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Flüchtlingsschicksale - Wie acht afghanische Jungen in Düsseldorf ein neues Leben beginnen wollten

Flüchtlingen leben. Sie begleiten die Teenager zu Behörden, sie besuchen ihre Elternsprechtage, sie trösten, sie tadeln. Es wirkt wie ein perfekter Aufbau für das vielleicht schwierigste soziale Experiment in diesem Land: Wie, wenn nicht mit so viel Aufwand und gutem Willen, sollte Integration gelingen? Doch nun sitzt Karim hinter der Tür, und alle bangen mit ihm. Unbegleitete Minderjährige erhalten mehr Hilfe als andere Flüchtlinge, der deutsche Staat gewährt ihnen besonderen Schutz. Viele stürzen sich begeistert in ihr neues Leben; einzelne radikalisieren sich; zahlreiche leiden unter Traumata, manche sind verzweifelt, einige aggressiv. Und alle müssen sie befürchten, dass ihr Asylantrag am Ende nicht bewilligt wird. Die Jungen haben in den zurückliegenden Monaten von einer Karriere geträumt, von einer Freundin, einer Zukunft, sie haben alle Angst, nach Afghanistan abgeschoben zu werden. Insgesamt zwei Jahre lang steht ihnen das Haus offen, dann werden fast alle volljährig sein und ihren Asylbescheid erhalten haben. Karim ist einverstanden, sich in dieser Zeit für diesen Text begleiten zu lassen, auch Ashraf, Abdullah, Jamil und Masoom haben zugestimmt, ebenso wie die Verantwortlichen im Jugendamt. Weil die Teenager fürchten, ein Artikel könne ihre Chancen auf Asyl gefährden oder ihnen später in der Heimat Probleme bereiten, sind ihre Namen geändert und die Gesichter nicht zu erkennen. Wenn das Experiment in Düsseldorf endet, wird es nicht nur die Jungen, sondern auch ihre Betreuer verändert haben. Und den Mann, dem das Haus gehört: Jörg Haas, ein 48-jähriger Unternehmer, wohnt mit seiner Familie nebenan und hatte das Gebäude für eigene Zwecke gekauft. Als er jedoch die Flüchtlinge in den Turnhallen seiner Stadt sah, entschied er, es dem SOS Kinderdorf gegen eine geringe Miete zu überlassen und sich um die Jungs zu kümmern. "Ich will", hatte er gesagt, "zumindest ein paar Flüchtlinge aus der Masse herausheben und ihnen eine Chance geben. So schwer kann das doch nicht sein." An einem Apriltag 2016, drei Monate nach dem Einzug, sitzen die Jungen wie jeden Morgen mit Schreibheft und Stift im Wohnzimmer. Ihre Lehrer waren bislang oft religiöse Männer, die ihnen Stöcke gegen die Fußsohlen hieben. Nun steht vor ihnen eine blonde Frau, die sie für den Alltag von Teenagern in Deutschland wappnen will. Ob sie wüssten, was küssen bedeute, fragt sie. "Kiss, kiss", schmatzt einer, http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 2 von 12

"küssen = mit den Lippen berühren", schreibt die Lehrerin ungerührt an die weiße Tafel. Sie lässt die Flüchtlinge beim Besuch im Baumarkt Wörter wie Rüttelschüttler lernen, und für eine der folgenden Wochen hat sie ein Speeddating organisiert. Zum Einstand neulich waren fast 40 Gäste gekommen, persischer Pop und R&B bis in den Abend, Biertische neben den Sträuchern im Garten, und Jörg Haas, der Hausbesitzer, freute sich, weil auch Nachbarn klingelten, die ihn zuvor gefragt hatten, ob die Jungs nicht Unordnung ins Viertel brächten. Gleichaltrige aber hatten gefehlt. Nun sollen die Flüchtlinge endlich mehr Jugendliche aus dem Stadtteil kennenlernen. "Wir üben noch einmal", ruft die Lehrerin. "Ashraf!" Verlegen zieht der Junge das Hemd glatt. Dann weist er freundlich auf die eigene Brust. "Guten Tag, ich bin Ashraf", sagt er vorsichtig. "Und du? Ich freue mich, dich kennenzulernen." Später, beim Speeddating, muss er sich immer wieder räuspern. Aber alle, sagt er nachher stolz, hätten geantwortet. Noch gibt fast die Hälfte der Deutschen in Umfragen an, sich für Flüchtlinge einzusetzen. Manchmal bringen Anwohner Kleider im Haus vorbei, andere spenden Handtücher. Und wie als Gegengabe sammeln die Jungen beim "Dreck-weg-Tag" im Viertel den Müll auf. Es ist, auch diese Worte lernen sie, der Zauber eines Anfangs. Mai 2016, Herr Sameeian ruft die Teenager im Garten zusammen. Fliederduft hängt über dem sonnigen Rasen, bis Masoom eine Zigarette anzündet. Der Pädagoge hockt sich mit ins Gras, dann legt er los. "So geht es nicht", sagt er. "Ihr müsst die Regeln einhalten." 50 Euro dürfen sie gemeinsam am Tag für Lebensmittel ausgeben, dennoch kommt immer wieder einer mit Chips statt Kartoffeln vom Einkauf zurück. Der Nächste verschläft den Deutschunterricht, ein anderer den Termin im Jugendamt. "Wir werden aufhören, euch zu wecken", kündigt Herr Sameeian an. "Und benutzt einen Wochenplaner!" Erst als die Jungen protestieren, merkt er, dass die meisten noch nie einen Kalender in den Händen gehalten haben. Nach fünf Monaten kommt es ihm oft noch vor, als lebe er mit Unbekannten. Es geht ihm nicht darum, ob die Flüchtlinge bei der Einreise vielleicht falsche Geburtsdaten angegeben haben. Er ist Pädagoge, die Jungen brauchen Hilfe, sie benehmen sich wie Teenager - das reicht ihm. Ihre Biografien allerdings bleiben ihm ein Rätsel. Die Betreuer sollen nicht in Vergangenem bohren, um keine Traumata wiederzubeleben. Er könne nur aufmerksam beobachten und zuhören, sagt Herr Sameeian. Es bleiben Bruchstücke. Jamil spricht am besten Deutsch. Abdullah scherzt viel, schreckt aber kaltgeschwitzt aus Albträumen auf. http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 3 von 12

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