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Flüchtlingsschicksale - Wie acht afghanische Jungen in Düsseldorf ein neues Leben beginnen wollten

Drei Räume, das

Drei Räume, das Laminat glänzt hell, die Möbel sind neu. Im Wohnzimmer hat Ashraf ein selbst gemaltes Bild aufgehängt: Unter Sonnenstrahlen schmilzt eine Kalaschnikow. Masoom, der mitgekommen ist, sieht sich aufmerksam um. "Ich bleibe", sagt der Junge mit den vernarbten Armen. Herr Sameeian lacht. "Ehrlich Saba", setzt Masoom unwillig nach. "Warum soll ich nicht allein wohnen?" Freundlich schüttelt der Pädagoge den Kopf. "Später." Inzwischen besuchen alle Jungen die Flüchtlingsklasse eines Berufskollegs. Masoom jedoch fühlt sich oft zu schwach für die Schule. Herr Sameeian geht mit ihm zu einem Psychologen, aber der Junge misstraut den Spezialisten. Passen die Betreuer nicht auf, unterbricht er die Therapie. November, Nicole Cramer ist ins braune Haus gekommen. Die 51-Jährige verantwortet die Arbeit mit den minderjährigen Flüchtlingen in der Düsseldorfer Zweigstelle der Hilfsorganisation. Sie sorgt sich um ihr Team. Sogar Herr Sameeian, mit 34 Jahren der Erfahrenste, wirkt in letzter Zeit manchmal ratlos. Nicht nur Masoom, alle wollen nun eigenständig leben wie Ashraf und Abdullah. Sie kratzen das Logo der Hilfsorganisation vom Klingelschild ab, und kaum ein Tag vergeht, ohne dass einer meckert. Das Haus sei zu hellhörig, der Pullover aus den Adventsspenden hässlich. Viel zu anspruchsvoll, finden die Betreuer, eine ist so erbost, dass sie nachrechnet: Um die 60 Euro Taschengeld im Monat, 45 Euro für Kleider, gratis wohnen, gratis essen, das habe sie als Teenie nicht gehabt. Nachdenklich hört Nicole Cramer zu. Es sind übliche Summen der Jugendhilfe, aber auch sie ärgert sich. Neulich hatte einer der Jungs die Nummer ihrer Kreditkarte verlangt, um für sich das neue iPhone vorzubestellen. Beim nächsten Mal forderte er Geld für eine Prostituierte. Sex gehöre zu seiner Gesundheit, sagte er, und Cramer sei vom Jugendamt beauftragt, auf ihn zu achten. Als sie die Zahlung verweigerte und über Liebe, Respekt und die Werte der westlichen Welt sprach, postete er sein Anliegen bei Facebook, und der Kollege im Nachtdienst musste die willigen Mädchen abwimmeln, die am Haus klingelten. "Es sind Teenager", sagt die Chefin schließlich. "Sie haben es bis zu uns geschafft, indem sie ihren Regeln gefolgt sind. Wieso sollten sie plötzlich meinen, unsere Vorschriften seien besser für sie? Vom ersten Tag an haben wir sie mit allem wie selbstverständlich versorgt. Warum sollten sie sich nun freiwillig bescheiden?" http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 6 von 12

Sie müssten das eigene Verhalten ändern, appelliert Cramer an die Betreuer. "Lasst die Jungs nach Wohnungen suchen, wenn sie meckern. Lasst sie Preise herausfinden und mit Vermietern reden. Sie brauchen dringend einen Realitätscheck." An einem der letzten Adventstage ziehen die Flüchtlinge los. Sie wollen einen Weihnachtsbaum kaufen. Die Stimmung müsse wieder besser werden, findet Jamil. Jörg Haas, der Unternehmer, begleitet die Teenager; auch seine Frau und die Kinder kommen mit. Zwei Kilometer weit laufen sie zum Stand mit den Tannen, Afghanen und Deutsche, lachend, erzählend, auf dem Rückweg schultern die Jungen den Baum. Ein Lagerfeuer im Garten, Suppe, anschließend hängen alle gemeinsam goldene Kugeln an die Zweige. Voneinander erfahren, andere Perspektiven gewinnen: Auf solche Momente hatte Haas gehofft. Noch immer sind sie selten. Wenn die Flüchtlinge mit ihm Fußball spielen oder ein Werkzeug ausleihen, scherzen sie, und es begeistert ihn, dass sie immer besser Deutsch sprechen. An manchen Tagen hilft er bei den Hausaufgaben. Aber die Jungen bleiben ihm fremder, als er es sich gewünscht hat. "Wir tasten uns aneinander heran", sagt Jörg Haas. "Es dauert viel länger, als ich es mir vorgestellt hätte." Januar 2017. Seit Abdullah trainiert, sein Leben zu erzählen, quälen ihn nachts wieder die Erinnerungen. Ashraf und er werden bald 18. Ihnen steht, wie die Freunde meinen, das wichtigste Jahr ihres Lebens bevor. Sie haben die Wohnung geputzt, neben einem Becher Tee mit Kardamom liegt auf dem Fensterbrett ein Leitfaden für Flüchtlinge. Regelmäßig üben die Jungen nun, in lauter Einzelheiten über ihre Vergangenheit zu sprechen. Sie lernen auch viel für die Schule in diesen Tagen, unter Abdullahs Tests in Biologie und Erdkunde steht "sehr gut". Keine andere Prüfung bereiten sie jedoch so sorgfältig vor wie den Termin im Bundesamt. Jedes Detail, so haben sie erfahren, steigere die Glaubwürdigkeit. Ashraf und Abdullah haben ihre Asylanträge gestellt. Anhörer werden sie anhören, Dolmetscher dolmetschen, Entscheider entscheiden; mittlerweile sind den Jungen die Vokabeln geläufig. Ihre Träume haben sie verschoben. Arzt oder Bankkaufmann könnten sie vielleicht später noch werden. Sie wollen jetzt schnell eine Lehrstelle finden. Sollten ihre Asylanträge abgelehnt werden, könnte ihnen eine Ausbildungsduldung gewährt werden, auch dieses Wort kennen sie inzwischen. http://www.spiegel.de/spiegel/fluechtlinge-in-duesseldorf-wol…e-afghanen-ein-neues-leben-beginnen-a-1195395-druck.html 28.02.18, 11C03 Seite 7 von 12

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