Helmut de Waal „Ratschläge“ für den „zweifelnden Therapeuten“

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Helmut de Waal „Ratschläge“ für den „zweifelnden Therapeuten“

Helmut de Waal

„Ratschläge“ für den „zweifelnden Therapeuten“

Ausgang

Jeder Therapeut wird den Zweifel als verlässlichen und immer wiederkehrenden Gast kennen lernen.

Je länger er bei dieser Arbeit ist, umso öfter. Das mag lästig, oft quälend sein, vor allem wenn man

langsam älter wird, weil man ja Angst hat, vielleicht doch aufs falsche Pferd gesetzt zu haben und es

nicht mehr wechseln zu können, und doch ist es unvermeidlich und nützlich. Denn das, was im Zweifel

angesprochen wird, ist meist etwas, das wir bisher ausgelassen oder vermieden haben. Der Zweifel

veranlasst uns hier nachhaltig zur Auseinandersetzung, zwingt uns, wollen wir ihm gerecht werden, zu

neuen Erkenntnissen, die wir ursprünglich lieber vermieden hätten, etwa über unsere Bedeutsamkeit

oder über unser Vermögen in der Therapie. Das ist nicht nur ein therapeutischer, sondern

unvermeidlich auch ein menschlicher Erkenntnisgewinn, der sich meist auf Terrains erstreckt, die wir

gar nicht beabsichtigt haben. Das haben wir dann mit unseren Klienten gemein, die ihre Krisen

bewältigen.

Oft sind diese Erkenntnisse banal, peinlich, unangenehm, manchmal eine Einladung zur Resignation.

Das ist dann häufig eine große Erleichterung, weil es uns hilft das „Unveränderliche“ wahr- und

anzunehmen. Gerade darin besteht oft die Überraschung und der Lohn des Zweifels.

So ist der Zweifel unvermeidlich und auch nützlich - das ist aber nicht im Sinn von gewinnbringend

gemeint, sondern als Erkenntniszuwachs, allerdings nur dann, wenn er überwunden werden kann -

oder vielleicht besser - bestanden. Denn der Zweifel wird ja nicht in dem Sinn überwunden, dass er

verschwindet, sondern sein Thema besteht weiter und erhält eine neue, oft unbequeme Antwort.

Warum muss denn also etwas, von dem ich gerade behaupte, dass es - obschon unangenehm - im

Grunde nützlich ist, dann überwunden werden? Kann man sich mit der Ungewissheit nicht

grundsätzlich anfreunden? Ein ständiger, nicht nur wiederkehrender Gast, das wäre doch das klare

und konsequente Ergebnis unserer Überzeugung, „dass es keine Wahrheit gibt“. Der Zweifel wäre

dann so etwas wie eine Methode, „dubito, ergo psychotherapeuticus sum“ (der Therapeut als

Skeptiker gegenüber jeder Gewissheit).

Weil wir damit im Alltag nicht leben könnten, weder als Therapeuten oder als Klienten, noch jenseits

dieses Kontexts, weil wir uns jeweils im Moment entscheiden müssen, für dieses oder jenes

entschließen und diesen Entschluss auch verantworten.

Der Zweifel, so behaupte ich jetzt einmal, wird nicht durch Gewissheiten überwunden und auch nicht

durch Methode, sondern durch Glauben. Was ist Glauben? Heinz von Foerster hat einmal gesagt,

entscheiden kann man sich nur dort, wo etwas prinzipiell Unentscheidbares vorliegt. Er hat damit

gemeint, wenn es ein Prinzip gibt, nach dem entschieden werden kann, eine Formel, ein Verfahren

etc., dann entscheiden wir ja nicht mehr, sondern wir verfahren nur mehr nach diesem Prinzip.

Dasselbe gilt für Zweifel und Glauben. Solange ich nach etwas Unbezweifelbarem suchen kann,

brauche ich nicht zu glauben. Erst wenn ich dort angelangt bin, wo es keine Sicherheit mehr gibt,

muss ich etwas riskieren.

Das gilt für den Therapeuten wie für den Klienten, Glaube ist nicht Sicherheit sondern Wagnis. Ist jetzt

die Antwort auf den Zweifel nur blind, sozusagen Zufall, gipfelt der Glaube nur im blinden Mut zur

Entscheidung, die uns vor der Verzweiflung bewahrt oder kann ich für dieses Tasten Richtpunkte

angeben? Dem soll hier im Einzelnen nachgegangen werden.

Worin besteht nun der Zweifel des Therapeuten?

Meist im Einzelnen. Der Zweifel des Therapeuten ist meist kein grundsätzlicher, er tritt im

Alltagsgewand lästiger Fragen auf, dann reden wir nicht von dem, sondern von den Zweifeln. Der

Therapeut kann alle möglichen Zweifel haben:


Verstehe ich meinen Klienten, versteht er mich, mag ich ihn, mag er mich? Mögen/verstehen wir uns

im passenden Ausmaß? Kann ich ihm wirklich helfen, wird er mein Honorar zahlen?

Zweifel können symmetrische (verstehen, mögen) oder komplementäre (helfen/zahlen) Struktur

haben. Helfe ich zuviel (Gefahr für seine Autonomie) oder zuwenig (Gefahr, dass der Klient wegbleibt)

etc., etc.

Da steckt der Therapeut dann schon in einem Dilemma: Nehme ich meine Zweifel nicht ernst, schade

ich ev. dem Klienten, nehme ich sie ernst, schade ich mir selbst, kann nicht mehr arbeiten.

Wesentlich lässt sich alles auf folgende Zweifel reduzieren:

a) Glaubt der Klient an das, was ich tue.

b) Glaube ich selbst an das, was ich tue.

Was ist hier die richtige Reihenfolge? Hängen diese Fragen zusammen?

Ist es leichter, wenn sie zusammenhängen oder wenn nicht?

Es ist leichter, wenn sie nicht zusammenhängen und sie brauchen nicht zusammenhängen.

Für den Klienten ist nicht wichtig, ob der Therapeut glaubt, sondern, dass er selbst glaubt, dass der

Therapeut glaubt, dass er - der Klient - meint, der Therapeut weiß, was er tut.

Für den Therapeuten ist es ebenfalls nicht wichtig, dass der Klient glaubt, sondern, dass er sich so

benimmt als glaube er. Das hängt von der Definition dieses Benehmens ab - üblicherweise eine

Erfolgsdefinition, also Änderung etc.

In dem Sinn können wir sagen: Der Glaube selbst ist Privatsache, Kommunikation ist wichtig. Der

Klient soll sich „erfolgreich“ im Sinn des vereinbarten Arrangements benehmen, also sich ändern. Tut

er es nicht, kann er entweder dazu veranlasst werden, oder wir müssen „metakommunzieren", z.B.

eine neue Definition von Erfolg finden oder die Beendigung der therapeutischen Beziehung

diskutieren. So könnten wir salopp formulieren, der Zweifel des Klienten ist sein Bier, gehört entweder

zu Bedingungen außerhalb der Therapie, wirkt mit, ob sich der Klient überhaupt auf die

Unternehmung einlässt, oder er wird vom Therapeuten benützt, wenn wir paradox intervenieren, oder

er kann in der Therapie metareflexiv erörtert werden. Der Zweifel des Klienten ist letztlich nicht die

Sache des Therapeuten, er gehört in die Verantwortung des Klienten - und vice versa, der Klient kann

eine durchaus erfolgreiche Therapie erleben, ohne dass der Therapeut nur einen Augenblick an sein

Tun glaubt. Der Klient wird sein Verhalten nur danach richten, ob er glaubt, dass das, was der

Therapeut tut, in irgendeiner Form hilfreich ist. So bleibt jeder mit seinem Zweifel allein, auf sich selbst

zurück verwiesen. Das macht den Zweifel des Therapeuten weniger bedeutsam, denn der Zweifel an

sich kann damit keinen Schaden anrichten, das könnte höchstens ineffektive oder gar

verantwortungslose Therapie.

Trotzdem kann es quälend sein, jeden Tag zu „schwindeln“, oder zumindest zu glauben, man täte es.

Das kann dazu führen, dass der Therapeut verzweifelt, aufgibt etc. Deswegen macht es Sinn, sich

damit auseinander zu setzen.

Der Glaube ist die Antwort auf den Zweifel

Der Therapeut kann dem Zweifel (nur) seinen Glauben entgegensetzen. Was ist also der Glaube des

Therapeuten? Zum Ersten ist er eine Antwort auf den Zweifel, auf sonst nichts, keine Antwort auf

Nichtwissen, mangelnde Routine oder nicht in Anspruch genommene Supervision, darauf gibt’s

andere Antworten: Lesen, Üben, Supervidieren lassen etc. Glaube ist nur die Antwort auf den Zweifel,

in dem Sinn wird Glaube heute so oft überschätzt, deswegen erleben wir ja so viel Enttäuschung mit

dem Glauben. Heimlich hoffen wir immer noch, dass der Glaube eine Antwort auf unsere

Geldprobleme, unsere Desinformation, unser Gefühl, dass uns niemand mag usw., ist.

Welcher Art kann denn der Glaube des systemischen Therapeuten sein, der ja eher gelernt hat, nicht

zu glauben? Zumindest könnten wir das bei oberflächlichem Hinschauen meinen, „es gibt keine

Wahrheit usw.“

Pascals „Gottesbeweis“ wäre hier von der Struktur her ein gutes Beispiel für systemische

Glaubensmöglichkeit. (Vielleicht war es auch nicht Pascal, sondern wer anders, das tut dem

Gedankengang als solchen ja keinen Abbruch. Gedanken sind ja als solche nicht kontextabhängig, sie

müssen in sich plausibel sein und werden das nicht mehr, wenn sie von jemand Berühmten und nicht

weniger, wenn sie von einem Unbekannten gedacht werden.) Dieser „Gottesbeweis“ ist eine


Beweisführung, die ganz systemisch ist, weil sie sich von einem ersehnten und verantwortungsvollen

Ergebnis herleitet. Sie ist zielorientiert und kybernetisch, weil sie einen erwünschten Output zum

möglichen Orientierungspunkt gegenwärtigen Forschens und Handelns macht.

Dieser „Gottesbeweis“ und seine „Anwendung“ auf die Zweifel des Therapeuten hat folgende

Grundstruktur:

a. Kann man beweisen, dass es Gott gibt/ kann man sagen, dass meine konkrete therapeutische

Arbeit an sich entscheidend nützlich ist? Nein

b. Kann man das Gegenteil beweisen? Nein

c. Wäre es nützlich an Gott/Therapie zu glauben? Ja......( v.a. weil man sich dann nicht dauernd

mit dieser Frage herumschlagen muss und seine Aufmerksamkeit dem Klienten und seinen

Anliegen zuwenden kann.)

d. Was kann für Glauben (das ist ein spontaner Vorgang) - egal ob „kirchlich“ oder

„therapeutisch“ - hilfreich sein, welche förderlichen Bedingungen können geschaffen werden?

e. Kirchbesuch etc., die Rituale der Kirche einerseits/ die Rituale der Therapie anderseits.

„Benimm dich als ein Glaubender, das macht den Glauben möglich - benimm dich wie ein

Therapeut und überlass die Beurteilung den Anderen“, was das im einzelnen heißt, sollen im

Folgenden die „Ratschläge“ skizzieren.

Dieses Modell schlägt also vor, Glauben entlang seiner Erwünschtheit durch fördernde Bedingungen

eine Chance zu geben. Das erinnert an einen alten jüdischen Witz: Ein frommer Jude betet Tag für

Tag in der Synagoge um einen Lottogewinn, nichts passiert. Im zwanzigsten Jahr endlich eine

ärgerliche Stimme von oben „Moische, gib mir a Chance, kauf dir a Los“.

Wir können nur „Lose kaufen“, als Bedingung der Möglichkeit des Spontanen. Kaufen wir sie nicht,

kann es nicht eintreten. „So tun als ob“ wäre die Bedingung der Möglichkeit des Glaubens.

Glaube bezieht sich also nicht auf die Gewissheit („ich bin sicher“), sondern riskiert die Möglichkeit.

Glaube bezieht sich nicht auf das Ereignis, sondern auf die Bedingungen der Möglichkeit.

Ich kann nicht glauben wollen (spontaner Vorgang), aber ich kann beherzt Bedingungen schaffen, die

die Wahrscheinlichkeit des Glaubens erhöhen.

Insgesamt: Nicht ich bin gewiss, dass der Klient gesünder wird, sondern ich halte die Möglichkeit

seiner Gesundung für eine riskierbare und nützliche Annahme.

Daraus können folgende Ratschläge formuliert werden: Sie sind verstanden als eine Ermutigung

im Sinne der Erweiterung der Wahlmöglichkeiten, also, „kann, muss nicht sein, aber wenn

verwirklicht, wird es leichter“. Es sind Richtpunkte für die Fahrt ins Ungewisse, die wir mit dem

Klienten gemeinsam unternehmen. Orientierung und Aufrichtung soll hier ermöglicht werden.

Folgende Bedingungen scheinen mir hiflreich zu sein:

Die Haltung des Therapeuten, generell

Der Therapeut kann nicht immer erwarten, dass er von seiner Tätigkeit überzeugt ist, und er kann auf

diese Überzeugung tatsächlich nicht warten, im eigenen Interesse und im Interesse des Klienten. Er

erlebt das gleiche Dilemma wie der Priester, der die Messe zelebriert - auch der kann nicht auf seinen

Glauben warten, weil sonst inzwischen die Leute heimgehen. Er kann die „Haltung“ des Therapeuten

einnehmen, wie ein Mönch, der seine Rituale verrichtet, etwa seine Stundengebete spricht. Diese

Rituale mögen verschieden sein, sie hängen ab von der „Therapieschule“, der man anhängt, von der

Ausbildung, vom eigenen Stil, im Wesentlichen alles Haltungsvorschläge. Wichtig ist, dass sie mit

einer gewissen Demut getan werden, unabhängig von der momentanen Überzeugtheit. Wie und wann

die Überzeugtheit kommt ist egal. Wichtig ist, dass sie hin und wieder vorbeischaut, sonst verhungern

wir.

Jan Willem van de Weeterings schildert in seinem Buch „Lehrjahre in einem Zen-kloster“, wie er das

erste Mal beim täglichen Gemüseschneiden das Erlebnis spiritueller Unmittelbarkeit erfährt, das Ziel

seines Aufenthaltes in Japan. Als er das begeistert dem Abt des Klosters mitteilt, meint der nur: „Fein,

das kommt und geht, aber das Gemüse für heute Mittag sollte jedenfalls geschnitten werden“. Das

kennen wir ja als Therapeuten auch: „Mein Gott, war ich heute gut, was ist mir wieder für eine tolle

Intervention gelungen........“ - derartige Sensation ist wahrscheinlich gar nicht wichtig für seine Arbeit,

aber von Zeit zu Zeit notwendig für den Therapeuten, damit er nicht anerkennungsmäßig verhungert

(s.u.). Aber im Grunde können wir uns darauf verlassen, dass wir die Erfahrung der Überzeugtheit

verlässlich von Zeit zu Zeit machen. Wir können hier mit Goethe sagen: „wer immer strebend sich


emüht.........“, oder aber statistische Zufallshäufigkeiten für gelegentlichen Erfolg verlässlich

annehmen. Solche „Erfolge“ sollten genossen werden, aber im Grund sind sie weder wichtig noch

entscheidend, sie tun uns gut.

Hier wird die Demut des Therapeuten als zentrale Haltung gefragt sein. Der Therapeut sollte also

demütig die Haltung des Therapeuten seiner Schule einnehmen, unabhängig ob er im Moment daran

glaubt oder nicht.

Das Interesse des Therapeuten, seine Neugier

Etwas dem Zweifel Verwandtes ist das Wundern. Beides geschieht, wenn wir für die Phänomene, die

uns begegnen, keine Worte (mehr/Zweifel) haben (oder noch keine/Wundern). Ob wir etwas

zweifelhaft oder wunderbar erleben, hängt vom Kontext ab. Kommt uns Sicherheit abhanden, bedroht

uns gar, dann zweifeln wir, lässt uns das Phänomen Positives erhoffen, wundern wir uns. Lang

können wir beides meist nicht aushalten, deswegen drängt das, wofür wir keine Worte haben, der

Sprache entgegen (Glasersfeld). Neugier ist hier die Hebamme.

Neugier hat keinen Zweck, keine Absicht, auch keine professionelle. Man kann nicht neugierig sein,

damit man eine bessere Therapie macht. Man ist neugierig oder nicht. In dem Sinn: Der Therapeut

kann und darf neugierig sein auf die Geschichten seiner Klienten, sonst ist er nicht verwickelt genug.

Das muss er aber sein, sonst bemüht er sich nicht, gemeinsam mit dem Klienten spannende und

alternative „Geschichten“ zu entwickeln. Neutralität, hier Konstruktneutralität, muss angesichts dieses

Engagements immer wieder errungen werden, sonst bräuchten wir sie nicht thematisieren - wäre ja

keine Kunst, wer nicht interessiert ist, kann leicht neutral sein. Ich trete hier für eine alltägliche

Neugierde ein, nicht nur für eine professionelle. Wenn der Therapeut nicht neugierig ist, dann kann er

nicht neugierig sein. Er kann versuchen, so zu tun als ob, das reicht oft bei einiger Übung für den

Klienten, für den Therapeuten auf Dauer nicht. Aber manchmal verführt die Haltung der Neugierde zu

tatsächlichem Interesse.

Ich trete hier für eine Kultur des gemeinsamen Tratsches ein. Wenn Therapeuten und Klienten nicht

auch die Lust an der Neuigkeit, unabhängig ihrer Bedeutung, entwickeln, werden sie sich in korrekt

formulierten „Fünfjahresplänen“ bloßer Zielarbeit unvermeidlich erschöpfen.

Die Neugier des Klienten und des Therapeuten muss nicht immer in Andacht und weihevoller Stille

reifen. Wenn der Tratsch, zumindest meistens, der Kompost ist, aus dem sich das Neue entwickelt,

dann wird es, das ist bei Lebensvorgängen unvermeidlich, manchmal auch etwas schmutzig zugehen.

Neugierde ist nie rein und antiseptisch, weder in dem, worauf sie sich bezieht - man braucht hier nur

an die Kinder denken - noch in den Beweggründen, die sie antreibt. Hier hat die Psychotherapie viel

mit dem Doktorspielen der Kinder gemeinsam. Und auch das Neue, das dann hervorgebracht wird, ist

zuerst immer etwas unpassend und peinlich. Das Neue ist ja meist deswegen unentdeckt geblieben,

weil es nicht nur unbekannt, sondern zudem unpassend war. Therapeuten sollten hier nicht verschämt

sein, wenn sie ihre Klienten hilfreich begleiten wollen. Also, ohne ein bisserl Neigung zur

unanständigen und aufmüpfigen Fantasie sollte man eher nicht Psychotherapeut werden.

Der Therapeut darf und soll neugierig sein, aus der Gier aufs Neue, nicht weil er helfen will.

Die Liebe des Therapeuten

Es ist in Ordnung und sowieso unvermeidlich, wenn der Therapeut seine Klienten mag. Zuerst stehen

sich, vor allen Regeln der Kunst, Therapeut und Klient, als Menschen gegenüber, als Mitmenschen

mit Zuneigung und Vorsicht, gelegentlich auch als Mann und Frau, mit mehr oder weniger

anziehender Tendenz, kalauerhaft könnten wir postulieren, das ist völlig o.k., solange sich die

anziehende Tendenz nicht in eine „ausziehende“ verwandelt.

Auch hier gilt: Wer nicht an Menschen und ihren Existenzmöglichkeiten interessiert ist, sollte Therapie

sein lassen, das ist, als wäre ein Gärtner dem Geruch der Rosen gegenüber gleichgültig, oder dem

Geschmack der Äpfel. Für Neutralität gilt dasselbe wie oben. Soziale Neutralität ist nur vor dem

Hintergrund von möglicher und wahrscheinlicher Parteilichkeit und Interesse überhaupt eine sinnvolle

Formulierung und Forderung. Ich trete hier für die Liebe und Zuneigung zu den Menschen ein, nicht

nur für die Liebe zu ihren Geschichten - sie treten mir ja nicht nur in ihren Geschichten gegenüber,

sondern sie überbringen diese sozusagen persönlich, in leiblicher Gestalt. Natürlich muss Therapie,

wenn sie eine solche sein soll, innerhalb des regulierten Regelrahmens bleiben. Aber nur wenn wir

überhaupt menschliche Begegnung als solche für möglich halten, das heißt, Menschen so ernst


nehmen, dass wir sie im Gesamtem wahrnehmen, werden diese Regeln relevant, sonst hätten wir

keinen Anlass zu regulieren.

Der Therapeut darf und soll seine Klienten mögen, wenn er sie mag.

Die Abneigung des Therapeuten

Wenn sich Menschen gegenüber sind, lassen sich Emotionen nicht vermeiden. Wir haben das lange

etwas zurückgestellt. Diese Emotionen folgen grundlegenden Tendenzen, Zuneigung und Abneigung

sind solche. Das sind genuin spontane Phänomene, die sich nicht direkt beeinflussen lassen und wir

sollten ihnen gelassen, neutral und neugierig gegenüberstehen, solange sie nicht die Grenzen der

Therapie sprengen, die gesetzlichen wie die vereinbarten, möglicherweise auch die des üblichen

Umgangs miteinander. Wir reden von den anziehenden Tendenzen schon nicht gern, von den

abstoßenden noch weniger. Wenn sich der Klient aber so benimmt, dass ihn alle Welt nicht mag, wie

soll der Therapeut ihn mögen?

Vor aller Regulierung wird der Therapeut Zuneigung und Abneigung körperlich registrieren, ob er will

oder nicht. Seine stammesgeschichtlich alten Anteile werden schneller sein als jeder Vorsatz und

jedes Neutralitätsgebot (Zwischenhirn vor Neokortex oder so). Missachtet er das, wird er leiden,

zumindest an Verspannungen. Auch hier: „Neutralität“ ist nur vor dem Hintergrund ihrer Nichtexistenz,

der Schwierigkeit ihrer Herstellung, eine sinnvolle Forderung. Warum sollte der Therapeut nicht

Abneigung gegen den Klienten verspüren, solange er das systemisch tut, das heißt: Wenn er die

Antipathie nicht für eine wahre, gewisse und absolute Nachricht über den Klienten hält sondern bloß

für eine konkrete Information über die momentane eigene Befindlichkeit, ist das eine wichtige

Information (die der Beobachter registriert) und ein wesentliches Element therapeutischer Begegnung.

Wir können ja unserer spontanen körpernahen Reaktion unsere Reflexion und Einschätzung

hinzufügen. Ja Reflexion und Einschätzung haben eigentlich nur einen erkenntnishaften Sinn im

Zusammenhang mit einem spontanen widerständigen Eindruck.

Davon abgesehen ist eine gewisse Antipathie gegen den Klienten der Therapie sowieso an sich nicht

abträglich. Im Gegenteil, sie kann dem Fortschritt der Therapie dienen, weil der Therapeut sich

bemühen wird, diesen Menschen bald nicht mehr sehen zu müssen. Ich trete hier dafür ein, „dass

einem der Klient auf den Wecker fallen darf“. Das ist ja nichts Neues, nur gehen wir meistens

verschämt damit um. Ich kann mich - zumindest spontan - an keinen Fall in der systemischen Literatur

erinnern, der aus der Abneigung des Therapeuten gegen seinen Klienten heraus entwickelt wurde,

aber die Milton Erikson Fans können bestimmt ein derartiges Beispiel nennen.

Die Wurstigkeit als Form der Bescheidenheit des Therapeuten

Sie ist eine wesentliche Voraussetzung der Neugierde - wer nur eine und nur eine bestimmte Lösung

im Sinn hat, kann nicht neugierig sein. „Wurstigkeit“ ist nicht nur eine deftigere Formulierung der

vornehmeren und blasseren Neutralität (Lösungsneutralität), sie ist zumindest ihr emotionales

Unterfutter, aber vielleicht auch ihr emotionaler Ursprung. Der Therapeut sollte den Sorgen seiner

Klienten auch ein kräftiges „Rutsch mir den Buckel runter“ entgegensetzen können, wenn ich das

einmal so sagen darf, damit er dem notwendigen Engagement am Ende seiner Arbeit wieder

entkommt. Die Wurstigkeit des Therapeuten ist eine primitive Formulierung seiner Bescheidenheit, er

weiß um die Grenzen seines Einflusses und seine ewige Unbestimmtheit, darauf hat Kurt Ludewig

hingewiesen. Wir könnten sagen, die Neugierde und damit die Möglichkeit des Neuen entsteht aus

der Vermählung zwischen Interesse und Wurstigkeit. Wer nur Interesse hat, hat meist ein bestimmtes

eigenes Ziel im Auge, er ist auf seine Intention festgelegt und damit meist auf eine - und eine

bestimmte – Lösung. Wer nur wurstig ist, für den sind alle Lösungen möglich, aber er wird sich nicht

bemühen, dass tatsächlich irgendeine zum Vorschein kommt. Es ist beides nötig, Engagement und

Distanz. Das ist es, was der viel elaborierte Sigmund Freud und noch besser Theodor Reik als

gleichschwebende Aufmerksamkeit beschrieben haben.

Der Spaß des Therapeuten

Spaß hat man dann, wenn sich überraschend neue Ansichten auftun. Das ist ja auch das wesentliche

Moment therapeutischen Angebots. Das Witzige hat zwei Momente, wir kennen sie schon, es lässt

sich als Phänomen nicht absichtsvoll erzeugen (das Lachen lässt sich nicht zwingen), trotzdem hat es

Struktur, ist von seiner Wirkung her eine Bedingung der Möglichkeit, etwas Neues wahrzunehmen.

Das Witzige hat 3 Konstruktionselemente

• formal - eine Rahmenverschiebung der Aufmerksamkeit,


• inhaltlich - das Überraschende, Peinliche, Neue, Riskante, Unanständige,

• kommunikativ - durch die Auslassung wird der Zuhörer zum Konstrukteur, ob er will oder nicht

- alles Elemente, die alle Postulate systemischer Vorgangsweise darstellen.

Und: Ein Witz ist nicht ernst gemeint, er ist keine Behauptung der Gewissheit, sondern eine

Andeutung der Möglichkeit.

Diese drei Konstruktionselemente lassen sich am Beispiel einer Anekdote über Friedrich den Großen

zeigen: Der König inspiziert - in der tiefsten preußischen Provinz - ein Regiment und sieht sich dabei

plötzlich einem Gefreiten gegenüber, der ihm selbst, dem Souverän, wie aus dem Gesicht geschnitten

ist. Majestät stutzt und findet die Erklärung: „Seine Mutter hat wohl in der Residenz gedient“. Die

Antwort: „Mein Vater, Majestät“. Die Aufmerksamkeit verschiebt sich von der Frage: ‚Warum sieht der

Soldat dem König so ähnlich?’ zur Frage: ‚Warum sieht der König dem Soldaten so ähnlich?’ und

findet ihren Kulminationspunkt in dem neuen und ungeheuren Gedanken, dass nicht der Vater des

Königs ein charmanter Verführer, sondern die Mutter des Königs eine leichtfertige Person gewesen

sein könnte. Insofern hat der Witz durchaus feministischen Gehalt, weil er eine kritische Anmerkung

zur Markierung unserer Entrüstung macht: Was beim König erlaubt ist, ist bei der Königin ganz

unmöglich. Hier geht es um Sex und geradezu undenkbare Variationen davon. Aber der Erzähler sagt

davon kein Wort, alles entsteht im Zuhörer, und zwar spontan, ob er will oder nicht, beim Versuch den

Gedankengang zu verstehen; oder es entsteht auch nicht, wenn der Gedankengang zu fremd, zu

ungeheuerlich - der Unterschied zu groß ist. Strukturell passiert Ähnliches, wenn der Therapeut zu

einem klagenden Klienten sagt: „Oh ich verstehe, Sie wollen sagen, das Leben ist selber schuld, wenn

es an mir vorbeigeht.“ Hier liegt unwillkürlich der Gedanke nahe, dass der Klient sein Leben ein Stück

mehr selbst verantworten könnte, weil plötzlich von Täterschaft die Rede ist, nicht vom Opfersein,

aber gesagt wird das nicht. Im Gegenteil die Verwechslung ist Absicht: Nicht Sie sind schuld, nein das

Leben selbst etc.

Oder wenn der Therapeut zu der Klientin, die sich mit einer Kleinmädchenstimme über ihren Partner

alteriert, sagt: „Ich würde es für meinen Geschmack passend finden, wenn Sie jetzt ein kleines

bisschen mit dem rechten Fuß aufstampfen“. Frank Farrelly u.a. ermutigen uns ausreichend.

Ich trete für das Witzige und Humorvolle in der Therapie ein, das ich für keine akademische

Annäherung halte, sondern für eine grundsätzliche. Nur was den Therapeuten selbst verblüfft, ist

wirklich witzig. Theodor Reik hat das schon vor vielen Jahrzehnten beschrieben. Bereits Reik schreibt

aber auch, dass es dazu Mut braucht (dem Klienten gegenüber, aber auch gegenüber uns selbst

angesichts möglicher Verunsicherung gewohnter Überzeugungen). Wenn wir Überraschung riskieren,

können wir auch im Unverständlichen und Irritierenden landen, heutig gesagt, „no risk, no fun“.

Das Eigenlob des Therapeuten

Es ist unwichtig für die Therapie an sich, aber ganz wichtig für den Therapeuten selbst. Zuerst einmal:

Gelingt Therapie, sieht der Klient keinen Anlass zum Lob. Es war sein Einfallsreichtum, der die neue

Idee aufgegriffen hat, es ist sein Mut, der jetzt durch eine neue Situation gefordert wird; der Beitrag

des Therapeuten tritt hier zurück und das ist gut so, seine Leistung wird ja abgegolten, der Klient soll

nicht dankbar sein müssen.

Der Therapeut kriegt seine Bestätigung nur in der Eigenerzeugung und Präsentation, oft in der

anonymisierten Fallbesprechung, in der Erfolge präsentiert werden können, manchmal sogar in Form

der Veröffentlichung, die eine Art legitimierte und nützliche Angeberei darstellt. Anzüglich gesagt: Er

stellt die Ergebnisse einer unvermeidlichen und nützlichen Selbstbefriedigung einer größeren

Öffentlichkeit zur Verfügung, erweitert diese, wenn man will, um das wohltuende Moment des

Exhibitionismus. Das ist in Ordnung, solange es innerhalb der Grenzen des guten Geschmacks bleibt,

aber darüber befindet dann ohnedies der Leser, das ist - Risiko des Autors - immer

beobachterabhängig. Ich rede hier einem maßvollen Eigenlob das Wort. Es ist für die Lust des

Therapeuten an seinem Job durchaus unentbehrlich.

Das Scheitern des Therapeuten

Das Scheitern des Therapeuten ist aus drei Gründen unvermeidlich.

Zum Ersten macht sich der Therapeut immer eine Vorstellung von der Lösung, ob er will oder nicht.

Lösungsneutralität verhindert diese Vorstellung nicht, sie stellt sie bloß richtig, insofern sie nur für den

Therapeuten etwas bedeutet, nicht für den Klienten. Die Lösung, die der Klient für sich als freies und

autonomes Subjekt wählt, wird immer eine andere sein. Insofern wird der Therapeut scheitern, das ist

unvermeidlich.

Zum Zweiten sind wir als Therapeuten immer mehr mit dem Unveränderlichen als Gegenstand

unserer Veränderungsbemühungen befasst: Nicht mehr dieses oder jenes Verhalten, das tatsächlich


verschwinden könnte wie Zwang, Angst, Streit etc. sondern Krankheit, Alter, Behinderung etc. sind

uns zunehmend auch Thema.

Zum Dritten scheitern wir letztlich immer bezüglich der Hoffnung unserer Klienten, dass wir Mühe,

Plage, Absurdität aus der Welt schaffen könnten. Genau wie der Geistliche sind wir mit der Hoffnung

konfrontiert, das Böse und Absurde - bis hin zum Tod - aus der Welt zu schaffen, zumindest aus der

kleinen persönlichen des jeweiligen Klienten. Wir können es nicht, sosehr wir es angesichts von

Krankheit, Unglück und Gemeinheit oft wollen.

Mit diesem Scheitern versöhnt zu sein ist wahrscheinlich nicht möglich, wäre vielleicht gar nicht gut,

aber es als unvermeidlich zumindest gelegentlich zu denken und nicht als persönliche Aufgabe und

Herausforderung, halte ich für die wesentliche Glaubensmöglichkeit des Psychotherapeuten.

Insgesamt ist das also eine Rehabilitierung der Spontaneität und der Alltäglichkeit, sie sollen dem

Therapeutsein entgegen oder besser gegenüber dem Zweifel hinzugefügt werden. Hingegen möchte

ich die Annahme, dass wir nicht zweifeln dürften oder gar, dass wir immer gewiss und sicher sein

müssten, als unrealistisch und unnütz zurückweisen.

Zusammenfassung

Der Zweifel ist immer von Gefühlen begleitet, die uns meist überraschen. Er changiert zwischen

Wundern und Peinlichkeit. Das macht unser Leben unsicherer und reicher, auch wenn wir die damit

verbundenen Einsichten und Erfahrungen ursprünglich lieber vermieden hätten.

Der Zweifel ist eminent wichtig, v.a. wegen seiner Wirkung, nicht (nur) der therapeutischen.

Der Zweifel macht bescheiden und deswegen gewappnet gegen die einzige Todsünde des

Therapeuten, die Idee er bewirke etwas, er brächte das Wunder hervor - das ist guruhaft, auch ok.,

aber das ist dann etwas Anderes, eher etwas für Religionsgründer als für die Psychotherapie.

Zweifel erspart uns so viel Mühe, v.a. die der Arroganz.

Der Zweifel sollte keinesfalls utilisiert werden, das hat er nicht verdient, auch nicht von einer

Therapieform, die in der Nutzung des Hinderlichen eine ihrer Stärken sieht. Das hieße den Bock zum

Gärtner machen und – abgesehen davon, dass der Bock vielleicht kein guter Gärtner ist, er fehlt dann

auch der Herde, ohne ihn wird sie nicht gedeihen. Anders gesagt: Der Zweifel ist zu fruchtbar um

gleich genutzt zu werden.

Der Zweifel steht dem Glauben gegenüber, nicht entgegen. Glaube und Zweifel sind Positionen, die

nicht auf Dauer aufrecht erhalten werden können. Wer nur zweifelt, der verzweifelt, wer nur glaubt

sieht alle Erfahrung im ewig gleichen Licht.

Was wäre der Sinn des Zweifels für die Therapie? „Technisch“ gesprochen keiner, er mahnt uns aber

ständig an die Vorläufigkeit unseres beruflichen Handelns und die Abhängigkeit dieses Handelns von

außertherapeutischen Wirkungen und Kontexten.

Der Therapeut ist immer ungewiss und deswegen neugierig und immer wieder auf der Suche nach der

neuen maßgeschneiderten Lösung.

Der Therapeut weiß nichts und kann nichts, wenn er sich hinsetzt und zu arbeiten beginnt. Er fängt

immer wieder von vorne an, jeden Tag. Das ist das Schöne und Schöpferische an seiner Arbeit. Der

Zweifel ist der notwendige Preis dafür. Der Glaube ist die Münze, in der wir diesen Preis zahlen

können ohne zu verzweifeln.

Literatur:

Reik T. (1935) Der überraschte Psychologe. Sijthoffs Uitgeversmaatschappij N.N., Leiden

Wetering J. (1978) Lehrjahre in einem Zenkloster. Rowohlt, Reinbek

Dieser Artikel ist die Essenz und das Ergebnis eines Vortrags im Rahmen des „Systemischen

Kaffeehauses“ im Juni 02

DR. HELMUT DE WAAL ist klinischer Psychologe, Psychotherapeut in freier Praxis (Steyr), Supervisor,

Lehrtherapeut für systemische Familientherapie und Autor mehrfacher Veröffentlichungen in

systemischer Therapie.

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