Aufrufe
vor 9 Monaten

E_1939_Zeitung_Nr.083

E_1939_Zeitung_Nr.083

II AUTOMOBIL-REVUE

II AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 21. NOVEMBER 1939 — N° 83 «Warum hat die Sowjetregierung die Scheidung auf Wunsch nur eines Teiles gestattet und nicht einfach freie Liebe proklamiert?» frage ich die junge Beamtin. «Wegen der Dienstpflicht und der Statistik. Es ist für uns von grösstem Interesse zu wissen, wieviele Leute jährlich heiraten und sich scheiden lassen», antwortet sie mir ohne mit der Wimper zu zucken. Dann erklärt sie mir, dass « Zags » auch Ausländern zur Verfügung stehe, unter der Bedingung, dass sie ledig sind. «Polygamie ist in der U.S.S.R. nicht erlaubt. Vorige Woche habe ich zwei Amerikaner getraut.» Während wir sprechen, kommt eine Frau in Socken mit einem bösen Gesicht herein. Sie legt ihre Papiere und ihre Rubel auf den Tisch und geht wieder, fast ohne den Mund aufgetan zu haben. «Zum fünften Mal lässt sie sich dieses Jahr schon scheiden», flüstert mir die Beamtin zu, indem sie mit den Achseln zuckt. «Nach acht Tagen wird sie wieder ihren Mann heiraten, der sich übrigens nicht im mindesten über den Brief kränken wird, den ich ihm heute abend noch schreiben werde. Solche Idioten fälschen die Statistik, die 50 Prozent Scheidungen errechnet.» Der Wartesaal füllt sich. Ich sah nacheinander eine feine Dame, die ein Kind adoptieren wollte, einen schwerfälligen Soldaten mit einer dumm aussehenden Person, die zu meiner Verwunderung ihren Namen schreiben kann. Sollten alle schon schreiben können ? Das Buch, das ich durchblättere, enthielt jedenfalls kein Kreuz. Ein Ingenieur sodann eine Technikerin, die intelligenter als er aussieht. Als er erklärt, nach heutigem Gesetz ihren Namen tragen zu wollen, lächelt sie mit merkwürdigem Stolz. Jeder muss zur Trauung oder Scheidung seinen Pass, der als Identitätszeugnis dient, und sein Arbeitsbuch mitbringen — dann zahlt er nur zwei Rubel anstatt zehn. Eine alte Frau mit rotem Kopftuch kommt und bittet mit mehr furchtsamer als klagender Stimme um einen Totenschein für ihren Mann, der diesen Morgen gestorben ist. «Wo bekommt man die 30 Rubel für die Bahre?» fragt sie eigensinnig immer wieder. Zwei fröh- liehe Eheleute treten dann ein. Sie trippeln, als wollten sie zum Tanz antreten. Die Mutter trägt auf dem Arm ein Wickelkind in dem klassischen amerikanischen Deckbettchen, dessen eine Ecke man auf der Strasse dem Kind übers Gesicht legt. «Unnötig, das Kind mitzubringen», brummt die Beamtin. Bei einem solchen Wetter! In wessen Pass soll es kommen?» Das Kind kann nach dem Willen der Eltern in dem Pass des einen oder des andern Teiles eingeschrieben werden. Diesmal reklamiert es der Vater für sich und nennt es Iwan. Die Zeit ist vorüber, wo man die Neugeborenen Mai, Oktober, Komintern (Dritte Internationale) nannte, es kommt höchstens noch Stalin vor. Ein Studentenpaar mit umfangreichen Aktentaschen nimmt am Tische Platz. Die Braut, die höchstens 17 Jahre zählen mochte, nahm die Frage der Beamtin: «Wie oft waren Sie schon verheiratet», übel. — Wie wir wissen, stellte sie sie nur wegen der Statistik. «Zum ersten und letzten Mal » antwortet sie spitz. Der künftige Gatte, der seine Rubel kopekenweise aufzählte, schien dies nicht einmal zu hören. Ein dicker, gemein aussehender Bursch, dessen rundliche Braut, trotzdem sie zum drittenmal heiratete, von ihrer Mutter und ihrem Bruder, der offenbar ein Vagabund war, begleitet wurde, erklärte: «Jetzt wollen wir noch zwei Mass Wodka trinken und dann ins Bett!» «Damit Ihre Frau sich vor Ihnen ekelt?» fragt vorwurfsvoll die Beamtin. «Die!» witzelt der Kerl. «Von der hab' ich ja das Trinken gelernt!» Danach verlässt er als erster das Lokal, Den Platz, den die dicke Gevatterin verlassen, das heisst zur Rechten der Beamtin, nimmt nun ein junges, blondes, rosiges Mädchen mit einem himmelblauen Hütchen ein. Ihr Bräutigam, ein Offizier der Miliz, wo sie als Stenotypistin beschäftigt ist, hatte im Wartesaal unaufhörlich ihre Hand gestreichelt und wendet jetzt kein Auge von ihr. Vor der Türe tritt er respektvoll zur Seite. Sie flüstert ihm etwas zu. Schnell läuft er und holt den Handschuh, der unter den Stuhl gefallen war. «Lässt man sich hier scheiden?» fragt ein General mit drei Rauten, also von hohem Rang, da man nicht mehr als vier erreichen kann. Er ist beim Ausgang hereingekommen. Die Beamtin bat ihn, zuerst in dem anstossenden Raum zu warten und antwortete dann auf eine zweite Frage, dass dieser für alle Leute, nicht nur für scheidungslustige, bestimmt sei. «Also mit Geduld und Spucke!» ruft der General mit Humor. Nun erzählt eine arme Frau in grünem Kopftuch von ihren Leiden, die sie bei einem Trunkenbold von Mann aussteht. Der Kerl prügelt sie nach Noten, behauptet sie. Der Schurke hört ihr grinsend zu und bereitet ihr dann eine unliebsame Ueberraschung. Er gibt vor, sein Arbeitsbuch zu Hause vergessen zu haben und erklärt, er würde statt gleich auszuziehen am nächsten Morgen kommen, denn er will nicht 10 Rubel bezahlen. Die Unglückliche stösst einen entsetzlichen Schrei aus und richtet sich ächzend und bleich auf. Sie fleht mit aufgehobenen Händen, ihre Qual nicht um einen Tag zu verlängern. Aber Gesetz bleibt Gesetz — für 10 Rubel die Freiheit! Aber leider hat sie sie nicht: dieser Kerl gab ihr nichts, sie wusste nicht einmal, wieviel er verdiente. Wollte man sie wegen 10 Rubel in den Händen dieses Unholds lassen, der sie zu töten drohte? Sie tippelte aufgeregt hin und her, sie weinte, schlug sich die Stirne verzweifelt mit den Fäusten. Sehr, sehr sanft schob sie die Beamtin hinaus. Stolpernd ging sie endlich. Ein starke, blonde Dame, in einen Bibermantel hineingepresst wie in ein Futteral, wollte trotz ihrem vorgerückten Alter einen langen Tölpel mit blauen Augen, den man für ihren Sohn halten konnte, heiraten. Auch ihr wies die Beamtin die Tür, aber mit drohendem Finger. Die alte Kokette hatte, um sich jünger zu machen, einfach im Pass die drei letzten Ziffern ihres Geburtsdatums ausradiert. Während das junge Mädchen die Polizei verständigte, setzte sich der General an den Tisch. Er wolle, so erklärte er, seine «tatsächliche» Frau, mit der seit zwei Jahren lebte, heiraten, und sich deswegen von einer um 17 Jahre älteren Frau scheiden lassen, die in Tiflis lebte und die er niemals sah. Nichts wäre einfacher gewesen, wenn der galante Mann, um ihr gefällig zu sein, nicht darauf bestanden hätte, ihr seinen Namen zu belassen, da sie von ihren Eltern einen sehr hässlichen mitbekommen hatte. Das Gesetz gestattet Substitution, aber man muss schriftlich darum einreichen. Der General hatte aber dieses Gesuch nicht bei sich. Da er es sehr eilig hatte, zu heiraten, «weil es nicht schicklich ist, den Leuten eine Frau vorzustellen, die nicht wirklich seine Frau ist», riet ihm die Beamtin, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Aber dieses Vorgehen missfiel ihm. Er hatte der Dame in Tiflis ausser ihrem Alter nichts vorzuwerfen. Er wollte sie anständig behandeln und ihr sogar ein Andenken schicken. Der tragische Konflikt nahm schliesslich ein Ende. Der General entschloss sich, seiner offiziellen Frau zu schreiben und sich nicht scheiden zu lassen, bevor er nicht ihre Antwort hatte. Er ging ab, mit sorgenvoller Stirn, indem er sich das Hinterhaupt kratzte. Als ich «Zags» verliess, blieb ich bei der armseligen, geschlossenen Kirche gegenüber stehen. Zur Zarenzeit hatte man hier für diesen Bezirk Geburten, Heiraten, Todesfälle und gelegentlich auch Scheidungen eingetragen. Was war anders geworden ausser dem Rahmen? Eine Revolution genügt nicht, wie die eben geschilderten kleinen Szenen beweisen, um den Charakter der Menschen zu ändern. Sie bleiben in der U.S.S.R. wie überall, weiter, was sie waren: klug oder dumm, zart oder roh, fein oder gewöhnlich, gutgläubig oder betrügerisch — mit einem Wort: die altenf So oder so - Auge zu, Äuga auf. - Ein amerikanischer Schriftsteller hatte ein kurzsichtiges und ein weitsichtiges Auge. Wenn er schrieb, schloss er das eine, wenn er ging, das andere Auge. Das ewige Feuer. - Fast alle alten Völker haben ewige Flammen. In Japan ist eine solche vor dem Grab des buddhistischen Heiligen Kobe Daiski angezündet worden - und zwar vor 1100 Jahren - und seitdem nicht mehr erloschen. Das Grab befindet sich in Koya-Sam. Inserieren bringt Gewinn Bamen^ wenden sich bei monatlichen Verspätungen unter Diskretion an Labor. Perticide, Halden 27f. Telephon 204. Erhältlich in allen Apotheken 10er Packung Fr. 4.60 - 4er Packung Fr. 2.— . Gratis-Prospekt diskret durch EROVAQ A.Q.. Zürich 25, Bachtobeistrasse 59. Lesen Sie die aufklärend« Broschüre von Dr. R. Engler. Zu beziehen gegen Einsendung von Fr.1.20 in Briefmarken oder auf Postscheck VI11/1819 EROVAQ A. Q. 1. Grätsche. Fersen am Boden, Zehenspitzen nach auswärts gekehrt. Nach hinten beugen und mit einer Hand die Wade und dann die Ferse berühren. Der andere Arm wird nach vorne ausgestreckt, um das Gleichgewicht herzustellen (Füsse am Boden gut sichern). 1 a) Gegenübung: mit gegrätschten Beinen und durchgestreckten Knien nach vorne schwingen und wippen, bis die Handflächen den Boden berühren. Beine schliessen und dieselbe Bewegung versuchen. 2. Einen Schritt von der Wand entfernt, die nach aussen gekehrten Füsse fest am Boden aufstehend (Achtung, nicht rutschen!), beugt man sich leicht nach hinten und berührt mit den Handflächen die Wand. Dann bewegt man sich «schrittweise» mit den Händen an der Wand abwärts, bis man eines Tages am Boden anlangt l 2o) Gegenübung: Am Rücken liegend die geschlossenen Beine leicht vom Boden abheben und wieder senken. Nach rechts und links kreisen lassen und dann über den Kopf heben, bis die Zehen den Boden berühren. Ruedi will kein Denkmal werden Ein wahres Geschichtchen von einem missgluckten Erziehungsversuch. Wenn Bern, dann Casino weiss, herrlich schäumend, 1. Auswahl 1938, die Flascht (Glas Inbegriffen) zu Fr. 1.40. franko Abfahrtstation. Reklamekistchen, 12 Flaschen Fr. 20.-, franko, Verpackung inbegriffen. E.Otrren & Fllt. propriet. M«tl«r-Vully. Tel. 4.51 Basel oberhalb „Mittlere Brücke". Ruhig schlafen (Zimmer ab Fr. 4.50). - Gut essen. Garage. Tel. 43.968. F. Lutz. Holderbank an d. Durchgangsstr. Solothurn-Basel. Altbek., gutgef. Haus mit bescheid. Preisen. Zimmer zu Fr. 2.50. Lebende Bachforellen. Garage. Tel. 76.146. F. BXhler-Bider, Bes. MuH (Aargau) Ifin du Vully Hotel Krafft am Rhein Gasthaus zur Forelle Rest zum Alpenzeiger T. C. t. Auf der Anhöhe gelegen, b. d. Kirche. Neue, gr. heizbare Terrasse. Frachtvolle Aussicht. Grosser Parkpl. Sitzungszimmer. Butterküche, leb. Forellen, ff. Weine. Treffpunkt f. Automobilisten. Garage. Tel. 67. A. Stlubll. WOLLEN SIE DIE „BRÜCKE" LERNEN? Hier einige Vorübungen: Unser kleiner Basler Neffe Ruedi ist bei uns in Genf zu Besuch. Ich gehe mit ihm in der Stadt spazieren und zeige ihm alles, was meines Erachtens ein Kind interessieren kann. So kommen wir auch zum Reformationsdenkmal. < Siehst du, Ruedi>, sage ich und zeige ihm die monumentalen Figuren, «das waren alles tüchtige, berühmte Männer, die du da siehst. Und wenn du jetzt in die Schule kommst und bist fleissig und lernst recht viel, dann wirst du vielleicht auch mal so ein berühmter Mann wie die dal» Ruedi, der zuerst interessiert zugehört hat, starrt mich fassungslos an. Dann schluckt er ein paarmal und kräht los: «Nein, nein, Tante — dann lern' ich lieber gar nichts. Wenn ich einmal tot bin, dann will ich ein Engelchen werden, aber kein Denkmal!» O. Pr. Zürich Empfehlenswert! Unterhaltungsstätten hea Abends 8 Uhr, Sonntag nachmittags 3 Uhr. Theaterkasse Tel. 2 69 22 und 4 67 00, 10—12.30 und 15.30—19 Uhr. Kuoni Tel. 3 3613, 8—18.30 Uhr. Mi. abend 22. Mo». 19^ üh ? : Tannhäuser, Oper von Richard Wagner (A- Ab. 6}. DO. abend 23. NOV. Geschlossene Vorstellung. Fr. ahand 21. Nnv. Die Försterchristi, Operette von Georg Jarno (A-Ab. 6). Sa abend 25HOT Premiere: Macbeth, Oper von G. Verdi. So. nachm. 26. Ho». U±A Uhr: . Tannhäuser, Oper von Richard Wagner. SO. abend 26. NO». Hopsa, Operette von Paul Burkhard. Militär in Uniform bezahlt auf allen Plätzen die Hälfte. Schauspielhaus Abends f* D Uhr. tag nachm. Abendkasse ab 18 Uhr (21111) Mi. abend 22. NOY. " er dichter von Zalamea, Schauspiel von Calderon de la Barca. Do. abend 23. NOT. Stiftsdamen. Fr. abend 24. Nav. Der Richter von Zalamea. Sa. abend 25. Hü». 2° ühr: Deutschsprachige Uraufführung: Lincoln, ein Kampf für die Freiheit, von R. E. Sherwood. 15 Uhr: Der SD. nachm. 26. Nu». Richter von Zalamea. So. abend 26. NOV. 20 Uhr: Lincoln. Militär auf allen Plätzen halbe Preise.

No 83 DIENSTÄG, 21. NOVEMBER 1939 AUTOMOBIL-REVUE III Statt unseres politischen Kurzberichtes: DIE SOLDATENWEIHNACHT Eine tiefe Verbundenheit der Zivilbevölkerung mit den Soldaten ist in der Schweiz von jeher vorhanden gewesen. Seit der September-Mobilmachung kommt sie in der gleichen ausdrucksvollen Weise wie in den Jahren 19H/18 zur Geltung. Es unterliegt keinem Zweifel, dass die Widerstandskraft eines Heeres nicht nur von der Fähigkeit seiner strategischen Führung und der Qualität des Kriegsmaterials abhängig ist, sondern dass auch das Hinterland, d. h. die Zivilbevölkerung ihren Anteil an den militärischen Ereignissen haben kann. Wer in den letzten Wochen Gelegenheit hatte, unsere Soldaten an der Grenze oder in den rückwärtigen Verteidigungslinien an der In der Entwicklungsgeschichte des britischen Weltreiches gibt es wenige Phasen, welche den Sinn der Engländer für Realpolitik, das Eechnen mit den vorhandenen Grossen eindringlicher veranschaulicht als ihre Einstellung zum Problem Suez. Im Jahre 1833 erfährt ein junger französischer Vizekonsul, Ferdinand v. Lesseps, der nach Alexandrien beordert ist, von den Plänen Napoleons, die vor Jahrtausenden bestandene Seeverbindung zwischen dem Roten und dem Mittelmeer wiederherzustellen. Sie faszinieren ihn, um so mehr als er, selbst der Sohn eines Diplomaten, einen Teil seiner Jugend in Aegypten verbracht hat, dort unter seinen früheren Spielkameraden einflussreiche Köpfe zählt und dazu noch mit der Kaiserin von Frankreich verwandt ist, deren Einfluss grosse Bedeutung zukommen kann. Allerdings muss er sich volle 21 Jahre geldulden, bis die Verhältnisse für die Verwirklichung seiner Absichten günstig sind: Im Herbst 1854 wird sein Jugendfreund Said Pascha zum Vizekönig von Aegypten ernannt. Dieser erteilt ihm die für den Beginn des Baues notwendige Konzession, die alllerdings erst dadurch rechtskräftig wird, dass der Sultan des türkischen Reiches, der oberste Herr über Aegypten, sie genehmigt. Kaum erhält Westeuropa davon Kunde, setzt heftigster Widerstand seitens Englands und ein entsprechender Druck auf Konstantinopel ein. Der führende Kopf der Londoner Politik, Lord Palmerston, kann keine Schritte und Unternehmungen dulden, die eine Trennung Aegyptens von der Türkei und damit eine Schwächung der letzteren herbeiführen. Seit Ende des 17. Jahrhunderts, seitdem die Macht des ottomanischen Reiches im Abnehmen ist, lauert im Osten Europas Russland auf eine passende Gelegenheit, um sich der Dardanellen zu bemächtigen. Das britische Reich darf dies im Hinblick auf seine bereits beträchtlichen Besitzungen in Asien besonders dem stärksten seiner Gegenspieler nicht erlauben, mit dem es übrigens erst vor kurzem aus ähnlichen Ursachen auf der Krim ,die Klinge gekreuzt hat. Es verfolgt deshalb die Politik der Erhaltung des türkischen Reiches, ja wird nach und nach zu dessen Arbeit zu sehen, an einer Arbeit, welche für den Durchschnitts-Schweizer alles andere als geläufig und alltäglich ist, der wird zur Ueberzeugung gelangt sein, dass wir für unsere Soldaten in der heutigen Zeit nie genug tun können. Wenn man weiss, dass sich Tausende, vielleicht sogar Zehntausende von Eidgenossen, die in Friedenszeiten verlassen durchs Leben schreiten müssen, unter den Waffen befinden, so wird jeder, der das Herz am richtigen Fleck hat, der Meinung beistimmen, dass gerade diese unsere Soldaten auf unser Verständnis zählen können müssen. Die verlässlichster Stütze. Wohl übersehen die Londoner Politiker die Vorteile einer verkürzten Verbindung zwischen der östlichen und westlichen Welt keineswegs, doch der Bestand ihres Weltreiches ist nicht darauf angewiesen, weil ihnen der Verbindungsweg um das Südkap Afrikas zur Verfügung steht. Als erfahrene Diplomaten wissen sie, dass sich solche Schnittpunkte der Interessen, besonders wenn sie neu entstehen und neue Ausblicke eröffnen, leicht zu Brandherden entwickeln können. Da in solchen Fällen die « Habenden» wenig zu gewinnen, jedoch viel zu verlieren haben, verlangt die Folgerichtigkeit der politischen Einstellung eine Ablehnung des Projektes. Es bedarf eines Umschwunges in der englischen .Regierungskoalition und der tatkräftigen diplomatischen Unterstützung Napoleons III. bei der Hohen Pforte, um von ihr im Winter 1859/60 endlich die definitive Genehmigung zu erhalten. Allerdings hat Lesseps den Bau bereits Monate vorher begonnen, darüber aber den Deckmantel der « Vorstudien » geworfen. Die Eröffnung des Kanals am 17. November 1869, nachdem ungeheure und nicht vorauszusehende Hindernisse und Widerwärtigkeiten technischer, finanzieller und administrativer Natur bewältigt sind, stellt die englischen Politiker vor grundsätzlich neue Verhältnisse. Haben sie die Ausführung des Werkes bis jetzt zu verhindern versucht, so müssen sie es nun unter allen Umständen in ihren Machtbereich bringen. Schon der alte Castlereagh, die dominierende Persönlichkeit des Inselreichs der Jahre 1812—1822, hatte die Maxime verfochten, dass « jede Position auf dem Weg nach Indien uns gehören wird und muss ». Wohl benötigt England die verkürzte Verbindung nicht, da fast alle Stützpunkte der Südroute in seiner Hand vereinigt liegen; allein aus vitalem Lebensinteresse heraus kann es keiner anderen Macht einen zeitlichen und wirtschaftlichen Vorsprung einräumen, der direkt oder indirekt zu einer Bedrohung des Kolonialbesitzes führen und das bestehende Gleichgewicht der Kräfte stören könnte. Schon nach wenigen Jahren stellt sich die Möglichkeit einer solchen Einflussnahme ein. Soldaten-Weihnacht, die jetzt im Gange ist und die nicht nur von der praktischen Seite aus, sondern auch in symbolischer Hinsicht ausserordentlich wertvoll ist, bringt in schönster Weise die Verbundenheit von Volk und Armee und darüber hinaus die Gleichstellung aller Eidgenossen im Wehrkleid zum Ausdruck. Unseren Soldaten ist der bestimmt nicht leichte, an Entbehrungen und Sorgen vielfach reiche Dienst fürs Vaterland eine absolute Selbstverständlichkeit. Es möge auch für diejenigen, welche das Vaterland nicht gerufen hat, eine Selbstverständlichkeit sein, den Hütern unserer Grenze immer wieder, vor allem aber auf die Festtage hin, Zeichen der Verbundenheit und der Anteilnahme zu verschaffen. Das ist nicht nur ein Akt der Nächstenliebe, sondern unser Denken und Handeln hat auch praktischen vaterländischen Wert. -id. Grossbritannien am Suezkanal Am 15. November 1875 erfährt der damalige Ministerpräsident Diraeli durch einen Journalisten, dass der bis über die Ohren verschuldete ägyptische Vizekönig, der Khedive Ismail, bereit ist, seinen Besitz von 176 602 Aktien zu verkaufen. Da die Gelegenheit unbedingt ausgenützt werden muss, veranlasst er den Bankier Rothschild, im Namen der Regierung, jedoch ohne deren Einwilligung, die Kauf summe von rund 4 Millionen engl. Pfund zu erlegen auf das Versprechen hin, die Papiere nachher durch den Staat übernehmen zu lassen. Wie vorteilhaft die Transaktion sich in der Folge nicht nur politisch, sondern auch wirtschaftlich ausgewirkt hat, zeigt die Tatsache, dass der Wert des Aktionpaketes im Jahre 1905 rund 33 Millionen engl. Pfund beträgt, wozu noch die hohen jährlichen Dividenden zu rechnen sind, die sich bis auf % beliefen. In politischer Hinsicht hat die Uebernahme der Kontrolle über den Suez-Kanal allerdings bedeutende Folgen, unter denen die sonderbarerweise widerwillig erfolgte Besetzung Aegyptens den ersten Platz einnimmt. Dieses Land ist wegen der Verschwendungssucht Ismails an den Rand des Bankrotts geraten und hat eine internationale, d. h. französische und englische Finanzkontrolle verlangt. Wie es in solchen Fällen vielfach unvermeidlich ist, zieht die fremde Bemutterung immer grösser werdende Unruhen nach sich. Um die Rückzahlung der gewährten Anleihen besorgt, entschliessen sich auf die Initiative Frankreichs die beiden Westmächte zu einer gemeinsamen militärischen Besetzung. Bevor jedoch ein einziger Soldat ägyptischen Boden betritt, kommt es in Alexandrien zu schweren Unruhen, bei denen etwa 50 Europäer getötet werden und die ein energisches Eingreifen der beiden Mächte notwendig machen. Ueberraschenderweise fährt die französische Flotte plötzlich nach dem Heimathafen zurück, so dass die britische das Unternehmen auf eigene Faust ausführen muss. Im August 1882 werden in Port Said und am Suez-Kanal 13 000 Mann gelandet, kurz nachher erleidet die ägyptische Armee eine entscheidende Niederlage, und bereits Mitte September ist Kairo durch die Engländer besetzt. Wenn auch die Absicht und der Wille zur baldi- gen Räumung Aegyptens durch England bestehen, so wird es doch infolge verschiedener Umstände, wie der Sudan-Rebellion, der Expansionspolitik anderer Grossmächte usw., 1922, bis Aegypten die offizielle Entlassung aus dem britischen Staatsverband erhält. Die bisherige grundsätzliche Einstellung Englands dem Suez-Problem gegenüber, dass das britische Weltreich wohl ohne den Kanal existieren kann, dessen Besitz aber unter keinen Umständen einer andern Macht überlassen darf, beherrscht auch weiterhin die gesamte Politik. Am 29. Oktober 1888 wird als Vertrag von Konstantinopel ein Abkommen über die völkerrechtliche Stellung des Wasserweges unterzeichnet. Demnach hat in Friedens- wie Kriegszeiten jedes Handels- und Kriegsschiff ohne Unterschied der Flagge das Recht, frei zu verkehren; in einem Umkreis von drei Seemeilen ist der Kanal gegen jede kriegsrechtliche Handlung geschützt. Der Weltkrieg 1914/18 berührt den Suez- Kanal kaum, wenn von den immerhin notwendigen Sicherungsmassnahmen abgesehen wird, welche die britische Regierung im Hinblick auf einen möglichen Angriff vorgenommen hat und der übrigens im Februar 1915 seitens der Türkei erfolglos durchgeführt wurde. Die heutige Stellung Englands ist durch alle Komplikationen der Nachkriegszeit hindurch dieselbe geblieben: Es benötigt den Kanal nicht unbedingt zur Aufrechterhaltung seines eigenen Besitzes, kann aber nie und nimmer zulassen, dass die entscheidende Macht in andere Hände gelangt. Dieses Leitmotiv der Suez-Politik behält seine Gültigkeit sogar für den Fall kriegerischer Verwicklungen im östlichen Mittelmeer. So paradox es klingen mag: Die Sperrung des Kanals durch Versenkung von Schiffen oder Luftangriffen würde sich letzten Endes weniger gegen die englischen Interessen als gegen diejenigen gewisser möglicher Gegner auswirken. Ein Faktor, dem für die Aufrechterhaltung der Ruhe in jener Ecke entscheidende Bedeutung zukommt! 0 DER SUEZ-KANAL Auf eine Länge von 167 km führt die Seeverbindung Port Said—Port Tewfik meist durch Wüstengebiete, teilweise durch Binnenseen. Die Spiegelbreite beträgt 100—135 m, diejenige an der Sohle 45—100 m, der Tiefgang 12—13 m. Die Bauzeit betrug rund 10 Jahre; die Baukosten beliefen sich auf 425 Millionen Goldfranken. Der Kanal gehört der Compagnie Universelle du Canal Maritime de Suez, deren Sitz sich in Paris befindet. Die jährlichen Einnahmen betrugen 1938 rund 10 Millionen Pfund Sterling; über 6000 Schiffe mit rund 34 Millionen Tonnen Schiffsraum haben im gleichen Zeitraum den Kanal passiert.