Kristallklar - Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung

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Kristallklar - Zweckverband Bodensee-Wasserversorgung

KRISTALLKLAR

Heft 105 | 2012 | Region westlicher Bodensee

MAGAZIN DER BODENSEE-WASSERVERSORGUNG


Editorial

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

Bodensee – das klingt nach Sommer,

Sonne, am Wasser sitzen und den Wellen hin -

ter her sehen. Wir möchten Sie in diesem Heft

mit nehmen an das westliche Ende des größten

Binnengewässers Deutschlands, an den fjord -

ähn lichen Überlinger See mit seinen steilen

Ufern und an den lieblichen Untersee mit seinen

Inseln und Kulturschätzen.

Der Bodensee ist ein wertvoller Teil Baden-

Württembergs. Um ihn zu schützen, müssen wir

so gut wie möglich über ihn Bescheid wissen.

Ausgewiesene Kenner des Sees sind die Mit ar -

beiter des Instituts für Seenforschung in

Langenargen, die wir über ihre Arbeit befragt

haben. Der Artikel über „BodenseeOnline“ gibt

ebenfalls Einblick in unbekannte Vorgänge im

See.

Der Bodensee ist auch die Heimat von Juliane

Hempel und Alexandra Lang. Die eine konstruiert

exklusive Segelyachten, Jollen und manchmal

auch Motorboote für den Bodensee und

andere Gewässer. Die andere ist Meisterin sü -

ßer Nachtische. Zudem stellen wir Ihnen die

Vo gelwarte Radolfzell vor, die nicht nur Vögel

beobachtet, und die Kirche St. Georg, ein be -

sonderes Juwel der Insel Reichenau. Freiherr von

Bodman hat uns einen Einblick gewährt in die

vielen Bereiche seines traditionsreichen Fa mi -

lien betriebs und unsere Azubis in die vielen

Aus bildungsmöglichkeiten bei der Bodensee-

Wasserversorgung.

Wir wünschen viel Vergnügen beim gedanklichen

Ausflug an den Bodensee.

Michael Stäb ler

Kaufmännischer Geschäftsführer

Prof. Dr. Hans Mehlhorn

Technischer Geschäftsführer

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

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Inhalt

Trinkwasserreservoir, Freizeitparadies, Verkehrsweg

Sie wissen viel, aber kennen noch längst nicht alles

Wellen, Wind und Sonne liefern wichtige Daten

Das Schönste gibt’s zum Schluss

Weltkulturerbe Insel Reichenau

Nachrichten

Veranstaltungen und Feste

Vom Stapel, nicht von der Stange

Aus Stahl wird fließendes Wasser

Verwunschen, verwachsen, verzaubert

Der Nase nach immer nach Süden

Die einen rechnen und schreiben,

die anderen schrauben und reparieren

Zwischen Tradition und Vision

Auf einen Blick

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Bodensee

Trinkwasserreservoir, Freizeitparadies, Verkehrsweg

In den Städten und Gemeinden

am größten See Deutschlands leben

rund eine Million Menschen. An seinen

Ufern finden sich Naturschutzgebiete,

die unzähligen Tier- und Pflan zen ar -

ten Versteck und Nahrung bieten. Er

ist Freizeitparadies und Urlaubs at trak -

tion. Aber nicht nur. Der Bodensee ist

das größte Trink was ser re servoir Eu ro -

pas und ein wahrer Glücks fall für Ba -

den-Württemberg.

Das Wasser des Bodensees ist von bes -

ter Qualität, klar und sauber. Das war

nicht immer so, und es bedarf großer

Anstrengungen, damit die heutige

gu te Wasserqualität so bleibt. Aus den

meist unbesiedelten Höhenlagen der

Alpen strömen gewaltige Mengen sehr

sauberen Gebirgswasser in den See.

Über 200 Flüsse und Bäche sorgen für

einen niemals endenden Strom, der den

Bodensee speist. Dabei hat der Alpen -

rhein den weitaus größten Anteil. Ins -

gesamt 11,5 Milliarden Kubikmeter

4 Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

Der Bodensee wird von vielen genutzt – und von vielen geschützt

Was ser fließen jährlich in den Bo den see.

Durch seine große Tiefe von 254 Meter

kann der Bodensee eine stabile Schich -

tung ausbilden. Kaltes Wasser ist

schwe rer als warmes Wasser. Die meis -

te Zeit des Jahres ist die obere, lichtdurchflutete

Schicht wärmer als das

darunter liegende Tiefenwasser. Diese

Schichtung ist für Schadstoffe eine

un durchdringliche Barriere; sie können

daher praktisch nicht die Tiefe und da -

mit auch nicht zu den Trink was ser ent -

nahmestellen absinken.

Am Ende des Winters ist die obere

Schicht soweit abgekühlt, dass das Was -

ser im See nahezu durchgehend ei ne

Tem pe ra tur von etwa vier Grad Celsius

aufweist. Die Frühjahrsstürme bringen

dann Bewegung in den See, er wird um -

gewälzt. Bei dieser Zirkulation wird

sau erstoffreiches Wasser aus den oberen

Schichten in die Tiefe getragen, ein

wichtiger Vorgang, um dem See seine

sehr gute Wasserqualität zu erhalten.

Die dichte Besiedlung am See, Pro duk -

tions stätten, Ge sund heits ein rich tun gen

und Verkehr bringen Belastungen für

das Gewässer. Nahezu alle Abwässer

wer den sorgfältig in modernsten Klär -

an lagen gereinigt, bevor sie dem See

zu geleitet werden. Mit ausgeklügelten

Messmethoden können kleinste Spu ren

unseres modernen Alltags im See nachgewiesen

werden.

Zur Reinhaltung des Sees ist der Ge -

wäs serschutz bereits im Was ser ein zugs -

gebiet des Bodensees von großer Be -

deutung. Natürliche Flussläufe, ge -

schützte Gebiete, Überwachung der

Schutzbestimmungen und regelmäßige,

strenge Kontrollen der Ge wäs ser qua -

lität sind unabdingbare Vor aus setz un -

gen hierfür. Es ist ein Segen für den

See, dass alle Anrainerstaaten, das sind

die Schweiz, Österreich, Liech ten stein,

und in Deutschland der Freistaat Bay -

ern und das Land Baden-Würt tem berg,

an einem Strang ziehen.

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Wasserqualität

Niemand kennt den Bodensee besser

als sie: Seit über 90 Jahren beobachten

und untersuchen die Exper -

ten des Instituts für Seenforschung

(ISF) der LUBW (Landesanstalt für

Umwelt, Messungen und Natur -

schutz Baden-Württemberg) in Lan -

genargen den Zustand des Boden -

sees, seiner Zuflüsse und der weiteren

mehr als 4.000 natürlichen Seen

in Baden-Württemberg.

Sie schätzen zum Beispiel die Ge -

fah ren ein, die die Uferzonen oder

die Was ser qualität bedrohen, und

un tersuchen das komplexe Öko sys -

tem. Mit den von ihnen erhobenen

Langzeit be obachtungen und durchgeführten

Projekten liefern sie der

Politik die Grundlage, um wichtige

Entschei dun gen zu treffen wie zum

Beispiel neue Gewässer schutz maß -

nahmen.

Das ISF wurde 1920 gegründet.

Warum?

Es gab damals einen „Verein für Seen -

forschung und Seenbewirtschaf tung“;

d.h. man hat sich zu dieser Zeit schon

Gedanken gemacht, warum es jedes

Jahr unterschiedliche Fanger ge bnisse

gibt (ich kann Ihnen verraten, das weiß

man bis heute nicht). Letzt endlich hoff-

Sie wissen viel, aber kennen noch längst nicht alles

Die Forscher in Langenargen sind die Hüter des Bodensees

Dr. Gerd Schröder

Interview mit Dr. Gerd Schröder, Leiter des Instituts für Seenforschung (ISF) der LUBW

te man sagen zu können, nächstes Jahr

gibt es ein gutes Fisch jahr – oder

nicht.

Am Genfer See ist Professor Forel zu

Beginn des letzten Jahrhunderts der

Frage nachgegangen, wie funktioniert

so ein See, welche Strömungen treten

auf, welche Nahrungsketten sind vorhanden,

wie ist alles miteinander verwoben.

Das wollte man auch am Bo -

densee haben.

Welche Themen standen am Anfang

im Mittelpunkt?

Das Thema Umweltschutz war zu -

nächst überhaupt kein Thema. Der

Bodensee war in den ersten Jahr zehn -

ten nach Gründung des Instituts, was

den Nährstoffgehalt angeht, ex trem

nähr stoffarm. Im Gegenteil, das Ins ti -

tut hat sich sogar Gedanken gemacht,

wie man den See düngen könnte. Der

Münchener Wissenschaftler Professor

Demoll machte den ernst gemeinten

Vorschlag, spezielle Düngeschiffe zu

konstruieren, um Gülle aufzunehmen,

und den See damit zu düngen.

Man wusste allerdings damals schon

sehr wohl, dass ein Bestandteil der

Gül le, also im Wesentlichen der Phos -

phor, für das Wachstum der Algen ein

wichtiger Faktor ist. Nur hat man das

damals anders gesehen und gesagt,

man will dem See was Gutes tun.

Wenn es mehr Algen gibt, dann gibt’s

mehr Wasserflöhe, und dann gibt’s

mehr Fische. Durch die zunehmende

Besiedlung kam es tatsächlich zu einer

Überdüngung des Sees, was ja in der

Nachkriegsphase diese großen Proble -

me bereitet hat. Was damals als positiver

Impuls gedacht worden war, kam

dann als schlechte Geschichte tatsächlich

auf den See zu.

Wie sieht die Bilanz nach 90

Jahren Bestehen des Instituts aus?

Wir haben mitgewirkt, diesen See zu

erforschen und zu erkunden. Er gilt als

einer der am besten untersuchten

Seen, die wir kennen. Wir können auch

vieles aus den Langzeituntersu chun -

gen nutzen. Wir haben zum Beispiel

ein kleines Projekt, bei dem wir die

nächsten drei Jahren modellieren

möch ten: Was passiert, wenn es tatsächlich

zu weiteren Erwärmungen

kommt? Dabei können wir auf Lang -

zeitdaten zurückgreifen, die uns helfen,

so etwas einigermaßen realistisch

zu berechnen. Noch etwas schwierig

ist es, die Ergebnisse einzuordnen.

Welche Auffälligkeiten gibt es

im Zeitraum dieser 90 Jahre?

Was man auf jeden Fall sagen kann,

ist, dass sich das Seewasser ähnlich

wie auch die Luft erwärmt, aber nicht

ganz so stark. Wir haben nur 0,03 Grad

pro Jahr für die vergangenen vier

Jahr zehnte gemessen, aber wir haben

festgestellt, dass das sowohl an der

Oberfläche als auch im Tiefenbereich

stattfindet. Das sagt natürlich noch

nichts über die Ursachen.

Ebenfalls lässt sich feststellen, dass seit

etwa 20 Jah ren der Bodensee immer

weniger die jährliche Durchmischung

schafft. Nor malerweise wird einmal im

Jahr das Wasser so kalt, dass es im

Frühjahr zu einem Temperaturaus gleich

kommt und kaltes, sauerstoffreiches

Ober flä chenwasser nach unten abtauchen

kann. Wichtig dabei ist, dass

auch in den tiefen Schichten im See

Sauer stoff ankommt. Genau dies funktioniert

seit Jahren nicht mehr alljährlich,

oder aber der Austausch findet

nur unvollständig bis zu einer Was -

sertiefe von 150 bis 200 Metern statt.

Müssen wir uns wegen der

Arzneimittelrückstände im Wasser

Sorgen machen?

Der Arzneimittelverbrauch steigt leider

immer noch, was auch nicht weiter

verwundert. Die Menschen werden äl -

ter, und mit zunehmendem Alter kommen

gesundheitliche Probleme, die mit

Arzneimitteln sehr gut behandelbar

sind. An die Umwelt wird da leider noch

wenig gedacht.

Wir wissen, dass es Stoffe gibt, die sich

auf Organismen auswirken, und wir

wissen auch, dass die da sind. Baden-

Württemberg hat sich entschieden,

ei nige Kläranlagen mit zusätzlichen Aktiv

kohlefiltern auszustatten, um die se

Stoffe aus dem Wasser herauszuholen.

Wir müssen sehen, was wir da mit erreichen

können.

Was sind die wichtigsten Themen

für die Zukunft?

Ich denke, der Klimawandel bleibt uns

erhalten. Ich denke auch, dass die Öko -

toxikologie-Effekte, also z.B. langzeitige

Auswirkungen von anthropogenen

Spurenstoffen auf die Biosphä re

und damit letztendlich auch auf den

Menschen, uns sehr beschäftigen werden.

Hinzu kommen die Strukturprobleme,

die der Bodensee hat. Über die Hälfte

des Ufers ist vom Menschen überformt,

also naturfern. Wenn Sie sich

zum Beispiel ein Ufer im Bereich unserer

Städte und Ortschaften ansehen,

da haben Sie nicht nur Häfen, da gibt

es auch z.T. großflächige Beton ram -

pen. Sie haben alles Mögliche dort,

nur keinen ursprünglichen Pflan zen -

bestand und kein natürliches Ufer mit

Durchgängigkeit. Dadurch haben beispielsweise

Amphibien, die sowohl an

Land als auch im Wasser sind, keinen

Lebensraum mehr. Wir Menschen ha -

ben da schon sehr viel verändert –

wahrscheinlich nicht immer positiv.

6 Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

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Wissenschaft

Wellen, Wind und Sonne

liefern wichtige Daten

Das Projekt BodenseeOnline dient der Vorhersage von Störfällen

Das riesige Becken des Bodensees

wird von gewaltigen Mengen Wasser

durchströmt. Die großen und kleinen

Zu flüsse, der Wind und die unterschiedlichen

Temperaturen von Wasser und

Luft haben Einfluss auf die Ström un -

gen im See und ändern diese ständig.

Dank modernster Technik ist es heute

möglich, Vorgänge im See abzubilden,

die für das Auge nicht sichtbar sind.

Nicht nur für die Wasserversorgung

und die Gemeinden, sondern auch für

die Schifffahrt, die Wasser schutz po li -

zei, Fischer oder Segler ist die an schauliche

Auswertung dieser Infor ma tio -

nen von Interesse.

Die Messdaten kommen laufend aus

ver schiedenen Einrichtungen und Or -

ga nisationen. So liefert beispielsweise

der Deutsche Wetterdienst die An ga -

ben zu Lufttemperatur, Windrichtung

und Windgeschwindigkeit. Die Wasser -

werke speisen Daten über die In halts -

stoffe des Wassers in den zentralen

Rechner ein, und die Messstationen an

den Flussmündungen übermitteln die

genauen Zuflussmengen zum See. All

diese Informationen liefern ein genau-

es Bild über die Abläufe im See. Ähn -

lich dem Vorgehen bei der Wetter vor -

hersage kann mit „BodenseeOnline“

ei ne Prognose erstellt werden, wie sich

die Vorgänge im See in den nächsten

drei Tagen entwickeln werden. Der

Nutzen liegt auf der Hand. Vor al lem

der Katastrophenschutz, die Schiff fahrt

und die Wasserversorgung profitieren

von diesen Prognosen.

Die Belange der Wasserversorgung am

Bodensee waren überhaupt der wichtigste

Aspekt bei der Entwicklung von

BodenseeOnline“. Es gibt 16 Wasser -

wer ke rund um den Bodensee, die insgesamt

5,5 Millionen Menschen in

Deutschland und der Schweiz mit

Trinkwasser versorgen. Um das See was -

ser zu bestem Trink wasser aufzubereiten,

müssen die Was ser versorger die In -

halts stoffe des Was sers genau kennen.

Bei einem Eintrag von unerwünschten

Stoffen in den See kann heute mit

BodenseeOnline“ be rechnet werden, ob

eine Ge fähr dung für die Was ser ent -

nah mestelle besteht. Die Kenntnis

hier über ermöglicht es den Was ser wer -

ken, angemessen zu rea gieren.

Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für

die Anwendung solcher Prognosen. So

werden bei heftigen Gewittern in den

Alpen oft große Mengen von Treibholz

in den See geschwemmt. Die Schiff -

fahrt kann mit entsprechenden Vor -

her sagen über die Bewegungen der

Treib holzfelder auf dem See ihre Rou -

ten anpassen und Schäden an den

Schif fen vermeiden. In einem anderen

Fall konnte mit Hilfe dieser Be rech -

nun gen die Wasserschutzpolizei eine

Mo toryacht bergen lassen, ohne eine

in der Nähe befindliche Ent nah me stel -

le für Trinkwasser zu gefährden.

Werfen Sie selbst einen Blick auf die

Prognosen von „BodenseeOnline“:

www.bodenseeonline.de

Der Bodensee:

Fläche: 536 Quadratkilometer

Länge: 63 Kilometer

Breite: 14 Kilometer

Tiefe: 254 Meter

Inhalt: 50 Kubikkilometer

Zufluss im Mittel: 360 Kubikmeter pro Sek.

8 Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

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Kulinarisches

Das Schönste gibt’s zum Schluss

Alexandra Lang aus Meersburg zaubert preisgekrönte Desserts

Mit 25 war sie die Beste ihres

Fachs in Deutschland. Heute ist sie 27

und staunt noch immer darüber, wie

das passieren konnte: 2010 wurde

Alexandra Lang aus Meersburg als erste

Frau mit dem vom Schlemmer Atlas

verliehenen Titel „Pâtissier des Jahres“

ausgezeichnet. Ein Traum sei das schon

gewesen, bekennt die gelernte Konditorin,

aber damit gerechnet habe sie

nicht. Die Tester, die vor Ort ihre

Kreationen probiert und bewertet hatten,

kennt sie bis heute nicht. Irgendwann

erhielt sie einen Anruf, dass sie

in der engeren Wahl sei, bald danach

flatterte ein Brief mit der Auszeichnung

ins Haus. „Diesen Tag hätte nichts

vermiesen können“, freut sich Alexandra

Lang noch heute.

Der Titel zieht natürlich viele Genießer

an. „Hin und wieder kommen Gäste,

die nur ein Dessert essen möchten.

Darüber freue ich mich natürlich sehr.“

Zumal das Romantik Hotel Residenz am

See, in das sie vor drei Jahren zurückgekehrt

ist, über zwei Restaurants mit

ausgezeichneter Küche verfügt: Das

Residenz-Restaurant mit regionaler

Küche und das mit einem Michelin-

Stern gekürte Gourmet-Restaurant

Casala. Vor 17 Jahren hatten die Eltern

von Alexandra Lang das Haus übernommen.

Schon als kleines Kind war

sie häufig in der Küche, weniger an den

Kochtöpfen – den Fisch- und Fleischgeruch

am Morgen mochte sie nicht –,

sondern beim damaligen Pâtissier. Der

stellte sie auf einen Stuhl und ließ sie

zuschauen. Vermutlich war er schuld,

dass sie nach ihrem Schulabschluss

eine Ausbildung als Konditorin in Fried -

richshafen begann.

Schokolade ist ein Muss

Irgendwann möchte sie ihr „eigenes

Ding“ machen, vielleicht ein Café oder

ein Bistro, auch wenn das ein wenig

von dem abweicht, was sie gerade

macht und was ihr Spaß macht. Denn

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als Chef-Pâtissier im elterlichen Betrieb

ist sie vor allem für die Desserts in den

beiden Restaurants verantwortlich.

Natürlich gebe es auch täglich drei bis

fünf Kuchen, aber ihr Metier sieht sie

nicht im Backen, auch wenn die französische

„Pâtisserie“ meist mit Konditorei

übersetzt wird. In reinen Speiserestaurants

ist der Pâtissier zuständig

für die Herstellung von Desserts, Pralinen

und Petit Fours. Für die zwei Restaurants

im Haus kreiert Alexandra Lang

je vier Desserts. Immer dabei sein muss

eins mit Schokolade und ein warmes.

Eine Ausbildung zum Pâtissier gibt es

in Deutschland noch nicht. Viele machen

zunächst eine Kochausbildung mit

dem Schwerpunkt Pâtisserie. Fachwissen

und Können erwerben sich die

meis ten dann in gehobenen Restaurants

oder durch Fort- und Weiterbildungen.

Auch Alexandra Lang schaute nach ih -

rer Ausbildung einigen Meistern über die

Schulter wie zum Beispiel in der Traube

Tonbach bei Harald Wohl fahrt, dem besten

Koch Deutschlands, in Baiers bronn.

Als Chef-Pâtissier ar bei tete sie dann in

der Wie landshöhe von Vincent Klink in

Stuttgart und im Schlosshotel Velden

am Wörthersee.

Arbeit im Millimeterbereich

„In der Traube Tonbach wurde mir ordentlich

auf die Finger geklopft“, lacht

Alexandra Lang. Heute ist sie dankbar,

dass der Chef der Pâtisserie Pierre

Lingelser nicht zimperlich war. „Er ist

ein absoluter Perfektionist.“ Bei ihm

lern te sie präzise zu arbeiten und auf

den Millimeter zu achten. Wichtig sei

natürlich auch eine gehörige Portion

Geduld, damit die süßen Kunstwerke ge -

lingen. Daher rät sie auch jedem Laien:

Üben und Ausdauer zeigen. Denn zu

Hause ist es nicht anders wie in einem

Spitzenrestaurant. Das Dessert ist der

wichtigste Gang des Essens und als

letzter bleibt er im Gedächtnis haften.

www.hotel-residenz-meersburg.com

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

Große Fingerfertigkeit und viel

Phantasie sind nötig, um solche

süßen Kunstwerke zu schaffen.

Der Lohn: Für ihre exquisiten

Desserts wurde die Meers bur gerin

Alexandra Lang 2010 zum

„Pâtissier des Jahres” gekürt


Kultur

Großes Bild: Die einzigartigen

Wandmalereien und Ornament bänder

der St. Georgskirche gelten als Haupt -

zeugnisse des Klosters Reichenau und

bilden die älteste erhaltene Kirch -

ausmalung nördlich der Alpen

Kleines Bild: Die romanische

Basilika gehört zum Weltkulturerbe

„Klosterinsel Reichenau“

Mit dem Bau eines Dammes hat

Reichenau zwar 1838 sein Inseldasein

aufgeben, dennoch betritt der Be su cher

auch heute noch eine andere Welt:

Obst- und Gemüseanbauflächen, Ge -

wächshäuser und Weinreben erzeugen

ein beschauliches Bild, das durch weit

verstreut liegende Höfe, kleine Orts -

teile und viele Kulturdenkmäler unterbrochen

wird.

Im Jahr 2000 wurde die „Klosterinsel

Reichenau“ in die Welterbeliste der

UNESCO aufgenommen als „ein herausragendes

Zeugnis der religiösen und

kulturellen Rolle eines großen Be ne -

dik tinerordens im Mittelalter“. Neben

mehreren Bauwerken des ehemaligen

Benediktinerklosters aus dem Jahr 724

waren vor allem drei romanische Kir -

chen Grund für die Aus zeichnung.

Ein besonderes Kleinod ist die Basilika

St. Georg in Reichenau-Oberzell. Sie

ent stand Ende des 9. Jahrhunderts

aller Wahrscheinlichkeit nach, um ei -

nige Reliquien des Märtyrers und

Schutzpatrons aufzubewahren. Die

Wand malereien an den Längsseiten er -

zählen in großen Bildtafeln von den

Wundertaten Christi und sind der

wert vollste Teil der spätkarolingischen

Georgskirche. In den Zwickeln zwischen

den Arkaden sind Medaillons

mit Bildern der Äbte und zwischen den

Fenstern Apostelfiguren zu sehen. Die

Malereien wurden zwischen 1982 und

1990 aufwendig restauriert.

www.reichenau.de

Weltkulturerbe

Insel Reichenau

Die Kirche St. Georg ist ein besonderer Schatz

12 Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

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Nachrichten

Wasserentnahme wird besser geschützt Neuer technischer Geschäftsführer

Zum Schutz der See wasser ent -

nahme der Bodensee-Wasser ver sorg ung

haben das Landesministerium für Ver -

kehr und Infrastruktur sowie das Land -

ratsamt Bo denseekreis eine Ver ord -

nung erlassen, die seit dem 26. Januar

2012 in Kraft ist.

Im Oktober 2005 hatte ein unbekannter

Täter Kanister mit Pflanzen schutz -

mit tel bei der Seeentnahmestelle der

Bo densee-Wasserversorgung versenkt.

Die Bodensee-Wasserversorgung hatte

als Reaktion auf diesen Anschlag einen

entsprechenden Antrag gestellt. Da so -

wohl der Bodensee als auch seine Ufer

Bereiche sind, die von vielen Men -

schen unterschiedlich genutzt werden,

musste ein Kompromiss gefunden werden,

der sowohl den Schutzzweck als

auch die Nutzung des Überlinger Sees

als Nah erholungsraum und Erwerbs -

grund lage nicht zu stark einschränkt.

Dies ge lang dem Landratsamt Bo den -

see kreis und dem Ministerium, die Ge -

spräche mit allen Be tei lig ten führte.

Mit dieser Ver ord nung ist ein weiterer

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wichtiger Mei len stein erreicht worden,

das hohe Maß an Versorgungssicherheit

der Bodensee-Was ser ver sorgung weiter

zu steigern.

Entsprechend der Verordnung ist es ver -

boten, sich in die Schutzzone hinein -

zu begeben und dort aufzuhalten, sie zu

be fahren, dort zu baden oder zu tau -

chen. Für bestimmte Nutzer grup pen

(z.B. Berufsfischer oder organisier te Ru-

Experte der Bodensee-Wasserversorgung berät in China

Nachdem ein Unbekannter 2005

zwei Kanister mit Pflan zen schutz mit -

teln im Überlinger See versenkt und

die Bodensee-Wasserversorgung in ei -

nem Bekennerbrief bedroht hatte,

wur de ein Krisenmanagement ins Le ben

gerufen. Mit Hilfe der Methode des Ri -

sikomanagements wurden Gefahren

ana lysiert und neu bewertet. Dabei

konn ten die Experten auf die schon seit

der Gründung 1954 vorhandenen Si -

cher heitssysteme aufbauen. Schon von

Beginn an hat die Bodensee-Was ser ver -

sorgung großen Wert auf eine si chere

Trinkwasserversorgung gelegt. In zwi -

schen wurden die Krisenmanager schon

einige Male von verschiedenen Or ga -

ni sationen eingeladen, um über die Er -

fahrungen während des Vorfalls und die

gewonnen Erkenntnisse zu berichten.

Etwas ungewöhnlich aber war die An -

frage aus China. Im Februar dieses

Jah res reiste Martin Sigle, Diplom-In -

ge nieur und Verantwortlicher für das

Kri senmanagement bei der Bodensee-

Wasserversorgung, mit einem Ex per ten -

team unter Federführung der Deut schen

Gesellschaft für Internationale Zu sam -

menarbeit (GIZ) und der chinesischen

Verwaltungsakademie nach Chi na, um

vor Ort zu beraten.

Die chinesischen Partner wünschten

sich insbesondere Unterstützung bei der

Prävention und bei der Bewältigung

von Katastrophen. Auch in China

wächst mittlerweile das Bewusstsein für

die durch die Megastädte verursachten

Probleme bei der Trink was ser ver -

sorg ung und die Verschmutzung der

Flüs se durch Industrieabwässer. Die

der- und Paddelsportler) gelten Ausnahmeregelungen.

Die Schutzzone schließt

nicht direkt an das Ufer an, ein schmaler

50 bis 100 Meter breiter Streifen

bleibt ausgenommen. Dieser Ufer be -

reich bleibt somit für jedermann zur

Nah erholung nutz- und er leb bar.

Die Rechtsverordnung finden Sie unter:

www.zvbwv.de

Ex perten der Kommission konnten mit

ihren theoretischen Ansätzen und

prak tischen Berichten wichtige Hin -

wei se zum Beispiel für den Hoch was -

ser schutz oder Schutzmaßnahmen ge -

ben, die schon bei der Planung von In -

frastrukturanlagen berücksichtigt wer -

den sollten.

Wie die meisten Besucher, die zum ers -

ten Mal nach China kommen, war auch

Martin Sigle von der schieren Größe

des Landes tief beeindruckt: „Bei uns

versorgen wir mit dem Trinkwasser der

Bodensee-Was ser ver sorg ung etwa vier

Millionen Menschen in Baden-Würt -

temberg. Im Reich der Mitte entspricht

dies eher der Größe eines Stadt teils in

einer der vielen Me ga ci tys, von denen

viele mehr Einwohner haben als unser

Bundesland.“

Dr.-Ing. Marcel Meg geneder

Das Bundesministerium für

Gesundheit (BMG) und das Um welt bun -

desamt (UBA) stellten im Januar 2012

in ihrem Bericht über die Qualität von

Wasser für den menschlichen Ge brauch

fest, dass das Trinkwasser in Deutsch -

land eine gute bis sehr gute Qualität

hat. In Deutschland werden al le An -

forderungen an Trinkwasser zu nahezu

100 Prozent eingehalten. Grenz wert -

über schreitungen von rund einem Pro -

zent beschränken sich auf einzelne Pes -

tizid-Parameter und den Indi ka tor wert

coliforme Bakterien. Zu den Grund an -

forderungen an unser Lebens mittel

Nr. 1 gehört, dass Trinkwasser rein und

ge nusstauglich ist, keine Krank heits e r -

reger aufweist und keine Stoffe in ge -

sundheitsschädigenden Kon zen tra tio -

nen enthält.

Die Ver bands ver sammlung der Bo densee-

Was ser ver sor gung hat am 15. No vember 2011 in Pforz heim

Dr.-Ing. Mar cel Meg gen eder zum neu en technischen Ge -

schäfts füh rer der Bodensee-Was ser ver sor g ung gewählt. Er

folgt Prof. Dr.-Ing. Hans Mehlhorn nach, der nach 20 Jah -

ren an der Spitze des Ver bandes im September 2012 in den

wohlverdien ten Ruhestand eintritt.

Der Wasserversorgung ist Marcel Meggeneder (44) be -

reits seit seinem Studium des Bauingenieurwesens von

1989 bis 1995 mit dem Schwerpunkt Wasserwirtschaft

an der Uni versität Hannover eng verbunden. Von 1995 war

er zu nächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut

für Sied lungswasserwirtschaft und Abfalltechnik an der

Uni ver sität Hannover beschäftigt. Mit Abschluss der Pro -

mo tion wechselte er 2003 zu den Stadtwerken Bre men/

Bre mer haven und war dort bis Ende 2008 in verschiedenen

technischen Leitungsfunktionen tätig. Seit 2009 leitet

Marcel Meggeneder als Ge schäfts füh rer den Trink was -

ser verband Verden an der Aller.

Die Schwerpunkte seiner neuen Tätigkeit bei der Boden -

see-Wasserversorgung sieht er in der Siche rung der Rohund

Trinkwasserqualität, der Ener gie effi zienz und der

künf tigen Erhaltung und Erwei terung des Lei tungsnetzes

und der technischen Anlagen. Die He raus forderungen der

Zukunft sind für ihn der Umgang mit kli matischen, demografischen

und versorgungspolitischen Fragen.

Wasserqualität ist gut bis sehr gut

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

Beim Umweltbundesamt ist die Bro -

schüre „Rund um das Trinkwasser“ zu

beziehen. Sie enthält weiterführende

und allgemeine Informationen zu Her -

Film über die Bodensee-

Wasserversorgung

Woher kommt unser Wasser?

Wie wird Bodenseewasser zu Trink was -

ser? Kann ich das Wasser aus der Lei -

tung trinken? Wichtige Fragen werden

im neuen Infofilm der Bodensee-Was -

serversorgung kurz beantwortet. Kom -

men Sie mit auf einen Rundgang

durch die Anlagen auf dem Sipplinger

Berg, in Deutschlands größtes Was ser -

werk, und schauen Sie hinter die Ku lis -

sen. Den Film können Sie auf unserer

Internetseite www.zvbwv.de oder auf

you tube ansehen. Auf Wunsch senden

wir Ihnen gerne eine DVD zu.

kunft und Schutz des Trinkwassers und

Ratschläge für einen sinnvollen Trink -

wassergebrauch.

www.umweltbundesamt.de

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Veranstaltungen

Veranstaltungen und Feste

Region westlicher Bodensee

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April bis zum 28. Oktober 2012

Städtisches Museum Überlingen:

„Das Geheimnis der

Heidenhöhlen“.

Anhand pittoresker Gemälde sowie

historischer Ansichten und Pläne

rekonstruiert die Ausstellung im

Städtischen Museum die ehemals

berühmten Heidenhöhlen bei Gold -

bach vor den Toren Überlingens. Die

räumliche Inszenierung der etwa 80

zum Teil noch nie gezeigten Expo -

nate will dabei auch die besondere

Aura der Heidenhöhlen wieder

erlebbar machen. Geheimnis um -

witterte Objekte wie Schädel und

Schwerter sowie literarische Zeug -

nisse machen den Aus stell ungs be -

such zu einem spannenden Er lebnis.

Schon der Dichter Joseph Victor von

Scheffel schwärmte von ihnen: Die

Heidenhöhlen waren ein einzigartiges

Natur- und Kulturdenkmal – ein

verwunschener Ort, der in der Ro -

mantik zahlreiche Besucher und

Dichter faszinierte. Ihre Be sich tig

ung gehörte einst, neben der Insel

Mainau, zum festen Programm punkt

jedes Bodensee-Reisenden. Beim

Straßenbau im Jahr 1849 wurden

weite Teile der Heidenhöhlen abgetragen.

Der immer noch beeindrucken

de Rest wurde schließlich 1959

un wi derruflich zerstört – aus heutiger

Sicht eine tragische Fehlent -

scheid ung damaliger Politik.

Die geheimnisvollen Räume, Gänge

und Treppen waren vermutlich seit

dem frühen Mittelalter über lange

Zeit in den weichen Fels gehauen

worden. Über die Erbauer ist nichts

bekannt, auch über die Funktionen

der Höhlen können nur Ver mu tun -

gen angestellt werden. Sicher ist

für die Frühzeit nur, dass mindes -

tens einer der Räume seit dem

13. Jahrhundert als architektonisch

ge staltete Höhlenkirche fungierte.

Außerdem dienten die Heiden höh -

len zeitweilig als festungsartige

Fluchtburg, als Wohn- und Lager -

räume – und zwischendurch auch

als echte Räuberhöhlen.

www.museum-ueberlingen.de

Bis 6. Mai 2012

Insel Mainau: „Vanille –

die Königin der Gewürze“

(Orchideenausstellung)

Die einzig essbare Orchidee – die

Vanille – steht im Mittelpunkt der

diesjährigen Orchideenausstellung

auf der Insel Mainau. Passend zum

Jahresmotto „Sehnsucht nach Son -

ne – Inseln des Südens“ widmet

sich die Schau 2012 einer Or chi -

deenart, die heute vor allem auf

Inseln im Indischen Ozean angebaut

wird und meist gar nicht als solche

bekannt ist: „Vanille – die Königin

der Gewürze“. Die „Vanilla“ umfasst

mehr als 100 tropische Arten, von

denen 15 jene aromatischen Kapseln

liefern, die gemeinhin Vanilleschoten

genannt werden. Die bedeutendste

ist „Vanilla planifolia“, die Ge würz -

vanille. Bei uns beliebt ist vor al lem

die besonders aromatische Bour bon-

Vanille. Da sich jedoch die „Kö ni gin

der Gewürze“ nicht durch be son ders

prächtige Blüten auszeichnet, wird

die Vanille in der Orchideen schau im

Palmenhaus flankiert von mehr als

3.000 Or chi deen pflanzen mit ihrer

üppigen Far ben pracht und For men -

fülle.

www.mainau.de

31. Mai bis 3. Juni 2012

Konstanz:

Internationale Bodenseewoche

Für Bootsliebhaber ist die Inter na -

tionale Bodenseewoche in Konstanz

ein Muss, doch das abwechslungsreiche

Programm hält für jeden et -

was bereit. Jedes Jahr zum Start der

Wassersportsaison lädt der Altstadt -

hafen zu sportlichen und kulturellen

Veranstaltungen ein: Segel re -

gatten, Ruderwettkämpfe, Was ser -

ski-Cups, Hafenkonzerte und

Shows. Weit über 140 klassische Ma -

hagoni-Yachten, moderne High tech-

Rennboote und Katamarane, schnittige

Motorboote und historische

Dampf boote sowie die funkelnden

Oldtimer-Auto mo bile ziehen seit

der Neuauflage der Ver an stal tung

2009 mehr als 1.000 Teilnehmer und

knapp 80.000 Be su cher an. Die Bo -

denseewoche zählt zu den größten

Was ser sport ver an stal tun gen in Mit -

teleuropa. Herz stück ist die Aus stel -

lungsmeile mit einer Was ser sportund

Boots aus stel lung an Land und

im Wasser, der In no va tions-Show

und dem Maritim-Markt sowie der

angrenzende Kunst&Kreativ-Markt.

www.bodenseewoche.com

6. Juli 2012

Insel Reichenau:

Insel-Klassik 2012

Vor der malerischen Kulisse des

Klosterhofs spielt auch in diesem

Jahr wieder das Südwestdeutsche

Kammerorchester – in großer Be -

setzung – unter der Leitung von

Douglas Bostock.

www.reichenau.de

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

16. Juli 2012

Moos: Wasserprozession

An ein Gelübde aus dem Jahr 1797

fühlen sich die Bürger von Moos

noch heute gebunden. Jährlich am

Montag nach dem dritten Juli-

Sonntag erinnern sie mit der

Was serprozession von Moos nach

Ra dolfzell zu den heiligen „Haus -

herren“ Theopont, Senes und Zeno,

den Stadtpatronen von Radolfzell,

an die Errettung vor einer schlimmen

Viehseuche, die das Dorf be -

drohte. Die Bauern beschlossen da -

mals, die drei Heiligen um Hilfe zu

ersuchen. Moos blieb verschont,

und zum Dank pilgerten die Bauern

jedes Jahr in die Nach bar stadt.

1926 fuhren sie erstmals mit Boo -

ten in einer Wasserprozession nach

Radolfzell, damals wie heute angeführt

von dem Boot mit den geistlichen

und weltlichen Wür den trä -

gern der Gemeinde. Die prächtig

geschmückten Boote mit den Pil -

gern werden im Hafen von Radol f -

zell erwartet und in einer feierli -

chen Prozession ins Münster geleitet,

wo ein Gottesdienst stattfindet.

www.radolfzell.de

11. August 2012

Konstanzer Seenachtfest

Bereits 1507 wurde in der einstigen

Reichs- und Konzilstadt Konstanz

das erste Feuerwerk gezündet, zu

Ehren des genussfreudigen Kaiser

Maximilians, der als "Letzter Ritter"

in die Geschichtsbücher eingegangen

ist. Damals verwendeten die Kons -

tan zer Bürger Fässer mit Schwarz -

pulver, heute wird modernste Pyro -

technik eingesetzt. 2005 erleuchtete

erstmals ein chinesisches Musik feu -

erwerk den Himmel über der Kons -

tanzer Bucht. In den vergangenen

Jahren folgten deutsch-italienische,

deutsch-spanische und deutschar

gentinische Ko pro duktionen sowie

ein Musikfeu er werk mit Holly wood-

Glamour. Ein umfangreiches Rah -

menpro gramm mit Live-Musik, Was -

ser shows, Kleinkunst, Party und dem

Seenachtsmarkt verkürzen die Wartezeit

bis zum Beginn des Feuerwerks.

www.seenachtfest.de

7. bis 9. September 2012

Meersburg: Bodenseeweinfest

Jeweils am zweiten Wochenende im

September verwandeln sich der

Meersburger Schlossplatz und die

historische Altstadt in einen Treff -

punkt für Weinfreunde von nah

und fern. Angeboten werden auf

dem Bodenseeweinfest neben edlen

Mooser Wasserprozession

Tropfen der besten Weingüter am

Bodensee auch regionale Spe zia li -

täten der Bäcker, Metzger und

Fischer.

www.meersburg.de

17


Porträt

Als Vorschoter auf einem Regatta-Segelboot

wäre Juliane Hempel

kaum geeignet: viel zu leicht! Gefragt

sind dafür eher Männer mit möglichst

1,90 Meter Größe oder mehr und mindestens

90 Kilogramm Körpergewicht.

Denn Vorschoter müssen sich, wenn nötig,

im wahrsten Sinn „in die Seile hängen“,

um ein Boot in Balance zu halten.

Juliane Hempel segelt zwar leidenschaft

lich gern, aber noch lieber kons -

truiert sie Segelyachten, Jollen und hin

und wieder auch Motorboote. Vor et wa

zehn Jahren hat sich die gebürtige Es s -

lingerin in Radolfzell als Konstruk teurin

selbstständig gemacht. Etwa fünf

Boote pro Jahre werden nach ih ren Ent -

würfen gebaut: von der Vier-Me ter-

Jolle bis zur 18-Meter-Yacht, die gerade

in einer Werft an ihrem Wohnort

gebaut wird.

Bootseigner sind begeistert

Die dreijährige Bauzeit ist dem Auf -

traggeber nicht zu lang: „Er kommt im -

mer wieder hierher und freut sich über

den Fortschritt“, erzählt Juliane Hem -

pel. Einen anderen Eigner hat sie richtiggehend

glücklich gemacht. „Immer

wieder ruft er mich vom Boot an und

sagt mir, wie viel Freude ihm das

Schiff mache.“ Die „Lady Rose“ ist eine

10-Meter-Yacht und gehört einem

ehemaligen Spielzeugfabrikanten.

Juliane Hempel entwirft überwiegend

Boote aus Holz, die fast immer Ein zel -

anfertigungen sind – und meist von

Liebhabern gekauft werden. „Holz boo te

von zehn Metern Länge kosten doppelt

so viel wie Kunststoffboote; bei 18

Metern ist der Unterschied geringer“,

erklärt die Boots kons truk teurin. Für

die Serienproduktion eig nen sich eher

Juliane Hempel lebt und arbeitet in Radolfzell

Yachten aus Kunst stoff, was die Kos -

ten deutlich verringert.

Olympische Bootsklasse

Seit einigen Jahren betreut Juliane

Hem pel das (Kunststoff-)Boot der

ös ter reichischen Nationalmannschaft

in der Starbootklasse. Diese nur bei

Vom Stapel, nicht von der Stange

olym pischen Spielen zugelassenen Re -

gattaboote gelten als anspruchsvoll und

sehr sportlich. Da die technischen Rah -

men bedingungen vorgegeben sind,

muss te sich Juliane Hempel darauf konzentrieren,

Details wie das Ruder oder

den Kiel zu optimieren. Vor allem Form

und Größe des Kiels, der aus Stahl

angefertigt wird, spielen eine wichtige

Rolle. 2008 bei den olympischen Spie len

in Peking hat Juliane Hempel die österreichische

National mann schaft erstmals

betreut. Auch bei den olympischen

Sommer spie len in London in die -

sem Jahr wird sie wieder dabei sein.

Nach ihrem Abitur in Esslingen absolvierte

Juliane Hempel zunächst ein ein -

jähriges Praktikum bei der Yacht- und

Bootswerft Martin in Radolfzell und

zu sätzlich ein Praktikum auf einer Lü -

becker Schiffswerft, lernte schweißen

und Kunststoffe verarbeiten. Da nach

studierte sie Schiffsbau an der Fach -

hochschule Kiel. Da ihre Eltern be geis -

terte Segler und häufig am Bo den see

In Radolfzell konstruiert Juliane Hempel Boote nicht nur für den Bodensee

waren, zeichnete sich bei Juliane Hem -

pel schon in der Schule der Wunsch ab,

später einmal Schiffe zu bauen. Wenn

sie malte und bastelte, entstand fast

immer ein Boot.

Nach dem Diplom arbeitete sie zu -

nächst bei einer Firma für Yachtdesign

in Laboe. Doch irgendwann wurde der

Wunsch, eigene Projekte zu verwirkli -

chen und auch wieder am Bodensee zu

wohnen, so stark, dass sie zurückkehrte

– und für sich selbst natürlich auch

ein Boot konstruierte und bauen ließ:

ei nen formverleimten 20er-Jollen kreu -

zer aus Mahagoni, von dem in zwi schen

zehn Exemplare angefertigt wur den.

Zum Segeln aber fährt sie noch re gelmäßig

an die Ostsee. Ihr Traum: Im

Sommer im Norden segeln, im Herbst

im Mittelmeer, dabei die Küs ten und

andere Boote beobachten – von einer

eigenen 12- bis 15-Meter-Yacht. „Na -

tür lich aus Holz, flach und elegant“,

schwärmt die Hobby-Motorrad fah re rin.

www.hempel-design.com

Großes Bild: In einer Werft in

Radolfzell entsteht nach den Plänen

von Juliane Hempel eine 18-Meter-

Yacht aus Holz

Bilder oben v. li. n. re.:

Schwer zu entscheiden, ob es

über oder unter Deck schöner ist

Bei Regattabooten kann Form und

Größe des Kiels den entscheidenden

Vorteil bringen

Das Starboot des österreichischen

Olympiateams

18 Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

19


Kunst

Aus Stahl wird fließendes Wasser

Das Bildhauerpaar Matschinsky-Denninghoff wurde mit Großskulpturen bekannt

Sie war Bildhauerin, er Fotograf

und Schauspieler. Zusammen waren sie

das Bildhauerehepaar Matschinsky-

Denninghoff. Kennengelernt haben sich

der Badener und die Berlinerin 1952 am

Theater in Darmstadt, wo er als Schauspieler

und sie als Bühnen bild ne rin en -

gagiert waren. Ab 1955 arbeiteten sie

als Bildhauer zusammen.

Vor allem mit ihren häufig riesigen

Skulpturen von bis zu 15 Meter Höhe

wurden sie bekannt. Die insgesamt zwölf

Außenobjekte stehen u.a. in Athen, Hei -

delberg, im japanischen Ka na zawa, in

Berlin – und auf dem Sipp lin ger Berg

bei den Aufbereitungs an la gen der Bo -

den see-Wasserversorgung. Die 1973 in -

s tal lierte Skulptur aus Chrom ni ckel -

stahl ist zehn Meter lang und versinnbildlicht

das reguliert fließende Was ser,

das vom etwa 300 Me ter tiefer gele-

20

genen Bodensee durch große Rohre

hochgepumpt wird. Das Paar erinnerte

sich vor ein paar Jahren in einem Ra -

dio interview noch deutlich daran, wie

aufregend es war, die Skul ptur zum ers -

ten Mal in voller Größer zu sehen: „Wir

haben uns angeguckt und uns ka men

die Tränen, weil wir gespürt ha ben, was

wir da gemacht haben, ist in Ordnung,

das können wir vertreten“, be schreibt

Martin Matschins ky den Mo ment und

sei ne Frau fügte hinzu: „Ich kann mich

nicht erinnern, dass ich bei irgendeiner

Ausstellung ein Gefühl sol chen Glü -

ckes gehabt ha be. Aber die se Momente,

wo die Sache, an der man Monate lang

gearbeitet hat, plötzlich fertig da steht,

und man sieht, ja es ist in Ord nung.

Das ist ein unglaubliches Glück.“

Von 1955 bis zum Tod von Brigitte

Ma tschinsky-Denninghoff im April 2011

lebte und arbeitete das Paar zu sammen,

zunächst in München. Es folgen

Paris und Berlin. Zweimal, 1959 und

1964, stellen sie auf der weltbekannten

Documenta (II und III) in Kas sel aus.

Von ihren Eltern gefördert, beginnt

Bri gitte Denninghoff 1943 an der

Kunsthochschule in Berlin zu studieren.

Nach einer Unterbrechung durch

den Krieg nimmt sie 1946 ihr Studium

in München wieder auf, fühlt sich dort

aber bald eingeengt und beschließt

frei zu arbeiten. „Ich habe überhaupt

nicht darüber nachgedacht, wovon ich

später einmal leben sollte“, blickte sie

im Interview zurück.

Abstrakte Bildhauerei war in den

Nachkriegsjahren noch weitgehend un -

bekannt in Deutschland. Nachdem

Brigitte Denninghoff von dem englischen

Bildhauer Henry Moore gehört

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

Das Künstlerehepaar

Matschinsky-Denninghoff vor der

Skulptur Kern (2002)

hatte, beschloss sie, sich bei ihm als

Assistentin zu bewerben. Nach einem

weiteren Aufenthalt in Paris bei An toi -

ne Pevsner musste sie sich zwischen

zwei bildhauerischen Auffassungen

ent scheiden: der organisch wirkenden

Formensprache Moores oder der des

Konstruktivisten Pevsners.

Als Künstlerpaar entscheiden sie sich

für einen eigenen Weg: keine kompakten

organischen Formen, sondern Fi li -

granes. Zunächst arbeiten sie vor al lem

mit Messingstäben und fertigen fä cher -

artige, abstrakte Objekte, die spitz

nach oben ragen. Später entdecken sie

Chrom nickelstahl, mit dem sie ihre

Groß skulpturen verwirklichen. Stahl roh -

re werden aneinander geschweißt, ra -

gen, häufig gebündelt, waagerecht in

die Landschaft, als ob die Schwer kraft

aufgehoben sei. Trotz des schweren

1973 entstand die Skulptur auf dem Sipplinger Berg

Ma terials Stahl und der häufig riesigen

Ausmaße gelingt es Ma tschinsky-

Denninghoff immer wieder, die Objek -

te natürlich wie zum Beispiel Bäume

oder fließendes Wasser wirken zu lassen.

Das erleichtert vielen Menschen

den Zugang zu den eigentlich abstrakten

Werken.

Ihr bekanntestes Werk „Berlin“ entsteht

1987 in der damals noch geteilten

Stadt im Rahmen eines Skulp tu -

ren-Boulevards, der anlässlich des 750jährigen

Bestehens Berlins veranstaltet

wird. Das monumentale Objekt steht

noch heute auf dem Mit tel streifen der

Tauentzienstraße in der Nähe der Ge -

dächtniskirche. Die je zwei sich vereinenden

senkrechten Stahl roh re symbo

lisierten die zwei Hälften der Stadt,

die nur zwei Jahre später wiedervereint

wurde.

21


Natur und Landschaft

22

Verwunschen, verwachsen, verzaubert

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

Die Sipplinger Steiluferlandschaft lockt viele Naturliebhaber an

Großes Bild:

Bei Wanderungen durch die

Sipplinger Steilufer landschaft

lassen sich noch viele unberührte

Plätze und gefährdete Pflanzenarten

entdecken

Kleines Bild oben:

Die so genannten „Magerwiesen“

an den Steilhängen haben nur einen

geringen, mageren Bewuchs, dafür

aber eine Vielzahl von Blumen

Kleines Bild unten:

Immer wieder sind mitten im

Wald Felsen zu sehen, die an vergangene

Urzeiten erinnern

Kommt man nach Sipplingen,

zieht zuerst der weite Blick über den

Überlinger See den Gast in seinen Bann.

Landeinwärts beherrscht der Sipp lin -

ger Berg die Szenerie, der sich ohne

Übergang 300 Höhenmeter über den

See erhebt. Bewaldete Steilhänge strecken

ihre halbrunden Ausläufer dem

See zu, tief eingeschnittene Wasser -

läu fe, die sogenannten Tobel, und hell

leuchtende Molassefelsen prägen das

Bild dieser einzigartigen Landschaft.

Der beeindruckende Hödinger Tobel ist

bis zu 115 Meter tief in die steilen Mo -

lassefelsen eingeschnitten. Bei ei ner

Wan derung durch die dunkle, feuchte

Schlucht grüßen Türkenbund und Silberblatt

von den bemoosten Fels wän den.

Es ist nicht viel Platz zwischen See und

Berg, und so zieht sich Sipplingen ein

gutes Stück den Hang hinauf. Zwi -

schen dem Dorf und den Wäldern des

Steilhangs liegen die Obstgärten. Be -

rühmt ist Sipplingen für seinen Kir -

schen anbau. Die süßen Früchte heißen

hier „Kriese“ und werden im Ort zu

Hochprozentigem veredelt.

Auf den flachen, nach Süden gewandten

Steillagen findet man die artenreichen

Magerwiesen. Im Frühjahr strahlen

die gelben Sonnenröschen, Zy pres -

sen wolfsmilch, und der Hufeisenklee.

Bis in den Sommer hinein blühen selte

ne Orchideen wie das Knabenkraut

und verschiedene Enziane.

Markante Felswände aus heller Mo las -

se unterbrechen das Grün des Waldes.

Sie stammen aus Zeiten, als der Bo -

den seeraum noch von tropischen Mee -

ren und Seen bedeckt war – die Ab la -

ge rungen sieht man heute als Felsen

rund um den Überlinger See. Auf den

sonnigen, warmen Felssimsen finden

spe ziell angepasste Pflanzen und In -

sek ten ihren Lebensraum.

Um diese einzigartige Landschaft zu

erhalten und zu unterhalten, wurde

die „Sipplinger Steiluferlandschaft“ zu

einem Gemeinschaftsprojekt der Ge -

mein de Sipplingen, der Stiftung Na -

tur schutzfonds Baden-Württemberg

und der Heinz-Sielmann-Stiftung. Das

Projekt unterstützt die Landnutzer und

Grundstücksbesitzer bei der Pflege der

steilen Lagen, damit das landschaftliche

Kleinod in Zukunft erhalten bleibt.

Die wertvollen Blumenwiesen müssen

jährlich gemäht und abgeräumt werden.

Auf nicht genutzten Flächen aber

macht sich niederes Buschwerk breit,

und die Artenvielfalt der Pflanzen und

Tiere schwindet. Die Beweidung der

Hänge mit Schafen oder Ziegen verhindert

dies.

Dem See einmal den Rücken zu kehren

und auf einer Wanderung durch blumenreiche

Wiesen und Obstgärten entlang

der steilen Sipplinger Hänge die

faszinierende Ausblicke auf den Bo den -

see und die nahen Alpen zu ge nießen,

ist ein Erlebnis. Und auf den Bän ken

entlang der gut beschilderten Wan -

derwege ist immer ein Plätzchen frei.

www.sipplingen.de

23


Wissen

Der Nase nach immer nach Süden

Die Forscher der Vogelwarte Radolfzell erkunden Tierwanderungen

Selbst nach vielen tausend Ki -

lometern verfehlen sie ihr Ziel nicht.

Zugvögel kennen den Weg bestens, der

sie Jahr für Jahr im Winter vom kalten

Mitteleuropa in wärmere Gefilde führt.

Das präzise Navigieren verdanken sie

wahrscheinlich auch ihrem Geruchs -

sinn. Manche Vo gelarten haben sich in

den vergangenen Jahren neue Ge gen -

den zum Über wintern gesucht.

Die Wis sen schaftler der Vogelwarte Ra -

dolfzell ha ben zum Beispiel herausge-

Bild links: das Film- und Medienhaus „Hennhouse"

Bild rechts: das Max-Planck-Institut für Ornithologie

fun den, dass eine Gruppe von Mönchs -

gras mücken statt nach Afrika nach

Süd eng land fliegt. Ursache dafür ist

vermut lich der Klimawandel.

Die Wis senschaftler beobachten zunehmend,

dass immer mehr Vögel überhaupt

nicht mehr gen Sü den ziehen

und entweder ganz hier blei ben oder

aber in näher gelegene Re gionen fliegen.

Amseln etwa, früher eher scheue

Wald vögel, sind heute häu fig im Winter

in den Städten zu finden, wo sie gute

Fut ter be din gun gen vorfinden.

24

Die Tierwanderungen – nicht nur von

Vögeln – und die Immunökologie, also

die Frage, wie die Tiere bei ihren langen

Reisen überleben, sind die zentralen

Forschungsgebiete der Vogelwarte

Radolfzell, die 1946 im Wasserschloss

Möggingen eingerichtet wurde, nachdem

die Vogelwarte Rossitten in Ost -

preußen aufgelöst worden war. Heute

ist die Vogelwarte ein Teilinstitut des

Max-Planck-Instituts für Ornithologie

im bayerischen Seewiesen.

Seit einiger Zeit werden die wandernden

Tiere mit so genannten Bio log gern,

winzigen Sensoren, ausgestattet, die

unter anderem Tempo, Körper tem pe -

ratur sowie Herz- und Flügel schläge

und sogar Gehirnströme erfassen. „Damit

können wir rekonstruieren, wie, wo,

wann und warum ein Tier eine bestimmte

Entscheidung trifft, sich also

zum Beispiel Anfang Oktober entscheidet,

allein um 20 Uhr abends nach

Frankreich loszufliegen, um dort zu

überwintern“, erklärt Prof. Dr. Martin

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

Um die Wanderungsbewegungen zu verfolgen, werden verschiedene Tierarten wie Vögel, Schildkröten, Haie,

Schmetterlinge oder Störche (großes Bild) mit kleinen Sensoren, so genannten Biologgern, ausgestattet

Wikelski, Direktor der Radolf zeller

Abteilung des Max-Planck-Insti tuts.

Die gewonnen Daten werden in einer

internationalen Datenbank an ge legt.

Zusammen mit den Beo bach tungen,

die zwischen 2014 und 2020 von der

Internationalen Raumstation ISS durch -

geführt werden sollen, er hof fen sich

die Forscher zum Beispiel Er kennt nisse

darüber, wo und wie Tie re sterben. „Dies

ist wichtig zum Schutz wandernder

Tierarten, auch für kommerziell wichtige

Arten, sowie für das Ver ständ nis

der Ausbreitung von Krank heiten wie

Maul- und Klauen seuche oder Vo gel -

grippe“, so Martin Wikelski.

Die neuesten Erkenntnisse aus der Forschung

werden im Besucher zen trum

MaxCine vorgestellt. Im Medienhaus

„Hennhouse“, dem ehemaligen Hü h -

nerstall der Schloss mühle, wird mithilfe

von Com putern, Beamern, Touch -

screens, gläsernen Pro jektionsflächen

und einer auf den Boden projizierte

Karte mit Zugrouten über neue For -

schungs projekte in formiert.

Bei der Gestaltung des Außenbereichs

„Bee Marie“ haben Kinder der beiden

nächstgelegenen Grundschulen mitgewirkt.

Durch die Anlage führt ein kleiner

Pfad. Die Wei de bietet Platz für

Schmet terlinge, Bie nen und Insekten,

und in einer Wildhecke sind Vögel zu

beobachten. Ein Vogelhaus, ein Insek -

ten hotel, ein kleiner Nutzgarten, ein

Ei dech sen-/Kräuterhügel und Le bens -

räume für Kleintiere begeistern vor al -

lem die kleineren Besucher.

www.orn.mpg.de

25


Mitarbeiterporträt

Die einen rechnen und schreiben, die anderen schrauben und reparieren

Die ersten Schritte im Berufs -

leben sind nicht einfach. Weg von den

Klassenkameraden und dem bekannten

Umfeld der Schule, hinein in den Be -

rufs alltag, die völlig neue Welt der Ar -

beit. Da ist es hilfreich, wenn neue Aus -

zubildende auf „alte Hasen“ im Un ter -

neh men treffen, die denselben Weg ge -

gangen sind und ihnen unterstützend

zur Seite stehen können. Zwölf junge

Menschen bildet die Bodensee-Was -

ser versorgung derzeit in den unterschied

lichsten Sparten aus.

In der Hauptverwaltung in Stuttgart-

Vaihingen werden die Kaufleute ausge

bildet. Vier junge Frauen und Män ner

durchlaufen unterschiedliche Ab teil un -

gen, um möglichst umfassend geschult

zu werden. Jasmin Hillgärtner gefällt

das duale System der Ausbildung: “Pro

Woche sind wir zwei Tage in der Be -

rufsschule und drei Tage im Betrieb.

Durch diesen Mix vergeht die Zeit wie

im Flug.“ Zu dem Grüppchen der Kauf -

leu te gesellt sich in der Haupt ver walt

ung der Fachinformatiker in Aus bil-

d ung Patrick Veenhuis. „Es freut mich,

dass ich schon vor Ende meiner Ausbildung

den Kolleginnen und Kollegen

helfen kann, wenn sie Schwierigkeiten

mit ih ren Computern haben. So macht

die Aus bildung Spaß.“

Die Bodensee-Wasserversorgung be -

schäf tigt in ihren weitläufigen An la gen

etliche Elektroniker und Anlagen me -

cha niker und bildet diese Berufe auch

aus. Doch die Auszubildenden sehen

sich nicht oft, ihre Arbeitsplätze sind

von Sipplingen am Bodensee über die

Die Bodensee-Wasserversorgung bietet viele verschiedene Ausbildungsberufe an

Betriebsstelle auf der Schwäbischen Alb

bis nach Stuttgart verteilt. Einsatzort

ist überall dort, wo es etwas zu installieren,

reparieren oder zu verändern

gibt. Das macht die Ausbildung und

später die Arbeit abwechslungsreich:

„Wenn nach viel Arbeit und Einsatz

eine große Anlage in Betrieb genommen

wird und funktioniert, dann bin

ich schon stolz. Da sieht man richtig,

was man zusammen mit den Kollegen

geleistet hat“, freut sich der angehende

Elektroniker Kevin Raith.

Isabelle Lutz hat den Beruf der An la gen -

mechanikerin gewählt. „Mein Wunsch

war ein handwerklicher Beruf. An so

großen Anlagen wie hier ausgebildet

zu werden, ist schon etwas Be son de -

res. Meine Kollegen unterstützen mich

nach Kräften und zeigen mir alles, was

ich wissen muss und möchte. Ich fühle

mich sehr wohl bei der Bodensee-Was -

ser versorgung.“

Im Labor der Bodensee-Wasser ver -

sorg ung in Sipplingen wird Andreas

Hellmann zum Chemielaboranten ge -

schult. Während seiner Ausbildung pendelt

er zwischen zwei Schulen und dem

Labor in Sipplingen. „Ich freue mich im -

mer darauf in Sipplingen zu sein. Da

kann ich dann schon anwenden, was ich

gelernt habe.“

Der berufliche Nachwuchs der Bo den -

see-Wasserversorgung schätzt den ho -

hen Ausbildungsstandard des Unter -

neh mens. In der Vergangenheit konnten

Azubis immer wieder Belob i gun gen und

Preise erwerben und sich oft beruflich

weiterqualifizieren.

26 Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

27


Firmenporträt

28

Zwischen Tradition und Vision

Freiherr Johannes von und zu Bodman denkt weit voraus und blickt häufig zurück

Sein Berufsziel stand schon

fest, als er selbst noch gar nicht darüber

entschie den hatte: Leiter eines Fa -

mi li en betriebs mit 800-jähriger Tra di -

tion. „Schon von klein auf war mir klar,

dass ich es machen darf“, erklärt Frei -

herr Johannes von und zu Bodman, der

den gleichen Namen trägt wie die Teil -

ge mein de von Bodman-Ludwigshafen

am westlichen Bodenseeufer. „Mir wur -

de die Möglichkeit geboten, Druck wur -

de nicht ausgeübt.“ Dieser Unterschied

ist Bodman wichtig. Einen möglichen

Erben schon früh mit seiner Aufgabe

ver traut zu machen, hält der 43-jährige

Familienvater für erfolgversprechend.

So möchte er es auch bei seinen

eigenen Kindern – acht, sechs und

fünf Jah re alt – handhaben.

Die Familie ist dem studierten Be triebs -

wirt am wichtigsten. „Zufrieden bin ich,

wenn ich später mal sehe, wie meine

Nachfolgerin oder mein Nachfolger

den Betrieb mit eigenen Ideen generationenübergreifend

weiterentwickelt.“

Wie etwa die Land- und Forst wirt schaft,

das Herzstück des Betriebs. Etwas un -

geduldig reagiert Bodman auf die viele

Bürokratie, die er als Waldbesitzer be -

rück sichtigen muss, um den Ausgleich

zwischen Ökologie und Ökonomie zu

schaffen. Denn die Schlossherrn setzen

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

schon seit Jahrhunderten auf Nach -

hal tigkeit und haben dafür Sorge ge -

tragen, dass der Bodanrück seinen jahrhundertealten

Charakter bewahrt hat:

18 verschiedene Baumarten wie Eschen,

Erlen, Eichen, Eiben, Tan nen und Lär -

chen mit Wildschweinen, Füchsen, Hir -

schen und Höhlenbrütern.

Seit sechs Jahren wird der Obstanbau

ökologisch bewirtschaftet. Beim Apfel -

anbau heißt das: weniger und höhere

Bäume sowie mehr resistente Baum -

sor ten. 900 Tonnen Äpfel und Birnen

wer den pro Jahr produziert; hinzu kommen

Sauerkirschen für Fruchtsaft und

Wildpflaumen für die eigene Schnaps -

produktion. Zur Land- und Fors twirt -

schaft zählt auch die vor einem Jahr in

Betrieb ge nommene Waldruh St. Ka -

tha rinen. In einem naturbelassenen

Wald mit über 100-jährigen Buchen,

auf dem bis zum Ende des 18. Jahr -

hun derts ein kleines Kloster der Abtei

Reichenau stand, das der heiligen Ka -

tha rina ge weiht war, wurde ein Ort der

Stille und des Abschiednehmens er -

rich tet. Bis zu zwölf Urnen können an

einem Ruhe baum bestattet werden.

Für die Touristen werden Zeltplatz,

Boot s liegeplätze und eine Werft be -

trieben. Seit vergangenem Jahr liefert

der auf einer Fläche von 16 Hektar er -

richtete Solarpark, ein Gemein schafts -

projekt von Stadtwerken und Bür ger -

be tei li gun gen, 6,5 Megawatt Strom.

Aber auch das uralte Wasserkraftwerk

mit einer Fischaufstiegstreppe ist noch

in Betrieb und erzeugt pro Jahr

150.000 Kilo watt stun den Strom. Neu -

es aus Altem entwickeln, Bewährtes er -

halten und wei terentwickeln – dieser

Grundsatz gilt bei den Bodmans seit Ge -

Freiherr Johannes von und zu Bodman lebt mit seiner Familie im Schloss Bodman (Fotos linke Seite und oben links)

Der Wald auf dem Bodanrück existiert schon seit Jahrhunderten (Foto oben rechts)

ne ra tio nen. Pro fit: ja, aber auch an an -

de re und vor al lem an die nächste Ge -

neration den ken.

Neuestes Beispiel da für ist die „Domäne

Bodman” in Alt-Bodman. Etwa zwanzig

Ge bäude rund ums Schloss sollen

nach und nach renoviert oder er gänzt

werden. Ei ni ge Häuser sind be reits fertig

und vermietet: an eine bun te Mi -

schung aus Alt und Jung, Orts an säss i -

gen und Bo den see-Lieb ha bern. Als

Nächstes soll die Orts mitte der 1.200

Einwohner zäh lenden Gemeinde er neuert

werden. Da zu wurde ein Be bau ungsplan

für das im Bodman’schen Besitz

befindliche „Linde-Areal“ um das ehemalige

Hotel Linde entwickelt. Vor gesehen

sind 15 Ein- oder Mehrfamilienhäuser.

Zurzeit läuft die In ves torensuche.

Für die Ge staltung wurde der Berliner

Architekt Hans Kollhoff ge wonnen.

www.waldruh.de

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30

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Bodensee-Wasserversorgung

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Beim Bau des 24 Kilometer

langen Albstollens der Bodensee-

Wasserversorgung kam diese

Stollenbohrmaschine zum Einsatz

Die Bodensee-

Wasserversorgung

in Zahlen

Der Beginn

25.10.1954: Gründung des

Zweckverbandes Bodensee-

Wasserversorgung

16.10.1958: Inbetriebnahme der

Bodensee-Wasserversorgung

Das Unternehmen

·

·

282 Stellen

58 Millionen Euro Umsatz (2010)

Die Mitglieder

· 181 Mitglieder, die 320 Städte und

Gemeinden in Baden-Württemberg

vertreten

Das Angebot

· Circa vier Millionen Menschen in

Baden-Württemberg erhalten

Wasser aus dem Bodensee

· 670.000 Kubikmeter

Entnahmerecht pro Tag

· 4.100 Liter Wasser pro Sekunde

werden durchschnittlich dem See

entnommen

· 126,1 Millionen Kubikmeter Wasser

wurden 2011 abgegeben

Das Leitungsnetz

· 1.700 Kilometer meist großkalibrige

Hochdruckleitungen

· 29 Wasserbehälter mit 470.600

Kubikmeter Fassungsvermögen

· 38 Pumpwerke helfen zur

Überwindung der Höhendifferenzen

· 2.250 Millimeter ist der größte

Leitungsdurchmesser

Das Trinkwasser

(Jahresmittelwerte 2011)

· Temperatur: 4,5 bis 5,5° Celsius

· pH-Wert: 7,96

· Gesamthärte: 1,61 Millimol

Calciumcarbonat je Liter

(entspr. ehemals 9,0° dH)

· Phosphat-Phosphor:

< 0,0025 Milligramm je Liter (mg/l)

· Nitrat: 4,5 Milligramm pro Liter (mg/l)

Bodensee-Wasserversorgung · Kristallklar 2012 · Heft 105

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Der Acker beim Bodensee

Dicht bei einem einzelnen Hof war ein großes Ährenfeld. Drei Wanderer kamen des Wegs. Sie wollten auf die Anhöhe, von wo man

den See überblicken konnte. Zwei junge Leute standen am Ackerrand. Während das Kind der Wanderer Kornblumen pflückte, hörte

das Ehepaar, wie die beiden miteinander zankten. „Der Acker gehört mir; der Vater hat es im Testament so verfügt!“, sagte das

Mädchen überlaut. „Willst du ihn vielleicht mitnehmen in die Stadt?“, lachte der junge Bauer böse, „als ob ich wegen deiner Mitgift

nicht genug Schulden hätte! Aber jeden Quadratmeter werde ich dir abkaufen.“ Seine Schwester lief beleidigt weg. Das Ehepaar

hörte, wie der Bruder fluchte: „Bei Gott, Acker! Das mußt du mir teuer zurückbezahlen!“

Der Acker hatte sich auf die Schollen in der Winterruh gefreut und vielleicht auf die KartoffelknolIen, die im andern Jahr in ihm

reifen würden. Doch gleich nach der Getreideernte ging es los: Der Bauer und seine Helfer rammten hohe Stangen in den Boden

und spannten Drähte. Es wurde ein Hopfenacker. Neben dem Stadel entstand ein neuer Bau, eine Hopfendarre, recht hoch und häßlich.

Das Kind der Wanderer freute sich in den folgenden Sommern: „Der erste Hopf ist oben, jetzt sind bald Ferien!“ Manchmal

sahen sie einem Trieb zu, der wie eine lebendige Schlange in der Luft kreiste, um einen Halt zu finden, oder sie zerrieben eine Hopfenfrucht

zwischen den Fingern, um den feinen herben Geruch in der Nase zu haben. Oft schauten sie auch dem lustigen Völkchen der

Pflücker zu.

In einem Herbst, nach etlichen Jahren, mußten die Wanderer staunen, ihr Mädchen musste klagen: „Oh! Ein Zaun!“ Ein hohes Draht -

geflecht faßte das Feld ein. Drinnen standen Tausende kleiner Apfelbäumchen. An manchen hingen schon ein, zwei große goldene

Äpfel. Die Pflänzchen sahen aus wie zwölfjährige schwangere Mädchen. Der Bauer mußte schwer gepflegt und gedüngt haben, denn

im dritten Apfeljahr brauchte er bei seinen Gebäuden eine Obsthalle. Seine Schwester kam Äpfel holen. Im Wegfahren schimpfte

sie: „Er läßt mich das Obst bezahlen, wo er schon ein Vielfaches mehr aus dem Acker holte, als er mir damals für ihn gab.“

Die Städter sind nie zufrieden! Diese süßliche ApfeIsorte schmeckte ihnen nicht mehr. In einem Vorfrühling erschraken darum die

Wanderer. Die Apfelbäume waren bös zusammengestutzt. Wie Galgen sahen sie aus oder wie Kreuze auf Golgatha. Eine neue, säuerliche

Sorte war ihnen aufgepfropft. Der Bauer konnte aber mulchen, düngen, Gras vertilgen und spritzen, soviel er wollte, die Bäume

mochten keine Rekordernten mehr bringen. Darum mußten die Wanderer später noch ärger erschrecken: Alle Baumkronen waren

abgesägt. Traurig sahen die vieIen Stümpfe aus und so, als ob der Acker sich seines Aussehens nun schämen müßte.

Dann, als sie wieder einmal vorbeigingen, war kein Zaun mehr da. Es war erneut ein Hopfengarten, denn der Erlös aus dem Hopfen

war derzeit besser als vom Obst. Aber der Acker hatte sich nicht mehr auf lustige Hopfenernten zu freuen, auch nicht mehr auf den

Saft, der aus den aufgerollten Ranken in seine Erde zurückkam. Grob wurden diese mit dem reifen Hopfen abgehauen. Die Wanderer

schauten eine Weile der Pflückmaschine beim Hof zu. Es lag nicht mehr der feine herbe Geruch des Hopfens in der Luft, sondern

ein widerlicher, nach Fäulnis riechender Schwaden vom Abfall.

Ein grausiges Unwetter hauste im Landstrich. Die beiden Städter sahen dessen Folgen. Der Hopfengarten lag wie plattgewalzt, alles

von Sturm und Hagel zerschlagen. Der Bauer tat ihnen leid. Den ganzen Weg redeten sie über den Schaden und die Arbeit, die zu

machen sei, bis die Anlage wieder stehe.

Der Bauer hatte sich diese Mühe erspart, er nahm eine andere auf sich: Der Acker wurde ein Erdbeerfeld. Fremdarbeiter und Frauen

bückten sich, um die Früchte zu pflücken. Die Bäuerin hatte am Rand des Feldes, am Weg, einen Tisch aufgestellt und bot sie den

Vorübergehenden und -fahrenden in Pappkartons zum Kauf an. Sie sahen die Frau erstmals so aus der Nähe. Es war eine schöne,

üppige Bäuerin, in fast elegantem, weit ausgeschnittenem Sommerkleid. Der Bauer ging weg, als er Käufer kommen sah. Seinem

Rücken sah man an, daß er sich der Krämerei schämte.

Die Wanderer waren nun ältere Leute. Als sie wieder vorbeigingen, sahen sie den Acker voller Pfähle. Der Bauer und sein Sohn

waren dabei, sie nah am Weg in die Erde zu pflocken. Sie hatten des Mannes Gesicht nicht mehr gesehen, seit er damals in jungen

Jahren geflucht hatte. Sie erschraken beinahe, denn es war ein gezeichnetes Gesicht. Nicht nur Sonne, Wind und Wetter hatten es

gefurcht, sondern Verbitterung vom harten Wirtschaftskampf stand in ihm, Rückschläge und Ärger hatten es geprägt. Die alten

Wandersleute grüßten freundlich und fragten, ob es wieder eine Obstanlage werde. Der Bauer tat nur einen Brummer und ging

weg. Der Sohn sprach: „Der Großvater hat es gewußt, hier sei früher allezeit ein Rebacker gewesen.“ Es sah aus, als strecke der

Acker der Sonne erwartungsvoll seinen Buckel entgegen. An Erinnerung gemahnte er, an fröhliche Menschen, muntere Vögel.

Er wird sich wundern! Schüsse werden auf ihm krachen und nachgeahmte Todesschreie von Vögeln über ihm schrillen. Mit giftigen

Brühen wird er getränkt werden und unter großen Netzen schmachten. Doch ein Rebacker wird er nun wieder viele Jahre sein.

Zwischendurch hat er zwar die Menschen mit Brot und Bier, Most und Milch versorgt, aber nichts werden sie so nötig haben wie

Wein, um das zu ertragen, was ist und was noch kommen wird.

Maria Beig: Der Acker beim Bodensee. In: Maria Beig. Das Gesamtwerk. Herausgegeben von Peter Blickle und Franz Hoben. Band 5, S. 178-180.

© Klöpfer & Meyer Verlag, Tübingen 2010.

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