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E_1940_Zeitung_Nr.035

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II AUTOMOBIL-REVUE

II AUTOMOBIL-REVUE DIENSTAG, 27. AUGUST 1940 — N° 35 Welt der Schneider, Modistinnen, Gold- und Silberstickerinnen. Näherinnen, Will man die Garderobe der Gräfin kennenlernen, so braucht man nur die Rechnungsbücher zu betrachten, die in der Pariser Nationalbibliothek liegen. Es sind kostbare Nachweise und wahrhaft das einzige Erinnerungsdokument, das das Andenken der regierenden Du Barry verdient. Man findet darin das Theaterkleid geschildert, das sie der Schauspielerin Raucourt oder dem Schauspieler Lekain schenkte, das Kaffeegedeck, das aus indischem feinem Bazin sein musste, und sogar den letzten Morgenrock für den König. Wenn man Lust hat, die Garderobe der Du Barry zu betrachten, so kann man die Hoftoiletten, Krinolinenkleider und die « robes de toilette » an seinem Geiste vorüberziehen lassen. Da gibt es Kleider zu 1000, 2000, 5000 und 10000 Franken, die die Modehändler Buffant, Lenormand, Assorty und Barbier lieferten, Reitkostüme, die 6000 Livres kosteten. Dazu kommen die äusserst kostspieligen Zutaten, der Ausputz, den ein Kleid damals verlangte. Es ist darum nicht erstaulich, wenn der Modekünsfler Pagelle ein einziges Kleid mit 10500 Livres berechnete. (Unter Berücksichtigung des heutigen Geldwertes etwa das Zehnfache.) Zu den Kleidern kamen noch die Spitzen, dieser zu allen Zeiten heissbegehrte Luxus der Frau. Auch dafür wurden Unsummen aufgewendet. Die Du Barry besass in ihrem Schlosse in Luciennes einen wahren Feenpalast. Es war ein Palais-Boudoir, das in jeder Beziehung die edle Form und den letzten Schliff einer Kostbarkeit zeigte. All dieser Glanz war wie ein Rausch über Madame Du Barry gekommen. Das Ende war um so schrecklicher für sie. Wie Marie-Antoinette, musste auch sie ihre Lebenslust und ihre Verschwendung mit dem Tode auf dem Schafott büssen. Aber dieses triebhafte Wesen, das so sehr am Leben und seinen Genüssen hing, war angesichts eines so furchtbaren Endes völlig gebrochen und schwach. Sie war nicht resigniert wie die junge Königin, die stolz, ruhig und in sich gekehrt zum Richtplatz fuhr. Madame Du Barry war in ihrer Todesstunde bemitleidenswert. Sie schluchzte auf dem ganzen Wege, und die Menschenmenge hatte für die Unglückliche nur Hohn und Spott übrig. Als sie vor dem Modegeschäft vorüberfuhr, In dem sie einst selbst als kleine Modistin gearbeitet Tiere auf der Anklagebank Unter den berühmtesten Streichen der Schildbürger figuriert die Verurteilung eines Maulwurfes zum Tode; die. Strafe sollte dadurch eine «Verschärfung» erleiden, dass er lebendig begraben wurde. Man lächelt überlegen über einen so unwahrscheinlichen Witz — bis man erfährt, dass noch vor nicht allzulanger Zeit in Oklahoma eine diebische Katze durch Gerichtsbeschluss aus der Stadt verbannt und im Wald ausgesetzt worden ist. Nun beklagen sich die Jäger über einen auffallenden Rückgang des Bestandes an Holztauben, und die Katze wird, wenn sie sich noch einmal erwischen lässt, einer Anklage und Verurteilung wegen Wilddieberei wohl kaum entgehen. Denn tatsächlich gibt es noch in elf Staaten der U. S. A. Gesetze, die es zulassen, dass Tieren regelrecht der Prozess gemacht wird, und Richter, Gepfl. Haus In bester Lage gegenüber Hauptbahnhof. Im beliebten Stadtrestaurant zu Jedem Spezlalplättll einen offenen Spitzenwein. J. (Sauer. hatte, sah sie auf dem Balkon mehrere Arbeiterinnen stehen, die die Neugier herausgetrieben hatte, um ihre einstige Kollegin auf ihrem Leidenswege zu sehen. Vielleicht durchlebte Madame Du Barry noch einmal ihre ganze Vergangenheit in einer blitzartigen Erleuchtung. Ihre Jugend, Versailles, Luciennes, die Bilder eines ganzen Lebens glitten an ihr vorüber. Es war der Traum einer Sekunde, aus dem sie mit einem lauten Schrei auffuhr. Ihr durchdringendes, herzerbarmendes Schreien konnte man vom einen Ende der Rue Saint-Honore bis zum andern hören. Nur mit grösster Mühe vermochten der Scharfrichter und seine beiden Gehilfen die sich wahnsinnig gebärdende auf dem Karren festzuhalten. In ihrer Angst wollte sie sich auf das Pflaster stürzen. Ein von Tränen ersticktes Flehen folgte auf das Schreien. Die abgeschnittenen Haare hingen ihr bis in die Augen. Die Menge wunderte sich. Man war so sehr gewöhnt, die Menschen tapfer, ja sogar trotzig sterben zu sehen, dass zum ersten Male unter den Zuschauern das Gefühl erweckt wurde: In dieser Frau schleppt man ein Weib zum Tode! Unter Tränen rief die Unglückliche fortwährend! «Das Leben! Das Leben! Wenn mir das Leben geschenkt wird, gebe ich dem Volk mein ganzes Vermögen. > « Dein Vermögen? >, erscholl es aus der Menge, «Du gibst dem Volke ja nur, was ihm gehört!> Dennoch schien man mit dieser, um ihr kostbares Leben kämpfenden, schwachen Frau Mitleid zu empfinden. Ein Kohlenträger gab dem Kerl, der so zynisch einer armen Unglücklichen geantwortet hatte, eine kräftige Ohrfeige, und der Henker machte den unliebsamen Szenen dadurch ein Ende, dass er den Wagen mit den Todesopfern im Galopp davonfahren liess. Auf dem Richtplatz angekommen, liess er Madame Du Barry zuerst aussteigen. Sie war fast wahnsinnig vor Angst und Entsetzen. Nur noch wenige Minuten, und dann sollte für sie, die das Leben so sehr geliebt hatte, alles zu Ende sein. Schluchzend fiel sie vor dem Henker nieder und flehte und schrie: «Nur noch eine Minute, Herr Henker! Bitte, nur noch eine Minute!» Die Arme glaubte, er werde sich erweichen lassen. Und noch unter dem Beile schrie sie in Todesangst: « Hilfe, Hilfe!» Niemand konnte ihr helfen. Ihr Schicksal war durch die Ereignisse besiegelt. Einen Augenblick später war alles zu Ende. D. die feierliche Todesurteile gegen Tiere aussprechen. So hatte in Cincinnati ein kleines, sechsjähriges Mädchen eine Dogge gereizt, bis der Hund sich schliesslich auf das Kind stürzte und es zerfleischte. Bei uns wäre, wenn man die Gemeingefährlichkeit des Tieres erkannt hätte, der. Hund auf polizeiliche Anordnung erschossen worden. In Cincinnati kam es zu einem Prozess — vor einem Richter, mit Zeugen, Geschworenen, einem Staatsanwalt, einem Verteidiger, und einem nichtsahnenden Angeklagten. Der Staatsanwalt plädierte auf Todesstrafe, der Verteidiger bat um mildernde Umstände, das Gericht sprach den Hund schuldig, und er wurde zum Tode durch Vergiften verurteilt. — In Denver (Colorado] war es ein Papagei, der einen Rentier in den Finger gebissen hatte; der Rentier erlitt eine Blutvergiftung, der Papagei wurde nach hochnotpeinlichem Verhör, das durch die unsachlichen Einwürfe des sprachkundigen Vogels jeden Augenblick seinen Ernst einzubüssen drohte, zum Tode verurteilt. Im allgemeinen würde es weder einem Zeugen noch einem Zuschauer einfallen, während solch einer Verhandlung zu lachen oder gar auf das Unsinnige eines Prozesses gegen ein vernunftloses Tiere hinzuweisen. Ganz im Gegenteil: in Kensington (Ohio] hat ein Rechtsanwalt sogar angeregt, dass durch ein neues Gesetz die «Strafen» für Bissige Hunde wesentlich verschärft werden sollten. ^Jfoc/e sind die Voraussetzungen mancher einfacher Kleider, die als Garten- und Ausflugsausstattung gute Dienste leisten sollen. Muss man bei solchen Dingen überhaupt von einer besonderen «Mode-Form» sprechen? Gewiss nicht! Ein guter Schnitt, mit wenigen Nähten durchgeführt, ist eine bedeufend wichtigere Frage. Wie es scheint, ist die Mode zu Kompromissen entschlossen, denn sie diktiert nicht etwa strenge « dies » oder « das», sondern lässt alle erdenklichen Linien gelten. Sehr deutlich beobachten wir diese Grosszügigkeit in der Gegenüberstellung unserer beiden Waschkleider: im ersten Bilde erkennt man ein einfarbiges Prinzesskleid mit Stickereibahnen, die den Ausschnitt rahmen, die Mitte kennzeichnet und den unteren Rand betonen; die zweite Skizze lässt „Wie sieht denn Ihr Teppich aus?" «Sehen Sie sich doch nur mal meinen neuen Teppich an», klagt eine Hausfrau. «Drei Wochen habe ich ihn erst, behandle ihn so sorgfältig mit dem Staubsauger, und doch habe ich immer eine ganze Handvoll Wolle nach dem Kehren! Wenn das so weitergeht, ist der Teppich in einem halben Jahr kaputt I» - «ja, da haben Sie recht, aber Sie tragen dann selbst die Schuld. Ein neuer Teppich darf nämlich in den ersten drei Wochen überhaupt nicht mit dem Staubsauger oder einer scharfen Bürste behandelt werden! Jeder neue Teppich gibt in den ersten Wochen Wolle ab - das schadet aber gar nichts. Wenn man ihn vorsichtig behandelt, dann gibt sich das bald. Das Gewebe eines neuen Teppichs ist nämlich ganz trocken, und ehe es nicht genügend Feuchtigkeit aus der Umgebung angenommen hat, wird es immer Wolle verlieren! Der Staubsauger nimmt aber bei neuen Teppichen die kurzen Wollfasern weg und trocknet das Gewebe zu sehr aus. Die viele Wolle, die die Hausfrau in den ersten Tagen so erschreckt, sind abgeschorene Härchen, die sich zwischen die Noppen des Gewebes gesetzt haben und nun natürlich mit der Zeit herausgehen - ohne dass aber die Qualität des Teppichs leidet. Wenn z. B. in der Wohnung geheizt wird, muss man auch seinen Teppich besonders pflegen. Die trockene Hitze der Zentralheizung ist nämlich für das Teppichmaterial gar nicht zuträglich. Der Teppich trocknet zu sehr aus und das Gewebe wird locker. Da muss man der Luft den nötigen Feuchtigkeitsgehalt geben. Es genügt schon, wenn man an die Heizungen Tonröhren hängt, die Wasser zu verdunsten haben! Feuchtes Abbürsten ist dann nicht mehr nötig. «Warum hat der Teppich schon ein Loch?» fragt man erstaunt, denn die Hausfrau hat sich mit dem ein in seinem Oberteil blusig gezogenes, In der Rockpartie eingereihtes Kleid sehen, dem eine breite, mit einem Bändchen unterteilte Passe etwas sehr Anmutiges gibt. Schulterverbreiternde Flügel (2) werden — ebenso wie die kleinen «Ballönchen » (1) jedem anderen Aermel vorgezogen. Teppich grosse Mühe gegeben und ihn alle paar Tage gründlich geklopft. Aber daran liegt es ja gerade! Kein Teppich verträgt das viele Klopfen, weil sich nämlich davon die Fäden lösen. Sie brechen, werden mürbe, und schon ist das Loch dal Teppiche sollen mit dem Staubsauger oder, wenn man keinen besitzt, mit einem weichen Feger behandelt werden. Selbstverständlich darf immer nur in der Richtung des Striches gebürstet werden. Einmal im Jahr kann man den Teppich mit Sauerkraut abreiben, dje Farben werden dann wieder hell, auch leichtes Essigwasser ist dazu zu verwenden. Aber nur nicht öfter als einmal im Jahr, sonst verfilzt der Teppich, und man richtet nur Schaden an! Fettflecke auf dem Teppich entfernt man am besten mit Benzin. Natürlich muss man die nötige Vorsicht walten lassen. Im Herrenzimmer darf man auch zwei Stunden später nicht rauchen, wenn man den Teppich mit Benzin gereinigt hat, denn die Benzindämpfe halten sich noch mindestens zwei Stunden im Raum, auch wenn man sonst nichts davon spürt! Einen ganzen Teppich selbst zu reinigen, ist nicht anzuraten, das überlasse man besser dem Fachmann. Mit einer milden Seifenlösung kann man helle Teppiche wohl einmal auswaschen, aber meistens hält das nicht lange vor. Auf jeden Fall muss der Teppich völlig ausgetrocknet sein, ehe man ihn wieder hinlegt! Dunkle Teppiche kann man mit Panamarinde behandeln, aber vorsichtig, so dass das Grundgewebe nicht nass wird, weil sonst die Appretur herausgeht und der Teppich seine Festigkeit verliert. Rote Teppiche dürfen nie mit Essigwasser behandelt werden, man nimmt dazu kalten Tee! Aber vor allen Dingen: nicht zu viel Feuchtigkeit an den Teppich bringen l Behandelt man einen Teppich richtig, dann erfreut er uns viele Jahre - auch wenn er kein «echter Perser» ist. CAFE DES MÄRINS GENF, gut CutsTS-Sder 21 Gebackene Fitche und l»richffl»t, Hähneli am Spiess, Entrecote au Grill. S. Gnmaidias Telephon 44.988 wasserdicht, stoSsicher, Fr. 55.—, autom. Fr. 70. 1 — FISCHER Seefeldstraße 47, Zürich 8 Gstaad T. C. S. Restbek. Haus Im Zentr. der Ortschaft. Zlm. mit fliess. Wasser. Massige Preise. Solgn. Küche. Lebende Forellen. Garage. Parkpl. Tel. 48. 01. •urrl-Wüthrleh, Be». Gstaad Mühlehorn Bernerland Fliessendes Wasser. Zimmer Fr. 3.50 Gute Küche. Garage. Telephon 31 A. Wantz-Steinagger, Inh. Ostschweiz Hotel National Hotel Viktoria Gasthof zur Traube T. C. S. Gutgel. Haus am Fuss des Kerenzerberpes. Miss. Preise. Zimmer zu Fr. 2.50. Vorz. Küche. Gepfl. Weine. Saal. Schatt. Garten. 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N° 35 — DIENSTAG, 27. AUGUST 1940 AUTOMOBIL-REVUE 3Ji Sloboda ili Smrt = Freiheit oder Tod Herkunft, Aufbau und Zweck der Komitadji. Es war in Belgrad, wo wir am Abend mit dem Flugzeug aus Athen angekommen waren. Unser Pilot, ein junger kräftiger Serbe, hatte uns während dem Flug die Einrichtungen seines Schaltbrettes erklärt und uns gleichzeitig lie elementaren Kenntnisse des Fliegens bei- Sebracht. Da ausser uns Journalisten keine 'assagiere mitflogen und der zweite Pilot am -Steuer sass, konnten wir uns über allerhand Wissenswertes und Interessantes informieren, was man sonst nicht zu hören bekommt, insbesondere Dinge, die auch das «Presbiro» in Belgrad verschweigt, wenn ausländische Journalisten zu neugierig werden. Auf dem Flugfeld angelangt, verabschiedeten wir uns und setzten gleichzeitig einen Tag fest, an welchem wir zusammen ausgehen würden ... So kam es, dass wir an einem wunderschönen Augustabend in ein freundliches Gartenlokal, eine Kavala, ausserhalb der -Stadt fuhren, wo eine Kapelle slavische Lieder spielte. Einem ausgiebigen Essen folgte ein ebenso ausgiebiges Trinkgelage, und als die «Mariana», das Stadtlied von Belgrad, ertönte, waren wir schon so weit angeheitert, dass wir uns alle umarmten und Brüderlichkeit tranken, indem wir uns abküssten. «Wie heissest du zum Vornamen?» fragte ich meinen neuen Freund, und er anwortete mit einigem Pathos: «Vukac!» (D. h. Wolf.) Sterben nämlich einer Mutter viele Kinder, so wird dies dem bösen Einfluss des Werwolfes zugeschrieben. Um ihn zu besänftigen, nimmt man ihn zum Paten des Neugeborenen und das Kind erhält den Namen Wolf oder Wölfin. Bei-der-Geburt eines Mädchens wird_ einmal und bei der eines Sohnes dreimal gegen den Wald geschossen und dabei laut gerufen: «Höre Wolf, es ist dir ein Patenkind geboren. Gebe Gott, dass es gesund und stark bleibe wie du!» Wir hatten alle höflich dieser Erklärung zugehört und waren dabei, wie das so kommt, ein wenig stiller geworden. Plötzlich stand meine neuer Duzfreund auf und sang die Hymne der Komitadji, denen er, wie ich von früher wusste, auch angehörte. Ich erinnerte mich daran, dass er mir im Flugzeug einiges erzählt hatte, was nicht jeder zu hören bekommt, und so bat ich ihn, uns jetzt noch weitere Einzelheiten mitzuteilen, ein Ansinnen, dem er gerne nachkam und dem er nur die Bitte anschloss, seinen Namen nicht zu veröffentlichen, «weil ich für unsere Organisation noch nicht genug geleistet habe und daher nicht wert bin, irgendwelchen Ruhm zu ernten. Hunderte und Tausende haben bei uns Heldentaten vollbracht, für die Menschen in anderen Ländern Standbilder aus Granit und Bronze bekommen würden. In Jugoslavien kennt man zumeist nicht einmal den Namen ...» Die Geschichte der Organisation der Komitadji klingt wie ein Epos, obwohl der ursprüngliche Zweck rein privater Natur war und viel verwandte Züge mit der Privatrache in anderen Balkanländern und in Korsika gemeinsam hat. Es ist vorwegzunehmen, dass die Organisation noch heute besteht und vollständig ausgebaut ist. Als Mitte des vorigen Jahrhunderts die Türken im heutigen Jugoslavien herrschten und die Einwohner versklavten, Frauen und Töchter schändeten und Bauern von ihren Höfen vertrieben, kam es hin und wieder vor, dass ein Entehrter und ein Entrechteter zum Haiduk wurde und in den Wald floh. «Der Wald!» Er ist das Alpha und das Omega jeder slavischen Erzählung, aller Märchen und aller Sitten. Aus dem Wald kommt die Fruchtbarkeit, der Wald schützt die Dörfer, im Wald wohnen die guten Geister, und deshalb flieht man in den Wald, wenn man Hilfe und Rettung sucht. Diese Ausgestossenen, die «Waldräuber», hatten nur ein Ziel: Rache an den Türken zu nehmen und sich für das erlittene Unrecht schadlos zu halten. Der Wald war ihre Wohnung geworden. Sie hausten dort und hatten als einzigen Schutz ihre immer schussbereiten Flinten, Nahrung aber legten ihnen ihre Freunde zu im voraus -bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten nieder. Im Laufe der Wochen und Monate häuften sich die Greuel der türkischen Insurgenten, und immer mehr Haiduken gingen in den Wald, wo sie sich zusammenschlössen und einen Anführer wählten. Jetzt nannten sie sich Komitadji, das heisst weiterbauen ! aufbauen! in wörtlicher Uebersetzung: «Weg von der Gesellschaft.» Sie organisierten Ueberfälle auf Dörfer, die von den Türken besetzt gehalten wurden, schössen, wo ein roter Fez auftauchte und trafen zumeist vorzüglich. Jahre vergingen und die Organisation wurde stärker. Beinahe hatte man schon das alte Ziel des Privathasses vergessen, und der Kampf begann sich gegen jede Art der Unterdrückung und der Fremdherrschaft zu wenden, ein Gebiet, wo es schon damals bis in unsere Tage allerhand zu regeln gab, wenn auch heute das Kampfbeil zwischen den beiden innigsten Gegnern, den bulgarischen und den jugoslavischen Komitadji, begraben ist. Der bulgaro-jugoslavische Freundschaftspakt, der am 23. Januar 1937 zwischen dem damaligen jugoslavischen Ministerpräsidenten Stojadinovic und dem bulgarischen Ministerpräsidenten Kjosseiwanoff ratifiziert wurde, hat nach aussen hin der Tätigkeit der Komitadji ein Ende bereitet. Nach diesem Vertrag wird zwischen Bulgarien und Jugoslavien unverletzlicher Friede und ewige Freundschaft herrschen, Von Mazedonien wurde damals wenig gesprochen .., Dieser Landstrich im Süden gehört heute grösstenteils zu Jugoslavien und seine Bewohner fühlen sich als Slaven. Der beste Beweis dafür ist, dass sie und die Serben als einzige Völkergruppen im Balkan Krsna Slava, das jugoslavische Familienfest, kennen, das auf uralte heidnische Bräuche zurückgeht, Was wollen die Komitadji? Ihre Losung ist «Freiheit», Ihre Fahne ein Totenkopf mit zwei gekreuzten Knochen auf schwarzem Grund. Ihre Tätigkeit richtet sich gegen jeden Feind des Landes, wo immer er sich befindet. Es sind also gewisse Züge, die an die mittelalterliche Feme erinnern. Allerdings haben die Komitadji keinerlei persönlichen Gewinn, sondern handeln einzig und allein, um ihrem Vaterland zu nützen. Sie sind keine Nationalisten, sondern Patrioten, die einen heiligen Ehrenkodex kennen. Wer ihn verletzt, stirbt, wie jeder andere Feind des Vaterlandes. Die Tradition hat hier Wunder vollbracht und die Fähigkeit des treffsicheren Schiessens vererbt sich vom Vater auf den Sohn oder auf die Tochter. Kleine Kinder spielen Komitadji und der heisse Wunsch des Jünglings ist es, sich würdig zu erweisen, in die Organisation aufgenommen zu werden. «Wieviel Komitadji gibt es in Jugoslavien?» fragte ich. «Das ist unmöglich zu sagen, weil wir keine Mitgliederlisten haben. Im Notfall jedoch werdendes 16 Millionen sein, d. h. ebensoviele als unser Land Einwohner hat.» Der heutige Chef ist Vojvod Petschanac, der schon in der Hauptblütezeit von 1905—1914 tätig war und die Organisation von 1918 bis zum heutigen Tage leitete. Von ihm wird ein tolles Stück erzählt. Als nämlich im letzten Krieg die österreichischen Armeen einmarschierten, um das Land zu besetzen, war es bekannt geworden, dass sich mitten im besetzten Teil auf einem Gebiet von etwa 20 Quadratkilometern, Komitadji befanden, die zum äussersten Widerstand entschlossen, jedoch nicht organisiert waren. Petschanac bestieg ein Flugzeug, dessen Pilot ebenfalls der Organisation angehörte und landete auf jenem Flecken, der 'nicht aufgegeben werden durfte. Und in der Tat gelang es den österreichischen Divisionen nicht, dieses zumeist von Wald bestandene Gebiet einzunehmen. Zur selben Zeit hatten andere Komitadji im Süden des Landes gegen eine überwältigende Mehrheit von Feinden zu kämpfen. Langsam zogen sie sich auf eine kleine Anhöhe zurück und machten ihre letzten Patronen zurecht. Die Bomben trugen sie in den Taschen, bereit, sie dem Feind entgegenzuschleudern, wenn die Munition nicht ausreichen sollte. Schliesslich wurde der Kampf aussichtslos, da von der Gruppe von 130 Männern noch 12 übrig geblieben waren, von denen der jüngste 14 Jahre zählte. Sie bildeten nun einen Kreis, wobei der Jüngling in der Mitte stand. Dann beteten sie ein Vaterunser und steckten die Köpfe zusammen. Als sie geendet hatten, nahm der Junge den Zündkopf seiner letzten Bombe zwischen die Zähne und — es blieben 12 Leichen am Platz. Denn schändlich ist es, sich dem Feind zu übergeben, wenn man noch die Möglichkeit hat, vorher zu sterben. der Serbe seinem Gegner auf den Kopf zusagte, was für ein Gespräch er verbreitet habe, «Ist das wahr?», fragte der Obmann, Der andere bejahte. «Dann erschiess ihn, denn er ist ein Hund!» Der Serbe tat es, verliess das Lokal und das Dorf auf der Mitte der Strasse. Keine Hand hob sich gegen ihn. Diese wilde und ungestüme Art einer Abrechnung zeugt von einer Ritterlichkeit, die wir im übrigen Europa kaum kennen, aber auch von einem Heroismus, zu dem der «zivilisierte» Mensch nicht mehr ohne weiteres fähig ist. Einen weiteren Beweis unerhörter Willensstärke bildet die Geschichte des Serben Krstitsch, der von den Türken gefangen genommen und zu lebenslänglichem Zuchthaus verurteilt worden war, weil er als serbischer Komitadji gegen die Bulgaren gekämpft hatte, obwohl er angeblich bulgarischer Abstammung war. Nachdem er die ersten 10 Jahre verbüsst hatte, führte man ihn vor den Kadi, der ihm die Freiheit versprach, wenn er seinen Namen von Krstitsch in Krstof umwandle. (D, h, Bulgare werde, da «itsch» die serbische, «of» 'aber die bulgarische Form des Namens bildet.) Der Serbe antwortete nicht, sondern gab seinen Wärtern ein Zeichen, ihn in die Zelle zurückzubringen, wo er schliesslich starb. Unsere Mentalität hätte uns -vielleicht geraten, für einen Moment den Namen zu wechseln, da man als freier Mensch den Kampf gegen die Unterdrücker wieder aufnehmen kann, als Leiche jedoch niemandem nützt. Der Serbe aber kannte nur das Ziel, seine persönliche Ehre, die Ehre seiner Familie und die seiner Organisation zu retten. Denn auf Lebenszeit hinaus hätte man ihm vorgehalten, durch lügnerische Machenschaften die Freiheit erlangt zu haben. Komitadji kann jeder werden, der sich einer Prüfung unterzieht und sie bestanden hat. Die Tracht besteht aus einem serbischen Bauernkostüm. Es gibt keine Parolen, keine geschriebenen Mitteilungen und keine Korrespondenz, Befehle werden mündlich erteilt und müssen innert bestimmter Frist ausgeführt sein, da sonst der Betreffende sein eigenes Leben verwirkt. Heute umfasst die Organisation Bauern, Professoren, Militärs, Diplomaten und Handwerker, die auf Lebzeiten Mitglied bleiben, 1 aber nur während einer bestimmten Zeit (zumeist 2 Jahre) aktiv arbeiten. Während dieser Zeit bekommen sie keine finanziellen Leistungen, da die Organisation über keine Kasse verfügt, sondern sie werden, sofern sie auf dem Land arbeiten, in jedem Dorf mit Freuden von den Bauern aufgenommen, Freiheit oder Tod heisst die Losung, die noch heute wie vor 100 Jahren gilt und die von jedem Neueintretenden beschworen wird, Eines Tages war einem serbischen Komitadji hinterbracht worden, dass im feindlichen welcher eine Pistole und ein kurzes Jagd- indem seine Hand eine Bibel berührt, auf Lager einer behauptet habe, diesen Serben in messer im Zeichen des Kreuzes übereinander seiner Gewalt gehabt, ihn aber dann laufen liegen. Wer einmal aufgenommen wurde, bleibt gelassen habe, weil er um sein Leben gewinselt hätte. Ein solcher Kerl sei nicht einmal hat den Befehl, der ihm zukommt, auszufüh- sein Leben lang an den Schwur gebunden und würdig, den männlichen Tod des Erschiessens zu sterben. Der Serbe forschte nach und amerika befinde. ren, ob er sich in Serbien oder in Zentral- erfuhr schliesslich nach Monaten, in welchem Dies ist die Organisation, die illegale und Dorf der Feind wohnte. Trotz des heftigsten doch anerkannte Privatarmee eines freien Abratens seiner Freunde, die ihn für verrückt Volkes, gegen welche keine Regierung vorgehen wird, da in ihr der Bestand des Staates erklärten, ging er am hellichten Tag über die Grenze und suchte seinen Mann. Im Dorf angelangt, wandte er sich an den Obmann der garantiert liegt. feindlichen Komitadji und erzählte ihm, was vorgefallen sei. Dieser berief seine Gefolgsmänner zu einer Versammlung ein, an welcher Nachdruck, auch auszugsweise, Copyright by Universum Press. verboten.