Inklusion - Josefs-Gesellschaft gGmbH

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Inklusion - Josefs-Gesellschaft gGmbH

Katholischer Träger von Krankenhäusern,

Altenheimen und Einrichtungen

zur Rehabilitation von Menschen mit Behinderungen

Dezember | 2011

publik

Ein Infomagazin der JG-Gruppe

Benediktushof bekommt

Teilhabepreis der Caritas

Integrationsfirmen auf

Wachstumskurs

Inklusion

Selbstverständlich mitten drin

„Eine Schule für alle“ im

Kardinal-von-Galen-Haus


Aus dem Inhalt

Aus dem Inhalt 2

Auf ein Wort

Ja zur Inklusion – wenn sie der bestmöglichen Förderung dient .......................... 3

Zum Thema

„Begegnungen für Jugendliche“

Inklusion konkret: Benediktushof bekommt Teilhabepreis der Caritas ........................ 4

„Gemeinsame Interessen im Vordergrund“

Diplom-Sozialarbeiter Christoph Hartkamp über „Begegnungen für Jugendliche“ .............. 4

„Kein Vorzeige-Azubi, sondern Vorreiter“

Das Nell-Breuning-Berufskolleg hat einen Kooperationsvertrag mit dem Bundesinstitut

für Berufsbildung abgeschlossen................................................... 5

Sprungbrett ins Berufsleben

Unterstützte Beschäftigung bietet neue Chancen zur beruflichen Inklusion.................... 7

„Freiheit pur!“

Bernd Günther hat den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt

– mit viel Mut und Durchsetzungskraft ............................................... 8

Eine Schule für alle

Ab dem Sommer 2012 werden in einer Schulklasse des Kardinal-von-Galen-Hauses

Schüler mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet............................... 9

Gemeinsam auf Wachstumskurs

Integrationsfirmen bieten Menschen mit und ohne Behinderung

sozialversicherungspflichtige Arbeitsplätze – mit Erfolg................................... 10

Menschen und Meinungen

Mission Misrata

Dr. med. Yousef Adam, angehender Facharzt im Eduardus-Krankenhaus,

setzt sich ehrenamtlich in Libyen ein................................................. 12

Aus den Einrichtungen

„Mit Leidenschaft klappt’s am besten!“

Zum WDR5-Vorlesetag war der Schauspieler Dominik Freiberger

im Nell-Breuning-Berufskolleg zu Gast............................................... 13

Benediktushof als „Ökoprofit“-Betrieb ausgezeichnet

Umweltschutz im Alltag – Mitarbeiter und Bewohner sparen jährlich 18 000 Euro............... 13

Gummibärchenfischen fürs Fingerspitzengefühl

Der dritte Deutzer Patiententag im Eduardus-Krankenhaus war ein voller Erfolg................ 14

Herausgeber: JG-Gruppe · Custodisstraße 19–21 · 50679 Köln

Telefon 0221 88998-0 · presse@josefs-gesellschaft.de · www.jg-gruppe.de

Verantwortlich: Dr. Theodor-Michael Lucas

Redaktion: Nina Louis

Mitarbeiter und Fotos: Mario Polzer, Sylvia Wirges, Helmut Klöckner,

Marit Konert, Susanne Walter, Pedro Citoler, Susanne Sperling, Nina Louis

Grafik und Design: Dieses Magazin wird für Sie gedruckt und gestaltet von

Menschen mit Behinderungen im Berufsbildungswerk Josefsheim Bigge, Olsberg

Auflage: 4.700 Stück

Spendenkonto

10 68 400

Bank für Sozialwirtschaft Köln

BLZ 370 205 00


Auf ein Wort

3 Auf ein Wort

Ja zur Inklusion – wenn sie

der bestmöglichen Förderung dient

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

an die Stelle des Begriffes „Integration“ ist im

Zuge der Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention

der Begriff „Inklusion“ getreten. Der

Begriff stammt vom lateinischen Verb „includere“,

übersetzt „einschließen“. Das klingt zunächst befremdlich.

Wer möchte schon jemanden einschließen,

oder gar eingeschlossen werden? Übersetzt

und interpretiert man den Begriff jedoch ein wenig

freier, dann bedeutet er eine Weiterentwicklung.

„Integration“ wird in der Fachsprache mit „Eingliederung“

übersetzt. „Inklusion“ dagegen setzt voraus,

dass eine Eingliederung gar nicht stattfinden

muss, weil es niemanden gibt, der außen steht.

Daraus ergibt sich der Kernunterschied zwischen

Inklusion“ und „Integration“: Er besteht in der

Rolle, die Menschen mit Behinderung in der Gesamtgesellschaft

einnehmen. „Integration“ bedeutet:

„Wir, die Menschen ohne Behinderung,

heißen euch willkommen und lassen euch an allen

Aspekten, Facetten und Möglichkeiten unserer

Gesellschaft teilhaben.“ Der Begriff „Inklusion

aber meint: Menschen mit Behinderung haben

nicht teil an der Gesellschaft, sondern sind Teil der

Gesellschaft. Zwischen den Lebenswelten von

Menschen mit und ohne Behinderung gibt es keine

Schnittmenge mehr, sondern beide Gruppen

leben als Individuen in ein und demselben Kreis.

Sie alle beziehen sich gegenseitig in ihr direktes

Umfeld und ihre Perspektiven ein, auf ganz natürliche

und selbstverständliche Weise – das ist

ein Ziel, das auch wir in der Josefs-Gesellschaft

anstreben und unterstützen.

Doch auch beim Thema „Inklusion“ muss für uns

weiterhin der Mensch im Mittelpunkt stehen. Der

Mensch mit Behinderung, der unsere Angebote

nutzt, ist für uns das Maß aller Dinge, und das

bedeutet: Unser Ziel ist seine bestmögliche Förderung

– in genau dem Umfang und auf die Art

und Weise, wie sie zu seiner persönlichen Weiterentwicklung

und Lebensqualität beiträgt. „Inklusion

ist ein Mittel, um dieses Ziel zu erreichen,

und nicht umgekehrt. Es gilt, immer wieder den

Menschen selbst zu fragen, wie seine Vorstellung

von Lebensqualität eigentlich aussieht und was er

braucht, um seine persönlichen und beruflichen

Ziele verwirklichen zu können.

Ein gutes Beispiel dafür ist die Frage, ob ein ambulantes

Wohnangebot oder eine Spezialeinrichtung

geeigneter ist. Viele Menschen mit Behinderung

können sich in einer eigenen Wohnung

optimal entfalten, fühlen sich dort respektiert und

selbstständig. Andere wiederum benötigen den

geschützten Raum, die intensive Betreuung und

die besondere Förderung, die nur eine Spezialeinrichtung

ihnen bieten kann. Dies gilt auch für die

Schulen: Während sich viele Menschen mit Behinderung

in einer Regelschule bestens entwickeln,

sind andere auf die besondere Unterstützung in

den kleinen Klassen der Förderschulen angewiesen.

Umgekehrt können auch Schüler ohne Behinderung

von den Vorteilen einer Förderschule

profitieren. Dies geschieht bereits in einigen Schulen

der Josefs-Gesellschaft, die auch nicht behinderten

Schülern offen stehen.

Inklusion ist uns ein wichtiges Anliegen und wird

in allen Einrichtungen der Josefs-Gesellschaft intensiv

umgesetzt und gelebt. Einige Beispiele –

von der „Schule für alle“ bis hin zu erfolgreichen

Projekten zur Vermittlung in den allgemeinen Arbeitsmarkt

– stellen wir Ihnen in der vorliegenden

Ausgabe der JG-Publik vor.

Ich wünsche Ihnen ein frohes, gesegnetes Weihnachtsfest.

Dr. Theodor-Michael Lucas

Vorstand der Josefs-Gesellschaft


Zum Thema

Zum Thema 4

Begegnungen für Jugendliche

Inklusion konkret: Benediktushof bekommt

Teilhabepreis der Caritas

Mit dem Teilhabepreis 2011 „Inklusion konkret“

der Caritas GemeinschaftsStiftung im Bistum

Münster ist der Benediktushof Maria Veen ausgezeichnet

worden. Als einer von insgesamt sechs

Preisträgern nahm Christoph Hartkamp, Leiter

des Bereichs Kinder- und Jugendwohnen, die

Urkunde und den mit 2.000 Euro dotierten Preis

entgegen.

Ausgezeichnet wurde der Benediktushof für das

Kooperationsprojekt „Offene Kinder- und Jugendarbeit

in Reken für alle! Inklusive Angebote für Kinder

und Jugendliche in vernetzter Trägerschaft“.

Der Hintergrund: Zusammen mit anderen Häusern

der Jugendhilfe in Reken und mit dem Kreisjugendamt

Borken hat der Benediktushof in den

vergangenen Jahren verschiedene Begegnungsmöglichkeiten

für Kinder und Jugendliche mit und

ohne Behinderung geschaffen. Ob Karnevalsfeier,

Playstation-Turnier, integrativer Ferienspaß, Stadtrallye

oder Nachmittage zum Thema „Eine Welt“

– regelmäßig organisiert das „Sozialraumteam

Reken“ gemeinsame Aktivitäten. „Die Jugend-

lichen

lernen sich in ihrer

Freizeit kennen, entwickeln gemeinsame Interessen

und gehen immer selbstverständlicher

miteinander um“, freut sich Hartkamp über diese

positive Entwicklung. Der Teilhabepreis 2011 sei

den gemeinsamen Anstrengungen des gesamten

Sozialraumteams zu verdanken, betont er.

Für die Zukunft ist man sich einig: „Wir möchten

diesen Weg, Begegnungsräume zu schaffen, gemeinsam

mit unseren Partnern weiter gehen und

ihn ausbauen“, so Hartkamp, „das ist ein wichtiger

Aspekt von Inklusion“.

Marit Konert

„Gemeinsame Interessen im Vordergrund“

Diplom-Sozialarbeiter Christoph Hartkamp und seine Kollegen vom „Sozialraum-Team“ Benediktushof

Maria Veen entwickeln immer wieder neue Ideen, um Begegnungen zwischen

Kindern und Jugendlichen mit und ohne Behinderung zu ermöglichen.

Christoph Hartkamp

Herr Hartkamp, was ist ein Sozialraum? Welche

Begegnungen finden dort statt, und worin besteht

der Unterschied zur ganz gewöhnlichen Kommunikation

oder Begegnung „auf der Straße“?

Der Sozialraum ist die Welt, in der Menschen zu

Hause sind. Es ist die Welt, in der sie arbeiten,

Freundschaften, Gemeinde- und Vereinsleben

pflegen, Lokalpolitik machen usw. Im Sozialraum

findet Begegnung statt – natürlich auch „auf der

Straße“. Unsere Leitvorstellung vom „inklusiven

Gemeinwesen“ zielt darauf, dass möglichst alle

Menschen mit ihren Eigenheiten – auch Menschen

mit Behinderungen – hier einen Platz finden.

Das bedarf meist gezielten Einsatzes.

Zum Team gehören Mitarbeiter von Kreisjugendamt,

Gemeinde Reken, Benediktushof Maria Veen

sowie Einrichtungen der offenen Jugendarbeit.

Was ist das Besondere an Ihren inklusiven Angeboten

für Kinder und Jugendliche, und wie ist die

Resonanz der Kids?

Wir schaffen Angebote, die alle interessieren. Das

Merkmal „behindert oder nicht“ ist nachrangig.

Wo gemeinsame Interessen im Vordergrund ste-


Zum Thema

5 Zum Thema

hen, ergeben sich Begegnungsräume. Die Kinder

und Jugendlichen finden das gut!

Noch eine Anmerkung: Die Struktur des Sozialraumteams

ist eine Eigenheit des Kreises Borken,

um die Jugendarbeit und Jugendhilfe auf kommunaler

Ebene zu koordinieren. Ich bin dankbar dafür,

dass die KollegInnen im Sozialraumteam die

Vorstellung einer „Kinder- und Jugendarbeit für

alle“ mittragen.

Zukünftig wollen Sie die Kooperation fortführen

und ausbauen, um weitere Begegnungsräume

für Kinder und Jugendliche mit und ohne Behinderung

zu schaffen. Welche konkreten Ideen gibt

es?

Im Bereich der Kinder und Jugendlichen möchten

wir Kooperationen mit Pfarrgemeinde und Vereinen

erweitern – z. B. dem Alpenverein (Klettern)

oder der Pfarrjugend. Ich wünsche mir, dass wir

das Konzept des inklusiven Gemeinwesens als

eine Art Paradigma auch für das Miteinander von

erwachsenen Menschen nutzen.

Woran liegt es, dass das Miteinander von Kindern

und Jugendlichen mit und ohne Behinderung immer

noch eher die Ausnahme als die Regel ist?

Welche Ängste und Vorbehalte gibt es da auf beiden

Seiten, und wie lassen diese sich Ihrer Meinung

nach am besten auflösen?

Das liegt aus meiner Sicht zunächst daran, dass

Kindern und Jugendlichen von Erwachsenen häufig

nichts anderes vorgelebt wird. Ängste, Vorbehalte,

Fremdheit und Unsicherheit spielen eine

Rolle. Möglicherweise auch die Angst vor der Begegnung

mit einem Leben, das nach verbreiteten

bürgerlichen Maßstäben „imperfekt“ erscheint

und nicht zu Leitvorstellungen von Erfolg, Gesundheit,

Jugend etc. passen mag. Gerade diese

Leitbilder machen es oft so schwer, eigene Unvollkommenheiten

als zu sich gehörig anzunehmen.

Patentrezepte, um das aufzulösen, gibt es nicht.

Einer der besten Wege, die ich kenne, liegt darin,

dem Fremden mit Interesse und Wohlwollen zu

begegnen. Vielleicht merkt man dann, dass das

Fremde, Unvertraute nicht nur Angst macht, sondern

dass es auch bereichert.

Das Gespräch führte Marit Konert

„Kein Vorzeige-Azubi, sondern Vorreiter“

Das Nell-Breuning-Berufskolleg hat einen Kooperationsvertrag mit dem Bundesinstitut für

Berufsbildung abgeschlossen. Ziel ist es, die beruflichen Chancen von Menschen mit Behinderung

zu verbessern.

Den passenden Beruf finden und dann auch

noch einen Ausbildungsplatz bekommen – für

zahlreiche Schulabgänger ist das eine große Herausforderung.

Menschen mit Körperbehinderung

haben es dabei besonders schwer: Obwohl sie

für die meisten Berufe genauso geeignet sind wie

ihre Altersgenossen, haben sie oft mit Vorurteilen

zu kämpfen und erhalten bei der Job- und Ausbildungssuche

eine Absage nach der anderen.

So ging es lange Zeit auch Hajo Slawski, der auf

den Rollstuhl angewiesen ist. Erfolgreich hatte

er im Nell-Breuning Berufskolleg, einer Schule

für Menschen mit Körperbehinderung im Haus

Rheinfrieden in Rhöndorf, seinen Handelsschulabschluss

absolviert.

Dann schrieb er 200 Bewerbungen – vergeblich.

„Das war wirklich frustrierend“, erinnert er sich.

„Ich hatte die Hoffnung schon fast aufgegeben.“

Doch dann ging es für ihn bergauf: Durch Richard

Esser, Sozialarbeiter und „Ausbildungslotse“ in

Haus Rheinfrieden, erfuhr er von der engen Kooperation

des Hauses Rheinfrieden mit dem Bundesinstitut

für Berufsbildung (BIBB) in Bonn, die

bereits seit dem Jahr 2005 besteht.

Das BIBB fungiert als Kompetenzzentrum zur

Erforschung und Weiterentwicklung der beruflichen

Aus- und Weiterbildung in Deutschland. Es

identifiziert Zukunftsaufgaben der Berufsbildung,

fördert Innovationen in der nationalen wie internationalen

Berufsbildung und entwickelt neue, praxisorientierte

Lösungsvorschläge für die berufliche

Aus- und Weiterbildung.

Ein Fachausschuss beschäftigt sich speziell mit

der Verbesserung der beruflichen Chancen von

Menschen mit Behinderung.

Im Rahmen der Zusammenarbeit mit dem Haus

Rheinfrieden berät das BIBB zum Thema Berufliche

Bildung, vermittelt Praktika und Ausbildungsplätze

und bietet auch selbst immer wieder

Stellen im eigenen Hause an. Hajo Slawski bewarb

sich beim BIBB – und ergatterte dort einen

Ausbildungsplatz zum Fachangestellten für Bürokommunikation.

„Ich bin sehr froh darüber, dass

das geklappt hat“, sagt er. Seit fast zwei Monaten

arbeitet er nun dort und freut sich über die abwechslungsreiche

und anspruchsvolle Tätigkeit

und das gute Betriebsklima. „Ich will kein Vorzeige-Azubi

sein, sondern Vorreiter“, betont er. „Mir


Zum Thema

Zum Thema 6

Prof. Dr. Reinhold Weiß, Einrichtungsleiter Matthias Menge, Schulleiter Hans Peter Küpper (stehend von links), der Schüler Christian Jost

und der Auszubildende Hajo Slawski präsentieren den Kooperationsvertrag.

ist es wichtig, am Ball zu bleiben und meine Ausbildung

erfolgreich abzuschließen – denn es muss

dringend ein Zeichen gesetzt werden, dass Menschen

mit Behinderung diese Tätigkeiten genauso

gut ausüben können wie jeder andere auch.“

Die Kooperation zwischen Haus Rheinfrieden und

BIBB wurde kürzlich vertraglich besiegelt: Vor

der gesamten Schülerschaft des Nell-Breuning-

Berufskollegs unterzeichneten Matthias Menge,

Einrichtungsleiter von Haus Rheinfrieden, Hans

Peter Küpper, Schulleiter des Nell-Breuning-Berufskollegs

und Dr. Reinhold Weiß, Vizepräsident

des BIBB, den Kooperationsvertrag. Dieser sieht

gemeinsame Aktivitäten in einem unbefristeten

Zeitrahmen vor – zum Beispiel praxisnahes Bewerbertraining

und Informationsveranstaltungen

über die im BIBB angebotenen Ausbildungsberufe.

Außerdem sollen die Schüler die Möglichkeit

erhalten, das BIBB im Rahmen von Betriebsbesuchen

und Praktika näher kennen zu lernen. „Herr

Slawski ist der lebende Beweis für eine fruchtbare

Zusammenarbeit mit dem BIBB“, betonte Menge.

Vizepräsident Weiß hob die Gegenseitigkeit der

Partnerschaft hervor: „Die Kooperation bietet uns

die Möglichkeit, mit den betroffenen Menschen

selbst in Kontakt zu treten und uns ein Bild über

deren reale berufliche Situation, die vorhandenen

Chancen und die bestehenden Herausforderungen

zu machen. Nur so können wir positive

Entwicklungen initiieren und die berufliche Inklusion

vorantreiben.“ Schulleiter Küpper ergänzte:

„Auch berufliche Schulen haben die Aufgabe,

Kompetenzzentrum für den Bereich Arbeit zu

sein. Bei der wichtigen Aufgabe, die beruflichen

Chancen von Menschen mit Behinderung zu verbessern,

können wir uns gegenseitig inspirieren

und unterstützen.“

Nina Louis


Zum Thema

7 Zum Thema

Sprungbrett ins Berufsleben

Unterstützte Beschäftigung bietet neue Chancen zur beruflichen Inklusion

Kevin Drescher ist 23 Jahre alt, wohnt in Vallendar

und hat eine Aufmerksamkeits- und Gedächtnisstörung,

die ihm das zielgerichtete Lernen schwer

macht. Kevin ist sehr motiviert, zuverlässig und

hilfsbereit. Seine Stärken liegen klar in der praktischen

Arbeit. Bei entsprechender Unterstützung

und einem konkreten Zeitrahmen, könnte er für

einen Arbeitsplatz im ersten Arbeitsmarkt qualifiziert

werden. Klar strukturierte, wiederkehrende

Tätigkeiten und ein konkreter, wohlwollender

Ansprechpartner im Betrieb wären ein hilfreicher

Rahmen für seine gute Arbeit. Kevin suchte einige

Zeit nach einer Chance zum Einstieg in den ersten

Arbeitsmarkt.

Jetzt hat er es geschafft: Kevin ist seit 1. Juni

2011 sozialversicherungspflichtig als Helfer im

Lager der REWE Foodservice GmbH beschäftigt.

Er ist offen für viele Arbeitsaufgaben in den bekannten

Bereichen und selbstständig tätig. Geholfen

hat ihm dabei die Maßnahme Unterstützte

Beschäftigung der Heinrich-Haus gGmbH, die

im September 2009 am Standort Koblenz in der

Bahnhofstraße 7 startete. Acht Qualifizierungstrainer

von vier Trägern der Bietergemeinschaft

arbeiten mit unterschiedlichem Betreuungsanteil

gemeinsam an dem Ziel, Menschen mit Unterstützungsbedarf

in sozialversicherungspflichtige

Arbeitsverhältnisse zu integrieren. Über die Phasen

der Orientierung, Qualifizierung und Stabilisierung

wird während eines

in der Regel zweijährigen

Trainings darauf hingearbeitet.

den Tag auf die Aufgaben im Betrieb. Der Qualifizierungstrainer

Ronald Hauschild, Mitarbeiter

der Stiftung Bethesda St. Martin gGmbH, begleitete

Kevin dabei, konnte praktische Tipps bei

der Vermittlung neuer Lerninhalte geben und war

Ansprechpartner für Betrieb und Paten. Daneben

fanden wöchentliche Projekttage statt, bei denen

unter anderem die Vermittlung von Kulturtechniken

und das Training sozialer und personaler

Kompetenzen auf dem Programm standen.

Durch die gute Zusammenarbeit in der Bietergemeinschaft

und mit den Agenturen für Arbeit

Koblenz, Montabaur und Neuwied gelang trotz

der Wirtschafts- und Finanzkrise der nachhaltige

Inklusionserfolg. Wie Kevin konnten bisher acht

weitere Teilnehmer in ein sozialversicherungspflichtiges

Arbeitsverhältnis vermittelt werden.

Das Engagement und die Bereitschaft heimischer

Betriebe, jungen Menschen mit Förderschulabschluss

eine Chance zu geben, sind dabei besonders

hervorzuheben. Einen wesentlichen Anteil

am Erfolg haben auch die betrieblichen Paten, die

gemeinsam mit den Qualifizierungstrainern für die

Unterstützung vor Ort sorgen. Nicht zuletzt haben

sich die Teilnehmer selbst durch ihre motivierte Arbeit

den neuen Arbeitsplatz erarbeitet.

Aktuell befinden sich weitere 19 Teilnehmer in den

verschiedenen Phasen der betrieblichen Qualifikation

(InbeQ).

Sylvia Wirges

19 Monate lang qualifizierte

sich Kevin im Rahmen

der Unterstützten

Beschäftigung im Bereich

Lager und Regalpflege.

Der praktische Teil der

Qualifizierung erfolgte

in Zusammenarbeit mit

der REWE Foodservice

GmbH. Für den Weg zur

Arbeit nutzt er die öffentlichen

Verkehrsmittel der

Region. Er freut sich je-

Freut sich über die neuen

Aufgaben: Kevin Drescher an

seinem Arbeitsplatz.


Zum Thema

Zum Thema 8

„Freiheit pur!“

Bernd Günther hat den Schritt in die Selbstständigkeit gewagt. Jetzt lebt er in seiner eigenen

Wohnung und fährt sogar Auto.

Immer mit einem Lächeln auf den Lippen und zu

einem Scherz aufgelegt, so kennen die Mitarbeiter

des Antoniushauses in Hochheim die gute Seele

der Personalabteilung: Bernd Günther. Der 33-

Jährige kommt jeden Morgen mit dem Rolli zur

Arbeit. Glücklicherweise wohnt er in der Nähe des

Antoniushauses, der Anfahrtsweg ist sehr kurz

und er kann etwas länger schlafen.

Die morgendliche Aufstehprozedur ist mittlerweile

zur Routine geworden, aber der Weg dahin war

nicht immer einfach. Mit sieben Jahren wurde

Bernd Günther in die Peter-Josef-Briefs-Schule,

die Förderschule im Antoniushaus, eingeschult.

Da er aus dem entfernt gelegenen Kreis Vogelberg

stammt, entschlossen sich seine Eltern, ihn

während der Woche auch im angeschlossenen

Internat unterzubringen. Das war vor 26 Jahren.

In dieser Zeit hat Bernd Günther im Antoniushaus

seine Mittlere Reife erworben und als erster

Auszubildender des Hauses seine Lehre als Bürokaufmann

erfolgreich abgeschlossen. Schon

zu Beginn der Ausbildung stellte sich die Frage,

wo er zukünftig leben wird. „Ich hatte keine Lust

auf Wohngemeinschaft“, sagt Bernd Günther

schmunzelnd, „aber die Organisation meiner ersten

eigenen Wohnung und der dazugehörigen

Pflege war nicht ganz leicht.“ Durch persönliche

Kontakte fand er eine Wohnung, die nun seine gemütliche

Oase ist.

Da er auf Unterstützung angewiesen ist, hat sich

Bernd Günther einen Pflegedienst engagiert. „Die

Schwierigkeit bestand zunächst darin, dass diese

Pflegedienste mich immer schon um halb Acht

ins Bett gebracht haben.“ Zeit für einen gemütlichen

Abend am Küchentisch blieb da nicht. „Ich

musste sehr viel selbst organisieren, damit alles

in meinen eigenen Rhythmus passt.“ Doch auch

diese Herausforderung hat er gemeistert, mit viel

Durchhaltevermögen und Kampfeswillen.

Vor allem aber braucht es Mut, den Weg in die

Selbstständigkeit zu wagen. „Mit der Unterstützung

im Antoniushaus habe ich mich sehr gut

auf die Zeit vorbereitet“, resümiert Günther. „Ein

Training, das meine Eltern so nicht hätten leisten

können.“

Regelmäßig am Wochenende besucht Bernd

Günther seine Eltern auf dem Bauernhof. Seit ein

paar Jahren kann er nun ganz allein mit seinem

Auto diese Strecke fahren. Nach dem positiven

Erlebnis, im eigenen Heim zu leben, hat er sich

an die Herausforderung „Führerschein“ gemacht

und bestanden. „Der Weg zum eigenen Auto hingegen

war noch einmal so richtig steinig“, erinnert

er sich. Aber er hat es geschafft und ist nun stolzer

Besitzer eines Transporters. Das Gefühl, nun

unabhängig von A nach B reisen zu können, beschreibt

er freudestrahlend als „Freiheit pur!“

All die Jahre hat Bernd Günther die Wochenenden

und die Ferien auf

dem elterlichen Bauernhof

verbracht. Dort hilft er

beim Ausmisten der Kuhställe,

kennt jedes Tier

beim Namen und liebt die

Maschinen auf dem Hof.

Endlich selbst Bauer sein,

das ist sein sehnlichster

Wunsch. Ein Traum, den

er sich erfüllen wird, mit

Mut und Durchsetzungskraft

und ganz viel Leidenschaft.

Susanne Sperling

Bernd Günther freudestrahlend in

seinem Transporter


Zum Thema

9 Zum Thema

Eine Schule für alle

Ab dem Sommer 2012 werden in einer Schulklasse des Kardinal-von-Galen-Hauses Schüler

mit und ohne Behinderung gemeinsam unterrichtet.

Eine Schule, in der junge Menschen mit und ohne

Behinderung lernen, sich gegenseitig unterstützen

und prägen: Im Nell-Breuning-Berufskolleg im

Haus Rheinfrieden in Rhöndorf und in der Edith-

Stein-Schule des Antoniushauses in Hochheim

wird dieses Modell bereits erfolgreich umgesetzt

und gelebt. Zum Sommer 2012 plant auch das

Kardinal-von-Galen-Haus in Dinklage eine erste

Schulklasse, in der sechs Schüler mit Förderbedarf

und 12 ohne Förderbedarf gemeinsam unterrichtet

werden. Mit den nachfolgenden Jahrgängen

soll das Konzept sukzessive auf alle Klassen

ausgeweitet werden.

Die Idee stößt in Dinklage und Umgebung auf viel

positive Resonanz. „Wir haben schon jetzt 12 Anmeldungen

von Schülern nicht behinderter Kinder“,

freut sich Schulleiter Guido Venth. Und das

ist kein Wunder, denn die „eine Schule für alle“

bietet auch Schülern ohne Förderbedarf gravierende

Vorteile: Kleinere Lerngruppen und personelle

Doppelbesetzungen bieten ein Lernklima,

in dem die Lehrer in besonderem Maße auf den

individuellen Bedarf und auch auf die Persönlichkeit

der Schüler eingehen können. Offene Unterrichtsformen

fördern nicht nur die Selbstständigkeit,

sondern auch die Freude am Lernen und das

Selbstvertrauen.

„Dadurch, dass wir unsere Förderschule auch

nicht behinderten Schülern öffnen, gehen wir einen

großen Schritt in Richtung Inklusion – und zwar

Inklusion in beide Richtungen“, betont Manfred

Moormann, Geschäftsführer des Kardinal-von-

Galen-Hauses. Das Kardinal-von-Galen-Haus

setze damit einen wichtigen Aspekt der UN-Konvention

um. Diese besagt, dass Kinder und Jugendliche

mit Behinderungen gleichberechtigt mit

ihren Altersgenossen und ohne Diskriminierung

alle Menschenrechte und Grundfreiheiten genießen

können. In diesem Zusammenhang verlangt

sie auch eine „inklusive“ schulische Bildung, also

den vermehrten gemeinsamen Unterricht von behinderten

und nicht behinderten Schülern. Mit der

Öffnung der Schule für Kinder und Jugendliche

ohne Förderbedarf wird die Schule im Kardinalvon-Galen-Haus

als eine der ersten Schulen im

Land Niedersachsen die UN-Konvention umsetzen

und damit eine Vorreiterrolle übernehmen.

„Wir machen etwas Neues, etwas gesellschaftspolitisch

Richtungsweisendes“, betont Moormann.

Genauso wie Schulleiter Venth ist er sich

darüber im Klaren, dass die „eine Schule für alle“

auch einige Veränderungen mit sich bringen muss.

„Gemeinsamer Unterricht funktioniert nur mit offenen,

zukunftsweisenden Unterrichtsformen“, so

Venth. Seine Schule werde sich methodisch-didaktisch

umstellen und den neuen Anforderungen

anpassen müssen. „Die Herausforderung besteht

vor allem darin, dass die Schüler von Anfang an

sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen“,

erklärt der Schulleiter. Dies erfordere unter

anderem eine noch intensivere Ausrichtung auf

die individuellen Kompetenzen jedes einzelnen

Schülers, zugleich aber auch eine Zusammenführung

der unterschiedlichen Talente und Fähigkeiten

im Sinne eines Klassenverbands.

Nina Louis

Im Kardinal-von-Galen-Haus

lernen bald Schüler mit und ohne

Behinderung gemeinsam.


Zum Thema

Zum Thema 10

Gemeinsam auf Wachstumskurs

Integrationsfirmen bieten Menschen mit und ohne Behinderung sozialversicherungspflichtige

Arbeitsplätze – mit Erfolg.

„Das neue Bearbeitungszentrum ist ja doppelt

so schnell wie meine alte Maschine“, staunt Jens

Späinghaus. Späinghaus (35) ist seit 15 Jahren

Mitarbeiter in der Integrationsfirma Transfair Montage,

in der zurzeit 18 Mitarbeiter, darunter elf

Menschen mit Behinderungen, beschäftigt sind.

Späinghaus freut sich, genau wie Betriebsleiter

Paul Riedel, über die Neuanschaffung an seinem

Arbeitsplatz, der sich im Fachzentrum Metall des

Benediktushofes im Maria Veener Gewerbegebiet

befindet: „Nun sind wir in der Lage, hochfeste

Stähle, wie sie im Kran- und Hubarbeitsbühnenbau

benötigt werden, zu bearbeiten“, sagt Riedel

– „und zwar mit der notwendigen Präzision und

Wirtschaftlichkeit“. Das rund 150.000 Euro teure

Bearbeitungszentrum wurde jeweils zu einem

Drittel von der Transfair Montage GmbH Reken,

der Josefs-Gesellschaft Köln und dem LWL-Integrationsamt

Westfalen finanziert.

Auch Philipp Lucas Koch (23) hat Grund zur

Freude. Seit Oktober ist der junge Mann bei der

Transfair Montage angestellt. Sein Job ist es, mit

Hilfe zweier Spezialmaschinen, für einen Kunden

ein Meter lange Elektrokabel abzuisolieren. Auch

die Anschaffung dieser Maschinen hat das LWL-

Integrationsamt Westfalen finanziell gefördert, berichtet

der technische Geschäftsführer der Transfair

Montage, Jürgen Böbisch. Er teilt weiter mit,

dass im Verwaltungsbereich der Integrationsfirma

ebenfalls ein neuer Arbeitsplatz entstanden ist,

um die steigenden Warenströme zu lenken. Mit

den Investitionen sieht sich die Transfair für die

Zukunft gut gerüstet, resümiert Böbisch.

Auf Wachstumskurs befindet sich auch die

JOSEFS-Brauerei. Im Jahr 2000 wurde das Unternehmen

als Integrationsfirma gegründet. Seitdem

behauptet sich die JOSEFS-Brauerei erfolgreich

im hart umkämpften Getränkemarkt. Vier

verschiedene Biere der Marke JOSEFS und acht

Sorten alkoholfreie Getränke der Marke Josy werden

in Bigge produziert.

In Europas erster behindertengerechten Firma zur

Getränkeherstellung mit Sitz in Olsberg-Bigge arbeiten

zurzeit acht Menschen mit und drei ohne

Behinderung. Im kommenden Jahr sollen vier bis

sechs Arbeitsplätze für Menschen mit Behinderung

hinzukommen. Möglich wird das durch eine

Steigerung des Absatzes und Umsatzes im Jahr

2011. „Natürlich müssen wir die endgültigen Zah-

Alles muss stimmen – vom Etikett bis zum Verschluss: Ute Boeken ist gehörlos. In der JOSEFS-Brauerei ist sie für die Qualitätskontrolle

zuständig.


Zum Thema

11 Zum Thema

Philipp Lucas Koch, neuer Mitarbeiter der Transfair Montage, an seiner Spezialmaschine

len am Jahresende abwarten. Wir rechnen aber

mit einem Umsatzplus von mindestens zehn Prozent“,

sagt Stefan Menge, Leiter der JOSEFS-

Brauerei.

Laut Menge haben neben der engagierten Arbeit

der Beschäftigten auch die Neuausrichtung der

Marken, die Straffung der Produktpalette und die

Auslagerung des Vertriebs an eine externe Agentur

bereits 2010 das Wachstum beschleunigt

– und zwar gegen den Branchentrend. „Dieser

positive Trend hält 2011 an“, freut sich der Brauereileiter.

Um der wachsenden Nachfrage gerecht zu werden,

hat die JOSEFS-Brauerei jetzt ihre Kapazitäten

erweitert. Der Gär- und Lagerkeller wurde

um einen Gär- und drei Lagertanks mit jeweils

4.000 Litern Fassungsvermögen erweitert. „Wir

können unsere jährliche Bierproduktion damit um

bis zu 50 Prozent erhöhen“, sagt Stefan Menge.

„Außerdem kann unsere Abfüllanlage dank neuer

Technik jetzt die doppelte Menge Getränke abfüllen“.

Marit Konert und Mario Polzer

Integrationsfirmen der Josefs-Gesellschaft:

Als Schnittstelle zwischen Werkstätten und allgemeinem Arbeitsmarkt fungieren die Integrationsfirmen

der Josefs-Gesellschaft. Sie sind rechtlich und wirtschaftlich unabhängig und bieten

Menschen mit Behinderung, im Rahmen ihrer beruflichen Teilhabe, sozialversicherungspflichtige

Arbeitsplätze. Ziel ist es, den Übergang auf den allgemeinen Arbeitsmarkt zu ermöglichen:

durch Schulung, Fortbildung, Training und Qualifizierung im fachlichen und persönlichen Bereich.

Zusätzlich erhalten die Beschäftigten eine auf ihren Bedarf ausgerichtete Betreuung. Die

Spannweite der Dienstleistungen reicht von Verkauf, Callcenter, Büroarbeiten, Verwaltung und

Gastronomie bis hin zur Fahrradwerkstatt und zur Bierbrauerei.

Zu den fünf Integrationsfirmen der Josefs-Gesellschaft gehören:

• die Transfair Montage GmbH in Maria Veen

• die Dienst-Leistungs-Center DLC Neuwied GmbH

• die DGT Dienstleistungs-Gesellschaft Taunus mbH (51 % Gesellschafteranteile der JG) in Hattersheim

a. Main

• die Josefs-Brauerei gGmbH in Bigge-Olsberg

• die DG Mittelrhein GmbH in Bendorf


Menschen und Meinungen

Menschen und Meinungen 12

Mission Misrata

Dr. med. Yousef Adam, angehender Facharzt im Eduardus-Krankenhaus, setzt sich ehrenamtlich

in Libyen ein.

Täglich bis zu 100 Schwerund

Leichtverletzte behandelt

Dr. med. Yousef Adam

mit seinem Team in der

Poliklinik von Misrata in

Libyen. Je nachdem, ob

in der Nähe gerade Kämpfe

stattfinden, können es

auch bis zu 150 Patienten

pro Tag werden. Das bedeutet

dann für alle Teams

„Non-Stop“ durcharbeiten.

Dr. med. Yousef Adam ist

Stipendiat des Staates

Libyen und absolviert seine Ausbildung zum

Facharzt in Deutschland. Seit Mai 2009 ist er im

Eduardus-Krankenhaus in Köln tätig. Dort hat er

schon mehrere Abteilungen des Hauses durchlaufen

und arbeitet seit dem Frühjahr 2011 in der

Klinik für Unfall- und Wiederherstellungschirurgie.

Die politischen Krisen und Kämpfe in Libyen hat

Yousef Adam aufmerksam verfolgt. Er ist in Misrata

aufgewachsen, hat an der Universität studiert

und anschließend in der Poliklinik gearbeitet. Mit

seiner Familie, seinen Freunden und ehemaligen

Kollegen steht er in engem Kontakt und weiß

daher genau, wie sehr dort Ärzte und Helfer gebraucht

werden, um den Opfern des politischen

Umbruches zu helfen.

Im Frühjahr 2011 beschließt Yousef Adam, seinen

gesamten Jahresurlaub zu nutzen, um nach Libyen

zu reisen. Er finanziert seine drei Tage lange

Reise per Flieger und Schiff selbst. Bis Malta

reist er mit dem Flugzeug. Von dort bringt ihn

ein Schiff nach 23 Stunden in den Heimathafen

von Misrata. Im Gepäck hat er Medikamente und

Verbandszeug, die er mit Unterstützung einer libyschen

Kollegin aus eigener Tasche bezahlt hat.

„Ich fühle mich meinem Land sehr verbunden“,

erklärt Yousef Adam. „Meine Familie und Freunde

in Misrata haben mich immer unterstützt. Ich

möchte meinen Landsleuten gerne in den schweren

Zeiten des Krieges beistehen. Ich weiß, dass

in libyschen Krankenhäusern jede Hilfe dringend

gebraucht wird.“

24 Stunden Dienst und 24 Stunden Pause – so

sieht der „Urlaub“ von Yousef Adam in Misrata

aus. Zwei Ärzteteams arbeiten immer abwechselnd

– entweder im Operationssaal oder auf der

Station. Und das auch nur, solange die Kampfhandlungen

den Strom der Verletzten nicht ansteigen

lassen. Wenn das geschieht, müssen alle

vier Teams gleichzeitig ran.

„Am schlimmsten sind die Amputationen bei Kindern

oder jungen Menschen. Das verfolgt mich

bis in den Schlaf. Nie werde ich meine erste

Amputation eines Fußes bei einem jungen Mann

vergessen. Ich konnte sein Leben nicht anders

retten, jedoch fühlte ich mich dabei irgendwie

schuldig“, erinnert sich Yousef Adam. Und weiter:

„Eines Nachts gegen drei Uhr morgens, während

ich operierte, hörten wir einen lauten Knall. Wir

wussten, eine Bombe hatte in direkter Nähe des

Krankenhauses eingeschlagen und wir wussten,

sie hätte uns treffen können. Was wir nicht wussten,

war, ob und wo die nächste einschlagen würde

…!“

Eine Stunde später liegen die Opfer auf dem Tisch.

Es gibt viele Verletzte und auch zwei Menschen,

denen nicht geholfen werden kann. Die Bombe

hat in ein circa 900 Meter vom Krankenhaus entferntes

Haus eingeschlagen. Es sind Zivilisten –

Familien mit Kindern.

Nach seiner Rückkehr nach Köln ins Eduardus-

Krankenhaus hat Yousef Adam keine Zeit, die

Eindrücke seines „Urlaubseinsatzes“ zu verarbeiten

– auch hier muss er direkt wieder an den OP-

Tisch. Patienten gibt es eben überall und sie können

nicht warten. Die in seiner Heimat gemachten

Erlebnisse prägen den jungen Arzt, sie lassen ihn

nachdenklich und auch dankbar für das eigene

Leben werden. Yousef Adam wird nach bestandener

Facharztprüfung in Deutschland wieder in

seine Heimat zurückkehren, um dort als Arzt den

Menschen zu helfen.

Prof. Dr. med. Axel Jubel, Chefarzt der Klinik für

Unfall- und Wiederherstellungschirurgie, spricht

aus, was die Kollegen denken: „Wir freuen uns

sehr, einen so teamorientierten, hilfsbereiten und

überaus engagierten jungen Mann in unserer Abteilung

auszubilden.“ Das Eduardus-Krankenhaus

hat beschlossen, verstärkt libysche Patienten

aufzunehmen, um einen kleinen Beitrag zu mehr

Anteilnahme an den Geschehnissen in der Welt

zu leisten. Dazu wurde bereits Kontakt zu einer

Organisation aufgenommen, die in Zusammenarbeit

mit der Übergangsregierung von Abdel Rahim

el Kib Patienten medizinische Behandlungen in

Deutschland ermöglicht. Die ersten beiden Patienten

sind bereits da und werden im Eduardus-

Krankenhaus versorgt.

Susanne Walter


Aus den Einrichtungen

13 Aus den Einrichtungen

„Mit Leidenschaft klappt’s am besten!“

Zum WDR5-Vorlesetag war der Schauspieler Dominik Freiberger im Nell-Breuning-Berufskolleg

zu Gast.

Das war ein echtes Highlight! Das Nell-Breuning-Berufskolleg

(NBBK) in Haus Rheinfrieden

hatte am bundesweiten Vorlesetag, initiiert von

der Stiftung Lesen, den WDR5-Sprecher und

Schauspieler Dominik Freiberger zu Gast. Er trug

der Schulgemeinschaft des NBBK die Anfangskapitel

des tragikomischen Romans „Supergute

Tage oder die sonderbare Welt des Christopher

Boone“ von Mark Haddon vor, eine spannende

Lektüre aus der Perspektive eines autistischen

Jungen, dessen gestörte Wahrnehmung, dessen

eingegrenztes soziales Umfeld, aber auch dessen

liebevoller und beharrlicher Charakter dem

Leser deutlich wird. Dominik Freiberger gelang

es, sein Publikum mit akzentuierter Stimme und

moduliertem Sprechen in den Bann zu ziehen.

Mucksmäuschenstill wurde es in der neuen Aula,

als er die Rhöndorfer Schülerinnen und Schüler

in die Welt des sonderbaren Christopher Boone

führte. Anschließend stand Freiberger Rede und

Antwort. Wie er so gut sprechen lernen konnte?

Warum er Schauspieler wurde? Ob ihn seine

Rollen berühren? Ob Christophers Schicksal ihn

bewege? Welches sein wichtigstes Buch sei? Ob

er glaube, dass die Behinderung im Roman authentisch

dargestellt sei, so die Frage von Marco

Arndt, Schüler der Höheren Handelsschule und

selbst Asperger-Autist. Auf alle guten Fragen der

aufmerksamen und konzentrierten NBBK-Schüler

fand Freiberger überzeugende Antworten. Sein

Haupttipp: „Was auch immer Sie tun, mit Leidenschaft

funktioniert´s am besten!“

Helmut Klöckner

Benediktushof als „Ökoprofit“-Betrieb ausgezeichnet

Umweltschutz im Alltag – Mitarbeiter und Bewohner sparen jährlich 18 000 Euro.

Geld sparen und dabei die Umwelt entlasten: Das

schaffen die Mitarbeiter, Rehabilitanden und Bewohner

im Benediktushof Maria Veen, indem sie

Energie und Wasser sparen sowie Müll vermeiden.

Für diese Bemühungen ist der Benediktushof

jetzt als „Ökoprofit“-Betrieb im Kreis Borken

ausgezeichnet worden. 14 Unternehmen waren

an dem Projekt beteiligt, welches das Land NRW

ein Jahr lang mit Hilfe weiterer Geldgeber gefördert

hat.

In dieser Zeit hat der Benediktushof bereits mehrere

Maßnahmen umgesetzt, um die Umwelt nachhaltig

zu schützen und dadurch Geld zu sparen.

Beispielsweise wurde der Serverraum verkleinert,

was zu einer Stromkosten-Einsparung von rund

1.600 Euro pro Jahr führen wird. Bei der Sanierung

der WC-Anlagen in den Bereichen Ausbildung und

Verwaltung führt die neue Sensortechnik ebenfalls

zu bemerkenswerten Einsparungsmöglichkeiten.

Und durch den Austausch alter Holzfenster gegen

moderne Wärmeschutz-Fenster kann der

Benediktushof rund 13.500 Liter Heizöl pro Jahr

einsparen. Insgesamt sind jährliche Einsparungen

von mindestens 18.000 Euro zu erwarten. Das hat

das achtköpfige Projekt-Team von „Ökoprofit“ um

Projektleiter Georg Schotte errechnet.

Das Thema Umweltschutz wird den Benediktushof

weiterhin beschäftigen, bekräftigt auch

Geschäftsführer Thomas Spaan. „Energiekosten

sind neben den Personalkosten der größte Kostenfaktor

in unserem Unternehmen“, so Spaan.

Durch gezielte Maßnahmen könnten hier „nicht

unerhebliche Einsparpotenziale realisiert werden“.

Mögliche Maßnahmen: Bei der Anschaffung neuer

Geräte und bei Bauvorhaben werden Umweltbelange

besonders berücksichtigt. Mithilfe einer

Ausstellung will das „Ökoprofit“-Team beispielsweise

über den Papierverbrauch im Büro informieren

– natürlich mit der erhofften Konsequenz,

möglichst sparsam mit den Ressourcen umzugehen.

„Bei allem was wir tun ist es ganz wichtig,

die Menschen zu mobilisieren, ihr Verhalten zu

ändern. Richtiges Lüften, sorgsamer Umgang mit

Wasser, Wärme und Strom sind nur einige Beispiele,

die Mitarbeiter und Bewohner selber umsetzen

können“, sagt Projektleiter Georg Schotte.

Maßnahmen zum Umweltschutz sind auch Bestandteil

des Qualitäts-Management-Systems im

Benediktushof Maria Veen.

Marit Konert


Aus den Einrichtungen

Aus den Einrichtungen 14

Gummibärchenfischen fürs Fingerspitzengefühl

Der dritte Deutzer Patiententag im Eduardus-Krankenhaus war ein voller Erfolg.

Persönliche Beratung, individuelle Gespräche,

Vorträge, praktische Führungen und Vorführungen

– zum dritten Mal fand im Eduardus-Krankenhaus

der Deutzer Patiententag statt. Mit dem

Patiententag fördert das Eduardus-Krankenhaus

die Kommunikation und die Kooperation mit allen

Zielgruppen des Hauses. Aussteller aus den

Fachabteilungen des Krankenhauses sowie einige

Selbsthilfegruppen, Arztpraxen, Unternehmen

und Vereine aus dem Bereich Gesundheit aktivierten

etwa 1.500 Besucher aus Köln und Umgebung

für die „Gesundheit in Aktion“.

Vom Gummibärchenfischen über die „Teddy- und

Kuscheltierambulanz“, die Suchtprävention und

die Messung der Durchblutung in den Beinen bis

hin zu „Gefäßoperationen am Schweinefuß“ – die

Besucher konnten alles live miterleben und mitmachen.

„Mir war nicht klar, wie viel Geschick und Fingerspitzengefühl

ein Arzt benötigt, um minimal-invasiv

zu operieren. Das ist ja eine hohe Handwerkskunst“,

meinte ein Besucher erstaunt, als ihm

zum vierten Mal das Gummibärchen entwischte.

„Ja es war toll, dass wir in einem richtigen Operationssaal

die Atmosphäre erleben konnten, die

für die Ärzte alltäglich und normal ist“, ergänzte

eine Dame, die als Patientin schon ein paar Mal

im Krankenhaus war.

Sehr zufrieden waren die Besucher auch mit den

Aktionen und Informationen, die die ausstellenden

Krankenkassen anboten. Das Höhenleistungstraining

der DAK und der kreative Willkommens-Drink

der Barmer GEK waren ein Publikumsmagnet.

Auch die Bewegungstherapeuten – Alexandertechnik,

Pilates und Genki Tai Chi und Qigong –

waren sehr frequentiert. Die Besucher erhielten

tolle Informationen und Einführungen dazu, wie

sie selbst für ihre Beweglichkeit von Körper und

Geist sorgen können.

Der medizinische Geschäftsführer Dr. med. Georg

Derksen sprach in seiner Begrüßungsrede

eindringlich von dem Weg der Offenheit und

Kommunikation, den das Eduardus-Krankenhaus

auch in Zukunft gehen wolle. Der Deutzer Patiententag

sei ein weiterer Schritt auf diesem Wege.

Susanne Walter

Gummibärchenfischen mit dem Arthroskop in der Klinik für Sportorthopädie und Arthroskopie


Bilderbogen

15 Bilderbogen

Beatmen und Intubieren an einer Puppe in der

Anästhesie

Gefäßoperation am Schweinefuß mit Dr. Alfons

Erdmann

Hüft- und Knieendoprothesen zum Ausprobieren

in der Klinik für Allgemeine Orthopädie,

Endoprothetik und Wirbelsäulenerkrankungen


Jesus ist geboren. Nicht in Jerusalem, dem

Zentrum wirtschaftlicher, politischer und

religiöser Macht, sondern im „Provinznest“

Bethlehem. Nicht in einem Palast, sondern in

einem Stall. Nicht in der Wiege eines Königskindes,

sondern in einer Futterkrippe.

Gott platziert sich am Rand. Seine Welt ist

die armer, ausgebeuteter und verachteter

Leute. Sein Licht überhöht nicht den Glanz

der Mächtigen, sondern fällt in die Finsternis

der Armut. Die an den Rand gedrängten,

die Übersehenen gehören ins Zentrum. Sie

verdienen Ansehen.

Und dieses Ansehen ist umsonst, „gratis“.

Dieses Ansehen muss nicht durch Leistung

und Verdienste erworben werden. Jeder

Mensch verdient Ansehen und Hinsehen,

besonders diejenigen, die in Not sind.

Paul Freialdenhoven,

geistlicher Berater der Josefs-Gesellschaft

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