Erinnerungen sind wie Schneeflocken

Maruschya

Eine Geschichte zur Wintersonnenwende

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Erinnerungen sind wie Schneeflocken

Feine weiße Wölkchen stoben hoch und lösten sich glitzernd auf, als Walburga

benommen den Schnee von ihrer Jacke Klopfte. Irritiert sah sie an sich herunter.

Alles von einer zarten Flockenschicht bedeckt! Mit einem ungläubigen

Kopfschütteln seufzte sie auf und tastete, ohne dass sie sich dessen bewusst war,

mit den eiskalten Fingern über die dicke Strickmütze, als müsste sie sich

vergewissern, dass alles wirklich noch da war, wo es hingehörte. Schnee rieselte

ihr dabei auf Nase und Wimpern, so dass sie zwinkern musste, als sie ihre

Umgebung in Augenschein nehmen wollte.

Rund herum Bäume mit schwer herabhängenden Ästen, alles dick weiß

verschneit! Und sie saß mitten in einer Schneewehe am Rande eines kleinen

Grabens! Walburga konnte das alles gar nicht verstehen. Wie lange mochte sie

wohl hier hocken? Wie war sie hier her gekommen, – und wo war sie überhaupt?

Ach, wenn ich mich doch bloß erinnern könnte …, dachte sie verzweifelt. Aber

es war alles wie ausradiert! Sie konnte sich noch so sehr das Hirn zermartern, es

half nichts! Ein Schluchzer steckte ihr in der Kehle fest, wie schon so manches

Mal. Was ist nur los mit mir? Warum lässt mich mein Gedächtnis in der letzten

Zeit so oft im Stich? Ist das normal, wenn man alt wird?

Nach ein paar Minuten, in denen sie mühsam versuchte, sich einen Reim auf

das Ganze zu machen, kroch sie schließlich stöhnend auf allen Vieren durch den

Schnee bis zu einer hohen Fichte, um sich an ihrem Stamm hochzuziehen, denn

ganz ohne Stütze schaffte sie es nicht mehr. Der Rücken machte nicht mit! Aber

wenigstens hatte sie sich anscheinend nicht verletzt, als sie in den Schnee

gefallen war!

Es nützt ja nichts, sprach sie sich selber Mut zu, ich laufe jetzt einfach los!

Irgendwo werde ich schon rauskommen aus dem Wald. Dann drückte sie die

Hände in den Rücken, um sich gerade aufzurichten und reckte den Kopf nach

oben. Na, zum Glück war es noch nicht dunkel! Aber ein stahlfarbener Himmel

überspannte die Baumkronen. Es sah nach neuem Schneefall aus, das war gar

nicht gut!

„Komm, Walli, wir laufen jetzt los!“. Als sie die Stimme in der tiefen Stille des

Winterwaldes hörte, erschrak sie. Fange ich jetzt schon an, mit mir selbst zu

sprechen – oder habe ich da eben jemand anderen gehört? Reglos lauschte sie,

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ob da noch mehr käme, aber nein, es mussten wohl doch ihre eigenen Worte

gewesen sein! Seufzend stapfte sie los.

Während sie vorsichtig einen Fuß nach dem anderen hob und nur langsam

vorankam, weil sie auf keinen Fall noch einmal stürzen wollte, schweiften ihre

Gedanken ab. Erinnerungsfetzen tauchten auf. Früher hatte sie den Winter

geliebt! Daheim als Kind war die Zeit um die Weihnachtstage immer besonders

schön gewesen, wenn die Familie das Fest der Wintersonnenwende

vorbereitete. Vor Walburgas Augen tauchte die Gestalt ihrer Mutter auf, wie sie

der kleinen Tochter vor dem knisternden Feuer in der winzigen Stube von den

Raunächten und den Geistern des Winters erzählt hatte. Ganz klar hatte sie noch

Mutters Stimme im Ohr: „Die Nacht des einundzwanzigsten Dezembers, die

Thomasnacht, ist die Allerwichtigste! Sie ist die längste Nacht im Jahr, und mit

ihr geht die Macht der Dunkelheit zu Ende! In dieser Nacht feiern wir die

Wiedergeburt des Lichts und begrüßen die Geister, die uns endlich die Sonne

und das Leben zurück bringen!“

Plötzlich hielt die alte Frau inne und schnüffelte. Waren da nicht eben noch

Schwaden von würzigem Honig-Kräutertee und deftigem Festtagsessen in ihre

Nase gestiegen? Das Wasser lief ihr im Mund zusammen und der Magen meldete

sich knurrend. Aber sie nahm nur noch Frost und Kälte in der Luft wahr. Immer

schon hatte sie gefunden, dass Schnee irgendwie silbern roch. Das habe ich doch

als Kind so sehr gemocht, versicherte sie sich selbst, um nur nicht mehr an Essen

zu denken. Walli, reiß dich zusammen, das sind doch nur die Erinnerungen,

schimpfte sie sich aus, nun mach schon, dass du weiterkommst! Wenn es dunkel

wird, bist du verloren …


Einige Kilometer entfernt war einige Zeit zuvor eine junge Frau kopflos über

den Parkplatz des Supermarktes gerannte. Wo war Mutter bloß geblieben? Sie

hatte doch nur an der Kasse schnell kehrt gemacht, weil sie etwas vergessen

hatte, und ihrer Mutter eingeschärft, dort auf sie zu warten! Als der

Einkaufswagen dann aber allein vor der Kasse stand, hatte sie sofort das Personal

alarmiert, und zusammen hatten sie die Gänge nach der verschwundenen alten

Dame abgesucht. Aber da war sie nirgends!

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„Der Parkplatz!“, schoss es Julia durch den Kopf, „Wenn Mutter nun raus

gegangen ist und unser Auto nicht wiederfindet? Sie weiß doch meistens nicht,

wo sie ist!“ Und so stürmte sie los, sprach alle Menschen an, die auf dem riesigen

Parkplatz unterwegs waren. So verzweifelt wirkte sie, so eindringlich beschrieb

sie das Aussehen ihrer Mutter, dass jeder ihr betroffen zuhörte. Aber niemand

konnte sich an sie erinnern! Julia stiegen die Tränen in die Augen, als sie sich

ausmalte, was der kleinen alten Frau, die so unselbständig war, alles passieren

konnte. Orientierungslos, durchgefroren und voller Angst musste die Mama

sein! Wenn es nur nicht noch schlimm ausging … Sie verbot sich, den

aufkommenden Gedanken an einen Sturz oder einen Unfall nachzugehen. Nein,

sie musste jetzt einen kühlen Kopf behalten! Die Polizei informieren! Ja, da war

das nächste, was sie jetzt tun sollte!

Der Beamte in dem Ein-Raum-Revier der kleinen Gemeinde hörte sich die

ganze Geschichte an und meinte dann: „Ja, ich werde den Kollegen die

Beschreibung durchgeben und sie anweisen, die Augen offen zu halten. Aber

eine Vermisstenanzeige können wir jetzt noch nicht aufnehmen. Es ist doch

gerade erst passiert! Vielleicht ist sie zu Bekannten gegangen, oder in ein

anderes Geschäft. Warten Sie mal eine Weile, Ihre Mutter taucht bestimmt bald

wieder auf! Außerdem habe ich gar nicht genug Leute, um eine gezielte

Suchaktion zu starten.“ Und damit war die Angelegenheit für ihn erst mal

erledigt.

Julia schäumte vor Wut. War das tatsächlich alles, was die Polizei, dein Freund

und Helfer, tat? Bei Verlassen des Reviers stieß sie mit zorniger Kraft ihren Fuß

in einen zusammen geschobenen grauen Schneehaufen neben der Tür. Autsch,

war das hart! Der schmutzige Matsch musste inzwischen gefroren sein, und ihr

Fuß schmerzte nach dem Tritt, so dass sie nur humpelnd zum Auto zurück

konnte. Schnaufend stieg sie ein und legte, von der Flut der verschiedenen

Gefühle erschöpft, Arme und Kopf auf das Lenkrad. So blieb sie eine Weile sitzen,

um wieder zu klarem Verstand zu kommen. Dann startete sie den Wagen und

beschloss, zunächst einmal ganz langsam durch die Nebenstraßen um den

Supermarkt zu fahren, in immer größeren Kreisen. Denn weit konnte ihre

schwächliche, verwirrte Mama ja noch nicht gekommen sein!


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Im Wald war ein leichter Wind aufgekommen, und feiner Schnee wehte von

den Bäumen. Walburga musste immer öfter anhalten, um sich auszuruhen, denn

die dicke weiße Decke auf dem Waldboden machte das Gehen zur Qual. Ab und

zu schaute sie dabei besorgt nach oben. Noch hatte kein neuer Schneefall

eingesetzt … Aber der Himmel hing schwer und bleigrau über dem Wald.

Sie hatte Angst. Angst, zu erfrieren, sobald sich die Dunkelheit und damit die

Kälte über den Wald senken würden. Angst, sich total zu verlaufen, sollte es

wieder schneien. Angst, hinzufallen, wenn die Dämmerung es schwerer machte,

zu sehen, wohin sie die Füße setzte. Angst, den Mut und die Kraft zum

Weitergehen zu verlieren. Angst, zu vergessen, was sie vorhatte!

Es knirschte unter ihren Sohlen, als sie sich nach einer kleinen Pause

weiterquälte. Jeder neue Schritt erschien ihr jetzt schwerer, nur noch

automatisch setzte sie einen Fuß vor den anderen. Das Denken, auch die

Erinnerungen, hatten schon längst aufgehört. Geblieben war nur noch

Verzagtheit! Bald schon war sie wieder außer Atmen von der Anstrengung und

blieb stehen, um sich umzuschauen. Aber ein Ende des Waldes schien nicht in

Sicht!

Ein panischer Gedanke durchzuckte sie: „Vielleicht bin ich ja im Kreis

gelaufen!“ Dann sah sie in einiger Entfernung eine mächtige Tanne vor sich,

deren Zweige soweit auf den Boden herab hingen, dass darunter ein Kreis voll

brauner Nadeln statt des all gegenwärtigen Schnees erkennbar war. Bis dorthin

muss ich es schaffen! Da ist es ein wenig geschützt vor dem eisigen Wind, und

von unten kommt auch nicht so viel Kälte hoch. Ja, da werde ich mich ein

Weilchen ausruhen!

Dieser Plan gab ihr neue Kraft, und sie stiefelte keuchend los. Als sie endlich

unter der Tanne angekommen war, wickelte sie sich den breiten,

selbstgestrickten Schal vom Hals, zog den Reißverschluss der Winterjacke ganz

hoch bis zum Kinn und fummelte in ihrer großen altmodischen Handtasche

herum, bis sie tatsächlich die Einkaufstüte aus Plastik gefunden hatte, nach der

sie gesucht hatte. Dann legte sie die Tüte auf den braunen Waldboden, faltete

den Schal ein paar Mal und packte ihn schließlich oben drauf. So, jetzt kann ich

mich wenigstens hinsetzen und verschnaufen, bis ich Kraft zum Weitergehen

habe, dachte sie erleichtert.

Trostlos starrte sie von ihrem geschützten Plätzchen aus in das blendende

Glitzern ein paar Meter weiter. Die Augen fingen bald an zu tränen, und der Blick

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egann zu verschwimmen. Schlaf bloß nicht ein, rief sie sich zur Ordnung und

zwinkerte, um sich wach zu halten.

Da! Bewegte ich da hinten bei den frostüberzogenen Birken nicht etwas?

Walburga wischte sich die kalten Tränen aus den Augen und versuchte, genauer

hinzuschauen. Kam da vielleicht Hilfe? Es konnte ja sein, dass ein Waldarbeiter

hier draußen zu tun hatte!

Aber aus dem sanft stiebenden Schnee trat kein Mensch heraus – sondern ein

mächtiger weißer Hirsch mit ausladendem Geweih!

Nein, das glaube ich jetzt nicht, dachte die alte Frau fassungslos. Rehe, Hirsche,

ja, mit denen muss man wohl im Wald rechnen, aber ein weißer Hirsch …?

Das schöne Tier blieb reglos stehen und sah zu ihr herüber. Wie gebannt

betrachtete sie ihn. Vergessen waren Kälte und Angst. Stattdessen machten sich

Faszination und Erinnerungen in ihr breit. Eine märchenhafte Geschichte ihrer

Mutter erklang in ihr, die immer zur Thomasnacht erzählt wurde.

„Du weißt ja, kleine Walli, dass dieser Nacht ein besonderer Zauber

innewohnt! Die Geister des Lichts schwirren herum und vertreiben die Wesen

der Dunkelheit, die sich vom Tag der Herbstsonnenwende an der Erde

bemächtigt haben. Wenn du in der Dämmerung und erst recht in der Nacht mit

reinem Herzen und voller Achtsamkeit durch die Natur gehst, kannst du hell

schimmernde Elfen und strahlenumkränzte Feen sehen, die von unzähligen

Glühwürmchen begleitet werden. Sie bereiten dem Licht den Weg. Die Zeit der

Finsternis dauert nie ewig. Und ganz wenige auserwählte Menschen haben das

Glück, dem König der Lichtgeister zu begegnen: dem schneeweißen Hirsch! Wer

ihn sieht, der steht unter einem ganz besonderen Stern im Leben, und er darf

sich vom König der Lichtwesen etwas wünschen. Also, meine Kleine, pass gut auf,

wenn die Thomasnacht naht – und denke daran, der Natur und dem Leben

immer die gebührende Achtung entgegen zu bringen …“

Walli hatte verzückt an den Lippen ihrer Mutter gehangen, wenn sie diese

Geschichte erzählte. Ach, wie hatte sie jedes Jahr als Kind darauf gewartet, all

diese magischen Wesen zu erspähen! Manchmal war sie dann in der

Thomasnacht ganz heimlich von daheim fort und in den Wald gelaufen in der

Hoffnung, dem weißen Hirsch zu begegnen. Aber nie hatte sich diese Sehnsucht

erfüllt! Geblieben jedoch war der Traum immer.

Auf einmal zuckte Walburga zusammen und kam aus ihren Erinnerungen

wieder in die Wirklichkeit zurück. Wie lange mochte sie wohl geträumt haben?

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Es war schon etwas dunkler geworden, aber aus dem Zwielicht hob sich jetzt das

weiße Tier umso deutlicher hervor. Ein Funkeln wie von silbernen Sternen schien

ihn zu umgeben. Und der Hirsch schaute sie ganz direkt an!

Bin ich vielleicht am Erfrieren? Da soll man doch Erscheinungen sehen…,

durchfuhr es sie schreckhaft. Oder erfüllt sich mir jetzt, wo ich so alt geworden

bin, mein Kindertraum? Kann es denn sein, dass die Geschichten meiner Mutter

wirklich nicht nur einfach Märchen waren?

Aufgeregt kratzte sie sich unter der Mütze in den Haaren und überlegte

angestrengt, welcher Tag es denn wohl war. Ach, es war wirklich schlimm, wenn

man so ein schlechtes Gedächtnis hatte! Aber plötzlich fiel ihr ein, dass ihre

Tochter morgens gesagt hatte: „Mama, wir müssen beide zum Einkaufen, nur

noch vier Tage, bis es Heilig Abend ist, und wir haben noch allerhand zu tun!“

Ja, aber dann … dann ist ja heute die Thomasnacht, erkannte sie mit freudigem

Staunen. Und eine heilige, ehrfurchtsvolle Stille durchströmte sie und erfüllte

ihr Herz mit heimeliger Wärme. Auf einmal war in ihrer Welt alles ganz klar,

wunderschön und leicht.

Zunächst zögerte sie noch, denn so ganz traute sie sich nicht, aber dann nahm

sie all ihren Mut zusammen und sprach den weißen Hirsch mit zittriger Stimme

an: „Verzeih, wenn ich einfach so das Wort an dich richte, du König der

Lichtwesen. Ich entbiete dir meinen respektvollen Gruß! Sag mir doch bitte eins

nur: Bist du es wirklich? Ich habe schon viel von dir gehört und so lange auf dich

gewartet…“

Das prächtige Tier neigte erhaben seinen Kopf, senkte das Geweih wie zum

Gruße und antwortete dem Menschenwesen: „Ja, Walburga, ich bin es! Ich

kenne dich. Auch weiß ich genau, dass du als Kind ganz fest an mich geglaubt

hast. Und ich habe auch mitbekommen, dass du diese Überzeugung an deine

Enkel weitergegeben hast, so dass das alte Wissen um die magischen Kräfte des

Lebens nicht verloren geht. Deshalb gewähre ich dir heute, in der

geheimnisvollen Nacht der Wintersonnenwende, einen Wunsch! Zögere nicht,

du darfst frei heraus sprechen!“

Und so kam es dann, dass in eiskalter, sternenbeglänzter Nacht ein mystisch

leuchtender weißer Hirsch mit einer alten Frau auf seinem Rücken durch den

Winterwald schritt. Erst am Rande einer kleinen Wiese hielt er an und ließ seine

Reiterin hinabgleiten. „So, meine liebe Walburga, die letzten Schritte schaffst du

allein. Vor dir siehst du das Forsthaus. Dort bist du sicher! Ich bewundere deinen

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Mut und deine innere Kraft. So mancher hätte einfach aufgegeben! Und ich

danke dir für deine lebenslange Treue zum alten Wissen, die dazu beiträgt, dass

die Magie des Lebens und der Träume in dieser nüchternen Welt nicht ganz

stirbt. Ich wünsche dir noch viele glückliche Tage. Und gib nie auf, was immer

auch kommt! Egal, was die anderen sagen: du hast eine Seele voller Stärke und

Liebe, deshalb möge der innere Frieden stets mit dir sein …“

Nach diesen Worten drehte er sich um und verschwand in den grauen Schatten

der Bäume.

Walburga aber ging frohen Mutes zum Forsthaus und klopfte beherzt an die

Tür. Ein zerfurchter, kräftiger Mann mit strubbeligen grauen Haaren, bekleidet

mit einem Schlafanzug, öffnete ihr und starrte sie entgeistert an, was ja kein

Wunder war, in tiefster Nacht und mitten im Wald!

Als ihm, schlaftrunken, wie er war, klar wurde, wie durchgefroren die kleine

Frau sein musste, die da so unerwartet bei ihm aufgetaucht war, zog er sie erst

mal in die warme Stube. „Die kalten Sachen ziehen Sie wohl besser aus! Ich hole

Ihnen den kuscheligen dicken Bademantel meiner Frau, die zurzeit bei unseren

Kindern ist. Die Füße können Sie sie in ihre warmen Socken und Filzhausschuhe

stecken. Dann gibt es erst mal einen schönen heißen Tee – wenn Sie mögen, auch

gern mit einem Schuss Rum! Und dann, wenn Sie ein bisschen aufgetaut sind,

bitte ich Sie um Ihre Geschichte. Ich bin ich wirklich sehr gespannt darauf, was

Sie zu dieser Uhrzeit an meine Tür geführt hat!“

Walburga fasste sofort Vertrauen zu diesem freundlichen Mann und nahm all

seine Angebote dankbar an. Als beide schließlich gemütlich vor dem bollernden

Kaminofen saßen und die zweite Tasse Tee mit Rum die Atmosphäre gelockert

hatte, bekam der Förster eine für manch anderen Menschen unglaubliche

Geschichte zu hören, denn Walburga erzählte ihm ihre Erlebnisse ohne Scheu.

Aber der stämmige Mann, der brummig aussah wie ein Bär, war eben nicht wie

jeder andere! Er nickte hin und wieder bestätigend, als es um die Bedeutung und

die Geheimnisse der Thomasnacht ging. Nicht einmal die wundersame

Begegnung mit dem weißen Hirsch entlockte ihm eine ungläubige Reaktion.

Als Walburga zum Ende ihrer Erzählung gekommen war und sich entspannt in

den Sessel einkuschelte, murmelte er nur: „Ja, ich weiß über all das Bescheid! Ob

Sie es mir glauben oder nicht, auch ich bin dem weißen Hirsch schon einmal

begegnet. Aber ich habe zu niemandem etwas davon gesagt! Die meisten

behandeln einen bei solchen Dingen ja doch nur, als sei man nicht ganz bei

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Verstand! Sie jedoch sind eine verwandte Seele, die auch das versteht, was

hinter der „Normalität“ liegt, und deshalb wissen Sie es nun als Einzige.“

Nach einer gewissen Zeit des Ausruhens schlug er seinem Gast vor, ihre Tochter,

von der die alte Dame kurz gesprochen hatte, anzurufen. Walburga aber konnte

sich nicht an deren Telefonnummer erinnern. Alles, was sich vor ihrem Erwachen

in der Schneewehe abgespielt hatte, war wieder im weiten Meer des Vergessens

versunken. Zum Glück fand der hilfsbereite Förster einen Zettel mit der Nummer

in der Handtasche der inzwischen in ihre eigenen Welt abgetauchten Frau.

Wenig später klopfte es erneut an die wuchtige alte Eichentür. Die völlig

aufgelöste Julia stürmte herein und packte ihre Mutter bei den Schultern.

„Mama! Mensch, was hast du denn wieder angestellt? Ich habe mir solche

Sorgen gemacht! Und Helmut war auch fast wahnsinnig vor Angst um dich. Wir

konnten ja nach unserer erfolglosen Suche nichts anderes mehr tun, als daheim

zu warten und zu hoffen, dass dich jemand findet und zurück bringt! Wie

konntest du bloß einfach ausreißen!“ Dann jedoch nahm sie ihre Mutter ganz

fest in die Arme und streichelte ihr liebevoll übe die Haare.

Als der Förster der jungen Frau die verkürzte Version von Walburgas

winterlichem Abenteuer erzählte, wobei er selbstverständlich den Teil mit dem

weißen Hirsch und der Thomasnacht ausließ, erklärte Julia ihm entschuldigend:

„Meine Mutter leidet seit einiger Zeit an Demenz, es wird immer schlimmer.

Vieles hat sie schon vergessen, selbst ihr Kurzzeitgedächtnis lässt nach. Dafür

denkt sie sich aber gerne Sachen aus, die sie selbst für wahr hält. Manchmal weiß

ich gar nicht, woran ich mit ihr bin. Leider verliert sie mehr und mehr den Bezug

zur Wirklichkeit! Ich hoffe, sie hat Ihre Geduld nicht mit Fantasiegeschichten

strapaziert.“

Schweigend sah der Mann sie an, lächelte dann versonnen und brummelte:

„Nein, Sie können beruhigt sein. Ihre Mutter hat mir keine Fantasiegeschichten

erzählt …“

Derweil saß die, um die es ging, entrückt strahlend im Sessel. Sie hatte einen

Teil ihres Lebens, ihre Kindheit, zurückgeholt und damit das Licht und den

Frieden für sich gefunden. Nun gab sie sich den kostbaren Erinnerungen hin,

bevor auch diese vielleicht bald schmelzen würden wie Schneeflocken

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© Dezember 2016 Maruschya Markovic

Coverelemente: www.pixabay.com

Covergestaltung: Maruschya Markovic

www.maruschyamarkov.jimdo.com

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