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Cicero Der letzte Sommer des Rock'n'Roll (Vorschau)

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Nº06<br />

JUNI<br />

2014<br />

€ 8.50<br />

CHF 13<br />

Minister trifft Maestro<br />

Wolfgang Schäuble und<br />

Daniel Barenboim über<br />

die Kunst <strong>des</strong> Führens<br />

Mit Beiträgen von<br />

Tomáš Sedláček,<br />

Ottfried Fischer,<br />

Herfried Münkler<br />

und Tori Amos<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong><br />

<strong>des</strong> Rock´n´Roll<br />

Wie es mit dem Sound einer Generation weitergeht,<br />

wenn seine Väter weg sind<br />

Österreich: 8.50 €, Benelux: 9.50 €, Italien: 9.50 €<br />

Spanien: 9.50 € , Finnland: 12.80 €<br />

06<br />

4 196392 008505


ERSTER EINER NEU<br />

DER BMW i8.<br />

BMW i. BORN ELECTRIC.<br />

bmw-i.de/i8<br />

BMW i8 mit Plug-in-Hybridantrieb BMW eDrive: Energieverbrauch (kombiniert):<br />

11,9 kWh/100 km; Kraftstoffverbrauch (kombiniert): 2,1 l/100 km; CO 2 -Emission<br />

(kombiniert): 49 g/km. Die Verbrauchswerte wurden auf Basis <strong>des</strong> ECE-Testzyklus<br />

ermittelt. Abbildung zeigt Sonderausstattungen. Neue BMW i Fahrzeuge sind bei<br />

jedem autorisierten BMW i Agenten erhältlich.


EN ZEIT.<br />

BMW i<br />

Freude am Fahren


ATTICUS<br />

N°-6<br />

… IS HERE TO STAY?<br />

Titelbild: Miriam Migliazzi & Mart Klein; Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

Bircher Müesli. Tony Iommi hatte am<br />

Frühstücksbuffet Bircher Müesli<br />

genommen. Bleich, mit Kinnbärtchen und<br />

viel zu schwarzem Haar stand der Vater<br />

der schleppenden Gitarre da und lud sich<br />

Makrobiotisches auf den Teller. Irgendwie<br />

hätte ich eher Blutwurst erwartet. Oder<br />

einen doppelten Whisky.<br />

Ich hatte mir das Grand Hotel gegönnt<br />

für diese Tage <strong>des</strong> Montreux-Jazz-Festivals.<br />

Historischer Boden: In einem T-förmigen<br />

Hotelflur haben Deep Purple seinerzeit<br />

not gedrungen das Album „Machine Head“<br />

eingespielt, <strong>des</strong>sen großes Riff bis heute<br />

zu Ian Gillans Gesang nachhallt: „We all<br />

came down to Montreux, on the Lake<br />

Geneva Shoreline …“<br />

Ein paar Jahre ist das her. Ronnie<br />

James Dio, der damals zu Iommis Gitarre<br />

gesungen hatte, lebt nicht mehr. Er fehlt<br />

wie J. J. Cale, Lou Reed, Jon Lord, der die<br />

schwere Hammond-Orgel spielte im<br />

Flur-T <strong>des</strong> Hotels. Tony Iommi hat seinen<br />

Krebs noch einmal zurückgedrängt und<br />

tritt weiter auf. Aber Malcolm Young von<br />

AC / DC kann nicht mehr Gitarre spielen.<br />

Diesen <strong>Sommer</strong> kommen sie wieder.<br />

Dylan, die Stones, Black Sabbath,<br />

Patti Smith. Und alle gehen noch mal hin.<br />

50 Jahre geht das schon so. Rock ’n’ Roll als<br />

Illusion der Unsterblichkeit, der eigenen<br />

ewigen Jugend. Und als Nachweis, dass es<br />

diese ewige Jugend auch gibt, wenn man<br />

seinen Körper mit Drogen schindet. Dass<br />

diese ganze öde Askese Quatsch ist.<br />

Dass es auch ohne Bircher Müesli geht.<br />

Aber sie bleiben eben doch nicht ewig.<br />

Sie sind keine griechischen Götter, die<br />

über die Musik Kontakt mit uns Sterblichen<br />

haben. Sie gehen auch.<br />

Stirbt der Rock mit seinen Gründern?<br />

Oder steht er vor einer Zeitenwende wie<br />

die Klassik, als Mozart und Beethoven weg<br />

waren? Wer soll einen Lemmy Kilmister<br />

ersetzen, eine Patti Smith?<br />

Thomas Winkler ist den lebenden<br />

Legenden und dieser Frage hinterhergefahren<br />

( ab Seite 16) . Arne Willander,<br />

Vize-Chef <strong>des</strong> deutschen Rolling Stone,<br />

sagt uns, welche Gigs der Altmeister<br />

wir in den kommenden Wochen auf keinen<br />

Fall verpassen dürfen ( Seite 28 ).<br />

<strong>Der</strong> Konzertveranstalter Marek Lieberberg<br />

redet über die revolutionäre Kraft dieser<br />

Musik, die eine ganze Generation und unsere<br />

westliche Kultur geprägt hat ( ab Seite 26 ).<br />

„Is this the end of the beginning, or<br />

the beginning of the end?“, fragt Ozzy<br />

Osbourne zu Beginn <strong>des</strong> Albums „13“,<br />

mit dem sich Black Sabbath aus der Gruft<br />

zurückgemeldet haben.<br />

Ende vom Anfang oder Anfang vom<br />

Ende? Das, lieber Ozzy Osbourne, ist<br />

genau die Frage.<br />

Mit besten Grüßen<br />

CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

Chefredakteur<br />

5<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Deutsches Historisches Museum ∙ Unter den Linden 2 ∙ 10117 Berlin<br />

www.dhm.de ∙ Täglich 10–18 Uhr<br />

29.05.–30.11.2014


INHALT<br />

Foto: Simone Cecchetti/Corbis<br />

26<br />

„BEI DEN STARS TICKT DIE UHR“<br />

Konzertagent Marek Lieberberg im Interview<br />

über Schlagzeuger auf dem Kronleuchter, neue<br />

Talente und die Sehnsüchte <strong>des</strong> Publikums<br />

Von THOMAS WINKLER<br />

TITELTHEMA<br />

16<br />

SPIELT ES NOCH EINMAL!<br />

Irgendwann kommt die <strong>letzte</strong> Zugabe.<br />

Stirbt der Rock mit seinen Gründern?<br />

Eine Reportagereise zu Deep Purple in den Alpen,<br />

Patti Smith in der Kirche und Jimmy Page<br />

im Meistersaal – und ein grundsätzlicher Mailwechsel<br />

mit Lemmy Kilmister<br />

Von THOMAS WINKLER<br />

28<br />

BLOSS NICHT VERPASSEN<br />

Hochgeschwindigkeit, Höllenlärm und Hotel<br />

California: Eine kommentierte <strong>Vorschau</strong><br />

auf den Konzertsommer der Legenden<br />

Von ARNE WILLANDER<br />

7<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK WELTBÜHNE KAPITAL<br />

30 DIE MUTTER DER MÜTTERRENTE<br />

Dass ältere Mütter mehr Geld erhalten,<br />

liegt an der hartnäckigen<br />

CDU‐Politikerin Maria Böhmer<br />

Von HARMUT PALMER<br />

52 DER LEISETRETER<br />

Jens Stoltenberg, neuer<br />

Nato‐Generalsekretär, hat schon mal<br />

heikle Probleme mit Russland gelöst<br />

Von GUNNAR HERRMANN<br />

80 ALLEIN GEGEN DAS KAPITAL<br />

Frauke Menke ist das Hassobjekt<br />

deutscher Banker, weil die Aufseherin<br />

ihren Aufstieg verhindern kann<br />

Von MEIKE SCHREIBER und<br />

HEINZ-ROGER DOHMS<br />

32 BREAKING GOOD<br />

<strong>Der</strong> Arzt Roland Härtel-Petri<br />

ist Vorreiter im Kampf gegen<br />

die Droge Crystal Meth<br />

Von MERLE SCHMALENBACH<br />

34 IHRE WELT DANACH<br />

Niederlagen, Verletzungen –<br />

und dann? Begegnung mit der<br />

Grünen Renate Künast<br />

Von KATJA KRAUS<br />

37 FRAU FRIED FRAGT SICH …<br />

… was das Stöhnen über<br />

ständige Erreichbarkeit soll<br />

Von AMELIE FRIED<br />

38 „MUT UND DEMUT<br />

RICHTIG MISCHEN“<br />

Daniel Barenboim und Wolfgang<br />

Schäuble über die Kunst <strong>des</strong> Führens<br />

Von FRANK A. MEYER und<br />

CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

46 MISSTRAUT EUCH!<br />

Vertrauen ist für den Umgang mit<br />

Geheimdiensten keine Kategorie<br />

Von FRANK A. MEYER<br />

48 DER PREKÄRE FRIEDEN<br />

Die Ukrainekrise zeigt<br />

Deutschland: Es war falsch, die<br />

Wehrpflicht abzuschaffen<br />

Von KARL FELDMEYER<br />

38<br />

Wolfgang Schäuble sagt, was<br />

der ärgste Fehler eines Chefs ist<br />

54 PUTINS ALBTRAUM<br />

Journalistin, Cafébesitzerin,<br />

Aktivistin: Natalia Morar<br />

spielt in der Republik Moldau<br />

eine Schlüsselrolle<br />

Von OLIVER BILGER<br />

56 AUFRECHTEN GANGES<br />

<strong>Der</strong> Schweizer Didier Burkhalter<br />

ist ein neuer Star auf der<br />

Weltbühne. Als OSZE-Chef ist<br />

er inmitten der Ukrainekrise<br />

Von PETER HOSSLI<br />

58 MÄCHTIG REICH<br />

Zehn russische und ukrainische<br />

Oligarchen, die man kennen sollte<br />

Von MORITZ GATHMANN und MAXIM KIREEV<br />

66 „AMERIKA HAT EINE<br />

CHRONISCHE GRIPPE“<br />

George Packer analysiert das<br />

Versagen der Obama-Regierung<br />

Von ALEXANDER SCHIMMELBUSCH<br />

70 RIO VOR DEM ANPFIFF<br />

Was erwarten die Menschen<br />

in Brasilien von der<br />

Fußball-WM? Ein Fotoessay<br />

Von ISABELA PACINI<br />

70<br />

Leonardo Sant’Anna spielt sich<br />

für die WM warm<br />

82 BAUERN,<br />

DIE MINEN MACHEN<br />

Die Kulis von Familie Schneider<br />

sind so gut, dass selbst die<br />

Konkurrenz bei ihnen einkauft<br />

Von CHRISTIAN LITZ<br />

84 UNSER MANN IN BAGDAD<br />

Als Brückenbauer zwischen den<br />

Kulturen bringt Klaus Hachmeier<br />

deutsche Firmen in den Irak<br />

Von ERIC CHAUVISTRÉ<br />

86 „DIE GRIECHEN<br />

SIND DIE ÖKONOMISCHE<br />

AVANTGARDE“<br />

<strong>Der</strong> tschechische Starökonom Tomáš<br />

Sedláček fordert eine Abkehr von der<br />

Ideologie <strong>des</strong> ewigen Wachstums<br />

Von TOMÁŠ SACHER<br />

90 SCHULLANDHEIM<br />

DER MÄCHTIGEN<br />

Zum 60. Geburtstag ein Blick hinter<br />

die Kulissen der Bilderberg-Konferenz<br />

Von CONSTANTIN MAGNIS<br />

86<br />

Tomáš Sedláček erklärt, was er<br />

gegen rechteckige Tische hat<br />

Fotos: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong>, Isabela Pacini, Dominik Butzmann/Laif<br />

8<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


STIL<br />

SALON<br />

CICERO<br />

STANDARDS<br />

96 DER SIEG DER MILF<br />

Ein Begriff aus der Pornografie<br />

macht Karriere<br />

Von LENA BERGMANN<br />

98 DEIN DADA,<br />

MEIN JURA<br />

Ob Designerspielzeug<br />

oder Hitlergruß: <strong>Der</strong> Anwalt<br />

Pascal Decker hantiert mit<br />

Kunst und Gesetzen<br />

Von SARAH-MARIA DECKERT<br />

100 FERNSEHEN 2014<br />

Heimchen, Piraten,<br />

Traditionalisten oder Beamer:<br />

Zu welcher Fernsehspezies<br />

zählen Sie? Eine TV‐Typologie<br />

pünktlich zur Fußball-WM<br />

Von LENA BERGMANN<br />

106 WARUM ICH TRAGE,<br />

WAS ICH TRAGE<br />

Verletzlichkeit zeigen,<br />

aber keine Scheu.<br />

Wie funktioniert das?<br />

Von TORI AMOS<br />

100<br />

<strong>Der</strong> Pirat ist einer von vier<br />

Fernsehtypen<br />

108 DER MIT DEN BÄUMEN WÄCHST<br />

<strong>Der</strong> Regisseur Richard Linklater hat elf<br />

Jahre an dem Film „Boyhood“ gedreht<br />

Von DIETER OSSWALD<br />

110 SMART IM MAGISCHEN DREIECK<br />

<strong>Der</strong> Präsident <strong>des</strong> Deutschen<br />

Historischen Museums, Alexander<br />

Koch, wird kritisiert. Wofür eigentlich?<br />

Von ALEXANDER KISSLER<br />

114 „PUTIN MUSS SICH VERKLEIDEN“<br />

<strong>Der</strong> Politologe Herfried Münkler<br />

erwartet keinen Dritten Weltkrieg<br />

Von ALEXANDER KISSLER und<br />

ALEXANDER MARGUIER<br />

118 DE SADE LÄSST GRÜSSEN<br />

Google will die Welt verbessern und<br />

einen neuen Menschen erschaffen<br />

Von OLIVER PRIEN<br />

122 MAN SIEHT NUR,<br />

WAS MAN SUCHT<br />

<strong>Der</strong> deutsche Beitrag zur<br />

Architekturbiennale ist ein<br />

„Bungalow Germania“<br />

Von BEAT WYSS<br />

124 LITERATUREN<br />

Bücher von Chimamanda Ngozi<br />

Adichie, Alan Bennett, Kay<br />

Schiller und Alissa Ganijewa<br />

130 BIBLIOTHEKSPORTRÄT<br />

<strong>Der</strong> Schauspieler Ottfried Fischer<br />

findet in Büchern Geist und Haltung<br />

Von WOLF REISER<br />

134 HOPES WELT<br />

Klassische Musik ist für alle da<br />

Von DANIEL HOPE<br />

136 DIE LETZTEN 24 STUNDEN<br />

Ein Leichentuch von Dior<br />

Von BARBARA VINKEN<br />

05 ATTICUS<br />

Von CHRISTOPH SCHWENNICKE<br />

10 STADTGESPRÄCH<br />

12 FORUM<br />

14 IMPRESSUM<br />

138 POSTSCRIPTUM<br />

Von ALEXANDER MARGUIER<br />

Die Titelstars<br />

Auf der Titelseite sollte<br />

eine Allstarband auftreten:<br />

<strong>Cicero</strong> zeigt die ultimative<br />

Zusammenstellung<br />

lebender Gründer <strong>des</strong><br />

Rock ‘n‘ Roll, das war die<br />

Idee. Dass wir die Illustratoren<br />

Miriam Migliazzi<br />

und Mart Klein gewinnen<br />

wollten, war schnell klar.<br />

Das Casting der Musiker<br />

erschien uns zunächst<br />

auch als Genussarbeit.<br />

Ian Paice oder Neil Peart<br />

als Drummer? Angus<br />

Young oder Tony Iommi an<br />

der Gitarre? Aber Moment,<br />

was ist mit Keith Richards?<br />

Neil Young, Eric Clapton –<br />

es gibt ganz schön<br />

viele Gründerväter an der<br />

Gitarre. Und: Über Sänger,<br />

Bassist und vielleicht<br />

noch einen Keyboarder<br />

hatten wir noch gar nicht<br />

gesprochen! Es wurde sehr<br />

voll. Zu voll für eine Titelseite.<br />

Noch vor dem ersten<br />

Auftritt brach die <strong>Cicero</strong>-<br />

Allstarband auseinander.<br />

<strong>Der</strong> schmerzliche Ausweg:<br />

Nur drei und nur Sänger.<br />

Nun rocken: Mick Jagger,<br />

Ozzy Osbourne und Patti<br />

Smith (mit Rhyth musgitarre<br />

). Lemmy, Tony,<br />

Angus: Nächstes Mal seid<br />

ihr dran!<br />

Illustration: Susanne Stefanizen<br />

9<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


CICERO<br />

Stadtgespräch<br />

Schäuble droht mit Geige, Gabriel sagt, warum er gern nach Polen reist, im<br />

Wald stehen Telefonzellen zum Verkauf. Und Schildbürger trifft man überall<br />

Schäubles Wunderwaffe:<br />

Teufelsgeiger<br />

Dabeisein ist alles:<br />

Mit Spargel zur Spitze<br />

Warum Gabriel so gern nach Polen reist:<br />

Einmal Kanzler sein<br />

In manchen Biografien von Wolfgang<br />

Schäuble steht, er spiele Geige. Das<br />

amüsiert den deutschen Finanzminister<br />

mehr als es ihn ärgert. Die Wahrheit<br />

sei, erzählte er nach dem <strong>Cicero</strong>-Foyergespräch<br />

mit dem Dirigenten und Pianisten<br />

Daniel Barenboim im Foyer <strong>des</strong><br />

Berliner Ensembles (ab Seite 38), dass<br />

er als Kind einmal einige Zeit damit<br />

traktiert wurde, Geige lernen zu sollen.<br />

Die Musikpädagogik war damals<br />

noch etwas weniger einfühlsam als<br />

heute. Ein Kind hatte eben ein Instrument<br />

zu lernen. <strong>Der</strong> kleine Wolfgang<br />

gab sich große Mühe. Er kratzte fleißig<br />

auf seiner Geige und fand dabei<br />

schnell heraus, dass sich seine unzureichende<br />

Fertigkeit als Virtuose sehr<br />

gut als Druckmittel eignete. Wenn ihn<br />

also irgendjemand in der Familie mit irgendwas<br />

allzu sehr ärgerte, machte er<br />

das ungeliebte Instrument zur Waffe.<br />

„Wenn ihr nicht aufhört, dann hol ich<br />

die Geige!“ Das war die schlimmste<br />

Drohung im Hause Schäuble. swn<br />

Je<strong>des</strong> Jahr im Juni gibt es in Berlin<br />

ein großes Gedränge. Wer links der<br />

Mitte etwas werden will, muss an Bord<br />

sein, wenn das Schiff <strong>des</strong> rechten Seeheimer<br />

Kreises zum SPD-Spargelessen<br />

ausläuft. 2010 war Joachim Gauck dabei<br />

– und wurde drei Jahre später Bun<strong>des</strong>präsident.<br />

2011 war Peer Steinbrück<br />

nicht an Bord und wurde – naja. „Esst<br />

kräftig Spargel, denn ab 2013 werden<br />

wir wieder richtig arbeiten – in der Regierung“,<br />

sagte Frank-Walter Steinmeier<br />

zur 50-Jahr-Feier der Spargelspitzen.<br />

Alles nur Zufall? Dass Spargel<br />

und Macht untrennbar miteinander verbunden<br />

sind, weiß auch die FDP. 2003<br />

wurde Guido Westerwelle Huckelrieder<br />

Spargelkönig. Laudator Wolfgang Clement<br />

rief zu einem „Bündnis für Spargel“<br />

auf. Aber dann? Seit 2009 gibt es<br />

keinen Spargelkönig mehr. Mit ihm<br />

ging das Amt. Und das Mandat. Ohne<br />

Spargel keine Macht. Mit Spargel geht’s<br />

zur Spitze. ts<br />

Sehr gerne fahre er nach Polen,<br />

scherzt Vizekanzler Sigmar Gabriel,<br />

„weil man dort die Angewohnheit<br />

hat, einen immer eine Stufe höher<br />

anzusprechen“. Das war auch bei seinem<br />

Antrittsbesuch in Warschau der<br />

Fall, wo er bei einer Veranstaltung von<br />

einem Dolmetscher als „Kanzler“ begrüßt<br />

wurde.<br />

Doch aufgepasst: Schon Edmund<br />

Stoiber musste 2005 lernen, welche Bedeutung<br />

Angela Merkel ihren Ressortchefs<br />

zumisst. <strong>Der</strong> CSU-Politiker – damals<br />

Parteichef und Ministerpräsident<br />

in Bayern und als einflussreicher Wirtschaftsminister<br />

in Berlin vorgesehen –<br />

fragte Merkel, wer <strong>letzte</strong>ndlich entscheide,<br />

wenn er mal anderer Meinung<br />

sei als sie, die Kanzlerin. „Da hilft ein<br />

Blick in die Verfassung“, antwortete<br />

Merkel trocken. Dort las Stoiber in Artikel<br />

65: „<strong>Der</strong> Bun<strong>des</strong>kanzler bestimmt<br />

die Richtlinien der Politik und trägt dafür<br />

die Verantwortung.“ Er blieb dann<br />

doch lieber in Bayern. tz<br />

Illustrationen: Jan Rieckhoff<br />

10<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Nostalgische Telekom:<br />

Zell(ver)teilung<br />

Es muss Ende der Neunziger gewesen<br />

sein, als man zuletzt mit Pfennigmünzen<br />

einen Telefonzellenschlitz<br />

befütterte, um sich ein Taxi zu rufen.<br />

Lange her. Heute versprüht das gute<br />

alte Telefonhäuschen seinen Retrocharme<br />

höchstens noch an gentrifizierungsfernen<br />

Straßenecken, während<br />

kleine Kinder im Vorbeigehen an Mamas<br />

Hemdsärmel zuppeln und fragend<br />

und staunend mit dem Finger auf den<br />

300-Kilo-Koloss zeigen.<br />

Wen jetzt die Nostalgie packt, der<br />

kann sich die Hände reiben. Denn die<br />

Deutsche Telekom bietet 3000 Stück<br />

zum privaten Kauf an, das gelbe Original<br />

„TelH78“ für 450 Euro, das neuere<br />

graue Modell mit magentafarbenem<br />

Dach für 350.<br />

In einem kleinen Waldstück bei<br />

Potsdam stehen die defekten oder ausrangierten<br />

Modelle aufgereiht und warten<br />

auf ein neues Zuhause.<br />

Die Telefonzelle, das unbedingte<br />

Must-have für diesen <strong>Sommer</strong>. Und so<br />

multifunktional! Wie wäre es mit der<br />

Telefonzelle als Dusche für den Garten?<br />

Noch besser: als Sauna. Auch als<br />

Gewächshaus wäre sie denkbar, als<br />

Minibar oder portables Kleinraumbüro.<br />

Als schützender Unterstand hat<br />

sie sich schon früher bewährt, vor Regen<br />

etwa oder aggressiven Vögeln<br />

(Hitchcock).<br />

Gar nicht so weit hergeholt scheint<br />

die Idee, sie auch indoor zu verwenden,<br />

als ruhigen Rückzugsort in hektischen<br />

Großraumbüros beispielsweise, um<br />

endlich ungestört telefonieren zu können<br />

– mit dem Handy. smd<br />

Schildau besiegt Schilda:<br />

Lohn der Dummheit<br />

Zwei Städte stritten jahrelang um<br />

den Ruhm, einst die Heimat der<br />

Schildbürger gewesen zu sein: Schilda<br />

(in Brandenburg) und Schildau (in<br />

Sachsen). Schildau hat gewonnen. Vera<br />

Korn, dort für den Fremdenverkehr zuständig,<br />

hat es vom Patentamt in München<br />

schriftlich: Nur Schildau darf sich<br />

„Stadt der Schildbürger“ nennen. Zumal<br />

sie früher auch Schilda hieß. „Aber<br />

Schilda hieß immer schon Schilda“, sagt<br />

Joachim Häußler, der als Bürgermeister<br />

von Schilda einst um den Titel kämpfte.<br />

Er sieht sich um den Lohn der Dummheit<br />

geprellt. Schildbürgerstreiche fördern<br />

nämlich den Fremdenverkehr.<br />

Auf einem Wanderweg in Schildau<br />

sind zwölf der bekanntesten Episoden<br />

dokumentiert: Die vom fensterlosen<br />

Rathaus, die vom Flusskrebs, den sie<br />

im Wasser ertränken, oder von der Kuh<br />

<strong>des</strong> Bürgermeisters, die sie an einem<br />

Strick zum Grasen auf die Stadtmauer<br />

ziehen wollten – und dabei erdrosselten.<br />

Zum Schluss erzählt Vera Korn gern<br />

die Geschichte von der Katze, vor der<br />

die Schildbürger so viel Angst hatten,<br />

dass sie ein Haus nach dem anderen anzündeten,<br />

um sie auszuräuchern – bis<br />

am Ende Schilda in Schutt und Asche<br />

lag, und sie auswandern mussten.<br />

Und wo sind sie geblieben? „Die<br />

meisten“, so belehrte Frau Korn kürzlich<br />

eine Besuchergruppe aus der nahen<br />

Hauptstadt, „gingen nach Berlin.“ Dort<br />

gibt es zwar kein fensterloses Rathaus.<br />

Aber einen Flughafen, auf dem man<br />

weder starten noch landen kann. <strong>Der</strong><br />

Geist von Schilda weht überall. hp<br />

Regierung online:<br />

Nachteulen im Kabinett<br />

Wer wissen will, warum unsere<br />

15 Ministerinnen und Minister<br />

in die Politik gegangen sind und<br />

was sie auch privat gern tun, muss auf<br />

www. youtube.de/Bun<strong>des</strong>regierung klicken.<br />

Hier erfährt man einiges, was<br />

sonst nicht in den Zeitungen steht.<br />

Natürlich gibt es das nicht umsonst.<br />

Jede dreiminütige Video-Botschaft<br />

kostet laut Bun<strong>des</strong>presseamt rund<br />

1600 Euro. Schon nölen Experten, hier<br />

seien Steuergelder für persönliche PR<br />

eingesetzt worden. Geklickt wird trotzdem.<br />

Am häufigsten bei Frank-Walter<br />

Steinmeier.<br />

Wo hat der Bun<strong>des</strong>außenminister<br />

nur so gut kochen gelernt? „In der Studenten-WG.“<br />

Dort fand er auch heraus,<br />

„dass es gemeinsam besser geht als<br />

alleine“. Und ein Feierabend ist dann<br />

perfekt, „wenn er vor 22 Uhr beginnt,<br />

dann noch ein interessanter Film in der<br />

Glotze läuft und es dazu ein Glas Rotwein<br />

gibt“.<br />

Die zentrale Botschaft der SPD-<br />

Familienministerin Manuela Schwesig<br />

lautet: „Ich will die Welt ein Stück<br />

besser machen.“ Außerdem verrät sie,<br />

dass sie gern die „Nachteule“ gibt, die<br />

abends lieber bis spät auf dem Sofa kuschelt,<br />

als im Morgengrauen als „früher<br />

Vogel“ aus dem Nest zu kriechen.<br />

Zur Kategorie „Nachteule“ bekennt<br />

sich auch Bun<strong>des</strong>finanzminister<br />

Wolfgang Schäuble. Und er verrät,<br />

wer sein wichtigster Berater ist: „Meine<br />

Frau.“ Und warum ist Sigmar Gabriel<br />

Politiker geworden? „Das frage ich<br />

mich auch“, sagt der Vizekanzler und<br />

lacht schallend – über sich selbst. tz<br />

11<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


CICERO<br />

Leserbriefe<br />

FORUM<br />

Es geht um zehn Jahre <strong>Cicero</strong>, die Burka,<br />

Europa und erneut um Luthers Antisemitismus<br />

Zum Jubiläumsheft „Zehn Jahre <strong>Cicero</strong>“, Mai 2014<br />

„Da stimmt einfach alles“<br />

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich viel zu spät in meinem Leben zu<br />

Ihrer Zeitschrift gefunden habe und nun Ihr regelmäßiger Leser bin, und habe<br />

einfach das Bedürfnis, Ihnen meine Begeisterung für dieses Blatt mitzuteilen.<br />

Da stimmt einfach alles: Sprache, Themen, Gehalt, Stil, Textlänge, Text-Bild-<br />

Verhältnis, überhaupt das Layout, die Differenzierung nach Themengruppen, die<br />

anregende und nie ermüdende Textgestaltung und so weiter …<br />

Ich weiß wirklich nicht, was ich kritisieren sollte, und das tue ich eigentlich<br />

sehr gerne. Da soll noch einer sagen, die Printmedien seien am Ende! Danke für<br />

diese wunderbare Zeitschrift und weiterhin allen guten Erfolg!<br />

Jürgen Lambrecht, Baden-Baden<br />

Zahnlos geworden<br />

Zehn Jahre sind eine lange Zeit.<br />

Was als hoffnungsvolles politisches<br />

Magazin begonnen hat, wurde im<br />

Lauf dieser Zeit leider zum zahnlosen<br />

System-Medium. Schade drum.<br />

Albert Keller, München<br />

Zum Beitrag „Frau Fried fragt sich, ob<br />

Individualisten in Gruppen reisen sollten“<br />

von Amelie Fried, Mai 2014<br />

Nur ein Konstrukt<br />

Ich vermute, dass die von Frau<br />

Fried geschilderte Busreise ein Konstrukt<br />

ist, das es ihr ermöglicht,<br />

ihre Gehässigkeiten stellvertretend<br />

imaginierten Mitreisenden in den<br />

Mund zu legen. Ihr Artikel wird<br />

mich nicht von einer möglichen<br />

Busreise abhalten. Ich würde mich<br />

allein schon darüber freuen, dass<br />

sehr wahrscheinlich ein erfahrener<br />

Profi am Steuer sitzt. Und dass die<br />

Möglichkeit, Frau Fried als Reisegefährtin<br />

zu haben, approximativ<br />

gleich null ist.<br />

Klaus R. B. Schmitt, Kehl<br />

Zum Beitrag „Sie spielen mit<br />

Konfliktstoff“ von Katharina Pfannkuch,<br />

Mai 2014<br />

Emanzipation per Burka?<br />

Wer bisher der Ansicht war, das<br />

Kopftuch stehe für die Unterdrückung<br />

von Frauen oder sei Symbol<br />

gegen eine laizistische Staatsordnung,<br />

ist jetzt endgültig eines Besseren<br />

belehrt worden.<br />

Die Bedeckung <strong>des</strong> Haares besitzt<br />

– so eine im Artikel affirmativ<br />

zitierte muslimische Bloggerin,<br />

die „vor anderthalb Jahren<br />

den Turban für sich entdeckt“ hat –<br />

eine „feministische Dimension“,<br />

da sie den Betrachter zwinge, „die<br />

Persönlichkeit jenseits der Optik<br />

wahrzunehmen“.<br />

Dieser Logik zufolge müsste<br />

die Burka kleidungsmäßig gesehen<br />

eigentlich den Höhepunkt der<br />

Emanzipation der Frau darstellen.<br />

Und sie ist es wohl nur <strong>des</strong>wegen<br />

nicht, weil sie nicht so schön „in<br />

leuchtenden Farben kunstvoll drapiert<br />

ist“.<br />

Dr. Christian Rother, Bonn<br />

Zum Beitrag „Er gehört zu uns“ von<br />

Michael Stallknecht, April 2014<br />

Verdrehte Kausalitäten<br />

Seit vielen Jahren ist die <strong>Cicero</strong>-<br />

Lektüre essenzieller Bestandteil<br />

meiner politischen und kulturellen<br />

Weiterbildung. Insbesondere die<br />

Sängerporträts in den Artikeln von<br />

Frau Baur habe ich stets als Bereicherung<br />

empfunden.<br />

<strong>Der</strong> kritische Artikel über Jonas<br />

Kaufmann ist allerdings ein für<br />

mich kaum nachvollziehbarer Verriss,<br />

den der Autor durch einen angeblichen<br />

Konsens mit den „Stimmfetischisten“<br />

legitimieren will. Über<br />

Technik und deren darstellerische<br />

Wirkung kann man sich bekanntlich<br />

streiten. Dass Kaufmann aber durch<br />

Aussagen wie „Nur wer es ins Fernsehen<br />

schafft, gilt als Star“ oder er<br />

„funktioniert perfekt als mediales<br />

Image“ zu einem medial gestützten<br />

Eventstar degradiert wird, <strong>des</strong>sen<br />

gesangliche Qualität dazu kein adäquates<br />

Gegengewicht bilde, ist verquer<br />

und beleidigt die Gesamtheit<br />

der ihm zugeneigten Rezipienten.<br />

Die Kausalitäten sind umgekehrt:<br />

Gutes Aussehen macht einen<br />

Tenor noch nicht zu einem guten<br />

Lohengrin oder Alvaro.<br />

Medienstars gab es von Wunderlich<br />

bis Domingo – im Übrigen<br />

ebenfalls ohne antiquierte Starallüren<br />

und ganz authentisch, aber mit<br />

ebenso herausragenden gesanglichen<br />

Qualitäten.<br />

Das Opernpublikum ist mitnichten<br />

so anspruchslos eindimensional,<br />

wie dies der Autor suggerieren will.<br />

Tilman Schultheiß, Leipzig<br />

12<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


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TEXTCHEF Georg Löwisch<br />

CHEFIN VOM DIENST Kerstin Schröer<br />

RESSORTLEITER Lena Bergmann ( Stil ),<br />

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( Reportagen ), Dr. Frauke Meyer-Gosau ( Literaturen )<br />

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POLITISCHER CHEFKORRESPONDENT<br />

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ASSISTENTIN DES CHEFREDAKTEURS<br />

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REDAKTIONSASSISTENTIN Sonja Vinco<br />

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PRODUKTION Utz Zimmermann<br />

VERLAG<br />

GESCHÄFTSFÜHRUNG<br />

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VERTRIEB UND UNTERNEHMENSENTWICKLUNG<br />

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REDAKTIONSMARKETING Janne Schumacher<br />

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Zum Beitrag „Die dunkle Seite <strong>des</strong><br />

Reformators“ von Christian Pfeiffer,<br />

April 2014<br />

Botschaft missachtet<br />

Christian Pfeiffer stellt am Ende<br />

seines Artikels eine sehr berechtigte<br />

Frage: „Woran liegt es, dass sowohl<br />

die große Mehrheit der Pfarrer<br />

als auch der von ihnen betreuten<br />

Christen nicht die Kraft hatte, die<br />

zentrale Botschaft ihres Glaubens<br />

umzusetzen und gegenüber den bedrohten<br />

Juden Nächstenliebe zu<br />

praktizieren?“<br />

Ralf Böhm, Berlin<br />

Luther-Bild ergänzt<br />

Wir sollten Luther nicht an seinem<br />

späten Antisemitismus … werten.<br />

Seine Schrift von 1543 muss man jedoch<br />

in die Diskussion mit einbeziehen.<br />

Deshalb vielen Dank an <strong>Cicero</strong>,<br />

durch das Gespräch mit drei Kapazitäten<br />

zur Ergänzung <strong>des</strong> Luther-<br />

Bil<strong>des</strong> beigetragen zu haben.<br />

Dr. Regina Neumann, Putzbrunn<br />

Später Sieg<br />

Da hat der <strong>Cicero</strong> nun die ganz<br />

große Enthüllungsstory geliefert:<br />

„Judenfeind Luther … der Kriminologe<br />

Pfeiffer führt Beweis“. Welch<br />

schockierende Sensation! Schade<br />

nur, dass da gar nichts zu enthüllen<br />

ist. Von Luthers unsäglichen antijüdischen<br />

Schriften ist seit Jahr und<br />

Tag in der Presse und in Büchern<br />

zu lesen. Und auch Pfeiffers Unternehmen<br />

ist nicht neu: zu beweisen,<br />

dass seit der Reformation die evangelische<br />

Kirche durch jene Schriften<br />

Luthers geprägt und so mitschuldig<br />

an den Verbrechen der Nationalsozialisten<br />

geworden sei … Pfeiffer<br />

verhilft mit seiner in einem Zitat Julius<br />

Streichers gipfelnden „Beweisführung“<br />

dem gedächtnispolitischen<br />

Programm der Nationalsozialisten<br />

zu einem späten Sieg.<br />

Prof. Dr. Johannes Wallmann, Berlin<br />

(Den vollständigen Text <strong>des</strong> umfangreichen<br />

Leserbriefs von Prof. Dr. Johannes<br />

Wallmann finden Sie im Internet unter:<br />

http://www.cicero.de/salon/wallmann)<br />

14<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


CICERO<br />

Leserbriefe<br />

Zum Beitrag „Zehn Gründe, warum<br />

Europa eine goldene Zukunft hat“, von<br />

verschiedenen Autoren, Mai 2014<br />

Eliten müssen umdenken<br />

Die zehn aufgeführten Gründe für<br />

ein „goldenes Europa“ können nicht<br />

überzeugen. Denn letztlich hängt<br />

das Schicksal <strong>des</strong> Kontinents vor allem<br />

von einem Umdenken der Eliten<br />

ab, das sich aber kaum erkennen<br />

lässt. Da kein europäischer Spitzenpolitiker<br />

bislang den Mut gefunden<br />

hat, zum Beispiel den Kontakt<br />

mit leider zu Recht um ihre Zukunft<br />

fürchtenden jungen Demonstranten<br />

in Südeuropa zu suchen.<br />

Oder selbst Parteien, wie etwa<br />

die CDU in Schleswig-Holstein, seit<br />

jeher ein schlechtes Verhältnis zur<br />

dort ansässigen dänischen Minderheit<br />

sowie deren Vertretung SSW<br />

pflegen und damit alles andere als<br />

den europäischen Integrationsgedanken<br />

vorbildlich leben. Weswegen<br />

Zweckoptimismus nicht weiterhilft,<br />

sondern sich vielmehr etwas<br />

Grundlegen<strong>des</strong> im konkreten Handeln<br />

der Politik – und dies möglichst<br />

schnell – ändern muss!<br />

Rasmus Ph. Helt, Hamburg<br />

Zum Beitrag „Kann denn Sprudel Sünde<br />

sein“ über Scarlett Johansson, von Sylke<br />

Tempel, März 2014<br />

Zum Beitrag „Man hört mein Schwäbisch.<br />

Und?“ Interview mit Günther<br />

Oettinger, April 2014<br />

Karikatur: Hauck & Bauer<br />

Zum Leserbrief „Latent fremdenfeindlich“<br />

von Stefan Leicht, März 2014<br />

Populismus pur<br />

Herr Leicht drückt aus, alle Deutschen<br />

seien fremdenfeindlich. Das<br />

Adjektiv „latent“ als Abschwächung<br />

zu „fremdenfeindlich“ ändert nichts<br />

an der Verallgemeinerung. Eine völlig<br />

undifferenzierte/unqualifizierte<br />

Pauschalisierung. Das ist Populismus<br />

allererster Güte.<br />

Diese Formulierungen werden<br />

gezielt aus anderen politischen Motiven<br />

und Interessen als „totschlagende“<br />

Argumente eingesetzt. Klar,<br />

wenn man argumentativ nicht mehr<br />

weiterweiß, dann werden Fremdenfeindlichkeit<br />

und die Nazikeule<br />

geschwungen. Man kann die<br />

Formulierung von Herrn Seehofer<br />

„Wer bescheißt, fliegt“ sicherlich<br />

kritisieren. Ich finde dies auch<br />

populistisch. Diese Äußerung war<br />

der Beginn der Debatte.<br />

Oliver Roth, Trautskirchen<br />

Oxfam: Kein Boykott Israels<br />

In Ihrer März-Ausgabe berichten<br />

Sie über die ehemalige Oxfam-<br />

Botschafterin Scarlett Johansson.<br />

Und Sie behaupten dort, Oxfam<br />

gehöre zu den „vehementesten Unterstützern“<br />

von Boykottaufrufen<br />

gegen Israel.<br />

Das ist nicht richtig. Wir sind<br />

gegen Wirtschaftsbeziehungen mit<br />

den völkerrechtswidrigen israelischen<br />

Siedlungen im Westjordanland,<br />

u. a. weil die Siedlungspolitik<br />

zu Menschenrechtsverletzungen<br />

führt, die Armut unter Palästinensern<br />

vergrößert und eine Zweistaatenlösung<br />

behindert.<br />

Oxfam finanziert vor Ort konkrete<br />

Menschenrechtsprojekte, jedoch<br />

keine, die im Zusammenhang<br />

mit Boykottaufrufen gegen Israel<br />

stehen. Denn einen Boykott Israels<br />

lehnen wir ab. Es wäre schön, wenn<br />

solche Differenzierungen künftig<br />

nicht unter den Tisch fielen.<br />

Steffen Küßner, Leiter Pressestelle und<br />

Webteam von Oxfam Deutschland, Berlin<br />

Dreimal Oettinger im Wald<br />

Das Interview mit Oettinger war<br />

wirklich interessant zu lesen. Ein<br />

schöner Abriss seiner politischen<br />

Agenda, mit kritischen Fragen,<br />

denen er sich nicht so leicht entziehen<br />

konnte.<br />

Aber ein Wermutstropfen bleibt:<br />

Die Fotos gehen gar nicht!<br />

<strong>Der</strong> Reihe nach: Oettinger<br />

scheißt in den Wald, Oettinger<br />

verloren im Wald, Oettinger intim<br />

im Wald.<br />

Und alles mit Hochwasser in der<br />

Hose in dieser sterilen Behörden-Innenhof-Kunstfarn-Atmosphäre.<br />

Ich hoffe, der Mann hat keinen<br />

Sinn für Ästhetik, sonst war dies Ihr<br />

<strong>letzte</strong>s Interview mit ihm. Ein paar<br />

Bildchen fürs Auge sollten schon<br />

sein, aber beim nächsten Mal bitte<br />

nicht den Praktikanten bemühen.<br />

Schönen Gruß aus Hamburg.<br />

Martin Mense, Hamburg<br />

Die Redaktion behält sich vor, Leserbriefe zu kürzen.<br />

Wünsche, Anregungen und Meinungsäußerungen<br />

senden Sie bitte an redaktion@cicero.de<br />

15<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

SPIELT ES<br />

NOCH<br />

EINMAL!<br />

Uhuuhuuu. Noch eine Zugabe.<br />

Und noch eine. Aber irgendwann geht<br />

das Licht aus. Was passiert, wenn<br />

die Väter und Mütter <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

weg sind? Eine Reise zu den<br />

großen Alten einer Musikgeneration<br />

Von THOMAS WINKLER<br />

16<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


„Do it‚ til<br />

LEMMY KILMISTER<br />

Titel: „Rock ’n’ Roll Music“, 2010<br />

Album: „The Wörld is Yours“<br />

the day I die“


TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

Fotos: Alimdi.net (Seiten 16 bis 17), Pep Bonet/Noor/Laif<br />

Deep Purple in Rock, noch einmal Deep<br />

Purple in Rock. Die erhabenen Felsformationen<br />

der Alpen sind verhüllt, Wolken<br />

verdecken Eiger, Jungfrau und<br />

Mönch. 9000 Menschen haben sich am<br />

Fuße <strong>des</strong> Massivs versammelt, sind aus dem Tal mit<br />

der Zahnradbahn hinaufgefahren auf das Hochplateau,<br />

über ihnen die Wolken und die Berge, in ihnen<br />

die Vorfreude.<br />

Open-Air-Konzert auf der Kleinen Scheidegg<br />

im Berner Oberland. Saisonabschluss im Skigebiet.<br />

Die Passhöhe zwischen Eiger und Lauberhorn liegt<br />

2061 Meter über dem Meeresspiegel. In einer Senke<br />

<strong>des</strong> Hochtals ist eine Bühne aufgebaut, nicht weit davon<br />

steht in einem Lockschuppen ein historischer<br />

Waggon der Zahnradbahn. Rot gepolsterte Stühle,<br />

vergoldete Leuchten, dunkle Holzverkleidung. Das<br />

Museumsstück dient als Garderobe für die Musiker.<br />

Eine Pistenraupe wird sie gleich zur Bühne bringen.<br />

Ian Gillan hat noch etwas Zeit, bis es losgeht. Er<br />

sieht mit seinem bulligen Kopf und den kurzen grauen<br />

Haaren heute aus wie ein englischer Pub-Besitzer. Dieser<br />

Ian Gillan war der Mann mit dem Schrei, der Mann,<br />

der seine langen Haare in den Nacken warf und bei<br />

„Child in Time“ ein melodisches Uhuuhuuu in einen<br />

gellenden Laut umkippen ließ, die Augen zusammengekniffen,<br />

das Mikro mit dem langen Kabel dran dicht<br />

an seinen Mund gepresst. In den Partykellern hat eine<br />

ganze Generation dieser Stelle entgegengefiebert, diesem<br />

Moment nach dem filigran-feinen Vorspiel von Jon<br />

Lord an der Orgel und Ian Paice an den Drums. Langsam<br />

schwillt dieser Song an, bis sich Gillans großer<br />

Schrei entlädt. „Child in Time“, das ist der zentrale<br />

Song eines Schlüsselalbums der Band, ihr viertes von<br />

1970: „Deep Purple in Rock“. Auf dem Cover: Ian Gillan,<br />

Ritchie Blackmore, Jon Lord, Roger Glover, Ian<br />

Paice, hineingeschlagen in den Granit <strong>des</strong> Mount Rushmore,<br />

in der Pose der vier US-Präsidenten, die dort in<br />

Wahrheit zu sehen sind.<br />

Rock ’n’ Roll rules, das sagt dieses Cover,<br />

Rock ’n’ Roll regiert wie ein Präsident der Vereinigten<br />

Staaten. Und im Unterschied zu George Washington,<br />

Thomas Jefferson, Theodore Roosevelt und Abraham<br />

Lincoln sind drei der fünf Ur-Purples immer noch da.<br />

„Wir wurden schon Altrocker, Rockrentner und Dinosaurier<br />

genannt“, grummelt Gillan, „aber das kümmert<br />

mich nicht mehr, das halte ich aus, ich habe ein dickes<br />

Fell. Ich fühle mich nicht wie ein Dinosaurier.“ Er ist<br />

jetzt 68 Jahre alt. „Ich verstehe das natürlich, wenn<br />

Jüngere sagen: Geh zur Seite, Opa! Stirb endlich! Ich<br />

denk mir dann halt: Fuck you.“<br />

Solche Sätze helfen für den Moment. Aber sie<br />

halten nichts auf. Jetzt kommen die lebenden Legenden<br />

alle noch einmal auf deutsche Bühnen, für einen<br />

großen <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock. Black Sabbath, die Rolling<br />

Stones, Patti Smith, Bob Dylan. Doch die Sache<br />

dünnt aus. AC/DC wollten im Herbst auf Tournee<br />

gehen, doch jetzt ist Malcolm Young, das Riff-Metronom,<br />

der Schöpfer <strong>des</strong> in jeder Sekunde wiedererkennbaren<br />

Sounds der Band, so krank, dass er nicht mehr<br />

Gitarre spielen kann. Lemmy Kilmister, das Urviech<br />

von Motörhead, kämpft mit Diabetes und Herzproblemen.<br />

Jon Lord, der Mann, der den Sound von Deep<br />

Purple mit seiner schweren Hammond-Orgel unterlegt<br />

hat, ist schon zwei Jahre tot. Ronnie James Dio,<br />

der zeitweise bei Black Sabbath anstelle von Ozzy Osbourne<br />

zu Tony Iommis düsterer Gitarre und Geezer<br />

Butlers wummerndem Bass gesungen hatte, lebt nicht<br />

mehr. Er fehlt wie Lou Reed und J. J. Cale.<br />

Die großen Alten <strong>des</strong> Rock sterben, wenn auch<br />

später, als man es bei ihrem Lebenswandel gedacht<br />

hätte. „Rock ’n’ Roll is here to stay“, näselt Neil Young<br />

weiter. Aber je<strong>des</strong> Mal könnte das <strong>letzte</strong> Mal sein, seit<br />

einem Jahrzehnt geht das schon so. 70 Euro die Karte,<br />

80 Euro, 100 Euro. Die Best-Ager im Publikum zahlen<br />

jeden Preis für die womöglich <strong>letzte</strong> Chance.<br />

Einmal noch, und dann noch einmal und noch einmal.<br />

Aber es wird der Tag kommen, da ist es vorbei.<br />

Und dann? Was passiert mit dem Rock ’n’ Roll, wenn<br />

seine Gründerväter und -mütter weg sind?<br />

Auf der Kleinen Scheidegg trägt das Publikum<br />

atmungsaktive Anoraks statt nietenbesetzter<br />

Lederjacke, Moonboots<br />

statt Cowboystiefeln und Strickmützen<br />

statt langer Matte. Die Leute stehen seit<br />

Stunden im Schnee, aber sie haben sich mit Bier und<br />

Schnaps in Stimmung gebracht. Deep Purple ist die<br />

<strong>letzte</strong> Band dieses Nachmittags, ein Höhepunkt.<br />

Doch Deep Purple bringen die Hits nicht, sondern<br />

alte Songs, die nur echte Fans kennen, und Songs vom<br />

vergangenes Jahr erschienenen Album „Now What?!“.<br />

Das hat in der Schweiz zwar Platz zwei der Charts und<br />

in Deutschland sogar den ersten Platz erreicht, aber<br />

<strong>des</strong>sen Stücke sind hier oben trotzdem kaum jemandem<br />

geläufig. Vor allem spielen Deep Purple, so wie<br />

sie es auch schon in ihrer großen Zeit in den siebziger<br />

Jahren getan haben, ausufernde Versionen ihrer Songs.<br />

Immer wieder verschwindet Gillan hinter einem Vorhang<br />

und gibt die Bühne frei für seine Kollegen. Dann<br />

spielen die anderen ihre Soli: Gitarrist Steve Morse, 59,<br />

Keyboarder Don Airey, 65, Bassist Roger Glover, 68 –<br />

und Schlagzeuger Ian Paice, 66, der Einzige, der in allen<br />

Inkarnationen der Band seit ihrer Gründung im Jahr<br />

1968 dabei war, spielt ein Schlagzeug-Solo. Alles ein<br />

bisschen gemächlicher als früher, mit Pausen für den<br />

Sänger. Und doch: „Das ist immer noch Rock ’n’ Roll“,<br />

hat Ian Gillan im Museumswaggon gesagt.<br />

Alles im Prinzip wie vor einem halben Jahrhundert.<br />

<strong>Der</strong> Rock ’n’ Roll als Illusion der Unsterblichkeit.<br />

Nach einer langen Stunde ist das Publikum unruhig<br />

geworden. „Child in time“? Fuck you! Endlich spielen<br />

sie immerhin noch „Smoke On The Water“. Eine<br />

Mittdreißigerin in himmelblauer Allwetterjacke quiekt<br />

19<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

vor Freude. „Etz kummt’s!“ Sie haut ihrem Begleiter<br />

auf die daunengepolsterte Schulter.<br />

„Wir waren jung, wir waren unsterblich, wir haben<br />

uns nicht um die Zukunft gekümmert“, sagt Gillan<br />

über die Zeit, als dieses Gitarrenriff noch keine Legende<br />

war, sondern noch sehr lebendig nach Revolte<br />

und Rebellion klang. „Damals gab es eine Revolution<br />

im Denken, in der Mode, in der Kunst, in der Politik –<br />

und die Musik war die Stimme dieser Revolution. <strong>Der</strong><br />

Rock ’n’ Roll ist immer noch lebendig, aber ansonsten<br />

hat sich alles verändert.“<br />

Das kann man wohl sagen. In Woodstock<br />

schlidderten Blumenkinder durch den<br />

Matsch, auf der Kleinen Scheidegg rutschen<br />

blondierte Skihaserln auf dem Hosenboden<br />

den Hang hinunter. Früher hat<br />

Rockmusik wenn schon nicht Revolutionen ausgelöst,<br />

dann zumin<strong>des</strong>t jungen Menschen als unverzichtbares<br />

Mittel zur Identitätsfindung und Distanzierung gedient.<br />

Heute spielen junge Menschen interaktive Rollenspiele,<br />

sammeln Freunde in sozialen Netzwerken<br />

und hantieren mit verschiedenen, selbst konstruierten<br />

viralen Egos. Früher war Rock die Musik der Gegenkultur,<br />

heute hängt Barack Obama Bob Dylan einen<br />

Orden um. Vor 45 Jahren wurde die Nationalhymne<br />

der Vereinigten Staaten noch mit der Gitarre zerlegt,<br />

aus Protest gegen den Vietnamkrieg.<br />

Jimi Hendrix hatte das damals übernommen. Er<br />

erstickte 1970 in einem Londoner Hotelzimmer an seinem<br />

Erbrochenen. Er wurde 27 Jahre alt und war eines<br />

der Opfer, die Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll in ihrer<br />

Frühzeit forderten. Viele sind früh gegangen, aber<br />

mehr, als man gedacht hätte, sind in Ehren ergraut und<br />

immer noch charismatischer geworden.<br />

So wie Patti Smith. Sie nestelt gerade eine Lesebrille<br />

aus der Tasche und liest aus „The Western Lands“<br />

von William S. Burroughs. Die 67-Jährige mit dem<br />

langen, mittlerweile schlohweißen Haar macht einen<br />

überaus lebendigen Eindruck. Sie steht in der Apos tel-<br />

Paulus-Kirche, einem neogotischen, nüchternen Backsteinbau<br />

in Berlin-Schöneberg. Die Gesangbücher sind<br />

ordentlich aufgereiht, auf einer braungrauen Stellwand<br />

sind Fotos vom <strong>letzte</strong>n Treffen der „55 Plus Seniorengruppe“<br />

der Gemeinde zu sehen. Das Publikum hat,<br />

grob geschätzt, dasselbe Durchschnittsalter. Vor dem<br />

Altar, direkt unter Christus am Kreuz, beschwört Patti<br />

Smith die Geister der Verstorbenen.<br />

Im Laufe <strong>des</strong> Konzerts würdigt sie eine repräsentative<br />

Auswahl jener Weggefährten, die schon gegangen<br />

sind, sie singt Lou Reeds „How Do You Think She<br />

Feels“ und später, als Höhepunkt <strong>des</strong> Konzerts, natürlich<br />

„Gloria“. Sie spielt den ehrwürdigen Soul-Klassiker,<br />

den Van Morrison 1964 geschrieben hat, seit<br />

Mitte der siebziger Jahre. Im ekstatischen Refrain finden<br />

die Sängerin und Dichterin, ihre Band und das Publikum<br />

endgültig zusammen. Die kalten Wände der<br />

Apostel-Paulus-Kirche wirken ein wenig wärmer, sogar<br />

der Jesus am Kreuz scheint milde zu lächeln. Vielleicht<br />

kann er sie sehen, all die Toten, die das Lied für fünf,<br />

sechs glorreiche Minuten wieder zurück ins Leben holt:<br />

Jim Morrison, Joe Strummer, Bon Scott und all die<br />

anderen, die den alten Song einmal gesungen haben.<br />

Andere leben zwar noch, veröffentlichen aber<br />

schon seit Urzeiten kein neues Material mehr, wie die<br />

Rolling Stones, die seit 2005 kein Studioalbum mehr<br />

herausgebracht haben. Viele wie Joni Mitchell oder David<br />

Bowie gehen nicht mehr auf Tournee. Leonard Cohen<br />

wagt sich zwar noch auf Konzertreisen, aber nur,<br />

weil er Millionen an Schulden abzuzahlen hat. Und im<br />

vergangenen Jahr wurde ruchbar, dass sich Lemmy<br />

Kilmister von Motörhead einen Defibrillator hat implantieren<br />

lassen, eines jener Geräte, die mit gezielten<br />

Stromstößen Herzrhythmusstörungen entgegenwirken.<br />

Die Musikergeneration, die das goldene Zeitalter<br />

der Rockmusik in den späten Sechzigern und frühen<br />

Siebzigern prägte, wird bald verstummen. Folgerichtig<br />

fragte sich Anfang <strong>des</strong> Jahres das amerikanische<br />

Magazin Classic Rock: „Is Rock Dying?“<br />

Falsche Frage, findet Lemmy Kilmister. Wer so<br />

fragt, hat nichts verstanden. „Die Gründerväter mögen<br />

eines Tages alle weg sein“, antwortet er in einer<br />

Mail. Aber deren Musik lebe fort. Überhaupt sei es immer<br />

die Sache <strong>des</strong> Einzelnen gewesen, die Botschaften<br />

<strong>des</strong> Rock ’n’ Roll zu verstehen.<br />

<strong>Der</strong> Rock ’n’ Roll lebt fort, eine fast religiöse Botschaft:<br />

Er ist in euch. Wir lösen ihn nur aus.<br />

Deshalb braucht es auch keine künstliche Wiederbelebung<br />

als Hologramm auf der Bühne, wie es<br />

nach dem Tod von Amy Winehouse ernsthaft erwogen<br />

wurde. „Ich will niemanden als Hologramm auf<br />

der Bühe sehen“, blafft Lemmy und setzt hinzu: „am<br />

wenigsten mich selbst.“<br />

Später schickt er noch eine Mail hinterher. Das mit<br />

dem Hologramm: „Nimm lieber eine Pappfigur, ist billiger.“<br />

Und ganz grundsätzlich: „Ich habe den besten<br />

Teil der Sache erlebt, nun seht ihr zu, wie ihr durch<br />

den miesen kommt.“<br />

Schaut man in die Charts, stellt man fest, dass<br />

dort kaum noch Rockmusik zu finden ist,<br />

es dominieren R&B, Hip-Hop und Elektropop.<br />

Andererseits sind Rock-Acts die Motoren<br />

<strong>des</strong> Livegeschäfts. 2013 machte mit Bon<br />

Jovi eine Rockband weltweit den größten Umsatz auf<br />

Konzertbühnen, auf Platz fünf stand der 64-jährige<br />

Bruce Springsteen. Unter den zehn umsatzstärksten<br />

Tourneen aller Zeiten sind – neben den beiden Popsirenen<br />

Madonna und Céline Dion – AC/DC, The Police,<br />

zwei Mal U2 und gleich vier Mal die Rolling Stones.<br />

„Ich bin froh, dass es Bob Dylan und Neil Young<br />

noch gibt, und die ihr Publikum auch weiterhin überraschen.<br />

Aber natürlich ist ein Ende abzusehen, die<br />

werden auch nicht jünger“, sagt Sebastian Zabel, selbst<br />

Foto: Timothy Greenfield-Sanders<br />

20<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


„We shall<br />

PATTI SMITH<br />

Titel: Ghost Dance, 1978<br />

Album: Easter<br />

live again“


„ Dance to<br />

the beat of<br />

IGGY POP<br />

Titel: Raw Power<br />

Album: Raw Power, 1973<br />

livin´dead “


TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

Foto: Tibor Bozi/ Corbis<br />

49 Jahre alt. Aber, meint der Chefredakteur <strong>des</strong> deutschen<br />

Rolling Stone, „mit dem Verschwinden großer<br />

Namen verschwindet ja nicht die Rockmusik. Die Lücken<br />

auf den Bühnen und vor den Bühnen füllen die<br />

Kinder und Enkelkinder dieser Generation. Es ist vieles<br />

nachgewachsen.“<br />

<strong>Der</strong> Rolling Stone residiert in einem alten Fabrikgebäude<br />

in Berlin-Kreuzberg. Auf der gegenüberliegenden<br />

Straßenseite wird von neun Uhr morgens bis<br />

nachts um fünf Berlins berühmteste Currywurst verkauft.<br />

Ein großer Teil der frühmorgendlichen Kunden<br />

sind junge Menschen, die nächtelang in den Clubs einem<br />

Mythos nachjagen, den David Bowie, Lou Reed<br />

und Iggy Pop begründeten, Nick Cave und die Einstürzenden<br />

Neubauten weiterführten, der mit Techno<br />

wiederauflebte und seit einigen Jahren das Bild der<br />

deutschen Hauptstadt in der Welt bestimmt. Die Anziehungskraft<br />

der Partystadt Berlin ist ungebrochen,<br />

aber sie hat keinen bestimmten Rhythmus, kein festgelegtes<br />

Klangbild. Die Partypeople tanzen zu Minimal<br />

Techno und in Rockclubs. Junge Menschen hören so<br />

viel Musik wie nie zuvor, durchschnittlich bis zu zweieinhalb<br />

Stunden täglich, haben Studien ergeben, aber<br />

sie hören alles: Dance, R&B, Pop, Jazz, Electronica,<br />

Weltmusik, Metal, Blues und eben auch Rockmusik.<br />

Man darf das nicht so eng sehen, sagt Zabel: „<strong>Der</strong><br />

traditionelle Rock hat sich längst aufgefächert in viele<br />

Stile, wird transformiert und adaptiert. Das ist nun<br />

mal das Wesen der Popmusik.“ Andererseits aber erlebten<br />

wir gerade, wie die großen alten Namen „ihr<br />

eigenes Werk kanonisieren und nachstellen“. Immer<br />

mehr Rockbands gehen auf die Bühne, um dort – wie<br />

ein Symphonieorchester die Fünfte von Beethoven – eines<br />

ihrer klassischen Alben Ton für Ton nachzuspielen.<br />

„<strong>Der</strong> Sound lebt fort“, sagt Zabel, „nur das Modell<br />

Rockband mit eingeschworener Anhängerschaft,<br />

das ist ein Auslaufmodell. Aber die Rockmusik stirbt<br />

nicht, das ist Quatsch.“<br />

Selbst wenn die Protagonisten sterben: Ihre Nachfolger<br />

bewahren, interpretieren, variieren, ergänzen<br />

das Erbe. Die Rockmusik ist in ihre klassische Periode<br />

eingetreten.<br />

Beobachten lässt sich das an einem Dienstagabend<br />

in Berlin. Eine Karaoke-Bar an<br />

der Warschauer Brücke. Draußen findet<br />

das allabendliche Schaulaufen <strong>des</strong> internationalen<br />

Easyjetsets statt, drinnen haben<br />

sich vielleicht einhundert Menschen versammelt, um<br />

zu singen. Jede und jeder ist willkommen, die Bühne<br />

reicht kaum, um alle Sänger zu fassen, die Stimmung<br />

ist eher geselliges Beisammensein als konzentriertes<br />

Konzert. <strong>Der</strong> Berlin Pop Choir interpretiert keine klassischen<br />

Chorwerke, sondern Songs aus allen Phasen<br />

der Popgeschichte. Wenn sich die ungezählten, anonymen,<br />

untrainierten Stimmen vereinen, ersteht die unwiderstehliche<br />

Kraft der Popmusik aufs Neue. Dann<br />

klingt „Hold Tight“, das von Dave Dee, Dozy, Beaky,<br />

Mick & Tich im Jahr 1966 ein Top-Ten-Hit war, ebenso<br />

modern und zeitgemäß und lebendig wie „Wrecking<br />

Ball“. <strong>Der</strong> Song, mit dem Miley Cyrus im vergangenen<br />

<strong>Sommer</strong> die Charts stürmte, ist für Chorleiterin<br />

Lyndsey Cockwell „bereits ein moderner Klassiker“.<br />

<strong>Der</strong> Berlin Pop Choir ist kein Einzelfall.<br />

Überall sind Chöre und Vokal-Ensembles<br />

entstanden, die sich durch die Popund<br />

Rockgeschichte singen. Mal sind sie<br />

offen für jeden wie der Pop Choir, mal<br />

semiprofessionell wie der von der Elektronikmusikerin<br />

Barbara Morgenstern geleitete Chor der Kulturen<br />

der Welt. Mal sind es kleine, hoch motivierte Gruppen,<br />

die vor eingeschworener Fanschar auftreten, mal unüberschaubare<br />

Netzwerke, die für Freunde und Verwandte<br />

singen – und vor allem für sich selbst. „Jeder<br />

möchte ein Star sein, jeder möchte einmal auf der<br />

Bühne stehen“, beschreibt Chorleiterin Cockwell eine<br />

Motivation ihrer Sänger und Sängerinnen – und zugleich<br />

das ewige Versprechen der populären Musik,<br />

die ihren Siegeszug auch auf die Ablehnung <strong>des</strong> Elitegedankens<br />

stützte.<br />

Die Metamorphose zur klassischen Kunstform, in<br />

der die Rockmusik gerade steckt, wird bisweilen von<br />

bizarren Resonanzeffekten begleitet. Einer nennt sich<br />

„Rock meets Classic“ und ist eine Fusion aus Butterfahrt<br />

und Oldie-Show. Um 20 Uhr geht im Berliner<br />

Tempodrom das Licht aus, und über einen donnernden<br />

Brei aus E-Gitarren und Streichern schmettern vier<br />

Sänger ein herzhaftes „The show must go on“.<br />

In den folgenden zwei Stunden werden dem Publikum<br />

die größten Hits der eigenen Jugend vorgeführt<br />

wie gefährliche Tiger in einer Dressurnummer.<br />

Als Gitterkäfig fungiert das Bohemian Symphony Orchestra,<br />

das jeden Hit konsequent in Streichersauce<br />

ertränkt. Midge Ure, der Sänger von Ultravox, Kim<br />

Wilde, ein ehemaliger Sänger von Rainbow und die<br />

Reste von Uriah Heep dürfen jeweils ihre vier größten<br />

Schlager vorführen. Nur Alice Cooper, der stark<br />

geschminkte Star <strong>des</strong> Wanderzirkus, ist mit fünf Stücken<br />

dabei. Wenn die älteren Herrschaften Luft holen<br />

müssen, fiedeln sich die Böhmen durch ein paar Gassenhauer<br />

aus dem symphonischen Repertoire.<br />

„Veredelungsstrategie“ nennt es Jens Papenburg,<br />

wenn die Rockmusik die Nähe zur Klassik sucht. <strong>Der</strong><br />

Musikwissenschaftler von der Berliner Humboldt-Universität<br />

arbeitet in einem großbürgerlichen Prachtbau<br />

aus dem mittleren 19. Jahrhundert, dort hat der Lehrstuhl<br />

für Theorie und Geschichte der populären Musik<br />

seinen Sitz. Papenburg findet, dass „die Rockmusik<br />

nicht <strong>des</strong>halb ein Problem hat, weil ein paar ältere<br />

Herren das Zeitliche segnen oder andere sich nur noch<br />

selbst reproduzieren“.<br />

Papenburg ist seit 2006 Mitarbeiter am Institut, das<br />

in seiner kulturwissenschaftlichen Herangehensweise<br />

23<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

„ You‘re today‘s<br />

sensation,<br />

but tomorrow‘s<br />

looking bleak “<br />

THE STRYPES<br />

Titel: What The People Don‘t See<br />

Album: Snapshot, 2013<br />

an die Popmusik in Deutschland einzigartig ist. Den<br />

Abgang einer prägenden Generation von Musikern,<br />

schätzt der Wissenschaftler, kann die Rockmusik verkraften,<br />

weil „ihre Geschichte viel stärker an den Tonträger<br />

gebunden ist als die klassische Musik“. Klassik<br />

wird in Partituren festgehalten und überliefert, Rockmusik<br />

auf Tonträgern.<br />

Spätestens mit „Sgt. Peppers“, dem ersten Konzeptalbum,<br />

ist der Rock ’n’ Roll in den Rang einer Kunst<br />

aufgestiegen. Das Album wurde zur gültigen Form, in<br />

der die Musik zum Werk gerinnt. Doch diese Ära findet<br />

nun ein Ende. Soziale Netzwerke, YouTube und Streamingdienste<br />

machen das Album als prägen<strong>des</strong> Format<br />

der Rockmusik überflüssig. Die Marginalisierung<br />

<strong>des</strong> Albums ist in der Dancemusik bereits eine Tatsache<br />

und in der Popmusik weit vorangeschritten. <strong>Der</strong><br />

Rock hängt zwar noch am Album, der Fan aber hört oft<br />

einzelne Songs übers Netz. Wenn sie diesen Umbruch<br />

überleben will, wird sich die Rockmusik neu erfinden<br />

müssen – nicht nur kommerziell, auch künstlerisch.<br />

Noch läuft das Geschäft mit dem Alten. An einem<br />

sonnigen Tag hat die Warner Music Group Journalisten<br />

in den denkmalgeschützten Meistersaal in Berlin geladen.<br />

Warner stellt die Wiederveröffentlichung der drei<br />

ersten Alben von Led Zeppelin vor. Gitarrist Jimmy<br />

Page ist angekündigt, gereicht wird Finger Food von<br />

Sarah Wiener: Caipirinhalachs auf Limettenknäcker<br />

oder Hähnchenlolly mit Erdnuss-Bananen-Dip.<br />

Durchs Fenster sind das Glas und der rote Backstein<br />

<strong>des</strong> neuen Potsdamer Platzes zu sehen. Früher, als<br />

dort noch die Berliner Mauer stand, als das Gebäude<br />

am Rande <strong>des</strong> Brachlands zwischen Ost und West lag,<br />

wurde unter der Holzkassettendecke <strong>des</strong> Meistersaals<br />

Rockgeschichte geschrieben. David Bowie hat in den<br />

Hansa-Studios seine legendäre Berlin-Trilogie aufgenommen,<br />

„Heroes“ wurde mit Blick auf die Mauer<br />

geschrieben und im Meistersaal eingesungen. Auch<br />

Lou Reed, Iggy Pop, Depeche Mode, U2, R.E.M. oder<br />

Nick Cave haben hier wegweisende Alben eingespielt.<br />

Led Zeppelin waren nie in den Hansa-Studios,<br />

aber ihre ersten drei Alben, die ursprünglich in den<br />

Jahren 1969 und 1970 erschienen und nun in aufwendigen,<br />

neu abgemischten und mit reichlich Bonusmaterial<br />

ausgestatteten Werkschau-Editionen neu herausgebracht<br />

werden, kann man getrost als Meilensteine in<br />

der goldenen Ära der Rockmusik bezeichnen.<br />

Die Plattenfirmen schlachten alte Kataloge aus,<br />

das ist billiger und einfacher, als neue Attraktionen<br />

aufzubauen. Und die geburtenstarken Jahrgänge aus<br />

den fünfziger und sechziger Jahren sind mittlerweile<br />

ausreichend gut situiert, um sich Anthologien und<br />

Werkschauen leisten zu können. Die „Super Deluxe<br />

Edition Box“ von Led Zeppelin mit CDs, Vinyl-Platten<br />

und Buch kostet 118,99 Euro. Was ist das schon,<br />

wenn man sich die eigene Jugend ins Regal stellen will?<br />

<strong>Der</strong> Star im Berliner Meistersaal ist Jimmy Page.<br />

Er ist das, was man früher einen Gitarren-Gott nannte.<br />

Gott, 70, trägt heute einen eleganten schwarzen Dreiteiler,<br />

er hat die grauen Haare zum Zopf zurückgebunden<br />

und präsentiert einige der neuen Aufnahmen<br />

aus den Archiven seiner alten Band. Im launigen Gespräch<br />

mit dem ehemaligen „Rockpalast“-Moderator<br />

Alan Bangs gibt er zu, dass „momentan gerade jeder<br />

altes Material zu remastern scheint“.<br />

Ein Eindruck, der nicht trügt: Reissues und Deluxe-Box-Sets<br />

verzeichnen überdurchschnittliche Zuwachsraten<br />

in einem ansonsten bestenfalls stagnierenden<br />

Markt. Aber das Geld wird auf der Bühne verdient.<br />

Gerade mit den großen Namen <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll.<br />

Die Alten faszinieren durch ihre rätselhafte<br />

Lebendigkeit: Wieso wiegt Jagger seine<br />

Hüften mit 70 noch so unverschämt sexy?<br />

Weshalb kann ein Whiskyfass wie Keith<br />

Richards bei seinen Gitarrenriffs noch so<br />

in die Knie gehen – und wieder hochkommen? Warum<br />

steht der sabbernde Greis Ozzy Osbourne plötzlich<br />

wieder am Mikro und trifft sogar den Ton? Diese Musik<br />

muss wie ein Elixier wirken, das ewig jung und fit<br />

hält, mehr als Aerobic und Pilates und Yoga und die<br />

anderen mühsamen Betätigungen. Burnout? „It’s better<br />

to burn out than to fade away“, singt Neil Young.<br />

Foto: Simon Sarin/Corbis<br />

24<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Foto: Privat (Autor)<br />

Die Faszination ergreift auch Junge. Berliner Postbahnhof,<br />

ein räudiger Club im Osten Berlins. <strong>Der</strong> Boden<br />

klebt vom Bier. Heute Abend werden The Strypes<br />

hier auftreten, die vier sind zwischen 16 und 18 Jahre<br />

alt. Vorher machen sie noch ein paar Fotos. Sie tragen<br />

enge, altmodische Anzüge, spitze Samtschuhe und Pickel<br />

im Gesicht. Wenn eine Kamera zu klicken droht,<br />

setzt Sänger Ross Farrelly seine Sonnenbrille auf.<br />

Das Quartett aus Irland spielt einen rotzigen<br />

Bluesrock. Er hat sich zu einer Sensation entwickelt.<br />

Warum spielen Minderjährige die Musik ihrer Eltern<br />

und Großeltern? Das ist die Frage, die sich alle stellen,<br />

die aber einfach zu beantworten ist: Weil The Strypes<br />

diese Musik in den Plattenschränken ihrer Eltern und<br />

Großeltern gefunden haben. Dann haben sie festgestellt,<br />

dass diese Musik irgendetwas hat, was sie vermissten<br />

an der Musik, die ihre Freunde auf Facebook<br />

teilten. „Die Songs in den Charts sind erbärmlich“, findet<br />

Josh McClorey, „Musik ist zum Produkt aus der<br />

Fabrik verkommen.“ <strong>Der</strong> Gitarrist ist das Sprachrohr<br />

der Band, Sänger Farrelly grunzt. Castingshows finden<br />

die beiden „banal“, die Pioniere wie Chuck Berry,<br />

Bo Diddley oder Dr. Feelgood aber sind ihnen heilig.<br />

Moderne Musik, sagt McClory, „hat keine Eier,<br />

keine Energie“. Die Begeisterung für ihre Band, die<br />

auch in Deutschland ankommt, erklärt er damit, „dass<br />

die Leute keinen Bock mehr haben auf den Müll, den<br />

man ihnen vorsetzt“. Klar, sagt der Gitarrist, die Ablenkungen<br />

sind heute größer als damals, natürlich<br />

spielt Rockmusik nicht mehr die frühere Rolle im Leben<br />

junger Menschen. Aber, auch das sagt McClorey:<br />

„Musik kann immer noch wichtig sein, Rock kann immer<br />

noch ein großes Fuck You! sein.“<br />

Da nimmt dann Farrelly doch noch die Sonnenbrille<br />

ab und sagt: „Eine gute Band kann immer noch<br />

dein Leben verändern. In den sechziger Jahren waren<br />

es vielleicht die Stones, heute …“ Er sinkt zurück in<br />

den Sessel, er muss ja angemessen cool wirken.<br />

Am Abend werden sie spielen, dass der Putz von<br />

der Wand bröckelt. Glatzköpfige Männer im Publikum,<br />

die min<strong>des</strong>tens doppelt so alt sind wie sie selbst,<br />

werden enthemmt tanzen, und im Raum wird sich die<br />

Kraft <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll entfalten. „Ich weiß, es ist ein<br />

bisschen krank, das zu sagen“, raunt Josh McClorey,<br />

„aber jeder Tod bringt neues Leben hervor.“<br />

<strong>Der</strong> Rock ’n’ Roll ist tot. Es lebe der Rock ’n’ Roll.<br />

THOMAS WINKLER schreibt über Pop,<br />

Film und Sport. Sein erstes prägen<strong>des</strong><br />

Konzerterlebnis fand auf dem Nürnberger<br />

Zeppelinfeld statt. Neil Young rockte dort<br />

Anfang der achtziger Jahre<br />

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<strong>des</strong> 20. Jahrhunderts. Wegweisende künstlerische Arbeiten der<br />

Klassischen Moderne entstanden in den kubischen Wohn- und Atelierhäusern.<br />

Außerdem galt die Siedlung als eine Art Experimentallabor <strong>des</strong><br />

Bauhauses für das neue Wohnen. Mit Walter Gropius, Hannes Meyer und<br />

Ludwig Mies van der Rohe lebten hier alle drei Bauhausdirektoren Tür an<br />

Tür mit den Bauhauslehrern László Moholy-Nagy, Lyonel Feininger, Georg<br />

Muche, Oskar Schlemmer, Wassily Kandinsky sowie Paul Klee.<br />

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TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

„BEI DEN STARS TICKT DIE UHR“<br />

<strong>Der</strong> Konzertagent Marek Lieberberg vermisst Schubkraft und<br />

Anarchie, traut der Rockmusik aber eine große Zukunft zu<br />

Mike Lee & The Echos oder The Rangers:<br />

Welche Band war besser, Herr<br />

Lieberberg?<br />

Marek Lieberberg: Die waren beide<br />

gleich schlecht, denn sie hatten denselben<br />

Leadsänger – einen gewissen Marek<br />

Lieberberg.<br />

Sie kokettieren. Im Rhein-Main-Gebiet<br />

waren Sie mal eine große Nummer.<br />

Wir verschafften uns sogar überregional<br />

Gehör. Wir sind im Star-Club in<br />

Hamburg aufgetreten zu einer Zeit, als<br />

Größen wie Fats Domino gespielt haben.<br />

Trotzdem sind Sie lieber Veranstalter<br />

geworden.<br />

Marek Lieberberg<br />

<strong>Der</strong> Konzertveranstalter aus<br />

Frankfurt/Main gründete<br />

bereits mit 24 Jahren seine<br />

erste Agentur. Er brachte unter<br />

anderem The Who, Bruce<br />

Springsteen, Bob Dylan und<br />

Madonna nach Deutschland<br />

und erfand die beiden größten<br />

Open-Air-Festivals „Rock am<br />

Ring“ und „Rock im Park“<br />

Ich wusste, dass ich Entertainer-<br />

Qualitäten hatte. Aber ich habe schnell<br />

gemerkt, dass meine stimmlichen Fähigkeiten<br />

limitiert waren. Bei den Konzerten<br />

meiner eigenen Bands konnte ich<br />

wichtige Erfahrungen sammeln. Wir füllten<br />

regelmäßig die einschlägigen Säle im<br />

Taunus. Dann habe ich für Fritz Rau als<br />

Promotion-Freelancer gearbeitet und<br />

gemeinsam mit anderen erste Konzerte<br />

organisiert.<br />

Legendär ist Ihr erstes großes selbst<br />

organisiertes Konzert: The Who am<br />

7. September 1970 in der Münsterlandhalle<br />

in Münster. Am Abend vorher<br />

mussten Sie Schlagzeuger Keith Moon<br />

Foto: POP-EYE/Nass<br />

26<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


vom Kronleuchter der Hotel-Lobby<br />

herunterholen.<br />

Runtergeholt hat ihn mit vereinten<br />

Kräften das Personal <strong>des</strong> Schlosshotels<br />

Wilkinghege. Ich musste mit der Band<br />

nach einer neuen Bleibe suchen, aber alle<br />

Hotels im Umkreis von 100 Kilometern<br />

waren bereits vor uns gewarnt worden.<br />

Sex & Drugs & Rock ’n’ Roll. Passiert so<br />

etwas heute noch?<br />

Eher selten – jedenfalls in diesem<br />

Mix, der so typisch für die Anfänge<br />

war. Aber natürlich gibt es immer wieder<br />

Grenzsituationen. Wenn zum Beispiel<br />

Axl Rose wegen Unmuts über seine<br />

Verlobte einen Fernseher aus dem Hotelzimmerfenster<br />

wirft oder Pete Doherty<br />

aus Kalamitäten geholfen werden muss.<br />

Heute ist alles weniger exotisch und<br />

anarchisch.<br />

Die Rocker sind müde geworden?<br />

Das würde ich nicht sagen, aber viel<br />

mehr verläuft unter dem Radar als früher.<br />

Vermissen Sie die guten alten Zeiten?<br />

Ich vermisse auf jeden Fall die Aufbruchstimmung<br />

von damals. Musik war<br />

der Weg hinaus aus einer drögen Gesellschaft.<br />

Musik symbolisierte Freiheit, der<br />

Rock ’n’ Roll brach alte, verstaubte und<br />

verkrustete Strukturen auf. Man muss<br />

sich nur den Zustand der damaligen Gesellschaft<br />

in Erinnerung rufen: Ruhe war<br />

die erste Bürgerpflicht, alles muffte wie<br />

unter einer Dunstglocke vor sich hin. Die<br />

Popmusik evozierte die Vision von Freiheit,<br />

war der Motor für gesellschaftliche<br />

Veränderungen und politische Forderungen.<br />

Wir kamen uns – zu Recht oder zu<br />

Unrecht – vor wie die Speerspitze einer<br />

neuen Bewegung, die schließlich mehr<br />

Rechte für Jugendliche erkämpfte und<br />

eine eigene Kultur formte.<br />

Hat die Rockmusik heute noch diese<br />

Kraft?<br />

In gewissen Bereichen ganz sicher.<br />

Es gibt immer wieder Gruppen, die entscheidende<br />

Impulse auslösen. Aber im<br />

Großen und Ganzen ist viel von dieser<br />

Schubkraft verloren gegangen.<br />

Woran liegt das?<br />

Als die Rockmusik laufen lernte,<br />

geschah dies in einer monotonen<br />

„Popmusik<br />

evozierte<br />

Freiheit. Wir<br />

kamen uns wie<br />

die Speerspitze<br />

einer neuen<br />

Bewegung vor“<br />

Medienlandschaft mit einzelnen Monopolsendern.<br />

Weder Mobiltechnik noch<br />

Internet, Computer oder Social Media<br />

lenkten das Interesse ab. Musik traf auf<br />

die ungeteilte Aufmerksamkeit einer Jugend,<br />

die noch nicht einer Kakofonie von<br />

Myriaden Botschaften ausgesetzt war.<br />

Heute kann sich ein Song in Minutenschnelle<br />

über die ganze Welt verbreiten,<br />

während das früher viele Monate gedauert<br />

hat. Aber damals konnte ein einzelner<br />

Song im Leben der Menschen einen<br />

viel entscheidenderen Impuls auslösen.<br />

Ich will damit bestimmt nicht zum Ausdruck<br />

bringen, dass früher alles besser<br />

war. Ich sage nur: Alles verändert sich.<br />

„The times they are a-changin’.“<br />

Damals war Rock nicht nur Musik, sondern<br />

eine Lebenseinstellung, Revolte,<br />

vielleicht sogar Religion. Für Sie auch?<br />

Für mich bot sich ein Freiraum, aber<br />

für viele andere war es eine Art Ersatzreligion.<br />

<strong>Der</strong> Versuch, das Bewusstsein<br />

künstlich zu erweitern, die Drogenexperimente,<br />

denen ja nicht nur in der Musik,<br />

sondern auch in der Literatur und<br />

in der Kunst das Wort geredet wurde,<br />

das alles hatte pseudoreligiöse Züge –<br />

und kostete in <strong>letzte</strong>r Konsequenz viele<br />

Gut- und Leichtgläubige das Leben, und<br />

wenn nicht das Leben, dann zumin<strong>des</strong>t<br />

den Verstand.<br />

Ungefähr ein halbes Jahrhundert später<br />

scheint die Rockmusik in ihrer klassischen<br />

Phase angekommen zu sein.<br />

Werden von nun an vor allem die alten<br />

Werke neu interpretiert?<br />

Sicher, bei den älteren Superstars<br />

tickt unweigerlich die Uhr. Und tatsächlich<br />

muss man sagen: So viel Neues passiert<br />

nicht mehr, heutzutage wird vor allem<br />

variiert, erweitert und tradiert.<br />

Die sicherste Bank scheinen Konzerte<br />

mit Künstlern zu sein, die ihre alten<br />

Hits spielen und oft seit Jahrzehnten<br />

keine neuen Songs mehr herausgebracht<br />

haben.<br />

Das hat durchaus seine Berechtigung.<br />

Warum soll das Publikum denn nicht das<br />

bekommen, wofür es den Eintrittspreis<br />

bezahlt? Manche Stars verweigern ihre<br />

Hits oder verfremden sie so, dass man sie<br />

kaum erkennen kann. Schrecklich ist es,<br />

wenn sich etablierte Künstler neues Material<br />

herauszuquälen versuchen, das gar<br />

nicht mehr in ihnen steckt. Die Fans wollen<br />

den populären Songkanon hören und<br />

nicht die zwanghaften Bemühungen ihrer<br />

Helden um Modernität. Ebenso verpönt<br />

ist das Ranwanzen an neue Trends.<br />

Viel zu oft wird den Fans so zwangsweise<br />

obsoletes Material verabreicht. Das ist<br />

so, als würde man in der Oper die Arien<br />

eliminieren.<br />

Aber die, die für die Erfolgsarien verantwortlich<br />

sind, werden nicht jünger. Was<br />

passiert, wenn diese prägende Generation<br />

endgültig abtritt? Stirbt der Rock<br />

mit seinen <strong>letzte</strong>n Helden?<br />

Ich glaube nicht, dass die Rockmusik<br />

an Bedeutung verlieren wird oder dass<br />

es prinzipiell an neuen Talenten mangelt.<br />

Natürlich präsentieren wir nach wie vor<br />

viele Bands, die seit Jahrzehnten erfolgreich<br />

sind. Unser Angebot besteht jedoch<br />

zu einem überwiegenden Teil aus jüngeren<br />

Gruppen und Interpreten, an deren<br />

Weiterentwicklung wir arbeiten. Uns ist<br />

<strong>des</strong>halb nicht bange um den Erfolg eines<br />

sich permanent verändernden Musikbusiness.<br />

Natürlich findet ein Prozess<br />

der Auslese und der Auswahl statt, bei<br />

dem leider auch begabte Künstler scheitern.<br />

Aber keine Angst, man darf mit<br />

gespannter Zuversicht in die Zukunft<br />

schauen. Denn es gibt immer wieder herausragende<br />

Talente, die den ganz großen<br />

Sprung schaffen wie jüngst One Republic.<br />

Das Gespräch führte THOMAS WINKLER<br />

27<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


TITEL<br />

<strong>Der</strong> <strong>letzte</strong> <strong>Sommer</strong> <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll<br />

BLOSS NICHT VERPASSEN<br />

Eagles<br />

Seit 1979 haben sie nur ein neues Album herausgebracht,<br />

auf dem sie den Irakkrieg und<br />

die Umweltzerstörung geißeln. Einerseits geht<br />

es ihnen also nicht ums Geld, andererseits unternehmen<br />

sie seit 1994 wieder lukrative Tourneen<br />

– und die Alphamänner Don Henley und<br />

Glenn Frey warfen den nörgelnden Gitarristen<br />

Don Felder aus der Band, weil der genauso viel<br />

verdienen wollte wie sie. Die Eagles verbinden<br />

Perfektionismus und Starrsinn mit liberaler<br />

Haltung und dem sprichwörtlichen kalifornischen<br />

„Take It Easy“. Im „Hotel California“ lauert<br />

ein Monster hinter der Zimmertür.<br />

28. 6. Vechta<br />

Patti Smith<br />

Sie ist die Mythenfrau und Dichterin unter den<br />

amerikanischen Sängerinnen: 1975 begann<br />

Patti Smith mit „Horses“, einer furiosen Hommage<br />

an den Rock ’n’ Roll, an Jim Morrison und<br />

Arthur Rimbaud, sie war mit Robert Mapplethorpe<br />

liiert und mit Sam Shepard, sang mit<br />

Bruce Springsteen und zog sich nach dem Tod<br />

ihres Mannes für einige Jahre zurück. Ihre<br />

Konzerte sind heute bejubelte Weihefeste:<br />

Patti Smith, Priesterin und Charismatikerin,<br />

ist längst selbst in die Geschichte der Rockmusik<br />

eingeschrieben.<br />

5. 8. Stuttgart, 11. 8. Mainz, 12. 8. München<br />

The Rolling Stones<br />

Noch immer ist es nur Rock ’n’ Roll, aber wir<br />

mögen ihn. Im vergangenen Jahr traten die<br />

Rolling Stones im Londoner Hyde Park auf,<br />

40 Jahre nach ihrem legendären <strong>Sommer</strong>konzert,<br />

und spielten ihre großen Songs. Um Innovation<br />

geht es schon lange nicht mehr: Das<br />

<strong>letzte</strong> Studioalbum erschien im Jahr 2005, und<br />

wenn Mick Jagger auch noch immer den virilen<br />

Macho gibt, so legt sich doch Melancholie<br />

über die Konzerte. Im Publikum stehen heute<br />

auch junge Leute, die den Mount Rushmore<br />

der Rockmusik besichtigen wollen.<br />

1. 6. Zürich, 10. 6. Berlin, 19. 6. Düsseldorf<br />

Neil Young<br />

Gerade hat der kanadische Wunderkauz mit<br />

einem Aufnahmegerät von 1947 eine Platte in<br />

einer Telefonzelle eingespielt, die er mit einer<br />

Nachricht an seine tote Mutter einleitet, und<br />

das Wiedergabesystem „Pono“ erfunden, weil<br />

er den Klang der CD hasst. Neil Youngs Musik<br />

ist der Glutkern <strong>des</strong> Rock ’n’ Roll; er spielt im<br />

Konzert lange, lärmende Versionen von Songs<br />

der Beatles, von Bob Dylan und Bruce Springsteen,<br />

versammelt noch immer die verwitterten<br />

Krachbrüder von Crazy Horse um sich und<br />

verschwendet keinen Gedanken an Vermarktung<br />

und Erwartungen.<br />

20. 7. Ulm, 25. 7. Mönchengladbach,<br />

26. 7. Dresden, 28. 7. Mainz<br />

Demnächst live bei<br />

uns: zehn Legenden<br />

aus Rock, Heavy Metal,<br />

Country und Folk<br />

Bob Dylan<br />

Die unendliche Tournee dauert an: Während<br />

andere Giganten sich rar machen, tritt der<br />

größte Songschreiber von allen an jedem Ort<br />

der Welt auf. Alles ist Variation, Maske und<br />

Dekonstruktion bei Bob Dylan – man sieht<br />

fasziniert dabei zu, wie jemand sich weigert,<br />

Legende zu sein, wie er jeden Mitschunkelimpuls<br />

zerstört, die Stücke zerdehnt und verfremdet,<br />

Vers auf Vers türmt, plötzlich Keyboard<br />

spielt und nicht mehr triumphal nölt,<br />

sondern gotterbärmlich krächzt. Wer die alten<br />

Songs so hören will, wie er sie in Erinnerung<br />

hat, der kann ja die Platten auflegen.<br />

28. 6. Wien, 29. 6. Klam, 1. 7. München,<br />

3. 7. Zwickau, 7. 7. Rostock, 8. 7. Flensburg<br />

Dolly Parton<br />

In Deutschland wird sie als Blondinenwitz<br />

missverstanden, dabei ist Dolly Parton die<br />

Patin der Country-Musik: Sie schreibt Songs,<br />

spielt Gitarre, produziert ihre Alben und unterhält<br />

einen Freizeitpark. Das ist natürlich<br />

nur in Amerika denkbar: Dolly bewahrt ebenso<br />

das Erbe der Bluegrass-Folklore und Appalachenmusik,<br />

wie sie die Country-Industrie<br />

mit der Version eines Songs von Bon Jovi bedient.<br />

Ihre seltenen Konzerte in Europa sind<br />

<strong>des</strong>halb wahre Out-of-area-Einsätze.<br />

5. 7. Köln, 6. 7. Berlin<br />

Elvis Costello<br />

<strong>Der</strong> Meisterschüler und Akademiker der<br />

Rockmusik trat mit so ziemlich jeder legendären<br />

Gestalt von Roy Orbison bis Chet Baker<br />

auf. Costello, bürgerlich Declan MacManus,<br />

begann 1977 als Bilderstürmer <strong>des</strong> New Wave,<br />

versuchte sich in den achtziger Jahren in<br />

beinahe jedem Genre, schrieb Songs mit<br />

Paul McCartney, Allen Toussaint und Burt<br />

Bacharach, spielte in Filmen sich selbst und<br />

heiratete die Jazz-Pianistin Diana Krall. Zuletzt<br />

näherte er sich dem Hip-Hop.<br />

7. 10. Hamburg, 9. 10. Berlin, 10. 10. Leipzig,<br />

12. 10. Mainz, 13. 10. München, 14. 10. Stuttgart<br />

Black Sabbath<br />

Das Magma <strong>des</strong> Heavy Metal: Seit 1968 inszeniert<br />

die englische Band zähe, tief tönende<br />

schwarze Messen, sie hat mehrere Subgenres<br />

begründet und ist heute eine Art Letztbegründung<br />

<strong>des</strong> Höllenlärms. <strong>Der</strong> wahnsinnige Sänger<br />

Ozzy Osbourne hatte Black Sabbath 1979<br />

verlassen, Gitarrist Tony Iommi machte mit<br />

Ronnie James Dio und Ian Gillan weiter, doch<br />

es fehlte an Paranoia. Nach Osbournes Rückkehr<br />

erschien im vergangenen Jahr „13“, ein<br />

Album wie das Jüngste Gericht.<br />

8. 6. Berlin, 13. 6. München, 25. 6. Stuttgart,<br />

27. 6. Essen<br />

Bob Mould<br />

Mit Hüsker Dü hob er die amerikanische Rockmusik<br />

seit 1981 auf Überschallniveau: Das<br />

Gitarrenspiel von Bob Mould trieb brachiale<br />

Hochgeschwindigkeitssongs an. Neben dem<br />

Schlagzeuger Grant Hart schrieb er beseelte<br />

Lärmlieder, die immer berückender wurden.<br />

Nach seinem Solomeisterwerk „Workbook“<br />

von 1989 genoss Mould mit dem Trio Sugar<br />

kurzen Erfolg und forschte danach an der<br />

Schnittstelle zwischen sonischen Gitarren und<br />

elektronischem Klang.<br />

8. 11. Weißenhäuser Strand<br />

Lloyd Cole<br />

„Rattlesnakes“ von 1984 ist eines der wichtigsten<br />

Alben <strong>des</strong> Jahrzehnts. <strong>Der</strong> Engländer Lloyd<br />

Cole galt als grüblerischer Apoll, wollte aber<br />

lieber Literat sein und notorisch schlecht gelaunt.<br />

Von London zog er nach New York, war<br />

permanent in der Krise und veröffentlicht seit<br />

2000 sehr schöne, eloquente Songwriter-Alben.<br />

Heute lebt er in Neu-England und spielt<br />

Golf – wenn er Europa besucht, dann gibt Cole<br />

schon mal ein Konzert an der Ostseeküste.<br />

8. 11. Weißenhäuser Strand<br />

ARNE WILLANDER ist stellvertretender<br />

Chefredakteur der deutschen Ausgabe <strong>des</strong><br />

Rolling Stone. Er geht auf jeden Fall zu den<br />

Konzerten von Neil Young und Elvis Costello<br />

Foto: Jan Peter Böning/Zenit/Laif<br />

28<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

„ Es ist nicht der Dirigent,<br />

der den Klang<br />

produziert, sondern<br />

das Orchester.<br />

Oft vergessen das<br />

die Dirigenten “<br />

Daniel Barenboim, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden in<br />

Berlin, im <strong>Cicero</strong>-Gespräch mit Finanzminister Wolfgang Schäuble, Seite 38<br />

29<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

DIE MUTTER DER MÜTTERRENTE<br />

Maria Böhmer fasste einen Plan: Wer Kinder großgezogen hat, soll mehr Rente kriegen.<br />

Also ging sie in die CDU, setzte früh auf Merkel, wurde zum Machtfaktor – und gewann<br />

Von HARTMUT PALMER<br />

<strong>Der</strong> Kampf dauerte 28 Jahre. Aber<br />

als er schließlich entschieden<br />

wurde – in der Nacht auf den<br />

28. November 2013 in der <strong>letzte</strong>n Pokerrunde<br />

im Willy-Brandt-Haus – saß Maria<br />

Böhmer nicht mehr mit am Tisch, sondern<br />

draußen vor der Tür. Erst kurz nach<br />

Mitternacht erfuhr sie, dass es vollbracht<br />

und die Mütterrente im Koalitionsvertrag<br />

verankert war. Ab 1. Juli sollen nun<br />

auch ältere Mütter, die Kinder vor 1992<br />

bekommen haben, mehr Rente erhalten.<br />

Dafür hat die Vorsitzende der CDU-<br />

Frauen-Union fast ihr halbes Leben lang<br />

gestritten. Die Mütterrente ist ihr Baby.<br />

1985 hat sie es entdeckt, mit 35. Da<br />

ist sie gerade erst in die Politik geraten.<br />

Obwohl sie eigentlich Wissenschaftlerin<br />

werden will. Mathematik, Physik und Erziehungswissenschaft<br />

hat sie studiert, ihren<br />

Doktor gemacht, ihre Habilitationsschrift<br />

geschrieben. Eine Frau ruft an, die<br />

Staatssekretärin im Mainzer Sozialministerium.<br />

Ob sie Frauenbeauftragte <strong>des</strong><br />

Lan<strong>des</strong> Rheinland-Pfalz werden wolle.<br />

Frauenbeauftragte? Böhmer fragt ihren<br />

Doktorvater. <strong>Der</strong> meint, ein Jahr Lan<strong>des</strong>regierung<br />

könne nichts schaden.<br />

Sie selbst ist noch gar nicht Mitglied<br />

der Partei, als sie 1985 gebeten wird, am<br />

Leitantrag <strong>des</strong> Essener CDU-Bun<strong>des</strong>parteitags<br />

mitzuschreiben. Die Erziehungsarbeit<br />

der Mütter müsse bei der Berechnung<br />

der Rente berücksichtigt werden,<br />

verlangt Heiner Geißler, damals CDU-<br />

Generalsekretär. Bun<strong>des</strong>finanzminister<br />

Gerhard Stoltenberg blockt ab: zu teuer.<br />

Geißler wird ihr Mentor. Rita Süssmuth,<br />

von Helmut Kohl zur Frauen- und<br />

Gesundheitsministerin berufen, will<br />

sie 1986 zur Abteilungsleiterin machen.<br />

Aber da ist Maria Böhmer bereits infiziert.<br />

Abteilungsleiterin? Nein. Sie will<br />

selbst Politik machen. 1990 zieht sie über<br />

die Lan<strong>des</strong>liste in den Bonner Bun<strong>des</strong>tag.<br />

Dort trifft sie eine vier Jahre jüngere Naturwissenschaftlerin<br />

aus der Uckermark.<br />

Seitdem sind Angela Merkel und Maria<br />

Böhmer politisch ein Gespann.<br />

Es gibt viele Gemeinsamkeiten:<br />

Beide Physikerinnen, beide kennen ihre<br />

Männer seit Studienzeiten, beide sind<br />

kinderlos, und beide haben gelernt, dass<br />

es nicht genügt, gute Ideen zu haben. Um<br />

etwas zu erreichen, braucht es Macht.<br />

„Bei Frauen ist es oft so gewesen“, sagt<br />

Böhmer, „dass ihnen das Machtbewusstsein<br />

gefehlt hat. Wir haben dazugelernt<br />

und wissen, dass eine bestimmte Position<br />

nötig ist, um auch in der Sache etwas voranzubringen<br />

und durchzusetzen.“<br />

Merkel wird 2000 Parteichefin und<br />

2005 Kanzlerin. Böhmer führt von 2001<br />

an die Frauen-Union.<br />

NICHT IMMER ZIEHEN sie an einem<br />

Strang. 2003, ausgerechnet auf dem Leipziger<br />

Parteitag, als die CDU beschließt,<br />

neoliberal zu werden, setzt Böhmer gegen<br />

Merkels Bedenken die Mütterrente<br />

durch. Sie ist Chefin der Frauen‐Union,<br />

sie sieht nicht ein, warum jüngeren Müttern<br />

bei der Rente drei Erziehungsjahre<br />

angerechnet werden, älteren hingegen,<br />

die Kinder vor 1992 geboren haben, nur<br />

eines. Diese Zweiteilung hatte Stoltenberg<br />

durchgesetzt. Die Antragskommission<br />

empfiehlt Ablehnung. Böhmer bleibt<br />

hart – und siegt. Die gleiche Mütterrente<br />

für alle ist fortan Parteiprogramm.<br />

Bis sie ins Wahlprogramm kommt,<br />

dauert es aber nochmal zehn Jahre. Um<br />

das zu erreichen, nageln Frauen auf Bezirksparteitagen<br />

und Delegiertenkonferenzen<br />

die Kandidaten für die Wahl 2013<br />

darauf fest. Böhmer hat organisiert, dass<br />

sie überall die Gleichbehandlung junger<br />

und älterer Mütter fordern. Zuletzt auf<br />

dem Parteitag in Hannover, diesmal mit<br />

Merkels Segen.<br />

Es passiert das Unglaubliche: Die<br />

Mütterrente wird ein Wahlkampfhit.<br />

Fehlt in keiner Merkel-Rede, bekommt<br />

Riesenapplaus. Endlich der Koalitionsvertrag:<br />

„Wir werden ab 1. Juli 2014 für<br />

alle Mütter oder Väter, deren Kinder vor<br />

1992 geboren wurden, die Erziehungsleistung<br />

mit einem zusätzlichen Entgeltpunkt<br />

in der Alterssicherung berücksichtigen.“<br />

Ohne Böhmer gäbe es den Satz<br />

nicht. „So war das“, sagt sie und lacht.<br />

„Wir Frauen können es eben.“<br />

Sie empfängt in der CDU-Zentrale,<br />

auf vertrautem Gelände. „Wir Frauen befinden<br />

uns nicht mehr an den Rändern<br />

der Macht, sondern im Zentrum“, hat sie<br />

2005 gesagt, als Merkel Kanzlerin und<br />

sie Integrationsbeauftragte im Kanzleramt<br />

wurde. Heute ist sie Staatsministerin<br />

im Auswärtigen Amt, zuständig für Kulturpolitik<br />

und oft unterwegs, um Goethe-<br />

Institute in aller Welt zu besuchen – kein<br />

schlechter Job. Nur: Früher musste sie<br />

zwei Treppen hochgehen, um die Kanzlerin<br />

zu treffen, jetzt ist sie ein kleines<br />

Stück weiter von der Macht entfernt.<br />

„Wir haben nach wie vor einen sehr<br />

engen Kontakt. Ich kann sie anrufen,<br />

wann immer es notwendig ist, ich sehe<br />

sie auch, bin auch im kleineren Kreis mit<br />

dabei.“ Pause. „Nach einer so langen gemeinsamen<br />

Wegstrecke weiß man, dass<br />

man sich aufeinander verlassen kann.“<br />

Noch ist das Versprechen, alle Mütter<br />

in der Rente gleichzustellen, nicht<br />

ganz erfüllt. Die älteren erhalten zum<br />

1. Juli einen Entgeltpunkt mehr, nicht<br />

zwei, wie von der CDU in Aussicht gestellt.<br />

Maria Böhmer wird sich damit auf<br />

Dauer bestimmt nicht zufrieden geben.<br />

HARTMUT PALMER ist politischer<br />

Chefkorrespondent von <strong>Cicero</strong>. Er schätzt<br />

Menschen, die langfristig denken und<br />

hartnäckig sind<br />

Foto: Götz Schleser für <strong>Cicero</strong><br />

30<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

BREAKING GOOD<br />

<strong>Der</strong> Bayreuther Arzt Roland Härtel-Petri erlebte, wie die Droge Crystal Meth aus dem<br />

benachbarten Tschechien herüberschwappte und niemand etwas tat. Da wurde er aktiv<br />

Von MERLE SCHMALENBACH<br />

Foto: Roger Hagmann für <strong>Cicero</strong><br />

Das Glück der Patientin verschwand<br />

im Nichts. Himmelhochjauchzend<br />

– dann am Boden zerstört.<br />

Sie saß im Bayreuther Bezirkskrankenhaus<br />

vor dem Arzt Roland Härtel-Petri<br />

und beschimpfte ihn. In der Psychiatrie<br />

passiert so was schon mal, aber Härtel-<br />

Petri kam der Fall merkwürdig vor. Er<br />

ging die möglichen Diagnosen durch, er<br />

sprach mit Kollegen. Es kamen andere<br />

Patienten, denen es ähnlich ging. Die<br />

meisten hatten angegeben, Drogen zu<br />

nehmen. „Sie hätten stundenlang begeistert<br />

die Fliesen mit einer Zahnbürste putzen<br />

können – und dann waren sie völlig<br />

antriebslos.“ Es war das Jahr 1997, und<br />

Härtel-Petri betrat Neuland.<br />

Anderthalb Jahrzehnte später sitzt er<br />

in einem Fernsehstudio in Berlin. Seine<br />

Miene ist ernst. Auf dem Tisch stehen Flaschen<br />

mit Rohrreiniger und Batteriesäure,<br />

Zutaten für die Droge Crystal Meth. „Es<br />

ist die gefährlichste Stimulanz, die wir<br />

momentan auf dem Markt haben“, sagt er.<br />

Er wirkt routiniert im Scheinwerferlicht.<br />

Härtel-Petri, 47, ist der bekannteste<br />

Crystal-Experte Deutschlands. Er tritt<br />

im Fernsehen auf, kürzlich erschien sein<br />

Buch „Crystal Meth – Wie eine Droge<br />

unser Land überschwemmt“. Auch vor<br />

dem Gesundheitsausschuss <strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>tags<br />

redete er. „Ich bin nur der Einäugige<br />

unter den Blinden“, wiegelt er ab. „Ein<br />

Wald- und Wiesenpsychiater.“ Dabei hat<br />

er bislang 800 Crystal-Patienten behandelt.<br />

Das macht ihn zum Vorreiter.<br />

In Deutschland mangelt es an Daten<br />

und Studien. Die Universitäten haben<br />

das Thema lange ignoriert. Man konnte<br />

damit kein Forschungsgeld einwerben,<br />

keine Karriere vorantreiben. Härtel-Petri<br />

denkt in anderen Kategorien. Sein Kopf<br />

ist voller Einfälle, sie strömen aus ihm heraus.<br />

Er redet schnell. Als Kind ist er wild,<br />

ungestüm. Oder impulsgestört, wie er es<br />

nennt. In der Schule prügelt er sich mit älteren<br />

Schülern. Mit 16 steckt er sich eine<br />

Sicherheitsnadel ins Ohr. Beim Windsurfen<br />

schätzt er die Lage einmal so falsch<br />

ein, dass er fast ertrinkt. „Ich bin neugierig<br />

wie eine Ratte“, sagt er.<br />

Nach der Schule will er sich nicht<br />

festlegen. Er schreibt sich für Medizin ein,<br />

studiert zudem Religionswissenschaften<br />

und Ethnologie, reist nach Indien, Schweden<br />

und England. <strong>Der</strong> Hunger nach Erkenntnis<br />

treibt ihn an. Kurz überlegt<br />

er, Pharmaforscher zu werden, aber er<br />

fürchtet, dass es in der Branche nur um<br />

Profit geht. Er tut lieber, was ihn interessiert,<br />

ohne Kosten-Nutzen-Rechnungen.<br />

Es sind Menschen wie Härtel-Petri,<br />

die Debatten in Gang bringen. Die Braven,<br />

die Karriereplaner warten lieber ab.<br />

WEIL HÄRTEL-PETRI sich gern in die Welt<br />

seiner Patienten vortastet, entscheidet er<br />

sich für die Psychiatrie. 1997 fängt er in<br />

Bayreuth an, wo er die erste Crystal-Patientin<br />

trifft. Er ist alarmiert. Und neugierig.<br />

Seine Kollegen im Krankenhaus<br />

ticken ähnlich. „Junge Männer, die unerforschte<br />

Gebiete reizen“, sagt er.<br />

Hilfe bekommen sie kaum. Fachliteratur?<br />

Sie haben einen Fernleiheausweis,<br />

und Härtel-Petri wird der Fernleiheausweisbeauftragte.<br />

Die Literatur wälzen sie<br />

am Wochenende. Bald kommen Süchtige<br />

aus ganz Deutschland zu ihnen. Insider<br />

nennen Bayreuth die „Kristallstadt“.<br />

<strong>Der</strong> Stoff gelangt meist über die<br />

tschechische Grenze ins Land. Betroffen<br />

sind vor allem Bayern, Sachsen, Sachsen-<br />

Anhalt und Thüringen. 2013 beschlagnahmten<br />

Fahnder in 3847 Fällen Crystal<br />

Meth, 10 Prozent mehr als 2012.<br />

Es ist eine gefährliche Droge. Sie<br />

wird meist geschnupft und hat ein enormes<br />

Suchtpotenzial. Im schlimmsten<br />

Fall löst sie gewalttätige Psychosen und<br />

Selbstmordgedanken aus. <strong>Der</strong> Entzug ist<br />

hart, er dauert sechs bis zwölf Monate.<br />

Durch die US-Serie „Breaking Bad“, in<br />

der ein sterbenskranker Chemielehrer<br />

die Droge herstellt, wurde das Thema<br />

hierzulande bekannter. Die Droge, das<br />

ist das Tückische, steigert kurzfristig das<br />

Selbstbewusstsein. Sie löst Euphorie aus,<br />

hält tagelang wach. Sinnlose Tätigkeiten<br />

machen plötzlich Spaß. <strong>Der</strong> Sex ist intensiv.<br />

Besonders beliebt ist die Droge<br />

bei Skinheads, Hooligans und in Techno-<br />

Kreisen. Aber auch Menschen, die mitten<br />

im Leben stehen, nehmen Crystal Meth.<br />

Härtel-Petri zufolge sind vor allem jene<br />

gefährdet, die hart arbeiten müssen und<br />

am Wochenende Spaß haben wollen.<br />

Für den Arzt ist die Droge auch Ausdruck<br />

der Ego-Gesellschaft. Er geht durch<br />

seine Praxis in Bayreuth. Aus dem Regal<br />

zieht er „Schöne neue Welt“ von Aldous<br />

Huxley. Er findet das Buch aktueller denn<br />

je. <strong>Der</strong> Leistungsdruck der Gegenwart sei<br />

unerträglich. Sich hochzuputschen ist<br />

eine Flucht. Es ist still in seinen Räumen.<br />

Die Praxis hat er im Januar aufgemacht.<br />

Die Arbeit in der Klinik drohte ihn zu<br />

zerreiben. Öffentliche Auftritte dosiert<br />

er. Er will jetzt öfter Kanu fahren gehen.<br />

An einem kühlen Abend sitzt er auf<br />

einer Bühne in Bayreuth. Er blickt ins Publikum,<br />

180 Leute lauschen der Podiumsdiskussion,<br />

die Stühle sind knapp. Lehrer,<br />

aber auch Angehörige von Süchtigen sind<br />

gekommen. <strong>Der</strong> Veranstalter, ein junger<br />

Mann mit Politikambitionen, grinst wichtig.<br />

Eine Suchtberaterin kommt spontan<br />

auf die Bühne. Härtel-Petri macht Platz.<br />

Er schiebt seinen Stuhl an den Rand. Raus<br />

aus dem Scheinwerferlicht.<br />

MERLE SCHMALENBACH ist Reporterin<br />

in Berlin. In Bayreuth ließ ein Polizist<br />

sie an Crystal schnuppern – ein Geruch<br />

zwischen Putzmittel und Süßstoff<br />

33<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

IHRE WELT DANACH<br />

Renate Künast erlitt Niederlagen und Verletzungen. Die Grünen-Politikerin ringt um<br />

Abstand. Zugleich baut sie sich einen neuen Kosmos auf. Wie funktioniert das?<br />

Von KATJA KRAUS<br />

Renate Künast ist im Aufbruch. <strong>Der</strong><br />

robuste Rollkoffer liegt offen auf<br />

dem Boden ihres noch nicht entschieden<br />

bezogenen Büros. Einen <strong>letzte</strong>n<br />

Termin wird sie an diesem sonnigen<br />

Freitagnachmittag noch erledigen, dann<br />

steigt sie in den Zug nach Schleswig-Holstein,<br />

um das Wochenende auf dem Land<br />

zu verbringen. „In meiner kleinen Datsche“,<br />

sagt sie und kokettiert dabei mit<br />

den entstehenden Bildern vom politikfreien<br />

Idyll.<br />

Ob wir auch bei einem Spaziergang<br />

zur Eisdiele sprechen können, fragt<br />

sie komplizenschaftlich. Dass die Aufzeichnung<br />

<strong>des</strong> Gesprächs damit deutlich<br />

schwerer würde, leuchtet ihr ein. Also<br />

bleibt es beim Tee im Büro.<br />

Sie hat ein neues Büro im Bun<strong>des</strong>tag,<br />

die Umzugskisten sind noch nicht<br />

ausgepackt. Die langjährige Fraktionsvorsitzende<br />

der Grünen ist jetzt,<br />

58 Jahre alt, Vorsitzende <strong>des</strong> Ausschusses<br />

für Recht und Verbraucherschutz.<br />

Die meisten Menschen wissen das nicht<br />

und auch denjenigen, die es wissen, fehlt<br />

die Vorstellung, wie sich aus dieser Position<br />

heraus Politik und Gesellschaft<br />

gestalten lassen. Renate Künast ist sich<br />

<strong>des</strong>sen bewusst. Noch hat sie sich selbst<br />

in der neuen Position ebenso wenig verortet<br />

wie den Inhalt der Kisten in ihrem<br />

Büro. Und doch statuiert sie mit Entschiedenheit:<br />

„Ich mache schon wieder<br />

richtig Politik.“<br />

RICHTIG POLITIK. Wie in den vergangenen<br />

30 Jahren. Spätestens seit Joschka<br />

Fischer 1999 wissen ließ, er stelle sich<br />

Renate Künast und Fritz Kuhn als Parteivorsitzende<br />

vor, was damals einer Anordnung<br />

gleichkam. Seitdem ging alles in<br />

„Highspeed“, erzählt sie und unterstreicht<br />

die Geschwindigkeit ihres Machtgewinns<br />

mit einer rasanten Handbewegung.<br />

14 Jahre Höchstgeschwindigkeit,<br />

erste Bun<strong>des</strong>ministerin für Landwirtschaft<br />

und Verbraucherschutz, und, nach<br />

dem Ende von Rot-Grün, Fraktionschefin<br />

im Bun<strong>des</strong>tag. Erst 2011 kamen die Niederlagen.<br />

Renate Künast hat mehrmals<br />

hintereinander verloren. Als Bürgermeisterkandidatin<br />

in Berlin, als Bewerberin<br />

für die Grünen-Spitze im Bun<strong>des</strong>tagswahlkampf,<br />

als Interessentin für das Amt<br />

der Vizepräsidentin im Parlament. Ein<br />

schmerzlicher Liebesentzug ihrer Partei.<br />

Wie geht sie damit um?<br />

Sie wirkt ganz froh, endlich mal Zeit<br />

zur Seelenregeneration zu haben. Für all<br />

die Bücher, die sie lange schon lesen will.<br />

Für ihre Patenkinder und dafür, nach<br />

dem Vorbild ihres Vaters einfach innezuhalten:<br />

„Mein Vater konnte den Rosen<br />

beim Verduften zusehen.“ Eine Fähigkeit,<br />

die ihr ehemals wunderlich und<br />

erst im hysterischen politischen Alltag<br />

erstrebenswert erschien.<br />

Wer die ehemalige Verbraucherschutzministerin<br />

in diesen Tagen erlebt,<br />

bestaunt ihre Gelassenheit. Renate<br />

Künast lächelt ein bisschen mokant über<br />

diese vermeintliche Entdeckung. Eigentlich<br />

sei sie immer schon anders gewesen<br />

als ihr öffentliches Bild. Unfröhlich, hart,<br />

ehrgeizig, zählt sie die gängigsten Zuschreibungen<br />

auf.<br />

Als sie in die Bun<strong>des</strong>politik einzog,<br />

ließ sie sich von einer befreundeten Kommunikationsexpertin<br />

beraten, um gewappnet<br />

zu sein für den Umgang mit der<br />

Aufmerksamkeit und den kausalen Verletzungen.<br />

Es sei nun mal so, dass man<br />

zwei Identitäten hat, wenn man ein politisches<br />

Leben führt. „Die, die man öffentlich<br />

ist. Und die, die man ist. Wie im<br />

Steppenwolf.“<br />

Hermann Hesses Schlüsseltext über<br />

das Ringen der verschiedenen Persönlichkeiten<br />

in einer Person: „Es war einmal<br />

einer namens Harry, genannt der Steppenwolf.<br />

Er ging auf zwei Beinen, trug<br />

Kleider und war ein Mensch, aber eigentlich<br />

war er doch eben ein Steppenwolf.“<br />

SIE MALT MIT DEM FINGER einen Kreis<br />

in die Luft: „Ein großer Kreis und das<br />

alles bin ich.“ Dann zieht sie eine Zickzacklinie<br />

und fügt hinzu: „Einen Teil<br />

davon habe ich abgetrennt, der ist ganz<br />

privat.“ Diesen Teil schützt sie sorgsam,<br />

auch wenn sie die Zacken der Linie hin<br />

und wieder im Sinne der Vermittelbarkeit<br />

der öffentlichen Renate Künast neu zieht.<br />

Sie wäre gerne eine Politikerin der<br />

Herzen. „Wer mich kennt, weiß, dass ich<br />

lustig bin.“ Aber die Vorstellung, dass<br />

eine Frau die Herausforderungen ihrer<br />

politischen Sozialisation mit Charme und<br />

Liebreiz bewältigen könnte, die scheint<br />

ihr doch allzu verwegen: „Sie müssen<br />

mal überlegen, was ich erlebt habe.“<br />

Dann erzählt sie von den Jahren als Sozialarbeiterin<br />

im Männergefängnis, von<br />

den ersten politischen Ausschüssen, in<br />

denen sie als einzige Frau und einzige<br />

Grüne gleich zweifach auf verlorenem<br />

Posten saß. Oder später als Ministerin,<br />

wenn sie schweißnass vor Bauernverbänden<br />

sprach: „6000 Leute, eine tobende,<br />

min<strong>des</strong>tens 40 Grad heiße Halle.“<br />

Sie malt jetzt detailreiche Erinnerungsbilder<br />

aus der Zeit, und freut sich<br />

sichtbar noch Jahre später daran: „Ich<br />

wusste, da gehe ich durch.“ Ein deutscher<br />

Bauer wirft nicht mit Lebensmitteln, diesen<br />

Satz hatte sie sich für das Ende ihrer<br />

Rede zurechtgelegt, um sich genau davor<br />

zu schützen. Es war dann nicht nötig, sie<br />

ging unbeschadet von der Bühne. Und<br />

bestätigt in ihrer routiniert angewandten<br />

Erfolgsformel: Be prepared.<br />

Heute sieht sie wohlig aus, durchlässiger<br />

als in der zehrenden Zeit im Fraktionsvorsitz.<br />

Oder in den Phasen, als<br />

Foto: Stefan Thomas Kröger/Laif<br />

34<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Porträt<br />

Erste Grüne und erste Frau an der Spitze <strong>des</strong> Landwirtschaftsministeriums. Auch<br />

später bearbeitete Renate Künast das Thema – wie 2009 im bayerischen Peiting<br />

sie dann doch noch etwas anderes sein<br />

wollte, als sie schon war. Als sie sich um<br />

das Bürgermeisterinnenamt in Berlin<br />

bewarb. Ihre größte Niederlage, wie sie<br />

heute sagt. Sie hat irgendwann gespürt,<br />

dass sie nicht gewinnen kann, lange vor<br />

dem Wahltag. Aber sie hat durchgehalten,<br />

weil man nicht aufgibt als „Kielfigur“.<br />

Auch wenn die Verletzungen tiefer<br />

waren als die, die ihr auf früheren Bühnen<br />

drohten. Vor allem diejenigen, die<br />

ihr Parteifreunde zufügten. „Schwierig<br />

wird es, wenn die eigenen Leute eine<br />

Niederlage gegen dich funktionalisieren“,<br />

beschreibt sie die Furchen dieser Erfahrungen,<br />

und zum ersten Mal stockt Renate<br />

Künasts Erzählfluss kurz. Sie wusste,<br />

dass dieses Ergebnis und vor allem die<br />

Begleitumstände ihre weitere Karriere<br />

beeinflussen würden.<br />

Im Nachhinein würde sie manches<br />

anders machen, würde nahbarer sein,<br />

viel mehr in der Begegnung mit Menschen<br />

für ihre Positionen werben als in<br />

Interviews. Zuhören statt ankündigen.<br />

Ihr alter Wegbegleiter Fritz Kuhn hat aus<br />

ihren Fehlern gelernt und es in Stuttgart<br />

besser gemacht, glaubt sie. Heute ist er<br />

Oberbürgermeister.<br />

DABEI WAR ES LANGE ihr Weg, genau zu<br />

beobachten und aus dem Verhalten der<br />

anderen Schlüsse zu ziehen. Für die Kandidatur<br />

in Berlin gab es kein Lehrbeispiel.<br />

Selbst als solches zu dienen, das hätte sie<br />

sich gern erspart.<br />

„Eigentlich will man nach so einer<br />

Erfahrung erst mal alles hinschmeißen“,<br />

sagt sie. Sie verordnete sich damals ein<br />

Restabilisierungsprogramm: „Ich musste<br />

die ganze Kiste einmal ausschalten.“ Mit<br />

Schlafen, Stricken, Kosmetik und Wellnesswochenenden<br />

fand sie zu den vegetativen<br />

Funktionen zurück.<br />

„Wenn man nicht wagt, gewinnt man<br />

nicht“, sagt sie unvermittelt laut und unterbricht<br />

mit diesem Diktum ihren Ausflug<br />

in düstere Gedanken. Vielleicht<br />

musste sie auch <strong>des</strong>halb im Herbst 2012<br />

gleich wieder antreten. Diesmal, um die<br />

Grünen als Spitzenkandidatin in den<br />

Bun<strong>des</strong>tagswahlkampf zu führen. Eine<br />

Kandidatur als Flucht nach vorne, über<br />

die wachsende Auflehnung in der Partei<br />

und das Gefühl der eigenen Antastbarkeit<br />

hinweg. „Nach der Berlin-Geschichte<br />

haben sich plötzlich Leute etwas<br />

rausgenommen, was sie sich vorher niemals<br />

getraut haben.“<br />

Die Spitzenkandidatur ging an Jürgen<br />

Trittin und Katrin Göring-Eckardt.<br />

Die Urwahl verloren zu haben, sei okay<br />

gewesen, sagt Renate Künast. Eine demokratische<br />

und damit gerechte Entscheidung.<br />

So muss sie es sehen. Erstaunt war<br />

sie schon. Aber es gab nun mal eine Bewegung<br />

in ihrer Partei, die nach neuen<br />

Führungsfiguren verlangte.<br />

Verstehen kann sie das nicht: „Jugenddebatten<br />

gibt es immer, aber Alter<br />

ist doch kein Inhalt.“ Sie verzieht indigniert<br />

das Gesicht, während sie mit ihren<br />

Worten um Abstand ringt. Aber sie versucht<br />

nicht zu verbergen, dass sie unter<br />

dem Generationswechsel leidet, und dass<br />

ihr seither das Koordinatenkreuz fehlt.<br />

„Wer steht eigentlich für was?“, fragt sie.<br />

Nach der verlorenen Bun<strong>des</strong>tagswahl<br />

hat Renate Künast ihr Interesse am<br />

Amt der Vizepräsidentin <strong>des</strong> Parlaments<br />

angemeldet. Die Position ging an Claudia<br />

Roth. Ein weiterer Verdrussmoment,<br />

den sie nicht als solchen sehen mag: „Daran<br />

hing mein Herz nicht.“ Aber es hat<br />

den Abstand zu ihrer Partei vergrößert.<br />

Jetzt möchte sie erst mal noch ein<br />

bisschen Politik machen. Akzente setzen<br />

mit den Themen, die sie bewegen, auch<br />

wenn alles viel ruhiger geworden ist um<br />

sie herum. Zwei bis drei Monate hat sie<br />

nach der Wahl gebraucht, um sich daran<br />

zu gewöhnen, „dass keine Sau anrief“.<br />

Mit der Zeit hat sie nicht mehr so<br />

oft auf das stumme Telefon geschaut und<br />

ist auch mal um 8.30 Uhr unter die Dusche<br />

gegangen, statt auf den Anruf zur<br />

Lagebesprechung zu warten. Ihr Mann<br />

Foto: Action Press<br />

36<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

hat sich inzwischen abgewöhnt, seine<br />

Fragen am Morgen mit „Was ich dich<br />

noch schnell fragen wollte“ einzuleiten.<br />

„Das Leben verändert sich, wenn<br />

man nicht mehr mittendrin ist“, resümiert<br />

sie und zitiert Churchill, der nach<br />

dem Machtverlust vor allem „Information<br />

und Transportation“ vermisste. Mit<br />

dem Transport sei das in Berlin ja nicht<br />

so problematisch, und wenn sie neuerdings<br />

mal von Termin zu Termin durch<br />

Berlin schlendert, erlebt sie ganz erstaunlich<br />

nahe Momente mit Menschen, die<br />

sie in der Hektik gar nicht wahrgenommen<br />

hätte. Die Informationen aus dem<br />

Innersten der Partei hingegen, die Gestaltungsmacht,<br />

die darin liegt, die fehlen<br />

ihr schon.<br />

Also hat sie sich ihren eigenen Kosmos<br />

geschaffen. Findet sich in der neuen<br />

Funktion ein. Sie versucht sich in einer<br />

Mischung aus inhaltlicher Arbeit und<br />

wohlgesetzter, zitierfähiger Polemik.<br />

Während es um die beiden anderen grünen<br />

Veteranen Claudia Roth und Jürgen<br />

Trittin öffentlich still geworden ist, legt<br />

sie Wert darauf, im Bild zu bleiben.<br />

Sie will sich weiter der Aufgabe widmen,<br />

die Arbeitsbedingungen der Textilarbeiterinnen<br />

in Bangla<strong>des</strong>ch zu verbessern.<br />

Seit ihrem Besuch im vergangenen<br />

Juli vor Ort sei ihr das zu einer „Herzensangelegenheit“<br />

geworden. Vor allem aber<br />

plant sie gerade lange Reisen, über die<br />

Ostertage war sie in Italien und im <strong>Sommer</strong><br />

fliegt sie nach Kanada. „Das ist das<br />

Jahr der Reisen“, postuliert sie so vehement,<br />

als müsse sie sich selbst noch ein<br />

bisschen überzeugen. Dann schaut sie mit<br />

ruhigem, fixierendem Blick auf, interpretiert<br />

die Pause und fragt: „Reicht Ihnen<br />

das nicht?“<br />

Jetzt wird es aber Zeit. Bevor sie den<br />

Koffer schließt, steckt sie noch Ulrich Tukurs<br />

Novelle „Die Spieluhr“ als Wochenendlektüre<br />

hinein. Auch eine Geschichte<br />

über den Wandel zwischen verschiedenen<br />

Welten.<br />

KATJA KRAUS spielte in der Fußball-<br />

Nationalelf. Ab 2003 Managerin beim<br />

Hamburger SV und erste Frau im Vorstand<br />

eines Bun<strong>des</strong>ligisten. 2011 verlor sie die<br />

Position, eine Erfahrung, die in ihren<br />

Bestseller „Macht – Geschichten von Erfolg<br />

und Scheitern“ einfloss. Seit Anfang Mai<br />

sitzt sie im Aufsichtsrat von Adidas<br />

FRAU FRIED FRAGT SICH …<br />

… was das Stöhnen über ständige<br />

Erreichbarkeit soll<br />

Ich wünschte, in meiner Jugend hätte es schon Smartphones gegeben.<br />

Dann wäre ich an Silvester 1984 nicht auf der falschen<br />

Party gelandet, wo ich um Mitternacht mit niemandem anstoßen<br />

konnte, weil ich keinen kannte. Sondern auf dieser Wahnsinnsparty,<br />

auf der alle meine Freunde waren. Dort hätte ich bestimmt<br />

den Mann meines Lebens kennengelernt. Vielleicht wäre<br />

ich mit ihm ausgewandert und hätte ein Hotelimperium aufgebaut.<br />

Vielleicht wäre ich auch eine berühmte Dokumentarfilmerin geworden<br />

– wenn der entscheidende Anruf <strong>des</strong> Produzenten mich<br />

erreicht hätte. Nicht auszudenken, was ich alles verpasst habe,<br />

weil es früher keine Handys gab! Ich bin sehr froh, dass ich heute<br />

nichts mehr verpasse, auch wenn der Aufbau eines Hotelimperiums<br />

nicht mehr zu meinen vorrangigen Zielen gehört.<br />

Das Gestöhne über die Diktatur der ständigen Erreichbarkeit<br />

geht mir auf die Nerven. Meistens dient es nur dazu, die eigene Unentbehrlichkeit<br />

zu demonstrieren. Diese Wichtigtuer führen sich<br />

auf, als wären Handy oder Laptop gefährliche, lebende Organismen,<br />

die sie verfolgen und ihnen gegen ihren Willen Nachrichten<br />

aufzwingen. Statusgeile Manager brüsten sich neuerdings damit,<br />

kein Handy mehr zu haben – dafür beuten sie lieber ihre allzeit erreichbaren<br />

Assistentinnen aus. Selbstständige tauchen ohne Vorankündigung<br />

in Urlaubsparadiese ohne WLAN ab, sodass ihre Geschäftspartner<br />

denken müssen, sie seien tot. Mein Hasssatz lautet:<br />

„Klar habe ich ein Handy, aber es ist meistens ausgeschaltet.“ Dann<br />

schmeiß es gleich weg, du Blödmann!<br />

Ich finde es super, erreichbar zu sein. Davon lebe ich als Freiberuflerin.<br />

Wenn ich meine Ruhe will, lese ich die Mails halt später<br />

oder gehe nicht ans Telefon, das ging doch früher auch. Deshalb muss<br />

ich nicht öffentlich den Rückzug ins Vor-Fax-Zeitalter propagieren.<br />

Die Unerreichbarkeitsapologeten sind wie Raucher, die gerade aufgehört<br />

haben: nervtötend militant. Weil die Sucht noch an ihnen nagt.<br />

Ich bin erreichbar, und ich will mich dafür nicht entschuldigen<br />

müssen. Smartphone und Laptop dienen mir, nicht ich ihnen. Sie erleichtern<br />

mein Leben.<br />

AMELIE FRIED ist Fernsehmoderatorin und Bestsellerautorin.<br />

Für <strong>Cicero</strong> schreibt sie über Männer, Frauen und was das Leben<br />

sonst noch an Fragen aufwirft<br />

37<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Gespräch<br />

„ MUT UND<br />

DEMUT RICHTIG<br />

MISCHEN “<br />

38<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Wolfgang Schäuble und Daniel Barenboim beherrschen<br />

die Kunst <strong>des</strong> Führens. Wie arbeiten Chefs auf Weltniveau?<br />

<strong>Der</strong> Finanzminister und der Dirigent im Gespräch über<br />

Einsamkeit und Ehrgeiz, über Oboen und die Kanzlerin<br />

Moderation CHRISTOPH SCHWENNICKE und FRANK A. MEYER


BERLINER REPUBLIK<br />

Gespräch<br />

Wolfgang Schäuble und Daniel<br />

Barenboim erscheinen zum<br />

<strong>Cicero</strong>-Foyergespräch auf der<br />

Bühne <strong>des</strong> Berliner Ensembles. Applaus.<br />

Das Haus ist voll besetzt.<br />

Herr Barenboim, Sie sind einmal mit<br />

dem Satz zitiert worden, dass der Dirigent,<br />

wenn er vor einem Orchester steht,<br />

die Hälfte der Leute gegen sich hat.<br />

Daniel Barenboim: Das hab ich nicht<br />

gesagt. Nicht mal gedacht. Was ich gesagt<br />

habe, ist: An dem Tag, an dem man sich<br />

entscheidet, Dirigent zu sein, muss man<br />

den Instinkt, immer geliebt zu werden,<br />

erst einmal weglassen. Mit dem Gedanken,<br />

geliebt zu werden, kann ein Dirigent<br />

nicht arbeiten.<br />

Herr Schäuble, ist das denn in der Politik<br />

auch so? Etwa, wenn man vor einer<br />

Fraktion sitzt – Sie haben das jahrelang<br />

als Chef der Union im Bun<strong>des</strong>tag getan.<br />

Wolfgang Schäuble: Eine Fraktion<br />

ist auf der einen Seite eine Gemeinschaft,<br />

die einen gemeinsamen Gegner<br />

hat und ein gemeinsames Ziel. Auf der<br />

anderen Seite ist die Binnenkonkurrenz<br />

sehr stark. Deswegen sagt man ja,<br />

dass die Steigerung von Feind Parteifreund<br />

ist.<br />

Wie bekommt man so eine Gruppe hinter<br />

sich?<br />

Schäuble: Ein bisschen Überzeugungskraft<br />

ist notwendig. Aber vor allen<br />

Dingen kommt es auf den Erfolg an. Solange<br />

man Erfolg hat, ist man stark. Hat<br />

man keinen, wird es schnell schwierig.<br />

Herr Barenboim, ein Orchester zu führen,<br />

ist ja eine Kunst für sich. Was können<br />

Sie Herrn Schäuble verraten von Ihrer<br />

Kunst?<br />

Barenboim: Es ist nicht der Dirigent,<br />

der den Klang produziert, sondern das<br />

Orchester. Das ist keine falsche Bescheidenheit.<br />

Ich kann das hier zeigen.<br />

Barenboim schweigt abrupt und führt<br />

einen Armstreich von oben nach unten<br />

an der Tischkante vorbei. Eine Dirigentengeste.<br />

Im Saal bleibt es völlig still.<br />

Barenboim: Hören Sie was?<br />

Das Publikum lacht gelöst.<br />

Barenboim: Das ist kein Witz. Oft<br />

vergessen das die Dirigenten. Ihr Ego<br />

steigt höher und höher. Aber ein Dirigent<br />

muss daran immer denken. Genau<br />

wie der Orchestermusiker. Auch er muss<br />

im Kopf behalten, dass er derjenige ist,<br />

der den Klang produziert. Er darf nicht<br />

passiv bleiben, nicht darauf warten, dass<br />

der Dirigent ihn animiert.<br />

Dirigent ist doch eine autoritäre Position.<br />

Eine Schiffssirene von der Spree trötet<br />

einen lang gezogenen Ton in den Saal.<br />

Barenboim: Hören Sie? <strong>Der</strong> Ton<br />

kommt von allein.<br />

Das Publikum reagiert amüsiert.<br />

Barenboim: Was heißt autoritäre Position?<br />

Wenn die erste Oboe nicht das<br />

tun kann oder will, um was ich sie bitte,<br />

wo ist dann meine Autorität? Man spricht<br />

zu viel über die psychologische Beziehung<br />

zwischen Dirigent und Orchester.<br />

Viel wichtiger finde ich die Frage: Was<br />

macht ein Dirigent? Viele Musikliebhaber<br />

verstehen eigentlich nicht, was der<br />

Dirigent macht. Die Orchester sind heutzutage<br />

so gut. Sie könnten einen großen<br />

Teil <strong>des</strong> Repertoires ohne Dirigent spielen.<br />

Die Aufgabe <strong>des</strong> Dirigenten ist es,<br />

aus 80 oder 90 Individuen eine Einheit<br />

zu machen.<br />

Fotos: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong> (Seiten 38 bis 41)<br />

40<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Bun<strong>des</strong>tagsabgeordneter zu werden.<br />

Dann müssen Sie trotzdem gemeinsame<br />

Positionen vertreten. Das zu erreichen,<br />

ist eine Führungsaufgabe. Das kriegen<br />

Sie allein mit Autorität nicht hin. Sie<br />

müssen überzeugen. Und dann – das wird<br />

bei einem Orchester ähnlich sein – erleichtert<br />

Erfolg in der Kritik oder im Publikum<br />

die Sache.<br />

Das sind in der Politik die Leitartikel und<br />

die Meinungsumfragen.<br />

Schäuble: Natürlich sind die Unterschiede<br />

zwischen Musik und Politik groß.<br />

In einem Rundfunkinterview hat einmal<br />

ein Journalist, der gehört hatte, dass ich<br />

als Schüler eine Geige in der Hand hatte,<br />

versucht, die Gemeinsamkeit zwischen<br />

Anne-Sophie Mutter und mir zu entwickeln.<br />

Da habe ich gesagt, das ist ein grober<br />

Unsinn.<br />

Daniel Barenboim hat gesagt, einen<br />

großen Teil könnten die Musiker auch<br />

ohne Dirigenten spielen. Braucht eine<br />

bürgerliche Demokratie überhaupt Führung<br />

in der Politik?<br />

Schäuble: Führung brauchen Sie immer.<br />

Wie Sie sie herstellen, ist eine andere<br />

Frage. Sie müssen aus vielen Meinungen<br />

am Ende eine machen.<br />

Was heißt das?<br />

Barenboim: Das heißt, dass alle Musiker<br />

in dem Moment, in dem sie spielen,<br />

das Gleiche über die Musik denken.<br />

Herr Schäuble, das muss doch eine<br />

Kanzlerin im Koalitionskabinett genauso<br />

machen: Stars unter einen Hut<br />

bringen, die zum Teil sogar finden, dass<br />

sie es besser könnten. Wie schafft man<br />

das?<br />

Schäuble: Lassen wir die Koalition<br />

vielleicht einen Moment beiseite.<br />

Die Fraktion ist ein ganz gutes Beispiel:<br />

Alles Menschen, die ihre Eigeninteressen<br />

haben, auch ihre eigenen<br />

Fähigkeiten – es ist ja ein langer Weg,<br />

Maestro<br />

Daniel Barenboim wird 1942 in<br />

der argentinischen Hauptstadt<br />

Buenos Aires geboren als Sohn<br />

jüdisch-russischer Einwanderer.<br />

Am Klavier unterrichtet ihn seine<br />

Mutter, dann sein Vater. Mit<br />

sieben debütiert er als Pianist.<br />

1975 wird er Chefdirigent <strong>des</strong><br />

Orchestre de Paris, von 1991 bis<br />

2006 Chefdirigent <strong>des</strong> Chicago<br />

Symphony Orchestra. Seit 1992<br />

ist er Künstlerischer Leiter und<br />

Generalmusikdirektor der<br />

Staatsoper Unter den Linden in<br />

Berlin. Jüngstes Projekt: die<br />

Barenboim-Said-Akademie, an<br />

der Musiker aus dem Nahen<br />

Osten unterrichtet werden sollen<br />

Man könnte einfach abstimmen lassen.<br />

Schäuble: Wenn Sie Demokratie<br />

durch permanente Demoskopie ersetzen,<br />

erleben Sie ein ziemliches Desaster.<br />

Es ist ja schon eine intensive Führungsaufgabe,<br />

die relevanten Fragen überhaupt<br />

herauszuschälen. Schauen Sie sich die sozialen<br />

Netzwerke im Internet an. Daraus<br />

etwas zu machen, stelle ich mir schwierig<br />

vor. Brauchen wir jetzt einen Kindergarten?<br />

Brauchen wir die neue Straße oder<br />

nicht? Es muss ja zu irgendwas kommen.<br />

Die guten Musiker können zur Not auch<br />

so spielen. Obwohl es zu einem gemeinsamen<br />

Verständnis, zu einer gemeinsamen<br />

Interpretation <strong>des</strong> Stückes kommen<br />

muss, damit es Kunst wird.<br />

In Deutschland gibt es eine Skepsis der<br />

Führung gegenüber. Wie würden Sie<br />

Führung beschränken? Es gibt ja auch<br />

Lust an Führung, am eigenen Auftritt,<br />

an der charismatischen Wirkung. Waren<br />

Sie sich in dieser Hinsicht selber gegenüber<br />

schon mal skeptisch?<br />

41<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Gespräch<br />

Schäuble: Wir Deutschen haben es in<br />

der Geschichte schon einmal so übertrieben<br />

mit der Führung, dass auch die nachfolgenden<br />

Generationen geheilt sind. Was<br />

im Auftreten wichtig ist: Sie dürfen den<br />

Leuten keine Dinge versprechen, die Sie<br />

nie hinkriegen können. Auch wenn es die<br />

Leute hören wollen, sollten Sie da unbedingt<br />

sehr zurückhaltend sein, sonst sind<br />

die Leute hinterher enttäuscht.<br />

Herr Barenboim, Sie haben in Ihrem<br />

Buch „Klang ist Leben. Die Macht der<br />

Musik“ geschrieben, in der Musik gebe<br />

es ebenso wie im Leben eine unauflösbare<br />

Verbindung zwischen Tempo und<br />

Substanz. <strong>Der</strong> Osloer Friedensprozess<br />

zwischen Palästinensern und Israelis<br />

sei zum Scheitern verurteilt gewesen.<br />

Denn das Verhältnis von Zeit und Substanz,<br />

von Tempo und Inhalt habe nicht<br />

gestimmt.<br />

Barenboim: Wenn ich eine Bruckner-Symphonie<br />

dirigiere, muss ich eine<br />

strategische Idee entwickeln. Wie ich<br />

zum Beispiel mit der Dynamik umgehe,<br />

sonst habe ich alle zwölf Takte einen Höhepunkt.<br />

Das ist in der Musik genau wie<br />

in der Politik. Große Leute sind große<br />

Strategen, und die mittelmäßigen Leute<br />

sind nur Taktiker.<br />

Wie ist es heute mit den Verhandlungen<br />

zwischen Israelis und Palästinensern?<br />

Barenboim: Wir haben jetzt eine Versöhnung<br />

zwischen Fatah und Hamas. Niemand<br />

weiß, ob sie halten wird. In jedem<br />

Fall verstehe ich die israelische Regierung<br />

nicht. Sie sagt: Wir können mit Hamas<br />

keinen Frieden schließen, aber sie sollte<br />

ja nicht mit der Hamas allein verhandeln,<br />

sondern mit der gesamten palästinensischen<br />

Regierung. Dabei gibt es jetzt die<br />

Möglichkeit, dass die Palästinenser in<br />

Verhandlungen mit einer Zunge sprechen.<br />

Deswegen ist es ein strategischer Fehler,<br />

das Gespräch zu verweigern.<br />

Herr Schäuble, leben wir nicht in einer<br />

Zeit ausgeprägter Ungleichzeitigkeiten?<br />

Die Ukraine und Russland sind in einer<br />

anderen Zeit. Ist es nicht unser Problem,<br />

dass wir das nicht anerkennen?<br />

Schäuble: Jede Zeit hat ihre Probleme,<br />

von denen ihre Protagonisten immer<br />

denken, sie seien die allergrößten.<br />

Das Empfinden von Ungleichzeitigkeit<br />

Minister<br />

Wolfgang Schäuble wurde 1942<br />

in Hornberg im Schwarzwald<br />

geboren. Sein Vater, eine Zeit<br />

lang Landtagsabgeordneter,<br />

verlangt den drei Söhnen beste<br />

Leistungen ab. Wolfgang<br />

Schäuble wird Jurist und zieht<br />

schon mit 20 Jahren in den<br />

Bun<strong>des</strong>tag ein. Erster Bonner<br />

Führungsjob: Parlamentarischer<br />

Geschäftsführer der CDU/CSU.<br />

Danach Chef von Helmut Kohls<br />

Kanzleramt, Innenminister und<br />

fast ein Jahrzehnt Fraktionschef.<br />

Unter Merkel zunächst<br />

Innenminister. Seit 2009 und<br />

damit in der Eurokrise<br />

Bun<strong>des</strong>minister der Finanzen<br />

hat damit zu tun, dass wir durch die<br />

Verkehrs- und Kommunikationstechnologie<br />

ganz anders verbunden sind. Zugleich<br />

wollen wir aber von dem, was wir<br />

da erfahren, was auch so schnell erreichbar<br />

ist, nicht berührt werden. Wir in Europa<br />

müssen uns offenbar mit der Tatsache<br />

beschäftigen, dass die Abwesenheit<br />

von Gewalt auch in diesem Jahrhundert<br />

nicht so sicher ist, wie wir uns das vorgestellt<br />

haben. Wir können ja gar nicht<br />

glauben, was da in der Ukraine und in<br />

Russland stattfindet. Dabei sind es ganz<br />

alte Verhaltensmuster. 1994 hat – nicht<br />

so weit von hier entfernt im Schauspielhaus<br />

– François Mitterrand sich als französischer<br />

Präsident von Deutschland<br />

Foto: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong><br />

42<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


verabschiedet. Da hat er gesagt: „Le nationalisme<br />

c’est la guerre!“ – „<strong>Der</strong> Nationalismus,<br />

das ist der Krieg!“ Wir haben<br />

geglaubt, der Satz sei nicht mehr zeitgemäß.<br />

Jetzt beobachten wir: Kaum spielt<br />

man auf dem Klavier <strong>des</strong> Nationalismus,<br />

schon wird er überall lebendig.<br />

Mitterrand hat auch gesagt: „Man<br />

muss der Zeit Zeit lassen.“ In dem Problem<br />

Israel-Palästina bedarf es einer<br />

enormen Geduld. Muss sich die Politik<br />

hier entschleunigen?<br />

Barenboim: Das glaube ich überhaupt<br />

nicht. Im Gegenteil. Beide Seiten<br />

machen einen strategischen Fehler, indem<br />

sie denken, die Zeit arbeite für sie.<br />

Herr Schäuble, was macht es Politikern<br />

so schwer, langfristig zu denken?<br />

Schäuble: Gesellschaften, denen es<br />

einigermaßen gut geht, haben Angst vor<br />

Veränderungen. Deswegen sind kurzfristige<br />

Dinge am leichtesten durchsetzbar.<br />

Wenn du wenig machst, hast du es am<br />

leichtesten.<br />

Da fällt einem die Kanzlerin ein.<br />

Schäuble: Moment, langsam.<br />

Schauen Sie sich mal Meinungsumfragen<br />

an. Sie finden für jede Forderung<br />

nach Steuersenkungen Mehrheiten von<br />

80 Prozent. Sie finden für die Forderungen,<br />

keine neuen Schulden zu machen,<br />

80 Prozent. Sie finden für die meisten<br />

guten Aufgaben – mehr für Straßenbau,<br />

mehr für Kultur, mehr für soziale Sicherung<br />

– 80 Prozent in Meinungsumfragen.<br />

Machen Sie daraus einmal Politik.<br />

Sie müssen nur die Grundrechenarten<br />

außer Kraft setzen.<br />

Sie wollten auf Angela Merkel zu sprechen<br />

kommen.<br />

Schäuble: Daraus erklärt sich auch<br />

ein Effekt, den wir in den meisten Demokratien<br />

haben: Kaum ist eine Regierung<br />

gewählt, nimmt die Zustimmung ab.<br />

Barack Obama war wie eine Verheißung.<br />

Davon ist nicht so furchtbar viel geblieben.<br />

Die rühmenswerte Ausnahme haben<br />

Sie gerade genannt. Es ist ja nicht<br />

so schlecht, wenn man eine Gesellschaft<br />

in einer Zeit schwieriger Veränderungen<br />

zusammenhält. Uns sagen jetzt alle, wir<br />

müssten Europa führen. Wir wollen Europa<br />

gar nicht führen. De facto müssen<br />

„ Merkels Tempo?<br />

Nicht<br />

schleppend,<br />

aber auch nicht<br />

eilend. Oder<br />

nicht zu<br />

geschwind “<br />

Daniel Barenboim<br />

wir es ein ganzes Stück weit tun. Die<br />

Bun<strong>des</strong>kanzlerin macht das nicht mit<br />

markigen Reden und erklärt, was Europa<br />

jetzt unbedingt zu tun hat. <strong>Der</strong> Effekt<br />

wäre, dass Europa alles täte, nur nicht<br />

dieses. Angela Merkel führt viel effizienter<br />

als diejenigen meinen, die ihr so wie<br />

Sie Führungsschwäche vorwerfen.<br />

Wir haben nur versucht, Merkels Stil zu<br />

beschreiben.<br />

Schäuble: Ich hab auch gerade nur<br />

versucht, ihren Stil zu beschreiben.<br />

Wie würden Sie, Herr Barenboim, Angela<br />

Merkels Stil mit einem musikalischen<br />

Tempo umschreiben?<br />

Barenboim: Allegro ma non troppo.<br />

Nicht schleppend, aber auch nicht eilend.<br />

Oder nicht zu geschwind.<br />

Mögen Sie dieses politische Tempo?<br />

Barenboim: Wir sind etwas von unserem<br />

Hauptthema abgekommen. Ich<br />

möchte vielleicht einen Gedanken einführen.<br />

Ein Musiker erlebt ein ständiges<br />

Hin und Her zwischen Bescheidenheit<br />

und Selbstsicherheit. Wenn ich<br />

einen Klavierabend gebe in einem Saal<br />

von 2000 Leuten, werden Sie nicht sagen,<br />

dass ich bescheiden bin. Aber gegenüber<br />

den Stücken muss ich total bescheiden<br />

sein. So ist es auch in der Führung:<br />

Jeder Mensch, der führt, ist ein sehr einsamer<br />

Mensch. Es gibt eine Distanz zwischen<br />

dem Kollektiv und demjenigen,<br />

der die <strong>letzte</strong> Entscheidung treffen muss.<br />

Vielleicht ist der Erfolg beim Publikum<br />

die Kompensation für diese Einsamkeit.<br />

Herr Schäuble, wie kann ein Politiker die<br />

Balance zwischen dem Ego und der Demut<br />

gegenüber der Sache halten?<br />

Schäuble: Daniel Barenboim hat uns<br />

an einen Punkt gebracht, der mit dem<br />

Phänomen der Führung viel zu tun hat.<br />

Einerseits Respekt. Gegenüber jedem<br />

Künstler, der sein Instrument ja ziemlich<br />

gut beherrscht. Andererseits muss der Dirigent<br />

seine Interpretation durchsetzen<br />

und das Orchester dafür gewinnen.<br />

Ist das in der Politik auch so?<br />

Schäuble: Ein guter Minister ist nicht<br />

der, der am meisten von einem bestimmten<br />

Fach versteht. <strong>Der</strong> beste Politiker ist<br />

nicht der beste Experte. <strong>Der</strong> lässt sich<br />

im Zweifel nicht mehr fachlich beraten.<br />

Politik ist Entscheidung. Das Zusammenführen<br />

unterschiedlicher Gesichtspunkte<br />

und Interessen im richtigen Moment.<br />

Glück gehört auch dazu. Man muss<br />

sich die richtige Mischung aus Mut und<br />

Demut bewahren.<br />

Barenboim: Ein guter Musiker<br />

braucht Begabung. Diese Begabung<br />

bringt uns zu dem Punkt, wo wir wissen,<br />

dass wir ganz bescheiden sein müssen,<br />

um ein Stück zu verstehen und es aufführen<br />

zu können. Auf der anderen Seite<br />

gibt es die Ambition. Die Ambition darf<br />

nicht über die Begabung gehen. Die richtige<br />

Formel ist: Immer 15 Prozent weniger<br />

Ambition als Begabung.<br />

Herr Schäuble, wie arbeiten Sie als Finanzdirigent?<br />

Wann handeln Sie intuitiv,<br />

wann strategisch?<br />

Schäuble: Als ich Finanzminister<br />

geworden bin und über meine Rolle in<br />

Europa nachgedacht habe, habe ich mir<br />

vorgenommen, nicht nur das deutsche Interesse<br />

zu sehen. Sondern: Was könnte<br />

die richtige Lösung für Europa sein? Vielleicht<br />

hat das mit meiner Ausbildung als<br />

Jurist zu tun. Als Jurist muss man verhandeln<br />

können, und das kann man nur,<br />

wenn man den Verhandlungspartner versteht.<br />

Deswegen habe ich im Finanzministerium<br />

von Anfang an gesagt: Ich will<br />

nicht immer nur wissen, was aus Sicht<br />

unseres Ministeriums die beste Lösung<br />

wäre. Sondern zunächst mal: Was könnte<br />

für Europa die richtige Lösung sein?<br />

43<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Gespräch<br />

Wie haben Ihre deutschen Politikerkollegen<br />

darauf reagiert?<br />

Schäuble: In den ersten zwei Jahren<br />

hieß es: <strong>Der</strong> ist so romantisch für Europa,<br />

der vergisst, dass er der deutsche Finanzminister<br />

ist. Das haben sie in meiner eigenen<br />

Fraktion, na ja, nicht richtig gesagt,<br />

aber gedacht. Inzwischen ist den meisten<br />

klar: Die deutschen Interessen sind nicht<br />

das Gegenteil der europäischen Interessen.<br />

Dazu muss man seine Verhandlungspartner<br />

in Europa mit ihren Interessen<br />

und Überzeugungen begreifen.<br />

Barenboim: Ich finde sehr wichtig,<br />

was Herr Schäuble über das Verhandeln<br />

erzählt. Oft ist man in Verhandlungen<br />

von der eigenen Position viel zu sehr<br />

überzeugt. Man denkt: Am Ende wird<br />

der andere das einsehen. Dadurch sind<br />

auch viele Verhandlungen zwischen Israelis<br />

und Palästinensern gescheitert.<br />

Herr Barenboim, was macht für Sie einen<br />

großen Politiker aus?<br />

Barenboim: Große politische Persönlichkeiten<br />

brauchen eine Art moralischer<br />

Autorität. Die hat man oder<br />

man hat sie nicht. Es gibt sie nicht durch<br />

Wahlen, man kann sie auch nicht kaufen.<br />

Manchmal ist die Entscheidung kurzfristig<br />

sehr unpopulär. Aber wenn diese Persönlichkeit<br />

moralische Autorität besitzt,<br />

kann sie es trotzdem machen.<br />

Herr Schäuble, Sie müssten neidisch<br />

sein auf Herrn Barenboim, denn jeder<br />

Orchestermusiker hat seine Rolle und<br />

bekennt sich zu etwas Gemeinsamen.<br />

Sind wir nicht in einer Gesellschaft, in<br />

der sich das Bürgerliche auflöst? Ist es<br />

schwieriger geworden, in dieser Gesellschaft<br />

politisch zu führen?<br />

Schäuble: Das haben die Älteren immer<br />

so empfunden. Natürlich verändern<br />

sich Gesellschaften rasant. Dass immer<br />

alles schlechter wird, glaube ich nicht. Im<br />

Übrigen bezweifle ich, ob der Vergleich<br />

einer bürgerlichen Gesellschaft mit einem<br />

Orchester passt. Um in einem Orchester,<br />

das von Daniel Barenboim dirigiert<br />

wird, überhaupt dabei zu sein,<br />

müssen Sie unglaublich viel gearbeitet<br />

und geleistet haben.<br />

Das ist doch sehr bürgerlich.<br />

Schäuble: Diese Art von Anstrengung<br />

ist heute nicht mehr unbedingt im<br />

„ Sie sind einsam.<br />

Sie können<br />

falsch liegen.<br />

Aber Sie müssen<br />

entscheiden,<br />

sonst ist es ganz<br />

falsch “<br />

Wolfgang Schäuble<br />

Bürgerlichen inbegriffen. Nicht nur in der<br />

Beziehung gleicht eine Gesellschaft einem<br />

Symphonieorchester.<br />

Barenboim: Im Orchester ist die<br />

Minderheit auch immer am lautesten.<br />

Die Schlagzeuger.<br />

Schäuble: Aber irgendein Dirigent<br />

hat mir auch einmal erklärt, dass der<br />

Paukist ein wichtiger Partner <strong>des</strong> Dirigenten<br />

ist.<br />

Barenboim: Natürlich.<br />

Schäuble: Deswegen sitzt der auch<br />

immer in der Mitte. Demokratie heißt ja,<br />

zunächst einmal zu akzeptieren, dass jeder<br />

Mensch, der eine andere Meinung hat,<br />

auch recht haben kann. Das ist das, was<br />

ich Demut nenne. Ohne diese Grundbereitschaft,<br />

die andere Meinung zu akzeptieren,<br />

können Sie auch nicht führen.<br />

Die Diskussion wird fürs Publikum geöffnet,<br />

ein Mikrofon wird herumgereicht.<br />

Frage einer Zuschauerin: Ich bin aus<br />

Frankreich nach Berlin gekommen, um<br />

in einem deutsch-französischen Unternehmen<br />

zu arbeiten. Wie stehen Sie zu<br />

Regeln? Wie wichtig sind die Regeln?<br />

Schäuble: Eine sehr spannende<br />

Frage. Mit meinem französischen Kollegen<br />

habe ich schon mehrfach darüber<br />

geredet. Wir müssen uns besser verstehen<br />

darin, was Regeln sind und was nicht.<br />

Die Franzosen haben ihre Intellektualität.<br />

Französische Politiker schreiben im<br />

Schnitt mehr Bücher und auch bessere<br />

als ihre deutschen Kollegen. Sie formulieren<br />

wunderbar. Aber wenn es darum<br />

geht, das Formulierte umzusetzen, sind<br />

die Deutschen viel besser. Daraus entstehen<br />

Spannungen. Die einen müssen<br />

von den Stärken der anderen profitieren.<br />

Das andere ist: Solange wir in Europa<br />

bestimmte Entscheidungen nicht im Europäischen<br />

Parlament und einer europäischen<br />

Regierung treffen, müssen wir mit<br />

Verträgen arbeiten. Die setzen aber voraus,<br />

dass sie alle anwenden – so wie sie<br />

beschlossen sind. Da gibt es in Europa<br />

große Unterschiede.<br />

Barenboim: Ich bin jetzt in Berlin<br />

sehr glücklich, wo ich schon fast 22 Jahre<br />

arbeite. Und ich habe 15 sehr glückliche<br />

Jahre in Paris hinter mir. Einige Sätze<br />

französischer Musiker werde ich nie vergessen.<br />

1971 haben wir für die 9. Symphonie<br />

von Bruckner geprobt. Da gibt<br />

es am Anfang einen sehr schweren Einsatz<br />

von Holzbläsern. Oboe, Klarinette<br />

und Fagott. Tief und sehr leise. Es ist sehr<br />

schwer, Oboe tief und leise zu spielen.<br />

Die Probe hat viel Zeit in Anspruch genommen,<br />

wir haben mit viel Geduld an<br />

der Stelle gearbeitet. Am Ende habe ich<br />

gesagt: „Das ist wirklich schon sehr gut.<br />

Wäre es möglich, es noch leiser zu bekommen?“<br />

Da sagte die zweite Oboe:<br />

„Unmöglich ist nicht französisch.“ Mes<br />

compliments, Madame.<br />

Frage eines Zuschauers: Ich habe in den<br />

vergangenen Jahren versucht, in Berlin<br />

ein Unternehmen aufzubauen. Führen<br />

heißt ja auch, Entscheidungen zu<br />

treffen, die falsch sein können. Welche<br />

Fehler bei sich selbst haben Sie erkannt?<br />

Schäuble: Politiker machen ständig<br />

Fehler. Aber so ist unsere mediale Welt:<br />

Wenn Sie darüber reden, machen Sie einen<br />

größeren Fehler. <strong>Der</strong> größte Fehler,<br />

den man manchen kann, ist es, gar nicht<br />

zu entscheiden. Sie sind einsam. Sie müssen<br />

auch wissen, dass Sie falsch liegen<br />

können. Aber Sie müssen trotzdem entscheiden,<br />

sonst ist es ganz falsch.<br />

Barenboim: <strong>Der</strong> Mensch kann nicht<br />

funktionieren – weder emotional noch rational<br />

–, wenn er ängstlich ist. Die Angst,<br />

etwas falsch zu machen, die Angst vor<br />

dem Publikum, die Angst, auf die Bühne<br />

zu gehen. Das ist vielleicht der größte<br />

Kampf, den wir Künstler bestehen müssen,<br />

täglich.<br />

44<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


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BERLINER REPUBLIK<br />

Kommentar<br />

MISSTRAUT<br />

EUCH!<br />

Keine staatliche<br />

Institution verdient weniger<br />

Vertrauen als ein<br />

Nachrichtendienst und sein<br />

Chef. Deshalb darf<br />

auch nicht die Regierung entscheiden,<br />

was geheim<br />

bleiben muss<br />

Von<br />

FRANK A. MEYER<br />

Die Regierung der Bun<strong>des</strong>republik Deutschland<br />

beruft sich auf ein Gutachten der Washingtoner<br />

Kanzlei Rubin, Winston, Diercks,<br />

Harris & Cooke. Es sollte die Frage klären, ob der<br />

flüchtige Geheimdienstmitarbeiter Edward Snowden<br />

gemäß amerikanischer Rechtslage vor den NSA-Untersuchungsausschuss<br />

<strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>tags nach Berlin geladen<br />

werden darf.<br />

Und Rubin, Winston, Diercks, Harris & Cooke<br />

klärten die Deutschen auf. Ihr Gutachter, der Kanzlei-<br />

Partner Jeffrey Harris, übermittelte Berlin eine Analyse<br />

mit der zwingenden Schlussfolgerung, dass sich<br />

jeder nach US-Recht schuldig mache, „der dazu beiträgt,<br />

dass Snowden gestohlene (als geheim) klassifizierte<br />

Informationen enthüllt“.<br />

America locuta, causa finita?<br />

Deutsche Bun<strong>des</strong>tagsabgeordnete würden also zu<br />

Kriminellen, wenn sie Grundrechtsverletzungen der<br />

US-Regierung in Deutschland aufzuklären suchten?<br />

Lilian Harveys zauberhafter Schlager „Das gibt’s<br />

nur einmal“ hebt an mit den Worten: „Wein ich? Lach<br />

ich? Träum ich? Wach ich?“ Ja, man ist ratlos wie der<br />

Star der Zwanziger und Dreißiger, liest man, was die<br />

Bun<strong>des</strong>regierung dem Parlament zumutet. Ihrer Legislative!<br />

<strong>Der</strong> gesetzgebenden Staatsgewalt!<br />

Ist größere Verachtung einer Regierung für das<br />

Parlament denkbar? Hat es diese Regierung doch zu<br />

kontrollieren, ist es ihr doch übergeordnet!<br />

Wie wär’s damit: Die Regierung der Bun<strong>des</strong>republik<br />

Deutschland erteilt einer Moskauer Anwaltskanzlei<br />

den Auftrag für ein Gutachten in Sachen Krim/Ukraine<br />

– und leitet deren völkerrechtliche Schlussfolgerungen<br />

als Regierungsbescheid an den Auswärtigen<br />

Ausschuss <strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>tags weiter?<br />

Rossia locuta, causa finita!<br />

<strong>Der</strong> Fall Snowden/NSA entlarvt ein irritieren<strong>des</strong><br />

Demokratieverständnis der Regierung in Berlin: Sie<br />

will bestimmen, welche geheimen Unterlagen der untersuchenden<br />

Parlamentarierkommission zur Verfügung<br />

gestellt werden. Und ihre Weigerung, mehr als<br />

das absolute Minimum aus den Tresoren zu holen, wird<br />

begründet mit Staatssicherheit und Staatsräson.<br />

Wie ließ sich doch Verfassungsschutzpräsident<br />

Hans-Georg Maaßen vernehmen? „Wir müssen darauf<br />

achten, dass durch die Preisgabe von Informationen<br />

nicht die Sicherheit in Deutschland gefährdet wird.“<br />

Et voilà!<br />

Die unwiderruflich <strong>letzte</strong>, ewige Schutzbehauptung<br />

aller Geheimdienste, von Stasi und KGB bis BND<br />

und NSA: Wer Licht anknipst in unserer Dunkelkammer,<br />

vergeht sich an Volk und Vaterland.<br />

Maaßen nimmt den Knüppel gleich aus dem Sack:<br />

„Mit den Informationen der Amerikaner ist es uns in<br />

der Vergangenheit im Vorfeld gelungen, Terroranschlagspläne,<br />

die auf dem deutschen Boden verübt<br />

werden sollten, rechtzeitig aufzudecken.“<br />

Wer’s glaubt, zahlt einen Taler, wer’s nicht glaubt,<br />

erst recht.<br />

Seit dem Anschlag vom 11. September 2001 auf<br />

das New Yorker World Trade Center verschattet der<br />

Begriff Sicherheit den Begriff Freiheit – den fundamentalen<br />

Begriff demokratischen Bewusstseins. Und was<br />

heißt hier Schatten? Sicherheit erstickt Freiheit, immer<br />

öfter. Wie gerade jetzt im Deutschen Bun<strong>des</strong>tag.<br />

Wie herrlich aber reimt sich das Mantra Sicherheit<br />

auf das Mantra Vertrauen!<br />

Bun<strong>des</strong>nachrichtendienstchef Gerhard Schindler<br />

lässt es sich nach eigenem Bekunden angelegen sein,<br />

„unsere Vertrauensbasis in der Gesellschaft zu verbreitern“.<br />

In den USA firmiert der Schnüffelapparat<br />

unter der pathetischen Bezeichnung „Homeland Security“<br />

– Heimatschutz. Allein das Wort soll jedem<br />

kritischen Bürger den Widerspruch auf den Lippen<br />

Illustration: Anja Stiehler/Jutta Fricke Illustrators<br />

46<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Anzeige<br />

ersterben lassen: Wer dem Heimatschutz misstraut –<br />

misstraut der Heimat.<br />

Zum Wesen <strong>des</strong> demokratischen Rechtsstaats gehört<br />

Vertrauen nur sehr bedingt. Er ist vielmehr geboren<br />

aus Misstrauen gegenüber der Staatsgewalt.<br />

Dem Misstrauen verdanken wir Montesquieus geniales<br />

Staatsmodell der Gewaltenteilung, der „Checks<br />

and Balances“.<br />

So verdient eine Regierung zwar Vertrauen, das<br />

aber gleichzeitig über die parlamentarische Kontrolle<br />

durch Misstrauen einzuhegen ist. Ebenso wie das Parlament<br />

durch das Misstrauen – Neuwahlen und Abwahlen<br />

– <strong>des</strong> Volkes.<br />

Institutionalisiertes Misstrauen bildet die Hefe,<br />

welche die Demokratie aufgehen lässt.<br />

Wer aber verdient mehr Misstrauen als alle anderen<br />

staatlichen Institutionen? Die Geheimdienste!<br />

Sie sind der Demokratie wesensfremd, wenngleich<br />

notwendig – allerdings nie und nimmer in Ausmaß<br />

und Machtfülle, die sie heute für sich beanspruchen.<br />

Ihnen gegenüber ist grundsätzlich Misstrauen<br />

angebracht. Auch und insbesondere ihren Chefs<br />

gegenüber.<br />

Hans-Georg Maaßen mag ein vertrauenswürdiger<br />

Mensch sein, für seine Familie, seine Freunde, im zivilen<br />

Leben. Als Verfassungsschutzpräsident verdient<br />

er – Misstrauen.<br />

Bun<strong>des</strong>nachrichtendienstchef Gerhard Schindler<br />

mag die Verkörperung persönlicher und privater<br />

Vertrauenswürdigkeit sein. Als BND-Boss verdient<br />

er – Misstrauen!<br />

Angela Merkel hat die Kultur somnambulen Vertrauens<br />

zum politischen Erfolgsrezept gemacht. Ihr<br />

Schlusswort im TV-Wahlduell mit Peer Steinbrück eröffnete<br />

sie mit den schlichten Worten: „Sie kennen<br />

mich …“<br />

Bescheidener kann man nicht um Vertrauen werben.<br />

Das Buhlen um Vertrauen ist stets mit einer Prise<br />

Demut versetzt.<br />

Tugenden sind der demokratischen Sittlichkeit<br />

durchaus dienlich – und daher löblich. Dennoch ist<br />

die Demokratie nicht auf atmosphärischen Sand gebaut,<br />

vielmehr auf Überprüfung und Kontrolle, Sanktion<br />

und Abwahl. Laut Karl Popper, dem Philosophen<br />

der offenen Gesellschaft, beruht der demokratische<br />

Rechtsstaat auf Versuch und Irrtum – was Skepsis, was<br />

Misstrauen voraussetzt.<br />

Und wäre ein gewisses Restvertrauen in Deutschlands<br />

Sicherheitsbehörden noch bis vor wenigen Jahren<br />

allenfalls zu rechtfertigen gewesen, seit sich die<br />

Geheimdienste per Internet systematisch vernetzen,<br />

von Washington über London bis Berlin, ist impertinentes<br />

Misstrauen erste Bürgerpflicht.<br />

Demokratenpflicht.<br />

FRANK A. MEYER ist Journalist und Gastgeber der<br />

politischen Sendung „Vis-à-vis“ in 3sat<br />

Wenn ich mir vorstelle…<br />

Unbenannt-1 1 11.03.14 20:55<br />

dass ich nach meinem Unfall<br />

nicht mehr als Musiker hätte<br />

arbeiten können.<br />

Je<strong>des</strong> Jahr erleiden<br />

270.000 Menschen eine<br />

Schädelhirnverletzung.<br />

Viele Unfallopfer können<br />

nicht mehr sprechen, nicht<br />

mehr laufen, nicht mehr<br />

arbeiten.<br />

„Vorsorge und Vorsicht<br />

sind wichtig.<br />

Aber im Leben passieren<br />

leider auch Unfälle. Ich<br />

habe der Rehabilitation<br />

viel zu verdanken“.<br />

Stefan Tiefenbacher, Musiker<br />

Werden auch Sie aktiv und<br />

helfen Sie durch Ihre Spende!<br />

ZNS – Hannelore Kohl Stiftung<br />

Spendenkonto Sparkasse KölnBonn<br />

IBAN: DE31 3705 0198 0030 0038 00, BIC: COLSDE33<br />

www.hannelore-kohl-stiftung.de


BERLINER REPUBLIK<br />

Debatte<br />

DER PREKÄRE FRIEDEN<br />

Im Ukrainekonflikt<br />

zeigt uns Putin,<br />

dass wir die Fähigkeit<br />

zur Lan<strong>des</strong>- und<br />

Bündnisverteidigung<br />

wiederherstellen<br />

müssen. Inklusive<br />

Wehrpflicht<br />

Von KARL FELDMEYER<br />

Krieg“, das Wort hatte die politische<br />

Klasse mit dem Ende <strong>des</strong> Kalten<br />

Krieges aus ihrer Vorstellungswelt<br />

verbannt – nicht für den Rest der Welt,<br />

wohl aber für Europa. Deutschlands<br />

ehemaliger Außenminister Genscher<br />

fasste das nach dem Fall der Mauer in<br />

Deutschland entstandene neue Lebensgefühl<br />

in einem Satz zusammen: „Wir<br />

sind von Freunden umzingelt.“ Streitkräfte<br />

brauchen wir – wenn überhaupt –<br />

dann nur noch für Friedensmissionen in<br />

fernen Ländern: Afghanistan, Somalia,<br />

Mali, Zentralafrika und wer weiß, wo<br />

sonst noch, aber nicht für uns hier in Europa.<br />

Lan<strong>des</strong>verteidigung wurde zum alten<br />

Hut, den sich niemand mehr aufsetzen<br />

wollte. Da war die Aussetzung der<br />

Wehrpflicht nur eine selbstverständliche<br />

Konsequenz dieser Weltsicht, die vor allem<br />

einem entsprach: unseren Wünschen,<br />

mehr noch unserem Lebensgefühl.<br />

Argumente, die dieser Sicht entgegenstanden,<br />

hatten keine Chance. Die<br />

Mehrheit hatte beschlossen, die Erfahrungen<br />

der Vergangenheit hätten ausgedient:<br />

Vorsorge gegen Krieg, Verteidigungsfähigkeit,<br />

Wehrpflicht: Sie alle<br />

hatten keinen Platz mehr in unserer schönen<br />

neuen Welt.<br />

Dieser Traum ist ausgeträumt, und<br />

die Forderung nach Reaktivierung der<br />

Wehrpflicht wird schon geäußert, wenn<br />

auch nur vereinzelt und zum Entsetzen<br />

der meisten Zuhörer. <strong>Der</strong> Mann, der uns<br />

vom Irrtum <strong>des</strong> ewigen Friedens in Europa<br />

– ganz gegen unseren Willen – befreit<br />

hat, heißt Wladimir Putin. Was<br />

Anfang dieses Jahres als Protest der<br />

Westukraine gegen eine Rückkehr <strong>des</strong><br />

Lan<strong>des</strong> in den russischen Hegemonialbereich<br />

begann, hat die Ukraine und Europa<br />

an den Rand eines veritablen Krieges<br />

mit Russland geführt – und niemand<br />

weiß, wie lange der prekäre Frieden noch<br />

halten wird.<br />

Seit die Krim den Besitzer gewechselt<br />

hat und Putin auch seine militärische<br />

Macht einsetzt, um sich die Ukraine<br />

politisch gefügig zu machen – ja, möglicherweise<br />

sogar die politische Landkarte<br />

Osteuropas so zu zeichnen, wie sie zu<br />

Zeiten der Sowjetunion aussah –, hat unsere<br />

Gewissheit, Krieg in Europa sei kein<br />

Thema mehr, Risse bekommen. Bun<strong>des</strong>regierung<br />

und Nato haben zwar versichert,<br />

im Ukrainekonflikt komme für sie<br />

der Einsatz militärischer Mittel nicht in<br />

Betracht. Aber allein schon, dass sie sich<br />

zu einer derartigen Versicherung veranlasst<br />

sahen, verrät, dass dies nicht mehr<br />

selbstverständlich ist, denn über Selbstverständliches<br />

verliert man keine Worte.<br />

Dennoch: Zwischen der Überlegung,<br />

die Wehrpflicht zu reaktivieren, und einem<br />

entsprechenden Parlamentsbeschluss<br />

liegen Welten. Dafür gibt es viele<br />

Gründe und der wichtigste ist: Wir wollen<br />

es nicht. Nicht weil die Wehrpflicht<br />

bis zu ihrer 2011 verfügten Aussetzung<br />

in der Bevölkerung und bei den Wehrpflichtigen<br />

selbst auf Ablehnung gestoßen<br />

wäre, sondern weil ihre Reaktivierung<br />

unter den derzeitigen Umständen<br />

als das Eingeständnis einer Krise, ja einer<br />

möglichen Kriegsgefahr empfunden<br />

würde, als Beleg einer Veränderung zum<br />

Schlechten, gegen die wir uns vehement<br />

wehren.<br />

Ein weiterer Grund hat erhebliches<br />

Gewicht. Ein erstaunlich großer<br />

Teil unserer Bevölkerung bringt Putins<br />

Vorgehen Verständnis entgegen.<br />

„Putin-Versteher“ werden sie bissig genannt,<br />

und unter ihnen finden sich sogar<br />

die ehemaligen Bun<strong>des</strong>kanzler Schmidt<br />

und Schröder. Aber auch von Kohl kamen<br />

kritische Anmerkungen zu diesem<br />

Thema. Selbst ein Mann wie der ehemalige<br />

US-Außenminister Kissinger zeigt<br />

Verständnis für Putin und hebt hervor,<br />

dass die Ukraine für Russland nicht „irgendein<br />

beliebiges frem<strong>des</strong> Land“ sei,<br />

sondern die Wiege Russlands. „Russlands<br />

Geschichte begann mit der Kiewer<br />

Rus. Von hier aus verbreitete sich die russische<br />

Religion. Die Ukraine war jahrhundertelang<br />

ein Bestandteil Russlands“,<br />

erinnert Kissinger seine Leser.<br />

ES IST VERMUTLICH EINE ähnliche Sicht<br />

<strong>des</strong> Ukrainekonflikts in breiten Teilen<br />

unseres Lan<strong>des</strong>, die dazu führt, dass die<br />

Reaktionen auf die Krise in der Öffentlichkeit<br />

– und in der Wirtschaft – gelassen<br />

sind. Man bewertet dies quasi als innerrussische<br />

Angelegenheit, die einen selbst<br />

nichts angeht, bei der man Zuschauer ist<br />

und bleiben will. Dass die Politiker dies<br />

anders sehen, beunruhigt so lange nicht,<br />

wie sie ein militärisches Eingreifen ausschließen<br />

und keine Sanktionen stattfinden,<br />

die die eigenen Interessen tangieren.<br />

Man denke nur an<br />

Bun<strong>des</strong>verteidigungsminister<br />

Karl-Theodor zu Guttenberg<br />

am 15. Juni 2010 in einem<br />

Spiegel-Interview:<br />

„Die Notwendigkeit der<br />

Verteidigung an den Grenzen<br />

unseres Lan<strong>des</strong> ist doch heute<br />

schon auf ein Minimum geschrumpft.<br />

Die Strukturen der<br />

Bun<strong>des</strong>wehr atmen aber zum<br />

Teil noch den Geist <strong>des</strong> Kalten<br />

Krieges. Man hat sich bemüht,<br />

das zu ändern. Transformation<br />

hieß das. Gebracht hat es<br />

noch zu wenig. Deshalb habe<br />

ich jetzt eine Strukturkommission<br />

ins Leben gerufen. Das<br />

halte ich für das treffendere<br />

Wort. Wir müssen eben auch<br />

die Struk turen verändern.“<br />

48<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Illustration: Jens Bonnke<br />

49<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


BERLINER REPUBLIK<br />

Debatte<br />

unsere wirtschaftlichen Beziehungen,<br />

die wir zu Russland – weit weniger dagegen<br />

zur Ukraine – haben und von denen<br />

rund 300 000 deutsche Arbeitsplätze<br />

abhängen.<br />

Anders sähe unsere Wirklichkeit aus,<br />

wenn Putin nicht nur nach der Ukraine<br />

greifen sollte, sondern – sollte er Erfolg<br />

damit haben – auch nach anderen Teilen<br />

der einstigen Sowjetunion. Ob und<br />

wie wir reagieren würden, wenn sich Putins<br />

Begehrlichkeit auf asiatische Staaten<br />

richten würde, die bis vor gut 30 Jahren<br />

von Moskau regiert wurden, lässt sich<br />

nicht voraussagen. Tadschikistan, Kasachstan,<br />

Usbekistan, Kirgisien – sie<br />

liegen uns fern, und selbst das ölreiche<br />

Aserbaidschan wäre uns wohl keine militärische<br />

Intervention wert.<br />

Bei den baltischen Staaten lägen die<br />

Dinge anders. Estland, Lettland, Litauen,<br />

die Hitler einst dem Zugriff der Roten<br />

Armee überließ, sind heute nicht nur Mitglieder<br />

der EU; sie sind seit 2004 Mitglieder<br />

der Nato. Sie sind aber auch Länder<br />

Bericht der Weizsäcker-Kommission<br />

zur Struktur der Bun<strong>des</strong>wehr<br />

im Mai 2000:<br />

„Die gegenwärtige Struktur der<br />

Bun<strong>des</strong>wehr ist während der vier<br />

Jahrzehnte politischer und militärischer<br />

Block-Konfrontation in<br />

Mitteleuropa entstanden. In den<br />

<strong>letzte</strong>n zehn Jahren hat es Anpassungen<br />

gegeben, nicht aber Reformen.<br />

Die politischen Verpflichtungen,<br />

die nationalen Interessen<br />

Deutschlands, die Entscheidungen<br />

der Partnerländer in Europa und<br />

die Entwicklungen in den verbündeten<br />

Streitkräften haben die Bedingungen<br />

deutscher Sicherheitsund<br />

Verteidigungs politik jedoch<br />

von Grund auf verändert.“<br />

Bericht der Weise-Kommission<br />

zur Struktur der Bun<strong>des</strong>wehr im<br />

Oktober 2010:<br />

„Das Ende <strong>des</strong> Kalten Krieges<br />

und der Fall der Mauer haben<br />

einen unvorhergesehenen Gewinn<br />

an Sicherheit für Deutschland<br />

gebracht. Deutschland ist<br />

heute umgeben von Partnern,<br />

viele der ehemaligen potenziellen<br />

Gegner sind heute Mitglieder<br />

in EU und NATO.“<br />

mit einer starken russischen Bevölkerung,<br />

deren Loyalität fraglich ist. In Estland<br />

sind 25 Prozent der Bevölkerung Russen.<br />

In Lettland leben 300 000 „Nichtbürger“,<br />

nämlich Russen, die die Annahme<br />

eines lettischen Passes verweigern. Was<br />

geschähe, wenn sie Putin zur Hilfe riefen?<br />

Ohne das Eingreifen der Nato würden<br />

diese Staaten wie 1940 Moskaus Opfer.<br />

Deshalb wäre Bündnissolidarität im<br />

Falle einer russischen Militäraktion eine<br />

Frage von Selbstbehauptung oder Scheitern;<br />

nicht nur für die baltischen Staaten,<br />

sondern für die Nato insgesamt. Putin<br />

hätte dann zwei Fliegen auf einmal<br />

erschlagen.<br />

Natürlich wäre ein russischer Angriff<br />

auf Estland, Lettland oder Litauen<br />

nackter Wahnsinn – für uns, aber auch<br />

für Russland. Nur: Wer kann garantieren,<br />

dass Wahnsinn nicht wieder stattfindet?<br />

Es wäre ja nicht das erste Mal. In der<br />

Anfangsphase wäre Putin zweifellos im<br />

Vorteil, denn was könnte die Nato fürs<br />

Erste aufbringen? Die Kräfte der baltischen<br />

Staaten sind zu vernachlässigen;<br />

Polen hat drei mechanisierte Divisionen,<br />

das deutsche Heer ist von einst zwölf Divisionen<br />

und 36 Brigaden auf zwei gepanzerte<br />

Divisionen und eine luftbewegliche<br />

Division aus Fallschirmjägern<br />

und Hubschraubern geschrumpft. Hinzu<br />

käme das, was Amerika zu stellen bereit<br />

wäre – und das ist ungewiss. Ob Frankreich<br />

dabei wäre, bliebe abzuwarten. Als<br />

es bis 1989 um die Verteidigung der Bun<strong>des</strong>republik<br />

ging, verweigerte sich Frankreich.<br />

Die Bun<strong>des</strong>republik war für Paris<br />

nur Glacis.<br />

Wer diese Zahlen liest, muss bedenken,<br />

dass Putin auf eine Armee von etwa<br />

einer Million Soldaten zurückgreifen<br />

könnte, darunter die 76. Sturmgruppe in<br />

Pskow (Pleskau) am Peipus‐See direkt an<br />

der Grenze mit Estland. Bis zur Universitätsstadt<br />

Tartu (Dorpat) würde dieser<br />

Eliteverband nur Minuten fliegen müssen<br />

und bis zur Hauptstadt Tallin (Reval)<br />

keine Stunde. Das zeigt: Helfen kann nur,<br />

was fertig ist, also einsatzbereit.<br />

Mit der direkten militärischen Bedrohung<br />

<strong>des</strong> Baltikums könnte der Augenblick<br />

gekommen sein, an dem hierzulande<br />

das politische Klima umschlagen<br />

würde und eine Mehrheit für die Rückkehr<br />

zur Wehrpflicht zustande käme,<br />

auch wenn das für den Ausgang <strong>des</strong> dann<br />

angelaufenen Konflikts ohne Bedeutung<br />

bleiben würde. Von <strong>Cicero</strong> und Martial<br />

stammt der einst viel zitierte Satz: „Si<br />

vis pacem, para bellum“ – „Wenn du den<br />

Frieden willst, musst du zum Krieg rüsten.“<br />

<strong>Der</strong> Satz müsste in diesem Fall für<br />

die Nato und ihre Mitglieder, zum Beispiel<br />

für Deutschland, um das Adjektiv<br />

rechtzeitig ergänzt werden. Wehrpflichtige<br />

dann einzuberufen, wenn<br />

die Hütte brennt, wäre, mit Verlaub,<br />

schwachsinnig.<br />

WAS ERGIBT SICH aus dieser Einsicht?<br />

Wenn die westliche Welt, die Nato als<br />

Ganzes, insbesondere wir und unsere<br />

Nato-Nachbarn es mit unserer Selbstbehauptung<br />

ernst meinen, dann müssen<br />

wir unsere Fähigkeit zur Lan<strong>des</strong>- und zur<br />

Bündnisverteidigung wiederherstellen –<br />

und zwar nicht nur vorübergehend, weil<br />

eine akute Gefahr droht, sondern auf<br />

Dauer als Konsequenz unserer Einsicht,<br />

dass es zum Wesen von Gefahren gehört,<br />

dass sie unerwartet kommen. Die Reaktivierung<br />

der Wehrpflicht allein aber kann<br />

nichts richten. Dazu ist eine Fülle von<br />

Maßnahmen erforderlich, insbesondere<br />

eine neue Ausrüstung, denn die alte hat<br />

die Bun<strong>des</strong>wehr verschenkt, verkauft,<br />

verschrottet.<br />

Putin hat öffentlich den Anspruch<br />

verkündet, künftig überall dort zu intervenieren,<br />

wo die Rechte von Russen –<br />

seiner Meinung nach – verletzt werden.<br />

Tut er das, so setzt er sich über das Völkerrecht<br />

und seine Verpflichtung hinweg,<br />

sich nicht in innere Angelegenheiten anderer<br />

Staaten einzumischen. Damit wird<br />

er zu einer Bedrohung und unkalkulierbaren<br />

Größe der internationalen Politik.<br />

Darauf muss man sich einstellen. Es gibt<br />

keine vernünftige Alternative zur Wiederherstellung<br />

der Fähigkeit, sich und die<br />

anderen Nato-Mitglieder verteidigen zu<br />

können. Dazu ist die Wiederherstellung<br />

<strong>des</strong>sen nötig, was die Nato bis 1991 in<br />

die Lage versetzte, den Kalten Krieg erfolgreich<br />

zu bestehen, die Wehrpflicht<br />

eingeschlossen.<br />

KARL FELDMEYER, lange Jahre<br />

Korrespondent der Frankfurter<br />

Allgemeinen Zeitung, war<br />

Doyen der sicherheitspolitischen<br />

Berichterstattung<br />

Foto: Privat<br />

50<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

„ Obama fehlte es an<br />

politischer Erfahrung.<br />

Er war nicht in der<br />

Lage, die Macht zu<br />

nutzen, die er als<br />

Präsident hat “<br />

George Packer, einer der profiliertesten politischen Journalisten der USA, stellt dem<br />

amerikanischen Präsidenten ein verheeren<strong>des</strong> Zeugnis aus, Interview ab Seite 58<br />

51<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Porträt<br />

DER LEISETRETER<br />

Die Nato bekommt einen neuen Generalsekretär, und der russische Präsident Wladimir<br />

Putin ist verzückt. Jens Stoltenberg dürfte es freuen, gilt er doch als großer Versöhner<br />

Von GUNNAR HERRMANN<br />

Foto: Berlingske/Nissen/Laif<br />

Lob aus dem Kreml bekommt die<br />

Nato derzeit eher selten. Aber nachdem<br />

das Verteidigungsbündnis vor<br />

einigen Wochen erklärte, dass Norwegens<br />

Ex-Premier Jens Stoltenberg ab Oktober<br />

als Generalsekretär ins Brüsseler<br />

Hauptquartier wechselt, klang Wladimir<br />

Putin geradezu verzückt. Ein seriöser<br />

und verantwortungsvoller Mann sei das,<br />

mit dem er einen sehr guten, auch persönlichen<br />

Kontakt pflege, sagte der russische<br />

Präsident. Er machte klar, dass Stoltenberg<br />

ihm lieber sei als der derzeitige<br />

Amtsinhaber Anders Fogh Rasmussen.<br />

Wenn ein Staatschef, der von der<br />

Nato zurzeit eher als Gegner denn als<br />

Partner betrachtet wird, sich so offen<br />

freut, könnte das Misstrauen erregen.<br />

Aber bei dieser Personalie sind westliche<br />

Politiker, Generäle, Journalisten und Putin<br />

offenbar einer Meinung: Stoltenbergs<br />

Ernennung wurde von den großen Nato-<br />

Ländern ebenso unterstützt wie von den<br />

Medien positiv kommentiert.<br />

Alle scheinen den neuen Chef im<br />

Brüsseler Hauptquartier zu mögen. Und<br />

viele scheinen ihn vor allem <strong>des</strong>halb zu<br />

mögen, weil er so anders ist als sein Vorgänger.<br />

Dabei haben der scheidende und<br />

der werdende Generalsekretär auf den<br />

ersten Blick einiges gemeinsam: Beide<br />

kommen aus Skandinavien, waren Regierungschefs<br />

und sind bekannt geworden,<br />

als sie ihre Länder durch schwere<br />

Krisen führten, die auch sicherheitspolitische<br />

Krisen waren. <strong>Der</strong> Däne Rasmussen<br />

rückte während <strong>des</strong> Streits um die<br />

Mohammed-Karikaturen, die 2005 in der<br />

dänischen Tageszeitung Jyllands-Posten<br />

erschienen waren, ins Blickfeld der internationalen<br />

Öffentlichkeit, Stoltenberg<br />

nach den Terroranschlägen von Oslo und<br />

Utøya. Und doch erkennt man bei genauerem<br />

Hinsehen zwei Persönlichkeiten,<br />

die verschiedener kaum sein können.<br />

<strong>Der</strong> rechtsliberale Rasmussen arbeitete<br />

sich einst aus kleinen Verhältnissen<br />

an die Spitze der dänischen Politik, wo<br />

er von seinen Anhängern verehrt und<br />

von seinen Gegnern gehasst wurde. In<br />

der Außenpolitik gilt er als „Falke“, wegen<br />

seiner manchmal aggressiven Tonlage,<br />

aber auch weil er sich im Irakkrieg<br />

an die Seite von US-Präsident George<br />

W. Bush stellte. Er war immer ein Politiker,<br />

der gerne polarisiert und poltert.<br />

Was er auch jetzt bewies, wenn er in Interviews<br />

zur Ukrainekrise Russland mit<br />

Sanktionen, Abschreckung und Aufrüstung<br />

drohte.<br />

MIT JENS STOLTENBERG dürfte der Ton<br />

milder werden. Er ist ein geborener Diplomat,<br />

und das ist durchaus im Wortsinn<br />

zu verstehen. Sein Vater Thorvald Stoltenberg<br />

diente Norwegen als Botschafter<br />

und als Außenminister. Sohn Jens verbrachte<br />

große Teile seiner Kindheit im<br />

Ausland. Als Jugendlicher ging er zur sozialdemokratischen<br />

Arbeiterpartei, um<br />

in Papas Fußstapfen zu treten.<br />

Auch die Ernennung zum Nato-Generalsekretär<br />

hat er in gewisser Weise<br />

seinem Vater zu verdanken. Denn Stoltenberg<br />

senior hatte sich als Außenminister<br />

besonders um bessere Beziehungen<br />

zu Russland in der Grenzregion an der<br />

Barentssee gekümmert. Stoltenberg junior<br />

hat das Projekt als Ministerpräsident<br />

fortgeführt und mit einem diplomatischen<br />

Sieg gekrönt: Russland und Norwegen<br />

beendeten 2010 überraschend ihren<br />

jahrzehntealten Streit um ein Stückchen<br />

Eismeer, in dem große Erdgasvorkommen<br />

vermutet werden.<br />

Die Einigung gilt nun als Beleg dafür,<br />

dass er der richtige Mann ist für<br />

schwierige Verhandlungen mit Moskau,<br />

auf die sich die Nato wegen der Krisen<br />

in der Ukraine und Syrien einstellen<br />

muss. Dass ihn sogar Freundschaft mit<br />

dem russischen Präsidenten verbindet,<br />

hat Stoltenberg allerdings nicht bestätigt.<br />

„Wir haben ein gutes Arbeitsverhältnis“,<br />

kommentierte er Putins Äußerungen.<br />

So knappe Formulierungen sind<br />

typisch für den 55-Jährigen.<br />

Seinen Aufstieg hat Jens Stoltenberg<br />

vor allem seinem Ruf als fleißiger Sachpolitiker<br />

zu verdanken. Er studierte Wirtschaftswissenschaften<br />

und arbeitete im<br />

Statistikamt, bevor er sich als Finanzpolitiker<br />

profilierte. Das klingt spröde, und<br />

genauso wirkte es auch auf viele Norweger:<br />

Übermäßige Popularität zählte lange<br />

nicht zu Stoltenbergs Stärken.<br />

Das änderte sich erst nach den Terroranschlägen<br />

von Oslo und Utøya im<br />

Jahr 2011. In den Wochen nach dem Massenmord<br />

war der Regierungschef mit seinem<br />

nüchternen und doch mitfühlenden<br />

Politikstil ein Ruhepol, um den sich ein<br />

geschocktes Land sammeln konnte.<br />

Dennoch: So richtig volksnah wirkte<br />

der sachliche Diplomatensohn nie. Obwohl<br />

er sich stets darum bemühte. So<br />

konnten die Norweger ihren Regierungschef<br />

zuweilen verschwitzt auf einem<br />

Mountainbike durchs Gelände radeln<br />

sehen. Im jüngsten Wahlkampf (den er<br />

verlor) fuhr er sogar selbst ein Taxi, um<br />

mit Bürgern ins Gespräch zu kommen.<br />

Dass ein Nato-Generalsekretär sich<br />

solche Freiheiten bewahren kann, darf<br />

man bezweifeln. Beim Radfahren werde<br />

er wohl umdenken müssen, sagt Stoltenberg.<br />

In Brüssel gebe es für sein Mountainbike<br />

nicht genug Schotterwege. Er<br />

wolle jetzt aufs Rennrad umsatteln.<br />

GUNNAR HERRMANN war Nordeuropakorrespondent<br />

der Süddeutschen Zeitung.<br />

Er traf Jens Stoltenberg zum ersten Mal im<br />

<strong>Sommer</strong> 2006 im Stadtpark von Kirkenes<br />

neben einer Büste seines Vaters Thorvald<br />

53<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Porträt<br />

PUTINS ALBTRAUM<br />

Russland oder EU? Vor der Frage steht die Republik Moldau. Natalia Morar ist dort eine<br />

Meinungsführerin. Sie hat sich den russischen Staatschef schon Mal zum Feind gemacht<br />

Von OLIVER BILGER<br />

Nationales Sicherheitsrisiko. Kreml-<br />

Gegnerin. Persona non grata in<br />

Russland. Diese Begriffe wollen<br />

nicht so recht passen zu der zierlichen<br />

jungen Frau. Doch all das war Natalia<br />

Morar schon mal, im Winter 2007.<br />

Morar, damals erst 23 Jahre alt,<br />

hatte sich mächtige Feinde gemacht: die<br />

Clique um Russlands Präsidenten Wladimir<br />

Putin. Als wäre das nicht genug,<br />

entfesselte die Journalistin zwei Jahre<br />

später einen Proteststurm gegen die Regierung<br />

der Republik Moldau, ihrer Heimat.<br />

Heute ist sie Fernsehmoderatorin,<br />

betreibt ein Café und beobachtet mit klarem<br />

Blick die Entwicklungen ihres Lan<strong>des</strong>.<br />

Ihre Stimme ist wieder gefragt. Ost<br />

oder West? Das ist die große Frage in der<br />

kleinen Republik zwischen der Ukraine<br />

und Rumänien. Dabei gehe es den Menschen<br />

vor allem um eines, sagt Morar<br />

heute: „Sie wollen ein besseres Leben.“<br />

Aber der Reihe nach. Im Dezember<br />

2007 kehrt Morar von einer Dienstreise<br />

zurück nach Moskau. Seit sechs Jahren<br />

lebt die gebürtige Moldauerin in der<br />

russischen Hauptstadt. Sie hat dort Soziologie<br />

studiert, es läuft ein Antrag auf<br />

die russische Staatsbürgerschaft. Neben<br />

der Uni arbeitete die junge Frau für die<br />

Stiftung von Putin-Gegner Michail Chodorkowski<br />

und das Oppositionsbündnis<br />

„Anderes Russland“. Und sie berichtet für<br />

das russische Magazin The New Times<br />

kritisch über Korruption, den Geheimdienst<br />

FSB und anlässlich der Parlamentswahl<br />

2007 über dubiose Finanzströme<br />

<strong>des</strong> Kreml – Tabuthemen in Russland.<br />

Am Flughafen endet ihr russisches<br />

Leben: Die dem FSB unterstellten Grenzbeamten<br />

lassen die Journalistin nicht<br />

mehr ins Land, es folgt die Ablehnung<br />

von Morars Gesuch auf Staatsbürgerschaft<br />

mit dem Verweis auf eine mögliche<br />

Bedrohung für den Staat. Das mächtige<br />

Russland sieht in der jungen, grazilen Frau<br />

eine Gefahr für die nationale Sicherheit.<br />

Also kehrt die Verstoßene zurück in<br />

ihre Heimat Moldau – und sorgt dort erneut<br />

für Aufsehen. Im April 2009 legt<br />

sie sich mit den regierenden Kommunisten<br />

in der Hauptstadt Chisinau an. Morar<br />

und Mitstreiter einer Oppositionsbewegung<br />

rufen über Twitter zum Protest gegen<br />

die Parlamentswahl auf. Morar rechnet<br />

mit 300 Teilnehmern. Es kommen<br />

schließlich 15 000 Menschen, die den<br />

Kommunisten Wahlfälschung vorwerfen.<br />

DER PROTEST GERÄT außer Kontrolle,<br />

Demonstranten stürmen das Parlament,<br />

es gibt Ver<strong>letzte</strong> und Tote. Morar distanziert<br />

sich von der Gewalt. Sie habe „die<br />

Wut der Menschen unterschätzt“, erklärt<br />

die Aktivistin später. Die Behörden wollen<br />

sie vor Gericht stellen. Das Wahlergebnis<br />

wird bestätigt, doch die Regierung<br />

scheitert wenig später beim Versuch, einen<br />

Präsidenten zu wählen. Eine proeuropäische<br />

Koalition gewinnt die Neuwahlen<br />

und lässt alle Anschuldigungen gegen<br />

Morar fallen. Bis heute kann sich die Regierung<br />

an der Macht halten.<br />

Heute moderiert die 30-Jährige eine<br />

Talkshow im moldauischen Fernsehen. Es<br />

geht, wie sollte es bei ihr anders sein, um<br />

Politik. Morar diskutiert energisch mit<br />

der Elite <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> – und zementiert<br />

ihre Meinungsführerschaft.<br />

Im Herbst wählt Moldau ein neues<br />

Parlament, und die russlandfreundlichen<br />

Kommunisten haben gute Chancen, die<br />

proeuropäische Koalition abzulösen.<br />

Dass die regierende „Allianz für europäische<br />

Integration“ beim Kampf gegen<br />

die Korruption versagt, sei „die größte<br />

Enttäuschung für die Menschen“, sagt<br />

Morar. Die Koalition habe kaum etwas<br />

erreicht, verkaufe nur den Traum von<br />

der EU-Mitgliedschaft. „Heute wissen<br />

wir, dass es in einigen Bereichen so war<br />

wie unter den Kommunisten, wenn nicht<br />

sogar schlechter.“ Aber das Land warte<br />

auf Fortschritte: weniger Armut, neue<br />

Jobs, bessere medizinische Versorgung.<br />

Moldau ist hin- und hergerissen zwischen<br />

Ost und West. In den kommenden<br />

Wochen wollen Chisinau und Brüssel ein<br />

Assoziierungsabkommen unterzeichnen.<br />

Ein solches hatte den Konflikt in der Ukraine<br />

ausgelöst. Moldaus Regierung fährt<br />

einen klaren Europakurs, Russland aber<br />

will die ehemalige Sowjetrepublik nicht<br />

aus seiner Einflusssphäre lassen, droht<br />

mit Konsequenzen. Gleichzeitig hofft<br />

die abtrünnige Region Transnistrien auf<br />

die Abspaltung von Moldau und, wie die<br />

Krim, den Anschluss an Russland. Das<br />

besorgt viele im Land.<br />

Näher ran an Europa will auch Morar.<br />

Allerdings sollte Moldau ihrer Ansicht<br />

nach nicht radikal werden gegenüber<br />

Russland. „Die russischen Interessen in<br />

der Region können wir nicht völlig vermeiden<br />

und ignorieren.“<br />

Was geschieht mit dem Westkurs <strong>des</strong><br />

Lan<strong>des</strong>, wenn die Kommunisten gewinnen?<br />

Morar glaubt nicht, dass dann der<br />

Europakurs stoppt. „Nach dem Krimreferendum<br />

können die Kommunisten<br />

nicht mehr für die Zollunion mit Russland<br />

werben“, erklärt sie. „Russland<br />

kann nicht als stabiler Partner gesehen<br />

werden. Russland macht, was es will und<br />

wann es will.“ Putin entwickele sich immer<br />

mehr zu einem Diktator.<br />

Nach Russland darf Morar seit 2012<br />

wieder einreisen. Dreimal war sie seitdem<br />

dort. Nach Moskau will sie aber<br />

nicht mehr zurück.<br />

OLIVER BILGER, freier Journalist in<br />

Moskau, lebt zurzeit in der Republik Moldau.<br />

Über Morar hat er 2007 erstmals berichtet<br />

und ist von ihrer Courage beeindruckt<br />

Foto: Ramin Mazur/n-ost für <strong>Cicero</strong><br />

54<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Porträt<br />

AUFRECHTEN GANGES<br />

Eben noch galt der Schweizer Außenminister Didier Burkhalter als eitler Gockel. Nun<br />

vermittelt er in der Ukrainekrise und zeigt, dass er die Kunst der Diplomatie beherrscht<br />

Von PETER HOSSLI<br />

Haare und Schuppen bedrohen<br />

sensible Geräte. Deshalb tragen<br />

alle Besucher im Nano-Forschungszentrum<br />

der IBM im schweizerischen<br />

Rüschlikon sterile Hauben. Nur<br />

einer ziert sich: Didier Burkhalter. Keinesfalls<br />

will der Schweizer Bun<strong>des</strong>rat mit<br />

der Kopfbedeckung fotografiert werden.<br />

Ulkig sähe das aus, weiß er, und betritt<br />

das Labor als Einziger oben ohne.<br />

Die Episode, vorgefallen vor drei<br />

Jahren, stempelte Burkhalter zum eitlen<br />

Gockel. Zum abgehobenen Politiker, angetan<br />

einzig von sich selbst. Da war er<br />

bereits angezählt. Eben erst war er vom<br />

Innen- ins Außenministerium gewechselt.<br />

Geflüchtet sei er, weil er nichts bewegt<br />

habe. Das sagten nicht nur Gegner,<br />

sondern Mitglieder der eigenen Partei,<br />

der FDP.<br />

Burkhalter? Wohl gescheitert.<br />

Heute gilt der amtierende Schweizer<br />

Bun<strong>des</strong>präsident als Glücksfall. Er ist ein<br />

neuer Star auf der Weltbühne. Als Vorsitzender<br />

der Organisation für Sicherheit<br />

und Zusammenarbeit in Europa,<br />

kurz OSZE, zieht er in der Ukrainekrise<br />

diplomatisch die Fäden. Mit dem russischen<br />

Präsidenten Wladimir Putin trifft<br />

sich Burkhalter – und erntet dafür Lob.<br />

Selbstsicher begegnet der Schweizer<br />

dem Russen. Als einer, der keinen Bückling<br />

macht vor dem Mächtigen in Moskau,<br />

sich keine Blöße gibt. Weltweit verschafft<br />

sich Burkhalter Gehör. Warnt er<br />

vor neuen Sanktionen gegen Russland,<br />

horchen EU und USA auf. Gern gesehener<br />

Gast ist er in Paris, Brüssel und Berlin.<br />

Es sei „ein Glücksfall, dass die<br />

Schweiz derzeit den OSZE-Vorsitz innehat“,<br />

sagt der deutsche Altbun<strong>des</strong>kanzler<br />

Gerhard Schröder. „Die Schweiz hat das<br />

Vertrauen aller Seiten, und das kann man<br />

in der jetzigen Konfliktsituation nicht<br />

hoch genug schätzen.“<br />

Burkhalter belebt damit nicht<br />

nur seine eigene Karriere. Er rückt<br />

die seit Ende <strong>des</strong> Kalten Krieges geschwächte<br />

schweizerische Diplomatie<br />

zurück ins Rampenlicht. Die jüngst<br />

noch verschmähte Neutralität ist wieder<br />

salonfähig.<br />

BURKHALTER BEHERRSCHT die Kunst<br />

der stillen Diplomatie. Er weiß: Oft entscheiden<br />

winzige Details eine Verhandlung.<br />

Auf einer Syrienkonferenz in Genf<br />

servierte er Wein aus dem Dorf, in dem<br />

er aufwuchs. Bei der Tischrede fragte er,<br />

wie der heimatliche Wein denn munde –<br />

und brach damit das Eis zwischen gereizten<br />

Russen und nervösen Amerikanern.<br />

„Alle sagten, er hätte ihnen geschmeckt“,<br />

erzählt er später. Allerdings: „Die Amerikaner<br />

tranken Coca-Cola.“ Was er geahnt<br />

hatte – eigens für die US-Delegation<br />

ließ er braune Brause auf Eis legen.<br />

Burkhalter, 54, wuchs in der französischsprachigen<br />

Schweiz in Neuenburg<br />

auf. Er studierte Volkswirtschaft, politisierte<br />

auf dem Dorf, in der Stadt, im Kanton,<br />

beim Bund. Auf dem Fußballfeld war<br />

er der Libero.<br />

Von 2009 an ist er Mitglied <strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>rats,<br />

der siebenköpfigen Schweizer<br />

Regierung, in der je<strong>des</strong> Jahr ein anderer<br />

als Bun<strong>des</strong>präsident den Vorsitz führt.<br />

Burkhalter ist zunächst Innenminister,<br />

ein mächtiges Ressort, aber er bleibt farblos.<br />

Nach zwei Jahren wechselt er ins Außenamt,<br />

obwohl dieses an Glanz verloren<br />

hat und im eigenen Land wenig gilt.<br />

Was er als Chance sieht. Er besinnt<br />

sich auf die Tugenden der Schweizer Diplomatie.<br />

Vermittelt im Hintergrund. Tritt<br />

höflich auf. Agiert aber bestimmt.<br />

Er setzt Schwerpunkte, um Wirkung<br />

zu erzeugen. Den Krieg in Syrien. Die<br />

Annäherung zwischen den USA und dem<br />

Iran. Und ja, Russland.<br />

Bewusst besucht er die Olympischen<br />

Spiele in Sotschi, geht nie auf Distanz zu<br />

Moskau. Er telefoniert mit Putin. Fliegt<br />

zu Putin. Telefoniert wieder.<br />

Makellos sieht er immer noch aus.<br />

Die Anzüge sitzen, die Krawatten sind<br />

modischer geworden. Spricht er Deutsch,<br />

wirkt er entwaffnend freundlich – und<br />

beißt umso härter zu.<br />

Oft reist er mit seiner Frau, der Vorarlbergerin<br />

Friedrun Burkhalter. Händchenhaltend<br />

schreitet das Paar Paraden<br />

ab, was ungewöhnlich ist in der<br />

Diplomatie, und für Aufsehen sorgt. Sie<br />

war 16 Jahre alt, er 24, als sie sich in England<br />

trafen. Heute haben sie drei Söhne<br />

und küssen sich zuweilen öffentlich innig.<br />

Die Anerkennung draußen in der<br />

Welt stärkt Burkhalter daheim. Als Außenminister<br />

soll er die für die Schweiz<br />

entscheidende Frage klären: Wie steht<br />

das Alpenland zu Europa?<br />

Am 9. Februar fiel die Schweiz in<br />

eine Schockstarre. Das Volk stimmte<br />

dafür, die Zuwanderung von EU-Bürgern<br />

zu beschränken. Statt sich zu grämen,<br />

reiste Burkhalter sofort nach Brüssel<br />

und begann zu erklären.<br />

Zu Hause regte er an, die Schweizer<br />

sollten 2016 darüber befinden, ob sie<br />

den bilateralen Weg mit Europa weiterhin<br />

beschreiten wollen. Er selbst will das<br />

Land näher an die EU führen. Damit ist<br />

er direkter Gegenspieler von Christoph<br />

Blocher von der Schweizerischen Volkspartei.<br />

<strong>Der</strong> trat jüngst als Parlamentarier<br />

zurück, um Burkhalter mit Volksinitiativen<br />

und Referenden zu kontern.<br />

<strong>Der</strong> Außenminister nimmt das gelassen.<br />

Wer Putin gewachsen ist, muss Blocher<br />

nicht fürchten.<br />

PETER HOSSLI ist Chefautor der<br />

Schweizer Blick-Gruppe<br />

Foto: Gaetan Bally/Keystone Schweiz/Laif<br />

56<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


MÄCHTIG<br />

Aus Geld machen sie<br />

Einfluss, aus dem Einfluss<br />

wiederum Geld. Wenn<br />

es um Russland und<br />

die Ukraine geht, geht es<br />

um die Oligarchen.<br />

Hier sind die zehn, die<br />

man kennen sollte<br />

REICH<br />

Von MORITZ GATHMANN und MAXIM KIREEV<br />

58<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Hintergrund<br />

Fotos: Jeremy Nicholl/Laif, Hermann Bredehorst, Action Press<br />

Michail Chodorkowski hat am eigenen Leib erfahren,<br />

was es bedeutet, sich mit Putin anzulegen<br />

MICHAIL CHODORKOWSKI<br />

DER ABGESTRAFTE<br />

Es war der 25. Oktober 2003, als die Epoche<br />

der Oligarchen in Russland ziemlich abrupt<br />

endete. Noch Ende der Neunziger galten<br />

die Herren über Russlands Wirtschaft als<br />

mächtig und unantastbar, anders als die gewählten<br />

Politiker. Doch an diesem Tag stürmten<br />

maskierte Polizisten den Privatjet <strong>des</strong><br />

Ölmagnaten Michail Chodorkowski am Flughafen<br />

in Nowosibirsk. Wenig später wurde<br />

Chodorkowski, den sein Unternehmen Yukos<br />

zum reichsten Russen mit einem geschätzten<br />

Vermögen von etwa 15 Milliarden Dollar gemacht<br />

hatte, der Prozess gemacht.<br />

Offiziell lautete die Anklage auf Steuerhinterziehung.<br />

Doch im Grunde war klar:<br />

Chodorkowski ist Putin zu widerspenstig geworden.<br />

Während Chodorkowski noch vor<br />

Gericht stand, begann der blitzschnelle Aufstieg<br />

von Igor Setschin, der damals stellvertretender<br />

Leiter der Präsidentenadministration<br />

war und öffentlich kaum bekannt.<br />

Wer als vermeintlicher Oligarch heute<br />

in der Politik mitmischen will, der kann dies<br />

nur auf Chodorkowskis Art tun – mit großem<br />

Sicherheitsabstand zu Moskau. Seit seiner<br />

Freilassung aus dem Straflager nach einer<br />

zehnjährigen Haft lebt der 50-Jährige<br />

im Ausland. Im März lud der einstige Ölmagnat<br />

die Moskauer liberale Intelligenzia<br />

nach Kiew zu einem Forum mit Vertretern<br />

der ukrainischen Elite. In der ukrainischen<br />

Hauptstadt versuchte er sich als Conférencier<br />

eines „anderen“ Russlands, das sich der<br />

aggressiven Haltung <strong>des</strong> Kremls gegenüber<br />

dem Nachbarland widersetzt.<br />

IGOR SETSCHIN<br />

PUTINS PUDEL<br />

Neun Monate nach Michail Chodorkowskis Festnahme wird Igor Setschin,<br />

53, am 27. Juli 2004 zum Vorstandsvorsitzenden <strong>des</strong> staatlichen Ölkonzerns<br />

Rosneft gewählt. Zum damaligen Zeitpunkt liegt der Konzern<br />

noch weit hinter den „Big Players“ <strong>des</strong> Ölgeschäfts wie Lukoil und Yukos.<br />

Sechs Monate später sichert sich Rosneft mittels einer Strohfirma die<br />

wichtigsten Anteile an Yukos bei einer Zwangsversteigerung und steigt<br />

fast aus dem Nichts zum größten Ölkonzern Russlands auf.<br />

Heute handeln russische Wirtschaftszeitungen Setschin, der wie Putin<br />

einst für den russischen Geheimdienst KGB gearbeitet haben soll und<br />

später bei der Stadtverwaltung in St. Petersburg anheuerte, als den einflussreichsten<br />

Russen – direkt hinter seinem Freund Wladimir Putin. Auch<br />

westliche Politiker messen Setschin großen Einfluss bei, der sich darin ausdrückt,<br />

dass er wegen der Ukrainekrise auf der US-Sanktionsliste steht.<br />

Manche russische Kommentatoren machen Setschin zudem dafür verantwortlich,<br />

kürzlich die Übernahme der russischen Facebook-Variante<br />

Vkontakte durch einen kremlnahen Investmentfonds eingefädelt zu haben.<br />

Es sind solche Geschäfte im Sinne <strong>des</strong> Kremls, mit denen die heutigen<br />

Oligarchen sich Sicherheit und Loyalität <strong>des</strong> Präsidenten erkaufen.<br />

Von der einstigen politischen Macht der Superreichen ist hingegen kaum<br />

etwas geblieben. Während zu Boris Jelzins Zeiten Oligarchen als die eigentlichen<br />

Herren im Land galten und selbst Putin seinen Aufstieg zum<br />

Teil dem damals übermächtigen und im Frühjahr 2013 unter bislang ungeklärten<br />

Umständen gestorbenen Unternehmer Boris Beresowski zu verdanken<br />

hat, sind sich heute die meisten Experten einig: Von Oligarchen<br />

im klassischen Sinn kann keine Rede mehr sein. Vom Kreml unabhängige<br />

Machtzentren sind Geschichte.<br />

Ziemlich beste Freunde sind Igor Setschin ( rechts ) und der russische<br />

Präsident – sie kennen sich noch aus St. Petersburger Tagen<br />

59<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Hintergrund<br />

ROMAN ABRAMOWITSCH<br />

DER WAHL-ENGLÄNDER<br />

Die russischen Superreichen versuchen heute, sich aus dem politischen<br />

Leben herauszuhalten. In den Medien tauchen sie nur noch im Zusammenhang<br />

mit extravaganten Investitionen auf. Etwa Roman Abramowitsch, 47,<br />

<strong>des</strong>sen Vermögen sich nach Angaben <strong>des</strong> Wirtschaftsmagazins Forbes auf<br />

10,2 Milliarden Dollar beläuft. Während er sich von 2000 bis 2008 noch<br />

als Gouverneur der Region Tschukota im Nordosten Russlands in der Politik<br />

engagierte, widmet er sich heute lieber den schönen Dingen <strong>des</strong> Lebens<br />

– seinem britischen Fußballclub FC Chelsea oder seinen Superjachten.<br />

Dabei hätte der in jungen Jahren verwaiste Abramowitsch, der sein<br />

erstes Geld mit der Produktion von Gummienten und Fußbällen machte,<br />

allen Grund, sich für eine friedliche Lösung der Ukrainekrise einzusetzen.<br />

Seine Evraz-Holding besitzt im Gebiet Dnepropetrowsk zwei Eisenerz-<br />

und eine Kohlegrube sowie ein größeres Stahlwerk.<br />

Juri Kowaltschuk gehört zum engen Umfeld von<br />

Wladimir Putin – das zahlt sich aus<br />

JURI KOWALTSCHUK<br />

DER BANKER<br />

Juri Kowaltschuk, 62, gehört zur neuen<br />

Garde der grauen Eminenzen in Russland.<br />

Journalisten bezeichnen Leute wie ihn oder<br />

Eisenbahnchef Wladimir Jakunin nach der<br />

Datschenkooperative Osero. Die hatten Putin<br />

und seine Freunde – die meisten mit einer<br />

KGB-Vergangenheit – 1996 an einem kleinen<br />

See, in der Nähe von St. Petersburg gelegen,<br />

gegründet. Mit Putins Aufstieg seit seiner<br />

ersten Präsidentschaft 2000 landeten viele<br />

der Osero-Bewohner auf hohen Posten. Kowaltschuk<br />

stieg von der Öffentlichkeit kaum<br />

beachtet zu einem der größten Medienmogule<br />

<strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> auf. Zu seiner Nationalen<br />

Mediengruppe gehören neben Teilen <strong>des</strong><br />

kremltreuen Senders Erster Kanal auch die<br />

zwei Sender RenTV und 5 Kanal, die Traditionszeitung<br />

Izvestia sowie das Boulevardportal<br />

Lifenews und der Radiosender RSN. Sie<br />

alle sind wichtige Pfeiler der Kremlpropaganda<br />

im Ukrainekonflikt. Es war allerdings<br />

die angebliche Rolle seiner Bank Rossija als<br />

Geldbörse für Putin und seinen engsten Zirkel,<br />

die ihn wie Rosneft-Chef Setschin und<br />

den Rohstoffhändler Gennadi Timtschenko<br />

auf die westliche Sanktionsliste brachte. US-<br />

Bürgern ist es verboten, mit der Bank Geschäfte<br />

zu machen. Moskau reagierte darauf<br />

demonstrativ gelassen und setzte die<br />

Destabilisierung der Ukraine fort. Ungeachtet<br />

der Auswirkungen auf die Geschäfte der<br />

Oligarchen.<br />

Roman Abramowitsch – hier mit seiner Freundin Daria Schukowa – genießt<br />

das Leben lieber in Saint Tropez an der Côte d‘Azur als in seiner Heimat<br />

Fotos: Sergey Guneev/Picture Alliance/DPA [M], DDP Images/ARSOV/SIPA<br />

60<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Prochorow<br />

war Putin ein<br />

bequemer<br />

politischer<br />

Sparringpartner<br />

Foto: Paul Eng/Redux/Laif<br />

MICHAIL PROCHOROW<br />

DER JUNGGESELLE<br />

Man kann als Oligarch auch Politik<br />

machen nach Art von Michail Prochorow,<br />

49. <strong>Der</strong> einstige Eigentümer <strong>des</strong> Nickelproduzenten<br />

Norilsk Nickel war Putin<br />

ein bequemer politischer Sparringpartner,<br />

der die Grenzen <strong>des</strong> Erlaubten nicht<br />

überschreitet. Prochorow, der den meisten<br />

Russen lange lediglich als reichster<br />

Junggeselle <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> ein Begriff war,<br />

hat sein 10,9 Milliarden Dollar großes<br />

Vermögen wie die meisten Oligarchen<br />

der Privatisierung Anfang der neunziger<br />

Jahre zu verdanken.<br />

Sein politisches Debüt kam wie<br />

aus dem Nichts: Kurz vor der Dumawahl<br />

2011 wurde Prochorow Chef der<br />

liberalen Oppositionspartei Rechte Sache.<br />

<strong>Der</strong> Verdacht: Er nimmt echten Oppositionsparteien<br />

Stimmen weg, um Putin<br />

zu stärken. Noch vor der Wahl kam<br />

es zu einem parteiinternen Putsch. Erklärt<br />

wurde das damit, dass Prochorow<br />

sich wegen einer Parteipersonalie mit<br />

dem Kreml überworfen habe, der ihn<br />

<strong>des</strong>halb flugs wieder aus dem politischen<br />

Karussell herausbefördert habe. Bei der<br />

Präsidentenwahl ein halbes Jahr später<br />

kam der Milliardär mit 8 Prozent immerhin<br />

auf den dritten Platz hinter Putin<br />

und den Kommunisten Gennadi Sjuganow.<br />

Seitdem ist es ruhig geworden<br />

um den Politiker Prochorow – offenbar<br />

werden seine Dienste im Kreml derzeit<br />

nicht benötigt.<br />

Lange kannten die Russen Michail Prochorow nur als begehrten Junggesellen.<br />

Dann stieg er in die Politik ein – und ebenso schnell wieder aus<br />

61<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Hintergrund<br />

RINAT ACHMETOW<br />

DER STRIPPENZIEHER<br />

Im Gegensatz zu ihren russischen Kollegen machen die ukrainischen<br />

Oligarchen ihrem Namen noch alle Ehre. „Ein ukrainischer<br />

Oligarch“, so lautet im Volksmund eine Definition, „ist<br />

ein mutierter Geschäftsmann, der den Staat nicht politischen<br />

Zielen unterordnet, sondern wirtschaftlichen, und zwar den eigenen.“<br />

Als Paradebeispiel hierfür dient Rinat Achmetow, 47.<br />

Mit einem Vermögen von 15,4 Milliarden Dollar ist er mit Abstand<br />

der reichste Ukrainer. Zu seiner Gruppe System Capital<br />

Management gehören Stahlwerke, Kohlegruben, Fernsehsender<br />

und der Fußballclub Schachtar Donezk, 300 000 Menschen<br />

arbeiten für ihn, viele davon im Donbass. Achmetow galt als<br />

wichtigster Unterstützer von Wiktor Janukowitschs Partei der<br />

Regionen: Er finanzierte zwischen 40 und 50 Abgeordnete der<br />

Partei, wodurch er das Abstimmungsverhalten der Partei maßgeblich<br />

beeinflussen konnte.<br />

Bis zuletzt stützte Achmetow über die Partei der Regionen<br />

Präsident Wiktor Janukowitsch. Zu den Ereignissen auf dem<br />

Maidan bezog der nur während der Fußballspiele seines Clubs<br />

in der Öffentlichkeit zu sehende Achmetow nie Stellung. Statt<strong>des</strong>sen<br />

gab es nichtssagende Pressemitteilungen seines Konzerns,<br />

in denen zu Dialog und Frieden aufgerufen wurde.<br />

Nach Einschätzung Kiewer Experten hat Achmetow weiterhin<br />

die Kontrolle über die Überreste der Partei der Regionen.<br />

Als wichtiges Anzeichen dafür gilt, dass die Partei nicht<br />

den von Achmetow unabhängigen Milliardär Sergej Tigipko<br />

zum Präsidentschaftskandidaten kürte, sondern mit Michail<br />

Dobkin eine Figur, die so lenkbar und politisch schwach ist<br />

wie schon Janukowitsch.<br />

Die wichtigste Frage lautet: Welche Rolle spielt Achmetow<br />

in der politischen Krise in der Ostukraine? Örtliche Blogger<br />

vermuten, er zündele in Donezk mit Absicht, um Kiew gegenüber<br />

seine Macht zu demonstrieren – und seine Milliarden<br />

zu retten. Tatsächlich tauchte Achmetow in einer Aprilnacht<br />

kurz nach der Besetzung vor der Donezker Regionalverwaltung<br />

auf und vermittelte einen Kompromiss zwischen den Besetzern<br />

und dem Vertreter Kiews, wodurch offenbar eine gewaltsame<br />

Erstürmung verhindert wurde.<br />

Foto: Sven Simon/ Picture Alliance/DPA<br />

62<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Seit März ist Igor Kolomojskij Gouverneur <strong>des</strong> Gebiets<br />

Dnepropetrowsk – und er scheint seine Sache gut zu machen<br />

Foto: RIA Novosti<br />

Mit einem Vermögen<br />

von 15,4 Milliarden Dollar<br />

ist Rinat Achmetow<br />

der reichste Ukrainer.<br />

300 000 Menschen<br />

arbeiten für ihn, viele<br />

davon im Donbass<br />

Rinat Achmetow scheut die Öffentlichkeit – außer<br />

wenn sein Fußballclub Schachtar Donezk ihn feiert<br />

IGOR KOLOMOJSKIJ<br />

DER REGIONALFÜRST<br />

Während Achmetow als „König <strong>des</strong> Donbass“ gilt, liegt<br />

die Macht in der benachbarten Region Dnepropetrowsk in den<br />

Händen eines anderen Oligarchen – Igor Kolomojskij, 51. Er<br />

ist laut Forbes mit einem Vermögen von 2,4 Milliarden Dollar<br />

die Nummer 3 der ukrainischen Oligarchen. Angehäuft hat er<br />

es in den vergangenen zwei Jahrzehnten, mit seiner Großbank<br />

Privat und einem unübersichtlichen Netz von über 100 Unternehmen<br />

in unterschiedlichen Industriezweigen, unter anderen<br />

in der Stahl-, Öl-, Chemie-, Energie- und Nahrungsmittelindustrie.<br />

Zentrum seines Imperiums ist die ostukrainische<br />

Stadt Dnepropetrowsk. Dort hat Kolomojskij, der neben seinem<br />

ukrainischen auch einen israelischen Pass besitzt, sich als<br />

großzügiger Unterstützer der jüdischen Gemeinde einen Namen<br />

gemacht und mit 100 Millionen Euro das größte jüdische<br />

Gemeindezentrum Osteuropas finanziert. Kolomojskij agierte<br />

traditionell hinter den Kulissen, <strong>des</strong>halb war es eine Überraschung,<br />

als ihn die Kiewer Regierung zum Gouverneur <strong>des</strong> Gebiets<br />

Dnepropetrowsk ernannte.<br />

Doch Kolomojskij, der zeitweise einen Teil der Gehaltszahlungen<br />

an öffentliche Bedienstete und die Versorgung der<br />

Truppen in Dnepropetrowsk aus seinem Privatvermögen leistete,<br />

scheint seiner Aufgabe gewachsen: Während es in den<br />

Nachbarregionen zu bürgerkriegsähnlichen Auseinandersetzungen<br />

und Gebäudebesetzungen kam, blieb es in Dnepropetrowsk<br />

bislang ruhig. Kolomojskij ließ im April eine Bürgerwehr<br />

aus mehreren Hundert „ukrainischen Patrioten“ aufstellen und<br />

Kopfgelder auf Separatisten ausschreiben. Sein Stellvertreter<br />

drohte eventuellen Angreifern, in Dnepropetrowsk werde sie<br />

ein „zweites Stalingrad“ erwarten. Kurze Zeit später ließ Kolomojskij<br />

die Separatisten wissen: „Wer nach Russland will, dem<br />

bin ich bereit das Ticket dahin zu bezahlen. Es bleibt dann nicht<br />

sehr viel zu tun – nur Kofferpacken.“<br />

63<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Hintergrund<br />

Viktor Pintschuk kämpft mit seiner Stiftung<br />

gegen Aids und fördert Kunst<br />

VIKTOR PINTSCHUK<br />

DER WOHLTÄTER<br />

<strong>Der</strong> zweite Oligarch aus Dnepropetrowsk ist Viktor<br />

Pintschuk, 53, mit einem 3,8-Milliarden-Dollar-<br />

Vermögen die Nummer 2 nach Achmetow. Er zählt allerdings<br />

zu jenen, die sich – ähnlich wie die russischen<br />

Oligarchen – zumin<strong>des</strong>t oberflächlich aus der Politik<br />

zurückgezogen haben. Das war nicht immer so.<br />

Seit 1998 stützte Pintschuk als Parlamentsabgeordneter<br />

den damaligen Präsidenten Leonid Kutschma,<br />

wenig später heiratete er <strong>des</strong>sen Tochter. Das half<br />

ihm, sein auf dem Röhrenproduzenten Interpipe begründetes<br />

Geschäftsimperium auszubauen. Zusammen<br />

mit Rinat Achmetow kaufte Pintschuk kurz vor<br />

dem Ende von Kutschmas Amtszeit den Stahlgiganten<br />

Kriworoschstal zu einem Schnäppchenpreis. Nach<br />

der orangenen Revolution wurde der Kauf rückgängig<br />

gemacht – und das Unternehmen zu einem sechsmal<br />

höheren Preis an Arcelor verkauft.<br />

Nach der Wahlschlappe von Kutschmas Nachfolger<br />

Wiktor Janukowitsch im Jahr 2004 zog Pintschuk<br />

sich aus der Politik zurück. Zwei Jahre später<br />

kehrte er in die Öffentlichkeit zurück – nun in der<br />

Rolle <strong>des</strong> Philantropen. Sein Pinchuk Art Centre im<br />

Zentrum von Kiew war zum damaligen Zeitpunkt<br />

die größte Galerie für moderne Kunst in Osteuropa.<br />

Pintschuk gründete eine Stiftung für den Kampf<br />

gegen Aids. Auf der Halbinsel Krim, im Palast, in<br />

dem einst Stalin, Churchill und Roosevelt über die<br />

Nachkriegsordnung in Europa berieten, hat Pintschuk<br />

in den vergangenen Jahren mit viel Pomp aktive<br />

Politiker und elder statesmen zu einem Forum<br />

zusammengebracht, um über den Platz der Ukraine<br />

in Europa zu beraten – noch im vergangenen September<br />

traf hier Janukowitsch russische und westliche<br />

Politiker.<br />

DMITRI FIRTASCH<br />

DER GESCHWÄCHTE<br />

Dmitri Firtasch, 49, wurde mit undurchsichtigen Gasgeschäften<br />

reich: Bis 2009 kaufte die Ukraine ihr Gas nicht direkt bei<br />

Gazprom, sondern über den Zwischenhändler Rosukrenergo, der<br />

wiederum zur Hälfte Firtasch und Gazprom gehörte. Allerdings<br />

kaufte Firtasch, dem gute Verbindungen nach Russland nachgesagt<br />

werden, auch nach 2009 Gas bei Gazprom – 2013 zu einem<br />

weit günstigeren Preis als die staatliche Naftogaz. Laut Forbes verfügt<br />

Firtasch heute über ein Vermögen von 700 Millionen Dollar.<br />

Firtaschs wichtigster Geschäftspartner war und ist Sergej<br />

Ljowotschkin, bis Januar Chef von Janukowitschs Präsidialverwaltung.<br />

Firtasch stellte während der Janukowitsch-Ära zehn Abgeordnete<br />

der Partei der Regionen. In Kiew heißt es, das Tandem<br />

mit Firtasch und Ljowotschkin, dem der Fernsehkanal Inter gehört,<br />

unterstütze Vitali Klitschkos Partei Udar; bislang hat Klitschko<br />

das jedoch dementiert.<br />

Heute ist Firtasch geschwächt wie nie: Am 12. März wurde<br />

er in Wien aufgrund eines US-Haftbefehls von einer österreichischen<br />

Spezialeinheit festgenommen. <strong>Der</strong> Vorwurf: Schmiergeldzahlungen<br />

bei einem Geschäftsdeal in Indien. Gegen eine Kaution<br />

von 125 Millionen Dollar wurde Firtasch zwar inzwischen freigelassen,<br />

allerdings droht ihm weiter die Auslieferung in die USA.<br />

Von ganz oben ist Dmitri Firtasch tief gefallen: In Wien wurde er<br />

verhaftet und gegen Zahlung von 125 Millionen Dollar freigelassen<br />

Fotos: Wolfgang Stahr/Laif, Efrem Lukatsky/Bloomberg via Getty Images<br />

64<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Vitali Klitschko ( rechts ) hat zugunsten von Pjotr Poroschenko auf<br />

eine Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen verzichtet<br />

Foto: Daniel Biskup/Laif<br />

PJOTR POROSCHENKO<br />

DER CHOCOLATIER<br />

Ein Oligarch kann sich momentan beste Hoffnungen darauf<br />

machen, bei den Wahlen am 25. Mai – so sie denn stattfinden<br />

– zum ukrainischen Präsidenten gewählt zu werden. <strong>Der</strong><br />

„Schokoladenzar“ Pjotr Poroschenko, 48. <strong>Der</strong> Sohn eines einflussreichen<br />

Sowjetfunktionärs aus der Provinzstadt Winniza<br />

unterscheidet sich von seinen Kollegen dadurch, dass die Herkunft<br />

seines Reichtums einigermaßen transparent und nicht<br />

durch die Aneignung von Filetstücken der Sowjetindustrie entstanden<br />

ist: 1996 gründete Poroschenko den Schokoladenkonzern<br />

„Roshen“, der heute einen Jahresumsatz von 1,2 Milliarden<br />

Dollar hat.<br />

Seit den neunziger Jahren ist Poroschenko zudem als Parlamentsabgeordneter<br />

persönlich in der Politik aktiv. Anfänglich<br />

unterstützte auch er Kutschma und spielte eine Schlüsselrolle<br />

bei der Gründung von Janukowitschs Partei der Regionen. Später<br />

wechselte er das Lager und zählte 2004/2005 zu den wichtigsten<br />

Unterstützern der orangenen Revolution – sein 5 Kanal<br />

half dabei, die Anhänger <strong>des</strong> Präsidentschaftskandidaten<br />

Wiktor Juschtschenko zu mobilisieren. Juschtschenko ist Taufpate<br />

von Poroschenkos Töchtern. Unter ihm wurde der Milliardär<br />

zunächst Chef <strong>des</strong> ukrainischen Sicherheitsrats, danach<br />

Direktor der Nationalbank.<br />

Aber auch unter Präsident Janukowitsch setzte Poroschenko<br />

seine politische Karriere fort, zunächst als Außen-,<br />

dann als Handelsminister. <strong>Der</strong> Bruch mit dem Präsidenten kam<br />

erst mit Beginn <strong>des</strong> Maidan-Aufstands im November 2013.<br />

Doch auch da bemühte sich Poroschenko, nicht in der ersten<br />

Reihe der Oppositionsführer auf dem Maidan zu stehen. Die<br />

Zurückhaltung zahlt sich nun aus: Während deren Popularitätswerte<br />

nach dem Ende der Maidan-Unruhen sanken, ist Poroschenko,<br />

der angekündigt hat, bei einem Wahlerfolg seinen<br />

Roshen-Konzern zu verkaufen, in Umfragen der absolute Favorit<br />

auf das Präsidentenamt. Selbst Julia Timoschenkos verbale<br />

Attacken gegen die „Macht der Oligarchen“ konnten ihm<br />

bislang nicht schaden.<br />

MORITZ GATHMANN und MAXIM KIREEV beschäftigen sich<br />

seit Jahren mit der Rolle der Oligarchen in den Nachfolgestaaten<br />

der Sowjetunion<br />

65<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Interview<br />

„AMERIKA HAT EINE<br />

CHRONISCHE GRIPPE“<br />

Die Bürger haben kein Vertrauen mehr, und Obama macht zu<br />

viele Fehler. George Packers Diagnose für die USA ist verheerend<br />

66<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Mr. Packer, Ihr Buch „The Unwinding“<br />

zeichnet die Spaltung Amerikas nach.<br />

Lässt sich diese Entwicklung noch<br />

umkehren?<br />

George Packer: Einen zweiten New<br />

Deal wird es nicht geben, obwohl manche<br />

dies erwartet hatten, als Obama ins Amt<br />

kam. Auch weil unsere Probleme nicht so<br />

kritisch sind wie in den dreißiger Jahren.<br />

Sie sind eher chronisch. Wie eine Grippe,<br />

die man nicht loswird, im Gegensatz zur<br />

Großen Depression, die wie ein Schlaganfall<br />

wirkte. Andererseits war unsere<br />

Demokratie damals noch gesund, was<br />

man heute nicht mehr sagen kann. Unsere<br />

Institutionen – wie etwa der Kongress<br />

und die Medien – sind heute nur eingeschränkt<br />

funktionstüchtig. Auch habe<br />

ich das Gefühl, dass wir älter geworden<br />

sind, als Nation. Wir sind als Land quasi<br />

in unseren Fünfzigern und nicht mehr in<br />

den Zwanzigern, sodass uns die Tatkraft<br />

fehlt, der Optimismus. Viele junge Amerikaner<br />

spüren eine nachhaltige Entfremdung.<br />

Sie studieren, häufen dabei Schulden<br />

an und finden dann kaum Jobs in der<br />

Qualität, die sie erwarten und brauchen.<br />

Sie haben das Vertrauen in unsere Führer<br />

verloren. Sie sind zynisch und innerlich<br />

radikalisiert, aber ohne klare Richtung.<br />

der Automobilindustrie. Er war mit dem<br />

Lösen von akuten Problemen beschäftigt.<br />

Dabei büßte er irgendwann seine Fähigkeit<br />

ein, mit dem Land zu kommunizieren.<br />

Er verlor den Kontakt. Er hielt weiter<br />

Reden, drang aber nicht durch.<br />

Warum ist er nicht durchgedrungen?<br />

Obama ist allergisch gegen prägnante<br />

Zuspitzungen, was auf den ersten<br />

Blick sympathisch ist, für einen Politiker<br />

aber ein Problem. Zuspitzungen sind<br />

wichtig. „Das Einzige, was wir zu fürchten<br />

haben, ist die Furcht selbst“ – die<br />

Menschen erinnerten sich an Roosevelts<br />

Radioansprachen. Niemand erinnert sich<br />

an einen einzigen Satz aus einer Rede,<br />

die Obama als Präsident gehalten hat. Es<br />

gibt denkwürdige Zuspitzungen aus seinen<br />

Reden als Kandidat. Aber seither?<br />

Nichts mehr.<br />

Seine Gesundheitsreform Obamacare<br />

hätte ein wenig Zuspitzung vertragen.<br />

Ja, oder ein Gesicht oder eine Familie,<br />

um das Ganze mit Leidenschaft aufzuladen.<br />

Aber das ist leider nicht Obama. Nach<br />

seinem ersten Präsidentschaftswahlkampf<br />

dachte man, dass dies Obama sei, aber<br />

wie sich herausstellt, steckt mehr Jimmy<br />

Carter in ihm als Roosevelt. Ich halte ihn<br />

zwar nicht für einen gescheiterten Präsidenten,<br />

anders als Carter, vor allem <strong>des</strong>halb,<br />

weil es ihm gelungen ist, Obamacare<br />

im Gesetz festzuschreiben. Seine Präsidentschaft<br />

ist aber dennoch eine Enttäuschung.<br />

Er selbst hatte die Latte sehr hoch<br />

gelegt, er wollte eine historische Präsidentschaft<br />

haben. Ich glaube nicht, dass<br />

dies der Fall sein wird.<br />

Was hätte Obama nach seinem Amtsantritt<br />

2009 anders machen können?<br />

Was mir zum Beispiel fehlte, waren<br />

Konjunkturprogramme. Im März und<br />

April 2009 war der Arbeitsmarkt in einer<br />

verzweifelten Lage. Jeden Monat gingen<br />

Hunderttausende Jobs verloren. Das<br />

Erste wäre gewesen, den Menschen Arbeit<br />

zu geben. Was die amerikanische<br />

Infrastruktur betrifft, ist genug zu tun.<br />

Obama hat sich zu ausschließlich auf Problemlösung<br />

konzentriert, er war zu pragmatisch.<br />

Er hat es versäumt, die Krise<br />

als Folge einer strukturellen Verwerfung<br />

der amerikanischen Volkswirtschaft zu<br />

sehen, die nach Dekaden der <strong>Der</strong>egulierung<br />

auf die Interessen der Finanzindustrie<br />

zugeschnitten ist.<br />

Illustration: Matt Sesow; Foto: Michael Nagle/The New York Times/Redux/Laif<br />

Für viele Amerikaner war die Wahl Obamas<br />

2008 ein Moment der Hoffnung. Er<br />

kam mit einem klaren Mandat zur Veränderung<br />

ins Amt. Warum hat er die Erwartungen<br />

nicht erfüllen können?<br />

Einerseits liegt das an Washington,<br />

das nicht mehr mit dem Washington von<br />

1933 zu vergleichen ist. <strong>Der</strong> Präsident ist<br />

mit einer Opposition konfrontiert, die<br />

extremistisch und beinahe antidemokratisch<br />

wirkt. Diese Probleme hatte Roosevelt<br />

nicht. In den dreißiger Jahren gab es<br />

liberale Republikaner, die zu den Unterstützern<br />

<strong>des</strong> New Deal zählten.<br />

Und heute?<br />

Washington ist heute dermaßen polarisiert,<br />

dass die Hälfte der politischen<br />

Landschaft immer gegen den Präsidenten<br />

arbeitet. Andererseits fehlte es Obama<br />

an politischer Erfahrung. Er war nicht<br />

in der Lage, die Macht zu nutzen, die er<br />

als Präsident hat. Auch trat er ein schweres<br />

Erbe an, mit zwei Kriegen, einer Rezession,<br />

die ich als Depression bezeichne,<br />

einer Finanzkrise, dem Zusammenbruch<br />

George Packer<br />

ist einer der profiliertesten<br />

politischen Journalisten der USA.<br />

<strong>Der</strong> Sohn zweier Stanford-Professoren<br />

berichtete für den New<br />

Yorker aus dem Irak, aus Sierra<br />

Leone und der Elfenbeinküste,<br />

bevor er sich der Innenpolitik<br />

zuwandte. „The Unwinding: An<br />

Inner History of the New America“,<br />

für das Packer 2013 den National<br />

Book Award erhielt, erscheint<br />

im Juli in Deutschland („Die<br />

Abwicklung“, S. Fischer Verlag)<br />

Hier setzt Ihr Buch an.<br />

Mein Buch sollte vom Versuch Obamas<br />

handeln, strukturelle Ungerechtigkeiten<br />

anzugehen, auch Defizite unserer<br />

Demokratie. Mein Arbeitstitel war „Niedergang<br />

und Erneuerung“. Aber dann<br />

sah ich keine Erneuerung, auch nach den<br />

ersten paar Jahren nicht. Obama erschien<br />

mir ratlos. So weitete ich meinen Fokus,<br />

von Washington und Obama auf das<br />

ganze Land und eine ganze Reihe von<br />

Figuren, anhand derer die Kräfte sichtbar<br />

werden, die Amerika in den vergangenen<br />

35 Jahren zum Negativen verändert<br />

haben.<br />

Wie haben Sie diese Menschen gefunden,<br />

Tammy Thomas beispielsweise,<br />

die alleinerziehende Fließbandarbeiterin<br />

mit der heroinabhängigen Mutter,<br />

oder Dean Price, den ewig scheiternden<br />

Kleinunternehmer?<br />

Mit viel Glück: Dean begegnete mir<br />

am Rande einer Recherche für den New<br />

Yorker, und auf Tammy wiesen mich<br />

67<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELTBÜHNE<br />

Interview<br />

Bekannte in Ohio hin, die wussten, dass<br />

ich auf der Suche nach jemandem wie<br />

ihr war, nach einer Frau aus einem abgestiegenen,<br />

ehemals industriellen Teil <strong>des</strong><br />

Lan<strong>des</strong>. Ich besuchte sie in Youngstown –<br />

die Stadt muss man sich wie Detroit vorstellen,<br />

ausgehöhlt, entvölkert –, und sie<br />

erwies sich als viel interessanter, ihr Leben<br />

erwies sich als viel dramatischer, als<br />

ich es mir vorgestellt hatte. Auch von<br />

Dean war ich gleich fasziniert, er ist ein<br />

brillanter Redner und ein seltsamer, exzentrischer<br />

Mann aus einem Teil Amerikas,<br />

den ich gar nicht kannte, stolz, eng,<br />

weiß, kampfeslustig und konservativ. <strong>Der</strong><br />

Süden. Tabak und Textilien. Mittlerweile<br />

auch Arbeitslosigkeit und Drogen.<br />

Hatten Sie Berührungsängste?<br />

Vom bourgeoisen Brooklyn hier<br />

war das alles schon sehr weit entfernt.<br />

Manchmal kam es mir weiter entfernt<br />

vor als der Irak, aus dem ich länger berichtet<br />

habe. Im Irak erwartet man einen<br />

tiefen Graben zu seinen Gesprächspartnern,<br />

auch ist jedem Iraker die Rolle klar,<br />

die man spielt: Man ist ein ausländischer<br />

Journalist, der gekommen ist, um über<br />

den Krieg zu schreiben.<br />

In den USA war das doch sicher anders.<br />

Hier in Amerika war der tiefe Graben<br />

für mich gelegentlich schockierend.<br />

Auch war meine Position schwerer zu erklären.<br />

Warum befrage ich Tammy zu<br />

ihrer Kindheit? Warum fahre ich mit<br />

Dean tagelang durch North Carolina?<br />

Warum sitze ich mit ihm spätabends auf<br />

seiner Veranda, während in der Dunkelheit<br />

die Lastwagen vorbeidonnern? Ihre<br />

Leben waren mir natürlich fremd, aber<br />

ich wusste sofort, dass sie gute Figuren<br />

sind. Man muss ein Gespür dafür entwickeln,<br />

wer einen in sein Leben hineinlassen<br />

wird, aber vor allem dafür, wer<br />

die Fähigkeit besitzt, auf fesselnde Weise<br />

von sich zu erzählen. Das können sehr<br />

wenige Menschen. Alle Figuren in meinem<br />

Buch haben außergewöhnliche Stimmen,<br />

und die Herausforderung für mich<br />

war es, diese Stimmen einzufangen, mit<br />

ihrem spezifischen Humor, ihren Rhythmen<br />

und Eigenheiten. Auch die Stimmen<br />

der Berühmtheiten in meinem Buch, das<br />

rhetorische Giftgas von Newt Gingrich,<br />

das schnelle Stakkato von Jay-Z, die falsche<br />

Bescheidenheit von Robert Rubin.<br />

„ Leider steckt<br />

in Obama<br />

mehr Jimmy<br />

Carter als<br />

Franklin<br />

Roosevel “<br />

Das Buch liest sich wie ein Roman, weil<br />

die Figuren so repräsentativ sind.<br />

Zwangsläufig. Ich brauchte Figuren,<br />

die für die verschiedenen Stränge einer<br />

Erzählung über das heutige Amerika stehen.<br />

Figuren aus Washington, von der<br />

Wall Street, vom Land, aus dem Rostgürtel<br />

und aus Silicon Valley. Die Stadt<br />

Tampa in Florida wurde allmählich selbst<br />

zur Figur, als der Ort, an dem die Immobilienblase<br />

wie auch deren Platzen am<br />

dramatischsten zu spüren war. Scheinbar<br />

unverwandte Geschichten, die durch den<br />

Zusammenbruch 2008 auf einmal als eng<br />

miteinander verwoben erscheinen. Zum<br />

Panorama eines polarisierten Lan<strong>des</strong>,<br />

das nicht mehr richtig funktioniert.<br />

Insbesondere das Ideologische an dieser<br />

Polarisierung ist befremdlich. Woher<br />

kommt etwa die offenbar prinzipielle<br />

Blockadehaltung der Republikaner?<br />

Es existiert derzeit eine politische Irrationalität<br />

in Amerika, deren Ursachen<br />

relativ klar sind. Langfristiger ökonomischer<br />

Niedergang, eine Flut an Zuwanderern<br />

und eine Republikanische Partei,<br />

deren Demagogen in den vergangenen<br />

drei Jahrzehnten stets belohnt worden<br />

sind. Die Republikaner ernähren sich<br />

mittlerweile von der Polarisierung. Sie<br />

treiben Parteispenden auf, indem sie erzählen,<br />

Obama sei ein Sozialist, <strong>des</strong>sen<br />

Ziel es sei, den amerikanischen Kapitalismus<br />

zu zerstören. Newt Gingrich, die<br />

Politikerfigur in meinem Buch, ist in dieser<br />

Hinsicht eine Schlüsselfigur, da er die<br />

<strong>des</strong>truktive Sprache erfunden hat, die republikanische<br />

Demagogen einsetzen. Er<br />

hat diese Sprache nach Washington gebracht,<br />

um die Kontrolle im Kongress zu<br />

übernehmen, auf geradezu nihilistische<br />

Weise, ohne einen Gedanken daran, ob<br />

die Institution <strong>des</strong> Kongresses dabei vielleicht<br />

Schaden nehmen könnte. Gingrich<br />

wurde für sein <strong>des</strong>truktives Verhalten belohnt,<br />

insbesondere von älteren, weißen,<br />

ländlichen Wählern, und wenn Politiker<br />

für etwas belohnt werden, machen sie damit<br />

immer weiter.<br />

Profitieren konnten die Republikaner<br />

von dieser Taktik bislang aber nicht.<br />

Die Republikaner scheinen die Grenzen<br />

ihres eigenen Extremismus zu erreichen.<br />

Die Erfolge bleiben aus. In fünf<br />

der vergangenen sechs Präsidentschaftswahlen<br />

haben die Demokraten die Mehrzahl<br />

der Stimmen erobert, auch Al Gore<br />

schaffte dies im Jahr 2000. Wenn ich Republikaner<br />

wäre, würde mir das Sorgen<br />

machen. Ich würde dies als bedenkliche<br />

Entwicklung sehen, die sich nur noch verstärken<br />

wird, weil das Land jünger und<br />

bunter wird. Und liberaler, was Dinge<br />

wie Schwulenehe betrifft. Aber es ist ein<br />

langwieriger Prozess, in einer Partei das<br />

Ruder herumzureißen.<br />

Was den Widerstand der Republikaner<br />

gegen Obamacare angeht: Steht eher<br />

die Befürchtung dahinter, dass jeder<br />

Amerikaner, der Obama seine Krankenversicherung<br />

zu verdanken hat, die Demokraten<br />

wählen wird? Oder die Überzeugung,<br />

dass man, wenn man sich<br />

keine Krankenversicherung leisten kann,<br />

auch keine verdient hat?<br />

Bei<strong>des</strong> ist der Fall. Einerseits fürchten<br />

die Republikaner, dass sich aus einer<br />

erfolgreichen Umsetzung der Reform<br />

eine langfristig stabile Mehrheit für die<br />

Demokraten ergeben könnte, wie nach<br />

der Einführung der Rentenversicherung<br />

durch Roosevelt 1935. Andererseits haben<br />

sich viele Republikaner eingeredet,<br />

dass alles, was die Regierung anfasst, den<br />

Bach runtergeht. Daher waren auch die<br />

technischen Probleme mit der healthcare.<br />

gov-Website so fatal. Lassen Sie uns ehrlich<br />

sein: Obama ist schwarz. Das ist ein<br />

großes Problem für manche Wählergruppen.<br />

Er ist ein zeitgenössischer, kulturell<br />

interessierter Mensch. Es gibt einfach<br />

Leute in Amerika, die ihm nie eine<br />

Chance geben werden.<br />

Das Gespräch führte<br />

ALEXANDER SCHIMMELBUSCH<br />

68<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


WELT.DE/NEU<br />

Die Welt gehört denen,<br />

die lauter denken,<br />

als andere schreien.<br />

ALAN POSENER,<br />

REDAKTEUR


WELTBÜHNE<br />

Fotoessay<br />

RIO VOR<br />

DEM ANPFIFF<br />

Am Anfang herrschte ausgelassene<br />

Freude. Dann folgten gewalttätige<br />

Demonstrationen. Wie die Stimmung<br />

kurz vor Beginn der Fußball-WM in<br />

Brasilien ist, wollte die Fotografin<br />

Isabela Pacini wissen und besuchte die<br />

Gastgeber in ihrem Zuhause<br />

Leonardo Sant’Anna, 17, ist Schüler und lebt<br />

mit seiner Familie in Caxias, einem Vorort<br />

nördlich von Rio. Das kleine Schlafzimmer teilt<br />

er sich mit seiner Großmutter. Er hofft, dass<br />

Brasilien den sechsten Weltmeistertitel holt<br />

70<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Links: Francisca, 63, kennt man in ihrem Viertel<br />

als Dona Francisquinha. Tagsüber putzt sie<br />

Autoscheiben an der Ampel. Abends spielt sie<br />

in der Theatergruppe ihrer Favela, wie Armenviertel<br />

in Brasilien heißen. Es hilft gegen die<br />

Schüchternheit, sagt sie<br />

Oben: Luciana, die ihr Alter nicht verraten<br />

will, teilt sich mit zwölf anderen Transsexuellen<br />

die Zimmer eines Bordells in Lapa,<br />

dem hippen Altstadtviertel in Rio. Von der<br />

Fußball-Weltmeisterschaft erhofft sie sich<br />

vor allem Touristen und gutes Geld<br />

73<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Maria Cristina, 67, ist pensionierte Anwältin.<br />

Sie war das urbane Chaos in Rio leid und<br />

bezog ein Haus in Itanhangá, einem grünen<br />

Vorort im Südwesten der Stadt. Hier hat sie<br />

Platz für ihre Hunde, Hühner und Enten und<br />

bleibt verschont vom Trubel


Links: Vinicius Benincasa, 21, wohnt in<br />

einem der modernen Hochhauskomplexe in<br />

Barra da Tijuca. Sein Leben teilt er auf<br />

Facebook mit der Welt und träumt von einer<br />

Karriere als Model oder Star einer brasilianischen<br />

Soap<br />

Oben: Flávia Ferraz, 28, lebt nördlich von<br />

Rio in ihrem Mädchenzimmer. Die größte<br />

Mülldeponie Südamerikas, Jardim<br />

Gramacho, ist gleich nebenan. Die WM<br />

weckt in ihr den Traum, einen netten<br />

Ausländer kennenzulernen und wegzuziehen<br />

77<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


An den Stränden von Copacabana und Ipanema<br />

schmiegt sich der Atlantik in die sanft geschwungene<br />

Promenade vor den Hügeln Rio de Janeiros.<br />

Schöne Menschen mit schönen Körpern tragen hier das<br />

schöne Leben zur Schau. Als die Fußball-Weltmeisterschaft<br />

2014 Brasilien zugesprochen wurde, tanzte das ganze Land.<br />

Endlich sollte auch das schöne Spiel, das jogo bonito der<br />

Fußball‐Nationalhelden Garrincha und Pelé, heimkehren.<br />

Doch wenige Wochen vor dem Eröffnungsspiel am<br />

12. Juni in São Paulo erstickt Nervosität die Vorfreude.<br />

Schon bei der WM-Vergabe herrschte Zweifel, ob das Land<br />

mit den prekären sozialen Verhältnissen bereit sei für das<br />

aufgeblähte Spektakel der Fifa. Milliarden Dollar flossen,<br />

um Brasilien westeuropäischen Standards anzugleichen.<br />

Dennoch stocken die Bauarbeiten an den zwölf Stadien. Die<br />

Befriedung der strategisch wichtigen Armenviertel durch<br />

die Militärpolizei gleicht einem Krieg. Polizisten liefern sich<br />

Schießereien mit Drogenkartellen und Straßenschlachten<br />

mit Demonstranten, die gegen Willkür, Korruption, Verschwendung<br />

und das Verkehrschaos protestieren.<br />

Isabela Pacini, vor 40 Jahren in Rio geboren, lebt heute<br />

in Hamburg. Im vergangenen Jahr reiste die Fotografin in<br />

ihre alte Heimat, um sich vor der WM ein Bild von den<br />

Gastgebern zu machen. Für ihre Porträtreihe besuchte sie<br />

Ronaldo de Medeiros e Albuquerque, 66, früher<br />

Anwalt, jetzt Schriftsteller, lebt mit seiner<br />

zweiten Frau, Anwältin Ana Maria, 53 , in einem<br />

Penthouse in Copacabana. Sie glaubt, dass die<br />

WM das richtige Licht auf Rio wirft. Er glaubt,<br />

dass sie Rios Wirtschaft zugutekommt<br />

22 Cariocas, wie die Einwohner Rios genannt werden, in<br />

ihren Wohnzimmern. „Bei allen sozialen und kulturellen<br />

Unterschieden, die es in diesem Land gibt, verbindet uns<br />

doch die Geselligkeit“, sagt Pacini. Mit ihrer Serie zieht sie<br />

einen Querschnitt der Protagonisten <strong>des</strong> Alltags in Rio, von<br />

den abgeschotteten Villenvierteln der Superreichen bis in<br />

die Elendsquartiere der Favelas.<br />

Zwischen der Vorfreude hört Pacini immer wieder die<br />

Unzufriedenheit der Menschen heraus. Vor allem den Ärmeren<br />

sei klar, dass der Vorwand, die WM spüle Geld ins<br />

Land, nicht für sie gelte. Trotzdem sei jeder stolz. Stolz darauf,<br />

der Welt ihre Welt zu zeigen. Das schöne Leben. Den<br />

Fußball. Es ist ihr Spiel.<br />

SARAH-MARIA DECKERT<br />

Fotos: Isabela Pacini (Seiten 70 bis 78)<br />

78<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


KAPITAL<br />

„ Captain America ist<br />

groß, muskulär, ein<br />

blonder Superman.<br />

Die Amerikaner lieben<br />

ihn. Wir in Europa<br />

haben keinen Kapitän<br />

Europa, sondern<br />

höchstens Kafka “<br />

<strong>Der</strong> tschechische Ökonom Tomáš Sedláček im Interview ab Seite 86<br />

79<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


KAPITAL<br />

Porträt<br />

ALLEIN GEGEN DAS KAPITAL<br />

Frauke Menke gilt als Hassobjekt deutscher Bankvorstände. Die Aufseherin lädt Banker<br />

nach der Trauerfeier zum Rapport. Passt ihr einer nicht, verhindert sie seinen Aufstieg<br />

Von MEIKE SCHREIBER und HEINZ-ROGER DOHMS<br />

Foto: Christoph Papsch/Laif<br />

Plötzlich sitzt das Phantom Ende<br />

Februar auf der Zeugenbank im<br />

Kölner Landgericht. Es ist einer<br />

der seltenen öffentlichen Auftritte von<br />

Frauke Menke. Verhandelt wird der Zusammenbruch<br />

der Privatbank Sal. Oppenheim.<br />

„Alter, Beruf?“, fragt die Richterin.<br />

„50, Juristin“, antwortet Menke.<br />

50 Jahre also, selbst ihr Alter galt bislang<br />

als Verschlusssache.<br />

Frauke Menke ist Abteilungsleiterin<br />

bei der Finanzaufsicht Bafin, verantwortlich<br />

für „Groß- und ausgewählte Kreditbanken“.<br />

Eine der einflussreichsten und<br />

umstrittensten Frauen im deutschen<br />

Wirtschaftsleben. Sie hat die Macht, Katastrophen<br />

zu verhindern. Und die Macht,<br />

Karrieren zu zerstören. Ersteres habe sie<br />

nicht geschafft, sagen Kritiker. Letzteres<br />

tue sie mit umso größerem Eifer.<br />

Die Liste ihrer Opfer ist beeindruckend:<br />

Da ist zum Beispiel Axel Wieandt,<br />

der mal als einer der talentiertesten<br />

Nachwuchsbanker <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> galt.<br />

Gegen seinen Sprung an die Spitze der<br />

BHF-Bank legte Menke ihr Veto ein: Angeblich<br />

hielt sie ihn für ungeeignet.<br />

Richard Walker, der Leiter der<br />

Rechtsabteilung der Deutschen Bank,<br />

wurde von Menke faktisch degradiert.<br />

Er durfte seinen Posten nur behalten,<br />

weil die Bank ihm mit Daniela Weber-<br />

Rey und Christoph von Dryander zwei<br />

deutsche Topjuristen an die Seite stellte.<br />

Dann ist da noch William Broeksmit.<br />

Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain wollte<br />

seinen Vertrauten 2012 zum Risikochef<br />

ernennen. Doch wieder war es Menkes<br />

Abteilung, die die notwendige Zustimmung<br />

verweigerte. Broeksmit zog sich<br />

aus der Bank zurück.<br />

Überhaupt die Deutsche Bank. Sie<br />

ist Menkes Lieblingsgegner. Anfang <strong>des</strong><br />

Jahres wurde ein Zwischenbericht der<br />

Bafin zur Zinsaffäre publik, in die die<br />

Bank verwickelt ist. Er las sich wie eine<br />

Generalabrechnung mit Jain und <strong>des</strong>sen<br />

Kochef Jürgen Fitschen: Sie redeten viel<br />

von einem Kulturwandel, es entstehe<br />

aber der Eindruck, dass sie keine klaren<br />

Konsequenzen, insbesondere personeller<br />

Art, gezogen hätten. Briefe Menkes an<br />

die Bankspitze klingen, als würde eine<br />

Lehrerin zwei unbotmäßige Schüler zurechtweisen:<br />

„Ich halte es für inakzeptabel,<br />

dass Sie offensichtlich sowohl mein<br />

Haus als auch weitere Behörden über<br />

lange Zeit falsch informiert haben.“<br />

WAS TREIBT MENKE AN? Von der Bafin<br />

dazu: Kein Kommentar. Wer ein Interview<br />

mit ihr will, darf einen Fragenkatalog<br />

schicken. <strong>Der</strong> wird nicht beantwortet.<br />

Menkes Laufbahn beginnt Mitte der<br />

neunziger Jahre im Bun<strong>des</strong>aufsichtsamt<br />

für das Kreditwesen, einem Vorläufer<br />

der Bafin. Sie beschäftigt sich mit Geldwäsche.<br />

<strong>Der</strong> spätere Bafin-Chef Jochen<br />

Sanio wird ihr Mentor. Unter ihm steigt<br />

sie in der 2002 gegründeten Bafin auf,<br />

bis zur Chefkontrolleurin der Großbanken.<br />

Dann, 2007 und 2008, brechen in<br />

Deutschland die Banken zusammen. Es<br />

sind Ereignisse, die das Land verändern.<br />

Und Frauke Menke.<br />

Im März 2008 teilt sie dem Finanzministerium<br />

mit, sie halte die Hypo Real<br />

Estate für „dringend beobachtungsbedürftig“<br />

– ein halbes Jahr vor deren Beinahpleite.<br />

Ein Alarmruf Menkes oder<br />

eine Standardmeldung? Letzteres, befindet<br />

der HRE-Untersuchungsausschuss.<br />

<strong>Der</strong> Grünen-Politiker Gerhard Schick attestiert<br />

der Bafin „eklatantes Versagen“.<br />

Menke wirkt hilflos vor dem Ausschuss:<br />

„Ich verstehe nicht so ganz, was die Handlungsvorschläge<br />

hätten sein sollen.“<br />

„Die Kritik damals hat sie stark geprägt“,<br />

sagt ein Bankenanwalt. Seitdem<br />

sei sie noch härter und kompromissloser.<br />

Das zeigt sich spätestens im Fall<br />

Sal. Oppenheim. Die traditionsreichste<br />

deutsche Privatbank steckt wegen der<br />

Karstadt-Pleite in Schwierigkeiten. Zu<br />

dem wirtschaftlichen Schlag kommt ein<br />

privater: Das Oberhaupt der Bankerdynastie,<br />

die Baronin Karin von Ullmann,<br />

ist verstorben und soll beigesetzt werden.<br />

Kurz vor der Trauerfeier am 10. Juni<br />

2009 erreicht die Bankführung eine Mitteilung<br />

von Frauke Menke. Man möge<br />

sich bitte auf den Weg zur Bafin machen.<br />

Die vier Oppenheim-Partner – Matthias<br />

Graf von Krockow, Christopher Freiherr<br />

von Oppenheim, Friedrich Carl Janssen<br />

und Dieter Pfundt – halten den Marschbefehl<br />

für eine Taktlosigkeit. Und doch,<br />

so erzählt ein Beteiligter, machen sie sich<br />

gleich nach der Beisetzung auf den Weg.<br />

„Als die vier zurückkamen, waren die<br />

kleinlaut wie nie zuvor.“<br />

In den Frankfurter Bankentürmen<br />

hat Menke nur wenig Anhänger. „Die<br />

richtet Leute öffentlich hin“, meint einer<br />

aus dem Bankenlager. „Wenn die Menke<br />

eine Topjuristin wäre, hätte es sie sicher<br />

nicht zur Aufsicht verschlagen“, giftet<br />

ein anderer. Es gibt aber auch die, die<br />

sie verteidigen. „Ich würde als Aufseher<br />

genauso handeln. Nicht die Arbeit von<br />

Frau Menke ist skandalös, sondern die<br />

Zustände bei der Deutschen Bank“, sagt<br />

der Analyst Dieter Hein von Fairesearch.<br />

Kommt es demnächst zum Showdown<br />

mit der Deutschen Bank? Bis zum<br />

<strong>Sommer</strong> soll der Abschlussbericht der Bafin<br />

zur Zinsaffäre vorliegen. Dann könnte<br />

es auch für Jain und Fitschen eng werden.<br />

Frauke Menke will sich nicht noch mal<br />

„eklatantes Versagen“ vorwerfen lassen.<br />

MEIKE SCHREIBER und HEINZ-ROGER<br />

DOHMS fiel bei der Recherche auf, dass<br />

Menkes Kritiker nie zitiert werden wollten.<br />

Vielleicht ein Beleg für Menkes Macht<br />

81<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


KAPITAL<br />

Porträt<br />

BAUERN, DIE MINEN MACHEN<br />

Die Kugelschreiber, die Familie Schneider seit drei Generationen im Schwarzwald<br />

herstellt, sind so gut, dass selbst die Konkurrenten zur Kundschaft gehören<br />

Von CHRISTIAN LITZ<br />

Wer um kurz nach fünf in der<br />

Früh auf der Landstraße 175<br />

nach Süden abbiegt, tritt unweigerlich<br />

auf die Bremse. Denn hier,<br />

wo der Schwarzwald seinem Namen alle<br />

Ehre macht, erstrahlt plötzlich, wie aus<br />

dem Nichts, die hell erleuchtete Zentrale<br />

der Schneider Schreibgeräte GmbH. Die<br />

320 Mitarbeiter sind um diese Zeit auf<br />

dem Weg zur Arbeit. Schon in den siebziger<br />

Jahren hatte der Betriebsrat mit Firmenchef<br />

Roland Schneider abgemacht:<br />

Wir fangen morgens früher an, damit<br />

wir uns nachmittags um Vieh und Acker<br />

kümmern können. Viele der Frauen und<br />

Männer, die im Schwarzenbachtal Kugelschreiber<br />

entwickeln und herstellen, waren<br />

damals noch Nebenerwerbslandwirte.<br />

Angekommen vor dem verwinkelten<br />

Firmensitz, umgeben von einem rauschenden<br />

Bach und kreischenden Vögeln,<br />

wähnt man sich in einer Stephen-King-<br />

Verfilmung. Dabei erzählt das Gebäude<br />

nur die Wachstumsgeschichte der Firma.<br />

Die Fabrik bestand anfangs, 1938, nur<br />

aus einem Haus. Gründer Christian<br />

Schneider und ein Mitarbeiter stellten<br />

Schrauben, Drehteile, Brummkreisel für<br />

Kinder her, später Schubladen-Kugellager.<br />

Ab 1947 produzierten sie Kugelschreiberminen,<br />

ab 1957 komplette Kulis.<br />

Christian Schneider war vernarrt<br />

in das damals neue Schreibgerät, hatte<br />

den Ehrgeiz, die besten Kuliminen herzustellen.<br />

So brauchte die Firma je<strong>des</strong> Jahr<br />

mehr Platz, wurde das Werk in Jahrzehnten<br />

zusammengewürfelt, zusätzliche Fläche<br />

aus dem Felsen gesprengt.<br />

Gäste verlieren in dem burgartigen<br />

Gebäude sofort die Orientierung. „Ich<br />

verlaufe mich auch noch manchmal“,<br />

sagt selbst Martina Schneider. Die Enkelin<br />

<strong>des</strong> Gründers, die schon als Schülerin<br />

in den Ferien hier arbeitete, ist heute für<br />

die Öffentlichkeitsarbeit verantwortlich.<br />

Gefragt nach Zahlen, antwortet sie:<br />

„Da muss ich jetzt mal spickeln.“ Dann<br />

referiert sie aus den Unterlagen: 1,5 Millionen<br />

Kugelschreiberspitzen produziert<br />

Schneider jeden Tag. Auch für andere<br />

Hersteller, die Schneiders Spitzen in ihre<br />

Stifte einbauen. 120 verschiedene Minenspitzentypen<br />

können sie. Haben 20<br />

eigene Kulimodelle im Angebot, je<strong>des</strong> in<br />

zwölf Farben. 250 Millionen Schreibgeräte<br />

im Jahr. 60 Prozent davon gehen ins<br />

Ausland. 100 Tonnen Stahl verbraucht<br />

das Werk jährlich. Zum Umsatz macht<br />

das Familienunternehmen dagegen keine<br />

genauen Angaben.<br />

Wichtiger sind Martina Schneider<br />

andere Zahlen: Taucht bei Tests ein<br />

Fehler auf, wird die ganze Charge von<br />

15 500 Minenspitzen vernichtet. Die Mikroskope<br />

der Qualitätskontrolle zeigen<br />

Tintenkanäle von 0,03 Millimeter. Ein<br />

Menschenhaar ist dreimal dicker. Um<br />

derartige Präzision zu erreichen, verwendet<br />

das Unternehmen Maschinen,<br />

die sonst nur in der Uhrenindustrie zum<br />

Einsatz kommen.<br />

IRONIE UND BEHARRLICHKEIT gehören<br />

zu den Erfolgsgeheimnissen der Familie<br />

Schneider. „So echtes Hochdeutsch, das<br />

hört sich schon beeindruckend an“, sagt<br />

Martina Schneider, die gerne mit dem Leben<br />

in der Provinz hadert, weil hier im<br />

Tal ein „absolutes Funkloch ist“. Sie kam<br />

vor drei Jahren zurück. Davor hatte sie<br />

in den USA, in Costa Rica, Panama und<br />

Frankfurt gelebt.<br />

Sie folgte dem Beispiel ihres älteren<br />

Bruders Christian, 38. <strong>Der</strong> war auf dem<br />

besten Wege, Karriere beim Internetkonzern<br />

Ebay zu machen, bevor es ihn 2009<br />

doch ins Familienunternehmen zog. Zusammen<br />

mit Vater Roland und dem langjährigen<br />

Mitarbeiter Frank Groß bildet<br />

er die Geschäftsführung. Die Schneiders<br />

leiden alle unter dem schwäbisch-badischen<br />

Minderwertigkeitskomplex, diesem<br />

wichtigen Antrieb. Sorgt er doch immer<br />

dafür, dass sie arbeiten, als müssten<br />

sie der ganzen Welt etwas beweisen.<br />

In Sachen Präzision macht ihnen keiner<br />

etwas vor. Schneider gilt in der Branche<br />

als die Firma, die das Schwierigste,<br />

nämlich Minenspitzen, am besten kann.<br />

Dank ihres über Jahrzehnte entwickelten<br />

Spezial-Know-hows sind die Tüftler aus<br />

Tennenbronn der Konkurrenz immer ein<br />

paar Jahre voraus.<br />

Damit das so bleibt, treiben Frank<br />

Groß und Christian Schneider gerade fieberhaft<br />

weitere Neuentwicklungen voran<br />

und arbeiten die Nächte durch. „Ich habe<br />

drei Tage nicht geschlafen“, sagt Martinas<br />

Bruder, <strong>des</strong>sen schwarze Haare in<br />

alle Richtungen abstehen. Zu Hause bekommt<br />

der Vater eines Babys im Moment<br />

auch nur wenig Ruhe. Aber nächtliches<br />

Arbeiten und wenig Schlaf haben bei den<br />

Schneiders Tradition. Ob es noch viele<br />

Landwirte gibt? „Nur noch ein paar. Zum<br />

Beispiel das Tal hoch, auf der linken Seite,<br />

ein Ehepaar hat noch 50 Kühe.“<br />

CHRISTIAN LITZ erntete bei seiner<br />

Recherche leise Kritik von Familie<br />

Schneider, weil er für seine Notizen einen<br />

Senator-Kuli von der Konkurrenz benutzte<br />

MYTHOS<br />

MITTELSTAND<br />

Was hat Deutschland,<br />

was andere nicht haben?<br />

Den Mittelstand!<br />

<strong>Cicero</strong> stellt in jeder Ausgabe<br />

einen mittelständischen<br />

Unternehmer vor.<br />

Die bisherigen Porträts<br />

finden Sie unter:<br />

www.cicero.de/mittelstand<br />

Foto. Andy Ridder für <strong>Cicero</strong><br />

82<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


KAPITAL<br />

Porträt<br />

UNSER MANN IN BAGDAD<br />

Klaus Hachmeier kennt den Irak <strong>des</strong> 10. Jahrhunderts genauso gut wie die brutale<br />

Realität von heute. Ideale Voraussetzungen, um deutsche Firmen ins Land zu bringen<br />

Von ERIC CHAUVISTRÉ<br />

Foto: Frank Schoepgens für <strong>Cicero</strong><br />

Wer sich jahrelang mit Manuskripten<br />

aus dem Mittelalter<br />

befasst, bewegt sich zwangsläufig<br />

in einer wissenschaftlichen Parallelwelt.<br />

Mancher hält dabei gar seine Abgeschiedenheit<br />

für ein Qualitätsmerkmal.<br />

Gilt die akademische Leidenschaft dann<br />

auch noch dem Erfassen tausend Jahre<br />

alter arabischer Primärquellen, dürfte<br />

die Gefahr, zum abgehobenen Gelehrten<br />

ohne Praxisbezug zu mutieren, besonders<br />

groß sein.<br />

Es fällt leicht, sich Klaus Hachmeier<br />

als aufstrebenden Arabisten an den Universitäten<br />

in Göttingen oder Oxford vorzustellen<br />

– eloquent, mit Understatement.<br />

In den neunziger Jahren hat er in beiden<br />

Städten studiert. Er war mittendrin in<br />

jener universitären Welt: Für seine Dissertation<br />

las er nicht nur diplomatische<br />

Schriften aus dem Bagdad <strong>des</strong> 10. Jahrhunderts,<br />

er entzifferte Manuskripte,<br />

ordnete sie ein, interpretierte sie.<br />

Am Ende hat er einen anderen Weg<br />

gewählt. Er führte ihn ins Bagdad <strong>des</strong><br />

21. Jahrhunderts, in die harte und brutale<br />

Realität einer Stadt, die zu den gefährlichsten<br />

Orten der Welt zählt. Statt<br />

mittelalterliche Manuskripte zu deuten,<br />

sorgt Hachmeier, 39 Jahre alt, heute dafür,<br />

dass deutsche Turbinen in irakische<br />

Kraftwerke, deutsche Gipsplatten in irakische<br />

Gebäude und deutsche Baumaschinen<br />

auf irakische Straßen kommen.<br />

Auf seiner Visitenkarte steht „Head<br />

of Commercial Office“: Seit einem Jahr<br />

vertritt er den Deutschen Industrie- und<br />

Handelskammertag DIHK im Irak. Dazu<br />

arbeitet und wohnt er auf dem bewachten<br />

Gelände der deutschen Botschaft in Bagdad.<br />

Alle zwei Monate entflieht er kurz<br />

dieser Welt. Für zwei bis drei Wochen ist<br />

er dann in Deutschland, um sich zu erholen<br />

– und um bei Unternehmen für Investitionen<br />

im Irak zu werben.<br />

In den achtziger Jahren hat er die<br />

deutsche Schule in Bagdad besucht, sein<br />

Vater war dort Diplomat. Aber seine Zuversicht<br />

basiert nicht auf Nostalgie. Hachmeier,<br />

der während seiner Promotion<br />

in Arabistik auch noch ein Studium der<br />

Volkswirtschaft abschloss, kann sie begründen:<br />

Anders als in Afghanistan gebe<br />

es relativ gefestigte staatliche Strukturen.<br />

Auch das Bildungsniveau sei trotz der Gewalt<br />

weiterhin hoch. Noch liegt der Irak<br />

mit Waren im Wert von 1,3 Milliarden<br />

Euro in der Rangliste deutscher Exporte<br />

nur auf Platz 64. Doch Hachmeier sieht<br />

das Potenzial: Schon jetzt fördert der Irak<br />

mit 3,8 Millionen Fass Erdöl pro Tag mehr<br />

als je zuvor. Wenn die Pläne der irakischen<br />

Regierung aufgehen, soll die Produktion<br />

bis Ende dieses Jahrzehnts verdoppelt –<br />

und ein Großteil der Erlöse in die marode<br />

Infrastruktur investiert werden.<br />

DIE ENTWICKLUNG in einigen Teilen <strong>des</strong><br />

Lan<strong>des</strong> nährt Hachmeiers Optimismus.<br />

Im südirakischen Basra gibt es weniger<br />

Anschläge. Im autonomen kurdischen<br />

Norden ist die Bedrohung nochmals geringer.<br />

Gefahr droht vor allem in den Gebieten<br />

nahe der syrischen Grenze und in<br />

der Gegend rund um Bagdad.<br />

Wenn er von seiner Unterkunft in<br />

der irakischen Hauptstadt erzählt, klingt<br />

das bei Hachmeier dennoch so, als ginge<br />

es um ein Reihenhäuschen in der deutschen<br />

Provinz: Ein Garten gehört dazu.<br />

Eine kleine Küche. Und eine Espresso-<br />

Maschine einschließlich großer Mengen<br />

aus Deutschland eingeführter Kaffeepads.<br />

Will er sich bewegen, geht er in das<br />

kleine Sportstudio auf dem Botschaftsgelände.<br />

Dort trifft der schmale Akademiker<br />

dann auf breitschultrige deutsche<br />

Bun<strong>des</strong>polizisten. „In der Tat sind die Lebensumstände“,<br />

sagt Hachmeier, „etwas<br />

begrenzt.“<br />

Er ist froh, dass die deutsche Botschaft<br />

nicht innerhalb der hermetisch abgeriegelten<br />

„grünen Zone“ liegt, in die<br />

Iraker nur mit Sondergenehmigung gelangen.<br />

So kann er Gesprächspartner<br />

aus Unternehmen, Verbänden oder Ministerien<br />

in seinem Büro empfangen. Zu<br />

Treffen außerhalb gelangt Hachmeier mit<br />

dem Toyota Land Cruiser einer irakischen<br />

Sicherheitsfirma: gepanzerte Sonderausstattung,<br />

goldfarbene Lackierung,<br />

abgedunkelte Scheiben. Je nach Sicherheitslage<br />

meidet er bestimmte Straßen.<br />

Im vergangenen Jahr gab es 4500 Opfer<br />

von Anschlägen. Das Auswärtige<br />

Amt warnt ausdrücklich vor Reisen in<br />

den Irak – zehn Jahre nachdem George<br />

W. Bush etwas voreilig das Ende der<br />

Kampfhandlungen verkündete.<br />

Geirrt haben sich auch jene, die damals<br />

prognostizierten, wegen der deutschen<br />

Ablehnung der US-Invasion würden<br />

deutsche Firmen beim Wiederaufbau<br />

<strong>des</strong> Lan<strong>des</strong> weniger Aufträge erhalten.<br />

Inzwischen sieht Hachmeier es sogar als<br />

Vorteil, anders als die Briten oder die<br />

Amerikaner nicht für den brutalen Bürgerkrieg<br />

mitverantwortlich gemacht zu<br />

werden.<br />

Probleme bleiben: die im Land verbreitete<br />

Korruption, der Bürokratiedschungel.<br />

Das Haupthindernis für deutsche<br />

Firmen sei nicht die Sicherheitslage,<br />

sagt Hachmeier: „Es ist eher eine gewisse<br />

behördliche Intransparenz im Irak.“<br />

Aber genau hier fühlt sich Hachmeier<br />

gefordert. Wieder kann er entschlüsseln,<br />

übersetzen, Zusammenhänge deuten und<br />

Brücken zwischen den Kulturen bauen –<br />

fast wie früher als Wissenschaftler.<br />

ERIC CHAUVISTRÉ hat die Bun<strong>des</strong>wehr<br />

in Afghanistan begleitet, den Irakkrieg aus<br />

der Ferne analysiert. Mit Klaus Hachmeier<br />

traf er sich im fast zu friedlichen Bonn<br />

85<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


KAPITAL<br />

Interview<br />

„DIE GRIECHEN SIND DIE<br />

ÖKONOMISCHE AVANTGARDE“<br />

<strong>Der</strong> tschechische Starökonom Tomáš Sedláček lobt den Euro,<br />

fordert eine Abkehr von der Ideologie <strong>des</strong> ewigen Wachstums und<br />

träumt von einem Kapitän Europa<br />

86<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Herr Sedláček, im April hat Griechenland<br />

zum ersten Mal seit vier Jahren<br />

wieder Staatsanleihen an den Finanzmärkten<br />

platzieren können. Sind die<br />

Griechen jetzt gerettet?<br />

Tomáš Sedláček: Es ist eine Rettung<br />

für uns alle, weil wir damit endlich auch<br />

den Mythos „Fauler Süden versus fleißiger<br />

Norden“ zu Grabe tragen können.<br />

Ich würde sogar noch weiter gehen: Griechenland<br />

liegt nicht hinter uns, Griechenland<br />

ist uns voraus. Die Griechen sind die<br />

ökonomische Avantgarde.<br />

Woran machen Sie das fest?<br />

Stellen Sie sich doch mal vor, Griechenland<br />

wäre vor zwei Generationen in<br />

eine solche Situation geraten. Soll ich Ihnen<br />

sagen, was dann damals in den europäischen<br />

Hauptstädten diskutiert worden<br />

wäre? Man hätte überlegt, ob man das<br />

Land besetzen, aufteilen oder gleich annektieren<br />

soll. Heute spannt man einen<br />

Rettungsschirm auf. Alle haben sich gewünscht,<br />

dass Griechenland sich wieder<br />

erholt. Europäische Nachbarn wünschen<br />

sich gegenseitig Wohlstand. Das ist doch<br />

wundervoll!<br />

Foto: Dominik Butzmann/Laif<br />

Tomáš Sedláček<br />

<strong>Der</strong> tschechische Ökonom<br />

wurde 2012 mit seinem<br />

Best seller „Die Ökonomie von<br />

Gut und Böse“ weltweit<br />

bekannt. <strong>Der</strong> 37-Jährige lehrt<br />

heute an der Karls-Universität<br />

in Prag Wirtschaftsgeschichte<br />

und -philosophie. Gleichzeitig<br />

ist er als Makroökonom der<br />

tschechischen Bank CSOB tätig.<br />

Von 2001 bis 2003 arbeitete<br />

Sedláček als wirtschaftspolitischer<br />

Berater <strong>des</strong> damaligen<br />

tschechischen Präsidenten<br />

Václav Havel<br />

Ist das Ihr Ernst?<br />

Die meisten europäischen Länder<br />

werden aufgrund ihrer überschuldeten<br />

Staatshaushalte in etwa 20 Jahren wie<br />

Griechenland enden, wenn wir nicht unser<br />

Wirtschaftssystem ändern. Außerdem<br />

sind Krisen wie Karussells, in der Europäischen<br />

Union wird es zwangsläufig immer<br />

ein Land geben, dem es am besten<br />

geht, und eines, das gerade in der Krise<br />

steckt. Vor 13 Jahren war Deutschland<br />

der kranke Mann Europas, uns Tschechen<br />

ging es Anfang der Neunziger nicht<br />

gut. Finnland, Frankreich, Großbritannien,<br />

alle haben Krisen erlebt und sind<br />

gestärkt daraus hervorgegangen.<br />

Machen Sie es sich da nicht etwas zu<br />

einfach? In der Eurokrise stand die europäische<br />

Währungsunion kurz vor dem<br />

Zusammenbruch.<br />

Ja, aber die Linie, die zwischen dem<br />

„problematischen“ Süden und dem „erfolgreichen“<br />

Norden gezogen wurde, war<br />

von Anfang an falsch. Irland gehört ja<br />

nicht zu Südeuropa. Wir neigen außerdem<br />

dazu, Kausalität und Korrelation zu<br />

verwechseln. Aktuell wird uns eingeredet,<br />

dass die Krise zum Wiedererstarken<br />

<strong>des</strong> Nationalismus führt.<br />

Aber genau diese Entwicklung haben<br />

wir doch in Griechenland gesehen.<br />

Ja, aber es gab auch schon vor der<br />

Krise Jörg Haider in Österreich, in der<br />

Slowakei saßen extreme Nationalisten<br />

in der Regierung, in Tschechien hetzten<br />

die Republikaner gegen die Roma. Es gibt<br />

verschiedene Gründe für solche Phänomene<br />

in den einzelnen Ländern. Aber anders<br />

als in den dreißiger Jahren hat die<br />

Wirtschaftskrise nicht zum Wiedererstarken<br />

<strong>des</strong> Nationalismus geführt.<br />

Aber der Bail-out der Griechen, der Iren<br />

und der Portugiesen war doch kein rein<br />

altruistischer Akt?<br />

Nein, es ging mit Sicherheit auch darum,<br />

die eigenen Banken zu retten. Aber<br />

das ist ja eines der Hauptphänomene der<br />

Globalisierung, dass die Probleme der<br />

anderen zu unseren eigenen Problemen<br />

werden können. Das ist genial, weil der<br />

Anreiz fehlt, gegeneinander Krieg zu führen:<br />

Wir haben den alten Fetisch <strong>des</strong> geografischen<br />

Wachstums durch den Fetisch<br />

<strong>des</strong> Wirtschaftswachstums ersetzt.<br />

Die Griechen leiden aber noch immer<br />

unter enorm hohen Staatsschulden.<br />

Und einige Ökonomen fordern weiterhin<br />

den Ausschluss der Griechen aus dem<br />

Euro oder plädieren für einen kontrollierten<br />

Staatsbankrott.<br />

Diese Diskussion ist hysterisch. Bei<br />

uns in Tschechien gibt es das Märchen<br />

vom dummen Hans, der mit seiner Leiter<br />

auf einen Baum klettern will. Da die<br />

Leiter zu lang ist, sägt er eine Sprosse ab,<br />

aber es passt wieder nicht perfekt. Er sägt<br />

so lange Sprossen ab, bis die Leiter völlig<br />

unbrauchbar ist.<br />

Was heißt das für die EU?<br />

Wenn wir anfangen, die Länder, die<br />

in Schwierigkeiten geraten, abzusägen,<br />

ist am Ende niemand mehr in der EU.<br />

Die aktuelle Finanzkrise hat in den USA<br />

begonnen. Sie hat dort verheerende soziale<br />

Auswirkungen gehabt, weil die Sozialsysteme<br />

viel schwächer ausgebaut sind<br />

als in Europa. Trotzdem käme kein vernünftiger<br />

Amerikaner auf die Idee, eine<br />

Auflösung der Vereinigten Staaten zu fordern.<br />

Das Gleiche gilt für Japan trotz seiner<br />

seit Jahren anhaltenden Krise. Dieses<br />

87<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


KAPITAL<br />

Interview<br />

„Brecht die EU auseinander!“, so eine<br />

kontraproduktive Forderung kann nur<br />

von uns Europäern kommen.<br />

Aber wir leben eben nicht in den Vereinigten<br />

Staaten von Europa.<br />

Ich habe kürzlich im Kino den zweiten<br />

Teil von Captain America gesehen.<br />

<strong>Der</strong> Superheld ist groß, muskulär, ein<br />

blonder Superman. Die Amerikaner lieben<br />

ihn. Wir in Europa haben keinen Kapitän<br />

Europa, sondern höchstens Kafka.<br />

Diesen amerikanischen Enthusiasmus<br />

werden wir in Europa nie teilen. Wir werden<br />

uns immer Kafka näher fühlen, mit<br />

unserer ewigen Skepsis und Kritik. Trotzdem<br />

ist Europa unser gemeinsames Haus.<br />

Sind die Europäer durch die Krise doch<br />

näher zusammengerückt?<br />

Ja, wir wachsen zu einer Familie zusammen.<br />

So einfach ist das. Und wenn<br />

die Griechen unsere Brüder und Schwestern<br />

sind, dann müssen wir ihnen helfen,<br />

wenn sie sich ein Bein gebrochen haben,<br />

und nicht fragen, wie viel es kosten wird.<br />

Deswegen bin ich für die Einführung eines<br />

Länderfinanzausgleichs in Europa.<br />

Das funktioniert doch innerhalb einzelner<br />

Mitgliedstaaten auch.<br />

Warum ist Europa so instabil?<br />

Wir haben eine Tendenz dazu, alles<br />

auf die Spitze zu treiben, alles zu maximieren,<br />

alles zu übertreiben. Die Idee<br />

der wirtschaftlichen Integration Europas<br />

ist richtig. Aber wir haben uns dabei in<br />

die Idee <strong>des</strong> ständigen Wirtschaftswachstums<br />

verliebt. Die Krise hat gezeigt, dass<br />

es uns genauso zerstören kann wie unser<br />

alter Fetisch <strong>des</strong> geografischen<br />

Wachstums.<br />

Aber Wirtschaft und Politik setzen doch<br />

weiterhin auf Wachstum.<br />

Das Argument lautet immer: Wir<br />

müssen uns jetzt höher verschulden, um<br />

die Wirtschaft anzuregen, damit wir später<br />

unsere Schulden einfacher abtragen<br />

können. Schulden mit noch mehr Schulden<br />

zu bekämpfen hat etwas Manisches.<br />

Das ist ungefähr so, als wenn Sie für einen<br />

Alkoholiker, der mit seinem Kater<br />

kämpft, ein wirksameres Schmerzmittel<br />

entwickeln. Kurzfristig helfen Sie ihm<br />

mit der Medizin, aber langfristig wird<br />

sein Alkoholproblem noch schlimmer.<br />

„Leichte<br />

Deflation ist<br />

eigentlich<br />

ganz angenehm,<br />

weil sie meine<br />

Kaufkraft erhöht<br />

und mich<br />

reicher macht“<br />

Aber kann der Kapitalismus ohne<br />

Wachstum funktionieren?<br />

Wir müssen aufhören, uns in die Tasche<br />

zu lügen. Wenn die Neuverschuldung<br />

der USA bei 7 Prozent <strong>des</strong> BIP liegt,<br />

die Wirtschaft aber nur um 1,5 Prozent<br />

wächst, kann ich das doch nicht ernsthaft<br />

als Wachstum bezeichnen. Die<br />

Krise hat gezeigt, dass wir mit unserer<br />

Verschuldungspolitik schon seit Jahren<br />

selbst in die Segel unseres Schiffes pusten,<br />

aber kein Wind weht. Wir haben<br />

unsere Stabilität verkauft, um ökonomisches<br />

Wachstum zu erzeugen. Aber dieser<br />

Wachstumskapitalismus ist ein sehr<br />

fragiles System. Nur eine kleine Störung<br />

reicht aus, um alles zusammenbrechen<br />

zu lassen.<br />

Wie bekommen wir wieder mehr Stabilität<br />

ins System?<br />

Indem wir jetzt das Gegenteil machen:<br />

Auf Wachstum verzichten und<br />

Schulden abbauen. Länder wie Spanien,<br />

Finnland und Belgien haben ihre Schuldenstände<br />

schon deutlich gesenkt.<br />

Kritiker einer solchen Sparpolitik warnen<br />

schon vor der Gefahr einer Deflation.<br />

Selbst EZB-Chef Mario Draghi<br />

achtet peinlich darauf, das Wort gar<br />

nicht erst in den Mund zu nehmen, und<br />

spricht, wenn überhaupt, vom D-Wort.<br />

Die Gefahr einer Deflation sehe ich<br />

aktuell nicht. Wir Ökonomen wissen<br />

auch gar nicht so genau, was heute bei<br />

einer Deflation passieren würde, weil das<br />

Thema nicht hinreichend untersucht ist.<br />

Nach der Theorie werden die Waren billiger,<br />

das kann dazu führen, dass Kunden<br />

ihre Einkäufe hinauszögern, weil<br />

sie auf noch weiter sinkende Preise hoffen.<br />

Ein mögliches Ergebnis wäre ein<br />

Abwärtsstrudel, wie wir ihn in den USA<br />

Anfang der dreißiger Jahre erlebt haben.<br />

Heute reagieren Konsumenten auf niedrige<br />

Preise aber eher mit Einkaufslust –<br />

nicht mit Kaufzurückhaltung. Momentan<br />

fände ich eine leichte Deflation eigentlich<br />

angenehmer, weil der Wert meines Gel<strong>des</strong><br />

und meine Kaufkraft dabei steigen.<br />

Sie macht mich reicher, während mich<br />

eine hohe Inflation verarmen ließe.<br />

Ist der Verzicht auf Wachstum auch<br />

gleichbedeutend mit dem Ende der<br />

Gier?<br />

Nein, Gier ist eine der Ureigenschaften<br />

der Menschen. Sie ist immer gleichzeitig<br />

Motor <strong>des</strong> Fortschritts, aber auch<br />

Ursache <strong>des</strong> Absturzes. Insofern ist sie<br />

auch eng mit dem Kapitalismus verbunden.<br />

Aber wenn man die klassische Ökonomie<br />

betrachtet, wird das Bild schon<br />

differenzierter. Heute werden Befürworter<br />

einer wachstumsorientierten<br />

Wirtschaft eher rechts der politischen<br />

Mitte eingeordnet. Mich amüsiert das<br />

immer, weil eigentlich der Kommunismus<br />

das System war, das immer wachsen<br />

und wetteifern wollte. Jeder Fünf-Jahres-Plan<br />

sah Wachstum vor, die Leistung<br />

je<strong>des</strong> Arbeiters wurde gemessen. In der<br />

klassischen Ökonomie war der größte<br />

Gewinn <strong>des</strong> Reichtums der Müßiggang.<br />

Kapitalisten arbeiteten also, um faul sein<br />

Foto: Dominik Butzmann/Laif<br />

88<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


zu können. Ein historischer Treppenwitz,<br />

dass die Griechen heute für ihre Faulheit<br />

beschimpft werden. Das liegt aber<br />

auch daran, dass heute alle, die nicht<br />

von früh bis spät arbeiten wollen, sofort<br />

als eher links eingeordnet werden. Aber<br />

das kann sich auch wieder ändern, eine<br />

stärkere Tendenz zu Teilzeitjobs zeichnet<br />

sich in einigen europäischen Ländern<br />

schon ab.<br />

Sie arbeiten selbst aber auch von früh<br />

bis spät, wollten ursprünglich Historiker<br />

werden, aber Ihr Vater hat Sie überzeugt,<br />

Ökonomie zu studieren. In Ihrer<br />

Arbeit sind Sie ein Grenzgänger, beschäftigen<br />

sich mit Philosophie, Geschichte<br />

und Ökonomie, gleichzeitig<br />

arbeiten Sie als Berater für eine der<br />

größten Banken Tschechiens. Wie passt<br />

all das zusammen?<br />

Genau so, anders könnte ich gar<br />

nicht arbeiten. Ich mag es nicht, wenn<br />

man die Welt nur durch die Augen eines<br />

Bankers, eines Philosophen oder eines<br />

Künstlers sieht. Ich möchte Brücken<br />

bauen zwischen den verschiedenen Fächern.<br />

Ich beschäftige mich in meiner Arbeit<br />

mit allem, was mir Spaß macht: Film,<br />

Literatur, Ökonomie, Philosophie und<br />

Geschichte. Das ist ein Ansatz aus der<br />

Renaissance. Als das Wissen der Menschheit<br />

zu groß wurde, haben wir es aufgeteilt,<br />

damit wir es gemeinsam wieder zusammenfügen<br />

können. Das passiert aber<br />

nicht mehr. Statt<strong>des</strong>sen sind wir eine Gesellschaft<br />

von Fachidioten geworden, die<br />

die Welt nicht mehr verstehen.<br />

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Renaissance-Ansatz?<br />

Es ist wie bei einem Tischler, der<br />

tagsüber rechteckige Tische mit vier Beinen<br />

baut. Abends kommt er nach Hause,<br />

trinkt ein Glas Wein und beginnt herumzuphilosophieren:<br />

Brauchen Tische unbedingt<br />

vier Beine? Warum sitzen die<br />

Menschen in Asien gerne auf dem Boden?<br />

Und eines Tages fängt er an, Tische<br />

mit einem Bein zu bauen oder solche, die<br />

unter der Decke hängen. Für die Bank<br />

baue ich noch rechteckige, klassische Tische,<br />

aber es werden weniger. Und Fortschritte<br />

erzielen wir nur, wenn wir neue<br />

Sachen ausprobieren.<br />

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Das Gespräch führte TOMÁŠ SACHER<br />

<strong>Cicero</strong> Test


KAPITAL<br />

Reportage<br />

SCHULLANDHEIM<br />

DER MÄCHTIGEN<br />

90<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Kein Treffen der Welt ist so sagenumwoben<br />

wie die Bilderberg-Konferenz. Die Mythen sind<br />

inzwischen zu einem Dickicht aus Fakt und Fiktion<br />

gewachsen. Ein Blick hinter die Kulissen zum<br />

60. Geburtstag der vermeintlichen Weltregierung<br />

Von CONSTANTIN MAGNIS<br />

Illustrationen MARCO WAGNER


KAPITAL<br />

Reportage<br />

<strong>Der</strong> Concierge ist alarmiert. „Eric“ steht auf<br />

seinem Namensschild, er hat die Augen<br />

aufgerissen und lächelt starr. Entweder<br />

liegt es daran, dass man dem Geheimnis<br />

seines Hotels auf die Spur gekommen ist.<br />

Oder aber er hält den Gast vor ihm für verrückt, der<br />

ihm von irgendwelchen „Bilderbergern“ erzählt. Einer<br />

Gruppe, die Verschwörungstheoretiker für die heimliche<br />

Weltregierung halten, die sich einmal im Jahr an<br />

einem geheimen Ort trifft. Bald soll es wieder so weit<br />

sein, Ende Mai, und zwar angeblich<br />

genau hier, in diesem Hotel,<br />

dem Marriott in Kopenhagen.<br />

„Wirklich? Das ist ja hochinteressant“,<br />

sagt Eric im Duktus<br />

angestrengt höflicher Deeskalation.<br />

„Dabei ist hier Ende<br />

Mai völlig normaler Hotelbetrieb.<br />

Aber die Geschichte klingt<br />

irre.“<br />

Zugegeben, das Hotelpersonal<br />

verhält sich widersprüchlich.<br />

Die Dame vom Restaurant stellt<br />

verwundert fest, dass am betreffenden<br />

Wochenende selbst mittags<br />

keine Tische buchbar sind,<br />

und erfährt nach kurzer Rücksprache,<br />

das komplette Haus<br />

sei tagelang geblockt, von einer<br />

„besonderen Gruppe“ mit<br />

„massenhaft Security“. <strong>Der</strong> Barkeeper lacht und sagt,<br />

Ende Mai sei hier immer Platz, definitiv keine Buchung<br />

nötig. <strong>Der</strong> Manager wiederum erklärt, im Mai sei in<br />

Dänemark Hochsaison, mit so vielen Touristen und<br />

Kreuzfahrtschiffen, dass das Hotel selbst die Lobby<br />

für Laufkundschaft schließen müsse, leider.<br />

Abgesehen davon klingt es tatsächlich außergewöhnlich:<br />

Dass sich rund 120 der einflussreichsten<br />

Figuren <strong>des</strong> Westens in Limousinen den Weg durchs<br />

Kopenhagener Fahrradgewirr bahnen sollen, um sich<br />

dann ausgerechnet hier, in einem zehnstöckigen, weithin<br />

einsehbaren Fünf-Sterne-Komplex zwischen Hafenwasser<br />

und einer vierspurigen Straße zu treffen.<br />

Dass in den nach Orangenblüte duftenden Konferenzräumen,<br />

im Dampfbad oder auf den braunen Samtquadraten<br />

der Hotelbar bald „Bilderberger“ wie die Chefs<br />

von Facebook, Coca-Cola und Goldman Sachs mit Regierungschefs<br />

und Staatsoberhäuptern zusammensitzen<br />

und das Weltgeschehen besprechen könnten.<br />

KEIN TREFFEN DER WELT ist so sagenumwoben wie die<br />

Bilderberg-Konferenz. Die Mythen sind inzwischen zu<br />

einem Dickicht aus Fakt und Fiktion gewachsen. Wir<br />

haben in den vergangenen Monaten mit Teilnehmern<br />

und Organisatoren im In- und Ausland gesprochen, um<br />

zu begreifen, welche Regeln für die Teilnehmer gelten<br />

und was auf der Konferenz vorgeht, von der man bisher<br />

vor allem Bizarres zu hören bekam. Die meisten<br />

Bilderberger sagten nur etwas, wenn ihnen zugesichert<br />

wurde, nicht direkt zitiert zu werden.<br />

In den siebziger Jahren begannen Verschwörungstheoretiker<br />

wie der Amerikaner Jim Tucker zu<br />

versuchen, die Existenz der Konferenz zu beweisen<br />

– und mit ihr die vermeintlichen Pläne der Bilderberger<br />

zur Errichtung einer neuen Weltordnung. Slobodan<br />

Milosevic soll davon genauso überzeugt gewesen<br />

sein wie Osama bin Laden. Für<br />

David Copeland, der 1999 drei<br />

Bomben in London zündete, ist<br />

Bilderberg die „jüdische Weltverschwörung“.<br />

Fidel Castro erklärte<br />

2010, Bilderberg führe die<br />

Jugend der Welt in einen „atomaren<br />

Holocaust“. Und der Ex-<br />

BBC-Fußballreporter und selbst<br />

ernannte Heiler David Icke behauptet<br />

bis heute, über Bilderberg<br />

werde die Menschheit<br />

versklavt, und zwar von außerirdischen<br />

Reptilien.<br />

Aber warum halten Diktatoren,<br />

Terroristen und Spinner<br />

die Bilderberg-Treffen für so gefährlich?<br />

Offenbar ist den Veranstaltern<br />

der Konferenz, die<br />

tatsächlich bereits seit 60 Jahren<br />

existiert, ihre Diskretion zum Verhängnis geworden.<br />

<strong>Der</strong> polnische Politikberater Józef Retinger, ein<br />

Freund Churchills und Sekretär <strong>des</strong> Schriftstellers<br />

Joseph Conrad, organisierte 1954 das erste Treffen,<br />

um im Kalten Krieg die Bindung zwischen Nordamerika<br />

und Westeuropa zu festigen. Es fand unter dem<br />

Vorsitz von Prinz Bernhard der Niederlande im holländischen<br />

Hotel de Bilderberg statt.<br />

Bei Bilderberg – das war und ist die Idee – kommen<br />

die transatlantischen „Movers and Shakers“ aus<br />

Politik, Wirtschaft und Medien zusammen, um sich<br />

über die Probleme der westlichen Welt – früher eher<br />

der drohende Atomkrieg, heute eher die Eurokrise –<br />

auszutauschen und so Konflikten vorzubeugen. Entscheidungen<br />

– heißt es – werden keine getroffen, das<br />

Ziel sei die Debatte.<br />

Zu den Gästen zählten deutsche Politiker wie Gerhard<br />

Schröder, Roland Koch, Angela Merkel, Jürgen<br />

Trittin oder Christian Lindner genau wie Amazon-<br />

Chef Jeff Bezos, NSA-Chef Keith Alexander, EU-Kommissionschef<br />

José Manuel Barroso, Microsoft-Gründer<br />

Bill Gates oder Ex-IWF-Chef Dominique Strauss-<br />

Kahn. Teilnehmer kommen explizit als Privatpersonen<br />

und nicht als Vertreter ihrer Institutionen. Gästelisten<br />

wurden früher gar nicht, heute erst unmittelbar<br />

vor der Konferenz veröffentlicht. Damit frei und offen<br />

92<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


gesprochen wird, gilt: Niemand wird zitiert, Gesagtes<br />

bleibt privat. Diese Kombination aus Heimlichkeit<br />

und Macht hat unzählige selbsternannte „Bilderberg-<br />

Jäger“ motiviert, die „wahre Agenda“ der Bilderberger<br />

zu entlarven und ihre vorab geheimen Tagungsorte<br />

zu enttarnen. Die Bilderberg-Konferenz selbst veröffentlicht<br />

vorab auf www.bilderbergmeetings.org nicht<br />

mehr als das Gastgeberland.<br />

Es hat der Bilderberg-Legende auch nicht geschadet,<br />

dass sich Neugierige, die in früheren Jahren im<br />

Umfeld der Tagungshotels recherchierten,<br />

über teils stundenlange<br />

Polizeiverhöre beklagten<br />

– darunter der Reporter<br />

Thomas Campbell, der EU-Parlamentarier<br />

Mario Borghezio<br />

oder der Guardian-Journalist<br />

Charlie Skelton.<br />

Abenteuerlich klingt auch<br />

der Bericht <strong>des</strong> Journalisten Jon<br />

Ronson, der 1999 in Portugal auf<br />

der Suche nach dem Treffpunkt<br />

der Bilderberger von einem Geheimdienstler<br />

über Landstraßen<br />

verfolgt worden sein will,<br />

um schließlich vor dem Luxushotel<br />

Cesar Park ungläubig zu<br />

erleben, wie in Limousinen Figuren<br />

wie der Ex-US-Außenminister<br />

Henry Kissinger, der einstige<br />

Fiat-Chef Umberto Agnelli, der Milliardär David<br />

Rockefeller oder der damalige Weltbankchef James<br />

Wolfensohn an ihm vorbeirollten.<br />

In einem dieser Fahrzeuge saß damals auch Werner<br />

A. Perger, Journalist und ehemaliger stellvertretender<br />

Chefredakteur der Zeit. Er sagt heute: „So<br />

abenteuerlich ist Bilderberg von innen nicht.“ Neben<br />

Blättern wie dem Economist oder der New York<br />

Times sind traditionell meist auch Vertreter der Zeit<br />

geladen. Als Mitdiskutanten wohlgemerkt, nie als<br />

Reporter.<br />

Königin Beatrix<br />

hat kein Geld<br />

dabei. Da muss<br />

man abends an<br />

der Bar schon<br />

mal ihren<br />

Rotwein zahlen<br />

Perger erinnert sich, wie er sich eines Abends an<br />

der Hotelbar auf einmal im Plausch mit der niederländischen<br />

Königin Beatrix wiederfand: „Sie hatte kein<br />

Portemonnaie dabei, wie es sich für eine Herrscherin<br />

gehört. ‚No Problem‘, habe ich gesagt, und ihren Rotwein<br />

gezahlt.“<br />

Das wirklich Spannende an der Konferenz, sagt<br />

Perger, sei die Chance, Kontakte zu knüpfen und ungezwungen<br />

Leute zu befragen, die einem „sonst nie im<br />

Leben einen Termin geben“ würden, wie ihm der Chef<br />

einer großen Bank versicherte.<br />

„Für Journalisten der Jackpot.<br />

Aber das einzelne Event als solches<br />

ist keine Story, außer dass<br />

es stattgefunden hat“, sagt er.<br />

„Manche haben während der<br />

Debatten völlig leeres Stroh gedroschen<br />

und sich zu jedem Mist<br />

gemeldet, man merkte: Die wollen<br />

wieder eingeladen werden.“<br />

Die Auswahl der Gäste ist<br />

das Privileg <strong>des</strong> Bilderberg-<br />

Führungszirkels, <strong>des</strong> „Steering<br />

Committees“ um den Chairman,<br />

aktuell Henri de Castries,<br />

CEO <strong>des</strong> französischen Versicherungskonzerns<br />

Axa. Mit Airbus-Chef<br />

Tom Enders und Klaus<br />

Kleinfeld, Chef <strong>des</strong> US-Aluminiumherstellers<br />

Alcoa, gehören<br />

auch zwei Deutsche dazu. Die Einladung erfolgt durch<br />

den persönlichen Brief eines Komiteemitglieds, formelle<br />

Kriterien gibt es nicht.<br />

Intelligenz und Abstraktionsvermögen zählen<br />

mehr als Einfluss, Erfahrung oder Prominenz. <strong>Der</strong><br />

klassische Gast ist Aufsteiger, Marktliberaler, Transatlantiker<br />

und Lieferant aufregender Perspektiven. Stellt<br />

sich einer als „nicht sehr interessant“ heraus, war er<br />

das <strong>letzte</strong> Mal eingeladen.<br />

Je<strong>des</strong> Jahr im Herbst legt das Komitee Themen<br />

und Gäste der nächsten Konferenz fest. Im Oktober<br />

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und ihre Gegensätze überwinden können<br />

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KAPITAL<br />

Reportage<br />

2001 traf man sich dafür zu einem Dinner im New Yorker<br />

Metropolitan Museum. Dick Cheney, damals US-<br />

Vizepräsident, war nach dem Attentat vom 11. September<br />

wochenlang abgetaucht. Als Gastredner beim<br />

Bilderberg Steering Committee aber war er plötzlich<br />

wieder da und hielt im Kerzenlicht eine apokalyptische<br />

Rede über die Bedrohung durch den Terrorismus.
Das<br />

Komitee finanziert ein Sekretariat an der<br />

holländischen Universität Leiden und sammelt Gelder<br />

für kommende Konferenzen. Neuerdings zahlen Teilnehmer<br />

für ihre Zimmer selbst.<br />

Bleiben die Kosten für Shuttle,<br />

Mahlzeiten, vier Tage Vollsperrung<br />

eines Fünf-Sterne Hotels,<br />

vor allem aber Sicherheitsleute,<br />

die je<strong>des</strong> Sandwich untersuchen.<br />

Die Rechnung zahlen am<br />

Ende meist Firmen, deren Chefs<br />

bereits Bilderberger sind oder<br />

mit ihrer Spende welche werden.<br />

Immer frage Bilderberg die Firmen,<br />

nie andersherum, erklärt<br />

ein Ex-Komiteemitglied: „Niemand<br />

kann sich einkaufen.“ Siemens,<br />

EADS, Axel Springer, Allianz,<br />

Shell, Daimler – auf der<br />

Gästeliste mangelt es jedenfalls<br />

nicht an potenziellen Sponsoren.<br />

„Es gibt keine andere Konferenz<br />

von diesem Kaliber ohne<br />

Öffentlichkeit“, sagt ein Teilnehmer. „Davos ist dagegen<br />

reines PR-Blabla. Hier sagen die Leute wirklich,<br />

was sie denken, das verändert die Art der Beiträge.<br />

Sie erzählen nichts komplett anderes, aber eben die<br />

paar Sätze mehr, auf die es ankommt. So lernt man<br />

unglaublich viel.“<br />

SELBST STAATSCHEFS REISEN ohne Assistenten an.<br />

So spielen sich bemerkenswerte Szenen ab, man bekommt<br />

einen Eindruck davon, wenn Bilderberger von<br />

früheren Konferenzen erzählen: Wie ein schüchterner<br />

Bill Clinton von seinem Parteifreund Vernon Jordan<br />

mit den Worten „meet our next President“ durch die<br />

Reihen geschleift wurde. Wie Colin Powell morgens<br />

nach dem Joggen verschwitzt durch die Lobby stolperte.<br />

Wie Jean-Claude Trichet als damaliger EZB-<br />

Chef ungehemmt über Europas strukturelle Verklemmung<br />

schimpfte. Einmal kriegten sich Paul Wolfowitz<br />

und Dominique de Villepin über den Irakeinsatz in die<br />

Haare, ein anderes Mal stritten Josef Ackermann und<br />

Jürgen Schrempp sich laut über das Thema Offshoring.<br />

„Wie auf einer Klassenfahrt“, sagt ein Gast.<br />

Ein Schullandheim, <strong>des</strong>sen Ablauf streng geregelt<br />

ist. Donnerstags Abholung vom Flughafen, Begrüßungscocktail<br />

und, wie jeden Abend, Dinner ohne<br />

Platzierung. Nur der Chairman und die traditionell<br />

Es gibt keine<br />

andere<br />

Konferenz dieses<br />

Kalibers. Davos<br />

ist dagegen<br />

nur reines<br />

PR-Blabla<br />

anwesende holländische Königin haben eigene Tische,<br />

an die mit einer schriftlichen Einladung gebeten wird.<br />

Bis Sonntag folgen etwa ein Dutzend Podiumsdiskussionen<br />

zu aktuellen Themen, von der Syrienkrise über<br />

EU-Reformen bis zur Energiepolitik, etwa vier Diskutanten<br />

auf der Bühne, die restlichen Gäste sitzen alphabetisch<br />

aufgereiht im Publikum davor.<br />

Samstagnachmittags unternehmen die Bilderberger<br />

Ausflüge. In Norwegen fuhren sie 2001 mit einem<br />

Dampfer durch die Fjorde. In Italien schipperten<br />

sie 2004 mit einem Boot<br />

über den Lago Maggiore. In<br />

Bayern brachte sie 2005 ein<br />

Bus auf eine Alm, wo man für<br />

sie Schuhplattler tanzte und jodelte.<br />

Und in Griechenland gingen<br />

sie 2009 zusammen im Mittelmeer<br />

schwimmen.<br />

2012 war der Spaß vorbei.<br />

Am Samstag der Konferenz<br />

bei St. Moritz ging ein kleiner<br />

Trupp, darunter Peer Steinbrück,<br />

Google-Chef Eric Schmidt und<br />

Tom Enders, in den Bergen wandern.<br />

Die Protestler, die seit Jahren<br />

die Tagungshotels umlagern,<br />

nahmen die Verfolgung auf, hielten<br />

ihnen Kameras ins Gesicht<br />

und schimpften sie mit Megafonen<br />

„Lan<strong>des</strong>verräter“, „Menschenhasser“<br />

und „Kriegsverbrecher“, bis die Wanderer<br />

ins Hotel flüchteten. „Ungeheuerlich“ fand Steinbrück<br />

das. Im Jahr darauf verließ man das Hotel gar nicht erst.<br />

Mancher sieht aufgrund der ausufernden Protestkultur<br />

bereits das Ende der Konferenz nahen. Immer<br />

öfter sagen Gäste ab, weil sie nicht pausenlos beteuern<br />

möchten, kein Teil einer Weltverschwörung zu sein.<br />

Wäre die Welt denn eine andere ohne Bilderberg?<br />

Selbst Teilnehmer wie Werner A. Perger tun sich<br />

schwer mit der Frage nach konkreten politischen Auswirkungen<br />

<strong>des</strong> Treffens. „Entscheidend sind ja oft nicht<br />

Konferenzen, sondern die Dinge, die dort angebahnt<br />

werden“, sagt er.<br />

„Jedenfalls“, sagt ein Ex-Mitglied <strong>des</strong> Steering<br />

Committees, „hat Bilderberg als Gruppe immer einen<br />

Informationsvorsprung.“ Kein Zweifel. Einen Tag nach<br />

dem Besuch im Hotel, in dem offiziell noch nie jemand<br />

von der Konferenz gehört haben will, trifft der Reporter<br />

einen <strong>letzte</strong>n Bilderberger zum Gespräch und erzählt,<br />

dass er gerade aus Kopenhagen kommt. „Das“,<br />

sagt der Herr, „wissen wir bereits.“<br />

CONSTANTIN MAGNIS ist Ressortleiter<br />

Reportagen bei <strong>Cicero</strong>. Er mag Kopenhagen<br />

und ist auf Konferenzen ein faszinierender<br />

Gesprächspartner. Ende Mai hätte er noch Zeit<br />

Foto: Privat<br />

94<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


STIL<br />

„ Die Aura von<br />

erfolgreichen älteren<br />

und sehr souveränen<br />

Frauen irritiert<br />

Männer und jüngere<br />

Frauen. Sie fühlen<br />

sich bedroht. Auch so<br />

kann das Alter gegen<br />

uns arbeiten “<br />

Tori Amos, Sängerin, 50 Jahre alt, Seite 106<br />

95<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Ur-Milf: Mrs. Robinson aus<br />

„Die Reifeprüfung“, gespielt von<br />

Anne Bancroft, hier als Montage.<br />

Im Film sieht man sie nicht nackt


STIL<br />

Porträt<br />

DER SIEG DER MILF<br />

Von den Pornoseiten über die Spielplätze in die Chefinnen-Etagen: Ein fragwürdiges<br />

Kompliment findet Eingang in die Sprache: Milf – „Mother I’d Like to Fuck“<br />

Von LENA BERGMANN<br />

Foto: Anne Bancroft fantasy artwork/©Ision-Fakes.com<br />

Vor der Sicherheitskontrolle am<br />

New Yorker Flughafen ist eine<br />

Frau mittleren Alters damit beschäftigt,<br />

hektisch ihre Flasche Saft<br />

auszutrinken. Auf dieser steht in großer<br />

schwarzer Schrift: „MILF“. Und daneben,<br />

etwas kleiner: „11 Dollar“. Die<br />

Frau – blond, modisch gekleidet – hat sich<br />

den Drink etwas kosten lassen. Anscheinend<br />

ist sie auf psychologisch raffiniertes<br />

Marketing reingefallen. Denn Milf<br />

bedeutet „Mother I’d Like to Fuck“, zu<br />

Deutsch ungefähr: „Mutter, mit der ich<br />

schlafen möchte“.<br />

Zwei fröhliche Sicherheitsbeamtinnen<br />

beobachten die Frau: „Schau mal,<br />

wie der Drink heißt!“, feixt die eine.<br />

Beide kichern. „Passt zu der Milf, die<br />

ihn trinkt!“ In Amerika weiß jeder, was<br />

eine Milf ist. Längst gibt es dort ein Milf-<br />

Genre in der Pornoindustrie, Milf-Diäten<br />

und Milf-T-Shirts.<br />

Statistiken <strong>des</strong> Online-Porno-Giganten<br />

Pornhub zufolge gehören „Teen“<br />

und „Milf“ bei amerikanischen Nutzern<br />

der Seite zu den drei häufigsten Suchbegriffen<br />

– den dritten möchte ich Ihnen<br />

an dieser Stelle ersparen. Aber es<br />

ist doch bemerkenswert, dass sich zum<br />

Männerfantasie-Klassiker <strong>des</strong> Teenagermädchens<br />

nun auch deren sexy Mutter<br />

gesellt hat.<br />

Seinen Ursprung hatte der Begriff in<br />

der Pornografie. In die Popkultur eingeführt<br />

wurde er durch den lustig-primitiven<br />

Pubertäts-Blockbuster „American<br />

Pie“ von 1999, in dem die verführerische<br />

Mutter eines Schülers seinen Freunden<br />

die Köpfe verdreht. Inzwischen benutzen<br />

ihn in den USA sogar Mütter selbst, um<br />

sich Komplimente zu machen. Was sich<br />

in den USA ausbreitet, ist häufig kurz danach<br />

auch in Europa ein Begriff.<br />

Zur nachträglichen Ehren-Ur-Milf<br />

wurde schnell Mrs. Robinson gekürt, die<br />

1967 im Oscar-prämierten Skandalfilm<br />

„Die Reifeprüfung“ von Anne Bancroft<br />

dargestellt wurde. Terminologisch im<br />

Übrigen nicht ganz korrekt: Aufgrund<br />

der offensiven Art, mit der sie den College-Absolventen<br />

Benjamin in ihr Bett<br />

drängt, wunderbar passiv gespielt von<br />

Dustin Hoffman, würde man sie heute<br />

eher als „Cougar“ bezeichnen. Englisch<br />

für „Puma“, steht dieser Begriff wiederum<br />

für die Frau im fortgeschrittenen<br />

Alter, die aktiv Jagd auf junge Männer<br />

macht. Die Milf hingegen hat es als souveränes<br />

Objekt der Begierde nicht nötig,<br />

auf die Jagd zu gehen. Sie kann ganz entspannt<br />

entscheiden, wer in ihr Bett darf.<br />

IN DEUTSCHLAND ist der Terminus Milf<br />

auch schon angekommen, allerdings noch<br />

nicht in der Breite. Auf dem neuen Album<br />

der Sängerin und Mutter Judith Holofernes<br />

heißt ein Lied „M.I.L.F.“, in einem<br />

Video-Autotest auf der Website der Welt<br />

wird der neue Range Rover als „die ultimative<br />

Milf-Karre“ angepriesen, und<br />

der Moderator Jan Böhmermann lässt auf<br />

ZDF Neo als Aprilscherz den Schlagerbarden<br />

Guildo Horn als „Milf-Bachelor“<br />

auf Mütter los. Die meistgesuchte Kategorie<br />

der deutschen Pornhub-Nutzer hingegen<br />

lautet – neben dem obligatorischen<br />

„Teen“ – „German“. Beim schnellen Date<br />

mit sich selbst ergötzt sich der deutsche<br />

Mann vor dem Bildschirm also bevorzugt<br />

an heimischen Teenagern. Mütter als erotische<br />

Fantasie haben sich hierzulande<br />

noch nicht durchgesetzt.<br />

Dies erstaunt, da das öffentliche Leben<br />

in Deutschland aus Männerperspektive<br />

doch eine Vielzahl an Milf-Fantasien<br />

zu bieten hat. Angefangen bei Manuela<br />

Schwesig, 40, als Polit-Milf, über die nach<br />

all den Jahren auf dem Feld der Musik-<br />

Milfs immer noch führende Nena, 54, bis<br />

hin zur Tatort-Milf Simone Thomalla, 49.<br />

Nicht zu vergessen natürlich auch die<br />

vierfache Mutter und transatlantische<br />

Elite-Milf Heidi Klum, 40, derzeit mit<br />

dem Künstlersohn Vito Schnabel, 27, liiert.<br />

Klum ist zwar nicht gerade das beste<br />

Aushängeschild für das Land der Dichter<br />

und Denker, aber es geht ja auch nur<br />

um das Eine.<br />

Paradox ist, dass im Zeitalter politischer<br />

Korrektheit niemand Anstoß an<br />

diesem doch recht anzüglichen „Kompliment“<br />

zu nehmen scheint. Sind Mütter<br />

so glücklich darüber, auch mit Kinderwagen<br />

oder gar VW Touran noch als<br />

begehrenswert wahrgenommen zu werden,<br />

dass sie über die im Grunde ja unverschämte<br />

Objektifizierung hinwegsehen,<br />

die dem Begriff der Milf innewohnt?<br />

Machen Mütter die Folgen <strong>des</strong> Alters und<br />

der Schwerkraft so große Angst, dass sie<br />

sich über Komplimente freuen, die sie<br />

früher als Affront empfunden hätten?<br />

Oder sind berufstätige Mütter heute so<br />

selbstbewusst, dass sie sich diese irgendwie<br />

doch schmeichelhafte Objektifizierung<br />

einfach gönnen können?<br />

Vielleicht bewerten manche es doch<br />

als positiv, dass im Zeitalter <strong>des</strong> Jugendwahns<br />

auch die reife Frau die Fantasien<br />

der männlichen Internetnutzer beflügelt.<br />

Womöglich <strong>des</strong>wegen, weil junge Männer<br />

gleichaltrige Frauen heute zu sehr als<br />

Konkurrentinnen wahrnehmen. Oder äußert<br />

sich hier eine Art Fan-Phänomen?<br />

Eine Hommage an die moderne Frau:<br />

Nicht nur im Beruf, sondern auch im familiären<br />

Leben ist sie ein souveränes<br />

Überwesen, das in der Vielseitigkeit ein<br />

zeitgenössisches Leistungsideal erfüllt –<br />

und dabei auch noch sexy aussieht. Wir<br />

bleiben für Sie dran.<br />

LENA BERGMANN ist Mitte 30 und<br />

Mutter. Sie leitet das <strong>Cicero</strong>-Ressort Stil<br />

97<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


STIL<br />

Porträt<br />

DEIN DADA, MEIN JURA<br />

Wie vertragen sich Kunst und Regeln? Das ist die Lieblingsfrage <strong>des</strong> Rechtsanwalts<br />

Pascal Decker – egal ob es um Designerspielzeug oder Meeses Hitlergruß geht<br />

Von SARAH-MARIA DECKERT<br />

Wir beginnen auf der Herrentoilette.<br />

Das mag nicht üblich<br />

sein, macht aber Sinn, wenn<br />

man Pascal Deckers Arbeit verstehen<br />

will. Dort, an einer der weiß gekachelten<br />

Wände, hängt ein kleiner schwarzer<br />

Rahmen. Darin haftet hinter dem Glas etwas<br />

erhaben ein elfenbeinfarbenes Stück<br />

Papier, auf das mit einer Reiseschreibmaschine<br />

sechs Zeilen getippt wurden:<br />

„Weißes beweißen / Schwarzes beschwärzen<br />

/ Geweißtes beschwärzen /<br />

Geschwärztes beweißen / Entweißtes beweißen<br />

/ Entschwärztes beschwärzen.“<br />

Pascal Decker lacht. Ein bisschen<br />

Dada und seine Laune hebt sich.<br />

Decker, 44, ist zuallererst Kunstliebhaber.<br />

Kunstanwalt erst in zweiter Instanz.<br />

Kunstsammler vielleicht in dritter.<br />

Die kleine Papierarbeit auf der Herrentoilette<br />

seiner Kanzlei im Pergamon-Palais<br />

in Berlin-Mitte ist eines der ersten<br />

Stücke, mit denen er vor gut zehn Jahren<br />

Kunst zu sammeln begann. Sie ist auch<br />

eines seiner liebsten, weil sie für Decker<br />

genau das beschreibt, was den Kern seiner<br />

Arbeit ausmacht. Denn das Recht ist<br />

für Pascal Decker vor allem eines: Interpretationssache.<br />

Ein Passepartout. Ein<br />

Spiel zwischen Schwarz und Weiß, das<br />

sich meistens doch immer in Grau und<br />

Grau verliert, mit Abstufungen. „Eine<br />

Sache ist fast nie nur schwarz oder weiß“,<br />

sagt er. „Meine Aufgabe ist es dann, die<br />

Dinge zu pointieren.“<br />

Den Flur geht es hinunter, vorbei an<br />

einer wandfüllenden Schwarz-Weiß-Fotografie<br />

der langen Speerschnauze eines<br />

abgetrennten Marlinfischkopfs und<br />

einem Paar Gummistiefel mit Rollen<br />

an der Sohle. Decker nimmt im großen<br />

Konferenzraum an der Stirn eines langen<br />

Holztischs Platz. Auf dem Regal hinter<br />

ihm steht eine kleine Plastik, halb Junge,<br />

halb Elefant. Decker hat ein Faible für<br />

Skurriles. Die Grenze zwischen abstrakt<br />

und konkret amüsiert ihn. Darin steckt<br />

für ihn auch eine juristische Komponente.<br />

„Als Kunstanwalt geht es nicht um die<br />

reine Rezeption von Kunst, sondern darum,<br />

Kunst in einem neuen Deutungszusammenhang<br />

zu sehen.“<br />

Decker ist im Zivilrecht zu Hause,<br />

befasst sich viel mit Streitigkeiten um<br />

Urheber- und Markenrecht. Was er am<br />

Recht mag, ist die Möglichkeit, es zu formen.<br />

So geschehen im November 2013.<br />

Vor dem Bun<strong>des</strong>gerichtshof erstritt seine<br />

Kanzlei für die Designerin eines erfolgreichen<br />

Kinderspielzeugs eine Änderung<br />

in der Rechtsprechung. <strong>Der</strong> BGH entschied<br />

damals erstmals, dass auch Spielzeug<br />

urheberrechtlichen Schutz genießen<br />

könne, und damit, dass die Designerin<br />

auch nachträglich Anspruch auf eine höhere<br />

Vergütung habe.<br />

VOR GERICHT ZÄHLT der Auftritt. Decker<br />

sieht aus wie ein smarter Anwalt aus der<br />

amerikanischen Justiz-Serie „Boston Legal“.<br />

Man nimmt ihm fast nicht ab, dass<br />

er aus einem altlinken Haushalt stammt.<br />

„Alles sehr Anti-Establishment“, wie er<br />

sagt. Heute trägt er gerne Maßgeschneidertes,<br />

fährt aber Fahrrad. 1991 kam er<br />

nach Berlin. Das, was später die deutsche<br />

Kulturhauptstadt werden sollte, war<br />

erst im Entstehen. Dann kam die erste<br />

Biennale. Pascal Decker sah die Zahl<br />

der Künstler, Galerien und Unternehmen<br />

mit Kunstsammlungen wachsen sowie<br />

den Bedarf an Rechtsberatung zu<br />

Sammlungsaufbau, Stiftungsrecht und<br />

Nachlassgestaltung. Deckers Spezialität.<br />

2004 gründete er die Kanzlei dtb<br />

Rechtsanwälte, in der er seither mittelständische<br />

Unternehmen, Verbände, Museen,<br />

Galerien, Künstler und Sammler zu<br />

allen Fragen <strong>des</strong> Kunst- und Stiftungsrechts<br />

berät.<br />

Heute ist er Teil der Szene. Mit Monika<br />

Grütters ist er Vorstand der gemeinnützigen<br />

Stiftung „Brandenburger Tor“,<br />

die innovative Vorhaben in den Bereichen<br />

Kultur, Bildung oder aber auch Forschung<br />

fördert. Spätestens seit er 2013 einen Freispruch<br />

für den Künstler Jonathan Meese<br />

erstritt, der während eines Podiumsgesprächs<br />

den rechten Arm zum Hitlergruß<br />

hob, hat ihn auch das deutsche Feuilleton<br />

auf dem Tableau. Damals berief sich Decker<br />

auf den „offenen Kunstbegriff“, bei<br />

dem Kunst keinen formalen Kriterien folgt,<br />

sondern aus dem Kontext heraus gelesen<br />

werden muss. So wurde das Podiumsgespräch<br />

zur Performance, der Hitlergruß<br />

zum Stilmittel und Meeses Freispruch<br />

ein Sieg für die Kunstfreiheit. <strong>Der</strong> Strafrechtsparagraph<br />

86a, der das Zeigen von<br />

Nazi-Symbolen verbietet, besteht zwar<br />

noch immer. Was sich aber mit Decker geändert<br />

hat, ist ein kleines Mosaiksteinchen<br />

in der Interpretation dieser Norm.<br />

Die Auseinandersetzung mit dem<br />

künstlerischen Werk, Galerie- und Atelierbesuche<br />

setzen ein Maß an Flexibilität<br />

und Sensibilität voraus. „Ich muss<br />

den Künstler in seiner Welt abholen, auch<br />

wenn ich sie nicht immer verstehe“, sagt<br />

Decker. Nicht selten prallen vor Gericht<br />

Kulturen aufeinander: Auf der einen Seite<br />

das streng formelle juristische System.<br />

Auf der anderen der Künstler, mit ganz<br />

eigenen Perspektiven. Dass sich diese<br />

Seiten manchmal nur schwer in Einklang<br />

bringen lassen, ist ihm klar. Dann denkt<br />

er wieder an das kleine Stück Papier auf<br />

der Herrentoilette und fängt an, Weißes<br />

ein bisschen zu entweißen, Schwarzes ein<br />

bisschen zu entschwärzen.<br />

SARAH-MARIA DECKERT arbeitet als<br />

freie Journalistin in Berlin. Den Satz „Wenn<br />

Sie mir nun bitte auf die Herrentoilette<br />

folgen wollen“ lässt sie sich nun rahmen<br />

Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

98<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


STIL<br />

Typologie<br />

FERNSEHEN 2014<br />

Von LENA BERGMANN<br />

Illustration SUSANN STEFANIZEN<br />

Zappen, Streamen, Beamen. Fernsehen ist nicht<br />

gleich Fernsehen. Unsere Autorin hat vier Zuschauertypen<br />

identifiziert, rechtzeitig zur Fußball-WM<br />

100<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


DER PIRAT<br />

<strong>Der</strong> Pirat lebt meist allein, in einer kleinen, aber<br />

schönen Wohnung in einem rauen, aber kommenden<br />

Innenstadtquartier. Im Alter bis Anfang<br />

30 ist er Student, Grafiker, Architekt – gemeinhin<br />

das, was man heute einen Kreativen nennt. Sein Einkommen<br />

ist meist recht schmal, und so setzt er Prioritäten:<br />

Die teuersten Gegenstände in seiner Wohnung<br />

sind das klassische Rennrad von Colnago (Ebay) und<br />

das optimierte, getunte, total vernetzte neueste Mac-<br />

Book Pro von Apple mit 15-Zoll-Retina-Display.<br />

Seit über einem Jahrzehnt hat er keinen Fernseher<br />

mehr, geschweige denn einen Blick in ein Fernsehprogramm<br />

geworfen. Dennoch schaut er ungeheuer viel<br />

fern, ausschließlich auf seinem MacBook, fast nur amerikanische<br />

Serien im Original, aktuell „Game of Thrones“<br />

(HBO) und „The Americans“ (FX). „Mad Men“<br />

(AMC) findet er langweilig, und der neuen HBO-Serie<br />

„Silicon Valley“ steht er nach den ersten zwei Folgen<br />

eher skeptisch gegenüber. Manchmal fragt er sich, im<br />

Schneidersitz auf seinem dänischen Fünfziger-Jahre-<br />

Sessel (wieder Ebay): Ist die goldene Ära der Serie<br />

schon wieder over?<br />

In seinem Regal (noch Billy) steht als Buchstütze<br />

eine externe Festplatte, die LaCie Blade Runner mit<br />

vier Terabyte Speicherkapazität, in der er seine Beute<br />

hortet, <strong>des</strong>ignt von Philippe Starck. Er sammelt. Obwohl<br />

er in die erste Saison von „Mad Men“ nie mehr<br />

hineinschauen wird (und ihn die Serie, wie gesagt, anödet),<br />

legt er Wert auf die Vollständigkeit seines digitalen<br />

Archivs. Seine Gesichtshaut ist weiß, trotz<br />

Rennrad, ein Indoortyp. Zum Public Viewing geht er<br />

allerdings raus. WM bedeutet für ihn Socializing.<br />

Er ist es nicht gewohnt, im Internet für etwas zu<br />

bezahlen, schon gar nicht für Serien, deren totale Verfügbarkeit<br />

für ihn schon lange selbstverständlich ist.<br />

Auf Raubzug geht er auf wechselnden Filehoster-Sites,<br />

seit über einem Jahr nun schon bei Uploaded.net, wo er<br />

sogar Abonnent ist – „bei der Mafia“, wie er es Freunden<br />

gegenüber scherzhaft formuliert. Streaming-Sites<br />

wie movie4k.to findet er läppisch, der Phase mit Torrent-Sites<br />

wie Piratebay.se ist er längst entwachsen –<br />

er würde die Unterschiede erklären, aber man würde<br />

es nicht verstehen. Er weiß, dass er sich in einer rechtlichen<br />

Grauzone bewegt. Er hat nicht die Piraten gewählt,<br />

einerseits natürlich wegen Johannes Ponader<br />

und andererseits, weil er paradoxerweise doch an das<br />

Prinzip Urheberrecht glaubt – viele seiner Freunde sind<br />

Autoren und Musiker. Sein schlechtes Gewissen verfliegt<br />

jedoch je<strong>des</strong> Mal zuverlässig, wenn er sich seine<br />

paar Folgen für den Abend zusammenstellt. Hollywood<br />

hat genug Geld, beruhigt er sich dann.<br />

101<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


STIL<br />

Typologie<br />

DIE HEIMCHEN<br />

Früher gingen sie viel aus, nun bleiben sie viel daheim,<br />

auch weil die Wohnung so schön ist, in einem<br />

Altbau an einem Platz, auf dem an jedem<br />

Samstagvormittag ein Markt mit regionalen Produkten<br />

stattfindet. Sogar im Schlafzimmer stehen Bücherregale,<br />

mit Romanen von Philip Roth und John Updike<br />

im amerikanischen Original. Aber zum Bücherlesen<br />

kommen sie kaum noch. Die beiden fingen mit den<br />

„Sopranos“ (HBO) an, auf DVD natürlich, auf Englisch<br />

selbstredend, von denen sie schon ganz zu Beginn, um<br />

die Jahrtausendwende muss das gewesen sein, online<br />

im New York Magazine lasen, vielleicht sogar beruflich:<br />

Beide machen – in ihren Vierzigern nun durchaus<br />

erfolgreich – „irgendwas mit Medien“.<br />

<strong>Der</strong> ganze Trend mit den illegalen Downloads war<br />

ihnen lange nicht geheuer, bis sie das sogenannte Streaming<br />

entdeckten. Dabei lädt man die betreffende Datei<br />

nicht auf seinen Computer herunter, sondern schaut<br />

sie irgendwie auf dem Server, der, wie am Lan<strong>des</strong>kürzel<br />

„.to“ zu erkennen ist, auf Tonga steht. „Dort steht<br />

er wohl nicht von ungefähr“, gibt die Frau manchmal<br />

zu bedenken. Ob das nun illegal ist? Einen Anwalt<br />

konsultiert haben sie diesbezüglich aber nicht. Außerdem<br />

nutzen sie den Streaming-Dienst ohnehin immer<br />

seltener, seit sie es geschafft haben, sich bei den amerikanischen<br />

Flatrate-Diensten Netflix und Hulu anzumelden.<br />

Das war gar nicht so einfach, sie mussten sich<br />

dafür eine IP-Adresse in den USA besorgen (My Expat<br />

Network). Die täuscht Netflix und Hulu vor, dass<br />

sie sich in den USA aufhalten, obwohl sie in Wirklichkeit<br />

in einem deutschen Bett von E 15 liegen. Mit diebischer<br />

Freude konsumieren sie auch das Angebot der<br />

Sender HBO, CBS oder ABC.<br />

Jahrelang haben sie abends zu zweit im Bett geschaut,<br />

auf seinem Arbeits-MacBook mit dem größeren<br />

Bildschirm, den sie zwischen sich auf der Matratze<br />

aufstellten, auf einem Schuhkarton. Oft haben<br />

sie sich gefragt, warum zu diesem Zweck eigentlich<br />

noch kein Möbel entworfen wurde. Dieses abendliche<br />

Ritual, das muss an dieser Stelle gesagt sein, ist aber<br />

nicht auf eine erkaltende eheliche Sexualität, sondern<br />

auf ein Frühstadium angebotsseitig bedingter Suchtkrankheit<br />

zurückzuführen.<br />

Vor einem Jahr haben sie sich mit Apple TV ein<br />

Gerät gekauft, mit dem sich die Filme ohne Kabel vom<br />

Laptop auf den Fernseher übertragen lassen (in Weiß,<br />

von Samsung). Auf diesem sind noch nicht einmal die<br />

Sender richtig eingestellt. Ob sie das zur WM ändern?<br />

102<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


DER BEAMER<br />

Als Zahn- oder Sportarzt mit eigener Innenstadtpraxis<br />

finanziell gut gepolstert, wohnt dieser<br />

Fernsehtypus meist in der gehobenen Vorstadt,<br />

der besseren Sportmöglichkeiten wegen. Obwohl in<br />

seiner Praxis Kunst hängt, interessiert er sich mehr<br />

für Autos und Heli-Skiing, wofür er auch nicht vorhat,<br />

sich zu entschuldigen. Das hat er mit Anfang 50<br />

und einem noch vollen Kopf an silbernen Haaren auch<br />

nicht mehr nötig. Zum Wohnen bevorzugt er den Neubau,<br />

hell und weiß, mit viel Glas, am besten freistehend<br />

und mit Garten, mit modernster Haustechnik<br />

ausgestattet.<br />

<strong>Der</strong> Arzt schaut durchaus noch ab und zu den<br />

„Tatort“, auch die „Tagesthemen“, um zu sehen, ob<br />

es der FDP wieder besser geht, auf seinem „55 Compose<br />

3D“-Flatscreen von Loewe in seinem Wohnzimmer,<br />

der sich elektrisch in einer weiß lackierten<br />

Konsole versenken lässt. Auf diesem sieht er auch<br />

Filme, am liebsten Blockbuster, die im Weltraum<br />

spielen oder mit dem Weltuntergang zu tun haben.<br />

Manchmal guckt er die Filme auch in seinem Büro im<br />

Souterrain, auf seinem 27-Zoll-iMac auf seinem Le-<br />

Corbusier-Glas-Schreibtisch LC6 von Cassina, neben<br />

dem eine E-Gitarre steht, auf der er zum <strong>letzte</strong>n Mal<br />

während <strong>des</strong> Studiums gespielt hat. Er schaut Filme<br />

lieber synchronisiert, er will sich dabei schließlich<br />

entspannen. Wenn er bei Saturn vorbeikommt, kauft<br />

er sich schon mal zehn Neuheiten auf Blu-Ray. Von<br />

Torrents und Filehostern hat er noch nie gehört, aber<br />

vor kurzem hat er ein Abonnement für die deutsche<br />

Flatrate-Seite Watchever.de abgeschlossen, nachdem<br />

er in seinem SUV an einem Bauzaun vorbeigefahren<br />

ist, an dem ein Watchever-Plakat mit Til Schweiger<br />

befestigt war.<br />

In erster Linie geht es ihm ohnehin um das Fußballgucken,<br />

er ist Sky-Abonnent der ersten Stunde,<br />

mit dem vollen Bun<strong>des</strong>liga- und Champions-League-<br />

Paket. Dazu braucht er das große Format, und dazu<br />

hat er sich in seinem Wohnzimmer einen Panasonic-<br />

Beamer vom Typ PT-AH1000E installieren lassen, <strong>des</strong>sen<br />

Lichtstärke auch für einen Betrieb bei Tageslicht<br />

ausreicht. Und da das Gerät eine Bildschirmdiagonale<br />

von bis zu 760 Zentimeter bietet, schauen sich seine<br />

Freunde und er die WM auf seinen drei weißen Minotti-Sofas<br />

an – was ihm in Kombination mit dem neuseeländischen<br />

Pinot Noir von Cloudy Bay allerdings<br />

oft Momente <strong>des</strong> Stresses bereitet. Dazu bereitet er im<br />

Smoker im Garten Steaks. Dry Aged.<br />

103<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


STIL<br />

Typologie<br />

DIE TRADITIONALISTEN<br />

Die Anachronisten sind oft frühpensionierte Lehrer<br />

oder Professoren, auch Journalisten und<br />

Anwälte findet man unter ihnen, die sich vor<br />

fast zwei Jahrzehnten einen sehr hochwertigen Fernseher<br />

angeschafft haben, der ihnen immer noch gute<br />

Dienste leistet. Dies nehmen sie immer wieder mit Erleichterung<br />

zur Kenntnis, denn einer dieser schauerlichen<br />

Flatscreens wäre für sie eine Horrorvorstellung.<br />

Sie glauben, das Gerät ist von Panasonic, müssten aber<br />

nachschauen.<br />

Darunter steht natürlich ein DVD-Player, der aber<br />

nicht mehr oft zum Einsatz kommt, seit die Videothek<br />

pleitegegangen ist. Alle paar Monate schauen die beiden<br />

nun einen Woody-Allen-Film aus dem kompletten<br />

Box-Set, das sie ihm zum 65. bei Amazon bestellt hat.<br />

Sie sind nicht von gestern, aber der Computer ist bei<br />

ihnen nicht zum Fernsehen da. Allerdings checkt er<br />

dort die WM-Ergebnisse, manchmal sogar die Spielstände<br />

im Live-Ticker von sportschau.de.<br />

Morgens beim Frühstück studieren sie – zum<br />

Schluss! – noch das Fernsehprogramm in der Süddeutschen<br />

Zeitung, die sie abonniert haben. Sie reisen<br />

und wandern gern, zum Beispiel an Ostern auf dem<br />

Peloponnes, und schauen daher neben den obligaten<br />

Kultur- und Politsendungen („ttt“, „Frontal 21“ et cetera)<br />

bevorzugt Reisedokus, von den Galapagos beispielsweise<br />

– obwohl sie so weit wohl nicht mehr fliegen<br />

werden in diesem Leben.<br />

Beinahe religiös schauen sie die „Tagesthemen“,<br />

obwohl sie über den Sittenverfall in den Chefetagen<br />

und Ministerien oft nur den Kopf schütteln können.<br />

Dabei trauern sie schon noch Gabi Bauer hinterher,<br />

was aber nicht heißt, dass sie etwas gegen Caren<br />

Miosga hätten, im Gegenteil. Ein populäres Diskussionsthema<br />

beim Grillen im Freun<strong>des</strong>kreis ist die Frage,<br />

ob die Öffentlich-Rechtlichen eigentlich überhaupt<br />

noch ihren Bildungsauftrag erfüllen.<br />

LENA BERGMANN standen als Kind nur drei<br />

Sender zur Verfügung. Erst als sie sich mit<br />

14 ein Bein brach, kauften die Eltern einen<br />

Videorekorder. Sie hat eine US-IP-Adresse und<br />

liebt „House of Cards“ und „The Americans“<br />

Foto: Jens Bösenberg<br />

104<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


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WARUM<br />

ich trage,<br />

WAS<br />

ich trage<br />

TORI AMOS<br />

STIL<br />

Kleiderordnung<br />

Foto: Thomas Kierok für <strong>Cicero</strong><br />

Als ich 50 wurde, hat meine Tochter<br />

zu mir gesagt: „Nicht zu viel<br />

Haut zeigen auf deiner Tour,<br />

nicht zu viel Pole Dancing. Du bist cool,<br />

Mama, vertrau einfach darauf! Wenn du<br />

es nicht schaffst, würdevoll zu altern, wie<br />

soll ich das dann schaffen?“ Wenn eine<br />

50-Jährige sich wie eine 15-Jährige kleidet,<br />

wirkt das verzweifelt. So will eine<br />

Tochter ihre Mutter nicht sehen.<br />

Für öffentliche Auftritte und Fototermine<br />

habe ich eine Stylistin. Wenn<br />

sie mich anzieht, fühle ich mich selbstbewusster.<br />

Doch wenn ich im Studio bin,<br />

lässt sie mich in Ruhe. Da sehe ich anders<br />

aus. Auch, weil mein Mann mich in Jeans<br />

hasst. Er mag feminine Kleidung, Röcke<br />

und Kleider. Es müssen keine Highheels<br />

sein. Er mag den intelligenten Look,<br />

selbstbewusst, nicht angestrengt sexy,<br />

einfach schick. Das finde ich romantisch.<br />

Und natürlich bin ich eine Romantikerin,<br />

das hört man ja.<br />

Doch meine Stylistin liebt mich in<br />

Hosen, weil sie mir Autorität verleihen.<br />

Außerdem wirken Hosen am Flügel viel<br />

besser! Auf der Bühne versuche ich, eine<br />

Balance zu finden zwischen Romantik<br />

und Power. Ich will Verletzlichkeit zeigen,<br />

aber keine Scheu. Und ich will keine<br />

Entschuldigungen abgeben. Manche Lieder<br />

hätte ich natürlich nicht geschrieben,<br />

wenn ich in jeder Situation selbstbewusst<br />

gewesen wäre, das schafft Identifikation.<br />

Natürlich habe ich mit dem Altern<br />

Probleme! Es sind immer neue. Ich habe<br />

mit vielen erfolgreichen Frauen darüber<br />

gesprochen. Die Aura von erfolgreichen<br />

älteren und sehr souveränen Frauen irritiert<br />

Männer und jüngere Frauen. Sie fühlen<br />

sich bedroht. Ältere Frauen können oft<br />

nicht mehr kontrolliert werden, sie können<br />

ihre Kreativität durchsetzen. Auch so<br />

Tori Amos, 50, ist eine amerikanische<br />

Singer-Songwriterin,<br />

die Klavier spielt, seit sie zwei<br />

Jahre alt ist. Gerade erschien ihr<br />

15. Album „Unrepentant Geraldines“<br />

kann das Alter gegen uns arbeiten. Eine<br />

Freundin hat zu mir gesagt: „Ich will,<br />

dass du dich als die Summe aller Songs<br />

siehst, die du je geschrieben hast. Herzlichen<br />

Glückwunsch, du bist 50! Und was<br />

machst du ab jetzt mit deiner Kreativität?<br />

Wir sprechen wieder, wenn du 80 bist!“<br />

Wenn ich dann noch fit bin, kann ich<br />

mir vorstellen, mit 80 auf der Bühne zu<br />

stehen. Meine Disziplin ist nicht Sport,<br />

sondern eine bessere Musikerin zu werden.<br />

Jeden Tag sitze ich mehrere Stunden<br />

am Piano.<br />

Erholung finde ich in der Natur,<br />

meine Meditationsrituale sind von den<br />

Indianern geprägt. Rausgehen. Beobachten.<br />

Vor allem Zuhören, nicht Reden.<br />

Die Brille ist übrigens kein Mo<strong>des</strong>tatement,<br />

ich bin kurzsichtig. Meine<br />

Noten kenne ich zwar auswendig, dafür<br />

bräuchte ich die Brille auf der Bühne<br />

nicht. Aber ich möchte sehen, für wen ich<br />

singe, wer da in den ersten Reihen sitzt.<br />

Man fühlt zwar auch die Energie im Publikum,<br />

aber ich will die Emotionen in<br />

den Gesichtern sehen.<br />

Aufgezeichnet von LENA BERGMANN<br />

106<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

„ <strong>Der</strong> wahre Souverän<br />

ist das Publikum “<br />

Alexander Koch, der Leiter <strong>des</strong> Deutschen Historischen Museums, über die<br />

Herausforderungen an sein Haus und die Ausstellung zum Ersten Weltkrieg, Seite 110<br />

107<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Porträt<br />

DER MIT DEN BÄUMEN WÄCHST<br />

Dem amerikanischen Regisseur Richard Linklater ist mit „Boyhood“ Erstaunliches<br />

gelungen: Elf Jahre drehte er an dem Film und machte so die Zeit zum Hauptdarsteller<br />

Von DIETER OSSWALD<br />

Foto: Ben Sklar<br />

Ein Drama wie dieses war auf der<br />

Leinwand noch nicht zu erleben.<br />

Auf der jüngsten Berlinale wurde<br />

Richard Linklaters „Boyhood“ zu Recht<br />

frenetisch gefeiert. Von „Meisterwerk“<br />

und „Meilenstein“ schwärmten Kritiker,<br />

das Publikum jubelte. Allein die Jury<br />

zeigte sich pampig und speiste den Favoriten<br />

auf den „Goldenen Bären“ mit<br />

dem Trostpreis für die beste Regie ab.<br />

Die Story klingt unspektakulär: Man<br />

sieht einer gewöhnlichen Familie beim<br />

Leben und einem normalen Jungen beim<br />

Erwachsenwerden zu, drei Stunden lang.<br />

Sensationell gerät die Sache, weil die fiktive<br />

Langzeitbeobachtung sehr wahrhaftig<br />

und absolut authentisch wirkt. Im<br />

Zentrum steht der junge Mason (Ellar<br />

Coltrane), der vom siebenjährigen Schulkind<br />

zum 18-jährigen Studenten heranreift.<br />

Seine geschiedenen Eltern geben<br />

Patricia Arquette und Ethan Hawke. Sie<br />

alle altern real, trafen sich je<strong>des</strong> Jahr vor<br />

der Kamera, um am Lebenspuzzle weiterzubasteln:<br />

143 Szenen an 39 Drehtagen<br />

in elf Jahren.<br />

Hinter dem Coup steckt Richard Linklater.<br />

<strong>Der</strong> texanische Autodidakt bewies<br />

schon bei seinen ersten Filmen sein<br />

Talent als exzellenter Beobachter und<br />

frecher Erzähler. Anno 1993 versammelte<br />

er damalige Nobodys wie Matthew<br />

McConaughey, Milla Jovovich und Ben<br />

Affleck zum Generationenporträt „Dazed<br />

and Confused“, bei dem er eine<br />

Gruppe von High-School-Absolventen<br />

an ihrem <strong>letzte</strong>n Schultag begleitet. <strong>Der</strong><br />

Chef von Universal adelte die drogenselige<br />

Rebellenballade als den „sozial verantwortungslosesten<br />

Film, den das Studio<br />

je produziert hat“. Quentin Tarantino<br />

aber nahm das Werk in die Top-Ten-Liste<br />

seiner Lieblingsfilme auf.<br />

Eine Chance für die Liebe entdeckte<br />

der findige Amerikaner vor 20 Jahren in<br />

Europa. Zunächst bändelte Ethan Hawke<br />

als Rucksacktourist in Wien mit Julie<br />

Delpy an. „Before Sunrise“ hieß das<br />

Werk, weil die Turteltäubchen nur bis<br />

Sonnenaufgang Zeit hatten. Die charmante<br />

Lovestory kam blendend an, so<br />

durfte das Paar neun Jahre später in Paris<br />

mit „Before Sunset“ sich wieder aufeinander<br />

zu- und voneinander wegbewegen.<br />

Zum vorläufigen Finale versammelte<br />

sich das Duo mit „Before Midnight“ im<br />

Vorjahr in Griechenland.<br />

Nach dieser cleveren Langzeitstudie<br />

über die Liebe drehte Linklater jetzt mit<br />

„Boyhood“ das Rad der cineastischen<br />

Zeitreise radikal weiter. Einmal mehr<br />

erweist er sich dabei als Meister exzellenter<br />

Dialoge. Könnte das Pubertätsdrama<br />

zum nachgeschobenen Auftakt<br />

seiner „Before“-Trilogie taugen? „Kein<br />

schlechter Gedanke“, sagt der 53-Jährige,<br />

„in drei Jahren wird unser Held wie einst<br />

Ethan Hawke nach Wien fahren und sich<br />

dort in seinen eigenen Vater verwandeln.“<br />

GESPRÄCHE mit dem talentierten Mr. Linklater<br />

verlaufen entspannt wie seine Filme:<br />

„‚Boyhood‘ soll ein Spiegel sein, der zeigt,<br />

wie das Leben abläuft und die Zeit vergeht“,<br />

sagt der Selfmade-Regisseur. Entscheidend<br />

sei es, die Zuschauer trotz eines<br />

äußerlichen Gleichmaßes emotional<br />

zu packen. „Die meiste Zeit verläuft das<br />

Leben ruhig, selbst in Kriegsgebieten ist<br />

das so. Umso mehr erinnert man sich an<br />

jene raren Momente, in denen etwas Außergewöhnliches<br />

passiert. Nach diesem<br />

Rhythmus funktioniert unser Film.“<br />

Schlendernd, fast dokumentarisch<br />

kommt die Geschichte daher. Dennoch<br />

gab es von Anfang an ein genau festgelegtes<br />

Drehbuch. Selbst das Schlussbild<br />

war elf Jahre zuvor konzipiert. Jede Episode<br />

wurde sofort geschnitten. Das Werk<br />

wuchs wie die Jahresringe eines Baumes.<br />

Sehen durften die Darsteller das Ergebnis<br />

aber erst zum Schluss. Terminpro bleme<br />

der Stars auf dem langen Weg dorthin<br />

wurden pragmatisch gelöst: Wenn Ethan<br />

Hawke anderswo drehte, fehlte er in einer<br />

Episode. Ellar Coltrane musste ständig<br />

präsent sein.<br />

Wie kann man einen Sechsjährigen<br />

für elf Jahre verpflichten? „Mit viel<br />

Gottvertrauen in die Zukunft“, antwortet<br />

Linklater. „Wir hatten die Unterstützung<br />

seiner Eltern, die Künstler sind. Das<br />

Projekt war eine echte Familienangelegenheit.“<br />

Das gilt erst recht für Masons<br />

Filmschwester, die von Linklaters eigener<br />

Tochter Lorelei gespielt wird.<br />

Das väterliche Wissen zeigt sich<br />

prompt auf der Leinwand: „Beim Dreh<br />

der Szene, in der sie aufgeklärt wird,<br />

wusste ich, dass Lorelei in einem schwierigen<br />

Alter steckte und alles, was mit<br />

Körperlichkeit zu tun hatte, eklig fand.<br />

Diesen Widerwillen haben wir für die filmische<br />

Situation genutzt.“<br />

Großen Spielraum ließ er den Akteuren<br />

bei den Dialogen. Insbesondere<br />

bei seinem jungen Helden imitiert Linklaters<br />

Kunst das wahre Leben: „Ich gab Ellar<br />

als Hausaufgabe, bei Verabredungen<br />

aufzuschreiben, was er mit den jeweiligen<br />

Mädchen redet und wie sie reagieren.“<br />

So fand ein Gespräch an Ellars College<br />

über die NSA den Weg in den Film.<br />

„Das lag in der Luft.“<br />

Sagt Richard Linklater, der das Zerfließen<br />

der Zeit weiterhin abbilden wird<br />

und doch weiß, dass alle Zeit der Welt<br />

nicht reicht, um das Leben in Kunst zu<br />

verwandeln.<br />

DIETER OSSWALD hat aus seinen<br />

Begegnungen mit Linklater gelernt:<br />

Klug gedrechseltes Plaudern gehört zum<br />

Handwerk der Figuren wie ihres Erfinders<br />

109<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Porträt<br />

SMART IM MAGISCHEN DREIECK<br />

<strong>Der</strong> Präsident <strong>des</strong> Deutschen Historischen Museums, Alexander Koch, wird vor der<br />

wichtigen Ausstellung über den Ersten Weltkrieg harsch kritisiert. Wofür eigentlich?<br />

Von ALEXANDER KISSLER<br />

Die stabilsten Mauern sind jene in<br />

unseren Köpfen. Als Alexander<br />

Koch einst vor einem Weltwunder<br />

stand, das die „Große Mauer“ heißt<br />

und keine solche ist, da sah und begriff<br />

er. Er schrieb später auf, was seinem<br />

Auge sich dargeboten hatte: Dass es die<br />

„Große Mauer“ gar nicht gebe, dass es<br />

sich um ein „Konglomerat von Mauern“<br />

handle und die „Vorstellung der Großen<br />

Mauer“ eine „erst in der zweiten Hälfte<br />

<strong>des</strong> 20. Jahrhunderts entwickelte Fiktion“<br />

sei. Auch habe das vielfach verschachtelte<br />

Mauersystem nicht vor feindlichen<br />

Angriffen schützen sollen. Es diente<br />

vielmehr als Kulturgrenze. Mythen aber<br />

seien zäh. Auch in China.<br />

Mit Mauern und mit Mythen kennt<br />

Alexander Koch sich nicht erst aus, seit<br />

er 2011 zum Präsidenten der Stiftung<br />

Deutsches Historisches Museum ernannt<br />

wurde. <strong>Der</strong> habilitierte Vor- und<br />

Frühgeschichtler und Archäologe muss<br />

in Berlin den Zeithistoriker ebenso geben<br />

wie den Museumsdirektor und Kulturmanager.<br />

„Ungemein bereichernd und<br />

spannend“ nennt er die Arbeit auf derart<br />

vielen Gebieten. Manchen Beobachtern<br />

erscheint es aber so, als habe der<br />

schlanke, alerte wie smarte Koch, der in<br />

der Fernsehserie „Mad Men“ eine gute<br />

Figur abgäbe, Mauern errichtet und Mythen<br />

konstruiert. Von einem vergifteten<br />

Betriebsklima ist die Rede. Von provinziellen,<br />

mutlosen Ausstellungen, die<br />

Koch wortreich verkläre. Zum Lackmustest<br />

für alle wechselseitige Zuschreibung<br />

wird nun, vom 29. Mai an, die Ausstellung<br />

„1914 – 1918. <strong>Der</strong> Erste Weltkrieg“.<br />

Ein großer Sprung ist es gewesen<br />

vom niedersächsischen Schwanewede<br />

über Zürich und Speyer nach Berlin. Im<br />

Wechsel lag die Kontinuität. Geboren<br />

1966 in Bremen, doch weil der Vater Offizier<br />

bei der Bun<strong>des</strong>wehr war, wurden im<br />

Drei-Jahres-Rhythmus die Umzugskisten<br />

gepackt. Von Schwanewede ging es nach<br />

Koblenz, nach Bremen, nach Bingen, wo<br />

Koch das Abitur machte, zum Studium<br />

nach Kiel und Mainz, ehe es ihn nach<br />

China verschlug. „Koch, Sie machen das“,<br />

sagte sein Chef am Römisch-Germanischen<br />

Zentralmuseum. So verbrachte er<br />

weite Teile der Jahre 1993 bis 1999 in<br />

China: „Wir haben vermessen, geforscht,<br />

dokumentiert und fotografiert, zugleich<br />

mit den chinesischen Kollegen kooperiert<br />

und uns ausgetauscht.“<br />

DIE ÜBERRESTE von Gräbern, Tempeln,<br />

Palästen in der Region um die alte<br />

Hauptstadt Xiang waren sein Tagewerk.<br />

Auch die darauf folgenden vier Jahre am<br />

Schweizerischen Lan<strong>des</strong>museum, der<br />

Aufstieg in die Geschäftsleitung dort, waren<br />

rückblickend ein Intermezzo. Berlin<br />

könnte der erste Ort werden in einem,<br />

so Koch, „ziemlich abwechslungsreichen,<br />

angesichts der vielen Jahre im Ausland<br />

keineswegs geradlinigen Werdegang“,<br />

an dem er Wurzeln schlägt. Theoretisch<br />

könnte er bis zum Erreichen der Pensionsgrenze<br />

2031 im Amt bleiben.<br />

An ihm soll es nicht scheitern: Diesen<br />

Eindruck vermittelt ein selbstbewusster<br />

Koch, wenn er auf sein Amt zu sprechen<br />

kommt. Vor dem Fenster <strong>des</strong> historischen<br />

Zeughauses Unter den Linden, in dem<br />

das DHM residiert, drängeln sich jenseits<br />

der Spree die Reste <strong>des</strong> klassischen Berlins,<br />

das Alte Museum, der Lustgarten,<br />

der Dom. Um die Ecke lugt das Kronprinzenpalais<br />

hervor. Mehr Mitte, mehr<br />

Historie geht nicht. <strong>Der</strong> Hausherr konstatiert<br />

eine „sehr positive Wahrnehmung“,<br />

mit einer „gewissen Zufriedenheit“<br />

blicke er auf das Erreichte. Das<br />

Haus sei heute „wesentlich moderner,<br />

offener, internationaler und besucherorientierter.<br />

Wir haben die Homepage in<br />

einem mehrjährigen Prozess komplett erneuert,<br />

wir haben neue Ausstellungsformate<br />

umgesetzt. Wir sind aktueller, wir<br />

machen Veranstaltungen inzwischen mit<br />

vielen, vielen Partnern.“ Dann folgt der<br />

erstaunliche Satz: Man dürfe die Möglichkeiten<br />

von Ausstellungen nicht pauschal<br />

überbewerten. Es handele sich um<br />

für eine bestimmte Dauer inszenierte,<br />

dreidimensionale Räume, die sich historischen<br />

Themen widmen und bestimmte<br />

Vorstellungen davon konstruieren, nicht<br />

um begehbare Bücher.<br />

Koch sieht das DHM als Forum, das<br />

auf mehreren Kanälen Geschichte vermittelt.<br />

Es solle die „Konstruktionen von<br />

Vergangenheit“ erlebbar machen. Darum<br />

ist auch für die Weltkriegsausstellung<br />

keine schnittige These zu erwarten. <strong>Der</strong><br />

Präsident kündigt ein „an der Ereignisgeschichte<br />

orientiertes Panorama europäischer<br />

und letztlich globaler Perspektiven“<br />

an. Leitend seien die Fragen nach der Gewalteskalation<br />

und deren Folgen für das<br />

gesamte weitere 20. Jahrhundert, einschließlich<br />

der beliebten „Bezüge zum<br />

Hier und Jetzt“. Sollte das Panoptikum<br />

im Untergeschoss <strong>des</strong> an das Zeughaus<br />

angrenzenden Pei-Baues sich im Schlachtengemälde<br />

erschöpfen, sähen sich die<br />

Kritiker bestärkt. Schon an den Schauen<br />

über das Nachleben Friedrichs <strong>des</strong> Großen,<br />

zur Völkerschlacht bei Leipzig und<br />

zum protestantischen Pfarrhaus war dies<br />

bemängelt worden: der Verzicht auf eine<br />

Haltung, die Flucht ins Arrangement.<br />

Ja, sagt Koch, und atmet hörbar aus,<br />

ohne den Rücken aus der Senkrechten<br />

zu bewegen, ja, es gab „unterschiedliche<br />

Auffassungen“ und manche „vorgefertigte<br />

Meinung“. Er tröste sich mit dem Fachbeirat,<br />

der „Crème de la Crème der Historiker“,<br />

die ihm das exzellente Niveau<br />

gerade dieser Ausstellung bestätigten.<br />

Auch zur Vorbereitung von „1914 – 1918“<br />

Foto: Maurice Weiss/Ostkreuz für <strong>Cicero</strong><br />

110<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Porträt<br />

habe es drei Workshops gegeben mit vielen<br />

Dutzend Museumskollegen, etwa aus<br />

den Vereinigten Staaten, Italien, der Türkei,<br />

Großbritannien, Österreich, Frankreich,<br />

Belgien. Und außerdem: <strong>Der</strong> wahre<br />

Souverän sei das Publikum.<br />

Nicht müde wird Koch, den Dienstleistungscharakter<br />

eines Museums herauszustellen.<br />

Er spricht vom Kunden,<br />

vom Konsumenten, vom Nutzer,<br />

vom „Museum für alle und jeden“. In<br />

einem Vortrag auf der Jahrestagung<br />

<strong>des</strong> Deutschen Museumsbunds deutete<br />

Koch 2009 den „außerordentlich großen<br />

Erfolg“ <strong>des</strong> von ihm geleiteten Historischen<br />

Museums der Pfalz als „Bestpractice-Beispiel“.<br />

Man wisse in Speyer,<br />

dass es „nachfrageorientierte Produkte“<br />

anzubieten gelte. Nur dann gelinge die<br />

„Kundenbindung“ im „dreidimensionalen<br />

Erfahrungs-, Lern- und Erlebnisort“.<br />

Jedoch war das Speyerer Haus mit seinen<br />

knapp 50 Angestellten eine Jolle, verglichen<br />

mit dem großen Tanker DHM und<br />

<strong>des</strong>sen 210 Mitarbeitern. Ganz abgesehen<br />

davon, dass Koch nun, wie er selbst<br />

sagt, einen „Job mit letztlich auch politischer<br />

Dimension“ innehat.<br />

Mit ihm zog eine neue Sprache ein,<br />

die Sprache der Prozessoptimierer. Sie ist<br />

der größte Unterschied zu den Vorgängern,<br />

zu Gründungsdirektor Christoph<br />

Stölzl, dem Homme de lettres aus bestem<br />

alteuropäischen Schrot und Korn, und zu<br />

Hans Ottomeyer, der als honetter Patriarch<br />

seiner Liebe zu Kunst und Kunstgewerbe<br />

wenig Fesseln anlegte. Auf die<br />

großbürgerlichen Gentlemen folgt ein<br />

Projektmanager. Unvorstellbar, dass jene<br />

wie nun Koch dem Gast das „magische<br />

Dreieck“ aufgezeichnet hätten. Ein I,<br />

ein G, ein V malt Koch schwungvoll an<br />

die Spitzen, „Inhalt, Gestaltung und Vermittlung“,<br />

darauf komme es an: „Diese<br />

drei Punkte definieren eine Ebene. Nur<br />

wenn diese austariert ist, erreiche ich einen<br />

maximalen Erfolg.“ Bei den „Saliern“<br />

sei das wunderbar gelungen.<br />

Kochs Speyerer Abschiedsausstellung<br />

gilt als Triumph. Ein Gleichgewicht<br />

war gefunden zwischen Mitmach-Stationen,<br />

szenischer Rekonstruktion, etwa<br />

der Abteikirche von Cluny, hochrangigen<br />

Exponaten und solider Vitrinenbeschriftung.<br />

Mal ähnlich, mal minder<br />

gut funktionierten die Ausstellungen zu<br />

den „Amazonen“ und den „Hexen“, den<br />

Welche Schneisen<br />

muss das DHM<br />

in die Gegenwart<br />

schlagen, um<br />

weiter zum Gedächtnisort<br />

der Deutschen<br />

zu taugen?<br />

Das Aussondern,<br />

das Weglassen<br />

und das Deuten<br />

werden wichtiger<br />

„Wikingern“ und „Samurai“. Koch hatte<br />

sich, ehe ihn Kulturstaatsminister Bernd<br />

Neumann nach Berlin lockte, seinen Ruf<br />

als Hansdampf mit Gespür für populäre<br />

Themen ehrlich verdient. Die Überschrift<br />

seines Vortrags von 2009 war Selbstbeschreibung:<br />

„Alle im Blick, jeden im Visier“<br />

müsse ein Museumschef haben.<br />

UMSO SCHMERZLICHER, dass gerade in<br />

der Vermittlung einiges im Argen liegt.<br />

Die riesige, vom Vorgänger geerbte<br />

Dauerausstellung am DHM, in der das<br />

20. Jahrhundert einen geringen Raum<br />

einnimmt, taugte gerade als Probe auf<br />

das schlechte Exempel. In einem Buch<br />

<strong>des</strong> Philosophen und Kurators Daniel<br />

Tyradellis wider „Müde Museen“ ergießt<br />

sich der Spott über eine Schrifttafel<br />

zur „Kirche als gestaltete Lebensform“<br />

im Mittelalter. Sie sei von „Zwangscharakteren“<br />

verfasst worden. Unfreiwillig<br />

komisch zeige der Text, „was herauskommt,<br />

wenn formale Prinzipien und<br />

ein Stab von Autoren etwas zusammenquirlen,<br />

mit dem am Ende alle irgendwie<br />

leben können, in dem aber nichts mehr so<br />

richtig stimmt“. Tyradellis fordert, womit<br />

Koch sich nicht recht anfreunden mag:<br />

den Mut zu Thesen und Zuspitzungen.<br />

Bis zum Jahr 2020 will Koch die<br />

Dauerausstellung bei laufendem Betrieb<br />

komplett erneuern. Weniger Objekte soll<br />

es geben, Haupt- und Nebenstränge will<br />

er stärker abgrenzen, die Ausstellung soll<br />

bis an die Gegenwart heranreichen. Zuvor<br />

könnten Sonderausstellungen sich<br />

mit der Reformation, der maritimen Geschichte,<br />

der Kolonialgeschichte, der<br />

Russischen Revolution und der Zeit der<br />

Weimarer Republik beschäftigen. Man<br />

solle nicht vergessen, dass er seit Amtsantritt<br />

bereits 14 Ausstellungen eröffnet<br />

habe, zuletzt „Targets. Fotografien von<br />

Herlinde Koelbl“.<br />

Das deutsche Nationalmuseum verdankt<br />

sich einem Willensakt der Bun<strong>des</strong>regierung.<br />

Es soll „Ort der Selbstbesinnung<br />

und der Selbsterkenntnis durch<br />

historische Erinnerung“ sein. So formulierte<br />

es 1986 eine Sachverständigenkommission.<br />

Helmut Kohl rief das DHM ins<br />

Leben, trotz, wie es in der Schrift zum<br />

25-jährigen Jubiläum heißt, „heftigen polit-philosophischen<br />

Gegenwinds (…) aus<br />

den Feuilletons der Republik“. Da wolle<br />

der Propagandist einer „geistig-moralischen<br />

Wende“ sich ein Denkmal setzen.<br />

Die Karawane der Wohlmeinenden zog<br />

weiter, das DHM blieb bestehen. <strong>Der</strong><br />

Streit um Koch ist auch ein fernes Echo<br />

<strong>des</strong> Zwists der Anfangsjahre.<br />

Das DHM nahm die Wiedervereinigung<br />

vorweg und hat dank Stölzl und Ottomeyer<br />

seine internationale Perspektive<br />

geweitet. Heute steht das „sehr komplexe<br />

Haus“ (Koch), dieses an Basisdemokratie<br />

gewöhnte Corps der klugen Köpfe, vor<br />

einer Grundsatzentscheidung: Wie muss<br />

es sich verändern, welche Schneisen in<br />

die Gegenwart schlagen, um weiter zum<br />

Gedächtnisort der Deutschen zu taugen?<br />

Das Aussondern, das Weglassen und das<br />

Deuten werden wichtiger in einer Zeit,<br />

die auf keinen Nenner zu bringen ist. Aus<br />

dem magischen Dreieck könnte ein Viereck<br />

werden. Neben I und G und V könnte<br />

ein S treten. S wie Subjektivität.<br />

ALEXANDER KISSLER leitet bei <strong>Cicero</strong><br />

den Salon und sah schon in seiner<br />

Geburtsstadt Speyer viele Ausstellungen<br />

unter Kochs Leitung<br />

112<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Günther Jauch, Journalist<br />

faz.net<br />

Mit freundlicher Unterstützung durch RTL/Endemol und 2waytraffic


SALON<br />

Gespräch<br />

„PUTIN MUSS SICH<br />

VERKLEIDEN“<br />

<strong>Der</strong> Politologe Herfried Münkler hält die Gefahr eines<br />

Dritten Weltkriegs für gering. <strong>Der</strong> Blick in die Geschichte lehre,<br />

dass die Europäer Russland nicht demütigen sollten<br />

Herr Münkler, der Erste Weltkrieg begann<br />

vor 100 Jahren mit dem Attentat<br />

auf den österreichischen Thronfolger<br />

in Sarajevo, mit Schüssen am Rand <strong>des</strong><br />

russischen Imperiums. Heute erleben<br />

wir Schüsse und Geiselnahmen in der<br />

Ukraine, abermals ist Russland als starker<br />

Player involviert. Kann man die Situationen<br />

von 1914 und 2014 vergleichen?<br />

Herfried Münkler: Vergleichen kann<br />

man immer, man muss nur wissen, dass<br />

Vergleichen nicht Gleichsetzen meint. Eigentlich<br />

sind Vergleiche dazu da, Unterschiede<br />

ebenso wie Ähnlichkeiten sichtbar<br />

zu machen. <strong>Der</strong> Vergleich ist für uns<br />

Sozialwissenschaftler das, was für Naturwissenschaftler<br />

das Experiment ist.<br />

Wo sehen Sie die Unterschiede, wo die<br />

Parallelen?<br />

Ich würde eher von Analogien sprechen,<br />

nicht von Parallelen. Und da kann<br />

man sagen: So, wie das Deutsche Reich<br />

1914 unter Einkreisungsobsessionen gelitten<br />

hat, scheint es derzeit der politischmilitärischen<br />

Elite in Moskau zu ergehen.<br />

Ich rede bewusst von „Obsessionen“,<br />

denn ob die jeweils Betreffenden damals<br />

wie heute wirklich eingekreist waren<br />

oder sind, ist umstritten. Aber für<br />

das Agieren ist nicht die tatsächliche Situation<br />

ausschlaggebend, sondern eben<br />

die eigene Wahrnehmung. Und da gilt im<br />

Falle Russlands, dass die einstige Ostseemacht<br />

heute auf Kaliningrad und Sankt<br />

Petersburg beschränkt und insofern hinter<br />

die Situation unter Peter dem Großen<br />

zurückgefallen ist. Einen vergleichbaren<br />

Macht- und Einflussverlust wollte<br />

Foto: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong><br />

114<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Russland bei der Krim und dem Zugang<br />

zum Schwarzen Meer nicht wiederholt<br />

sehen. Diesen Zusammenhang hatte die<br />

Europäische Union offenbar nicht ausreichend<br />

berücksichtigt, als sie mit der<br />

Ukraine über das Assoziierungsabkommen<br />

verhandelte. Aus Sicht der Russen<br />

hieß das: Wenn die Ukraine sich darauf<br />

einlässt, kommt zuerst die EU als ökonomischer<br />

Gatekeeper, dann die Nato und<br />

dann die Stationierung amerikanischer<br />

Raketen. So hat sich das für die Russen<br />

dargestellt.<br />

Das heißt aber auch, dass Russland immer<br />

noch vom Zerfall <strong>des</strong> zaristischen<br />

Imperiums und vom späteren Untergang<br />

der Sowjetunion traumatisiert ist?<br />

Davon bin ich überzeugt. Wobei für<br />

die handelnden Politiker das Jahr 1991<br />

natürlich prägender ist als 1917/1918.<br />

Will Putin die Kränkung wettmachen,<br />

indem er die Muskeln spielen lässt?<br />

Die Russen wissen eigentlich nicht,<br />

ob sie ein Nationalstaat oder ein Imperium<br />

sind beziehungsweise was sie sein<br />

wollen. In der Tat wird ihr Selbstverständnis<br />

von einer Mischung aus Ressentiment,<br />

dem Gefühl <strong>des</strong> Benachteiligtseins<br />

und gelegentlichen Anflügen von<br />

Aggressivität geprägt. Das alles bedient<br />

Putin zurzeit ziemlich geschickt.<br />

Inwiefern treffen mit der derzeitigen<br />

Konfrontation zwischen dem Westen<br />

und Russland auch unterschiedliche<br />

Lebensentwürfe aufeinander? Aus der<br />

Sicht Putins sind wir ja offenbar dekadent,<br />

verweichlicht, permissiv und huldigen<br />

einem homosexuellen Lifestyle –<br />

Russland hingegen gilt ihm als autoritär,<br />

viril und entschlossen.<br />

Das ist ein spannender Aspekt, weil<br />

er sich durch das Verhältnis der Russen<br />

zu Westeuropa während der vergangenen<br />

200 Jahre zieht. Die Russen hatten immer<br />

eine starke Fraktion derer, die man Westler<br />

nennt, die sich am Westen orientierten<br />

und es für nötig hielten, gegenüber<br />

dem Westen aufzuholen. Auch Lenin<br />

war ein Westler, der sich obendrein besonders<br />

stark an Deutschland orientierte.<br />

Insbesondere den Russen, die lange im<br />

Westen gelebt haben, ist die Rückständigkeit<br />

ihres eigenen Lan<strong>des</strong> oft auf die<br />

Nerven gegangen. Dem stand aber immer<br />

„Die Mission ist<br />

gerichtet gegen<br />

die westliche<br />

Dreifaltigkeit<br />

aus Prosperität,<br />

Demokratie und<br />

Bürgerrechten.<br />

Sie wird<br />

zugespitzt durch<br />

den Vorwurf der<br />

Dekadenz“<br />

Herfried Münkler<br />

<strong>Der</strong> Politikwissenschaftler legte<br />

mit „<strong>Der</strong> Große Krieg. Die Welt<br />

1914 bis 1918“ abermals einen Bestseller<br />

vor. Zuvor schrieb er unter<br />

anderem über „Imperien. Die<br />

Logik der Weltherrschaft“ und<br />

„Die neuen Kriege“. Er lehrt an<br />

der Humboldt-Universität Berlin<br />

die Gruppe der sogenannten Slawophilen<br />

gegenüber, die glaubten, eine westliche<br />

Lebensweise zerstöre die russische<br />

Seele – etwa Dostojewski oder Tolstoi,<br />

um nur zwei bekannte Namen zu nennen.<br />

Dieser Widerspruch steht heute wieder<br />

auf der Tagesordnung, und keineswegs<br />

zufällig. Wenn die Russen so etwas<br />

wie neoimperiale Ideen haben, brauchen<br />

sie auch eine Mission. Und diese – etwas<br />

aufgesetzt wirkende – Mission ist gerichtet<br />

gegen die westliche Dreifaltigkeit aus<br />

Prosperität, Demokratie, Bürgerrechten,<br />

und sie wird politisch zugespitzt durch<br />

den Vorwurf der Dekadenz.<br />

Putin zeigt sich gern als kerniger Naturbursche,<br />

etwa mit nacktem Oberkörper<br />

beim Angeln oder bei der Jagd. Kommt<br />

er mit solchen Inszenierungen bei seinen<br />

Landsleuten an?<br />

Natürlich nicht bei allen. Aber der<br />

Anstieg von Putins Popularitätswerten<br />

zeigt, dass er da etwas trifft. Im Hinblick<br />

auf die gekränkte Kollektivseele genauso<br />

wie bei Männern, die gern in homosozialen<br />

Verbänden leben – zum Beispiel<br />

bei jenen, die derzeit in der Ostukraine<br />

in spätkosakischer Manier auftreten. Im<br />

Gegensatz zum postheroischen Westen<br />

gibt es in Russland noch starke „heroische“<br />

Gemeinschaften, die zwar nicht<br />

unbedingt heroisch sind, sich aber so fühlen.<br />

Putin muss den Balanceakt bewältigen,<br />

mal als Zar, mal als Kämpfer aufzutreten,<br />

dann aber auch wieder wie ein<br />

Weltpolitiker, der sich im Kreis der Mächtigen<br />

zu bewegen weiß. Er muss sich permanent<br />

verkleiden, um dieses Spiel in allen<br />

Facetten spielen zu können.<br />

Erstaunlicherweise kommt Putin mit<br />

seinem martialisch-heroischen Gehabe<br />

nicht nur bei vielen Landsleuten gut an,<br />

sondern auch bei vielen Deutschen.<br />

Man muss unterscheiden zwischen<br />

dem Verständnis für bestimmte politische<br />

Reaktionsmuster und einer Faszination<br />

für die Person. Was das Verständnis<br />

für Putin angeht, mischen sich bei uns<br />

Formen der politischen Rationalität –<br />

etwa in Gestalt der Frage, was wir gegen<br />

Putin in der Ukraine überhaupt ausrichten<br />

können – mit Erinnerungen an<br />

die einstige Macht, aber auch die Schuld<br />

Deutschlands und einem latenten Distanzierungsbedürfnis<br />

gegenüber den USA.<br />

115<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Gespräch<br />

Insbesondere die deutsche Linke und die<br />

Friedensbewegung scheinen Putin nicht<br />

als Aggressor sehen zu wollen, sondern<br />

als Opfer westlicher Intrigen.<br />

Was bleibt denen anderes übrig? Wer<br />

sich 40 oder 50 Jahre lang darauf versteift<br />

hat, dass es allein die Aufrüstung<br />

<strong>des</strong> Westens sei, die die Probleme schafft,<br />

ist kognitiv nicht in der Lage, die evident<br />

veränderte Situation zu erfassen. Aber<br />

im Vergleich zu den Ostermärschen zu<br />

Zeiten <strong>des</strong> Nato-Doppelbeschlusses erscheinen<br />

die Friedensbewegten von<br />

heute wie ein versprengtes Häuflein.<br />

Sie schreiben in Ihrem Buch über den<br />

Ersten Weltkrieg, dass dieser Krieg auf<br />

deutscher Seite von einigen auch als<br />

ein Kampf gegen den Weltkapitalismus<br />

gesehen wurde. In Analogie zu heute<br />

könnte man sich fragen, ob manche<br />

deutschen Linken in Putin einen Vorkämpfer<br />

gegen den westlichen Finanzkapitalismus<br />

sehen wollen.<br />

In romantischer Form mag so etwas<br />

hintergründig eine Rolle spielen – was<br />

natürlich widersinnig ist, weil der russische<br />

Kapitalismus ganz besonders unappetitlich<br />

ist. Aber im Prinzip ist es doch<br />

so, dass Deutschland sich zwischen zwei<br />

Typen von imperialer Ordnung befindet:<br />

Da sind einerseits die USA, die die<br />

Ströme von Informationen, Kapital und<br />

Gütern beherrschen – auf Grundlage einer<br />

technologisch avancierten Form von<br />

Überwachung und unter Einschluss gewaltsamen<br />

Agierens mit Kampfdrohnen.<br />

Auf der anderen Seite Russland mit einer<br />

alten territorialen Imperialität. Die<br />

neue Imperialität <strong>des</strong> Fluiden steht gegen<br />

die alte Imperialität <strong>des</strong> Festen und Geschlossenen.<br />

Die meisten Deutschen finden,<br />

dass kein Modell ihren Vorstellungen<br />

von politischer Ordnung entspricht.<br />

<strong>Der</strong> Erste Weltkrieg konnte sich zu einem<br />

Flächenbrand entwickeln, weil auf<br />

dem Balkan Stellvertreterkriege der<br />

damaligen Großmächte ausgefochten<br />

wurden. Besteht die Gefahr heute, von<br />

der Ukraine ausgehend?<br />

Tatsächlich ist es damals nicht gelungen,<br />

den Konflikt zu lokalisieren. Genau<br />

darin besteht die Aufgabe der Politik,<br />

wenn es erst einmal zu einer gewaltsamen<br />

Auseinandersetzung gekommen<br />

ist. In dieser Hinsicht kann man aus den<br />

„Im Interesse<br />

der Europäer<br />

darf es in<br />

der Ukraine<br />

nicht zu<br />

syrischen<br />

Verhältnissen<br />

kommen“<br />

Fehlern von 1914 lernen. Es muss vermieden<br />

werden, sich in eine Situation<br />

hineinzureden, bei der es nur noch darum<br />

geht, der anderen Seite die Grenzen<br />

aufzuzeigen. Auch „Gesicht wahren“ ist<br />

eine Form von Handlungszwang. Im Juli<br />

1914 hatte sich eine Eigendynamik entwickelt,<br />

die nicht mehr aufzuhalten war.<br />

Wie lautet die Lektion konkret?<br />

Dass wir Deutschen und Europäer uns<br />

nicht von den Amerikanern in eine Konstellation<br />

hineinreden lassen dürfen, die<br />

darauf hinausläuft, Putin zu demütigen.<br />

Aber müssen Putin nicht doch die Grenzen<br />

seiner Politik aufgezeigt werden?<br />

Das ist die Frage nach den Analogien.<br />

Berufen wir uns auf 1914 oder 1938? Die<br />

Appeasement-Politik gegenüber Hitler<br />

war ein Versuch, nicht in einen Mechanismus<br />

wie 1914 hineinzugeraten.<br />

Nur hatte Chamberlain mit seiner Initiative<br />

Hitler kolossal falsch eingeschätzt.<br />

Wohl wahr. Aber ich würde Putin<br />

nicht auf eine Ebene mit Hitler stellen<br />

wollen. Wenn wir über die Ukraine<br />

Foto: Antje Berghäuser für <strong>Cicero</strong><br />

116<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


sprechen, müssen wir auch die implodierenden<br />

Staaten <strong>des</strong> Nahen und Mittleren<br />

Ostens vor Augen haben. Etwa die Unfähigkeit<br />

der USA, im Irak so etwas wie<br />

einen Staat zu errichten, der sich auf ein<br />

nationales Konzept bezieht, das stärker<br />

ist als die konfessionellen Unterschiede.<br />

In Syrien ist es ähnlich, im Libanon, irgendwann<br />

wohl auch in Jordanien. Natürlich<br />

gibt es den starken Impuls zu sagen,<br />

Grenzen dürfen nicht angetastet<br />

werden. Aber damit stellen wir andere<br />

Fragen zurück, etwa das Recht auf nationale<br />

Selbstbestimmung. Wir im Westen<br />

sollten nicht so tun, als ginge es nur<br />

um die Verwirklichung von Werten und<br />

Normen. Es handelt sich um einen politisch-pragmatischen<br />

Prozess, bei dem es<br />

darauf ankommt, Prioritäten zu setzen.<br />

Wie bewerten Sie die geopolitische Rolle<br />

der Vereinigten Staaten im Konflikt?<br />

Wenn man Großbritannien am Ende<br />

<strong>des</strong> 19. und Anfang <strong>des</strong> 20. Jahrhunderts<br />

betrachtet, wird deutlich, dass es<br />

als Weltpolizist, als „Globo-Cop“, zunehmend<br />

überfordert war. Diese Rolle<br />

war für Großbritannien schlichtweg zu<br />

teuer geworden. So ähnlich geht es heute<br />

den USA, aber keine andere Macht ist bereit,<br />

an ihre Stelle zu treten. Insofern ist<br />

das Agieren Chinas hochinteressant. Auf<br />

der einen Seite wollen die Chinesen ein<br />

Recht auf nationale Selbstbestimmung<br />

im Fall der Krim verhindern, weil ihnen<br />

solche Bestrebungen in ihrem eigenen<br />

Land auf die Füße fallen würden. Auf der<br />

anderen Seite wollen sie aber nicht ihre<br />

strategische Partnerschaft mit den Russen<br />

aufgeben, weil das bedeutete, dass sie<br />

den USA am Ende allein gegenüberstünden.<br />

Das spricht dafür, dass China regionale<br />

Interessen verfolgt, vor einem globalen<br />

Engagement aber zurückschreckt.<br />

Bei den Russen verhält es sich ähnlich,<br />

bei den Europäern ebenso. Also müssen<br />

die USA die Rolle als Globo-Cop mehr<br />

schlecht als recht weiter ausüben, allerdings<br />

ohne die frühere Überlegenheit.<br />

Schützt dieser Mangel an Überlegenheit<br />

vor einer Eskalation <strong>des</strong> Konflikts<br />

in Richtung eines Dritten Weltkriegs?<br />

Das könnte man so sehen. Die kriegsmüden<br />

Amerikaner verhalten sich in der<br />

Ukrainekrise eher zurückhaltend. Aber<br />

vermutlich hätten sie sich auch zu früheren<br />

Zeiten in einem solchen Fall mit den<br />

Russen nicht militärisch angelegt. Das<br />

Problem <strong>des</strong> Globo-Cops besteht darin,<br />

dass er eigene Interessen mit dem Kollektivgut<br />

„globale Sicherheit“ in Übereinstimmung<br />

bringen muss. Die eigenen<br />

Interessen der USA sind in Gebieten mit<br />

großen Erdölvorkommen größer als in<br />

der Ukraine. Und der Westen hat sicherlich<br />

kein Interesse, für die Ukraine in den<br />

Krieg zu ziehen.<br />

Wie sehen Sie die Zukunft der Ukraine?<br />

Entweder die Ukraine föderalisiert<br />

sich im Inneren und bleibt eine Art neutralisierter<br />

Bereich zwischen den großen<br />

Ordnungsblöcken im Westen und im<br />

Osten. Oder sie wird geteilt. Plausibler<br />

scheint mir die erste Variante, weil eine<br />

Teilung der Ukraine zu einer Fülle von<br />

zusätzlichen Problemen führen würde.<br />

Das Interesse der Europäer muss darin<br />

bestehen, dass es in der Ukraine nicht<br />

zu syrischen Verhältnissen kommt. Und<br />

da stehen wir Europäer in einem gewissen<br />

Interessenkonflikt mit den USA, denen<br />

eine Schwächung Russlands gelegen<br />

käme. Aber ein geschwächtes Russland<br />

wäre für uns Europäer alles andere als<br />

vorteilhaft – schon <strong>des</strong>halb, weil Europa<br />

angesichts der drohenden Flüchtlingsströme<br />

von der gegenüberliegenden Seite<br />

<strong>des</strong> Mittelmeers Probleme genug hat. Von<br />

instabilen Nachbarregionen wie dem Nahen<br />

Osten oder Ägypten ganz abgesehen.<br />

In Anbetracht dieser gewaltigen Herausforderungen<br />

muss Europa seine finanziellen<br />

Mittel zusammenhalten, anstatt in<br />

Russland ein neues Fass aufzumachen.<br />

Muss Europa Putin dabei helfen, sich aus<br />

der derzeitigen Situation zu befreien?<br />

Ja, indem wir die Sache entdramatisieren<br />

und nicht versuchen, Putins starkes<br />

Image bei seinen Landsleuten zu zerstören.<br />

Die Flucht Janukowitschs aus der<br />

Ukraine war ein enormer Gesichtsverlust<br />

für Putin, auf den er reagieren musste.<br />

Obama goss Öl ins Feuer, als er Russland<br />

eine „Regionalmacht“ nannte. Diese Provokation<br />

trug zur Eskalation bei.<br />

Das Gespräch führten ALEXANDER<br />

KISSLER und ALEXANDER MARGUIER<br />

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SALON<br />

Essay<br />

DE SADE LÄSST GRÜSSEN<br />

Google will die Welt verbessern,<br />

den Tod besiegen und<br />

den Menschen als Maschine<br />

erschaffen. Transhumanismus<br />

heißt das Programm<br />

Von OLIVER PRIEN<br />

Dr. Caster hat eine Vision: „Stellen Sie sich<br />

eine Maschine mit der kompletten Bandbreite<br />

menschlicher Emotionen vor. Ihre<br />

analytische Kraft wäre größer als die gebündelte<br />

Intelligenz aller Menschen seit<br />

Anbeginn der Zeit. Einige Wissenschaftler nennen sie<br />

die Singularität.“ Dr. Caster gibt es nicht. Er wird dargestellt<br />

von Johnny Depp und ist ein Held der Wissenschaft<br />

im Hollywood-Spektakel „Transcendence“. Die<br />

Vorlage aber für die Filmrolle könnte Raymond Kurzweil<br />

sein. <strong>Der</strong> „Director of Engineering“ bei Google ist<br />

Illustration: Martin Haake<br />

118<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


einerseits ein herausragender Kopf in der Erforschung<br />

künstlicher Intelligenz, andererseits aber Prophet eines<br />

grimmigen Transhumanismus. 2029 ist die Zahl,<br />

mit der er gerade Aufsehen erregt. Computer, prognostiziert<br />

Kurzweil, werden in 15 Jahren alles können,<br />

was Menschen vermögen – nur besser.<br />

Globale Unternehmen wie Google verfügen über<br />

Forschungsetats mittlerer Industrienationen und können<br />

ihre Forschungsgelder konzentriert und strategisch<br />

verwenden. <strong>Der</strong> Multimilliardenkonzern denkt<br />

in globalen Dimensionen. Die gigantische Datenmenge,<br />

über die er gebietet, ist sein größtes Kapital. Mit seinen<br />

Rohdaten über die Welt will Google die Welt verändern.<br />

Zum Besseren, versteht sich. <strong>Der</strong> Chef Larry<br />

Page und die Seinen wollen die Demokratisierung der<br />

Welt vorantreiben, den Tod besiegen, die Fähigkeiten<br />

<strong>des</strong> menschlichen Körpers erweitern und den Geist<br />

vom Körper befreien. Sagen sie.<br />

DAS KERNGESCHÄFT der grenzenlosen Datensammlung<br />

wird konsequent fortgeführt. Ein abenteuerlich<br />

anmuten<strong>des</strong> Projekt wie „Loon“ soll mithilfe von Gasballons<br />

und solarbetriebenen Drohnen, die in der Stratosphäre<br />

treiben, die bisher weißen Flecken <strong>des</strong> Planeten<br />

mit der Google-Suche versorgen. Das strategische<br />

Ziel ist klar: Je größer die Menge an Daten, <strong>des</strong>to größer<br />

ist ihr Potenzial für neue Produkte im Weltmaßstab<br />

– im Google-internen Sprachgebrauch Google<br />

Scale genannt. Die ebenfalls irrwitzig anmutende Idee<br />

<strong>des</strong> Internetriesen, sich mit einer eigens gegründeten<br />

Unternehmenstochter Calico der Verlängerung <strong>des</strong><br />

Lebens zu widmen, hat ebenfalls einen informationstheoretischen<br />

Hintergrund. Die Geheimnisse der Welt<br />

sollen sich aus dieser allesamt herausrechnen lassen,<br />

sofern die verfügbare Datenbasis nur groß genug ist.<br />

Im Zentrum steht die Jagd nach dem heiligen Gral<br />

der Computerwissenschaft: der künstlichen Intelligenz.<br />

Sie wird von Google in bisher ungekanntem Maßstab<br />

betrieben. Wie für die anderen Projekte auch werden<br />

hierfür nicht nur Mittel, sondern auch Köpfe von<br />

Weltrang bereitgestellt. So sagte jüngst Peter Norvig,<br />

der Forschungsvorstand, sein Unternehmen beschäftige<br />

zwar „weniger als 50, aber sicher mehr als 5 Prozent“<br />

der weltweit führenden Experten auf dem Gebiet<br />

<strong>des</strong> maschinellen Lernens.<br />

Öffentliche Einrichtungen können Kreativen bei<br />

Weitem nicht die Bedingungen schaffen, wie es eine<br />

Google Inc. vermag. Geoffrey Hinton, auch er eine<br />

Koryphäe, arbeitet für Google. Er ist Pionier und Vorreiter<br />

<strong>des</strong> deep learning, bei dem es um Algorithmen<br />

zur selbsttätigen Abstraktionsfähigkeit geht – das automatische<br />

Lernen an unstrukturierten Daten. Selbst<br />

ein unabhängiger Geist wie Ray Kurzweil, quasi der<br />

Inbegriff aller Forschung zur künstlichen Intelligenz,<br />

heuerte zum ersten Mal in seinem Leben als Angestellter<br />

an. Er soll die Maschine Google in die Lage versetzen,<br />

den Sinn von Texten zu verstehen und damit<br />

Die Geheimnisse der<br />

Welt sollen sich aus<br />

dieser herausrechnen<br />

lassen, sofern die<br />

verfügbare Datenbasis<br />

nur groß genug ist<br />

schließlich, wie es aus Dr. Casters Munde heißt, „die<br />

gebündelte Intelligenz aller Menschen seit Anbeginn<br />

der Zeit“ zu erfassen.<br />

Nicht nur die materiellen Verlockungen binden<br />

Kurzweil an Google. Vielleicht hat er sogar auf Google<br />

gewartet. Die Zukunft war schon immer der Rohstoff<br />

seines Arbeitens. Nach eigenem Bekunden versuchte<br />

er stets, seine Erfindungen nicht im luftleeren Raum<br />

zu erschaffen, sondern das zu erfinden, wofür die Zeit<br />

reif war. 1999 wurde ihm dafür die „National Medal<br />

of Technology“ vom damaligen US-Präsidenten Bill<br />

Clinton verliehen. Mit seinen Prognosen für die technologische<br />

Entwicklung der Zukunft erregte Kurzweil<br />

nicht nur mediales Aufsehen, sie ermöglichten<br />

ihm auch ganz pragmatisch die Gründung mehrerer<br />

Unternehmen.<br />

NUN SCHEINT DIE ZEIT REIF für Kurzweils Vision der<br />

digitalen Unsterblichkeit. Nach der Entschlüsselung<br />

<strong>des</strong> menschlichen Genoms und demnächst auch <strong>des</strong><br />

menschlichen Gehirns wird sich die menschlich-biologische<br />

Hardware bald zu Datenmengen verflüssigt haben.<br />

Wie in der filmischen „Matrix“-Trilogie könnten<br />

dann zu Computerprogrammen <strong>des</strong>tillierte menschliche<br />

Gehirne in das weltweite Netz eingespeist werden,<br />

sich ihre Avatare frei erschaffen und erneuern. Geborgenheit<br />

heißt das Ziel in einer virtuellen Welt, die weder<br />

Leid noch Tod kennt.<br />

Ist Ray Kurzweil ein futuristischer Wirrkopf oder<br />

ein gefährlicher Protagonist menschenfeindlicher Programme?<br />

Auf einem Foto in seinem Buch „Menschheit<br />

2.0“ trägt er ein schmutziges Pappschild vor der<br />

Brust mit der Aufschrift: „The Singularity is near“.<br />

Als Prophet <strong>des</strong> Transhumanismus will er also verstanden<br />

werden.<br />

Gewiss, die Ikonografie ist selbstironisch gemeint,<br />

soll an einen Straßenprediger erinnern, der vor dem<br />

nahen Weltuntergang warnt und die Menschen zur<br />

Umkehr aufruft. Kurzweil trägt auf dem Foto außer<br />

Maßanzug und Krawatte ein joviales Lächeln zur<br />

119<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Essay<br />

Gefährlich ist nicht<br />

der Fortschritt,<br />

sondern die Richtung.<br />

Freiheit wird als<br />

Macht definiert<br />

Schau. Seine Botschaft ist die aggressive Affirmation<br />

<strong>des</strong>sen, was da auf uns zukommt, und was nach seiner<br />

Meinung niemand mehr aufhalten kann. Das Projekt<br />

der Singularität meint die Abschaffung der Menschheit,<br />

so wie wir sie kennen, das Ende <strong>des</strong> Menschen als<br />

Gliederbündel aus Fleisch und Haut, Geist und Seele.<br />

Die Idee ist alles andere als neu. Julien Offray de<br />

La Mettries „L’homme machine“ sollte im 18. Jahrhundert<br />

das antimetaphysische Programm der Aufklärung<br />

vollenden. Raymond Kurzweil mit seinen wahlweise<br />

als absurd oder gefährlich empfundenen Ambitionen<br />

ist vorläufiger Endpunkt dieser Entwicklung, wenn er<br />

auf die Frage, ob es Gott gebe, freundlich antwortet:<br />

„Noch nicht!“<br />

Galt vor der Aufklärung und dem säkularen Humanismus<br />

der Mensch allgemein als Ebenbild Gottes,<br />

so sollte er nun in sich selbst begründet sein. Während<br />

den gemäßigten Aufklärern Gott ein Geschöpf<br />

der Fantasie <strong>des</strong> Menschen, also eine Projektion ist,<br />

kehrten die mechanischen Materialisten das alte Verhältnis<br />

von Gott und Mensch nicht einfach nur um.<br />

Sie ersetzten es vielmehr durch das Verhältnis von<br />

Mensch und Maschine: Nur der Mensch als Schöpfer<br />

der Maschine könne sich in seinem Geschöpf selbst erkennen.<br />

Seit Thomas Hobbes gilt bis hin zu den modernen<br />

Kybernetikern: „<strong>Der</strong> Mensch versteht nur das,<br />

was er selbst gemacht hat.“ Dieses Paradigma <strong>des</strong> Maschinenmenschen<br />

gilt für Naturwissenschaft und kulturelle<br />

Moderne gleichermaßen.<br />

GOOGLE UND KURZWEIL machen genau das: Sie bauen<br />

das menschliche Gehirn tatsächlich nach, damit sie<br />

es begreifen können. Das „Google Brain“ präsentiert<br />

sich in den firmeneigenen Laboren als künstliches Gehirn<br />

mit einer schnell wachsenden Zahl simulierter<br />

Synapsen. Es lernt bereits, selbstständig Objekte zu<br />

unterscheiden.<br />

Am Ende dieses Weges leuchtet das Ideal der Autopoiesis,<br />

die vollendete Emanzipation von Gott durch<br />

die Selbsterschaffung <strong>des</strong> Menschen als Maschine. Ein<br />

Ideal, das Kurzweil zwar nicht für erreichbar hält, dem<br />

man sich aber in einer „exponentiellen Explosion“ der<br />

technologischen Entwicklung unendlich nähern kann.<br />

Nur der Marquis de Sade, auch er ein Teil der französischen<br />

Aufklärung, war unerschrockener. Wenn schon<br />

die göttliche Schöpfung aus dem Nichts dem Menschen<br />

verwehrt sei, so bleibe als <strong>letzte</strong> Möglichkeit menschlicher<br />

Selbstbehauptung immerhin die creatio ad nihilo,<br />

die Schöpfung hin zum Nichts. De Sade wünschte<br />

sich, „die Natur selbst müsste man beleidigen können“,<br />

und forderte die Erfindung einer „Weltvernichtungsmaschine“.<br />

Die „virtuelle Welt“, an die wir unseren<br />

Körper verlieren sollen, ist nach der Erfindung<br />

der Neutronenbombe der nächste und vielleicht doch<br />

etwas smartere Anlauf zu einer solchen de Sade’schen<br />

Maschine.<br />

<strong>Der</strong> Transhumanismus ist also letztlich keine Idee,<br />

sondern selbst eine Maschine. Er braucht gar nicht das<br />

Engagement eines Kreativen wie Ray Kurzweil. Er bedarf<br />

keines Propheten, denn er ist seinem Wesen gemäß<br />

eine sich selbst erfüllende Prophezeiung: So und<br />

nicht anders muss es kommen. Wenn man nämlich annimmt,<br />

dass der Mensch eigentlich nur eine Maschine<br />

ist, dann ist es folgerichtig, auch die Entwicklung hin<br />

zu der Menschmaschine als eine naturgesetzliche Evolution,<br />

als einen Automatismus anzusehen.<br />

GEFÄHRLICH IST NICHT der Fortschritt, gefährlich ist<br />

<strong>des</strong>sen Richtung. Die Verbindung <strong>des</strong> Versprechens auf<br />

grenzenlose Freiheit mit der absoluten Zwangsläufigkeit,<br />

durch die es sich einlösen soll, gründet letztlich<br />

in einem fundamentalen Vorentscheid: Freiheit wird<br />

als Macht definiert.<br />

Eine solche Bestimmung, die gewissermaßen die<br />

Geschäftsgrundlage im Hause Google ist, übersieht jedoch<br />

das Entscheidende. Wahre Freiheit realisiert sich<br />

letztlich nur durch etwas, das dem modernen Denken<br />

zu einer schieren Ungeheuerlichkeit geworden ist:<br />

durch Verzicht. Schon Marc Aurel wusste das.<br />

Verzicht ist keine Kategorie der de Sa<strong>des</strong> und<br />

Kurzweils dieser Welt. In der elitären Überheblichkeit<br />

eines Larry Page, <strong>des</strong> Google-Gründers, der zudem<br />

Auftraggeber <strong>des</strong> größten Lobbyistenheeres der<br />

USA ist, lässt sich der Größenwahn der Nachfahren de<br />

Sa<strong>des</strong> gut erkennen. „Es gibt“, sagt Page, „eine Menge<br />

Dinge, die wir gern machen würden, aber nicht tun<br />

können, weil sie illegal sind. (…) Wir sollten einfach<br />

ein paar Orte haben, wo wir sicher sind. Wo wir neue<br />

Dinge ausprobieren und herausfinden können, welche<br />

Auswirkungen sie auf die Gesellschaft haben.“<br />

OLIVER PRIEN ist Biologe und<br />

Wissenschaftsjournalist und versucht mit<br />

einem eigenen Verlag, dem Ousia-Lesekreis,<br />

seiner Verwandlung in eine Maschine noch<br />

möglichst lange zu entgehen<br />

Foto: Privat<br />

120<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


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SALON<br />

Man sieht nur, was man sucht<br />

Frau GERMANIA wohnt<br />

hier nicht mehr Von<br />

BEAT WYSS<br />

<strong>Der</strong> deutsche Beitrag von Lehnerer & Ciriacidis<br />

zur Architekturbiennale verwickelt Adolf Hitler und<br />

Ludwig Erhard in ein Gespräch über Formen<br />

122<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Fotos: Bas Princen, Gaetan Bally/Keystone Schweiz/Laif [M]<br />

<strong>Der</strong> deutsche Beitrag zur diesjährigen<br />

Architekturbiennale,<br />

die am 7. Juni in Venedig<br />

eröffnet wird, rankt<br />

sich um zwei Jubiläen. Vor<br />

80 Jahren besuchte Adolf Hitler die<br />

Kunstschau in der Lagunenstadt. <strong>Der</strong><br />

deutsche Auftritt erregte sein Missfallen:<br />

<strong>Der</strong> abgewohnte Pavillon im Giardini-Park<br />

schien dem Führer unangemessen.<br />

1905 von der Münchner Secession<br />

in Auftrag gegeben, hatte der Bau von<br />

der Zierlichkeit einer überdimensionierten<br />

goethezeitlichen Teekanne im Volksmund<br />

den Namen Padiglione Bavarese<br />

erhalten. Bei aller Liebe fürs Bayerntum:<br />

Kunst war offensichtlich nicht den Künstlern<br />

zu überlassen. <strong>Der</strong> deutsche Beitrag<br />

zur Biennale Venedig wurde Chefsache.<br />

Benito Mussolini war dieser Erkenntnis<br />

zuvorgekommen. Neidvoll blickte<br />

Hitler auf jene fünf travertingrauen neuklassischen<br />

Tempelbauten, die der Duce<br />

auf dem Inselgrundstück Sant’Elena anlegen<br />

ließ. Noch vier Jahre sollte es dauern,<br />

bis das Reich stilistisch nachziehen<br />

konnte. 1938 war es so weit. Mit kolossalem<br />

Portikus pflanzte sich der deutsche<br />

Außenposten in Venedig vor den Kunstpilgern<br />

auf. Er tut es noch heute, die Inschrift<br />

„Germania“ im Gebälk ist in Stein<br />

gemeißelt. Nur der Reichsadler über der<br />

Eingangstür wurde entfernt.<br />

Seit Kriegsende wirkt der Pavillon<br />

„Germania“ als Stolperstein deutscher<br />

Selbstdarstellung im Ausland. Es<br />

gab Pläne, ihn abzureißen. Wären diese<br />

verwirklicht worden, hätte man einen<br />

fatalen Abschnitt deutscher Kunstgeschichte<br />

zur Fluchthilfe ins Vergessen<br />

verholfen. Da dies zum Glück nicht geschah,<br />

konnten die Schweizer Architekten<br />

Alex Lehnerer und Savvas Ciriacidis<br />

Viel Geschichte beiderseits der Pforte:<br />

Eingang zum für die Architekturbiennale<br />

2014 gestalteten „Bungalow<br />

Germania“<br />

den Stolperstein für die Biennale jetzt<br />

zum temporären Mahnmal umgestalten.<br />

Damit kommen wir zum zweiten Jubiläum:<br />

<strong>Der</strong> Bonner Kanzlerbungalow seligen<br />

Angedenkens, entworfen von Sep<br />

Ruf, ist heuer 50 geworden. <strong>Der</strong> Bau am<br />

Rhein wird von den ausstellenden Architekten<br />

nach Venedig zitiert über das<br />

mattschwarz gefasste flache Vordach, angebracht<br />

als eigens hergestellte Replik an<br />

Germanias Seiteneingang. Unter dem<br />

Original dieses Bauteils fuhr Ludwig Erhards<br />

schwarze Kanzlerkarosse vor, ein<br />

Merce<strong>des</strong> Benz 300d. Akkurat ist jene<br />

Kassettenverstrebung aufgeführt, unter<br />

welcher die Gäste trockenen Fußes in die<br />

Empfangsräume schreiten konnten. Nicht<br />

allen gefiel 19 Jahre nach der Stunde null<br />

jene Moderne mit amerikanischem Flair.<br />

Altkanzler Adenauer lästerte, min<strong>des</strong>tens<br />

zehn Jahre Zuchthaus hätte der Architekt<br />

dieses Scheusals verdient.<br />

Erhard schwebte fürs private Wohnen<br />

der Deutschen das mittelständische<br />

Einfamilienhaus im Grünen vor. Behaglich<br />

ist es im Innern mit Nussbaumholz<br />

verkleidet: Auf dem <strong>Vorschau</strong>foto<br />

lugt eine Wohnwand aus der pseudoionischen<br />

Tempeltür Germaniens hervor.<br />

Das zweifach geschwungene, spitz<br />

zulaufende rote Fries über dem getäfelten<br />

Interieur markiert die „imaginäre<br />

Verschneidung“, die entsteht, wenn das<br />

Bonner „Wohnzimmer der Nation“ zwischen<br />

die Flügeltüren <strong>des</strong> venezianischen<br />

Kunsttempels gestellt wird. Es entsteht<br />

so, ebenfalls nach Lehnerer und Ciriacidis,<br />

eine „doppelte Lesbarkeit“ zwischen<br />

der Rhetorik zweier Architekturen aus<br />

den sechziger und aus den dreißiger Jahren:<br />

„Bungalow Germania“ eben. Hoffen<br />

wir, dass der teutonische Stolperstein in<br />

Venedigs Giardini erhalten bleibt.<br />

Politische Ikonografie von öffentlichen<br />

Bauten darf nicht zum Verstummen<br />

gebracht werden, wenn deren Aussage<br />

nicht mehr genehm ist. Das übelste Gegenbeispiel<br />

bildet jene Siegerjustiz, die<br />

dem Berliner Palast der Republik widerfuhr.<br />

Eine intelligentere Lösung hätte<br />

Zum Autor<br />

BEAT WYSS<br />

ist einer der bekanntesten<br />

Kunsthistoriker <strong>des</strong> Lan<strong>des</strong>.<br />

Er lehrt Kunstwissenschaft<br />

und Medienphilosophie an der<br />

Staatlichen Hochschule für<br />

Gestaltung in Karlsruhe und<br />

schreibt jeden Monat in <strong>Cicero</strong><br />

über ein Kunstwerk und <strong>des</strong>sen<br />

Geschichte. Kürzlich erschien<br />

bei Philo Fine Arts sein Essay<br />

„Renaissance als Kulturtechnik“<br />

Erichs Lampenladen mit dem barocken<br />

Stülerbau vis-à-vis in ein – vielleicht<br />

zänkisches – Gespräch bringen können.<br />

„Bungalow Germania“ führt es modellhaft<br />

vor. Die Architektur der Gegenwart<br />

ist zu gut, um gegen Geschichtsklitterung<br />

eingetauscht zu werden. Man sollte Lehnerer<br />

& Ciriacidis nach Potsdam berufen<br />

mit dem Auftrag, dem Wiederaufbau der<br />

Garnisonkirche einen dekonstruktiven<br />

Gegenvorschlag zu unterbreiten. Eine<br />

feinsäuberlich durchrestaurierte Bun<strong>des</strong>republik<br />

drohte in neuwilhelminischer<br />

Geschichtsvergessenheit zu versinken.<br />

123<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Literaturen<br />

Neue Bücher, Texte, Themen<br />

Weltliteratur<br />

Haare, Farben, Sprachen<br />

<strong>Der</strong> nigerianisch-amerikanische Roman „Americanah“ öffnet uns<br />

Augen und Ohren – auch für unsere eigene Gesellschaft<br />

Ifemelu ist Nigerianerin, und sie fällt<br />

nicht nur dadurch auf, dass sie schön<br />

ist. Ifemelu hat vor allem ihren eigenen<br />

Kopf, und sie sagt, was sie denkt, ganz<br />

spontan und ungebremst; das ist nicht nur<br />

in Nigeria ungewöhnlich. In einer Mittelschichtfamilie<br />

wächst sie in Lagos auf –<br />

der stille, auf die Einhaltung guter Manieren<br />

und die perfekte Beherrschung<br />

der englischen Sprache bedachte Vater<br />

verliert seine Arbeit, als er sich weigert,<br />

seine deutlich jüngere neue Vorgesetzte<br />

mit dem Ehrentitel „Mummy“ anzureden,<br />

die tief religiöse Mutter wechselt<br />

häufig die Sekten, deren Vorschriften<br />

sie sich jeweils inbrünstig hingibt, für<br />

je<strong>des</strong> erdenkliche Ereignis hat sie eine<br />

(zumeist ziemlich kuriose) religiöse Erklärung<br />

parat.<br />

Ifemelu wiederum erlernt von Kin<strong>des</strong>beinen<br />

an nicht nur die Stammessprache<br />

Igbo, sondern auch Nigerias Amtssprache<br />

Englisch. Und in der Schule, in<br />

der sie von ihrem beharrlichen Lehrer<br />

Mr. Agbo in der englischen Aussprache<br />

gemäß der BBC-Norm unterwiesen wird,<br />

lernt sie auch den jungen Obinze kennen.<br />

Er ist der Sohn einer Professorin,<br />

die an die Universität von Lagos strafversetzt<br />

wurde, nachdem sie sich angeblich<br />

mit einem anderen Professor geschlagen<br />

und auch noch <strong>des</strong>sen Gewand<br />

zerrissen hatte. Ihr Sohn Obinze ist ein<br />

begeisterter Leser, still, klug und sanft –<br />

wäre „Americanah“, der in den USA<br />

preisgekrönte Roman der nigerianischen<br />

Foto: Akintunde Akinleye/Reuters<br />

124<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


Schriftstellerin Chimamanda Ngozi Adichie,<br />

nichts als die Liebesgeschichte von<br />

Ifemelu und Obinze, er würde auch dann<br />

unser Leserherz im Sturm erobern.<br />

Doch „Americanah“ erzählt noch<br />

weit mehr. Schlägt man das Buch nach<br />

605 atemlos verschlungenen Seiten zu,<br />

hat man nicht nur ganz nebenbei einen<br />

Minimalwortschatz der Igbo-Sprache erworben<br />

– der weiße Leser hat überdies<br />

verstanden, was es heißt, in unseren<br />

aufgeklärten westlichen Gesellschaften<br />

schwarz zu sein. Dies nämlich müssen<br />

auch Ifemelu und Obinze lernen – sie in<br />

den USA, er in Großbritannien –, und es<br />

ist eine Erfahrung, die beide beinahe auseinandertreibt.<br />

„Lieber nicht-amerikanischer<br />

Schwarzer“, wird Ifemelu eines<br />

Tages in ihrem Blog „Raceteenth oder<br />

ein paar Beobachtungen über schwarze<br />

Amerikaner (früher als Neger bekannt)<br />

von einer nicht-amerikanischen Schwarzen“<br />

schreiben: „Wenn du dich dafür entschei<strong>des</strong>t,<br />

nach Amerika zu kommen,<br />

wirst du schwarz.“ Einer dunkelhäutigen<br />

Dichterin, die angeblich problemlos<br />

mit einem Weißen lebt, wirft sie an<br />

den Kopf: „Ich komme aus einem Land,<br />

in dem Rasse kein Thema war. Ich habe<br />

mich selbst nicht als Schwarze gesehen,<br />

ich wurde erst schwarz, als ich nach Amerika<br />

kam.“ Und das bedeutet, Schwierigkeiten<br />

zu haben, eine qualifizierte Arbeit<br />

zu finden, es heißt, so schnell wie möglich<br />

den amerikanischen Akzent anzunehmen<br />

und – seine Haare zu glätten: Die<br />

Frisur, ob glatt, in Zöpfe geflochten oder<br />

als Afro, ist ein politisches Statement.<br />

Im Roman schickt sich die amerikanische<br />

Gesellschaft gerade an, zum<br />

ersten Mal in ihrer Geschichte einen<br />

Schwarzen zu ihrem Präsidenten zu wählen;<br />

das schärft den Blick auf die Rasseverhältnisse.<br />

Zentral aber erzählt „Americanah“<br />

von einem Prozess allmählicher<br />

Bewusstwerdung, einem unfreiwilligen<br />

learning by doing, das für Ifemelu beginnt,<br />

als sie zum Studium nach Amerika<br />

kommt. Im Laufe von 15 Jahren<br />

wird sie hier zur „Americanah“: einer<br />

Afrikanerin, die eine zweite Sozialisation<br />

in der amerikanischen Kultur durchlaufen<br />

hat, und die nach niederschmetternden<br />

Erfahrungen – in deren Verlauf<br />

sie auch den Kontakt zu Obinze, der kein<br />

Einreisevisum für die USA erhalten hat,<br />

abbricht – schließlich ganz etabliert mit<br />

„Ich komme aus<br />

einem Land, in<br />

dem Rasse kein<br />

Thema war. Ich<br />

wurde erst zur<br />

Schwarzen, als<br />

ich zu euch nach<br />

Amerika kam“<br />

Chimamanda Ngozi Adichie<br />

einem großzügigen Stipendium in Princeton<br />

lebt. Für ein paar Jahre hat sie eine<br />

eheähnliche Beziehung mit dem reichen<br />

weißen Sonnyboy Curt, später tut sie sich<br />

mit dem schwarzamerikanischen Yale-<br />

Professor Blaine zusammen und scheint<br />

in <strong>des</strong>sen Kreis schwarzer wie weißer Intellektueller<br />

und Künstler mit all ihrem<br />

Wissensdurst, ihrer Denklust und ihrem<br />

Widerspruchsgeist bestens aufgehoben.<br />

Und doch entscheidet sie sich eines<br />

Tages, die USA zu verlassen und nach<br />

Hause zurückzukehren. Damit tritt sie in<br />

die dritte Stufe ihrer Entwicklung ein: Sie<br />

muss sich in ihre Herkunftsgesellschaft<br />

neu integrieren, in der Obinze inzwischen<br />

– verheiratet und Vater einer kleinen<br />

Tochter – mit der Unterstützung eines<br />

mächtigen Mannes namens „Chief“<br />

zum vermögenden Immobilienmakler<br />

geworden ist. Die Frage ist schließlich,<br />

ob die beiden mit ihren so unterschiedlichen<br />

Erfahrungen und Prägungen künftig<br />

werden zusammenleben können.<br />

Dass es selbst jemanden mit dem offenen<br />

und selbstbewussten Naturell Ifemelus<br />

schlichtweg umwerfen kann, mit<br />

dem indirekten, oft unbewussten Rassismus<br />

in den USA Bekanntschaft zu machen,<br />

ist die eine Lektion, die der Leser<br />

hier zusammen mit Ifemelu lernt.<br />

Durch sie erhält er aber auch einen tiefen<br />

Einblick in das, was von außen unterschiedslos<br />

als „das schwarze Amerika“<br />

wahrgenommen wird: Weshalb sind die<br />

prägenden Erfahrungen für in den USA<br />

geborene Schwarze so prinzipiell anders<br />

als diejenigen zugewanderter Schwarzer?<br />

Was unterscheidet Jamaikaner oder Haitianer<br />

in ihrem Verhältnis zur neuen Gesellschaft<br />

so wesentlich von den Nachkommen<br />

der schwarzen Sklaven? Was<br />

bedeuten die unterschiedlichen Abstufungen<br />

der schwarzen Hautfarbe für die<br />

gesellschaftliche Position, wie werden<br />

sie unter den Schwarzen selbst bewertet?<br />

Und was macht die Lage einer nach<br />

Nigeria zurückgekehrten „Americanah“<br />

am Ende so besonders schwierig?<br />

Dies sind die Fragen, die im Verlauf<br />

der temporeichen Handlung gestellt und<br />

beantwortet werden. Mal sind sie Gegenstand<br />

von Ifemelus offensiven und teils<br />

sehr witzigen Blogs, mal ergeben sie sich<br />

auf Partys, in Beziehungen oder am Arbeitsplatz,<br />

dann wieder sind sie der Anlass<br />

für Selbstzweifel und Selbstreflexion.<br />

Ifemelu jedenfalls zieht eines Tages zwei<br />

Konsequenzen, die anzeigen, dass sie allmählich<br />

zu einem neuen Selbstbewusstsein<br />

unter den neuen gesellschaftlichen<br />

Bedingungen findet: Ihren mittlerweile<br />

perfekten amerikanischen Akzent legt<br />

sie zugunsten von Mr. Agbos makelloser<br />

BBC-Intonation ab und macht so mit jedem<br />

Satz, den sie spricht, deutlich, dass<br />

sie eine Fremde ist und dazu auch steht.<br />

Aus derselben Haltung heraus verweigert<br />

sie sich auch der schmerzhaften Prozedur<br />

<strong>des</strong> Haare-Glättens und legt sich erst<br />

einen eindrucksvollen Afro, dann eine<br />

Zöpfchen-Frisur zu.<br />

Von einer umwegigen Reise zum<br />

eigenen Ich erzählt „Americanah“ also,<br />

voller Komik, mit einiger Tragik und jähen<br />

Überraschungen. <strong>Der</strong> Roman verschweigt<br />

die Ängste, Nöte und Beklemmungen<br />

nicht, doch vor allem leiten<br />

ihn Ifemelus Neugier, ihre scharfe Beobachtung<br />

und ihr immer zu Kapriolen<br />

und Brüskierungen bereiter Witz.<br />

Diese Stimmung färbt schließlich auch<br />

auf den Leser ab: Plötzlich sieht er nicht<br />

nur seine eigene Gesellschaft, sondern<br />

auch sein eigenes weißes Selbst mit anderen<br />

Augen.<br />

<br />

Frauke Meyer-Gosau<br />

Chimamanda Ngozi Adichie<br />

„Americanah“<br />

Aus dem Englischen von Annette Grube<br />

S. Fischer, Frankfurt a. M. 2014. 606 S., 24,99 €<br />

125<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


SALON<br />

Literaturen<br />

Familiengeschichte<br />

Die Kunst der<br />

Anpassung<br />

Alan Bennett erzählt vom<br />

tapferen und skurrilen<br />

Leben seiner Eltern<br />

Wie oft hat mich schon der skurrile<br />

Humor von Alan Bennett<br />

glücklich gemacht – wenn er<br />

etwa in seinem Roman „Die souveräne<br />

Leserin“ Königin Elizabeth in einem<br />

städtischen Bücherbus landen lässt, wo<br />

ihr der Küchenjunge Norman gute Bücher<br />

empfiehlt, sodass sie bei Staatsbesuchen<br />

plötzlich über Literatur plaudern<br />

möchte. Oder „Così fan tutte“, die Geschichte<br />

der Eheleute Randsome, deren<br />

Wohnung leer geräumt wird, während sie<br />

ebendiese Oper sehen. Alles, was sich in<br />

30 Jahren angesammelt hatte, ist plötzlich<br />

weg – welche Befreiung! Nun kann<br />

man noch einmal ganz unkonventionell<br />

von vorn anfangen …<br />

Alan Bennett hat Sinn für verrückte,<br />

ungewöhnliche Begebenheiten,<br />

und wenn sein neues Buch heißt „Leben<br />

wie andere Leute“, dann freut man sich<br />

schon darauf, nun wieder lauter Exzentriker<br />

kennenzulernen. Doch dann begegnet<br />

man den liebenswerten, extrem<br />

schüchternen Eltern <strong>des</strong> Autors, die immer<br />

so gern gewesen wären wie alle, und<br />

die es doch nie hingekriegt haben. Sie haben<br />

Angst vor Gesellschaften und Partys,<br />

sie wissen nicht, wie man sich kleiden<br />

soll und was ein Cocktail ist, und als<br />

sie von der kleinen Stadt aufs Dorf umziehen,<br />

bekommt die Mutter ihren ersten<br />

Angst- und Depressionsschub: Sie denkt,<br />

nun stehe sie im Mittelpunkt, nun würden<br />

alle auf sie schauen.<br />

Die Depression führt sie in eine Klinik,<br />

sie wird mit Elektroschocks behandelt,<br />

der Vater besucht seine Frau jeden<br />

Tag pünktlich die gesamte Besuchszeit<br />

lang, und plötzlich sind wir mitten in einer<br />

herzzerreißenden Liebes- und Lebensgeschichte.<br />

Ja, es gibt auch zwei<br />

verrückte Tanten, die ein bisschen Leben<br />

in die Bude bringen, aber im Grunde<br />

erzählt Bennett vor allem mit Ernst, Respekt<br />

und Liebe von diesen Eltern, die sich<br />

mit dem normalen Alltag so unbeholfen<br />

schwertun. Und wenn er beschreibt, wie<br />

es in dem Heim zugeht, in dem seine Mutter<br />

oft für Wochen und Monate landet,<br />

dann ist auf einmal gar nichts mehr exzentrisch,<br />

skurril oder komisch, sondern<br />

tiefschwarz und bitter. Lakonisch heißt<br />

es: „Die Fluktuation unter diesen Bewohnern<br />

ist ziemlich hoch, denn wer in diesen<br />

Zimmern untergebracht wird, befindet<br />

sich meist schon im fortgeschrittenen<br />

Stadium der Demenz. Doch daran sterben<br />

sie nicht direkt. Keine dieser verlorenen<br />

Frauen kann sich noch selbst ernähren,<br />

und um sie richtig zu füttern (…)<br />

brauchen sie (…) im Grunde eine Helferin<br />

pro Patientin. Da dies nicht gewährleistet<br />

werden kann, verhungern die hilflosen<br />

Wesen ganz allmählich und recht<br />

anständig.“<br />

Vater und Sohn füttern die Mutter,<br />

die an etwas leidet, was Bennett „unheilbare<br />

Unfähigkeit“ nennt – die Unfähigkeit,<br />

einfach sie selbst zu sein. Das, fürchten<br />

die Eltern, genüge eben nun mal nicht.<br />

Bennett schreibt: „Meine Eltern begriffen<br />

nie, dass die meisten Familien sich<br />

einfach irgendwie durchwurstelten“, dass<br />

also alle versuchen, wie alle zu sein, und<br />

dass doch jede auf ihre Art besonders ist –<br />

besonders vor allem, wie wir von Tolstoi<br />

wissen, in ihrem Unglück.<br />

Über das Glück und das Unglück<br />

seines Vaters hat Alan Bennett schon<br />

2005 eine Erzählung mit dem Titel<br />

„Mr. Bennett, sen.“ veröffentlicht, die<br />

vollständig in diesen Text übernommen<br />

wurde, ergänzt noch um die Geschichten<br />

der anderen Familienmitglieder.<br />

Bennett selbst, schreibt er am Schluss,<br />

lebe immer noch in diesem Dorf, mit seinem<br />

30 Jahre jüngeren Partner, „und<br />

was das Dorf davon hält, weiß ich nicht,<br />

und jetzt endlich kümmert es mich auch<br />

nicht mehr“. Er hat es geschafft, die<br />

Ängste seiner Eltern ums Angepasstsein<br />

nicht zu seinen Ängsten werden zu lassen.<br />

Auf dem Titelbild <strong>des</strong> Buches geht<br />

er vergnügt mit seinem Schwein an der<br />

Leine spazieren. Elke Heidenreich<br />

Alan Bennett<br />

„Leben wie andere Leute“<br />

Aus dem Englischen von Ingo Herzke<br />

Wagenbach, Berlin 2014. 168 S., 16,90 €<br />

Fußball und Kultur<br />

Mit Uli und Franz<br />

in eine neue Ära<br />

Kay Schiller deutet die WM<br />

von 1974 als Beginn globaler<br />

Kommerzialisierung<br />

Bei der 20. Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft<br />

in Brasilien werden sich<br />

vom 12. Juni an Politiker aus allen<br />

Ländern auf den Tribünen drängen,<br />

die Medien rund um die Uhr berichten,<br />

die Feuilletons viel Gescheites über das<br />

Spiel mit dem runden Leder von sich geben.<br />

Aber bis der Fußball sich als alle<br />

Schichten, Generationen und Geschlechter<br />

übergreifen<strong>des</strong> Phänomen durchsetzen<br />

konnte, war es ein weiter Weg. <strong>Der</strong><br />

Historiker Kay Schiller von der englischen<br />

University of Durham zeichnet<br />

nun ebenso informativ wie unterhaltsam<br />

die fesselnde Kulturgeschichte <strong>des</strong> Fußballs<br />

nach. Dabei nutzt er die Weltmeisterschaft<br />

1974 als Brennglas, in dem sich<br />

die Transformation <strong>des</strong> Sportereignisses<br />

zum globalen Medien-, Freizeit-, Tourismus-<br />

und Werbeevent bündelt.<br />

1974 verirren sich nur wenige ranghohe<br />

Politiker in die Stadien, die von<br />

den Sportverbänden bewegten Gelder<br />

sind bescheiden. Einen grundstürzenden<br />

Wandel initiieren seit 1974 die Fifa-<br />

Präsidenten João Havelange und Sepp<br />

Blatter, die den Fußball als Werbeträger<br />

global agierender Unternehmen mit der<br />

Lizenz zum Gelddrucken ausstatten und<br />

ihn zum Global Player in Entwicklungspolitik<br />

und Hochkultur aufsteigen lassen.<br />

Mit 209 Nationalverbänden umfasst die<br />

Fifa derzeit mehr Mitglieder als die Vereinten<br />

Nationen.<br />

Parallel zu dieser expansiven Dynamik,<br />

die dem Verbandsslogan „For the<br />

Game. For the World“ gehorcht, entsteht<br />

ein neuer Spielertyp, der sich in Persönlichkeiten<br />

wie Uli Hoeneß und Franz<br />

Beckenbauer verwirklicht. Steht der eine<br />

paradigmatisch für ökonomische Professionalisierung,<br />

so reüssiert der andere in<br />

Werbung, Show, Unterhaltung. Anders<br />

als 1954 den „Helden von Bern“ geht es<br />

ihnen nicht um Kameradschaft und nationale<br />

Ehre, sondern um Spaß, Erfolg und<br />

126<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


materielles Wohlergehen – ein kultureller<br />

Wertewandel sondergleichen.<br />

Insofern ist es konsequent, dass<br />

die 1974er-Generation nach ihrer aktiven<br />

Laufbahn ins Management wechselt<br />

und die schrankenlose Kommerzialisierung<br />

<strong>des</strong> Bun<strong>des</strong>ligafußballs vorantreibt.<br />

Ihre Prominenz macht sie interessant für<br />

Literatur und Theater, Oper, Kino und<br />

den internationalen Jetset. Sie sprengen<br />

die Grenzen der lokalen und regionalen<br />

Sportidole. <strong>Der</strong> Geist der Reformpolitik<br />

und Demokratisierung in der Ära<br />

Brandt schleift die <strong>letzte</strong>n Reste der verbliebenen<br />

militärischen Ideale ab. Ohne<br />

das 1974 von den Niederlanden zelebrierte<br />

kunstvolle Spiel wäre die Ästhetik<br />

<strong>des</strong> heutigen spanischen Fußballs<br />

oder das lustvolle deutsche Angriffsspiel<br />

undenkbar.<br />

Neue Stadien, globales Entertainment<br />

machen den Fußball seitdem für<br />

die Politik interessant. Die Chancen, die<br />

das Spiel als Bühne der Eigenwerbung<br />

bietet, entdecken zunächst afrikanische<br />

und südamerikanische Potentaten. Besucht<br />

Bun<strong>des</strong>präsident Heinemann 1974<br />

gerade mal eine Halbzeit eines Spieles,<br />

noch dazu ohne deutsche Beteiligung,<br />

so gehört seit Helmut Kohl der Kabinenbesuch<br />

zum Pflichtprogramm eines<br />

jeden Kanzlers. Vorbei sind die Zeiten,<br />

in denen Fußball als Proletensport für<br />

ein kulturfernes Publikum galt. Mit dem<br />

Ende <strong>des</strong> Kalten Krieges setzt, so Schiller,<br />

eine von starken Emotionen getragene<br />

„internationale Renationalisierung der<br />

Fußballsymbolik“ ein. Sie bringt einen<br />

„Partyotismus“ hervor, der den Nachbarn<br />

die Furcht vor deutschem Patriotismus<br />

nimmt.<br />

In sattem Blau, scharf kontrastiert,<br />

mit einem an Heiligenbilder erinnernden<br />

Glorienschein fokussiert die „Lichtgestalt“<br />

Beckenbauer jene Moderne, in<br />

die der Fußball um 1974 kulturell, wirtschaftlich<br />

und politisch aufzubrechen<br />

beginnt: so die Botschaft <strong>des</strong> stilisierten<br />

Bil<strong>des</strong> auf dem Cover dieses herausragenden<br />

Buches. Markwart Herzog<br />

Kay Schiller<br />

„WM 74. Als der Fußball<br />

modern wurde“<br />

Rotbuch, Berlin 2014. 192 S., 14,95 €<br />

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CICERO: PLAT T<br />

IN DIESEN EXKLUSIVEN<br />

HOTELS<br />

Le Méridien Stuttgart<br />

Willy-Brandt-Straße 30<br />

70173 Stuttgart<br />

Telefon 07 11/222 10<br />

www.lemeridienstuttgart.com<br />

» Le Méridien Stuttgart ist eine der ersten Adressen für Kulturveranstaltungen<br />

in Stuttgart und hat den in Deutschland<br />

einzigartigen „Troubadour“, den Stuttgarter Chanson- und<br />

Liedwettbewerb ins Leben gerufen, der in diesem Jahr zum<br />

10. Mal vom Le Méridien Stuttgart ausgerichtet wird. Da ist<br />

das <strong>Cicero</strong> Magazin eine harmonische Ergänzung für unsere<br />

an Kultur und an aktueller Politik interessierten Gäste, die<br />

Ideen und Anregungen jenseits vorherrschender Meinungsbilder<br />

schätzen. Herzliche Grüße.«<br />

Bernd Schäfer-Surén, Le Méridien Hotel Stuttgart<br />

Diese ausgewählten Hotels bieten <strong>Cicero</strong> als besonderen Service:<br />

Bad Doberan/Heiligendamm: Grand Hotel Heiligendamm · Bad Pyrmont: Steigenberger<br />

Hotel Baden-Baden: Brenners Park-Hotel & Spa · Baiersbronn: Hotel Traube Tonbach ·<br />

Bergisch Gladbach: Grandhotel Schloss Bensberg, Schlosshotel Lerbach · Berlin: Brandenburger<br />

Hof, Grand Hotel Esplanade, InterContinental Berlin, Kempinski Hotel Bristol, Hotel<br />

Maritim, The Mandala Hotel, The Mandala Suites, The Regent Berlin, The Ritz-Carlton Hotel,<br />

Savoy Berlin, Sofitel Berlin Kurfürstendamm · Binz/Rügen: Cerês Hotel · Dresden: Hotel<br />

Taschenbergpalais Kempinski · Celle: Fürstenhof Celle · Düsseldorf: InterContinental<br />

Düsseldorf, Hotel Nikko · Eisenach: Hotel auf der Wartburg · Ettlingen: Hotel-Restaurant<br />

Erbprinz · Frankfurt a. M.: Steigenberger Frankfurter Hof, Kempinski Hotel Gravenbruch ·<br />

Hamburg: Crowne Plaza Hamburg, Fairmont Hotel Vier Jahreszeiten, Hotel Atlantic<br />

Kempinski, Madison Hotel Hamburg, Panorama Harburg, Renaissance Hamburg Hotel,<br />

Strandhotel Blankenese · Hannover: Crowne Plaza Hannover · Hinterzarten: Parkhotel<br />

Adler · Keitum/Sylt: Hotel Benen-Diken-Hof Köln: Excelsior Hotel Ernst · Königstein im<br />

Taunus: Falkenstein Grand Kempinski, Villa Rothschild Kempinski · Königswinter: Steigenberger<br />

Grandhotel Petersberg · Konstanz: Steigenberger Inselhotel Magdeburg: Herrenkrug<br />

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King’s Hotel First Class, Le Méridien, Hotel München Palace · Neuhardenberg: Hotel Schloss<br />

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Roman<br />

Dagestan für<br />

Anfänger<br />

Alissa Ganijewa entwirft<br />

ein schillern<strong>des</strong> Bild von<br />

kultureller Vielfalt<br />

Draußen warten Männer mit Maschinenpistolen,<br />

drinnen wirft<br />

man den Bräutigam in die Luft.<br />

Trommler jonglieren mit ihren Stöcken,<br />

junge Burschen schlagen Saltos: Man feiert<br />

Hochzeit in Machatschkala. Da ergreift<br />

ein Mann das Mikrofon und spricht<br />

von der Mauer. Die Stimmung schlägt um.<br />

In ihrem dystopischen Debütroman<br />

„Die russische Mauer“ versetzt uns Alissa<br />

Ganijewa in die Republik Dagestan. Dort<br />

kursieren Gerüchte: Moskau baue einen<br />

Grenzwall, um sich von der konfliktträchtigen<br />

Kaukasusregion zu isolieren.<br />

Schamil, der als Reporter einen<br />

„positiven Artikel“ über Kunstschmiede<br />

schreiben soll, streift gewissermaßen<br />

stellvertretend für den Leser durch die<br />

Hauptstadt Machatschkala. Beim Friseur<br />

diskutiert eine junge Frau dort über die<br />

Frage, warum kürzlich ein Bus in die Luft<br />

geflogen ist. In einer Talkshow widerlegt<br />

ein Gast Einsteins Relativitätstheorie mit<br />

einer Koransure. Im Nachtclub bewahren<br />

die Mädchen die Gaspistolen der Jungs in<br />

ihren Handtaschen auf – in der Annahme,<br />

dass sie nicht durchsucht würden. Mit jedem<br />

Kapitel, jeder Episode klappen hier<br />

neue Bilderwelten auf, und ständig wechseln<br />

die Schauplätze.<br />

Alissa Ganijewa, geboren 1985,<br />

wuchs selbst in Machatschkala auf; heute<br />

arbeitet sie als Journalistin in Moskau.<br />

Aufsehen erregte ihre Erzählung „Salam,<br />

Dalgat“, die sie bei einem Literaturwettbewerb<br />

einreichte – unter männlichem<br />

Pseudonym. Manchen gilt sie als Nestbeschmutzerin,<br />

weil sie vom Radikalismus<br />

in dieser Republik erzählt, die, was nur<br />

den wenigsten bewusst ist, zu Russland<br />

gehört. Ihr Debütroman nun erschließt<br />

eine terra incognita: Dages tan für Anfänger<br />

sozusagen. Fußnote für Fußnote führt<br />

die Autorin durch den Text, erklärt kulturelle<br />

Besonderheiten, übersetzt typische<br />

Redewendungen. „Chapur-tschapur“<br />

heißt „Unsinn“ auf Awarisch, „tsjus“ ist<br />

„richtig“ auf Kumykisch, und wenn man<br />

auf Darginisch anstoßen will, ruft man:<br />

„<strong>Der</strong>chab!“ Manchmal ist das Sprachengewirr<br />

für den Leser mühsam, doch es<br />

vermittelt eine Vorstellung davon, was<br />

„kulturelle Vielfalt“ tatsächlich bedeutet.<br />

„Wore!“ („weiter!“ auf Awarisch)<br />

wirkt wie der Leitspruch dieser Welt, in<br />

der alles in Bewegung ist. Wir treffen auf<br />

Nostalgiker, Träumer, Fundamentalisten.<br />

Doch diese sind oft nicht mehr als Sprachrohre,<br />

Vertreter gesellschaftlicher Strömungen,<br />

eindimensionale Repräsentanten<br />

religiöser Überzeugungen.<br />

„Die russische Mauer“ ist ein Roman<br />

ohne Helden. Das ist konsequent,<br />

denn der wahre Protagonist ist hier die<br />

Republik Dagestan selbst. Aus zahllosen<br />

Stimmen entsteht ihr polyphones<br />

Porträt, hitzige Dialoge spiegeln soziale<br />

Spannungen. Zudem lernt man die historischen<br />

Hintergründe aktueller Konflikte<br />

kennen, wie etwa die erzwungenen<br />

Umsiedlungen ganzer Gebirgsdörfer<br />

unter sowjetischer Herrschaft.<br />

Die allgegenwärtige Vielfalt dieses<br />

Lan<strong>des</strong> spiegelt sich nicht zuletzt auch<br />

in der Struktur <strong>des</strong> Romans. Eingewoben<br />

in den Text sind Gedichte, Tagebucheinträge,<br />

Romanfragmente, darunter auch<br />

eine schöne Parodie auf den sozialistischen<br />

Realismus: Schamil stößt zufällig<br />

auf einen Text, in dem der fröhliche Traktorist<br />

Muchtar auftritt, in dem Mädchen<br />

„leichtfüßig wie Gemsen (…) von Stein zu<br />

Stein“ springen und das Komsomolzen-<br />

Abzeichen <strong>des</strong> Mädchens Marschana mit<br />

den langen schwarzen Zöpfen „keck in<br />

der Frühlingssonne“ blitzt.<br />

Das Sinnbild der Mauer treibt die<br />

innere Radikalisierung im Land voran.<br />

Dschihadisten erstarken, Dunkelmänner<br />

zünden Theater an, die Philharmonie<br />

wird zur Schariabehörde. Doch auf<br />

den <strong>letzte</strong>n eineinhalb Seiten dieser Dystopie<br />

wird dann noch einmal Hochzeit<br />

gefeiert, nun unter neuen, positiven Vorzeichen:<br />

ein gesellschaftliches Zukunftsbild<br />

en miniature. Carmen Eller<br />

Alissa Ganijewa<br />

„Die russische Mauer“<br />

Aus dem Russischen von Christiane Körner<br />

Suhrkamp, Berlin 2014. 232 S., 22,95 €<br />

128<br />

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SALON<br />

Bibliotheksporträt<br />

MACH DAS MAUL AUF<br />

UND GIB NIEMALS KLEIN BEI<br />

<strong>Der</strong> Kabarettist und Schauspieler Ottfried Fischer steht trotz<br />

seiner Parkinson-Erkrankung stabil im Leben. In Büchern findet er<br />

Geist und Haltung – sofern sie nicht von Paulo Coelho stammen<br />

Von WOLF REISER<br />

Ein paar Meter vor Ottfried Fischers Stadtwohnung im Norden Schwabings,<br />

an der Münchner Leopoldstraße, quietscht es plötzlich wie im Großschlachthof.<br />

Die Tram hat eine Vollbremsung hingelegt. Das Fenster der<br />

Fahrerseite geht nach unten. „Sie, äh, du, Herr Fischer, Otti, kimm, sei so<br />

nett, für meine zwei Buben daheim …“ <strong>Der</strong> Angesprochene holt gleichmütig<br />

zwei signierte Autogrammkarten aus seinem Trenchcoat und drückt sie<br />

dem guten Mann in die Hand. „A Hund bist scho, aber a g’scheiter.“ Lob<br />

vom fahrenden Volk gibt es in Bayern sonst nur für gewesene Wesen wie<br />

Ludwig II. oder Franz Josef Strauß – oder für Franz Beckenbauer.<br />

„Don’t count the days, make the days count“: Fischer zitiert vor dem Lift<br />

hoch zu seinem Loft den Parkinson-Kollegen Muhammad Ali. Nach 170 kabarettistischen<br />

Livesendungen für den Bayerischen Rundfunk, 69 Folgen als<br />

„Bulle von Tölz“ bei Sat.1, dem charmanten Beleben von Kultfiguren wie<br />

„Sir Quickly“ in der Serie „Irgendwie und sowieso“ oder „Pfarrer Braun“,<br />

nach Hunderten von Kabarettabenden und einigen privaten Tiefschlägen<br />

steht er stabil in seiner Ringecke. „Um als großer Champion zu gelten, musst<br />

du fest daran glauben, immer der Beste zu sein. Oder zumin<strong>des</strong>t so tun, als<br />

ob.“ Also macht er auch die Schüttellähmung zum Programmpunkt. Einmal<br />

hat er einem verspätet eingetroffenen Zuschauer gesagt: „Lassen Sie<br />

mir die Schlüssel Ihres Wagens einfach da. Ich park-ihn-schon.“<br />

Zu Hause greift er zu Büchern, die einst in der elterlichen Bibliothek<br />

lagen: Rilke, Torberg, Schopenhauer, Kästner, Valentin, Feuchtwanger, die<br />

Bibel. Später sorgten in seinem Einödhof nahe Passau Walser, Böll, Handke,<br />

Grass für Diskussionen. Prägend war Siegfried Lenz mit der „Deutschstunde“.<br />

„Das Buch hat mir verdeutlicht, dass Pflicht immer nur in einer<br />

ewigen Kür altruistischer Freiwilligkeit, Liberalität und Mitmenschlichkeit<br />

gerechtfertigt ist. Jeder von uns muss sich verpflichtet fühlen, sowohl mit<br />

der Emotion der Humanitas wie der Freude am Pathos der Freiheit dafür<br />

zu brennen, jedem Mitmenschen zuzugestehen, nach seiner Fasson glücklich<br />

zu werden.“ Damit beschreibt er sein Wesen, seine kulturelle Sendung.<br />

Die, die ihn gut kennen, schätzen seine Kollegialität und Hilfsbereitschaft.<br />

130<br />

<strong>Cicero</strong> – 6. 2014


In Spürweite von Fischers Schaltzentrale liegen seine Reviere, die Studentenkneipen,<br />