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Dezember 2006 / Ausgabe 4Hamburg:Das Magazin der HansestadtVOLLDAMPF VORAUSWie eine Stadt alle Rekorde brichtPROMINENTE PACKEN AUSMonica Lierhaus und Smudo verraten,was sie an Hamburg liebenZU BESUCH IN DER SESAMSTRASSEWarum Tiffy in Rente geht und dieZukunft einem Schaf gehörtDER GROSSE PREISGewinnen Sie ein Hamburg-Wochenendeim 5-Sterne-HotelHAMBURG ERSTER KLASSE


Hamburg:Heft 4: Hamburg erster KlasseInhalt / EditorialFOTO TITEL: SCHAPOWALOW/HUBERGROSSE FREIHEITSiegerehrung S.04Rekorde aus der Hansestadt.Was ist an Hamburg spitze? S.05Monica Lierhaus, Smudo und die vierjährige Emilia erklären’s uns.Die großen Unbekannten S.06Der Bestsellerautor Heinz Strunk über die schönsten Orte Hamburgs, diekaum ein Tourist kennt.TITELDas Wunder an der Elbe S.08Hamburg boomt. Die Wirtschaft brummt. Die Stadt entwickelt sich zurKulturmetropole. Die ganze Republik bestaunt das Hoch im Norden. Wirhaben acht der vielen Orte besucht, an denen Hamburg spitze ist.Erfolg aus Kisten S.09Von der Touristenmeile zum Wirtschafts-Turbo der Stadt: eine Reportage ausdem Containerlabyrinth des Hamburger Hafens.Vollgas im Untergrund S.13Das Beschleunigerzentrum Bahrenfeld rast Richtung Zukunft.Ein Schaf geht auf Sendung S.14Viel mehr als nur eine Kopie des Originals: die „Sesamstraße“ des NDR.Die Staunfabrik S.16Im Thalia Theater will der Applaus nicht enden. Kein Wunder, sondern dasErgebnis harter Arbeit.Fliegendes Klassenzimmer S.19Wo die Anne Wills der Zukunft ausgebildet werden: die Henri-Nannen-Journalistenschule.Stoff für echte Männer S.20Gut gekleidet auf allen Weltmeeren: Der Seemannsausstatter Brendler trotztden Stürmen der Mode – seit 127 Jahren.„Schatz, hast du die Karten?“ S.22Phantome, Löwen, Mambolehrer und Millionen Zuschauer: Darum sind dieHamburger Musicals so populär.Recht erfolgreich S.24Gesetzeshüter: Die Bucerius Law School ist die Elite-Uni für Juristen.KALENDERSofort eintragen S.25Die wichtigsten Termine von Dezember bis Februar, plus Gewinnspiel.Alles nur vom Feinsten S.2648 Stunden: ein Wochenende voller Superlative.HAMBURGER SCHULEDer Knabe Jonathan S.30Die Bilder von Jonathan Meese verkaufen sich schneller, als er sie malenkann. Und er kann sehr schnell malen.Nannen-Schule, S. 19 Sesamstraße, S. 14Thalia Theater, S. 16LIEBE LESERINNEN, LIEBE LESER,wir sind in den Untergrund gegangen, um die schnellste Rennstreckeder Welt zu sehen. Wir haben hinter dem Theatervorhangder erfolgreichsten Bühne gestanden und sind in die größtenSchiffsbäuche hinabgestiegen. Wir haben einen Mann getroffen,der sich seit Jahren nachts in einen Vogel verwandelt– und ein Schaf, das Interviews führt. Wir waren dort, woHamburg erste Klasse ist. Auf unserer Suche nach Rekordenund dem Besten der Stadt haben wir vieles gefunden, was Siein Reiseführern vergeblich suchen. Oder haben Sie jemals vondem Geschäft gehört, in dem schon Hans Albers seine Anzügekaufte und Oberbürgermeister Ole von Beust noch heuteseine Seemannsjacken? Kommen Sie mit zu den Spitzenplätzender Stadt. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.York Pijahn, für die RedaktionBucerius Law School, S. 24P.S: Die fünfte Ausgabe von Hamburg: Das Magazin derHansestadt erscheint im Frühjahr 2007 – wieder in der FinancialTimes Deutschland, der Süddeutschen Zeitung und derWelt am Sonntag.3 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


GROSSE FREIHEITSiegerehrungLänger, wilder, lauter. Züge, Tiere, Sänger.Sechs Weltrekorde von der Elbe.öffnete der Hamburger TierparkHagenbeck seine Pfor-1907ten. Er war der erste gitterlose Tierparkder Welt. Die damals revolutionäre Idee,exotische Tiere wie in ihrem natürlichenLebensraum zu präsentieren, wird seitdemvon vielen Zoos nachgeahmt.Brücken gibt es in der Hansestadt.2485 Das sind deutlich mehr als in London,Venedig und Amsterdam zusammen.88600 Menschenstellten am9. Mai 2004 am HamburgerHafen den Rekord im größtengleichzeitigen Singen auf.Dirigiert von Freddy Quinnsangen sie zusammen „LaPaloma“.120Händler für Orientteppiche haben im HamburgerFreihafen ihre Lager, darunter diefünf größten der Branche. Hamburg ist damit dieTeppich-Hauptstadt der Welt.900Quadratmeter Fläche hat die größteModelleisenbahn-Anlage der Welt. Sieist im Miniatur Wunderland Hamburg in derSpeicherstadt aufgebaut. 700 Züge mit 10 400Waggons sind dort unterwegs. Am 19. Oktober2004 wurde der längste Zug der Welt aufs Gleisgestellt: Er war 103,59 Meter lang.24Feuerwehrmännervonder Feuerwache 33in Hamburg-Veddelzeigten am 14. Juni2003, dass sie nicht nurFeuer löschen können: Siebildeten das größte menschlicheMobile der Welt. DasMobile hing an einem Kran, dertiefste Punkt befand sich 50 Meterüber dem Boden.


Was ist an Hamburg spitze?Acht Liebeserklärungen an die Hansestadt.LINKE SEITE, ILLUSTRATION: DIRK SCHMIDT, RECHERCHE: JAN STREMMEL / RECHTE SEITE, FOTOS: JÖRG FOKUHL, PICTURE-ALLIANCEMONICA LIERHAUS, 36, MODERATORINIn ganz Europa gibt es für mich keineschönere Stadt. Das Lebensgefühl inHamburg ist außergewöhnlich. Allein dieMöglichkeit zu haben, um die Alster zujoggen in dem Wissen: „Das ist meineHeimat, das ist meine Stadt“, ist für michemotional kaum zu toppen.ROGER CICERO, 36, SÄNGERIch bin vor sieben Jahren von Berlin nachHamburg gezogen. Ich wollte einfach hiersein. Wie richtig diese Entscheidung war,merke ich immer, wenn ich von einer Reisenach Hamburg zurückkomme. Wenn ichbeim Weg über die Elbbrücken die erstenLichter des Hafens sehe, ist das grandios.CORNY LITTMANN, 54,PRÄSIDENT DES FC ST. PAULIHamburg ist international und multikulturell.Die Vielfalt fasziniert mich seitEwigkeiten. Zudem ist dies die grünsteStadt Deutschlands, mit der Alster undder Elbe. Und hier gibt es die besten MusicalsDeutschlands.ANNA, 3, linksDer Hamburger Dom (Kirmes am Heiligengeistfeld,Anm. d. Red.). Da fahre ichmit dem Kinderkarussell.EMILIA, 4, MitteWenn Kindergeburtstag ist.KIARA, 4, rechtsDer Piratenspielplatz. Und der Michel.SMUDO, 38, RAPPERHamburg ist nicht so kneipesque wie Köln,nicht so schmutzig und kriminell wie Berlin,nicht so volkstümlich wie München, nichtso spießig wie Stuttgart, nicht so ausbaldowertwie Frankfurt und nicht so renoviertwie Dresden. Nirgendwo vermählt sich urbanesLeben besser mit Wasser und Grün.HANNELORE HOGER, 64, SCHAUSPIELERINAls Kind bin ich mit meiner Puppe, die ichvorn aufs Fahrrad geschnallt hatte, durchden schönen alten Elbtunnel gegurkt. DenFischmarkt, den Alsterpavillon, das Restaurant„Eisenstein“ in Altona, das heisere„Tu-huuu“ der Schiffe – all das liebe ichnoch heute. Hier will ich nicht mehr weg.5 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


GROSSE FREIHEITWäre auch ein guterReiseführer geworden:Heinz Strunk, 44,Musiker, Komiker undAutor („Fleischist mein Gemüse“).Die großenUnbekanntenDie schönsten Orte Hamburgs liegenabseits der Touristenrouten, findet derBestsellerautor Heinz Strunk. EineTour durch die „ganz, ganz harten Läden“und zur Schlachterei von nebenan.PHOENIX-VIERTELIn Harburg habe ich 26 Jahre gelebt, unddas Phoenix-Viertel war für mich immerdas Herz des Stadtteils, obwohl die Harburgerdas nicht gern hören, weil das Viertelverfällt und viele Häuser leer stehen. Zumeinen Tanzmusik-Zeiten bin ich jahrelangmit einem Bandkollegen nach jedemAuftritt hierhergefahren. Hier gab es dieeinzige Nachtspielhalle Harburgs, und dahaben wir dann immer den obligatorischenFuffi verdaddelt.ALSTERWANDERWEGWenn ich den Weg bis Fuhlsbüttel hinaufgeheund dann auf Höhe der Justizvollzugsanstaltauf die andere Seite wechsele,ergibt das einen eineinhalbstündigen Spaziergang.Auf mehr habe ich keine Lust.GRILL IM VIER JAHRESZEITENIch gehe selten essen, denn mein einzigesHobby – wenn ich überhaupt eins habe – istKochen. Bei mir schmeckt es mir immer ambesten. Das Grillstübchen gefällt mir, weiles so gediegen hanseatisch ist. Alle Läden,die in Gastrokritiken auch nur im Ansatzals trendy bewertet werden, meide ich.EPPENDORFER MÜHLENTEICHHier dehnt sich die Alster zu einem breitenTeich aus. Architektonisch einfach super.Ein friedlicher Platz, an dem ich, wenn ichnicht an die Ostsee fahre, gern meine Sommertageverbringe.SCHLACHTEREI STRIGASehr solider Traditionsbetrieb in der AlsterdorferStraße, bei dem ich mein Fleischbeziehe. Der Teil von Winterhude, in demich lebe, ist sonst zwar eine „Geiz ist geil“-Gegend, aber die Leute können es sich leisten,ihr Fleisch nicht im Supermarkt zukaufen. Es ist sehr unspektakulär hier, esgibt nur wenige Bars und kulinarisch ist Totentanz.Und trotzdem gefällt es mir hier.Vielleicht, weil mich hier fast nie jemand erkennt.EPPENDORFER MOORDieses kleine Naturschutzgebiet in derNähe des Flughafens Fuhlsbüttel ist einerder Orte der Stadt, denen ich das Attribut„magisch“ zuordnen würde.ELBSCHLOSS KELLERIch halte mich immer wieder gern in Prollkneipenauf, um da was aufzuschnappen.Früher habe ich da für meine Hörspiele mitdem DAT-Recorder Gespräche mitgeschnitten.Ich habe einfach eine Affinität zu denganz, ganz harten Läden. Der „ElbschlossKeller“am Hamburger Berg, der 24 Stundenlang geöffnet hat, ist die absolute Endstation.Da gibt es auf dem Herrenklo nichtmal Pissoirs, da gibt es nur eine Rinne.FOTOS: TRIKONT; PROTOKOLL: RENÉ MARTENSHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 6


TITELDasWunderElbeanderImmer mehr Menschenziehen in die beliebtesteMetropole Deutschlands.Warum? Weil diese Stadtspitze ist. Am Hafen, aufden Bühnen, sogar tiefunter der Erde – Hamburgübertrifft sich selbst. AchtGeschichten über eineStadt im Rekordfieber.


ErfolgausKistenEine Stadt aus Kränen, Stahl undLicht. Eine Welt, in der es nie dunkelwird. Der Hamburger Hafen ist dasgrößte Neubaugebiet Europas undUmschlagplatz für Tausende Container.Und es werden immer mehr.Text: Ralf WiegandFOTO: STEFAN HAERTEL / VARIO-PRESSie „Gerda II“ dieselt jetzt mitvoller Kraft gegen das auflaufendeWasser an, es kommt ja Dmit Macht die Elbe herauf. BeiFlut hebt sich der Wasserpegel in nur 15 Minutenum 60 Zentimeter. „Fallen Sie alsonicht hinein“, sagt der Kapitän, „sonst findetman Sie nie wieder.“ „Gerda II“ ist einaltes Mädchen, Baujahr 1938, und der Kapitänbehauptet, sie sei Hans Albers’ liebsteBarkasse gewesen. Vermutlich hat Albersdas Boot nie gesehen, aber er lebt im HamburgerHafen eben immer noch, wenn auchnur als mit Seemannsgarn umsponneneLegende. Aus dem Kassettenrekorder derBarkasse knistert „Auf der Reeperbahnnachts um halb eins“, als wäre der Geist desblonden Hans persönlich mit an Bord. Wirsind auf Großer Hafenrundfahrt, Preiszehn Euro, Dauer eine Stunde, Fleete inklusive.„Wenn wir den ganzen Hafensehen wollten“, brummt der Kapitän,„bräuchten wir eineinhalb Tage.“Der Hamburger Hafen – nichts symbolisiertden Wandel der Elbmetropole mehr als dieVeränderung ihres Tors zur Welt. Früher dieverruchte Heimat der Matrosen, ist der Hafenheute: Freilichtmuseum und Touristenattraktion,größte Baustelle Europas, Bummelmeileund natürlich ein kerniger Wirtschaftsstandort.Der scheint zumindest solange krisensicher zu sein, wie es noch Stahlgibt, um neue Container zu bauen. Der Umschlagvon Waren, die in den garagen-HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


TITELBoxenstopp in Stadtnähe: Ein Ozeanriese allein kann bis zu 9000 Container mitbringen.großen Blechkisten über die Weltmeeretransportiert werden, steigt in HamburgJahr für Jahr zweistellig. Dabei gilt ein Datumals Ursprung des Booms – der BeitrittChinas zur Welthandelsorganisation WTOim Dezember 2001. Heute kommt jedervierte Container im Hafen aus China, unddie Schiffe, die sie bringen, werden immergrößer. Die Hansestadt ist der wichtigsteSeehafen für China, 2005 stieg der Containerumschlagmit dem Riesenreich gegenüber2004 um 29 Prozent.Zwischen den aufgestapelten Containernfühlt sich der Mensch wie eine Ameise inLegoland. Allein auf dem Gelände von Eurogate,dem größten Containerterminal-BetreiberEuropas, stehen rund 30 000 dieserStahlkisten, die Zahl kennt niemand ganzgenau. Wie auch? Denn so groß und schwerdie Transportboxen auch sein mögen, soflüchtig sind sie auch. „Drei bis fünf Tagesollten sie hier höchstens stehen“, sagtTeamleiter Michael Brinkmann, 48. Dannspätestens kommt ein Lastwagen von irgendwoaus Europa, lädt den Container aufund macht Platz für eine neue Kiste. „Wasdarin transportiert wird, wissen nicht einmalwir“, sagt Brinkmann. Textilien, Maschinenteile,Möbel, Weihnachtsmännerund Osterhasen, Motoren, Stecknadeln – inOsterhasen und Motoren –alles in Boxen.Container passt theoretisch alles. Das Geschäftbrummt. Am zentralen Gate des Terminalsstehen die Lastwagen in 13 Reihenund warten auf ihre Abfertigung. Wer jemalsauf einer Flugreise von Palma de Mallorcanach Berlin seinen Koffer verloren hat, wirdniemals verstehen können, wie so etwas logistischfunktioniert: dass jemand in Chinaeinen Container packt, ihn zusammen mitTausenden anderen auf ein Schiff verfrachtet,über mehrere Meere schickt, schließlichin Hamburg anlegen lässt, den Containerdort zwischenlagert und dann per Lkw oderBahn abholen und weitertransportierenlässt. Am Ende bekommt ein Kunde inRegensburg oder Leipzig pünktlich seineWare. Ein Wunder.An Liegeplatz 7a bei Eurogate ist die „CSCLPusan“ aus China angekommen, sie hat9000 solcher Container geladen. Die Arbeitervon Eurogate haben die Aufgabe,5000 von ihnen umzuladen. „So viele warenes noch nie“, sagt Brinkmann. Nur eineWoche vorher bedeuteten 4300 Container-Bewegungen Bestleistung. Vor zwei Jahrenbewältigte die Crew 2300 Ent- und Beladungenan einem Schiff und war auch daraufschon stolz. Der Hafen stellt ständigneue Herausforderungen – und Rekordeauf. „Langweilig wird es nicht“, sagteBrinkmann. Er ist seit 1979 im Hafen.Mit der Be- und Entladung der „CSCL Pusan“ist die Eurogate-Crew gut 48 Stundenam Stück beschäftigt. Fünf sogenannteContainerbrücken – gewaltige fahrbahreFOTOS: ANDREAS HERZAU, FOTOAGENTUR LAIFHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 10


Zwischen den aufgestapeltenContainern fühlt sich ein Menschwie eine Ameise in Legoland.Michael Brinkmann arbeitet seit 27 Jahren im Hafen und entlädt Schiffe wie die „MV Altona“.Kräne – spannen sich hoch in der Luft übersDeck. An Stahlseilen lassen sie Haken hinab,die an Bord des Schiffes mit dem Containerverbunden werden. Dann hebt derMann auf der Brücke die Fracht an,schnurrt zurück ans Land, lässt den Containerab. Ein Van- Carrier, der aussieht wieeine riesige Heuschrecke mit Rädern, kralltsich die Stahlbox und liefert sie an ihremStandort ab. Der Fahrer notiert die Positiondes Containers, damit ihn die Kollegenspäter wiederfinden und zur sogenanntenFuhre transportieren können. Dort werdendie Lkws be- und entladen. Sie bringen dieBoxen nach Bayern oder Bulgarien, Tschechienoder Thüringen. „Das ist Globalisierung“,sagt Michael Brinkmann.Der Hamburger Hafen hat sich, nachdemer im 9. Jahrhundert erstmals urkundlicherwähnt worden war, immer wieder neu erfundenund auch schon Blüten erlebt, langebevor der amerikanische Spediteur MalcolmMcLean vor 50 Jahren den Containererfand (nachdem er erst geplant hatte,gleich den ganzen Lastwagen aufs Schiff zuverfrachten). Vieles ist vergangen, manchesgeblieben, einiges davon erleben Touristenauf der Großen Hafenrundfahrt.Die „Gerda II“ durchfährt in sechzig Minutendie Jahrhunderte. Spanier, Schweden,Vom Kaffeelager zum Designbüro.Schwaben und Schweizer sind mit an Bord,sie haben sich an den Landungsbrücken anlockenlassen, wo die Barkassen-Kapitäneihre Ausflüge so markig anpreisen wie Aale-Dieter auf dem nahen Fischmarkt seine Spezialitäten:„Kommen Sie ran, kommen Sierein, gleich legen wir ab. Für Pärchen habenwir sogar eine Kuschelecke!“ Acht MillionenMenschen besuchen jährlich den Hafen– zwei Millionen mehr als den Kölner Dom,rund fünf Millionen mehr als den Reichstagin Berlin. Wenn die Königin der MeereHamburg besucht, das Kreuzfahrtschiff„Queen Mary II“, säumen Hunderttausendedie Deiche, Kais und Beachclubs. Bei derFahrt durch die historische Speicherstadthilft der „Gerda II“ die Flut. Ohne das auflaufendeWasser würde sie sich im Schlickfestfahren. Langsam tuckert sie jetzt an denturmhohen Ziegelsteinfassaden vorbei.Hier und da sieht man hinter einem der altenFenster eine Designerlampe leuchten.Denn die Speicherstadt, Ende des 19. Jahrhundertsgebaut, verwandelt sich mehr undmehr in ein exklusives Büroviertel. Modemacherziehen in die Lagerhäuser, Filmproduzenten,Fotografen und die Werbebranche.Gelegentlich dient die Speicherstadtaber auch noch ihrem ursprünglichenZweck: Der gewaltige Speicherhauskomplexist seit Einrichtung des Freihafens 1888einer der größten Zwischenspeicher fürKaffee, Kakao, Gewürze und Orientteppiche.„Hamburg“, feixt der Kapitän, „istnach Teheran heute der zweitgrößte Umschlagplatzder Welt für Teppiche.“ >>11 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


TITELVon der Lagerhalle zumTrendquartier: Wo sich früherKaffeesäcke stapelten,ziehen heute Werbeagenturenund Designer ein.Kind des Hafens: Teppichhändler Parwis Zand-Vakily. Rechts: Tradition und Moderne – neben der Speicherstadt entsteht das größte Bauprojekt Europas, die HafenCity.Parwis Zand-Vakily würde da gerne widersprechen.„Ich glaube, es sind sogar mehrTeppiche in Hamburg als in Teheran“, sagtder gebürtige Hamburger, Sohn einer Deutschenund eines Persers und Teppichhändlerin der vierten Generation. Zand-Vakily,38, regiert ein Mini-Imperium – zur Teppich-Hochsaisonim Winter beschäftigt erbis zu neun Lager- und Bürokräfte im fünftenStock eines Speichers am Brooktorkai.An der Fassade vor dem Haus hängt eineWinde und an ihr ein gewaltiger Karabinerhaken,mit dem die Teppiche hinaufgezogenwerden ins Lager nebenan. An dieWinde dürfen nur Lagerarbeiter, die denWindenschein gemacht haben. Vor dreiJahren, sagt Zand-Vakily, sei ein Mann erschlagenworden. Er stand unter der Winde,als die Fracht vom Haken rutschte.Zand-Vakily hätte den Hafen schon oft verlassenkönnen. Es gibt andere Gegenden inder Stadt, in denen sich die Orientteppichhändlerausgebreitet haben. Die Lagerflächenim Hafen werden teurer, je schickerdie alten Häuser werden. „Aber ich bin einKind des Hafens. Ich würde hier nie weggehen.“Im Hafen sei ein Wort noch einWort, und seitdem die Zollgrenzen gefallensind, ist sogar sein kleiner Teppichhandel eineAttraktion. „Wenn man früher hier rausgeschauthat, hat man keine Menschenseelegesehen“, sagt Zand-Vakily. Heute haltenBusse, damit die Touristen fotografierenkönnen. Einige von ihnen winken dann denArbeitern zu, die die Teppiche per Seilwindein die Lager hieven. Manchmal, sagt derHändler fröhlich, winke er zurück.Es ist diese Mischung aus Moderne und Tradition,die den Hafen so faszinierend macht.Eben noch sieht man die Stelle, an der derPirat Störtebeker geköpft worden sein soll,im nächsten Moment erscheint ein Horizontaus Stahl, die Kais mit den Containern.Dazwischen liegt die HafenCity, das ehrgeizigsteStädtebauprojekt Europas. Hiererfindet sich der Hafen neu, als Wohn- undArbeitsquartier am Wasser, für bis zu20 000 Menschen. „Wenn Sie mal zwei Wochenin Urlaub waren“, sagt Zand-Vakily,„erkennen Sie Ihre Umgebung nicht wieder.So schnell geht das.“ Von seinem Büro kanner den Baggern bei der Arbeit zusehen.Man findet im Hafen kaum jemanden, dernicht gerne hier ist, und irgendwie ähnelnsich sogar der Teppichhändler und ein Containergigantwie Eurogate in ihrem Geschäft.Seitdem Teppiche nicht wie früher im Wertsteigen, während sie im Speicher lagern,sondern die Preise fallen, funktioniert auchZand-Vakilys Handel wie ein Umschlagplatz:Was reinkommt, muss auch schnellwieder raus. „Und wissen Sie“, fragt derTeppichhändler, „was ich mache, wenn ichmal entspannen will? Dann gehe ich rüberzu den Landungsbrücken und buche eineHafenrundfahrt.“FOTOS: ANDREAS HERZAU, FOTOAGENTUR LAIFHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 12


Vollgas im UntergrundWährend Sie das hier lesen, finden im Norden Hamburgs Tausende Kollisionen statt.Und die verantwortlichen Wissenschaftler? Die schauen begeistert in die Röhre.FOTOS: BERND JONKMANNSTagsüber, wenn die Jogger unterwegs sind, und auchnachts, wenn es still ist im Volkspark – nie bemerktes dort oben jemand: 25 Meter tief im Boden findeteines der rasantesten Rennen der Welt statt. Milliardenvon Elektronen und Protonen rasen – in entgegengesetzterRichtung – durch einen 6,3 Kilometer langen Tunnelring, soschnell, dass sie diese Strecke rund 47 000-mal in der Sekundeschaffen, bis sie aufeinanderprallen. Dann schlagen die Elektronenauf den zweitausendmalschwereren Protonenein wie Meteoriten auf einemPlaneten. Die Einschlägewerden gefilmtvon Messanlagen, großwie Wohnhäuser, ausgewertetvon Wissenschaftlernund ausgelöst zu einemZweck: damit manversteht, wie es in denKleinst-Teilchen aussiehtund wie sie sich verhalten.Denn aus diesen Teilchenbestehen Atome unddamit jede Materie, jederMensch, unsere Welt, dasganze Universum.HERA heißt die Ringanlage,sie ist Teil des ForschungsinstitutesDESY, kurz für Deutsches Elektronen-Synchrotron.Es ist eines der führenden Beschleunigerzentren der Weltund liegt auf einem ehemaligen Flugplatz im Hamburger StadtteilBahrenfeld. 340 Wissenschaftler, dazu Studenten und Gastforscheraus aller Welt arbeiten hier in der Grundlagenforschung der Physik.Zwischen Hallen aus Wellblech und Häusern aus rotem Backsteinstehen Gabelstapler und Tanks, Rohre und Kabel kreuzen dieStraßen. Im Inneren der Hallen sieht es aus wie in einem Science-Fiction-Film, in dem jemand an gigantischen Robotern aus Metallröhrenund Drähten bastelt. „Manchmal entsteht aus der Arbeiteine großartige neue Forschungsrichtung, die man gar nichteingeplant hatte“, sagt Albrecht Wagner, oberster Chef des DESY.1959 wurde das DESY gegründet – auf Initiative eines Physikprofessorsder Universität Hamburg. Fünf Jahre später ging dererste Beschleuniger in Betrieb. Seitdem hat das DESY, finanziertvom Bund und der Hansestadt Hamburg, immer weiter angebaut.Das neueste Projekt der Forscher heißt FLASH, die Abkürzungsteht für „Freie-Elektronen-Laser in Hamburg“. Die Idee wurdewährend der Arbeit an einer neuen Beschleunigertechnologie geboren:Am Ende der Röhrekann man Elektronenim Slalom fliegen lassen,dabei entsteht Röntgenstrahlung,so intensiv wieein Laser. „Dass wir einenLaserstrahl erzeugen können,war anfangs nur aufdem Papier klar“, erklärtRolf Treusch, Physiker amDESY. Bis zum 22. Februar2000, als nachts sein Telefonklingelte und ein Kollegesagte: „Rolf, I think,we’ve got lasing.“ Da setzteer sich sofort ins Autound fuhr zu der Halle, inder er und viele andere einJahr lang gearbeitet hatten,in Erwartung diesesMoments. FLASH wirkt, im Vergleich zu einem gewöhnlichenRöntgengerät, wie eine Flutlichtanlage zum Flämmchen einesStreichholzes. Die Laserblitze sind so schnell, dass die Wissenschaftlerdurch sie chemische Vorgänge filmen können.Solche Projekte kosten viel Geld. Rund eine Milliarde Euro sollder Nachfolger von FLASH kosten. Dafür muss das DESY – tiefunter der Erde – wieder anbauen: Ein Tunnel soll im Jahr 2013 auf3,4 Kilometern bis ins holsteinische Schenefeld führen – schnurgerade,damit die Teilchen noch schneller rasen können. Der Laseram Ende der Röhre wird noch stärker sein. Mehr Erkenntnis,mehr Wissen. Mehr Licht am Ende des Tunnels. Tinka DippelDer Nürburgring ist im Vergleich ein gemütlicher Kreisverkehr: das DESY in Bahrenfeld.13 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


TITELEinSchaf geht aufSendungDie deutsche Version der „Sesamstraße“ ist viel mehr als eine Kopie desamerikanischen Originals. Ein Besuch bei den eigenwilligen Hamburger Verwandten.Text: Eva Lehnen Foto: Bernd JonkmannsIch habe mir die neuen Folgen schon angesehen, soschlimm ist es nicht. Die wilde Art, wie Krümelmonsterisst, bleibt die gleiche. Außerdem isst Krümel ja sowiesonicht nur Kekse, sondern auch Telefone undPappkartons“, sagt Birgit Ponten. Die „Sesamstraße“-Redakteurinwird viele Fans beschwichtigen müssen, wenn die Sache publikwird: Der blaubefellte, verfressene Zottel wird vernünftig. Ab demnächsten Jahr isst Krümelmonster vor allem Kohlrabi, Blumenkohlund Äpfel. Keeeekse nur noch selten.„Manchmal sorgt es ganz schön für Aufruhr, wenn sich in der ,Sesamstraße‘irgendetwas verändert“, sagt Ponten. Seit sieben Jahrenarbeitet die Hamburgerin in Haus 11 auf dem NDR-Gelände inLokstedt – dem Zuhause der wohl erfolgreichsten Kindersendungder Welt. Sie hat in dieser Zeit schon manche Krise gemeistert. Nochnicht lange her, da musste sie einen aufgebrachten Tiffy-Fanclub –alles Erwachsene übrigens – beruhigen, weil die rosafarbene Vogeldamevom Bildschirm verschwunden war. Beim NDR fand man die„Sesamstraße“-Bewohnerin ein bisschen zu naseweis. In dieserSchonungslosigkeit konnte man das den Fans natürlich nicht sagen.„Tiffy macht Ferien auf einer Schönheitsfarm“, erklärte Ponten– der Fanclub atmete auf. Beim NDR freut man sich, dass nichtnur Kinder, sondern auch Erwachsene die Sendung verfolgen.Im Januar 1973 wurde die „Sesamstraße“ im deutschen Fernsehenzum ersten Mal ausgestrahlt. Der NDR hatte als erster Sender dasPotenzial der „Sesame Street“ erkannt, die in den USA schon so erfolgreichlief. Seitdem wird das Leben der Flauschfiguren in transatlantischerKoproduktion weitergesponnen, Drehbücher werdenhin- und hergeschickt und neue Figuren entwickelt. Die deutsche„Sesamstraße“, eine der aufwändigsten Produktionen des NDR, istein internationaler Mix; teilweise in New York und teilweise imStudio Hamburg in Wandsbek aufgezeichnet. Die Hamburger Fernsehmachersind weltweit der wichtigste Lizenznehmer der „Sesamstraße“,die mittlerweile in mehr als 140 Ländern ausgestrahlt wird.Während anfänglich die amerikanischen Folgen einfach synchronisiertwurden, versucht der NDR inzwischen, immer mehr eigeneIdeen zu realisieren und sich vom Original zu emanzipieren. DasReporterschaf Wolle und seinen Freund Pferd zum Beispiel habenPonten und ihre Kollegen erfunden. Der tierische Journalist, der ineiner seiner jüngsten Reportagen den Nachrichtensprecher Jan Hoferinterviewte, ist bei den Zuschauern mittlerweise fast so beliebt wiedie „Sesamstraße“-Legenden Samson, Ernie und Bert.Krümelmonsters Abkehr von den Keksen allerdings haben die Amerikanerzu verantworten. Den vielen dicken Kindern in den USAsoll das Monster ein Vorbild sein, schließlich hat die „Sesamstraße“auch einen Erziehungsauftrag. Also beißt Krümel auch hierzulandebald in Gemüse. „Wir versuchen, mit der Zeit zu gehen“, sagtPonten. So sind die „Sesamstraße“-Bewohner heute mit Handysund Laptops ausgestattet. Da ist Moni, die alleinerziehende Muttermit ihren Problemen, und es gibt den Türken Mehmet, der dieKinder auf andere Kulturen neugierig machen soll. Dass Ernie undBert allerdings schwul seien, bestreiten die Macher vehement.Früher schon und heute immer noch.HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 14


Zwei Mitarbeiter des NDR bei der Einschätzungder Nachrichtenlage: „Tagesschau“-SprecherJan Hofer (links) unddas Reporterschaf der „Sesamstraße“.


TITELDieStaunfabrikDer Applaus will nicht enden.Seit Ulrich Khuon im Chefsesseldes Thalia TheatersPlatz genommen hat, ist dieBühne am Alstertor die besteder Republik. Das kleine Ensemblezeigt, was Theater im21. Jahrhundert alles seinkann: intelligent, ungezähmt ,spannender als Kino.Text:Tobias HaberlFotos:Andreas HerzauDie Faszination, der ganzeWahnsinn einer Theaterpremiereballen sich jedes Malwieder in zwei, drei Sekunden.Es sind die Sekunden vollkommenerStille, wenn das letzte Wort eines Stücksgesprochen ist und die Reaktion des Publikumsnoch aussteht. Wenn man spürt:Jetzt gleich, in wenigen Augenblicken zeigtsich, ob der Abend ein Erfolg war oder einReinfall, ob sich die Plackerei gelohnt hat,ob das Publikum applaudiert oder „Buhs“auf die Bühne schleudert. So auch bei derPremiere von „Gefährliche Liebschaften“am Hamburger Thalia Theater.Nach Ende des Stücks also stehen hinterder Bühne: Intendant Ulrich Khuon imAnzug, Regisseur Stephan Kimmig im verschwitztenT-Shirt, dann die Schauspieler– Maren Eggert, keuchend, Felix Knopp,halbnackt in eine Hose steigend, SusanneWolff mit großen Augen in die Ferne starrend,alle angespannt, noch in ihren Rollengefangen. Und dann, ganz leise, vonder anderen Seite der Bühne her – das Geräuschklatschender Hände, erst zaghaft,dann anschwellend, immer lauter, schließlichdie ersten „Bravo“-Rufe. „Hört ihrdas?“, ruft Regisseur Stephan Kimmig.„Hört ihr das?“ Er sieht verzückt, fast hysterischaus, als er seine Schauspieler rausauf die Bühne schickt.Der Applaus dauert fünf Minuten, und amEnde steht fest: Das Thalia Theater hat erneuteinen Wurf gelandet. Und das mit einerInszenierung, die vom bürgerlichen HamburgerPublikum vor ein paar Jahren sichernoch abgelehnt worden wäre. Ein Mann,nackt bis auf eine silberne Uhr und klobigeStiefel, der seinen Penis zwischen dieSchenkel geklemmt hat, sich über eineFrau lehnt und Sachen sagt wie: „Ich willIhren Kot essen. Ich will, dass Sie Ihr Wasserauf mich lassen“ – das muss man nichtmögen, da kann man auch den Saal ver-HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 16


So leer wie in diesem Bild ist das Thalia Theater nie: SchauspielerinSusanne Wolff und Intendant Ulrich Khuon.lassen. Hat aber keiner. Die Zuschauerkonnten sich wiederfinden in diesem Stücküber Langeweile, Perversion und die Grenzenmenschlicher Zuneigung. In dem Motto:„Liebe ist etwas, was man benutzt,nicht etwas, dem man verfällt.“Wieder ein Erfolg also. Wie so oft in denletzten Jahren. Wie schafft es das ThaliaTheater nur, in schöner RegelmäßigkeitTop-Inszenierungen zu produzieren, ohnesich anzubiedern? Zu provozieren unddoch vom Publikum und den Kritikern geliebtzu werden? Und – was das Schwierigsteist – das hohe Niveau über mehrereSpielzeiten hinweg zu halten? Nicht nachzulassen?Nicht satt, nicht müde zu werden?„Es ist eine Legende, dass sich schwierigeDinge von selbst durchsetzen, wenn sie gutsind“, sagt Intendant Ulrich Khuon „manmuss etwas dafür tun.“ Oft, das erwähnter nebenbei, fühlt er sich wie Bayern-TrainerFelix Magath: „Der hat auch das Problem,ja keine Zufriedenheit aufkommenzu lassen und die Energie der Mannschaftaufrechtzuerhalten, obwohl ihm ständigalle unterstellen, es sei keine mehr da.“Hat man zu Beginn des Gesprächs nochvermutet, Khuons schwäbischer Dialektlasse ihn so nahbar, so offen erscheinen,wird einem nach und nach klar: Es ist seinganzes Wesen, der ganze Mensch UlrichKhuon, der kein Showman ist. Der keinenauf wichtig macht, sondern einfach allesrichtig gemacht hat, seitdem er vor sechsJahren das Thalia Theater übernommenhat: Im Jahr 2003 wurde das Thalia zum„Theater des Jahres“ gekürt, gleich sechsProduktionen der letzten sechs Jahre wurdenzum renommierten Theatertreffennach Berlin eingeladen. Solche Dinge passierennicht einfach so. Klar, dass da einpaar kluge Köpfe und ein stimmiges Konzeptdahinterstecken.Ulrich Khuon hat eine klare Vorstellungdavon, wie Theater zu sein hat: „Theater17 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


TITELdarf nicht das Erhabene zeigen, sondernmuss rein in die Wirklichkeit, muss dieLeute an der Gurgel packen.“ Hinein indie Abgründe menschlicher Existenz also,raus aus den meditativen Sonderwelten,in die reaktionäre Kritiker das Theaterzurückverbannen wollen. Am Anfang ister damit angeeckt. Viele ältere Thalia-Anhänger kündigten ihr Abo, ärgertensich über den neuen Intendanten. GerhardStadelmaier, Theaterkritiker der „FAZ“,beschimpfte das Thalia-Ensemble gar als„Schrei-, Schmutz- und Schmuddeltruppe“.Doch Khuon ist seiner Linie treu geblieben,hat neue Zuschauer dazugewonnen.Am Ende waren es mehr als vorher,vor allem mehr junge Leute. Rund 30 Prozentder Karten gehen heute an Jugendlicheund Studenten, bevor Khuon die Intendanzübernahm, waren es nur halb soviele. Khuon hat nicht nur die Zahl derProduktionen nach oben geschraubt, sondernauch Vor- und Nachgespräche, Matineen,Lesungen und Vortragsreihen eingeführt.Ein bisschen erinnert Khuon aneinen mutigen Fremdenführer, der seineTruppe auf einen beschwerlichen Tripdurch den Dschungel mitgenommen hat,bei dem zuerst alle maulen, wegen derMücken und der Hitze, am Schluss aberstolz und glücklich sind, dass sie dabei gewesensind, weil man manchmal eben erstüber einen Umweg und unter Strapazenans Ziel kommt.„Kommunikation ist das Wichtigste“,sagt Khuon, „die Leute müssen verstehen,was wir hier machen. Die wollen keinegünstigen Eintrittskarten, die wollen sichals Teil einer großen Theaterfamiliefühlen.“ Ein Beispiel: Im Dezember 2000kam es zu einem Skandal. Bei der Premierevon „Liliom“ rief der ehemalige HamburgerBürgermeister Klaus von Dohnanyiempört auf die Bühne: „Das ist doch einanständiges Stück. Das muss man dochnicht so spielen.“ Und weil die Stimmeeines solchen Mannes Gewicht hat, gerietdie Premiere zur Vollkatastrophe. Undwas macht Khuon? Er tritt am Abend vorder nächsten Vorstellung vors Publikumund erläutert die Inszenierung MichaelAltes Theater, neue Zuschauer: das Thalia.Thalheimers. Bittet die Menschen, genauerhinzusehen und nicht nur auf die paarSchockelemente, sondern auf den tieferenGeist der Inszenierung zu achten. Folge:„Liliom“ entwickelte sich zu einer der erfolgreichstenThalia-Produktionen, undMichael Thalheimer wurde zu einem derbegehrtesten Regisseure überhaupt.Seitdem steht Ulrich Khuon für Treue, Beharrlichkeitund Kontinuität. An keinemTheater in Deutschland inszenieren Top-Regisseure mit derart unterschiedlichenHandschriften derart regelmäßig. DerVorteil, wenn man sich lange kennt:„Man muss sich nicht bei jeder Produktionvon Neuem überhöflich abtasten, mankann sofort loslegen, weil man weiß, wiedie Leute ticken“, sagt Stephan Kimmig,der Regisseur von „Gefährliche Liebschaften“.Ein Theater zu bewerten ist schwierig. Esgibt zu viele Parameter. Manche bedingensich gegenseitig, andere dagegen schließeneinander aus. Eine Inszenierung kanngelungen sein und vom Publikum dennochabgelehnt werden. Die Zuschauerkönnen vernarrt sein in ein Stück, dafürverreißen es die Kritiker. Ein Theater produziertkeine Telefonapparate, sondernKunst – und die entzieht sich der eindeutigenBewertung. Das macht es so schwierig.Zahlen gibt es dennoch, und die liefertLudwig von Otting, kaufmännischer Geschäftsführer,der seit 22 Jahren für dasThalia Theater arbeitet, ein Mann mit Anzugund Glatze, der so viel Leidenschaftausstrahlt, dass er einem fast leid tut, soals Jurist, abseits der Bühne. Früher, erklärter, sei das Schauspielhaus, das anderegroße Theater der Stadt, für die aufregenden,die polarisierenden Inszenierungenzuständig gewesen. „Inzwischen sind daswir. Das Thalia hat den Sprung voneiner konservativen, bürgerlichen Bühnehin zu einem komplexen Avantgarde-Theater geschafft.“ Auch er sieht denGrund in Ulrich Khuon: „Der kämpft umjeden Zuschauer und schafft es, die Besucherzahlenmit einem Programm zusteigern, das die Leute unter anderen Umständenaus dem Haus treiben würde.“Das Thalia Theater bekommt wenigerSubventionen als andere große Häuser,doch scheinen gerade deshalb alle zusammenzuhaltenund so viele Produktionenauf die Bretter zu stemmen wie kaum einanderes Haus: 38 Stücke sind im aktuellenRepertoire, in der letzten Spielzeit gabes mehr als 800 Veranstaltungen, die von350 000 Menschen gesehen wurden. AmEnde stand eine Eigenfinanzierungsquotevon 28 Prozent. Das ist Spitze unter dendeutschen Theaterhäusern. Und noch eineZahl: Beim letzten Betriebsausflug waren70 Prozent der Belegschaft dabei. WelchesUnternehmen schafft das schon? Bei einemBetriebsausflug?„Ich bin hier sehr, sehr gerne“, sagt dieSchauspielerin Susanne Wolff, „das Thaliawill dem Publikum nicht gefallen, sondernes verstören, vielleicht auch ärgern.“Wie sie das Haus charakterisieren würde?„Stark“, sagt sie, „leidenschaftlich, manchmalauch verdruckst.“ Noch deutlicherdrückt es Andreas Kriegenburg, einer derStar-Regisseure des Hauses, aus: „DasThalia ist kein Kumpel, mit dem man losziehtund über Frauen redet“, sagt er,„eher jemand, der ein bisschen steif ist,mit einer unmodernen Brille, aber vor allem:ein sehr guter Freund.“HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 18


Wer einen Platz an der Henri-Nannen-Journalistenschule bekommt, kann sichnicht nur auf eine erstklassige Ausbildung freuen, sondern auch auf ein Praktikumin Neu-Delhi und eine Reise nach New York.SFliegendes Klassenzimmertille Bilder flirren über den Bildschirm, nichts ist zuhören. „Mann, da ist was mit dem Mikro schiefgelaufen.Ohne Ton! Da können wir einen beknacktenStummfilm machen“, schimpft das Mädchen mitden blonden Haaren und starrt den Mitschüler an. MaximilianPopp drückt einige Tasten seinesComputers: ein Knacken,dann ist der Ton da. Aufatmen,geht doch, geschafft.Willkommen an der Henri-Nannen-Schule, einer der erstenAdressen für die Ausbildungvon Journalisten inDeutschland. Rund tausendBewerber hoffen alle anderthalbJahre auf einen Platz, nur20 werden genommen. MaximilianPopp ist einer von ihnen.Vor zehn Monaten ist ervon Passau in den Norden gezogen:von der Provinz inDeutschlands Medienhauptstadt.Es ist kein Zufall, dassdie Nannen-Schule gerade inHamburg liegt: „Spiegel“,„Zeit“, „Stern“, „Geo“, „Brigitte“,die „Tagesschau“ – siealle entstehen hier. Der Bedarfan Redakteuren ist größer alsirgendwo sonst im Land, undin vielen Hamburger Redaktionenschätzt man die Absolventender Nannen-Schule. Bei „Geo“ zum Beispiel hat jederzweite Textredakteur sein Handwerk an dieser Schule gelernt.Maximilian Popp sitzt in dem fünfstöckigen Kontorhaus nur wenigeMeter von der Elbe entfernt und erzählt: Von dem Bewerbungsverfahren,„dessen Härte ja Teil des Mythos der Schule“sei. Von seiner Übungsreportage, für die er die Mönche in einemösterreichischen Kloster interviewte. Von der Freude, als er indie Runde der letzten 60 Kandidaten kam. Von dem Wissenstest,in dem genauso nach Popstars wie nach Wirtschaftszahlen gefragtwurde. Und schließlich von dem Bewerbungsgespräch voreiner Journalisten-Jury.Text:York Pijahn Foto: Bernd JonkmannsDie Klasse von 2006: Maximilian Popp (erste Reihe links) ist einer der Glücklichen.Popp und seine Mitschüler werden nicht nur zu Printjournalistenausgebildet. Sie lernen auch, für Radio und Fernsehen zu arbeiten.„Deshalb machen wir jetzt das hier“, sagt er und deutetauf seinen Computer. Gestern haben er und zwei Mitschüler mitder Fernsehkamera eine Straßenumfrage gemacht, heute sollensie das Material schneiden.Der Stundenplan ist voll: Esgibt ein Rhetorikseminar, Dozentenbringen den Schülernbei, wie man Drehbücher, Reportagen,Kommentare verfasst– und wie man Nachrichtenschreibt. „Das ist der Teilder Ausbildung, vor dem diemeisten großen Respekt haben“,sagt Popp, „mich eingeschlossen.“Denn das Seminarwird von dem Mann geführt,der die Nannen-Schule jahrelangleitete: Wolf Schneider,berühmt für wüste Streichungenund wütende Kommentare.Ehemalige Schüler habenihm sein Credo in Stein meißelnund in der Schule aufhängenlassen: Qualität kommt vonQual.„Diese Steinplatte ist jetzteher eine Reliquie für das Museum“,sagt die heutige SchulleiterinIngrid Kolb undlächelt, als wolle sie die Härtedes Vorgängers entschuldigen. Ihr gefalle der Satz mit einer Ergänzungbesser. „Alle Qual ist vergessen, wenn etwas gelingt.“Sie sei hier nicht nur die Schulleiterin, sondern auch eine Mentorin,die dabei helfe, den richtigen Job zu finden – „und vorherviel Praxis zu bekommen“. Dazu dienen die vier Praktika,während der die Schüler in Redaktionen ihrer Wahl arbeiten. InHamburg genauso wie in Rom, London oder Paris. „Einer unsererSchüler geht sogar zur dpa nach Neu-Delhi“, erklärt IngridKolb. Am Ende der Ausbildung gibt es dann eine Klassenfahrt:„Nach New York“, sagt Maximilian Popp, als könne er das selbernicht ganz fassen, „so etwas gibt es wirklich nur hier.“19 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


TITELStofffür echteMännerHans Albers kaufte hier seine Garderobe,stilsichere Kapitäne tun es noch immer:beim Marine- und TropenausstatterBrendler. Männermode für eine gute Figurauf allen Weltmeeren.Kleine Schlangen“, sagt Ingrid Osthues und greift zueinem Schnürstiefel aus hellem Leder, „beißen in dieWade, wenn man aus Versehen auf sie tritt. Höherkommen die nicht. Für den Busch darf der Schuh darumerst zwei Handbreit über dem Knöchel enden.“ Seit ihr Vaterihn vor dreißig Jahren zusammen mit einem Arzt des HamburgerTropeninstituts entwickelte, gehört der „Safari-Stiefel“ zum Sortimentbei Ernst Brendler, dem „Spezialgeschäft für Marine- undTropenausrüstung“.Es liegt gleich neben dem Hamburger Rathaus, in allerbester Einkaufslagealso – und doch Lichtjahre entfernt von der glitzerndenGlattheit der City. Mode und Mainstream, daran lassen schon dieAuslagen in den beiden Schaufenstern keinen Zweifel aufkommen,sucht man hier vergeblich. Kein Mikrofaser-Adventure-Styling, sondernklassisch geschnittene Sakkos, Hosen und Hemden aus Baumwolleoder Leinen gibt es hier, in denen der Herr von Welt auch beimGeschäftstreffen in Nairobi nicht verschwitzt aussieht.Ingrid Osthues, 47, führt das Geschäft mit fünf Angestellten in vierterGeneration. Den Anfang machte 1879 ihr Urgroßvater ErnstBrendler mit einer Uniformschneiderei für die Besatzungen dergroßen Handels- und Marineschiffe. „Schmucke Seemannskleidungkriegen Sie bei uns noch immer, auch wenn wir sie nicht mehr selbermachen. Wir sind in Deutschland der einzige private Marineausstatterin großem Stil“, erzählt die Chefin stolz. Natürlich gehörenhanseatische Klassiker zum Sortiment: In einer Vitrine stapelnsich Prinz-Heinrich-Mützen – das Markenzeichen HelmutSchmidts. Und der sogenannte Elbsegler, eine Mütze, ohne die bisheute kein Hamburger Lotse, der etwas auf sich hält, an Bord geht.Eine geschwungene Holztreppe führt in den ersten Stock. Hierhängt, in allen Größen und seit Jahrzehnten nahezu unverändert,der klassische dunkelblaue Anzug in maritimem Schnitt, der schonGenerationen von Reedern, Geschäftsleuten, Börsianern und Senatorendas hanseatische Etwas gibt. Hinter den gläsernen Klappfächernmeterhoher Eichenschränke leuchten Kapitänsmützen, imalten Verkaufstresen goldene Tressen und Offiziersabzeichen. Anden Schubladen hängen vergilbte Schilder: „Leutnant Schirme“,„Kordeln Admiral“, „Goldknöpfe Anker“.Schon Hans Albers hat sich hier eingekleidet, Johannes Rau warStammkunde, Udo Lindenberg kommt regelmäßig mit seinerModeberaterin und kauft goldbetresste Schulterstücke und Uniformen.Bürgermeister Ole von Beust schätzt die „Stutzer“: kurzeMäntel aus schwerer blauer oder schwarzer Wolle, wie sie Matrosenim Winter über ihren Uniformen trugen – so dicht gewebt, dasssie praktisch regen- und winddicht sind.Bei Brendler scheint die Zeit stehen geblieben zu sein. Der Katalogwirbt noch immer mit rauchenden Männern im Zeichenstilder Sechzigerjahre. Warum, so die unausgesprochene Firmenphilosophie,sollte man ersetzen, was sich bewährt hat? „Ich willnicht chic werden oder expandieren“, sagt Ingrid Osthues, „sondernganz sutsche und bescheiden meinen Markt bedienen. DasWichtigste ist doch, dass die Leute wissen: Hier werde ich nichtbetuppt!“Ruth HoffmannHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 20


FOTOS: JÖRG FOKUHL, ACHIM LIEBSCHDie Mode ändert sich, das Sortiment bleibt. „Hauptsache, man wird nicht betuppt“, sagt Ladenbesitzerin Ingrid Osthues.


TITELDer Mann hat einenVogel – und das seit fastfünf Jahren: JoachimBenoit spielt im „Königder Löwen“ den Zazu.FOTO: STAGE ENTERTAINMENT / MORRIS MAC MATZEN


„ Schatz,hast dudieKarten?“Diesen Satz hört man an der Elbeviele hunderttausend Mal im Jahr.Denn alle wollen sie sehen: diesprechenden Löwen und singendenMambolehrer – in der Hauptstadtder Musicals.Wie viele Fotos täglich von den Landungsbrücken imHamburger Hafen aus geschossen werden – niemandwird sie je zählen, aber es sind sehr, sehr viele. Und dasMotiv ist meist das gleiche: eine Halle am anderen Elbufer,über die sich eine gelbe Plane wölbt. Auf den ersten Blick nichtsonderlich spektakulär und doch für die Hobbyfotografen das Zielihrer Reise. Mit einer Barkasse lassen sie sich dann über den breitenFluss fahren: nach Afrika, das mitten im Hamburger Hafen liegt– oder zumindest eine Illusion davon. Achtmal pro Woche geht imInneren der gelben Halle der Vorhang auf, eine rotgoldene Sonnetaucht den Zuschauerraum in warme Farben, Gazellen springenumher, Giraffen staksen herbei, ein Elefant bahnt sich seinen Wegdurchs Parkett. Auf der Bühne wird mit fremden Gesängen, Rhythmenund Tänzen die Geschichte des jungen Löwen Simba erzählt,der von seinem bösen Onkel vertrieben wird und als zukünftigerHerrscher wiederkehrt.Mehr als vier Millionen Zuschauer haben den „König der Löwen“seit seiner Premiere vor fünf Jahren im Theater im Hafen gesehen.2000 ausverkaufte Vorstellungen. Das Musical nach dem Zeichentrickfilmaus dem Hause Disney ist damit das populärste in derHansestadt. „Der König der Löwen“ steht an der Spitze einer Erfolgsgeschichte:Nirgendwo sonst in Deutschland verkaufen sichMusicals so gut wie in Hamburg. Neben dem afrikanischen Märchenim Hafen läuft im Operettenhaus auf St. Pauli „Mamma Mia“mit den größten Hits von ABBA, und in der Neuen Flora in Altonaerlebt der Tanzfilm „Dirty Dancing“ seine Auferstehung als Bühnenstück.Das Unternehmen Stage Entertainment hat in der Theatersaison2005/2006 1,8 Millionen Musical-Besucher gezählt. 1,5 Millionendavon sollen allein wegen der Bühnenshows in die Stadt gekommensein, im Durchschnitt blieben sie etwas länger als zwei Tage. Hamburg– die Musical-Stadt: Diese Geschichte beginnt 1986 mit einerAufführung von „Cats“ im Operettenhaus. Mehr als sechs MillionenMenschen sahen die Mutter aller Musicals, bis die KatzenAnfang 2001 ausgeschnurrt hatten. Sie konnten mit der Gewissheitgehen, vielen anderen Stücken den Weg in die Stadt geebnet zuhaben. „Das Phantom der Oper“, „Buddy Holly“ (im Theater, dasheute den „König der Löwen“ zeigt) und auch ein Stück wie die„Heiße Ecke“, das in einer Imbissbude auf St. Pauli spielt und vonder skurrilen Welt auf dem Kiez erzählt.Warum gerade Hamburg zur Musical-Stadt wurde? JoachimBenoit glaubt die Antwort auf diese Frage zu kennen. Er spielt im„König der Löwen“ den Nashornvogel Zazu. Benoit, 35, schlüpftseit der Premiere vor bald fünf Jahren in diese Rolle, der Einzige,der von der Erstbesetzung noch dabei ist.Gut eine Stunde vor der Aufführung verschwindet der schlanke,kurzhaarige Mann in die Maske und verwandelt sich in den Adjutantendes Löwenkönigs Mufasa. Acht Vorstellungen pro Wochegeht das so. Genug Zeit, um sich Gedanken über den Erfolg zu machen.Benoit wurde in Hamburg an der Stage School of Music Danceand Drama ausgebildet, er spielte in Musicals in Berlin und Wien,bevor er nach Hamburg zurückkehrte. „Meine Theorie ist, dassHamburg wie ein Vergnügungspark funktioniert. Die ganze Familiekann nach Hamburg kommen und mitten in der Stadt alles finden,was sie haben will.“ Den Hafen und den Fischmarkt, noble Lädenin der Innenstadt, den HSV, abends das Musical und danach nocheinen Gang über den verruchten Kiez. „Und das alles nah beieinander,man kann es fast zu Fuß erledigen“, sagt Joachim Benoit. Eheer sich wieder in einen Nashornvogel verwandelt, sagt er noch einenSatz: „Hamburg hat sich als kleiner Broadway entwickelt, weil esähnlich kompakt ist wie der große Broadway, der in New York.“Dann muss er gehen – der König wartet. Felix Zimmermann23 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


TITELDie Sonne sinkt, das Buch bleibt offen: An der BuceriusLaw School sind die Tage lang und die Examensnoten gut.Recht erfolgreichDie Bucerius Law School ist die Elite-Universität für Juristen. Nach hartem Drillwartet auf viele eine steile Karriere.Freitagabend, 23 Uhr, am Rande des Parks Planten unBlomen: Die meisten Studenten der Stadt haben sichins Nachtleben gestürzt, doch hier, in der Bibliothekder Bucerius Law School, herrscht Hochbetrieb:Rund 30 Juristen in spe hocken über ihren Büchern. „Vor Hausarbeitenhabe ich hier schon bis zwei Uhr gesessen“, sagt MaxLandshut, einer der prominentesten Studenten der Law School. Erstürmt nebenbei für die Hockey-Nationalmannschaft.Jeder Student hat per Chipkarte jederzeit Zugang zur Bibliothek– nur einer der vielen Gründe, warum die BLS Spitzenplätze in vielenUntersuchungen belegt. Der erste Abschlussjahrgang erreichteim Schnitt eine fast doppelt so hohe Examenspunktzahl wie dieAbgänger traditioneller Universitäten. Kein Wunder, dass „dieNachfrage nach unseren Juristen beeindruckend ist“, wie der Präsidentder Schule, Professor Karsten Schmidt, sagt. Die BLS drücktaufs Tempo: Die Ausbildung dauert nur vier Jahre. Da ist Belastbarkeitgefragt, zumal es gern gesehen wird, wenn jemand auchjenseits des Rechts Exzellenz beweist – durch gesellschaftliche,sportliche oder künstlerische Aktivitäten. Hockeystar Landshutmusste zwar in diesem Sommer wegen seines Examens auf dieWM verzichten. Generell profitiere er aber von der Rücksicht derProfessoren: „Wenn ich für zwei Wochen mit der Nationalmannschaftim Ausland bin, bekomme ich vorher Materialienausgehändigt. Die Law School ist da wesentlich flexibler als traditionelleUniversitäten.“Die Ausbildung ist wirtschaftsnah und international, jeder Studentverbringt das siebte Trimester an einer der weltweit 76 Partnerunis.Im Gegenzug strömen Nachwuchsjuristen aus allen Erdteilen nachHamburg. Unter anderem machen Studenten aus der Mongoleiund Peru ihren Master of Law and Business in Hamburg. Die BLS,konzipiert nach angelsächsischem Vorbild, ist die erste privat finanzierteJuristenschmiede in Deutschland. Ein Drittel des Etatsfinanziert die „Zeit“-Stiftung, welcher der Verleger Gerd Bucerius1995 einen Großteil seines 700-Millionen-Euro-Vermögens hinterließ.Der Kampf um die Plätze an „seiner“ Schule ist hart, dieBewerberzahl (Meldeschluss: 31. März) stieg zuletzt auf 500. Nur100 von ihnen werden genommen. In einem ersten Auswahlverfahrenwerden logisches Denken und sprachliches Vermögen derBewerber getestet, die besten 216 qualifizieren sich für die Endrundein Hamburg.Die Ausbildung kostet insgesamt 40 000 Euro. Immer mehr Studentenfinanzieren die Gebühren über den „umgekehrten Generationenvertrag“:Nach dem Berufseinstieg zahlt man 113 Monate achtProzent seines Gehalts an die Bucerius Law School. Was sie bekommt,hängt vom späteren Erfolg des Schützlings ab. Steigt er in eine internationaleKanzlei ein, hat die BLS einen guten Deal gemacht, landeter als Amtsrichter in Itzehoe, hat sie sich verzockt. Letztereskommt selten vor, weil immer mehr renommierte UnternehmenBLS-Absolventen anheuern. Die langen Nächte am Wochenende inder Bibliothek – sie scheinen sich zu lohnen. René MartensFOTOS: ANDREEAS HERZAUHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 24


KALENDERSofort eintragenDie wichtigsten Hamburger Termine für Ihren Kalender von Dezember bis Februar.DEZEMBERKonzerte13.12. Remembering the Man in Black: A Tributeto Johnny Cash – Zur Originalstimme der Countrylegendespielt die sogenannte Cash-Combo. Interpretenwie Dieter Thomas Kuhn, Anne Haigisund Roland Baisch haben Gastauftritte. Fabrik,21 Uhr, 25,35 Euro, www.t2johnnycash.de16.12. Placebo – Seit zehn Jahren spielt das Trioseinen melodramatischen Alternativrock. Dasfünfte Album „Meds” hat in Deutschland bereitsGoldstatus erreicht. Sporthalle Hamburg, 20 Uhr,44,73 Euro, www.fkpscorpio.com18.12. MORRISSEY16.12. Kid Congo Powers & the Pink Monkeybirds– Früher hat der Amerikaner mit Nick CaveGitarre gespielt. Sein neues Album „Philosophyand Underwear” mischt Stile von Punk bis Soul.Uebel & Gefährlich, 21 Uhr, 10 Euro, www.uebelundgefaehrlich.com16./17.12. Johann Sebastian Bach: Weihnachtsoratorium– Der Klassiker zur Weihnachtszeit.Unter Leitung von Christoph Schoener führenChor und Orchester der St.-Michaelis-Kirche diesechs Teile von Bachs Weihnachtsoratorium auf.St. Michaelis, Sa 15.30 Uhr und 20.30 Uhr Teil1–3, 18 Uhr Teil 4–6, So 15.30 Uhr und 18 Uhr Teil1–3, ab 8 Euro, www.michel-musik.de18.12. Morrissey – Der Frontmann der legendärenBand The Smiths gehört seit fast einemVierteljahrhundert zu den einflussreichsten britischenSängern und Songwritern. Die Tour zu seinemjüngsten Album „Ringleader of the Tormentors“führt Morrissey endlich wieder nach Hamburg.Color Line Arena, 20 Uhr, ab 43 Euro,www.colorline-arena.de31.12. Salut! Das Hamburger Silvesterkonzert –Die Australierin Simone Young ist mit Preisenüberhäuft worden. Zum Jahreswechsel dirigiert dieGeneralmusikdirektorin der Hamburger Philharmonikerihr Orchester in der Laeiszhalle. 11 Uhr,ab 11 Euro, www.laeiszhalle.deBühnenpremieren / Lesungenbis 31.12. Heiße Ecke: Die Weihnachtsversion– Dieses Musical erzählt vom Leben auf der Reeperbahn.So weit, so bekannt. Doch diesmal sindKostüme, Szenerie und die Dialoge der winterlichenJahreszeit angepasst. Schmidts Tivoli,Di/Do/Fr 20 Uhr, Mi/So 19 Uhr, Sa 15/20 Uhr, ab16,50 Euro, www.tivoli.debis 30.12. Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer– Kiez für Kids. Als erstes Weihnachtsmärchenin der Schmidt-Geschichte kommt MichaelEndes Erzählung auf die Bühne – als zauberhaftesKindermusical mit Liedern von Konstantin Wecker.Schmidt Theater, Mi–So 15 Uhr, Sa/So 11/15 Uhr,ab 13,20 Euro, www.schmidts.debis 6.1. Grandiose Weihnachten – Der Liederabendmit Peter Jordan und Alexander Geringasnimmt den Zuschauer mit auf eine weihnachtlicheKreuzfahrt in die Karibik. Kammerspiele,Di/Mi/Do/Fr 20 Uhr, Sa 15.30/20 Uhr, ab 23 Euro,www.hamburger-kammerspiele.de10.12.–12.7. Parzival-Projekt – John Neumeierhat die Originaltexte von Chrétien de Troyes undWolfram von Eschenbach sehr aufmerksam gelesen,bevor er sie für die Bühne umsetzte. HamburgsBallettikone arbeitet dabei vor allem diemythischen Elemente der Parzival-Geschichteheraus. Die Musik stammt von John Adams undRichard Wagner. Staatsoper, 18 Uhr, ab 6 Euro,www.hamburgballett.deWeihnachtsmärkteDie einen kaufen hier Holzspielzeug, die anderentrinken Glühwein – eine Auswahl derHamburger Weihnachtsmärkte:bis 17.12. Weihnachtsmarkt AltonaerMuseum – Erstmals stellen auch HamburgerDesigner ihre Stücke hier aus. Sa/So10–18 Uhr, www.altonaer-museum.debis 23.12. Historischer Weihnachtsmarktauf dem Rathausmarkt – Circus-Roncalli-Direktor Bernhard Paul gestaltet diesen nostalgischenWeihnachtsmarkt, der zu denschönsten der Hansestadt gehört. Kunststatt Kommerz. Täglich 11–21 UhrWEIHNACHTSMARKT AM RATHAUSbis 23.12. 39. Weihnachtsmarkt Hamburg– In der Innenstadt zwischen Spitalerstraßeund Gerhart-Hauptmann-Platz findet manauch ein Karussell und einen zwanzig Meterhohen Tannenbaum. Täglich 10–21 Uhrbis 23.12. Hanseatischer Weihnachtsmarktauf dem Gänsemarkt – Die Weihnachtshüttenam Lessing-Denkmal habennordisch-rustikales Flair. Täglich 10–21 Uhrbis 23.12. Fleetinsel Weihnachtsmarkt –Einer der jüngsten Weihnachtsmärkte liegtzwischen Stadthausbrücke, Altem Steinwegund Rödingsmarkt. Täglich 11–21 Uhrbis 23.12. Weihnachtsmärchenschiffe –Jede der fünf Barkassen an der Binnenalsterhat ein eigenes Programm. Es gibt ein Theaterschiff,ein Traumschiff, ein Caféschiff undzwei Backschiffe. Täglich 11–18 Uhr25 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


KALENDERAlles nur vom FeinstenEin Wochenende der Superlative: 48 Stunden Rekordjagd in Hamburg12.00Links und rechts Jugendstil,über den Köpfen dasschmiedeeiserne Viadukt der Hochbahn– der Isemarkt an der Isestraße ist derschönste und vielfältigste der Stadt undlohnt den frühen Aufbruch nach Hamburg.Hier bekommen Sie alles: von meterlangenZimtstangen über Spülbürstenbis zur getrüffelten Leberpastete.15.00Nicht weit von den großenShoppingrouten liegtHamburgs bekanntestes Gebäude: dasChilehaus (Caffamacherreihe 8). Seinezehn Geschosse laufen mit kühnemSchwung spitz zu – wie der Bug einesSchiffes. Was Architekt Fritz Höger vormehr als achtzig Jahren schuf, wird bisheute oft kopiert.17.00Wenn Sie hier keine Weihnachtsgeschenkefinden,dann nirgendwo. Die im Oktober eröffneteEuropa Passage (gelegen zwischenMönckebergstraße und Ballindamm)ist ein Einkaufspalast: mit 125 Lädenauf 30 000 Quadratmetern – vier Fußballplätzehätten hier Platz. Und draußen,hinter der Glasfassade, tuckern dieDampfer an der Gischt der Alsterfontänevorbei.20.00FREITAGDer Gourmetführer GaultMillau hält das „JacobsRestaurant” (Elbchaussee 403) für dasbeste der Stadt. Ob er recht hat? Ausprobieren!Mit Seezunge in Rieslingsudoder Rosmarinpfirsich mit Fichtennadeleis(4-Gänge-Menü 98 Euro). Dieberühmte Lindenterrasse mit Blick überdie Elbe hat schon der ImpressionistMax Liebermann gemalt.10.00SAMSTAGFür ein ausgiebiges Frühstückist das „Café Unterden Linden“ (Juliusstraße 16) im Schanzenvierteldie beste Adresse. Die Croissantssind spitze, der Vanillequark mitFrüchten erst recht. Der Kaffee sowieso.13.00Wenn Ihnen der Sinn nachBummeln und Stöbernsteht, sind Sie in der Schanze am bestenaufgehoben. Bei K. W. Stüdemann zumBeispiel, Hamburgs charmantestem Kaffee-,Tee- und Schokoladeladen (Schulterblatt59). Oder in der nahen Marktstraße,wo sich – zwischen Secondhand-Shopsund Flohmarktlädchen – inzwischen dieoriginellsten und angesagtesten (undtrotzdem noch bezahlbaren) Jungdesignerniedergelassen haben.Hinter dieser Tür befindet sich das – laut Gault Millau –beste Restaurant der Stadt: das „ Jacobs Restaurant“.17.00Das Sielmuseum (bei denSt. Pauli-Landungsbrücken49) gleich neben dem Alten Elbtunnel beherbergtHamburgs kurioseste Sammlung– eine Auswahl der merkwürdigstenFundstücke aus den Abwasserkanälen derStadt: von Gebissen, BHs und Teddysüber Geburtsurkunden, Kinderwagen undKleider vergangener Jahrzehnte bis zurechten Havanna-Zigarre. Dazu gibt’s eineFührung durch die 160 Jahre alten Sielgewölbe.Bitte vorher anmelden, unter Tel.040/78 88 24 83.23.30Es war ein langer Tag. GehenSie aber trotzdem nochnicht ins Bett, sondern in die weltstädtischsteBar Hamburgs – im „East Hotel“(Simon-von-Utrecht-Str. 31). Wo früherEisengießer schufteten, verströmt heuteatemberaubendes Interieur ein Gefühl wieTEXT: RUTH HOFFMANNHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 26


in Bangkok oder Manhattan. „Räume,die glücklich machen“, meint der Architekt.Recht hat er.10.00In der Reihe hanseatischerSuperlative darfder Friedhof Ohlsdorfnicht fehlen (direkt am U/S-BahnhofOhlsdorf). Er ist der größte der Weltund vor allem ein wunderschöner Parkmit uralten Bäumen und kunstvollenGrabmalen verschiedener Nationenund Epochen. Und ein Wallfahrtsort:Hier sind zum Beispiel Hans Albers,Wolfgang Borchert, Heinz Erhardt, IdaEhre und Louise von Preußen begraben.13.00SONNTAGFür die 2000 eröffnetevierte Elbtunnelröhre fraßsich der größte Bohrer der Welt zweieinhalbJahre lang durch das Flussbett.Jetzt steht die 380 Tonnen schwereTRUDE („Tief Runter Unter Die Elbe“)im Hof des Museums der Arbeit (U/SBarmbek) – Hamburgs einziges Museummit eigenem Bootsanleger.15.00Mag ja sein, dass dieCurrywurst in Berlin erfundenwurde. In Hamburg jedenfallsgibt es die beste der Welt, und zwar imImbiss bei Schorsch(Beim Grünen Jäger14 – Achtung, direkt daneben ist dieFälschung!). Der hausgemachte Ketchupist unschlagbar!Der spektakulärste Punkt,16.00um Abschied zu nehmenvon Hamburg, ist der Altonaer Balkonmit seinem glücklich und wehmütig zugleichmachenden Ausblick auf Elbhang,Fluss, Containerhafen und Köhlbrandbrücke.Sie wollen nicht mehr weg? Genausosoll es sein kurz vor der Heimreise.Suchen Sie weitere Informationen über dieStadt? Hotels, Tickets, Termine? Die findenSie am schnellsten unter www.hamburgtourismus.de.Hier können Sie auch den kostenlosen„Happy Hamburg Katalog“ bestellenmit allen wichtigen Adressen und Terminen.Oder rufen Sie an: 040/300 51 800.Bühnenpremieren / Lesungen12./13.12.,19.12.–23.12. Via Katlehong Dance –Was 1992 als Projekt für Jugendliche in Südafrikabegann, kommt in Hamburg auf die Bühne. DieTanzkompanie Via Katlehong Dance zeigt den Tapund Gumboot Dance der Minenarbeiter genausowie Hip-Hop der Townshipjugend, dazu Gesangin den vielen Sprachen Südafrikas. Kampnagel,20 Uhr, 18–31 Euro, www.kampnagel.de14.12. Der fliegende Berg – Der ehemalige„Geo“- und „Merian“-Reporter Christoph Ransmayrerzählt in seinem Roman von zwei Brüdern,die sich ins Gebirge Osttibets aufmachen. Gehaltenist das Buch in freien Versen im Stil Walt Whitmans.Man darf gespannt sein, wie Ransmayr dieMischung aus Prosa und Poesie rezitiert. Literaturhaus,20 Uhr, www.literaturhaus-hamburg.de29.12. Vatertag – Mit seinen Liederabenden, indenen er traurige und komische Nummern kombiniert,hat der Pianist, Regisseur und DirigentFranz Wittenbrink ein neues Genre geschaffen.Sein jüngstes Programm trägt den Untertitel„Eine musikalische Reise in die Verzweiflung“.Thalia Theater, 20 Uhr, ab 12,50 Euro, www.thalia-theater.deAusstellungenbis 28.1. Caspar David Friedrich: Die Erfindungder Romantik – In der großen Ausstellung werdenmehr als 70 Ölgemälde und 100 Zeichnungendes Künstlers gezeigt, der als prägende Figur derRomantik gilt. Hamburger Kunsthalle, Glockengießerwall,Di–So 10–18, Do 10–21 Uhr; 10–12Euro, www.kunsthalle-hamburg.debis 18.2. Mahjong: Chinesische Gegenwartskunstaus der Sammlung Sigg – Seit Ende derMao-Ära hat sich in China eine lebendige Kunstszeneentwickelt. Die Ausstellung zeigt an die 400Werke. Hamburger Kunsthalle, Di–So 10–18, Do10–21 Uhr, www.kunsthalle-hamburg.deIMPRESSUMHamburg:das Magazin der Hansestadt – Erscheint viermal jährlich.HERAUSGEBERHamburg Marketing GmbHV.i.S.d.P.: Thorsten KauschSteinstraße 720095 Hamburginfo@marketing.hamburg.deVERLAGMagazin VerlagsgesellschaftSüddeutsche Zeitung mbHGeschäftführer: Rudolf SpindlerBÜRO HAMBURGEnglische Planke 620459 HamburgTel. 040 / 22 81 59 30Fax 040 / 22 81 59 112magazin@marketing.hamburg.deREDAKTIONYork Pijahn, Sebastian Wehlings,Isolde Durchholz (Schlussredaktion)ART DIRECTIONThomas KartsolisAUTORENTinka Dippel, Tobias Haberl,Ruth Hoffmann, Eva Lehnen,Jessica Liedke, René Martens,Ralf Wiegand, Felix Zimmermann3.12.–30.4. J.H.W. Tischbein: Der Maler alsDichter – Seine Zeitgenossen nannten Tischbeinauch Goethe-Tischbein wegen der Freundschaft,die den Maler mit dem Dichter verband. Der Austauschmit Goethe steht im Mittelpunkt dieserAusstellung. Jenisch Haus, Di–So 11–18 Uhr,6,50 Euro, www.altonaermuseum.de25.12.–8.3. Thomas Hoepker: Photographien1955–2005 – Der Fotojournalist bezeichnet sichselbst als Bilderfabrikant. Die 200 Beispiele seinerbesten Werke sind beeindruckend: Fotos vom11. September oder von der Hungersnot in Indienlassen einen so schnell nicht wieder los. Museumfür Kunst und Gewerbe, Di–So 10–18 Uhr,8 Euro, www.mkg-hamburg.deEvents / Feste / Sport30.12. Feuerwerk der Turnkunst: Dolce-Vita-Tour 2007 – Die erfolgreichste Turnshow Europaspräsentiert ein Programm, das von der Sportakrobatikbis hin zum Jonglieren reicht. SporthalleHamburg, 14/19 Uhr, ab 15 Euro, www.vtfhamburg.de31.12. Silvesterball – Wer auf Bleigießen gerneverzichtet, kann den Jahreswechsel mit Buffetund Sekt im CCH feiern. Unter anderem tretenThe Rattles und die Kultband um Achim Reichelauf. CCH, 20 Uhr, 90 Euro, www.cch.deFOTOGRAFENJörg Fokuhl, Andreas Herzau,Bernd Jonkmanns, Achim LiebschILLUSTRATIONENDirk Schmidt31.12. SILVESTERBALLANZEIGENMagazin VerlagsgesellschaftSüddeutsche Zeitung mbHAndrea HedeckerRindermarkt 5,80331 MünchenTel. 089 / 21 83 93 24Fax 089 / 21 83 85 29OBJEKTLEITUNGStefanie GrecaDRUCKBurda Druck GmbHHauptstraße 13077652 OffenburgREPROCompumedia GmbHDer Verlag übernimmt für unverlangt eingesandte Unterlagen keine Haftung. Das Papier des Hamburg-Magazins wird aus chlorfrei gebleichtem Zellstoff hergestellt. Bei Nichterscheinendurch höhere Gewalt oder Streik kein Entschädigungsanspruch. Eine Verwertung der urheberrechtlich geschützten Zeitschrift und aller in ihr enthaltenen Beiträge undAbbildungen, insbesondere durch Vervielfältigung oder Verbreitung, ist ohne vorherige schriftliche Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar, soweit sich aus dem Urheberrechtsgesetznichts anderes ergibt. Die Veröffentlichung der Veranstaltungstermine erfolgt ohne Gewähr.27 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


KALENDERJANUARKonzerte1.1. Beethovens Neunte – Das Sonderkonzert zumJahresanfang: Die Hamburger Symphoniker undder Bach-Chor Hamburg führen Ludwig van BeethovensSinfonie Nr. 9 in d-Moll mit dem Schlusschor„An die Freude“ auf. Laeiszhalle, 18 Uhr, ab9,20 Euro, www.hamburgersymphoniker.de7./8.1. Atlantis – Der transylvanische Stardirigentund Komponist Peter Eötvös gibt sein Debütbei den Philharmonikern Hamburg, 11 Uhr (7.1.),20 Uhr (8.1.), www.staatsoper-hamburg.de24.1. Julia Fischer und Oliver Schnyder – „EineMusikerin, wie sie ein Land nur alle Jubeljahrehervorbringt“, schrieb ein Kritiker über die 23-jährige Münchner Geigerin Julia Fischer. OliverSchnyder begleitet sie am Klavier. Laeiszhalle, 20Uhr, ab 8 Euro, www.laeiszhalle.de26.1. Tommy the Clown – Der Künstler aus L.A.erschuf seine Tanzperformance, um den Jugendlichenaus den Ghettos eine Alternative zur Gewaltzu bieten. Durch David LaChapelles Film „Rize”wurde Tommy weltweit bekannt. Große Freiheit36, 19 Uhr, 30 Euro, www.karsten-jahnke.de28.1. Juli – Das zweite Album „Ein neuer Tag”der Gießener klingt ein wenig nach Coldplay undganz großem Stadion. Diesmal spielen sie nochauf der Reeperbahn. Große Freiheit 36, 20 Uhr,23 Euro, www.grossefreiheit36.deBühnenpremieren / Lesungen2./3.1. Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod – Heißtes Pizzas oder Pizzen? Gewinkt oder gewunken?In seiner spannenden und witzigen Mischungaus Lesung und Show zeigt der Erfolgsautor BastianSick, wie unterhaltsam eine Deutschstundesein kann. St. Pauli Theater, 20 Uhr, ab 16,10 Euro,www.st-pauli-theater.de6.1. Am Ende der Unendlichkeit – VergangeneSpielzeit hatte Martin Oelbermann die Tagebücherdes Victor Klemperer als Theaterprojektumgesetzt, jetzt hat sich der junge Regisseur von2./3.1. DEUTSCHSTUNDE MIT BASTIAN SICKden Thesen des Physikers und Philosophen JohnD. Barrow zu einer deutschen Uraufführung inspirierenlassen. Malersaal im Schauspielhaus,www.schauspielhaus.de10.1. Clavigo – Gerade erst ausgezeichnet mitdem Montblanc Young Directors Award für seineInszenierung von „Viel Lärm um Nichts” stürztsich David Bösch auf den nächsten Klassiker:Goethes „Clavigo“. Für die Dramaturgie ist Johnvon Düffel verantwortlich. Thalia in der Gaußstraße,ab 12,50 Euro, www.thalia-theater.de11.1. Wiglaf Droste – Seine Bücher sollten „inkeinem deutschen Heim” fehlen, meinte die„Zeit“. Wiglaf Droste liest aus seinem fünften Kolumnenband„Kafkas Affe stampft den Blues“.3.2. MIAUebel & Gefährlich, 20 Uhr, 10 Euro, www.uebelundgefaehrlich.com13.1. Fatihland – Mit dem Gewinn des JurypreisesPrix Pantheon 2006 avancierte der Stand-up-Comedian Fatih Çevikkollu zum Newcomer desJahres 2006. Mit seinem Soloprogramm kommtder 34-jährige Kölner, der auch als Filmschauspielerarbeitet, jetzt nach Hamburg. goldbek-Haus/Bühne zum Hof, 20 Uhr, ab 7,50 Euro,www.goldbekhaus.de22.1. Zoli – Der irische Schriftsteller Colum Mc-Cann verfasste einen Roman über das Leben imExil, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und denKampf um das Überleben. Die Geschichte derbegabten Zigeuner-Lyrikerin Zoli beruht aufwahren Begebenheiten. Literaturhaus, 20 Uhr,www.literaturhaus-hamburg.deAusstellungen20.1.–25.2. Gute Aussichten 2006/07: JungeDeutsche Fotografie – Das Haus der Photographiezeigt zum dritten Mal zehn Diplomarbeitenjunger deutscher Fotografen, die aus eingereichtenAbschlussarbeiten ausgewählt wurden. Erstmalssitzt auch der international renommierteFotograf Jürgen Teller in der Jury. Di–So 11–18Uhr, 7,50 Euro, www.deichtorhallen.de21.1.–24.6. Der Fluch des Goldes: 1000 JahreInkagold – Die Exponate dieser Ausstellungstammen aus dem Museo de Oro der peruanischenHauptstadt Lima. Gezeigt werden rund 90bedeutsame Goldgegenstände der Andenkultur:Masken, Schalen und Schmuck. Museum für Völkerkunde,Di–Mi/Fr–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr,7 Euro, www.voelkerkundemuseum-hamburg.de26.1.–15.4. Armin Mueller-Stahl: Szene undZeichnung – Der berühmte Schauspieler und studierteKonzertgeiger stellt dieses Mal sein zeichnerischesTalent unter Beweis. In der Spiegelsaal-Galerie werden rund 120 von ihm übermalteDrehbuchseiten gezeigt, die während der Arbeitenzu dem Film „Utz“ entstanden. Museum fürKunst und Gewerbe, Di–So 10–18 Uhr, 8 Euro,www.mkg-hamburg.deEvents / Feste / Sport12./13.1. Internationales Turnier um den SalzbrennerCup – Kick it in Hamburg: Die Stadt eröffnetihr Sportjahr in der Alsterdorfer Sporthalle.Neben dem FC St. Pauli werden Teams aus demIn- und Ausland bei dem traditionsreichen Hallenfußballturnierantreten. www.hallenfussballhamburg.de26.–28.1. Fünfter Hamburger Comedy Pokal –Bei Deutschlands größtem Wettbewerb seinerArt kämpfen zwanzig Komödianten, Kabarettistenoder Musiker um den Einzug ins Finale. In zehnKulturzentren steigen die Komiker in den Ring. Ab9 Euro, www.hamburgercomedypokal.de30.1.–1.2. Handball-WM 2007 – Fünf Spielewerden in Hamburg ausgetragen. Am 30.1. gehtes los mit zwei Viertelfinalspielen und einemPlatzierungsspiel um Platz 9. Am 1.2. folgen einHalbfinalspiel und das Spiel um die Plätze 5 bis 8.Color Line Arena, www.handball-wm-2007.deFEBRUARKonzerte1.2. Plácido Domingo – Der Startenor schlüpft inRichard Wagners „Walküre“ in die Rolle des Sigismund.Ihm zur Seite steht Yvonne Naef alsSieglinde. Staatsoper, 19.30 Uhr, ab 6 Euro,www.staatsoper-hamburg.de3.2. Mia – Die Band um Sängerin Mieze ist mitihrem neuen Album „Zirkus” zu Gast. LeichtfüßigerElektropop. Große Freiheit 36, 18.30 Uhr,24 Euro, www.grossefreiheit36.de10.2. Magdalena Kozená – Bei ihrem Hamburg-Debüt vor sieben Jahren galt Kozená noch als Geheimtipp.Nach ihrem gefeierten Liederabend2004 im Großen Saal der Laeiszhalle sah das andersaus. Auch dieses Jahr wird die Mezzosopra-HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 28


nistin auf ein großes Publikum hoffen dürfen. ImProgramm: Robert Schumann, Antonin Dvorák, PetrEben und Jan Josef Rösler.Laeiszhalle, 20 Uhr,ab 10 Euro, www.laeiszhalle.de18.2. Alban Berg Quartett – Das Wiener Streicherquartettbesteht seit drei Jahrzehnten undsetzt Maßstäbe in der Kammermusik. Diesmal imProgramm: Haydn, Rihm und Beethoven. Laeiszhalle,20 Uhr, ab 10 Euro, www.laeiszhalle.de18.2. Die Frau ohne Schatten – Die Oper, für dieRichard Strauss mit Hugo von Hofmannsthal zusammenarbeitete,wurde 1919 uraufgeführt. DasSujet hat auch heute noch Gültigkeit: Darf manfür sein eigenes Glück das Glück anderer zerstören?Staatsoper, 18 Uhr, www.staatsoperhamburg.de27.2. Anne-Sophie Mutter – Zusammen mit denTrondheimer Solisten kehrt die Stargeigerin wiederzurück in die Laeiszhalle und interpretiertWerke von Johann Sebastian Bach. Laeiszhalle,ab 27 Euro, www.goette.derung richtet sich an Kinder ab elf Jahren. Geschriebenwurde sie von Ad de Bont, einem derwichtigsten Autoren des europäischen KinderundJugendtheaters. Junges Schauspielhaus, ab6 Euro, www.schauspielhaus.de25.2.–17.3. Mutters Courage – George TaborisStück ist ein Porträt seiner Mutter Elsa, diewährend des Holocausts dem Tod entfliehenkann, und entlarvt die Banalität des Bösen. HamburgerKammerspiele, 19 Uhr, ab 15 Euro,www.hamburger-kammerspiele.deAusstellungen2.2.–6.5. Helene Schjerfbeck – Die Kunsthallewidmet der finnisch-schwedischen Künstlerin dieerste Einzelausstellung außerhalb Skandinaviens.Etwa 60 Ölgemälde sowie Aquarelle und Zeichnungensind zu sehen. Hamburger Kunsthalle,Di–So 10–18 Uhr, Do 10–21 Uhr, 8,50 Euro,www.hamburger-kunsthalle.de24.2.–28.5. Neue Welt – Wasserfälle, riesigeWälder und manchmal ein Indianer. Obwohlschon längst touristisch erschlossen, stellten dieMaler der Hudson River School die Natur entlangdes Flusses als unberührt dar. Die erste eigenständigeKunstrichtung Amerikas entstand zwischen1825 und 1875 und spiegelt die Idealisierungder Natur und den Stolz auf die erkämpftenationale Einheit wider. Bucerius Kunst Forum,Mo–So 11–19 Uhr, Do 11–22 Uhr, 5 Euro,www.buceriuskunstforum.de24.2.–28.5. NEUE WELTEvents / Feste / Sport7.–11.2. Reisen Hamburg – Pauschal, Wellnessoder doch lieber Camping? Auf der größten Tourismus-und Caravaning-Messe Norddeutschlandspräsentieren mehr als 1000 Aussteller aus80 Nationen ihre Angebote. Die Themenschwerpunkteheißen dieses Jahr Radreisen sowie Wellnessund Gesundheit. Hamburg Messe, Mo–So10–18 Uhr, www.hamburg-messe.de24.–25.2. Judo „Otto World Cup“ – Aufs Kreuzlegen lassen dürfen sich die anderen. Und zwardie Männer und Frauen, die in der AlsterdorferSporthalle zum internationalen Judo-Wettkampfantreten. 400 Athleten kamen letztes Jahr – undauch diesmal werden viele spannende und hochklassigeKämpfe bestritten. Sporthalle Hamburg,www.judobund.deFOTOS: PICTURE ALLIANCE, MEDIASERVER HAMBURG4.2.–25.2. DR. POPELS FIESE FALLEBühnenpremieren / Lesungen4.2.–25.2. Dr. Popels fiese Falle – Eine Oper mitKindern aus Hamburg. Moritz Eggerts Werk erzähltvon einem Jungen, dessen ausgedachteGeschichten Wirklichkeit zu werden scheinen.Staatsoper, 17 Uhr, ab 8 Euro, www.staatsoperhamburg.de24.2.–26.3. Kabarett-Fest 2007 – Das Lustspielhausveranstaltet sein traditionelles Kabarett-Festmit Künstlern wie Max Goldt, Martin Buchholzoder Stefan Jürgens. Alma Hoppes Lustspielhaus,ab 15,50 Euro, www.almahoppe.de24.2. Der gute Mensch von Sezuan – ChristianPade inszeniert den Brecht-Klassiker. Der Regisseurmachte sich bereits mit der Neuproduktionvon „Mathis, der Maler” einen Namen, mit derSimone Young ihre erste Spielzeit an der Staatsopereröffnete. Schauspielhaus, ab 6 Euro,www.schauspielhaus.de25. 2. Die Odyssee – Die Hamburger Inszenie-GEWINNSPIEL: KOMMEN SIE NACH HAMBURGBeantworten Sie unsere Preisfrage und gewinnen Sie mit etwas Glück ein Shopping-Wochenende für zwei Personen an der Elbe. Zum Preis gehören zwei Übernachtungen mitFrühstück im 5-Sterne-Hotel Park Hyatt Hamburg, ein Einkaufsgutschein im Wert von 50Euro für hochwertige Kosmetik, ein Dinner-Menü im Apples-Restaurant des Park Hyattund die Nutzung des exklusiven Spa- und Fitnessbereichs Club Olympus.Die Preisfrage:Wie heißt der Freund des Reporterschafs aus der „Sesamstraße“?Schicken Sie die Lösung per Mail an:Leserbriefe@marketing.hamburg.deoder per Postkarte an die Hamburg Marketing GmbH,Kennwort: Hamburg-Magazin, Steinstraße 7,20095 Hamburg.Einsendeschluss: 01.02.2007. Der Gewinner wird ausallen richtigen Antworten gezogen. Der Rechtsweg istausgeschlossen.Wir freuen uns über Kritik und Anregungen. Was hatIhnen an unserem Magazin gefallen? Was haben Sievermisst? Schreiben Sie uns!29 HAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT


HAMBURGER SCHULEDer Knabe JonathanErst wollte ihn keiner. Heute sind die Bilder des Hamburger KünstlersJonathan Meese verkauft, bevor die Farbe trocken ist. Das freut alle, nur ihn nicht.Der Künstler Jonathan Meese hat einen Traum: nichtmehr zu seinen eigenen Vernissagen gehen müssen.Das Händeschütteln, das Reden-Müssen – anstrengendist das, und Zeit raubt es auch. Sollen sichdoch Profis um seine Vermarktung kümmern, er selbst kann dasnicht, er kann nur „machen, machen, machen“. 85 MillionenBilder habe er im Kopf, die müssen alle noch gemalt werden.„Kunst macht keine Pause. Wennmir einer einen Tonklumpen aufden Tisch legt, forme ich eineSkulptur draus, und wenn ich denRaum hier mit Sachen vollstellensoll, dann lege ich sofort los – ichliebe das.“In Berlin läuft die wichtige KunstmesseArt Forum Berlin, und JonathanMeese, 36, hockt in einemCafé an der Außenalster und freutsich, dass er nicht dort sein muss.Trotz langer Haare und Bart erinnerter an ein Kind, weiche Augen,zarte Haut, sanfte Stimme. Im Verlaufdes Gesprächs wird er keineneinzigen ironisch gemeinten Satzäußern.Selbstverständlich geht es nichtganz ohne ihn in der Hauptstadt.Seine Berliner Galerie zeigt Meese-Arbeiten, und am Eröffnungsabendwar er selbst dort, ist aber sofortdanach heim zu seiner Mutter inden Hamburger Vorort Ahrensburg,wo er sich regelmäßig erholt,von Nächten, die er „wie in Trance“durcharbeitet, von den Reisen und den Menschen, die alle etwasvon ihm wollen. Und weil Jonathan Meese Menschen mag, ist erauch freundlich zu ihnen, aber „meine bedingungslose Liebe zurKunst ist so extrem, da können die meisten Leute nicht mithalten“.Leider kann Meese schlecht Nein sagen, und das macht seinLeben so stressig. Seine letzten Wochen: Performances in NewMexico und Texas, dann die Ausstellung in Berlin, bald muss ernach Istanbul, dann wieder Berlin, wo er an der Volksbühne seinerstes eigenes Stück inszenieren wird. Vor einigen Wochen ist seineIn diesem Kopf stecken 85 Millionen Bilder.Und wenn es sein muss, malt Jonathan Meese ein Dutzendvon ihnen in nur einer Nacht.erste große Werkschau in den Hamburger Deichtorhallen zuEnde gegangen – ein Riesenerfolg, der ihn mit Hamburg wiederausgesöhnt hat. Denn hier hat er angefangen und ist erst einmalauf die Schnauze geflogen: Nachdem er 1995 sein Studium ander Hamburger Kunsthochschule abgebrochen hatte, arbeiteteer wie ein Besessener und bekam zwei Jahre später auch seineChance: eine Einzelausstellung.Er durfte eine Mühle in Keding beiHamburg bestücken. Meese schufeine der für ihn typischen, wüstenCollagen aus Zeichnungen, Plakaten,Skulpturen – das Publikumwar entsetzt. „Meine Ausstellungwurde regelrecht boykottiert, ihrwurde der größte Hass entgegengebracht,den ich je erlebt habe“, erzählter, „dabei hatte ich meineganze Liebe, meinen ganzen Glaubenin diese Arbeit gelegt.“Erst der Hamburger KunstmäzenHarald Falckenberg rehabilitierteden Künstler. Er war der Erste, derMeese-Arbeiten kaufte. Danach kamdie Kunstmeute, kamen Galeristen,Sammler, Journalisten, Wichtigtuer.Auf einmal fanden alle toll, dass erübergroße Genitalien und EiserneKreuze auf Leinwände kritzelte.Die Bilder für seine aktuelle Ausstellunghat er innerhalb von sechsStunden gemalt – sie sind fast alleverkauft, zu Preisen zwischen 5000und 45 000 Euro.Ein Meese an der Wand – das zähltwas, nicht nur in Deutschland, auch in London, New York oderTokio. Meese kann sich über seinen Erfolg jedoch kaum freuen.Er werde von Tag zu Tag unsicherer, sagt er: „Ich kann mit denTelefonaten, dem Geld nicht mehr richtig umgehen, mir wirdalles zu viel. Ich habe Angst, vor der U-Bahn, vor fremden Leutenund Ländern. Ich habe Angst, das Falsche zu sagen, die falschenKlamotten zu tragen. Und deswegen liebe ich die Kunst. In derKunst brauche ich keine Angst zu haben. In der Kunst ist alles erlaubt.“Tobias HaberlFOTO: FOTOAGENTUR VISUMHAMBURG – DAS MAGAZIN DER HANSESTADT 30

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