Indikationen und Kontraindikationen

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Indikationen und Kontraindikationen

PRAXISÜbersichtsartikel Praxis 2005; 94: 1555–1560 1557Tab. 2: Phasen und Symptome des Alkoholentzugssyndroms [27]Akuter Alkoholentzug 0–48 Stunden • Milde AgitationFrüher oder milder Entzug• Angst• Anorexie• Insomnie• Psychomotorische Unruhe• Zittern• KrampfanfälleSpäter oder schwerer Entzug 24–150 Stunden • Extreme Hyperaktivität• Verwirrtheit• Desorientiertheit• Gestörte SinneswahrnehmungPost-Alkoholentzug 3–12 Wochen • Angst, Depression, Ermüdung• Reizbarkeit, Feindseligkeit• Schlafstörungen, Alpträume• Schwitzen, Zittern, Herzklopfen, Verstopfung• Kopfschmerzen, SchwindelDiese protrahierte Entzugsperiode ist behandlungsbedürftigund beruht u.a. auf folgendenFakten [16]:● Ängstlich-depressive Symptome bildensich als psychopathologische Entzugssymptomeoft erst zwischen dem 10. und24. Tag nach Trinkende deutlich zurück[17].● Wochen nach Entzug zeigen Alkoholkrankenoch erhebliche Veränderungender Schlafarchitektur [18].● Kognitive Leistungsminderungen sindnoch nach Wochen und Monaten nachweisbar[19,20].● Es besteht während Wochen eine erhöhteStressanfälligkeit [21].● Die Normalisierung pathologischer Laborparameterdauert nach Trinkendei.d.R. 2–5 Wochen [22].● Zirka 2 Wochen nach Alkoholentzug beginntsich ein erhöhter systolischer Blutdruckzu normalisieren [23].● Noch 3 Wochen nach Entzug bestehteine Störung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse[24].● Auch Störungen der Hypothalamus-Hypophysen-Gonaden-Achsesind nochnach 3 Wochen vorhanden [25].● Der Glukosestoffwechsel im Hirn bessertsich erst 16–30 Tage nach Konsumstopp[26].● Bei später rückfälligen Patienten ist gegenüberAbstinenten noch 8 Tage nacheiner Entgiftung eine verzögerte Anpassungder dopaminergen Reizübermittlungnachweisbar [25].Die Durchführung desambulanten EntzugsVoraussetzungen und RahmenbedingungenVerschiedene Voraussetzungen müssen inder hausärztlichen Praxis erfüllt sein, damitein ambulanter Alkoholentzug durchgeführtwerden kann und darf. Dazu gehören:● Genügend Zeitreserven, die es demHausarzt erlauben, den Patienten in derersten Woche bei Bedarf auch täglich zusehen.● Möglichkeit, therapeutische Gesprächezu führen. Gespräche dienen einerseitsdem gegenseitigen Informationsaustauschzwischen Arzt und Patient. Siesollen anderseits auch stets der Motivationdes Patienten zur Einleitung weiterführenderMassnahmen dienen. In derPraxis bewähren sich dabei die Grundprinzipiendes Motivational Interviewing[27].● Möglichkeit zu Hausbesuchen für denFall, dass sich der Allgemeinzustand desPatienten so drastisch verschlechtert,dass dieser sich nicht mehr in die Praxisbegeben kann.● Kontakt des Hausarztes zu einer verlässlichenBezugsperson des Patienten. DieseBezugsperson sollte über die getroffenenAbmachungen, insbesondere dieMedikation und die Konsultationstermine,informiert sein. Sie sollte eineminimale Überwachung, v.a. nachts, gewährleistenkönnen.● Die oben beschriebenen Screening-Instrumente(LARS, MALT, AES) solltenvorhanden sein.● Die Möglichkeit von Atemluftkontrollenmuss gegeben sein. Wo ein entsprechendesGerät in der Praxis nicht vorhandenist, muss die Zusammenarbeit mit einerregionalen Fachberatungsstelle gesuchtwerden.● Das geplante Procedere sollte wenn immermöglich schriftlich festgehaltenwerden und der Patient sollte sich mitUnterschrift zur Einhaltung der Vereinbarungenbereit erklären.● Es bewährt sich, mit dem Alkoholentzugzu Wochenbeginn anzufangen. Damitkann eine Häufung von Komplikationenund Notfalleinsätzen am Wochenendevermieden werden [14].KontrollenAn Kontrollen sind anlässlich der täglichenKonsultationen im Wesentlichenzwei Bereiche wichtig:● Atemluftkontrolle: Mit der Atemluftkontrollekann zumindest ein massiver Alkoholkonsumnachgewiesen beziehungsweiseausgeschlossen werden. Völlige Sicherheitist allerdings nicht gegeben, damöglicherweise konsumierter Alkohol bereitswieder ausgeschieden worden seinkann. (Die Atemluftkontrolle wird vermutlichin Zukunft an Bedeutung verlieren,da in Bälde mit der Einführung einesTests zur Bestimmung des Ethylglucuronids,eines mit dem Urin ausgeschiedenenAlkoholmetaboliten, gerechnet werdenkann [28]. Dieser Marker soll 12–50 Stundennach Alkoholkonsum positiv sein).Die Bedeutung eines möglichen Alkoholkonsumsist wegen möglicher Interaktionen(v.a. Atemdepression, hypotoneKrisen) mit Entzugsmedikamentenbesonders gross.● Kontrolle und Rating der Entzugssymptome:Am besten wird dafür die AES-Skalaeingesetzt. Die standardisierte Erfassungder Entzugssymptomatik ist für dietägliche Anpassung der Medikation notwendig,eventuell aber auch für den Entscheid,den ambulanten Entzug abzubrechenund den Patienten in einen stationärenEntzug zu überweisen.

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