Gedenkschrift 2018-Endfassung

cindev

1938

vor 80 Jahren

Gedenkschrift

C H R ISTLICHE

Israelfreunde

N O R D D E U T S C H L A N D - H A M B U R G e . V.

zum 7. Treffen

der Christlichen

Israelfreunde Norddeutschland

am internationalen

Holocaustgedenktag

27. Januar 2018


„Der Flath-Altar“ der Marktkirche in Hamburg-Poppenbüttel wurde von dem Künstler und Schnitzer

Otto Flath, Bad Segeberg, in den frühen 50ger Jahren geschaffen und von dem Kirchengemeindevorstand

erworben. Interessanterweise bevor das Kirchengebäude erstellt war.

Ab 1938 können Juden nicht mehr Mitglieder der Evangelischen Kirche werden. Der kirchliche Arierparagraph

wird in den meisten evangelischen Kirchen auch auf die bloße Mitgliedschaft ausgedehnt

(in Thüringen z. B. ab dem 10.2.1939). Das evangelische Programm der "Judenmission" wird damit allmählich

eingestellt. In evangelischen Landeskirchen wird stattdessen damit begonnen, evangelisch

getaufte Juden auszuschließen. Weiterhin wurde 1938 in der Führungsetage der Nazi – Ideologen darüber

nachgedacht ein Zeichen einzuführen, um Juden zu kennzeichnen und somit gesellschaftlich auszugrenzen.

(s. "Daten der Geschichte", S. 8)


Inhalt

Verfasser/

Autoren

Seite

Nachdenkliches

„Was ihr in Memoriam macht ist ein „Kiddush Hashem“, eine Heiligung seines NAMENS“

Theologische Besinnung zum Verhältnis von Christen und Juden gestern und heute

Christen und Juden, eine belastete Beziehung

1938 vor 80 Jahren. Daten der Geschichte aus Kirche und Staat mit weitreichenden Folgen

Der Treueeid der Pastoren auf Hitler

Die Kennzeichnung und somit sichtbare Ausgrenzung der Juden mit dem Judenstern

Zwischen „Führerprinzip“ und Luthertum

Die Altonaer Judenkartei

„500 Jahre Reformation: Es gilt nicht nur zu feiern“

"Martin Luther und die Juden – Notwendige Erinnerung zum Reformationsjubiläum“

Luthers Theologie aus israeltheologischer Perspektive

Verdrängung, Verdruss, Verantwortung? Kriegsurenkel und der lange Schatten unserer Vergangenheit

Aufarbeitung - Was machte der Großvater in der Nazizeit?

Bildnis vom Flath-Altar

Kein Platz für Judenchristen - das Ende naht - 1935

Bußbekenntnis - eine Handreichung für die Gemeinden

Eine alte tiefe Wunde

Antisemitismus - die Angst der Juden in Deutschland wächst

Israel - die Verheißungen erfüllen sich

Die Erfüllung prophetischer Aussagen in unseren Tagen

Premierminister Netanjahu in Brüssel

Mossab Hassan Yousefs Rede vor den UN-Menschenrechtsrat

Die Obsession der UNO gegen Israel

Israelsonntag

Die Einheit von Juden und Nichtjuden

Themen des 7. Israeltages

Das Königreich Gottes

Antisemitismus in neuer Gestalt - Gefahren erkennen ... Verantwortung übernehmen

70 Jahre Israel - Warum diese Zahl so symbolisch ist

Wann und wie mit Kindern in Deutschland interkulturell zur Shoa arbeiten

Wo war Gott während des Holocausts?

Was hat der Holocaust heute noch mit mir zu tun?

Arbeit der christlichen Israelfreunde

Beispiele aus unseren Tätigkeitsbereichen

Wo sind wir mit unserem Anliegen präsent?

Marsch des Lebens

Helfen und Heilen

„Helden des Alltags“

Impulse // Impressum

Warum gehört Israel in unser Glaubensbekenntnis?!

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Michael Dierks

Dr. Yehuda Bohrer

Friedrich Quaas

Prof. Klaus Wengst

Tobias Krämer

Rasmus Rahn

Jurek Schulz

Benjamin Berger

Christian Unger

Dr. Arthur Falk

Anne - Marie Cejp

Horst Krüger

Alyosha Ryabinov

Jurek Schulz

Uwe Seppmann

Frank Scheerer

Luba Gohr

H. u. E. Kaasmann

Michael Dierks

Klaus Arle

Friedrich Quaas

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Nachdenkliches

Was weiß ich vom jüdischen Hintergrund des Königs der Juden?

Ist Jesus denkbar ohne Israel?

Als König der Juden gestorben, auch für mich und Dich.

Jahrhundertelang gelehrte Judenfeindschaft hat uns blind gemacht.

Sie haben uns sein Jude-Sein, die ewige Erwählung seines Volkes -

mit allen Verheißungen -

ja die Bedeutung Israels, auch des Staates in den Augen Gottes,

ignorieren und vergessen lassen.

Sogar als in unserem Land das Leben des jüdischen Volkes bedroht war

hat auch meine Kirche ihre Mitglieder jüdischer Herkunft

ausgeschlossen und bewußt der Verfolgung ausgeliefert.

Und das alles trotz des Wortes Jesu:

„DAS HEIL KOMMT VON DEN JUDEN" (Joh. 4,22).

Und heute?

Da weltweit und auch überall in Europa sich wieder antisemitisches

Denken breit macht

und unsere jüdischen Brüder und Schwestern wieder

ihren Notkoffer für die Flucht,

die Aliya, bereit halten müssen, fragen wir:

Was macht das mit mir, mit uns?

Leben wir als eingepfropfte Zweige in der Verbindung zum

edlen Ölbaum Israel, getragen von seiner Wurzel?

Stehen wir solidarisch zu Israel?

"Wer hat des HERRN Sinn erkannt?" (Römer 11,34)

EIN RUF:

Notwendig ist

die Umkehr zum Gott Israels!

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Vorwort

„Was Ihr in Memoriam macht ist ein „Kiddush Hashem“, eine

Heiligung seines NAMENS.“

Dr.Yehuda Bohrer, orthodoxer Rabbiner in Bet-El, Israel. Als kleines Kind konnte er gerade noch mit Kriegsbeginn aus

Deutschland nach Israel fliehen. Sein Vater, Dr. Mordecai Bohrer, Rabbiner in Gailingen, kam im KZ Dachau um.

1938 vor 80 Jahren

Dieses Jahr feiern wir unser 7.

Treffen der Christlichen Israelfreunde

Norddeutschlands mit Teilnehmern

aus unterschiedlichen Denominationen.

Das Besondere am

diesjährigen Treffen ist, dass wir uns

zum ersten Mal am internationalen

Gedenktag des Holocausts / der

Shoah treffen. Als mir das bewusst

wurde, begann in mir der innere

Prozess mit der Frage, wie wir

diesen Tag angemessen begehen

können? Welche Themenstellungen

dazu könnten heute für uns im

christlichen Raum von Bedeutung

sein?

Ein Tag des Erinnerns und Ehrung

der Opfer, bzw. ihrer Nachkommen.

Als Tag des Innehaltens und des fragenden

Besinnens bekommt er nochmal

ein besonderes Gewicht, da

zum einen das Jubiläumsjahr "500

Jahre Reformation" endete, das verhängnisvolle

Geschehen der Reichspogromnacht

sich zum 80. Mal jährt

und wir auf den 70.Geburtstag Israels

zugehen.

Viele Gemeindeglieder mit jüdischem

Hintergrund wurden damals

auch aus unseren christlichen Gemeinden

ausgeschlossen und somit

der Verfolgung preisgegeben. "...die

Heimat des Lichts beging an diesem

Tag das nicht mehr Gutzumachende.

Die Kirche brach ihr Wort und lieferte

die, die von ihr beschützt werden

sollten, ihren Henkern aus.“ „Wir behalten

ihnen gegenüber eine unverzeihliche

Schuld.“ Dieses ist ein verkürztes

und abgewandeltes Zitat von

J. Chirac, das er, auf seine Nation

gemünzt, bei einer Gedenkveranstaltung

an der Stelle des ehemaligen

Pariser Radfahrstadions "Vélodrome

d’Hiver", Sammlungsort zur Deportation

der Juden, äußerte.

Das Geschehen des Ausgestoßenwerdens

hatte und hat weitreichende

Auswirkungen. So leben übrigens

auch in unseren Gemeinden

Nachkommen der Familien, die von

dieser Geschichte schwerst traumatisiert

sind. Noch heute fällt es ihnen

schwer, bzw. ist es ihnen unmöglich,

über ihre jüdischen Familienwurzeln

öffentlich zu sprechen. Das durch

Leid entstandene Familiencredo:

"sag bloß nicht, dass du jüdisch

bist!" (Denn dann kann dein Leben

bedroht sein), bestimmt ihr Denken

und Handeln bis zum heutigen Tag.

Als ich dann mit der Zusammenstellung

von Daten aus dem Jahr 1938

begann und Informationen über

Geschehnisse sammelte, die

letztendlich Teil des Auftaktprozesses

zur Shoah waren und die die

Beziehung Juden – Christen/Kirche

schwer belastete, entwickelten sich

in mir verschiedene Fragestellungen:

Kann es sein, dass auch heute

immer noch der jahrtausendalte

kirchengeschichtlich geprägte

Antisemitismus (Antijudaismus)

Auswirkungen hat? Kann es da

hilfreich sein, sich auch Fragen zu

stellen wie: Gibt es immer noch

Auswirkungen theologischer Lehrprägung

in unseren Kirchen, Gemeinden

und Gruppen, die unser Bibelverständnis

von Israel und dem Alten

Testament beeinflussen und die

Bedeutung, die wir dem heutigen

Staat Israel geben?

Da wir seit Generationen dieses Gift

in die "fromme DNA" aufgenommen

haben, ist unser Verständnis der

Bibel, wie auch unser Verhältnis

Juden gegenüber (wenn wir überhaupt

welche persönlich kennen?)

und unsere Sicht vom heutigen

Israel davon stark beeinflusst. Vieles

wirkt nach, ohne dass wir uns

dessen bewußt sind.

• Ja, könnte es sogar einen Zusammenhang

geben zum Phänomen

heutiger massiver Israelkritik, gerade

auch im Raum der Kirche?!

• Wie könnte unser besonderer

Auftrag aussehen, als "Licht und

Salz" unter unseren Mitchristen/

Mitmenschen wirksam zu leben?!

Aktuell sind die inneren Warnlampen

unserer jüdischen Brüder und

Schwestern wieder sensibilisiert, da

in der Mitte unserer Gesellschaft,

wie in den meisten europäischen

Staaten, ja weltweit, der Judenhass

sichtbar und spürbar zunimmt. Hinzu

kommt der Judenhass der Migranten

aus dem islamischen Kulturkreis. Sie

tragen dazu bei, dass heute erneut

bei Anti-Israel Demonstrationen in

deutschen Städten in unerträglicher

Weise wieder "Juden ins Gas!"

gegrölt wird.

Beim Erstellen dieser Gedenkschrift

wurde ich auf 2 kirchliche Dokumente

zum Thema aufmerksam.

Den Kommentar eines Synodentreffens

in Bremen 2015 habe ich mit in

diese Zusammenstellung aufgenommen.

Die im November 2017

veröffentlichte EKD-Broschüre zu

"Antisemitismus" ist über das

Kirchenamt Hannover zu beziehen.

So entstand die vorliegende Zusammenstellung

im Bemühen, Beiträge

anzubieten, die auf unserem Weg

der Nachfolge des Königs der Juden

hilfreiche Impulse geben möchte.

Gerade am Holocaustgedenktag

wollen wir dabei innehalten, der

familiären und kirchlichen Aufarbeitung

Raum geben, auch um die

Opfer und deren Nachkommen zu

ehren (s. Kapitel "Juden-Christen,

eine belastete Beziehung").

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Aber an einem solchen Tag möchten

wir uns auch besinnen und zu Seiner

Ehre bezeugen, wie der Ewige, der

Gott Israels, heute in unseren Tagen

vor unseren Augen handelt. Wir

erleben die Erfüllung jahrtausendjahre

alter Verheißungen (s. Kapitel

" Israel - Verheißungen erfüllen sich")

Denn wie Salomo im Predigerbuch

(1,8 +10 und 3,15) sagt:

"Was war, ist das, was sein wird und

was geschehen ist, ist das, was

geschehen wird.

Und sagt man etwas, was gegenwärtig

ist: "Das ist Neu" - längst ist

es gewesen in den Zeitaltern, die vor

uns gewesen sind. Gott sucht das

Vergangene wieder hervor."

Wir leben in Zeiten der Wiederherstellung.

ER baut Sein Reich.

Michael Dierks,

November 2017 (Hrsg.)

Christliche Israelfreunde

Norddeutschland.HH e.V.

Vorstandsvorsitzender

Theologische Besinnung zum Verhältnis von Christen und Juden

gestern und heute

Friedrich Quaas, Pastor i.R. - Theologischer Berater des CIND-Vorstands

Kirche und Synagoge am Portal des

Straßburger Münsters

Es macht mich immer noch fassungslos,

wenn ich lese, wie die

evang. Kirche in Deutschland in der

Zeit des Nationalsozialismus auf die

Judenverfolgung reagiert hat. Nach

der Verbrennung von Synagogen

und jüdischen Geschäften am 9./10.

Nov. 1938 gab es so gut wie keine

Proteste, im Gegenteil: viele Kirchenführer

begrüßten das Geschehen,

der thüringische Bischof Martin

Sasse sprach sogar von einem

„gottgesegneten Kampf des Führers

zur völligen Befreiung unseres

Volkes.“

Mit dem Brand der Synagogen

wurde dieser Kampf „gekrönt“!

Luthers Schrift „Von den Juden

und ihren Lügen“ (1543) läßt er

nachdrucken und versteht sie als

Rechtfertigung der NS – Maßnahmen

gegen die Juden.

WIE KONNTE ES DAZU

KOMMEN ?

Wir müssen uns heute eingestehen,

dass ohne die jahrhundertealte

christliche Judenfeindschaft

der Holocaust nicht möglich

gewesen wäre. Darauf weisen

auch die Dokumente im Eingangsteil

des Holocaustmuseums

„Yad Vaschem“ in Jerusalem hin.

Ich sehe mehrere Gründe für die

verhängnisvolle Entwicklung der

Beziehung von Christen und

Juden. Ich nenne sie „Erbsünden

der christlichen Theologie“. Ein

Hauptgrund ist die DEUTUNG

DER ZERSTÖRUNG JERUSA-

LEMS im Jahre 70 n. Chr. - durch

die Römer mit der anschließenden

Zerstreuung der Juden in

viele Länder - ALS EIN STRAF-

GERICHT GOTTES über ein

ungläubiges Volk, das seinen

Messias nicht erkannt und zum

Tod am Kreuz gebracht hat

(später Gottesmord genannt).

Der Kirchenvater Augustinus

formuliert diese allgemein

verbreitete Meinung so: “Die

Juden sind unter alle Völker

zerstreut als Zeugen ihrer Bosheit

und unserer Wahrheit.“ Und er fügt

hinzu: „Die Juden haben kein Recht

mehr auf den (Ehren-) Titel `Israel`,

nicht einmal auf den Namen

`Juden`.“ Dazu muss man wissen,

dass Augustinus mit seiner antijüdischen

Haltung – wie andere Kirchenväter

auch - die abendländische

Theologie sehr stark geprägt hat.

Martin Luther ist als Augustinermönch

bei ihm in die Schule gegangen!

Dagegen ist zu sagen, dass

Jesus die kommende Zerstörung

Jerusalems als Ruf zur Umkehr

verstanden hat. Er weint über die

Stadt, weil sie nicht erkannt hat,

„was zu ihrem Frieden dient“ und er

spricht von einer „gnädigen Heimsuchung“

(Luk.19, 41- 44). Und er

kündigt seine Wiederkehr nach

Jerusalem an: “Ich sage euch: Ihr

werdet mich von jetzt an nicht mehr

sehen, bis ihr sprecht: Gelobt sei,

der da kommt im Namen des

HERRN“ (Matth. 23, 39). Für Paulus

ist dieses zweite Kommen Jesu zu

seinem Volk die Rettung „ganz

Israels“: Aus Zion wird der Erlöser

kommen, der alle Gottlosigkeit von

Jakob abwenden wird und das ist

mein Bund mit ihnen, wenn ich ihre

Sünden wegnehmen werde.“ (Röm.

11, 26 f).

Die Diaspora ist für Israel nicht nur

Strafgericht. In der Diaspora ist

Israel - nach der Zerstörung des

1.Tempels - zum Zeugendienst für

den einen und wahren Gott berufen:

„Ihr seid meine Zeugen, spricht der

HERR, und ich bin Gott... Wendet

6


euch zu mir, aller Welt Enden, denn

ich bin Gott und sonst keiner mehr...

Mir sollen sich alle Knie beugen und

alle Zungen schwören und sagen: Im

HERRN habe ich Gerechtigkeit und

Stärke.“ (Jes. 43, 12 u. 45, 22 f). Die

Diaspora Israels wurde - nach der

Zerstörung des 2.Tempels - für die

Heiden zum Segen, weil auf diese

Weise das Evangelium in Kleinasien

und Europa verbreitet wurde! Paulus

war klar, dass das Evangelium

zuerst den Juden gilt und dann den

Heiden (Röm.1,16).

Diese Reihenfolge geriet bald in

Vergessenheit. Eine verhängnisvolle

zweite Irrlehre macht sich breit, die

sog. ERSATZTHEOLOGIE. Sie

hängt eng mit der Deutung der

Zerstörung Jerusalems als Gottes

Strafgericht zusammen. Luther

formuliert diese Irrlehre so: „Nach

dem neuen Bund sind die Juden

nicht mehr Israel. Die Christen sind

die rechten Israeliten und die neuen

Juden“, anders gesagt: Israel ist

keine heilsgeschichtliche Größe

mehr und für die Kirche ohne

Bedeutung (so der ev. Theologe P.

Althaus 1942). Das bedeutet, dass

auch die Verheißungen für Israel auf

die Kirche übergegangen sind.

Die Warnung des Paulus vor dem

Hochmut der Christen verhallt

ungehört: „Rühmst du dich aber

(gegenüber dem ungläubigen Israel),

so sollst wissen: Nicht du trägst die

Wurzel, sondern die Wurzel trägt

dich“ (Röm.11, 18). Wir sind „eingepfropft“

in den Ölbaum Israel

(Röm.11,17). Das können wir nur

immer wieder in Demut bekennen.

Wir haben Anteil an den Verheißungen

Israels und an seinem ewigen

Bund mit Gott.

Aus der Irrlehre der Ersatztheologie

ergibt sich eine dritte „Erbsünde“:

DIE ABWERTUNG DES ALTEN

TESTAMENTES GEGENÜBER

DEM NEUEN – mit der Unterscheidung

von Gesetz und Evangelium.

Luther: “Die Juden sind nun 1500

Jahre außer Jerusalem im Elend,

dass sie weder Tempel, Gottesdienst,

Priestertum noch Fürstentum

haben. Und liegt also ihr Gesetz mit

Jerusalem und allem jüdischen

Reich in der Aschen, so lange her“

(Aus: Sendbrief „Wider die Sabbater“,1538).

Es ist erstaunlich, was

Luther zum „Gesetz des Mose“ zu

sagen hat: „Das Gesetz des Mose

geht die Juden an, es bindet uns

somit von vorneherein nicht mehr.

Denn dieses Gesetz ist allein dem

Volk Israel gegeben. Ich wollte eher

mein Leben lang nicht mehr predigen,

ehe ich Mose wieder einlassen

und Christus aus meinem Herzen

reißen lassen wollte. Dass aber

Mose die Heiden nicht binde, kann

man aus dem Text des 2. Buch Mose

beweisen, wo Gott spricht: “Ich bin

der Herr, dein Gott, der dich aus

Ägyptenland, aus dem Diensthaus,

geführt habe. Aus diesem Text

ersehen wir klar, dass selbst die

zehn Gebote uns nicht angehen,

denn er hat ja nicht uns aus Ägypten

geführt, sondern allein die Juden“

(aus: Eine Unterrichtung, wie sich

die Christen in Mose sollen schicken).

Kein Gedanke daran, dass Jesus in

der Bergpredigt sagt: „Amen, ich

sage euch: bis Himmel und Erde

vergehen, wird weder der kleinste

Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom

Gesetz vergehen, bis es alles

geschieht.“ Kein Wort davon, dass

die Tora eine heilsame Lehre ist für

alle Menschen, wie Paulus betont in

Röm. 2, 26 “Wenn (sogar) der

Unbeschnittene tut, was nach dem

Gesetz recht ist, meinst du nicht,

dass er dann vor Gott als Beschnittener

gilt?“ (vgl. Röm. 2,14-15).

Jakobus spricht von der „Tora der

Freiheit“ für jeden, der nicht nur

Hörer, sondern Täter ist: “der wird

glücklich werden in seinem Tun“

(Jak.1, 25). Hat nicht Jesus beim

letzten Abendmahl an den Auszug

seines Volkes aus Ägypten gedacht,

als er die Segensworte über dem

Brot und über den Kelch sprach und

seine Hingabe in den Tod als

Befreiung aus der Sklaverei der

Sünde und des Todes deutete? Nein,

einen Gegensatz zwischen Evangelium

und Gesetz kennt die Bibel nicht,

vielmehr ist in beiden Testamenten

Gesetz / Tora und Evangelium zu

finden. Und Tora bedeutet nicht

Gesetz im Sinne eines Strafgesetzbuches,

sondern „Weisung“, Wegweisung

zum Leben. Gott erweist seine

Barmherzigkeit „an vielen Tausenden,

die mich lieben und meine Gebote

halten“

(2. Mose 20, 6).

Die Gnade überwiegt das Gericht.

„Das aber heißt: Die Tora kann nicht

dem Evangelium gegenübergestellt

werden, vielmehr: Tora i s t Evangelium,

i s t gute Botschaft“ ( Klaus-

Wengst: „Christsein mit Tora und

Evangelium", S.163)

Umkehr von den Irrwegen christlicher

Lehre aus 2000 Jahren

Aus alledem ergibt sich, dass wir

uns als Christen von diesen

„Erbsünden“ lossagen und

umkehren müssen von den

Irrwegen der Vergangenheit. Das

aber nicht nur um unseretwillen,

sondern auch um Israels willen.

Michael BROWN schreibt in seinem

lesenswerten Buch „Unsere Hände

sind mit Blut befleckt“ folgendes:

„Jesus weint noch immer über

Jerusalem.

Es kann keinen Zweifel geben: er

„litt“ mit seinem Volk... Sollten wir da

nicht auch mit ihm leiden? Wie soll

Israel seinen gekreuzigten König

erkennen, wenn es ihn nicht vorher

in uns erkennt? Zuerst muss die

Kirche Tränen vergießen. Lasst uns

h e u t e trauern und weinen, damit

Israel m o r g e n Buße tun kann.

Dann erst „werden sie mich ansehen,

den sie durchbohrt haben. Und

sie werden um ihn klagen , wie man

klagt um den Erstgeborenen...“

(Sach.12,10). Dann wird unser Herr

Jesus wiederkommen und alles Leid

wird ein Ende haben. Und wenn sich

am Ende das angestaute Weinen vor

Kummer mit dem Weinen vor Freude

vermischt, dann wird der Allmächtige

seine Hand ausstrecken und alle

Tränen abwischen – für immer“

(S.122 und 189 -190).

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Christen - Juden, eine belastete Beziehung

1938 vor 80 Jahren

Daten der Geschichte aus Kirche und Staat mit weitreichenden Folgen

Ab 1938 - Juden können nicht

mehr Mitglieder der Evangelischen

Kirche werden. Der kirchliche

Arierparagraph wird in den

meisten evangelischen Kirchen auch

auf die bloße Mitgliedschaft ausgedehnt

(in Thüringen z. B. ab dem

10.2.1939).

Das evangelische Programm der

"Judenmission" wird damit allmählich

eingestellt. In evangelischen

Landeskirchen wird stattdessen

damit begonnen, evangelisch

getaufte Juden auszuschließen.

März: Einlieferung von Martin

Niemöller in ein Konzentrationslager

Dachau.

13. März: Einmarsch deutscher

Truppen in Österreich.

1. März: Pastor Grüber, Berlin,

beginnt seine Hilfstätigkeit für

»nichtarische« Christen.

26. April:

Mit der Verordnung über die Anmeldung

von jüdischem Vermögen über

5.000,- RM wird die »Arisierung«

jüdischen Eigentums eingeleitet.

Neues Kirchengesetz: Alle evangelischen

Pfarrer müssen den

Treue-Eid auf Adolf Hitler schwören

18. Mai: Der bayrische Landesbischof

Meiser erlässt aufgrund des

kirchlichen "Ermächtigungsgesetzes"

von 1933 freiwillig und ohne dazu

gedrängt zu werden ein Kirchengesetz

über den Treue-Eid der Pfarrer

auf Adolf Hitler. Das Ermächtigungsgesetz

ermöglicht es Meiser seit

1933, kirchliche Gesetze ohne

Zustimmung zu erlassen oder zu

ändern. Das Kirchengesetz lautet:

"Die Pfarrer der bayerischen

Landeskirche haben als Träger eines

öffentlichen Amtes folgenden Eid zu

leisten: "Ich schwöre bei Gott dem

Allmächtigen und Allwissenden: Ich

werde dem Führer des Deutschen

Reiches und Volkes, Adolf Hitler,

treu und gehorsam sein, die

Gesetze beachten und meine

Amtspflichten gewissenhaft erfüllen,

so wahr mir Gott helfe ...` Das

Gesetz tritt sofort in Kraft. Ev.- Luth.

Landeskirchenrat; D. Meiser."

Anmerkung: Der Treue-Eid auf Hitler

wird in allen evangelischen Kirchen

als neues Gesetz eingeführt – auch

in denen, wo die Kirchenleitung

überwiegend zur "Bekennenden

Kirche" gehört. Theoretisch ergänzt

er den formalen Treue-Eid auf

"Christus", praktisch ersetzt er ihn,

da man ja nicht gleichzeitig Christus

und Adolf Hitler gehorchen kann.

Außerdem verlangen alle evangelischen

Kirchen von den Pfarrern

einen Ariernachweis, auch wenn

einige den Arierparagraphen nicht

offiziell einführen

9. Juni: Zerstörung der Synagoge

in München.

14. Juni: Erlass zur Kennzeichnung

und Registrierung jüdischer

Gewerbebetriebe.

17. Juni: Alle Juden müssen als

zweiten Vornamen "Israel" bzw.

"Sara" verwenden, wenn der erste

Vorname nicht in dem Runderlass

des Innenministeriums als jüdischer

Vorname aufgeführt ist. (Anmerkung:

Ein beliebter Vorname dieser Zeit bei

Deutschen ist z. B. der Doppelname

Adolf Martin - Adolf wie Adolf Hitler,

Martin wie Martin Luther.)

25. Juni: Jüdische Ärzte dürfen nur

noch jüdische Patienten behandeln.

6. Juli: Auflösung jüdischer Grundstücks-

und Immobilienagenturen

sowie jüdischer Heiratsvermittlungsinstitute,

die an Nichtjuden vermitteln

(vgl. Konzil von Basel im Jahr 1434:

Juden dürfen nicht als Unterhändler

bei Verträgen zwischen Christen,

insbesondere nicht als Vermittler von

Ehen auftreten).

25. Juli: Deutsche dürfen nicht

mehr zu jüdischen Ärzten (vgl.

Trullanische Synode im Jahr 692).

31. Juli: Jüdische Testamente, die

das "gesunde Volksempfinden"

beleidigen, dürfen für nichtig erklärt

werden (vgl. 3. Laterankonzil im Jahr

1179: Juden dürfen zum Christentum

übergetretene Glaubensbrüder nicht

enterben).

10. August: Zerstörung der

Synagoge in Nürnberg. Sommer: Die

Schweiz regt die Kennzeichnung der

Reisepässe von deutschen und

österreichischen Juden mit einem

»J« an, um an der Grenze zwischen

Juden und deutschen Touristen

unterscheiden zu können.

17. August: Alle Juden und

Jüdinnen müssen einen »typisch

jüdischen« Namenszusatz tragen

(»Sara« bzw. »Israel« (s. 14. Juni).

25. August: Grüber stellt dem

Pfarrernotbund seine Vorstellungen

der Unterstützung »nichtarischer

Christen« vor und bittet um Hilfe.

September - Die vier Landesbischöfe

der Bekennenden Kirche Hans

Meiser, August Marahrens, Theophil

Wurm und Julius Kühlewein entlassen

vier leitende Pfarrer, ebenfalls

aus der Bekennenden Kirche, aus

dem Dienst. Die vier Pfarrer hatten

für einen geplanten Gottesdienst

angesichts der Kriegsgefahr ein

allgemeines Bußgebet verfasst,das

vor allem "die Wehrmacht vor

kriegerischen Exzessen warnen

sollte" (Landesbischof Wurm, zit.

nach Juden-Christen-Deutsche 3/I,

a.a.O., S. 54; Vollnhals, a.a.O., S.

131).

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Auch die "Pfarrerbruderschaft" der

"Bekennenden Kirche" lehnt das

Gebet ab. Der Krieg selbst wird

dabei aber offenbar nicht als

"unchristlich" betrachtet.

Ab dem 6. September: In der

Schweiz werden alle illegal eingereisten

Flüchtlinge zurückgewiesen.

29. September: Münchener

Abkommen. Die Westmächte

erklären sich mit der Abtretung des

Sudetenlandes an Deutschland

einverstanden

Oktober: Kennzeichnung jüdischer

Geschäfte - Die Schaufenster

werden mit dem Wort "Judengeschäft"

beschmiert.

Die Bornplatzsynagoge

1 . Oktober: Einmarsch deutscher

Truppen in das Sudetenland.

5. Oktober: Reisepässe von

Juden und Jüdinnen werden mit

einem »J« gekennzeichnet.

28. Oktober: Ausweisung von

15.000 – 17.000 sogenannter

»Ostjuden«, die teilweise schon seit

Jahrzehnten in Deutschland leben,

aber nicht die deutsche Staatangehörigkeit

besitzen. An Luthers

Geburtstag (10. Nov.) brennen die

Synagogen - ein evangelischlutherischer

Landesbischof sieht

darin die "Krönung" eines "gottgesegneten"

Kampfes

10. November: Die Ermordung

des Nazi-Diplomaten Ernst Eduard

vom Rath in Paris durch einen

jüdischen Bürger wird in Deutschland

als Anlass für die "Reichspogromnacht"

genutzt - Die Synagogen

werden auf Anweisung in Brand

gesteckt ...(Anmerkung: ... so wie es

Luther in der Schrift „Von den Juden

und ihren Lügen“ fordert: Man soll

ihre "Synagoga oder Schulen mit

Feuer anstecken ... unserem Herrn

und der Christenheit zu Ehren, damit

Gott sehe, dass wir Christen seien

...". Massenverhaftungen von Juden

- erste Massendeportation in

Konzentrationslager. Vielfach Panik

unter den Betroffenen. Im Reichsgebiet

werden 91 Menschen ermordet,

etwa 26.000 Männer verhaftet, ca.

1.400 Beträume und Synagogen

sowie 7.000

Geschäfte zerstört.

Dabei auch: Alle

sechs Synagogen in

Schleswig-Holstein

(Bad Segeberg,

Elmshorn, Friedrichstadt,

Kiel,

Lübeck, Rendsburg)

werden verwüstet

bzw. zerstört. Die

Synagogen in Kiel

und Elmshorn

werden angezündet,

ebenso die

Bornplatzsynagoge

(Hamburg) und die

Synagoge in Harburg. Die Leichenhalle

des jüdischen Friedhofes in

Harburg brennt am 10. November

völlig aus. U.a. kommt es auch in

Ahrensburg, Flensburg und auf Sylt

zu Ausschreitungen gegen Juden

und jüdische Einrichtungen.

Überreste der Bornplatzsynagoge

10. November: Der Berliner

Dompropst Bernhard Lichtenberg

betet öffentlich für die Juden. Der

Thüringer Bischof Martin Sasse

rechtfertigt das Pogrom hingegen als

»gottgesegneten Kampf des Führers

zur völligen Befreiung unseres

Volkes«.

12. November: Verordnung zur

Wiederherstellung des Straßenbildes

bei jüdischen Gewerbebetrieben,

z. B. in Nürnberg: "Alle Schäden,

welche durch die Empörung des

Volkes über die Hetze des internationalen

Judentums gegen das

nationalsozialistische Deutschland

am 8., 9., und 10. November 1938

an jüdischen Gewerbebetrieben und

Wohnungen entstanden sind, sind

von dem jüdischen Gewerbetreibenden

sofort zu beseitigen. Die Kosten

der Wiederherstellung tragen die

Inhaber der betroffenen jüdischen

Gewerbebetriebe und Wohnungen“

(zit. nach: Juden in Nürnberg,

Presse- und Informationsamt 1993)

In Bamberg und anderen Orten

müssen die Israelitischen Kultusgemeinden

auch den anschließenden

Abriss ihrer demolierten und verkohlten

Synagogen bezahlen.

Die jüdische Bevölkerung Deutschlands

wird zu einer "Sühneleistung"

von einer Milliarde Reichsmark

verurteilt. Zu dem Ereignis wird in

der Kirche und in der kirchlichen

Presse überwiegend geschwiegen.

Nur einzelne Pfarrer protestieren,

und wenigstens in einem Entwurf

eines "Fürbittgebets" von den

"Landesbruderräten" der Bekennenden

Kirche wird der Juden gedacht.

Doch welcher Betende hat auch

etwas gesagt oder getan? Sehr viele

Kirchenführer begrüßen das

Geschehen der Reichspogromnacht

und die folgende Verschärfung der

Judenverfolgungen bzw. reagieren

sogar begeistert.

16. November: Erklärung des

Landeskirchenrates in Thüringen, in

der zum »Kampf gegen den volkszersetzenden

Geist des Judentums«

aufgerufen wird.

9


Geschäfte in der Grindelallee

23. November: Zwangsveräußerung

aller jüdischen Betriebe.

Landesbischof Martin Sasse aus

Eisenach schreibt im Vorwort seiner

Neuauflage von Martin Luthers

Schrift „Von den Juden und ihren

Lügen“ mit dem Titel „Martin Luther

über die Juden - Weg mit ihnen!“

(Freiburg 1938): „ Am 10. November

1938, an Luthers Geburtstag,

brennen in Deutschland die Synagogen.

Vom deutschen Volke wird zur

Sühne für die Ermordung des

Gesandtschaftsrates vom Rath

durch Judenhand die Macht der

Juden auf wirtschaftlichem Gebiete

im neuen Deutschland endgültig

gebrochen und damit der gottgesegnete

Kampf des Führers zur völligen

Befreiung unseres Volkes gekrönt ...

In dieser Stunde muss die Stimme

des Mannes gehört werden, der als

der Deutschen Prophet im 16.

Jahrhundert einst als Freund der

Juden begann, der getrieben von

seinem Gewissen, getrieben von

den Erfahrungen und der Wirklichkeit,

der größte Antisemit seiner Zeit

geworden ist, der Warner seines

Volkes wider die Juden ..." Anmerkung:

Von der Schrift werden

150.000 Stück verkauft. Die Schrift

Luthers „Von den Juden und ihren

Lügen“ erfährt auch durch andere

Neuauflagen zahlreiche Verbreitung,

z. B. durch die Volksausgabe von

Hans-Ludolf Parisius. Luther fordert

darin z. B. das Verbrennen der

Synagogen, das Zusammenfassen

der Juden in Lagern, die Zwangsarbeit

und Todesstrafen bei öffentlicher

Religionsausübung. Dass einer der

amtierenden Landesbischöfe der

Proklamation des "Amtsbruders"

Sasse widersprochen hat, ist nicht

bekannt.

Im November: Weitere Massendeportationen

von Juden in Konzentrationslager

28. November: Die Lokalbehörden

werden ermächtigt, Juden an

bestimmten Tagen von den Straßen

zu verbannen.

Dezember: Beginn der »Kindertransporte«.

Jüdische Kinder

erhalten von den westlichen Demokratien

die Erlaubnis, ohne ihre

Eltern einzureisen.

3. Dezember: Zwangsarisierung

jüdischen Haus- und Grundbesitzes.

Juden müssen Häuser und Grundstücke

zu Spottpreisen verkaufen.

Wer vor 1938 ein "Judenhaus"

kaufte, wurde noch als "Judenfreund"

verschrien. Jetzt bedienen

sich immer mehr dank der "günstigen"

Angebote. Umgekehrt ist es

nicht erlaubt, den jüdischen Mitbürgern

zu verkaufen. Massendeportationen

und Misshandlungen von

Juden in den KZs - die evangelischen

Bischöfe möchten dazu nichts

sagen.

12. Dezember: Pfarrer Heinrich

Grüber, der sich für getaufte Juden

einsetzt, schildert den evangelischen

Bischöfen, darunter Landesbischof

Meiser, auf dem Kirchentag in Berlin-

Steglitz die Lage in den Konzentrationslagern.

Der Kirchentag wird

gebeten, eine Erklärung dazu zu

verabschieden. Die Bischöfe hörten

Grüber zwar eine Zeitlang zu, gingen

dann aber zur "Tagesordnung" über,

ohne eine Erklärung zu verabschieden.

Grüber schreibt:

„Vielleicht schilderte ich den versammelten

Bischöfen die Misshandlungen,

denen KZ-Häftlinge ausgesetzt

wurden, etwas zu ausführlich. Ich

hörte jedenfalls, wie einer der

Würdenträger sagte: ´Wir müssen

nun langsam zum zweiten Punkt der

Tagesordnung übergehen.` Der

Mahnmahl „Kinderverschickung“

Dammtor Bahnhof, Hamburg

Vorsitzende der Konferenz, Bischof

Theophil Wurm ... geleitete mich zur

Tür und sagte: "Ich danke Ihnen im

Namen der Brüder und wünsche

Ihnen und Ihrer Arbeit Gottes

Segen." Das war eine der ganz

großen Enttäuschungen, die ich

erlebt hatte" (zit. nach Juden-

Christen-Deutsche, Band 1).

28. Dezember: Juden müssen in

bestimmten Häusern konzentriert

werden. Anmerkung: ... so ähnlich

wie es Luther in seiner Schrift „Von

den Juden und ihren Lügen fordert:“...

dass man ihre Häuser

desgleichen zerbreche und zerstöre

... Dafür mag man sie etwa unter ein

Dach oder einen Stall tun“

(siehe auch S. 15, Pkt.7)

Quellen:aus dem Internet, z.B.:

https://www.theologe.de/theologe4.htm#24

10


Der Treueeid der Pastoren auf Hitler

Der „Anschluss" Österreichs versetzte

die Deutschen in eine nationale

Euphorie. Die deutschchristlichen

Kirchenleitungen nutzten die Gunst

der Stunde, um so die 1934 gescheiterte

Vereidigung der Pfarrer auf

Hitler doch noch in die Wege zu

leiten. Am 14. März 1938 erließ die

Thüringer Evangelische Kirche ein

Kirchengesetz über die Vereidigung

ihrer Pfarrer, zwei Tage später auch

die mecklenburgische Landeskirche.

Zum „Führergeburtstag" am 20. April

1938 folgten Sachsen und die

Evangelische Kirche der Altpreußischen

Union, die nahezu die Hälfte

des deutschen Protestantismus

umfasste.

In der entsprechenden Verordnung

des Präsidenten des Evangelischen

Oberkirchenrats Berlin, Friedrich

Werner, hieß es: „Ich schwöre: Ich

werde dem Führer des Deutschen

Reichs und Volkes, Adolf Hitler, treu

und gehorsam sein, die Gesetze

beachten und meine Amtspflichten

gewissenhaft erfüllen, so wahr mir

Gott helfe. … Wer sich weigert, den

… vorgeschriebenen Treueid zu

leisten, ist zu entlassen“.

In einer Ansprache vom Mai 1938

deutete der Evangelische Oberkirchenrat

den Eid als Zeichen der

innersten Verbundenheit mit dem

Dritten Reich und der persönliche[n]

Bindung an den Führer.

Treueidverordnungen wurden kurz

nacheinander auch in fast allen

anderen Landeskirchen erlassen

und erstaunlich reibungslos vollzogen,

trotz schwerer Bedenken

einzelner Pfarrer. Dies galt auch für

die zur gemäßigten Bekennenden

Kirche gehörenden intakten Landeskirchen,

deren Führer sich nicht dem

Verdacht der politischen Unzuverlässigkeit

und der Staatsfeindschaft

aussetzen wollten. Obwohl der Eid

nicht vom Staat angeordnet worden

war, folgten sie gewissermaßen im

„vorauseilenden Gehorsam".

Mitverantwortlich dürfte dabei die

Obrigkeitshörigkeit gewesen sein,

die ihren Ursprung auch in den

Bekenntnisschriften der Reformationszeit

hat. Darin wurde dem Staat

das Recht zugebilligt, einen Eid

einzufordern. 90 Prozent der

evangelischen Pfarrer leisteten

schließlich den Eid.

Zur Zerreißprobe wurde die Eidesleistung

in der radikalen Bekennenden

Kirche, vor allem in der Evangelischen

Kirche der Altpreußischen

Union. Dort verweigerten viele

Pfarrer zunächst den Eid. In einem

Schreiben vom 16. Juli 1938 vertrat

der Präses der Reichsbekenntnissynode

Karl Koch jedoch die

Überzeugung, dass der Staat den

Treueid der Pfarrer erwarte und eine

Verweigerung für ihn untragbar

geworden sei. Diese Auffassung

machte sich Ende Juli auch die

Altpreußische Bekenntnissynode zu

eigen und beschloss, die zögernden

Pfarrer in ihrem Gewissen zu lösen.

Nun leisteten auch die meisten

Bekenntnispfarrer den Eid, häufig

unter Bindung an ihr Ordinationsgelübde.

Aus:

Gesetzblatt der Deutschen Evangelischen

Kirche, Ausgabe B, Nr. 12 vom 14.5.1938, S.

49; ©EvAKiZ München

Die Kennzeichnung und somit sichtbare Ausgrenzung der Juden

mit dem Judenstern wurde 1938 vorbereitet

Eine „allgemeine

äußerliche

Kennzeichnung

für Juden" wurde

im Mai

1938 in einer

von Joseph

Goebbels angeregten

Denkschrift

vorgeschlagen, jedoch verworfen:

Noch überwogen die Bedenken

hinsichtlich einer eventuell negativen

außenpolitischen Wirkung.

Nach den Novemberpogromen

schlug Reinhard Heydrich auf einer

Berliner Konferenz am 12. November

1938 die reichsweite Kennzeichnungspflicht

für Juden erneut vor

und ließ sofort Entwürfe für entsprechende

Abzeichen anfertigen.

Hermann Göring teilte den Gaulei-

tern am 6. Dezember 1938 mit, Hitler

habe eine Entscheidung über diese

Kennzeichnung bis auf Weiteres

aufgeschoben.

Am 1. September 1941 verpflichtete

die Polizeiverordnung über die Kennzeichnung

der Juden (RGBl I, S.

547) fast alle Personen im Deutschen

Reich, die nach den Nürnberger

Gesetzen als Juden einschließlich

der Geltungsjuden definiert waren,

vom vollendeten sechsten Lebensjahr

an einen gelben Judenstern

„sichtbar auf der linken Brustseite

des Kleidungsstückes in Herznähe

fest aufgenäht zu tragen" .

Sieben Landeskirchen

begrüßen das:

Am 17. Dezember 1941 begrüßten

die von Deutschen Christen geführten

evangelischen Landeskirchen

von Anhalt, Hessen-Nassau, Lübeck,

Mecklenburg, Sachsen, Schleswig-

Holstein und Thüringen die Einführung

des Judensterns im Deutschen

Reich als „historischen Abwehrkampf".

Sie rechtfertigten diese

Staatsmaßnahme mit judenfeindlichen

Aussagen Martin Luthers, der

bereits 1543 „schärfste Maßnahmen

gegen die Juden zu ergreifen und

sie aus deutschen Landen auszuweisen"

gefordert habe. Die Juden

hätten das Christentum seit Jesu

Kreuzigung bekämpft oder verfälscht;

die Taufe könne nichts an

ihrer „rassischen Eigenart" ändern.

aus :

https://de.wikipedia.org/wiki/Judenstern

11


Zwischen „Führerprinzip“ und Luthertum

"Wir grüßen den Staat, der neu geworden

ist, und danken ihm, daß er

Mut und Kraft gefunden und bewiesen

hat, um unserem Volke den Aufbruch

und den Weg zur Freiheit zu

bahnen.“ Mit diesen Worten bekannte

Simon Schöffel (1880–1959) nach

seiner Wahl zum ersten lutherischen

Testamentes wollte er davon aber

getrennt wissen, denn es sei „das

antisemitischste Buch“ . [60] Der Taufe

von Juden stand Franz Tügel sehr

distanziert gegenüber: Im Mai 1940

warnte er in einem Rundschreiben

alle Pastoren und Hilfsprediger „vor

einem 57jährigen Juden, namens

gesagt, man sollte, um der brutalen

Ausbeutung von Millionen sparsamer

und arbeitstreuer deutscher

Menschen ein schnelles Ende zu

bereiten, die Bankhäuser schließen

und die jüdischen Devisenspekulanten

aufhängen. […] Eine Verantwortung

für die evangelischen Glieder

der jüdischen Rasse habe

ich nicht, denn die Getauften

sind nur in ganz

seltenen Fällen wirkliche

Glieder der Gemeinde

gewesen. Wenn sie heute

mit in das Ghetto abwandern

müssen, dann sollen

sie dort Missionare werden.

Nicht sie bedürfen

der Seelsorge, sondern

ihre unbekehrten Rassegenossen.“

[62]

Mahnmal in Yad Vashem, Jerusalem

Landesbischof Hamburgs in der Sitzung

der Synode am 29. Mai 1933

seine Sympathie für den nationalsozialistischen

Staat.

An der Spitze der Hamburger Landeskirche

stand seit 1934 ein überzeugter

Antisemit. Nach seinem Examen

1914 hatte Franz Tügel sein

hebräisches Altes Testament verbrannt.

Den Kampf gegen das Judentum,

gegen die „jüdische Pest“,

hielt er für berechtigt, denn „durch

den modern jüdischen Geist ist alles

verseucht“, er sei „die große Gefahr“,

meinte er 1932 in seinem an

Antisemitismus reichen Heft „Wer

bist Du?“ Fragen der Kirche an den

Nationalsozialismus.

Die christliche Bewertung des Alten

Weiss, […] der von einem Geistlichen

zum anderen wandert, um sich

taufen zu lassen. Er hat keinerlei religiöse

Gründe, sondern beabsichtigt,

wie ich habe feststellen lassen, eine

dritte Ehe mit einer arischen Frau,

freilich in Stockholm einzugehen. Es

ist unter allen Umständen geboten,

den Gauner abzuweisen.“ [61] Im

November 1941 schrieb Tügel über

die Deportationen von Juden:

In diese Dinge hineinzureden, sollte

sich die Kirche, die in den Zeiten unerhörtester

Bedrückung des deutschen

Volkes durch die jüdische

Weltherrschaft und Hochfinanz geschwiegen

hat, lieber hüten. Ich habe

zwar einmal in der Inflationszeit

auf der Kanzel der Gnadenkirche

[60] Franz Tügel, Wer bist Du?

Fragen der Kirche an den Nationalsozialismus,

Hamburg 1932,

die Zitate (S. 51 f. und 56) sind

im Original gesperrt hervorgehoben;

Hering, Bischöfe, S. (59)

und 73 f.

[61] Archiv der Gemeinde Nord-

Barmbek, 9, Vertrauliches Rundschreiben

vom 4.5.1940; Hervorhebung im

Original.

[62] NEKA, 32.03.01 Personalakten Pastorinnen

und Pastoren, Personalakte Heinrich Wilhelmi,

Bl. 120, Tügel an Wilhelmi Heinrich

Wilhelmi, Wilhelmi 28.11.1941.

Aus: Rainer Hering "Bischofskirche zwischen

„Führerprinzip“ und Luthertum“

http://hup.sub.unihamburg.de/volltexte/2008/7

1/pdf/HamburgUP_AKGH_26_

Zeitgeschichte.pdf

12


Wie die Kirche die Judenverfolgung unterstützte -

Die Altonaer Judenkartei

Informationen zu einem Vortrag des Historikers Dr. S. Linck

Als der nationalsozialistische Staat

1933 eine Volkszählung durchführte,

ergab die Zählung, dass in Deutschland

etwa 500 000 Juden lebten.

Dieser Befund resultierte aus der

Frage nach der Religionszugehörigkeit.

Im Jahr 1939 wurde wieder eine

Volkszählung durchgeführt. Bei

dieser wurde allerdings nicht nur die

Religionszugehörigkeit registriert,

sondern auch nach rassischen

Kriterien gemäß der NS-Ideologie

unterschieden. Für das Gebiet der

heutigen Nordelbischen Kirche

waren zu den 1933 gezählten 20480

Juden noch – nach Definition und

Begrifflichkeit der Nürnberger

Gesetze – 1 948 Juden, 4 484

Mischlinge 1. Grades und 3 636

Mischlinge 2. Grades, zusammen

10 070 Personen hinzugekommen.

Der größte Teil von ihnen, genau 7

731 Menschen – also 76.7 % –

waren evangelische Christinnen und

Christen. Diese alle waren zusammen

mit ihren Ehepartnern und

Angehörigen von der Ausgrenzung,

Diskriminierung und Verfolgung des

NS-Staates betroffen. Etliche fielen

dem Völkermord zum Opfer.

Ariernachweise

Dass diese Menschen von den

Nationalsozialisten erfasst und

verfolgt werden konnten, war nur

durch die Unterstützung der christlichen

Kirchen möglich. Nachdem die

verschiedenen Versuche der

Nationalsozialisten, die vermeintliche

Rasse durch die Augen- und

Haarfarbe und über die Vermessung

von Schädeln oder anderer Körperteile

festzustellen, gescheitert waren,

hatten diese die Rassezugehörigkeit

über die Herkunft bestimmt: Menschen

mit christlichen Vorfahren

wurden als »arisch« angesehen. Die

jüdische »Rassezugehörigkeit«

wurde festgestellt, wenn keine

Taufeinträge der Vorfahren vorlagen

oder bei deren Taufeinträgen eine

»Judentaufe« vermerkt war. Die

Religionszugehörigkeit bestimmte

die vermeintliche Rassezugehörigkeit.

Als 1933 »Arierparagrafen« für

die verschiedensten Berufsgruppen

und in Vereinen und Verbänden

eingeführt wurden, hatten Beamte

und andere entsprechend Registerauszüge

der Kirchenbücher als

Nachweis der »arischen Herkunft«

vorzulegen. Die Gemeindebüros und

Pfarrhäuser wurden in kürzester Zeit

überschüttet mit Anfragen. Schon

bald versuchte man die Kirchenbuchanfragen

effektiver zu bearbeiten.

Es wurden Zweitschriften der

Kirchenbücher zentral in Kirchenbuchstellen

gesammelt und dort die

Anfragen bearbeitet.

Das Altonaer Kirchenbuchamt

Diese Altonaer »Judenkartei« wurde

kontinuierlich durch Recherchen in

älteren Kirchenbüchern erweitert, bis

schließlich 1940 für den Kirchengemeindeverband

Altona eine »Judenliste«

mit 474 Namen vorgelegt

wurde. Zusammen mit den 44

Personen, die für den jüngeren

Kirchengemeindeverband Ottensen

1938 erfaßt worden waren, umfaßte

die »Judenkartei« des Kirchenbuchamtes

Altona also mindestens 518

Personen. Parallel zur Erfassung der

festgestellten Judentaufen wurden

die Rechercheergebnisse jeweils

den Stellen der NSDAP zur Kenntnis

gegeben. So wurde beispielsweise

der Hauptstelle für Sippenforschung

bei der Gauleitung der NSDAP

Hamburg am 28.7.1938 mitgeteilt,

dass ein niedergelassener Reinbeker

Arzt einen Großvater hatte,

dessen Eltern beide getaufte Juden

waren. Vorauseilender Gehorsam

dieser Art ermöglichte dem NS-Staat

die zügige Erfassung auch der von

den Nürnberger Gesetzen als

sogenannte Mischlinge Betroffenen.

Diese Tätigkeiten wurden im vollen

Bewußtsein um die Konsequenzen

durchgeführt

Schuldbewusstsein?

Fehlanzeige

Unabhängig von der kirchenpolitischen

Zugehörigkeit haben Pastoren

und Kirchenverwaltungen durch die

Bereitstellung von Kirchenbuchauszügen

erst die Voraussetzungen

geschaffen, dass die nationalsozialistische

Verfolgung nicht nur die

Angehörigen der jüdischen Religionsgemeinschaft,

sondern auch

das säkularisierte Judentum (konfessionslose

jüdischer Herkunft) und

alle Christinnen und Christen

jüdischer Herkunft betraf.

Auf der Verwaltungsebene ließ sich

sogar klar erkennen, dass die

Unterstützung des NS-Regimes

einfach geleugnet wurde. 1946

erhielt das Kirchenbuchamt Altona

eine Anfrage, die vom Archivamt der

EKD in Hannover ausgegangen

war. [1] Es sei bekannt, dass während

der NS-Zeit „Judenregister” angefertigt

und an die NS-Behörden

weitergegeben worden seien. Um

sich eine Übersicht zu verschaffen,

bat das Archivamt um Mitteilung, wo

derartige Register angefertigt bzw.

abgegeben worden waren. Als

Propst Hildebrand die Anfrage an

das Altonaer Kirchenbuchamt

weiterleitete, wurde die Existenz

derartiger Listen mit der Bemerkung

„Fehlanzeige” verneint. [2] Der

Schriftwechsel wiederum wurde

ordentlich in der Akte „Sippenkanzlei”

abgeheftet, in der die wiederholte

Abgabe der Altonaer „Judenliste”

dokumentiert ist. Eine Angst vor

Überprüfung war sichtbar nicht

vorhanden oder man deutete die

Anfrage rein formal auf die Register

selbst bezogen und teilte hiermit

indirekt mit, dass die Originale

weiterhin vorhanden waren.

[1] Ev.-Luth. Landeskirchenamt Kiel,

15.2.1947, Nr. 1 5245 Dez. III. Abschrift des

Rundschreibens des Archivamtes der EKD

vom 1.11.1946, Betr. Judenregister mit der

Bitte um Stellungnahme. Akte Sippenkanzlei,

KKA Altona, Nr. 2450.

[2] Handschriftlicher Vermerk vom 3.3.1947,

ebd. Vergl. Liesching, Neue Zeit, S. 40-53,

und Stephan Linck, „Fehlanzeige“. Wie die

Kirche in Altona nach 1945 die NS-

Vergangenheit und ihr Verhältnis zum

Judentum aufarbeitete, Hamburg 2006.

13


„500 Jahre Reformation: Es gilt nicht nur zu feiern“

Prof. Klaus Wengst

Ich betone noch einmal: Im Blick auf

Luther gibt es in diesem Punkt für

uns nichts zu feiern. Bei Jubiläen

wird gerne betont, dass es von dem,

was und wer gefeiert wird, zu lernen

gilt. Und das ist ja ganz unbestreitbar,

dass wir in vielen Stücken von

Luther und der Reformation immer

wieder lernen können. Aber manchmal

muss das Lernen so geschehen,

dass man etwas verlernt; und das ist

mit Sicherheit hier der Fall. Luther

selbst, würde er heute leben, müsste

von seinen eigenen Voraussetzungen

her an dieser Stelle umlernen.

Außerordentlich oft hat er betont,

dass die Juden schon seit 1500 Jahren

außerhalb Jerusalems und ihres

Landes im Elend lebten und „ihr Gesetz

mit Jerusalem und allem jüdischen

Reich so lange Zeit her in der

Asche“ liege.[64]

Darin erkannte er „Gottes Zorn“,[65]

aus dem man schließen müsse, die

Juden seien von Gott verworfen. Eine

Rückkehr der Juden ins Land Israel

erschien ihm als so irreal, dass er

spottete, wenn sie ins Land gingen

und nach Jerusalem kämen, den

Tempel bauten, eigene Herrschaft

gewönnen und ein Leben nach dem

Gesetz aufrichteten, dann würde er

sich alsbald auf die Fersen hinter

ihnen her machen und auch ein Jude

werden. [66]

Nun, vielleicht würde er heute doch

nicht gleich ein Jude werden, sondern

sich mehr besinnen, anders

über die Juden denken und ein anderes

Verhältnis zu ihnen suchen. Und

ich hoffe, er würde dann auch das

solus Christus dem soli Deo gloria

unterstellen. Es wäre ernst zu machen

mit der biblisch begründeten

Vorordnung der Theologie vor der

Christologie. Die heilige Schrift, die

ganze heilige Schrift Alten und Neuen

Testaments ist der nicht hintergehbare

Kanon der Kirche – sola

scriptura. Da wir eine Kirche aus vielen

Völkern mit vielen unterschiedlichen

Inkulturationen sind, ist der

ständige Rückbezug auf die Schrift

als ein wesentliches Moment der Einheit

unabdingbar. Erst im Gebrauch,

in der Auslegung kann sich die

Schrift als Wort des lebendigen Gottes

erweisen.

Als die neutestamentlichen Autoren

ihre Schriften verfassten, hatten sie

schon eine Bibel, ihre jüdische Bibel,

in der ihnen Gott, der Schöpfer des

Himmels und der Erde, als Israels

Gott bezeugt war. Diesen Gott und

keinen anderen sahen sie in Jesus

wirken, zuletzt und vor allem darin,

dass er Jesus von den Toten aufgeweckt

hat. Das brachten sie so zum

Ausdruck, dass sie mit Wort und

Geist ihrer Bibel schrieben. So ist die

jüdische heilige Schrift der Raum

des Evangeliums von Jesus Christus

oder – um es mit dem Buchtitel von

Frank Crüsemann auszudrücken –

das Alte Testament der Wahrheitsraum

des Neuen. [67] Die Theologie,

das Reden von Gott, ist daher der

Christologie, dem Reden von Jesus

als Messias, vorgeordnet. Es wird

also nicht erst von der Geschichte

Jesu her erschlossen, wer Gott ist,

sondern umgekehrt erschließt die

Schrift, die jüdische Bibel, die Geschichte

Jesu als das Mitsein von

Israels Gott. Das bedingt es, dass

von Gott nicht abgesehen von Israel,

nicht abgesehen vom jüdischen

Zeugnis geredet werden kann.

Das führt zu einem weiteren Punkt,

der hier zu lernen ist, nämlich die

biblische Grundunterscheidung zwischen

„dem Volk“, also Israel, und

„den Völkern“, allen anderen, wahrzunehmen.

Wir sind „Hinzugekommene“,

hinzugekommen zum Gott

Israels. Das wird in einer christlichen

Schrift der ersten Hälfte des 2. Jahrhunderts,

dem sogenannten Barnabasbrief,

entschieden abgelehnt (Barnabas

3,6). Aber das kann man auf

biblischer Grundlage nur ablehnen,

wenn man sich, wie es in dieser

Schrift geschieht, selbst an die Stelle

Israels setzt und so die besondere

Partikularität Israels auflöst und sie

universalisiert. Sich an die Stelle Israels

zu setzen, haben wir inzwischen

aus guten Gründen verlernt. So

bleibt es dabei, dass wir Hinzugekommene

sind.

Als Hinzugekommene finden wir uns

auch vor im Angesicht und in der Gegenwart

Israels. Diese Situation fordert

dazu heraus, die überlieferte

christliche Theologie mit ihren judenfeindlichen

Potenzialen so umzubauen,

dass ihr diese Potenziale entzogen

sind und entzogen bleiben. Dazu

ist in den letzten fünfzig bis sechzig

Jahren einiges geschehen. Für

die katholische Kirche sei dafür auf

die Erklärung Nostra Aetate auf dem

2. Vatikanischen Konzil von 1965

hingewiesen. Fast alle evangelischen

Landeskirchen Deutschlands

haben einschlägige Synodalbeschlüsse

gefasst und eine ganze Reihe

von ihnen haben auch ihre

Grundordnungen entsprechend ergänzt

und so den Bezug auf Israel

als Teil der eigenen Identität kenntlich

gemacht. Doch darf man sich

keine Illusionen machen, als könnte,

was sich Jahrhunderte lang an negativem

Denken und Verhalten gegenüber

dem Judentum in der christlichen

Tradition eingefressen hat, in

ein bis zwei Generationen überwunden

werden. Es gibt noch viel zu tun.

Aber es hat sich auch gezeigt, dass

Veränderungen möglich sind.

[64] Wider die Sabbater, WA 50,31312–15;

Walch XX 1830 Nr.4.

[65] WA 50,31834–3193; Walch XX 1837 Nr.

24.

[66] Vgl. den ganzen Zusammenhang WA

50,32326–3243; Walch 1842–1843 Nr. 38 und

39, wo das Motiv gleich zweimal begegnet.

[67] Frank Crüsemann, Das Alte Testament

als Wahrheitsraum des Neuen. Die neue Sicht

der christlichen Bibel, Gütersloh 2011.

Entn.: dem Vortrag:

„Martin Luther und die Juden - Über theologische

Judenfeindschaft als Geburtsfehler des

Protestantismus“ von Prof. K. Wengst - am

23. August 2016 in der Georg-von-Volkmar-

Akademie, Kochel am See

14


Kundgebung der 2. Tagung der 12. Synode der EKG, am 11. November 2015 in Bremen

„Martin Luther und die Juden - Notwendige Erinnerung

zum Reformationsjubiläum“

Im Jahr 2017 feiert die Evangelische Kirche 500 Jahre Reformation. Dabei

fragen wir mit Blick auf unser historisches und theologisches Erbe nach

wesentlichen Einsichten für heute. Bei aller Dankbarkeit und Freude

verschließen wir die Augen nicht vor Fehlern und Schuldverstrickungen

der Reformatoren und der reformatorischen Kirchen.

Bedrängende Einsichten

1. Die Reformation zielte auf eine

Reform der Kirche aus der Kraft des

Evangeliums. Nur in wenigen Fällen

kam es dabei zu einer neuen Sicht

auf die Juden. Die Reformatoren

standen in einer Tradition judenfeindlicher

Denkmuster, deren

Wurzeln bis in die Anfänge der

Kirche zurückreichen.

wurden, stellt eine weitere Belastung

für die evangelische Kirche dar

Belastendes Erbe

6. Luthers Urteil über die Juden war

eingebunden in die abendländische

Tradition der Judenfeindschaft.

Zunächst wies er verbreitete Verleumdungen

wie den Vorwurf der

Hostienschändung und des Ritualmords

als Lügengeschichten ab.

Später kehrte er jedoch zu überkommenen

Stereotypen zurück und blieb

in irrationalen Ängsten und Ressentiments

befangen.

2. Wir tragen dafür Verantwortung

zu klären, wie wir mit den judenfeindlichen

Aussagen der Reformationszeit

und ihrer Wirkungs- und

Rezeptionsgeschichte umgehen. Wir

fragen, inwieweit sie eine antijüdische

Grundhaltung in der evangelischen

Kirche gefördert haben und

wie diese heute überwunden werden

kann. Der Auseinandersetzung mit

der Haltung Martin Luthers gegenüber

Juden kommt dabei exemplarische

Bedeutung zu.

3. Luther verknüpfte zentrale

Einsichten seiner Theologie mit

judenfeindlichen Denkmustern.

Seine Empfehlungen für den

konkreten Umgang mit Juden waren

widersprüchlich. Sie reichen vom

Plädoyer für einen freundlich

werbenden Umgang bis hin zu

Schmähungen und Forderungen, die

auf eine vollständige Entrechtung

und Vertreibung der Juden zielten.

4. Im Vorfeld des Reformationsjubiläums

können wir an dieser Schuldgeschichte

nicht vorbeigehen. Die

Tatsache, dass die judenfeindlichen

Ratschläge des späten Luther für

den nationalsozialistischen Antisemitismus

in Anspruch genommen

„Hamburg“-Stein im „Tal der Gemeinden“ Yad Vashem, Jerusalem

Zur Erinnerung aller zerstörter jüdischen Gemeinden im 2. Weltkrieg

5. Zwischen Luthers frühen Äußerungen

und seinen späten Schriften

ab 1538 mit ihrem unverhüllten

Judenhass besteht eine Kontinuität

im theologischen Urteil über die

Juden. Im Judentum seiner Zeit sah

er eine Religion, die ihre eigene

Bestimmung verfehlt. Sie lasse sich

von der Verdienstlichkeit der Werke

leiten und lehne es ab, das Alte

Testament auf Jesus Christus hin zu

lesen. Das Leiden der Juden sei

Ausdruck der Strafe Gottes für die

Verleugnung Jesu Christi.

7. Ein Zusammenleben von Juden

und Christen konnte es für Luther

nur auf Zeit und in der Hoffnung auf

Bekehrung der Juden geben. In deutlicher

Kritik an der üblichen Judenhetze

hoffte er 1523, dass, "wenn

man mit den Juden freundlich handelt

und aus der heiligen Schrift sie

säuberlich unterweist, es sollten ihrer

viel rechte Christen werden ..."

("Dass unser Herr Jesus ein geborener

Jude sei"). 1543 verfasste er die

Schrift "Von den Juden und ihren

Lügen". Aus Angst, die Duldung der

15


jüdischen Religion könne den Zorn

Gottes auch über das christliche Gemeinwesen

heraufbeschwören, empfahl

er am Ende dieser Schrift der

weltlichen Obrigkeit u.a. die Verbrennung

der Synagogen, die Zerstörung

jüdischer Häuser, die Konfiszierung

von Talmud und Gebetbüchern, Handelsverbot

und Zwangsarbeit. Wenn

das nicht helfe, riet er, solle man die

Juden „wie die tollen Hunde

ausjagen".

8. Auf Luthers Ratschläge konnte

Jahrhunderte lang zurückgegriffen

werden. Zum einen hat man sich unter

Berufung auf die bedingt judenfreundliche

Haltung von 1523 für die

Duldung der Juden, aber auch für

eine intensivierte Judenmission ausgesprochen.

Zum andern hat man

sich auf Luthers Spätschriften zur

Ausgebrochene Zweige aus dem

Ölbaum, Röm. 11

Seitenfenster „Christ Churchs“,

Jerusalem

Rechtfertigung von Judenhass und

Verfolgung berufen, insbesondere

mit dem aufkommenden rassischen

Antisemitismus und in der Zeit des

Nationalsozialismus. Einfache Kontinuitätslinien

lassen sich nicht ziehen.

Gleichwohl konnte Luther im 19. und

20. Jahrhundert für theologischen

und kirchlichen Antijudaismus sowie

politischen Antisemitismus in Anspruch

genommen werden.

Erneuernder Aufbruch

9. Nach 1945 kam es in Deutschland

zunächst zögerlich zu einem bis

heute nicht abgeschlossenen Lernprozess

der Kirchen bezüglich ihres

schuldhaften Versagens gegenüber

dem Judentum. Die Evangelische

Kirche in Deutschland hat ihr Verhältnis

zum Judentum theologisch

neu bestimmt, jede Form der Judenfeindschaft

verworfen und zur

Begegnung mit dem Judentum

aufgerufen. Entsprechende Aussagen

sind in die Kirchenverfassungen

vieler Gliedkirchen der

EKD aufgenommen worden.

10. Luthers Sicht des Judentums

und seine Schmähungen

gegen Juden stehen nach unserem

heutigen Verständnis im Widerspruch

zum Glauben an den

einen Gott, der sich in dem Juden

Jesus offenbart hat. Sein

Urteil über Israel entspricht demnach

nicht den biblischen Aussagen

zu Gottes Bundestreue gegenüber

seinem Volk und zur

bleibenden Erwählung Israels.

11. Wir stellen uns in Theologie

und Kirche der Herausforderung,

zentrale theologische Lehren der

Reformation neu zu bedenken und

dabei nicht in abwertende Stereo-

DIE VERHEISSUNG

Das kunstvoll gestaltete Kirchenfenster stellt einen Olivenbaum dar, der eine geheimnisvolle

Botschaft enthält. Unterhalb der Baumwurzeln befinden sich zwei ausgebrochene Zweige, die

durch hebräische Schriftzeichen miteinander verbunden sind. Dort ist zu lesen: "Ba rachamim

asher ha shemesh alechem, jerachamu gam hem ke'at." Ins Deutsche übertragen bedeutet dieser

Zuspruch etwa: "In Gottes Erbarmungen, welcher die Sonne über euch erstrahlen lässt, wird auch

euch noch Barmherzigkeit widerfahren zu dieser Zeit."

Einige der biblischen Propheten und auch König David vergleichen das jüdische Volk mit einem

Ölbaum. So gelten die trostvollen Worte niemand anders als dem Volk Israel. Aufgrund seiner

leidvollen Geschichte fühlte es sich oftmals wie von Gott verlassen und gleicht zwei abgeschnittenen

Zweigen, die scheinbar ohne Hoffnung am Boden liegen.

type zu Lasten des Judentums zu

verfallen. Das betrifft insbesondere

die Unterscheidungen "Gesetz und

Evangelium", "Verheißung und Erfüllung",

"Glaube und Werke" und "alter

und neuer Bund".

12. Wir erkennen die Notwendigkeit

eines kritischen Umgangs mit unserem

reformatorischen Erbe in der

Auslegung der Heiligen Schrift, insbesondere

des Alten Testaments.

Wir erkennen in der jüdischen Auslegung

des Tenach "eine auch für die

christliche Auslegung nicht nur legitime,

sondern sogar notwendige Perspektive"

(Kirche und Israel, Leuenberger

Texte 6, II, 227); denn die

Wahrnehmung jüdischer Bibelauslegung

erschließt uns tiefer den Reichtum

der Heiligen Schrift.

13. Wir erkennen, welchen Anteil

die reformatorische Tradition an der

schmerzvollen Geschichte der "Vergegnung"

(Martin Buber) von Christen

und Juden hat. Das weitreichende

Versagen der Evangelischen Kirche

gegenüber dem jüdischen Volk

erfüllt uns mit Trauer und Scham.

Aus dem Erschrecken über historische

und theologische Irrwege und

aus dem Wissen um Schuld am Leidensweg

jüdischer Menschen erwächst

heute die besondere Verantwortung,

jeder Form von Judenfeindschaft

und -verachtung zu widerstehen

und ihr entgegenzutreten.

14. Als unser Herr und Meister Jesus

Christus sagte: 'Tut Buße, denn

das Himmelreich ist nahe herbeigekommen',

wollte er, dass das ganze

Leben der Glaubenden Buße sei"

(Martin Luther). Das Reformationsjubiläum

im Jahr 2017 gibt Anlass zu

weiteren Schritten der Umkehr und

Erneuerung.

Bremen, den 11. November 2015

Die Präses der Synode der

Evangelischen Kirche in Deutschland

Dr. Irmgard Schwaetzer

16


500 Jahre Reformation

Luthers Theologie aus israeltheologischer Perspektive

von Tobias Krämer

Als vor 500 Jahren die Reformation begann, hätte kaum jemand gedacht, welche gravierenden Auswirkungen sie haben

würde. Deutschland wurde polarisiert –

in protestantische und katholische

Teile. Deutschland wurde aber auch

geeint - durch die Lutherbibel, die

die vielen Dialekte zu einer gemeinsamen

Sprache zusammenführte.

Die Kirche wurde gespalten. Protestanten

und Katholiken standen sich

feindlich gegenüber. Diese Feindschaft

führte sogar zu kriegerischen

Auseinandersetzungen. Heute sind

die Konflikte der Reformationszeit

weitgehend Vergangenheit - die

Trennung aber besteht fort.

Luthers reformatorische

Entdeckung

Der Grund der Trennung war Jesus

Christus wie die Reformatoren ihn

verkündigten. Ihre Lehre war ein Affront

gegen die katholische Kirche

und katholische Frömmigkeit. Denn

ihr solo Christo (allein durch Christus)

schloss einen menschlichen Beitrag

zur Errettung bzw. Rechtfertigung

aus. Die katholische Kirche

aber betonte diesen Beitrag auf vielfältige

Weise. Sie erntete Protest:

Allein durch Christus, allein durch

Glauben, allein aus Gnade wird der

Mensch laut der Reformatoren gerechtfertigt.

Und so wundert es nicht,

dass diese Kampfparolen die Mitte

protestantischer Theologie wurden.

Auf diese Weise haben die Reformatoren

das Evangelium wieder zum

Leuchten gebracht und zur Botschaft

von der bedingungslosen Retterliebe

Gottes gemacht. Gott rechtfertigt uns

- nicht wir selbst! Davon zehrt die

Christenheit bis heute. Luther hat

dieses „Allein" entschieden vertreten,

weil er es existenziell erlebt hat.

Die Erfahrung der Rechtfertigung -

allein durch Christus, allein durch

Glauben, allein aus Gnade - machte

ihn zum Verfechter dieser Botschaft.

Luther selbst schildert seine "reformatorische

Entdeckung" folgendermaßen:

Nun fühlte ich mich ganz

und gar neugeboren und ich war

durch offene Pforten in das Paradies

selbst eingetreten. Die Angst vor der

ewigen Verdammnis und der Hölle,

die Luther so sehr gepeinigt hatte,

war der Gewissheit des Glaubens

gewichen: Gott hat mich gerecht gemacht,

denn Christus ist für meine

Sünden gestorben; ich bin begnadigt,

ich bin gerechtfertigt worden,

ich bin frei! Darin fand Luther Frieden

für seine Seele. Deshalb gab es

an dieser Stelle für Luther auch keinen

theologischen Spielraum, nicht

einen Millimeter. Im Gegenteil: Für

diese Botschaft musste gekämpft

und gestritten werden: Christus,

Glaube und Gnade allein!

Die Kehrseite

Nun ist es immer so eine Sache,

wenn Kampfparolen dogmatisiert

werden. Kampfparolen sind dringend

nötig, wenn etwas aufgebrochen

werden muss. Sie spitzen eine

Wahrheit zu und entfalten auf diese

Weise ihre Wirkung. Doch haben sie

in der Regel nicht die Weite und die

Reife, das Ganze der Theologie zu

repräsentieren. Folglich holt man

sich leicht Einseitigkeiten oder

Verengungen ins Haus, wenn man

sie zu dogmatischen Glaubenssätzen

erhebt. Solche Verengungen

sind aus meiner Sicht auch Luther

unterlaufen.

Unter anderem im Hinblick auf

Israel. Luther konnte die biblische

Perspektive für Israel nicht sehen,

denn sie hatte in seinem theologischen

Denken keinen Raum. Die

sog. "Ersatztheologie" - dass Gott

mit Israel Schluss gemacht und

als „Ersatz“ nun die Gemeinde Jesu

erwählt habe - hatte Luther ohnehin

verinnerlicht. Damit war er aufgewachsen.

Doch der Gedanke, dass

Gott Israel verworfen habe, wurde

durch Luthers Christologie (seine

Lehre von Jesus Christus) noch

verstärkt. Denn wenn man allein

durch Christus gerecht wird, waren

dann die Juden, die sich doch gegen

das Evangelium gestellt hatten, nicht

der ewigen Verdammnis

preisgegeben? Und hatten sie dann

nicht ihre Erwählung verspielt?

Dieser Gedanke war für Luther

Konsequenz seines Evangeliums

und aus diesem Gedanken fand er

zeitlebens nicht heraus. Luthers

Theologie hatte also - anders als die

des Paulus - eine antijudaistische

bzw. antisemitische Kehrseite. Sie

war gegen das Judentum gerichtet.

Das war und ist ein gravierender

Fehler. Denn die Theologie des

Paulus - Luthers Vorbild - ist dies

nicht! Nicht umsonst bezeichnet

Klaus Wengst die theologische

Judenfeindschaft als "Geburtsfehler

des Protestantismus“[1]

Römer 11: Luthers Probleme

mit Paulus

Schon in seiner frühen Vorlesung

über den Römerbrief bekennt Luther,

dass ihm die letzten Verse aus

Röm. 11, die die bleibende Erwählung

Israels zum Gegenstand haben,

"dunkel bleiben". Luther hat schlicht

nicht verstehen können, dass Israel

noch immer erwähltes Gottesvolk ist,

wo es doch Christus abgelehnt hat.

Hier war Luther mit Paulus im Konflikt

und blieb es sein Leben lang.

Für Paulus war klar, dass Israels

Erwählung nicht zur Debatte stand,

denn "Gottes Gaben und Berufung

können ihn nicht gereuen" (Röm

11,29). Gott hatte Israel erwählt und

sich als Gott Israels offenbart. Das

stand für Paulus fest. Natürlich steht

auch in der Theologie des Paulus

Christus im Mittelpunkt. Doch ist

seine Christologie nicht so aufgebaut,

dass sie den Gott Israels und

damit die Erwählung Israels verdeckt

oder gar auflöst. Das aber ist bei

Luther der Fall.

Für Luther sind Gott und Christus im

Grunde deckungsgleich, so dass

man von Gott nur aus christlicher/

17


christologischer Perspektive sprechen

kann. Bei Paulus ist der

Anmarschweg ein anderer. Er geht

vom Gott Israels aus und kommt von

dort auf Jesus Christus zu sprechen.

Die Folge ist, dass in der Theologie

des Paulus der Gott Israels bzw. die

Erwählung Israels erhalten bleiben,

während Luther diese verliert.

Deshalb konnte Luther den Gedankengang

des Paulus in Röm 11 nicht

verstehen (siehe Grafik 1).

Der Unterschied zwischen den

beiden Gottesmännern wird besonders

an Röm 11,28 deutlich. Während

Paulus über seine Judengenossen

sagt, dass sie Geliebte und

Feinde zugleich sind - Feinde des

Evangeliums und trotzdem Geliebte

Gottes! - sieht Luther nur die

Feindschaft dem Evangelium

gegenüber. Aus dieser Feindschaft

schließt er, dass Israel nun verworfen

sei. Das aber war für Paulus

undenkbar: "Gott hat sein

Volk nicht verstoßen, das

er zuvor erwählt hat!"

(Röm 11,2). Ganz im

Gegenteil. Die Erwählung

Israels wird letztlich dazu

führen, dass "ganz Israel

gerettet werden wird“

(Röm. 11.26). Das wird

laut Paulus schon in der

Schrift verheißen, Israel

und sein Messias Jesus

werden zusamenfinden,

zu Israels Heil. Alles andere

ist für Paulus unvorstellbar

(Grafik 2).

Paulus sieht beides: die bleibende

Erwählung Israels und die

Feindschaft dem Evangelium

gegenüber. Luther

hingegen sieht nur

Letzteres: Feindschaft.

Paulus gibt der Erwählung

sogar das größere

Gewicht und kann

deshalb Gottes Heilsperspektive

für Israel sehen,

während Luther nur eines

wahrnimmt: Feindschaft.

Paulus schaut aus zwei

Blickwinkeln auf Israel.

Hinslchtlich des Evangeliums

sind sie zwar

Feinde, hinsichtlich der

Erwählung aber sind sie Geliebte.

Luther aber nur aus einem: dem

Blickwinkel des Evangeliums. Kurz

gesagt: Luther ist auf einem Auge

blind. Das solus Christus war für ihn

so absolut und dominant, dass

daneben kein Raum mehr für ein

anderes Gotteswirken blieb - das war

ausgeschlossen.

Damit hat Luther unendlich viel an

biblischer Substanz verloren. Er

verlor den Gott Israels, die Erwählung

Israels und die Verheißungen

Gottes für Israel. Damit verlor er

aber auch die Treue Gottes, denn

wenn Gott nicht treu zu seinem Volk,

seiner Erwählung und seinen

Verheißungen steht, wie sollte er uns

Christen gegenüber treu sein?

Entweder ist Gott treu - dann auch

Israel gegenüber - oder er ist es

nicht. Ein Dazwischen gibt es nicht

(Grafik 3).

Luthers Theologie sollte

heute einem Check unterzogen

werden. Luthers

Tiefenerkenntnis des Evangeliums

sollte ganz neu

und dankbar ergriffen werden,

doch sollten zugleich

seine Engstellen und blinden

Flecken überwunden

werden.

Beides zusammen würde

zu einer Reifung der

Theologie und zu einer

geistlichen Gesundung

der evangelischen

Christenheit führen.

Nichts brauchen wir heute mehr als

das (Grafik 4).

Konsequenzen heute

Eine theologische Neubesinnung

müsste m. E. bei Jesus von Nazareth

einsetzen. Jesus war bekanntermaßen

Jude und er ist dies noch

immer. Dies hat schon Karl Barth

betont: "Gottes Sohn wurde nicht

Fleisch, Mensch [. .. ] in irgendeiner

Allgemeinheit, sondern jüdisches

Fleisch. Die ganze kirchliche

Inkarnations- und Versöhnungslehre

wurde abstrakt, billig, bedeutungslos

in dem Maß, als man das für eine

beiläufige und zufällige Bestimmung

zu halten begann." [2] Das heißt:

Jesus ist von seinem Judesein nicht

zu trennen.

Jesu Judesein erschließt Jesus,

18


seine Person, sein Werk und seine

Bedeutung, ja sogar unser Heil.

Wenn wir uns heute der Person

Jesus neu annähern wollen, dann

stoßen wir auf den Juden Jesus. Der

Jude Jesus verbindet uns mit dem

jüdischen Volk, dem Gott Israels und

der Heilsgeschichte, die Gott mit

Israel schreibt. Es gilt also zunächst,

den Juden Jesus kennenzulernen.

Dass an dieser Stelle enormer

Nachholbedarf besteht, hat Guido

Baltes - ausgewiesener Kenner der

Materie - herausgearbeitet. Baltes

zählt sage und schreibe 80 Missverständnisse

auf, die sich in der

Christenheit eingeschlichen habenund

den jüdischen Wurzelgrund des

christlichen Glaubens verstellen. [3]

Exemplarisch seien hier einige

aufgezählt:

Missverständnis 1: Unser Bild von

Jesus kann nur dann hell leuchten,

wenn wir den Hintergrund des

Judentums um ihn herum in dunklen

Farben malen.

Missverständnis 13: Im Judentum

wird man durch eigene Verdienste

gerettet, im Christentum durch die

Gnade Gottes.

Missverständnis 17: Jesus brauchte

nicht zur Schule zu gehen, weil er

als Sohn Gottes ohnehin schon alles

wusste.

Missverständnis 20: Den jüdischen

Lehrern ging es nur um Verbote.

Jesus aber ging es darum, über die

Grenzen des Gebotes hinauszudenken.

Missverständnis 30: Das jüdische

Gesetz wurde dadurch

überflüssig, dass Jesus

es vollständig eingehalten

hat.

Missverständnis 51: Der

Gott des Alten Testaments

ist nicht der

liebende Vater, von dem

Jesus redet.

Missverständnis 52:

Gott hat irgendwann

zwischen dem Alten und

dem Neuen Testament

seine Meinung geändert.

Missverständnis 53:

Man muss das Alte Testament

"durch die Brille des

Neuen" lesen.

Missverständnis 67: Das "Reich

Gottes" ist eine christliche Idee. Es

begann erst, als Jesus in die Welt

kam.

Missverständnis 78: Jesus war

zwar ein Jude, aber schon Paulus

hat die Grenzen des Judentums verlassen

und eine neue Religion gegründet.

Bei all diesen Aussagen handelt es

sich um Irrtümer. Und dennoch sind

sie in christlichen Gemeinden weit

verbreitet. Hier sollte zunächst einmal

gründlich aufgeräumt werden.

Der Jude Jesus muss neu entdeckt

werden, um Jesus richtig verstehen

zu können. Dazu bedarf es eines

neuen (wahrheitsgemäßen!) Bildes

des jüdischen Kontextes. Wenn wir

an Jesus glauben und Jesus Jude

war, dann glauben wir an den Juden

Jesus und sollten ihn kennenlernen.

Im zweiten Schritt sollte dann der

Jude Paulus ins Visier genommen

werden, der von dem Juden Jesus

her seine Theologie aufgezogen und

in die griechisch-römische Welt hinein

kontextualisiert hat. [4] Geht man

diesen Weg, dann erkennt man, was

Paulus damit meinte, dass wir Christen

durch den Glauben an Jesus in

den edlen Ölbaum "eingepfropft"

sind (Röm 11,17-24).

Christen sind in die Heilsgeschichte,

die Gott mit Israel schreibt, mit hineingenommen

und werden deshalb

auch mit Israel zusammen ans Ziel

kommen. Hier geht es um nichts Geringeres

als um unsere christliche

Identität. Die christliche Identität

ist von der Substanz her jüdisch.

Dies muss neu durchdekliniert und

ergriffen werden, Schritt für Schritt.[5]

Luthers Reformation hat Bahnbrechendes

geleistet, denn

es ist ihm gelungen, den

Glauben der Christenheit

vom Kreuz her zu erneuern

(Grafik 5). Dies kann

kaum überschätzt werden.

Heute - 500 Jahre

später - wird man den

Eindruck nicht los, dass

die Kirchen der Reformation

Gefahr laufen, den

Bezug zum Kreuz zu verlieren

(Grafik 6) . Die Reaktion

sollte nun nicht

allein darin zum Kreuz

zurückzurufen. Das natürlich

auch, aber nicht

nur. Der Umkehrruf muss lauten: Zurück

zu Jesus! Zu dem Juden Jesus,

der für uns gestorben und auferweckt

worden ist. Zurück zur jüdischen

Heilsgeschichte, die Gott mit

Israel schreibt, zurück zu den Wurzeln!

Denn von den Wurzeln her wird der

Glaube stabil und bekommt seine

Ausrichtung. Junge Israelfreunde in

meinem Umfeld glauben deshalb,

dass es heute eine zweite Reformation

braucht, die die erste zu Ende

führt. Sie nennen diese sinnigerweise:

ReformaZION

(s. Grafik 7, S. 20).

19


Die Alternative: mit Luther gegen

Luther

Luther hätte zu anderen Schlussfolgerungen

kommen können, wenn er

ein anderes reformatorisches Prinzip,

das er verfochten hat, an die erste

Stelle gesetzt hätte: sola scriptura

- allein die Schrift. Dann hätte er

anhand von Röm 11 feststellen kön-

nen, dass etwas an seiner Theologie

nicht stimmen kann. Er hätte diesem

Hinweis nachgehen und seine Theologie

so aufbereiten können, dass

die Israel perspektive aus Röm. 11

darin Platz hat. Dazu ist es Ieider

nicht gekommen und so wirkt Luthers

blinder Fleck nach. Doch haben

andere Protestanten diesen

Weg eingeschlagen. Sie haben an

den reformatorischen Grundsätzen

festgehalten und dennoch die biblische

Sicht für Israel ergriffen. Die

Rede ist von Teilen des Pietismus

sowie von Theologen der Nachkriegszeit,

die den Holocaust als Auftrag

begreifen, die eigene Theologie

auf den Prüfstand zu steIlen (z.B.

Theologie nach Auschwitz). Hier zeigen

sich Früchte, die hoffen lassen.

[1] Vgl. Wengsts Aufsatz "Martin Luther und die Juden.

Über theologische Judenfeindschaft als Geburtsfehler

des Protestantismus."

In: Klaus Wengst, Christsein mit Tora und Evangelium.

Beiträge zum Umbau christlicher Theologie im Angesicht

Israels, Stuttgart 2014, S. 35-52.

[2] Karl Barth, Kirchliche Dogmatik. Band IV/ 1, Zollikon

1953, S. 18lf.

[3] Guido Baltes, Jesus der Jude und die Missverständnisse

der Christen, Marburg 3 2015.

[4] Diesem Projekt ist das zweite Buch von Guido Baltes

gewidmet: Paulus- Jude mit Mission. Alter Glaube in

einer verändertene Kultur,

Marburg 2016

[5] Persönlich darf ich sagen, dass ich diesen Weg seit nun

11 Jahren gehe und noch immer Neues entdecke.

Olivenbaum, Ölberg Garten Gethsemane

20


Verdrängung, Verdruss, Verantwortung?

Kriegsurenkel und der lange Schatten unserer Vergangenheit

Rasmus Rahn

Ich bin nun 22 Jahre alt und wurde

von vielen Seiten verwundert

gefragt, warum ich mich ausgerechnet

damit befasse, wie die Generation

der Kriegsurenkel mit den Taten

ihrer Vorfahren umgeht. Das Thema

sei längst »ausgelutscht« und schon

1000-fach abgehandelt. Viele haben

die Sorge, dass es ausschließlich

mit der Schuld- und Moralkeule

daherkommt.

Nähert man sich dem Thema

allerdings von einer anderen Seite,

nämlich auf der psychologischemotionalen

Ebene, und beginnt

sich intensiv damit zu beschäftigen,

was in den direkt Betroffenen, den

Kriegskindern und den ihnen

nachfolgenden Generationen

vorgeht, so erkennt man, wie

brandaktuell es eigentlich ist.

Wer dennoch sicher ist, das Thema

beträfe heute niemanden mehr, dem

sei mit der aktuellen Umfrage der

Europäischen Union widersprochen:

Die Agentur der Europäischen Union

für Grundrechte hat die Erfahrungen

von Juden in acht europäischen Ländern

vergleichend untersucht. Die

Befragten stammen aus den acht

europäischen Ländern, in denen

Schätzungen zufolge 90 Prozent der

europäischen Juden leben. Zwei Drittel

der Befragten gaben an, Antisemitismus

sei ein Problem in Europa,

76 Prozent verzeichneten gar einen

Anstieg der Anfeindungen in ihrem

Heimatland in den vergangenen fünf

Jahren, in Deutschland waren es

insgesamt 32 Prozent der Befragten,

die sich über eine deutliche Zunahme

der Judenfeindlichkeit sorgten.

Jeder zweite Befragte fürchtete,

Opfer eines verbalen Angriffes zu

werden. Ein Drittel der Befragten

fürchtete gar, im Heimatland auch

körperlich angegriffen zu werden.

Mehr als jeder zweite Befragte gab

an, in den vergangenen zwölf

Monaten mit der Äußerung konfrontiert

worden zu sein, dass der

Holocaust nicht stattgefunden habe

oder aber übertrieben dargestellt

werde.

Ein Viertel der Befragten gab an, in

den vergangenen Monaten angegriffen

worden zu sein, 4 Prozent

erlebten körperliche Gewalt. Ein

Viertel der Befragten gab an, in den

vergangenen zwölf Monaten

diskriminiert worden zu sein wegen

seines jüdischen Glaubens. Von den

berufstätigen Befragten gab jeder

Zehnte an, an seinem Arbeitsplatz

wegen seines jüdischen Glaubens

schon einmal diskriminiert worden zu

sein. Ebenso wie jeder Zehnte, der

auf Jobsuche war.

Die Journalistin Daria Jablonowska

fragt in einem Artikel im Magazin vor

diesem Hintergrund: »Sind diese

Sorgen nur subjektiv und unbegründet?

Sind antisemitische Anfeindungen

nur ein Instrument gesellschaftlicher

Randgruppen, bekennender

Rechtsradikaler, rechtsorientierter

und gewaltbereiter Fanatiker oder

verkennen wir durch die Abschiebung

der Problematik in bestimmte

Milieus unsere gesamtgesellschaftliche

Verantwortung und überhören

die latent judenfeindlichen Botschaften

im Alltäglichen?« Die 2012

erschienene Studie »Die Mitte im

Umbruch - Rechtextreme Einstellungen

in Deutschland 2012« der

Friedrich-Ebert-Stiftung diagnostiziert,

dass rechtsextreme Einstellungen

von 28 Prozent der Bevölkerung

in Deutschland geteilt werden und

die Zustimmung zu allen in der

Studie vorgelegten Einzelaussagen

deutlich über dem Bevölkerungsanteil

manifest antisemitischer Personen

(8,7 Prozent) liegt.

Ich sehe hier das Ergebnis einer

länger währenden Entwicklung, die

eine mangelnde Beschäftigung mit

den eigenen Wahrnehmungen zur

Folge hat. Verantwortung anzunehmen,

bedeutet in diesem Zusammenhang

nämlich nicht etwa, sich

einer Schuld des deutschen Volkes

und seiner Verantwortung vor der

Geschichte bewusst zu werden,

denn diese ist wahrhaftig.

Hier bedeutet Verantwortung, sich

der eigenen Empfindungen gewahr

zu werden, ihnen nachzugehen und

verantwortlich mit ihnen umzugehen.

Nur wie nimmt man diese Verantwortung

an? Für mich begann dieser

Prozess zunächst mit der Bewältigung

der Geschichte meiner eigenen

Familie. Im Geschichtsunterricht

legte unser Lehrer besonderen Wert

darauf, uns in diesem Zusammenhang

die Geschehnisse vor unserer

eigenen Haustür nahezubringen.

In Friedrichstadt, einer Stadt nur

zehn Kilometer von dem Ort entfernt,

wo ich aufwuchs, verübte die SS ein

grausames Verbrechen an der

jüdischen Gemeinde. Deren Mitglieder

wurden von der SS in die dortige

Synagoge eingesperrt. Anschließend

warfen die SS-Männer Handgranaten

in das Gebäude.

Die Synagoge fing Feuer, und alle in

ihr gefangenen Menschen starben.

Es ist immer besonders furchtbar,

wenn ein Ort des Friedens und der

seelischen Geborgenheit in einen

Ort des Grauens verwandelt wird.

Wenige Jahre später erfuhr ich dann,

dass der Onkel meines Großvaters

Mitglied der SS und maßgeblich an

diesem Verbrechen beteiligt war. Ich

erstarrte. Mir wurde zum ersten Mal

bewusst, dass in unserer Familiengeschichte

so eine Schuld zu finden

war.

Ich begann mich stärker damit auseinanderzusetzen,

und so nahm ich im

April 2012 an einer Bildungsreise in

das Konzentrationslager Auschwitz

21


teil. Im Rahmen dieser Reise fuhren

wir nach Berlin. Dort besuchten wir

das Jüdische Museum und nahmen

an einem Workshop teil. Inhalt dieses

Workshops war es, mit originalen

Archivarien zu arbeiten.

Eine dieser Archivarien war der Abschiedsbrief

der Jüdin Mathilde Bing

an ihre Söhne, die 1938 nach England

fliehen konnten.

Der Brief lautet wie folgt:

27. Juni 1943

Meine geliebten beiden Jungen!

Nun ist es endgültig so weit, morgen

kommen wir fort. Ob ich jemals wieder

aus der Verschollenheit auftauche,

weiß ich nicht. Wo Vati ist, weiß

ich auch nicht, auch wo alle anderen

Verwandten sind. Der Euch meinen

Abschiedsbrief übermittelt, weiß

über mein Schicksal Bescheid. Ich

will nur sagen, dass ich alles versucht

habe, um diese Zeit zu überleben,

ich werde es auch weiter versuchen.

Erst wenn es zu furchtbar

wird, dann mache ich Schluss. Ich

hatte immer nur den Gedanken, wie

kann ich Euch wiedersehen. Immer

hatte ich diese schreckliche Sehnsucht

nach Euch beiden. Ihr müsst

es fühlen, wie lieb ich Euch habe.

Ich bitte Euch beide, haltet zusammen,

auch wenn Ihr Euch nicht immer

versteht in allem, was Ihr tut. In

dieser furchtbaren Zeit war es immer

ein großer, eigentlich der einzige

Trost, dass Ihr beide gerettet und

dass Ihr draußen glücklich seid. Ich

weiß auch, dass Ihr uns für Euer Leben

nicht mehr notwendig habt. Nur

für mich selbst wäre es das größte

Glück, wenn ich dieses alles überlebe

und dann zu Euch kommen könnte.

Bis auf die letzten vier Wochen habe

ich ein schönes Leben gehabt,

schrecklich war immer, dass ich von

Euch nichts mehr hörte. Wir denken,

dass wir ins Arbeitslager nach Oberschlesien,

nach Auschwitz kommen.

Von dort zur Arbeit nach Birkenau

oder Monowitz. Wenn Ihr später einmal

durch eine Behörde Nachforschungen

anstellen lassen wollt. Vati

wird vielleicht auch dort sein. Auch

Tante Minnie und Onkel Max. Ob ich

sie finden kann, ahne ich nicht.

Ich bin so froh, dass Du, lieber

Heinz, mit Gaby glücklich bist und

eben dadurch nicht allein. - Wenn

Du, lieber Gerhard, doch auch heiraten

würdest, dann könnte ich ganz

ruhig sein. Aber vielleicht ist es

schon geschehen, und ich weiß

nichts davon. Ob Ihr diesen Brief jemals

bekommen werdet? Ich weiß

es nicht, aber ich musste ihn schreiben.

Lebet wohl Ihr beiden, ich kann

nun nicht mehr, sonst muss ich weinen,

und ich will stark bleiben bis

zuletzt. In Gedanken küsse ich Euch

tausendmal, Euch beide und Gaby

als mein drittes Kind.

In großer, großer Liebe!

Mutti

(Jüdisches Museum Berlin,

Schenkung von Thomas von Pappritz)

Mathilde Bing starb im Konzentrationslager

Auschwitz-Birkenau.

Ich musste diesen Brief dreimal lesen,

um ihn zu erfassen. Er riss mich

aus der Realität. Vielleicht hat er

mich ihr auch nähergebracht. Jedenfalls

wurde meine Wahrnehmung in

ihrer Intensität derart verstärkt, dass

ich einen emotionalen Zusammenbruch

erlitt. Auf einmal wurde diese

riesige, abstrakte Gestalt des Holocaust

heruntergebrochen auf das

Schicksal eines einzelnen Menschen.

Urplötzlich konnte man all

das buchstäblich greifen.

Ich kam an mein Ziel, Tage bevor wir

den Ground Zero der Shoah überhaupt

erreichten. Ich konnte meine

eigenen Wahrnehmungen annehmen

und verarbeiten. Alle weiteren

Eindrücke, die Gaskammern, die

Gleise, die Baracken, die Berge von

menschlichem Haar, all das hat mich

nicht im Ansatz so getroffen wie dieser

Brief von Mathilde Bing. So kam

ich dazu, mich mit diesem Thema

auseinanderzusetzen. Eine neue

Generation tritt an, das Ruder zu

übernehmen. Diese Generation ist

die dritte nach dem Zweiten Weltkrieg,

die erste nach der Wiedervereinigung.

Eine Generation, die in politischer

Stabilität groß geworden ist

und daher keinen direkten Bezug zu

den gesellschaftlichen Extremen der

Vergangenheit hat.

Die Rahmenbedingungen dieser Generation

unterscheiden sich deutlich

von denen ihrer Vorfahren. Die mediale

Revolution mit dem Aufkommen

des Internets lässt die Welt immer

kleiner werden. Angesichts der Realitäten

vieler Menschen weltweit, die

großer Willkür und furchtbarem

Schrecken ausgesetzt sind, scheinen

lokale Interessen immer trivialer

zu werden. Daher setzen sich viele

junge Menschen, die für dieses Thema

sensibilisiert sind, stärker mit anderen

Problemen auseinander. Diejenigen,

die nicht dafür sensibilisiert

sind, setzen sich ohnehin wenig mit

den Problemen anderer auseinander.

Die wahrgenommene politische Stabilität

im eigenen Land politisiert die

jungen Menschen immer weniger.

Die großen Themen scheinen kleiner,

interessieren die Menschen

kaum noch. Das führt zu Politikverdrossenheit

und in diesem Zusammenhang

auch dazu, dass sich weniger

mit der eigenen Geschichte beschäftigt

wird. Um es mit den Worten

meines Großvaters zu sagen: »Der

Russe steht nicht mehr an der Elbe.«

Wo befindet sich diese Generation?

Sie ist in der Findungsphase. Man

orientiert sich beruflich neu, sucht

seinen Platz in der Gesellschaft.

»Was fange ich jetzt mit mir an?«,

»Wo soll mein Leben hingehen?«

Das sind die Fragen, die sich diese

Generation, zu Recht, stellt. Natürlich

wirkt die Beschäftigung mit der

Vergangenheit, angesichts des Aufbruchs

in das eigene Leben, die eigene

Zukunft, da verhältnismäßig uninteressant.

Deshalb ist sie aber nicht

weniger wichtig.

Wo will diese Generation hin? Die

Generation Y, wie man sie auch

nennt, möchte nicht mehr leben, um

22


zu arbeiten, sondern arbeiten, um zu

leben. Diese Generation will Karriere

machen und dabei genügend Zeit für

Hobbys und die Familie haben. Hedonismus

ist stark verbreitet. Dies

führt dazu, dass sich mit den unangenehmen

Dingen zu beschäftigen

oft vermieden wird.

Und dazu gehört auch, die eigene

Vergangenheit zu erforschen. Stellen

sich für diese Generation die Fragen

Stolpersteine im Hamburger Grindelviertel

nach Schuld und Verantwortung?

Wie geht diese Generation mit der

Vergangenheitsbewältigung um?

Strebt diese Generation überhaupt

an, Vergangenheit zu bewältigen?

Und wenn ja, wie? Ich persönlich

nehme folgende markante Strömungen

wahr: Die einen zeigen starke

Tendenzen, Verantwortung von sich

zu weisen. Sie sind der Meinung, es

sei »früher alles gar nicht so

schlecht gewesen, stehen antisemitischen

Gedanken zumindest nicht

ablehnend gegenüber. Sie betreiben

Verdrängung.

Die anderen sind abweisend, möchten

nicht von der Moralkeule erschlagen

werden, sie haben »genug« davon

und reagieren mit großem Verdruss.

Häufig kommt sogar beides

zusammen, was eine Mischung ergeben

kann, die der Vergangenheitsbewältigung

und Verarbeitung

der eigenen Wahrnehmungen

entgegensteht.

Es gibt aber auch jene,

die sich der Verantwortung

bewusst sind und

sie annehmen. Verantwortung,

das Wahrgenommene

zu verarbeiten,

es anzunehmen

und ihm nachzugehen.

Wichtig zu erwähnen ist

der Unterschied zwischen

der Verantwortung

vor der Geschichte,

die Erinnerung zu

bewahren und zu verhindern,

dass so etwas

jemals wieder geschieht,

und der Verantwortung,

dem nachzugehen,

was einen

emotional einholt, was

man dabei wahrnimmt.

Letzteres spielt für beide

Strömungen keine

größere Rolle, und bei

der Verantwortung vor

der Geschichte zeigen

nur die Verantwortungsbewussten,

dass

sie mit ihr umgehen können.

Daher stellt sich die Frage: Ist diese

Generation auf dem richtigen Weg?

Es kommt darauf an. Zumindest gibt

es einige, die sich mit dem Thema

beschäftigen. Jedoch noch auf der

falschen Ebene.

Das Ziel muss es sein, die Verdrossenen

für die andere Ebene zu begeistern

und bei den Verantwortungsbewussten

einen Sinn für die

Relevanz der emotionalen Ebene zu

schaffen. Die Verdrängenden müssen

sensibilisiert, um nicht zu sagen,

aufgeklärt werden.

Ihnen, wie auch den Verdrossenen,

muss vor allem die Angst vor dieser

Thematik genommen werden. Es ist

nämlich kein Zeichen von emotionaler

Überlegenheit und Stärke, dieses

Thema zu versachlichen und auf die

Relevanz von Reparationsleistungen

zu reduzieren. Ich halte das vielmehr

für ein Zeichen von Angst, mit der

emotionalen Seite dieses Themas

nicht fertigzuwerden, welche mir als

die wichtigere erscheint. Man muss

zu seinen Wahrnehmungen stehen.

Mit dem, was man wahrnimmt, in

Bezug auf das Thema verantwortungsbewusst

umgehen und dem

nachgehen, was einen da eingeholt

hat.

Quelle: Das Buch "Nebelkinder - Kriegsenkel

treten aus dem Traumaschatten der

Geschichte“

(Michael Schneider/ Joachim Süss (Hg.)

23


Was machte der Großvater in der Nazizeit?

Ein Täter in der Familie? Die eigene Familie in der NS-Zeit? Tipps zur Recherche

Endlich Klarheit haben!

Was haben meine Eltern, Großeltern,

Onkel, Tanten zur Zeit der

Nationalsozialismus gemacht?

Waren sie verstrickt in das Nazisystem?

Waren sie gar an Verbrechen

beteiligt? Das Interesse an diesen

Fragen lässt nicht nach und steigt in

der Kinder- und Enkelgeneration

jetzt sogar noch einmal an. Sie

spüren: Da ist was nicht erledigt.

Woran liegt das gestiegene Interesse?

Zum einen daran, dass viele

ZeitzeugInnen sterben, dass sich

also ihre (erwachsenen) Kinder

endlich frei fühlen zu recherchieren;

die Enkelgeneration hat ohnehin

eine größere emotionale Distanz,

was solch eine Recherche erleichtert.

Das gestiegene Interesse hat

aber vor allem mit der neuesten

Geschichtsforschung zu tun: Die

wendet nämlich seit den 90er Jahren

den Blick von den Spitzen des NS-

Systems immer mehr in Richtung

der ?kleinen? Täter, beschäftigt sich

also mit den gewöhnlichen Deutschen,

den Wehrmachtssoldaten,

den Polizisten, den Verwaltungsangestellten.

Den Anfang machten die

Ausstellung „Verbrechen der

Wehrmacht“ und die Bücher von

Christopher R. Browning oder Daniel

Goldhagen (s.u. Buchtipps).

Falsche Erwartungen

1. „Das geht schnell“. - Nein, eher

nicht. Eine Recherche zur eigenen

Familie in der NS-Zeit dauert fast

immer länger als zwei Monate. Man

sollte mit mindestens einem Jahr

rechnen. Man wartet ja schon

Wochen, bis ein Archiv antwortet.

2. „Am Ende weiß ich alles“. - Eher

nicht. Meist weiß man am Ende

immer noch nicht, wie der Verwandte

dachte, wie er zum Nationalsozialismus

stand, ob sich seine Einstellung

über die Jahre geändert hat.

3. „Am Ende weiß ich doch nichts“.

Auch wenn man am Ende meist

nicht weiß, was ein Verwandter

konkret getan hat, kann man es sich

mit einem Trick ausmalen. Der Trick

heißt: lesen, lesen, lesen. Und

zwar Bücher zum Umfeld. Zum

Beispiel Fachliteratur über einzelne

Dienststellen des NS-Apparates,

über einzelne Feldzüge, über

Verbrechen an bestimmten Bevölkerungsgruppen

usw. So kann man

das Dunkelfeld erhellen und den

Verwandten darin verorten.

Erster Schritt: das Familienwissen

ausschöpfen

Fahnden nach Geschichten sowie

Dokumenten jeder Art, nach

Aktenordnern, Briefen, Ausweisen,

Fotos! Es gibt fast immer mehr an

Erzählungen, Wissen und Dokumenten,

als man denkt oder als die

Angehörigen zunächst erinnern.

Dazu jeden, wirklich jeden der

letzten noch lebenden alten Verwandten

befragen, auch die, mit

denen man noch nie Kontakt hatte

oder nicht mehr. Fast immer haben

sie wertvolle Hinweise beizusteuern.

Und so viele Zeitzeugen gibt es ja

nicht mehr im Jahr 2012. Alte

Menschen freuen sich über Besuch,

Telefonate, Interesse. Aber auch

gleichaltrige Vettern und Cousinen

könnten im Besitz von Dokumenten,

Briefen und Fotos sein!

Unbedingt bei allen mehrfach

nachfragen! Nach Geschichten, aber

auch nach Dokumenten, Fotos Die

erste Antwort ist oft: Nee, ich hab da

nichts. Bis jemand anfängt, doch

nochmal nachzuschauen in Schränken

und Schachteln, das kann

dauern, denn viele Menschen

scheuen vor einer Beschäftigung mit

Vergangenem zurück, vor dem

Wühlen in Kisten und Kästen

sowieso. Denn wollte man die nicht

schon lang mal aufgeräumt haben?

Häufig werden sie dann doch fündig.

Denn solch offizielle Dokumente wie

Personalausweis (“Kennkarte“),

„Wehrpass“, „Ariernachweis“,

Entlassungsschein, Rentenanträge

werfen die meisten Leute nicht

einfach so weg.

Manchmal findet sich sogar ein

Ariernachweis (offiziell: Ahnentafel) -

so was hat man gern aufbewahrt,

weil darin der Stammbaum dokumentiert

ist. „Ariernachweise“

wurden übrigens nicht zentral in

einer Behörde gesammelt, sondern

verblieben immer im persönlichen

Besitz. Vorsicht: Die Angaben nicht

unkritisch übernehmen. Denn einen

„Ariernachweis“ über mehrere

Generationen zurück zu erstellen,

war für viele Betroffene und Pfarrund

Standesämter, die nach

Geburts-, Heirats-, Sterbeurkunden

gefragt wurden, überaus lästig. Nicht

selten sind die Angaben ungenau

recherchiert, schlichtweg falsch oder

sogar bewusst gefälscht, um die

arische Abstammung nachweisen zu

können.

Wie führe ich solche

Gespräche?

Um nicht gleich abgeblockt zu

werden (Opa war kein Nazi! Der war

ein sauberer Soldat!), sollte man

Fragen nach Weshalb, Warum,

Wieso vermeiden. Man will ja nicht

Rechtfertigungen hören (“Jeder

musste mitmachen!“), sondern

Erzählungen. Dazu muss man

verleiten, mit Erzählaufforderungen:

„Wie war das denn damals, als ihr

nach Berlin gezogen seid?“ Als du in

Hannover dein Pflichtjahr angefangen

hast? Man fragt zunächst nicht

direkt nach dem Vorfahr, sondern

geht mit dem/der GesprächspartnerIn

erst einmal in deren eigene

Vergangenheit zurück. Das könnte

sich etwa so anhören: Sag mal, und

dann bist du in Hanau zur Schule

gegangen- musstest du da weit

gehen jeden Morgen? „Wer saß

damals alles mit am Abendbrottisch?

Kannst du dich auch an ein Fest

erinnern?“ Erinnerungen kommen

vor allem dann zurück wenn man

sich an sinnlichen und leiblichen

24


Erinnerungsfragmenten entlanghangelt

(Das ist ein Tipp der Göttinger

Professorin Gabriele Rosenthal, die

eine Methodik der narrativen

Biographieforschung entwickelt hat.)

Wahr oder unwahr? Kaum jemand

kann sich nach Jahrzehnten noch

genau an eine Begebenheit erinnern;

die Erinnerung wird überlagert

von späteren Einschätzungen;

manche der angegebenen Daten

sind falsch; Ereignisse aus verschiedenen

Jahren werden erzählend zu

einem einzigen Ereignis verschmolzen.

Usw. Aber komplett falsch sind

Erzählungen auch selten.

Bei wichtigen Familienerzählungen

jeden Satzteil einzeln recherchieren!

Probeweise auch ersetzen durch

andere Begriffe und Daten. (Eigenes

Beispiel: „Der Opa sollte Zwangsarbeiter

ausheben, das wollte er nicht.“

Tatsächlich sollte er Kriegsgefangene

rekrutieren, als Spione.)

Nächster Schritt

Alles, was man in der Familie

erfahren und gefunden hat, aufschreiben.

Geburtsdatum, alle

Wohn- und Aufenthaltsorte, Ehepartner,

Berufskollegen, Arbeitgeber,

Namen von Freunden, Berufe,

Vereinszugehörigkeiten, Interessen,

überlieferte Erinnerungen, Briefe...

Wichtigste Frage ist dabei: Wo war

dieser Mensch überhaupt? Dann

kann man viel gezielter weiterforschen,

etwa in Landesarchiven.

Problem: Ich kann das nicht

lesen, weil Sütterlinschrift

Manche der alten Dokumente sind

handschriftlich verfasst, in Sütterlin.

Was tun?

1. Einen alten Menschen ums

mündliche Übersetzen bitten

(Nachbarn, Bekannte, Verwandte) -

die freuen sich!

2. Eine der acht ehrenamtlichen

Sütterlinstuben [11] in Deutschland

um Übertragung bitten (kostet nichts,

aber über Spenden freut man sich).

Erste Orientierung

Überaus wertvoll für private

GeschichtsforscherInnen ist die

Wissenssammlung wikipedia [12].

Denn über Wikipedia findet man

erste Infos zu NS-Organisationen, zu

Kriegsschauplätzen, und, sehr

wichtig, man findet die korrekten

Begrifflichkeiten. Zum Beispiel

„Spruchkammerakte“ oder „Generalplan

Ost.“

Lesen, lesen, lesen!

Mit den richtigen Begriffen kann man

weitersuchen - zum Beispiel nach

Buchtiteln, etwa bei Amazon. Bücher

braucht man, um sich detailliertes

Hintergrundwissen anzueignen und

das Umfeld/Wirkungsfeld des Vorfahren

auszuleuchten. Und es gibt

inzwischen eine Menge Fachliteratur

zu den konkreten Aktionsfeldern des

NS-Staates: deutsche Besatzungsherrschaft,

Polizeiapparat, Wehrmacht,

auch nachgeordnete Einheiten

von Militär und Zivilverwaltung.

Die Bücher kann man gebraucht kaufen

(etwa auf Amazon und Antiquariatsportalen

wie www.zvab.de), oder

man bestellt sie in eine Bibliothek

zum Lesen. Über die Digitale Bibliothek

[13] kann man 500 Bibliothekskataloge

nach einem Titel oder einem

Thema durchforsten oder auch

nur den Katalog der nächstgelegenen

Biblitohek.

Problem: Mich macht das

krank

Solche Recherchen sind aufwändig

und nervenaufreibend, können sogar

(vorübergehend) die Gesundheit beeinträchtigen.

Schwer auszuhalten

ist zum Beispiel:

- der Widerstand anderer Familienmitglieder;

- das Suchen in alle nur möglichen

Richtungen, damit verbunden immer

wieder Verlust der Übersicht - das

Lesen grauenvoller Dokumente über

Kriegsverbrechen;

- der feindselige oder kalte Tonfall

von Dokumenten aus der NS-Zeit;

- die gleichzeitige Suche nach entlastendem

wie belastendem Material -

dass man sich den Vorfahr als guten

Menschen wie als Verbrecher vorstellen

muss;

- die gewisse Einsamkeit, wenn man

sich intensiv nur mit Vergangenem

beschäftigt.

Es hilft, sich eine Freundin oder einen

Verwandten zu suchen, der/die

sehr interessiert ist am Fortgang der

Recherche, aber emotional nicht so

nahe dran. Wichtig: Die Recherche

auch mal ruhen lassen. Sich anderen

Dingen und vor allem Menschen

widmen.

Problem: Die Familie findet

dieses „Schnüffeln“ nicht gut

Es ist fast immer eine einzelne Person

in einer Familie, die nun endlich

wirklich wissen will, was ein Vorfahr

„damals“ gemacht hat, und die die

Recherche auf sich nimmt. Das gibt

oft Ärger mit anderen Familienangehörigen

- weil das positive Bild eines

Vorfahren in Frage gestellt wird. Die

Reaktion kann bis zum Beziehungsabruch

führen. Der allerdings nicht

von Dauer sein muss.

Es hilft, sich zu vergegenwärtigen,

dass es richtig ist, so viele Jahrzehnte

danach es „genau“ wissen zu wollen.

Denn sonst verfestigt sich die

Mär, dass die Nazis immer nur die

anderen waren. Viele Nachforschende

sehen sich verpflichtet, der Wahrheit

ins Gesicht zu sehen, sie wollen

sich der Verantwortung stellen. Verwandte

über heikle Rechercheergebnisse

nicht per Brief informieren, sondern

im persönlichen Gespräch.

Denn es ist eine große Herausforderung,

sich vorzustellen, dass jemand,

den man liebt, auch schlecht

gehandelt haben könnte. Menschen

müssen nun mal nicht grundsätzlich

böse sein, um Schlechtes tun zu können.

Es reicht, dass jemand die eigenen

moralischen Werte nicht für alle

Menschen gelten lässt, sondern nur

für „Arier“ - nur mal als Beispiel.

Wenn jemand aus der nunmehr sehr

alten Vorgängergeneration „davon“

partout nichts hören will, sollte man

das respektieren.

Problem: Ich versteh das alles

nicht

Historische Dokumente sind zu einem

anderen Zweck geschrieben als

25


dem, einer Enkelin im Jahr 2012 etwas

zu erklären. Nehmen wir nur die

Kriegstagebücher einzelner Divisionen,

die Rechenschaftsberichte von

SS-Abteilungsleitern an ihre Chefs,

zeitgenössische Zeitungsberichte...

Um solchen Dokumenten eine Antwort

auf die eigenen Fragen entnehmen

zu können, brauchen Laien eine

so genannte „Kontextualisierung“,

also Antwort auf Fragen wie: „War

das damals üblich, dass...?“ „Was

verbirgt sich hinter Floskeln wie der,

jemand sei freigegeben zur Dienstleistung

an der Front?“ „Wie viel

Handlungsspielraum hatte ein Befehlsempfänger

in dieser oder jener

Situation?“

Viel drumherum lesen hilft. Sich mit

anderen Leuten treffen, die zur Familie

in der NS-Zeit recherchieren, hilft.

Und man kann einen Historiker, eine

Historikerin beauftragen mit Teilrecherchen

und vor allem (!) mit der

Interpretation von bestimmten Funden.

Unterstützung HistorikerInnen

Sehr zu empfehlen ist es, die Dienste

von selbständigen HistorikerInnen

in Anspruch zu nehmen, vor allem

für die Recherche in Archiven.

Sie kosten meist nicht mehr als eine

Handwerkerstunde. Um die 40 Euro

plus Mehrwertsteuer. Deren Profirecherche

kommt letztlich unter Umständen

sogar preiswerter, als selbst

in Archive zu reisen oder sich das

gesamte Tagebuch einer Division

teuer kopieren zu lassen, weil man

nicht weiß, wie man die richtigen Seiten

findet?

Ich selbst, die Autorin des chrismon-

Textes, hatte zwei Historiker beauftragt

mit der Recherche im Bundesarchiv.

Hauptsächlich Benjamin

Haas [14] in Freiburg, der schnell und

transparent arbeitet (auch kostenmäßig

transparent), umfassend sucht

und mir im Gespräch hilfreiche Einschätzungen

gab. Eine Ergänzungsrecherche

hatte der Historiker Kristian

Petschko übernommen

(petschko.recherchedienst@googlemail.com';

// --> ) .

Das Bundesarchiv hat eine Liste von

Recherchediensten [15] auf seiner

Homepage, gegliedert nach den

Standorten des Bundesarchivs. Viele

Adressen sind jedoch für die hier

besprochenen Zwecke nicht nützlich,

weil sie z.B. nur Firmengeschichte

recherchieren.

Wer nicht fündig wird, darf gern den

Archivar der Gedenkstätte Topographie

des Terrors um geeignete

Adressen bitten: Ulrich Tempel,

Tel. 030- 25 45 09 27,

tempel@topographie.de'; // -->

Fundgrube: Entnazifizierungsakten

Über Mitgliedschaften oder Funktionen

innerhalb des NS-Systems erfährt

man oft etwas in den Entnazifierungsakten

(“Spruchkammerakten“)

- sofern solch eine Akte zu der

Person angelegt worden ist. Die alliierten

Siegermächte hatten nach

Kriegsende etwa 182.000 Deutsche

inhaftiert, um ihre Schuld an den Verbrechen

des NS-Staates zu klären.

Man teilte die Leute dann ein in

Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete,

Mitläufer, Entlastete.

Spruchkammerakten sind mit Vorsicht

zu lesen! Denn die Entnazifizierungsbescheide

sind oft eher aus

Gefälligkeit erstellte Persilscheine

als tatsächlich recherchierte Bescheide.

Man bezeichnete die

Spruchkammern deshalb sogar als

„Mitläuferfabriken“. Hintergrund:

Die Spruchkammerverfahren sahen

eine Umkehr der Beweislast vor, d.h.

die Beklagten mussten selbst Beweise

herbeischaffen dafür, dass sie

trotz allerlei Zugehörigkeiten oder

Ämter etc. den NS-Staat nur unwesentlich

unterstützt oder sogar Widerstand

geleistet hatten. Dafür bat

man Freunde und Bekannte, die Unbescholtenheit

zu bezeugen oder

Begebenheiten zu schildern, aus denen

auf eine gewisse Regimeferne

geschlossen werden konnte. Die Einstufung

als bloßer ?Mitläufer? sollte

man also nicht einfach so übernehmen.

Sonst läuft man Gefahr,aus

den Akten genau das beschönigende

Bild herauszulesen, das über

Jahrzehnte in der Familie tradiert

wurde.

Wertvoll sind die Spruchkammerakten

für Recherchierende dennoch,

da in den Meldebögen die Mitgliedschaften

in der NSDAP oder anderen

parteinahen Organisationen aufgelistet

sind, die allermeist innerhalb

der Verwandtschaft überhaupt nicht

bekannt sind. Die Akten der Spruchkammerverfahren

sind hier gesammelt:

- für die britische Zone im Bundesarchiv

Koblenz

- für die amerikanische Zone in den

Staatsarchiven der einzelnen Bundesländer

- für Baden-Württemberg im Staatssarchiv

Ludwigsburg

- für Bayern im Staatsarchiv München

- (Überblick über die Besatzungszonen:

http://tinyurl.com/c5vpekq )

- Sowjetische Besatzungszone bzw.

DDR: Stasi-Unterlagen-Behörde. Antragsformular

zur Akteneinsicht hier

[16] zu finden.

Hat man die richtige Behörde, das

richtige Archiv gefunden, kann man

seine Anfrage meist per Email stellen.

Wichtig: Alle bekannten Daten

erwähnen, also alle Vornamen, Geburtsdatum,

wo gelebt, welcher Landkreis...

Deutsche Dienststelle (WASt)

Die WASt [17] informiert nicht nur

über Gefallene, sondern über alle

Kriegsteilnehmer - sofern es dazu

Unterlagen gibt. 18 Millionen

Karteikarten von Teilnehmern des II.

Weltkrieges (Wehrmachtsoldaten

und Angehörige anderer militärischer

bzw. militärähnlicher Verbände).

Achtung, die WASt ist kein Archiv,

sondern eine Behörde, man

bekommt keine Unterlagen in Kopie,

sondern nur Bescheide. Der Tonfall

auf der Homepage ist etwas

abschreckend.

Wie ticken Archive und

ArchivarInnen?

Bevor man das erste Archiv anschreibt

oder gar betritt, sollte man

sich mit den Eigenheiten von Archiven

und ArchivarInnen vertraut machen.

Eine großartige Einführung für

26


Laien hat der Verein „historicum.net -

Geschichtswissenschaften im Internet

e.V." hier [18] zusammengestellt.

Der Verein ist angesiedelt an der

bayerischen Staatsbibliothek München

und der Universität Köln.

Ist die Schutzfrist abgelaufen?

Die Schutzfristen für personenbezogene

Daten sind in den einzelnen

Bundesländern unterschiedlich lang.

In Baden-Württemberg und Thüringen

zum Beispiel endet der Schutz

90 Jahre nach Geburt oder 10 Jahre

nach Tod, in Hessen 100 Jahre nach

Geburt. Ist die Schutzfrist abgelaufen,

hat jeder ein Einsichtsrecht. Das

Bundesarchiv gibt erst 30 Jahre

nach dem Tode der Betroffenen Informationen

an Dritte heraus. Ist das

Todesjahr nicht oder nur mit unvertretbarem

Aufwand festzustellen, endet

die Schutzfrist 110 Jahre nach

der Geburt des Betroffenen. Aber:

Bei besonderem Interesse (etwa familiäres

Interesse oder auch Forschung)

kann die Schutzfrist auf Antrag

verkürzt werden.

Personenbezogene

Unterlagen

Einen ersten Überblick, welche Archive

für die eigene Recherche interessant

sein könnten, bieten diese

beiden Seiten:

– Eine Übersichtsliste zur Vewahrung

personenbezogener Unterlagen

zum 2. Weltkrieg finden Sie hier [19].

– Nützliche Ratschläge für die Suche

nach Informationen zur Tätigkeit von

Verwandten im Dritten Reich finden

Sie hier [20].

Mammutarchiv: das

Bundesarchiv

Das Bundesarchiv ist das zentrale

Archiv der Unterlagen des Bundes

und seiner Vorgängerinstitutionen.

Das Bundesachiv teilt sich in verschiedene

Dienststellen (Koblenz,

Freiburg, Ludwigsburg, Berlin, Bayreuth)

mit verschiedenen Beständen

auf. Achtung: Das Bundesarchiv recherchiert

bei Anfragen nicht selbst

in seinen Beständen, sondern

schickt eine Kurzbeschreibung, welche

Bestände bzw. Aktensignaturen

für die Recherche interessant sein

könnten. Fragen kann man aber zum

Beispiel, ob der Verwandte Mitglied

der NSDAP oder anderer NS-

Organisationen war. Das Bundesarchiv

bewahrt diese Mitgliederkarteien

fast vollständig auf.

Welche Bestände zum Dritten Reich

in welchen Teilarchiven liegen, siehe

hier [21]. Selber schon mal rumsurfen

- Dann hier [22]. Liste von Recherchediensten

[15]. Militärarchiv (Teil

des Bundesarchivs) Hilfreich ist es,

wenn man einen Wehrpass gefunden

hat. Darin ist auch notiert, wann

jemand in welcher Einheit wo im Einsatz

war. Damit kann man besser

weitersuchen. Das Militärarchiv [23]

in Freiburg bewahrt an personenbezogenen

Daten auf:

- Die Personalunterlagen der Offiziere

der Wehrmacht (Heer, Luftwaffe,

Marine, nicht Waffen-SS) auf.

- Wehrmachtsgerichtliche Unterlagen

aller Dienstgrade (z.B. bei Fahnenflucht

etc.)

- Verleihungslisten (z. B. Eisernes

Kreuz etc.) von Wehrmachtsangehörigen

aller Dienstgrade

- Vereinzelte Erwähnungen vor allem

von Offizieren in den Kriegstagebüchern

der Einheiten der Wehrmacht

und Waffen-SS

Archivfachlicher Dienst: Telefon

0761/47817-864

Die helfen weiter: Recherchedienste

für Militärisches [24]

Wehrmacht

Die private Initiative Lexikon der

Wehrmacht [25] hat viele Infos zu Einheiten

auf der Seite, wann, wo, unter

welcher Leitung. Auch ein Forum für

Fragen. Sehr umfassend.

Uniformen

Vielleicht hat man ein Foto gefunden

des Angehörigen in Uniform und will

nun wissen, was das für eine Uniform

ist. Uniformen von Wehrmacht

und SS zum Beispiel hier [26] und

hier [27] oder Dienstgradabezeichen

hier [28].

Oft ergiebig: Stadt- und Landesarchive

Die Bundesländer haben eigene Archive,

oft Staatsarchiv genannt. Sie

bewahren die schriftliche Überlieferung

der Landesbehörden und Landeseinrichtungen

auf, oft auch der

Kommunalbehörden (auch Gerichtsakten,

historische Einwohnermeldekarteien,

Personalbüro-Unterlagen,

Dokumente der Entnazifizierungsstellen)

Einzelne Staatsarchive bieten auch

Vorträge oder Seminare an zur

Erforschung der Familiengeschichte

in der NS-Zeit. Besonders aktiv sind

da Archive in Nordrhein-Westfalen

(Landesarchiv NRW) sowie in

Baden- Württemberg.

Quellen für allgemeine Familienforschung

Unter www.genealogienetz.de [29],

einem Internetportal, das von einem

gemeinnützigen Verein betrieben

wird, findet man hilfreiche Hinweise

zur Genealogieforschung allgemein.

Praktisch sind zum Beispiel Vorlagen

für Briefe an Behörden oder Kirchen.

Unter dem Menüpunkt „Vereine“ findet

man regionale Familienforschungsvereine

[30]. Praktische

Tipps auch hier [31]. Ebenfalls nützlich

für Ahnenforschung diese Seite

[32].

Wie andere Kinder und Enkelkinder

recherchiert haben

(kleine Auswahl an Filmen +

Büchern):

- "Meine Familie, die Nazis und ich":

eine sehr persönliche und bewegende

Dokumentation (2012) von Regisseur

Chanoch Ze'evi über die Kinder

und EnkelInnen einiger der bekanntesten

NS-Täter. Die interviewten

Nachfahren von zum Beispiel Himmler,

Göth, Hess, Göring haben sich

diesem "Familienerbe" gestellt und

dabei sehr unterschiedliche Weisen

des Umgangs gefunden. Sehr zu

empfehlen!

U.a. hier ist der Film onlineanzusehen:

http://www.youtube.com/watch?v=74

FSS1FkgN4

27


- Claudia Brunner, Uwe von Seltmann:

„Schweigen die Täter, reden

die Enkel“ (2006). Die dritte Generation

recherchiert. Furchtlos, aber

nicht unbeeindruckt. Uwe von Seltmann,

Jahrgang 1964, muss erkennen,

dass sein Großvater nicht nur

der vergleichsweise harmlose

Schreibtischtäter bei der Volksdeutschen

Mittelstelle in Krakau war, für

den er ihn bislang gehalten hat, sondern

aktiv an der Niederschlagung

des Warschauer Ghetto-Aufstandes

1943 teilnahm. Claudia Brunner,

Jahrgang 1972, die Großnichte von

Alois Brunner, der rechten Hand

Eichmanns, stellt sich den grausamen

Fakten, die über ihren Großonkel

zutage gefördert werden. Man

erfährt einiges darüber, was solche

Recherchen mit einem machen. Und

beide machen die Erfahrung, dass,

wenn sie zu reden beginnen, andere

plötzlich auch zu sprechen anfangen

bzw. wissen wollen, was ihre Großmütter

und Großväter getan haben.

Spannend.

- Moritz Pfeiffer: Mein Großvater im

Krieg 1939-1945. Erinnerung und

Fakten im Vergleich (2012). Der junge

Historiker Moritz Peiffer, Jahrgang

1982, konnte seinen Großvater noch

befragen. Der gab ihm bereitwillig

Auskunft. Das Erinnerte vergleicht

Pfeiffer mit der tatsächlichen Geschichte

und der wissenschaftlichen

Forschung. Pfeiffer stellt fest: Die

Großeltern haben sich dem NS-

Regime weit mehr verschrieben, als

sie es heute sagen. Und: Sie haben

sehr viel mehr gewusst, als sie heute

behaupten. Pfeiffer referiert auch die

aktuelle Forschung dazu, was die

Deutschen tatsächlich gewusst haben,

z.B. über die Judenvernichtung.

Sehr interessant.

- Wibke Bruhns: Meines Vaters Land

(2004). Die Journalistin Wibke

Bruhns, Jahrgang 1938, schreibt

über ihren Vater, der offensichtlich

überzeugter Nazi und zugleich Widerstandskämpfer

war.

- Uwe Timm: Am Beispiel meines

Bruders (2003). Der Autor, Jahrgang

1940, über seinen älteren Bruder,

der als Mitglied der Waffen-SS am

Zweiten Weltkrieg teilnahm und dort

verbotenerweise Tagebuch über seine

Erlebnisse führte.

- Niklas Frank: Meine deutsche Mutter

(2006). Sowie: Der Vater. Eine

Abrechnung (1993). Der Autor, Jahrgang

1939, rechnet voller Emotionen

mit seiner Mutter und seinem Vater

ab, dem einstigen Generalgouverneur

von Polen und Hitlers Gefolgstreuem.

Mit dem Buch unterm Arm

reist Niklas Frank seit Jahren kreuz

und quer durch Deutschland und

liest daraus in Schulen vor. Trotzdem

ist er kein verbitterter Typ, wie man

den 2012 erschienenen Film "Meine

Familie, die Nazis und ich" entnehmen

kann: Da tollt er mit seinen Enkeln

herum und nimmt gerührt das

"Danke" seiner Tochter entgegen -

sie bedankt sich bei ihm, dass er

durch seine hartnäckige Aufarbeitung

zwischen ihr und der NS-Zeit

sozusagen einen Schutzwall aufgebaut

hat.

- Ute Scheub: Das falsche Leben:

eine Vatersuche (2006). Die Autorin,

Jahrgang 1955, recherchiert den

Weg ihres Vaters, eines SS-Manns,

Jahrzehnte nach dessen Suzid, anhand

von Manuskripten und Feldpostbriefen.

Porträt auch einer ganzen

Männergeneration, die nicht

über ihre Kriegserlebnisse geredet

hat.

- Alexandra Senfft: Schweigen tut

weh. Eine deutsche Familiengeschichte

(2008). Die Autorin (Jahrgang

1961) ist die Enkelin von

Hanns Ludin. Der war SA-Mann und

Hitlers "Gesandter" in der Slowakei

und in dieser Funktion verantwortlich

für die Judendeportationen. 1947

wurde er als Kriegsverbrecher hingerichtet.

Zu Unrecht, heißt es über

Jahrzehnte in der Familie, Hanns

Ludin habe ja nicht gewusst, dass

die Juden direkt zur Ermordung deportiert

wurden. Das älteste von

sechs Kindern, Tochter Erika, die

Mutter der Autorin, war 14, als der

Vater starb. Sie wurde zur Vertrauten

von Ludins Witwe. Später schlingerte

sie durchs Leben, überaus charmant

und zugleich haltlos. Ein Buch

darüber, wie Schweigen und Verleugnen

die nachfolgende Generation

fürs Leben geprägt hat.

- Der jüngste Sohn von Hanns Ludin,

nämlich Malte Ludin, hat ein paar

Jahre vor diesem Buch, 2004, die

Dokumentation "Zwei oder drei Dinge,

die ich von ihm weiß" gedreht.

Darin interviewt er vor allem die

Schwestern und seine alte Mutter

und zeigt, wie sie an der Legende

des guten Vaters festhalten. Die Aufarbeitung

der Schuld des Auswärtigen

Amtes während der NS-Zeit begann

damals erst. Der Film ist als

DVD erhältlich, aber in seinen Einzelteilen

auch auf youtube anzuschauen.

Spannende Fachbücher

- Harald Welzer, Sabine Moller, Karoline

Tschuggnall: „Opa war kein Nazi“.

Nationalsozialismus und Holocaust

im Familiengedächtnis (2002).

Das AutorInnenteam führt Interviews

mit verschiedenen Generationen

mehrerer Familien und stellt dabei

fest: Die Erinnerung an den Holocaust

hat im deutschen Familiengedächtnis

keinen Platz. Historisches

Wissen aus Schule und Zeitung wird

nicht in Verbindung gebracht mit der

eigenen Familie. Getrennte Welten.

Die meisten nehmen einfach mal so

an, dass ihre Vorfahren gegen die

Nazis waren.

- Jan Philipp Reemtsma: „Wie hätte

ich mich verhalten und andere nicht

nur deutsche Fragen“ (2001).

Überaus kluger Aufsatz (der erste im

Sammelband) über die Frage, ob

man nur urteilen darf, wenn man

dabei gewesen ist. Und ob das

Misstrauen gegen sich selbst (Wäre

ich stark genug gewesen?) zu einer

Entschuldigung der Vorfahren führen

muss.

- Christian Hartmann: Unternehmen

Barbarossa. Der deutsche Krieg im

Osten 1941 - 1945 (2001). Der Autor,

Historiker am Institut für Zeitge-

28


schichte in München/Berlin, gibt im

Taschenbuchformat einen Überblick

über den Angriffskrieg gegen die

Sowjetunion. Über Motive, Verläufe,

Diskussionen, Verbrechen. Sehr

nützlich zur Orientierung. Es gibt

auch eine Langfassung dieser Arbeit.

- Harald Welzer: TÄTER. Wie aus

ganz normalen Menschen Massenmörder

werden. (2005) Über den

Holocaust ist viel geschrieben

worden, aber die wichtigste Frage,

ist bis heute nicht beantwortet: Wie

waren all die "ganz normalen

Männer", die gutmütigen Familienväter

und harmlosen Durchschnittsmenschen

imstande, massenhaft

Menschen zu töten? Der Sozialforscher

Welzer untersucht Taten aus

dem Holocaust und anderen

Genoziden und zeigt, wie das Töten

innerhalb weniger Wochen zu einer

Arbeit werden kann, die erledigt wird

wie jede andere auch. Und dass

man sich dafür entscheidet. Ein

intellektuell und emotional aufregendes

Buch.

- Peter Longerich: „Davon haben wir

nichts gewusst!“ Die Deutschen und

die Judenverfolgung 1933 - 1945.

(2006) Was genau haben die BürgerInnen

im Dritten Reich gewusst?

Wie diskutierten sie darüber? Die

Ausgrenzung und später Ermordung

der Juden vollzog sich nicht fern der

Öffentlichkeit. Aber nach anfänglichen

Diskussionen machte sich Desinteresse

an ihrem Schicksal breit.

- Christopher Browning: Ganz normale

Männer: Das Reserve-

Polizeibataillon 101 und die "Endlösung"

in Polen. (1998) Opa war Polizist.

So viel weiß man in den meisten

Familien. Und denkt dann gern:

Er hat den Verkehr geregelt und

Diebstähle aufgeklärt. Was normale

Berufstätige halt so tun. Christopher

Browning hat sich ein Polizeibataillon

mal genauer angeschaut. Sein

Buch schlug ziemlich Wellen. Denn

diese ganz normalen Polizisten waren

an Massenmorden beteiligt (Erschießungen

von Juden in Polen).

Und sie konnten sich entscheiden,

ob sie da mitmachen wollen. Man

bot ihnen an, sonst einen anderen

Job zu übernehmen. Nur 12 von etwa

500 sagten dann: Hier, ich, ich

will was anderes machen.

- Daniel Jonah Goldhagen: „Hitlers

willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche

Deutsche und der Holocaust“.

(1996) Eines der ersten Bücher, die

den Scheinwerfer auf die „kleinen“

Täter richteten. Eine Fallstudie darüber,

wie es möglich war, dass sich so

viele ganz normale Deutsche am

Holocaust beteiligt haben. Das Buch

wurde heftig diskutiert. Manche warfen

Goldhagen eine gewisse Einseitigkeit

vor sowie den staatsanwaltschaftlichen

Ton.

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[11] http://www.suetterlinstube.org

[12] http://www.wikipedia.de

[13] http://www.hbz-nrw.de/recherche/digibib

[14] http://archivrecherchehaas.neuerplan.org

[15]http://www.bundesarchiv.de/benutzung/rec

herchedienste/index.html.de

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chbezug/personenbezogen_genealogie/index.html.

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[23]http://www.bundesarchiv.de/bundesarchiv/

dienstorte/freiburg/index.html.de

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ntent/abteilungen/abtma/liste_recherchedienst

e__juni_2012_.pdf

[25] http://www.lexikon-der-wehrmacht.de

[26] http://wdienstgrade.tripod.com

[27] http://www.lexikon-der wehrmacht.de/Uniformen/Gliederung.htm

[28] http://www.lexikon-der- wehrmacht.de/Soldat/Dienstgradabzeichen.htm

[29] http://www.genealogienetz.de

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[32] http://ahnenforschung.net/wissen

[33]http://chrismon.evangelisch.de/artikel/201

2/finde-haika-15339

Veröffentlicht auf Chrismon,

Okt. 2012

(https://chrismon.evangelisch.de)

29


Kein Platz für Judenchristen - das Ende naht - 1935

von Jurek Schulz

In der aufkommenden Diktatur

wurde durch die NSDAP alles

Judenchristliche nach und nach

vernichtet.

Erst heute wieder, im Jahre 2006,

konnte durch die neu entstandene

messianische Bewegung in Deutschland

an manch Vergangenes

angeknüpft werden kann, das

vormals so radikal vernichtet wurde.

Nachdem am 15. September 1935

die „Nürnberger Gesetze" zum

Schutz des deutschen Blutes und

der Ehre erlassen wurden, folgte am

18. Oktober 1935 das Gesetz zum

Schutz der Erbgesundheit des

deutschen Volkes.

Am 14. November 1935 wird die

Verordnung zum Reichsbürgergesetz

erlassen, welche die

offizielle Definition, wer ein Jude

ist, formuliert.

Jeder, der zwei jüdische Großeltern

hat und der jüdischen Religionsgemeinschaft

angehört oder jeder, der

drei oder mehr jüdische Großeltern

hat, ist Jude.

Ebenso wird der Begriff „Mischling"

definiert. Schon vorher ist am

07.04.1933 die Einführung des

Arierparagraphen für das Berufsbeamtentum

eingeführt worden.

Dadurch ist die Evangelische Kirche,

durch das Gesetz über die Rechtsverhältnisse

der Geistlichen und

Kirchenträger, den Beamten gleichgestellt

worden. Das betraf bis zu

rund 500.000 Menschen in der

Kirche, die keinen einwandfreien

Ariernachweis liefern konnten.

Unmittelbar danach beginnen ab

dem 15. November 1935 die

deutschen Kirchen mit den Nationalsozialisten

zusammenzuarbeiten.

Sie stellten Verzeichnisse ihrer

Gemeindeglieder zur Verfügung,

damit geprüft werden konnte, wer

Deutscher im Sinne des Arierparagraphen

ist und wer nicht.

Am 08.05.1936 werden die Namen

aller nicht-arischen Pastoren der

Reichskirche erfasst und in den

folgenden Jahren die Pastoren

entlassen. Ernst Klee spricht von

ca. 200 Pastoren jüdischer Abstammung.

Wiederum müssen wir davon

ausgehen, dass ca. 72.000 Mischlinge

des ersten Grades und 39.000

Personen des zweiten Grades

erfasst wurden.

In einem Artikel der „ZEIT"

(44/2001) wird festgestellt, dass im

kirchlichen Bereich in Berlin exakt

2.612 getaufte Christen jüdischer

Abstammung vorhanden waren,

deren Ariernachweise zum Teil bis

zum Jahre 1874 zurückverfolgt

wurden. So wurde nach und nach in

allen Städten und Dörfern durch die

Hilfe der Kirchen dieser inhumane

Arierparagraph umgesetzt. Durch

die Hilfe der Kirche ist es der

NSDAP erst gelungen, dass die

Nicht-Arier identifiziert wurden,

wovon die meisten später umkamen.

Zuvor ist im Juli 1933 der „Reichsverband

christlich-deutscher

Staatsbürger nicht-arischer oder

nicht rein arischer Abstammung" als

eine Selbsthilfeorganisation gegründet

worden. Diese Arbeit ist später

in den Paulus-Bund übergegangen

und hat nach den Nürnberger

Gesetzen ihre Mitglieder unter

Juden und Mischlingen eingeteilt.

Die religiös orientierten Juden

wurden ausgeschlossen. Diese

umfassten 5.400 Personen, die eine

national-konservative Gesinnung

hatten und das Judentum an sich

ablehnten. Die meisten gehörten

der höheren Bildungsschicht an.

Auch der „Reichsverband der nichtarischen

Christen" Ende 1934 und

der Paulus-Bund als „Vereinigung

nicht-arischer Christen von 1936

wurden beide im Kriegsjahr 1939

verboten und aufgelöst.

Die Anzahl der im gesamten

Reichsgebiet geschätzten Christen

nicht-arischer Herkunft liegt bei

mindestens 160.700 Personen, so

der Forscher Aleksandar-Sasa

Vuletic.

Nach den endgültigen Beschlüssen

der „Wannseekonferenz" am

20.01.1942 sollten insgesamt rund

11 Millionen Juden in den Reichsgebieten

und den besetzten Ländern

sterben. Als 1945 der zweite

Weltkrieg zu Ende ging, sind 56

Millionen Menschen insgesamt

gestorben, davon sechs Millionen

Juden und mit ihnen eine rund

zweihundertjährige Geschichte des

Judenchristentums, das es so in

dieser Form mit Juden westeuropäischer

Kultur nie wieder geben wird.

Letzte Zeugnisse eines Judenchristen

aus dem KZ Theresienstadt

Dr. Arthur Goldschmidt

Bis 1933 war er Obergerichtsrat in

Hamburg, danach durch die

Nürnberger Gesetze als Jude, da

seine Großeltern Juden waren, vom

Beruf ausgeschlossen. Am 20. Juli

1942 wurde er zusammen mit

anderen Hamburger Juden nach

Theresienstadt deportiert. In seinem

Gepäck befand sich ein Evangelium,

das er zu lesen begann, obwohl

er selbst eigentlich kein Kirchgänger

war.

Inmitten dieser Hölle begann er

zusammen mit anderen Juden das

Evangelium auf dem Dachboden

heimlich zu lesen. Sie begannen

sich sonntags zu treffen, es sprach

32


sich herum, so dass die kleine

Gemeinde wuchs. Nun musste er

durch die Lagerverwaltung eine

offizielle Genehmigung für die

Versammlungen einholen. Durch die

Vermittlung der jüdischen Lagerältesten

bekam er dann von der

Lagerverwaltung die Erlaubnis zur

Abhaltung evangelischer Gottesdienste.

Mit ca.150 regelmäßigen Besuchern

wurde der Gottesdienst jeden

Sonntag durchgeführt. Im Laufe der

Zeit erfassten sie bis Ende 1943 ca.

800 Menschen, darunter Gläubige

aller Konfessionen. Durch die

ständigen Zu- u. Abtransporte und

die hohe Sterblichkeit kann er die

genaue Anzahl der Besucher nicht

mehr nennen. Da er selbst kein

Geistlicher war, berief er sich auf

Artikel 67 der Schmalkaldischen

Artikel, worin es heißt: „ … denn wo

die Kirche ist, da ist immer der

Befehl, das Evangelium zu predigen.

Darum müssen die Kirchen

Gewalt haben, ihre Kirchendiener

selbst zu wählen und zu ordinieren."

Er setzte sich gleichzeitig für die

katholischen Christen jüdischer

Abstammung ein. Von den ca.

40.000 Ghettoinsassen sind rund

4.000 Christen beider Konfessionen,

die bis zum Juni 1945, sofern

sie überlebten, durch Arthur

Goldschmidt ermutigt worden sind,

auf Gott zu schauen. Er ist später

nach Reinbek bei Hamburg gezogen.

Viele haben durch ihn die Kraft

des Evangeliums erfahren.

Quelle: Jurek Schulz, Hamburg, 06.09.2006

„Die Entwicklung und das Ende des

Judenchristentums in Deutschland unter

besonderer Berücksichtigung der

Entwicklung des rabbinischen Judentums"

Bußbekenntnis -

eine Handreichung für die Gemeinden

Schämend in tiefer Reue kommen

wir vor Dich, allmächtiger und

barmherziger Gott Israels.

Wir bekennen uns zu der großen

Schuld und dem schweren Unrecht,

die/ das von (unserer/der/den

Kirchen) durch die Jahrhunderte am

jüdischen Volk begangen worden

ist/sind.

Wir bekennen, dass wir und unsere

Vorfahren unserem älteren Bruder

Israel oft mit Vorurteilen und Feindschaft

begegnet sind.

Statt die zu lieben, die Gott in Seiner

Liebe erwählt hat.

Im Lauf der Jahrhunderte sind Juden

immer wieder von Christen als

Gottesmörder diffamiert worden. Die

falsche theologische Lehre, Gott

habe den Bund mit Israel beendet/

aufgehoben, wirkt immer noch in der

Verkündigung weiter, obwohl die

Bibel eindeutig das Gegenteil stetig

bezeugt. (z.B. Römerbrief, Kap.9-11)

Israel ist der Brunnenvergiftung und

der Ritualmorde bezichtigt worden,

wurde und wird entehrt, entrechtet,

„Sproß“ M. Pagendarm

verfolgt und geächtet. Die grausame

Ermordung von 6 Millionen Juden in

der Schoah liegt wie eine schwarze

Wolke noch heute über uns.

Darum wollen wir umkehren -

umdenken (Buße tun) und flehen zu

DIR, dem allmächtigen Gott:

Sei uns bitte gnädig und vergib uns,

was wir und unsere Vorfahren

Deinem auserwählten Eigentumsvolk

angetan haben.

Wir entscheiden uns heute, jeglichem

Antisemitismus entgegenzutreten

und bitten dafür um Deine Hilfe.

Wir setzen uns dafür ein, dass

Deinem Volk Israel in Zukunft in der

Kirche Jesu Christi die Achtung und

Zuwendung entgegengebracht

werden, die ihm aufgrund Deiner

bleibenden Erwählung zusteht.

So erflehen wir Deinen Segen auf

Dein Bundesvolk, das Land Israel

und auch für diejenigen, die in der

Zerstreuung und gerade auch in

unserem Land leben.

Amen

33


Eine alte tiefe Wunde

von Benjamin Berger

Hier nun der offene Brief von

Benjamin Berger, Jerusalem:

„Entfernt die Wittenberger

Judensau"

„Das Bildnis der Judensau ist ganz

klar eine Schande, ein furchtbarer

Fleck. Wir sind dankbar, dass unsere

Flecken und Sünden vergeben werden,

wenn wir sie bekennen und

über sie trauern. Wenn wir im Vertrauen

auf die Kraft des Blutes zum

Kreuz kommen, damit uns vergeben

wird und wir gereinigt und befreit werden

von aller Befleckung der Sünde.

Dieses Judensau-Relief macht nicht

nur eine furchtbare antisemitische

visuelle Aussage. Es ist nicht bloß

eine Beleidigung des jüdischen

Volkes und ein Stolperstein für

Juden, weil es für sie viele Erinnerungen

ihres Leidens in dem

„christlichen" Land in dem sie lebten,

dem heutigen Deutschland, zurückbringt.

Es war auch ein Instrument,

um die Gedankenwelt von zahllosen

Christen im Hinblick darauf, wie sie

über Juden denken sollten, zu

vergiften. Die Folgen dieser

Verhetzung waren katastrophal und

bereiteten den Boden für den

Schrecken des Holocaust.

Die Judensau ist auch eine Diffamierung

der Person unseres Herrn

Yeshua (hebräisch für Jesus) – er ist

der Heilige und Unbefleckte, der

Satan, Sünde und Tod überwand.

Schließlich ist dieses Relief auch

eine Schändung des Gebäudes, das

das Haus Gottes repräsentiert. Der

heilige Name Gottes wird mit einem

unreinen Schwein in Verbindung

gebracht, für Juden das Symbol

der Unreinheit. Es gibt nur eine

Lösung: die vollständige

Entfernung dieses boshaften

Symbols. Das würde Reue

beweisen, dass die schändliche

Geschichte der Kirche Jesu

Christi gegenüber der jüdischen

Nation wirklich bedauert wird.

Das Beste wäre es also, dieses

Relief zu zerstören. Es sollte

wie das goldene Kalb, das

Mose zu Pulver mahlte,

vollständig vernichtet werden, damit

kein Überrest davon erhalten bleibt.

Die einzige Alternative bestünde

darin, das Relief in ein Museum

umzusiedeln, verbunden mit

einem klaren Bekenntnis der Reue

und Scham über der fürchterlichen

Skulptur.

Gott ist der große, gerechte und

heilige Richter, der aber auch voller

Zorn ist, wenn Umkehr verweigert

wird. Angesichts des Jahres 2017

sind seine Augen ganz besonders

auf Deutschland gerichtet. Deutschland

befindet sich im Tal der Entscheidung

– welche Entscheidung

wird die Kirche, welche die Reformation

und das deutsche Volk repräsentiert,

treffen? Was wird die Kirche

letztlich machen?“

von Benjamin Berger, Jerusalem

(übersetzt von Franz Rathmair)

„Es ist hier zu Wittenberg an unserer

Pfarrkirchen eine Sau in Stein

gehauen, da liegen junge Ferkel und

Juden drunter, die saugen. Hinter

der Sau stehet ein Rabbiner, der

hebt der Sau das rechte Bein empor,

und mit seiner linken Hand zeucht er

den Pürzel über sich, bückt und

kuckt mit großem Fleiß der Sau

unter dem Bürzel in den Talmud

hinein, als wollt er etwas Scharfes

und Sonderliches lesen und ersehen.

Daselbsther haben sie gewißlich

ihr Schem Hamphoras. Denn es

sind vorzeiten sehr viele Juden in

diesen Landen gewesen. ...“

Im Folgenden ein Beispiel von vielen:

Mahnwachen mit Pfarrer Thomas

Piehler (Pavillon der Hoffnung,

Leipzig) und Schwester Joela Krüger

(Evangelische Marienschwesternschaft,

Darmstadt). Die Initiatoren

sind überzeugt, dass im Jahr des

Reformationsjubiläums die Zeit

gekommen ist, ein deutliches

Zeichen gegen den neu aufflammenden

Antisemitismus in

Deutschland zu setzen.

„Wir rufen die Verantwortlichen auf,

das Schmährelief Judensau von der

Kirche zu entfernen und in ein

Museum gegen Antisemitismus zu

integrieren. Luthers Antisemitismus

sollte nicht länger „in Stein gehauen"

bleiben. Die Evangelische Kirche in

Deutschland trägt eine besondere

Verantwortung, Antisemitismus in

jeglicher Form entschieden entgegen

zu treten.“

Das Festhalten an der dargestellten

Judensau wäre ein tragisches

Fehlsignal an die Gesellschaft und

für unsere jüdischen Mitbürger.

Schwester Joela Krüger schreibt:

„Martin Luthers späte Schriften

gehören zum Beleidigendsten und

Verletzendsten, was jemals von

einem anerkannten christlichen

Theologen Juden gegenüber

geäußert wurde. Angesichts des neu

aufflammenden Antisemitismus in

der Gegenwart sind die Verantwortlichen

gerufen, ein unübersehbares

Zeichen der Achtung und Freundschaft

gegenüber jüdischer Religion

und Kultur zu setzen.

Die Welt schaut 2017 nach Wittenberg.

Weltweit würde dieses Signal

(Abnahme der Judensau) im

Jubiläumsjahr zur Reformation

wahrgenommen und verstanden: Nie

wieder Antisemitismus und Judenhass!“

34


Antisemitismus - Die Angst der Juden in Deutschland wächst

Christian Unger, Hamburger Abendblatt, 29. 11. 2017

Jüdischer Friedhof in Berlin-Weißensee:

Unbekannte haben ein Grab geschändet, an

dem ein Davidstern hängt.

Foto: dpa/PA/Eventpress Hoensch

Mehr Menschen werden Zielscheibe

von Antisemitismus. Vorurteile

und Hetze kommen von Neonazis,

auch von jungen Muslimen – und

zunehmend aus der Mitte der Gesellschaft.

BERLIN. Eine Meldung von Anfang

November: Eine Schülerin aus

Dresden erhält einen Preis für

Zivilcourage. Sie hatte einen

Mitschüler angezeigt, weil er und

andere Witze über den Holocaust

gemacht oder den Hitlergruß gezeigt

haben sollen. Die Ermittlungen

gegen den Jungen wurden eingestellt.

Dafür prangt das Foto des

Mädchens schon bald auf Facebook,

in Kommentaren wird sie als "Denunziantin"

und als "indoktriniert"

beschimpft.

Am 9. November, Gedenktag an die

Reichspogromnacht der Nationalsozialisten,

stehlen mutmaßlich

Rechtsextremisten an mehreren Orten

in Deutschland Stolpersteine aus

den Gehwegen, die an ermordete

Juden erinnern.

Sommer 2014: Eine Pro Palästinakundgebung

im Ruhrgebiet eskaliert.

Demonstranten rufen: "Hamas, Hamas,

Juden ins Gas." Im Frühjahr

2017 verlässt ein jüdischer Junge

seine Berliner Schule, nachdem Mitschüler

aus türkischen und arabischen

Familien ihn bedrohten. Die

Schulleitung steht in der Kritik. Sie

habe weggeschaut. Und dann urteilt

ein Frankfurter Gericht, dass eine

kuwaitische Fluglinie rechtens handelt,

wenn sie Israelis die Mitreise

verweigert. Die Klage eines israelischen

Passagiers lehnen die Richter

ab, da der kuwaitische Staat die Mitnahme

von israelischen Fluggästen

verbiete. Daran müsse sich die Airline

halten, befindet das Gericht. Auch

in der Bundesrepublik.

681 antisemitische Straftaten registrierte

die Polizei im ersten Halbjahr

2017. Vier Prozent mehr als in den

ersten sechs Monaten im Vorjahr.

Doch die Dunkelziffer dürfte viel höher

liegen. So zählte die Rechercheund

Informationsstelle Antisemitismus

(RIAS) in 2016 allein für Berlin

496 Vorfälle. "Noch immer werden

mangels Vertrauen in die Sicherheitsbehörden

zahlreiche antisemitische

Attacken nicht angezeigt", sagt

Deidre Berger, Direktorin des American

Jewish Committee (AJC)

in Berlin.

Lila Postkarten kleben an der Wand.

"Mir wurde gesagt, ich provoziere,

wenn ich mich als Jude zu erkennen

gebe", steht dort in weißer Schrift.

Oder: "Es kommt häufig vor, dass

mir Handlungen der israelischen Regierung

persönlich vorgeworfen werden."

Und: "Ich möchte die Chance

haben, offen über Alltagsantisemitismus

zu sprechen, ohne diskreditiert

zu werden." Jüdischer Alltag, gedruckt

auf Papier, 10 mal 15 Zentimeter.

Es sind Aussagen junger Studierender,

die aus jüdischen Familien

kommen. Sie berichten von ihrem

Leben in Deutschland. Von den

Sprüchen und der Hetze, die sie in

der S-Bahn, im Büro, auf Facebook

hören und lesen. Manche erzählen

auch von Gewalt. "Doch häufig sagt

dann niemand etwas, niemand

schreitet ein. Es mangelt an Solidarität

mit Menschen, die Opfer von

Antisemitismus geworden sind", sagt

Marina Chernivsky. In ihrem Büro

hängen die Postkarten. Chernivsky

und ihre Mitarbeiter von der Zentralwohlfahrtsstelle

der Juden in

Deutschland beraten Menschen, die

Hetze oder auch Gewalt erleben. Sie

haben die Studenten interviewt, sie

hören die Geschichten von Eltern

und deren Kindern, denen Antisemitismus

etwa auf dem Schulhof

entgegenschlägt.

Menschen wie Chernivsky sagen,

dass Deutschland viel und intensiv

über Antisemitismus debattiert. Häufig

geht es dabei um Definitionen:

Wo hört Kritik an der israelischen

Regierung auf, wo beginnt Judenhass?

Oft geht es um die Vergangenheit

und die NS-Zeit. Viel Theorie,

viel Historie. Dabei würden sich

Angriffe im Alltag "immer offener und

hemmungsloser" zeigen, sagt Chernivsky.

Nur: Wer nicht Jude sei, bekomme

davon wenig mit. Andere dagegen

direkt am eigenen Leib. "Das

Gefühl der Unsicherheit in der 'jüdischen

Gemeinde wächst seit Jahren",

sagt Berger vom AJC. Auch

weil Terroranschläge zunehmen,

nicht selten gezielt gegen Juden, so

wie in Paris, Brüssel oder

Kopenhagen.

Jeremy Issacharoff sei "beeindruckt

von der Entschlossenheit, mit der die

Entscheidungsträger in Deutschland

gegen jegliche antisemitische Angriffe

und Erscheinungen vorgehen",

sagt er dieser Redaktion. Seit August

ist Issacharoff Israels neuer Botschafter.

Doch er sagt auch: "Natürlich

beobachten wir mit größter Sorge

den wachsenden Antisemitismus

in der deutschen Gesellschaft und in

Europa." Antisemitismus und Israelhass

gehören noch immer zur DNA

der rechtsextremen Ideologie. Neonazis

seien "der politische Hauptträger

der Judenfeindschaft", hält eine

unabhängige Kommission des Bundestags

fest. Ein Ziel der Rechten:

Die "moralische Last des Holocaust"

müsse überwunden werden - der

"Schuldabwehr- Antisemitismus".

Das färbt ab.

Nach Ansicht von Benjamin Steinitz,

vom RIAS gebe es in Deutschland

35


heute eine größere Selbstverständlichkeit,

die Verbrechen der Nazis zu

relativieren oder zu leugnen. Brandbeschleuniger

dieses Antisemitismus

seien auch Politiker der AfD. Der baden-württembergische

Landtagsabgeordnete

Wolfgang Gedeon machte

in seinen umstrittenen Publikationen

das Judentum als "inneren" und den

Islam als "äußeren" Feind des

"christlichen Abendlandes" aus. Der

Thüringer AfD-Fraktionschef Björn

Höcke forderte eine "erinnerungspolitische

Wende um 180 Grad".

Von rechts schallen die radikalen

Töne - in der Mitte der Gesellschaft

stoßen sie auf Widerhall. Eine Studie

der Bertelsmann-Stiftung gibt an,

dass 81 Prozent der Deutschen die

Geschichte der Judenverfolgung

"hinter sich lassen" möchten. 58

Prozent wollen definitiv einen

"Schlussstrich" ziehen. Eine Folge

dieser Schuldabwehr ist eine

übersteigerte Israelkritik, ein zunehmender

Antizionismus. Israel mache

"Profit vom Holocaust-Gedenken",

heißt es. Israel wolle mit dem "Krieg

in Gaza" die Palästinenser

„auslöschen".

Teilweise sei eine Gleichsetzung Israels

mit dem NS-Regime zu sehen,

hält eine nun erschienene Analyse

im Auftrag des hessischen Verfassungsschutzes

fest. Die Autorin untersuchte

7.000 Kommentare von

Nutzern auf Facebook, Twitter, Youtube

und Medienportalen im Internet.

Die eigene Geschichte abschließen

dadurch, dass man die Juden und

Israel diskreditiert und zu Tätern

macht - so entledige man sich als

Deutscher der "unliebsamen Gefühle",

die viele mit den Morden des

NS-Staates verbinden, sagen Experten

wie Chernivsky. In den Straftaten

gegen jüdische Menschen und Einrichtungen

geht es um Körperverletzung

und Sachbeschädigung, um

Drohungen und Propagandadelikte

wie Hakenkreuz-Schmierereien. Laut

Polizei sind 93 Prozent der Täter extreme

Rechte. Doch daran haben

Experten Zweifel. So rechnet die Polizei

einen Schriftzug ,,Juden raus"

automatisch der rechten Szene zu,

sofern nicht explizit ein anderer Absender

genannt ist.

„Das Gefühl der Unsicherheit in

der jüdischen Gemeinde wächst

seit Jahren.“

Deidre Berger, Direktorin des

American Jewish Committee (AJC)

in Berlin

Zu wenig zeige sich in diesen Angaben

der Sicherheitsbehörden, dass

immer mehr Menschen aus muslimischen

Familien gegen Juden wettern,

kritisieren Experten. Jüdische

Gemeinden würden sich "besonders

besorgt" über Antisemitismus aus

dieser Richtung zeigen, sagt Berger

vom AJC. Der Zuzug Hunderttausender

Flüchtlinge vor allem aus Ländern

wie Syrien, in denen der Antisemitismus

Staatsdoktrin sei, verschärfe

dieses "Gefühl der Unsicherheit",

so Berger.

Wie stark Geflüchtete antisemitisch

eingestellt sind, ist kaum bekannt.

Es fehlen Studien und Statistiken.

Seit 2016 erfasst die Polizei Straftaten

dieser Gruppe. In dem Jahr registrierten

die Beamten zwölf

antisemitische Delikte, bei denen der

Tatverdächtige ein Asylbewerber

war.

Die Kriege in Staaten wie Syrien

oder Irak, der Konflikt zwischen

Israel und den Palästinensern, der

Machtkampf zwischen Iran und

Saudi-Arabien - all das rückt den

Nahen Osten in den Fokus der

deutschen Öffentlichkeit. Und damit

auch die Verschwörungstheorien, die

behaupten, Israel habe die Terrororganisationen

Hamas und "Islamischer

Staat" selbst erschaffen.

Laut der Studie des Verfassungsschutzes

haben die untersuchten

antisemitischen Kommentare zum

Nahost-Konflikt etwa zur Hälfte Muslime

als Absender. Nur zehn Prozent

sind demnach der rechtsextremen

Szene zuzurechnen. "Es kommt vor,

dass Gewalt gegen jüdische Jugendliche

durch den Konflikt legitimiert

wird", sagt Chernivsky von der Beratungsstelle.

Die Krisen in Nahost, sie

wirken auch auf deutsche Klassenzimmer.

Das AJC startete eine Umfrage an

21 Berliner Schulen. Ein Ergebnis:

"Du Jude" ist ein weitverbreitetes

Schimpfwort - oft, aber nicht nur bei

jungen Muslimen. Manchmal wurde

Israel von Schülern aus den Atlanten

gekritzelt und der Staat in den Schulbüchern

auf ein "kriegsführendes

Land" reduziert. Die Lehrkräfte seien

zudem meist überfordert, den Schülern

den Konflikt in Nahost unverkürzt

beizubringen. Der Zentralrat

der Muslime warnt vor "Entlastungsdebatte",

Aiman Mazyek, der Vorsitzende

des Zentralrats der Muslime

(ZMD), sagt, dass er die Sorgen der

Juden in Deutschland vor Übergriffen

etwa von Flüchtlingen aus arabischen

Diktaturen teile, die "zum Teil

leider antijüdisch" sozialisiert seien.

"Andererseits warnen wir vor einer

Entlastungsdebatte." Schon seit Jahren

würden viele Muslime mit jüdischen

Gemeinden eng zusammenarbeiten,

es gebe zahlreiche Projekte,

die Jugendliche über radikale

Ideologien aufklären sollen.

Doch auch Mazyek weiß, dass immer

wieder Kritik an einzelnen muslimischen

Verbänden aufkommt, sie

würden sich nicht klar genug von

judenfeindlichen Parolen ihrer Mitglieder

distanzieren.

Mazyek sagt: "Antisemitismus ist im

Islam eine große Sünde. Aus unserer

Religion erwächst der Aufruf, sich

nicht über Menschen oder einen anderen

Glauben herabzulassen."

Doch es gehe nicht nur um Religion,

sondern auch um Bildung. Das Wissen

etwa um die Geschichte des

Nationalsozialismus nehme ab, stellt

das AJC fest.

Vier von zehn Schülern wissen demnach

nicht, dass Auschwitz ein Konzentrationslager

war. Der Holocaust

verblasst. Gerade arbeite Mazyek

deshalb an einem Projekt. Er möchte

nach Auschwitz reisen, das Lager

besuchen. Mit dabei: junge Flüchtlinge

aus Syrien.

36


Israel Verheißungen erfüllen sich

Die Erfüllung prophetischer Aussagen in unseren Tagen

Rabbiner Dr. Arthur Falk, (jüdisch-orthodox) Bene-Berak, Israel

Collage, R. Weiss

Ein Stufengesang. Wenn der HERR

die Zurückkehrenden Zions zurückbringt,

da wird es sein, als wenn wir

vorher davon geträumt hätten (nämlich

während all der Jahrhunderte

des Galuths).

Da wird unser Mund voll Lachens

sein und unsere Zunge voll JubeIns.

Da werden unter den Nationen Menschen

sprechen: Großes hat der

HERR an diesen getan!

Ja, Großes hat der HERR an uns

getan! (sagen dann nachher auch

die Juden). Darum waren wir so froh.

Psalm 126, 1-3

Neu ist jedoch auch für uns, was hier

über die Nationen gesagt ist. Dazu

möchte ich bemerken, dass die

wörtliche übersetzung des Textes,

wie Sie sie in Ihren Bibeln finden:

"Man sagt unter den Nationen"

irreführend ist, weil der Sinn nicht ist,

daß die Nationen untereinander so

sprechen, sondern daß es unter den

Nationen - d. h. innerhalb derselben

- viele oder einige geben wird, die

sprechen, d. h. verkünden werden:

"Großes hat der HERR an den

Juden getan."

Wie steht es nun mit dieser Voraussage?

Hat sie sich schon erfüllt, oder

haben wir ihre Erfüllung erst noch in

der Zukunft zu erwarten? Nun, ich

bin mir ganz sicher, wie die richtige

Antwort darauf lautet: Sie selber, meine

lieben christlichen Israel-Freunde,

sind es, deren Erscheinen in unserer

Zeit hier vorausgesagt ist. Sie sind ja

die einzigen unter "den Nationen",

die verkünden, daß "der HERR es

war, der Großes an uns getan" und

die große Wende im Schicksal des

jüdischen Volkes herbeigeführt hat.

Daß Ihr Erscheinen in unserer Zeit -

trotz der entgegenstehenden Dogmen

der christlichen Kirchen - hier

vorausgesagt ist, ist für mich ein weiterer

eklatanter Beweis dafür, daß

wir es hier in den drei ersten Versen

dieses Psalms mit göttlich inspirierter

Prophetie zu tun haben.

Diese Worte des Psalms 126, in denen

vor Tausenden von Jahren Ihr

Erscheinen in unserer Zeit vorausgesagt

wurde, ist Ihr Adelsbrief, meine

lieben christlichen Israel-Freunde.

Das kann Ihnen auch eine Richtschnur

abgeben, wo Ihre Hauptaufgabe

liegt. Sie nennen sich Freunde

Israels und bemühen sich, uns zu

zeigen, daß wir auch Freunde in der

Welt haben, nicht bloß Feinde, deren

Menge ist wie Sand am Meer. Das

ist gewiß sehr lieb von Ihnen und

sehr anerkennenswert. Aber das sollte

für Sie, denke ich, nicht die Hauptsache

sein. Denn, wie wir durch den

Propheten Hesekiel wissen, nicht um

Israels Schicksal handelt es sich in

erster Linie bei den Geschehnissen

unserer Zeit, sondern um das

Schicksal des großen heiligen

N a m e n s G o t t e s, dem in unserer

"modernen" Welt so wenig Achtung

gezollt wird und der nach der

Absicht des Höchsten "durch das

Haus Israel wieder geheiligt werden

soll vor den Augen der Nationen".

Mehr als ein Viertel-Jahrhundert ist

bereits verstrichen, ohne daß das

Haus Israel auch nur begonnen hätte,

diese ihm vom Höchsten zugewiesene

Aufgabe zu erfüllen, und,

wie wir wissen, können wir auch

nicht erwarten, daß es in der nahen

Zukunft geschehen wird; vielmehr

wird Gottes Absicht erst durch die

nachfolgende Generation erfüllt werden.

Aber der Höchste wollte anscheinend

nicht, daß so lange Zeit nichts

zur Wiederherstellung der Heiligkeit

Seines großen Namens geschehe,

darum hat Er "unter den Nationen

Menschen" bestimmt - eben Sie, meine

lieben Israel-Freunde - die in die

Lücke treten und der Welt vor Augen

und zu Gemüte führen sollen, wie

großartig das ist, was der HERR -

und nur der HERR allein - in unsern

Tagen an Israel getan hat. Ihnen ist

die Aufgabe zugedacht - und das ist

ein großer Vorzug -, mit diesem großen

Verkündigungs-Feldzug Wiederherstellung

der Heiligkeit des göttlichen

Namens den Anfang zu machen,

noch ehe von jüdischer Seite

damit begonnen wird, - das ist aus

der Voraussage von Psalm 126 klar

zu ersehen. Ich glaube und hoffe,

daß es Ihnen gelingen wird, es dahin

zu bringen, daß "alles Fleisch" (d. h.

alles, was nicht allzu sehr "verknöchert"

ist in der Unreligiosität des

"modernen" Geistes)

"zusammen einsehen wird, daß

der Mund des HERRN einst

gesprochen hat" -

nämlich durch den Mund der Propheten,

als diese vor Tausenden von

Jahren dem jüdischen vorausverkündeten,

was in unsern Tagen vor unser

aller Augen Wirklichkeit ist.

Quelle:

Begegnung auf dem Ölberg, Paulus Paperback

Band 8, Auszug eines Referates auf

"Woche der Begegnung unter dem prophetischen

Wort", Aug. 1975

37


Premierminister Netanyahu in Brüssel

11. Dezember 2017

Premierminister Benjamin Netanyahu

ist am Montag im Europäischen

Rat in Brüssel durch die Hohe Vertreterin

der EU für Außen- und Sicherheitspolitik

Federica Mohgerini

empfangen worden.

Netanyahu erklärte: „Ich danke Ihnen

für diese Einladung, Federica,

und auch der Regierung von Litauen.

Es ist ein Vergnügen, hier zu

sein. Europa und Israel sind wichtige

Partner auf drei wichtigen Gebieten:

Sicherheit, Wohlstand, Frieden. Auf

dem Gebiet der Sicherheit haben

israelische Geheimdienste Dutzende

Terroranschläge verhindert, viele von

denen auf europäischem Boden, und

ich denke, dass unzählige Leben im

Ergebnis gerettet wurden, wie den

Sicherheitsdiensten vieler europäischer

Regierungen wohl bekannt ist.

Wir werden dies als Teil unseres gemeinsamen

Kampfes gegen den Terrorismus

fortsetzen. Ebenso denke

ich, dass das größte Problem, vor

dem Europa steht, der Strom von

Menschen ist, die den kriegsgebeutelten

Gebieten im Nahen Osten entfliehen.

Und der Nahe Osten ist bedroht,

sowohl durch den sogenannten

Islamischen Staat, den sunnitischen

militanten Islam und den schiitischen

militanten Islam, der durch

Iran angeführt wird. Israel ist die

stärkste Macht im Nahen Osten, die

die Ausbreitung des militanten Islam

verhindert, was nicht nur Anschläge

des IS in Europa verhindert, sondern

auch den Kollaps vieler Teile des Nahen

Ostens verhindert, die an Israel

angrenzen, die sonst durch diese

militanten Islamisten übernommen

würden, die so viele, viele, viele Millionen

nach Europa bringen. Wir tun

also viel, um uns zu schützen, doch

während wir das tun, glaube ich,

dass Israel auch eine sehr wichtige

Sicherheitsfunktion für die Menschen

in Europa erfüllt, auf Wegen, die

nicht immer verstanden werden,

doch durch die relevanten Regierungen

zunehmend geschätzt werden.

Der zweite Punkt ist der Wohlstand.

Wir befinden uns in einer Revolution,

einer großen Revolution in der Welt.

Die Zukunft gehört denen, die innovativ

sind. Vor zehn Jahren waren

die zehn führenden Unternehmen

der Welt fünf Energiekonzerne und

ein IT-Unternehmen. Im kurzen Zeitraum

einer Dekade hat sich das vollständig

gedreht – fünf IT-

Unternehmen sind jetzt in den Top

Ten, ein Energiekonzern ist noch

übrig, der vom ersten Platz auf den

Goldenes Tor, Jerusalem

fünften abgestiegen ist. Die Revolution

ist Big Data, künstliche Intelligenz,

Konnektivität – das Netz.

Neue Industrien entstehen aus dem

Nichts. Israel hat nun eine Autoindustrie.

Hatte es nie. Europa hat viele

Autoindustrien. Unsere Autoindustrie

erhält zig Milliarden US-Dollar an

Investment, vor wenigen Monaten

allein 15 Milliarden, als Intel eine israelische

Firma für autonomes Fahren

gekauft hat. Wir hatten dies

nicht. Wir haben 500 Startups nur für

autonomes Fahren und Waze und

Crowdsourcing, die wichtig sind, die

das Antlitz des Transports verändern.

Ich werde Ihnen ein Beispiel

geben.

Digitale Gesundheit – ein weiteres

Beispiel, das in Israel entwickelt

wird; precision farming, IT, Cyber –

Israel hat jetzt 20% der weltweiten

privaten Investments in Cybersicherheit

erhalten. Können wir ohne Cybersicherheit

leben? Könnten Sie

Ihre Bankkonten, Ihre Stromnetze,

Ihre zivile Luftfahrt, Ihre Autos in der

Zukunft beschützen? Sie benötigen

Cybersicherheit; Israel ist ein Partner

der Welt. Daher ist die Partnerschaft

zwischen Israel und Europa unverzichtbar;

meiner Meinung nach ist

sie es nicht nur für uns – was sie offensichtlich

ist, sonst wäre ich ja

nicht hier – sondern auch für Europa.

Und viele, viele Länder weltweit

verstehen, dass Israel der Partner

für Innovation ist. Und Innovation

ist die Zukunft. Dies

ist der zweite Punkt.

Wir haben übrigens auch

Erdgas entdeckt, und wir

haben erst jüngst eine Absichtserklärung

mit einigen

europäischen Ländern unterzeichnet:

mit Zypern,

Griechenland und Italien,

Sie kennen sie vielleicht.

Wir klären gerade die Möglichkeit

für die Verlegung

einer Gasleitung von unseren

Offshore-Gasfeldern

nach Italien. Dies wäre, denke ich,

sehr wichtig für die europäische Wirtschaft.

Innovation, Energie und alles

andere, ich glaube, wir sind natürliche

Partner.

Dies ist Frieden. Israel hat seit 100

Jahren unseren palästinensischen

Nachbarn die Hand zum Frieden ausgestreckt,

auch, bereits bevor und

auch nach der Staatsgründung. Und

seit 50 Jahren, bevor es auch nur

eine einzige Siedlung oder ein einziges

territoriales [Konflikt]thema gab,

werden wir konstant angegriffen.

Wir wurden nicht wegen dieses oder

jenes Stückes Land angegriffen, sondern

wegen der Idee eines jeden

Territoriums, dass es einen jüdischen

Staat geben würde, einen Nationalstaat

für das jüdische Volk in

jeglichen Grenzen, diese Idee wurde

von unseren Nachbarn zurückgewiesen.

Dies hat zu dem Konflikt geführt,

und dies ist es, was den

38


Konflikt weiterbestehen lässt. Sie

sehen dies unglücklicherweise in der

fortgesetzten Leugnung der Palästinenser

des Existenzrechts Israels

als jüdischer Staat und der Leugnung

unserer Geschichte. Jerusalem

ist seit 3.000 Jahren die Hauptstadt

des jüdischen Volkes, von der Zeit,

als es durch König David gegründet

wurde, was in der Geschichte der

Bibel sehr gut dokumentiert ist und

danach, als Juden in den Ghettos

von Europa gewispert haben ‚Nächstes

Jahr in Jerusalem, nächstes Jahr

in Jerusalem.‘ Wir haben diese Verbindung

niemals verloren. Doch diese

Verbindung wird geleugnet, in

UN-Foren, in der UNESCO, in lachhaften

Resolutionen, die danach

trachten, die Geschichte zu leugnen

und die historische Wahrheit. Jerusalem

ist seit 70 Jahren die Hauptstadt

Israels. Ich denke, was [US-

]Präsident Trump getan hat, ist, die

Fakten auf den Tisch zu legen. Frieden

basiert auf der Realität. Frieden

basiert auf der Anerkennung der Realität,

und ich denke, die Tatsache,

dass Jerusalem Israels Hauptstadt

ist, ist für Sie alle, die Israel besuchen,

offensichtlich, die sehen, wo

unser Parlament, unsere Knesset

steht, wo der Sitz unserer Regierung

ist, mein Amtssitz, wo der Präsident

sein Amt hat, das Oberste Gericht.

Jerusalem ist die Hauptstadt Israels.

Niemand kann das leugnen. Dies ist

kein Hindernis für den Frieden, es

ermöglicht den Frieden, weil die Anerkennung

der Realität die Substanz

für den Frieden ist, die Grundlage

dafür.

Es gibt nun Bemühungen, eine neue

Friedensinitiative der US-Regierung

voranzubringen. Ich denke, wir sollten

dem Frieden eine Chance geben.

Ich denke, wir sollten sehen,

was dort vorgestellt wird und sehen,

wie wir diesen Frieden voranbringen

können. Doch wenn wir es anfangen

sollten, würde ich sagen, gibt es eine

Sache: erkennen Sie den jüdischen

Staat an. Es ging immer um den jüdischen

Staat. Und es ist an der Zeit,

dass die Palästinenser den jüdischen

Staat anerkennen und auch

die Tatsache anerkennen, dass er

eine Hauptstadt hat. Sie heißt Jerusalem.

Ich glaube, dass obwohl wir

noch kein Abkommen haben, es das

ist, was in der Zukunft geschehen

wird. Ich glaube, dass alle oder doch

die meisten europäischen Ländern

ihre Botschaften nach Jerusalem

umsiedeln, Jerusalem als israelische

Hauptstadt anerkennen und sich mit

uns gemeinsam für Sicherheit, Wohlstand

und Frieden einsetzen werden.

Ich danke Ihnen für die Gelegenheit,

diese Ansichten vorzustellen, ich bin

sicher, es wird zu einer engagierten

Diskussion mit den Außenministern

kommen. Es ist eine wertvolle, eine

wichtige Gelegenheit. Europa ist

wichtig, darum bin ich hier.“

(Amt des Premierministers,

11.12.17)

Mossab Youssefs Rede

der Sohn eines Hamas-Gründers spricht vor dem UN-Menschenrechtsrat. Erklärung von UN-Watch

an der 36. Sitzung des U.N. Menschenrechtsrates,

von Mosab Hassan Yousef.

Danke, Herr Präsident.

Ich ergreife das Wort im Auftrag von

UN-Watch Mein Name ist Mosab

Hassan Yousef. Ich bin in Ramallah

als Mitglied der Hamas aufgewachsen.

Ich richte meine Worte an die

Palästinensische Autonomiebehörde,

die behauptet, der „alleinige

legitime Vertreter“ des palästinensischen

Volkes zu sein. Ich frage Sie:

Woher kommt Ihre Legitimität? Das

palästinensische Volk hat euch nicht

gewählt, und sie haben euch nicht

beauftragt, sie zu vertreten. Ihr habt

euch selbst ernannt. Eure Verantwortlichkeit

richtet sich nicht an eure

eigenen Leute. Dies wird durch eure

totale Verletzung ihrer Menschenrechte

belegt.

Tatsächlich ist das palästinensische

Individuum und deren menschliche

Entwicklung das geringste eurer Anliegen.

Ihr entführt palästinensische Studenten

vom Campus und foltert sie in

euren Gefängnissen. Ihr foltert eure

politischen Gegner. Das Leiden des

palästinensischen Volkes ist das Ergebnis

eurer egoistischen politischen

Interessen. Ihr seid der grösste

Feind des palästinensischen Volkes.

Wenn Israel nicht existieren würde,

gäbe es niemanden, dem ihr die

Schuld geben könntet. Übernehmt

Verantwortung für das Ergebnis eurer

eigenen Handlungen.

Ihr facht die Flammen des Konflikts

an, um eure missbräuchliche Macht

zu erhalten. Schlussendlich benutzt

ihr diese Plattform, um die internationale

Gemeinschaft und die palästinensische

Gesellschaft zu täuschen,

damit sie glauben, dass Israel für die

Probleme verantwortlich ist, die ihr

verursacht.

Vielen Dank.

http://www.audiaturonline.ch/2017/09/28/sohn-eines-hamas

gruenders-spricht-vordemun-menschenrechtsrat/

39


Die Obsession der UNO gegen Israel

Von Redaktion Audiatur -

17. Mai 2017

Unter Generalsekretär Kurt

Waldheim, einem früheren Nazi,

verabschiedeten die Vereinten

Nationen 1975 die berüchtigte

Resolution 3379, „Zionismus ist

eine Form des Rassismus“.

Der UN-Menschenrechtsrat

(UNHRC) kam am 20. März erneut

zusammen, um über den „Tagesordnungspunkt

7“ zu diskutieren.

Dieser ist seit Juni 2006 ein

unabdingliches Diskussionsthema

und hat ausschliesslich zum

Ziel, die israelische Demokratie

systematisch für angebliche

Verbrechen zu verurteilen, deren

Existenz noch nie nachgewiesen

werden konnten.

von Pierre Rehov

Die Agenda – die offiziell erarbeitet

wurde, um unter Berücksichtigung

der von der Fatah, der PLO und

verschiedenen NGOs eingereichten

Berichte die humanitäre Situation in

den Palästinensergebieten zu

beurteilen – ist Teil einer größeren

Kampagne, die von Ländern wie

Libyen, Algerien, Kuwait, Saudi-

Arabien, Irak, Sudan und Jemen

durchgeführt wird. Israel ist somit

das einzige Land der Welt, das das

zweifelhafte Privileg genießt, am

wenigsten an seinen Taten gemessen

zu werden – anhand einer

Agenda, die von seinen Feinden

erstellt wurde.

Wenn es nur darum ginge die

Besessenheit zum Ausdruck zu

bringen – die der alten Gewohnheit

von arabisch-muslimischen

Diktaturen entspringt, den jüdischen

Staat zu ihrem Sündenbock

zu machen, der für alle Schicksalsschläge

verantwortlich ist die sie

heimsuchen, wäre Tagesordnungspunkt

7 nur eine Kuriosität. Zumal

die Sitzung regelmäßig von einer

Mehrheit der westlichen Länder

und systematisch von den Vereinigten

Staaten boykottiert wird.

Leider hat sich diese Israel-Phobie

in den Vereinten Nationen verbreitet.

Als Israel im Jahr 1948, kurz

nachdem das Land von nahezu

allen westlichen Demokratien

offiziell als souveräner Staat

anerkannt worden war, gerade die

völkermörderischen Aggressionen

von fünf Nachbarländern abgewehrt

hatte und Tausende Juden

vor der Unterdrückung durch

arabische Diktaturen flohen, rief

die UN die UNRWA ins Leben, eine

Organisation, die ausschließlich

palästinensischen Flüchtlingen

hilft. Und das, obwohl es bereits

ein UN-Flüchtlingsprogramm gab:

das Hohe Flüchtlingskommissariat

der Vereinten Nationen (UNHCR).

Das Mandat des UNRWA (Hilfswerk

der Vereinten Nationen für Palästina-

Flüchtlinge im Nahen Osten,

englisch United Nations Relief and

Works Agency for Palestine Refugees

in the Near East) galt ursprünglich

für ein Jahr. Siebzig Jahre später

ist aus der Organisation ein verschwenderisches

UN-Arbeitsprogramm

mit einem Budget von fast

einer Milliarde Dollar geworden, das

weiterhin in den Palästinensergebieten

und den Nachbarstaaten tätig ist.

Aus einem Teil des Budgets werden

die Löhne und Rentenfonds von

25.000 bis 27.000 Mitarbeitern

bezahlt (darunter viele Mitglieder der

Hamas). Ausserdem finanziert das

Programm Schulen in Vororten oder

Städten, die als „Lager“ bezeichnet

werden, in denen die Nachkommen

der Nachkommen der „Flüchtlinge“

fälschlicherweise lernen, dass Tel

Aviv und Haifa einst ihnen gehörten

und an sie zurückgegeben werden

sollten, und wo der Mythos eines

unmöglichen „Rückkehrrechts“

immer neue Generationen von

Palästinensern zu Geiseln macht

und den Hass gegen Israel und die

Juden schürt.

Said Aburish, einer von Yasser

Arafats Biografen und ehemaliger

Berater von Saddam Hussein,

berichtete diesem Autor:

Um die Verpflegung durch das

UNRWA sicherzustellen, gewöhnten

sich die Palästinenser an, ihre Toten

nachts zu beerdigen. So starb

niemand in den Flüchtlingslagern –

außer es war möglich, Israel dafür

verantwortlich zu machen. Infolgedessen

wurden die Flüchtlingszahlen

stets verfälscht, und zwar mit

passiver Mithilfe des UNRWA, da

dessen jährliches Budget von der

Anzahl der Seelen abhängt, für die

es verantwortlich ist.“

Es ist kein Geheimnis, dass die UN

Israel in weniger als 70 Jahren

häufiger verurteilt hat, als alle

anderen Staaten der Welt zusammen

– einschliesslich derer, die der

Sklaverei, Massenexekutionen, des

Völkermords und jeder anderen

vorstellbaren Menschenrechtsverletzung

für schuldig befunden wurden.

In einem Ausmass also, dass es fast

klingt wie ein Witz.

Es ist es Wert sich daran zu

erinnern, dass Israel zwischen 1981

und 1986 ein Rahmenprogramm zur

Resozialisierung von arabischen

Flüchtlingen in Gaza ins Leben rief.

Die einzige Antwort der vom Fatah-

Vorsitzenden Yasser Arafat unter

40


Druck gesetzten UN war, den

hebräischen Staat für seine Initiative

zu verurteilen und jede ihrer Resolutionen

mit dem gleichen Befehl zu

beenden: „Bringt die Flüchtlinge

zurück in die Camps.“

Man muss auch nicht bis ins Jahr

1975 zurückblicken, um sich an die

berüchtigte UN-Resolution 3379

„Zionismus ist eine Form des

Rassismus“ zu erinnern. Sie wurde

unter dem Generalsekretär und

früheren Nazi Kurt Waldheim

erlassen – eine Woche, nachdem

man dem brutalen Gewaltherrscher

Ugandas, Idi Amin, einen triumphalen

Empfang im UN-Hauptquartier

bereitet hatte.

Es reicht hingegen, nur auf die

Generalversammlung vom 21.

Dezember 2016 zu verweisen, um

festzustellen, dass Israel wieder

einmal 20-fach verurteilt wurde,

während all die tragischen Vorkommnisse

auf diesem Planeten –

Massaker in Syrien, Drohungen

durch Nordkorea, die Krim- Krise

und die schlechte Behandlung von

Frauen und Minderheiten in Iran und

Saudi-Arabien – fast schon widerwillig

mit lediglich einem halben

Dutzend Resolutionen sanktioniert

wurden.

Die Liste der Ungerechtigkeiten, die

dem jüdischen Staat durch eine

Organisation zugefügt wurden, die

eigentlich den Weltfrieden wahren

soll – und die de Gaulle verächtlich

als „le machin“ („das Ding“) bezeichnete

– ist so lang, dass man damit

problemlos mehrere Bände einer

Enzyklopädie füllen könnte.

Nichts hat jedoch auf der internationalen

Bühne so viel Aufsehen erregt

oder so viel Ablehnung hervorgerufen

wie die Resolution der UNESCO

vom 26. Oktober 2016, gefolgt von

einem ähnlichen Text am 29. April

2017 – dem Tag, an dem Israel den

69. Jahrestag seiner Unabhängigkeit

feierte.

Dieser von Algerien, Ägypten,

Libanon, Marokko, Oman, Katar und

Sudan vorgelegte und von der

automatischen arabischen Mehrheit

ratifizierte Text, der von der Enthaltung

fast aller europäischer Staaten

– einschliesslich Frankreichs –

profitierte, beinhaltete eine neue und

überraschende Umschreibung der

Geschichte. Darin wurde jegliche

Verbindung zwischen dem Judentum

und dem Jerusalemer Tempelberg,

einschliesslich der Klagemauer,

geleugnet, und die Stätten wurden

ausschliesslich bei ihren arabischen

Namen genannt: Haram Al Sharif

und Al-Buraq-Mauer. Die Leugnung

der Tatsachen in dieser Resolution

veranlasste den neuen Generalsekretär

der UNESCO Antonio Guterres

dazu, ihr zu widersprechen. Er

forderte die Palästinensische

Autonomiebehörde dazu auf, die

Resolution zurückziehen und eine

Entschuldigung zu veröffentlichen.

Es mag empörend wirken, dass der

hebräische Staat systematisch ins

Visier genommen wird, doch das

UN-Rahmenwerk macht es möglich.

Zunächst einmal sind da die Zusammensetzung

der Vereinten Nationen,

die aus einem Übergewicht an

antidemokratischen Mitgliedern

besteht und sich den Herausforderungen

des islamistischen Terrors

einerseits und dem Druckmittel Erdöl

andererseits gegenüber sieht.

Und zum Zweiten – warum sollte

sich die UNESCO, deren vorgegebene

Aufgabe eigentlich genau darin

besteht, die Geschichte und den

Frieden zu bewahren, an einer Farce

beteiligen, die streng genommen zu

dem Schluss kommen würde, dass

Jesus sechs Jahrhunderte vor der

Entstehung des Islam, die Händler

von der „Esplanade der Moscheen“

(aus dem Tempelbezirk) verjagte?

Im religiösen Kontext gesehen, ist

Jerusalem – vor allem die Altstadt

und der Tempelberg – für die drei

monotheistischen Religionen ein

heiliger Ort. Als sich dieser Bereich

nach der illegalen Einnahme im Jahr

1948 bis zur Befreiung durch Israel

im Jahr 1967 in jordanischem Besitz

befand, wurden alle Juden aus dem

von Jordanien kontrollierten Teil der

Stadt vertrieben, ihr Hab und Gut

wurde ihnen weggenommen und

ihre heiligen Stätten wurden

geschändet. Laut dem für die Waqf

(die für die heiligen islamischen

Stätten in Jerusalem verantwortliche

muslimische Organisation) zuständigen

Dr. Yussuf Natshe und dem

Scheich Omar Awadallah Kiswani,

Leiter der Al-Aqsa-Moschee, dürfen

diese Orte nicht geteilt werden: „Sie

gehören von Ewigkeit her dem

Islam, Gott und die UNESCO

wünschen es so.“ (Äußerungen

wurden vom Verfasser gesammelt.)

Das Ziel der von der muslimischen

Welt unterstützten Palästinenser

wäre, den Namen der Al-Aqsa-

Moschee auf den gesamten Haram

Al Sharif (Tempelberg) zu übertragen,

damit Nicht-Juden, wie in

Mekka und Medina in Saudi-Arabien,

der Zutritt verwehrt würde. Warum

enthielt sich Frankreich der Abstimmung

am 26. Oktober 2016 und

bezüglich eines ähnlichen Texts am

29. April 2017 und wurde dadurch in

dieser Sache zu einem Komplizen?

Das gehörte zu einem größeren

Programm. Der damalige US-

Präsident Barack Hussein Obama

hatte die Haltung der USA gegenüber

der Muslimbrüderschaft und

dem Iran neu kalibriert. Im Kern von

Obamas Credo schienen die

berühmten israelischen „Siedlungen“

das absolute Böse zu verkörpern,

während der internationale Terrorismus

– einschliesslich des palästinensischen

Terrors – unter keinen

Umständen aus den Auswüchsen

einer Religion hervorgehen könnte

die als Religion der Liebe und des

Friedens beschrieben wird.

Diese Position – ob rational oder

nicht – könnte von vielen auch als

allmählicher Rückzug der Vereinigten

Staaten aus einem todgeweihten

Friedensprozess betrachtet werden,

der 2014 unter Federführung von

US-Aussenminister John Kerry zum

zigsten Mal gescheitert war. Vielleicht

hielt die französische Regierung

unter François Hollande es für

eine gute Gelegenheit, Frankreich

41


wieder an der Frontlinie der internationalen

Diplomatie zu positionieren,

indem sie Dolche in das Herz des

israelisch-arabischen Konflikts stieß.

Daraus entstand der Plan, eine

internationale Konferenz in Paris

abzuhalten – von der man die

Hauptakteure, Israel und die

Palästinenser, jedoch ausschloss.

(Man muss sich fragen, was Frankreich

gesagt hätte, wenn sich andere

Staaten ohne die Franzosen

versammelt hätten, um über die

Zukunft von Paris zu entscheiden.)

In der von de Gaulle im Jahr 1967

eingeführten und von den nachfolgenden

französischen Regierungen

beibehaltenen Arabien-Politik ging

es nicht darum, den jüdischen Staat

am Leben zu halten, obwohl er

offiziell noch immer Israel genannt

wurde. Die neue US-Regierung

unter Präsident Donald J. Trump und

die US-Botschafterin bei den

Vereinten Nationen, Nikki Haley,

brachten die amerikanische Position

(und im weiteren Sinne auch die

Europas und Frankreichs) in einem

Konflikt, der viel zu lange unter einer

wie bereits beschriebenen Doppelmoral

gelitten hatte, wieder ins

Gleichgewicht.

Warum sollten die Palästinenser

auch nur das kleinste Zugeständnis

machen, wenn ihnen die internationale

Gemeinschaft einen Staat

kostenfrei auf dem Silbertablett

serviert?

Bassem Eid, ein palästinensischer

Menschenrechtsaktivist und politischer

Berater, sieht es wie folgt:

„Die Palästinensische Autonomiebehörde

ist wie eine Oppositionspartei.

Es genügt ihr, Israel zu kritisieren

und zu beschuldigen. Sie muss

nichts anderes tun oder beweisen,

um die volle Unterstützung und all

das Geld zu bekommen, das sie

braucht. Und während Frankreich

und Europa Mahmoud Abbas mit

Orden auszeichnen, leidet das

palästinensische Volk weiterhin unter

seiner Diktatur.“

Leider enthielt sich Frankreich am

29. April erneut seiner Stimme bei

der UNESCO.

Es ist jetzt an der Zeit, dass Frankreich

und die Europäische Union

begreifen, dass sie – wenn sie auch

nur einen Funken der Glaubwürdigkeit

bewahren wollen, die sie als

Mitwirkende an einem wie immer

gearteten Friedensprozess noch

besitzen – aufhören sollten, Israel zu

dämonisieren, während sie gleichzeitig

allen Forderungen von

Mahmoud Abbas‘ Palästinensischer

Autonomiebehörde nachgeben.

Dazu gehört auch der Einsatz von

Terror, Terrordrohungen und Zahlungen

für den Terrorismus. All diese

Forderungen werden mit dem

Einverständnis einer Organisation

gemacht, die die Palästinenser

schon vor Langem vereinnahmt

haben: die UN.

Es ist höchste Zeit, dass einer so

gefährlichen Organisation der

Geldhahn zugedreht wird. Wichtig

befundene Organe, wie die Weltgesundheitsorganisation,

können

separat finanziert werden.

Pierre Rehov ist Kriegsreporter, Dokumentarfilmemacher

und Schriftsteller.

Sein letzter Film „Unveiling Jerusalem“

den er für den israelischen Sender

Channel One produzierte, wird bald in

englischsprachigen

Ländern

erscheinen.

Auf Englisch

zuerst

erschienen

bei Gatestone

Institute.

42


Der Israelsonntag in der Evangelischen Kirche -

Wie in EKD-Gemeinden gegen Israel agitiert wird

von Anne-Marie Cejp

Der Israelsonntag (früher Judensonntag)

ist ein Sonntag im Kirchenjahr

der Evangelischen Kirche in

Deutschland (EKD), der das Verhältnis

von Christen und Juden zum

Thema hat. Er wird am zehnten

Sonntag nach Trinitatis – das ist in

der Regel im August – begangen.

Schon seit dem Mittelalter wird in der

Kirche der so genannte Judensonntag

begangen, der die Intention

hatte, störrische Juden zum Christentum

bekehren zu wollen. Im

Verlauf des Luther-Jubiläums wurde

dieses Thema ausgiebig behandelt,

und es gab Stimmen, die besagten,

dass Martin Luthers Traktat „Von den

Juden und ihren Lügen“ keine

Glanzleistung von ihm war, ja es

wurde sogar verurteilt.

Diesen Judensonntag gab es bis in

die 1960er Jahre, bis es auffiel, dass

der Begriff „Jude“ einen unangenehmen

Beigeschmack hatte – immerhin

waren 6 Millionen Juden unter

bestialischen Umständen weniger

als eine Generation zuvor von

Deutschen umgebracht worden. So

gab es den löblichen Vorsatz, diesen

Sonntag umzubenennen und

inhaltlich weiterzuentwickeln. Der

Judensonntag wurde in „Israelsonntag“

umbenannt und hatte nun die

Absicht „ein theologisches Verständnis

des Judentums zu gewinnen, das

frei von Antijudaismus und Antisemitismus

ist“.

Von Antiisraelismus war dabei nicht

die Rede, und so ist es verständlich,

dass dieser Tag auch ausgiebig dazu

genutzt wird „Kritik an Israel“ zu

betreiben, denn es ist ja schließlich

der Israelsonntag. Ja, ein ökumenischer

Gesprächskreis rief im Jahr

2015 sogar dazu auf, über theologische

Fragen hinaus auch dem

Verhältnis zwischen Israel und den

„Palästinensern“ Beachtung zu

schenken und „der arabischen

Schicksale in Palästina zu gedenken“.

In welchem Ausmaß die

Empfehlung des Friedenskreises in

deutschen Kirchen angenommen

wurde, weiß ich nicht (und möchte

es lieber nicht wissen). Im Gottesdienst

unserer Kirchengemeinde am

20. August 2017 wurde jedenfalls

ausgiebig davon Gebrauch gemacht.

Schnell kam der Prediger auf

„...Israeli und Palästinenser…einer

so schlimm wie der andere... die

Mauer... israelische Menschenrechtsverletzungen

…israelische

Soldaten töten unschuldige Menschen…

Terrorattentate sind auch

schlimm…“ und so weiter – eigentlich

alles, was man so oft hört und

liest. Und da man es oft hört, muss

ja etwas daran sein, wie mir manchmal

im DDR-Staatsbürgerunterricht

gesagt wurde, wenn ich als Einzelne

eine andere Meinung als die

vorgegebene kundtat.

So rieselte die Predigt an mir

vorüber, bis der Pfarrer verkündete,

dass israelische Siedler den wasserarmen

Boden Palästinas aufbohren

und Wasser, das für die „palästinensische“

Landwirtschaft bitter nötig

wäre, in jüdische Siedlungen

pumpen, um dort Blumenrabatte und

Swimmingpools für sich zu bewässern.

Nun gäbe es zum Thema

Wasser in Israel viel zu sagen. Es ist

bekannt, dass Israel mit seiner

hervorragenden Wasserwirtschaft

die komplette „palästinensische“

Wasserversorgung gewährleistet,

und es ist auch bekannt, dass Israel

eines der führenden Länder auf der

Welt auf dem Gebiet von Wasserrecycling,

Meerwasserentsalzung und

sparsamer Verwendung von Wasser

ist und dieses Wissen an seine

Nachbarländer weitergibt. Auf

diesem Gebiet arbeiten sogar

feindlich gesinnte arabischen

Nachbarn mit Israel zusammen

.

Die Erwähnung des „Wasserraubs“

schreckte mich auf. Zu oft ist er mir

in den letzten paar Jahren begegnet.

Vor genau einem Jahr (sollte es

vielleicht ein staatlicher Beitrag zum

Israelsonntag sein?) wurde in der

„Tagesschau“ ohne jeglichen Anlass

ein Beitrag gesendet, in dem

berichtet wurde, wie Israelis „Palästinensern“

Wasser vorenthalten. Der

blinde Eifer der ARD ließ dabei in

freudscher Weise den „beweisführenden“

Hydrogeologen Clemens

Messerschmid zu Clemens „Wasserschmid“

mutieren. Der Wassermangel

stellte sich als kurzfristige Folge

eines Wasserrohrbruchs heraus,

was die ARD halbherzig zugab.

Entschuldigt hat sie sich nicht.

In der israelischen Knesset ermahnte

der jetzige SPD-Vorsitzende und

Kanzlerkandidat Martin Schulz seine

Gastgeber, die den „Palästinensern“

angeblich nur 17 Liter Wasser täglich

zur Verfügung stellten. Gleichzeitig

räumte er jedoch ein, dass er die

genauen Zahlen in Wirklichkeit nicht

kenne.

Ein Jahr später bestätigte er diese

seine Haltung, nachdem der (schon

lange nicht mehr legitimierte)

Präsident der „Palästinenser“

Machmud Abbas vor dem Europäischen

Parlament gesprochen hatte.

Diese Rede enthielt die Originallegende

vom Juden als Brunnenvergifter.

Abbas behauptete, dass Rabbiner

vom israelischen Premierminister

forderten, „palästinensische“

Brunnen zu vergiften, um „Palästinenser“

zu töten. Das Europaparlament

samt seinem Vorsteher Martin

Schulz war von der Rede so hingerissen,

dass Ovationen kein Ende

nahmen und Martin Schulz sich laut

eigener Bekundung „inspiriert“ fühlte.

Abbas hat diese Behauptung später

zurückgenommen, aber in die Köpfe

der Menschen war sie gelangt –

ebenso wie die Predigt des evangelischen

Pastors in die Köpfe der

andächtig lauschenden Gottesdienstbesucher

gelangt ist.

Quelle:

http://juedischerundschau.de/der-

israelsonntag-in-der-evangelischen-kirche-

135910967/

43


Die Einheit von Juden und Nichtjuden

Horst Krüger

Manchmal führen wir völlig unnötige

Diskussionen, obwohl in der Bibel

bereits klare Aussagen vorliegen.

Immer noch geistert die Frage durch

den Raum: Müssen Juden, wenn sie

sich zu Jesus als ihrem Messias bekehren,

ihre jüdische Lebensweise

aufgeben und sich voll in unsere

nichtjüdischen Gemeinden integrieren?

Zur Zeit von Paulus hieß es

noch: Müssen Nichtjuden, wenn sie

sich bekehren, Juden werden? Müssen

sie sich beschneiden lassen und

sich nach dem jüdischen Religionsgesetz

richten? Paulus hat in einem

Nebensatz, den wir offensichtlich gar

nicht so deutlich wahrnehmen, diese

Frage geklärt:

1. Korinther 7,17-18: Doch wie der

Herr einem jeden zugeteilt hat, wie

Gott einen jeden berufen hat, so

wandle er; und so verordne ich es in

allen Gemeinden. Ist jemand beschnitten

(als Jude) berufen worden,

so bleibe er bei der Beschneidung

(Jude); ist jemand unbeschnitten (als

Nichtjude) berufen worden, so lasse

er sich nicht beschneiden (so bleibe

er Nichtjude).

Kennen wir diese Regel in unseren

Gemeinden? Die Fragen sind gar

nicht so abwegig; denn zur

Zeit des Römischen Reiches

haben in der Tat zahlreiche

Juden ihre völkische

Zugehörigkeit durch chirurgische

Eingriffe auszulöschen

versucht. Ähnlich wie

in der Hitlerzeit. Dadurch

erhofften sie sich Erleichterungen

für ihr tägliches Leben.

Dann wiederum entschieden

sich Nichtjuden für

das Judentum, um jüdisch

zu leben, bekannt unter der

Bezeichnung Proselyten.

Dafür gab es dann das Wort

Beschneidung.

Die Apostel und Ältesten in

Jerusalem hatten mit Paulus

und Barnabas auf dem Apostelkonzil

Apg. 15 beschlossen,

dass Christen aus den Nichtjuden

sich, was die rituelle Seite betrifft,

vor Götzendienst, sexueller Unreinheit,

Blutgenuss und nicht ausgeblutetem

Fleisch hüten sollten. Die

Gemeinschaft des Neuen Bundes

kennt keine Zurücksetzung zwischen

Juden und Nichtjuden. Eine Herabwürdigung

der Anderen darf nicht

sein und steht im Widerspruch zum

Evangelium! Das hat Paulus mehrfach

in seinen Briefen betont. Paulus

sieht darin, dass ein Gläubiger aus

den Heiden zum Judentum übertritt,

Gott auf das Judentum beschränkt,

ihn sozusagen verkleinert und damit

einen schwerwiegenden Irrtum begeht!

Gott ist größer! Wenn Juden

und Nichtjuden gemeinsam und in

Respekt voreinander den Gott Israels

anbeten, kann die Einzigartigkeit

und Größe des lebendigen Gottes

allen Menschen sichtbar werden

(Röm. 3,28-30): Ist Gott etwa nur der

Juden und nicht auch der Heiden

Gott? Jawohl, auch der Heiden, so

gewiss es nur einen einzigen Gott

gibt, der die Beschnittenen (Juden)

aus Glauben (aufgrund des Glaubens)

und die Unbeschnittenen

(Nichtjuden) durch den Glauben (infolge

ihres Glaubens) rechtfertigen

(gerecht sprechen, erlösen) wird.

Nun ergibt sich die Frage: Sind

nichtjüdische Christen jetzt Juden?

In Gal 3,27-29 steht: Ihr alle, die ihr

in (oder: für, oder: auf) Christus getauft

worden seid, habt (damit)

Christus angezogen. Da gibt es nun

nicht mehr Juden und Griechen

(Griechisch redende Heiden), nicht

mehr Knechte und Freie, nicht mehr

Mann und Frau: nein, ihr seid allesamt

Einer (eine Einheit) in Christus

Jesus. Wenn ihr Christus angehört,

so seid ihr damit Abrahams Nachkommenschaft

(Kinder), Erben gemäß

der Verheißung. Interessant ist

hier die Formulierung Mann und

Frau, nicht Mann oder Frau, wie es

meist übersetzt wird. Tatsächlich gebraucht

Paulus das und und bleibt

damit in der biblischen Tradition!

Mann und Frau. In jener Zeit hatten

Taufe und Christus einen anderen

Klang als heute bei uns. Taufe, Untertauchen

war ein jüdisches religiöses

Element. Wer Jude wurde oder

im Namen von Jesus Christus getauft

wurde, bekannte sich zum Gott

Israels. Dieser Vorgang war unter

Heiden unüblich. Nach Paulus wurde

der griechische Mann, die griechische

Frau in realer Weise ein Kind,

ein Miterbe Abrahams. Der äußere

Unterschied zwischen Juden und

Nichtjuden, Mann und Frau war zwar

vorhanden, aber es gab keine Diskriminierung,

Bevorzugung oder Zurücksetzung.

Nichtjüdische Gläubige

sind nicht Juden! Aber Kinder, Same,

Abrahams, um es mit Paulus biblisch

zu sagen! Sie gehören zum Reich

Gottes und sind bei all ihrer Unterschiedlichkeit

eins mit Israel durch

Jesus Christus (Eph 2,12). Gottes

Volk, Erben nach der Verheißung.

Fazit: Wir bleiben bei dem, was Paulus

im 1. Korintherbrief geschrieben

hat. Beten wir auch dafür, dass Juden

in die Gemeinden der Nichtjuden

kommen und sich dort glücklich

fühlen, weil sie voll akzeptiert

sind. Das wäre das eigentliche Urbild,

so wie Paulus es in seinen Gemeinden

kannte.

44


Themen des 7. Israelfreundestages

Das Königreich Gottes

„Israel, der Messias und das Königreich Gottes“

Alyosha Ryabinov

Die Botschaft des Reiches Gottes

war die Hauptbotschaft von Jeschua.

Er begann seinen Dienst mit dieser

Botschaft (Mt. 4:17, Lukas 4:43).

Nachdem er gekreuzigt worden war

und von den Toten auferstand, fuhr

er in den 40 Tage die er mit seinen

Jüngern verbrachte, mit dieser Botschaft

fort.

Auch seine Schüler, die Jünger, verkündeten

diese Botschaft bis zum

Ende ihres Dienstes. Der allerletzte

Vers des letzten Kapitels der Apostelgeschichte

spricht über Paulus,

der in einem gemieteten Haus in

Rom Menschen empfängt und mit

ihnen über das Reich Gottes spricht.

"Paulus blieb zwei volle Jahre in der

von ihm gemieteten Wohnung und

durfte dort so viele Besucher empfangen,

wie er wollte. 31 Er verkündete

ihnen die Botschaft vom Reich

Gottes und lehrte sie alles über Jesus

Christus, den Herrn. Er tat es

frei und offen und wurde von niemand

daran gehindert". Apgesch.

28, 30+ 31(NGÜ)

Mehrere Stellen in der Apostelgeschichte

deuten darauf hin, dass das

Königreich auf Erden bereits in der

Vergangenheit existierte. Apostelgeschichte

19,21 spricht über die Wiederherstellung

aller Dinge, die von

den Propheten der alten Zeit gesprochen

wurden. Dieses Wort: "Wiederherstellung",

erscheint in Vers 6 von

Kapitel 1 der Apostelgeschichte. Die

Jünger fragten Yeshua, ob dies nun

die Zeit sei, dass er das Königreich

Israel "zurückgeben" werde. Was

bedeutet Wiederherstellung? Es gab

etwas in der Vergangenheit, es ist

kaputt gegangen und es

kommt zurück.

Im Vater-unser- Gebet, das Yeshua

seine Jünger lehrte, gibt es eine Zeile:

"Dein Reich komme, dein Wille

geschehe im Himmel, wie auf Erden".

Und jetzt beginnen wir zu sehen,

dass das Reich Gottes nicht nur

eine zukünftige Realität ist, sondern

es existierte auch in der Vergangenheit

auf der Erde. Wann gab es das

Königreich auf Erden? Es scheint,

als hätte es das Königreich zumindest

schon zweimal auf der Erde gegeben.

Das erste Mal, dass das Königreich

existierte, war im Garten Eden. Gott

schuf die Menschheit, dann pflanzte

er den Garten und übergab ihn an

den Menschen. Dabei wurde ihm

alles anvertraut. Jedoch gab es im

Garten etwas, das nicht unter

seine Zuständigkeit gehörte: den

Baum der Erkenntnis von Gut und

Böse. An diesem Geschehen um

den Baum wird eines offensichtlich.

In dieser Zeitspanne der Menschheitsgeschichte,

in der dem Menschen

der Garten Eden anvertraut

war, herrschte Jemand über ihn. Und

dieser Jemand war Gott.

Im Garten galt Gottes Autorität und

Seine Hoheit der Königsherrschaft,

die vom Menschen nicht mehr akzeptiert

wurde und er handelte IHM

zuwider. Nachdem er von diesem

verbotenen Baum gegessen hatte,

wurde er wie Gott, indem er Gutes

und Böses erkannte.

So fing Gott an, sein Reich durch

Menschen wie Abraham, Isaak und

Jakob wieder aufzubauen. Als Israel

aus Ägypten verschleppt wurde,

wurde es eine Nation. Und am Berg

Sinai wurde Israel ein Königreich,

das einzige Königreich auf Erden,

das Gott als König hatte.

Indem wir die Prinzipien erlernen,

wie Gott diese zwei alten Königreiche

aufgebaut hat, können wir lernen,

was er jetzt tut, um sein Königreich

auf Erden wiederherzustellen.

„Die vier Bereiche der

Botschaft vom Königreich“

nach Jesaja 52.7

Es gibt einen Unterschied zwischen

dem Evangelium des Königreichs

und dem Evangelium der Erlösung.

In Matthäus 24,14 heißt es: "Und

dieses Evangelium des Reiches wird

in der ganzen Welt als ein Zeugnis

allen Nationen verkündet werden,

und dann wird das Ende kommen.“

Obwohl die Formulierung: "Evangelium

der Erlösung/ Errettung" in der

Schrift mindestens einmal steht

(z. B. im Epheser 1,13), spricht die

Schrift hauptsächlich über das

"Evangelium des Königreiches". Der

Prophet Jesaja erwähnt 4 Bereiche

im Evangelium des Königreiches

(Jesaja 52,7).

Die Erlösung ist einer der vier Bereiche,

aber es gibt drei weitere sehr

wichtige Bereiche, die zeigen, dass

das Evangelium des Königreichs ohne

Wiederherstellung dieser drei Bereiche

nicht vorangebracht werden

kann. Wenn man diese Bereiche versteht,

kann man sehen, dass die Botschaft

der Wiederherstellung des

Königreichs nicht ohne die Wiederherstellung

der Nation Israel erreicht

werden kann. Wir leben in der heutigen

Zeit, wo es eine große Kluft zwischen

der Kirche und Israel gibt.

Gott hat allen Nationen sein Königreich

verheißen, aber wie ist ihre Beziehung

/ Verhältnis zu Israel ?

Eines der Hauptziele der Lehre über

das Reich Gottes ist es, einem Mann

oder einer Frau, die durch Jeschua,

den Messias, in Gottes Reich eingetreten

sind, dabei zu helfen, zwei

Dinge zu verstehen:

1. Die wahre Identität in Gott und

ihre Berufung erkennen.

2. Und wie dieser Ruf sie mit Israel

verbindet, damit die Botschaft des

Königreichs vorangebracht werden

kann.

45


Antisemitismus in neuer Gestalt - Gefahren erkennen - Stellung beziehen -

Verantwortung übernehmen

Warum toben die Nationen und murren die Völker gegenwärtig?

Jurek Schulz

Offensichtlich muss auch für den Vatikan

Jerusalem geteilt bleiben, bis

eine Lösung gefunden wird.

So kam es weltweit in etlichen Ländern

in den Dezemberwochen 2017

zu Anti-Israel-Demonstrationen.

Doch nicht nur Israelfahnen wurden

verbrannt. Sondern auch jüdische

Einrichtungen wurden massiv bedroht

und fühlen sich nicht mehr sicher.

Kleine jüdische Kinder mussten

den Hass des Antisemitismus erleben,

indem sie bespuckt und geschlagen

wurden. Oder wie in Berlin

und anderen Städten erlebt die jüdische

Fußballmannschaft TuS Makkabi

einen gemeinen „Judenhass“.

Graffiti an einer Hamburger Schule, Herbst 2017, Aufnahme privat

Bei diesem Thema müssten wir eigentlich

die verschiedensten Bereiche

aufdecken, darstellen und benennen,

wo Juden oder der Staat

Israel unverhältnismäßig diffamiert,

isoliert, boykottiert und bedroht werden.

Jedoch aufgrund der Kürze des

Platzes und der Zeit möchte ich nur

die jüngsten Ereignisse als Orientierung

knapp erwähnen. Dann möchte

ich aufzeigen, wie wir Stellung beziehen

können, und ermutigen, als

Staatsbürger und Gläubige in einer

Demokratie Verantwortung zu übernehmen.

1. Der 6. Dezember 2017 markiert

eine neue offizielle Sichtweise auf

den Nahen Osten durch die USA.

Denn der amerikanische Präsident

Donald Trump hat offiziell Jerusalem

als die Hauptstadt Israels anerkannt.

An sich ist das ja nichts Schlechtes.

Doch unmittelbar nach dieser Verlautbarung

hat der türkische Staatspräsident

Recep Tayyip Erdogan einen

Sondergipfel der „Organisation

für Islamische Kooperation (OIC)“,

deren Vorsitz er zurzeit hat, einberufen.

Die OIC umfasst 57 Staaten.

Davon haben 55 Staaten bis zum

heutigen Tag den Staat Israel nicht

anerkannt. Am Mittwoch, den 13.

Dezember 2017, ertönte es dann

aus Istanbul in einer Erklärung: „(…)

Von hier aus lade ich alle Länder, die

für internationales Recht und Gerechtigkeit

eintreten, dazu ein, Jerusalem

als die besetzte Hauptstadt

des palästinensischen Staates anzuerkennen.“

Drohend kann die Welt

es hören und lesen, dass die Entscheidung

der USA ein „äußerst falscher,

provokativer und rechtswidriger

Schritt“ ist, so der Präsident Erdogan

und fügt fast drohend im Namen

der OIC hinzu: „(…) Jerusalem ist

unsere rote Linie.“

Doch nicht nur aus der islamischen

Welt ertönen Drohgebärden. Die gesamte

Welt scheint nach der Entscheidung

der USA in Aufruhr zu geraten,

so dass eine Dringlichkeitssitzung,

wie etwa der UN, der Arabischen

Liga und anderer Weltorganisationen,

die andere jagt. Alle üben

heftigste Kritik. Ja, sogar der eher

um Neutralität bemühte Vatikan hat

sich eingeschaltet. Papst Franziskus

sieht in der Anerkennung Jerusalems

als Hauptstadt Israels eine

„schlechte Idee“, welche dem „Status

laut Völkerrecht“ zuwiderläuft.

Heutzutage gibt es kaum Menschen,

die sich als Antisemiten bezeichnen

würden. Doch in der einseitigen „Israelkritik“

und der meist verzerrten

und verlogenen Darstellung der tatsächlichen

Sachverhalte um Israel

wird eine Form von Antisemitismus

betrieben, die weitaus gefährlicher

ist als alles bisher Dagewesene.

Denn damals lief der Antisemit in

Holzschuhen und war schon von weitem

zu hören. Heute läuft er fast lautlos

in flauschigen Samtschuhen und

ist nicht mehr sofort als Juden- und

Israelhasser auszumachen.

2. Bevor wir Stellung beziehen, müssen

wir uns mit den Details des Themas

beschäftigen. Das macht Arbeit,

das kostet Kraft, das verbraucht unsere

Zeit. Doch ist es wesentlich,

mehr Hintergrundinformationen über

einen Sachverhalt zu bekommen.

Hierzu dienen seriöse Zeitungen und

gute Internetseiten. Ebenso sind

manche TV-Sender mit zahlreichen

Dokumentationen hilfreich. Einiges

werde ich auch im Seminar empfehlen.

Kehren wir zum Thema Jerusalem

zurück. Warum toben jetzt die

Völker nach Trumps Erklärung? Bereits

am 6. April 2017 hatte Russland

Westjerusalem als die Hauptstadt

Israels anerkannt. Niemanden hatte

46


es gestört, niemand hatte sich aufgeregt.

Warum also jetzt die weltweiten

Demonstrationen? Oder fragen

wir uns: Von welchem Völkerecht

spricht der Vatikan? Die UN hatte

durch die Kriegswirren Jerusalem

geteilt. Für Juden war der Zugang

zur ehemaligen jüdischen Altstadt

und zur Klagemauer 19 Jahre lang

verboten. Es war jordanisches Gebiet,

denn es gab bis dato kein Palästina.

Als Israel 1967 den Ostteil

der Stadt eroberte, annektierten sie

diese Gebiete und erklärten 1980

Jerusalem zur ungeteilten Hauptstadt

Israels. Um Jordanien entgegenzukommen,

erklärte sich Israel

bereit, Jordanien die Verwaltung des

Tempelberges mitsamt der Tempelmoschee

und der Al-Aksa-Moschee

zu überlassen. Das bedeutet, sollte

die zwei Staatenlösung umgesetzt

werden, dürfen Juden erneut nicht

mehr an ihrer heiligsten Stätte beten,

denn sie müsste Jordanien zurückgegeben

werden.

Bisher hat Israel die Zwei-Staaten-

Lösung kritisch betrachtet, nun haben

sich die USA dem angeschlossen

und betrachten sie ebenso kritisch,

wie es in ihrer Erklärung heißt.

Doch Russland hält an der Zwei-

Staaten-Lösung fest, wie es in der

Definition „West-Jerusalem“ zum Ausdruck

kommt. Daher hatte sich kei-

ner aufgeregt und alle Nationen waren

in ihrem gemeinsamen Konsens

zufrieden.

3. Heute ist jeder persönlich herausgefordert,

den Mund aufzumachen.

Jeder kann in seinem eigenen Rahmen

jede Form der Einseitigkeit zu

Lasten Israels mündlich oder schriftlich

deutlich machen. Ebenso öffentliche

Leserbriefe schreiben oder bei

unsachgemäßer Berichtserstattung

im Fernsehen dies den Redaktionen

mitteilen. Nur durch eine schweigende

Mehrheit kann sich das Gift des

Judenhasses durch eine Minderheit

verbreiten. Wehren wir uns!

70 Jahre Israel - Warum diese Zahl so

symbolisch ist

Br. Uwe Seppmann

Wenn wir die hebräische Bibel aufschlagen,

werden wir oft mit langen

Namenslisten und Zeitangaben konfrontiert.

Mancher Leser, der sich

vielleicht das erste Mal an einen biblischen

Text wagt, schlägt das Buch

resigniert zu.

Das gleiche erleben wir in den biblischen

Zeitspannen – da ist die “1”,

die “3”, die “40” und die “70” die uns

etwas verdeutlichen will.

Herzliche Einladung

zur Entdeckung!

Wozu dieser l a n g weilige Kram?

Geübte Bibelleser erkennen Zusammenhänge,

merken, dass es auf ein

Ziel hinausgeht – auf Gottes Zielpunkt.

Und dann kommt plötzlich für

sprachinteressierte noch ein weiterer

Aspekt hinzu: Die Namen haben Bedeutung,

sind Programm!

„Israel wird 70", Lea M. Dierks

47


Wann und wie mit Kindern in Deutschland

interkulturell zur Shoa arbeiten

Neue Möglichkeiten für Erziehende,

Eltern/Großeltern, Lehrkräfte an

Grundschulen, Kitas und in christlichen

und jüdischen Gemeinden

durch den Kinderfilm 'Chika, die

Hündin aus dem Ghetto!'

Die letzten Zeitzeugen sind heute

sehr betagt. Sie werden bald nicht

mehr unter uns sein. Wie können wir

mit Kindern und jungen Leuten an

den Holocaust erinnern, daraus lernen

und dabei authentisch bleiben?

Welche Relevanz hat die jüdische

Erfahrung in Europa heute noch für

uns? Vor 80 Jahren flüchteten hunderttausende

Juden aus Europa.

Wer nicht herauskam, wurde interniert

und ermordet. Das NS-

Terrorregime errichtete KZ-Lager im

Deutschen Reich und im besetzten

Ausland sowie Todeslager in Polen.

Zum Ende des Krieges waren die

deutschen und viele europäische

Städte zerstört. Hunderttausende

Deutsche waren auf der Flucht aus

dem Osten. Juden überlebten selten

und mussten auch nach 1945 vor

Pogromen (in Polen) fliehen. Als Heimat

der heimatlos gewordenen Diaspora

entstand 1948 der Staat Israel

im Nahen Osten. Nun kommen im

21. Jahrhundert aus den Brennpunkten

dieser Erde' weltweit Wandernde

nach Europa (oft islamisch geprägte

Flüchtende), besonders gern nach

Deutschland! Das löst Krisen aus!

Junge Menschen sind unsere Zukunft.

Wie wollen wir hier in Zukunft

miteinander umgehen (lernen)? Wir

alle entwickeln eine zukunftsorientierte

Gesellschaft als verantwortliche

Gestalter/Gestalterinnen!!

Im Seminar wird der kindgerechte

Film ‚Chika' (6-12 Jahre) zum Thema

Shoa/Ghetto vorgestellt und didaktisch

aufbereitet. Der Film ist ein Novum

und bietet immense Möglichkeiten

um a) mit herkunfts-deutschen

Kindern, b) mit Kindern mit Migrationshintergrund

und Flüchtlingskindern

und c) in präventiver Arbeit mit

muslimischen Kindern interkulturell

und integrativ zu arbeiten. Er bietet

zudem ein Identifikationsangebot für

muslimische Kinder, die selbst Verfolgung

erlebten und kann dabei helfen

diese jungen Menschen gegen

Judenfeindschaft fit zu machen!

Der Film gibt Kindern die Möglichkeit,

eigene Erfahrungen von

Verfolgung, Krieg, Verlust und Tod

von Angehörigen zu verarbeiten.

Das macht sie sicherer im Umgang

und hilft Vorurteile abzubauen.

PädagogInnen sind aufgerufen, ihre

Unterrichtserfahrung zur Umsetzung

des Konzepts einzubringen!

Chika, die Hündin aus dem

Ghetto

In der Geschichte geht es um Abschiede

und Trennungen, denen ein

Kind ausgesetzt ist. Durch die Beziehung

zwischen dem Jungen und

dem Tier gelingt den jungen ZuschauerInnen

die Identifikation auf

ganz persönlicher Ebene. Die Autorin

entwickelt die psychologisch sensiblen

Momente in der Erzählung

und vermittelt kindgerecht die Zusammenhänge

zur Judenverfolgung

und Shoa. Da Kinder in der Altersgruppe

6-12 Jahre noch nicht über

ein geschlossenes historisches Bewusstsein

verfügen, sind sie grundsätzlich

über die emotionale Identifikation

mit den Protagonisten bereit,

sich auf die ebenfalls für Erwachsene

schwierige und schwer zu

vermittelnde Thematik der

Shoa einzulassen.

„Wir müssen über uns hinausdenken!"

– der Film wurde aufgrund privater

Initiative des Referenten Frank

Scheerer – nach einer schweren Tumorerkrankung

– ins Leben gerufen.

Kontakte zwischen der Autorin aus

Israel und der Filmproduktionsfirma

aus Hamburg wurden etabliert. Der

Referent hatte wiederholt – mit Erfolg

– in Berlin bei Parteien und Stiftungen

dafür geworben, den Film

finanziell zu unterstützen. Mittlerweile

hat ‚Chika' Preise auf internationalen

Kurzfilmfestivals gewonnen. Die

Deutsche Film- und Medienbewertung

verlieh dem Film das Prädikat

‚Besonders wertvoll'!

Batsheva Dagan, Premiere

„Chika“/Wismar 05/2015

Die Filmproduktionsfirma Trikk17

aus HH-Eimsbüttel ist renommiert

und hat u.a. den Grimmepreis (Tomte

Tumetott) gewonnen. Trikk17 ist

auf Kinder- und Werbefilme mit Stop-

Motion-Technik (animated movies)

spezialisiert. Siehe auch das Official

You Tube Video zur Welturaufführung

im Filmbüro MV in Wismar vom

Mai 2015. Es ist die Filmförderung

Mecklenburg-Vorpommerns, dem

Bundesland, aus dem das Drehbuch

stammt. Die Autorin Batsheva Dagan

kam extra aus Israel dazu!

hier der link :

https://www.youtube.com/watch?v=4

PFfI6ayY5Y

48


Wo war Gott während des Holocausts

Luba Gohr, jüdisch-messianische Gemeinde, HH- “Adonai Zidkenu“

Wenn wir über Holocaust nachdenken,

müssen wir vorsichtig sein.

Viele widersprechen dabei sich

selbst, indem sie die Existenz des

Herrschers des Universums leugnen,

aber dennoch Ihm Vorwürfe

machen. Andererseits gibt es die

Versuchung zu behaupten, dass wir

alles verstehen und erklären können:

Juden haben gesündigt und Gott hat

sie bestraft. Wir müssen aber die

Worte des Propheten Jesaja

berücksichtigen „Denn meine

Gedanken sind nicht eure Gedanken“.

Wir können nie ganz verstehen,

was der Allmächtige macht und

warum, aber wir dürfen auch nicht

darauf verzichten, darüber

nachzudenken, denn die Torah

selbst gibt uns Schlüssel – nicht zum

Verständnis, wie der Schöpfer die

Welt regiert, aber zum Verständnis,

wie wir uns verhalten sollen. Unsere

Weisen sagen: Alles, was Gott tut,

dient zu unserem Besten. Wenn Er

uns bestraft, soll es der Widerherstellung

dienen – der Widerherstellung

unserer Seelen oder der

ganzen Welt.

Wenn die Prüfung als grausam

erscheint - wie groß wird erst die

Belohnung sein!

Die furchtbaren Ereignisse der

damaligen Zeit wurden Jahrtausende

vorher in der Torah prophezeit.

Auch Propheten sahen die Zukunft

ihres Volkes für viele Generationen

im Voraus, und die Katastrophe blieb

ihnen nicht verborgen. Gleichzeitig

mit der Katastrophe wurden in der

Bibel die Wege der Errettung und

der Vergeltung den Henkern prophezeit.

In unserer Arbeitsgruppe werden wir

uns mit Bibeltexten befassen und

ihren Auslegungen durch jüdische

Weise, die Jahrhunderte vor dem

Holocaust diese schlimmen Zeiten in

der Torah sehen konnten. Und die

ganz wichtige Frage, mit der wir uns

zum Schluss befassen werden, ist:

Was können wir tun, damit die

Katastrophe nicht noch mal passiert?

Was hat der Holocaust heute noch mit mir zu tun?

Aufarbeitung meiner Familiengeschichte, meine Fragen zur Seelsorge

Workshop von Hinrich und Elke Kaasmann

Christen – so lehrt die Erfahrung -

können innerhalb ihrer Familiengeschichte

mit immer wiederkehrenden

Tragödien oder Krankheitsmustern zu

kämpfen haben, obwohl sie bereits für

persönliche Schuld Buße getan und

Vergebung empfangen haben.

Bei der Mitarbeit im Team von

Christoph und Utta Häselbarth und

bei Seminaren mit John und Paula

Sandford haben wir überwältigend

erlebt, wie solche Christen Heilung

empfingen und frei wurden. John

Sandford schreibt: „Wir und andere

Seelsorger in Christus haben

herausgefunden, dass oft Vernichtung

im Leben von Menschen wütet,

obgleich sie durch nichts in ihnen

mehr ausgelöst wird. Dann erkennen

wir, dass Sünde der Vorfahren der

Grund dafür sein kann.“

Christoph Häselbarth sagt, dass die

Ursache für ein Problem, das nicht

durch „normale“ Seelsorge gelöst

werden kann, oft in der Schuld der

Vorfahren liegt. Christoph spricht

dann von „nicht bereinigten Sünden

und Flüchen der Vorfahren“. Oftmals

geschehen Krankenheilungen erst,

wenn Sünden der Vorfahren detailliert

vor GOTT und Zeugen bekannt

worden sind.

Christoph berichtet von einem Mann,

der an sehr starken Schmerzen in

seiner rechten Schulter litt. Nachdem

er die Schuld seines Vaters in der

Nazizeit und dessen „Heil-Hitler-

Arm“ bekannt und um Vergebung

gebeten hatte, gebot Christoph dem

Nazigeist, den Bruder zu verlassen.

Nach dem Befreiungsgebet hatte er

keine Schmerzen mehr.

Wenn Vorfahren Sünden begangen

und diese nicht vor Gott bereinigt

haben, erhält die Sünde einen

Raum, in dem sie sich sowohl auf

die gegenwärtige Generation als

auch auf zukünftige Generationen

auswirken kann. Besonders gravierend

bei uns Deutschen ist geistliche

Belastung dort, wo Eltern, Großeltern

oder Urgroßeltern durch den

Nationalsozialismus schuldig

geworden sind (oder z.B. in Okkultismus

verstrickt waren). Bindungen

durch noch nicht bekannte Eidesformeln

der Väter, die im 3.Reich ja auf

Hitler persönlich abgelegt wurden,

können Jesus bekannt und dann

gelöst werden.

Häselbarths und Sanfords warnen

aber davor, voreilige Schlüsse zu

ziehen, da sich nicht jede Krankheit

auf Sünden der Vorfahren zurückführen

lässt.

49


Übertragung kann geschehen durch

genetische Vererbung und durch das

Gesetz von Saat und Ernte. Auch die

Vorbildfunktion der Eltern kann die

Folgegeneration negativ prägen.

Christoph Häselbarth sagt, Saat und

Ernte seien ein göttliches Gesetz,

dass sich wie das Gesetz der

Schwerkraft erfüllt. So bringt der

Samen der Sünde vielfältige,

negative Frucht. Unser heutiges

Verhalten kann somit die Ernte

früherer Saat sein. Oft liegt ein

längerer Zeitraum zwischen Saat

und Ernte. So ernten wir heute das,

was unsere Eltern, Großeltern und

Urgroßeltern gesät haben (positiv

und negativ)!

2. Mose 20, 5–7: „ICH, der Herr, dein

Gott, bin ein eifersüchtiger Gott, der

die Schuld der Väter heimsucht an

den Kindern, an der dritten und

vierten Generation von denen, die

mich hassen, der aber Gnade

erweist an tausenden von Generationen

von denen, die mich lieben und

meine Gebote halten.“ Auch Jesus

beschreibt dies im Gleichnis vom

Sämann (Mk 4,1-20).

Um die Folgewirkung vergangener

Sünden zu beseitigen, gibt es die

Möglichkeit eines Bußbekenntnisses

(Daniel 9,8.15, Esra 9,7 und Nehemia

9,2.)

Vor Gott trägt jeder Sünder seine

Schuld allein (Hes18, 20). Die

Nachkommen sind zwar nicht

schuldig (5. Mo 24,16), tragen aber

die Auswirkungen von vergangenen

Sünden. Wie können wir als Nachfahren

davon gelöst werden?

- Indem wir uns unter die begangenen

Sünden stellen,

- sie vor GOTT bekennen,

- um Vergebung bitten, indem wir

uns mit der Schuld der Vorfahren

identifizieren:

„Ich bin nicht besser als meine Väter

– w i r haben gesündigt.“ (siehe

Daniel 9,8.15, Esra 9,7 und Nehemia

9,2.)

Dadurch wird derjenige, der diese

Schuld begangen hat, nicht frei, aber

m e i n e Bindung daran wird gelöst.

Meist reicht etwas Familienforschung

aus, um wichtige „Altlasten“

zu erkennen und dann im Gebet ans

Kreuz JESU zu bringen. Wir bekennen

GOTT diese Sünden und bitten

um Vergebung.

Der Seelsorger spricht dann die

Vergebung nach 1. Joh 1,9 zu:

„Wenn wir unsere Sünden bekennen,

ist ER treu und gerecht, dass

ER uns die Sünden vergibt, und

ER uns reinigt von jeder Ungerechtigkeit.“

Nach empfangener

Vergebung spricht der Seelsorger

den Segen zu, Joh 8,36:

Wenn euch nun der Sohn frei

macht, so seid ihr wirklich frei.

Weiterführende Literatur

Prince, Derek, Segen oder Fluch:

Sie haben die Wahl;

Verlag: Gottfried Bernard,. ISBN 10:

3925968350, 10. Auflage, 12.2003

Häselbarth, Christoph, Befreiung

von Vorfahrenschuld und Wachstum

im Glauben;

Verlag Gottfried Bernard; ISBN: 978-

3-925968-83-9; 4. Auflage, 10.2010

Sandford, John u. Paula, Heilung

für den verwundeten Geist;

Asaph Verlag; ISBN: 978-3-940188-

26-7 ; 1. Auflage 11.2010

Zur Person:

Hinrich (68) und Elke (65) Kaasmann

sind 1993 von Gott in den

Dienst an den Juden gerufen

worden. Als Ehepaar leben sie

Versöhnung vor dem Hintergrund

der eigenen Familienbiographie

sowohl als Leitung des deutschen

„Ebenezer Hilfsfonds Deutschland

e.V.“ und mehrerer Fürbittegruppen,

sowie Hinrich als Vorstandsmitglied

der „Freunde Yad Vashem in

Deutschland e.V.“ Hinrichs Vater war

Artillerieoffizier. Versöhnung zu den

Völkern, die im Zweiten Weltkrieg

von Deutschen angegriffen wurden,

hat GOTT Hinrich aufs Herz gelegt.

Elke und Hinrich sind seit 1994

Mitglieder in der

Christengemeinde Arche Alstertal in

Hamburg.

50


Arbeit der christlichen Israelfreunde

Beispiele aus unseren Tätigkeitsbereichen

Gruppenreise nach Israel

Um ein Verständnis vom heutigen

Israel zu vermitteln, sind uns Kontakte

und Beziehungen zu Israelis

wichtig.

Dazu dienen zum einen unsere Israel

Gruppenreisen, die Begegnungen

mit Israelis als einen wesentlichen

Schwerpunkt haben.

So findet im Mai 2018 zum 70. Jahrestag

der Gründung des Staates

Israel erneut eine Reise

statt. Auch beim

aktuellen Reiseprogramm

hatten wir vor

einen Besuch beim

orthodoxen Rabbiner

Yehuda Bohrer in Bet -

El zu unternehmen.

Denn er ist Überlebender

des Holocausts,

Mitgründer einer neuen

kleinen Stadt an

historischer biblischer

Stätte in Samaria, die

in Europa als friedenshindernde

"Siedlung"

tituliert und stigmatisiert

wird. Jedoch Dr.

Bohrer verstarb am

13.1.18.

Sein Buch „Spuren

des Höchsten in seinem

Land“ zu biblischen

Orten mit hochinteressanten

Lehrimpulsen

aus der jüdischen Glaubenswelt,

haben wir vor einigen Jahren

übersetzt und in Kooperation mit den

sächsischen Israelfreunden für den

deutschen Sprachraum verlegt.

Dr. Yehuda Bohrer wurde in eine alte jüdische Familie in Gailingen am

Oberrhein geboren. Sein Vater war Dr. Mordecai Bohrer, der im KZ Dachau

umkam, während seine Familie 1940 noch nach Palästina entkommen

konnte. Er selbst wuchs in Tel Aviv auf und studierte in Jerusalem an der

Hebräischen Universität mit Abschluss Staatsexamen. Nach seinem

Militärdienst erhielt er ein Stipendium an der Jeschiva University in New

York und schloss dort seine Studien mit seiner Ordination als Rabbiner und

einem Doktorat in Geschichte ab. Dort lernte er seine Frau kennen, mit der

er 1971 nach Israel immigrierte. Während der nächsten 20 Jahre war er

Dozent an der Hebräischen Universität in Tel Aviv für Jüdische Geschichte

und Israel Studien. 1977 engagierte sich das Ehepaar bei der Neubesiedlung

der Stadt Bet-EI und der Errichtung von Schulen, deren Begründer sie

wurden. Gegenwärtig bekleidet Rabbi Bohrer das Amt des Bildungsleiters in

Bet - EI. Rabbiner Dr. Yehuda Bohrer verstarb am Schabat, 13.1.18. Wir

sind dankbar ihn kennen gelernt zu haben - ein Versöhner und uns ein

Freund.

51


Unsere Aktion zur BDS Kampagne „Boycott – Divestment - Sanctions“

Was ist darunter zu verstehen?

Dazu Rabbi J. Sacks:

„Menschenrechte als Deckmantel für Antisemitismus"

Mehr als 40.000 Klicks in einer Woche erhält der Rabbiner Jonathan

Sacks mit seinem jüngsten Comic-Video. In dem Video-Clip bezieht er

Stellung zur BDS-Kampagne. Kernaussage: Der Boykott ist falsch und

gefährlich.

Dazu mehr; siehe:

https://www.israelnetz.com/gesellschaftkultur/gesellschaft/2017/03/24/menschenrechte-als-deckmantel-fuerantisemitismus/

So entstand auf unseren Reisen

auch der Kontakt zu Father Gabriel

Naddaf, griech.- orthodoxer Priester

in Nazareth. Der sich dann vertiefte,

da wir seine Ausführungen "Prüft

die Geister: ein christlicher Leitfaden

zu den anti-israelischen Boykott-

Bewegung (BDS )" für den

deutschen Sprachraum herausgegeben

haben.

In dieser Schrift macht Gabriel Naddaf

deutlich, dass er arabische, bzw.

genauer, junge aramäische Christen,

ermutigt, Wehrdienst in der israel.

Jüdisches Grindelviertel

Armee (IDF) abzuleisten. Da aus

seiner Sicht der Staat Israel unterstützt

werden muss, da er ihnen Religionsfreiheit

und komfortables Leben

ermöglicht.

In jedem Nachbarstaat wäre ihr Leben

bedroht.

Fazit vieler Reiseteilnehmer ist immer

wieder, dass sie Israel aus diesem

Blickwinkel zuvor noch nicht

kennen gelernt haben.

Ein weiterer Schwerpunkt unserer

Arbeit ist die Aufarbeitung

unserer belasteten

deutsch- jüdischen, bzw.

christlich - jüdischen Geschichte.

Der einwöchige

Marsch des Lebens

2015 von HH nach

Kiel (S. 54) war dabei

eine besondere

Form des Gedenkens

und Ehrens der Opfer,

bzw. ihrer Nachkommen.

Er sollte aber auch ein

deutliches Zeichen gegen

Antisemitismus und Anti-

Israelismus setzen. Da es

auch eine spezielle christlich

- theologische Lehrvariante

„Anti- Judaismus“

gibt, laden wir zu diesem

Thema gerne Referenten

ein. So z. B. im April 2017 Prof. K.

Wengst zum „500 Jahre - Reformationsjubiläum“,

um auch da die dunkle

Seite zu beleuchten. Weiterhin

haben wir im letzten Jahr mit einer

Reihe von verschiedenen "Führungen

zum jüdischen Hamburg" begonnen.

• „jüdisches Grindelviertel“

• „jüdischer Friedhof Altona in der

Königstraße“

Jüdischer Friedhof , Altona in der Königstraße

• „Auswanderung und Deportation“

wird im Frühjahr 2018, voraussichtlich

am 28. April stattfinden,

(bei Interesse bitte melden.)

Der Flyer unserer Netzwerkarbeit

der Israelfreunde Norddeutschlands

liegt aus. Wer Interesse am „Freundeskreis

der christlichen Israelfreunde“

hat, möge sich melden.

52


Wo sind wir mit unserem Anliegen präsent?

Einige Beispiele unserer Spendenprojekte:

• Unsere homepage:

www.cindev.de

• unser account auf facebook:

unter „Michael Dierks“

• unser YouTube Kanal für Audio-

Vorträge: „Zions Freund“

• 14 tägige aktuelle Israelinfos:

Anmeldung für Verteiler des

„Zions Freund“

• großer Verteiler für Veranstaltungstermine

zu Israel, bzw. Versöhnungsarbeit

zwischen Christen u. Juden

Ÿ

Ÿ

Gemeinde Israelkreis (GIK)

übergemeindlicher Israelgebetskreis

• Unterstützung „bedürftiger

äthiop. Juden“ über Pastor Birlie

Belay (Brille), der verschiedene

messianisch-jüdische, äthiopische

Gemeinden in Israel leitet. Für

Juden, die in Gondar darauf warten,

Aliya zu machen.

• Versöhnungsarbeit von „Christa

Behr“, Jerusalem

• die besondere Lehr-Arbeit von

„Johannes Gerloff“ Jerusalem

• verschiedene „messianischjüdische

Gemeinden in Israel“

Ÿ

Die Auslegung des Markusevangeliums

in deutscher Sprache v.

„Rabbi A. Blend“ verlegen.

• „Holocaustüberlebende“

• die „Arbeit des Vereins“ unter

stützen.

Bei Überweisungen bitte den

jeweiligen Spendenzweck mit

angeben. Kontodaten, siehe

Impressum, S. 58

Messianisches Leben und Lernen Hamburg e.V.

Jüdische Auswanderung

via Hamburg in die weite Welt (1840er - 1930er) + die Shoa

Führung mit Frank Scheerer, Publizist + Museumspädagoge (ca. 3 Std.)

Samstag, 28. April 2018 / 5778 ab 14 h

Treffpunkt: Lohseplatz, ehemals Hannoverscher Bhf.

(Nähe U-Hafencity Universität/U+S HH Hauptbahnhof)

dann ab Alter Elbtunnel - linke Seite (nähe Touristeninfo)

bis hinauf zum Großneumarkt

Wir zeigen die Zusammenhänge zwischen Auswanderung und Shoa am historischen

Orten in Hamburg auf und freuen uns aufs Wiedersehen - Lehitraoth

53


Marsch des Lebens

Was war unser Anliegen, den Marsch des Lebens im April 2015 zu organisieren

und uns ein Jahr später an der Gedenkveranstaltung zu beteiligen?

Eine persönliche Stellungnahme

Weaver, Kulturphilosoph des 20.

Jhd.: "Das Problem mit der Menschheit

ist, dass sie vergisst, sich über

die vorangegangenen Geschehnisse

zu informieren."

Und der Philosoph George Santanya

stellt fest: "Wer sich nicht an die Vergangenheit

erinnern kann, ist dazu

verdammt, sie zu wiederholen."

Wir waren eine Gruppe von Christen

unterschiedlicher Konfessionen aus

Hamburg und Schleswig -Holstein,

die den Versöhnungsmarsch 70 Jahre,

nachdem der historische Todes-

Beim Marsch des Lebens, Hamburg- Norderstedt

marsch stattfand, durchführten. Warum

haben wir das gemacht, in einer

Zeit, wo doch der Ruf immer lauter

wird, das reicht doch endlich, wir haben

doch heute wahrlich genug massive,

aktuellere Probleme.

Aber andererseits: Was sind 70

Jahre bei einer so weitreichenden

Tragödie mit geplantem

Völkermord, in der "unser" historischer

Marsch nur einen Mosaikstein

ausmachte?

In der Bibel wird von einem

Mann namens Daniel geschrieben,

dessen Haltung für uns

bei der Vorbereitung dieses

Marsches von besonderer Bedeutung

war. Er identifiziert

sich mit der Schuld seines Volkes

und tritt vor Seinem Gott

für ein Geschehen ein, dass

ungefähr 70 Jahre zuvor stattgefunden

hatte. Er beginnt

sein Gebet mit den Worten :

"Wir haben gesündigt ..." Er

stellt sich also bewußt mit unter

die Schuld seiner Vorfahren.

Zweitens, aus philosophischer

Sicht, z.B. Ein Wort v. Richard

Drittens der historische Blick: In einer

Dokumentation der Gedenkstätte

Neuengamme heißt es über „Kola-Fu",

eines der KZ-Außenlager, wo

die Gefangenen mit dem Marsch

starteten: "Insgesamt kamen in den

Fuhlsbütteler Haftstätten zwischen

1933 und 1945 annähernd 500 Frauen

und Männer ums Leben." Und

weiter heißt es: "Das am 4. September

1933 eröffnete „Kola-Fu" genannte

KZ Fuhlsbüttel, wurde innerhalb

kürzester Zeit zu einer der berüchtigsten

Terrorstätten im nationalsozialistischen

Deutschland."

Viertens der persönliche Zugang eines

jeden von uns, die familiäre Verflechtung.

Im folgenden 2 persönliche

Beispiele aus meiner Familie:

Mein Großvater war Berufssoldat

und führte schon Agenten zur

Kaiserzeit, im 1. Weltkrieg. Später

war er unter Hitler in Hamburg, als

Major, bzw. Hauptmann im militärischen

Geheimdienst, der sogenannten

"Abwehr" stationiert. In meiner

Familie wurde über seine Tätigkeit

geschwiegen. Er stand wie alle

Wehrmachtsangehörigen unter Eid:

„Ich schwöre bei Gott diesen heiligen

Eid, dass ich dem Führer des Deutschen

Reiches und Volkes, Adolf Hitler,

dem Obersten Befehlshaber der

Wehrmacht, unbedingten Gehorsam

leisten und als tapferer Soldat bereit

sein will, jederzeit für diesen Eid

mein Leben einzusetzen." –

Fassung des Eides vom 20. Juli 1935 (WIKI-

PEDIA)

54


Meine Mutter war im "Bund deutscher

Mädchen" (BdM) und legte

später als Lehrerin, wie alle Beamten,

einen Eid auf Hitler ab: „Ein im

deutschen Volk wurzelndes, von nationalsozialistischer

Weltanschauung

durchdrungenes Berufsbeamtentum,

das dem Führer des Deutschen

Reichs und Volkes, Adolf Hitler, in

Treue verbunden ist, bildet einen

Grundpfeiler des nationalsozialistischen

Staates. Daher hat die

Reichsregierung das folgende Gesetz

beschlossen, das hiermit verkündet

wird:

Die besondere Verbundenheit mit

Führer und Reich bekräftigt der Beamte

mit folgendem Eide, den er bei

Antritt seines ersten Dienstes

zu leisten hat:

‚Ich schwöre: Ich werde dem Führer

des Deutschen Reiches und Volkes,

Adolf Hitler, treu und gehorsam sein,

die Gesetze beachten und meine

Amtspflichten gewissenhaft erfüllen,

so wahr mir Gott helfe.'

Das Deutsche Beamtengesetz vom

26. Januar 1937 (Wikipedia) (nur

wenige Deutsche verweigerten diesen

"Eid auf den Führer").“

Wieviel Leid und Not ging von unserem

Volk aus in die gesamte Welt

und besonders gegen das jüdische

Volk?!

Dieses hat mich in meiner meiner

Identitätssuche als junger Mensch

sehr belastet.

Wie sollte ich mit dieser Bürde umgehen?

Zwei Juden sind mir dabei besonders

hilfreich gewesen. Der eine lebte

vor 2000 Jahren, IHN kennenzulernen,

verschaffte mir Zugang zum

Gott Israels.

Und dann war für meinen Weg eine

französische Jüdin wichtig, in deren

norddeutscher Gemeinschaft ich

nach meinem Sozialpädagogik-

Studium drei prägende Jahre mitlebte.

Sie war eine Holocaustüberlebende.

Als Kind hat sie Mengeles

medizinisches Folterprogramm

durchlitten. Sie lehrte die jüdische

Bibel.

Sie lebte Versöhnung.

Wir verstanden den Marsch 2015,

und auch das Gedenken in diesem

Jahr, als ein deutliches Zeichen gegen

den modernen Antisemitismus

und Fremdenhass in unseren Tagen

und der Solidarität mit dem heutigen

Staat Israel, dem wir uns als christliche.

Israelfreunde besonders verbunden

fühlen.

Michael Dierks

55


Die sächsischen Israelfreunde sind unserer älterer „großer Bruder“ in ihrem Einsatz für Israel. Für uns motivierendes

Vorbild! Insbesondere ihr Arbeitszweig der praktischen ehrenamtlichen Handwerkerdienst - Reisen für

Holocaustüberlebende. Ein Norddeutscher Israelfreund berichtet von seiner Teilnahme

Helfen & Heilen

Meine beiden Einsätze in 2017 mit

dem Handwerkerdienst „Hände zum

Leben“ von den Sächsischen

Israelfreunden (SIF) waren ein

echtes Erlebnis. Nachdem ich schon

Gruppen-, Info- und Privatreisen in

Israel erlebt habe, war diese Form

eine echte Ergänzung, die Israelis im

persönlichen Umfeld zu erleben. Es

geht bei diesem Dienst nicht nur

darum, die zum Teil stark renovierungsbedürftigen

Wohnungen bzw.

Häuser der Holocaustüberlebenden

zu verschönern, sondern sich Zeit

für die Bewohner zu nehmen und zu

versuchen, durch geduldiges

Zuhören und Gespräch verwundete

Herzen zu heilen.

Allein die Zusammensetzung der

Gruppe u. Arbeitsteams bedeutet für

die Verantwortlichen in Sachsen eine

Menge Weisheit und Gebet, ihnen

gilt meine Bewunderung. Da die

optimale Besetzung einer Gruppe

mit ausgebildeten Elektrikern,

Klempnern, Maurern etc. offensichtlich

nicht immer erreicht werden

kann, sind auch handwerklich

vorbelastete Heimwerker wie ich auf

den Reisen zu finden. Die Einsatzdauer

beträgt im Schnitt 2 Wochen,

Start und Ende jeweils am Wochenende.

Bei meinen Reisen im Jahr

2017 hat sich der größte Teil der

Gruppe, die aus 19 Personen

bestand, in Berlin getroffen. Eine

individuelle Anreise ist zwar möglich,

man sollte dann aber auch eigenständig

das Quartier in Givat Ye'arim

(ca. 17 km vor Jerusalem) erreichen.

Nach einem gemeinsamen Auftakt

und Kennenlernen in Givat Ye'arim,

bleibt ca. die Hälfte der Gruppe dort

und jeweils 4 Personen fahren dann

mit PKWs in Standorte im Norden

und Süden Israels.

Einsatzort & Baustellen

In unserem Standort in Maor wurden

die einzelnen Baustellen sehr gut

von dem ortsansässigen Koordinator

Henoch vorbereitet. Die Arbeiten auf

den geplanten Baustellen hatte er für

uns in einer Arbeitsmappe aufgelistet.

Unser Tag begann mit gemeinsamen

Singen und Austausch über den

Römertext 9 -11, anschließend

konnten wir das gemeinsam zubereitete

Frühstück draußen vor dem

Haus genießen.

Am ersten Einsatztag in Maor haben

wir den eigenen Garten auf „Vordermann“

gebracht, bereits gepflanzte

Bäume neu befestigt, drei neue

Bäume gepflanzt, Wasserleitungen

für die neuen Bäume verlegt etc.

Am zweiten Tag fuhr Henoch mit uns

in das Haus einer alten Dame Alisia,

die gehbehindert in einem Rollstuhl

saß und stundenweise eine Pflegerin

brauchte. Nachdem sie uns über ihre

Herkunft von Gadaffi erzählte, war

zu entnehmen, das Libyen ihre

frühere Heimat war. Ein Unfall führte

zur Gehbehinderung und auch zu

einem verkrüppelten Unterarm.

Ihr Haus bestand im wesentlichen

aus einem großen Zimmer, zu dem

Küche, Wohnzimmer und Schlafecke

gehörten. Der Gesamteindruck des

Hauses war trotz der vielen Familienbilder

und einem permanent

laufenden Fernseher eher armselig.

Hier verspachtelten u. malten wir an

den nächsten Tagen die Wände u.

Decken, erneuerten zum Teil

Lampen, Schalter und Steckdosen.

Vom Bad aus ging nur eine kleine

Maueröffnung in einen Abstellraum,

hier wurde in unserem Auftrag ein

passendes Fenster eingesetzt um

evtl. auch die in der Küche befindliche

Mausefalle eines Tages einzusparen.

Verpflegung & Selbstversorgung

Das gute und umfangreiche Mittagessen

wurde uns in einem Begegnungszentrum

angeboten, zu dem

Henoch durch die verschiedenen

Arbeiten gute Kontakte aufgebaut

hat. Für Frühstück (am Freitagmor-

gen für die gesamte Gruppe) und für

das Abendessen kauften wir dann

noch gemeinsam in einem Supermarkt

ein. Wichtig waren dem

Kassenwart, für alle Ausgaben wie

Lebensmittel, Baumaterialien,

Benzin etc. die Belege zu haben und

möglichst das Budget einzuhalten!

Wochenendtouren

Am Freitag und Samstag traf sich

die Gruppe dann zu Ausflügen. Die

Novembergruppe besuchte am

ersten Freitag das Atlit Detention

Camp (Museum) wo nach 1945

sogenannte „illegal eingewanderte“

Juden von den Engländern untergebracht

wurden. Anschließend fand

ein Picknick am Rande des Carmels

statt, hier wurden die morgens

zusammengestellten Speisen bei

herrlichstem Novemberwetter

verspeist. Danach ging es zum

Baden ans Mittelmeer bzw. Einige

wanderten auf dem Israel Trail ins

Künstlerdorf „En Hod“. Zum umfangreichen

Shabatessen trafen wir uns

dann abends alle in der JH „Karei

Deshe“ am See Genezareth.

Nach dem Essen gab es eine erste

Austauschrunde, in der jeder über

seine Eindrücke und Erlebnisse der

ersten Arbeitswoche berichten

konnte. Am Samstag wanderten wir

auf dem Golan zu dem Meshushim

Hexagonpool, mit der Option, dort

ein erfrischendes Bad zu genießen,

was auch bei rund 30° Lufttemperatur

eine Wohltat war.

Zum Mittagessen ging es nach

Magdala, wo die Gruppe sich mit

Pitabrot, Falafel und frischen Salaten

stärken konnte. Bevor sich die

Gruppen wieder in die drei Standorte

verabschiedeten, gab es noch einen

Besuch im Hofladen „Tamar“ vom

Kibbuz Kinneret, wo jeder die

Gelegenheit hatte, Produkte aus der

Region einzukaufen.

Arbeit ohne Ende und Begegnungen

Unsere zweite Arbeitswoche begann

am Sonntag mit einem Tageseinsatz

56


auf dem landwirtschaftlichen

Gelände des Kibbuz Beth El in

Binyamina. Hier waren bereits

zugesägte Hölzer zu lasieren, die im

nächsten Frühjahr auf dem Gelände

einer psychiatrischen Einrichtung

gebraucht werden. Am Montagvormittag

lud uns Henoch ins Cafe

Europa ein, ein Treffpunkt auch von

Holocaustüberlebenden, wo bei

Kaffee & Kuchen ein fröhlicher

Austausch möglich ist.

Hier kamen wir mit der 87-jährigen

Holocaustüberlebenden Frau

Hamburger ins Gespräch, die uns in

eindrücklicher Weise kurz ihre

Lebensgeschichte erzählte. Bei

dieser Gelegenheit zeigte sie uns die

eintätowierte Nr. aus dem KZ

Auschwitz auf ihrem Unterarm, was

uns alle besonders berührte. Auf die

Frage aus unserer Gruppe, wie es

zu verstehen ist, dass wir Deutsche,

trotz dieses schweren Verbrechens

an den Juden in Israel, überwiegend

freundlich aufgenommen werden,

sagte sie:

Sie könne nur für sich sprechen, sie

habe sich entschieden, diese

Vergangenheit hinter sich zu lassen

um nicht zu verbittern, sondern

positiv in die Zukunft zu schauen.

Dieses strahlte sie auch mit ihrem

ganzen Wesen aus. Im Anschluss

versuchten wir noch die Arbeiten auf

der ersten Baustelle, so weit es in

unseren Möglichkeiten lag, abzuschließen.

Zum Abschied erhielten

wir von Alisia Pflanzen aus ihrem

Vorgarten, die wir als Geschenk mit

nach Deutschland nahmen.

Zu zweit ging es dann noch in eine

Wohnung, in der ein alter kranker

Mann und seine Betreuerin lebten,

hier waren ebenfalls Spachtel- u.

Malerarbeiten gefragt. Bei den

Versuchen, mit Arie mit Hebräisch

oder Englisch ins Gespräch zu

kommen, sprach er plötzlich zu

unserer Überraschung kurze

deutsche Sätze, sein Geburtsort liegt

in Ungarn.

Am zweiten Wochenende besuchten

wir als Gesamtgruppe Jerusalem

und am Samstag in Arad die Ausstellung

„The fountain of tears“ ,

anschließend ging es nach „En

Bokek“ ans Tote Meer.

Aussichten für 2018

Im Jahr 2018 plant der Handwerkerdienst

„Hände zum Leben“ sieben

Einsätze, der erste Einsatz startet im

Februar 2018, der letzte im November.

Da diese Reisen offensichtlich

auch Wiederholungstäter produzieren,

sollte man/frau sich schnell um

einen der begehrten Plätze bewerben.

Die notwendigen Unterlagen

sowie die genauen Reisetermine

und weitere Infos sind unter folgender

homepage zu finden: www.zumleben.de/reisen/handwerkerdienst

Ein überzeugter Teilnehmer:

Klaus Arle

„Helden des Alltags“

Eine Ausstellung, um israelische Sicherheits- und Rettungskräfte zu ehren

„TPS organisiert eine neue Ausstellung,

"Helden des Alltags", die 20

unserer besten Fotos von Soldaten,

Polizisten, Feuerwehrleuten und

anderen Kräften zur Verteidigung

Israels zeigt. Die Ausstellung ehrt die

Menschen, die ihr Leben für die

Sicherheit von uns allen riskieren.“

Ausstellungseröffnung ist bei dem

7. Freundestreffen der Israelfreunde

Norddeutschlands, am 27.01.18 in

www.cindev.de

Hamburg- Poppenbüttel.

Wir möchten diese

Ausstellung gerne

durch Norddeutschland

touren lassen.

Gemeinden und

Werke, die Interesse

haben, diese in

ihren Räumen

auszustellen,

mögen sich bei uns

melden. Christliche

Israelfreunde

Norddeutschland,

HH e.V.

Wer hat die Ausstellung erstellt:

TPS Nachrichtenagentur -

www.tpsnews.co.il

Tazpit Press Service (TPS) ist eine

internationale israelische Nachrichtenagentur,

die internationalen

Medien (USA, Europa, Südamerika

und viele andere) aktuelle, genaue

und verlässliche Nachrichteninformationen

über Israel und den Nahen

Osten liefert. Die Agentur berichtet

über eine breite Palette von Themen:

Wirtschaft, Sicherheit, Politik,

Technologie, wissenschaftliche

Entwicklungen, Landwirtschaft,

menschliche Geschichten und mehr.

Die Mission von TPS besteht darin,

als führende Quelle kritischer

Informationen über israelische

Angelegenheiten zu dienen. Sie will

dabei alle Aspekte der Sicherheit,

Politik, Gesellschaft, Technologie,

Wirtschaft und Kultur Israels abdecken.

Nach eigenem Selbstverständnis

sieht sie ihren besonderen

Auftrag darin, dass sie alle Seiten

der Geschichte versucht zu erzählen

und dazu Bilder liefert, die üblicherweise

sonst nicht gezeigt würden,

und vervollständigt somit die

Wahrnehmungs-Möglichkeiten der

aktuellen Geschehnisse in Israel.

57


Als christliche Israelfreunde Norddeutschlands stehen wir in unserem Engagement an der Seite Israels. Eingebunden in ein weltweites

christliches denominationsübergreifendes Netzwerk möchten wir in unsere Kirchen, Werke und Gemeinden hineinwirken.

Impulse

"Christians for Israel International", die weltweite Dachorganisation von „Christen an der Seite Israels“ in Deutschland, Österreich und der

Schweiz, veröffentlichte folgende Impulse. In der Einführung heißt es dazu:

Es gibt 12 Stämme Israels. 12

Apostel wurden in die Welt gesandt,

um das Evangelium vom Königreich

Gottes zu verkündigen. In 12 Artikeln

bekennt die Kirche aller Zeiten ihren

Glauben. Dankbar nehmen wir

Christen diese Worte an, als eine

Zusammenfassung des Schriftzeugnisses

von unserer Erlösung. Jedoch

bezeugt die Schrift noch mehr. Das

klassische Bekenntnis spricht kaum

über die Heilsgeschichte. Wir

können sie nur vermuten hinter dem

Bekenntnis von Gott dem Vater als

Schöpfer und Jesus Christus als

Herrn, der zum Gericht kommen

wird. Die Erwählung Israels, Gottes

Bündnisse mit Israel, das Königreich

Christi auf dem Throne Davids, die

Wiederherstellung Israels und so der

ganzen Schöpfung sind nicht im Bild.

Die klassischen Worte des Bekenntnisses

brauchen Vervollständigung.

Die 12 Artikel ersetzen nicht irgendein

Bekenntnis, sondern sollen ein

Impuls sein, weiter über die biblische

Botschaft von Israel und dem

Königreich Gottes nachzudenken:

1. Wir glauben, dass Israel von Gott

geschaffen und erwählt wurde zum

Segen für die Nationen.

2. Wir glauben, dass die Kirche und

die Nationen Israel segnen sollten.

3. Wir glauben, dass die Kirche

Israel nicht ersetzt hat.

Durch den

Glauben an Jesus sind wir ebenfalls

"Kinder Abrahams" geworden, des

Vaters aller, die glauben.

4. Wir glauben, dass alle Bundesschlüsse

seit Abraham mit Israel

geschlossen wurden.

5. Wir glauben, dass es ein Geheimnis

ist um die Verhärtung eines

Teiles von Israel um unseretwillen,

dass aber auch eine Blindheit

seitens der Kirche gegenüber Israel

vorliegt und eine Decke über den

Nationen hinsichtlich Israel.

6. Wir glauben, dass der HERR treu

zu allen Bundesschlüssen mit Israel

steht, ebenso wie zu allen Seinen

Verheißungen,

die ER der Kirche

gab.

7. Wir glauben, dass die Kirche

Buße tun sollte angesichts des

Antisemitismus über die Jahrhunderte

hinweg und wahre Reue in Wort

und Tat in der Solidarität gegenüber

Israel und dem jüdischen Volk

zeigen und ihre Ersatztheologie und

Erfüllungstheologie ändern sollte.

8. Wir glauben, dass die Wiederherstellung

des jüdischen Volkes im

Verheißenen Land Israel den Beginn

der endgültigen Erlösung darstellt.

Wir glauben, dass die Nationen eine

Verantwortung dafür tragen, bei der

Rückkehr der Juden zu helfen.

9. Wir glauben, dass die Stadt

Jerusalem der Ort ist, an dem der

HERR wieder Seinen Heiligen

Namen wohnen lassen will.

10. Wir glauben, dass der Messias

eines Tages kommen wird, um Sein

weltumspannendes Königreich zu

errichten.

Dann werden die Gerechten

aus den Gräbern leiblich auferstehen

und mit Christus in Seinem

Königreich auf Erden regieren.

Daher beten wir für den Frieden von

Jerusalem.

11. Wir glauben, dass der Menschensohn

über die gottlosen

Nationen Gericht halten wird, wenn

Sein Reich kommt, und Er sie fragen

wird, wie sie mit Israel und dem

jüdischen Volk umgegangen sind.

12. Wir glauben, dass am Ende und

endgültig die Erneuerung aller Dinge

geschehen wird. Die Schöpfung wird

von der Knechtschaft der Vergänglichkeit

befreit und zur herrlichen

Freiheit der Kinder Gottes geführt.

Dann wird Gott alles in allem sein.

-

entn.: Israelaktuell.de, Nr. 103,

Dez. 2017 - Jan. 2018

Impressum

Herausgeber und Bezugsadresse

Christliche Israelfreunde Norddeutschland,

HH e.V.

Ohlendiekskamp 84 – 22399 Hamburg,

Tel. 040 – 6027843

E-Mail: M.Dierks@israelfreunde.de;

www.cindev.de

Vorstand gem. § 26 BGB

Michael Dierks (Vorsitzender),

Ulrike Dierks (stellv. Vorsitzende),

Rüdiger Brakebusch (Schatzmeister).

Alexander Suckert (Schriftführer)

Friedrich Quaas (Beisitzer, Theolog. Berater)

Erscheinungsweise der Gedenkschrift:

1. Auflage 500 Exempl., Januar 2018

Die Verfasser der einzelnen Artikel sind für

ihre Artikel selbst verantwortlich. Es gilt die

"Brille" des Verfassers!

Bezugspreis: auf Spendenbasis

Redaktion: Michael Dierks mit Team

Layout und Satz: Detlef Suhr

Druck: Best Copy System

Lektorat: Monika Niemann

Bilder, soweit nicht anders gekennzeichnet:

© Christliche Israelfreunde

Norddeutschland, HH e.V.

Alle Rechte vorbehalten!

Nachdruck, Vervielfältigung, Abschrift oder

sonstige Veröffentlichung - auch auszugsweise

- nur mit schriftlicher Genehmigung des

Herausgebers.

Bankverbindung

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BIC: NOLADE21HOL

C H R ISTLICHE

Israelfreunde

N O R D D E U T S C H L A N D - H A M B U R G e . V.

58


Warum gehört Israel in unser Glaubensbekenntnis?!

Friedrich Quaas, Pastor i. R.

In den sogenannten "Groß"-Kirchen

wird in den Gottesdiensten ein

verbindliches Glaubensbekenntnis

(Credo) von der Gemeinde gesprochen,

das in dieser Form so in den

meisten Gottesdiensten im liturgischen

Ablauf gleich bekannt wird.

Dieses beeinhaltet Glaubensgrundsätze

unserer Kirchen, die vor vielen

Jahrhunderten der Kirchengeschichte

verbindlich ausformuliert wurden.

So ist das im evangelischen Raum

oft verwendete nizänische Glaubensbekenntnis

in einer Zeit entstanden,

als die Trennung von Kirche

und Synagoge bereits vollzogen war.

Das gilt erst recht für das später

entstandene apostolische Credo.

In Nizäa, wo das ältere Credo

formuliert wurde, waren die jüdischen

Bischöfe bewusst vom Konzil

ausgeschlossen. Das hatte weitreichende

Folgen bis heute – auch für

den fomulierten Credoinhalt.

So klingt die Formulierung:" Ich

glaube an die heilige christliche

Kirche", als wäre sie an die Stelle

des heiligen Volkes Israel getreten!

Da das nizänische Credo entstand,

um falsche Irrlehren abzuwehren, ist

es dogmatisch so festgeschrieben,

dass eine Korrektur kaum möglich

scheint.

Doch ist es uns wichtig, das Werden

des Credo mit seinem geschichtlichen

Hintergrund heute wieder

bewußt zu machen, um einen

Impuls von der Basis der Gläubigen

zu setzen. Uns ist es besonders

wichtig, gottesdienstliche Gemeinschaft

mit den Gläubigen aus den

Juden zu leben, um zu einer neuen

Einheit zusammenzuwachsen. So

haben wir den Begriff "Kirche"

gegen "Gemeinschaft" ausgetauscht.

Dies fiel uns schwer,

weil er doch an die Stelle scheinbar

muss, aber messianische Juden

verstehen sich nicht als Kirche. Und

unser biblischer Auftrag ist, gerade

diese Gemeinschaft einzuüben.

Denn nach Epheser 2,15 ist der

neue Mensch eine Einheit von zwei

Menschengruppen mit unterschiedlicher

Identität: Juden und Nichtjuden.

Was sie verbindet, ist ihr

gemeinsamer Glaube an den

Messias Israels.

Wie könnte ein Glaubensbekenntnis aussehen, in dem die besondere

Beziehung zu Israel berücksichtigt wird? - ein Impuls

Ich glaube an Gott, den Vater,

Schöpfer des Himmels und der Erde,

der sich seinem Volk Israel offenbart hat.

Und an Jesus Christus, Gottes eingeborenen Sohn, unseren Herrn,

der empfangen ist durch den Heiligen Geist

und als Jude geboren wurde, von der Jungfrau Maria.

Er hat gelitten und wurde von den Hohenpriestern ausgeliefert

an Pontius Pilatus und ist unter ihm gekreuzigt, gestorben und begraben.

Er stieg hinab in das Reich des Todes, ist am 3. Tage auferstanden von dem Tod

und aufgefahren in den Himmel.

Er sitzt zur Rechten Gottes, des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen, zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige christlich-messianisch-jüdische Gemeinschaft,

die aus dem Volk Israel hervorgegangen ist.

Ich glaube an die Vergebung der Sünden,

an die Auferstehung der Toten und das ewige Leben.

Amen

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