Leitfaden für Winterhilfe- Aufnahmen - FÖD Sozialeingliederung

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Leitfaden für Winterhilfe- Aufnahmen - FÖD Sozialeingliederung

Foto: Anne de Graaf

Leitfaden für

Winterhilfe-

Aufnahmen


Einleitung

Bei der Aufnahme von Obdachlosen im Winter handelt es sich vor

allem um eine lokale Befugnis. An vielen Orten unseres Landes

erhalten Obdachlose dank des Einsatzes und der Hilfe von lokalen

Behörden, Freiwilligen, Einrichtungen und Unternehmen und

durch die Unterstützung der Regionen und der föderalen Dienste

einen warmen Schlafplatz.

Nach meiner Eidesleistung als Staatssekretärin für Soziale Eingliederung und Armutsbekämpfung

am 6. Dezember 2011 bin ich mir bei einer Kältewelle in der Brüsseler Region

der Bedeutung der Notaufnahme von Obdachlosen bewusst geworden. Der Winter 2011-

2012 hat zusätzliche Anstrengungen erforderlich gemacht.

Die Erfahrungen und Feststellungen, die ich im Winter 2011-2012 gemacht habe, haben

mich davon überzeugt, dass die Winterhilfe-Aufnahme in unserem Land an einigen Orten

noch verbessert werden kann, wenn Personen und Dienste ihre diesbezüglichen Erfahrungen

austauschen. Daher habe ich beschlossen, einen Leitfaden für Winterhilfe-Aufnahmen

zu erstellen, der Nachahmungswertes, allgemeine Empfehlungen und praktische Tipps enthält.

Ich möchte mich jedoch nicht auf diesen Leitfaden beschränken: Im föderalen Regierungsabkommen

ist ein Zusammenarbeitsabkommen zwischen den Regionen im Hinblick auf

eine optimierte Aufnahme der Obdachlosen vorgesehen, durch das es zu einer effizienteren

Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten je nach Befugnisebene und zu einer

verstärkten Konzertierung und Zusammenarbeit kommen soll. Nach diesem Winter

werde ich die für die Ausarbeitung dieses Abkommens erforderlichen Maßnahmen in die

Wege leiten.

Der Gedanke daran, dass Menschen jeden Tag - Winter oder Sommer - unter prekären

Umständen leben müssen, ist unerträglich. Daher kann es sich bei der Winterhilfe

Aufnahme nur um eine vorübergehende Maßnahme handeln. Wir müssen uns um nachhaltige

Lösungen bemühen, zum Beispiel indem wir feste Unterkünfte, psycho-soziale und

medizinische Betreuung vorschlagen, und alles daran setzen, die betroffenen Personen in

unsere Gesellschaft zu integrieren.

Ich danke allen lokalen Behörden, allen Einrichtungen und den Regionen für ihren großen

Einsatz bei der Organisation der Winterhilfe-Aufnahmen.

Maggie De Block

Staatssekretärin für Soziale Eingliederung und Armutsbekämpfung

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Inhaltsangabe

Einleitung 1

1. Arbeitsmethode 5

2. Zweckmäßigkeit des Leitfadens 6

3. Sieben Eckpunkte 8

3.1 Organisation 8

3.2 Gebäude 10

3.2.1 Lösungsansätze 11

3.2.2 Nutzvorrichtungen 11

3.3 Transport 15

3.4 Verpflegung (Nahrungsmittel und Getränke), Decken, Kleidung, usw. 16

3.5 Begrenzung der Belästigung 19

3.6 Registrierung 21

3.7 Begleitung 22

4. Konzertierung und Partnerschaften 25

4.1 Optimierung der Aufnahme durch mehr Konzertierung 25

4.2 Optimierung der Aufnahme durch Partnerschaften 26

5. Schlussfolgerung 28

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1

Arbeitsmethode

• In Zusammenarbeit mit dem Hilfsdienst ‘SAMUsocial’ und allen betroffenen Partnern

ist eine Bewertung der Aufnahme Obdachloser in Brüssel im Winter 2011-2012

vorgenommen worden.

• Fünf große Städte, die für die Aufnahme von Obdachlosen im Rahmen der Winterhilfe

eine finanzielle Unterstützung seitens der Staatssekretärin erhalten, wurden

befragt:

- zur Organisation der Winterhilfe-Aufnahme,

- zu den Gebäuden,

- zum Transport,

- zur Verpflegung,

- zur Begrenzung der Belästigung,

- zur Registrierung,

- zur Begleitung.

Die Ergebnisse dieser Befragung werden für jeden dieser Punkte als Beispiele angeführt.

• Über diesen Leitfaden ist in der Arbeitsgruppe ‘Obdachlosigkeit’ der Interministeriellen

Konferenz ‘Eingliederung in die Gesellschaft’ beraten worden.

• Der Leitfaden umfasst drei Kapitel:

1. Zweckmäßigkeit des Leitfadens,

2. Sieben Eckpunkte einer erfolgreichen Winterhilfe-Aufnahme nach einer von

der Basis ausgehenden sogenannten Botttom-up-Vorgehensweise,

3. Notwendigkeit verschiedener Partnerschaften und Konzertierungsformen.

Foto: Anne de Graaf

5


2

Zweckmäßigkeit des Leitfadens

In vielen Städten unseres Landes hat sich die Anzahl Obdachloser,

die im Winter einen Aufnahmeplatz benötigen, drastisch erhöht,

und im ganzen Land haben lokale Behörden große oder kleinere

Probleme, die Winterhilfe-Aufnahme zu organisieren.

Jedes Jahr erhalten die fünf großen Städte Antwerpen, Lüttich, Gent, Charleroi und Brüssel

eine finanzielle Unterstützung seitens des Staatssekretärs für Soziale Eingliederung und

Armutsbekämpfung. Für Brüssel hat sich diese Unterstützung im Winter 2011-2012 als

unzureichend erwiesen und auch in anderen Städten sind noch bestimmte Probleme

aufgetreten.

Brüssel unterscheidet sich von den anderen Städten durch die hohe Anzahl Obdachloser,

die dort leben. In den kalten Monaten Januar, Februar und März 2012 war es notwendig,

die Aufnahmekapazität der Stadt zu erhöhen. In Konzertierung mit der Gemeinsamen

Gemeinschaftskommission hat Maggi De Block, Staatssekretärin für Soziale Eingliederung

und Armutsbekämpfung, Maßnahmen ergriffen, damit jede Person, die es wünschte, auch

einen Aufnahmeplatz erhielt. Mit der Hilfe verschiedener Partner wie der Armee und

dem Roten Kreuz konnten die Probleme schnell gelöst werden.

Dieser Leitfaden soll

den Behörden großer

und kleiner Städte

Empfehlungen und

Tipps zur Unterstützung

der Ausarbeitung

und Durchführung ihres

Winterhilfe-Plans geben.

Anlässlich ihrer Besuche von ÖSHZ und Verbänden zur

Armutsbekämpfung hat die Staatssekretärin festgestellt,

dass die Winterhilfe-Aufnahme in verschiedenen Städten

und Gemeinden unterschiedlich organisiert wird. Dabei

umfasst jedes Projekt eigene Maßnahmen der guten

Praxis, die für andere nützlich sein könnten. Es war

also logisch, einen Leitfaden zu verfassen, in dem alle

Partner im Bereich der Aufnahme Obdachloser sich

über die Erfahrungen anderer informieren können, um

sie gegebenenfalls in ihren eigenen Winterhilfe Plan

aufzunehmen.

Der vorliegende Leitfaden richtet sich an alle lokalen Behörden, Dienste und Verbände,

die für die Aufnahme Obdachloser zuständig sind, jedoch auch an die Regionen, die eine

unterstützende Rolle einnehmen können, und schließlich an die föderale Ebene, der in

Zukunft vor allem eine koordinierende Rolle zukommen wird.

Dieser Leitfaden soll den Behörden großer und kleiner Städte Empfehlungen und Tipps

zur Unterstützung der Ausarbeitung und Durchführung ihres Winterhilfe-Plans geben.

Dabei geht es nicht darum, eine erschöpfende Auflistung zur Verfügung zu stellen, sondern

vielmehr darum, gute Ideen einzubringen oder anzuregen.

Die Winterhilfe in

unserem Land im

Interesse der Personen,

die darauf angewiesen

sind, noch zu verbessern.

Eine dieser Empfehlungen betrifft die Organisation einer

Konzertierung und eine bessere Strukturierung der

Aufnahme. Die lokalen Behörden wählen ihre Partner

natürlich selbst aus. Dieser Leitfaden umreißt lediglich

die Winterhilfe-Aufnahme und enthält einige bewährte

Beispiele.

Angesichts der Tatsache, dass der Kontext der Aufnahme sich stets verändert, handelt

es sich bei vorliegendem Leitfaden nicht um einen Einsatzplan. Auf der Grundlage dieses

Leitfadens ist eine Checkliste, die praktische Aspekte umfasst, erstellt worden. Diese

Checkliste kann beim Kabinett der Staatssekretärin für Soziale Eingliederung und

Armutsbekämpfung beantragt werden. Die Staatssekretärin stellt auch sicher, dass diese

Liste nach jedem Winter fortgeschrieben wird und auf dem aktuellsten Stand bleibt.

Endziel dieses Leitfadens ist es, die Winterhilfe in unserem Land im Interesse der Personen,

die darauf angewiesen sind, noch zu verbessern.

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3

Sieben Eckpunkte

In den fünf größten Städten wurde Kontakt mit den für die Winterhilfe-Aufnahme

verantwortlichen Organisationen aufgenommen,

um sie über ihre Vorgehensweise mit Bezug auf folgende wichtige

Bereiche zu befragen: Organisation, Gebäude, Transport, Verpflegung,

Registrierung, Begrenzung der Belästigung und Begleitung. In

diesem Leitfaden soll keinesfalls ein Werturteil über die mitgeteilten

Vorgehensweisen abgegeben werden, bestimmte festgestellte Unterschiede

sind jedoch Anzeichen dafür, dass eine Koordinierung und

Konzertierung sowohl auf lokaler als auch auf regionaler Ebene

von großem Nutzen wären.

3.1 Organisation

Wie bereits gesagt, handelt es sich bei der Organisation der Winterhilfe-Aufnahme für

Obdachlose um eine lokale Befugnis. Wie sie organisiert wird, hängt also auch von den

Gegebenheiten in den jeweiligen Gemeinden oder Städten ab. Es gibt jedoch einige gemeinsame

Anhaltspunkte, die den lokalen Behörden bei der Organisation der Aufnahme

von Nutzen sein können:

Eigene Verwaltung

• Das Gemeindekollegium bestimmt selbst, welche Bedürfnisse vorliegen und wie darauf

zu reagieren ist. Im Hinblick auf eine wohlüberlegte Vorgehensweise empfehlen sich

Beratungen mit Armuts- und Obdachlosenverbänden.

• Im Auftrag des Gemeindekollegiums führt das ÖSHZ die Winterhilfe-Aufnahme durch.

Auch hier empfiehlt sich eine Beratung mit den verschiedenen existierenden Verbänden.

Externe Verwaltung

• Eine lokale Behörde kann auch beschließen, die Aufnahme von einer Organisation

mit großer diesbezüglicher Erfahrung durchführen zu lassen. So können die Zentren

für allgemeine Sozialhilfe (ZAS), VoGs oder andere bestehende Initiativen, die während

des Jahres für die Aufnahme Obdachloser sorgen, kontaktiert werden, um die

zusätzlichen Aufnahmen im Winter finanziell und/oder materiell zu unterstützen.

Foto: Anne de Graaf

Organisation

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Tipp: In Brüssel setzt SAMUsocial Praktikantinnen aus verschiedenen Fachhochschulen

(Sozial- und Gesundheitswesen u.ä.) in den normalen und Winterhilfeauffangstellen ein. Diese

Beteiligung ermutigt auch andere Leute, sich für derart notwendige Aufgaben zu engagieren.

Aus der Befragung der fünf großen Städte mit Bezug auf die Organisation der Aufnahme

geht Folgendes hervor:

Charleroi und Lüttich: In sieben wallonischen Städten wird die Aufnahme von

Obdachlosen durch eine ‘Soziale Anlaufstelle’ koordiniert. Dabei handelt es sich

um ein Netzwerk öffentlicher und privater Partner, die im Bereich der Sozialhilfe

für Obdachlose tätig sind. Diese Stellen werden finanziell von der Wallonischen

Region unterstützt.

Gent: Das Zentrum für allgemeine Sozialhilfe Artevelde (CAW Artevelde) und das

Haus ‘Huize Triest’ (eine VoG der ‘Broeders van Liefde’) arbeiten als feste Partner,

die auch das ganze Jahr über Nachtunterkünfte zur Verfügung stellen.

Antwerpen: Das ÖSHZ und die Stadt organisieren gemeinsam die Winterhilfe für

Obdachlose. Das Zentrum für allgemeine Sozialhilfe (ZAS) sorgt für eine professionelle

Begleitung in den verschiedenen Unterkünften und wird dabei von

Freiwilligen unterstützt.

Brüssel: Der Hilfsdienst ‘SAMUsocial’ ist sowohl durch die Gemeinsame Gemeinschaftskommission

als auch durch die Staatssekretärin mit der Winterhilfe-Aufnahme

betraut worden. Dieser Hilfsdienst, Teil einer internationalen VoG, sorgt auch das

ganze Jahr über für die Aufnahme von Obdachlosen. Das Brüsseler ÖSHZ hat

im vorigen Jahr ein Gebäude erstanden, in dem der SAMUsocial-Hilfsdienst im

Rahmen der Winterhilfe-Aufnahme mit der finanziellen Unterstützung durch die

Gemeinsame Gemeinschaftskommission für den Winter 400 Aufnahmeplätze

eingerichtet hat. Das ÖSHZ hat den SAMUsocial-Hilfsdienst auch bei den Vorbereitungen

des Gebäudes des Landesamtes für Arbeitsbeschaffung (LAAB) unterstützt,

zum Beispiel, was den Brandschutz, die Reinigung, usw. betrifft. Außerdem ist das

ÖSHZ ständig in Kontakt mit dem SAMUsocial-Hilfsdienst, um die Obdachlosen zu

betreuen und gemeinsam nach Lösungen für ihre Situation zu suchen.

3.2 Gebäude

Es liegt auf der Hand, dass man für die Anbietung eines warmen Schlafplatzes über ein

geeignetes Gebäude verfügen können muss. Wenn die lokale Behörde der Ansicht ist,

dass die Aufnahme von Obdachlosen im Winter gewährleistet werden muss, sollte sie

sich zeitig nach einem passenden Gebäude umsehen.

3.2.1 Lösungsansätze

Zunächst sollte überprüft werden, ob die unterschiedlichen Behörden nicht selbst über

passende Gebäude verfügen, und zwar:

• unter den Kasernen der Armee, die vom Minister der Landesverteidigung zur Verfügung

gestellt werden,

• unter den Kasernen der lokalen Feuerwehr oder den leerstehenden Gebäuden der

Polizei,

• unter den Gebäuden verschiedener Verwaltungen, die im Winter für die Aufnahme

Obdachloser benutzt werden könnten,

• unter den Gebäuden im Besitz der Gebäuderegie.

Außerdem verfügt jede Stadt über leerstehende Gebäude, die bis zu ihrer Renovierung

für die Aufnahme Obdachloser in Frage kämen. Ein aktualisiertes Verzeichnis solcher Gebäude,

über die Gemeinde und Städte im Allgemeinen verfügen, würde die Suche erheblich

erleichtern. Am besten sollte ein solches Verzeichnis sowieso vorbeugend angelegt werden.

Ist auf diesem Wege kein Gebäude zu finden, können private Unternehmer angeschrieben

werden, um zu erfahren, ob sie nicht im Besitz leerstehender Gebäude sind.

Tipp: Bestimmte Arbeitslose möchten sich nicht von ihrem Hund trennen. In den meisten Gebäuden

sind Tiere jedoch nicht zugelassen. In diesen Fällen können Obdachlose auch an Organisationen

verwiesen werden, die Hunde akzeptieren, wie das zum Beispiel in der Prinz-Laurent-Stiftung der

Fall ist.

3.2.2. Nutzvorrichtungen

Bei der Suche nach einem passenden Gebäude müssen folgende Aspekte unbedingt

überprüft werden:

Brandschutz und allgemeine Sicherheit

Besuch der Feuerwehr vor Ort zur Begutachtung von unter anderem:

• Feuerlöschern,

• Rauchmeldern,

• Räumungswegen,

• usw.

Elektrizität

• Für die Elektroinstallationen ist eine Konformitätsbescheinigung erforderlich.

Tipp: Sichtbare Steckdosen in den Zimmern sollten vermieden werden; sie sollten nur in den

Büros des Betreuungspersonals angebracht sein.

Wasser

• Weist die Wasserleitung undichte Stellen auf (insbesondere in Gebäuden, die schon

lange leer stehen)?

• Gibt es einen Warmwasseranschluss?

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Tipp: Der Warmwasseranschluss muss angemessen geregelt werden, da manche Obdachlose

nicht mehr mit dem Gebrauch von warmem Wasser vertraut sind.

Heizung

• Ist die Anlage in einem guten Zustand?

• Wird mit Gas oder Heizöl geheizt? Wie hoch sind die möglichen Kosten?

• Sehr kalte Gebäude, die lange leer stehen, sollten mit Heizkanonen schnell gewärmt

werden.

Tipp: Sehr kalte Gebäude mit Heizkanonen schnell wärmen. Der Zivilschutz verfügt über

Kerosen-Kanonen, die jedoch nicht ständig einsatzbereit sind und nicht benutzt werden

dürfen, wenn Menschen in den Räumlichkeiten anwesend sind. Elektro-Heizkanonen

hingegen dürfen in der Anwesenheit von Personen benutzt werden, wärmen schnell und

können gegebenenfalls bei einem Privatunternehmen gemietet werden.

Sanitäranlagen

• Funktionieren die Anlagen? Gibt es Verstopfungen, undichte Stellen?

• Sind Duschen vorhanden?

Tipp: Gegebenenfalls können mobile Duschen installiert werden.

Zugänglichkeit

• Das Gebäude liegt in der Nähe des Stadtzentrums und ist mit den öffentlichen

Verkehrsmitteln erreichbar.

• Das Gebäude liegt zwar außerhalb des Stadtzentrums, ist jedoch mit den öffentlichen

Verkehrsmitteln erreichbar.

• Das Gebäude liegt außerhalb des Stadtzentrums und es gibt einen eigens bis zum

Aufnahmeort organisierten Transportdienst.

Idealerweise sollte das Gebäude auch mit einer Küche für die Zubereitung der Mahlzeiten

und mit getrennten Räumlichkeiten für die Betreuer ausgestattet sein. Jede Gemeinde, die

Aufnahmen vorsieht, muss verschiedene Instanzen kontaktieren, um sicherzustellen, dass

das Gebäude den vorerwähnten Anforderungen genügt.

Aus der Befragung der fünf vorerwähnten Städte mit Bezug auf die Suche nach einem

geeigneten Gebäude geht Folgendes hervor:

Charleroi: Die Soziale Anlaufstelle ist für die Vernetzung der zu organisierenden

Winterhilfe-Aufnahme verantwortlich. Die teilnehmenden Akteure haben aber

auch Schwierigkeiten, Aufnahmeplätze für den Winter zu finden. Drei Gebäude

werden zusätzlich eingesetzt: ein Gebäude einer Organisation, die das ganz Jahr über

Obdachlose aufnimmt, und zwei Gebäude, die von der Gemeinde zur Verfügung

gestellt werden. Die Soziale Anlaufstelle würde gerne längerfristig über letztes

Gebäude verfügen können, um in der Zukunft Engpässe zu vermeiden.

Foto: Anne de Graaf

Gebäude


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Gent: Die Stadt Gent stellt unentgeltlich einen Flügel der alten Feuerwehrkaserne

für die Winterhilfe-Aufnahme zur Verfügung und übernimmt die mit den Nutzvorrichtungen

verbundenen Kosten. Das Genter ÖSHZ überträgt die Verwaltung

an das Zentrum für allgemeine Sozialhilfe Artevelde (ZAS Artevelde). Während

der Winterhilfe-Aufnahme steht das ‘Huize Triest’ an allen Tagen offen (während

es normalerweise nur an 4 von 7 Tagen Obdachlose aufnimmt). Das Haus sieht

ebenfalls zusätzliche Betten für die Winterperiode vor. Während die VoG der

‘Broeders van Liefde’ das Gebäude zur Verfügung stellt und die Betriebskosten

zahlt, übernehmen das Genter ÖSHZ und die Stadt eine Kofinanzierung. Ab April

2013 wird die vom ZAS während des ganzen Jahres organisierte Aufnahme von

Obdachlosen auf einen Standort konzentriert. Für die Winterhilfe-Aufnahme

werden dann getrennte Standorte vorgesehen. Das ‘Huize Triest’ wird weiterhin

in seinem eigenen Gebäude arbeiten.

Lüttich: Die Stadt verfügt über drei Standorte für die Aufnahme Obdachloser, die

im Winter durch eine unentgeltlich zur Verfügung gestellte Armeekaserne erweitert

werden.

Antwerpen: Die Stadt greift sowohl auf Hotelbetten als auch auf ein Gebäude der Stadt

zurück. Die Aufnahme in Hotels hat Vorteile (Beispiel: Verpflegung und Reinigung

sind einbegriffen), aber auch Nachteile (Beispiel: mögliche Probleme beim Aufeinandertreffen

von Hotelgästen und Obdachlosen). Solche Initiativen zwischen dem

Privatsektor und einer lokalen Behörde eröffnen jedoch Möglichkeiten. Für die

Aufnahme während des Winters 2012 2013 und der folgenden Jahre wurde der

leerstehende Teil eines Stadtgebäudes gefunden.

Brüssel: Der SAMUsocial-Hilfsdienst gewährleistet das ganze Jahr über eine Aufnahmekapazität

für 150 Personen. Im Winter gewähren die Gemeinschaftliche Gemeinschaftskommission

und die Staatssekretärin für Soziale Eingliederung und Armutsbekämpfung

eine zusätzliche Unterstützung, die es ermöglicht, im Winter 700

weitere Plätze anzubieten. 400 von der Gemeinschaftskommission und 300 von

der Staatssekretärin. Im Winter 2011-2012 konnte die Staatssekretärin zunächst

über eine Armeekaserne in Bevekom/Beauvechain verfügen, die vom Verteidigungsminister

Pieter de Crem unentgeltlich bereitgestellt wurde. Danach wurde

ein Gebäude des Landesamtes für Arbeitsbeschaffung von Monica de Coninck, der

Ministerin der Beschäftigung, zur Verfügung gestellt. Dieses Gebäude kann auch im

Winter 2012-2013 benutzt werden. Der Fortbestand eines Standorts ist vorteilhaft,

weil er den Partnern und Obdachlosen bereits vertraut ist.

3.3 Transport

Entsprechen ein Gebäude und seine Nutzvorrichtung den Anforderungen für die Aufnahme

von Obdachlosen, muss für deren Beförderung gesorgt werden. Nicht jedes Gebäude

ist zentral gelegen, so dass Obdachlose und Organisatoren der Aufnahme es bequem

erreichen können. Lokale Behörden haben mehrere Optionen:

öffentliche Verkehrsgesellschaften

• Bestehende Transportmittel können auch von Obdachlosen benutzt werden.

In diesem Fall kann die Rückzahlung der Fahrkarten beschlossen werden.

• Verkehrsgesellschaften können auf Anfrage der Organisation, die die Aufnahme

gewährleistet, auch Busse bereitstellen.

öffentliche Unternehmen

• Bestimmte öffentliche Unternehmen verfügen über Busse für die Personalbeförderung.

Diese Busse können gegebenenfalls für die Beförderung zu den Aufnahmeorten dienen.

Privatunternehmen

• Bestimmte Unternehmen sind bereit, bei der Obdachlosenbeförderung behilflich zu sein.

Gegebenenfalls müssen Materialien (wie Matratzen, Decken, Nahrung, Bekleidung, usw.)

herbeitransportiert werden, die woanders als an die Auffangstelle angeliefert wurden.

Bestimmte Organisatoren der Winterhilfe-Aufnahme (Städte oder Organisationen) haben

auch handliche Karten im Taschenformat oder als Informationsheft ausgearbeitet, die

es den Obdachlosen ermöglichen herauszufinden, an wen sie sich wenden können für

medizinische Hilfe, Kleidung, Mahlzeiten, Unterkünfte, usw.

Aus der Befragung der fünf vorerwähnten Städte mit Bezug auf die Organisation

eines gegebenenfalls erforderlichen Transports geht Folgendes hervor:

Charleroi: Im Rahmen der Winterhilfe-Aufnahme sorgen das Belgische Rote Kreuz

und das ÖSHZ für die Beförderung von Obdachlosen, die darauf angewiesen sind.

Während der Aufnahmekrise 2011 wurde der Transport gratis gewährleistet. Die

Stadt hofft die diesbezügliche Kommunikation in Zukunft noch zu verbessern.

Gent: Transporte sind nicht erforderlich, da alle Standorte vom Zentrum aus zu Fuß

erreichbar sind.

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Lüttich: Die zusätzlichen Aufnahmeplätze, die in der Armeekaserne zu Verfügung

gestellt werden, befinden sich in der Nähe der ständigen Aufnahmeorte und erfordern

keine weiteren Maßnahmen. Für weiter entfernte Aufnahmeorte, wie den

ständigen Aufnahmeort in Seraing, können die Fahrkarten zurückerstattet werden.

Antwerpen: Befindet sich der Aufnahmeort nicht im Stadtzentrum, bietet das ÖSHZ

die Fahrkarten an. Im Winter 2011-2012 hat die Stadt in Zusammenarbeit mit dem

ZAS (Zentrum für allgemeine Sozialhilfe) während drei Wochen einen Busdienst

eingesetzt, um die Personen mit dem Weg zum Aufnahmeort hin vertraut zu

machen. Dieser Busdienst ist nur eingesetzt worden für Personen mit prekärem

Aufenthaltsrecht und wurde eingestellt, als das ZAS in Konzertierung mit der

Stadt der Ansicht war, dass die betroffenen Personen ohne Hilfe zum Aufnahmeort

gelangen konnten. Eine solche ‘Outreaching’-Maßnahme ist eine in Betracht zu

ziehende Möglichkeit, um Obdachlose mit dem Ort ihrer Aufnahme vertraut zu

machen.

Brüssel: Auch hier hängt die Notwendigkeit eines Transports von der geographischen

Lage des Gebäudes ab. Mehrere private und öffentliche Partner können am Transport

beteiligt werden. Im Winter 2011-2012 sind Busse der Interkommunalen

Verkehrsgesellschaft Brüssel (STIB) und der föderalen Polizei eingesetzt worden.

Sobald das im Zentrum von Brüssel gelegene Gebäude des LAAB zur Verfügung

stand, waren diese Transportmittel nicht mehr notwendig. Wie verlautet, ist das

Gebäude auch für den Winter 2012-2013 erneut verfügbar, wodurch sich der

Transport erübrigt.

3.4 Verpflegung (Nahrungsmittel,

Getränke), Decken, Kleidung, usw.

Um für Verpflegung, Decken und Kleidung,… zu sorgen, können verschiedene Partner

zusammenarbeiten.

Überlokale Partner sind Instanzen, die häufig über Erfahrung und Ausrüstung verfügen:

• Rode Kruis Vlaanderen

• Belgisches Rotes Kreuz

• Lebensmittelbanken

• Restos du Coeur

• Armee

• Zivilschutz

• …

Foto: Anne de Graaf

Nahrungsmittel,

Getränke, ...

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Lokale Partner können auch kontaktiert werden:

• Bäckereien, Metzgereien,…

• Kaufhausketten

Tipp: Es sollte darauf geachtet werden, dass die Nahrungsmittelverteilung gemäß den

Leitlinien der Föderalagentur für die Sicherheit der Nahrungsmittelkette stattfindet.

Aus der Befragung der fünf großen Städte mit Bezug auf die Verteilung von Mahlzeiten,

Kleidung, usw. geht Folgendes hervor:

Charleroi: Mehrere Partner beteiligen sich an der Verteilung von Mahlzeiten. Die

Lebensmittelbank ‘Banque alimentaire de Charleroi’, das Rote Kreuz, individuelle

Aktionen über die sozialen Medien, das Restaurant ‘Le Resto du coeur’, das

Zentrum ‘Le Rebond’, usw. bieten alle entweder unentgeltlich oder zu niedrigen

Preisen warme Mahlzeiten oder Suppe an. Diese Verpflegung kann die ganze

Woche über angeboten werden, da manche Organisationen am Wochenende

arbeiten, während andere schließen. Das Rote Kreuz Charleroi stellt auch Kleidung

und Decken zur Verfügung, die unter anderem aus Spenden der Armee und der

Bevölkerung stammen. Sozialarbeiter können auf diesen Vorrat zurückgreifen, um

während ihrer Rundgänge Kleidung und Decken zu verteilen.

Gent: Das ZAS Artevelde bietet im Rahmen der Winterhilfe-Aufnahme Abendessen

und Frühstück an, was durch das Genter ÖSHZ finanziert wird. Das ‘Huize Triest’

bietet ebenfalls Abendessen und Frühstück an, was durch kommunale Mittel und

die VoG ‘Broeders van Liefde’ kofinanziert wird.

Lüttich: Zwei Organisationen, von denen sich eine in Lüttich und die andere in

Seraing befindet, sorgen für die Verteilung von Mahlzeiten, die entweder unentgeltlich

oder zu niedrigen Preisen angeboten werden. In Lüttich wurde entschieden,

Mahlzeiten nur im Rahmen einer Aufnahme anzubieten, statt direkt auf die

Menschen zuzugehen. Dadurch sollen Obdachlose einen Anreiz erhalten, sich in

Einrichtungen aufnehmen zu lassen, was den Beginn oder die Fortsetzung ihrer

Betreuung ermöglichen soll.

Antwerpen: In jeder Nachtunterkunft werden ein Abendessen aus Suppe und Brot

und ein Frühstück angeboten. Während des Winters kommt es auch regelmäßig

zu Spenden durch Organisationen, die Einwohner,…

Brüssel: Die Staatssekretärin arbeitet erfolgreich mit dem SAMUsocial-Hilfsdienst

zusammen. Dieser Hilfsdienst verfügt über ein so gut entwickeltes Netzwerk,

dass die Stadt für die Sammlung von Lebensmitteln, Getränken, Kleidung, usw.

vor allem auf sein Netzwerk und seine Erfahrung setzt. Unternehmen und Privatpersonen

werden aktiv zu Spenden aufgefordert, damit die Sozialarbeiter über

ausreichend Material verfügen.

3.5 Begrenzung der Belästigung

Die Aufnahme von Obdachlosen kann für die Gemeinde oder Nachbarschaft mit

Belästigungen einhergehen. Dies kann vermieden werden, wenn eine bestehende unterstützende

Tragfläche gestärkt oder eine solche geschaffen wird, und zwar durch eine gute

Zusammenarbeit und Konzertierung. Diese Konzertierung erfolgt auf zwei Ebenen:

Intern

Jede kommunale oder andere Organisation, die sich mit der Aufnahme Obdachloser

befasst, sollte zunächst interne Regeln für die Betreuer und die Obdachlosen aufstellen,

so dass deutliche Absprachen getroffen werden können. Außerdem ist es ratsam, schwierige

Situationen und Zwischenfälle sofort und getrennt zu besprechen.

Extern

Regelmäßige Kontakte mit Akteuren tragen zu einer guten Integrierung der Aufnahme in

der Nachbarschaft bei. Eine einmalige Versammlung, an der alle Partner teilnehmen, um

die Pläne mit Bezug auf die Aufnahme zu verdeutlichen, ist der erste Schritt im Hinblick

auf die externe Konzertierung. Ein regelmäßiger Kontakt ist jedoch notwendig. Bei diesen

Akteuren handelt es sich insbesondere um:

• den Bürgermeister: Sobald beschlossen wird, dass ein Gebäude den Anforderungen

für die Winterhilfe-Aufnahme genügt, muss der Bürgermeister der betroffenen

Gemeinde informiert werden und muss mit dem Bürgermeister beratschlagt werden.

• die lokale Polizei: Indem die lokale Polizei in die Aufnahme einbezogen wird, kann sie

schnell auf mögliche Probleme reagieren. Die Kenntnis des Standortes kann sich auch

als nützlich erweisen, wenn es zu einem Einsatz im Gebäude selbst kommt.

• der Eigentümer des Gebäudes: Der Eigentümer, bei dem es sich um eine öffentliche

Behörde oder um eine Privatperson handeln kann, muss immer über jegliche Belästigung

auf dem Laufenden gehalten werden. Solch ein Informationsaustausch trägt zu einer

guten Beziehung bei, was den eventuellen Nutzen des Gebäudes für die nächsten

Winter begünstigt.

• die Bewohner der Nachbarschaft: Der Organisator, die Polizei und der Eigentümer

können die Bewohner der Nachbarschaft ständig informieren. Auch hier ist eine gute

Beziehung zur Nachbarschaft für die laufende aber auch für eventuelle spätere Aufnahmen

wichtig.

• die Obdachlosen selbst: Natürlich müssen auch die Obdachlosen selbst zu einer

guten Integrierung in der Nachbarschaft beitragen. Der Organisator der Winterhilfe

Aufnahme kann vorher Absprachen mit den Obdachlosen treffen, auf die er im

Konfliktfall leicht verweisen kann.

Neben dieser Zusammenarbeit muss ständig für eine Betreuung, Pflege und Unterstützung

gesorgt werden, sowohl um den Kunden zu helfen als auch um eventuelle Belästigungen

möglichst zu begrenzen.

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Die Staatssekretärin hat die fünf vorerwähnten Städte auch zu diesem Thema befragt

Charleroi: Sowohl die verschiedenen Sozialdienste, als auch die Polizei und die Soziale

Anlaufstelle achten auf Klagen. Um diese zu vermeiden, aber auch um sie seriös

zu behandeln, wird eine Konzertierung zwischen der Polizei, den verschiedenen

Erbringern einer Dienstleistung, den Obdachlosen und der Sozialen Anlaufstelle

organisiert.

Gent: Die Belästigung ist gering. Durch ihr ‘internes Telefonsystem’, anhand dessen

ein Obdachloser im Voraus ein Bett reservieren kann, kommt es zu einer ‘garantierten

Aufnahme’. Der Obdachlose erscheint dann zu einer vorher festgelegten

Uhrzeit und muss nicht auf seine Aufnahme warten, wodurch vermieden wird,

dass die Obdachlosen sich in den Straßen der Umgebung aufhalten. Über die für

April 2013 geplante Zentralisierung der ständigen Aufnahme an einem Standort

haben die Stadt und das ÖSHZ mit der Nachbarschaft Konzertierungen geführt

und die Bewohner über die Pläne informiert.

Für die Winterhilfe-Aufnahme 2013-2014 muss dann ein neuer Standort gefunden

und ein neues internes Telefonsystem errichtet werden. Zu gegebener Zeit muss

eine Informationsrunde für die Nachbarschaft vorgesehen werden.

Lüttich: Die Stadt legt viel Wert auf eine professionelle Umrahmung der Aufnahme

um eventuelle Spannungen zu vermeiden. Wegen der guten Beziehungen mit der

Polizei, die nur in seltenen Fällen von Aggressionen gerufen wird, und der Kapazität

von 30 Betten pro Standort gibt es wenig Belästigungen.

Antwerpen: Der Vorteil eines Standorts, der sich gerade außerhalb einer dicht

besiedelten Zone befindet, ist die Reduzierung eventueller Spannungen zwischen

Nachbarschaft und Obdachlosen. Die Polizei wird vom Anfang der Aufnahme an

einbezogen und zu einem geführten Rundgang der Unterkünfte eingeladen. Diese

Vorgehensweise hat zwei Vorteile: zum einen kann die Polizei schnell präventiv

mit den Anwohnern arbeiten, zum anderen ermöglicht der Rundgang es der

Polizei, die Unterkünfte kennenzulernen, was bei einem eventuellen Einsatz

hilfreich sein kann.

Brüssel: Die Situation entspricht der in den anderen Städten. Unverzüglich wurde

Kontakt mit dem Bürgermeister und der Polizei der Gemeinde Sant-Gilles/Sint-

Gillis aufgenommen, wonach sich herausgestellt hat, dass das LAAB-Gebäude als

Aufnahmestandort für den Winter 2011-2012 dienen konnte. Der SAMUsocial-

Hilfsdienst widmet der Begrenzung von Belästigungen größte Aufmerksamkeit,

indem er die Obdachlosen nicht warten, sondern schnell ins Innere des Gebäudes

eintreten lässt.

3.6 Registrierung

Wenn man für Obdachlose nach Auswegen aus ihrer Situation sucht, ist die Registrierung

die erste auszuführende Maßnahme. Eine präzise Registrierung scheint im Hinblick auf

nachhaltige Lösungen auf sozialer und medizinischer Ebene unbedingt notwendig zu sein.

Kern einer humanen Aufnahme von Obdachlosen ist die Tatsache zu wissen, um wen es

sich handelt, und was eine Organisation tun kann, um diese Person zu einer menschenwürdigeren

Existenz zu führen. Was die Registrierung betrifft, hat die lokale Behörde

mehrere Optionen:

• Anonymität: Gibt die lokale Behörde den Obdachlosen die Möglichkeit, ihren offiziellen

Namen nicht anzugeben, oder ist die Identifizierung für die Aufnahme Pflicht?

• Bedingungslosigkeit: Nimmt sie alle Personen ungeachtet ihrer Rechtsstellung auf

oder stellt sie Bedingungen?

• Preis: Verlangt sie eine demokratische oder symbolische Beteiligung für die Aufnahme

oder schlägt sie diese unentgeltlich vor?

Die fünf vorerwähnten Städte wurden über ihre Vorgehensweise in Bezug auf die

Registrierung und Betreuung der Obdachlosen befragt:

Charleroi: Man fragt die Obdachlosen nach einem Namen, wobei der gesetzliche

Name jedoch nur im Fall einer medizinischen Unterstützung (Dienst für soziale

Notfälle) erforderlich ist, um zu überprüfen, ob eine Person im Nationalregister

eingetragen ist. Die Mitarbeiter verweisen jedoch darauf, dass die Daten der

Person selbst ohne den offiziellen Namen in einer Akte gut beibehalten werden

können. Um die Registrierung und die Betreuung zu optimieren, versammeln sich

die sieben Sozialen Anlaufstellen auf Veranlassung der Wallonischen Ministerin,

Madame Tillieux, um Zahlen zu vergleichen und zu kommentieren. Diese Versammlungen

finden im Rahmen der Suche nach einer gemeinsamen und rationalisierten

Vorgehensweise statt. Sie werden als sehr bereichernd angesehen und geben auch

Gelegenheit, über die ständige Aufnahme von Obdachlosen zu reden.

Gent: Langzeitobdachlose werden aufgenommen, wenn sie bereit sind, mit einer

externen Organisation in Kontakt zu treten, die sie bei der Lösung ihrer Probleme

orientieren kann. Außerdem wird allen Obdachlosen eine anonyme Liste mit

Fragen vorgelegt; diese Liste muss jedoch noch wissenschaftlich weiter ausgearbeitet

werden, damit eine bessere Analyse der Probleme und der Vorgeschichte

Obdachloser möglich wird.


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Lüttich: Vor einem Jahr hat die Stadt eine aktive Registrierungsmethode eingeführt.

Seither erhält jede Person eine ‘ID’-Karte, um eine bessere Betreuung zu garantieren.

Diese Karte, die von der Sozialen Anlaufstelle geschaffen wurde, darf nur

im Rahmen der Aufnahme benutzt werden. Sie erleichtert die Anlegung einer

Akte und ermöglicht es unter außergewöhnlichen und schwierigen Bedingungen

herauszufinden, wer aus dem Lütticher Bezirk stammt, und diesen Personen

Vorrang zu gewähren. Diese ID-Karte dient jedoch nicht dazu, Obdachlose auf

der Grundlage ihrer Rechtsstellung oder ihrer Staatsangehörigkeit auszuschließen.

Die Lütticher Soziale Anlaufstelle versammelt sich auch regelmäßig mit den anderen

Sozialen Anlaufstellen.

Antwerpen: Die Personen, die in Nachtunterkünften aufgenommen werden, werden

im Rahmen des Möglichen registriert (Name, Geschlecht, Staatsangehörigkeit,

Problematik, verweisender Dienst,…). Obdachlose können bei verschiedenen

Organisationen (Zentrum für allgemeine Sozialhilfe, Polizeidienste,…) vorstellig

werden, die sie an eine Einsatzzentrale verweisen. Diese Zentrale leitet sie ihrerseits

an eine angepasste Aufnahmestruktur weiter, da es verschiedene Aufnahmezentren

für die verschiedenen Profile von Antragstellern gibt.

Brüssel: Der SAMUsocial-Hilfsdienst greift auf eine von der Staatssekretärin und der

Gemeinsamen Gemeinschaftskommission finanzierte Registrierungsmethode zurück.

Die Mitarbeiter gewähren denen, die es wollen, die Anonymität, teilen aber mit,

dass diese Möglichkeit selten angewandt wird und einer guten Überwachung

nicht im Wege steht. Die Registrierung stützt sich auf ein EDV-System. Im Hinblick

auf die gründliche Überwachung und die Rechtfertigung der Winterhilfe-Aufnahme

bestimmt die Staatssekretärin in Konzertierung mit dem SAMUsocial-Hilfsdienst,

welche Zahlen nach der Aufnahme verfügbar sein müssen, um eine deutliche

Übersicht über die Obdachlosen zu ermöglichen. Die Staatssekretärin hat sich

für eine bedingungslose Aufnahme ungeachtet der Rechtsstellung der Person

entschieden.

22

3.7 Begleitung

Die Registrierung der Obdachlosen ist ein bedeutender Schritt hin zu einem menschenwürdigen

Dasein. Endziel des Verfahrens ist aber die Begleitung, die der Registrierung

folgt. Wird den Obdachlosen nach ihrer Registrierung keine Alternative im Hinblick auf

eine Verbesserung ihrer Situation geboten, wird die Aufnahme in Nachtunterkünften

- obwohl sie absolut notwendig ist - wenig zu dauerhaften Lösungen beitragen. Daher

muss die lokale Behörde dafür sorgen, dass die Begleitung den beiden im Folgenden

erwähnten Aspekten entspricht und klare Absprachen getroffen werden. Wird die Aufnahme

Foto: Anne de Graaf

Begleitung


von einer externen Organisation wahrgenommen, muss in Konzertierung mit der lokalen

Behörde beschlossen werden, wie eine optimierte Begleitung angeboten werden kann.

Medizinische Begleitung

Ein erster bedeutender Aspekt ist die erforderliche medizinische Hilfe. Es muss überprüft

werden, ob Organisationen, Arztpraxen oder andere qualifizierte Personen in der

Umgebung die medizinische Hilfe übernehmen oder dazu beitragen können. Ernsthaftere

medizinische Probleme in den Griff zu bekommen oder einen Heilprozess anzustoßen

sind manchmal notwendige Schritte, um zu einer sozialen Begleitung überzugehen.

So gibt es in Brüssel eine enge Zusammenarbeit zwischen dem SAMUsocial-Hilfsdienst

und ‘Ärzte der Welt’. Die Mitglieder letzterer Organisation, die unter anderem von der

Staatssekretärin finanziell unterstützt wird, begeben sich vor Ort, um den Obdachlosen

willkommene und notwendige Konsultationen anzubieten. Das ist aus den vorliegenden

Zahlen ersichtlich: Es fanden 3.288 Konsultationen für 1.042 Obdachlose statt; andere

Zahlen betreffen die am häufigsten auftretenden medizinischen Probleme. Diese Zahlen

verdeutlichen, dass nicht nur medizinische, sondern auch psychosoziale Probleme häufig

sind. 9 % der Konsultationen waren psychologischer und 6 % neurologischer Art. Die

prekären Lebensumstände führen zu einem vermehrten Auftreten von Hauterkrankungen

(18 %) und Erkrankungen der Atemwege (23 %).

Soziale Begleitung

Der zweite bedeutende Aspekt betrifft die Hilfe, die verschiedene Einrichtungen (ÖSHZ,

Sozialdienstzentren, VoGs,…) im Hinblick auf die soziale (Wieder)Eingliederung Obdachloser

anbieten. Die Liste der Bereiche, in denen eine Begleitung Sinn macht, ist lang und

hängt von den Bedürfnissen des Obdachlosen ab. Diese Bereiche sind oft mit einer

medizinischen Problematik verbunden. Außerdem erfordern sie einen längerfristigen

Einsatz sowohl des Begleiters als auch des Obdachlosen:

• psychosoziale Begleitung,

• Begleitung bei Suchtproblemen,

• Begleitung bei Verschuldung,

• Begleitung im Hinblick auf einen festen Wohnsitz,

• Begleitung im Hinblick auf die Eingliederung in den (sozialen) Arbeitsmarkt,

• …

4

Konzertierung und Partnerschaften

4.1 Optimierung der Aufnahme durch mehr

Konzertierung

Es ist wichtig Nachdruck darauf zu legen, dass obwohl es sich bei

der Aufnahme von Obdachlosen um eine lokale Befugnis handelt,

alle Regionen und Städte Erfahrungen austauschen können, um

ihre Aufnahme weiter zu verbessern.

Dieser Erfahrungsaustausch kann gegebenenfalls im Rahmen der Arbeitsgruppe

‘Obdachlosigkeit’ der Interministeriellen Konferenz ‘Eingliederung in die Gesellschaft’

stattfinden. Die von dieser Gruppe ausgehenden Initiativen können die Grundlage für

eine engere Zusammenarbeit zwischen den Behörden und für eine bessere Betreuung

sein. Die bei solchen Zusammenkünften erfolgenden Vergleiche können auch zu interessanten

Interaktionen führen.

Von den Beiträgen der fünf Städte im Rahmen des vorliegenden Leitfadens seien insbesondere

hervorgehoben:

• die in der Wallonie organisierte Konzertierung zwischen den sieben Lokalen Anlaufstellen,

• die speziell in Lüttich benutzte ID-Karte,

• das in Antwerpen eingerichtete ‘Outreaching-System’, durch das die Obdachlosen mit

den Standorten für die Aufnahme vertraut gemacht werden,

• das in Gent eingerichtete System, wonach ein Obdachloser bereit sein muss, sich einer

Hilfsorganisation gegenüber zu verpflichten, um auf der Suche nach einer dauerhaften

Lösung aufgenommen zu werden,

• die einheitliche Vorgehensweise in Brüssel, durch die sowohl die Gemeinschaftliche

Gemeinschaftskommission als auch die Staatssekretärin sich auf die Erfahrung des

SAMUsocial-Hilfsdienstes stützen.

Dabei geht es nur um einige Beispiele zur Optimierung der Aufnahme und Betreuung von

Obdachlosen, damit sie eine menschenwürdigere Existenz aufbauen können.

Die Arbeitsgruppe ‘Obdachlosigkeit’ hat die Idee zu einem Leitfaden begrüßt, und zwar

einerseits um die Eckpunkte einer optimierten Winterhilfe-Aufnahme hervorzuheben,

und andererseits, um auf die unterschiedlichen Vorgehensweisen der verschiedenen

Städte hinzuweisen. Dieser Leitfaden kann auch ein Anstoß für die Diskussion über

eine verstärkte Konzertierung sein.

24 25


Im föderalen Regierungsabkommen ist ein Zusammenarbeitsabkommen zwischen

den Regionen im Hinblick auf eine optimierte Aufnahme der Obdachlosen vorgesehen,

durch das es zu einer effizienteren Verteilung der Aufgaben und Verantwortlichkeiten je

nach Befugnisebene kommen soll. Nach dem Winter wird die Staatsekretärin für Soziale

Eingliederung und Armutsbekämpfung die für die Anwendung dieser Maßnahmen im Winter

2013-2014 notwendigen Schritte einleiten. In diesem Zusammenarbeitsabkommen kann

zum Beispiel Nachdruck auf eine bessere Harmonisierung der Registrierungen gelegt

werden. Der Austausch von Daten kann dazu führen, einen besseren Überblick einerseits

über die Mobilität und die Fortbewegungen der Obdachlosen und andererseits über die

verschiedenen Profile dieser Menschen zu erhalten.

4.2 Optimierung der Aufnahme durch

Partnerschaften

Während im vorhergehenden Punkt von der Konzertierung und

den Partnerschaften zwischen den Behörden die Rede war, spricht

sich die Staatssekretärin auch für die aufwertende Zusammenarbeit

zwischen dem Privatsektor und dem öffentlichen Sektor aus.

Unternehmen stehen immer mehr zu den Grundsätzen eines sozial

verantwortlichen Unternehmertums, auf die die Staatsekretärin

gerne zurückgreifen möchte.

Für die Aufnahme Obdachloser in Brüssel wurden einige große Unternehmen befragt,

welchen Beitrag sie zur Organisation der Aufnahme leisten wollten:

• Dadurch ist es der Staatsekretärin gelungen, von einer Teleko-munikationsgesellschaft

eine grüne Nummer, die Telefonverbindung sowie das Internet zu erhalten.

• Unternehmen können auch kontaktiert werden, um eine Koordinations- oder

Vermittlungsaufgabe zu erfüllen. So hat die Staatssekretärin Kontakt zu einer Firma

aufgenommen, die 300 Matratzen zur Verfügung gestellt hat. Solche Kosteneinsparungen

sind nicht unerheblich und sie können am Anfang einer Reihe von Investitionen

seitens solcher Privatfirmen stehen.

• Bei eisiger Kälte und einer akuten Erhöhung der Anzahl Obdachloser kann auch die

Nutzung beheizter öffentlicher Orte wie Bahnhöfe von U-Bahnen, Bussen und

Zügen in Betracht gezogen werden. So hat die NGBE-Holding während des Winters

2011-2012 einen zentralen Gang im Brüsseler Nordbahnhof offen gelassen, so dass

für manche Obdachlose der Bahnhof ihr Aufenthaltsort war. Zwischen Polizei und

SAMUsocial-Hilfsdienst kam es zu regelmäßigen Kontakten, um über die besten

Lösungen für die aufgenommenen Personen zu beraten.

26


Lokale Behörden müssen sich also nicht von vorne herein an nationale oder internationale

Unternehmen richten, sondern können auch nach Unternehmen ihrer Region Ausschau

halten. Lokale Immobilienagenturen, Supermarktketten und Autohändler sind nur einige der

möglichen Partner, die die lokalen Behörden in Zusammenhang mit ihrem Kerngeschäft um

Hilfe bitten können.

5

Schlussfolgerung

Obdachlosigkeit ist eine Lebenslage, die man sich nicht aussucht.

Die damit verbundenen prekären Lebensumstände verschlechtern

sich im Winter noch.

Einer optimierten

Winterhilfe-Aufnahme

für Obdachlose, bei der

alle lokalen Behörden,

alle Organisationen

und Freiwilligen

zusammenarbeiten

Dieser Leitfaden ist ein erster Schritt hin zu einer

optimierten Winterhilfe-Aufnahme für Obdachlose,

bei der alle lokalen Behörden, alle Organisationen und

Freiwilligen zusammenarbeiten. Die Tatsache, dass es

sich bei der Aufnahme um eine lokale Befugnis handelt,

deren Organisation zum großen Teil vom räumlichen

Kontext abhängt, steht einer guten Zusammenarbeit

aller und einer effizienten Koordination nicht im Wege.

Gemeinsame Beratungen, Absprachen und Erfahrungsaustausche

können von großem Nutzen sein.

So soll dieser Leitfaden denn auch ein Beitrag zur strukturellen Bekämpfung der Obdachlosigkeit

sein, indem er einerseits eine passende Winterhilfe-Aufnahme vorsieht und

andererseits die Grundlage für dauerhafte Lösungen bildet.

28


Kontaktangaben

FÖD Sozialeingliederung, Armutsbekämpfung, Socialwirtschaft

und Politik der Großstädte

Koning Albert II-laan 30

1000 Brüssel

Der FÖP Sozialeingliederung ist über den Frontdesk von

Montag bis Donnerstag von 8.30 Uhr bis 16.30 Uhr und

am Freitag von 8.30 Uhr bis 16.00 Uhr erreichbar.

www.commotie.be

E-mail frage@mi-is.be

Telefon: +32 2 508 85 85 (NL) oder +32 2 508 85 86 (FR)

Foto: Anne de Graaf

V.U.: FÖD Sozialeingliederung, Armutsbekämpfung, Socialwirtschaft und Politik

der Großstädte • Julien Van Geertsom • Koning Albert II-laan 30 • 1000 Brüssel

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