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Stolpersteine_2018_komplett

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Grußwort<br />

der Oberbürgermeisterin<br />

Zum vierten Mal werden in unserer Stadt am Donnerstag,<br />

5. Juli, durch den Künstler Gunter Demnig<br />

an insgesamt sechs Standorten <strong>Stolpersteine</strong><br />

verlegt. Sie erinnern an Männer, Frauen und Kinder,<br />

die während der Unrechtsherrschaft des Nationalsozialismus<br />

vertrieben und ermordet wurden.<br />

Gunter Demnig selbst sagt über die Idee hinter<br />

seinem Projekt: „Mit den <strong>Stolpersteine</strong>n sind die<br />

Menschen plötzlich wieder gegenwärtig“.<br />

„Wieder gegenwärtig“: Das ist ohne Zweifel die<br />

zentrale Botschaft dieser kleinen, in den Boden<br />

eingelassenen Gedenksteine. Sie können nicht ungeschehen<br />

machen, was den Opfern angetan wurde,<br />

aber sie können die Betroffenen wieder in unser Bewusstsein rücken – als<br />

Warnung und Mahnung, dass Fanatismus und Rassismus immer und überall<br />

zur Bedrohung der Menschenrechte werden können.<br />

Einmal mehr gilt mein Dank allen an der Vorbereitung dieser Aktion Beteiligten<br />

– allen Spendern, allen Organisatoren, allen Ideengebern, namentlich der<br />

BürgerStiftung Bruchsal und der Bruchsaler Friedensinitiative. Herr Florian<br />

Jung, Lehrer am Justus-Knecht-Gymnasium, hat mit seiner Projektgruppe aus<br />

Schülern der 8. Klasse intensiv die Geschichte all jener NS-Opfer recherchiert,<br />

für die im Rahmen der diesjährigen Stolperstein-Aktion eine bleibende Erinnerung<br />

geschaffen wird. Ein besonderer Dank gilt Herrn Rolf Schmitt, dem es<br />

auch diesmal gelungen ist, zahlreiche bisher unbekannte geschichtliche Fakten<br />

aufzuarbeiten und viele familienkundliche Bezüge herzustellen. Und immer<br />

wieder dürfen wir es auch erleben, dass die heutigen Hausbesitzer an den Verlegestellen<br />

sich zustimmend zu der Aktion äußern und selbst aktiv nach dem<br />

Schicksal früherer Bewohner des Gebäudes fragen – eine besondere Form der<br />

Auseinandersetzung mit Geschichte.<br />

<strong>Stolpersteine</strong> sind Schritte hin auf ein dauerhaftes Erinnern, das nicht in geschichtlichem<br />

Rückblick stehen bleibt, sondern immer auch das bürgerschaftliche<br />

Bewusstsein für Ungerechtigkeit und Diskriminierung in der Gegenwart<br />

stärkt.<br />

Cornelia Petzold-Schick<br />

1


Einführung in das Schülerprojekt<br />

von Florian Jung, OStR am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal<br />

Bereits zum dritten Mal bildete sich am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal eine Projektgruppe<br />

aus Achtklässlern des G9-Zugs, um ein Schuljahr lang Biographien früherer<br />

jüdischer Mitbürger zu erforschen. Selbstverständlich gehört dazu eine gründliche<br />

Recherche in Büchern zum Thema, seien es die bekannten Werke von Stude oder Haus<br />

zur Geschichte der Juden in Bruchsal, seien es die alten Adressbücher der Stadt. Die<br />

Recherche im Internet wird ergänzt durch den in Kleingruppen durchgeführten Besuch<br />

im Generallandesarchiv Karlsruhe, dort lagern nämlich umfangreiche Akten der<br />

Wiedergutmachungsbehörden zu fast allen, die in diesem Jahr mit einem Stolperstein<br />

geehrt werden. Ganz besonders reizvoll ist für die Jugendlichen allerdings, in Kontakt<br />

zu kommen mit den Nachfahren oder Verwandten, die meist nicht mehr in Deutschland<br />

leben. In diesem Jahr mussten wir allerdings akzeptieren, dass die Enkelin eines<br />

Bruchsaler Holocaustopfers, wohnhaft in Uruguay, nicht mit uns kommunizieren<br />

wollte und Verwandte aus drei verschiedenen Zweigen der Mayer-Sippe kein Interesse<br />

an der Stolpersteinverlegung für Else und Selma Mayer zeigten. Umso mehr wurde uns<br />

aber klar, welche großzügige, wichtige und sehr geschätzte Geste es von den Angehörigen<br />

der Familien Geismar und Baertig/Schlessinger ist, dass gleich mehrere Vertreter<br />

beider Familien aus verschiedenen Teilen der USA und aus der Schweiz anreisen.<br />

Das inzwischen gut eingespielte Stolperstein-Organisationsteam, bestehend aus Rolf<br />

Schmitt, Thomas Adam und Florian Jung, freut sich ganz besonders, bei der diesjährigen<br />

Stolpersteinaktion Alex Calzareth und Michael Simonson aus New York dabei<br />

zu haben, die uns seit Jahren schon bei unseren Recherchen unterstützen. Ebenso gilt<br />

unser besonderer Dank Werner Schönfeld (Flehingen), Marlene Schlitz (Bruchsal),<br />

weiteren privaten Forschern und Mitarbeitern verschiedener Archive.<br />

Projektgruppe „<strong>Stolpersteine</strong>“ der 8. Klassen am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal:<br />

Hinten von links: Ellen, Charlotte, Lina, Mia, Dominik, Raphael, Lukas<br />

Vorne von links: Jan, Nico, Marius, Volkan. Foto: Florian Jung.<br />

2<br />

Biografie von Ludwig Geismar (1869-1942)<br />

von Isaiah Blumhofer, Klasse 8s<br />

Ludwig Geismar wurde geboren am<br />

22.2.1869 in Bruchsal als Sohn des<br />

Eisenhändlers Leopold Geismar und<br />

dessen Frau Bertha Babette Weil. Diese<br />

stammten aus Breisach und Sulzburg<br />

in Südbaden, hatten sich im April<br />

1866 in Bruchsal niedergelassen und<br />

eine Eisenwarenhandung eröffnet.<br />

Ludwig wuchs zusammen mit zwei älteren<br />

Brüdern, Sigmund und Gustav,<br />

und einer jüngeren Schwester, Mathilde,<br />

auf. Von Ludwig ist im Generallandesarchiv<br />

Karlsruhe eine Personenbeschreibung aus dem Jahre 1893 erhalten: „1,72 bis<br />

1,74 m groß, hellblonde Haare, kleines blondes Schnurrbärtchen, gesunde Gesichtsfarbe.<br />

Beruf: Eisenreisender.“<br />

Ludwig heiratete 1900 in Neckarsteinach die von dort stammende Kaufmannstochter<br />

Ida Ledermann. Das Paar bekam zwischen 1901 und 1909 fünf Kinder, vier Söhne und<br />

eine Tochter.<br />

Über die Größe des Geschäfts gibt es unterschiedliche Angaben.<br />

Geismars Sohn Otto schrieb 1959, dass die Eisenwarengroßhandlung<br />

im Durchschnitt drei Angestellte, vier Arbeiter<br />

und zwei Lehrlinge beschäftigte, außerdem war er selbst seit<br />

1924 im Betrieb tätig. Zusätzlich gab es ein gemietetes Lager<br />

im Holzmarkt 15 (Gastwirt Erchinger) sowie einen gemieteten<br />

Lagerplatz am Güterbahnhof. Verkauft wurden Eisenwaren an<br />

Handwerker, Baugeschäfte, kleine Eisenwarenhandlungen, außerdem<br />

Öfen „en gros et en detail“. Geismar hatte das Alleinverkaufsrecht<br />

der bekannten „Eibelshäuser Hütte“ für Baden und<br />

Württemberg. Weitere Lieferanten waren: Weil und Reinhardt<br />

(Mannheim), Röchling (Saarbrücken), Gebrüder Späth (Mannheim),<br />

Emailfabrik Ullrich (Annweiler/Pf.) . Der Kundenkreis<br />

dehnte sich bis nach Offenburg, Villingen, Stuttgart, Esslingen,<br />

Mosbach und Wiesloch. Entweder Ludwig, Sohn Otto oder<br />

ein Angestellter waren immer als Reisende tätig. Bedeutender<br />

Geschäftspartner war auch das Landesgefängnis Bruchsal mit<br />

Grabstein von Leopold und<br />

Berta Geismar, Jüdischer<br />

Friedhof Bruchsal. F.: Jung.<br />

Feuerwehrübung 1933. Links Eisenhandlung Geismar,<br />

rechts Gasthaus „Zum Einhorn“. Foto: E. Habermann.<br />

bis zu 15.000 RM Umsatz monatlich. Das fiel 1933 <strong>komplett</strong><br />

weg. Otto charakterisierte den Vater als „angesehenen Bürger<br />

in Bruchsal“, der sein Leben lang gut verdiente. Er schrieb: „Der<br />

3


Verfolgte hatten einen bedeutenden Eisenhandel in<br />

Bruchsal. Er hatte Wertpapiere und ein Bankguthaben<br />

bei der Süddeutschen Diskonto-Gesellschaft in<br />

Bruchsal. Infolge der Verfolgungsmaßnahmen hat er<br />

sein gesamtes Vermögen verloren. Infolge des Boykotts<br />

ist auch das Geschäft von 1933 an beträchtlich<br />

zurückgegangen.“<br />

Ein früherer Angestellter erinnerte sich 1959 so:<br />

Im Geschäft arbeiteten Ludwig Geismar und sein<br />

Sohn Otto Siegfried, außerdem sei „ab und zu“<br />

auch seine Tochter als Stenotypistin dort tätig gewesen.<br />

In der Zeit von 1927 bis 1931 habe man<br />

Werbung von Ludwig Geismar im Bruchsaler<br />

Adressbuch, Jahrgang 1920-21. F.: Jung.<br />

zwei Angestellte und ein Arbeiter beschäftigt. Nach 1931 sei das Geschäft immer weiter<br />

zurückgegangen und bereits vor 1933 sei der Betrieb stark verschuldet gewesen.<br />

Das Amt für Wiedergutmachung stellte fest, dass 1932 ein Konkursverfahren über den Betrieb<br />

eröffnet wurde, Ludwig Geismar aber den Betrieb eingeschränkt selbst weiterführen<br />

durfte, und sich das Konkursverfahren bis 1936 erstreckte. Das Haus Holzmarkt 3 sei 1935<br />

zwangsversteigert worden, in den Besitz der Sparkasse Bruchsal übergegangen und Januar<br />

1936 von Architekt Gustav Löffler erworben worden. Der Eintrag ins Handelsregister gibt<br />

Auskunft, dass Ludwig Geismar bis 29. April 1936 Inhaber der Eisenwarenhandlung am<br />

Holzmarkt 3 war, dann erfolgte Schließung oder Verkauf.<br />

Am 22.10.1940 wurde Ludwig zusammen mit seiner Frau Ida nach Gurs deportiert, seine<br />

Schwester Mathilde Lehmann wurde von Mannheim aus ebenfalls nach Gurs deportiert.<br />

Von Gurs kam Ludwig Geismar, wohl schon krank, am 26.1.1942 ins Lager Recebedou. Er<br />

starb am 11.2.1942 in Portet-sur-Garonne, dem Hospital (Krankenhaus) des Lagers Recebedou.<br />

Die Bestattung erfolgte auf dem jüdischen Friedhof in Portet St. Simon.<br />

Biografie von Ida Geismar geb. Ledermann<br />

(1874-1945)<br />

von Volkan Kabay, Klasse 8s<br />

Ida Ledermann wurde am 21. September 1874 in Neckarsteinach geboren. Ihre Eltern waren<br />

Max Ledermann, welcher als Kaufmann in Neckarsteinach arbeitete, und Jeanette Simon.<br />

Ida hatte drei Brüder und zwei Schwestern. Ein Schicksalstag für Ida war sicher der<br />

16.9.1888, denn an diesem Tag starb nachmittags um ca. drei Uhr ihre Mutter im jungen<br />

Alter von 44 Jahren. Am selben Tag abends um „neun einhalb Uhr“ starb auch ihre nur neun<br />

Jahre alte Schwester Berta. Der ältere Bruder Josef (1872-1935) war später mehr als 25 Jahre<br />

Gemeindevorsteher in der Heimatgemeinde Neckarsteinach und hatte dort sieben Kinder,<br />

seine Witwe Emma wurde 1944 in Auschwitz ermordet. Idas Schwester Sophie (geboren<br />

1876) lebte in Stuttgart und beging 1942 zusammen mit ihrem Mann Max Mayer Suizid,<br />

der Bruder Moritz (1982) lebte in Frankfurt und wurde 1941 mit seiner Frau Minna in Lodz<br />

ermordet. Von Bruder Sigmund Ledermann (geboren 1881) fehlt uns heute jede Spur.<br />

Als Ida am 15.5.1900 nach Bruchsal heiratete, lebte in der Eisenhandlung, die von Idas Ehemann<br />

Ludwig betrieben wurde, noch dessen Mutter Berta Geismar geb. Weil. Diese zog<br />

1911 nach Landau zu ihrer Tochter Mathilde. Dort verstarb sie dann auch 1927, wurde aber<br />

in Bruchsal beerdigt.<br />

Ida und Ludwig Geismar hatten fünf Kinder: Die Namen ihrer<br />

vier Söhne lauteten: Friedrich Leopold (1901), Ernst Josef<br />

(1902), Eugen (1904) und Otto Siegfried (1906). Die Tochter<br />

hieß Lucie Jeanette (1909). Sohn Ernst starb mit acht Monaten<br />

und ist auf dem Bruchsaler Friedhof beerdigt. Alle anderen<br />

Kinder erhielten eine überdurchschnittliche schulische<br />

Ausbildung: Friedrich Leopold, genannt „Fritz“, besuchte die<br />

Oberrealschule von 1910 (Klasse VI) bis 1915/16 (Austritt in<br />

Klasse UIII), Eugen war dort von 1913 (Klasse VI) bis mindestens<br />

1918/19 (Klasse OIII). Otto war von 1916 (Klasse<br />

V) bis mindestens 1918/19 dort. Tochter Lucie besuchte die<br />

Höhere Mädchenschule in Bruchsal. Beides sind Vorgängerschulen<br />

des Justus-Knecht-Gymnasiums.<br />

Grabstein Ernst Geismar. F.: Jung.<br />

Sohn Fritz ist 1921 nach Argentinien ausgewandert. Zuletzt war er 1932 zu Besuch bei seinen<br />

Eltern in Bruchsal. Bis in die 1950er Jahre hatten seine Geschwister keine Idee, was aus<br />

ihm geworden war oder wo er sich befand. Sohn Eugen starb am 22.7.1933, morgens um<br />

ca. 6 Uhr plötzlich in Bruchsal, in der Wohnung seiner Eltern, an einer Sepsis (Blutvergiftung).<br />

Der Vater ging persönlich aufs Standesamt, um dort den Tod zu melden. Otto verließ<br />

Bruchsal ebenfalls 1933 und Lucie Jeanette 1934. Es wird Ida sicher schwer gefallen zu sein,<br />

alle ihre Kinder in so kurzer Zeit gehen lassen zu müssen.<br />

Ida Geismar wohnte bis 1936 im Haus Holzmarkt 3, wo ihr Mann die Eisenwarenhandlung<br />

hatte (Siebenzimmerwohnung). Wann genau sie auszogen, ist unklar. Nach dem Hausverkauf<br />

1935 zogen sie im April 1936, so die Aussage des Käufers, Architekt Löffler, in die Friedrichstraße<br />

29 zum jüdischen Kaufmann Alfred Bär und bewohnten dort eine 4-Zimmer-<br />

Wohnung. Schwiegersohn Lazarus Benjamin de Vries besuchte sie angeblich dort schon im<br />

Februar 1936, und zusammen mit seiner Frau Lucie de Vries nochmals im Sommer 1937.<br />

Diese Wohnung war mit den Möbeln des Holzmarkt 3 sehr gut eingerichtet und hatte ein<br />

Esszimmer, einen Salon, ein Schlafzimmer und ein Fremdenzimmer. Im Adressbuch von<br />

1938 liest man allerdings noch Holzmarkt 3, was höchstwahrscheinlich fehlerhaft ist. Geismars<br />

hatten in ihrem alten Haus Holzmarkt 3 allerdings noch ein Lager mit Restbeständen,<br />

wo auch die restlichen Möbel untergestellt waren (Wohnzimmer, Schlafzimmereinrichtungen<br />

der beiden Brüder). Nach Erinnerung der Hausnachbesitzer der Friedrichstr. 29 (Bohn)<br />

sind Geismars Ende 1938 in die Pfarrstr. 3 zum Ehepaar Simon und Luise Sandler gezogen.<br />

Ida musste wie alle vermögenden Juden Schmuck und Gold 1938/39 abgeben und hatte<br />

4 5


einen Transportkanal über ihren Bruder Moritz Ledermann, wohnhaft in Frankfurt, gefunden,<br />

die Wertsachen illegal nach Holland zur Tochter Lucie zu bringen. Da sich der Schwiegersohn<br />

aber weigerte, einen illegalen Weg zu beschreiten, weil er Schwierigkeiten mit den<br />

holländischen Zollbehörden fürchtete, wurde aus dem Plan nichts. Es war eine goldene Herrenuhr,<br />

eine goldene Damenuhr, mehrere Ringe und Ketten sowie Tafelsilber.<br />

Am 22.10.1940 wurden Ida und ihr Mann nach Gurs deportiert. Die Einrichtungsgegenstände<br />

der Familie Geismar – und vieler anderer – wurden kurz nach der Deportation in den<br />

Saal des Gasthauses „Zum Löwen“ in der Durlacher Straße gebracht und dort von Beamten<br />

der Gerichtsvollzieherei Bruchsal im Auftrag der Oberfinanzdirektion versteigert. Geismars<br />

Einrichtung brachte 1082,05 Reichsmark Erlös.<br />

Ida kam wohl am 26.1.1942 von Gurs nach Recebedou zusammen mit ihrem Mann, der<br />

drei Wochen später im dortigen Krankenhaus verstarb. Sie war dann vom 25.3.1943 bis zum<br />

22.11.1945 im Camp de Masseube. Die Alliierten befreiten das Lager bereits am 25.8.1944<br />

von den Nazis, Ida lebte aber scheinbar weiterhin dort. Sie kam dann Ende 1945 nach Lacaune<br />

bei Toulouse ins Hotel „Fusies“, das von einer jüdischen Hilfsorganisation zur Beherbergung<br />

überlebender Juden als Erholungsheim gemietet worden war. Es waren Briefe<br />

an ihre Kinder erhalten, die von Ida Geismar am 28.6.1945 und am 13.7.1945 in Masseube<br />

noch selbst geschrieben wurden. Ein Brief vom November 1945 aus Lacaune wurde diktiert,<br />

da Idas Krankheit es ihr nicht mehr erlaubte, selbst zu schreiben. Sohn Otto berichtete 1957,<br />

dass er keine Gelegenheit mehr hatte, seine Mutter nochmals wiederzusehen.<br />

Opfer befreundet war, bezeichnete die Tat im Prozess<br />

als Scherz, der Staatsanwalt als Gemeinheit, die<br />

Bruchsaler Zeitung als „riesige Dummheit“. Die Haft<br />

endete also Anfang Oktober, was passen würde zur<br />

Auswanderung Otto Geismars im Oktober 1933.<br />

Einiges dabei bleibt völlig rätselhaft und widersprüchlich:<br />

Der in den Wiedergutmachungsakten erhaltene<br />

polizeiliche Strafregisterauszug des Otto Siegfried<br />

Geismar von 1958 nennt KEINE Vorstrafen. Außerdem<br />

liegt ein Schreiben des damaligen Oberbürgermeisters<br />

Bläsi von 1949 vor, das bestätigt, dass Otto<br />

Geismar in Bruchsal einen untadeligen Ruf hatte: „Es<br />

ist der Stadtverwaltung nicht bekannt, dass Herr Otto<br />

Geismar jemals in polizeilicher Hinsicht in Erscheinung<br />

getreten ist. Nachteiliges ist über ihn nicht bekannt geworden.“<br />

Auch das hätte er nicht geschrieben, wenn<br />

Otto Geismar tatsächlich der Erpresser gewesen wäre.<br />

Fakt ist, dass das Badische Bezirksamt Bruchsal am<br />

5.10.1933 einen Pass für Otto Geismar ausstellte, dass<br />

Otto am 8.10.1933 ein Visum für Frankreich erhielt,<br />

Otto Geismar, 1933. Foto: GLA<br />

Karlsruhe 480 Nr. 13219.<br />

Selbst verfasster Lebenslauf von Otto<br />

Siegfried Geismar aus dem Jahr 1959.<br />

Foto: GLA Karlsruhe, 480 Nr. 30626/1.<br />

Biografie von Otto Geismar (1906- nach 1972)<br />

von Mubarak Naveed, Klasse 8t<br />

Otto Siegfried Geismar wurde als jüngster Sohn von Ludwig und Ida Geismar am 28. April<br />

1906 in Bruchsal geboren. Ab 1912 besuchte er die Grundschule und danach die Oberrealschule<br />

Bruchsal bis zum Einjährigen (von 1916 bis ca. 1920/21). Danach wurde Otto bis<br />

zum Jahr 1922 Lehrling bei der Malzfabrik „Hockenheimer & Hilb“ in Bruchsal. Nachdem<br />

Bruder Fritz 1920 nach Argentinien ausgewandert war, war vorgesehen, dass Otto<br />

das Geschäft des Vaters übernimmt. Daher arbeitete er von 1922 bis 1924 als Volontär bei<br />

der Eisen-Großhandlung „Fa. Gimbel und Neumond“ in Ludwigshafen. 1924 ist er ins väterliche<br />

Geschäft eingetreten und wurde dort mit allen wesentlichen Tätigkeiten vertraut<br />

gemacht: Einkauf, Verkauf, Buchhaltung, Reisen.<br />

Mehrere Artikel in der Bruchsaler Zeitung und im Führer berichten im Februar 1933 von<br />

einem Erpressungsversuch: Der jüdische Kaufmann Ernst Ludwig Münzesheimer erhielt<br />

am 7.2.1933 einen Erpresserbrief, nach dem er 300 Mark bei der Post hinterlegen solle,<br />

andernfalls drohe Mord. Der Brief war mit „Ein Nationalsozialist“ unterschrieben. Die<br />

Polizei ermittelte aber Otto Geismar als Täter, nachdem ein Bote das Geld bei der Post<br />

abgeholt hatte. Ein Schöffengericht in Karlsruhe verurteilte ihn zu 7 Monaten 15 Tagen<br />

Zuchthaus unter Anrechnung der 6 Wochen Untersuchungshaft. Geismar, der mit dem<br />

6<br />

7


und dass der Grenzübertritt bei Kehl am 20.10.1933 erfolgte. Auch das Arbeitsverbot in<br />

Frankreich ist in den im Original erhaltenen Pass eingestempelt. Übrigens liefert der Pass<br />

auch eine Personenbeschreibung: Gestalt mittel, Gesicht oval, Augenfarbe braun, Haarfarbe<br />

braun. Wie es sich mit den Gründen der Ausreise genau verhielt, wird wohl nie genau<br />

zu klären sein. Otto Geismar gab mehrfach an, dass ihm eine Verhaftung im Oktober<br />

1933 drohte, weil er Mitglied des „Reichsbanners“ war. An anderer Stelle schrieb er, dass<br />

er Bruchsal am 2. April 1933 nachts verlassen musste. Das Betrugsverfahren jedenfalls<br />

erwähnte er an keiner Stelle!<br />

Der von Otto Geismar selbst verfasste Lebenslauf ist noch insoweit zu ergänzen, als dass er<br />

um 1960 persönlich in Bruchsal war und mehrere ehemalige Geschäftspartner seines Vaters<br />

traf, die bereit waren, ihre Geschäftsbeziehungen vor dem Amt für Wiedergutmachung zu<br />

bestätigen. Inzwischen hatte Otto die französische Staatsangehörigkeit angenommen. Über<br />

eine Eheschließung ist nichts bekannt – Otto war wohl zeitlebens unverheiratet. Als das bisher<br />

letzte bekannte „Lebenszeichen“ muss gewertet werden, dass er im Wählerverzeichnis<br />

von Sevres genannt wurde – und dort am 6.11.1972 aus unbekanntem Grund gelöscht wurde:<br />

Er verstarb nicht in Sevres, aber vielleicht anderswo? Oder zog er um? Frankreich kennt<br />

keine Meldebehörden, die dies registrieren würden. Somit ist sein Todesdatum unbekannt.<br />

Biografie von Lucie de Vries geb. Geismar<br />

(1909-2000)<br />

von David Nikolic, Klasse 8v, und Florian Jung<br />

Lucie Jeanette Geismar wurde am 23.4.1909 in Bruchsal geboren. Sie besuchte seit September<br />

1918 die Höhere Mädchenschule Bruchsal (Eintritt in Klasse 7), nachdem sie zuvor auf<br />

einer Privatschule die 4. Klasse besucht hatte. Sehr erfolgreich war sie dort allerdings nicht,<br />

und trat daher zu Ostern 1923 wieder aus. Später besuchte sie eine Abend-Handelsschule<br />

in Bruchsal und war im Geschäft ihrer Eltern gelegentlich als Stenotypistin/Korrespondentin<br />

und Verkäuferin tätig. Dort konnte Lucie nach dem Geschäftsrückgang des Vaters<br />

nicht weiterarbeiten und als Jüdin in Deutschland auch keine andere Anstellung finden.<br />

Bis zu ihrer Auswanderung nach Holland am 24.5.1934 wohnte sie in ihrem Elternhaus<br />

Holzmarkt 3, Bruchsal. In Holland arbeitete sie zunächst als Dienstmädchen, da ihr eine<br />

Arbeitserlaubnis als kaufmännische Angestellte verweigert wurde.<br />

Im Februar 1936 kam ihr Verlobter, der Exportagent Lazarus Benjamin de Vries nach<br />

Bruchsal, um bei Geismars um die Hand der Tochter anzuhalten. Er war geboren am<br />

23.9.1897 in Amsterdam und hatte 1911 bis 1915 die Mittlere Handelsschule in Amsterdam<br />

besucht. Seinen Beruf „Exportagent“ hatte er hauptsächlich in der Praxis gelernt.<br />

Kurz vor der Hochzeit (10.9.1936) wurde von Geismars die <strong>komplett</strong>e Aussteuer nach<br />

Holland übersandt: Wäsche, vollständig eingerichtete Küche, ein Doppelschlafzimmer,<br />

Ess-Service, Silberbestecke usw., alles durchweg neu angeschafft – nach und nach, seitdem<br />

Lucie 12 Jahre alt war. Dazu wurde auch ihr weiß lackiertes Mädchenschlafzimmer nach<br />

Holland übersandt. Im Sommer 1937 kam Lucie mit ihrem Mann nach Bruchsal zu den<br />

Eltern, da sahen sie sich das letzte Mal. Lucie führte eine lebhafte Korrespondenz mit ihren<br />

Eltern bis zu deren Deportation im Oktober 1940 – sie schrieb fast jede Woche.<br />

Lucie und Benjamin de Vries mussten ab Mai 1942 den Judenstern tragen und wenig<br />

später in den Untergrund gehen. Die Eltern ihres Mannes, die Schwestern und Schwäger<br />

wurden alle gefasst und in Sobibor ermordet. Aus dieser Familie gelang es allein Lucie und<br />

Benjamin de Vries, versteckt zu überleben. Nach Beendigung der Verfolgung musste Lucie<br />

wegen sehr schwerer Blutarmut jahrelang Leberspritzen bekommen. Wegen des allgemeinen<br />

Schwächezustands wurde sie Anfang 1947 für sechs Wochen ins Centrale Israelitische<br />

Krankenhaus Amsterdam aufgenommen. Lucies gesundheitliche Schäden, die sie noch<br />

viele Jahre beeinträchtigten, würde man heute als posttraumatische Störungen diagnostizieren.<br />

Damals hieß es im ärztlichen Gutachten: „Es handelt sich um eine nervöse, aber<br />

gesunde, um ihre Gesundheit ängstliche Frau.“ Bei einer Untersuchung 1961 wird außerdem<br />

festgehalten, dass Lucie „164 cm groß ist, 56 kg wiegt, und einen äußerlich gesunden<br />

Eindruck macht. Kinder oder Schwangerschaften gab es keine.“ Entschädigungszahlungen<br />

wurden letztlich vom Amt für Wiedergutmachung in Karlsruhe abgelehnt.<br />

Benjamin de Vries arbeitete in den 1960ern als Exportagent in Amsterdam, wo das Paar<br />

auch bis in ein relativ hohes Alter lebte. Benjamin starb am 13.6.1992 im Alter von 95 Jahren,<br />

Lucie 91-jährig am 22.3.2000.<br />

Aus dem Antrag zur Entschädigung körperlicher<br />

Beeinträchtigungen, eingereicht beim Amt für<br />

Wiedergutmachung Karlsruhe.<br />

Foto: GLA Karlsruhe 480 Nr. 25363/1.<br />

8 9


Familie Leopold und Bertha Geismar<br />

(Eltern von Ludwig Geismar)<br />

Leopold Geismar<br />

* 20.02.1836 Breisach-Altbreisach † 15.12.1897 Bruchsal<br />

(Sohn v. Süßkind Geismar (1799-1880), Breisach, und Johanna Weil (1802-1876))<br />

1866 Bürger in Breisach; seit 04.1866 Kaufmann in Bruchsal (1897: Holzmarkt 3), Eisenwarenhandlg.<br />

verh. um 1865 (nicht in Sulzburg, 1862-1866 nicht in Breisach)<br />

Bertha (Babette) Weil * 05.04.1843 Sulzburg † 16.10.1927 Landau<br />

(Tochter v. Josua Weil (1808-?), Schutzbürger und Kaufmann, und Sarah Rieß (1810-1895))<br />

4 Kinder:<br />

1. Sigmund Geismar * 05.06.1866 Bruchsal † 13.09.1932 New York<br />

1883 Auswanderung in die USA, Waiter, Clerk in New York<br />

verh. 28.11.1889 Manhattan/NY Ida Johnson * 04.08.1865 Schweden † 19.02.1910 New York<br />

(T. v. Svend Johnson und Marie Svendsen)<br />

verh. 18.10.1911 Washington D.C. Helen Stern * ~1870 † um 1950<br />

5 Kinder:<br />

a) Florence Geismar * 03.08.1890 New York † 02.08.1984 Atlanta/GA<br />

verh. James A. Millar * 04.01.1892 Edinburgh/GB † 23.05.1979 Atlanta/GA<br />

2 Kinder: Florence E. Millar (1917-1993); James R Millar (1921-2006)<br />

b) Mathilde Geismar * 19.11.1891 Manh./NY † 1893? bzw. um 1895<br />

c) Gustave Geismar * 12.03.1893 Manh./NY † 23.06.1894 Philadelphia/PA<br />

d) Sigmund John * 11.01.1895 Pensylvania † 18.06.1977 an Bord der SS<br />

= Sydney J. Geismar Kingsholm auf dem Weg nach GB;<br />

verh. 1. Ehe: Anna Elizabeth Allen * um 1898<br />

verh. 2. Ehe: Martha Veyner * 24.12.1909 Tschechien † 18.11.1979 Suffern/NY<br />

3 Kinder (aus 1. Ehe): Margaret Edith Geismar vh. Happe (1920-2007);<br />

Jane Elizabeth Geismar (1929-1993); Mary Geismar vh. McCormick (* um 1938)<br />

1 Kind (aus 2. Ehe): Martha Suzan Geismar (* um 1944) vh. Fitzpatrick<br />

e) Leopold William Geismar * 01.10.1899 New York † 15.04.1975 Pinellas/FL<br />

verh. Margaret M. Innes * 12.07.1897 New York † 28.08.1971 Pinellas/FL<br />

2 Kinder: Leo William Geismar Jr. (1921-2005); Edward Vincent Geismar (1921-1998)<br />

2. Gustav Geismar (Geißmar) * 29.08.1867 Bruchsal † 09.01.1927 Zürich/CH<br />

1899 Kaufmann in Zürich, 1920 eingebürgert in Schweiz<br />

verh. Jenny Weil<br />

* 23.12.1862 Zürich/CH † 10.06.1940 Zürich/CH<br />

(T. v. Leopold Weil (1834-1914, Br. v. Bertha Weil (s.o.)) u. Sophie Sara Arnstein (1833-1881))<br />

1 Kind:<br />

a) Peter Geismar (Geissmar) * 17.05.1909 Zürich/CH † 19.01.1981 Bachenbülach/CH<br />

wohnte 1949 in Zürich, Wehntaler Str. 197c; wohnte seit 1957 in Bachenbülach/CH<br />

verh. 1. Ehe: Madeleine Stump * 19.04.1920 Zürich/CH † 25.08.1996 Zürich/CH<br />

verh. 2. Ehe: Elizabeth Keim * 13.11.1912 Steckborn † 30.03.1988 Bülach/CH<br />

3 Kinder (aus 1. Ehe): Alfred Herbert Geissmar (1941-1995); Eva Geissmar vh. Davi (*1942),<br />

Gabrielle Geissmar vh. Ryf (*1947)<br />

3. Ludwig (Libman) Geismar * 22.02.1869 Bruchsal † 11.02.1942 Portet sur Gne./F<br />

Kaufmann, bis 04.1936 Inhaber Eisenwarenhandlung, Holzmarkt 3, Bruchsal; 22.10.1940 Gurs<br />

verh. 15.05.1900 Neckarsteinach<br />

Ida Ledermann<br />

* 21.09.1874 Neckarstein. † 18.12.1945 Lacaune-Les-Bains/F<br />

(T. v. Max Ledermann (1842-1911), Kaufmann in Neckarsteinach u. Jeanette Simon, (1844-1888))<br />

22.10.1940 nach Gurs, 26.01.1942 nach Recebedou, interniert 03.1943-11.1945 in Maseubes<br />

5 Kinder:<br />

a) Friedrich Leopold Geismar * 15.02.1901 Bruchsal † 22.06.1950 Buenos Aires<br />

1920 Auswanderung nach Buenos Aires, Argentinien, 1932 zuletzt zu Besuch in Bruchsal<br />

vh. 25.02.1943 Manuela Norberta Valdez * 06.06.1903 Cap Fec/Arg. † nach 1963<br />

1963 in Buenos Aires wohnhaft<br />

b) Ernst Josef Geismar * 07.07.1902 Bruchsal † 11.03.1903 Bruchsal<br />

c) Eugen Geismar * 20.12.1904 Bruchsal † 22.07.1933 Bruchsal<br />

Kaufmann in Bruchsal, in der Wohnung der Eltern an Sepsis verstorben, unverheiratet<br />

d) Otto Siegfried Geismar * 28.04.1906 Bruchsal † nach 1972<br />

Einjähriges an Oberrealschule Bruchsal, 1924-1933 Kaufmann im väterl. Geschäft, 10.1933<br />

Flucht nach Straßburg, 1936-1945 sowie 1950-1956 Fremdenlegion Indochina, 1946-1949<br />

Casablanca, seit 1956 bei Citroen in Paris, wohnte 1960/72 in Sevres bei Paris, unverheiratet<br />

e) Lucie Jeanette Geismar * 23.04.1909 Bruchsal † 22.03.2000 Amsterdam<br />

bis 1923 Höhere Mädchenschule Bruchsal, 1927-1934 im väterl. Geschäft, 05.1934 nach Holland,<br />

Dienstmädchen, 09.1942-05.1945 versteckt in Holland, wohnte 1963 in Amsterdam, kinderlos<br />

vh. 10.09.1936 Lazarus Benjamin de Vries * 23.09.1897 Amsterdam † 13.06.1992 Amst.<br />

(S. v. Wolf Benjamin Lazarus de Vries (1864-1943) und Rebecca Mozes (1874-1943))<br />

09.1942-05.1945 versteckt, Patentinhaber, 1965 Export-Agent, wohnhaft in Amsterdam<br />

4. Mathilde Geismar * 12.01.1871 Bruchsal † 25.05.1942 Gurs<br />

Kaffee- und Teehändlerin in Landau, 11.1939 von Landau nach Mannheim (Jüd. Altersheim)<br />

verzogen, 22.10.1940 Gurs<br />

vh. 17.05.1899 Bruchsal Gustav Lehmann * 23.01.1859 Böchingen † 10.06.1922 Landau<br />

(S. v. Samuel Lehmann, Weinhändler, und Barbara Kaufmann, 1. Ehe Sofie Rothschild, geschieden)<br />

Weinkommissionär in Landau, wahrscheinlich keine Kinder – jedenfalls keine, die WK II überlebten.<br />

Von links: Gustav Geismar (1867-1927), Florence Millar geb. Geismar (1890-1984), Sydney J. Geismar<br />

(1895-1977), Leopold William Geismar (1899-1975). Foto 1: Eva Davi, Foto 2-4: Anita Geismar.<br />

10 11


Biografien von Else Mayer (1883-1940)<br />

und Selma Mayer (1887-1942)<br />

von Dominik Stritt, Klasse 8u<br />

Die Geschwister Mayer wurden in<br />

Bruchsal geboren: Else Mayer wurde am<br />

21.11.1883 geboren als das älteste Kind<br />

von Maier Mayer und Jeanette Mayer<br />

geb. Herz. Die Familie hatte noch ein<br />

Mädchen und einen Jungen. Else Mayer<br />

wuchs mit ihrer Schwester Selma Mayer,<br />

geboren am 9.11.1887, und ihrem Bruder<br />

Ludwig Mayer, geboren am 7.5.1890, auf. Friedrichstraße 40, vom Kaufhaus Knopf Richtung<br />

Ludwig starb jedoch schon am 16.8.1896 Friedrichsplatz gesehen. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.<br />

im Alter von sechs Jahren und ist auf dem jüdischen Friedhof in Bruchsal bestattet.<br />

Grabstein von Marie und Jeanette Mayer auf<br />

dem Jüdischen Friedhof Bruchsal. Foto: F. Jung.<br />

Der Vater Maier Mayer war der Sohn von Hauptlehrer Leopold Mayer und Rosa Weil. Leopold<br />

war ab 1842 Hauptlehrer in Nonnenweier, Rosa gebar 16 Kinder zwischen 1844 und<br />

1865. Beide starben in Bruchsal 1894 und 1892 und waren in ihren letzten Jahren auch<br />

hier wohnhaft, wahrscheinlich beim Schwiegersohn<br />

Max Flehinger. Maier Mayer war<br />

zum Zeitpunkt seiner Hochzeit 1883 schon<br />

Kaufmann in Bruchsal, ebenso sein Bruder<br />

Emil Mayer, der ab 1883 ein Wäschegeschäft<br />

in Würzburg betrieb. Das Weißwaren- und<br />

Ausstattungsgeschäft von Maier Mayer lag zunächst<br />

in der Friedrichstraße 19 in Bruchsal.<br />

Am 23.5.1889 konnte er das Haus Friedrichstraße<br />

40 von Heinrich Katz erwerben und<br />

Wohnung und Geschäft dorthin verlegen. Das<br />

Haus wurde um 1830 erbaut.<br />

Sicher hatte Maier Mayer engen Kontakt zu<br />

seiner Schwester Emilie Flehinger geb. Mayer,<br />

die 1881 den Hauptlehrer Max Flehinger in<br />

Bruchsal heiratete. Flehinger war 1883 Trauzeuge<br />

bei Maier Mayer, außerdem war Flehinger<br />

Religionslehrer und wohnte 1904 in der<br />

Friedrichstraße 76, neben der Synagoge, und<br />

hatte acht Kinder, zwischen 1882 und 1896 geboren.<br />

Diese waren sicher eng vertraut mit den<br />

Cousinen Else und Selma Mayer.<br />

Werbung von Else Mayer im Adressbuch<br />

Bruchsal 1931-32. Foto: Florian Jung.<br />

Maier Mayer starb 1916 und seine Witwe Jeanette<br />

geb. Herz, aus Kochendorf bei Heilbronn stammend,<br />

wurde Inhaberin des Wäschegeschäfts.<br />

Wahrscheinlich wurde es hauptsächlich von Tochter<br />

Else Mayer geführt, die es nach dem Tod der<br />

Mutter 1925 auch weiterführte. Während die beiden<br />

allerdings 1925 noch alleine im Haus wohnten,<br />

wurde das Geschäft um 1926 ins Obergeschoss verlegt,<br />

und der Laden im Erdgeschoss wurde an die<br />

„Bayerische Schokoladenhaus GmbH“ vermietet.<br />

Selma Mayer verzog am 8.8.1914 nach München,<br />

Bavariaring 24, wo sie im Haushalt ihres Onkels<br />

Isaak Mayer arbeitete. Mit zur Familie gehörte Isaaks Frau Isabella, der Schwiegervater Jakob<br />

Kubitschek und Selmas Cousin Eugen Mayer, damals gerade 18 Jahre alt. Nach der<br />

Verheiratung des Cousins 1928 und dem Tod des Onkels 1930 zog sie zusammen mit der<br />

Tante Isabella im Juli 1934 in die Hermann-Lingg-Straße 16 in München. Nach dem Tod<br />

der Tante im Juli 1937 blieb Selma noch bis 19.2.1938 in München, wahrscheinlich bei ihrem<br />

Cousin Eugen, dann zog sie zurück zu ihrer Schwester Else nach Bruchsal.<br />

Etwa in dieser Zeit musste Else ihr Etagengeschäft schließen, sodass Else und Selma nur<br />

noch die Mieteinnahmen des Ladens zustanden. Davon mussten die beiden unverheirateten<br />

Schwestern leben. Der Besitzer des Schokoladengeschäfts, der Kaufmann Walter Bremer<br />

in Würzburg, hatte den Laden vor seinem Einzug gründlich renovieren lassen, da „den<br />

Vermietern angeblich die flüssigen Mittel fehlten. Der Betrag ist als Hypothek sicher gestellt<br />

und das Vorkaufsrecht für das Haus eingetragen“, so Bremer am 5.12.1938. Im Gutachten des<br />

Architekten Löffler wird bestätigt, dass das zweigeschossige Gebäude „in ziemlich verwohntem,<br />

wenn auch nicht gerade verwahrlosten Zustande“ sei. Mit Kaufvertrag vom 31.1.1939<br />

ging das Haus an Bremer über, wobei er den Schwestern im Kaufvertrag schriftlich zusicherte,<br />

dass sie im Haus für 40 Reichsmark monatlich zur Miete wohnen bleiben können,<br />

bis sie aus Bruchsal wegziehen – auch, wenn eine der beiden Schwestern versterben sollte.<br />

Noch im April 1940 lebten die beiden Schwestern dort.<br />

Am 4.4.1940 starb Else Mayer an Gebärmutterkrebs<br />

im Jüdischen Krankenhaus Mannheim und wurde auf<br />

dem dortigen Jüdischen Friedhof bestattet.<br />

Selma Mayer musste zwischen April und Oktober<br />

1940 ins Haus der Familie Nathan in die Schillerstraße<br />

17 umziehen (Vgl. S. 24f.). Sie wurde von dort am<br />

22.10.1940 mit der Familie Nathan und dem Ehepaar<br />

David und Sofie Kaufmann nach Gurs deportiert. Selma<br />

kam am 10.8.1942 über das Sammellager Drancy<br />

nach Ausschwitz, wo sie zu einem unbekannten Zeitpunkt<br />

ermordet wurde.<br />

Grabstein von Else Mayer. Foto: privat.<br />

12 13


Familie Leopold Mayer<br />

(Großeltern von Else und Selma Mayer)<br />

Leopold Mayer<br />

* 18.06.1813 Wiesloch † 27.02.1894 Bruchsal<br />

(S. v. Veist/Faist Mayer (1773-1846), Händler in Wiesloch, u. Esther Isaak/Liebmann (1773-1855 Bruchsal))<br />

Im Okt. 1842 als Schulkandidat auf die „mit dem Vorsängerdienst vereinigte Lehrstelle an der neuerrichteten<br />

öffentlichen Schule bei der israelitischen Gemeinde Nonnenweier“ berufen. Umzug um 1890<br />

nach Bruchsal (erste Spur nach Bruchsal: 1846 heiratete seine Schwester Rosina Mayer den Gastwirt<br />

Gerson Grün in Bruchsal)<br />

verh. 08.11.1842 Nonnenweier<br />

Rosina Weil<br />

*~ 01.1821 Eichstetten † 13.02.1892 Bruchsal<br />

(Tochter von Josef Weil, Vorsänger in Eichstetten, und Paula geb. Bloch bzw. Blum geb. Weil)<br />

16 Kinder (geboren 1844-1867), darunter:<br />

6) Maier Mayer * 23.12.1851 Nonnenweier † 20.02.1916 Bruchsal<br />

Kaufmann (Wäschegeschäft) in Bruchsal, Friedrichstr. 40<br />

vh. 09.01.1883 Br. Jeanette Herz * 19.08.1859 Kochendorf bei HN † 13.06.1925 Bruchsal<br />

(T. v. Lazarus Herz (1809-1881) Kaufmann, und Karoline Neumann (1822-1913), in Heilbronn)<br />

3 Kinder:<br />

a) Else Mayer * 21.11.1883 Bruchsal † 04.04.1940 Mannh., Krankenhaus<br />

Kauffrau (Wäschegeschäft) in Bruchsal, Friedrichstr. 40<br />

b) Selma Mayer * 09.11.1887 Bruchsal † 10.08.1942 Auschwitz<br />

1914-1938 Hausangestellte bei Onkel Isaak bzw. Cousin Dr. Eugen Mayer in München, 1940 Gurs<br />

c) Ludwig (August Ludwig) Mayer * 07.05.1890 Bruchsal † 16.08.1896 Bruchsal<br />

8) Isaak Mayer * 04.05.1854 Nonnenweier † 26.07.1930 München<br />

schon um 1890 Kaufmann in München<br />

verh. 1. Ehe ~ 08.1891 München Fanny Kubitschek<br />

* 03.09.1872 Thomasville/GA/USA † 30.06.1892 Nördlingen zus. mit einem totgeborenen Kind<br />

verh. 2. Ehe 20.11.1894 München Isabella Kubitschek<br />

* 27.12.1874 Thomasville/GA/USA † 05.07.1937 München (Schwester von Fanny K.)<br />

1 Kind:<br />

a) Dr. med. Eugen Leopold Mayer * 04.03.1896 München † 25.01.1974 Nassau/NY/USA<br />

Chirurg im Jüdischen Hospital München, 12.1939 in USA, lebte in New Hide Park/NY/USA<br />

vh. 1928 Dr. phil. Gertrude Hirsch * 31.07.1902 Coburg † 06.08.1996 Brooklyn Park/USA<br />

1926 Promotion in Straßburg, seit 1932 jüd. Frauenschule Wolfratshausen, 1939 in USA<br />

2 Kinder: Rosemarie Mayer (1930-1940), Autounfall in New York; Dr. Robert J. Mayer (*1943), MD,<br />

Direktor der Gastrointestinal Onkologie-Zentrums in Boston/MA/USA<br />

9) Immanuel (Emanuel, Emil) Mayer * 17.09.1855 Nonnenweier † 09.05.1936 München<br />

Kaufmann, Versicherungsagent, ab 1883 Wäschegeschäft in Würzburg, ab 1890 Versicherungsagent<br />

und 1920er Immobilienagent, 1928 Umzug nach München zu Sohn Arthur<br />

vh. 1885 Heidingsfeld Rosa Schwabacher * 29.11.1861 Heidingsfeld † 31.08.1941 München<br />

3 Kinder (gekürzt)<br />

10) Emilie Mayer * 22.06.1857 Nonnenweier † 27.02.1929 München<br />

vh. 12.07.1881 Bruchsal Max Flehinger * 04.10.1850 Flehingen † 18.07.1910 Bruchsal<br />

1881 Religionslehrer in Konstanz, seit 1882 Religionslehrer in Bruchsal<br />

8 Kinder:<br />

a) Flora Flehinger * 04.04.1882 Bruchsal † 09.04.1954 New York<br />

vh. 25.04.1906 Bruchsal Moses Vogel *08.04.1873 Freudental † 13.07.1921<br />

Bankbeamter in Frankfurt/M.<br />

2 Kinder: Erna Vogel (1907-1991) vh. Hermann Haffner; Gertrude Vogel vh. Herbert Lehman<br />

b) Paula Flehinger *03.05.1883 Bruchsal † 06.06.1892 Bruchsal<br />

c) Dr. Arthur Flehinger * 13.06.1884 Bruchsal † 1961 Bradford GB<br />

1910 Lehramtspraktikant in Baden-Baden, Mannheim, 1927 Baden-Baden, 1938 Dachau, dann GB<br />

verh. 1. Ehe Anna Lipsky * 15.03.1894 Baden-Baden † 01.06.1946 Bradford/GB<br />

verh. 2. Ehe Ingeborg „Inge“ Margarete Bergfeld * 09.10.1918 † 02.03.1994 Bradford/GB<br />

2 Kinder (1. Ehe): Gerhard Flehinger (=Gerald Fleming, 1921-2006, anerkannter Historiker zur<br />

Holocaustforschung in GB); Walter Flehinger (Fleming)<br />

d) Jenny Flehinger * 20.07.1885 Bruchsal † 19.05.1888 Bruchsal<br />

e) Martha Flehinger * 30.07.1887 Bruchsal † 1957 New York, 10.1939 in USA<br />

vh. 30.08.1910 Karlsruhe Carl Leiter * 08.11.1879 Bopfingen † 05.06.1937 München<br />

seit 1910 in München wohnhaft, Kaufhausbesitzer mit bis zu 11 Angestellten<br />

3 Kinder: Helene Leiter (1911-2002) vh. Claus Hilzheimer (= Prof. Claude Hill);<br />

Max „Steven“ Leiter (1914-1979); Alice Leiter (1918-2006) vh. Milton Goldsmith<br />

f) Friedrich „Fritz, Fred“ Flehinger * 09.11.1889 Bruchsal † 17.10.1979 Los Angeles/USA<br />

1916 in München, 1935 in Essen, 1940 in Los Angeles<br />

vh. Edith Mathilde Adler * 06.02.1900 Rottweil † 02.09.1995 Los Angeles/USA<br />

1 Kind: Max Robert Flehinger (* um 1932 Essen)<br />

g) (Knabe) Flehinger *† 24.03.1895 Bruchsal<br />

h) Dr. med. Benno Flehinger * 28.11.1896 Bruchsal † 06.12.1956 New York<br />

1916 Student in München, 1939 Arzt, 02.1939 über GB in USA, 1944 in New York, Kinder?<br />

11) Fanny Mayer * 11.01.1859 Nonnenweier<br />

vh. 01.05.1885 Bruchsal Samuel Günzburger *05.03.1858 Schmieheim<br />

1885 Kaufmann, Kinder?<br />

13) Dr. med. Joseph Mayer * 02.09.1862 Nonnenweier † 07.09.1939 Freiburg<br />

1894 Arzt in Colmar<br />

vh. 26.11.1894 Mannheim Elise Hirsch * 16.02.1875 Mannheim † 11.09.1954<br />

(T.v. Jakob Hirsch jr., Kaufmann in Mannheim, und Justine geb. Grün (*1847 Bruchsal als Tochter<br />

von Gerson Grün u. Rosina Mayer (Schwester von Leopold Mayer (1813-1894), s. oben!)), Kinder?<br />

15) Hannchen „Hanna“ Mayer * 30.10.1865 Nonnenweier † 12.10.1938 Baltimore/USA<br />

vh. 18.06.1890 Bruchsal Max Eichberg * 20.07.1865 Laudenbach † 21.11.1934 Baltimore<br />

1890 Lehrer in Heilbronn-Sontheim, 1900 in USA ausgewandert, 1910 Buchhalter in Baltimore<br />

2 Kinder:<br />

a) Leo Eichberg * 30.04.1894 Deutschland † 12.1980 Miami/FL/USA<br />

1900 in USA emigriert, 1910 „clerk“ in Baltimore, Kinder?<br />

b) Moritz (Morris, Maurice) Eichberg * um 1900 Deutschland † 1946 Baltimore/USA<br />

1900 in USA emigriert, 1910 in Baltimore, vh. Bertha ... * um 1904 † 1963 Baltimore/USA - 1 Sohn<br />

14 15


Biografie von Ludwig Baertig (1884-1954)<br />

von Mia Smale, Klasse 8t<br />

Ludwig Baertig wurde am 27.3.1884 in Herrieden bei Feuchtwangen geboren. Sein Vater<br />

hieß Wolfgang Baertig und kam aus Schopfloch. Seine Mutter Theresia geb. Siegel wurde<br />

in Mingolsheim geboren. Außerdem hatte er drei Brüder namens Hermann, Siegfried und<br />

Max und eine Schwester Namens Klara. Zwischen 1888 und 1894 zog die Familie nach<br />

Bruchsal in die Kaiserstraße 24. Ludwigs Vater war ab 1904 bei der Freiwilligen Feuerwehr<br />

in Bruchsal. Das Geschäft in zentraler Lage lief wohl gut, weshalb Ludwig eine Ausbildung<br />

in Frankfurt machen konnte. Doch da der Vater 1915 schon früh starb, übernahm Ludwig<br />

das Manufaktur- und Tuchgeschäft vom Vater. Der älteste Bruder Hermann zog noch<br />

vor dem ersten Weltkrieg<br />

nach Amerika und Siegfried<br />

fiel sechs Tage nach<br />

dem Tod seines Vaters<br />

in Frankreich. So blieben<br />

nur noch Ludwig<br />

und sein jüngster Bruder<br />

Max, welcher mit ihm<br />

das Geschäft führte. Jedoch<br />

war Ludwig der<br />

Geschäftsinhaber. Dies<br />

beweist die Telefonnummer<br />

124, später 2124,<br />

welche unter seinem Namen<br />

angemeldet waren.<br />

1927 trat auch Ludwig<br />

der Feuerwehr bei.<br />

In dem großen Familienhaus<br />

der Baertigs<br />

lebten Ludwigs verwitwete<br />

Mutter Theresia<br />

bis 1937, anfangs auch<br />

seine Großmutter Elise<br />

Siegel, welche von Mingolsheim<br />

kam und am<br />

13.5.1921 im Alter von<br />

93 Jahren im Haus starb.<br />

Außerdem wohnte noch<br />

seine Schwester Klara im<br />

Werbung von Ludwig Baertig. Foto: „Bruchsaler Wochenblatt“, Jg. 1910.<br />

Haus. Diese starb allerdings am 4.8.1921 mit 43<br />

Jahren. Klara lebte anscheinend schon länger in<br />

der Kaiserstraße, da ihre Tochter Erna Wälder,<br />

geboren in Worms, 1915 bis 1921 die Höhere<br />

Mädchenschule in Bruchsal besuchte. Erna<br />

wohnte noch bis zu ihrer Hochzeit 1928 bei ihrer<br />

Großmutter und ihren Onkeln Ludwig und<br />

Max, welche später ihre Trauzeugen wurden.<br />

Rätselhaft bleibt jedoch, warum Ludwig kurz,<br />

vom 6.1.1924 bis zum 22.1.1924, in Mannheim<br />

gemeldet war.<br />

Ab dem 13.2.1930 war Ludwig mit Recha Thekla<br />

Schlessinger aus Flehingen verheiratet. 1932<br />

bekamen sie eine Tochter namens Beate, welche<br />

in Karlsruhe geboren wurde. 1937 zogen Recha und Beate allerdings zurück nach Flehingen<br />

und am 2.11.1939 haben sie sich scheiden lassen.<br />

Auch die restliche Familie verschwand aus Bruchsal – Ludwigs Mutter Theresia starb am<br />

26.8.1937 im Alter von 81 Jahren, Bruder Max mit Familie flüchtete wohl im Februar/<br />

März 1939 nach Frankreich. Bei der Volkszählung im April 1939 war Siegfried der letzte<br />

der Familie, der in Bruchsal lebte. Am 26.9.1939 zog er nach Mannheim zu seiner Nichte<br />

Erna, die mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen 1942 ermordet wurde.<br />

Bereits am 19.12.1938 wurde Ludwigs Haus zwangsversteigert. Konditormeister Karl<br />

Baumann kaufte es für 20000 Mark, obwohl es laut Aussagen Ludwigs 48000 Mark wert<br />

gewesen wäre. 1948 behauptete Baumann hingegen, dass das Haus stark verschuldet und<br />

stark renovierungsbedürftig war. Am 1.3.1945 wurde es <strong>komplett</strong> zerstört. Danach kam<br />

die Mohren-Apotheke hinein.<br />

Am 11.11.1939 wurde Ludwig in das Konzentrationslager Dachau deportiert. Als er am<br />

5.12.1939 nach Hause kam, sah er laut Aussagen einer<br />

Nachbarin sehr schwach und elend aus. Er selbst versicherte<br />

immer wieder, dass er sich sein Herzleiden in dieser<br />

Zeit im Konzentrationslager zugezogen hatte.<br />

Vom 24.1.1940 bis 5.2.1940 fuhr er von Rotterdam nach<br />

Amerika. Er kam bei seinem Cousin S. May in Chicago<br />

unter, jedoch hatte er nur noch 10 Dollar in der Tasche.<br />

Zu diesem Zeitpunkt wurde er mit „5 feet 7 inches“ und<br />

grauen Haaren beschrieben. Vom 1.1.1945 bis 1.1.1954<br />

arbeitete er als Angestellter im „Standard Club of Chicago“<br />

als Nachtwächter, Timekeeper und dann im Büro.<br />

Hierbei belief sich sein Einkommen auf 220 Dollar. Er<br />

wohnte in Chicago in der 5111 University Avenue, 1940<br />

bis 1942 im Hyde Park Boulevard 1162, dann in der 4647<br />

16 17<br />

Ludwig Baertig in den USA. Foto: privat.<br />

Todesanzeige von Ludwig Baertig<br />

aus den USA. Foto: Aufbau.


Hochzeitsanzeige von Cornelia „Nelli“ und Ludwig<br />

Baertig, USA. Foto: Aufbau.<br />

Greenwood Ave. Sein letzter Wohnsitz war 817<br />

W Lakeside Place, Apt. 502, Chicago.<br />

Am 27.3.1943 heiratet er „Fräulein“ Cornelia<br />

(Nelli) Jacob in Chicago. Cornelia hatte blaugraue<br />

Augen, braune Haare, war „5 feet 1 inch“<br />

groß und wog „112 Pounds“. Am 8.2.1940 wanderte<br />

sie von St. Nazaire kommend in New York<br />

Biografie von Recha Baertig geb. Schlessinger<br />

(1894-1942)<br />

von Lina Kölbach, Klasse 8t<br />

Cornelia Jacob, Ludwig Baertigs zweite Ehefrau<br />

in den USA. Foto: privat.<br />

ein. Cornelia wurde am 23.8.1891 in Kaiserslautern geboren. Sie hatte allerdings Verwandte<br />

in Saargemünd, der Stadt, aus der Ludwigs Schwägerin Wilhelmine kam. Später gab<br />

Cornelia an, dass sie Ludwig schon seit etwa 1920 kannte. Im Juli 1951 und im August<br />

1954 besuchten sie gemeinsam Europa. Wahrscheinlich waren sie auch wieder in Karlsruhe.<br />

1939 gab es die ersten Anzeichen von einem Herzleiden bei Ludwig, doch er wurde erst<br />

1950 ärztlich behandelt. Ein Nachbar erzählte, wie Ludwig 1941 bis 1943 bei ihm zur Untermiete<br />

wohnte und kaum mehr Kraft hatte. Das Treppensteigen ermüdete ihn sehr, er<br />

rang oft nach Luft und klagte über Herzschmerzen. Er blieb am Wochenende zuhause und<br />

war teilweise bettlägerig, doch er musste arbeiten, um sich zu ernähren. Am 3.11.1954<br />

starb er dann mit 71 Jahren an einem Herzinfarkt in Chicago. Seine zweite Frau Cornelia<br />

und einzige Erbin starb am 11.6.1957 in Chicago.<br />

Recha Thekla Baertig geb. Schlessinger wurde am 11.10.1894 um 10 Uhr vormittags in Flehingen<br />

geboren. Ihre Eltern waren das jüdische Ehepaar Moses Schlessinger (†1935) und<br />

Bertha Schlessinger geb. Bierig (†1929). Moses war Metzger und Viehhändler in Flehingen.<br />

Recha hatte fünf Geschwister: Karolina (1886-1942, verh. Weiler), Leo (1888-1942),<br />

Samuel (1891-1985), Friedrich (1892-1985) und Eda (1896-1941, verh. Barth). Von Rechas<br />

Kindheit und Jugend wissen wir nichts. Recha lebte in Flehingen bei ihren Eltern, bis<br />

sie sich am 13.2.1930 in Flehingen verheiratete mit Ludwig Baertig. Ludwig war von Beruf<br />

Kaufmann und sie lebten in Bruchsal. Recha arbeitete als Hausfrau und hatte eine Tochter:<br />

Beate Baertig, geboren 1932 in Karlsruhe. Recha und Ludwig trennten sich und Recha zog<br />

mit Beate im Februar 1937 aus. Die Ehe wurde am 2.11.1939 geschieden. Recha wohnte<br />

seit der Trennung im Elternhaus in Flehingen, das seit dem Tod des Vaters 1935 wohl leer<br />

stand. Recha hatte engen Kontakt zu ihren Geschwistern und Schlessinger-Verwandten.<br />

Ihre Tochter Beate war anfangs bei ihr und zog um 1939 zu ihrer Schwester Eda Barth<br />

nach Ulm. Als Rechas Bruder Friedrich<br />

Schlessinger im Juni 1939 zu acht Monaten<br />

Haft verurteilt wurde, weil er versucht<br />

hatte, sein Geld ins Ausland zu bringen, besuchte<br />

ihn Recha schon am vierten Hafttag<br />

in Rottenburg am Neckar und weitere drei<br />

Mal. Sie gab an, seine Auswanderung voranbringen<br />

zu wollen, was ihm dann auch<br />

im Februar 1940 gelang.<br />

Im Oktober 1940 wurde Recha zusammen<br />

mit ihrem Cousin Robert Schlessinger und<br />

dessen Frau Fanny von Flehingen aus ins<br />

Lager Gurs in Südfrankreich deportiert. Sie<br />

hatten nur 20 Minuten Zeit zum Packen.<br />

Augenzeugen berichteten, dass Recha laut<br />

nach Beate rief und verzweifelt darum bat,<br />

zu ihr gelassen zu werden. In Gurs hatte sie<br />

den Schlafplatz über die ganze Zeit neben<br />

Fanny Schlessinger, der Frau ihres Cousins.<br />

Rechas Bruder Friedrich bemühte sich von<br />

den USA aus unermüdlich, aber vergeblich,<br />

Recha und Beate zu retten. Auch Bruder<br />

Leo Schlessinger, der in der Gegend um<br />

Gurs in einem Hotel interniert war, wollte<br />

Recha aus Gurs holen, da es in seinem Hotel<br />

in Aulus-les-Bains bessere Lebensbedingungen<br />

gab. Er schrieb mehrere Briefe an<br />

den Kommandanten und den Präfekten.<br />

Auch das scheiterte. Recha Baertig wurde<br />

am 6.8.1942 von Gurs ins Durchgangslager<br />

Drancy gebracht und am 10.8.1942<br />

von dort nach Auschwitz deportiert. Dort<br />

wurde sie gleich nach ihrer Ankunft am<br />

12.8.1942 ermordet.<br />

Von links: Friedrich, Edda und Recha Schlessinger,<br />

1918. Foto: Bea Ross, Newport, Rhode Island, USA.<br />

Häuser der Familien Schlessinger und Ettlinger in<br />

Flehingen, heute Samuel-Friedrich-Sauter-Str. 5<br />

und 7. Foto: Brigitte Kugler, Flehingen.<br />

18 19


Biografie von Beate Baertig (1932-1941)<br />

Beate wurde am 15.3.1932 in Karlsruhe als<br />

einziges Kind von Recha und Ludwig Baertig<br />

geboren. Sie lebte bis kurz vor ihrem<br />

5. Geburtstag in Bruchsal. Dann trennten<br />

sich die Eltern und Beate zog im Februar<br />

1937 zusammen mit ihrer Mutter in deren<br />

Geburtsort Flehingen. Warum Beate dort<br />

nicht blieb, wissen wir nicht. Da viele andere<br />

Juden aus Flehingen auswanderten,<br />

gab es dort keine anderen jüdischen Kinder<br />

mehr und auch keine jüdische Schule. Da<br />

Beate die „normale“ Schule nicht besuchen<br />

durfte, ging sie vielleicht deswegen nach<br />

Ulm zu ihrer Tante Eda Barth geb. Schlessinger.<br />

Es muss wohl im Jahr 1939 gewesen<br />

sein, dass Beate nach Ulm zog. Dort gab es<br />

auch die Cousine Suse (1928-1941). Die<br />

Cousine Lotte Barth (1920-1992) war im<br />

November 1938 in die USA ausgewandert,<br />

von Lina Kölbach, Klasse 8t<br />

vielleicht war deswegen „ein Bett frei“. Die Jüdische Volksschule in Ulm wurde allerdings<br />

auch 1939 geschlossen, sodass Suse von 1939 bis Herbst 1941 die Jüdische Schule in Stuttgart<br />

besuchte und bei Bekannten lebte. Nur am Wochenende war sie bei den Eltern in<br />

Ulm. Ob Beate dabei war oder die ganze Zeit über in Ulm lebte, wissen wir nicht. Familie<br />

Barth wohnte etwa seit Sommer 1939 in<br />

dem „Judenhaus“ Neutorstr. 15 in Ulm. Von<br />

dort wurden Heinrich Barth (54 Jahre), Eda<br />

Barth (46 Jahre), Suse Barth (13 Jahre) und<br />

Beate Baertig (9 Jahre) am 28.11.1941 nach<br />

Stuttgart deportiert. Am 1.12.1941 wurde<br />

die Familie in einem Sammeltransport<br />

von Stuttgart-Killesberg aus zusammen mit<br />

über 1000 anderen württembergischen Juden<br />

ins KZ Riga-Jungfernhof gebracht und<br />

dort ermordet.<br />

Dass sich diese Deportation sogar bis zu<br />

Beates Mutter Recha Baertig im Camp de<br />

Gurs herumgesprochen hatte, wissen wir<br />

aus einem Brief von Rechas Verwandter<br />

Beate Baertig 1935. Foto: Bea Ross.<br />

Links Beate Baertig, rechts Cousine Suze Barth.<br />

Foto: Bea Ross.<br />

Fanny Schlessinger. Sie schrieb am 27.1.1942 an ihren Sohn in Kanada: „Recha ist immer<br />

noch bei mir u. denke dir Eda mit Mann u. Beate kamen nach Polen. u. tut mir Recha sehr<br />

leid daß ihr Kind nicht bei sich hat aber leider ist nichts zu ändern u. kannst es an Vetter<br />

Samuel [Rechas Bruder] berichten er soll mal an Recha schreiben u. solche wäre auch um<br />

eine Gabe sehr dankbar.“<br />

Quellenhinweise:<br />

http://stolpersteine-fuer-ulm.de/familie/familie-h-barth/<br />

Zahlreiche Informationen verdanken wir Wolfgang Schönfeld, Autor des Buches<br />

„Geschichte der jüdischen Familie Schlessinger aus Flehingen“, Eppingen 2017.<br />

Biografie von Max Baertig (1887-1942)<br />

von Ellen Lumpp, Klasse 8t<br />

Max Baertig wurde am 19.2.1887 in Herrieden,<br />

Kreis Ansbach in Bayern geboren. Aufgewachsen<br />

ist er mit seinen vier Geschwistern in dem<br />

seit ca. 1888/1894 von seiner Familie bewohntem<br />

Haus Kaiserstraße 24 in Bruchsal. Sein Vater<br />

Wolfgang Baertig und seine Mutter Theresia<br />

Baertig geb. Siegel lebten ebenfalls in dem Haus,<br />

auch zeitweise seine Oma Elise Siegel geb. Mai.<br />

Zusammen mit seinem Bruder Ludwig besaß<br />

Max ein Textilgeschäft in Bruchsal. Beide waren<br />

wie ihr Vater Kaufmann. Im August 1915<br />

musste Max in einem Landsturm-Bataillon in<br />

den 1. Weltkrieg ziehen. Sein Bruder Ludwig<br />

war von 1914 an Soldat. Der Bruder Siegfried,<br />

der zu Kriegsbeginn als Freiwilliger eingerückt<br />

war, starb im Mai 1915 an der Front.<br />

Max heiratete um 1920 Wilhelmine Mayer, genannt<br />

Minna, aus Saargemünd. Die gemeinsame<br />

Tochter Hannelore Baertig kam am 12.3.1922 in Bruchsal zu Welt.<br />

Während einer Sonderaktion des Kriminalpolizeistellenbezirks Karlsruhe vom 13.6.1938<br />

bis 18.6.1938 wurde Max Baertig mit 123 anderen (40 Juden und 84 „asoziale Personen“)<br />

festgenommen. Die oft rein willkürliche Auswahl der Personen diente dazu, die missliebigen<br />

Personenkreise zu verunsichern. Auf der Haftkarte von Max Baertig wird lediglich<br />

erwähnt: „Eine Vorstrafe wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses – drei Monate Gefängnis“.<br />

Am 11.7.1938 wird er nach Dachau eingeliefert. In das Konzentrationslager in Buchenwald<br />

kommt er am 24.9.1938. Dort muss er als A.Z.R.J. (Arbeitszwang Reich, Jude)<br />

20 21<br />

Bildmitte Haus Kaiserstraße 24, Bruchsal, um<br />

1920. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.


wahrscheinlich besonders hart arbeiten. Entlassen wurde er am 8.2.1939. Bald danach<br />

flüchtete er wohl mit Frau und Tochter nach Frankreich. In seinem Wohnort Blois wurde<br />

Max am 13.7.1942 verhaftet und ins Camp Pithivers deportiert. Am 14.7.1942 wurde<br />

ihm die deutsche Staatsbürgerschaft aberkannt. Nach Auschwitz wurde er am 17.7.1942<br />

gebracht. Seine Gefangenennummer lautete: 49003. Er verstarb im Konzentrationslager<br />

Auschwitz am 18.8.1942 um 7.25 Uhr in der Kasernenstraße. Die Todesursache war laut<br />

KZ-Arzt Kachexie bei Darmkatarrh.<br />

klar, ob die drei direkt nach Blois gegangen sind. Blois wurde im Juni 1940 von deutschen<br />

Truppen erobert und so kamen die Baertigs vermutlich wieder ins Visier der Nationalsozialisten.<br />

Als Wilhelmine am 13.7.1942 verhaftet wurde, war sie in ihrer Wohnung in Blois<br />

in der Rue du Mail 12. Zunächst war sie in Vendome interniert, dann wurde sie zum Lager<br />

Pithiviers überstellt. Doch schon wenige Tage später, am 17.7.1942, wurde sie zusammen<br />

mit ihrem Mann in Richtung Auschwitz deportiert. Der Zug, mit dem die beiden gefahren<br />

sind, verließ den Bahnhof von Pithiviers morgens um 6.15 Uhr und transportierte 928<br />

Juden, davon 119 Frauen, so steht es im SS-Bericht. Wilhelmine wurde nicht in einer Gaskammer<br />

ermordet. Als sie am 27.8.1942 mit 47 Jahren stirbt, liegt dies an den schlechten<br />

Lebensbedingungen im Lager von Auschwitz. Der genaue Zeitpunkt ihres Todes ist der<br />

27.8.1942 um 19.20 Uhr. In ihrer Todesurkunde steht als Todesursache: Allgemeine Körperschwäche.<br />

Häftlingspersonalakte KZ Buchenwald. Foto: ITS Archiv Bad Arolsen, 1.1.5.3/5461496.<br />

Biografie von Wilhelmine Baertig geb. Mayer<br />

(1895-1942)<br />

von Charlotte Völler, Klasse 8s<br />

Wilhelmine Baertig geb. Mayer kam am 1.9.1895 in Saargemünd zur Welt. Es ist nicht bekannt,<br />

ob ihre Eltern Aron Mayer und Jeanette Hirsch, die bis zu ihrem Tod in Saargemünd<br />

gewohnt haben, noch andere Kinder hatten. Selbst die Schreibweise des Geburtsnamens<br />

variiert bis hin zu Maijer oder Meijer. Im Jahr 1925 stand Wilhelmine als Minna Baertig<br />

im Bruchsaler Adressbuch, zusammen mit ihrem Mann Max Baertig. Wann und wo die<br />

beiden geheiratet haben ist unbekannt. Wilhelmine und Max lebten in der Kaiserstraße<br />

24, zusammen mit ihrer Tochter Hannelore, die im Jahr 1922 in Bruchsal geboren wurde.<br />

Es ist unbekannt, ob Wilhelmine und Max noch andere Kinder hatten. Wahrscheinlich<br />

lebten Wilhelmine und Hannelore auch nach der Verhaftung von Max, im Sommer 1938,<br />

noch in Bruchsal. Vermutlich ist die Familie nach der Entlassung von Max aus dem KZ<br />

Buchenwald im Februar 1939 nach Frankreich ausgewandert. Aus einer Karteikarte zur<br />

Aberkennung der Reichsbürgerschaft vom 14.7.1941 geht hervor, dass Wilhelmines letzter<br />

Wohnort in Deutschland in Bruchsal in der Kaiserstraße 24 war. In Frankreich nannte<br />

sich Wilhelmine dann Guillaumine, dies ist ihr Name auf französisch. Allerdings ist nicht<br />

Mahnmal für die Opfer des 2. Weltkriegs in Blois, Frankreich. Foto: https://de.geanet.org/gallery.<br />

Biografie von Hannelore Baertig (1922-1942)<br />

von Charlotte Völler, Klasse 8s<br />

Hannelore Baertig ist am 12.3.1922 in Bruchsal zur Welt gekommen. Sie war wahrscheinlich<br />

die einzige Tochter von Wilhelmine und Max Baertig. Die Familie lebte in Bruchsal, doch<br />

Hannelores Vater Max wurde im Sommer 1938 verhaftet, und als er im Februar des nächsten<br />

Jahres entlassen wurde, floh die Familie nach Frankreich. Dabei ist nicht klar, ob Hannelore<br />

zusammen mit ihren Eltern nach Blois floh oder ob sie alleine dorthin kam. Sicher ist aber,<br />

dass sie dort zusammen mit ihren Eltern in der Rue du Mail 12 gewohnt hat. 1941 wurde<br />

Hannelore, genauso wie ihrer Mutter Wilhelmine, die deutsche Staatsbürgerschaft entzogen,<br />

da sie nicht in Deutschland lebten. Es scheint, als ob Hannelore schon bei der ersten Razzia<br />

in Blois, am 26.6.1942 ab vier Uhr morgens, von der deutschen Feldgendarmerie verhaftet<br />

wurde. Am 28.6.1942 wurde Hannelore mit Convoi Nummer 5 von Beaune la Rolande nach<br />

Auschwitz gebracht. Wir wissen weder, ob Hannelore eine schulische Ausbildung hatte,<br />

noch ob sie in einem Beruf tätig war. Bei ihrer Deportation aus Blois 1942 wird jedenfalls,<br />

wie bei ihrer Mutter auch, „sans profession“ – ohne Beruf – angegeben. Es ist unbekannt, was<br />

mit der 20-jährigen nach der Fahrt nach Auschwitz passiert ist.<br />

22 23


Familie Wolfgang und Theresia Baertig<br />

(Eltern von Ludwig Baertig und Max Baertig)<br />

Wolfgang Baertig<br />

* 29.05.1851 Schopfloch/By. † 11.05.1915 Bruchsal<br />

(Sohn von David Baertig (1818-1911), Kaufmann in Herrieden, und Bertha Steinreich (1813-1891))<br />

1902 Kaufmann in Bruchsal (Wäschegeschäft), seit 1904 Mitglied der Feuerwehr Bruchsal<br />

verh. 02.03.1878 Petersaurach-Vestenberg<br />

Theresia Siegel<br />

* 25.12.1856 Mingolsheim † 26.08.1937 Bruchsal<br />

(Tochter von Gerson Siegel (1826-1895), Mingolsheim, und Elise May (1828-1921 Bruchsal))<br />

7 Kinder:<br />

1. Klara Baertig * 04.12.1878 Herrieden † 02.10.1921 Bruchsal<br />

vh. 10.11.1902 Bruchsal<br />

Arno (Aron) Wälder * 18.09.1873 Münchweiler/Pfalz † 1944 Theresienstadt<br />

(S. v. Leopold Wälder, Handelsmann, und Marianne Blum)<br />

1901 zus. mit Bruder Josef W. nach Worms, Likörfabrikant in Worms, 09.1942 deportiert<br />

(2. Ehe: 28.03.1923, Selma Strauß * 18.10.1879 Bissersheim † 29.06.1943 Theresienstadt)<br />

1 Kind:<br />

a) Erna Wälder * 17.04.1904 Worms † 1942/45 Auschwitz<br />

Besuch der Höh. Mädchenschule Bruchsal, wohnte bis 1928 in Bruchsal, dann Mannheim<br />

vh. 06.09.1928 Bruchsal Otto Rau * 28.05.1899 Graudenz † 1942/45 Auschwitz<br />

seit 1922 Kaufmann in Mannheim, Deportation 29.09.1942 nach Auschwitz<br />

2 Kinder: Werner Hugo Rau (1933-1942), Hans Herbert Rau (1936-1942) beide nach Auschwitz<br />

vh. (2. Ehe) 29.03.1943 Chicago<br />

Cornelia „Nellie“ Jacob * 23.08.1896 Kaiserslautern † 13.06.1957 Chicago<br />

(T. v. Emanuel Jacob und Bertha Stern)<br />

wohnhaft Düsseldorf, 1940 Blois/F, 05.02.1940 nach USA, 1957 Supervisor<br />

1 Kind (aus 1. Ehe):<br />

a) Beate Baertig * 15.03.1932 Karlsruhe † nach 01.12.1941 (Dep. n. Riga)<br />

Bruchsal, 1937 nach Flehingen, 1939 nach Ulm zur Tante Eda Barth geb. Schlessinger<br />

6. Max Baertig * 19.02.1887 Herrieden † 18.08.1942 Auschwitz<br />

1928, 1937 Kaufmann in Bruchsal, 11.07.-23.09.1938 Dachau und 23.09.1938-08.02.1939<br />

Buchenwald, 1939 Emigration nach Frankr., 17.07.1942 von Blois über Pithiviers n. Auschwitz<br />

vh. Wilhelmine „Minna“ Mayer * 01.09.1895 Saargemünd † 27.08.1942 Auschwitz<br />

(T. v. Aron Mayer und Jeanette Hirsch)<br />

1939 Emigration Frankreich, deportiert 17.07.1942 von Blois über Pithiviers nach Auschwitz<br />

1 Kind:<br />

a) Hannelore Baertig * 12.03.1922 Bruchsal † 1942/45 Auschwitz<br />

~ 1939 Emigration Frankr., dep. 28.06.1942 von Blois über Beaune la Rolande nach Auschwitz<br />

7. (Namenlos – Totgeboren) Baertig *† 01.09.1888 Herrieden<br />

2. Hermann Baertig * 26.09.1880 Herrieden † 13.07.1938 Manhattan/New York<br />

1902 Kaufmann in Bruchsal, 1906, 1909 und 1910 Einreise in USA, 1918 Grocer in NY, unverh.<br />

3. Hedwig Baertig * 25.10.1881 Herrieden † 09.12.1882 Herrieden<br />

4. Siegfried Baertig * 23.11.1882 Herrieden † 17.05.1915 Donai/F<br />

1915 Kaufmann in Bruchsal, 1915 Ersatzreservist im preuß. Füsilier Reg. 40; unverheiratet<br />

unehel. Verbindung Angela Steimel * 28.06.1884 Zeutern † 18.08.1929 Bruchsal<br />

1907 Dienstmädchen in Bruchsal, katholisch<br />

1 Kind:<br />

a) Josef Theodor Steimel * 01.02.1907 Bruchsal † 30.10.1908 Bruchsal, katholisch<br />

Schrift auf dem Kriegerdenkmal<br />

für die Gefallenen<br />

des 1. Weltkrieges<br />

auf dem Friedhof<br />

Bruchsal. Foto: F. Jung.<br />

Siegfried Baertig. Quelle: Münch,<br />

Josef. Bruchsal im Weltkrieg 1920.<br />

5. Ludwig Baertig * 27.03.1884 Herrieden † 03.11.1954 Chicago<br />

1910/1937 Kaufmann in Bruchsal, 1939 nach Mannheim, 1940 nach USA, lebte in Chicago<br />

vh. (1. Ehe) 13.02.1930 Flehingen o/o 02.11.1939 Karlsruhe<br />

Recha Thekla Schlessinger * 11.10.1894 Flehingen † 12.08.1942 Auschwitz<br />

Bruchsal, 02.1937 nach Flehingen, Deportation 22.10.1940 Gurs, 10.08.1942 nach Auschwitz<br />

(T. v. Moses Schleßinger (1855-1935) Metzger in Flehingen, und Bertha Bierig (1860-1929))<br />

Anmerkung: Recha Baertig geb. Schlessinger war die Cousine von Carola Grzymisch geb. Schleßinger<br />

(1891-1944, vgl. 3. Gedenkschrift 2017, S. 7). Sie lebten in Bruchsal nur wenige Schritte voneinander entfernt.<br />

Grab der Familie Baertig in Bruchsal.<br />

Foto: F. Jung.<br />

24 25<br />

Grabstein Clara Wälder auf dem<br />

Bruchsaler Friedhof. Foto: F. Jung.


Biografie von Ernst Nathan (1871-1942)<br />

Ernst Nathan wurde am 3.4.1871 in Lorsch<br />

in Hessen geboren. Er war der Sohn des<br />

Kaufmanns Emanuel Nathan und seiner<br />

zweiten Frau Auguste Ehrmann. Er bekam<br />

den Vornamen Nathan, sodass Vorund<br />

Nachnamen identisch waren. Daher<br />

nannte sich Nathan Nathan später Ernst<br />

Nathan. Noch vor seiner Einschulung ist<br />

die Familie nach Worms umgezogen.<br />

Den im Stadtarchiv Worms archivierten<br />

Jugenderinnerungen von Moritz Nathan,<br />

von Jan Neißl, Klasse 8s<br />

Schillerstraße in Bruchsal, 1920er Jahre. Der Pfeil<br />

zeigt auf das Haus Nr. 17. Foto: Stadtarchiv Bruchsal.<br />

dem jüngeren Bruder von Ernst Nathan, ist es zu verdanken, dass ein wenig bekannt ist<br />

über die Jugendzeit in Worms: „Ich bin im Jahre 1877 in Worms am Rhein geboren, in<br />

einem Hause in der Römerstraße gegenüber der alten 118er Infanteriekaserne. Das Haus<br />

gehörte damals meinem Vater, der ein kleines Kolonialwarengeschäft darin betrieb. Er verlor<br />

Haus und Vermögen durch eine Bürgschaft für einen guten Freund, musste von da an in bescheidensten<br />

Verhältnissen seine Familie durchbringen, und damit ist bereits die Art meiner<br />

Jugendzeit angedeutet. Meine Mutter muss in ihrer Weise eine Künstlerin gewesen sein, mit<br />

den schwachen zur Verfügung stehenden Mitteln ihren Kindern eine anständige Erziehung<br />

und eine gute Schulbildung auf den Weg geben zu können.“ Die Familie scheint sich zu den<br />

eher strenggläubigen Juden gezählt zu haben, und der Vater agierte als Vorbeter im Privatbetsaal<br />

der wohlhabenden Familie Guggenheim.<br />

Ernst Nathan besuchte nach der Volksschule das Gymnasium in Worms. Dort hat er<br />

auch sein Abitur gemacht und wurde Zigarrenfabrikant. Er war als Teilhaber der Firma<br />

„S. Cahnman’s Nachfolger“ in Bischweiler im Elsass zu erheblichem Vermögen gekommen.<br />

Weil alle Deutschen das Elsass 1919 verlassen mussten, lebte Ernst Nathan mit seiner<br />

Familie 1919 bis 1940 in der Schillerstraße 17 in Bruchsal.<br />

Ernst Nathan gründete am 16.1.1920 in Bruchsal die Firma „E. Nathan OHG (Offene<br />

Handelsgesellschaft)“. Es war eine Zigarrenfabrik. Sein Bruder Moritz Nathan war ab dem<br />

5.5.1920 hälftiger Mitinhaber. Dieser hatte nach der Volksschule und dem Besuch des<br />

Gymnasiums in Worms bei der Weinhandlung „Langenbach und Söhne“ eine kaufmännische<br />

Lehre gemacht und trat danach in Bruchsal in die Firma W. Katz ein, wo er 1920<br />

Bürovorstand war. Er wohnte 1911 bis 1936 in Bruchsal, zuletzt zusammen mit seiner Frau<br />

in der Friedrichstraße 62 in einer Sechs-Zimmer-Wohnung.<br />

Im Dezember 1920 kauften die beiden Brüder Nathan das Haus Kegelstraße 15 von der<br />

Witwe Josefine Kretz, die dort eine Wirtschaft mit Kegelbahn und Gartenwirtschaft betrieben<br />

hatte. Es gab nach geringfügigem Umbau dort acht Räume für Büro und Buchhaltung<br />

und etwa zehn weitere Räume für die Herstellung der Zigarrenkisten, für Lagerplatz und<br />

Versandbüro. Neben Ernst und Moritz Nathan waren noch sechs weitere Personen im<br />

Büro beschäftigt. Der Sohn von Moritz, Wilhelm Emanuel Nathan, arbeitete nach seiner<br />

Lehre (1929-1931) bei W. Katz und bis zu seiner Auswanderung 1934 auch noch im Betrieb<br />

als kaufmännischer Angestellter mit Reisetätigkeit. Das Obergeschoss war als Wohnung<br />

vermietet, allerdings eventuell erst in den 1930ern. Es gab eine Zigarrenfabrik in<br />

Stettfeld sowie eine Wein- und Zigarrenfabrik in Zeutern. Dort waren jeweils etwa 50-60<br />

Leute mit der Herstellung der Zigarren beschäftigt. Es gab ein Lohnfuhrwerk, das nur für<br />

die Firma Nathan arbeitete und mehrmals täglich die Zigarren aus Stettfeld und Zeutern<br />

nach Bruchsal brachte, wo sie verpackt und versandt wurden.<br />

Der Cousin Richard Bär („Leder-Bär“) schrieb 1956, Familie Moritz Nathan „habe immer<br />

ein Dienstmädchen gehabt, gingen regelmäßig im Sommer und im Winter in Ferien und<br />

ließen ihrem Sohn die beste Erziehung angedeihen. Die Firma hatte einen ausgezeichneten<br />

Ruf und war sehr angesehen, auch in Bankkreisen“ – so jedenfalls hatte er es von Julius Bär,<br />

dem Direktor der Süddeutschen Bank in Bruchsal, gehört. Bruder Moritz verließ Bruchsal<br />

zusammen mit seiner Frau Paula am 10.12.1936. Sie wanderten nach New York aus. Zuvor<br />

war Moritz am 16.11.1936 aus dem Handelsregister gelöscht worden. Ernst Nathan wurde<br />

Alleineigentümer der Zigarrenfabrik. Die Firma wurde am 18.3.1938 endgültig aus dem<br />

Handelsregister gelöscht. Die Zigarrenfabrik in der Kegelstraße 15 musste an Karl Haas,<br />

Blechnermeister, und seine Frau verkauft werden. Haas schrieb dazu: „Nachfrage wegen<br />

zu vermietender Werkstätte führte dazu,<br />

dass mir Hr. Nathan das Gebäude zum Kauf<br />

anbot.“ Der Kaufvertrag trägt das Datum<br />

23.9.1937. Der Kaufpreis betrug 16500 RM,<br />

9000 RM gingen in bar an Ernst Nathan<br />

und ab da monatliche Raten auf Nathans<br />

Konto, ab 1942 an das Finanzamt direkt.<br />

Ernst Nathan besaß außerdem noch eine<br />

zweistöckige Zigarrenfabrik incl. einstöckigem<br />

Wohngebäude in Hockenheim, Untere<br />

Hauptstr. 20. Diese war im Besitz von Ernst<br />

Nathan seit 1920 und gehörte ihm bis 1942,<br />

dann wurde er enteignet.<br />

Ernst Nathan besaß ein gut gefülltes Bankkonto<br />

und hatte noch 1939/40 ein sehr großes<br />

Wertpapierdepot. Dieses wurde allerdings<br />

vom Staat beschlagnahmt. Zwischen<br />

Dezember 1938 und November 1939 musste<br />

er allein 21.500 RM als „Judenvermögensabgabe“<br />

bezahlen. Ob er zusammen<br />

mit seiner Familie eine Auswanderung anstrebte,<br />

ist nicht bekannt.<br />

Franz-Bläsi-Str. 17, früher Schillerstr. 17. F.: F. Jung<br />

26 27


Ernst Nathan litt an Magengeschwüren, die auch operiert und medikamentös behandelt<br />

wurden. Das Leben in Gurs, wohin er am 22.10.1940 mit Frau und Tochter deportiert<br />

wurde, war wegen der schlechten Nahrung deshalb besonders schwierig. Er litt dort auch<br />

an Schlaflosigkeit und Depressionen.<br />

Ernst Nathan ist am 12.8.1942, dem Ankunftstag in Auschwitz, im Alter von 71 Jahren<br />

ermordet worden.<br />

Biografie von Betty Nathan geb. Bär (1882-1942)<br />

von Nico Falda, Klasse 8s<br />

Betty Nathan wurde als Betty Bär am 6.1.1882 in Heidelsheim geboren als älteste Tochter<br />

des Kaufmannes Bernhard Bär und seiner Frau Thekla Bär. 1883, 1884 und 1889 wurden<br />

noch die jüngeren Schwestern Laura, Else und Paula geboren. Etwa zwischen 1890 und<br />

1900 zog die Familie nach Bruchsal um. Dort kauften oder bauten sie das Haus Schillerstraße<br />

17. Da das Haus sehr groß und repräsentativ ist, kann davon ausgegangen werden,<br />

dass die Familie wohlhabend war. Es hat 3 ½ Stockwerke und beherbergte z. B. 1949 vier<br />

Familien mit jeweils ein bis zwei Untermietern, insgesamt 29 Personen. Schwester Paula<br />

gibt in eidesstattlicher Versicherung 1956 u. a. an: „Ich bin von Hause aus vermögend gewesen“.<br />

Betty verheiratete sich 1903 in Bruchsal mit Ernst Nathan, die Schwestern heirateten<br />

1904, 1908 und 1911 ebenfalls in Bruchsal. Die Schwester Laura, verh. Schorsch, lebte<br />

in Stuttgart, die Schwester Else, verh. Kander, lebte in Heidelberg, die jüngste Schwester<br />

Paula heiratete den jüngeren Bruder von Ernst Nathan und blieb in Bruchsal.<br />

Betty zog zusammen mit ihrem Mann ins Elsass nach Bischweiler, wo sie 1904 die Zwillinge<br />

Marie und Margarete zur Welt brachte. Ernst war Zigarrenfabrikant, musste aber 1919,<br />

als das Elsass französisch wurde, zusammen mit seiner Familie nach Bruchsal umziehen.<br />

Betty bewohnte ab 1920 und bis zur Deportation 1940 zusammen mit ihrer Familie eine<br />

6-Zimmer-Wohnung im Haus ihrer Eltern. Sie bestand aus Herren- und Speisezimmer,<br />

Wohnzimmer, zwei Schlafzimmern, Fremdenzimmer, Küche und Vorratszimmer und<br />

war sehr gut und teuer eingerichtet (Klavier, Radio, Fotoapparat, teuerstes Porzellan usw.,<br />

Möbel meist 1903 bei der Eheschließung angeschafft). Die Eltern von Betty bewohnten<br />

eine andere Wohnung im Haus, sie waren Hauseigentümer. Es gab beispielsweise 1925<br />

und 1931 zwei Dienstmädchen im Haus. Das Haus Schillerstraße 17 ging nach dem Tod<br />

der Mutter Thekla Bär 1936 in den Besitz der vier Töchter über. Es wurde 1949/50 an die<br />

Familie Bär bzw. die Nachkommen zurückerstattet und später verkauft.<br />

Bei der zwangsweisen Abgabe von Gold und Schmuck musste Betty Nathan 1938/39 ihren<br />

gesamten Schmuck sowie silbernes Essbesteck abgeben. Man sieht an der langen Liste,<br />

dass sie sehr viel Schmuck besaß. Die Deportation nach Gurs erfolgte am 22.10.1940<br />

zusammen mit Mann und Tochter Marie, dort traf sie ihre Schwester Else Kander mit<br />

Mann und Sohn. Der Todeszeitpunkt von Betty Nathan wurde amtlich festgesetzt auf den<br />

12.8.1942, den Ankunftstag in Auschwitz.<br />

28<br />

Postkarte von Betty Nathan an Familie<br />

Moritz Nathan, 515 Raritan Ave,<br />

Highland Park NJ, USA, am 21.5.1941.<br />

Foto: Vincent Sgro.<br />

Meine lieben Alle!<br />

Damit die Pause nicht gar zu groß wird,<br />

schreibe ich Euch heute einmal eine<br />

kurze Karte. Ausführlich schreibe ich<br />

erst wieder, wenn wir Brief von Euch<br />

erhalten haben. Dir, lieber Wilhelm<br />

[Nathan, ihr Neffe] gratulieren wir recht<br />

herzlich zu Deinem Geburtstag, den Du<br />

zum ersten Mal im eigenen Heim verbringen<br />

darfst. Wir wünschen Dir alles<br />

Gute vor allem, dass Ihr gesund bleibt,<br />

dass wir uns recht bald sehen können.<br />

Sorgt doch bitte dafür, dass wir bald die<br />

Papiere von Euch erhalten, damit wir<br />

endlich von hier raus kommen können.<br />

Tante Lina und Robert wurden am 15.<br />

d. M. in Marseilles eingeschifft; sie fahren<br />

über Martinique. Gestern kamen<br />

noch zwei Paketchen von ihr, an Elsa<br />

[Kander, ihre Schwester] und mich adressiert.<br />

Elsa beharrt unbedingt darauf,<br />

dass sie Hälfte davon bekommt, wenn<br />

sie auch jetzt nur zu zweien sind mit<br />

der Begründung, Kurt [Kander, Neffe]<br />

muss sich unbedingt zusetzen: wenn wir<br />

hoffentlich recht bald zu Euch kommen,<br />

kann ich Euch viel erzählen. Ich kann<br />

nicht alles schreiben, wie es hier zugeht;<br />

des Essens wegen könnte ich fast noch<br />

meine Portion nur für Kurt entbehren,<br />

damit er satt werden kann. Hoffentlich<br />

erhalten wir recht bald wieder gute<br />

Berichte von Euch. Empfangt Alle von<br />

uns Allen herzlichste Grüße und Küsse,<br />

Eure Betty.<br />

Absender: Betty Nathan<br />

Camp de Gurs<br />

Ilot I, Baraque 13<br />

29


Biografien von Marie Nathan (1904-1942)<br />

und Margarete Nathan (1904-1940)<br />

von Marius Haag, Klasse 8s<br />

Marie und Margerete, genannt „Gretel“ Nathan waren Zwillingsschwestern, welche am<br />

4.2.1904 in Bischweiler im Elsass geboren waren. Beide besuchten zusammen die Höhere<br />

Mädchenschule in Bischweiler. Da Familie Nathan das Elsass als Deutsche nach dem<br />

1. Weltkrieg verlassen musste, traten beide Schwestern am 19.1.1920 in die vorletzte Klasse<br />

der Höheren Mädchenschule Bruchsal ein – übrigens in die Klasse, die auch von Erna<br />

Wälder, der Nichte der Baertigs (vgl. S. 24), besucht wurde. Wohl fiel ihnen der Wechsel<br />

nach Bruchsal schwer – Margarete wurde am Ende des Jahres nicht versetzt und musste<br />

die Klasse wiederholen, Maries Versetzung war zunächst ebenfalls gefährdet, sie konnte<br />

dann aber doch versetzt werden – besonders Englisch bereitete den beiden Schwestern<br />

wohl Schwierigkeiten. Margarete trat schließlich am 1.2.1921 aus der Schule aus, in<br />

der Klassenliste ist rätselhafter Weise vermerkt „wegen Unglücksfalls“. Marie schloss die<br />

Schule im März 1921 erfolgreich ab und verließ sie mit dem Abschlusszeugnis.<br />

Völlig im Dunkeln liegt, was die beiden in den 1920er Jahren und bis Mitte der 1930er<br />

Jahre taten. In den Adressbüchern Bruchsals wird kein Beruf angegeben – wohl haben<br />

sie keinen erlernt. Warum fand keine Eheschließung statt? Sicher haben sie in Wohlstand<br />

in der großzügigen Wohnung in der Schillerstraße 17 gelebt, da Vater Ernst ein<br />

Deckblatt der Krankenakte von Margarete Nathan aus der Heil- u. Pflegeanstalt<br />

Wiesloch. Quelle: GLA Karlsruhe, 463 Zugang 1983/20 Nr. 36366.<br />

erfolgreicher Zigarrenfabrikant<br />

war. In demselben Haus<br />

lebten auch die Großeltern<br />

Bernhard († 1924) und Thekla<br />

Bär († 1936). Maries weiterer<br />

Werdegang bis zur Deportation<br />

am 22.10.1940 nach Gurs<br />

bleibt völlig unklar. Ob sie die<br />

ganze Zeit in Bruchsal lebte?<br />

Während sie in den Bruchsaler<br />

Adressbüchern von 1931/32<br />

und 1938 erwähnt wird, fehlt<br />

sie 1933/36. Ein Versehen?<br />

Oder wohnte sie außerhalb?<br />

Jedenfalls kam sie, zusammen<br />

mit ihren Eltern, am 12.8.1942<br />

über das Sammellager Drancy<br />

nach Auschwitz, wo sich ihre<br />

Spur verliert.<br />

Über Margarete ist mehr bekannt,<br />

jedenfalls seit Mitte der 1930er Jahre: Margarete Nathan war am 1.12.1935 nach<br />

Worms gezogen, und zwar von Bruchsal kommend. Sie war Hausangestellte, zunächst<br />

bei Bernkopf (vgl. 2. Gedenkschrift 2016, S. 41), Mozartstraße 20, ab dem 19.4.1936 bei<br />

Dr. Kulp, Horst-Wessel-(Rathenau)-Straße 27, ab dem 3.11.1936 bei Oskar Frank (Elias<br />

Hausmann), Kaiser-Wilhelm-Straße 6 (heute Wilhelm-Leuschner-Straße). Familie<br />

Frank verließ Worms im März 1939, vermutlich zog Gretel dann nach Bruchsal zurück.<br />

Bei der Volkszählung im Mai 1939 war auch Margarete in Bruchsal gemeldet, allerdings<br />

kam sie aus ungenannten Gründen bereits am 12.6.1939 in die Heil- und Pflegeanstalt<br />

Wiesloch. Kurzzeitig, vom 27. bis zum 29.8.1939 und vom 15. bis zum 23.5.1940, wurde<br />

sie nach Hause entlassen. Vermerkt ist in den Anstaltsakten, dass sie während ihrem letzten<br />

Aufenthalt, zwischen dem 23.5.1940 und dem 11.7.1940, vier Mal besucht wurde: Am<br />

27. Mai waren es „2 Bekannte“, am 6. und 22. Juni sowie am 9. Juli ihre Eltern Betty und<br />

Ernst Nathan. Sehr aufschlussreich ist der Brief des Vaters nach seinem letzten Besuch.<br />

Zu diesem Zeitpunkt war Margarete bereits tot. Sie wurde am 11.7., zwei Tage nach dem<br />

Besuch der Eltern, im Rahmen der „Aktion T4“ mit einem der grauen Busse in die Tötungsanstalt<br />

Grafeneck verbracht, wo sie noch an demselben Tag ermordet wurde. Sicher<br />

war Margarete Nathans Erregung zwei Tage vor ihrem Tod darauf zurückzuführen, dass<br />

sie die in jener Zeit täglich abgehenden Deportationen richtig zu deuten wusste. Die Anstaltsleitung<br />

Wiesloch übrigens beantwortete den Brief am 25.7.1940 und teilte mit, dass<br />

Margarete Mitte des Monats auf Weisung des Innenministeriums mit anderen Kranken<br />

in eine außerbadische Anstalt verlegt worden sei, und dann wörtlich:<br />

„Die Benachrichtigung der<br />

Angehörigen sollte durch die<br />

Brief von Ernst Nathan an die Heil- und Pflegeanstalt Wiesloch am<br />

18.7.1940. Quelle: GLA Karlsruhe, 463 Zugang 1983/20 Nr. 36366.<br />

30 31<br />

Übernahmeanstalt erfolgen.<br />

Wir nehmen an, dass dies inzwischen<br />

geschehen ist. Im<br />

Übrigen war der Zustand Ihrer<br />

Tochter unverändert ungünstig<br />

gewesen.“ Später wurden<br />

die Eltern vom Tod Margaretes<br />

informiert, und man<br />

sandte ihnen auch eine Urne<br />

zu. Wie Margaretes Cousine<br />

Erna Finkel 1964 niederschrieb,<br />

ist Margaretes Asche<br />

auf dem Bruchsaler Friedhof<br />

im Grabe ihrer Großeltern<br />

Bernhard und Thekla Baer<br />

beigesetzt worden. Einen<br />

Eintrag auf dem Grabstein<br />

gibt es allerdings nicht.


Familie Bernhard und Thekla Bär<br />

(Eltern von Betty Nathan)<br />

Bernhard Bär<br />

* 18.03.1853 Heidelsheim † 21.10.1924 Bruchsal<br />

(Sohn von Josef Bär (1816-1871), Handelsmann in Heidelsheim, und Rosine Dreyfuß (1813-1900))<br />

Kaufmann in Heidelsheim, seit 1890/1900 in Bruchsal, Schillerstraße 17 (heute: Franz-Bläsi-Straße 17)<br />

verh. 23.09.1879 Bruchsal<br />

Thekla Bär<br />

* 14.10.1856 Untergrombach † 26.10.1936 Bruchsal<br />

(Tochter von Raphael Bär (1826-1878) und Johanna „Hannchen“ Bär (1833-1913))<br />

4 Kinder:<br />

1. Betty Bär * 06.01.1882 Heidelsheim † 12.08.1942 Auschwitz<br />

1903 bis 1920 in Bischweiler/Elsass, 1919 bis 1940 Bruchsal, 22.04.1940 Gurs, Auschwitz<br />

verh. 04.06.1903 Bruchsal<br />

Ernst (Nathan) Nathan * 03.04.1871 Lorsch † 12.08.1942 Auschwitz<br />

(Sohn v. Emanuel Nathan (1829-1898), Kaufm. in Worms, u. Auguste Ehrmann (1839-~1920))<br />

1903 Kaufmann in Bischweiler/F, seit 1919 Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 22.04.1940 Gurs<br />

2 Kinder:<br />

a) Maria „Marie“ Nathan * 04.02.1904 Bischweiler † 12.08.1942 Auschwitz<br />

22.04.1940 von Bruchsal nach Gurs, später Drancy, Auschwitz, unverheiratet<br />

b) Margarete „Gretel“ Nathan * 04.02.1904 Bischweiler † 11.07.1940 Grafeneck<br />

12.1935-03.1939 Dienstmädchen in Worms, 06.1939-07.1940 Heilanstalt Wiesloch, unverh.<br />

2. Laura Bär * 27.02.1883 Heidelsheim † 01.05.1951 New York/USA<br />

wohnhaft in Stuttgart, 09.1940 über London nach New York emigriert<br />

verh. 21.02.1907 Bruchsal<br />

Max Schorsch<br />

* 05.12.1876 Sindolsheim † 27.09.1949 New York/USA<br />

(Sohn v. Ephraim Schorsch (1836-1925), Schuhhändler, u. Theresia Flegenheimer (1836-1907))<br />

Kaufmann in Stuttgart, 09.1940 über London nach New York emigriert<br />

3 Kinder:<br />

a) Richard Julius Schorsch * 08.12.1907 Stuttgart † 27.05.1991 New York/USA<br />

Stuttgart, 10.1938 Emigration in USA, Buchhalter in New York, kinderlos<br />

vh. 1953 Ingeborg Klein * 18.06.1915 Berlin † 10.1992 New York/USA<br />

b) Erna Schorsch * 17.12.1909 Stuttgart † 18.09.1989 Fairview/NJ/USA<br />

1937 in Birmingham, 09.1940 über London nach New York emigriert<br />

vh. nach 1940 Leo Finkel * 08.03.1904 † 04.1967 USA<br />

1 Kind: Marian Finkel, lebt in USA<br />

c) Alice Schorsch * 22.03.1911 Stuttgart † 16.08.1996 New York/USA<br />

11.1937 von Birmingham nach New York emigriert, kinderlos<br />

Bernhard Kander * 07.07.1876 Heidelberg † 12.04.1941 Gurs/F.<br />

(Sohn von Gustav Kander, Möbelfabrikant in Heidelberg, und Bertha Hanß)<br />

Möbelfabrikant in Heidelberg, 22.10.1940 Gurs<br />

2 Kinder:<br />

a) Kurt Gustav Kander * 21.08.1909 Heidelberg † 24.01.1942 Gurs/F.<br />

wohnhaft in Heidelberg, 22.10.1940 nach Gurs, unverheiratet und kinderlos<br />

b) Herbert Kander * 16.07.1912 Heidelberg † 26.11.1981 Duval/FL/USA<br />

1938 in USA, 1940 in New Brunswick/NJ/USA, unklar, ob verheiratet; kinderlos<br />

4. Paula Josefine Bär *18.05.1889 Heidelsheim † 08.02.1968 Newark/NJ/USA<br />

12.1936 von Hamburg in USA, 1940 in New Brunswick/NJ/USA, 1950,1965 in Highland Park/NJ<br />

verh. 04.08.1911 Bruchsal<br />

Moritz „Morris“ Nathan * 31.03.1877 Worms † 30.09.1953 Franklin/NJ/USA<br />

(Sohn v. Emanuel Nathan (1829-1898), Kaufm. in Worms, u. Auguste Ehrmann (1839-~1920))<br />

1911-1936 Kaufmann/Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 1936 in USA, 1940 New Brunswick/NJ<br />

1 Kind:<br />

a) Wilhelm Emanuel „William“ Nathan * 04.06.1912 Bruchsal † 19.05.1992 USA<br />

Kaufmann in Bruchsal, 08.1934 von Hamburg in USA, 1940 in New Brunswick/NJ/USA,<br />

1950,1965 in Highland Park/NJ/USA,<br />

vh. Julie …., kinderlos<br />

Von links: Bernhard, Else und Kurt Kander. Fotos: Yad Vashem.<br />

Max und<br />

Laura<br />

Schorsch.<br />

Foto:<br />

Vincent<br />

Sgro.<br />

3. Else Regina Bär * 27.09.1884 Heidelsheim † 08.1942 Auschwitz<br />

wohnhaft in Heidelberg, 22.10.1940 nach Gurs, interniert in Drancy, 10.08.1942 Auschwitz<br />

verh. 29.10.1908 Bruchsal<br />

32<br />

Grabstein von Bernhard und Thekla<br />

Bär, Friedhof Bruchsal.<br />

Foto: Florian Jung.<br />

Von links: Richard, Erna und Alice Schorsch. F.: Yad Vashem/V. Sgro.<br />

33


Familie Emanuel Nathan<br />

(Eltern von Ernst Nathan)<br />

Emanuel Nathan<br />

* 16.07.1829 Reichelsheim † 06.06.1898 Worms<br />

Kaufmann in Gernsheim, Lorsch und Spezereihändler (1877) in Worms<br />

verh. (1. Ehe) um 1860 (Kind 1 aus dieser Ehe)<br />

A) Mina Weil * † 1863//1871 Gernsheim<br />

verh. (2. Ehe) um 1863//1871 (Kinder 4 und 5 aus dieser Ehe)<br />

B) Auguste Ehrmann * 03.11.1839 Pfungstadt † nach 1911 Offenburg (?)<br />

Umzug im Juni 1899 von Worms nach Offenburg, lebte dort 1903, 1911<br />

5 Kinder:<br />

1. Jonas Nathan * 12.10.1863 Gernsheim † 17.04.1911 Worms<br />

1897, 1911 Handelsmann in Worms, verstorben im Krankenhaus Worms, unverheiratet<br />

2. Dr. med. Josef Nathan * 08.06.1866 Gernsheim † 18.07.1926 Offenburg<br />

um 1900 Arzt in Wallertheim bei Worms, später in Offenburg<br />

verh. um 1897 Wallertheim (?)<br />

Ella (Eleonora Gutella) Mann * 26.02.1878 Wallertheim † nach 1940 USA<br />

wohnhaft in Offenburg, 05.1938 in die USA, lebte 1940 beim Sohn in Holyoke City/Mass./USA<br />

1 Kind:<br />

a) Dr. med. Paul Nathan * 22.05.1898 Wallertheim † 07.03.1971 Holyoke/USA<br />

Arzt in Offenburg, 05.10.1935 nach Northhampshire/USA, lebte in Holyoke/USA, kinderlos<br />

vh. um 1955/60 Elisabeth Ziegler * 14.11.1904 † 29.08.2006 Granby/Mass./USA<br />

(1. Ehe mit Frederick H. Cramer (1906-1954), seit 1938 in USA, Prof. in Holyoke, 5 Kinder)<br />

3. Karoline Nathan * 24.11.1867 Lorsch † 06.12.1936 Frankfurt/M.<br />

15.11.1898 von Worms nach Frankfurt/M., wohnte 1936 in Frankfurt/M., unverheiratet<br />

4. Ernst (Nathan) Nathan * 03.04.1871 Lorsch † 12.08.1942 Auschwitz<br />

1903 Kaufmann in Bischweiler/F, seit 1919 Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 22.04.1940 Gurs<br />

verh. 04.06.1903 Bruchsal<br />

Betty Bär<br />

* 06.01.1882 Heidelsheim † 12.08.1942 Auschwitz<br />

(Tochter von Bernhard Bär (1853-1924) und Thekla geb. Bär (1856-1936), siehe Seite 32-33)<br />

5. Moritz „Morris“ Nathan * 31.03.1877 Worms † 30.09.1953 Franklin/NJ/USA<br />

1911-1936 Kaufmann/Zigarrenfabrikant in Bruchsal, 1936 in USA, 1940 New Brunswick/NJ<br />

verh. 04.08.1911 Bruchsal<br />

Paula Josefine Bär<br />

*18.05.1889 Heidelsheim † 08.02.1968 Newark/NJ/USA<br />

(Tochter von Bernhard Bär (1853-1924) und Thekla geb. Bär (1856-1936), siehe Seite 32-33)<br />

Erinnerungen an die Familie Nathan<br />

von Hubert Bläsi<br />

Im Haus Nr. 17 der damaligen Schillerstraße wohnten in meiner Kindheit und frühen Jugend<br />

drei jüdische Familien: Bär, Kaufmann und Nathan. Zu den Familien Bär und Nathan hatten<br />

wir Kinder aus dem Nachbarhaus Nr. 15 Kontakt. Wir besuchten die Familien in ihren Wohnungen.<br />

Ich erinnere mich besonders an die Besuche bei Familie Nathan. Herr Ernst Nathan<br />

war ein mittelgroßer, eher hagerer Mann; er trug eine Brille mit Goldrand, sein Haar war<br />

rötlich-blond, stark angegraut. Frau Betty Nathan war vollschlank, untersetzt; sie hatte dunkelblondes,<br />

angegrautes Haar. Die Töchter Marie und Gretel ähnelten äußerlich ihren Eltern,<br />

Marie mehr der Mutter, Gretel glich im Körperbau ihrem Vater. Die beiden Töchter waren<br />

aus unserer kindlichen Sicht schon „älter“, also zwischen 20 und 30 Jahren. Bei unseren Besuchen<br />

bekamen wir Matzen zu essen, etwas, was für uns damals ganz unbekannt war. Wenn<br />

die Erwachsenen sich über etwas unterhielten, was wir Kinder nicht hören sollten, sagten die<br />

Eltern oder eine der Töchter: „Regardez les enfants!“ Anschließend unterhielten sich Nathans<br />

auf Französisch. Als wir das unseren Eltern erzählten, wurde uns gesagt, was das bedeutet.<br />

Zur Erklärung: Die Familie Nathan kam irgendwann in den 1920er (?) Jahren aus Bischwiller<br />

im Elsass nach Bruchsal. Eines Tages erfuhren wir, dass Nathans Tochter Gretel nach Wiesloch<br />

in die Psychiatrie gebracht worden war. Die Eltern Nathan führten die Gemütserkrankung<br />

der Tochter auf den ständigen psychischen Druck der antijüdischen NS-Propaganda<br />

zurück, die damals schon sehr stark zu spüren war. Unsere Eltern wussten schon von Fällen,<br />

in denen Psychiatriepatienten plötzlich „verstorben“ waren und befürchteten, dass Gretel<br />

Nathan das gleiche Schicksal drohen könnte. So kam es dann auch. Todesursache: „Lungenentzündung“.<br />

Die Euthanasie-Aktion der Nazis war in vollem Gange. Ich erinnere mich<br />

auch daran, dass Herr Nathan und mein Vater sich gelegentlich über den Gartenzaun unterhielten.<br />

Selbst das war angesichts der Tatsache, dass in Haus Nr. 19 ein Politischer Leiter der<br />

NSDAP wohnte, für Herrn Nathan und meinen Vater nicht ungefährlich. Themen der Gartenzaungespräche<br />

waren die Gartenarbeit, Börsenkurse und sicher auch die Politik. Apropos<br />

Börsenkurse: Herr Nathan als Kaufmann beobachtete die Entwicklung an den internationalen<br />

Börsen. Die Börsennachrichten erschienen damals in gebundenen Broschüren auf<br />

gelbem Papier. Diese schenkte Herr Nathan nach Gebrauch uns Kindern, und wir benutzten<br />

sie, wenn wir „Büro“ spielten. Dann kam jener verhängnisvolle Tag im Oktober 1940. Als ich<br />

von der Schule nach Hause kam, sagte meine Mutter tief betroffen: „Heute morgen haben sie<br />

die Nathans unter Polizeibewachung abgeführt“. Wir alle ahnten, dass für die Familie Nathan<br />

Schreckliches bevorstand, obwohl wir damals von Gurs und Auschwitz nichts wussten. Wohl<br />

aber war unseren Eltern bekannt, dass das KZ Dachau existierte. Ein Bekannter meines Vaters<br />

war zu der Zeit Häftling in Dachau. Es ist schwierig, die Empfindungen eines Elfjährigen,<br />

der die Zusammenhänge nicht voll erfasste, nach fast 80 Jahren zu rekonstruieren. Sicher ist<br />

aber, dass die gedrückte Stimmung der Eltern wegen der völligen Wehrlosigkeit gegenüber<br />

dem schreienden Unrecht sich tief in mein Gedächtnis eingeprägt hat.<br />

34 35


Biografie von Jettchen Bär geb. Elsasser<br />

(1868-1948)<br />

von Lukas Bratan und Raphael Waal, Klasse 8t<br />

Jettchen Bär hatte ein bewegtes Leben, das mit Sicherheit viele Höhen und vor allem<br />

Tiefen hatte. Besonders fällt auch auf, dass sie das Schicksal an viele unterschiedliche<br />

Wohnorte führte. Geboren wurde sie als „Jäntel“ Elsasser am 29.12.1868 in Rohrbach<br />

bei Sinsheim als jüngste Tochter des Essigsieders Aschur Elsasser und seiner Frau Gustel<br />

Emanuel. Sie wuchs mit vier Brüdern und zwei Schwestern auf, zu denen sie wohl zeitlebens<br />

enge Beziehungen hatte. Auch wenn die Familien beider Eltern alteingesessen in<br />

Rohrbach waren und der Vater auch hin und wieder als „Fabrikant“ bezeichnet wurde,<br />

so war der Horizont von Jäntels Jugend in dem kleinen Kraichgauort sicher relativ beschränkt.<br />

Immerhin schien der Vater einigermaßen wohlhabend gewesen zu sein, da<br />

seine Firma 1900 eine Zweigniederlassung in Karlsruhe eröffnen konnte. 1904 wurde die<br />

Firma durch den ältesten Sohn Max ganz nach Karlsruhe verlegt. Jäntel, die später „Jettchen“<br />

genannt wurde, zog zu einem unbekannten Zeitpunkt, wahrscheinlich anlässlich<br />

ihrer Eheschließung, nach Heidelberg.<br />

Der Ehemann Bernhard Bär, geboren 1862 in Rohrbach bei Heidelberg (!), war in doppeltem<br />

Sinne verschwägert, und so kann spekuliert werden, ob sich die beiden bei einem<br />

verwandtschaftlichen Treffen kennen gelernt hatten oder ob die Eheschließung arrangiert<br />

war – in damaliger Zeit nicht unüblich. Am 5.10.1893 heiratete das Paar in Heidelberg<br />

und lebte, gemäß Adressbuch, in der Hauptstraße 188 in Heidelberg. Bernhard war<br />

der Inhaber der Firma „Baer und Hilb, D. Baer Nachfolger, Manufaktur-, Modewarenund<br />

Damenkonfektionsgeschäft, Großhandlung und Kleinverkauf “. Dort wohnten sie<br />

zusammen mit Sophie Bär geb. Elsasser (1837-1912). Diese war – Achtung, kompliziert!<br />

Geburtsurkunde von Jäntel Elsasser in Rohrbach bei Sinsheim. Der jüdische Zwangsname „Sara“ wurde<br />

1939 auf den Rand der Geburtsurkunde eingefügt. Foto: www2.landesarchiv-bw.de.<br />

– einerseits die Schwester von Jettchens Vater Ascher Elsasser (1828-1913) und andererseits<br />

die Stiefmutter von Bernhard Bär, nämlich die dritte Frau von Bernhard Bärs Vater<br />

Daniel Jakob Bär (1816-1877). Etwas vereinfacht: Jettchens Tante war gleichzeitig ihre<br />

Schwiegermutter.<br />

Doch dem nicht genug: Jettchens Bruder Abraham Elsasser, der Medizin studiert und<br />

promoviert hatte, sich Albert nannte und sicher der Stolz der sonst im kaufmännischen<br />

Bereich tätigen Familie war, hatte 1888 seine Cousine Betty Bär geheiratet – sie war nämlich<br />

eine leibliche Tochter dieser besagten Tante Sophie Bär geb. Elsasser und Daniel<br />

Jakob Bär. Dr. Albert Elsasser und seine Frau Betty lebten ebenfalls in Heidelberg, Plöck<br />

2, und bekamen in den Jahren 1889, 1895 und 1898 drei Töchter, die in Heidelberg aufwuchsen.<br />

Dr. Albert Elsasser scheint in Heidelberg anerkannt gewesen zu sein. Als das<br />

Heidelberger „Rote Kreuz“ nämlich im Dezember 1914 in Tournai (Belgien) eine Militärverpflegungs-<br />

und Erfrischungsstation einrichtete, wurde er zum ärztlichen Leiter<br />

ernannt und zum Aufbau der Station entsandt. Auch die alten Eltern Aschur und Gustel<br />

Elsasser hatte Dr. Albert Elsasser betreut: Diese wohnten 1912, als die Mutter starb, in<br />

Heidelberg in der Alten Bergheimer Str. 5. Danach nahm er den alten Vater in seiner<br />

Wohnung auf, wo dieser dann neun Monate später, ebenfalls im Alter von nahezu 85<br />

Jahren, starb.<br />

Als die Eltern starben, war Jettchen selbst bereits verwitwet und lebte schon lange nicht<br />

mehr in Heidelberg. Ihre beiden Söhne Franz Daniel und Max Paul Bär waren 1894 und<br />

1896 noch in Heidelberg zur Welt gekommen. Da Max Paul bereits im Alter von neun<br />

Monaten in Straßburg starb, muss der Umzug der Familie dorthin in der Zwischenzeit<br />

erfolgt sein. 1903 wurde die Tochter Johanna in Mannheim geboren, sodass der Umzug<br />

dorthin zwischen 1897 und 1903 erfolgt sein muss (Adresse: R7, 38). Jettchens Ehemann<br />

Bernhard Bär, in Mannheim Generalvertreter der Bielefelder Leinenfabriken für Baden,<br />

konnte seiner Familie wahrscheinlich ein komfortables<br />

Leben ermöglichen – bis er im November<br />

1910 im Alter von nur 48 Jahren an einem Herzschlag<br />

verstarb.<br />

Jettchen sah sich gezwungen, abermals umzuziehen,<br />

diesmal nach Karlsruhe. Dort betrieben ihr<br />

ältester Bruder Max Elsasser und ihr jüngster Bruder<br />

Ludwig Elsasser gemeinsam eine Firma zum<br />

Handel mit Dünge- und Futtermitteln. Etwa von<br />

1913 bis 1928 wohnte sie zusammen mit ihrem<br />

unverheirateten Bruder Ludwig in Karlsruhe in<br />

der Kaiserallee 52, 1932/33 werden die beiden in<br />

der Viktoriastr. 23 genannt. Jettchens Tochter Johanna<br />

Bär wohnte wohl in den ganzen Jahren bei<br />

ihnen, sie war von 1925 bis zur „betriebsbedingten<br />

Kündigung“ im August 1935 Buchbinderin bei der Grabstein Bernhard Bär. Foto: privat.<br />

36 37


Fa. Gutsch in Karlsruhe. Vom Sohn Franz Daniel wissen wir nicht, ob er 1910/13 mit<br />

nach Karlsruhe gezogen war; er wurde jedenfalls Kaufmann und heiratete 1923 nach<br />

Bruchsal. 1933/34 fehlt von Jettchen Bär, Johanna Bär und Ludwig Elsasser im Karlsruher<br />

Adressbuch jede Spur, obwohl Ludwig Elsasser noch bis zu seinem Tod im Dezember<br />

1936 Geschäftsführer des Düngemittelhandels im Karlsruher Rheinhafen war. Er<br />

sollte der letzte der Familie in Karlsruhe sein. Nach dem Tod des ältesten Bruders Max<br />

Elsasser 1932 hatte dessen Sohn Rudolf Elsasser die Leitung des Betriebs zusammen mit<br />

Ludwig übernommen. Dieser Neffe wanderte aber 1936 nach Israel aus, sodass Jettchen<br />

Bär keine näheren Verwandten mehr in Karlsruhe hatte.<br />

Jettchen und ihre Tochter Johanna mussten abermals umziehen, diesmal nach Bruchsal,<br />

und Jettchen Bär wird im Bruchsaler Adressbuch von 1933/36 im Haus Schillerstr. 10<br />

genannt. Dort wohnte ihr Sohn Franz Daniel Bär, zusammen mit seiner Frau Toni geb.<br />

Ledermann, der 1924 geborenen<br />

Enkelin Ellen Bär und seiner<br />

Schwiegermutter, der verwitweten<br />

Mathilde Ledermann. Die<br />

Wohnung war seit Jahrzehnten<br />

von der Familie Ledermann gemietet.<br />

Franz Daniel wohnte mit<br />

seiner Familie zuvor am Hoheneggerplatz<br />

9, war aber schon<br />

Partie der Bruchsaler Schillerstraße, vom Kino aus gesehen.<br />

Foto: Michael Hofmeister (www.bruchsaler-ansichtskarten.de).<br />

38<br />

1931/32 in der Schillerstr. 10 bei<br />

der Schwiegermutter gemeldet.<br />

Jettchens Tochter Johanna Bär<br />

wohnte auch kurzzeitig in Bruchsal, und sie gab später an, dass der Umzug von Karlsruhe<br />

nach Bruchsal 1935 erfolgte, weil sie aus rassischen Gründen im August 1935 entlassen<br />

worden war, und sie im August 1936 von der Bruchsaler Adresse Kaiserstraße 16<br />

aus nach Argentinien auswanderte. Dass sie dort gemeinsam mit Jettchen Bär und der<br />

ledigen Tante Karoline Elsasser, Jettchens jüngster Schwester, wohnte, geht aus dem<br />

Adressbuch von 1938 hervor – allerdings sind die Jahresangaben so nicht ganz stimmig.<br />

Im Juli 1938 musste Jettchen Bär abermals Abschied nehmen von dem Mann, der sie<br />

ernährte – nach ihrem Ehemann 1910 und ihrem Bruder 1936 war es jetzt der einzige<br />

Sohn: Franz Daniel Bär wanderte zusammen<br />

mit seiner Ehefrau Toni, seiner Tochter<br />

Ellen und seiner Schwiegermutter Mathilde<br />

Ledermann über Luxemburg und Le<br />

Havre nach New York aus und ließ sich in<br />

Los Angeles nieder.<br />

Auch ihre wohl nur kurzzeitig genutzte<br />

Wohnung in der Kaiserstraße 16 mussten<br />

die beiden in Bruchsal zurückgebliebenen<br />

Todesanzeige von Jettchen Bär. Foto: Aufbau.<br />

Von links: Franz Daniel, Toni und Johanna Bär. Foto 1 und 2: privat, Foto 3: GLA KA 480 Nr. 26017.<br />

Schwestern Jettchen Bär und Karoline Elsasser wieder aufgeben – bei der Volkszählung<br />

im Mai 1939 wohnte Jettchen in der Schloßstr. 5, Karoline in der Rheinstr. 26. Vor der<br />

Deportation nach Gurs mussten beide abermals umziehen: Karoline zog 1939 nach<br />

Mannheim ins Jüdische Altersheim, Jettchen wahrscheinlich im Frühjahr 1940 ins Haus<br />

Bismarckstr. 3, in eines der Bruchsaler sog. „Judenhäuser“.<br />

Wie alle anderen Bruchsaler Juden wurde Jettchen Bär, inzwischen 72-jährig, am<br />

22.10.1940 nach Gurs deportiert, wo sie wieder auf ihre Schwester Karoline Elsasser traf.<br />

Wenn die Angaben der Tochter Johanna stimmen, war die Deportation für Jettchen besonders<br />

tragisch, da Jettchen nur drei Wochen gefehlt haben sollen, um nach Argentinien<br />

auszuwandern. Die ganze Habe sei schon verpackt in Hamburg gelagert gewesen.<br />

Am 19. Januar 1942 wurde Jettchen von Gurs ins Camp de Noé überstellt und ist von<br />

dort aus am 20.8.1943 nach Martel in Lothringen gekommen. Dort war sie bis 31. Januar<br />

1946 in einem gewöhnlichen Altersheim untergebracht und entging somit der Deportation<br />

nach Auschwitz. Dann kam sie, zusammen mit ihrer Schwester Karoline, nach<br />

Lourdes ins „Centre d’acceuil international“ und aus gesundheitlichen Gründen am<br />

6.9.1947 in die medizinische Klinik des Hotel Dieu in Rennes. Es wurde Lungenkrebs<br />

diagnostiziert. Jettchen Bärs Zustand verschlimmerte sich immer mehr, sodass sie am<br />

3. Januar 1948 verstarb. Ihren Sohn Franz Daniel, der wohl in regelmäßigem Briefkontakt<br />

mit seiner Mutter und „Tante Karoline“ stand, hatte sie seit 10 Jahren nicht mehr<br />

gesehen. Besonders tragisch ist auch, dass Jettchens Tochter Johanna in Argentinien erst<br />

viele Jahre später erfuhr, dass ihre Mutter den Krieg überlebt hatte.<br />

Todesanzeige von Franz Daniel Bär. Foto: Aufbau.<br />

39<br />

Todesanzeige von Toni Bär. Foto: Aufbau.


Aschur „Ascher“ und Auguste Elsasser<br />

(Eltern von Jettchen Bär)<br />

Aschur „Ascher“ Elsasser * 06.02.1828 Rohrbach bei Sinsh. † 20.01.1913 Heidelberg<br />

(S. v. Maier Elsasser (1793-1848), Handelsmann in Rohrbach/Snh. u. Augustine „Gutel“ Stein (1800-1873))<br />

1855 Schutzbürger und Handelsmann in Rohrbach/Sinsheim; Essigsieder; Fabrikant<br />

verh. 28.08.1855 Rohrbach bei Sinsheim<br />

Auguste „Gustel“ Emanuel * 21.04.1827 Rohrbach/S. † 06.04.1912 Heidelberg<br />

(T. v. Liebmann Jakob Emanuel (~1787-1868) u. Caroline „Gutel“ Rastatter (~1795-1841), Rohrbach/Snh.)<br />

9 Kinder:<br />

1. Maier „Max“ Elsasser * 01.02.1857 Rohrbach/Snh. † 04.08.1932 Karlsruhe<br />

nennt sich seit 1887 „Max“, 1900-1932 Kaufmann in Karlsruhe (Handel mit Dünger- und Futtermitteln)<br />

zusammen mit Schwager Hermann Darnbacher sowie Bruder Ludwig Elsasser<br />

vh. 07.06.1887 Bühl Klothilde Darnbacher * 29.11.1863 Bühl † 28.11.1939 Mannh., beerd. in KA<br />

(T. v. Leopold Darnbacher (1824-1892), Weinhändler in Bühl, und Babette Epstein (1837-1921))<br />

3 Kinder:<br />

a) Alfred Friedrich Elsasser * 25.06.1888 Sinsheim † 07.01.1904 Karlsruhe<br />

b) Robert Elsasser „Ellis“ * 1891 Sinsheim † Adelaide/Australien<br />

1913 Student in Heidelberg, lebte in Mannheim, 1939 Emigration nach Australien<br />

vh. Marcelle Zivi * 1902 Genf/CH † Adelaide/Australien<br />

2 Kinder: Charlotte Ellis (1928-?); Gretel Ellis (1930-2005), vh./gesch. Donald Allan Dunstan<br />

Australischer Politiker, 1967-1979 Premier von South Australia (s. wikipedia!)<br />

c) Rudolf Leopold Elsasser * 17.02.1903 Karlsruhe † 18.05.1978 Kefar Sava/Israel<br />

Inhaber Dünger- und Futtermittelhandlung in Karlsruhe, 09.1936 nach Palästina ausgewandert<br />

vh. Erna Marum<br />

* 14.05.1905 Karlsruhe † 22.03.1962 Ra’anana/Israel<br />

2 Kinder: Ruth Elsasser (1931-2000) vh. Yitzchak Nishri; Meir Eilat (= Max Elsasser) (*1933)<br />

2. Hannchen Elsasser * 17.03.1859 Rohrb./Snh. † 19.03.1934 (beerd. in Waibstadt)<br />

vh. Max Götter * 28.05.1855 Ehrstädt † 19.10.1923 (beerd. in Waibstadt)<br />

wohnhaft in Ehrstädt, Kinder?<br />

c) Elisabeth Klara „Liesel“ Elsasser * 24.05.1898 Heidelberg † nach 1940 Israel<br />

1930 Sekretärin in Heidelb., 02.1936 nach Israel eingew., 1940 eingebürgert, Köchin, unverh., kinderlos<br />

4. Jakob Elsasser * 20.08.1862 Rohrbach/Snh. † 30.01.1885 Rohrbach/Snh.<br />

wohl unverheiratet und kinderlos<br />

5. Moses Hajum Elsasser * 14.12.1863 Rohrbach/Snh. † 26.02.1867 Rohrbach/Snh.<br />

6. Isaak Elsasser * 08.05.1865 Rohrbach/Snh. † 11.09.1865 Rohrbach/Snh.<br />

7. Klara „Karoline“ Elsasser * 26.08.1867 Rohrbach/Snh. † 12.05.1950 Rennes/F. (?)<br />

unklar, wo bis 1936 wohnhaft; 1938-01.1939 in Bruchsal wohnhaft; 1940 von Mannheim (jüd.<br />

Altersheim) nach Gurs deportiert; unverheiratet<br />

8. Jäntel „Jettchen“ Elsasser * 29.12.1868 Rohrbach/Snh. † 03.01.1948 Rennes/F (Kkh.)<br />

Heidelberg, 1910 Mannh., ~1913 Karlsruhe, 1930er nach Bruchsal, 22.10.1940 Gurs, Noé, 1943 Martel<br />

vh. 05.10.1893 HD Bernhard Bär * 24.04.1862 Rohrbach/HD † 11.11.1910 Mannheim<br />

(S. v. Daniel Jakob Bär (1816-1877) und seiner 2. Frau (vh. 1860) Johanna Fuld (1835-1863))<br />

1893 in Heidelberg (Hauptstr. 188), General-Vertreter der Bielefelder Leinenfabriken<br />

3 Kinder<br />

a) Franz Daniel Bär * 21.07.1894 Heidelberg † 03.03.1950 Los Angeles/USA<br />

Kaufmann in Bruchsal (Hoheneggerplatz 9, Schillerstr. 10), 07.1938 über Le Havre nach New York<br />

vh. 16.08.1923 Bruchsal Toni Bertha Ledermann * 26.02.1899 Bruchsal † 20.11.1947 LA<br />

(T. v. Josef Ledermann (1868-1918), Fabrikant in Bruchsal, und Mathilde geb. Westheimer (1874-?))<br />

1 Kind: Ellen Baer * 30.05.1924 Karlsruhe † 15.11.2004 New York<br />

wanderte 07.1938 zusammen mit den Eltern in USA aus, unverheiratet und kinderlos<br />

b) Max Paul Bär * 29.11.1896 Heidelberg † 22.07.1897 Straßburg<br />

c) Johanna Bär * 02.03.1903 Mannh. † 14.01.1978 Montevideo/Uruguay<br />

wohnte 1910-1935 in Karlsruhe, 1925-08.1935 Buchbinderin in Karlsruhe (Fa. Gutsch), 08.1936<br />

von Bruchsal (Kaiserstr. 16) über Hamburg nach Buenos Aires, ca. 1960 nach Montevideo/Uruguay<br />

vh. 02.04.1938 Buenos Aires, Max „Maximo” Borger * 06.10.1906 Berlin † 13.01.1974 Montevi.<br />

(unehel. S. v. jüd. Prof. Max Wolf, Berlin u. Hedwig Köpke, ev., Berlin; Stiefsohn von Heinrich Borger)<br />

wohnhaft in Berlin, 03.1936 nach Buenos Aires ausgewandert, Briefmarkenhändler<br />

1 Kind: Susanna Haydee Borger Baer *11.04.1942 Buenos Aires/Arg., 2017 wohnhaft in Montevideo/<br />

Uruguay, unverheiratet und kinderlos<br />

3. Dr. Abraham „Albert“ Elsasser * 01.12.1860 Rohrbach/Snh. † 08.07.1930 Heidelberg<br />

Arzt in Heidelberg (wohnhaft: Plöck 2, Heidelberg)<br />

vh. 30.07.1888 HD Betty Bär * 16.11.1866 Heidelberg † 16.11.1921 Heidelberg<br />

(T. v. Daniel Jakob Bär (1816-1877) und seiner 3. Frau (vh. 1865) Sophie Elsasser (1837-1912) –<br />

Schwester von Aschur Elsasser (1828-1913), siehe oben!)<br />

3 Kinder:<br />

a) Gertrud Elsasser * 15.05.1889 Sinsheim † nach 1942 Israel<br />

vh. Robert Eichberg * 16.02.1874 Bochum † nach 1942 Israel<br />

Ingenieur in Breslau, 04.1935 nach Palästina emigriert, 04.1942 Einbürgerung in Israel<br />

1 Kind: Lotte Eichberg (1914-1975) vh. Fritz Cohn (1908-1987), aus Gnesen/Polen, später in Israel<br />

b) Hedwig Elsasser * 04.03.1895 Heidelberg † vermutl. 03.1943 Auschwitz<br />

1920 Klavierlehrerin in HD, 1934 Musiklehrerin in Breslau, 04.03.1943 deportiert, unverh., kinderlos<br />

9. Liebmann „Ludwig“ Elsasser * 20.10.1871 Rohrbach/Snh. † 18.12.1936 Karlsruhe<br />

1902-1936 Geschäftsführer der A. Elsasser und der Elsasser & Co. GmbH Karlsruhe, lebte seit<br />

~1913 zusammen mit seiner verwitweten Schwester Jettchen Bär und Fam. in Karlsruhe, unverheiratet<br />

Von links: Klothilde und<br />

Max Elsasser, Gertrud<br />

Eichberg geb. Elsasser,<br />

Liesel Elsasser.<br />

Foto 1: Jüdisches Familienbuch<br />

Bühl, Foto 2+3:<br />

Immigration Palestine.<br />

40 41


Biografie von Josef Heid (1882-1944)<br />

von Rolf Schmitt<br />

„Führer der S.P.D., für die eine persönliche Gefährdung besteht oder zu befürchten ist,<br />

sind in Schutzhaft zu nehmen.“¹<br />

Josef Heid kam am 17. November 1882 in Stühlingen<br />

als Sohn des Grenzaufsehers (Zollbeamten) Wendelin<br />

Heid und dessen Ehefrau Luise, geborene Schneider,<br />

zur Welt. Josef, der evangelisch getauft wurde, verlor<br />

bereits als Kind seinen Vater. Dieser wurde, Josef war<br />

erst sechs oder sieben Jahre alt, auf dem Gelände der<br />

Zuckerfabrik Waghäusel durch eine einstürzende<br />

Halle erschlagen. Danach ging es der Familie finanziell<br />

schlecht. Die ärmlichen Verhältnisse erlaubten es<br />

der Mutter nicht, Josef aufs Gymnasium zu schicken.<br />

Zweimal war Josef Heid verheiratet. Seine erste Ehefrau,<br />

die evangelisch getaufte Sofie Sorn, kam am<br />

7. Juli 1887 in Unteröwisheim zur Welt; dort fand am<br />

10. April 1915 die Hochzeit statt. Sofie verstarb am<br />

14. November 1926 in Villingen. Der gemeinsame<br />

Sohn Werner wurde am 12. März 1916 in Villingen<br />

geboren und in Adelsheim baptistisch getauft. Er<br />

Werner und Margaretha Heid, um 1940. F.: privat.<br />

Josef Heid, um 1930. Foto: privat.<br />

heiratete am 18. Februar 1941 in Mannheim<br />

Margaretha Seltsam.<br />

Mit seiner zweiten Ehefrau, der am 8.<br />

Januar 1907 geborenen Anna Christine<br />

Höpfinger, eine Kusine von Sofie, ging<br />

Josef Heid am 10. April 1928 den Bund<br />

der Ehe ein. Die Hochzeit war wiederum<br />

in Unteröwisheim. Die Eheleute hatten<br />

zwei Kinder. Wilfried kam 1929 in<br />

Villingen zur Welt, der später auch Dieter<br />

genannte Dietrich am 3. September<br />

1933.<br />

Josef Heid schlug die Beamtenlaufbahn ein und war seit 1903 verbeamtet. Ab 1921 war<br />

er als Revisionsinspektor beim Bezirksamt Villingen (entspricht dem heutigen Landratsamt)<br />

beschäftigt. Diese Tätigkeit hatte er bis 1933 inne. Seine letzte Wohnadresse in<br />

Villingen war die Kirnacher Straße 26.<br />

Schon früh war Josef Heid in Villingen für die SPD aktiv. Seit 1922 war er Gemeinde-<br />

bzw. Stadtverordneter, nach der Gemeinderatswahl 1926 im Stadtverordnetenvorstand<br />

und Stellvertreter des Obmanns. Darüber hinaus engagierte er sich im Villinger Mieterschutzverein<br />

und war dort auch Vorsitzender. Er war Vorsitzender der SPD Villingen<br />

und ab 1926 Mitglied des Kreisrates. Daneben hatte er noch weitere Ehrenämter inne.<br />

Bei der Landtagswahl vom 27. Oktober 1929 wurde er für den Wahlkreis Villingen/Wolfach<br />

in den Landtag gewählt. Er war einer von 18<br />

SPD-Abgeordneten im 88 Mitglieder umfassenden<br />

badischen Landtag.<br />

Mit der Machtübertragung im Januar 1933 an<br />

die Nationalsozialisten änderte sich das Leben<br />

von Josef Heid und seiner Familie schlagartig.<br />

Bereits am 10. März 1933 wies die NS-Gauleitung<br />

in einem „dringenden Funkspruch“ unter<br />

anderem an, „Führer der S.P.D., für die eine persönliche<br />

Gefährdung besteht oder zu befürchten<br />

ist, sind in Schutzhaft zu nehmen“¹. Die Villinger<br />

Ortsgruppe der NSDAP schrieb am nächsten<br />

Tag an die örtliche Polizei: „Wir bitten folgende<br />

Persönlichkeiten sofort in Schutzhaft zu nehmen,<br />

da wir für deren persönliche Sicherheit infolge<br />

ihres seitherigen Verhaltens unseren Parteigenossen<br />

gegenüber, keine Garantie mehr übernehmen<br />

können“. In diesem Schreiben waren dann sechs<br />

Personen aufgeführt, darunter „Wilh. Schifferdecker,<br />

Gewerkschaftssekr.“, „Ludwig Uebler, Regierungsrat<br />

beim Arbeitsamt Villingen“ und „Josef Heid, M.d.L. Revisionsinspektor“. Das Schreiben<br />

war unterzeichnet von den Vertretern der Villinger NSDAP-Ortsgruppe sowie<br />

der SS- und der SA-Führung.² In der Nacht vom 16. auf den 17. März 1933 wurden diese<br />

Personen von SA- und SS-Leuten festgenommen, auf dem Weg zur Villinger Polizeiwache<br />

misshandelt und dann der Polizei zur „Inschutzhaftnahme“ übergeben. Die Misshandlungen<br />

waren so gravierend, dass die Inhaftierten für zehn Tage im Krankenhaus<br />

behandelt werden mussten. Danach wurden sie im Villinger Gefängnis arrestiert.<br />

In einem Scheiben vom 13. April 1933 heißt es: „Die Verletzungen […] waren derart, dass<br />

eine Aufnahme in das Amtsgerichtsgefängnis untunlich erschien und daher ihre Unterbringung<br />

in das Städt. Krankenhaus veranlasst werden musste“. Die Misshandelten mussten<br />

die Krankenhauskosten selbst bezahlen. Josef Heid blieb bis zum 29. Mai 1933 im Villinger<br />

Bezirksgefängnis, anschließend kam er ins Konzentrationslager Heuberg und wurde<br />

dort am 27. Juni 1933 entlassen. Auch für den Gefängnis- und KZ-Aufenthalt musste er<br />

selbst aufkommen.<br />

Bereits am 7. April 1933 war Josef Heid eröffnet worden, dass er aufgrund des Gesetzes<br />

zum Schutz des Berufsbeamtentums unter Kürzung seiner Pensionsansprüche auf die<br />

42 43<br />

Anna und Josef Heid mit Sohn Dietrich (?)<br />

im Gartenweg 37, um 1938. Foto: privat.


Anna und Josef Heid bei der Hochzeit von Margaretha und<br />

Werner, 1941. Foto: privat.<br />

Hälfte fristlos seines Amtes enthoben<br />

sei.<br />

Nach der Entlassung aus dem<br />

Konzentrationslager Heuberg<br />

erhielt Josef Heid von der Stadtverwaltung<br />

Villingen am 1. August<br />

1933 einen „Stadtverweis“,<br />

musste also seine Heimatstadt<br />

verlassen. Es war schwierig für<br />

ihn, für seine Familie und sich<br />

selbst eine neue Unterkunft zu<br />

finden. Sein Bruder in Konstanz<br />

weigerte sich die Familie<br />

aufzunehmen, ebenso wie ein<br />

in Öhringen lebender Schulfreund.<br />

Die Ausreise ins schweizerische Kreuzlingen, wo ihn ein Bekannter aufgenommen<br />

hätte, wurde ihm verweigert. Zunächst kam die Familie bei den Schwiegereltern in<br />

Unteröwisheim unter, dan fand sie Zuflucht im Bruchsaler Gartenweg, wo sein Schwiegervater<br />

ein kleines Häuschen auf den Namen von Heids Ehefrau kaufte.<br />

Große Teile des Umzuges musste der 17-jährige Sohn Werner organisieren, war zu dieser<br />

Zeit doch die Mutter Anna zur Entbindung von Dietrich im Krankenhaus und war<br />

doch sein Vater seit 6. September 1933 erneut im Villinger Gefängnis inhaftiert wegen<br />

angeblicher „Provokation der SA“.<br />

Anfang September rottete sich gegen Abend eine „empörte Volksmenge“ vor dem Wohnhaus<br />

Kirnacher Straße 26 in Villingen zusammen. Rufe wurden laut: Holt ihn runter und<br />

schlagt ihn tot und dergl. [...] Die Haltung wurde immer bedrohlicher, es wurde versucht,<br />

eine Leiter anzustellen. Es wurde mit Steinen geworfen. Nach einiger Zeit kamen dann<br />

zwei Polizeibeamte und haben meinen Vater in Schutzhaft genommen. [...] Namen von<br />

Demonstranten zu nennen ist zwecklos, da diese inzwischen alle honorige Demokraten<br />

geworden sind und sich nicht mehr erinnern können.“ Werner Heid, 12.11.1959.<br />

Nach der Entlassung aus dem Gefängnis am 1. Oktober 1933 durfte Josef Heid nicht<br />

mehr in seine Wohnung; er wurde direkt zum Bahnhof zur Abfahrt nach Bruchsal verbracht.<br />

Josef Heid musste sich nun jede seiner Aktivitäten von der Polizei genehmigen lassen.<br />

Kein Besuch bei den Schwiegereltern in Unteröwisheim, keine Fahrt ins Umland von<br />

Bruchsal oder gar in die alte Heimat, ohne dass er vorher bei der Polizei um Erlaubnis<br />

fragen musste.<br />

Josef Heid versuchte zunächst, sich und seine Familie mit einer kleinen Hühnerzucht<br />

finanziell über die Runden zu bringen. Er bildete sich in Fernkursen zum Bilanzbuchhalter<br />

fort und war für Bruchsaler Firmen tätig. 3 1941 wurde er zum Domänenamt in<br />

Bruchsal dienstverpflichtet, erst ab dann erhielt er wieder ein regelmäßiges Gehalt. Doch<br />

auch diese geringe Nebeneinnahme wurde ihm nach 1 ½ Jahren wieder genommen und<br />

ihm wurde zudem noch jede gleichartige Tätigkeit verboten. Mehrmals wurde seine<br />

Bruchsaler Unterkunft von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) durchsucht. Jedesmal<br />

verliefen diese Durchsuchungen ergebnislos.<br />

Nach dem gescheiterten Attentat auf<br />

Adolf Hitler am 20. Juli 1944 wurden<br />

im ganzen Reichsgebiet die früheren<br />

Mandatsträger der politischen Parteien<br />

im Rahmen der „Aktion Gitter“<br />

von der Gestapo verhaftet und in<br />

Konzentrationslager eingeliefert, darunter<br />

auch Josef Heid.<br />

Der 62-jährige Josef Heid war am<br />

8. August 1944 mit seinem gerade<br />

mal elfjährigen Sohn Dietrich Richtung<br />

Bruchsaler Innenstadt unterwegs.<br />

Dietrich wollte an diesem heißen<br />

Sommertag ins Schwimmbad,<br />

der Vater hatte in der Stadt etwas<br />

zu erledigen. Auf der Kaiserstraße<br />

wurde Josef Heid verhaftet. Dietrich<br />

Josef Heid mit seinen Söhnen Wilfried und Dietrich, um<br />

1941. Foto: privat.<br />

erzählte öfters von diesem Ereignis: „Mein Vater wurde mir buchstäblich aus der Hand<br />

gerissen. Wir haben den Vater nie wieder gesehen“. Die Festnahme seines Vaters prägte<br />

Dieter ein Leben lang.<br />

Josef Heid wurde von Bruchsal aus ins Konzentrationslager Dachau verbracht. Dort ist<br />

er wohl umgebracht worden. Seine Frau Anna erhielt von der Lagerverwaltung am 27.<br />

Januar 1945 die lapidare Mitteilung: „Ihr Ehemann Josef Heid, geb. 17.11.82 zu Stühlingen,<br />

ist am 21. Dezember 44 an den Folgen von Lungenentzündung im hiesigen Krankenhaus<br />

verstorben. Die Leiche wurde am 25.12.44 im staatlichen Krematorium in Dachau<br />

eingeäschert. Der Totenschein ist anliegend beigefügt. Der Lagerkommandant KLD“. Die<br />

tatsächlichen Umstände seines Todes wurden nie bekannt.<br />

Zur Erinnerung an Josef Heid tragen seit März 1952 in Unteröwisheim und seit August<br />

1972 in Bruchsal jeweils eine Straße seinen Namen. In Villingen, dem Ort seines politischen<br />

Wirkens, erinnern seit 1972 der Heid-Platz und seit 1987 eine Gedenktafel am<br />

dortigen Heid-Brunnen an ihn. In Karlsruhe wurde im November 2013 vor dem Ständehaus,<br />

dem ehemaligen Sitz des badischen Landtags, ein Stolperstein für Josef Heid<br />

verlegt. In Bruchsal erinnert vor dem Haus Gartenweg 37 seit dem 5. Juli <strong>2018</strong> ein Stolperstein<br />

an Josef Heid.<br />

¹ , ² Staatsarchiv Freiburg LRA Villingen Nr. 1246<br />

3<br />

Unter anderem war Josef Heid tätiv für die Blechnerei Haas, Farbenfabrik E. Isenmann, G. Haubensak,<br />

Bauunternehmen Konrad Schweikert oder Glasermeister A. Schmiedle.<br />

44 45


Rückblick auf die dritte Bruchsaler<br />

Stolpersteinverlegung am 26. April 2017<br />

von Rolf Schmitt<br />

Bereits zum dritten Male wurden am 26. April 2017<br />

in Bruchsal <strong>Stolpersteine</strong> verlegt. Dieses Mal für insgesamt<br />

16 Menschen, die in das Menschenbild der<br />

Nationalsozialisten nicht passten, hatten sie doch die<br />

falsche Religionszugehörigkeit und wurden daher aus<br />

rassistisch und antisemitisch motivierten Gründen<br />

verfolgt – oder waren behindert und wurden aus diesem<br />

Grund als „lebensunwert“ systematisch ermordet.<br />

Die Angehörigen der Holocaust-Opfer reisten zum<br />

Teil von weither an. Bereits zum zweiten Mal innerhalb<br />

weniger Jahre besuchte Daniel Grzymisch aus<br />

Kanada Bruchsal. Während er 2013 mit seiner Ehefrau<br />

Ana angereist war, wurde er 2017 von seinen<br />

beiden Söhnen Axel und Jonathan begleitet. Daniel<br />

Grzymisch ist der Großneffe des letzten Bruchsaler<br />

Rabbiners, Dr. Siegfried Grzymisch. Dass Daniel<br />

Grzymisch jetzt wieder in Bruchsal war, ist so überraschend<br />

nicht, betonte er doch bereits 2013: „Der heutige Tag bleibt mir sicher unter<br />

den wichtigsten Erinnerungen. Bruchsal hat ab heute einen besonderen Platz in meinem<br />

Leben.“ Für Dr. Siegfried Grzymisch, dessen Ehefrau Carola und die Mitbewohnerin<br />

Charlotte „Lina“ Mayer wurden <strong>Stolpersteine</strong> in der Huttenstraße 2 verlegt.<br />

„Ich schätze sehr, was die Bruchsaler für uns taten. Es war tatsächlich sehr berührend<br />

und interessant, da wir nicht viel über das Schicksal unserer in Deutschland verbliebenen<br />

Familie wussten. Ich bin froh, durch diese Bemühungen etwas mehr über die Geschichte<br />

meiner Familie zu erfahren und dass viele von denen, die in der Vergangenheit leiden<br />

mussten, nun wieder gewertschätzt werden.“<br />

Axel Grzymisch, Kanada<br />

Eine längere Anreise hatte auch die große Reisegruppe<br />

der Angehörigen der Familie Weil/<br />

Löb. Die in Bruchsal geborene Edith Löb,<br />

Jahrgang 1927, konnte aus gesundheitlichen<br />

Gründen nicht in ihre Geburtsstadt kommen,<br />

ansonsten war fast die ganze Familie aus den<br />

Von links: Julie Leuchter Thum mit Ehemann, Amanda<br />

Thum, Debbie Leuchter Stueber mit Ehemann, Kurt Leuchter<br />

und Nathan Yellon. Foto: Martin Stock.<br />

46<br />

Von links: Daniel, Jonathan und Axel<br />

Grzymisch. Foto: F. Jung.<br />

USA angereist. Ediths Ehemann Kurt Leuchter aus Florida<br />

wurde begleitet von den beiden Töchtern Debbie<br />

(Pennsylvania) und Julie (Brooklyn) sowie deren Ehemännern<br />

und den beiden erwachsenen Enkelkindern,<br />

Amanda Thum und Nathan Yellon. Der Stolperstein für<br />

Ediths Großmutter Mathilde Weil wurde vor der Huttenstraße<br />

26 verlegt. Vor der Friedrichstraße 53 liegen nun<br />

<strong>Stolpersteine</strong> für Ediths Eltern, Max und Julie Löb, ihren<br />

Bruder Heinz und für Edith selbst, ist doch auch sie ein<br />

Opfer des Holocaust. Sie wurde nach Gurs deportiert,<br />

konnte aber in Waisenhäusern überleben. Dort lernte sie<br />

auch ihren späteren Ehemann Kurt kennen, den sie 1949<br />

durch einen Zufall in einem New Yorker Museum wieder<br />

traf. Kurz danach heirateten die beiden.<br />

„Ich will mich noch einmal bei Ihnen bedanken für alles, was sie für uns getan haben.<br />

Ich bin sehr froh, Sie kennen gelernt zu haben. Es war eine sehr lange Fahrt für mich, besonders<br />

nach Hause! Bin um 5:30 in der Früh‘ in Frankfurt am Flughafen gewesen und<br />

der Flug war um 8:00. Bis ich nach Hause kam war es nach Mitternacht bei uns. Mit 88<br />

Jahren ist es sehr schwer so eine Reise zu machen. Aber ich war doch sehr froh, dass wir<br />

alle bei euch waren.“<br />

Kurt Leuchter, Florida, USA<br />

„Nach Deutschland zurückzukehren hieß, zu den Wurzeln zurückzukehren. Seit ich<br />

wieder zu Hause bin, hörte ich viele Juden sagen, dies sei ein „Wurzelzug“ gewesen. Für<br />

mich war es tatsächlich jedoch eine Möglichkeit, das Trauma der Ahnen im wörtlichen<br />

wie im übertragenen Sinne zu wiederholen und den Prozess des Erinnerns fortzusetzen.<br />

Rückkehren heißt erinnern. Es endete nicht dort; es geht weiter, genau hier.“<br />

Amanda Thum, Hawaii, USA<br />

Friedrich Molitor, für den ein Stolperstein<br />

in der Durlacher Straße 71 verlegt<br />

wurde, hatte die richtige Religionszugehörigkeit,<br />

wurde er doch 1907 in der Bruchsaler<br />

Pauluskirche katholisch getauft.<br />

Sein Makel war, körperlich und geistig<br />

behindert zu sein. So wurde ihm im Rahmen<br />

der „Aktion T4“ „der Gnadentod<br />

gewährt“. Die Nationalsozialisten fühlten<br />

sich besonders dann stark, wenn sie gegen<br />

wehrlose Menschen vorgingen. Friedrich<br />

Molitors Neffe lebt heute noch mit seiner<br />

Familie in Bruchsal, sie begleiteten die<br />

Recherchen über Friedrich dankbar.<br />

V. li.: Christa Molitor, Cornelia Petzold-Schick, Bernd<br />

Molitor, Jonathan Brütsch u. Rolf Molitor. F.: F. Jung.<br />

47<br />

Edith Leuchters ehem. Klassenkameradin<br />

Maria Thome und Ehemann<br />

im Gespräch mit Kurt Leuchter (re.).


Hinten, von links: Paula Pels, Nico Busch, Valery Pels, Stephen Grosz,<br />

Evangelos Karakas, Serhat Tapan und Vicki Grosz.<br />

Vorne: Edwin und Chantal Baer. Foto: F. Jung.<br />

Weit über die ganze Welt<br />

verstreut leben die Nachfahren<br />

und Familienmitglieder<br />

von Friedrich Sem<br />

Bär und dessen Ehefrau<br />

Franziska sowie deren<br />

1921 geborenen Tochter<br />

Therese „Resi“ Bär, für die<br />

jetzt <strong>Stolpersteine</strong> vor der<br />

Schwimmbadstraße 17 liegen.<br />

Resi Bär verlor nie<br />

ihre Heimatstadt aus der<br />

Erinnerung. Nach dem 2.<br />

Weltkrieg war sie 1949,<br />

1986 und 2002 zu Besuch<br />

in Bruchsal.<br />

Aus Großbritannien reiste<br />

ihr Sohn Stephen Grosz<br />

mit Ehefrau Vicki an, aus<br />

der Schweiz Edwin Baer<br />

und Ehefrau Chantal und aus Frankfurt Valery Pels, allesamt Nachfahren der großen<br />

Untergrombacher Bär-Sippe. Die Großeltern und Eltern von Valery Pels mussten in<br />

den 1930ern nach Argentinien fliehen. Das Treffen in Bruchsal nutzten die Mitglieder<br />

der Bär-Familie, auch den jüdischen Friedhof von Obergrombach zu besuchen. Dort<br />

vereinbarten sie, eine neue Gedenkplatte für Leopold und Therese Bär aus Untergrombach<br />

in der leeren Nische von deren Grabstein anbringen zu lassen. (Siehe auch den Beitrag<br />

von Thomas Adam: „Neuer Grabstein für die Urgroßeltern Bär“, Seite 50.)<br />

„Ich finde nicht genug Worte um ihnen zu danken. Wir werden nie vergessen, was heute<br />

für uns getan wurde. Dadurch wurde unser Leben in mehrfacher Weise geändert. Ich<br />

möchte dies in den Worten unseres 14 Jahre alten Sohnes wiedergeben: Mom, das war ein<br />

wundervoller Tag! Heute habe ich mehr gelernt als in einem Jahr Schulunterricht.“<br />

Valery Pels, Frankfurt<br />

„Die Zeremonie war sehr bewegend und wir haben uns alle sehr gefreut über das herzliche<br />

Willkommen, das uns entgegengebracht wurde. Das große persönliche Interesse der<br />

Oberbürgermeisterin hat uns [...] sehr gefreut. Diese Feierstunde war auch eine Möglichkeit,<br />

um die Verbindungen innerhalb unserer Familie zu erneuern und neue Familienmitglieder<br />

kennen zu lernen, von denen wir zwar wussten, die wir aber bisher nie getroffen<br />

hatten. Das Treffen hat dazu geführt [...], dass wir nun für September <strong>2018</strong> ein großes<br />

Familientreffen in Bruchsal geplant haben.“<br />

Stephen Grosz, London<br />

In der Bismarckstraße 10 wohnten die<br />

Eheleute Simon und Rosalie „Rosa“<br />

Marx, sowie deren Kinder Betty „Liesel“<br />

und Trude. Die Eltern wurden im<br />

Holocaust ermordet, Betty und Trude<br />

konnten noch rechtzeitig in die USA<br />

fliehen. Trude heiratete dort, blieb<br />

aber wie ihre unverheiratete Schwester<br />

Betty kinderlos. Trotz intensiver<br />

Recherchen konnten keine Nachfahren<br />

oder Verwandten gefunden werden,<br />

die hätten an den Stolpersteinverlegungen<br />

teilnehmen können.<br />

Rolf Schmitt rezitiert ein Gedicht des Bruchsaler<br />

Gymnasiallehrers Ludwig Marx bei der Verlegung<br />

in der Bismarckstraße 10. Foto: F. Jung.<br />

Heike und Tobias Scheuer umrahmten die Verlegung am<br />

Haus Schwimmbadstr. 17 musikalisch. Foto: F. Jung.<br />

Nach dem Setzen des letzten <strong>Stolpersteine</strong>s<br />

machten sich die Teilnehmer an den Zeremonien,<br />

die über zwei Stunden den Künstler<br />

Gunter Demnig beim Verlegen begleiteten,<br />

auf den Weg zum Justus-Knecht-Gymnasium.<br />

Bei der nachfolgenden, eindrucksvollen<br />

Gedenkfeier wurden von Schülern der<br />

8. Klassen des JKG die Lebensläufe der Holocaust-Opfer<br />

vorgestellt. Danach erinnerten<br />

die Angehörigen mit ihren eigenen Worten<br />

an ihre Anverwandten.<br />

Nach dieser Zeremonie trafen sich die Familien<br />

zu einem gemeinsamen Mittagessen,<br />

wobei eifrig Telefonnummern und Adressen<br />

ausgetauscht wurden – haben doch alle eine<br />

gemeinsame Wurzel: Bruchsal. Die Stadt, wo<br />

unsere Gäste oder deren Vorfahren zur Welt<br />

kamen, zur Schule gingen, heirateten, Kinder<br />

bekamen. Und die Stadt, aus der die Vorfahren<br />

fliehen mussten – soweit dies überhaupt<br />

noch möglich war.<br />

Bruchsal präsentiert sich erneut als eine weltoffene<br />

Stadt, die Gäste aus aller Herren Länder<br />

gerne bei sich aufnimmt. Die Bruchsaler<br />

Stolpersteinverlegungen sind wunderbare Möglichkeiten zur Verständigung über Ländergrenzen<br />

hinweg. Das zu Zeiten des Faschismus Geschehene wird allerdings nicht<br />

rückgängig zu machen sein.<br />

48 49


Neuer Grabstein für die Urgroßeltern Bär<br />

von Thomas Adam<br />

Die Idee entstand bei der Stolperstein-Verlegung 2017 –<br />

Nachfahren der Familie Bär ersetzen Grabplatte auf dem jüdischen Friedhof:<br />

Fast acht Jahrzehnte nach der Schändung erhalten Bestattete ihre Namen wieder.<br />

Ein Jahrhundert alt ist der Grabstein, doch trägt er nun eine neue, im Oktober 2017 angebrachte<br />

Schrifttafel mit den Namen und Lebensdaten der an dieser Stelle Bestatteten.<br />

Auf den ersten Blick vielleicht eine scheinbar alltägliche Begebenheit, wie sie jederzeit<br />

stattfinden kann auf einem Friedhof, näher betrachtet jedoch eine Geste von höchster<br />

Symbolkraft.<br />

Ort des Geschehens: Der jüdische Friedhof auf dem Eichelberg an der Gemarkungsgrenze<br />

zwischen Obergrombach und Bruchsal. Ende der dreißiger Jahre, kurz vor Entfesselung<br />

des Zweiten Weltkrieges, wurde diese letzte Ruhestätte der jüdischen Bevölkerung im<br />

südwestlichen Kraichgau verwüstet und ein Großteil ihrer Grabsteine geschändet; vom<br />

Friedhof haben die Täter sie damals fortgeführt und zur Befestigung von Wegerändern<br />

verwendet. Etliche geraubte Steine<br />

sind um die Jahrtausendwende geborgen<br />

worden und seither auf das<br />

Gräberfeld zurückgekehrt, manches<br />

aber bleibt verschwunden<br />

und wird wohl nie wieder aufzufinden<br />

sein.<br />

Fortgekommen ist auch die in<br />

einen mächtigen Grabstein eingetiefte<br />

Gedenkplatte für Leopold<br />

und Therese Bär aus Untergrombach,<br />

er gestorben 1898, sie<br />

1919. Wo einst die Platte mit dem<br />

Schriftzug sich befand, verblieb<br />

nur die leere Nische. Erhalten hat<br />

sich jedoch ein Foto, das in den<br />

zwanziger Jahren entstanden ist<br />

und bei der Rekonstruktion durch<br />

einen ortsansässigen Steinmetz die<br />

Von links: Chantal und Edwin Bär (Schweiz), Stephen und<br />

Vicky Grosz (London) vor dem „leeren“ Grabstein der Urgroßeltern<br />

auf dem Jüdischen Friedhof am Eichelberg (siehe dritte<br />

Gedenkschrift vom 26.4.2017, Seite 19) Foto: F. Jung.<br />

entscheidende Rolle spielte. Denn<br />

die damalige Bildqualität ist recht<br />

hoch, die Aufnahme erwies sich<br />

als detailliert genug, um auf ihrer<br />

Grundlage die historische Beschaffenheit und die originalen Schriftzüge bis in kleinste<br />

Einzelheiten nachbilden zu können.<br />

Die Initiative dafür haben die Nachfahren der Familie in privater Federführung ergriffen.<br />

Sie leben heute in Argentinien, Israel, Schweiz, Holland, Großbritannien und in den<br />

Vereinigten Staaten, ein Teil von ihnen aber kam zusammen zur dritten Bruchsaler Stolperstein-Verlegung<br />

im April 2017. Hier, bei dieser Gelegenheit, entstand der gemeinsame<br />

Wunsch, eine exakte Replik der Grabplatte ihrer Vorfahren wieder anbringen zu lassen.<br />

Durch Vermittlung von Florian Jung und Rolf Schmitt, in formalen Belangen unterstützt<br />

durch die Stadt Bruchsal, wurden auch in Absprache mit dem Friedhofsbeauftragten der<br />

Israelitischen Religionsgemeinschaft in Baden die Voraussetzungen für diese symbolhafte<br />

Aktion geschaffen. In Anwesenheit von Valery Pels mit ihren beiden Kindern und der<br />

fünfköpfigen Familie von Aviad Ben Izhak aus Israel erstand nun dieser Erinnerungsort<br />

für die in aller Welt lebenden Bär-Nachfahren neu, an dieser letzte Ruhestätte von<br />

Leopold und Therese, dem „Fundament unserer Familiengeschichte“ – so hat es Edwin<br />

Baer in einem Schreiben formuliert, der krankheitsbedingt nicht aus der Schweiz anreisen<br />

konnte. Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick würdigte die Aktion in einem persönlichen<br />

Gedankenaustausch mit den anwesenden Familienmitgliedern als einen besonderen<br />

Beitrag zur Erinnerung an die jüdischen Anteile in der deutschen Geschichte und<br />

zur Versöhnung in Anbetracht der NS-Gräuel und den Zerstörungen der Friedhofsanlage<br />

auf dem Eichelberg vor bald achtzig Jahren.<br />

Nach der Einfügung der originalgetreu durch die Fa. Stadelwieser nachgestalteten Grabplatte.<br />

Von links: Amir Ben Izhak, Efrat Ben Izhak, Tamar Ben Izhak, Aviad Ben Izhak, Nicolas Busch, Valery<br />

Busch and Meirav Ben Izhak. Vorne: Sofia Busch. Foto: Thomas Adam.<br />

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Preis für Erinnerungsarbeit<br />

Gemeinsam mit den Kommunen und Bundestagsabgeordneten der Region verleiht die<br />

Sparkasse Kraichgau jährlich den mit insgesamt 5250 Euro dotierten Bürgerpreis für vorbildliches<br />

Engagement. Im Jahr 2017 hat die Jury des Bürgerpreises „Für mich. Für uns.<br />

Für alle.“ aus insgesamt 46 Bewerbungen und Vorschlägen mehrere Preisträger für verschiedene<br />

Kategorien (Alltagshelden, Lebenswerk, U21) ausgewählt, darunter die Stolpersteingruppe<br />

am JKG. Die mit einem Preisgeld von 500 Euro dotierte Auszeichnung der<br />

Kategorie „U21“ löste bei den Schülerinnen und Schülern sowie dem betreuenden Lehrer,<br />

OStR Florian Jung, große Freude aus. Eine Abordnung der Projektgruppe des Schuljahrs<br />

2016/17 fuhr am 5. Oktober 2017 zur Eremitage Waghäusel, wo die diesjährige Preisverleihung<br />

unter Beisein der Oberbürgermeister von Bruchsal, Bretten, Sinsheim und Waghäusel,<br />

von Prof. Dr. Castellucci, MdB und dem Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse<br />

Kraichgau, Norbert Grießhaber, stattfand.<br />

„Die Steine lassen uns innehalten, sie rufen uns zu: Diese genannten Leute lebten mitten<br />

unter uns, sie waren unsere Nachbarn“, machte Prof. Dr. Werner Schnatterbeck, Oberschulamtspräsident<br />

a. D., deutlich, der in der Stolpersteinfunktion die Aufgabe sah, Menschen<br />

aus der Anonymität herauszuholen und vor dem Vergessen zu bewahren. An die<br />

Schüler des Justus-Knecht-Gymnasiums gerichtet erinnerte der Laudator an die Rede des<br />

Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 40. Jahrestag des Krieges und der nationalsozialistischen<br />

Gewaltherrschaft im Deutschen Bundestag: „Die Jungen sind nicht<br />

verantwortlich für das, was damals geschah. Aber sie sind verantwortlich für das, was in<br />

der Geschichte daraus wird.“<br />

Verleihung des Bürgerpreises durch den Vorstandsvorsitzenden der Sparkasse, Norbert Grießhaber<br />

(links) an Vertreter der Schülergruppe und OStR Florian Jung. Mit dabei Laudator Prof. Dr. Werner<br />

Schnatterbeck (rechts). Foto: Martin Heintzen.<br />

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