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Czesław MiłoszGeschichte derpolnischen LiteraturMit einer Einleitung von Karl Dedecius und demDokumentarfilm »Czesław Miłosz: Die Geschichteder polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts«


Geschichte der polnischen Literatur


Czesław MiłoszGeschichte derpolnischen LiteraturMit einer Einleitung von Karl Dedecius und demDokumentarfilm »Czesław Miłosz: Die Geschichteder polnischen Literatur des 20. Jahrhunderts«


Bibliografische Information der Deutschen NationalbibliothekDie Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.Umschlagabbildung: Photo von Andrzej Miłosz. Copyright © Grażyna Strumiłło-Miłosz undJoanna Miłosz-Piekarska. Wir danken Agnieszka Kosińska für die freundliche Erlaubnis,das Foto abzudrucken.Gedruckt auf Initiative und mit Unterstützung der Filiale Leipzig des Polnischen Instituts BerlinTitel der Originalausgabe:THE HISTORY OF POLISH LITERATURECopyright © 1969, 1983, Czesław MiłoszAll rights reservedErweiterter und kommentierter Nachdruck der Übersetzung von Arthur Mandel,Verlag Wissenschaft und Politik, Berend von Nottbeck, Köln 1981.Für das Vorwort liegen die Rechte bei Karl Dedecius. Nachdruck und öffentliche Verwendungin Medien nur mit Genehmigung des Verlages.Der Verlag hat sich bemüht, die Inhaber aller Rechte ausfindig zu machen; dies ist leidernicht in allen Fällen gelungen. Sollte dem Verlag gegenüber dennoch der Nachweis derRechtsinhaberschaft geführt werden, wird diese in branchenüblicher Weise abgegolten.© 2013 · Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KGDischingerweg 5 · D-72070 TübingenDas Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohneZu stim mung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere fürVervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung undVerarbeitung in elektronischen Systemen.Gedruckt auf chlorfrei gebleichtem und säurefreiem Werkdruckpapier.Internet: www.francke.deE-Mail: info@francke.deDruck und Bindung: Laupp & Göbel, NehrenPrinted in GermanyISBN 978-3-7720-8456-0


InhaltsverzeichnisGeleitwort des Herausgebers . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1Einleitung von Karl Dedecius . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 21 Das MittelalterDer geschichtliche Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14Literatur in lateinischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . 19Literatur in polnischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 212 Das 15. Jahrhundert: Spätes MittelalterDer geschichtliche Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24Lateinische Prosa . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 27Literatur in polnischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293 Humanismus und Reformation:Das 16. und beginnende 17. JahrhundertDer geschichtliche Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34Literatur in lateinischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44Literatur in polnischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 52Literatur in anderen Sprachen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 964 Das 17. Jahrhundert: Gegenreformation und BarockAllgemeine Verhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 100Werke in lateinischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 106Werke in polnischer Sprache . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1095 Die erste Hälfte des 18. Jahrhunderts: Die sächsische NachtGeschichtlicher Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 132Poesie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 133Vorboten der Wandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1346 Zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts: Die AufklärungGeschichtlicher Hintergrund . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 138Das Theater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 145Dichter und Schriftsteller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 151Empfindsame Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 157Die Neuerer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 159Der unmögliche Potocki . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1627 Die RomantikAllgemeine Verhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 166Klassizismus und Frühromantik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 172Die ukrainische Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 204Die Prosa im Zeitalter der Romantik . . . . . . . . . . . . . . . . . 209Historiker und Philosophen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 213Geschichte einer Familie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 216V


8 Der PositivismusAllgemeine Verhältnisse . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 230Die Positivisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 231Die Krakauer Schule . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236Der Naturalismus . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 236Andere Prosaisten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 254Die Dichter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 2569 Das junge PolenAllgemeine Bemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 262Die Vorläufer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 267Die Poesie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 271Das Theater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 284Neue Gegner der Moderne . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 290Eine satirische Note . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 293Der Roman . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 294Kritik und Philosophie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 30010 Polen 1918–1939Allgemeines . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 306Die Dichtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 309Das Theater . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 331Romane und Erzählungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 336Essays und anderes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35011 Der Zweite Weltkrieg und das neue PolenAllgemeine Bemerkungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 354Die Nachkriegsliteratur · Allgemeine Charakteristik . . . . . . . . 361AnhangDer polnische Versbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 421Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 423Editorische Anmerkungen zur Neuauflage vonGeschichte der polnischen Literatur . . . . . . . . 431Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 435VI


Geleitwort des HerausgebersSelten fügt es sich, dass ein Schriftsteller selbst eine Literaturgeschichtefür den akademischen Bereich verfasst. Noch seltener fügt es sich, dass einratureine solch exponierte Bedeutung hat, eine Literaturgeschichte vorlegt.Doch in diesem Fall erwies sich diese Konstellation als Glücksfall. So fügteder Universität Berkeley unterrichtete. Aus dieser Konstellation erwuchs die»Geschichte der polnischen Literatur«, die als Handbuch für Studenten ander Universität Berkeley konzipiert war und bis heute unverändert erhältlichist. Nach 1993 wurde das Werk auch in der polnischen Übersetzung zum geachtetenBestseller seiner Gattung und ist dort 2010 neu, durchgesehen undvervollständigt aufgelegt worden.Besonders dankbar bin ich Herrn Dr. h. c. mult. Karl Dedecius, dem Übersetzerund unermüdlichen Herausgeber polnischer Literatur, dafür, dass erdiesen Band mit seinem Vorwort bereichert. Er gewährt uns einen Einblickin seine langjährige persönliche Bekanntschaft mit dem Werk und der Per-heute als Kustos Wohnung und Archiv des Dichters in Krakau sowie seineAutoren rechte betreut. Sie hat dieses Buchprojekt stets wohlwollend, kompetentund hilfreich begleitet. Dank sagen möchte ich meiner Vorgängerin, FrauWeg gebracht hat. Dank gilt auch meinen beiden Mitarbeitern: Bernd Karwenfür die redaktionelle Betreuung des Buches sowie für die Übersetzungdes Epilogs ins Deutsche. Rainer Mende für die Redaktion der DVD undzugleich für akribische Korrekturen. Die deutschen Untertitel zur DVD hatVon akademischer Seite hat Dr. Hans-Christian Trepte dieses Vorhaben kritischbegleitet, für die Zusammenstellung des Registers danke ich Frau JuliaJuskowiak.erweiterten Nachdruck dieser Literaturgeschichte vor und bieten damit dieGelegenheit, das Werk zu nutzen und zugleich in einem neuen Licht zu sehen.Trotz einiger Mängel der 1981 erschienenen deutschen Ausgabe, die nur durcheine vollständige Neuauflage zu beheben wären, kann dieses Werk auch imdeutschen Sprachraum als hervorragender Einstieg in die polnische Literaturgeschichtenachdrücklich empfohlen werden. Möge es allen Interessiertenan der Geschichte der polnischen Literatur ein hilfreicher Leitfaden sein.Stellvertretender Direktor des Polnischen Instituts Berlin – Filiale LeipzigLeipzig, November 20131


Einleitung von Karl DedeciusIn der Ahnengalerie des NobelpreisträgersBeim flüchtigen Blättern in der Literaturgeschichte des Autors meinen wir,über Treppen eines alten Herrensitzes zu steigen, Etagen und Säle zu betreten,an deren Wänden, angestaubt, dunkel in Farbe und Haltung, dichtbeieinander, große, aber auch kleine Porträts hängen. Man hat sie in üppigesBlattgold der Rahmen gesperrt und alleingelassen. Charakterfeste Gesichter,manche grimmig, verraten Befremden (als Antwort auf die Gleichgültigkeitder eiligen Touristen). Die Atmosphäre in dem verlassenen Museion ist erwartungsvoll.Das alles sind oberflächliche Eindrücke eines zu schnell und zu verständnislosdie Säle durcheilenden Neulings. Zieht man die schweren dunkelrotenVorhänge beiseite, öffnet die Fenster, lässt Licht und frische Luft in die zulange unbesucht gelassenen Räume, fangen sie an zu leben. In Begleitung deskundigen Fremdenführers – umso mehr, wenn es der Autor selbst ist. Werke,Zeiten und Künstler bekommen allmählich Farbe, werden plastisch, gesprächig,sie erzählen.Auf diese Literaturgeschichte habe ich lange gewartet. Seit den 50er Jahrendes 20. Jahrhunderts übersetze ich polnische Dichtung. Eigentlich ohne aktuelleHilfsmittel: Die Grenzen waren unpassierbar, die Bibliotheken meldetenFehlanzeigen, Kontakte misslangen meist; man war auf komplizierte Korrespondenzenund Umwege angewiesen. 1981 erschien diese Literaturgeschichteerstmalig in deutscher Sprache in Köln und ich hatte für meine Lesegängeendlich die erwünschte Fundgrube an Informationen, die ich brauchte.Bis 1981 waren zwar meine ersten 50 polonistischen Bücher (Anthologien,Monographien, Essays) unter den erschwerten Bedingungen herrschenden»Kriegsrechts« (und anderen Unrechts) publiziert. Nach 1981kamen uns alte Antiquariate und junge Beziehungen zu unbekannten Autorenund ihren Verlagen in Polen und im Ausland endlich entgegen.Dennoch – Die Geschichte der polnischen Literatursteht im Regal an meinem Schreibtisch bis heute griffbereit. Denn dort findeich – trotz inzwischen größerer Handbibliothek – immer das Datum, das mirfehlt, eine Quelle, die ich suche, eine Anekdote, die die trockene MaterieBerufungund sofort. Er ist viel gereist, in Ost und in West. Für ihn waren es keineAusflugsziele sondern Lebensräume (Schicksalsräume des 20. Jahrhunderts):Erzwungene Kriege und Völkerwanderungen allerorten; Zwangsumsiedlung,hatte sie – seine Lehr- und Wanderjahre – in allen Etappen tapfer überstanden.Das sorgte für die kreativen Spannungen wie die gesteigerte Wachsamkeitdes Intellekts. Am Ende auch für das wahrgenommene Glück im Unglück.Alles ideale Voraussetzungen für inspirierte Wissenschaft und Kunst: Ju-2


ist, Schriftsteller, Redakteur, Herausgeber von Zeitschriften und Büchern,Übersetzer, Diplomat und Kulturkritiker, schließlich seit 1960 Lehrbeauftragter,seit 1961 Professor an der Universität in Berkeley; zuständig für slawischeSprachen und Literatur. Das Reifezeugnis all dieser Vorschulen undBildungsgänge liegt jetzt hier als Geschichtsbuch der polnischen Literatur imNachdruck vor.Die erste Auflage war in Köln 1981 in der Übersetzung von Artur Mandelerschienen. (Die Originalausgabe auf Englisch gab Macmillan in New York1969 heraus.) Der Autor war zu dieser Pflichtaufgabe geradezu berufen. DieGeschichte der polnischen Literatur setzt sich zusammen aus den in Berkeleygehaltenen Vorlesungen.Exildie ihm als Dichter im Exil zustehende und auferlegte (seit Mickiewicz inPolen plausible) Pflicht zur Parteinahme.Die Romantik hatte im 19. Jahrhundert das Vorbild des Nationaldichters undPropheten (vates et poeta) vorgegeben. Die Mission des Wahr sagers und Erzieherswar sein Erbteil: das Erbe des Wilnaer Romantikers und Exilierten,Adam Mickiewicz.Anlässlich der Rencontre Mondiale de Poésie in Montreal im September 1967nomender Verbannung: »Es ist fast unmöglich, heute von einem Dichter zureden und nicht die Verbannung zu erwähnen. Die Verbannung ist für einenDichter heute Schicksal, unabhängig davon, ob er in seinem Heimatland lebtoder im Ausland; fast immer ist er herausgerissen aus der kleinen heimischenWelt der Gebräuche und Glaubensvorstellungen, die er in der Kindheit kannte.Die Verbannung an sich ist weder schlecht noch gut, die romantischen undpathetischen Gesten taugen hier nichts. Die Verbannung muss man hinnehmenund alles hängt davon ab, welchen Nutzen man daraus zieht.«GenrefiktionÜber eine Literaturgeschichte zu urteilen ist Sache der dazu professionellBerufenen. Ein Benutzer schlechthin – Laie und Liebhaber – erwartet vonder Lektüre möglicherweise ganz Anderes und Verschiedenes. Zu diesemviel größeren Kreis gehöre ich. Mein Hauptinteresse gilt dem Dichter, seinenWilna, wie mein Lodz, unsere Geburtsorte waren multinational und kulturellkunterbunt, was heute nicht mehr originell ist. Heute ist es eine gesamteuro-ähnlichen Wissensdurst und Erlebnishunger. Diese – heute rückblickend –Gemeinsamkeiten waren in der Kahlschlag-Situation der ersten Jahre nach1945 eine starke Anziehungskraft, Autoren und Bücher ähnlicher Generationoder Provenienz kennenzulernen. Deshalb waren die ersten »Kiesel« (ZbigniewHerberts Gedicht Kamyk), die ich am Strande der gestrandeten Heimkehrer1949 sorgfältig aufhob und vom Sande reinigte, die Dichter meinerInteresse.3


ähnliche Situation und Kindheitserfahrung wie Herbert im Südosten. HerbertsMigrationshintergrund war Galizien, Wien, die Ukraine und die orientalischeVitalität und Buntheit Lembergs. Große Anziehungskraft hatten diealten Kulturen weiter im Süden (Griechenland) und im Westen (Frankreich,– und das verband ihn mit Herbert – geistige Wurzeln stakenim ähnlich fruchtbaren Boden des Vielvölkerkessels in Wilna, mit seinergroßen Anziehungskraft des Ostens und Nordens. Sie und ihre Generationlebten im Heimweh nach ihren Geburtsorten, auch wenn diese inzwischenzur Fiktion geworden waren. Sie waren zwei Fußkranke der letzten Völkerwanderungin Europa.UlroBlakes Dichtung JerusalemVerbannungsland der an ihrer Bewegungsfreiheit Gehinderten und der vomvielseitigen Intellektuellen-Künstlers im Widerstand, der »von der Rückkehrzur Unschuld des Naturmenschen« träumt. Blake besticht mit seiner biblischprophetischen,zur Mystik neigenden Kosmogonie, der seine praktiziertenKünste dienen: Dichtung, Illustration, Jugendstil und biblische Symbolik – Ich-Essays (Ich und Gombrowicz, Ich und Mickiewicz, Ich und Dostojewskij,Ich und Swedenborg, Ich und Blake, Ich und die Sprachen, Ich und die Phasender Menschheitsgeschichte, Ich und das Christentum) ähneln denen imGombrowicz-Tagebuch, wo das »Ich, ich, ich …« strapaziert wird, allerdingsin ganz anderer Absicht –»Ich« stets in Bezug auf eine Größe, die ihn anzieht und zu Fragen und Antwortennötigt. So beginnt er: »Wer war ich? Wer bin ich jetzt, nach Jahren,hier auf dem Grizzly Peak, in meinem Arbeitszimmer über dem Pazifik? …«Diese persönliche Frage zielt weit und hoch über das Private hinaus. Sie ortetund weitet Allgemeines, Kulturgeographisches und Geistesgeschichtliches.Dem Dichter-Wahrheitssucher assistiert in seinen Fragestellungen immer derAndere, das andere Vorbild.»Ich und die Anderen«, »Ich und die Welt«, so wiederholen sich die Titel derKapitel und bilden den roten Faden einer philosophischen Selbstfindungsaktion.UlroAußenwelt und in seinem Selbst. Trotz des hier besonders hervortretendendidaktischen und polemischen Temperaments in politischer Betrachtung wie – der Dichter. SeineDurchdringung, Beschwörung, Verwandlung ist dem litauischen Erbe zu verdanken:Dort bedeutet es Verzauberung und das ist ein lyrisches Motiv.Alles mündet in der Schlusserkenntnis: »ich habe mich dem Gesetz der Imagination,so wie sie William Blake versteht, gefügt« – »ich hauste in Ulroschon lange, bevor ich von Blake erfuhr, wie dieses Land heißt«. Das Ödland,das dem Untergang geweihte Land, das den Dichter und seine Freundeschon in der Studentenzeit in Wilna 1930 verfolgt hatte und zur Schule der»Katastrophisten« hinbewegte. Das Land, aus dem er beständig ausbricht,4


sich auf die Flucht begibt und es doch überallhin mit sich herumschleppt. Die»Wohin sind wir geraten? Was ist das? Wo gehen wir hin? Ich erkühne michnicht, etwas zu glauben, oder nicht zu glauben … meine Sache ist es, Faktenanzuzeigen. Wer wollte schon inmitten eines Wirbelsturms in scharfsichtigenDiagnosen Zuflucht suchen? Fest steht nur, dass das Land Ulro nicht eineausgefallene Erfindung von William Blake war, wenn wir es schon am eigenenLeibe erfahren hatten.«Da dies wie ein Finale 1977 in Paris veröffentlicht wurde, nach der Geschichteder polnischen Literatur (die 1969 in den USA erschienen war), ist es hilf- geschichte zu betrachten. Ein Schlusspunkt, der eigentlich ein Fragezeichenbleibt.tischeund literaturhistorische Essayistik, eine Bilanz des erlebten Kreuzwegsvieler Kulturen, der magischen Bindungen und Strahlungen, die sichzwischen Dostojewskij und Hegel, zwischen Swedenborg und Blake ereignen.Das vielgeprüfte kritische Geschichtsbewusstsein des Professors, desempfindsamen Poeten und in Realien verhafteten Weltbürgers unserer Zeitsucht einen Ausweg aus der irdischen Provinz wie aus dem metaphysischenKosmos.Nobelpreis– nach Sienkiewicz (1905:Quo vadis?) und nach Reymont (1924: Die Bauern) des dritten Nobelpreisträgersfür Literatur, der aus Polen kam – rief Passagen aus der Dankesredevon Henryk Sienkiewicz vor über 100 Jahren in Stockholm in Erinnerung:»Diese Ehrung ist kostbar für jeden, aber um wie viel kostbarer ist sie füreinen Polen … Mein Land wurde totgesagt, doch das hier (die Auszeichnung)ist einer der hundert Beweise dafür, dass es lebt.«Polen als Ganzheit lebte in der Tat in langen Perioden seiner wechselvollenGeschichte mehr und stärker in seiner Sprache und Literatur fort denn anders.Seit dem Romantiker Adam Mickiewicz (1798–1855) hatten die DichterPolens eine das Volk einende, den zerstörten Staat ersetzende, von moralischerund politischer Autorität getragene »Regierung der Seelen« auszuüben.Und sie nahmen diese Aufgabe erfolgreich wahr, was die besondere Rolle derLiteratur in Polen, der Dichtung insbesondere, erklärt.In Polen und für Polen Dichter sein ist mehr als anderswo historische, nationaleund seelsorgerische Verpflichtung. Es ist ein Amt, das zwar Individualitätenherausragen lässt, zugleich aber auch eine verschworene Gemeinschaftder Dichter und ihrer Leser bildet. Es verpflichtet Innerlichkeit und10. Dezember im Stadshus der schwedischen Hauptstadt, gegen Ende seinerDankesrede zum Ausdruck gebracht: »Ich bin Teil der polnischen Literatur,die verhältnismäßig wenig bekannt, weil sehr schwer zu übersetzen ist.«in einer für Polen ereignisreichen Zeit; Monate vor den Ereignissen um die5


der als Student, Priester und Kardinal (von 1939 bis 1975) ebenfalls Gedichteschrieb. Als Papst sollte er später das Poemat Römisches Triptychon (2003)publizieren.Thomas Venclova, einer der Landsleute aus Wilna, bescheinigte dem Dichtersich heute jedem stellt, der Osteuropa verlässt: Er hat seine geistige Integritätbewahrt und er hat in die alte Heimat zurückgefunden.« In die Öffentlichkeitzurückgefunden hat der bis dahin in Polen nur spärlich und auf halblegalenWegen wahrgenommene politische Emigrant vor allem dank der StockholmerAkademie und ihrer Nobelpreis-Entscheidung.ErinnerungDie ersten Kontakte mit polnischen Dichtern meiner Generation wurdenin den 60er Jahren immer leichter möglich. Vor allem von Westeuropa nachPolen; hier über die Redaktionen, Verlage und Universitäten.war täglich an meine Berufe und Pflichten in der Bundesrepublik gebunden.Er hatte der Volksrepublik von 1945 bis 1951 als Diplomat in Frankreichund den USA gedient, aber dann die Sowjetisierung seines Landes bald nichtmehr ertragen und, in moralischen Konflikt geraten, »die Freiheit gewählt«,wie es im Jargon des Westens damals hieß. In der Volksrepublik Polen galter daraufhin offiziell als »Verräter« und »Feind der Republik«. Er wurde geächtet,verschwiegen, zur Nichtexistenz verurteilt. Aber auch die polnischenEmi granten gingen auf Distanz zu ihm, denn er flüchtete ja nicht als »Märtyrer«des Systems, sondern als dessen Staatsdiener und »Nutznießer«. Derkalte Krieg hatte seine kalten Gesetze.Die Redaktionen und Verlage der Emigration in London, Paris und New Yorkblieben ihm zunächst verschlossen, die Presse gleichgültig bis unfreundlich.Nur der hellsichtige Gründer und Chefredakteur der politisch unbeirrbarenKultura in Paris, Jerzy Giedroyc, ein Landsmann aus dem »kleinen Europa«(Europa minor) Bedeutung für die Zukunft begriffen und ihm in der legendären Redaktionin Maisons-Lafitte bei Paris, dem politischen Brückenkopf der Emigranten,Was hatte mich zu diesem Autor hingezogen, was an ihm interessiert, wasSpuren hinterlassen? Vermutlich die von mir so empfundenen Parallelen unsererSchicksale: tiefe Verwurzelung in der verlorenen »Heimat«, durch diedort genossene Natur und Erziehung, Bildung, Reife. Die Herkunft aus mehrerenVater- oder Mutterländern zugleich. Das Gehör für Sprachen, Kulturen,Volkscharaktere. Für die Probleme der Identität.In seiner Dankesrede für die Auszeichnung mit dem Nobelpreis in Stock-geboren zu sein, wo die Natur menschlich ist, dem Menschen angemessen,wo verschiedene Sprachen und Religionen seit Jahrhunderten miteinanderleben … Es ist gut, seit dem Kindesalter lateinische Liturgie zu hören, in derSchule Ovid zu übersetzen, katholische Dogmatik und Apologetik zu lernen…«Nicht unsere Wege glichen sich, aber unsere Erfahrungen mit einer Kindheit,die weniger Zivilisation, dafür mehr Natur und mehr Schicksal bot, mit den6


heißen und kalten Kriegen, politischen Systemkatastrophen, mit Zwecklügender streitenden Parteien, mit Flucht, Vertreibung, Migration, innerer und äußererEmigration.Lamento pertutti, sondern Selbstbesinnung und Disziplin. »Durch die Konfrontation mitder amerikanischen Denkweise ist mir meine Denkweise deutlicher bewusstgeworden. Unter dem Druck all dessen, was meine Identität zu zerstörentrachtet … leiste ich Widerstand … Obwohl ich den mir vom Schicksal bestimmtenPlatz akzeptiere, bin ich doch in allen meinen Reaktionen Europäer… ich schöpfe aus europäischen Quellen … Das Labyrinth der europäischenGeschichte, mag sie noch so grausam und enttäuschend sein, besitztfür mich die Wärme eines Schoßes.«Gleich 1945, mit dem ersten Gedichtband Ocalenie [Rettung], setzte sich Vorwortschrieb er: »Was ist eine Dichtung, die weder Völker/Noch Menschen rettet?Eine Komplizenschaft amtlicher Lügen,/Ein Singsang von Säufern, denenbald jemand die Kehle aufschlitzt,/Ein Lesestückchen aus Gartenlauben …«»Vor 1939 war ich ein junger, ein wenig snobistischer Warschauer Dichter.Meine Gedichte fanden Beifall in bestimmten Literatencafés; sie waren wiedie französische Poesie, unter deren Einfluss ich stand, schwer verständlich,dem Surrealismus verwandt.« Während mein Interesse für soziale Dinge sich vor dem Krieg in gelegentlichenAttacken gegen die rechtsradikalen und antisemitischen Gruppen äußerte«,wurde sein Gedicht nun »verständlicher, wie immer dann, wenn einDichter seinen Lesern etwas Wichtiges zu sagen hat«. 1958 her, den ich vor seiner Reise in die USA darum gebeten hatte. Er er-prompt und half mir schriftlich und telefonisch, sich in den Texten, die vielfältig,zerstreut und schwer zugänglich waren, zurechtzufinden.Den ersten Band Lied vom Weltende konnte ich erst spät, 1966 in Köln, veröffentlichen.Dem Verlag Kiepenheuer & Witsch gelang es nur mit Mühe, dieAuflage von fünfhundert Exemplaren in mehreren Jahren zu verkaufen. Dassder Autor einmal den Literaturnobelpreis bekommen würde, ahnte niemand.Im Zusammenhang mit diesem ersten Lyrikband ist mir ein Ereignis aus demJahr 1966 besonders in Erinnerung geblieben. Damals stellte der Börsenvereindes Deutschen Buchhandels auf der Warschauer Buchmesse die Polonicaaus, die zwischen 1956 und 1966 in den Verlagen der Bundesrepublik er-Lied vom Weltende und die bereits Ende der50er, Anfang der 60er Jahre auf Deutsch erschienenen Prosawerke wurden inWarschau gezeigt: Das Tal der Issa und West und östliches Gelände.Die Ausstellung fand großes Interesse; wurde als überraschende Entdeckungdeutscher Anteilnahme an Polen gewürdigt, löste aber gleich zu Beginn einenSkandal aus. Ein Funktionär, bei der Eröffnung durch polnische Honoratiorenanwesend, empörte sich (künstlich) und laut (um vor seinem Minister zukatzbuckeln) über den Inhalt des Katalogs, der auch Bücher der Emigranten,nete.Die Entscheidung fiel sofort. Die zehntausend Exemplare des bibliophilgestalteten Katalogs sollten beschlagnahmt und die beanstandeten Bücher,7


ender Botschafter, der Vorsteher des Börsenvereins, sein Auslandsdirektor– und ich. Aber die Ausstellung blieb unangetastet, bis zum fünften Tag,weil niemand die Kataloge und Bücher abholte – gesegnete polnische Lässigkeit.Inzwischen hatten die Besucher bereits fünftausend Kataloge bekommen.Der Rest wurde abgeholt. Er soll, erzählten mir Freunde, später auf demSchwarzmarkt zu hohen Preisen verkauft worden sein.»Die Literatur ist ein Fenster, durch das ein Volk dem anderen in die Augenschauen kann.« Mit diesem Satz begann mein Vorwort im Katalog zu dieserAusstellung.Briefwechsellaubnis,für die zweite, größere Anthologie (nach der Lektion der Stille 1958)einige seiner Gedichte zu übersetzen, wenn ja, auch eventuelle Wünsche mitzuteilen.10, avenue de la GrangeMONTGERON (SEINE-ET-OISE)FranceLieber Dedecius,Zbigniew Herbert übermittelte mir Ihre Bitte um Gedichte für die Anthologie.Ich sende Ihnen die Gedichte, die Sie wollten, mit Ausnahme der Ausschnittedes »Traktat poetycki«. Dieser Text erschien leider in kleiner Auflage, dieheute vollständig vergriffen ist, so dass ich Ihnen kein Exemplar zukommenlassen kann. Wenn Sie mir Ausschnitte nennen könnten, an die Sie gedachthaben, werde ich diese abschreiben und Ihnen schicken. Andernfalls werdeich mich bemühen, in meinen Papieren das Typoskript zu finden.Der Autor sollte kein Urteil fällen über die Auswahl, die der Übersetzertrifft, da diese Auswahl vom Gesamtkonzept der Anthologie abhängt sowievon der Bedeutung, die ein Gedicht auf dem Hintergrund der deutschen Poesie,der deutschen Sprache besitzt (und das Deutsche ist mir überhaupt nichtgeläufig). Wenn ich also hier ein Urteil äußere, so betrachte ich es keinesfallsals verbindlich. »« [Lied vom Weltende] und»« [Vorstadt] sind meines Erachtens gute Gedichte, »Miasto«[Die Stadt] hingegen mag ich nicht besonders, aber das ist ein subjektives Gefühl:eine Abneigung gegen den Lyrismus, den herzzerreißenden Lyrismusdieses Gedichts. Allerdings wäre es durchaus möglich, dass dieses Gedichtgerade auf Deutsch »funktioniert«, als ursprünglich polnisch in seinem patriotischenAusdruck. Auch wenn das nicht eben meine Spezialität ist.Sollten Sie Schwierigkeiten haben, z.B. sprachlicher Art (etwa mit den WarschauerIdiomen in »«), stehe ich gerne zu Ihrer Verfügung.Mit einem Händedruck,8


Die Antwort enthielt zwar den Rat, nach eigener Wahl zu übersetzen, späterGedichte ihm besonders wichtig wären. In der nächsten Anthologie PolnischePoesie des 20. Jahrhunderts (München 1964) habe ich diese Wünscheberücksichtigt.Begegnungen Mal. In Europa, anlässlich von Veranstaltungen, auf denen wir zusammen zutun hatten. In Paris vom 1. bis zum 7. März 1967 bei einem Symposium polnischerDichter aus Volkspolen mit ihren Kollegen und Landsleuten im Exil(aus Westeuropa und den Überseeländern), an dem auch mehrere Verlegerteilnahmen.Vom Carl Hanser Verlag war der Cheflektor Fritz Arnold anwesend und ichals Referent und Diskutant zum Thema »Polnische Literatur in der BundesrepublikDeutschland«.Dann trafen wir uns, zum zweiten Mal, 1993 in Krakau bei einem Symposiumder Jagiellonen Universität zum Thema »Was heißt Identität«. Diesmaldiskutierten öffentlich am Podium vor einem vollbesetzten Hörsaal drei Zeit-Tomas Venclova aus dem polnischen Wilno und ich, ein Deutscher aus demschieden,doch auf Grund ihrer fremdgesteuerten Migration, Emigration undLebenserfahrung einander vertraut.Das dritte Mal hatten wir einen gemeinsamen »Auftritt« 1999, anlässlich desGipfeltreffens des polnischen mit dem deutschen Staatspräsidenten in Köln.dichtevor einem vollbesetzten Saal, ich parallel die Übersetzungen derselben.Zwischendurch plauderten wir auf dem Podium darüber. Der Beifall wargrammgehörte ein Vormittag in einer Oberschule, Interviews, Presse- undFunktermine, Gespräche mit seinem Kölner und mit dem Krakauer Verleger.Unser vierter, der letzte gemeinsame Auftritt, er dauerte auch nicht längerals einen halben Tag, fand in Frankfurt am Main im Oktober des Jahres 2000statt: zur Eröffnung der Internationalen Buchmesse mit »Schwerpunkt Polen«.Wir eröffneten diese festliche und denkwürdige Veranstaltung mit ei-Aber die BücherAber die Bücher wird es in den Regalen geben, […]Trotz der Feuerscheine am Horizont,Der in die Luft gesprengten Schlösser,Der wandernden Stämme, beweglichen Planeten.Wir sind da – sagten sie, selbst als man ihnen die Seiten herausriss,Oder wenn lodernde Flammen ihre Buchstaben tilgten,Um wie viel dauerhafter als wir, deren anfällige WärmeZusammen mit dem Gedächtnis erkaltet, sich verflüchtigt, vergeht.Ich stelle mir die Erde vor, wenn es mich nicht mehr geben wird –9


Na und? Überhaupt kein Verlust, die Wunderdinge bleiben;Die Kleider der Frauen, der feuchte Jasmin, das Lied im Tal. […]Und die Gedichte. Sie bleiben.TestamentNach dem Jahr 2000 sprachen wir uns nur zwei Mal fernmündlich. An privateReisen nach Amerika konnte ich kaum denken. Berufliche und privatePflichten hielten mich zu Hause fest. Als ich im Auftrag des Goethe-Institutsmit Vorträgen in New York, Chicago und Milwaukee war, war meine Zeit soknapp bemessen, dass ein Besuch in Berkeley, wozu Einladungen des Ehe-tertheologische Fragen. Er vertiefte sich in die Lektüre der Bibel, übersetztedie Psalmen, studierte die Schriften der Mystiker. Themen der Weltreligionenwurden ihm wichtig, wie schon 1969 in dem Gedicht Von Engeln:Man hat euch die weißen Kleider genommen,Die Flügel und selbst das Sein,Ich glaube euch dennoch,Boten.[…]Man sagt, es hätte euch jemand erdacht,Doch mich überzeugt das nicht.Die Menschen haben sich selbst genauso erdacht.[…]Die Stimme ist wohl Beweis […]bald ist es Tag,noch einer,tu was du kannst.Poetiktraditionsbewusst und oft nur mit der Kenntnis historischer und literarischerAnspielungen enträtselbar, wandelte sich mit den Perioden seiner Bildung, Lebenserfahrungund Reife, aber den Grundsätzen des Charakters blieb sie treu.In der Gruppe junger Poeten an der Wilnaer Universität, geschart um ihrliterarisches Studentenblatt (»Späne, Kienspan, Fackel«), die sichpessimistisch auf die zu neuen kriegerischen Auseinandersetzungen antreibendeHysterie in Europa. Deshalb ging die Gruppe in die polnische Literaturgeschichteals die »Katastrophisten« ein. Sie sahen den Weltzerfall inbiblischen Bildern.Ein Rauschen bricht an, die Flut eines fremden Ozeans,des Ozeans des Nichts. Unter seiner weißen Gischtwerden Tier und Land versinken …10


Alles vergangen, alles vergessen,es ist Zeit, sich zu erheben und aufzubrechen,obwohl du nicht weißt, wo das Ufer, das Ziel ist,du siehst nur das Feuer die Welt verbrennen …einem Gedicht noch deutlicher:Oh, finstrer Mob auf grünendem Getreide,die Krematorien sind wie weiße Felsenund Rauch quillt aus den Nestern toter Wespen.Die Züge der katastrophischen Dichtung waren fatalistisch, doch frei vonFana tismus. Von Platos progressiver und regressiver Phase der Zeitabläufedeuteten die Fackelträger nachdrücklich die zweite.In der Nr. 17 der Zeitschrift Pion (»Das Lot«) aus dem Jahre 1939 bekannteFreude und Poesie, dass sein Verhältnis zum Handwerkdes Poeten auf dem »Glauben an die Möglichkeiten, sich zu vervollkommnenund den Habitus der Tugend zu erreichen« basiere. In diesem Beitrag sprichtfenkünstlerischer Weihe«, auch von »mystischen Erfahrungen«. Alle dieseseelsorgerischen Begriffe führen ihn zum einzigen »Ziel der Poesie, dasFreude ist«. tungund Pflicht auferlegt. Das zeigte der Dichter in der im Westen berühmtgewordenen Abrechnung mit der Vergangenheit: Verführtes Denken (Paris1953). Sein Duktus wurde direkter:Einfach sei deine Muttersprache,Damit jeder, der dieses Wort hört,Den Apfelbaum sieht, den Fluss, die Biegung des Weges;So wie man sie sieht im Blitzschlag des Sommers.Aber die Sprache sei nicht nur BildUnd sonst nichts …Für die Gegenwart sei das Schicksal der Völker erstrangig, alles andere, auchdie Fragen der Form, zweitrangig.Die Sätze wurden klarer und strenger. Die frühere Stilisierung wurde seltener.Das Gedicht gewann unter dem Einfluss der englischen und der amerikanischenLyrik an Offenheit. Sein Gegenstand war das gesamte Material derUmwelt und der Erinnerung, Realien und Mythen Litauens wie Kaliforniens.turpersönlich schätzte und insgesamt für signifikant hielt: »Selbstbeschränkung,Ironie, Einfachheit.«Das ehedem dunkle Gedicht wird heller, öffentlicher und selbstkritischer,aber auch zuversichtlicher. »Die öffentlich nicht eingestandenen und nichtverurteilten Übeltaten sind Gift, das langsam wirkt und zwischen den Völkernstatt Freundschaft Hass erzeugt.« Deshalb beginnt der Gedichtband Wodie Sonne aufgeht und wohin sie untergeht (1974) mit der Einsicht in dieAufgabe.11


Mit Zittern und Bangen denk ich, dass ich mein Leben erfüllte,Hätte ich nur gewagt, öffentlich zu bekennen,Betrug zu enthüllen, den meinen und den der Epoche:Uns war das Gekreisch von Zwergen und von Dämonen erlaubt,Doch reine und würdige Worte waren verbotenBei so hoher Strafe, dass wenn jemand eins davon sagte,Er selbst sich bereits für verloren halten konnte.Europadem Krieg den großen Kataklysmus vorausgesagt, seismographisch EuropasAbwärtsentwicklung in die Katastrophe aufgezeichnet. Sie sind durchdrungenvon den Moralproblemen, die die Katastrophe den Geschlechtern, auch denschuldlosen, aufgebürdet, hinterlassen hat. Sie beobachten weit – und scharfsichtig– in der Selbstanalyse gar nicht zimperlich – die Veränderungen, dieim Verhalten des Europäers heute stattfinden. Sie sagen uns vom Bürger vonund die Rettung. Rettung ist das Schlüsselwort seiner Dichtung.maßer »den Reichtum ihrer Besonderheit. Sie ist eine Art geheimer Bruderschaftmit eigenem Ritual des Bundes mit den Verstorbenen, in dem Weinenund Lachen, Pathos und Ironie gleichberechtigt koexistieren. Sie ist eine vonGeschichte durchtränkte Literatur, immer anspielungsreich, in diesem Jahrhundertwie in den vergangenen, die den Menschen treu in ihren Prüfungenbeisteht. Die Strophen polnischer Gedichte zirkulierten im Untergrund, kamenzustande in den Baracken der Konzentrationslager und in Soldatenzeltenin Asien, Afrika und in Europa. Eine solche Literatur zu repräsentierenbedeutet Demut empfinden vor dem Testament der Liebe und der heroischenOpferbereitschaft, die uns zurückgeblieben ist von jenen, die es nicht mehrgibt. Ich vertraue, dass die mir von der Schwedischen Akademie zuerkannteAuszeichnung allen gilt, die meine Hand führen und deren unsichtbare Gegenwartmich in schwierigen Augenblicken aufrichtet.«12

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