesregierung in Auftrag gegebenen Dokumentation der

Vertreibung der Deutschen aus Ost-Mitteleuropa, 5 Bde. Bonn 1953-1962.

5 Zur volkskundlichen Heimatvertriebenen-Forschung der frühen Nachkriegszeit vgl. Heinke

M. Kalinke: Gerüchte, Prophezeiungen und Wunder. Zur Konjunktur sagenhafter Erzählungen in der

unmittelbaren Nachkriegszeit. In: Elisabeth Fendl (Hrsg.): Zur Ikonographie des Heimwehs. Erinnerungskultur

von Heimatvertriebenen. Freiburg 2002, S. 159-174, besonders S. 159 f.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

die Verfahren der oral history sowie auf die neuere historische und sozialwissenschaftliche

Biografie- und Lebenslaufforschung. 6

Gemeinsamer Fluchtpunkt dieser Konzepte ebenso wie der Volkskunde

und Soziologie der frühen Nachkriegszeit ist die Frage, wie sich Menschen in

ihrer jeweiligen historischen Situation sinnhaft positionieren, auf welche kulturellen

Codes sie zurückgreifen, um die ursprüngliche Kontingenz individueller

Lebensgeschichten zum historischen Verlauf zu ordnen. Dieses Erkenntnisinteresse

teilen die genannten Disziplinen nicht erst seit dem linguistic turn mit

der kulturwissenschaftlich orientierten Literaturwissenschaft, der sie auch

einige ihrer zur Zeit leitenden Kategorien entlehnen, allen voran den Begriff

der Narration, die als ein zentraler Modus jeder Wirklichkeits(re-)konstruktion

betrachtet wird. 7

Während sich andere Disziplinen vorwiegend mit faktualen Texten (bis hin

zu Alltagserzählungen) beschäftigen, wendet sich die Literaturwissenschaft vor

allem fiktionalen Narrationen zu, die sie gleichwohl in kulturwissenschaftlicher

Perspektive als Teil der übergreifenden Wirklichkeits- und Selbstdeutungsprozesse

einer Gesellschaft begreift. Insofern ist die Trennlinie zwischen faktualem

und fiktionalem Erzählen als in beide Richtungen durchlässig zu betrachten,

vor allem dort, wo relevante Geschichtserfahrungen von Individuen und Kollektiven

verhandelt werden. So ist auch das primär inhaltlich definierte Genre

›Literatur über Flucht und Vertreibung‹ durch Texte verschiedener Gattungen

und Fiktionalitätsgrade konstituiert, die unterschiedliche Strategien der historischen

Referentialisierung und Kontextualisierung des Erzählten verwenden.

Neben Erlebnisberichten mit ihrem Anspruch auf primäre Zeugenschaft und

autobiographischen Texten (Tagebüchern, Erinnerungen, Autobiographien), die

die Erlebnisse des Kriegsendes im Kontext einer Lebensgeschichte verorten,

stehen dokumentarische und semi-dokumentarische Erzählstrategien – bis hin

zu den vielfältigen ›Fiktionen des Faktischen‹, die mit wachsender historischer

Distanz zunehmend aus der Position des (kulturellen) Post-Gedächtnisses entworfen

werden. Das bedeutet, dass neben der Erinnerung an das Geschehene

zunehmend auch die prekäre (kommunikative, mediale) Vermittlung dieser

Erinnerung an die nachfolgenden Generationen ästhetisch reflektiert und ge-

6 Als Übersicht vgl. Ute Daniel: Clio unter Kulturschock. Zu den aktuellen Debatten der Geschichtswissenschaft.

In: „Geschichte in Wissenschaft und Unterricht“ 48 (1997), S. 195-218 und

259-278; Christoph Conrad u. Martina Kessel (Hrsg.): Kultur & Geschichte. Neue Einblicke in

eine alte Beziehung. Stuttgart 1998; Martin Kohli, Günther Robert (Hrsg.): Biographie und soziale

Wirklichkeit. Neue Beiträge und Forschungsperspektiven. Stuttgart 1984.

7 Dazu vgl u. a. Jürgen Straub: Geschichten erzählen, Geschichte bilden. Grundzüge einer narrativen Psychologie

historischer Sinnbildung. In: Jürgen Straub (Hrsg.): Erzählung, Identität und historisches

Bewusstsein. Die psychologische Konstruktion von Zeit und Geschichte. Erinnerung,

Geschichte, Identität I. Frankfurt/M. 1998, S. 81-169.

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staltet werden muss. Damit rücken Prozesse der kulturellen Sinnkonstruktion

verstärkt in den Blick, die weit über das Erfahrungsgedächtnis der Betroffenen

hinausreichen und die als gesellschaftliche Aushandlungsprozesse zu begreifen

sind, an denen die mediale Produktion von Wissen und Erinnerung immer

größeren Anteil hat. 8

Akzeptiert man eine Grundprämisse der neueren Erzählforschung, dass

die Narration die zentrale kulturelle Technik zur Organisation des individuellen

und kollektiven Gedächtnisses sei, 9 so wird man bei der Literatur über

Flucht und Vertreibung, im Gegensatz zur dominant inhaltlich-mimetischen

Ausrichtung der bisherigen Forschung, stärker die narrativen Verfahren in die

Analyse einbeziehen müssen, die Handlungen und Ereignisse in Form eines

zeitlichen Ganzen konfigurieren. Hier bieten sich insbesondere die Konzepte

einer kulturgeschichtlichen Narratologie an, die von der Prämisse ausgeht,

dass die Selektion und narrative Organisation des Materials in literarischen

Texten (Auswahl und Anordnung von Handlungselementen und Schauplätzen,

Figurenkonstellation, Plotstrukturen, narrative Perspektivierung, Metaphorik

und Symbolik, Gattungsmuster) Aufschluss über die in einer Gesellschaft sich

vollziehenden Prozesse der Geschichtskonstruktion und Gedächtnisbildung

ermöglicht. 10

2. Odyssee – ein Deutungsmuster historischer Erfahrung?

Katarzyna Śliwińska

Bereits kurz nach Kriegsende wurden Volkskundler und Soziologen, die

die Erzählkultur und Bilderwelt der deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen

untersuchten, auf wiederkehrende Formen und Motive aufmerksam, die aus

unterschiedlichen, religiösen und weltlichen, zum Teil archaischen Vorstellungswelten

stammten. Neben der biblischen Überlieferung mit den Erzählungen von

der Vertreibung aus dem Paradies und dem Exodus, den Prophetenbüchern und

der Apokalypse boten auch Märchen und Dämonen-Mythen 11 eine Ausdrucksform

für die kollektiven Wünsche, Ängste und Verunsicherungen, mit denen

8 Hierzu vgl. Vittoria Borsò, Gerd Krumeich, Bernd Witte (Hrsg.): Medialität und Gedächtnis.

Interdisziplinäre Beiträge zur kulturellen Verarbeitung europäischer Krisen. Stuttgart, Weimar 2001.

9 Vgl. Wolfgang Müller-Funk: Die Kultur und ihre Narrative. Eine Einführung. Wien u. New York

2002, S. 17.

10 Hierzu vgl. Astrid Erll, Simone Roggendorf: Kulturgeschichtliche Narratologie. Die Historisierung

und Kontextualisierung kultureller Narrative. In: Ansgar u. Vera Nünning (Hrsg.): Neue Ansätze in

der Erzähltheorie. Trier 2002, S. 73-113.

11 Hierzu vgl. Kalinke: Gerüchte, Prophezeiungen und Wunder; Utz Jeggle: Sage und Verbrechen. In:

Rainer Schulze u. a. (Hrsg.): Flüchtlinge und Vertriebene in der westdeutschen Nachkriegsgeschichte.

Hildesheim 1987, S. 201-206.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

die Betroffenen auf den Verlust von Besitz und Geborgenheit reagierten. 12

Auch mythische Erzählungen lieferten eine symbolische und narrative Matrix

für die Darstellung und Deutung des Erlebten. Die Geschichte des Odysseus,

die bereits in der frühen Nachkriegszeit als ›narrative Abbreviatur‹ (Jörn Rüsen)

für einen mehrschichtigen, regional unterschiedlichen und mehrere Phasen

umfassenden Prozess (›Flucht und Vertreibung‹) verwendet wurde, gehört in

diesen Zusammenhang.

Die Funktion des Mythos – so Mircea Eliade – besteht darin, „Modelle zu

offenbaren und damit der Welt und dem menschlichen Dasein eine Bedeutung

zu verleihen“. 13 Welche (Be-)Deutung ein bestimmter Mythos dem Erleben und

Handeln von Individuen und Kollek tiven gibt, hängt dabei von der jeweiligen

Interpretationsgemeinschaft ab, die in den mythi schen Erzählungen sich und

ihre Geschichte zu erkennen glaubt. 14 Auch in der Rede von der O d y s s e e der

deutschen Flüchtlinge und Vertriebenen wird das entsprechende Mythologem 15

(in seiner wohl einflussreichsten Ausdeutung durch Homer) in einer spezifischen

Weise, d. h. selektiv, aktualisiert: Es liegt in der Logik der Erzählungen über Heimatverlust

und Vertreibung, dass ein zentrales strukturbildendes Moment der

Geschichte des Odysseus – die in der antiken Vorlage und ihren neuzeitlichen

Versionen topisch vorgeprägte H e i m k e h r – nicht bzw. nur als ›Heimkehr in

die Fremde‹ realisiert werden kann. Konstitutiv für die in der deutschen Nachkriegsliteratur

erzählten Flüchtlings-Odysseen ist die räumlich-zeitliche Figur

der I r r f a h r t : die Bewegung durch eine ehemals vertraute, durch Krieg und

Grenzverschiebung zersetzte und aufgelöste (Alltags-)Welt (›Heimat‹), die an

ihre Grenze und über diese hinaus in die ›Fremde‹ führt.

Es ist also nicht die mythische Erzählung selbst (oder gar der Mythos als

anthropologische Struktur im Verständnis von Claude Lévi-Strauss), die im

Mittelpunkt des Interesses steht; es sind vielmehr einzelne strukturelle Elemente

des Odysseus-Mythologems, die in der Literatur über Flucht und Vertreibung

in die narrativ-fiktionale Konfiguration von Geschichte einfließen. Der Fokus

richtet sich primär auf die narrative Komposition von Handlungs- und Zeitstrukturen

und die Semantisierung von Räumen; auf einer zweiten Ebene geht

es aber durchaus auch um mythologische Bezüge, die mit dem Begriff ›Odyssee

12 Vgl. Albrecht Lehmann: Im Fremden ungewollt zuhaus. Flüchtlinge und Vertriebene in Westdeutschland

1945-1990. München 1991 (bes. Kap. IV: „Fernes Erinnern“: Flucht und Vertreibung als kulturelle

Themen, S. 187 ff.).

13 Mircea Eliade: Mythos und Wirklichkeit. Dt. von E. Moldenhauer. Frankfurt/M. 1988, S. 142.

14 Hierzu vgl. Herfried Münkler: Odysseus und Kassandra. Politik im Mythos. Frankfurt/M. 1991,

S. 7-10.

15 Als Mythologem wird hier eine isolierbare narrative Teilstruktur einer Mythologie verstanden.

Vgl. Volker C. Dörr: Mythomimesis. Mythische Geschichtsbilder in der westdeutschen (Erzähl-)Literatur

der frühen Nachkriegszeit (1945-1952). Berlin 2004, S. 13.

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aufgerufen werden – sofern sich darin die Erfahrungen der Zeitgenossen und

deren Deutung durch Nachlebende objektivieren. Sie werden hier als kulturelle

„Ressourcen der Bedeutungsstiftung“ 16 betrachtet, die der Transformation von

Erfahrung in kulturellen Sinn dienen.

Der Rekurs auf Sage und Mythos – darin sind sich die Forscher einig –

ist ein Mittel der Komplexitätsreduktion. In der Rede von der d e u t s c h e n

O d y s s e e wird die Vielschichtigkeit historischen Geschehens allerdings noch

in einem weiteren Sinn reduziert: In dem Maß, in dem der (individuelle und

kollektive) L e i d e n s w e g in den Vordergrund rückt, treten die Ambivalenzen,

die der Figur und der Geschichte des Odysseus eignen, zurück. Die Ilias

schildert Odysseus als den spiritus rector des trojanischen Krieges auf achäischer

Seite, als einen Pragmatiker, der die Grenzen zwischen Krieg und Frieden, Front

und Hinterland, Recht und Unrecht bewusst verwischt. 17 Die Suspension des

Rechts in der List verspricht Odysseus die Rückkehr in die Heimat; auch auf

seiner Irrfahrt von Troja nach Ithaka kann sich der ›Listenreiche‹, wie ihn das

homerische Epos nennt, gegen alle Widerstände behaupten, die von ›göttlichen‹

Mächten aufgehäuft werden. Max Horkheimer und Theodor W. Adorno situieren

dieses Mythologem deswegen in der „Urgeschichte der Subjektivität“: Odysseus

ist für sie der Prototyp des aufgeklärten Subjekts, weil er in der Abfolge seiner

Abenteuer zum Bewusstsein seiner selbst gelangt. 18

Vor allem aber bleibt Odysseus, auch als der ›große Dulder‹, den numinose

Mächte von der Heimat fernhalten, der a k t i v H a n d e l n d e , der selbst in

gefährlichsten Situationen die Deutungshoheit über das Geschehen behält. Vieles

deutet darauf hin, dass eine solche Figur nur um den Preis ihrer Domestikation 19

zur Symbol- und Identifikationsfigur der heutigen Opfernarrative werden kann,

die das p a s s i v e , w e h r l o s e O p f e r privilegieren. Aus dieser moralischen

Privilegierung resultiert auch die eminent politische Bedeutung, die dem Opferstatus

in der Gegenwart zukommt. 20 Auf der anderen Seite signalisiert die

kulturelle Neubewertung des Opferstatus einen Wandel, der mit dem in der

sozial- und politikwissenschaftlichen Literatur beschriebenen Übergang der

›heroischen‹ in eine ›postheroische‹ Gesellschaft korrespondiert. 21 Odysseus, der

16 Astrid Erll: Gedächtnisromane. Literatur über den Ersten Weltkrieg als Medium englischer und deutscher

Erinnerungskulturen in den 1920er Jahren. Trier 2003, S. 154.

17 Hierzu vgl. Herfried Münkler: Odysseus und Kassandra. In: ders.: Odysseus und Kassandra. S. 78-

89.

18 Vgl. den Exkurs Odysseus oder Mythos und Aufklärung. In: Max Horkheimer, Theodor W. Adorno:

Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente. Leipzig 1989, S. 70.

19 Vgl. Münkler: Odysseus und Kassandra. S. 89.

20 Hierzu vgl. ders.: Unter Abwertungsvorbehalt. In: „Frankfurter Rundschau“ vom 24.9.2003.

21 Hierzu vgl. Herfried Münkler: Die postheroische Gesellschaft und ihre jüngste Herausforderung. In:

ders.: Der Wandel des Krieges. Von der Symmetrie zur Asymmetrie. Weilerswist 2006, S. 310-354.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

nicht nur mit seiner Haltung im trojanischen Krieg, sondern auch auf seiner

Heimfahrt nach Ithaka dem Heroismus die Substanz entzieht 22 , fügt sich, so

gesehen, sehr wohl in die ›postheroische‹ Erinnerungs- und Gedenkkultur der

Gegenwart.

Im Zusammenhang dieses Beitrags allerdings ist die Anschlussfähigkeit

der Geschichte Odysseus’ an die ›postheroischen‹ Diskurse der Gegenwart

von nachgeordnetem Interesse; im Vordergrund steht ihre Differenz zu jenen

Konzepten der neueren Kulturtheorie, die das T r a u m a als die (einzig) adäquate

Form des Bezugs auf Erfahrungen extremer Gewalt begreifen. 23 Das

Trauma wird bekanntlich durch das Erlebnis einer Diskrepanz zwischen einer

bedrohlichen Situation und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten definiert,

das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht

und eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt. 24

Viele Erlebnisberichte über Flucht und Vertreibung artikulieren in der Tat die

Erfahrung der Machtlosigkeit und Handlungsunfähigkeit, des passiven Ausgeliefertseins

an die Willkür anderer. Daneben stehen aber Erzählungen, die

nicht das p a s s i v e E r l e i d e n , sondern zunächst die eigene Verschlagenheit,

Kraft und Geschicklichkeit hervorheben; das eigene Überleben verdankt sich

dann nicht dem Zufall oder der Intervention höherer Mächte, sondern allein

der eigenen Initiative. 25 Dieses Erzählmuster findet sich sowohl in den Kriegerzählungen

der Männer wie in den Fluchterzählungen der Frauen (auch jener,

die bei Kriegsende Opfer sexueller Gewalt wurden 26 ). Von den schätzungsweise

4,5 Millionen Deutschen, die vor Beginn der offiziellen Transporte 1946 aus

22 Odysseus – so Münkler im bereits zitierten Essay Odysseus und Kassandra – fällt aus dem Rahmen

des herkömmlichen Heldentums, weil er sich nicht an die Spielregeln der heroischen

Kriegführung hält. Er schließt sich den Achäern nur widerwillig an, versucht gar, sich vor

dem Krieg zu drücken, indem er vorgibt, geisteskrank zu sein, betreibt dann den Krieg mit

allen Mitteln (auch mit solchen, die als unehrenhaft gelten), um ihn zu beenden und auf die

Insel Ithaka zurückkehren zu können.

23 Dazu vgl. die inzwischen kanonischen Thesen W. G. Sebalds mit dem Plädoyer für Wir- Wirkungsstrategien,

die auf eine affektive Wiederherstellung des Traumas ausgerichtet sind. Vgl.

Winfried Georg Sebald: Luftkrieg und Literatur. Mit einem Essay zu Alfred Andersch. München,

Wien 1999, S. 34 f. Zur kulturwissenschaftlichen Reinterpretation des Traumabegriffs vgl.

Elisabeth Bronfen, Birgit R. Erdle u. Sigrid Weigel (Hrsg.): Trauma – Zwischen Psychoanalyse und

kulturellem Deutungsmuster. Köln 1999.

24 Vgl. Gottfried Fischer, Peter Riedesser: Lehrbuch der Psychotraumatologie. 4. Aufl. München 2009,

S. 84.

25 Vgl. Lehmann: Im Fremden ungewollt zuhaus, S. 206 f.

26 Die Analyse zeitgenössischer Quellen zeigt, dass sich die betroffenen Frauen durchaus auch

als handelnde Subjekte sahen; die individuelle Traumatisierung durch das Erleben sexueller

Gewalt wurde in ihren Folgen erst Jahrzehnte später thematisiert. Dazu vgl. Regina Mühlhauser:

Vergewaltigungen in Deutschland 1945. Natio naler Opferdiskurs und individuelles Erinnern betroffener

Frauen. In: Klaus Naumann (Hrsg.): Nachkrieg in Deutschland. Hamburg 2001, S. 384-408.

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den östlichen Provinzen des Deutschen Reiches flüchteten, gehörte die Mehrzahl

zu Familien, in denen Frauen die abwesenden, weil (in welcher Form auch

immer) dienstverpflichteten Männer ersetzen mussten. 27 Frauen waren somit

nicht nur passive Opfer, sondern auch oder vor allem aktiv Handelnde, die in

einem gesellschaftlichen Ausnahmenzustand agierten. Im Topos ›Frauen, Kinder

und Alte‹, der viele Erzählungen über Flucht und Vertreibung strukturiert,

sind diese sehr unterschiedlichen Erfahrungen und Han dlungsmöglichkeiten

weitgehend nivelliert.

Diese gegenteiligen Erzählmuster äußern sich in den Berichten über Flucht

und Vertreibung zumeist nicht separiert; sie entfalten sich in der Regel nach- oder

nebeneinander. 28 Ähnlich in fiktionalen Texten, vor allem in jenen, die z w e i

(zum Teil gegenläufige) Fluchtbewegungen thematisieren: die Flucht der Zivilbevölkerung

und den Rückzug der deutschen Armee. Einer der auflagenstärksten

bundesrepublikanischen Flüchtlings-Romane, Emmerich Vondrans Ostpreußen

im Fegefeuer oder Die letzten Tage am Frischen Haff (1974), ist – ähnlich wie Der endlose

Weg von Johannes Lemke (1983) oder Hans Schellbachs Flucht ohne Hoffnung

(1987) – in weiten Teilen Kriegsroman, der das Geschehen an der zurückweichenden

Ostfront aus der Sicht der Mannschaften und Unteroffiziere erzählt.

Diese Nahperspektive, in der strategische Fragen und politische Zusammenhänge

zumeist marginalisiert werden, wird in Romanen, die in ihrer narrativen

Organisation auf die Vermittlung eines verbindlichen und fundierenden Sinns

zielen, durch die Sicht der Front- und Stabsoffiziere ergänzt, die als Vertreter

der Deutungselite das Erlebte in den „kulturellen Modus“ überführen. 29 Dieses

Arrangement dient in den genannten Texten weniger der internen Dialogisierung

der Stimmen (und damit der Differenzierung der Standpunkte, Wertungen und

Haltungen, die von den Protagonisten repräsentiert werden), als zunächst der

Konstruktion eines Erinnerungsbildes, das an das kulturelle Koordinatensystem

der sich nach 1945 etablierenden Zivilgesellschaft anschließbar war. In diesem

Erinnerungsbild, so der Historiker Thomas Kühne, wird die a k t i v e Seite

der eigenen Kriegführung unkenntlich gemacht (indem die eigene kriegerische

Gewalt als defensiv ausgegeben wird) oder gar in Passivität und Ohnmacht

27 Vgl. Elizabeth Heineman: Die Stunde der Frauen. Erinnerungen an Deutschlands „Krisenjahre“ und

west deutsche nationale Identität. In: Nachkrieg in Deutschland, S. 149-177, hier S. 156.

28 Vgl. Lehmann: Im Fremden ungewollt zuhaus, S. 206 f.

29 So z. B. in Edwin Erich Dwingers Roman Wenn die Dämme brechen von 1950. Zu den verschiedenen

Modi der „Rhetorik des kollektiven Gedächtnisses“ vgl. Erll: Gedächtnisromane,

S. 147-161. Im kulturellen Modus – so Erll – transzendieren die Sinnstiftungen des Erzählers

die unmittelbare erzählte Situation und beanspruchen Gültigkeit im ›Fernhorizont‹ des

kulturellen Gedächtnisses. Im kommunikativen Modus hingegen geht es um die Vermittlung

gelebter Erfahrung und um Deutungen in dem begrenzten Rahmen des zeitlichen und sozialen

›Nahhorizonts‹.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

verwandelt. 30 Die Transformation von Aktivität in Passivität 31 ist im Wesentlichen

Ergebnis der Selektion und narrativen Strukturierung des Erzählten: Die

meisten Romane über Flucht und Vertreibung setzen unvermittelt oder nach

einer kurzen Exposition mit der Offensive der sowjetischen Armee ein, zu

einem Zeitpunkt also, als sich die deutsche Wehrmacht tatsächlich längst in der

Defensive befand. Diese finale Orientierung, die das Erzählen über die letzte

Phase des Krieges organisiert, zählt zu den vielfältigen Viktimisierungsstrategien,

zu denen neben dem Verweis auf die asymmetrische Verteilung der physischen

Ressourcen (die sowjetische ›Dampfwalze‹) auch die mitunter exzessive Schilderung

der Brutalität des Gegners (einschließlich der Vergewaltigungen) gehört.

Auf diese Weise wird die nicht nur für das militärische Normensystem, sondern

auch für die k u l t u r e l l e Normalisierung der Erfahrung kriegerischer Gewalt

bedeutsame Grenze zwischen regulärem und verbrecherischem (genozidalen)

Töten konstruiert – eine Demarkationslinie, die Odysseus in der Ilias übrigens

genauso wenig akzeptiert wie die zwischen Front und Hinterland. In der Realität

des nationalsozialistischen Krieges im Osten ist diese Grenze vielfach verwischt

worden; in den Narrationen über Flucht und Vertreibung wird die verbrecherische

Dimension der eigenen Kriegführung allerdings – sofern überhaupt

thematisiert – in der Regel als Ausnahme dargestellt.

Die Verwandlung von Aktivität in Passivität schließt die Möglichkeit nicht

aus, die Leiden der Soldaten mit einem aktiven, ›einlösenden‹ Opfer-Sinn auszustatten.

Vor allem in der frühen Nachkriegszeit griffen deutsche Autoren

auf Sinn- und Entlastungsangebote zurück, die der Opfermythos (im Sinne

des sacrificium) bereithält. 32 Am sinnfälligsten wohl findet diese Amalgamierung

zweier unterschiedlicher Opferbegriffe – des sacrificium und der victima – in Edwin

Erich Dwingers Roman Wenn die Dämme brechen… von 1950 statt, der die

Vorstellung von der Unschuld des Opfers mit der Heiligkeit der Opfer- bzw.

Sühnehandlung verbindet. 33 Der mythogene Charakter solcher Konstruktionen

30 Vgl. Thomas Kühne: Die Viktimisierungsfalle. Wehrmachtsverbrechen, Geschichtswissenschaft und symbolische

Ordnung des Militärs. In: Michael Th. Greven, Oliver von Wrochem (Hrsg.): Der Krieg in

der Nachkriegszeit. Der Zweite Weltkrieg in Politik und Gesellschaft der Bundesrepublik. Opladen 2000,

S. 183-196; Michael Geyer: Eine Kriegsgeschichte, die vom Tod spricht. In: Thomas Lindenberger,

Alf Lüdtke (Hrsg.): Physische Gewalt. Studien zur Geschichte der Neuzeit. Frankfurt/M. 1995,

S. 136-162.

31 In den Worten des Wachtmeisters Nordwig in Johannes Lemkes Roman Der endlose Weg.

Ostpreußen – Westpreußen – Pommern in Kampf und Vertreibung, Husum 1983, S. 18: „Sie haben

uns bis hierher gejagt, sie werden uns bald durch unsere Heimat treiben und dann wird es

kaum noch einen Ort geben, an dem man sich sicher fühlen kann.“

32 Vgl. Kühne: Die Viktimisierungsfalle. In: Der Krieg in der Nachkriegszeit, S. 183-196.

33 Edwin Erich Dwinger: Wenn die Dämme brechen… Untergang Ostpreußens. München 1950. Der

Tod Dieter von Pleskows, eines politischen Amtsleiters der NSDAP und ehemaligen Gebietskommissars

in der Ukraine („Kein Unrecht geschah, wo ich geführt habe.“, S. 151), der

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manifestiert sich in besonderer Weise in Texten, die die Katastrophe des deutschen

›Zusammenbruchs‹ wie in der frühen Apokalyptik 34 als das Ende eines

Durchgangs inszenieren, nach dem eine Erneuerung bevorsteht. So z. B. bei

Werner Klose, dessen 1953 erschienener Roman Jenseits der Schleuse aus der existentiell

gedeuteten „Situation des verlorenen Postens“ heraus eine „Sinngebung

der Endkämpfe“ für ein Kollektiv versucht. 35 Die Struktur des Mythos scheint

auch dort durch, wo der Krieg im Einklang mit der dämonologischen Schicksals-

und Katastrophendeutung der frühen Nachkriegszeit als Schicksalskampf

imaginiert wird. Die Finalität als Organisationsprinzip des Erzählten wird hier

in das Erzählte hinein projiziert; die zum historischen Verlauf geordnete Kontingenz

wird dadurch mit einer Tiefendimension ausgestattet, in der mehr oder

minder personal gedachte ›Mächte‹ wirken. Nach dem Zweiten Weltkrieg stellte

sich diese Form mythologischen Erzählens, wie Volker C. Dörr in seiner Untersuchung

der mythopoetischen Verfahren in der westdeutschen Literatur zeigt, vor

allem als „eine Form der Welterkenntnis“ dar, „die in einem emphatischen Sinn

›tiefer‹ geht als historische Ursachenforschung“. 36 Erklärungsversuchen dieser

Art ist gemeinsam, dass sie Geschichte nicht als Folge menschlichen Handelns,

sondern als ›Schicksal‹ begreifen, dem gegenüber die Frage nach Intentionalität

und Verantwortlichkeit als inadäquat erscheint. 37

das „Diabolische“ (S. 89) von Hitlers Politik (vor allem gegenüber der eigenen Bevölkerung)

erkennt und seinen „Irrtum“ sühnt, indem er die Flucht der Zivilbevölkerung organisiert,

wird im Rückgriff auf christliche Topik als Passion inszeniert: „Sein Denken verwirrte sich, er

hörte ein Singen in sich, als ob ein Engel spräche. ›Du leidest jetzt für alle!‹ sagte die singende

Stimme. ›Du nimmst es für alle auf dich, die sich ihrer Sühne entzogen…‹ […] Die Bolschewisten

wurden plötzlich fieberhaft geschäftig, stießen sich eifersüchtig von dem Liegenden

zurück. Der Dunst ihrer Körper schlug in Dieters Gesicht, es war wie eine finstere Wolke

aus Asien. Einer wälzte ihn auf den Rücken, ein anderer breitete seine Arme, ein dritter seine

Beine auseinander. Pleskow sah jetzt aus – wie ein Gekreuzigter.“ (S. 152 f.)

34 Vgl. Dietmar Kamper: Die kupierte Apokalypse. Eschatologie und Posthistoire. In: „Ästhetik und

Kommunikation“ 60 (1985); Hans Krah: Weltuntergangsszenarien und Zukunftsentwürfe. Narrationen

vom ›Ende‹ in Literatur und Film 1945-1990. Kiel 2004.

35 „Wir kämpfen hier nicht mehr für unseren Sieg, aber wir brauchen uns auch der Niederlage

nicht zu schämen. Hier an der Oder fressen sich zwei Ungeheuer auf, und wir sind Flammen

vom Feuer, das beide verzehrt. Wir wollen glauben, daß am Ende des großen Brandes die

Menschheit in eine bessere Form gegossen wird.“ Werner Klose: Jenseits der Schleuse. Tübingen

1953, S. 66, S. 140 u. S. 34.

36 Dörr: Mythomimesis, S. 24 f.

37 Deutungsmuster dieses Inhalts bezogen sich nicht nur auf einzelne Personen (wie Hitler oder

Stalin), sondern allgemein auf die totalitären Regime der Zeit. Vgl. Gerhart Pohl: Fluchtburg.

Berlin 1955, S. 338: „Längst rasten die Dämonen der grundverschiedenen Unheilslehren mit

allen Mitteln der Vernichtung gegeneinander […]. Nach den ersten Erfolgen Belials schien das

Kriegsglück sich dem Höllenfürsten zuzuneigen. Das Furchtbare an dem opferreichen Ringen

war seine Hoffnungslosigkeit. Ein Grundgesetz der Welt schien außer Kraft gesetzt. Nicht

der ewige Streit zwischen Finsternis und Licht hatte die Gestalt der Epoche angenommen.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

Neuere Texte über Flucht und Vertreibung, die die Vorgänge bei Kriegsende

stärker historisieren und kontextualisieren, verzichten auf Sinnangebote dieser

Art. 38 Verbreitet sind dagegen Erzählmuster, die im postheroischen Sinn die

S i n n l o s i g k e i t (namentlich auch die Sinnlosigkeit des Sterbens im Krieg)

hervorheben. Dort, wo das in der Sinnlosigkeit fixierte E r l e i d e n die Grundfigur

für die Darstellung und Deutung des Geschehens ist, ist die Frage nach

den verfügbaren Handlungsoptionen weitgehend suspendiert; sie wird durch

den Gestus des ›Alles umsonst‹ überlagert, der in Walter Kempowskis gleichnamigem

Roman allerdings in wesentlichen Aspekten problematisiert wird. 39

Mit der passivischen Wahrnehmungsform, die für die narrative Inszenierung

von Ohnmacht und Ausgeliefert-Sein ausschlaggebend ist, korrespondiert eine

Naturmetaphorik, die historisches Geschehen in Bilder elementarer Gewalten

(wie Flut, Feuer, Schnee und Kälte) übersetzt. Die erzählten Vorgänge gewinnen

dadurch etwas Naturhaftes, das sich einer rationalen Erklärung zu entziehen

scheint. 40 Es liegt in der Logik solcher Perspektivierung, dass Menschen nicht

als handlungs- und zurechnungsfähige Subjekte, sondern als ›Treibgut‹ 41 des

Krieges, als im existentiellen Sinn ›Gestrandete‹ 42 erscheinen. Die (um mit Hans

Über Rußlands Wüstenei rang die Finsternis mit der Finsternis […].“ Als Gegenentwurf vgl.

Hanna Stephan: Engel, Menschen und Dämonen. Gütersloh 1951.

38 Eine „Sinngebung des Sinnlosen“ (Theodor Lessing) aus militärischer Sicht wird allenfalls

in der Rettung der Zivilbevölkerung gesucht. Vgl. Dwinger: Wenn die Dämme brechen…, S. 38:

„Wenn auch längst alles sinnlos geworden ist, was hinter dem Kämpfen unserer Soldaten

noch steht, an der ganzen Front rings um Deutschland, weil es nicht die kleinste Wende mehr

herbeiführen kann: Hier hat das Kämpfen noch einen Sinn, nämlich den, unsere Frauen vor

den Russen zu retten! Unsere Höfe, unsere Kinder…“

39 Walter Kempowski: Alles umsonst. München 2006. Dazu vgl. Hubert Orłowski: „Sag mir, wo die

Männer sind…“ (Dis-)Kontinuitäten in der ›ostpreußischen‹ Deprivationsliteratur. In: Carsten Gansel,

Pawel Zimniak (Hrsg.): Das „Prinzip Erinnerung“ in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur nach

1989. Göttingen 2010, S. 37-45, bes. S. 45.

40 So z. B. in Ilse Langners Tagebuch-Roman Flucht ohne Ziel, Würzburg 1984, S. 89 f.: „Sinnlos,

sinnlos! Die Flucht sinnlos, denn der Feind holt uns doch ein. Welcher Feind? Die Russen,

die in Panzern heranrollen?! […] eine kühle, feine Nüchternheit in mir weiß, […] daß nicht

der heranrollende Russe […] mein Feind ist, daß vielmehr das Unglück selbst sich wie eine

riesige, graue, schäumende Woge aus dem Meer des Schicksals aufgerichtet hat und mich mit

furchtbarer Gewalt überstürzen wird. Hier stehe ich in einer friedlichen Landschaft, […] ein

in den Mahlstrom der Zeit geschleudertes Ding.“

41 U. a. Langner: Flucht ohne Ziel; Monika Taubitz: Treibgut. Stuttgart 1983; Gerhart Pohl: Fluchtburg.

Berlin 1955, S. 372; Will Berthold: Der große Treck. Die Vertreibung aus den deutschen Ostgebieten.

Bayreuth 1975.

42 Vgl. Grete Scholz-Gauers: Gejagtes Volk. Eine Familienchronik aus Schlesiens schwerster Zeit (1951).

2. Aufl. Freiburg 1952, S. 224: „Fremdlinge waren wir – Gestrandete – von den Wogen des

Schicksals hier Angeschwemmte – nachdem unser Schiff gesunken. Gerettet – aber arm!“

Ähnlich Ruth Storm: Das vorletzte Gericht (1953). Würzburg 1989, S. 220: „Draußen trieb der

Schnee, es ging auf Weihnachten, und die Eingesessenen saßen auf ihrem eigenen Land wie

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Katarzyna Śliwińska

Blumenberg zu sprechen) Daseinsmetapher des Schiffbruchs, die in diesem Bild

zitiert wird, verweist nur vordergründig auf die Geschichte des schiffbrüchigen

Odysseus’. Das antike Epos sieht im Schiffbruch die ›legitime‹ Konsequenz der

Seefahrt, die als Grenzverletzung verstanden wird; in neuzeitlicher Deutung ist

das Risiko, Schiffbruch zu erleiden, der dem Fortschritt zu entrichtende Preis. 43

Dieses semantische Potential der Schiffbruch-Metapher wird in den deutschen

Odysseen‹ nur selten aktualisiert: Die Irrfahrt wie der Schiffbruch sind hier

Ausdruck für die Willkür politischer und militärischer Gewalten (auch für die

Willkür der neuen Grenzziehung); die Bewegung im Raum ist hier nicht nur im

wörtlichen, sondern auch im existentiellen Sinn eine Grenzerfahrung.

In Narrationen, die ihren Fokus auf das ›Danach‹ der Katastrophe setzen,

dominieren Bilder des Verfalls und der Zerstörung, die in unterschiedlicher

Weise funktionalisiert werden. In Texten, die in ihrer jeweils erzählten Welt zugleich

ein geschlossenes Wert- und Normensystem präsentieren, dienen solche

Beschreibungen nicht nur der Inszenierung eines zeitlichen und existentiellen

Bruchs zwischen Vergangenheit und Gegenwart, sondern – mehr oder minder

explizit – auch der Kontrastierung der deutschen (europäischen) ›Kultur‹ und

der östlichen ›Barbarei‹. 44 Bilder brachliegender (nicht kultivierter) Felder und

Gärten erfüllen eine ähnliche Funktion; in weniger ideologisierter Variante markieren

sie die Abwesenheit der deutschen Bevölkerung und die Auflösung des

sozialen Zugehörigkeitsraums ›Heimat‹. In ihrem Subtext wird der (von Adorno

bereits dekonstruierte 45 ) Gegensatz von Natur und Geschichte aufgehoben; das

Moment, in dem beide konvergieren, ist die Vergänglichkeit, die das Natürliche

als ein Zeichen des Geschichtlichen erkennen lässt. In vielen Texten demonstrieren

die Ruinen der ›Heimat‹ genauso wie die Bilder der Auflösung zumindest

implizite den Sieg der Natur über die menschliche (bzw. deutsche) Zivilisation. 46

Schiffbrüchige, wie Gestrandete, denen verborgen war, ob es eine Möglichkeit geben würde,

neues Land zu finden oder ein Schiff, sie zu neuen Küsten zu bringen.“

43 Vgl. Hans Blumenberg: Schiffbruch mit Zuschauer. Paradigma einer Daseinsmetapher. Frankfurt/M.

1997.

44 Sinnfällige Beispiele liefern insbesondere autobiographische Texte: Scholz-Gauers: Gejagtes

Volk; Ruth Storm: Ich schrieb es auf. Das letzte Schreiberhauer Jahr. München 1961.

45 Hierzu vgl. Theodor W. Adorno: Die Idee der Naturgeschichte. In: Philosophische Frühschriften. Hg.

von Rolf Tiedemann. Frankfurt/M. 1973.

46 U. a. bei Arno Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?

Stuttgart 1974, S. 348. „Ein Geruch von Verwesung, von faulenden Lumpen und verrottetem

Bettzeug liegt über dem Dorf. Auf den Höfen wuchern Brennessel und Wegerich. Das Unkraut

ist über die Pflüge und Eggen gekrochen, und in den Gärten stehen die weißen Pusteln

der Butterblumen zwischen verkrauteten Spargelbeeten und giftgrünen Stachelbeeren. Auf

den Treppen wächst Gras, und die Wolshagener Pflastersteine sind zwischen Wegerich und

Löwenzahn nur spärlich zu erkennen. Die Natur holt sich alles wieder.“ Ähnlich bei Hugo

Hartung: Gewiegt von Regen und Schnee. München 1954, S. 289 f.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

Das Verhältnis von Natur und menschlicher Geschichte wird anders in Texten

konzeptualisiert, die – wie Monika Taubitz’ autobiographisch fundierter Roman

Durch Lücken im Zaun (1977) – vom Ende der Kindheitsidyllen handeln. Die Idylle

zeichnet sich bekanntlich nicht durch Geschichtlichkeit, sondern durch Statik

außerhalb der Zeit (im Sinne des modernen Zeitbegriffs) aus; die abgegrenzte

räumliche Welt der Idylle, die in dieser Abgeschlossenheit Schutz vor Aggression

von außen bietet, ist in den zyklischen Rhythmus der Naturzeiten eingebettet. 47

In Durch Lücken im Zaun wird der Einbruch der historischen Zeit 48 in die bisher

daseinssichere Welt der kindlichen Protagonistin („Allein dieses Tal hat der Krieg

noch nicht gefunden. Es liegt still und dunkel in der Hand Gottes wie in einer

weltfernen Wiege.“ 49 ) als Vertreibung aus dem Garten Eden inszeniert: „Bäume,

die gefällt werden, wachsen nicht wieder fest! Es gibt keine Spiele mehr drüben

im Park, und der Akazienberg bleibt verschlossen. Betreten verboten!“ 50

Es gehört zur Struktur der Idylle, dass ihr Raum als von außen (von Naturgewalten

oder geschichtlichen Kataklysmen) bedroht erscheint; dem Idyllischen

wohnt daher eine Ambivalenz inne, die ihren Ursprung auch darin hat, dass die

arkadische Vision ihrem Wesen nach einem Mangel entspringt: der unerfüllten

Sehnsucht nach Geborgenheit. In der Literatur über Flucht und Vertreibung ist

der vertraute Nahbereich des Heimischen mit seinem topologischen Zentrum,

dem Haus, als Raum der Geborgenheit markiert. Das Fortgehen von zu Hause

bzw. das Eindringen Fremder in den geschützten Raum des Eigenen wird somit

(im Sinne von Jurij M. Lotmans Raumsemantik 51 ) als das Überschreiten einer

klassifikatorischen Grenze inszeniert, die den Raum der fiktionalen Welt in zwei

unterschiedlich semantisierte Unterräume teilt. Topologische Oppositionen

wie innen – außen, nah – fern, offen – geschlossen werden mit semantischen

47 Zum Chronotopos der Idylle vgl. Michail M. Bachtin: Formen der Zeit im Roman. Untersuchungen

zur historischen Poetik. Dt. von Michael Dewey. Frankfurt/M. 1989, S. 170-191. Diese spezifische

räumlich-zeitliche Ordnung der Idylle findet sich bei Taubitz in der Beschreibung des

Kindheitsparadieses auf dem Akazienberg wieder: „Hier oben verrinnen die Sommertage,

während die Stunden bewußtlos ineinanderfließen. Die Geräusche aus dem Dorf klingen

herauf, werden aber nicht wahrgenommen. Die Stimmen der Erwachsenen, der Stundenschlag

der Kirchturmuhr, das Motorengeräusch eines vorbeifahrenden Autos, der Pfiff der

Lokomotive sind unwirklich und wie von einem fremden Stern. Nur an den wandernden

Schatten mißt man die Zeit.“ Monika Taubitz: Durch Lücken im Zaun. Eine Kindheit zwischen

1944 und 1946. Würzburg 2006, S. 31.

48 Ebd., S. 13 f.: „Ein fremdes Geräusch zieht durch das Bieltal, ein langgezogener häßlicher Ton,

der plötzlich zu furchtbarem Dröhnen anwächst und ebenso rasch wieder vergeht, erinnert

die Menschen, es ist Krieg.“

49 Ebd., S. 27.

50 Ebd., S. 279.

51 Jurij M. Lotman: Die Struktur des künstlerischen Textes (1970). Hg. von Rainer Grübel.

Frankfurt/M. 1973, S. 332.

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Gegensatzpaaren verbunden, die in der Literatur über Flucht und Vertreibung in

der Regel mit Wertungen einhergehen: vertraut – fremd, warm – kalt, sauber –

schmutzig, privat – öffentlich, Europa – Asien. 52 In Szenen der Vergewaltigung

verbinden sich die Achsen oben – unten (Sieger und Besiegte) und innen – außen

(Eindringen). 53 Diese topologisch-semantischen Kontraste finden sich im

Bild des durch das ›Eindringen‹ Fremder ›geschändeten‹ Hauses wieder. Über

die Materialität des Hauses (Bilder verlassener und verwüsteter Wohnungen,

zerschossener Fenster, ausgehängter bzw. eingetretener Türen) wird die Grundstruktur

der Handlung in vielen Romanen über Flucht oder Vertreibung – die

(Zer-)Störung der Ordnung – in Szene gesetzt. Nicht nur Räume sind hier semantisch

aufgeladen, auch Raumbeziehungen wie Bewegungen oder Blicke – so

z. B. der Blick aus dem Fenster auf die vorüberziehenden Flüchtlingstrecks, der

die ›klassifikatorische Grenze‹ zwischen ›innen‹ und ›außen‹ (›Geborgenheit‹ und

›Gefahr‹) durchlässig macht.

3. Die Odyssee als narrative Matrix deutscher ›Odysseen‹?

Katarzyna Śliwińska

Die homerische Odyssee folgt der klassischen Struktur des νόστος, der Heimkehr

nach einer Kette lebensbedrohlicher Abenteuer. Die narrative Matrix des

überstandenen Abenteuers entstammt einer mythischen Vorstellungswelt, in

der die ›Irrfahrt‹ von einer letztlich alles umfassenden Ordnung umgriffen

ist. Manche deutsche Flucht- und Vertreibungsodysseen übernehmen diese

Implikation und wenden sie ins Christlich-Stoische, 54 die meisten jedoch handeln

von der Auflösung jeglicher (zumindest: der bisherigen) Ordnung, vom

Chaos und der Willkür durchaus in der Immanenz der Welt (sieht man von

den dämonologischen Deutungen der frühen Nachkriegszeit ab) wirkender

Instanzen.

Die Formen, in denen die ›Irrfahrten‹ deutscher Flüchtlinge und Vertriebener

in der deutschen Nachkriegsliteratur erzählt werden, lassen sich mit

Michail Bachtins Konzept des Chronotopos vermitteln. Bachtin definiert den

Chronotopos als eine ganzheitlich zu denkende ›Raumzeit‹; Raum und Zeit sind

darin untrennbar und wechselseitig aufeinander bezogen: „Die Merkmale der

Zeit offenbaren sich im Raum, und der Raum wird von der Zeit mit Sinn erfüllt

52 Vgl. Storm: Ich schrieb es auf, S. 63: „Die Wohnungen der Deutschen werden zum Tummelplatz

der Öffentlichkeit.“

53 Vgl. Birgit Dahlke: „Frau komm!“ Vergewaltigungen 1945 – zur Geschichte eines Diskurses. In: Birgit

Dahlke, Martina Langermann u. Thomas Taterka (Hrsg.): LiteraturGesellschaft DDR: Kanonkämpfe

und ihre Geschichte(n). Stuttgart 2000, S. 275-311, hier S. 276.

54 Vgl. Ruth Storm: Das vorletzte Gericht. München 1953.


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

und dimensioniert.“ 55 Sein Chronotopos ist somit mehr als eine bloß formale

Analyse- und Beschreibungskategorie und insofern besonders gut geeignet, einen

Textkorpus zu erfassen, der primär inhaltlich definiert ist. Der Chronotopos legt

die Koordinaten einer Erzählung fest; er ist ihr ›Organisationszentrum‹, das den

Handlungsverlauf und die Handlungsmöglichkeiten der Figuren bestimmt, und

somit auch entscheidend für die Vermittlung von Wertpositionen.

Romane über Flucht und Vertreibung, die ihre Handlung in einer Episodenkette

zwischen Aufbruch und Ankunft entfalten, folgen einer spezifischen Logik

der ›anderen Zeit‹ des Abenteuers und rücken damit in die Nähe des (trivialen)

Abenteuerromans, dessen Chronotopos mit der Triade Ausfahrt – Abenteuer –

Heimkehr beschrieben werden kann. Diese Logik wird in den Erzählungen über

Flucht und Ausweisung durch den Gestus des ›Zum-letzten-Mal‹ überlagert, der

insbesondere Szenen des Abschieds prägt. 56 Der letzte Blick zurück 57 ist – wie der

letzte Gang durch alle Räume des Hauses, die dadurch zu Erinnerungsräumen

werden – ein fester Topos in Texten dieser Art. In einer Vielzahl ähnlich arrangierter

Szenen wird das Fortgehen von zu Hause als ein Bruch im Kontinuum

der biographischen und historischen Zeit inszeniert. 58 In Passagen, die den

Aufbruch in unvertraute Horizonte und Lebenskreise schildern, zeigt sich beispielhaft

die Verräumlichung der Zeit und die Verzeitlichung des Raumerlebens,

die Bachtin im Begriff des Chronotopos erfasst. Der Raum erschließt sich hier

vornehmlich im Modell der (erzwungenen) Reise, die jedoch nicht durch eine

exotische fremde Welt, sondern durch das eigene Heimatland führt. 59

Der Chronotopos des Weges, der für die Flucht- und Vertreibungsodysseen

konstitutiv ist, konstituiert auch eine weitere Variante des Genres, die den

55 Bachtin: Formen der Zeit im Roman, S. 8. Zu Bachtins Chronotopos-Konzept vgl. Michael

Wegner: Die Zeit im Raum. Zur Chronotopostheorie Michail Bachtins. In: „Weimarer Beiträge“ 35

(1989), H. 8, S. 1357-1367.

56 Vgl. Rudolf Naujok (Hrsg.): So gingen wir fort. Ostdeutsche Autoren erzählen von den letzten Tagen

daheim. München 1970.

57 Vgl. Dwinger: Wenn die Dämme brechen…, S. 76: „Auf dem Trittbrett richtete sich Pleskow

noch einmal auf, umfaßte sein Reich mit einem alles umschlingenden Blick: Die Türme des

Herrenhauses, die Storchennester der Scheunen, die Dachreiter der Stallungen. Die Hügel,

die Täler, die Wälder… Dann ließe er sich neben Frau Au gusta niedersinken, griff wie ein

Schiffbrüchiger nach ihren Händen.“

58 Die existentielle Bedeutung des Geschehens wird in Bilder stillgestellter (biographischer

und historischer) Zeit übersetzt. Vgl. u. a. Scholz-Gauers: Gejagtes Volk, S. 17 „Ich sah nach

unserer lieben Standuhr in der Diele, die uns so genau die Zeit angegeben hatte, und ich hatte

das Gefühl, als müßte ich sie anhalten; die Zeit war für uns um.“ Ähnlich in: Horst Bienek:

Erde und Feuer. 3. Aufl. München, Wien 1984, S. 160: „Dann ging sie zur Wanduhr, öffnete

die Glastür und hielt das Perpendikel an. Es war genau Zwölfuhrsiebzehn. Und als nun auf

einmal das vertraute Ticken nicht mehr zu hören war, kam ich das Haus so fremd und öde

vor, daß sie es, ohne sich noch einmal umzusehen, mit raschen Schritten verließ.“

59 Vgl. Bachtin: Formen der Zeit im Roman, S. 194.

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Katarzyna Śliwińska

Vorgaben des abenteuerlichen Schelmenromans folgt. Bestimmte Grundmuster

pikaresken Erzählens finden sich insbesondere in Texten wieder, die von den

vielfältigen ›Listen der Selbsterhaltung‹ berichten, um in verschiedenen Episoden

das Panorama einer chaotischen, aus den Fugen geratenen Welt zu entfalten. In

der Regel aber fehlt solchen Berichten die doppelbödige Anlage des pikaresken

Romans, der als unzuverlässige Ich-Erzählung einer Komplementärlektüre unterzogen

werden muss. 60 Die (Flucht-)Straße, die Bachtin als einen transitorischen

Ort der Begegnung von Menschen mit unterschiedlichen (Lebens-)Wegen und

sozialen, kulturellen und persönlichen Hintergründen beschreibt, ist hier, genauso

wie die verlassenen Wohnungen, Flüchtlingsquartiere, Gefängnisse und

Sammellager 61 , Ort der Initiation in eine Welt, in der bisher gültige Werte und

Verhaltensregulative ihre Verbindlichkeit verloren haben. Das Erzählschema

der initiation story wird in besonderer Weise in Texten instrumentalisiert, die die

Vorgänge bei Kriegsende und danach aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen

schildern. Die Chronologie der Erzählung ist hier an biographische

Einschnitte und traumatische Grenzerfahrungen gebunden, die Phasen und

Stationen eines ›Lebensweges‹ markieren.

Für Horkheimer und Adorno ist Odysseus’ Irrfahrt von Troja nach Ithaka

der Weg des leibhaft gegenüber der Naturgewalt unendlich schwachen und im

Selbstbewußtsein erst sich bildenden Selbst durch die Mythen“. 62 Seine Abenteuer

„bedenken jeden Ort mit seinem Namen. Aus ihnen gerät die rationale Übersicht

über den Raum.“ Darin liegt die entscheidende Differenz zu den in der deutschen

Nachkriegsliteratur erzählten Flucht- und Vertreibungsodysseen, die den Raum

ebenfalls im Modell der Irrfahrt erschließen. Narrationen dieses Inhalts arbeiten

mit einer Vielzahl topographischer Angaben, die ihr räumliches Ordnungschema

konstituieren. 63 Zugleich ist diese Raumordnung in hohem Maß durch Ungleichzeitigkeit

und Mehrfachkodierung charakterisiert. In Texten, die ihren Fokus

auf das Fluchtgeschehen richten, erschließt sich der Raum durch Bewegung, die

in ihrer Richtung und Geschwindigkeit primär der Dynamik des Krieges folgt.

Mit einer Inversion dieses traditionellen Paradigmas der Raumerfahrung haben

wir es dort zu tun, wo die ›Fremde‹ (in Gestalt fremder Soldaten und – in ihrem

60 Vgl. Matthias Bauer: Im Fuchsbau der Geschichte. Anatomie des Schelmenromans. Stuttgart, Weimar

1993; Jürgen Jacobs: Der Weg des Pícaro. Untersuchungen zum europäischen Schelmenroman. Trier

1998.

61 Vgl. u. a. Leonie Ossowski: Herrn Rudolfs Vermächtnis. Hamburg 1997; Hans Schellbach: Du

deutsch? – Raus! Roman über die Vertreibung der Deutschen zwischen oder und Neiße. Dülmen 1989.

62 Horkheimer, Adorno: Dialektik der Aufklärung, S. 61. Die Odyssee zeichnet in dieser Deutung

nicht eine individuelle biographische Trajektorie, sondern die „Fluchtbahn des Subjekts vor

den mythischen Mächten“ nach.

63 Ihr charakteristisches Merkmal ist die topographische Verankerung der Handlung, ihre BinBindung an konkrete Schauplätze und sozio-kulturelle Milieus (Dorf, Schloss).


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

Gefolge – einer fremden Bevölkerung) in den vertrauten Nahbereich des ›Heimischen‹

einbricht und ihn dadurch ›unheimlich‹ macht. Die Odysseen, die durch

die ehemals vertraute, durch Front- und Grenzverschiebung fremd gewordene

›Heimat‹ führen, werden im wörtlichen Sinn des Wortes als Irrfahrt inszeniert:

Die Orientierung in Raum 64 und Zeit 65 versagt, die ›Ordnung‹ wird in ›Chaos‹

aufgelöst, die ›Heimat‹ wird zur ›Fremde‹, die symbolisch durch Zeichen fremder

Gewalt (Uniformen, Fahnen) und – auf einer anderen Ebene – durch die

Verweigerung der Kommunikation markiert ist.

Es handelt sich hier um eine semantisch aufgeladene topologische Ordnung

im Sinne Jurij Lotmans, die durch topographische Markierungen konkretisiert

wird. Die Semantisierung des Raumes zeigt sich in besonderer Weise in Texten,

die die ›Odysseeder deutschen Flüchtlinge symbolisch in topographischen

Denominationen wie Nemmersdorf oder Dresden aufhebt. Sie sind in der Ordnung

der Erzählung weit mehr als nur räumliche Konkretisationen erfahrenen

Leids. Vielmehr sind sie – um mit Jörn Rüsen zu sprechen – als „narrative Abbreviaturen“,

als „in Sprache eingelagerte Geschichten“ zu begreifen, die nicht

als solche erzählt, sondern als schon erzählte aufgerufen und kommunikativ

verwendet werden. 66

Die topische Heimkehr von einer Irrfahrt – so Hans Blumenberg in seiner

Arbeit am Mythos – ist „eine Bewegung der Sinnrestitution […], vorgestellt im

Muster der Schließung des Kreises, die den Ordnungstenor der Welt und des

Lebens gegen jeden Anschein von Zufall und Willkür verbürgt“. 67 So auch bei

Homer, dessen Odysseus am Ende seiner Abenteuer seine Macht als Hausherr

und Herrscher restituiert. Die Odyssee schildert somit eine geglückte soziale Reintegration

nach dem Krieg, anders als die ebenfalls zum trojanischen Sagenkreis

gehörende Heimkehr-Geschichte Agamemnons, dem Klytaimestra die Rückkehr

in seine vormalige Position versagt – indem sie ihn ermordet. 68

64 Vgl. Berthold: Der große Treck, S. 58: „Wohin? Die Heimat ist ein Labyrinth. […] Ortsschilder

sind umgestürzt. Dörfer haben keine Namen mehr.“

65 Vgl. Surminski: Jokehnen oder Wie lange fährt man von Ostpreußen nach Deutschland?, S. 394 f: „›Wie

spät es wohl ist?‹ fragte jemand aus dem dunklen Güterwagen. Eine törichte Frage, denn es

gab in Ostpreußen keine Uhren mehr. Die lagen in Trümmern oder tickten an russischen

Armen.“

66 Jörn Rüsen: Historische Orientierung. Über die Arbeit des Geschichtsbewußtseins, sich in der Zeit zurechtzufinden.

Köln u. a. 1994, S. 10.

67 Hans Blumenberg: Arbeit am Mythos. 3. Aufl. Frankfurt/M. 1984, S. 86.

68 Hierzu vgl. Ortrud Gutjahr: Der andere Kampfplatz. Der Troianische Krieg und seine Beziehungsmuster

im Gedächtnis der Literatur. In: Waltraud ›Wara‹ Wende (Hrsg.): Krieg und Gedächtnis. Ein Ausnahmezustand

im Spannungsfeld politischer, literarischer und filmischer Sinnkonstruktion. Würzburg 2005,

S. 92-120. Im deutschen Nachkrieg sorgte die Familien- und Sozialpolitik für die Restitution

patriarchaler Machtverhältnisse; sie reagierte damit auf die Verunsicherung der tradierten

Geschlechter- und Familienordnung, die während des Krieges in Bewegung geraten war.

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144

Dieses Ordnungs- und Sinnversprechen des Mythos wird in den ›Odysseen‹ der

Flucht und Vertreibung nicht eingelöst. Die Integration von rund zwölf Millionen

deutscher Flüchtlinge und Vertriebener wird zwar öffentlich als eine der größten

Erfolgsgeschichten der Bundesrepublik Deutschland erinnert, dennoch sahen

sich die Betroffenen in der neuen „Zwangsheimat“ benachteiligt und als Fremde

ausgegrenzt. 69 Ihre ›Odysseen‹ beschreiben keinen Heim-, sondern einen Fluchtweg;

am Ende der Reise steht nicht die Restitution des Weltvertrauens, sondern

die Erfahrung eines Bruchs – der durch den Verlust von Besitz und Geborgenheit

bewirkten Diskontinuität. Die Texte über Flucht und Vertreibung haben somit eine

andere Raum- und Zeitstruktur als die homerische Odyssee, deren Zeitverlauf durch

Verzögerung definiert ist. In den homerischen Epen spielt die Zeit, wie Hermann

Fränkel zeigt, nur als Dauer eines exemplarischen Geschehenszusammenhangs eine

Rolle; sie materialisiert sich in den außergewöhnlichen Begebenheiten, die darin

erzählt werden. 70 In den Flucht- und Vertreibungsodysseen dagegen ist die Zeit eine

wichtige Ordnungskategorie des Geschehens; sie ist nicht nur stärker strukturiert,

sondern auch hochgradig semantisiert. Sie ist somit mehr als nur ein Aspekt der

Bewegung im Raum, die ihrerseits zugleich Thema und strukturelles Prinzip von

Narrationen dieser Art ist. Die Bewegungen im Raum (›Irrfahrt‹) gliedern hier

die chronologische Bewegung der Erzählung, zugleich aber strukturiert die Zeit

den erzählten Raum, indem die zeitliche Opposition des ›Davor‹ und ›Danach‹

in der Gegenüberstellung zweier für die Literatur über Flucht und Vertreibung

konstitutiver Chronotopoi – der räumlichen Zeitmetaphern des Hauses und des

Weges – in eine räumliche Konstellation übersetzt wird.

Diese Zeitstruktur ist nur schwer mit der „Kreisschlüssigkeit“ des homerischen

Epos zu vermitteln, die von Hans Blumenberg als „ein Grundriß des

Weltvertrauens“ interpretiert wird. In der zyklischen Ordnung der Odyssee, die

mit der Heimkehr des Helden einen Kreis von Lebensvorgängen schließt, ist – so

Blumenberg – die „Zuverlässigkeit aller Wege und jedes, wie auch immer unter

der Gewaltenteilung der Götter erschwerten, so dennoch verzö gert erfüllbaren

Der totale Krieg trug nicht nur zur Auflösung des dichotomischen Geschlechtersystems bei,

das der Frau den privaten und dem Mann den öffentlichen Bereich zugewiesen hatte. Vor

allem aber hatte er die Vorstellung vom kriegerischen Mann als Beschützer von Frau und

Familie in der Heimat in radikaler Weise in Frage gestellt. Dazu Vgl. Thomas Kühne: Zwischen

Vernichtungskrieg und Freizeitgesellschaft. Die Veteranenkultur der Bundesrepublik (1945–1995). In:

Nachkrieg in Deutschland, S. 90-113, hier S. 108 f. Zum „Versagen der Männergesellschaft“ vgl.

Orłowski: „Sag mir, wo die Männer sind…“, S. 37-45.

69 Vgl. Michael Schwartz: „Zwangsheimat Deutschland“. Vertriebene und Kernbevölkerung zwischen Gesellschaftskonflikt

und Integrationspolitik. In: Nachkrieg in Deutschland, S. 114-148; Andreas Kossert:

Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945. München 2008.

70 Hierzu vgl. Barbara Patzek: Homer und Mykene. Mündliche Dichtung und Geschichtsschreibung.

München 1992, S. 179.

Katarzyna Śliwińska


Eine deutsche Odyssee? Figurationen der Irrfahrt in der deutschen Literatur über Flucht und Vertreibung

Lebens“ vorgeprägt. 71 In der Literatur über Flucht und Vertreibung hatten Modelle

zyklischer Zeit in der frühen Nachkriegszeit Konjunktur; sie erlaubten es,

der oberflächlich sinnlos erscheinenden Geschichte eine Tiefendimension zuzuschreiben,

in der sich das Wirken einer göttlichen oder dämonischen Intention

zeigt. 72 Das Modell des Zyklus gilt als die prototypische Struktur mythischen

Geschichtsdenkens. Das bedeutet nicht zwangs läufig, dass Autoren der jüngeren

Generation, die wie Reinhard Jirgl dem historischen Verlauf eine zyklische

Struktur der Wiederkehr einschreiben, die Geschichte remythisieren wollen. 73 Die

Figur des Kreises, die seinen Roman Die Unvollendeten strukturiert, ist vielmehr als

eine Grundfigur für die Inszenierung von Erinnerung und Trauma zu betrachten,

das sich gerade durch die Destruktion von Sinn auszeichnet. 74 Jirgls Text bildet in

seiner Erzählstruktur die zyklische Bewegung des Erinnerns nach, das in seinen

obsessiven, subjektiv unverfügbaren Formen Züge des Traumatischen trägt. 75

Für die ästhetische Inszenierung des Traumas ist das ständige Überlagern von

Gegenwart und Vergangenheit charakteristisch, in der die jeweilige Jetztzeit ihre

Konturen verliert. Die Chronologie wird hier durch ein anderes Prinzip außer

Kraft gesetzt – das Prinzip der chronotopischen Überblendung, in der Zeiten

und Orte ineinander rücken. 76

4. Ausblick

In Jirgls Roman wird die das Trauma kennzeichnende Nachträglichkeit der

Symptombildung in die Dimension der Generationenfolge projiziert. 77 Diese

71 Blumenberg: Arbeit am Mythos, S. 97.

72 Vgl. Dörr: Mythopoesis, S. 24 f.

73 Dazu vgl. Andreas Meier: Die Rückkehr des Narrativen – Reinhard Jirgls „Deutsche Chronik“. In: Volker

Wehdeking, Anne-Marie Corbin (Hrsg.): Deutschsprachige Erzählprosa seit 1990 im europäischen

Kontext. Interpretationen, Intertextualität, Rezeption. Trier 2003, S. 199-220, hier S. 219 f.

74 Hierzu vgl. Sigrid Weigel: Télescopage im Unbewußten. Zum Verhältnis von Trauma, Geschichtsbegriff

und Literatur. In: Elisabeth Bronfen, Birgit R. Erdle, Sigrid Weigel (Hrsg.): Trauma. Zwischen

Psychoanalyse und kulturellem Deutungsmuster. Köln [u. a] 1999, S. 51-76.

75 Ulrike Vedder sieht in der narrativen Struktur des Romans die „poetologische Konsequenz der

Zeitresistenz des Traumas“. Vgl. Ulrike Vedder: Luftkrieg und Vertreibung. Zu ihrer Übertragung

und Literarisierung in der Gegenwartsliteratur. In: Corina Caduff, Ulrike Vedder (Hrsg.): Chiffre

2000 – Neue Paradigmen in der Gegenwartsliteratur. München 2005, S. 59-79, hier S. 77.

76 Jirgl bemüht in diesem Zusammenhang die Figur eines „Zeit-Tunnel[s] [...] zwischen Heute

u: Damals“, die den in therapeutischen Trauma-Diskursen thematisierten Einbruch der Vergangenheit

in die jeweilige Gegenwart der Protagonisten beschreibt. Vgl. Reinhard Jirgl: Die

Unvollendeten. München, Wien 2003, S. 210.

77 Anders in Leonie Ossowskis Roman Herrn Rudolfs Vermächtnis, der die Zeitresistenz des

Traumas an der Generation der ›Kriegskinder‹ demonstriert.

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komplexe Zeitstruktur des Erzählens ist symptomatisch für neuere Texte über

Flucht und Vertreibung, die zunehmend aus der Position des (kulturellen, medialen)

Post-Gedächtnisses entworfen werden. Das diachrone Nacheinander wird

darin vielfach durch die Vorstellung einer synchronen Koexistenz von Erinnerungsräumen

überlagert, die insbesondere für die Generationenromane der letzten

Jahre kennzeichnend ist. Innerhalb dieses Genres lassen sich mit Friederike

Eigler zwei gegenläufige Tendenzen beobachten: In den Blick kommen zum

einen die Brüche, Widersprüche und Diskontinuitäten familiärer Genealogien,

zum anderen aber werden durch den Schreib- und Erinnerungsprozess neue

Verbindungen und Zusammenhänge hergestellt. Dort, wo die transgenerationelle

Wirkung von traumatischen Erfahrungen und schuldbesetzten Erinnerungen

thematisiert wird, zeigen sich mitunter überraschende Kontinuitäten, etwa wenn

die Rekonstruktion der familiären Geschichte eine Struktur der Wiederholung

sichtbar macht. 78 Die Generationenromane der letzten Jahre bewegen sich damit,

so weiter Eigler, zwischen Distanz und Reflexion einerseits und Empathie

und affektiver Annäherung an die Vorfahren andererseits. 79 Diese Bereitschaft

zur Empathie ist auch für die neueren Texte über Flucht und Vertreibung

kennzeichnend, die auf das Modell des Familien- und Generationenromans

zurückgreifen. Geschichten, die sie erzählen, sind zum Teil Geschichten einer

generationell verschobenen, imaginären Heimkehr (Petra Reski: Ein Land so

weit, 2002), weit häufiger jedoch handeln sie von der Suche nach den Spuren

der eigenen Herkunft, die zum Ausgangspunkt einer biographischen Irrfahrt

werden kann. 80

78 So bei Jirgl: Die Unvollendeten, S. 195: „die Großeltern kehren in den Enkeln wieder“; Tanja

Dückers: Himmelskörper (2003), 2. Aufl. Berlin 2005, S. 274: „Dieser Satz [›Ich will nur nicht,

daß du den ganzen Müll einfach nur reproduzierst…!‹ – K.Ś.] war sicherlich nicht sehr diplomatisch.

Vielleicht hatte ich ihn ausgesprochen, weil mich gerade mein Kind getreten hatte

und ich wieder Angst bekam vor dieser dicken, eingeschweißten Familienkette aus Schweigen,

Totschlag und nochmals Schweigen, zu der ich nun für immer gehören würde. Über meinen

Tod hinaus.“; auf einer anderen Ebene bei Günter Grass: Im Krebsgang (2002). München 2004,

S. 208: „Hört das nicht auf? Fängt diese Geschichte immer aufs neue an?“

79 Friederike Eigler: Gedächtnis und Geschichte in Generationenromanen seit der Wende. Berlin 2005,

S. 25 f., S. 33. Vgl. auch Ariane Eichenberg: Familie – Ich – Nation. Narrative Analysen zeitgenössischer

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der Familien- und Generationenromane. In: „Mittelweg 36“ 1 (2004), S. 53-64.

80 So z. B. in Olaf Müllers Roman Schlesisches Wetter. Berlin 2003 oder bei Hans-Ulrich Treichel

(Der Verlo rene. Frankfurt/M. 1998; Menschenflug. Frankfurt/M. 2005; Anatolin. Frankfurt/M.

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