Stolpersteine_2018_komplett

rolfschmitt

Grußwort

der Oberbürgermeisterin

Zum vierten Mal werden in unserer Stadt am Donnerstag,

5. Juli, durch den Künstler Gunter Demnig

an insgesamt sechs Standorten Stolpersteine

verlegt. Sie erinnern an Männer, Frauen und Kinder,

die während der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus

vertrieben und ermordet wurden.

Gunter Demnig selbst sagt über die Idee hinter

seinem Projekt: „Mit den Stolpersteinen sind die

Menschen plötzlich wieder gegenwärtig“.

„Wieder gegenwärtig“: Das ist ohne Zweifel die

zentrale Botschaft dieser kleinen, in den Boden

eingelassenen Gedenksteine. Sie können nicht ungeschehen

machen, was den Opfern angetan wurde,

aber sie können die Betroffenen wieder in unser Bewusstsein rücken – als

Warnung und Mahnung, dass Fanatismus und Rassismus immer und überall

zur Bedrohung der Menschenrechte werden können.

Einmal mehr gilt mein Dank allen an der Vorbereitung dieser Aktion Beteiligten

– allen Spendern, allen Organisatoren, allen Ideengebern, namentlich der

BürgerStiftung Bruchsal und der Bruchsaler Friedensinitiative. Herr Florian

Jung, Lehrer am Justus-Knecht-Gymnasium, hat mit seiner Projektgruppe aus

Schülern der 8. Klasse intensiv die Geschichte all jener NS-Opfer recherchiert,

für die im Rahmen der diesjährigen Stolperstein-Aktion eine bleibende Erinnerung

geschaffen wird. Ein besonderer Dank gilt Herrn Rolf Schmitt, dem es

auch diesmal gelungen ist, zahlreiche bisher unbekannte geschichtliche Fakten

aufzuarbeiten und viele familienkundliche Bezüge herzustellen. Und immer

wieder dürfen wir es auch erleben, dass die heutigen Hausbesitzer an den Verlegestellen

sich zustimmend zu der Aktion äußern und selbst aktiv nach dem

Schicksal früherer Bewohner des Gebäudes fragen – eine besondere Form der

Auseinandersetzung mit Geschichte.

Stolpersteine sind Schritte hin auf ein dauerhaftes Erinnern, das nicht in geschichtlichem

Rückblick stehen bleibt, sondern immer auch das bürgerschaftliche

Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Diskriminierung in der Gegenwart

stärkt.

Cornelia Petzold-Schick

1


Einführung in das Schülerprojekt

von Florian Jung, OStR am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal

Bereits zum dritten Mal bildete sich am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal eine Projektgruppe

aus Achtklässlern des G9-Zugs, um ein Schuljahr lang Biographien früherer

jüdischer Mitbürger zu erforschen. Selbstverständlich gehört dazu eine gründliche

Recherche in Büchern zum Thema, seien es die bekannten Werke von Stude oder Haus

zur Geschichte der Juden in Bruchsal, seien es die alten Adressbücher der Stadt. Die

Recherche im Internet wird ergänzt durch den in Kleingruppen durchgeführten Besuch

im Generallandesarchiv Karlsruhe, dort lagern nämlich umfangreiche Akten der

Wiedergutmachungsbehörden zu fast allen, die in diesem Jahr mit einem Stolperstein

geehrt werden. Ganz besonders reizvoll ist für die Jugendlichen allerdings, in Kontakt

zu kommen mit den Nachfahren oder Verwandten, die meist nicht mehr in Deutschland

leben. In diesem Jahr mussten wir allerdings akzeptieren, dass die Enkelin eines

Bruchsaler Holocaustopfers, wohnhaft in Uruguay, nicht mit uns kommunizieren

wollte und Verwandte aus drei verschiedenen Zweigen der Mayer-Sippe kein Interesse

an der Stolpersteinverlegung für Else und Selma Mayer zeigten. Umso mehr wurde uns

aber klar, welche großzügige, wichtige und sehr geschätzte Geste es von den Angehörigen

der Familien Geismar und Baertig/Schlessinger ist, dass gleich mehrere Vertreter

beider Familien aus verschiedenen Teilen der USA und aus der Schweiz anreisen.

Das inzwischen gut eingespielte Stolperstein-Organisationsteam, bestehend aus Rolf

Schmitt, Thomas Adam und Florian Jung, freut sich ganz besonders, bei der diesjährigen

Stolpersteinaktion Alex Calzareth und Michael Simonson aus New York dabei

zu haben, die uns seit Jahren schon bei unseren Recherchen unterstützen. Ebenso gilt

unser besonderer Dank Werner Schönfeld (Flehingen), Marlene Schlitz (Bruchsal),

weiteren privaten Forschern und Mitarbeitern verschiedener Archive.

Projektgruppe „Stolpersteine“ der 8. Klassen am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal:

Hinten von links: Ellen, Charlotte, Lina, Mia, Dominik, Raphael, Lukas

Vorne von links: Jan, Nico, Marius, Volkan. Foto: Florian Jung.

2

Biografie von Ludwig Geismar (1869-1942)

von Isaiah Blumhofer, Klasse 8s

Ludwig Geismar wurde geboren am

22.2.1869 in Bruchsal als Sohn des

Eisenhändlers Leopold Geismar und

dessen Frau Bertha Babette Weil. Diese

stammten aus Breisach und Sulzburg

in Südbaden, hatten sich im April

1866 in Bruchsal niedergelassen und

eine Eisenwarenhandung eröffnet.

Ludwig wuchs zusammen mit zwei älteren

Brüdern, Sigmund und Gustav,

und einer jüngeren Schwester, Mathilde,

auf. Von Ludwig ist im Generallandesarchiv

Karlsruhe eine Personenbeschreibung aus dem Jahre 1893 erhalten: „1,72 bis

1,74 m groß, hellblonde Haare, kleines blondes Schnurrbärtchen, gesunde Gesichtsfarbe.

Beruf: Eisenreisender.“

Ludwig heiratete 1900 in Neckarsteinach die von dort stammende Kaufmannstochter

Ida Ledermann. Das Paar bekam zwischen 1901 und 1909 fünf Kinder, vier Söhne und

eine Tochter.

Über die Größe des Geschäfts gibt es unterschiedliche Angaben.

Geismars Sohn Otto schrieb 1959, dass die Eisenwarengroßhandlung

im Durchschnitt drei Angestellte, vier Arbeiter

und zwei Lehrlinge beschäftigte, außerdem war er selbst seit

1924 im Betrieb tätig. Zusätzlich gab es ein gemietetes Lager

im Holzmarkt 15 (Gastwirt Erchinger) sowie einen gemieteten

Lagerplatz am Güterbahnhof. Verkauft wurden Eisenwaren an

Handwerker, Baugeschäfte, kleine Eisenwarenhandlungen, außerdem

Öfen „en gros et en detail“. Geismar hatte das Alleinverkaufsrecht

der bekannten „Eibelshäuser Hütte“ für Baden und

Württemberg. Weitere Lieferanten waren: Weil und Reinhardt

(Mannheim), Röchling (Saarbrücken), Gebrüder Späth (Mannheim),

Emailfabrik Ullrich (Annweiler/Pf.) . Der Kundenkreis

dehnte sich bis nach Offenburg, Villingen, Stuttgart, Esslingen,

Mosbach und Wiesloch. Entweder Ludwig, Sohn Otto oder

ein Angestellter waren immer als Reisende tätig. Bedeutender

Geschäftspartner war auch das Landesgefängnis Bruchsal mit

Grabstein von Leopold und

Berta Geismar, Jüdischer

Friedhof Bruchsal. F.: Jung.

Feuerwehrübung 1933. Links Eisenhandlung Geismar,

rechts Gasthaus „Zum Einhorn“. Foto: E. Habermann.

bis zu 15.000 RM Umsatz monatlich. Das fiel 1933 komplett

weg. Otto charakterisierte den Vater als „angesehenen Bürger

in Bruchsal“, der sein Leben lang gut verdiente. Er schrieb: „Der

3


Verfolgte hatten einen bedeutenden Eisenhandel in

Bruchsal. Er hatte Wertpapiere und ein Bankguthaben

bei der Süddeutschen Diskonto-Gesellschaft in

Bruchsal. Infolge der Verfolgungsmaßnahmen hat er

sein gesamtes Vermögen verloren. Infolge des Boykotts

ist auch das Geschäft von 1933 an beträchtlich

zurückgegangen.“

Ein früherer Angestellter erinnerte sich 1959 so:

Im Geschäft arbeiteten Ludwig Geismar und sein

Sohn Otto Siegfried, außerdem sei „ab und zu“

auch seine Tochter als Stenotypistin dort tätig gewesen.

In der Zeit von 1927 bis 1931 habe man

Werbung von Ludwig Geismar im Bruchsaler

Adressbuch, Jahrgang 1920-21. F.: Jung.

zwei Angestellte und ein Arbeiter beschäftigt. Nach 1931 sei das Geschäft immer weiter

zurückgegangen und bereits vor 1933 sei der Betrieb stark verschuldet gewesen.

Das Amt für Wiedergutmachung stellte fest, dass 1932 ein Konkursverfahren über den Betrieb

eröffnet wurde, Ludwig Geismar aber den Betrieb eingeschränkt selbst weiterführen

durfte, und sich das Konkursverfahren bis 1936 erstreckte. Das Haus Holzmarkt 3 sei 1935

zwangsversteigert worden, in den Besitz der Sparkasse Bruchsal übergegangen und Januar

1936 von Architekt Gustav Löffler erworben worden. Der Eintrag ins Handelsregister gibt

Auskunft, dass Ludwig Geismar bis 29. April 1936 Inhaber der Eisenwarenhandlung am

Holzmarkt 3 war, dann erfolgte Schließung oder Verkauf.

Am 22.10.1940 wurde Ludwig zusammen mit seiner Frau Ida nach Gurs deportiert, seine

Schwester Mathilde Lehmann wurde von Mannheim aus ebenfalls nach Gurs deportiert.

Von Gurs kam Ludwig Geismar, wohl schon krank, am 26.1.1942 ins Lager Recebedou. Er

starb am 11.2.1942 in Portet-sur-Garonne, dem Hospital (Krankenhaus) des Lagers Recebedou.

Die Bestattung erfolgte auf dem jüdischen Friedhof in Portet St. Simon.

Biografie von Ida Geismar geb. Ledermann

(1874-1945)

von Volkan Kabay, Klasse 8s

Ida Ledermann wurde am 21. September 1874 in Neckarsteinach geboren. Ihre Eltern waren

Max Ledermann, welcher als Kaufmann in Neckarsteinach arbeitete, und Jeanette Simon.

Ida hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Ein Schicksalstag für Ida war sicher der

16.9.1888, denn an diesem Tag starb nachmittags um ca. drei Uhr ihre Mutter im jungen

Alter von 44 Jahren. Am selben Tag abends um „neun einhalb Uhr“ starb auch ihre nur neun

Jahre alte Schwester Berta. Der ältere Bruder Josef (1872-1935) war später mehr als 25 Jahre

Gemeindevorsteher in der Heimatgemeinde Neckarsteinach und hatte dort sieben Kinder,

seine Witwe Emma wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Idas Schwester Sophie (geboren

1876) lebte in Stuttgart und beging 1942 zusammen mit ihrem Mann Max Mayer Suizid,

der Bruder Moritz (1982) lebte in Frankfurt und wurde 1941 mit seiner Frau Minna in Lodz

ermordet. Von Bruder Sigmund Ledermann (geboren 1881) fehlt uns heute jede Spur.

Als Ida am 15.5.1900 nach Bruchsal heiratete, lebte in der Eisenhandlung, die von Idas Ehemann

Ludwig betrieben wurde, noch dessen Mutter Berta Geismar geb. Weil. Diese zog

1911 nach Landau zu ihrer Tochter Mathilde. Dort verstarb sie dann auch 1927, wurde aber

in Bruchsal beerdigt.

Ida und Ludwig Geismar hatten fünf Kinder: Die Namen ihrer

vier Söhne lauteten: Friedrich Leopold (1901), Ernst Josef

(1902), Eugen (1904) und Otto Siegfried (1906). Die Tochter

hieß Lucie Jeanette (1909). Sohn Ernst starb mit acht Monaten

und ist auf dem Bruchsaler Friedhof beerdigt. Alle anderen

Kinder erhielten eine überdurchschnittliche schulische

Ausbildung: Friedrich Leopold, genannt „Fritz“, besuchte die

Oberrealschule von 1910 (Klasse VI) bis 1915/16 (Austritt in

Klasse UIII), Eugen war dort von 1913 (Klasse VI) bis mindestens

1918/19 (Klasse OIII). Otto war von 1916 (Klasse

V) bis mindestens 1918/19 dort. Tochter Lucie besuchte die

Höhere Mädchenschule in Bruchsal. Beides sind Vorgängerschulen

des Justus-Knecht-Gymnasiums.

Grabstein Ernst Geismar. F.: Jung.

Sohn Fritz ist 1921 nach Argentinien ausgewandert. Zuletzt war er 1932 zu Besuch bei seinen

Eltern in Bruchsal. Bis in die 1950er Jahre hatten seine Geschwister keine Idee, was aus

ihm geworden war oder wo er sich befand. Sohn Eugen starb am 22.7.1933, morgens um

ca. 6 Uhr plötzlich in Bruchsal, in der Wohnung seiner Eltern, an einer Sepsis (Blutvergiftung).

Der Vater ging persönlich aufs Standesamt, um dort den Tod zu melden. Otto verließ

Bruchsal ebenfalls 1933 und Lucie Jeanette 1934. Es wird Ida sicher schwer gefallen zu sein,

alle ihre Kinder in so kurzer Zeit gehen lassen zu müssen.

Ida Geismar wohnte bis 1936 im Haus Holzmarkt 3, wo ihr Mann die Eisenwarenhandlung

hatte (Siebenzimmerwohnung). Wann genau sie auszogen, ist unklar. Nach dem Hausverkauf

1935 zogen sie im April 1936, so die Aussage des Käufers, Architekt Löffler, in die Friedrichstraße

29 zum jüdischen Kaufmann Alfred Bär und bewohnten dort eine 4-Zimmer-

Wohnung. Schwiegersohn Lazarus Benjamin de Vries besuchte sie angeblich dort schon im

Februar 1936, und zusammen mit seiner Frau Lucie de Vries nochmals im Sommer 1937.

Diese Wohnung war mit den Möbeln des Holzmarkt 3 sehr gut eingerichtet und hatte ein

Esszimmer, einen Salon, ein Schlafzimmer und ein Fremdenzimmer. Im Adressbuch von

1938 liest man allerdings noch Holzmarkt 3, was höchstwahrscheinlich fehlerhaft ist. Geismars

hatten in ihrem alten Haus Holzmarkt 3 allerdings noch ein Lager mit Restbeständen,

wo auch die restlichen Möbel untergestellt waren (Wohnzimmer, Schlafzimmereinrichtungen

der beiden Brüder). Nach Erinnerung der Hausnachbesitzer der Friedrichstr. 29 (Bohn)

sind Geismars Ende 1938 in die Pfarrstr. 3 zum Ehepaar Simon und Luise Sandler gezogen.

Ida musste wie alle vermögenden Juden Schmuck und Gold 1938/39 abgeben und hatte

4 5


einen Transportkanal über ihren Bruder Moritz Ledermann, wohnhaft in Frankfurt, gefunden,

die Wertsachen illegal nach Holland zur Tochter Lucie zu bringen. Da sich der Schwiegersohn

aber weigerte, einen illegalen Weg zu beschreiten, weil er Schwierigkeiten mit den

holländischen Zollbehörden fürchtete, wurde aus dem Plan nichts. Es war eine goldene Herrenuhr,

eine goldene Damenuhr, mehrere Ringe und Ketten sowie Tafelsilber.

Am 22.10.1940 wurden Ida und ihr Mann nach Gurs deportiert. Die Einrichtungsgegenstände

der Familie Geismar – und vieler anderer – wurden kurz nach der Deportation in den

Saal des Gasthauses „Zum Löwen“ in der Durlacher Straße gebracht und dort von Beamten

der Gerichtsvollzieherei Bruchsal im Auftrag der Oberfinanzdirektion versteigert. Geismars

Einrichtung brachte 1082,05 Reichsmark Erlös.

Ida kam wohl am 26.1.1942 von Gurs nach Recebedou zusammen mit ihrem Mann, der

drei Wochen später im dortigen Krankenhaus verstarb. Sie war dann vom 25.3.1943 bis zum

22.11.1945 im Camp de Masseube. Die Alliierten befreiten das Lager bereits am 25.8.1944

von den Nazis, Ida lebte aber scheinbar weiterhin dort. Sie kam dann Ende 1945 nach Lacaune

bei Toulouse ins Hotel „Fusies“, das von einer jüdischen Hilfsorganisation zur Beherbergung

überlebender Juden als Erholungsheim gemietet worden war. Es waren Briefe

an ihre Kinder erhalten, die von Ida Geismar am 28.6.1945 und am 13.7.1945 in Masseube

noch selbst geschrieben wurden. Ein Brief vom November 1945 aus Lacaune wurde diktiert,

da Idas Krankheit es ihr nicht mehr erlaubte, selbst zu schreiben. Sohn Otto berichtete 1957,

dass er keine Gelegenheit mehr hatte, seine Mutter nochmals wiederzusehen.

Opfer befreundet war, bezeichnete die Tat im Prozess

als Scherz, der Staatsanwalt als Gemeinheit, die

Bruchsaler Zeitung als „riesige Dummheit“. Die Haft

endete also Anfang Oktober, was passen würde zur

Auswanderung Otto Geismars im Oktober 1933.

Einiges dabei bleibt völlig rätselhaft und widersprüchlich:

Der in den Wiedergutmachungsakten erhaltene

polizeiliche Strafregisterauszug des Otto Siegfried

Geismar von 1958 nennt KEINE Vorstrafen. Außerdem

liegt ein Schreiben des damaligen Oberbürgermeisters

Bläsi von 1949 vor, das bestätigt, dass Otto

Geismar in Bruchsal einen untadeligen Ruf hatte: „Es

ist der Stadtverwaltung nicht bekannt, dass Herr Otto

Geismar jemals in polizeilicher Hinsicht in Erscheinung

getreten ist. Nachteiliges ist über ihn nicht bekannt geworden.“

Auch das hätte er nicht geschrieben, wenn

Otto Geismar tatsächlich der Erpresser gewesen wäre.

Fakt ist, dass das Badische Bezirksamt Bruchsal am

5.10.1933 einen Pass für Otto Geismar ausstellte, dass

Otto am 8.10.1933 ein Visum für Frankreich erhielt,

Otto Geismar, 1933. Foto: GLA

Karlsruhe 480 Nr. 13219.

Selbst verfasster Lebenslauf von Otto

Siegfried Geismar aus dem Jahr 1959.

Foto: GLA Karlsruhe, 480 Nr. 30626/1.

Biografie von Otto Geismar (1906- nach 1972)

von Mubarak Naveed, Klasse 8t

Otto Siegfried Geismar wurde als jüngster Sohn von Ludwig und Ida Geismar am 28. April

1906 in Bruchsal geboren. Ab 1912 besuchte er die Grundschule und danach die Oberrealschule

Bruchsal bis zum Einjährigen (von 1916 bis ca. 1920/21). Danach wurde Otto bis

zum Jahr 1922 Lehrling bei der Malzfabrik „Hockenheimer & Hilb“ in Bruchsal. Nachdem

Bruder Fritz 1920 nach Argentinien ausgewandert war, war vorgesehen, dass Otto

das Geschäft des Vaters übernimmt. Daher arbeitete er von 1922 bis 1924 als Volontär bei

der Eisen-Großhandlung „Fa. Gimbel und Neumond“ in Ludwigshafen. 1924 ist er ins väterliche

Geschäft eingetreten und wurde dort mit allen wesentlichen Tätigkeiten vertraut

gemacht: Einkauf, Verkauf, Buchhaltung, Reisen.

Mehrere Artikel in der Bruchsaler Zeitung und im Führer berichten im Februar 1933 von

einem Erpressungsversuch: Der jüdische Kaufmann Ernst Ludwig Münzesheimer erhielt

am 7.2.1933 einen Erpresserbrief, nach dem er 300 Mark bei der Post hinterlegen solle,

andernfalls drohe Mord. Der Brief war mit „Ein Nationalsozialist“ unterschrieben. Die

Polizei ermittelte aber Otto Geismar als Täter, nachdem ein Bote das Geld bei der Post

abgeholt hatte. Ein Schöffengericht in Karlsruhe verurteilte ihn zu 7 Monaten 15 Tagen

Zuchthaus unter Anrechnung der 6 Wochen Untersuchungshaft. Geismar, der mit dem

6

7


und dass der Grenzübertritt bei Kehl am 20.10.1933 erfolgte. Auch das Arbeitsverbot in

Frankreich ist in den im Original erhaltenen Pass eingestempelt. Übrigens liefert der Pass

auch eine Personenbeschreibung: Gestalt mittel, Gesicht oval, Augenfarbe braun, Haarfarbe

braun. Wie es sich mit den Gründen der Ausreise genau verhielt, wird wohl nie genau

zu klären sein. Otto Geismar gab mehrfach an, dass ihm eine Verhaftung im Oktober

1933 drohte, weil er Mitglied des „Reichsbanners“ war. An anderer Stelle schrieb er, dass

er Bruchsal am 2. April 1933 nachts verlassen musste. Das Betrugsverfahren jedenfalls

erwähnte er an keiner Stelle!

Der von Otto Geismar selbst verfasste Lebenslauf ist noch insoweit zu ergänzen, als dass er

um 1960 persönlich in Bruchsal war und mehrere ehemalige Geschäftspartner seines Vaters

traf, die bereit waren, ihre Geschäftsbeziehungen vor dem Amt für Wiedergutmachung zu

bestätigen. Inzwischen hatte Otto die französische Staatsangehörigkeit angenommen. Über

eine Eheschließung ist nichts bekannt – Otto war wohl zeitlebens unverheiratet. Als das bisher

letzte bekannte „Lebenszeichen“ muss gewertet werden, dass er im Wählerverzeichnis

von Sevres genannt wurde – und dort am 6.11.1972 aus unbekanntem Grund gelöscht wurde:

Er verstarb nicht in Sevres, aber vielleicht anderswo? Oder zog er um? Frankreich kennt

keine Meldebehörden, die dies registrieren würden. Somit ist sein Todesdatum unbekannt.

Biografie von Lucie de Vries geb. Geismar

(1909-2000)

von David Nikolic, Klasse 8v, und Florian Jung

Lucie Jeanette Geismar wurde am 23.4.1909 in Bruchsal geboren. Sie besuchte seit September

1918 die Höhere Mädchenschule Bruchsal (Eintritt in Klasse 7), nachdem sie zuvor auf

einer Privatschule die 4. Klasse besucht hatte. Sehr erfolgreich war sie dort allerdings nicht,

und trat daher zu Ostern 1923 wieder aus. Später besuchte sie eine Abend-Handelsschule

in Bruchsal und war im Geschäft ihrer Eltern gelegentlich als Stenotypistin/Korrespondentin

und Verkäuferin tätig. Dort konnte Lucie nach dem Geschäftsrückgang des Vaters

nicht weiterarbeiten und als Jüdin in Deutschland auch keine andere Anstellung finden.

Bis zu ihrer Auswanderung nach Holland am 24.5.1934 wohnte sie in ihrem Elternhaus

Holzmarkt 3, Bruchsal. In Holland arbeitete sie zunächst als Dienstmädchen, da ihr eine

Arbeitserlaubnis als kaufmännische Angestellte verweigert wurde.

Im Februar 1936 kam ihr Verlobter, der Exportagent Lazarus Benjamin de Vries nach

Bruchsal, um bei Geismars um die Hand der Tochter anzuhalten. Er war geboren am

23.9.1897 in Amsterdam und hatte 1911 bis 1915 die Mittlere Handelsschule in Amsterdam

besucht. Seinen Beruf „Exportagent“ hatte er hauptsächlich in der Praxis gelernt.

Kurz vor der Hochzeit (10.9.1936) wurde von Geismars die komplette Aussteuer nach

Holland übersandt: Wäsche, vollständig eingerichtete Küche, ein Doppelschlafzimmer,

Ess-Service, Silberbestecke usw., alles durchweg neu angeschafft – nach und nach, seitdem

Lucie 12 Jahre alt war. Dazu wurde auch ihr weiß lackiertes Mädchenschlafzimmer nach

Holland übersandt. Im Sommer 1937 kam Lucie mit ihrem Mann nach Bruchsal zu den

Eltern, da sahen sie sich das letzte Mal. Lucie führte eine lebhafte Korrespondenz mit ihren

Eltern bis zu deren Deportation im Oktober 1940 – sie schrieb fast jede Woche.

Lucie und Benjamin de Vries mussten ab Mai 1942 den Judenstern tragen und wenig

später in den Untergrund gehen. Die Eltern ihres Mannes, die Schwestern und Schwäger

wurden alle gefasst und in Sobibor ermordet. Aus dieser Familie gelang es allein Lucie und

Benjamin de Vries, versteckt zu überleben. Nach Beendigung der Verfolgung musste Lucie

wegen sehr schwerer Blutarmut jahrelang Leberspritzen bekommen. Wegen des allgemeinen

Schwächezustands wurde sie Anfang 1947 für sechs Wochen ins Centrale Israelitische

Krankenhaus Amsterdam aufgenommen. Lucies gesundheitliche Schäden, die sie noch

viele Jahre beeinträchtigten, würde man heute als posttraumatische Störungen diagnostizieren.

Damals hieß es im ärztlichen Gutachten: „Es handelt sich um eine nervöse, aber

gesunde, um ihre Gesundheit ängstliche Frau.“ Bei einer Untersuchung 1961 wird außerdem

festgehalten, dass Lucie „164 cm groß ist, 56 kg wiegt, und einen äußerlich gesunden

Eindruck macht. Kinder oder Schwangerschaften gab es keine.“ Entschädigungszahlungen

wurden letztlich vom Amt für Wiedergutmachung in Karlsruhe abgelehnt.

Benjamin de Vries arbeitete in den 1960ern als Exportagent in Amsterdam, wo das Paar

auch bis in ein relativ hohes Alter lebte. Benjamin starb am 13.6.1992 im Alter von 95 Jahren,

Lucie 91-jährig am 22.3.2000.

Aus dem Antrag zur Entschädigung körperlicher

Beeinträchtigungen, eingereicht beim Amt für

Wiedergutmachung Karlsruhe.

Foto: GLA Karlsruhe 480 Nr. 25363/1.

8 9


Familie Leopold und Bertha Geismar

(Eltern von Ludwig Geismar)

Leopold Geismar

* 20.02.1836 Breisach-Altbreisach † 15.12.1897 Bruchsal

(Sohn v. Süßkind Geismar (1799-1880), Breisach, und Johanna Weil (1802-1876))

1866 Bürger in Breisach; seit 04.1866 Kaufmann in Bruchsal (1897: Holzmarkt 3), Eisenwarenhandlg.

verh. um 1865 (nicht in Sulzburg, 1862-1866 nicht in Breisach)

Bertha (Babette) Weil * 05.04.1843 Sulzburg † 16.10.1927 Landau

(Tochter v. Josua Weil (1808-?), Schutzbürger und Kaufmann, und Sarah Rieß (1810-1895))

4 Kinder:

1. Sigmund Geismar * 05.06.1866 Bruchsal † 13.09.1932 New York

1883 Auswanderung in die USA, Waiter, Clerk in New York

verh. 28.11.1889 Manhattan/NY Ida Johnson * 04.08.1865 Schweden † 19.02.1910 New York

(T. v. Svend Johnson und Marie Svendsen)

verh. 18.10.1911 Washington D.C. Helen Stern * ~1870 † um 1950

5 Kinder:

a) Florence Geismar * 03.08.1890 New York † 02.08.1984 Atlanta/GA

verh. James A. Millar * 04.01.1892 Edinburgh/GB † 23.05.1979 Atlanta/GA

2 Kinder: Florence E. Millar (1917-1993); James R Millar (1921-2006)

b) Mathilde Geismar * 19.11.1891 Manh./NY † 1893? bzw. um 1895

c) Gustave Geismar * 12.03.1893 Manh./NY † 23.06.1894 Philadelphia/PA

d) Sigmund John * 11.01.1895 Pensylvania † 18.06.1977 an Bord der SS

= Sydney J. Geismar Kingsholm auf dem Weg nach GB;

verh. 1. Ehe: Anna Elizabeth Allen * um 1898

verh. 2. Ehe: Martha Veyner * 24.12.1909 Tschechien † 18.11.1979 Suffern/NY

3 Kinder (aus 1. Ehe): Margaret Edith Geismar vh. Happe (1920-2007);

Jane Elizabeth Geismar (1929-1993); Mary Geismar vh. McCormick (* um 1938)

1 Kind (aus 2. Ehe): Martha Suzan Geismar (* um 1944) vh. Fitzpatrick

e) Leopold William Geismar * 01.10.1899 New York † 15.04.1975 Pinellas/FL

verh. Margaret M. Innes * 12.07.1897 New York † 28.08.1971 Pinellas/FL

2 Kinder: Leo William Geismar Jr. (1921-2005); Edward Vincent Geismar (1921-1998)

2. Gustav Geismar (Geißmar) * 29.08.1867 Bruchsal † 09.01.1927 Zürich/CH

1899 Kaufmann in Zürich, 1920 eingebürgert in Schweiz

verh. Jenny Weil

* 23.12.1862 Zürich/CH † 10.06.1940 Zürich/CH

(T. v. Leopold Weil (1834-1914, Br. v. Bertha Weil (s.o.)) u. Sophie Sara Arnstein (1833-1881))

1 Kind:

a) Peter Geismar (Geissmar) * 17.05.1909 Zürich/CH † 19.01.1981 Bachenbülach/CH

wohnte 1949 in Zürich, Wehntaler Str. 197c; wohnte seit 1957 in Bachenbülach/CH

verh. 1. Ehe: Madeleine Stump * 19.04.1920 Zürich/CH † 25.08.1996 Zürich/CH

verh. 2. Ehe: Elizabeth Keim * 13.11.1912 Steckborn † 30.03.1988 Bülach/CH

3 Kinder (aus 1. Ehe): Alfred Herbert Geissmar (1941-1995); Eva Geissmar vh. Davi (*1942),

Gabrielle Geissmar vh. Ryf (*1947)

3. Ludwig (Libman) Geismar * 22.02.1869 Bruchsal † 11.02.1942 Portet sur Gne./F

Kaufmann, bis 04.1936 Inhaber Eisenwarenhandlung, Holzmarkt 3, Bruchsal; 22.10.1940 Gurs

verh. 15.05.1900 Neckarsteinach

Ida Ledermann

* 21.09.1874 Neckarstein. † 18.12.1945 Lacaune-Les-Bains/F

(T. v. Max Ledermann (1842-1911), Kaufmann in Neckarsteinach u. Jeanette Simon, (1844-1888))

22.10.1940 nach Gurs, 26.01.1942 nach Recebedou, interniert 03.1943-11.1945 in Maseubes

5 Kinder:

a) Friedrich Leopold Geismar * 15.02.1901 Bruchsal † 22.06.1950 Buenos Aires

1920 Auswanderung nach Buenos Aires, Argentinien, 1932 zuletzt zu Besuch in Bruchsal

vh. 25.02.1943 Manuela Norberta Valdez * 06.06.1903 Cap Fec/Arg. † nach 1963

1963 in Buenos Aires wohnhaft

b) Ernst Josef Geismar * 07.07.1902 Bruchsal † 11.03.1903 Bruchsal

c) Eugen Geismar * 20.12.1904 Bruchsal † 22.07.1933 Bruchsal

Kaufmann in Bruchsal, in der Wohnung der Eltern an Sepsis verstorben, unverheiratet

d) Otto Siegfried Geismar * 28.04.1906 Bruchsal † nach 1972

Einjähriges an Oberrealschule Bruchsal, 1924-1933 Kaufmann im väterl. Geschäft, 10.1933

Flucht nach Straßburg, 1936-1945 sowie 1950-1956 Fremdenlegion Indochina, 1946-1949

Casablanca, seit 1956 bei Citroen in Paris, wohnte 1960/72 in Sevres bei Paris, unverheiratet

e) Lucie Jeanette Geismar * 23.04.1909 Bruchsal † 22.03.2000 Amsterdam

bis 1923 Höhere Mädchenschule Bruchsal, 1927-1934 im väterl. Geschäft, 05.1934 nach Holland,

Dienstmädchen, 09.1942-05.1945 versteckt in Holland, wohnte 1963 in Amsterdam, kinderlos

vh. 10.09.1936 Lazarus Benjamin de Vries * 23.09.1897 Amsterdam † 13.06.1992 Amst.

(S. v. Wolf Benjamin Lazarus de Vries (1864-1943) und Rebecca Mozes (1874-1943))

09.1942-05.1945 versteckt, Patentinhaber, 1965 Export-Agent, wohnhaft in Amsterdam

4. Mathilde Geismar * 12.01.1871 Bruchsal † 25.05.1942 Gurs

Kaffee- und Teehändlerin in Landau, 11.1939 von Landau nach Mannheim (Jüd. Altersheim)

verzogen, 22.10.1940 Gurs

vh. 17.05.1899 Bruchsal Gustav Lehmann * 23.01.1859 Böchingen † 10.06.1922 Landau

(S. v. Samuel Lehmann, Weinhändler, und Barbara Kaufmann, 1. Ehe Sofie Rothschild, geschieden)

Weinkommissionär in Landau, wahrscheinlich keine Kinder – jedenfalls keine, die WK II überlebten.

Von links: Gustav Geismar (1867-1927), Florence Millar geb. Geismar (1890-1984), Sydney J. Geismar

(1895-1977), Leopold William Geismar (1899-1975). Foto 1: Eva Davi, Foto 2-4: Anita Geismar.

10 11


Biografien von Else Mayer (1883-1940)

und Selma Mayer (1887-1942)

von Dominik Stritt, Klasse 8u

Die Geschwister Mayer wurden in

Bruchsal geboren: Else Mayer wurde am

21.11.1883 geboren als das älteste Kind

von Maier Mayer und Jeanette Mayer

geb. Herz. Die Familie hatte noch ein

Mädchen und einen Jungen. Else Mayer

wuchs mit ihrer Schwester Selma Mayer,

geboren am 9.11.1887, und ihrem Bruder

Ludwig Mayer, geboren am 7.5.1890, auf. Friedrichstraße 40, vom Kaufhaus Knopf Richtung

Ludwig starb jedoch schon am 16.8.1896 Friedrichsplatz gesehen. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.

im Alter von sechs Jahren und ist auf dem jüdischen Friedhof in Bruchsal bestattet.

Grabstein von Marie und Jeanette Mayer auf

dem Jüdischen Friedhof Bruchsal. Foto: F. Jung.

Der Vater Maier Mayer war der Sohn von Hauptlehrer Leopold Mayer und Rosa Weil. Leopold

war ab 1842 Hauptlehrer in Nonnenweier, Rosa gebar 16 Kinder zwischen 1844 und

1865. Beide starben in Bruchsal 1894 und 1892 und waren in ihren letzten Jahren auch

hier wohnhaft, wahrscheinlich beim Schwiegersohn

Max Flehinger. Maier Mayer war

zum Zeitpunkt seiner Hochzeit 1883 schon

Kaufmann in Bruchsal, ebenso sein Bruder

Emil Mayer, der ab 1883 ein Wäschegeschäft

in Würzburg betrieb. Das Weißwaren- und

Ausstattungsgeschäft von Maier Mayer lag zunächst

in der Friedrichstraße 19 in Bruchsal.

Am 23.5.1889 konnte er das Haus Friedrichstraße

40 von Heinrich Katz erwerben und

Wohnung und Geschäft dorthin verlegen. Das

Haus wurde um 1830 erbaut.

Sicher hatte Maier Mayer engen Kontakt zu

seiner Schwester Emilie Flehinger geb. Mayer,

die 1881 den Hauptlehrer Max Flehinger in

Bruchsal heiratete. Flehinger war 1883 Trauzeuge

bei Maier Mayer, außerdem war Flehinger

Religionslehrer und wohnte 1904 in der

Friedrichstraße 76, neben der Synagoge, und

hatte acht Kinder, zwischen 1882 und 1896 geboren.

Diese waren sicher eng vertraut mit den

Cousinen Else und Selma Mayer.

Werbung von Else Mayer im Adressbuch

Bruchsal 1931-32. Foto: Florian Jung.

Maier Mayer starb 1916 und seine Witwe Jeanette

geb. Herz, aus Kochendorf bei Heilbronn stammend,

wurde Inhaberin des Wäschegeschäfts.

Wahrscheinlich wurde es hauptsächlich von Tochter

Else Mayer geführt, die es nach dem Tod der

Mutter 1925 auch weiterführte. Während die beiden

allerdings 1925 noch alleine im Haus wohnten,

wurde das Geschäft um 1926 ins Obergeschoss verlegt,

und der Laden im Erdgeschoss wurde an die

„Bayerische Schokoladenhaus GmbH“ vermietet.

Selma Mayer verzog am 8.8.1914 nach München,

Bavariaring 24, wo sie im Haushalt ihres Onkels

Isaak Mayer arbeitete. Mit zur Familie gehörte Isaaks Frau Isabella, der Schwiegervater Jakob

Kubitschek und Selmas Cousin Eugen Mayer, damals gerade 18 Jahre alt. Nach der

Verheiratung des Cousins 1928 und dem Tod des Onkels 1930 zog sie zusammen mit der

Tante Isabella im Juli 1934 in die Hermann-Lingg-Straße 16 in München. Nach dem Tod

der Tante im Juli 1937 blieb Selma noch bis 19.2.1938 in München, wahrscheinlich bei ihrem

Cousin Eugen, dann zog sie zurück zu ihrer Schwester Else nach Bruchsal.

Etwa in dieser Zeit musste Else ihr Etagengeschäft schließen, sodass Else und Selma nur

noch die Mieteinnahmen des Ladens zustanden. Davon mussten die beiden unverheirateten

Schwestern leben. Der Besitzer des Schokoladengeschäfts, der Kaufmann Walter Bremer

in Würzburg, hatte den Laden vor seinem Einzug gründlich renovieren lassen, da „den

Vermietern angeblich die flüssigen Mittel fehlten. Der Betrag ist als Hypothek sicher gestellt

und das Vorkaufsrecht für das Haus eingetragen“, so Bremer am 5.12.1938. Im Gutachten des

Architekten Löffler wird bestätigt, dass das zweigeschossige Gebäude „in ziemlich verwohntem,

wenn auch nicht gerade verwahrlosten Zustande“ sei. Mit Kaufvertrag vom 31.1.1939

ging das Haus an Bremer über, wobei er den Schwestern im Kaufvertrag schriftlich zusicherte,

dass sie im Haus für 40 Reichsmark monatlich zur Miete wohnen bleiben können,

bis sie aus Bruchsal wegziehen – auch, wenn eine der beiden Schwestern versterben sollte.

Noch im April 1940 lebten die beiden Schwestern dort.

Am 4.4.1940 starb Else Mayer an Gebärmutterkrebs

im Jüdischen Krankenhaus Mannheim und wurde auf

dem dortigen Jüdischen Friedhof bestattet.

Selma Mayer musste zwischen April und Oktober

1940 ins Haus der Familie Nathan in die Schillerstraße

17 umziehen (Vgl. S. 24f.). Sie wurde von dort am

22.10.1940 mit der Familie Nathan und dem Ehepaar

David und Sofie Kaufmann nach Gurs deportiert. Selma

kam am 10.8.1942 über das Sammellager Drancy

nach Ausschwitz, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt

ermordet wurde.

Grabstein von Else Mayer. Foto: privat.

12 13


Familie Leopold Mayer

(Großeltern von Else und Selma Mayer)

Leopold Mayer

* 18.06.1813 Wiesloch † 27.02.1894 Bruchsal

(S. v. Veist/Faist Mayer (1773-1846), Händler in Wiesloch, u. Esther Isaak/Liebmann (1773-1855 Bruchsal))

Im Okt. 1842 als Schulkandidat auf die „mit dem Vorsängerdienst vereinigte Lehrstelle an der neuerrichteten

öffentlichen Schule bei der israelitischen Gemeinde Nonnenweier“ berufen. Umzug um 1890

nach Bruchsal (erste Spur nach Bruchsal: 1846 heiratete seine Schwester Rosina Mayer den Gastwirt

Gerson Grün in Bruchsal)

verh. 08.11.1842 Nonnenweier

Rosina Weil

*~ 01.1821 Eichstetten † 13.02.1892 Bruchsal

(Tochter von Josef Weil, Vorsänger in Eichstetten, und Paula geb. Bloch bzw. Blum geb. Weil)

16 Kinder (geboren 1844-1867), darunter:

6) Maier Mayer * 23.12.1851 Nonnenweier † 20.02.1916 Bruchsal

Kaufmann (Wäschegeschäft) in Bruchsal, Friedrichstr. 40

vh. 09.01.1883 Br. Jeanette Herz * 19.08.1859 Kochendorf bei HN † 13.06.1925 Bruchsal

(T. v. Lazarus Herz (1809-1881) Kaufmann, und Karoline Neumann (1822-1913), in Heilbronn)

3 Kinder:

a) Else Mayer * 21.11.1883 Bruchsal † 04.04.1940 Mannh., Krankenhaus

Kauffrau (Wäschegeschäft) in Bruchsal, Friedrichstr. 40

b) Selma Mayer * 09.11.1887 Bruchsal † 10.08.1942 Auschwitz

1914-1938 Hausangestellte bei Onkel Isaak bzw. Cousin Dr. Eugen Mayer in München, 1940 Gurs

c) Ludwig (August Ludwig) Mayer * 07.05.1890 Bruchsal † 16.08.1896 Bruchsal

8) Isaak Mayer * 04.05.1854 Nonnenweier † 26.07.1930 München

schon um 1890 Kaufmann in München

verh. 1. Ehe ~ 08.1891 München Fanny Kubitschek

* 03.09.1872 Thomasville/GA/USA † 30.06.1892 Nördlingen zus. mit einem totgeborenen Kind

verh. 2. Ehe 20.11.1894 München Isabella Kubitschek

* 27.12.1874 Thomasville/GA/USA † 05.07.1937 München (Schwester von Fanny K.)

1 Kind:

a) Dr. med. Eugen Leopold Mayer * 04.03.1896 München † 25.01.1974 Nassau/NY/USA

Chirurg im Jüdischen Hospital München, 12.1939 in USA, lebte in New Hide Park/NY/USA

vh. 1928 Dr. phil. Gertrude Hirsch * 31.07.1902 Coburg † 06.08.1996 Brooklyn Park/USA

1926 Promotion in Straßburg, seit 1932 jüd. Frauenschule Wolfratshausen, 1939 in USA

2 Kinder: Rosemarie Mayer (1930-1940), Autounfall in New York; Dr. Robert J. Mayer (*1943), MD,

Direktor der Gastrointestinal Onkologie-Zentrums in Boston/MA/USA

9) Immanuel (Emanuel, Emil) Mayer * 17.09.1855 Nonnenweier † 09.05.1936 München

Kaufmann, Versicherungsagent, ab 1883 Wäschegeschäft in Würzburg, ab 1890 Versicherungsagent

und 1920er Immobilienagent, 1928 Umzug nach München zu Sohn Arthur

vh. 1885 Heidingsfeld Rosa Schwabacher * 29.11.1861 Heidingsfeld † 31.08.1941 München

3 Kinder (gekürzt)

10) Emilie Mayer * 22.06.1857 Nonnenweier † 27.02.1929 München

vh. 12.07.1881 Bruchsal Max Flehinger * 04.10.1850 Flehingen † 18.07.1910 Bruchsal

1881 Religionslehrer in Konstanz, seit 1882 Religionslehrer in Bruchsal

8 Kinder:

a) Flora Flehinger * 04.04.1882 Bruchsal † 09.04.1954 New York

vh. 25.04.1906 Bruchsal Moses Vogel *08.04.1873 Freudental † 13.07.1921

Bankbeamter in Frankfurt/M.

2 Kinder: Erna Vogel (1907-1991) vh. Hermann Haffner; Gertrude Vogel vh. Herbert Lehman

b) Paula Flehinger *03.05.1883 Bruchsal † 06.06.1892 Bruchsal

c) Dr. Arthur Flehinger * 13.06.1884 Bruchsal † 1961 Bradford GB

1910 Lehramtspraktikant in Baden-Baden, Mannheim, 1927 Baden-Baden, 1938 Dachau, dann GB

verh. 1. Ehe Anna Lipsky * 15.03.1894 Baden-Baden † 01.06.1946 Bradford/GB

verh. 2. Ehe Ingeborg „Inge“ Margarete Bergfeld * 09.10.1918 † 02.03.1994 Bradford/GB

2 Kinder (1. Ehe): Gerhard Flehinger (=Gerald Fleming, 1921-2006, anerkannter Historiker zur

Holocaustforschung in GB); Walter Flehinger (Fleming)

d) Jenny Flehinger * 20.07.1885 Bruchsal † 19.05.1888 Bruchsal

e) Martha Flehinger * 30.07.1887 Bruchsal † 1957 New York, 10.1939 in USA

vh. 30.08.1910 Karlsruhe Carl Leiter * 08.11.1879 Bopfingen † 05.06.1937 München

seit 1910 in München wohnhaft, Kaufhausbesitzer mit bis zu 11 Angestellten

3 Kinder: Helene Leiter (1911-2002) vh. Claus Hilzheimer (= Prof. Claude Hill);

Max „Steven“ Leiter (1914-1979); Alice Leiter (1918-2006) vh. Milton Goldsmith

f) Friedrich „Fritz, Fred“ Flehinger * 09.11.1889 Bruchsal † 17.10.1979 Los Angeles/USA

1916 in München, 1935 in Essen, 1940 in Los Angeles

vh. Edith Mathilde Adler * 06.02.1900 Rottweil † 02.09.1995 Los Angeles/USA

1 Kind: Max Robert Flehinger (* um 1932 Essen)

g) (Knabe) Flehinger *† 24.03.1895 Bruchsal

h) Dr. med. Benno Flehinger * 28.11.1896 Bruchsal † 06.12.1956 New York

1916 Student in München, 1939 Arzt, 02.1939 über GB in USA, 1944 in New York, Kinder?

11) Fanny Mayer * 11.01.1859 Nonnenweier

vh. 01.05.1885 Bruchsal Samuel Günzburger *05.03.1858 Schmieheim

1885 Kaufmann, Kinder?

13) Dr. med. Joseph Mayer * 02.09.1862 Nonnenweier † 07.09.1939 Freiburg

1894 Arzt in Colmar

vh. 26.11.1894 Mannheim Elise Hirsch * 16.02.1875 Mannheim † 11.09.1954

(T.v. Jakob Hirsch jr., Kaufmann in Mannheim, und Justine geb. Grün (*1847 Bruchsal als Tochter

von Gerson Grün u. Rosina Mayer (Schwester von Leopold Mayer (1813-1894), s. oben!)), Kinder?

15) Hannchen „Hanna“ Mayer * 30.10.1865 Nonnenweier † 12.10.1938 Baltimore/USA

vh. 18.06.1890 Bruchsal Max Eichberg * 20.07.1865 Laudenbach † 21.11.1934 Baltimore

1890 Lehrer in Heilbronn-Sontheim, 1900 in USA ausgewandert, 1910 Buchhalter in Baltimore

2 Kinder:

a) Leo Eichberg * 30.04.1894 Deutschland † 12.1980 Miami/FL/USA

1900 in USA emigriert, 1910 „clerk“ in Baltimore, Kinder?

b) Moritz (Morris, Maurice) Eichberg * um 1900 Deutschland † 1946 Baltimore/USA

1900 in USA emigriert, 1910 in Baltimore, vh. Bertha ... * um 1904 † 1963 Baltimore/USA - 1 Sohn

14 15


Biografie von Ludwig Baertig (1884-1954)

von Mia Smale, Klasse 8t

Ludwig Baertig wurde am 27.3.1884 in Herrieden bei Feuchtwangen geboren. Sein Vater

hieß Wolfgang Baertig und kam aus Schopfloch. Seine Mutter Theresia geb. Siegel wurde

in Mingolsheim geboren. Außerdem hatte er drei Brüder namens Hermann, Siegfried und

Max und eine Schwester Namens Klara. Zwischen 1888 und 1894 zog die Familie nach

Bruchsal in die Kaiserstraße 24. Ludwigs Vater war ab 1904 bei der Freiwilligen Feuerwehr

in Bruchsal. Das Geschäft in zentraler Lage lief wohl gut, weshalb Ludwig eine Ausbildung

in Frankfurt machen konnte. Doch da der Vater 1915 schon früh starb, übernahm Ludwig

das Manufaktur- und Tuchgeschäft vom Vater. Der älteste Bruder Hermann zog noch

vor dem ersten Weltkrieg

nach Amerika und Siegfried

fiel sechs Tage nach

dem Tod seines Vaters

in Frankreich. So blieben

nur noch Ludwig

und sein jüngster Bruder

Max, welcher mit ihm

das Geschäft führte. Jedoch

war Ludwig der

Geschäftsinhaber. Dies

beweist die Telefonnummer

124, später 2124,

welche unter seinem Namen

angemeldet waren.

1927 trat auch Ludwig

der Feuerwehr bei.

In dem großen Familienhaus

der Baertigs

lebten Ludwigs verwitwete

Mutter Theresia

bis 1937, anfangs auch

seine Großmutter Elise

Siegel, welche von Mingolsheim

kam und am

13.5.1921 im Alter von

93 Jahren im Haus starb.

Außerdem wohnte noch

seine Schwester Klara im

Werbung von Ludwig Baertig. Foto: „Bruchsaler Wochenblatt“, Jg. 1910.

Haus. Diese starb allerdings am 4.8.1921 mit 43

Jahren. Klara lebte anscheinend schon länger in

der Kaiserstraße, da ihre Tochter Erna Wälder,

geboren in Worms, 1915 bis 1921 die Höhere

Mädchenschule in Bruchsal besuchte. Erna

wohnte noch bis zu ihrer Hochzeit 1928 bei ihrer

Großmutter und ihren Onkeln Ludwig und

Max, welche später ihre Trauzeugen wurden.

Rätselhaft bleibt jedoch, warum Ludwig kurz,

vom 6.1.1924 bis zum 22.1.1924, in Mannheim

gemeldet war.

Ab dem 13.2.1930 war Ludwig mit Recha Thekla

Schlessinger aus Flehingen verheiratet. 1932

bekamen sie eine Tochter namens Beate, welche

in Karlsruhe geboren wurde. 1937 zogen Recha und Beate allerdings zurück nach Flehingen

und am 2.11.1939 haben sie sich scheiden lassen.

Auch die restliche Familie verschwand aus Bruchsal – Ludwigs Mutter Theresia starb am

26.8.1937 im Alter von 81 Jahren, Bruder Max mit Familie flüchtete wohl im Februar/

März 1939 nach Frankreich. Bei der Volkszählung im April 1939 war Siegfried der letzte

der Familie, der in Bruchsal lebte. Am 26.9.1939 zog er nach Mannheim zu seiner Nichte

Erna, die mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen 1942 ermordet wurde.

Bereits am 19.12.1938 wurde Ludwigs Haus zwangsversteigert. Konditormeister Karl

Baumann kaufte es für 20000 Mark, obwohl es laut Aussagen Ludwigs 48000 Mark wert

gewesen wäre. 1948 behauptete Baumann hingegen, dass das Haus stark verschuldet und

stark renovierungsbedürftig war. Am 1.3.1945 wurde es komplett zerstört. Danach kam

die Mohren-Apotheke hinein.

Am 11.11.1939 wurde Ludwig in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Als er am

5.12.1939 nach Hause kam, sah er laut Aussagen einer

Nachbarin sehr schwach und elend aus. Er selbst versicherte

immer wieder, dass er sich sein Herzleiden in dieser

Zeit im Konzentrationslager zugezogen hatte.

Vom 24.1.1940 bis 5.2.1940 fuhr er von Rotterdam nach

Amerika. Er kam bei seinem Cousin S. May in Chicago

unter, jedoch hatte er nur noch 10 Dollar in der Tasche.

Zu diesem Zeitpunkt wurde er mit „5 feet 7 inches“ und

grauen Haaren beschrieben. Vom 1.1.1945 bis 1.1.1954

arbeitete er als Angestellter im „Standard Club of Chicago“

als Nachtwächter, Timekeeper und dann im Büro.

Hierbei belief sich sein Einkommen auf 220 Dollar. Er

wohnte in Chicago in der 5111 University Avenue, 1940

bis 1942 im Hyde Park Boulevard 1162, dann in der 4647

16 17

Ludwig Baertig in den USA. Foto: privat.

Todesanzeige von Ludwig Baertig

aus den USA. Foto: Aufbau.


Hochzeitsanzeige von Cornelia „Nelli“ und Ludwig

Baertig, USA. Foto: Aufbau.

Greenwood Ave. Sein letzter Wohnsitz war 817

W Lakeside Place, Apt. 502, Chicago.

Am 27.3.1943 heiratet er „Fräulein“ Cornelia

(Nelli) Jacob in Chicago. Cornelia hatte blaugraue

Augen, braune Haare, war „5 feet 1 inch“

groß und wog „112 Pounds“. Am 8.2.1940 wanderte

sie von St. Nazaire kommend in New York

Biografie von Recha Baertig geb. Schlessinger

(1894-1942)

von Lina Kölbach, Klasse 8t

Cornelia Jacob, Ludwig Baertigs zweite Ehefrau

in den USA. Foto: privat.

ein. Cornelia wurde am 23.8.1891 in Kaiserslautern geboren. Sie hatte allerdings Verwandte

in Saargemünd, der Stadt, aus der Ludwigs Schwägerin Wilhelmine kam. Später gab

Cornelia an, dass sie Ludwig schon seit etwa 1920 kannte. Im Juli 1951 und im August

1954 besuchten sie gemeinsam Europa. Wahrscheinlich waren sie auch wieder in Karlsruhe.

1939 gab es die ersten Anzeichen von einem Herzleiden bei Ludwig, doch er wurde erst

1950 ärztlich behandelt. Ein Nachbar erzählte, wie Ludwig 1941 bis 1943 bei ihm zur Untermiete

wohnte und kaum mehr Kraft hatte. Das Treppensteigen ermüdete ihn sehr, er

rang oft nach Luft und klagte über Herzschmerzen. Er blieb am Wochenende zuhause und

war teilweise bettlägerig, doch er musste arbeiten, um sich zu ernähren. Am 3.11.1954

starb er dann mit 71 Jahren an einem Herzinfarkt in Chicago. Seine zweite Frau Cornelia

und einzige Erbin starb am 11.6.1957 in Chicago.

Recha Thekla Baertig geb. Schlessinger wurde am 11.10.1894 um 10 Uhr vormittags in Flehingen

geboren. Ihre Eltern waren das jüdische Ehepaar Moses Schlessinger (†1935) und

Bertha Schlessinger geb. Bierig (†1929). Moses war Metzger und Viehhändler in Flehingen.

Recha hatte fünf Geschwister: Karolina (1886-1942, verh. Weiler), Leo (1888-1942),

Samuel (1891-1985), Friedrich (1892-1985) und Eda (1896-1941, verh. Barth). Von Rechas

Kindheit und Jugend wissen wir nichts. Recha lebte in Flehingen bei ihren Eltern, bis

sie sich am 13.2.1930 in Flehingen verheiratete mit Ludwig Baertig. Ludwig war von Beruf

Kaufmann und sie lebten in Bruchsal. Recha arbeitete als Hausfrau und hatte eine Tochter:

Beate Baertig, geboren 1932 in Karlsruhe. Recha und Ludwig trennten sich und Recha zog

mit Beate im Februar 1937 aus. Die Ehe wurde am 2.11.1939 geschieden. Recha wohnte

seit der Trennung im Elternhaus in Flehingen, das seit dem Tod des Vaters 1935 wohl leer

stand. Recha hatte engen Kontakt zu ihren Geschwistern und Schlessinger-Verwandten.

Ihre Tochter Beate war anfangs bei ihr und zog um 1939 zu ihrer Schwester Eda Barth

nach Ulm. Als Rechas Bruder Friedrich

Schlessinger im Juni 1939 zu acht Monaten

Haft verurteilt wurde, weil er versucht

hatte, sein Geld ins Ausland zu bringen, besuchte

ihn Recha schon am vierten Hafttag

in Rottenburg am Neckar und weitere drei

Mal. Sie gab an, seine Auswanderung voranbringen

zu wollen, was ihm dann auch

im Februar 1940 gelang.

Im Oktober 1940 wurde Recha zusammen

mit ihrem Cousin Robert Schlessinger und

dessen Frau Fanny von Flehingen aus ins

Lager Gurs in Südfrankreich deportiert. Sie

hatten nur 20 Minuten Zeit zum Packen.

Augenzeugen berichteten, dass Recha laut

nach Beate rief und verzweifelt darum bat,

zu ihr gelassen zu werden. In Gurs hatte sie

den Schlafplatz über die ganze Zeit neben

Fanny Schlessinger, der Frau ihres Cousins.

Rechas Bruder Friedrich bemühte sich von

den USA aus unermüdlich, aber vergeblich,

Recha und Beate zu retten. Auch Bruder

Leo Schlessinger, der in der Gegend um

Gurs in einem Hotel interniert war, wollte

Recha aus Gurs holen, da es in seinem Hotel

in Aulus-les-Bains bessere Lebensbedingungen

gab. Er schrieb mehrere Briefe an

den Kommandanten und den Präfekten.

Auch das scheiterte. Recha Baertig wurde

am 6.8.1942 von Gurs ins Durchgangslager

Drancy gebracht und am 10.8.1942

von dort nach Auschwitz deportiert. Dort

wurde sie gleich nach ihrer Ankunft am

12.8.1942 ermordet.

Von links: Friedrich, Edda und Recha Schlessinger,

1918. Foto: Bea Ross, Newport, Rhode Island, USA.

Häuser der Familien Schlessinger und Ettlinger in

Flehingen, heute Samuel-Friedrich-Sauter-Str. 5

und 7. Foto: Brigitte Kugler, Flehingen.

18 19


Biografie von Beate Baertig (1932-1941)

Beate wurde am 15.3.1932 in Karlsruhe als

einziges Kind von Recha und Ludwig Baertig

geboren. Sie lebte bis kurz vor ihrem

5. Geburtstag in Bruchsal. Dann trennten

sich die Eltern und Beate zog im Februar

1937 zusammen mit ihrer Mutter in deren

Geburtsort Flehingen. Warum Beate dort

nicht blieb, wissen wir nicht. Da viele andere

Juden aus Flehingen auswanderten,

gab es dort keine anderen jüdischen Kinder

mehr und auch keine jüdische Schule. Da

Beate die „normale“ Schule nicht besuchen

durfte, ging sie vielleicht deswegen nach

Ulm zu ihrer Tante Eda Barth geb. Schlessinger.

Es muss wohl im Jahr 1939 gewesen

sein, dass Beate nach Ulm zog. Dort gab es

auch die Cousine Suse (1928-1941). Die

Cousine Lotte Barth (1920-1992) war im

November 1938 in die USA ausgewandert,

von Lina Kölbach, Klasse 8t

vielleicht war deswegen „ein Bett frei“. Die Jüdische Volksschule in Ulm wurde allerdings

auch 1939 geschlossen, sodass Suse von 1939 bis Herbst 1941 die Jüdische Schule in Stuttgart

besuchte und bei Bekannten lebte. Nur am Wochenende war sie bei den Eltern in

Ulm. Ob Beate dabei war oder die ganze Zeit über in Ulm lebte, wissen wir nicht. Familie

Barth wohnte etwa seit Sommer 1939 in

dem „Judenhaus“ Neutorstr. 15 in Ulm. Von

dort wurden Heinrich Barth (54 Jahre), Eda

Barth (46 Jahre), Suse Barth (13 Jahre) und

Beate Baertig (9 Jahre) am 28.11.1941 nach

Stuttgart deportiert. Am 1.12.1941 wurde

die Familie in einem Sammeltransport

von Stuttgart-Killesberg aus zusammen mit

über 1000 anderen württembergischen Juden

ins KZ Riga-Jungfernhof gebracht und

dort ermordet.

Dass sich diese Deportation sogar bis zu

Beates Mutter Recha Baertig im Camp de

Gurs herumgesprochen hatte, wissen wir

aus einem Brief von Rechas Verwandter

Beate Baertig 1935. Foto: Bea Ross.

Links Beate Baertig, rechts Cousine Suze Barth.

Foto: Bea Ross.

Fanny Schlessinger. Sie schrieb am 27.1.1942 an ihren Sohn in Kanada: „Recha ist immer

noch bei mir u. denke dir Eda mit Mann u. Beate kamen nach Polen. u. tut mir Recha sehr

leid daß ihr Kind nicht bei sich hat aber leider ist nichts zu ändern u. kannst es an Vetter

Samuel [Rechas Bruder] berichten er soll mal an Recha schreiben u. solche wäre auch um

eine Gabe sehr dankbar.“

Quellenhinweise:

http://stolpersteine-fuer-ulm.de/familie/familie-h-barth/

Zahlreiche Informationen verdanken wir Wolfgang Schönfeld, Autor des Buches

„Geschichte der jüdischen Familie Schlessinger aus Flehingen“, Eppingen 2017.

Biografie von Max Baertig (1887-1942)

von Ellen Lumpp, Klasse 8t

Max Baertig wurde am 19.2.1887 in Herrieden,

Kreis Ansbach in Bayern geboren. Aufgewachsen

ist er mit seinen vier Geschwistern in dem

seit ca. 1888/1894 von seiner Familie bewohntem

Haus Kaiserstraße 24 in Bruchsal. Sein Vater

Wolfgang Baertig und seine Mutter Theresia

Baertig geb. Siegel lebten ebenfalls in dem Haus,

auch zeitweise seine Oma Elise Siegel geb. Mai.

Zusammen mit seinem Bruder Ludwig besaß

Max ein Textilgeschäft in Bruchsal. Beide waren

wie ihr Vater Kaufmann. Im August 1915

musste Max in einem Landsturm-Bataillon in

den 1. Weltkrieg ziehen. Sein Bruder Ludwig

war von 1914 an Soldat. Der Bruder Siegfried,

der zu Kriegsbeginn als Freiwilliger eingerückt

war, starb im Mai 1915 an der Front.

Max heiratete um 1920 Wilhelmine Mayer, genannt

Minna, aus Saargemünd. Die gemeinsame

Tochter Hannelore Baertig kam am 12.3.1922 in Bruchsal zu Welt.

Während einer Sonderaktion des Kriminalpolizeistellenbezirks Karlsruhe vom 13.6.1938

bis 18.6.1938 wurde Max Baertig mit 123 anderen (40 Juden und 84 „asoziale Personen“)

festgenommen. Die oft rein willkürliche Auswahl der Personen diente dazu, die missliebigen

Personenkreise zu verunsichern. Auf der Haftkarte von Max Baertig wird lediglich

erwähnt: „Eine Vorstrafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses – drei Monate Gefängnis“.

Am 11.7.1938 wird er nach Dachau eingeliefert. In das Konzentrationslager in Buchenwald

kommt er am 24.9.1938. Dort muss er als A.Z.R.J. (Arbeitszwang Reich, Jude)

20 21

Bildmitte Haus Kaiserstraße 24, Bruchsal, um

1920. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.


wahrscheinlich besonders hart arbeiten. Entlassen wurde er am 8.2.1939. Bald danach

flüchtete er wohl mit Frau und Tochter nach Frankreich. In seinem Wohnort Blois wurde

Max am 13.7.1942 verhaftet und ins Camp Pithivers deportiert. Am 14.7.1942 wurde

ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Nach Auschwitz wurde er am 17.7.1942

gebracht. Seine Gefangenennummer lautete: 49003. Er verstarb im Konzentrationslager

Auschwitz am 18.8.1942 um 7.25 Uhr in der Kasernenstraße. Die Todesursache war laut

KZ-Arzt Kachexie bei Darmkatarrh.

klar, ob die drei direkt nach Blois gegangen sind. Blois wurde im Juni 1940 von deutschen

Truppen erobert und so kamen die Baertigs vermutlich wieder ins Visier der Nationalsozialisten.

Als Wilhelmine am 13.7.1942 verhaftet wurde, war sie in ihrer Wohnung in Blois

in der Rue du Mail 12. Zunächst war sie in Vendome interniert, dann wurde sie zum Lager

Pithiviers überstellt. Doch schon wenige Tage später, am 17.7.1942, wurde sie zusammen

mit ihrem Mann in Richtung Auschwitz deportiert. Der Zug, mit dem die beiden gefahren

sind, verließ den Bahnhof von Pithiviers morgens um 6.15 Uhr und transportierte 928

Juden, davon 119 Frauen, so steht es im SS-Bericht. Wilhelmine wurde nicht in einer Gaskammer

ermordet. Als sie am 27.8.1942 mit 47 Jahren stirbt, liegt dies an den schlechten

Lebensbedingungen im Lager von Auschwitz. Der genaue Zeitpunkt ihres Todes ist der

27.8.1942 um 19.20 Uhr. In ihrer Todesurkunde steht als Todesursache: Allgemeine Körperschwäche.

Häftlingspersonalakte KZ Buchenwald. Foto: ITS Archiv Bad Arolsen, 1.1.5.3/5461496.

Biografie von Wilhelmine Baertig geb. Mayer

(1895-1942)

von Charlotte Völler, Klasse 8s

Wilhelmine Baertig geb. Mayer kam am 1.9.1895 in Saargemünd zur Welt. Es ist nicht bekannt,

ob ihre Eltern Aron Mayer und Jeanette Hirsch, die bis zu ihrem Tod in Saargemünd

gewohnt haben, noch andere Kinder hatten. Selbst die Schreibweise des Geburtsnamens

variiert bis hin zu Maijer oder Meijer. Im Jahr 1925 stand Wilhelmine als Minna Baertig

im Bruchsaler Adressbuch, zusammen mit ihrem Mann Max Baertig. Wann und wo die

beiden geheiratet haben ist unbekannt. Wilhelmine und Max lebten in der Kaiserstraße

24, zusammen mit ihrer Tochter Hannelore, die im Jahr 1922 in Bruchsal geboren wurde.

Es ist unbekannt, ob Wilhelmine und Max noch andere Kinder hatten. Wahrscheinlich

lebten Wilhelmine und Hannelore auch nach der Verhaftung von Max, im Sommer 1938,

noch in Bruchsal. Vermutlich ist die Familie nach der Entlassung von Max aus dem KZ

Buchenwald im Februar 1939 nach Frankreich ausgewandert. Aus einer Karteikarte zur

Aberkennung der Reichsbürgerschaft vom 14.7.1941 geht hervor, dass Wilhelmines letzter

Wohnort in Deutschland in Bruchsal in der Kaiserstraße 24 war. In Frankreich nannte

sich Wilhelmine dann Guillaumine, dies ist ihr Name auf französisch. Allerdings ist nicht

Mahnmal für die Opfer des 2. Weltkriegs in Blois, Frankreich. Foto: https://de.geanet.org/gallery.

Biografie von Hannelore Baertig (1922-1942)

von Charlotte Völler, Klasse 8s

Hannelore Baertig ist am 12.3.1922 in Bruchsal zur Welt gekommen. Sie war wahrscheinlich

die einzige Tochter von Wilhelmine und Max Baertig. Die Familie lebte in Bruchsal, doch

Hannelores Vater Max wurde im Sommer 1938 verhaftet, und als er im Februar des nächsten

Jahres entlassen wurde, floh die Familie nach Frankreich. Dabei ist nicht klar, ob Hannelore

zusammen mit ihren Eltern nach Blois floh oder ob sie alleine dorthin kam. Sicher ist aber,

dass sie dort zusammen mit ihren Eltern in der Rue du Mail 12 gewohnt hat. 1941 wurde

Hannelore, genauso wie ihrer Mutter Wilhelmine, die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen,

da sie nicht in Deutschland lebten. Es scheint, als ob Hannelore schon bei der ersten Razzia

in Blois, am 26.6.1942 ab vier Uhr morgens, von der deutschen Feldgendarmerie verhaftet

wurde. Am 28.6.1942 wurde Hannelore mit Convoi Nummer 5 von Beaune la Rolande nach

Auschwitz gebracht. Wir wissen weder, ob Hannelore eine schulische Ausbildung hatte,

noch ob sie in einem Beruf tätig war. Bei ihrer Deportation aus Blois 1942 wird jedenfalls,

wie bei ihrer Mutter auch, „sans profession“ – ohne Beruf – angegeben. Es ist unbekannt, was

mit der 20-jährigen nach der Fahrt nach Auschwitz passiert ist.

22 23


Familie Wolfgang und Theresia Baertig

(Eltern von Ludwig Baertig und Max Baertig)

Wolfgang Baertig

* 29.05.1851 Schopfloch/By. † 11.05.1915 Bruchsal

(Sohn von David Baertig (1818-1911), Kaufmann in Herrieden, und Bertha Steinreich (1813-1891))

1902 Kaufmann in Bruchsal (Wäschegeschäft), seit 1904 Mitglied der Feuerwehr Bruchsal

verh. 02.03.1878 Petersaurach-Vestenberg

Theresia Siegel

* 25.12.1856 Mingolsheim † 26.08.1937 Bruchsal

(Tochter von Gerson Siegel (1826-1895), Mingolsheim, und Elise May (1828-1921 Bruchsal))

7 Kinder:

1. Klara Baertig * 04.12.1878 Herrieden † 02.10.1921 Bruchsal

vh. 10.11.1902 Bruchsal

Arno (Aron) Wälder * 18.09.1873 Münchweiler/Pfalz † 1944 Theresienstadt

(S. v. Leopold Wälder, Handelsmann, und Marianne Blum)

1901 zus. mit Bruder Josef W. nach Worms, Likörfabrikant in Worms, 09.1942 deportiert

(2. Ehe: 28.03.1923, Selma Strauß * 18.10.1879 Bissersheim † 29.06.1943 Theresienstadt)

1 Kind:

a) Erna Wälder * 17.04.1904 Worms † 1942/45 Auschwitz

Besuch der Höh. Mädchenschule Bruchsal, wohnte bis 1928 in Bruchsal, dann Mannheim

vh. 06.09.1928 Bruchsal Otto Rau * 28.05.1899 Graudenz † 1942/45 Auschwitz

seit 1922 Kaufmann in Mannheim, Deportation 29.09.1942 nach Auschwitz

2 Kinder: Werner Hugo Rau (1933-1942), Hans Herbert Rau (1936-1942) beide nach Auschwitz

vh. (2. Ehe) 29.03.1943 Chicago

Cornelia „Nellie“ Jacob * 23.08.1896 Kaiserslautern † 13.06.1957 Chicago

(T. v. Emanuel Jacob und Bertha Stern)

wohnhaft Düsseldorf, 1940 Blois/F, 05.02.1940 nach USA, 1957 Supervisor

1 Kind (aus 1. Ehe):

a) Beate Baertig * 15.03.1932 Karlsruhe † nach 01.12.1941 (Dep. n. Riga)

Bruchsal, 1937 nach Flehingen, 1939 nach Ulm zur Tante Eda Barth geb. Schlessinger

6. Max Baertig * 19.02.1887 Herrieden † 18.08.1942 Auschwitz

1928, 1937 Kaufmann in Bruchsal, 11.07.-23.09.1938 Dachau und 23.09.1938-08.02.1939

Buchenwald, 1939 Emigration nach Frankr., 17.07.1942 von Blois über Pithiviers n. Auschwitz

vh. Wilhelmine „Minna“ Mayer * 01.09.1895 Saargemünd † 27.08.1942 Auschwitz

(T. v. Aron Mayer und Jeanette Hirsch)

1939 Emigration Frankreich, deportiert 17.07.1942 von Blois über Pithiviers nach Auschwitz

1 Kind:

a) Hannelore Baertig * 12.03.1922 Bruchsal † 1942/45 Auschwitz

~ 1939 Emigration Frankr., dep. 28.06.1942 von Blois über Beaune la Rolande nach Auschwitz

7. (Namenlos – Totgeboren) Baertig *† 01.09.1888 Herrieden

2. Hermann Baertig * 26.09.1880 Herrieden † 13.07.1938 Manhattan/New York

1902 Kaufmann in Bruchsal, 1906, 1909 und 1910 Einreise in USA, 1918 Grocer in NY, unverh.

3. Hedwig Baertig * 25.10.1881 Herrieden † 09.12.1882 Herrieden

4. Siegfried Baertig * 23.11.1882 Herrieden † 17.05.1915 Donai/F

1915 Kaufmann in Bruchsal, 1915 Ersatzreservist im preuß. Füsilier Reg. 40; unverheiratet

unehel. Verbindung Angela Steimel * 28.06.1884 Zeutern † 18.08.1929 Bruchsal

1907 Dienstmädchen in Bruchsal, katholisch

1 Kind:

a) Josef Theodor Steimel * 01.02.1907 Bruchsal † 30.10.1908 Bruchsal, katholisch

Schrift auf dem Kriegerdenkmal

für die Gefallenen

des 1. Weltkrieges

auf dem Friedhof

Bruchsal. Foto: F. Jung.

Siegfried Baertig. Quelle: Münch,

Josef. Bruchsal im Weltkrieg 1920.

5. Ludwig Baertig * 27.03.1884 Herrieden † 03.11.1954 Chicago

1910/1937 Kaufmann in Bruchsal, 1939 nach Mannheim, 1940 nach USA, lebte in Chicago

vh. (1. Ehe) 13.02.1930 Flehingen o/o 02.11.1939 Karlsruhe

Recha Thekla Schlessinger * 11.10.1894 Flehingen † 12.08.1942 Auschwitz

Bruchsal, 02.1937 nach Flehingen, Deportation 22.10.1940 Gurs, 10.08.1942 nach Auschwitz

(T. v. Moses Schleßinger (1855-1935) Metzger in Flehingen, und Bertha Bierig (1860-1929))

Anmerkung: Recha Baertig geb. Schlessinger war die Cousine von Carola Grzymisch geb. Schleßinger

(1891-1944, vgl. 3. Gedenkschrift 2017, S. 7). Sie lebten in Bruchsal nur wenige Schritte voneinander entfernt.

Grab der Familie Baertig in Bruchsal.

Foto: F. Jung.

24 25

Grabstein Clara Wälder auf dem

Bruchsaler Friedhof. Foto: F. Jung.


Biografie von Ernst Nathan (1871-1942)

Ernst Nathan wurde am 3.4.1871 in Lorsch

in Hessen geboren. Er war der Sohn des

Kaufmanns Emanuel Nathan und seiner

zweiten Frau Auguste Ehrmann. Er bekam

den Vornamen Nathan, sodass Vorund

Nachnamen identisch waren. Daher

nannte sich Nathan Nathan später Ernst

Nathan. Noch vor seiner Einschulung ist

die Familie nach Worms umgezogen.

Den im Stadtarchiv Worms archivierten

Jugenderinnerungen von Moritz Nathan,

von Jan Neißl, Klasse 8s

Schillerstraße in Bruchsal, 1920er Jahre. Der Pfeil

zeigt auf das Haus Nr. 17. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.

dem jüngeren Bruder von Ernst Nathan, ist es zu verdanken, dass ein wenig bekannt ist

über die Jugendzeit in Worms: „Ich bin im Jahre 1877 in Worms am Rhein geboren, in

einem Hause in der Römerstraße gegenüber der alten 118er Infanteriekaserne. Das Haus

gehörte damals meinem Vater, der ein kleines Kolonialwarengeschäft darin betrieb. Er verlor

Haus und Vermögen durch eine Bürgschaft für einen guten Freund, musste von da an in bescheidensten

Verhältnissen seine Familie durchbringen, und damit ist bereits die Art meiner

Jugendzeit angedeutet. Meine Mutter muss in ihrer Weise eine Künstlerin gewesen sein, mit

den schwachen zur Verfügung stehenden Mitteln ihren Kindern eine anständige Erziehung

und eine gute Schulbildung auf den Weg geben zu können.“ Die Familie scheint sich zu den

eher strenggläubigen Juden gezählt zu haben, und der Vater agierte als Vorbeter im Privatbetsaal

der wohlhabenden Familie Guggenheim.

Ernst Nathan besuchte nach der Volksschule das Gymnasium in Worms. Dort hat er

auch sein Abitur gemacht und wurde Zigarrenfabrikant. Er war als Teilhaber der Firma

„S. Cahnman’s Nachfolger“ in Bischweiler im Elsass zu erheblichem Vermögen gekommen.

Weil alle Deutschen das Elsass 1919 verlassen mussten, lebte Ernst Nathan mit seiner

Familie 1919 bis 1940 in der Schillerstraße 17 in Bruchsal.

Ernst Nathan gründete am 16.1.1920 in Bruchsal die Firma „E. Nathan OHG (Offene

Handelsgesellschaft)“. Es war eine Zigarrenfabrik. Sein Bruder Moritz Nathan war ab dem

5.5.1920 hälftiger Mitinhaber. Dieser hatte nach der Volksschule und dem Besuch des

Gymnasiums in Worms bei der Weinhandlung „Langenbach und Söhne“ eine kaufmännische

Lehre gemacht und trat danach in Bruchsal in die Firma W. Katz ein, wo er 1920

Bürovorstand war. Er wohnte 1911 bis 1936 in Bruchsal, zuletzt zusammen mit seiner Frau

in der Friedrichstraße 62 in einer Sechs-Zimmer-Wohnung.

Im Dezember 1920 kauften die beiden Brüder Nathan das Haus Kegelstraße 15 von der

Witwe Josefine Kretz, die dort eine Wirtschaft mit Kegelbahn und Gartenwirtschaft betrieben

hatte. Es gab nach geringfügigem Umbau dort acht Räume für Büro und Buchhaltung

und etwa zehn weitere Räume für die Herstellung der Zigarrenkisten, für Lagerplatz und

Versandbüro. Neben Ernst und Moritz Nathan waren noch sechs weitere Personen im

Büro beschäftigt. Der Sohn von Moritz, Wilhelm Emanuel Nathan, arbeitete nach seiner

Lehre (1929-1931) bei W. Katz und bis zu seiner Auswanderung 1934 auch noch im Betrieb

als kaufmännischer Angestellter mit Reisetätigkeit. Das Obergeschoss war als Wohnung

vermietet, allerdings eventuell erst in den 1930ern. Es gab eine Zigarrenfabrik in

Stettfeld sowie eine Wein- und Zigarrenfabrik in Zeutern. Dort waren jeweils etwa 50-60

Leute mit der Herstellung der Zigarren beschäftigt. Es gab ein Lohnfuhrwerk, das nur für

die Firma Nathan arbeitete und mehrmals täglich die Zigarren aus Stettfeld und Zeutern

nach Bruchsal brachte, wo sie verpackt und versandt wurden.

Der Cousin Richard Bär („Leder-Bär“) schrieb 1956, Familie Moritz Nathan „habe immer

ein Dienstmädchen gehabt, gingen regelmäßig im Sommer und im Winter in Ferien und

ließen ihrem Sohn die beste Erziehung angedeihen. Die Firma hatte einen ausgezeichneten

Ruf und war sehr angesehen, auch in Bankkreisen“ – so jedenfalls hatte er es von Julius Bär,

dem Direktor der Süddeutschen Bank in Bruchsal, gehört. Bruder Moritz verließ Bruchsal

zusammen mit seiner Frau Paula am 10.12.1936. Sie wanderten nach New York aus. Zuvor

war Moritz am 16.11.1936 aus dem Handelsregister gelöscht worden. Ernst Nathan wurde

Alleineigentümer der Zigarrenfabrik. Die Firma wurde am 18.3.1938 endgültig aus dem

Handelsregister gelöscht. Die Zigarrenfabrik in der Kegelstraße 15 musste an Karl Haas,

Blechnermeister, und seine Frau verkauft werden. Haas schrieb dazu: „Nachfrage wegen

zu vermietender Werkstätte führte dazu,

dass mir Hr. Nathan das Gebäude zum Kauf

anbot.“ Der Kaufvertrag trägt das Datum

23.9.1937. Der Kaufpreis betrug 16500 RM,

9000 RM gingen in bar an Ernst Nathan

und ab da monatliche Raten auf Nathans

Konto, ab 1942 an das Finanzamt direkt.

Ernst Nathan besaß außerdem noch eine

zweistöckige Zigarrenfabrik incl. einstöckigem

Wohngebäude in Hockenheim, Untere

Hauptstr. 20. Diese war im Besitz von Ernst

Nathan seit 1920 und gehörte ihm bis 1942,

dann wurde er enteignet.

Ernst Nathan besaß ein gut gefülltes Bankkonto

und hatte noch 1939/40 ein sehr großes

Wertpapierdepot. Dieses wurde allerdings

vom Staat beschlagnahmt. Zwischen

Dezember 1938 und November 1939 musste

er allein 21.500 RM als „Judenvermögensabgabe“

bezahlen. Ob er zusammen

mit seiner Familie eine Auswanderung anstrebte,

ist nicht bekannt.

Franz-Bläsi-Str. 17, früher Schillerstr. 17. F.: F. Jung

26 27


Ernst Nathan litt an Magengeschwüren, die auch operiert und medikamentös behandelt

wurden. Das Leben in Gurs, wohin er am 22.10.1940 mit Frau und Tochter deportiert

wurde, war wegen der schlechten Nahrung deshalb besonders schwierig. Er litt dort auch

an Schlaflosigkeit und Depressionen.

Ernst Nathan ist am 12.8.1942, dem Ankunftstag in Auschwitz, im Alter von 71 Jahren

ermordet worden.

Biografie von Betty Nathan geb. Bär (1882-1942)

von Nico Falda, Klasse 8s

Betty Nathan wurde als Betty Bär am 6.1.1882 in Heidelsheim geboren als älteste Tochter

des Kaufmannes Bernhard Bär und seiner Frau Thekla Bär. 1883, 1884 und 1889 wurden

noch die jüngeren Schwestern Laura, Else und Paula geboren. Etwa zwischen 1890 und

1900 zog die Familie nach Bruchsal um. Dort kauften oder bauten sie das Haus Schillerstraße

17. Da das Haus sehr groß und repräsentativ ist, kann davon ausgegangen werden,

dass die Familie wohlhabend war. Es hat 3 ½ Stockwerke und beherbergte z. B. 1949 vier

Familien mit jeweils ein bis zwei Untermietern, insgesamt 29 Personen. Schwester Paula

gibt in eidesstattlicher Versicherung 1956 u. a. an: „Ich bin von Hause aus vermögend gewesen“.

Betty verheiratete sich 1903 in Bruchsal mit Ernst Nathan, die Schwestern heirateten

1904, 1908 und 1911 ebenfalls in Bruchsal. Die Schwester Laura, verh. Schorsch, lebte

in Stuttgart, die Schwester Else, verh. Kander, lebte in Heidelberg, die jüngste Schwester

Paula heiratete den jüngeren Bruder von Ernst Nathan und blieb in Bruchsal.

Betty zog zusammen mit ihrem Mann ins Elsass nach Bischweiler, wo sie 1904 die Zwillinge

Marie und Margarete zur Welt brachte. Ernst war Zigarrenfabrikant, musste aber 1919,

als das Elsass französisch wurde, zusammen mit seiner Familie nach Bruchsal umziehen.

Betty bewohnte ab 1920 und bis zur Deportation 1940 zusammen mit ihrer Familie eine

6-Zimmer-Wohnung im Haus ihrer Eltern. Sie bestand aus Herren- und Speisezimmer,

Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern, Fremdenzimmer, Küche und Vorratszimmer und

war sehr gut und teuer eingerichtet (Klavier, Radio, Fotoapparat, teuerstes Porzellan usw.,

Möbel meist 1903 bei der Eheschließung angeschafft). Die Eltern von Betty bewohnten

eine andere Wohnung im Haus, sie waren Hauseigentümer. Es gab beispielsweise 1925

und 1931 zwei Dienstmädchen im Haus. Das Haus Schillerstraße 17 ging nach dem Tod

der Mutter Thekla Bär 1936 in den Besitz der vier Töchter über. Es wurde 1949/50 an die

Familie Bär bzw. die Nachkommen zurückerstattet und später verkauft.

Bei der zwangsweisen Abgabe von Gold und Schmuck musste Betty Nathan 1938/39 ihren

gesamten Schmuck sowie silbernes Essbesteck abgeben. Man sieht an der langen Liste,

dass sie sehr viel Schmuck besaß. Die Deportation nach Gurs erfolgte am 22.10.1940

zusammen mit Mann und Tochter Marie, dort traf sie ihre Schwester Else Kander mit

Mann und Sohn. Der Todeszeitpunkt von Betty Nathan wurde amtlich festgesetzt auf den

12.8.1942, den Ankunftstag in Auschwitz.

28

Postkarte von Betty Nathan an Familie

Moritz Nathan, 515 Raritan Ave,

Highland Park NJ, USA, am 21.5.1941.

Foto: Vincent Sgro.

Meine lieben Alle!

Damit die Pause nicht gar zu groß wird,

schreibe ich Euch heute einmal eine

kurze Karte. Ausführlich schreibe ich

erst wieder, wenn wir Brief von Euch

erhalten haben. Dir, lieber Wilhelm

[Nathan, ihr Neffe] gratulieren wir recht

herzlich zu Deinem Geburtstag, den Du

zum ersten Mal im eigenen Heim verbringen

darfst. Wir wünschen Dir alles

Gute vor allem, dass Ihr gesund bleibt,

dass wir uns recht bald sehen können.

Sorgt doch bitte dafür, dass wir bald die

Papiere von Euch erhalten, damit wir

endlich von hier raus kommen können.

Tante Lina und Robert wurden am 15.

d. M. in Marseilles eingeschifft; sie fahren

über Martinique. Gestern kamen

noch zwei Paketchen von ihr, an Elsa

[Kander, ihre Schwester] und mich adressiert.

Elsa beharrt unbedingt darauf,

dass sie Hälfte davon bekommt, wenn

sie auch jetzt nur zu zweien sind mit

der Begründung, Kurt [Kander, Neffe]

muss sich unbedingt zusetzen: wenn wir

hoffentlich recht bald zu Euch kommen,

kann ich Euch viel erzählen. Ich kann

nicht alles schreiben, wie es hier zugeht;

des Essens wegen könnte ich fast noch

meine Portion nur für Kurt entbehren,

damit er satt werden kann. Hoffentlich

erhalten wir recht bald wieder gute

Berichte von Euch. Empfangt Alle von

uns Allen herzlichste Grüße und Küsse,

Eure Betty.

Absender: Betty Nathan

Camp de Gurs

Ilot I, Baraque 13

29


Biografien von Marie Nathan (1904-1942)

und Margarete Nathan (1904-1940)

von Marius Haag, Klasse 8s

Marie und Margerete, genannt „Gretel“ Nathan waren Zwillingsschwestern, welche am

4.2.1904 in Bischweiler im Elsass geboren waren. Beide besuchten zusammen die Höhere

Mädchenschule in Bischweiler. Da Familie Nathan das Elsass als Deutsche nach dem

1. Weltkrieg verlassen musste, traten beide Schwestern am 19.1.1920 in die vorletzte Klasse

der Höheren Mädchenschule Bruchsal ein – übrigens in die Klasse, die auch von Erna

Wälder, der Nichte der Baertigs (vgl. S. 24), besucht wurde. Wohl fiel ihnen der Wechsel

nach Bruchsal schwer – Margarete wurde am Ende des Jahres nicht versetzt und musste

die Klasse wiederholen, Maries Versetzung war zunächst ebenfalls gefährdet, sie konnte

dann aber doch versetzt werden – besonders Englisch bereitete den beiden Schwestern

wohl Schwierigkeiten. Margarete trat schließlich am 1.2.1921 aus der Schule aus, in

der Klassenliste ist rätselhafter Weise vermerkt „wegen Unglücksfalls“. Marie schloss die

Schule im März 1921 erfolgreich ab und verließ sie mit dem Abschlusszeugnis.

Völlig im Dunkeln liegt, was die beiden in den 1920er Jahren und bis Mitte der 1930er

Jahre taten. In den Adressbüchern Bruchsals wird kein Beruf angegeben – wohl haben

sie keinen erlernt. Warum fand keine Eheschließung statt? Sicher haben sie in Wohlstand

in der großzügigen Wohnung in der Schillerstraße 17 gelebt, da Vater Ernst ein

Deckblatt der Krankenakte von Margarete Nathan aus der Heil- u. Pflegeanstalt

Wiesloch. Quelle: GLA Karlsruhe, 463 Zugang 1983/20 Nr. 36366.

erfolgreicher Zigarrenfabrikant

war. In demselben Haus

lebten auch die Großeltern

Bernhard († 1924) und Thekla

Bär († 1936). Maries weiterer

Werdegang bis zur Deportation

am 22.10.1940 nach Gurs

bleibt völlig unklar. Ob sie die

ganze Zeit in Bruchsal lebte?

Während sie in den Bruchsaler

Adressbüchern von 1931/32

und 1938 erwähnt wird, fehlt

sie 1933/36. Ein Versehen?

Oder wohnte sie außerhalb?

Jedenfalls kam sie, zusammen

mit ihren Eltern, am 12.8.1942

über das Sammellager Drancy

nach Auschwitz, wo sich ihre

Spur verliert.

Über Margarete ist mehr bekannt,

jedenfalls seit Mitte der 1930er Jahre: Margarete Nathan war am 1.12.1935 nach

Worms gezogen, und zwar von Bruchsal kommend. Sie war Hausangestellte, zunächst

bei Bernkopf (vgl. 2. Gedenkschrift 2016, S. 41), Mozartstraße 20, ab dem 19.4.1936 bei

Dr. Kulp, Horst-Wessel-(Rathenau)-Straße 27, ab dem 3.11.1936 bei Oskar Frank (Elias

Hausmann), Kaiser-Wilhelm-Straße 6 (heute Wilhelm-Leuschner-Straße). Familie

Frank verließ Worms im März 1939, vermutlich zog Gretel dann nach Bruchsal zurück.

Bei der Volkszählung im Mai 1939 war auch Margarete in Bruchsal gemeldet, allerdings

kam sie aus ungenannten Gründen bereits am 12.6.1939 in die Heil- und Pflegeanstalt

Wiesloch. Kurzzeitig, vom 27. bis zum 29.8.1939 und vom 15. bis zum 23.5.1940, wurde

sie nach Hause entlassen. Vermerkt ist in den Anstaltsakten, dass sie während ihrem letzten

Aufenthalt, zwischen dem 23.5.1940 und dem 11.7.1940, vier Mal besucht wurde: Am

27. Mai waren es „2 Bekannte“, am 6. und 22. Juni sowie am 9. Juli ihre Eltern Betty und

Ernst Nathan. Sehr aufschlussreich ist der Brief des Vaters nach seinem letzten Besuch.

Zu diesem Zeitpunkt war Margarete bereits tot. Sie wurde am 11.7., zwei Tage nach dem

Besuch der Eltern, im Rahmen der „Aktion T4“ mit einem der grauen Busse in die Tötungsanstalt

Grafeneck verbracht, wo sie noch an demselben Tag ermordet wurde. Sicher

war Margarete Nathans Erregung zwei Tage vor ihrem Tod darauf zurückzuführen, dass

sie die in jener Zeit täglich abgehenden Deportationen richtig zu deuten wusste. Die Anstaltsleitung

Wiesloch übrigens beantwortete den Brief am 25.7.1940 und teilte mit, dass

Margarete Mitte des Monats auf Weisung des Innenministeriums mit anderen Kranken

in eine außerbadische Anstalt verlegt worden sei, und dann wörtlich:

„Die Benachrichtigung der

Angehörigen sollte durch die

Brief von Ernst Nathan an die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch am

18.7.1940. Quelle: GLA Karlsruhe, 463 Zugang 1983/20 Nr. 36366.

30 31

Übernahmeanstalt erfolgen.

Wir nehmen an, dass dies inzwischen

geschehen ist. Im

Übrigen war der Zustand Ihrer

Tochter unverändert ungünstig

gewesen.“ Später wurden

die Eltern vom Tod Margaretes

informiert, und man

sandte ihnen auch eine Urne

zu. Wie Margaretes Cousine

Erna Finkel 1964 niederschrieb,

ist Margaretes Asche

auf dem Bruchsaler Friedhof

im Grabe ihrer Großeltern

Bernhard und Thekla Baer

beigesetzt worden. Einen

Eintrag auf dem Grabstein

gibt es allerdings nicht.


Familie Bernhard und Thekla Bär

(Eltern von Betty Nathan)

Bernhard Bär

* 18.03.1853 Heidelsheim † 21.10.1924 Bruchsal

(Sohn von Josef Bär (1816-1871), Handelsmann in Heidelsheim, und Rosine Dreyfuß (1813-1900))

Kaufmann in Heidelsheim, seit 1890/1900 in Bruchsal, Schillerstraße 17 (heute: Franz-Bläsi-Straße 17)

verh. 23.09.1879 Bruchsal

Thekla Bär

* 14.10.1856 Untergrombach † 26.10.1936 Bruchsal

(Tochter von Raphael Bär (1826-1878) und Johanna „Hannchen“ Bär (1833-1913))

4 Kinder:

1. Betty Bär * 06.01.1882 Heidelsheim † 12.08.1942 Auschwitz

1903 bis 1920 in Bischweiler/Elsass, 1919 bis 1940 Bruchsal, 22.04.1940 Gurs, Auschwitz

verh. 04.06.1903 Bruchsal

Ernst (Nathan) Nathan * 03.04.1871 Lorsch † 12.08.1942 Auschwitz

(Sohn v. Emanuel Nathan (1829-1898), Kaufm. in Worms, u. Auguste Ehrmann (1839-~1920))

1903 Kaufmann in Bischweiler/F, seit 1919 Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 22.04.1940 Gurs

2 Kinder:

a) Maria „Marie“ Nathan * 04.02.1904 Bischweiler † 12.08.1942 Auschwitz

22.04.1940 von Bruchsal nach Gurs, später Drancy, Auschwitz, unverheiratet

b) Margarete „Gretel“ Nathan * 04.02.1904 Bischweiler † 11.07.1940 Grafeneck

12.1935-03.1939 Dienstmädchen in Worms, 06.1939-07.1940 Heilanstalt Wiesloch, unverh.

2. Laura Bär * 27.02.1883 Heidelsheim † 01.05.1951 New York/USA

wohnhaft in Stuttgart, 09.1940 über London nach New York emigriert

verh. 21.02.1907 Bruchsal

Max Schorsch

* 05.12.1876 Sindolsheim † 27.09.1949 New York/USA

(Sohn v. Ephraim Schorsch (1836-1925), Schuhhändler, u. Theresia Flegenheimer (1836-1907))

Kaufmann in Stuttgart, 09.1940 über London nach New York emigriert

3 Kinder:

a) Richard Julius Schorsch * 08.12.1907 Stuttgart † 27.05.1991 New York/USA

Stuttgart, 10.1938 Emigration in USA, Buchhalter in New York, kinderlos

vh. 1953 Ingeborg Klein * 18.06.1915 Berlin † 10.1992 New York/USA

b) Erna Schorsch * 17.12.1909 Stuttgart † 18.09.1989 Fairview/NJ/USA

1937 in Birmingham, 09.1940 über London nach New York emigriert

vh. nach 1940 Leo Finkel * 08.03.1904 † 04.1967 USA

1 Kind: Marian Finkel, lebt in USA

c) Alice Schorsch * 22.03.1911 Stuttgart † 16.08.1996 New York/USA

11.1937 von Birmingham nach New York emigriert, kinderlos

Bernhard Kander * 07.07.1876 Heidelberg † 12.04.1941 Gurs/F.

(Sohn von Gustav Kander, Möbelfabrikant in Heidelberg, und Bertha Hanß)

Möbelfabrikant in Heidelberg, 22.10.1940 Gurs

2 Kinder:

a) Kurt Gustav Kander * 21.08.1909 Heidelberg † 24.01.1942 Gurs/F.

wohnhaft in Heidelberg, 22.10.1940 nach Gurs, unverheiratet und kinderlos

b) Herbert Kander * 16.07.1912 Heidelberg † 26.11.1981 Duval/FL/USA

1938 in USA, 1940 in New Brunswick/NJ/USA, unklar, ob verheiratet; kinderlos

4. Paula Josefine Bär *18.05.1889 Heidelsheim † 08.02.1968 Newark/NJ/USA

12.1936 von Hamburg in USA, 1940 in New Brunswick/NJ/USA, 1950,1965 in Highland Park/NJ

verh. 04.08.1911 Bruchsal

Moritz „Morris“ Nathan * 31.03.1877 Worms † 30.09.1953 Franklin/NJ/USA

(Sohn v. Emanuel Nathan (1829-1898), Kaufm. in Worms, u. Auguste Ehrmann (1839-~1920))

1911-1936 Kaufmann/Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 1936 in USA, 1940 New Brunswick/NJ

1 Kind:

a) Wilhelm Emanuel „William“ Nathan * 04.06.1912 Bruchsal † 19.05.1992 USA

Kaufmann in Bruchsal, 08.1934 von Hamburg in USA, 1940 in New Brunswick/NJ/USA,

1950,1965 in Highland Park/NJ/USA,

vh. Julie …., kinderlos

Von links: Bernhard, Else und Kurt Kander. Fotos: Yad Vashem.

Max und

Laura

Schorsch.

Foto:

Vincent

Sgro.

3. Else Regina Bär * 27.09.1884 Heidelsheim † 08.1942 Auschwitz

wohnhaft in Heidelberg, 22.10.1940 nach Gurs, interniert in Drancy, 10.08.1942 Auschwitz

verh. 29.10.1908 Bruchsal

32

Grabstein von Bernhard und Thekla

Bär, Friedhof Bruchsal.

Foto: Florian Jung.

Von links: Richard, Erna und Alice Schorsch. F.: Yad Vashem/V. Sgro.

33


Familie Emanuel Nathan

(Eltern von Ernst Nathan)

Emanuel Nathan

* 16.07.1829 Reichelsheim † 06.06.1898 Worms

Kaufmann in Gernsheim, Lorsch und Spezereihändler (1877) in Worms

verh. (1. Ehe) um 1860 (Kind 1 aus dieser Ehe)

A) Mina Weil * † 1863//1871 Gernsheim

verh. (2. Ehe) um 1863//1871 (Kinder 4 und 5 aus dieser Ehe)

B) Auguste Ehrmann * 03.11.1839 Pfungstadt † nach 1911 Offenburg (?)

Umzug im Juni 1899 von Worms nach Offenburg, lebte dort 1903, 1911

5 Kinder:

1. Jonas Nathan * 12.10.1863 Gernsheim † 17.04.1911 Worms

1897, 1911 Handelsmann in Worms, verstorben im Krankenhaus Worms, unverheiratet

2. Dr. med. Josef Nathan * 08.06.1866 Gernsheim † 18.07.1926 Offenburg

um 1900 Arzt in Wallertheim bei Worms, später in Offenburg

verh. um 1897 Wallertheim (?)

Ella (Eleonora Gutella) Mann * 26.02.1878 Wallertheim † nach 1940 USA

wohnhaft in Offenburg, 05.1938 in die USA, lebte 1940 beim Sohn in Holyoke City/Mass./USA

1 Kind:

a) Dr. med. Paul Nathan * 22.05.1898 Wallertheim † 07.03.1971 Holyoke/USA

Arzt in Offenburg, 05.10.1935 nach Northhampshire/USA, lebte in Holyoke/USA, kinderlos

vh. um 1955/60 Elisabeth Ziegler * 14.11.1904 † 29.08.2006 Granby/Mass./USA

(1. Ehe mit Frederick H. Cramer (1906-1954), seit 1938 in USA, Prof. in Holyoke, 5 Kinder)

3. Karoline Nathan * 24.11.1867 Lorsch † 06.12.1936 Frankfurt/M.

15.11.1898 von Worms nach Frankfurt/M., wohnte 1936 in Frankfurt/M., unverheiratet

4. Ernst (Nathan) Nathan * 03.04.1871 Lorsch † 12.08.1942 Auschwitz

1903 Kaufmann in Bischweiler/F, seit 1919 Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 22.04.1940 Gurs

verh. 04.06.1903 Bruchsal

Betty Bär

* 06.01.1882 Heidelsheim † 12.08.1942 Auschwitz

(Tochter von Bernhard Bär (1853-1924) und Thekla geb. Bär (1856-1936), siehe Seite 32-33)

5. Moritz „Morris“ Nathan * 31.03.1877 Worms † 30.09.1953 Franklin/NJ/USA

1911-1936 Kaufmann/Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 1936 in USA, 1940 New Brunswick/NJ

verh. 04.08.1911 Bruchsal

Paula Josefine Bär

*18.05.1889 Heidelsheim † 08.02.1968 Newark/NJ/USA

(Tochter von Bernhard Bär (1853-1924) und Thekla geb. Bär (1856-1936), siehe Seite 32-33)

Erinnerungen an die Familie Nathan

von Hubert Bläsi

Im Haus Nr. 17 der damaligen Schillerstraße wohnten in meiner Kindheit und frühen Jugend

drei jüdische Familien: Bär, Kaufmann und Nathan. Zu den Familien Bär und Nathan hatten

wir Kinder aus dem Nachbarhaus Nr. 15 Kontakt. Wir besuchten die Familien in ihren Wohnungen.

Ich erinnere mich besonders an die Besuche bei Familie Nathan. Herr Ernst Nathan

war ein mittelgroßer, eher hagerer Mann; er trug eine Brille mit Goldrand, sein Haar war

rötlich-blond, stark angegraut. Frau Betty Nathan war vollschlank, untersetzt; sie hatte dunkelblondes,

angegrautes Haar. Die Töchter Marie und Gretel ähnelten äußerlich ihren Eltern,

Marie mehr der Mutter, Gretel glich im Körperbau ihrem Vater. Die beiden Töchter waren

aus unserer kindlichen Sicht schon „älter“, also zwischen 20 und 30 Jahren. Bei unseren Besuchen

bekamen wir Matzen zu essen, etwas, was für uns damals ganz unbekannt war. Wenn

die Erwachsenen sich über etwas unterhielten, was wir Kinder nicht hören sollten, sagten die

Eltern oder eine der Töchter: „Regardez les enfants!“ Anschließend unterhielten sich Nathans

auf Französisch. Als wir das unseren Eltern erzählten, wurde uns gesagt, was das bedeutet.

Zur Erklärung: Die Familie Nathan kam irgendwann in den 1920er (?) Jahren aus Bischwiller

im Elsass nach Bruchsal. Eines Tages erfuhren wir, dass Nathans Tochter Gretel nach Wiesloch

in die Psychiatrie gebracht worden war. Die Eltern Nathan führten die Gemütserkrankung

der Tochter auf den ständigen psychischen Druck der antijüdischen NS-Propaganda

zurück, die damals schon sehr stark zu spüren war. Unsere Eltern wussten schon von Fällen,

in denen Psychiatriepatienten plötzlich „verstorben“ waren und befürchteten, dass Gretel

Nathan das gleiche Schicksal drohen könnte. So kam es dann auch. Todesursache: „Lungenentzündung“.

Die Euthanasie-Aktion der Nazis war in vollem Gange. Ich erinnere mich

auch daran, dass Herr Nathan und mein Vater sich gelegentlich über den Gartenzaun unterhielten.

Selbst das war angesichts der Tatsache, dass in Haus Nr. 19 ein Politischer Leiter der

NSDAP wohnte, für Herrn Nathan und meinen Vater nicht ungefährlich. Themen der Gartenzaungespräche

waren die Gartenarbeit, Börsenkurse und sicher auch die Politik. Apropos

Börsenkurse: Herr Nathan als Kaufmann beobachtete die Entwicklung an den internationalen

Börsen. Die Börsennachrichten erschienen damals in gebundenen Broschüren auf

gelbem Papier. Diese schenkte Herr Nathan nach Gebrauch uns Kindern, und wir benutzten

sie, wenn wir „Büro“ spielten. Dann kam jener verhängnisvolle Tag im Oktober 1940. Als ich

von der Schule nach Hause kam, sagte meine Mutter tief betroffen: „Heute morgen haben sie

die Nathans unter Polizeibewachung abgeführt“. Wir alle ahnten, dass für die Familie Nathan

Schreckliches bevorstand, obwohl wir damals von Gurs und Auschwitz nichts wussten. Wohl

aber war unseren Eltern bekannt, dass das KZ Dachau existierte. Ein Bekannter meines Vaters

war zu der Zeit Häftling in Dachau. Es ist schwierig, die Empfindungen eines Elfjährigen,

der die Zusammenhänge nicht voll erfasste, nach fast 80 Jahren zu rekonstruieren. Sicher ist

aber, dass die gedrückte Stimmung der Eltern wegen der völligen Wehrlosigkeit gegenüber

dem schreienden Unrecht sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt hat.

34 35


Biografie von Jettchen Bär geb. Elsasser

(1868-1948)

von Lukas Bratan und Raphael Waal, Klasse 8t

Jettchen Bär hatte ein bewegtes Leben, das mit Sicherheit viele Höhen und vor allem

Tiefen hatte. Besonders fällt auch auf, dass sie das Schicksal an viele unterschiedliche

Wohnorte führte. Geboren wurde sie als „Jäntel“ Elsasser am 29.12.1868 in Rohrbach

bei Sinsheim als jüngste Tochter des Essigsieders Aschur Elsasser und seiner Frau Gustel

Emanuel. Sie wuchs mit vier Brüdern und zwei Schwestern auf, zu denen sie wohl zeitlebens

enge Beziehungen hatte. Auch wenn die Familien beider Eltern alteingesessen in

Rohrbach waren und der Vater auch hin und wieder als „Fabrikant“ bezeichnet wurde,

so war der Horizont von Jäntels Jugend in dem kleinen Kraichgauort sicher relativ beschränkt.

Immerhin schien der Vater einigermaßen wohlhabend gewesen zu sein, da

seine Firma 1900 eine Zweigniederlassung in Karlsruhe eröffnen konnte. 1904 wurde die

Firma durch den ältesten Sohn Max ganz nach Karlsruhe verlegt. Jäntel, die später „Jettchen“

genannt wurde, zog zu einem unbekannten Zeitpunkt, wahrscheinlich anlässlich

ihrer Eheschließung, nach Heidelberg.

Der Ehemann Bernhard Bär, geboren 1862 in Rohrbach bei Heidelberg (!), war in doppeltem

Sinne verschwägert, und so kann spekuliert werden, ob sich die beiden bei einem

verwandtschaftlichen Treffen kennen gelernt hatten oder ob die Eheschließung arrangiert

war – in damaliger Zeit nicht unüblich. Am 5.10.1893 heiratete das Paar in Heidelberg

und lebte, gemäß Adressbuch, in der Hauptstraße 188 in Heidelberg. Bernhard war

der Inhaber der Firma „Baer und Hilb, D. Baer Nachfolger, Manufaktur-, Modewarenund

Damenkonfektionsgeschäft, Großhandlung und Kleinverkauf “. Dort wohnten sie

zusammen mit Sophie Bär geb. Elsasser (1837-1912). Diese war – Achtung, kompliziert!

Geburtsurkunde von Jäntel Elsasser in Rohrbach bei Sinsheim. Der jüdische Zwangsname „Sara“ wurde

1939 auf den Rand der Geburtsurkunde eingefügt. Foto: www2.landesarchiv-bw.de.

– einerseits die Schwester von Jettchens Vater Ascher Elsasser (1828-1913) und andererseits

die Stiefmutter von Bernhard Bär, nämlich die dritte Frau von Bernhard Bärs Vater

Daniel Jakob Bär (1816-1877). Etwas vereinfacht: Jettchens Tante war gleichzeitig ihre

Schwiegermutter.

Doch dem nicht genug: Jettchens Bruder Abraham Elsasser, der Medizin studiert und

promoviert hatte, sich Albert nannte und sicher der Stolz der sonst im kaufmännischen

Bereich tätigen Familie war, hatte 1888 seine Cousine Betty Bär geheiratet – sie war nämlich

eine leibliche Tochter dieser besagten Tante Sophie Bär geb. Elsasser und Daniel

Jakob Bär. Dr. Albert Elsasser und seine Frau Betty lebten ebenfalls in Heidelberg, Plöck

2, und bekamen in den Jahren 1889, 1895 und 1898 drei Töchter, die in Heidelberg aufwuchsen.

Dr. Albert Elsasser scheint in Heidelberg anerkannt gewesen zu sein. Als das

Heidelberger „Rote Kreuz“ nämlich im Dezember 1914 in Tournai (Belgien) eine Militärverpflegungs-

und Erfrischungsstation einrichtete, wurde er zum ärztlichen Leiter

ernannt und zum Aufbau der Station entsandt. Auch die alten Eltern Aschur und Gustel

Elsasser hatte Dr. Albert Elsasser betreut: Diese wohnten 1912, als die Mutter starb, in

Heidelberg in der Alten Bergheimer Str. 5. Danach nahm er den alten Vater in seiner

Wohnung auf, wo dieser dann neun Monate später, ebenfalls im Alter von nahezu 85

Jahren, starb.

Als die Eltern starben, war Jettchen selbst bereits verwitwet und lebte schon lange nicht

mehr in Heidelberg. Ihre beiden Söhne Franz Daniel und Max Paul Bär waren 1894 und

1896 noch in Heidelberg zur Welt gekommen. Da Max Paul bereits im Alter von neun

Monaten in Straßburg starb, muss der Umzug der Familie dorthin in der Zwischenzeit

erfolgt sein. 1903 wurde die Tochter Johanna in Mannheim geboren, sodass der Umzug

dorthin zwischen 1897 und 1903 erfolgt sein muss (Adresse: R7, 38). Jettchens Ehemann

Bernhard Bär, in Mannheim Generalvertreter der Bielefelder Leinenfabriken für Baden,

konnte seiner Familie wahrscheinlich ein komfortables

Leben ermöglichen – bis er im November

1910 im Alter von nur 48 Jahren an einem Herzschlag

verstarb.

Jettchen sah sich gezwungen, abermals umzuziehen,

diesmal nach Karlsruhe. Dort betrieben ihr

ältester Bruder Max Elsasser und ihr jüngster Bruder

Ludwig Elsasser gemeinsam eine Firma zum

Handel mit Dünge- und Futtermitteln. Etwa von

1913 bis 1928 wohnte sie zusammen mit ihrem

unverheirateten Bruder Ludwig in Karlsruhe in

der Kaiserallee 52, 1932/33 werden die beiden in

der Viktoriastr. 23 genannt. Jettchens Tochter Johanna

Bär wohnte wohl in den ganzen Jahren bei

ihnen, sie war von 1925 bis zur „betriebsbedingten

Kündigung“ im August 1935 Buchbinderin bei der Grabstein Bernhard Bär. Foto: privat.

36 37


Fa. Gutsch in Karlsruhe. Vom Sohn Franz Daniel wissen wir nicht, ob er 1910/13 mit

nach Karlsruhe gezogen war; er wurde jedenfalls Kaufmann und heiratete 1923 nach

Bruchsal. 1933/34 fehlt von Jettchen Bär, Johanna Bär und Ludwig Elsasser im Karlsruher

Adressbuch jede Spur, obwohl Ludwig Elsasser noch bis zu seinem Tod im Dezember

1936 Geschäftsführer des Düngemittelhandels im Karlsruher Rheinhafen war. Er

sollte der letzte der Familie in Karlsruhe sein. Nach dem Tod des ältesten Bruders Max

Elsasser 1932 hatte dessen Sohn Rudolf Elsasser die Leitung des Betriebs zusammen mit

Ludwig übernommen. Dieser Neffe wanderte aber 1936 nach Israel aus, sodass Jettchen

Bär keine näheren Verwandten mehr in Karlsruhe hatte.

Jettchen und ihre Tochter Johanna mussten abermals umziehen, diesmal nach Bruchsal,

und Jettchen Bär wird im Bruchsaler Adressbuch von 1933/36 im Haus Schillerstr. 10

genannt. Dort wohnte ihr Sohn Franz Daniel Bär, zusammen mit seiner Frau Toni geb.

Ledermann, der 1924 geborenen

Enkelin Ellen Bär und seiner

Schwiegermutter, der verwitweten

Mathilde Ledermann. Die

Wohnung war seit Jahrzehnten

von der Familie Ledermann gemietet.

Franz Daniel wohnte mit

seiner Familie zuvor am Hoheneggerplatz

9, war aber schon

Partie der Bruchsaler Schillerstraße, vom Kino aus gesehen.

Foto: Michael Hofmeister (www.bruchsaler-ansichtskarten.de).

38

1931/32 in der Schillerstr. 10 bei

der Schwiegermutter gemeldet.

Jettchens Tochter Johanna Bär

wohnte auch kurzzeitig in Bruchsal, und sie gab später an, dass der Umzug von Karlsruhe

nach Bruchsal 1935 erfolgte, weil sie aus rassischen Gründen im August 1935 entlassen

worden war, und sie im August 1936 von der Bruchsaler Adresse Kaiserstraße 16

aus nach Argentinien auswanderte. Dass sie dort gemeinsam mit Jettchen Bär und der

ledigen Tante Karoline Elsasser, Jettchens jüngster Schwester, wohnte, geht aus dem

Adressbuch von 1938 hervor – allerdings sind die Jahresangaben so nicht ganz stimmig.

Im Juli 1938 musste Jettchen Bär abermals Abschied nehmen von dem Mann, der sie

ernährte – nach ihrem Ehemann 1910 und ihrem Bruder 1936 war es jetzt der einzige

Sohn: Franz Daniel Bär wanderte zusammen

mit seiner Ehefrau Toni, seiner Tochter

Ellen und seiner Schwiegermutter Mathilde

Ledermann über Luxemburg und Le

Havre nach New York aus und ließ sich in

Los Angeles nieder.

Auch ihre wohl nur kurzzeitig genutzte

Wohnung in der Kaiserstraße 16 mussten

die beiden in Bruchsal zurückgebliebenen

Todesanzeige von Jettchen Bär. Foto: Aufbau.

Von links: Franz Daniel, Toni und Johanna Bär. Foto 1 und 2: privat, Foto 3: GLA KA 480 Nr. 26017.

Schwestern Jettchen Bär und Karoline Elsasser wieder aufgeben – bei der Volkszählung

im Mai 1939 wohnte Jettchen in der Schloßstr. 5, Karoline in der Rheinstr. 26. Vor der

Deportation nach Gurs mussten beide abermals umziehen: Karoline zog 1939 nach

Mannheim ins Jüdische Altersheim, Jettchen wahrscheinlich im Frühjahr 1940 ins Haus

Bismarckstr. 3, in eines der Bruchsaler sog. „Judenhäuser“.

Wie alle anderen Bruchsaler Juden wurde Jettchen Bär, inzwischen 72-jährig, am

22.10.1940 nach Gurs deportiert, wo sie wieder auf ihre Schwester Karoline Elsasser traf.

Wenn die Angaben der Tochter Johanna stimmen, war die Deportation für Jettchen besonders

tragisch, da Jettchen nur drei Wochen gefehlt haben sollen, um nach Argentinien

auszuwandern. Die ganze Habe sei schon verpackt in Hamburg gelagert gewesen.

Am 19. Januar 1942 wurde Jettchen von Gurs ins Camp de Noé überstellt und ist von

dort aus am 20.8.1943 nach Martel in Lothringen gekommen. Dort war sie bis 31. Januar

1946 in einem gewöhnlichen Altersheim untergebracht und entging somit der Deportation

nach Auschwitz. Dann kam sie, zusammen mit ihrer Schwester Karoline, nach

Lourdes ins „Centre d’acceuil international“ und aus gesundheitlichen Gründen am

6.9.1947 in die medizinische Klinik des Hotel Dieu in Rennes. Es wurde Lungenkrebs

diagnostiziert. Jettchen Bärs Zustand verschlimmerte sich immer mehr, sodass sie am

3. Januar 1948 verstarb. Ihren Sohn Franz Daniel, der wohl in regelmäßigem Briefkontakt

mit seiner Mutter und „Tante Karoline“ stand, hatte sie seit 10 Jahren nicht mehr

gesehen. Besonders tragisch ist auch, dass Jettchens Tochter Johanna in Argentinien erst

viele Jahre später erfuhr, dass ihre Mutter den Krieg überlebt hatte.

Todesanzeige von Franz Daniel Bär. Foto: Aufbau.

39

Todesanzeige von Toni Bär. Foto: Aufbau.


Aschur „Ascher“ und Auguste Elsasser

(Eltern von Jettchen Bär)

Aschur „Ascher“ Elsasser * 06.02.1828 Rohrbach bei Sinsh. † 20.01.1913 Heidelberg

(S. v. Maier Elsasser (1793-1848), Handelsmann in Rohrbach/Snh. u. Augustine „Gutel“ Stein (1800-1873))

1855 Schutzbürger und Handelsmann in Rohrbach/Sinsheim; Essigsieder; Fabrikant

verh. 28.08.1855 Rohrbach bei Sinsheim

Auguste „Gustel“ Emanuel * 21.04.1827 Rohrbach/S. † 06.04.1912 Heidelberg

(T. v. Liebmann Jakob Emanuel (~1787-1868) u. Caroline „Gutel“ Rastatter (~1795-1841), Rohrbach/Snh.)

9 Kinder:

1. Maier „Max“ Elsasser * 01.02.1857 Rohrbach/Snh. † 04.08.1932 Karlsruhe

nennt sich seit 1887 „Max“, 1900-1932 Kaufmann in Karlsruhe (Handel mit Dünger- und Futtermitteln)

zusammen mit Schwager Hermann Darnbacher sowie Bruder Ludwig Elsasser

vh. 07.06.1887 Bühl Klothilde Darnbacher * 29.11.1863 Bühl † 28.11.1939 Mannh., beerd. in KA

(T. v. Leopold Darnbacher (1824-1892), Weinhändler in Bühl, und Babette Epstein (1837-1921))

3 Kinder:

a) Alfred Friedrich Elsasser * 25.06.1888 Sinsheim † 07.01.1904 Karlsruhe

b) Robert Elsasser „Ellis“ * 1891 Sinsheim † Adelaide/Australien

1913 Student in Heidelberg, lebte in Mannheim, 1939 Emigration nach Australien

vh. Marcelle Zivi * 1902 Genf/CH † Adelaide/Australien

2 Kinder: Charlotte Ellis (1928-?); Gretel Ellis (1930-2005), vh./gesch. Donald Allan Dunstan

Australischer Politiker, 1967-1979 Premier von South Australia (s. wikipedia!)

c) Rudolf Leopold Elsasser * 17.02.1903 Karlsruhe † 18.05.1978 Kefar Sava/Israel

Inhaber Dünger- und Futtermittelhandlung in Karlsruhe, 09.1936 nach Palästina ausgewandert

vh. Erna Marum

* 14.05.1905 Karlsruhe † 22.03.1962 Ra’anana/Israel

2 Kinder: Ruth Elsasser (1931-2000) vh. Yitzchak Nishri; Meir Eilat (= Max Elsasser) (*1933)

2. Hannchen Elsasser * 17.03.1859 Rohrb./Snh. † 19.03.1934 (beerd. in Waibstadt)

vh. Max Götter * 28.05.1855 Ehrstädt † 19.10.1923 (beerd. in Waibstadt)

wohnhaft in Ehrstädt, Kinder?

c) Elisabeth Klara „Liesel“ Elsasser * 24.05.1898 Heidelberg † nach 1940 Israel

1930 Sekretärin in Heidelb., 02.1936 nach Israel eingew., 1940 eingebürgert, Köchin, unverh., kinderlos

4. Jakob Elsasser * 20.08.1862 Rohrbach/Snh. † 30.01.1885 Rohrbach/Snh.

wohl unverheiratet und kinderlos

5. Moses Hajum Elsasser * 14.12.1863 Rohrbach/Snh. † 26.02.1867 Rohrbach/Snh.

6. Isaak Elsasser * 08.05.1865 Rohrbach/Snh. † 11.09.1865 Rohrbach/Snh.

7. Klara „Karoline“ Elsasser * 26.08.1867 Rohrbach/Snh. † 12.05.1950 Rennes/F. (?)

unklar, wo bis 1936 wohnhaft; 1938-01.1939 in Bruchsal wohnhaft; 1940 von Mannheim (jüd.

Altersheim) nach Gurs deportiert; unverheiratet

8. Jäntel „Jettchen“ Elsasser * 29.12.1868 Rohrbach/Snh. † 03.01.1948 Rennes/F (Kkh.)

Heidelberg, 1910 Mannh., ~1913 Karlsruhe, 1930er nach Bruchsal, 22.10.1940 Gurs, Noé, 1943 Martel

vh. 05.10.1893 HD Bernhard Bär * 24.04.1862 Rohrbach/HD † 11.11.1910 Mannheim

(S. v. Daniel Jakob Bär (1816-1877) und seiner 2. Frau (vh. 1860) Johanna Fuld (1835-1863))

1893 in Heidelberg (Hauptstr. 188), General-Vertreter der Bielefelder Leinenfabriken

3 Kinder

a) Franz Daniel Bär * 21.07.1894 Heidelberg † 03.03.1950 Los Angeles/USA

Kaufmann in Bruchsal (Hoheneggerplatz 9, Schillerstr. 10), 07.1938 über Le Havre nach New York

vh. 16.08.1923 Bruchsal Toni Bertha Ledermann * 26.02.1899 Bruchsal † 20.11.1947 LA

(T. v. Josef Ledermann (1868-1918), Fabrikant in Bruchsal, und Mathilde geb. Westheimer (1874-?))

1 Kind: Ellen Baer * 30.05.1924 Karlsruhe † 15.11.2004 New York

wanderte 07.1938 zusammen mit den Eltern in USA aus, unverheiratet und kinderlos

b) Max Paul Bär * 29.11.1896 Heidelberg † 22.07.1897 Straßburg

c) Johanna Bär * 02.03.1903 Mannh. † 14.01.1978 Montevideo/Uruguay

wohnte 1910-1935 in Karlsruhe, 1925-08.1935 Buchbinderin in Karlsruhe (Fa. Gutsch), 08.1936

von Bruchsal (Kaiserstr. 16) über Hamburg nach Buenos Aires, ca. 1960 nach Montevideo/Uruguay

vh. 02.04.1938 Buenos Aires, Max „Maximo” Borger * 06.10.1906 Berlin † 13.01.1974 Montevi.

(unehel. S. v. jüd. Prof. Max Wolf, Berlin u. Hedwig Köpke, ev., Berlin; Stiefsohn von Heinrich Borger)

wohnhaft in Berlin, 03.1936 nach Buenos Aires ausgewandert, Briefmarkenhändler

1 Kind: Susanna Haydee Borger Baer *11.04.1942 Buenos Aires/Arg., 2017 wohnhaft in Montevideo/

Uruguay, unverheiratet und kinderlos

3. Dr. Abraham „Albert“ Elsasser * 01.12.1860 Rohrbach/Snh. † 08.07.1930 Heidelberg

Arzt in Heidelberg (wohnhaft: Plöck 2, Heidelberg)

vh. 30.07.1888 HD Betty Bär * 16.11.1866 Heidelberg † 16.11.1921 Heidelberg

(T. v. Daniel Jakob Bär (1816-1877) und seiner 3. Frau (vh. 1865) Sophie Elsasser (1837-1912) –

Schwester von Aschur Elsasser (1828-1913), siehe oben!)

3 Kinder:

a) Gertrud Elsasser * 15.05.1889 Sinsheim † nach 1942 Israel

vh. Robert Eichberg * 16.02.1874 Bochum † nach 1942 Israel

Ingenieur in Breslau, 04.1935 nach Palästina emigriert, 04.1942 Einbürgerung in Israel

1 Kind: Lotte Eichberg (1914-1975) vh. Fritz Cohn (1908-1987), aus Gnesen/Polen, später in Israel

b) Hedwig Elsasser * 04.03.1895 Heidelberg † vermutl. 03.1943 Auschwitz

1920 Klavierlehrerin in HD, 1934 Musiklehrerin in Breslau, 04.03.1943 deportiert, unverh., kinderlos

9. Liebmann „Ludwig“ Elsasser * 20.10.1871 Rohrbach/Snh. † 18.12.1936 Karlsruhe

1902-1936 Geschäftsführer der A. Elsasser und der Elsasser & Co. GmbH Karlsruhe, lebte seit

~1913 zusammen mit seiner verwitweten Schwester Jettchen Bär und Fam. in Karlsruhe, unverheiratet

Von links: Klothilde und

Max Elsasser, Gertrud

Eichberg geb. Elsasser,

Liesel Elsasser.

Foto 1: Jüdisches Familienbuch

Bühl, Foto 2+3:

Immigration Palestine.

40 41


Biografie von Josef Heid (1882-1944)

von Rolf Schmitt

„Führer der S.P.D., für die eine persönliche Gefährdung besteht oder zu befürchten ist,

sind in Schutzhaft zu nehmen.“¹

Josef Heid kam am 17. November 1882 in Stühlingen

als Sohn des Grenzaufsehers (Zollbeamten) Wendelin

Heid und dessen Ehefrau Luise, geborene Schneider,

zur Welt. Josef, der evangelisch getauft wurde, verlor

bereits als Kind seinen Vater. Dieser wurde, Josef war

erst sechs oder sieben Jahre alt, auf dem Gelände der

Zuckerfabrik Waghäusel durch eine einstürzende

Halle erschlagen. Danach ging es der Familie finanziell

schlecht. Die ärmlichen Verhältnisse erlaubten es

der Mutter nicht, Josef aufs Gymnasium zu schicken.

Zweimal war Josef Heid verheiratet. Seine erste Ehefrau,

die evangelisch getaufte Sofie Sorn, kam am

7. Juli 1887 in Unteröwisheim zur Welt; dort fand am

10. April 1915 die Hochzeit statt. Sofie verstarb am

14. November 1926 in Villingen. Der gemeinsame

Sohn Werner wurde am 12. März 1916 in Villingen

geboren und in Adelsheim baptistisch getauft. Er

Werner und Margaretha Heid, um 1940. F.: privat.

Josef Heid, um 1930. Foto: privat.

heiratete am 18. Februar 1941 in Mannheim

Margaretha Seltsam.

Mit seiner zweiten Ehefrau, der am 8.

Januar 1907 geborenen Anna Christine

Höpfinger, eine Kusine von Sofie, ging

Josef Heid am 10. April 1928 den Bund

der Ehe ein. Die Hochzeit war wiederum

in Unteröwisheim. Die Eheleute hatten

zwei Kinder. Wilfried kam 1929 in

Villingen zur Welt, der später auch Dieter

genannte Dietrich am 3. September

1933.

Josef Heid schlug die Beamtenlaufbahn ein und war seit 1903 verbeamtet. Ab 1921 war

er als Revisionsinspektor beim Bezirksamt Villingen (entspricht dem heutigen Landratsamt)

beschäftigt. Diese Tätigkeit hatte er bis 1933 inne. Seine letzte Wohnadresse in

Villingen war die Kirnacher Straße 26.

Schon früh war Josef Heid in Villingen für die SPD aktiv. Seit 1922 war er Gemeinde-

bzw. Stadtverordneter, nach der Gemeinderatswahl 1926 im Stadtverordnetenvorstand

und Stellvertreter des Obmanns. Darüber hinaus engagierte er sich im Villinger Mieterschutzverein

und war dort auch Vorsitzender. Er war Vorsitzender der SPD Villingen

und ab 1926 Mitglied des Kreisrates. Daneben hatte er noch weitere Ehrenämter inne.

Bei der Landtagswahl vom 27. Oktober 1929 wurde er für den Wahlkreis Villingen/Wolfach

in den Landtag gewählt. Er war einer von 18

SPD-Abgeordneten im 88 Mitglieder umfassenden

badischen Landtag.

Mit der Machtübertragung im Januar 1933 an

die Nationalsozialisten änderte sich das Leben

von Josef Heid und seiner Familie schlagartig.

Bereits am 10. März 1933 wies die NS-Gauleitung

in einem „dringenden Funkspruch“ unter

anderem an, „Führer der S.P.D., für die eine persönliche

Gefährdung besteht oder zu befürchten

ist, sind in Schutzhaft zu nehmen“¹. Die Villinger

Ortsgruppe der NSDAP schrieb am nächsten

Tag an die örtliche Polizei: „Wir bitten folgende

Persönlichkeiten sofort in Schutzhaft zu nehmen,

da wir für deren persönliche Sicherheit infolge

ihres seitherigen Verhaltens unseren Parteigenossen

gegenüber, keine Garantie mehr übernehmen

können“. In diesem Schreiben waren dann sechs

Personen aufgeführt, darunter „Wilh. Schifferdecker,

Gewerkschaftssekr.“, „Ludwig Uebler, Regierungsrat

beim Arbeitsamt Villingen“ und „Josef Heid, M.d.L. Revisionsinspektor“. Das Schreiben

war unterzeichnet von den Vertretern der Villinger NSDAP-Ortsgruppe sowie

der SS- und der SA-Führung.² In der Nacht vom 16. auf den 17. März 1933 wurden diese

Personen von SA- und SS-Leuten festgenommen, auf dem Weg zur Villinger Polizeiwache

misshandelt und dann der Polizei zur „Inschutzhaftnahme“ übergeben. Die Misshandlungen

waren so gravierend, dass die Inhaftierten für zehn Tage im Krankenhaus

behandelt werden mussten. Danach wurden sie im Villinger Gefängnis arrestiert.

In einem Scheiben vom 13. April 1933 heißt es: „Die Verletzungen […] waren derart, dass

eine Aufnahme in das Amtsgerichtsgefängnis untunlich erschien und daher ihre Unterbringung

in das Städt. Krankenhaus veranlasst werden musste“. Die Misshandelten mussten

die Krankenhauskosten selbst bezahlen. Josef Heid blieb bis zum 29. Mai 1933 im Villinger

Bezirksgefängnis, anschließend kam er ins Konzentrationslager Heuberg und wurde

dort am 27. Juni 1933 entlassen. Auch für den Gefängnis- und KZ-Aufenthalt musste er

selbst aufkommen.

Bereits am 7. April 1933 war Josef Heid eröffnet worden, dass er aufgrund des Gesetzes

zum Schutz des Berufsbeamtentums unter Kürzung seiner Pensionsansprüche auf die

42 43

Anna und Josef Heid mit Sohn Dietrich (?)

im Gartenweg 37, um 1938. Foto: privat.


Anna und Josef Heid bei der Hochzeit von Margaretha und

Werner, 1941. Foto: privat.

Hälfte fristlos seines Amtes enthoben

sei.

Nach der Entlassung aus dem

Konzentrationslager Heuberg

erhielt Josef Heid von der Stadtverwaltung

Villingen am 1. August

1933 einen „Stadtverweis“,

musste also seine Heimatstadt

verlassen. Es war schwierig für

ihn, für seine Familie und sich

selbst eine neue Unterkunft zu

finden. Sein Bruder in Konstanz

weigerte sich die Familie

aufzunehmen, ebenso wie ein

in Öhringen lebender Schulfreund.

Die Ausreise ins schweizerische Kreuzlingen, wo ihn ein Bekannter aufgenommen

hätte, wurde ihm verweigert. Zunächst kam die Familie bei den Schwiegereltern in

Unteröwisheim unter, dan fand sie Zuflucht im Bruchsaler Gartenweg, wo sein Schwiegervater

ein kleines Häuschen auf den Namen von Heids Ehefrau kaufte.

Große Teile des Umzuges musste der 17-jährige Sohn Werner organisieren, war zu dieser

Zeit doch die Mutter Anna zur Entbindung von Dietrich im Krankenhaus und war

doch sein Vater seit 6. September 1933 erneut im Villinger Gefängnis inhaftiert wegen

angeblicher „Provokation der SA“.

Anfang September rottete sich gegen Abend eine „empörte Volksmenge“ vor dem Wohnhaus

Kirnacher Straße 26 in Villingen zusammen. Rufe wurden laut: Holt ihn runter und

schlagt ihn tot und dergl. [...] Die Haltung wurde immer bedrohlicher, es wurde versucht,

eine Leiter anzustellen. Es wurde mit Steinen geworfen. Nach einiger Zeit kamen dann

zwei Polizeibeamte und haben meinen Vater in Schutzhaft genommen. [...] Namen von

Demonstranten zu nennen ist zwecklos, da diese inzwischen alle honorige Demokraten

geworden sind und sich nicht mehr erinnern können.“ Werner Heid, 12.11.1959.

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis am 1. Oktober 1933 durfte Josef Heid nicht

mehr in seine Wohnung; er wurde direkt zum Bahnhof zur Abfahrt nach Bruchsal verbracht.

Josef Heid musste sich nun jede seiner Aktivitäten von der Polizei genehmigen lassen.

Kein Besuch bei den Schwiegereltern in Unteröwisheim, keine Fahrt ins Umland von

Bruchsal oder gar in die alte Heimat, ohne dass er vorher bei der Polizei um Erlaubnis

fragen musste.

Josef Heid versuchte zunächst, sich und seine Familie mit einer kleinen Hühnerzucht

finanziell über die Runden zu bringen. Er bildete sich in Fernkursen zum Bilanzbuchhalter

fort und war für Bruchsaler Firmen tätig. 3 1941 wurde er zum Domänenamt in

Bruchsal dienstverpflichtet, erst ab dann erhielt er wieder ein regelmäßiges Gehalt. Doch

auch diese geringe Nebeneinnahme wurde ihm nach 1 ½ Jahren wieder genommen und

ihm wurde zudem noch jede gleichartige Tätigkeit verboten. Mehrmals wurde seine

Bruchsaler Unterkunft von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) durchsucht. Jedesmal

verliefen diese Durchsuchungen ergebnislos.

Nach dem gescheiterten Attentat auf

Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurden

im ganzen Reichsgebiet die früheren

Mandatsträger der politischen Parteien

im Rahmen der „Aktion Gitter“

von der Gestapo verhaftet und in

Konzentrationslager eingeliefert, darunter

auch Josef Heid.

Der 62-jährige Josef Heid war am

8. August 1944 mit seinem gerade

mal elfjährigen Sohn Dietrich Richtung

Bruchsaler Innenstadt unterwegs.

Dietrich wollte an diesem heißen

Sommertag ins Schwimmbad,

der Vater hatte in der Stadt etwas

zu erledigen. Auf der Kaiserstraße

wurde Josef Heid verhaftet. Dietrich

Josef Heid mit seinen Söhnen Wilfried und Dietrich, um

1941. Foto: privat.

erzählte öfters von diesem Ereignis: „Mein Vater wurde mir buchstäblich aus der Hand

gerissen. Wir haben den Vater nie wieder gesehen“. Die Festnahme seines Vaters prägte

Dieter ein Leben lang.

Josef Heid wurde von Bruchsal aus ins Konzentrationslager Dachau verbracht. Dort ist

er wohl umgebracht worden. Seine Frau Anna erhielt von der Lagerverwaltung am 27.

Januar 1945 die lapidare Mitteilung: „Ihr Ehemann Josef Heid, geb. 17.11.82 zu Stühlingen,

ist am 21. Dezember 44 an den Folgen von Lungenentzündung im hiesigen Krankenhaus

verstorben. Die Leiche wurde am 25.12.44 im staatlichen Krematorium in Dachau

eingeäschert. Der Totenschein ist anliegend beigefügt. Der Lagerkommandant KLD“. Die

tatsächlichen Umstände seines Todes wurden nie bekannt.

Zur Erinnerung an Josef Heid tragen seit März 1952 in Unteröwisheim und seit August

1972 in Bruchsal jeweils eine Straße seinen Namen. In Villingen, dem Ort seines politischen

Wirkens, erinnern seit 1972 der Heid-Platz und seit 1987 eine Gedenktafel am

dortigen Heid-Brunnen an ihn. In Karlsruhe wurde im November 2013 vor dem Ständehaus,

dem ehemaligen Sitz des badischen Landtags, ein Stolperstein für Josef Heid

verlegt. In Bruchsal erinnert vor dem Haus Gartenweg 37 seit dem 5. Juli 2018 ein Stolperstein

an Josef Heid.

¹ , ² Staatsarchiv Freiburg LRA Villingen Nr. 1246

3

Unter anderem war Josef Heid tätiv für die Blechnerei Haas, Farbenfabrik E. Isenmann, G. Haubensak,

Bauunternehmen Konrad Schweikert oder Glasermeister A. Schmiedle.

44 45


Rückblick auf die dritte Bruchsaler

Stolpersteinverlegung am 26. April 2017

von Rolf Schmitt

Bereits zum dritten Male wurden am 26. April 2017

in Bruchsal Stolpersteine verlegt. Dieses Mal für insgesamt

16 Menschen, die in das Menschenbild der

Nationalsozialisten nicht passten, hatten sie doch die

falsche Religionszugehörigkeit und wurden daher aus

rassistisch und antisemitisch motivierten Gründen

verfolgt – oder waren behindert und wurden aus diesem

Grund als „lebensunwert“ systematisch ermordet.

Die Angehörigen der Holocaust-Opfer reisten zum

Teil von weither an. Bereits zum zweiten Mal innerhalb

weniger Jahre besuchte Daniel Grzymisch aus

Kanada Bruchsal. Während er 2013 mit seiner Ehefrau

Ana angereist war, wurde er 2017 von seinen

beiden Söhnen Axel und Jonathan begleitet. Daniel

Grzymisch ist der Großneffe des letzten Bruchsaler

Rabbiners, Dr. Siegfried Grzymisch. Dass Daniel

Grzymisch jetzt wieder in Bruchsal war, ist so überraschend

nicht, betonte er doch bereits 2013: „Der heutige Tag bleibt mir sicher unter

den wichtigsten Erinnerungen. Bruchsal hat ab heute einen besonderen Platz in meinem

Leben.“ Für Dr. Siegfried Grzymisch, dessen Ehefrau Carola und die Mitbewohnerin

Charlotte „Lina“ Mayer wurden Stolpersteine in der Huttenstraße 2 verlegt.

„Ich schätze sehr, was die Bruchsaler für uns taten. Es war tatsächlich sehr berührend

und interessant, da wir nicht viel über das Schicksal unserer in Deutschland verbliebenen

Familie wussten. Ich bin froh, durch diese Bemühungen etwas mehr über die Geschichte

meiner Familie zu erfahren und dass viele von denen, die in der Vergangenheit leiden

mussten, nun wieder gewertschätzt werden.“

Axel Grzymisch, Kanada

Eine längere Anreise hatte auch die große Reisegruppe

der Angehörigen der Familie Weil/

Löb. Die in Bruchsal geborene Edith Löb,

Jahrgang 1927, konnte aus gesundheitlichen

Gründen nicht in ihre Geburtsstadt kommen,

ansonsten war fast die ganze Familie aus den

Von links: Julie Leuchter Thum mit Ehemann, Amanda

Thum, Debbie Leuchter Stueber mit Ehemann, Kurt Leuchter

und Nathan Yellon. Foto: Martin Stock.

46

Von links: Daniel, Jonathan und Axel

Grzymisch. Foto: F. Jung.

USA angereist. Ediths Ehemann Kurt Leuchter aus Florida

wurde begleitet von den beiden Töchtern Debbie

(Pennsylvania) und Julie (Brooklyn) sowie deren Ehemännern

und den beiden erwachsenen Enkelkindern,

Amanda Thum und Nathan Yellon. Der Stolperstein für

Ediths Großmutter Mathilde Weil wurde vor der Huttenstraße

26 verlegt. Vor der Friedrichstraße 53 liegen nun

Stolpersteine für Ediths Eltern, Max und Julie Löb, ihren

Bruder Heinz und für Edith selbst, ist doch auch sie ein

Opfer des Holocaust. Sie wurde nach Gurs deportiert,

konnte aber in Waisenhäusern überleben. Dort lernte sie

auch ihren späteren Ehemann Kurt kennen, den sie 1949

durch einen Zufall in einem New Yorker Museum wieder

traf. Kurz danach heirateten die beiden.

„Ich will mich noch einmal bei Ihnen bedanken für alles, was sie für uns getan haben.

Ich bin sehr froh, Sie kennen gelernt zu haben. Es war eine sehr lange Fahrt für mich, besonders

nach Hause! Bin um 5:30 in der Früh‘ in Frankfurt am Flughafen gewesen und

der Flug war um 8:00. Bis ich nach Hause kam war es nach Mitternacht bei uns. Mit 88

Jahren ist es sehr schwer so eine Reise zu machen. Aber ich war doch sehr froh, dass wir

alle bei euch waren.“

Kurt Leuchter, Florida, USA

„Nach Deutschland zurückzukehren hieß, zu den Wurzeln zurückzukehren. Seit ich

wieder zu Hause bin, hörte ich viele Juden sagen, dies sei ein „Wurzelzug“ gewesen. Für

mich war es tatsächlich jedoch eine Möglichkeit, das Trauma der Ahnen im wörtlichen

wie im übertragenen Sinne zu wiederholen und den Prozess des Erinnerns fortzusetzen.

Rückkehren heißt erinnern. Es endete nicht dort; es geht weiter, genau hier.“

Amanda Thum, Hawaii, USA

Friedrich Molitor, für den ein Stolperstein

in der Durlacher Straße 71 verlegt

wurde, hatte die richtige Religionszugehörigkeit,

wurde er doch 1907 in der Bruchsaler

Pauluskirche katholisch getauft.

Sein Makel war, körperlich und geistig

behindert zu sein. So wurde ihm im Rahmen

der „Aktion T4“ „der Gnadentod

gewährt“. Die Nationalsozialisten fühlten

sich besonders dann stark, wenn sie gegen

wehrlose Menschen vorgingen. Friedrich

Molitors Neffe lebt heute noch mit seiner

Familie in Bruchsal, sie begleiteten die

Recherchen über Friedrich dankbar.

V. li.: Christa Molitor, Cornelia Petzold-Schick, Bernd

Molitor, Jonathan Brütsch u. Rolf Molitor. F.: F. Jung.

47

Edith Leuchters ehem. Klassenkameradin

Maria Thome und Ehemann

im Gespräch mit Kurt Leuchter (re.).


Hinten, von links: Paula Pels, Nico Busch, Valery Pels, Stephen Grosz,

Evangelos Karakas, Serhat Tapan und Vicki Grosz.

Vorne: Edwin und Chantal Baer. Foto: F. Jung.

Weit über die ganze Welt

verstreut leben die Nachfahren

und Familienmitglieder

von Friedrich Sem

Bär und dessen Ehefrau

Franziska sowie deren

1921 geborenen Tochter

Therese „Resi“ Bär, für die

jetzt Stolpersteine vor der

Schwimmbadstraße 17 liegen.

Resi Bär verlor nie

ihre Heimatstadt aus der

Erinnerung. Nach dem 2.

Weltkrieg war sie 1949,

1986 und 2002 zu Besuch

in Bruchsal.

Aus Großbritannien reiste

ihr Sohn Stephen Grosz

mit Ehefrau Vicki an, aus

der Schweiz Edwin Baer

und Ehefrau Chantal und aus Frankfurt Valery Pels, allesamt Nachfahren der großen

Untergrombacher Bär-Sippe. Die Großeltern und Eltern von Valery Pels mussten in

den 1930ern nach Argentinien fliehen. Das Treffen in Bruchsal nutzten die Mitglieder

der Bär-Familie, auch den jüdischen Friedhof von Obergrombach zu besuchen. Dort

vereinbarten sie, eine neue Gedenkplatte für Leopold und Therese Bär aus Untergrombach

in der leeren Nische von deren Grabstein anbringen zu lassen. (Siehe auch den Beitrag

von Thomas Adam: „Neuer Grabstein für die Urgroßeltern Bär“, Seite 50.)

„Ich finde nicht genug Worte um ihnen zu danken. Wir werden nie vergessen, was heute

für uns getan wurde. Dadurch wurde unser Leben in mehrfacher Weise geändert. Ich

möchte dies in den Worten unseres 14 Jahre alten Sohnes wiedergeben: Mom, das war ein

wundervoller Tag! Heute habe ich mehr gelernt als in einem Jahr Schulunterricht.“

Valery Pels, Frankfurt

„Die Zeremonie war sehr bewegend und wir haben uns alle sehr gefreut über das herzliche

Willkommen, das uns entgegengebracht wurde. Das große persönliche Interesse der

Oberbürgermeisterin hat uns [...] sehr gefreut. Diese Feierstunde war auch eine Möglichkeit,

um die Verbindungen innerhalb unserer Familie zu erneuern und neue Familienmitglieder

kennen zu lernen, von denen wir zwar wussten, die wir aber bisher nie getroffen

hatten. Das Treffen hat dazu geführt [...], dass wir nun für September 2018 ein großes

Familientreffen in Bruchsal geplant haben.“

Stephen Grosz, London

In der Bismarckstraße 10 wohnten die

Eheleute Simon und Rosalie „Rosa“

Marx, sowie deren Kinder Betty „Liesel“

und Trude. Die Eltern wurden im

Holocaust ermordet, Betty und Trude

konnten noch rechtzeitig in die USA

fliehen. Trude heiratete dort, blieb

aber wie ihre unverheiratete Schwester

Betty kinderlos. Trotz intensiver

Recherchen konnten keine Nachfahren

oder Verwandten gefunden werden,

die hätten an den Stolpersteinverlegungen

teilnehmen können.

Rolf Schmitt rezitiert ein Gedicht des Bruchsaler

Gymnasiallehrers Ludwig Marx bei der Verlegung

in der Bismarckstraße 10. Foto: F. Jung.

Heike und Tobias Scheuer umrahmten die Verlegung am

Haus Schwimmbadstr. 17 musikalisch. Foto: F. Jung.

Nach dem Setzen des letzten Stolpersteines

machten sich die Teilnehmer an den Zeremonien,

die über zwei Stunden den Künstler

Gunter Demnig beim Verlegen begleiteten,

auf den Weg zum Justus-Knecht-Gymnasium.

Bei der nachfolgenden, eindrucksvollen

Gedenkfeier wurden von Schülern der

8. Klassen des JKG die Lebensläufe der Holocaust-Opfer

vorgestellt. Danach erinnerten

die Angehörigen mit ihren eigenen Worten

an ihre Anverwandten.

Nach dieser Zeremonie trafen sich die Familien

zu einem gemeinsamen Mittagessen,

wobei eifrig Telefonnummern und Adressen

ausgetauscht wurden – haben doch alle eine

gemeinsame Wurzel: Bruchsal. Die Stadt, wo

unsere Gäste oder deren Vorfahren zur Welt

kamen, zur Schule gingen, heirateten, Kinder

bekamen. Und die Stadt, aus der die Vorfahren

fliehen mussten – soweit dies überhaupt

noch möglich war.

Bruchsal präsentiert sich erneut als eine weltoffene

Stadt, die Gäste aus aller Herren Länder

gerne bei sich aufnimmt. Die Bruchsaler

Stolpersteinverlegungen sind wunderbare Möglichkeiten zur Verständigung über Ländergrenzen

hinweg. Das zu Zeiten des Faschismus Geschehene wird allerdings nicht

rückgängig zu machen sein.

48 49


Neuer Grabstein für die Urgroßeltern Bär

von Thomas Adam

Die Idee entstand bei der Stolperstein-Verlegung 2017 –

Nachfahren der Familie Bär ersetzen Grabplatte auf dem jüdischen Friedhof:

Fast acht Jahrzehnte nach der Schändung erhalten Bestattete ihre Namen wieder.

Ein Jahrhundert alt ist der Grabstein, doch trägt er nun eine neue, im Oktober 2017 angebrachte

Schrifttafel mit den Namen und Lebensdaten der an dieser Stelle Bestatteten.

Auf den ersten Blick vielleicht eine scheinbar alltägliche Begebenheit, wie sie jederzeit

stattfinden kann auf einem Friedhof, näher betrachtet jedoch eine Geste von höchster

Symbolkraft.

Ort des Geschehens: Der jüdische Friedhof auf dem Eichelberg an der Gemarkungsgrenze

zwischen Obergrombach und Bruchsal. Ende der dreißiger Jahre, kurz vor Entfesselung

des Zweiten Weltkrieges, wurde diese letzte Ruhestätte der jüdischen Bevölkerung im

südwestlichen Kraichgau verwüstet und ein Großteil ihrer Grabsteine geschändet; vom

Friedhof haben die Täter sie damals fortgeführt und zur Befestigung von Wegerändern

verwendet. Etliche geraubte Steine

sind um die Jahrtausendwende geborgen

worden und seither auf das

Gräberfeld zurückgekehrt, manches

aber bleibt verschwunden

und wird wohl nie wieder aufzufinden

sein.

Fortgekommen ist auch die in

einen mächtigen Grabstein eingetiefte

Gedenkplatte für Leopold

und Therese Bär aus Untergrombach,

er gestorben 1898, sie

1919. Wo einst die Platte mit dem

Schriftzug sich befand, verblieb

nur die leere Nische. Erhalten hat

sich jedoch ein Foto, das in den

zwanziger Jahren entstanden ist

und bei der Rekonstruktion durch

einen ortsansässigen Steinmetz die

Von links: Chantal und Edwin Bär (Schweiz), Stephen und

Vicky Grosz (London) vor dem „leeren“ Grabstein der Urgroßeltern

auf dem Jüdischen Friedhof am Eichelberg (siehe dritte

Gedenkschrift vom 26.4.2017, Seite 19) Foto: F. Jung.

entscheidende Rolle spielte. Denn

die damalige Bildqualität ist recht

hoch, die Aufnahme erwies sich

als detailliert genug, um auf ihrer

Grundlage die historische Beschaffenheit und die originalen Schriftzüge bis in kleinste

Einzelheiten nachbilden zu können.

Die Initiative dafür haben die Nachfahren der Familie in privater Federführung ergriffen.

Sie leben heute in Argentinien, Israel, Schweiz, Holland, Großbritannien und in den

Vereinigten Staaten, ein Teil von ihnen aber kam zusammen zur dritten Bruchsaler Stolperstein-Verlegung

im April 2017. Hier, bei dieser Gelegenheit, entstand der gemeinsame

Wunsch, eine exakte Replik der Grabplatte ihrer Vorfahren wieder anbringen zu lassen.

Durch Vermittlung von Florian Jung und Rolf Schmitt, in formalen Belangen unterstützt

durch die Stadt Bruchsal, wurden auch in Absprache mit dem Friedhofsbeauftragten der

Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden die Voraussetzungen für diese symbolhafte

Aktion geschaffen. In Anwesenheit von Valery Pels mit ihren beiden Kindern und der

fünfköpfigen Familie von Aviad Ben Izhak aus Israel erstand nun dieser Erinnerungsort

für die in aller Welt lebenden Bär-Nachfahren neu, an dieser letzte Ruhestätte von

Leopold und Therese, dem „Fundament unserer Familiengeschichte“ – so hat es Edwin

Baer in einem Schreiben formuliert, der krankheitsbedingt nicht aus der Schweiz anreisen

konnte. Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick würdigte die Aktion in einem persönlichen

Gedankenaustausch mit den anwesenden Familienmitgliedern als einen besonderen

Beitrag zur Erinnerung an die jüdischen Anteile in der deutschen Geschichte und

zur Versöhnung in Anbetracht der NS-Gräuel und den Zerstörungen der Friedhofsanlage

auf dem Eichelberg vor bald achtzig Jahren.

Nach der Einfügung der originalgetreu durch die Fa. Stadelwieser nachgestalteten Grabplatte.

Von links: Amir Ben Izhak, Efrat Ben Izhak, Tamar Ben Izhak, Aviad Ben Izhak, Nicolas Busch, Valery

Busch and Meirav Ben Izhak. Vorne: Sofia Busch. Foto: Thomas Adam.

50 51


Preis für Erinnerungsarbeit

Gemeinsam mit den Kommunen und Bundestagsabgeordneten der Region verleiht die

Sparkasse Kraichgau jährlich den mit insgesamt 5250 Euro dotierten Bürgerpreis für vorbildliches

Engagement. Im Jahr 2017 hat die Jury des Bürgerpreises „Für mich. Für uns.

Für alle.“ aus insgesamt 46 Bewerbungen und Vorschlägen mehrere Preisträger für verschiedene

Kategorien (Alltagshelden, Lebenswerk, U21) ausgewählt, darunter die Stolpersteingruppe

am JKG. Die mit einem Preisgeld von 500 Euro dotierte Auszeichnung der

Kategorie „U21“ löste bei den Schülerinnen und Schülern sowie dem betreuenden Lehrer,

OStR Florian Jung, große Freude aus. Eine Abordnung der Projektgruppe des Schuljahrs

2016/17 fuhr am 5. Oktober 2017 zur Eremitage Waghäusel, wo die diesjährige Preisverleihung

unter Beisein der Oberbürgermeister von Bruchsal, Bretten, Sinsheim und Waghäusel,

von Prof. Dr. Castellucci, MdB und dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse

Kraichgau, Norbert Grießhaber, stattfand.

„Die Steine lassen uns innehalten, sie rufen uns zu: Diese genannten Leute lebten mitten

unter uns, sie waren unsere Nachbarn“, machte Prof. Dr. Werner Schnatterbeck, Oberschulamtspräsident

a. D., deutlich, der in der Stolpersteinfunktion die Aufgabe sah, Menschen

aus der Anonymität herauszuholen und vor dem Vergessen zu bewahren. An die

Schüler des Justus-Knecht-Gymnasiums gerichtet erinnerte der Laudator an die Rede des

Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Krieges und der nationalsozialistischen

Gewaltherrschaft im Deutschen Bundestag: „Die Jungen sind nicht

verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in

der Geschichte daraus wird.“

Verleihung des Bürgerpreises durch den Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse, Norbert Grießhaber

(links) an Vertreter der Schülergruppe und OStR Florian Jung. Mit dabei Laudator Prof. Dr. Werner

Schnatterbeck (rechts). Foto: Martin Heintzen.

52

Weitere Magazine dieses Users