Stolpersteine_2017_lowRES

rolfschmitt

Gedenkschrift

zur dritten

Stolpersteinverlegung

in Bruchsal

am 26.4.2017

Stolpersteine

in Bruchsal


Inhaltsverzeichnis

1 Grußwort der Oberbürgermeisterin Cornelia Petzold-Schick

3 Einführung in das Schülerprojekt Florian Jung

Die Opferbiografien

5 Dr. Siegfried Grzymisch (1875-1944) Peter Wagner, Klasse 8s

7 Carola Grzymisch g. Schleßinger (1891-1944) David Henning, Klasse 8s

8 Übersicht Familie Grzymisch Florian Jung

9 Übersicht Familie Schleßinger Florian Jung, Heidemarie Leins

10 Mathilde Weil geb. Rothschild (1878-1941) Elisa-Marie Lühmann, Klasse 8s

11 Max Löb (1891-1968) und Lena Gräber, Klasse 8s

Julie Löb geb. Weil (1902-1942)

Lena Gräber, Klasse 8s

13 Edith Löb verh. Leuchter (geb. 1927) Ann-Zoi Verhaert, Klasse 8s

14 Heinz Löb (1931-1944) Angelina Scholl, Klasse 8s

15 Übersicht Familie Weil Florian Jung

16 Friedrich Molitor (1907-1940) Cihan Kati und Jan Bühn, Klasse 8s

19 Friedrich Sem Bär (1889-1942) Serhat Tapan, Klasse 8t

21 Franziska Bär geb. Rosenstein (1892-1942) Evangelos Karakas, Klasse 8t

22 Therese „Resi“ Bär verh. Grosz (1921-2015) Evangelos Karakas, Klasse 8t

24 Übersicht Familie Bär Florian Jung

26 Simon Marx (1876-1938) Mathias Böckle, Klasse 8s

28 Rosalie Marx geb. Mayer (1878-1942) Julian Dominicus, Klasse 8s

29 Betty „Liesel“ Marx (1907-1989) Julian Dominicus, Klasse 8s

30 Trude Marx verh. Frank (1909-1982) Julian Dominicus, Klasse 8s

31 Charlotte „Lina“ Mayer (1880-1942) Jonas Gerzen, Klasse 8u

32 Übersicht Familie Mayer Florian Jung, Helmut Sittinger, Franz Pfadt

Anhang

34 Preis für Erinnerungsarbeit Rolf Schmitt, Rainer Kaufmann

38 Rückblick auf die zweite Bruchsaler Florian Jung

Stolpersteinverlegung am 27.06.2016

43 75 Jahre Deportation nach Izbica Rolf Schmitt

Die Druckkosten dieser Broschüre wurden dankenswerterweise

von der BürgerStiftung Bruchsal übernommen.


Grußwort

der Oberbürgermeisterin

Zum zwischenzeitlich dritten Mal nach 2015 und

2016 werden am Mittwoch, 26. April 2017 durch

den Künstler Gunter Demnig Stolpersteine in

unserer Stadt verlegt. Stets waren Interesse und

Anteilnahme an diesen Aktionen groß, viele Teilnehmerinnen

und Teilnehmer haben sich zusammengefunden,

um an den jeweiligen Verlegestellen

der Opfer von Terror und Unterdrückung durch

das NS-Regime zu gedenken. In diesem Jahr sind

es sechzehn Menschen, sechzehn Schicksale, an die

wir erinnern wollen und deren Namen wir auf diese

besondere Weise vor dem Vergessen bewahren

können.

In Anwesenheit von Nachfahren und Verwandten der NS-Opfer, die wir an

diesem Tag mit Stolpersteinen würdigen werden, begeben wir uns diesmal gemeinsam

zu den Verlegestellen vor den Anwesen Huttenstraße 2 und 26, Friedrichstraße

53, Durlacher Straße 71, Schwimmbadstraße 17 und Bismarckstraße

10. Nach Verlegung der Stolpersteine findet zum Abschluss in der Aula des

Justus-Knecht-Gymnasiums ab 11.30 Uhr eine etwa einstündige Gedenkveranstaltung

in Erinnerung an die Opfer des NS-Unrechts statt.

Durch diese bereits zum dritten Mal in unserer Stadt ausgerichtete Aktion wird

ein weiterer wichtiger Schritt hin auf ein dauerhaftes Erinnern getan und zugleich

ein ehrenamtliches Engagement sichtbar, dessen Wurzeln eine Reihe von

Jahren zurückreichen. Dass nun bereits die dritte Verlegung von Stolpersteinen

erfolgen kann, beweist, wie groß und dauerhaft eben dieses bürgerschaftliche

Engagement in der Zwischenzeit wiederum war und weiterhin ist.

Einmal mehr danke ich daher allen Beteiligten – den Organisatoren, den Spendern,

den Ideengebern, all jenen, die diese Aktion mit vorbereitet haben. Der

BürgerStiftung Bruchsal bin ich in besonderem Maße dankbar, dass sie die Aufgabe

übernommen hat, Mittel für das gemeinnützige Projekt einzuwerben und

die Drucklegung dieser Broschüre zu ermöglichen.

1


Ein besonderer Dank gilt für das laufende wie bereits für das letztjährige Projekt

Herrn Florian Jung, Lehrer am Justus-Knecht-Gymnasium, und seiner Projektgruppe

aus Schülern der 8. Klasse. Die Jugendlichen haben unter fachkundiger

Anleitung und Betreuung intensiv zur Geschichte jener NS-Opfer recherchiert,

für die im Rahmen der diesjährigen Stolperstein-Aktion eine bleibende Erinnerung

entstehen wird. Dieses Engagement schafft etwas Bleibendes, das weit

über den engen Zeitraum eines Schulprojektes hinauswirkt. Die Lehren, die

aus den Schrecken des NS-Unrechts zu ziehen sind, müssen auch künftigen

Generationen Orientierung sein; aus der Erinnerung lernen heißt Irrwege vermeiden.

Ein großer Dank gilt wiederum auch Herrn Rolf Schmitt als weiterem Motor

der Bruchsaler Stolperstein-Aktion. Seinen gemeinsam mit Florian Jung unternommenen

familiengeschichtlichen Recherchen haben wir es zu verdanken,

dass – ähnlich den Stolperstein-Aktionen 2015 und 2016 – auch diesmal wieder

Angehörige der gewürdigten NS-Opfer aus Amerika und verschiedenen Teilen

Europas in Bruchsal zu Gast sind, um an der Zeremonie teilzunehmen.

Und so gelten mit Blick auf dieses Beisammensein, welches hierdurch ermöglicht

wird, in ganz besonderer Weise die Worte des christlich-libanesischen

Philosophen und Dichters Khalil Gibran: „Erinnern ist eine Form der Begegnung“.

Ich danke allen, die in diesem Sinne zu Begegnung und Erinnerung beigetragen

haben.

Cornelia Petzold-Schick

Einführung in das Schülerprojekt

von Florian Jung, OStR am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal

„Dringend notwendig ist, dass statt Kriegshelden

Friedenshelden im Zentrum jeder Bildung stehen.

Die Friedenshelden sind die echten Realisten der Geschichte. Über sie viel mehr

zu wissen und Mitgefühl für ihre Arbeit zu wecken, sich mit ihnen zu identifizieren –

das sind Fundamente für das Überleben der Menschheit.“

Diese Zeilen stammen von Prof. Dr. Frederick Mayer (1921-2006), einem weit über seine

Wirkungskreise in Kalifornien und Wien hinaus anerkannten und vielfach ausgezeichneten

Erziehungswissenschaftler und Philosophen, Kreativexperten und Autor von

rund 70 Büchern. Diese Zeilen gehörten untrennbar zum Kern seiner Mission, genauso

wie sein Engagement für globalen Humanismus, Förderung der Entwicklung

des jedem Menschen eigenen schöpferischen Potenzials, Ermutigung (statt Entmutigung)

in allen Bereichen der Gesellschaft, Kreativität bei der Gestaltung des eigenen

Lebens („Lebensstrategie“) oder auch der Kunst der Beurteilung („Vorurteile

bedrohen uns alle“).

Sicher mag ein Motor seiner Philosophie in seiner Biographie zu finden sein. Im Alter

von 15 Jahren floh der jüdische Junge „Friedrich Mayer“ aus Nazi-Deutschland,

sah seine Eltern erst Jahre später wieder und verlor mehrere Verwandte im Holocaust.

Zwei seiner Tanten, Rosa Marx geb. Mayer und Charlotte Lina Mayer, wurden

1940 von Bruchsal aus nach Gurs deportiert und starben in Auschwitz.

Wie lässt sich aber Frederick Mayers Forderung, sich mit den Friedenshelden zu

identifizieren und Mitgefühl zu wecken, in der Bildung realisieren und in unser Bildungssystem

integrieren? Am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal gibt es im 9-jährigen

Bildungsgang für alle Achtklässler die Möglichkeit, sich ein ganzes Schuljahr

lang mit einem Projektthema ihrer Wahl zu befassen. Auch in diesem Jahr kam eine

Gruppe von 13 Schülern zusammen, um sich mit den Biographien von 16 Bruchsalern

zu beschäftigen, die Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden. Für

diese verfolgten und oft ermordeten Menschen werden Stolpersteine in Bruchsal

gelegt, um sie im kollektiven Gedächtnis der Bruchsaler Bevölkerung zu erhalten

und um sie zu Friedenshelden werden zu lassen. In diesem Jahr werden auch die

beiden Tanten und weitere Verwandte von Frederick Mayer mit Stolpersteinen geehrt,

und wir haben von seinen ehemaligen Mitarbeiterinnen in Wien erfahren,

dass er diese Aktion sicher sehr begrüßt haben würde.

Einige von denen, für die Stolpersteine gelegt werden, wurden Friedenshelden auch

zu Lebzeiten, beispielsweise die heute 89-jährige Edith Leuchter geb. Löb. Sie wurde

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als 13-jährige ebenfalls von Bruchsal aus nach Gurs deportiert. Und sie hat ihre

Bereitschaft, Aufklärungs- und Versöhnungsarbeit zu leisten, an ihre Tochter und

gar Enkelin weitergegeben. Für unsere Schüler war es neben der Recherche der Opferbiografien

etwa im Generallandesarchiv Karlsruhe daher von besonderem Reiz,

Kontakt aufzunehmen mit den Angehörigen der Verfolgten. 17 dieser Angehörigen

werden zur Stolpersteinverlegung 2017 aus Kanada, den USA, Großbritannien, den

Niederlanden, der Schweiz und aus Deutschland anreisen, um Teil der Zeremonie

zu sein. Und unsere Schüler sind erwartungsvoll, diese Angehörigen persönlich

kennen zu lernen, um sich mit ihnen weiter über die verfolgten, oft ermordeten

Angehörigen austauschen zu können.

Neben der Arbeit mit Archivmaterial und den Auskünften der Angehörigen gibt es

auch zahlreiche Quellen an früheren Wohnorten unserer Bruchsaler Opfer, und so gilt

der besondere Dank Heidemarie Leins (Bretten), Helmut Sittinger und Franz Pfadt

(Leimersheim), Thomas Seitz (Oedheim), Walter Meister (Öhringen), Ronit Shimoni

(Frankfurt/M.), Prof. Dr. Erhard Schnurr (Leutershausen) und Kurt Fay (Odenheim)

– und natürlich den Bruchsaler Weggefährten Marlene Schlitz und Rolf Schmitt. Sie

alle haben dazu beigetragen, die Lebenswege dieser mit Stolpersteinen geehrten Menschen

für ihre Angehörigen, für unsere Schüler und auch für die interessierten Bruchsaler

Mitbürger greifbar werden zu lassen. Ob man dann letztlich von großen oder

kleinen „Friedenshelden“ sprechen kann, ob – nach Mayer – damit „Fundamente für

das Überleben der Menschheit“ erstellt wurden, mag diskutiert werden. Aber sicher

ist es ein Schritt – oder wenigstens ein Stolpern – in die richtige Richtung.

Projektgruppe „Stolpersteine“ der 8. Klassen am Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal:

Hinten von links: Julian, Jan, Cihan, Elisa-Marie; Mitte von links: Jonas, Mathias, Serhat, Evangelos, Lena;

vorne von links: Peter, David, Ann-Zoi, Angelina. Foto: Florian Jung

Biografie von Dr. Siegfried Grzymisch (1875-1944)

Siegfried Grzymisch wurde am 08.08.

1875 in Pleschen, heute Zentralpolen, geboren.

Er war der Sohn des Kaufmanns

Samuel Grzymisch und von Sofie Grzymisch

geb. Badt. Er hatte zwei jüngere

Brüder, Arthur und Georg Grzymisch.

Die jüdische Gemeinde in Pleschen umfasste

1875 über 1000 Personen, doch

durch die Abwanderung ging die Zahl

schnell zurück. Auch die Familie Grzymisch

zog 1891 nach Berlin. Siegfried

Grzymisch besuchte die Gymnasien

in Pleschen und Ostrowo. In Ostrowo

von Peter Wagner, Klasse 8s

machte er sein Abitur. Seit 1894 studierte er Philosophie, orientalische Philologie sowie

deutsche Literatur an der Universität Breslau. Er besuchte das Jüdisch-Theologische-Seminar

(kurz JTS), wobei man ihm 1896, anlässlich seiner „magna cum laude“ bestandenen

Promotion, bescheinigte, dass sein religiöser und sittlicher Lebenswandel stets dem Ernst

seines künftigen Berufes entsprach. 1900/1901 machte er sein Rabbinatsdiplom am JTS.

Vorher war Grzymisch vom 14.02.1900 bis zum 02.04.1900 Vertretungslehrer am Magdalenen-Gymnasium

Breslau und danach, vom 01.08.1901 bis 1902, Vertretungslehrer

am königlichen Gymnasium und stellv.

Rabbiner in Schneidemühl. Von 1902 bis

1906 war er Rabbiner in Magdeburg, von

1910 bis 1911 Landesrabbiner in Hoppstädten-Birkenfeld,

danach von 1911 bis

1940 als Nachfolger von Dr. Max Eschelbacher

in Bruchsal, zunächst als Rabbinatsverwalter,

später als Bezirksrabbiner.

Während seiner fast 30-jährigen Tätigkeit

in Bruchsal konnte Grzymisch zahlreiche

Akzente setzen und nahm auch

zahlreiche Sonderaufgaben wahr, außerdem

verheiratete er sich 1914 in Bruchsal

mit Carola Schleßinger, der Tochter des

Rabbiners von Bretten. Nach der Zurruhesetzung

seines Schwiegervaters 1920

Synagoge in Pleschen um 1900.

Foto: www.jüdische-gemeinden.de

Auszug aus dem Adressbuch Berlin, 1922. Darin:

Samuel Grzymisch, Siegfrieds Vater, und Arthur

Grzymisch, Siegfrieds Bruder. Foto: www.digital.zlb.de

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übernahm er auch Bretten als Bezirksrabbiner. Als Mitglied

und zeitweiliger Vorsitzender des Lehrplan-Ausschusses erstellte

er 1920 neue Lehrpläne für den israelitischen Religionsunterricht

in Baden. 1925 übernahm er vorübergehend

die Betreuung des verwaisten Rabbinats Bühl und betreute

es im Jahre 1935 abermals als Amtsverweser. In dieses Jahr

fiel auch sein 25. Amtsjubiläum. Außerdem war er Geistliches

Mitglied des Oberrats der Israeliten Badens und Vorstandsmitglied

des Badischen Israelitischen Waisenvereins.

Auch in Bruchsal direkt hinterließ Dr. Siegfried Grzymisch

zahlreiche Spuren. Er unterrichtete von 1911 bis 1935 als

Religionslehrer an der Oberrealschule Bruchsal sowie 1920

bis 1935 an der Höheren Mädchenschule Bruchsal. 1921

wurde er von der Zuchthausleitung in Bruchsal für seine

Dr. Siegfried Grzymisch,

um 1930. Foto: StA Bruchsal

seelsorgerische Arbeit gelobt. Er sorgte seit 1911 für die jüdischen Gefangenen und machte

es möglich, dass sie am Pessachfest ungesäuertes Brot bekamen. Auch gründete er Jugendvereine

und einen Kinderchor in Bruchsal. „Seine Predigten zeichneten sich durch

die schöne Sprache, philosophische Gründlichkeit und seiner große Liebe zum Judentum

aus,“ so in einem Nachruf. Aufgrund seiner Verdienste wurde Grzymisch in den 1920ern

in die städtische Schulkommission sowie in die Armenkommission berufen.

Ab 1933 hatte er den schmerzlichen Niedergang seiner Gemeinde zu begleiten, der neben

den Anfeindungen der Nationalsozialisten auch die Reduzierung um 80% der Gemeindemitglieder

bedeutete – meist durch Auswanderung. Vom 11.11. bis 02.12.1938 war er

zusammen mit vielen männlichen Gemeindemitgliedern in Dachau inhaftiert. 1940 wurde

er mit seiner Ehefrau Carola Grzymisch und dem Rest seiner Gemeinde nach Gurs

deportiert, später zusammen mit seiner Frau in die Nähe von Grenoble und 1944 nach

Auschwitz. Dort wurden beide ermordet.

Handschriftlicher Brief an die Direktion der Mozartschule Bruchsal von Dr. Siegfried Grzymisch, mit Absenderstempel.

Foto: Schularchiv Justus-Knecht-Gymnasium Bruchsal

Biografie von Carola Grzymisch geb. Schleßinger

(1891-1944)

von David Henning, Klasse 8s

Carola Grzymisch

wurde am 23.09.1891

als Carola Schleßinger

in Bretten geboren.

Sie war die

Tochter des Brettener

Rabbiners Lazarus

Schleßinger und Klara

Schleßinger geb.

Gunzenhauser und

hatte zwei Geschwister,

Leo und Edda.

Nachdem ihre Mutter

starb, lebte sie noch bis zu ihrem

Heiratsjahr 1914 bei ihrem Vater in

der Melanchthonstraße 82 in Bretten.

Ihr Ehemann, der Bruchsaler Rabbiner

Siegfried Grzymisch, war somit

Kollege ihres Vaters. Die Trauzeugen

ihrer Hochzeit waren Lazarus Schleßinger

und Louis Beißinger, Bruchsal. str. 2a), um 1910 (Bild oben) und im März 1940 nach einem

Rabbinatsgebäude in Bruchsal, Huttenstr. 2 (heute Hutten-

Kinder hatten die Grzymischs keine. der ersten Bombenangriffe auf Bruchsal. Fotos: StA Bruchsal

Sie wohnten in der Huttenstraße 2 in Bruchsal, das war alte Rabbinatsgebäude der Bruchsaler

Jüdischen Gemeinde. Diese Rabbiner-Dienstwohnung hatte fünf bis sechs Zimmer.

So hatten sie in den 1930er eine Putzfrau, die Maria Bopp hieß. Ihr Haus war sehr

reich eingerichtet, inklusive einem Flügel – den hatte Siegfried Grzymisch von seinen Eltern

in Berlin geerbt – sowie Silberbesteck und einer großen und wertvollen Bibliothek.

Das Ehepaar Grzymisch besaß außerdem viele Wertpapiere, etliches an Banknoten und

vieles mehr, unter anderem auch einen Weinberg in Bruchsal. Am 22.10.1940 wurde

Carola mit ihrem Ehemann Siegfried Grzymisch nach Gurs deportiert. Am 20.08.1943

wurden sie im Centre de Alboussiere bei Grenoble untergebracht, einem einfachen Gebäude

im alten Stadtzentrum. Die meist älteren Leute aus 20 Familien waren zu viert in

einem Raum untergebracht und durften sich zunächst noch in der Stadt frei bewegen.

Am 18.02.1944 wurden alle Insassen ins Camp de Masseubes verbracht und wenig später

von da aus ins Durchgangslager Drancy. Nach einigen Tagen kam das Ehepaar Grzymisch

mit dem Convoi 69 am 07.03.1944 nach Auschwitz und wurde dort ermordet.

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Familie Samuel und Sofie Grzymisch

(Eltern von Siegfried Grzymisch)

Samuel Grzymisch * Pleschen † nach 1922, vor 1925 Berlin

(Sohn von Moses Grzymisch und Röschen Lewczyk) 1870er Kaufmann in Pleschen, später (nach

1891) Kaufmann (Getreide- und Mehl-Commission) und Hausbesitzer in Berlin

verh. Sofie Badt * Grätz † nach 1914, vor 1925 Berlin

3 Kinder:

1. Dr. Siegfried Grzymisch * 14.08.1875 Pleschen † 1944 KZ Auschwitz

1911-1940 Bezirksrabbiner in Bruchsal, 22.10.1940 Gurs, 07.03.1944 Auschwitz

verh. 27.04.1914 Bruchsal

Carola Schleßinger * 23.09.1891 Bretten † 1944 KZ Auschwitz

lebte zusammen mit Vater in Bretten, dann Bruchsal, 22.10.1940 Gurs, 07.03.1944 Auschwitz

kinderlos

2. Artur Grzymisch = Grimisch * 09.12.1876 Pleschen † nach 1960 USA

1911-1935 Inh. einer Mädchen-Kleiderfabrik in Berlin-Mitte, versteckt in Frankreich, 1953 USA

verh. unbekannt † vor 1953

1 Kind:

a) Kurt Grimisch = Kenneth Grimes * 13.01.1910 Berlin † 07.07.2001 New York

Kaufmann in Mannheim, 1941 mit seiner Frau über Marseille nach New York

verh. Lore „Laura“ Ullmann * 03.11.1913 Mannheim(?) † 30.07.1999 New York, 1 Sohn

3. Georg Grzymisch * 01.12.1878 Pleschen + 03.06.1955 Buenos Aires, ARG

Inhaber eines Möbelgeschäfts in Hamburg, in Buenos Aires im Schmuckgroßhandel tätig

verh. Mary Leers

* 05.08.1888 Hamburg † 06.11.1944 Buenos Aires, ARG

2 Kinder:

a) Fritz „Federico“ Grzymisch *27.04.1911 Hamburg † 13.08.1982 Buenos Aires, ARG

1937 Auswanderung nach Argentinien, im Schmuckgroßhandel tätig, kinderlos

verh. Hildegard Salomon *12.04.1922 Breslau † 26.08.1982 Buenos Aires, ARG

b) Paul „Pablo“ Grzymisch *23.03.1910 Hamburg †23.02.1972 Buenos Aires, ARG

1937 Auswanderung nach Argentinien, dort Tischtuch-Manufaktur

verh. Ingeborg Rosenstein *19.03.1921 Hamburg † 08.04.2006 B. Aires, 2 Kinder

Familie Lazarus und Klara Schleßinger

(Eltern von Carola Grzymisch)

Lazarus Schleßinger * 29.12.1842 Flehingen † 07.07.1924 Flehingen

(Sohn von Lippmann Schleßinger (1812-1883), Metzger in Flehingen, und Carolina Münzesheimer

(1817-1881) , Flehingen, 10 Kinder)

1870-1876 Rabbinatsverweser in Bruchsal, 1877-1920 Rabbiner in Bretten

verh. 11.05.1880 Mosbach

Klara Gunzenhauser

* 23.08.1857 Reckendorf/Ofr. † 13.01.1902 Bretten

(Tochter v. Samson Gunzenhauser (1830-1893), Bezirksrabbiner, u. Karoline Hausmann (1835-1858))

3 Kinder:

1. Edda Schleßinger * 10.03.1881 Bretten † vor 1927 Nürnberg(?)

verh. 29.08.1902 Bretten

Kaufmann „Karl“ Jacobsohn * 31.01.1870 Neckarbisch. † 02.02.1943 Theresienstadt

Kaffeehändler in Nürnberg, 2. Ehe mit Therese Leiter (1879 Buttenwiesen-1944 Auschwitz)

1 Kind:

a) Ludwig Jacobsohn * 04.07.1907 Nürnberg † 20.09.1940 Hartheim

1927 Theologie-Student in Nürnberg, seit 1931 in Heilanstalt Erlangen, 1940 ermordet (siehe unten)

2. Leo Schleßinger * 03.06.1883 Bretten † 29.07.1901 Bretten

besuchte das Gymnasium Karlsruhe, erlag kurz vor dem Abitur einer heimtückischen Krankheit

3. Carola Schleßinger * 23.09.1891 Bretten † 1944 Auschwitz

lebte zusammen mit Vater in Bretten, dann Bruchsal, 22.10.1940 Gurs, 07.03.1944 Auschwitz

verh. 27.04.1914 Bruchsal

Dr. Siegfried Grzymisch * 14.08.1875 Pleschen † 1944 Auschwitz

1911-1940 Bezirksrabbiner in Bruchsal, 22.10.1940 Gurs, 07.03.1944 Auschwitz

kinderlos

Ludwig Jacobsohn (re.), wurde

am 16.09.1940 zusammen

mit 20 weiteren jüdischen Patienten

in die Anstalt Eglfing/

Haar bei München „verlegt“.

Vier Tage später kam er in die

Tötungsanstalt Schloss Hartheim

(Oberösterreich) und

wurde dort sofort vergast.

Quelle: www.lorlebergplatz.de/

juden_in_erlangen_III.pdf

Von links: Mary und Georg Grzymisch, um 1930, sowie Fritz und Paul Grzymisch, 1937 bei der Abreise aus

Hamburg. Fotos: Daniel Grzymsich

Ausschnitt aus dem Film „Deportation Bruchsaler

Juden nach Gurs“. Vermutlich sind in der Mitte Carola

und Siegfried Grzymisch zu sehen. Foto: StA Bruchsal

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Biografie von Mathilde Weil geb. Rothschild (1878-1941)

Mathilde Weil geborene

Rothschild wurde am 2. Januar

1878 in Eschenau bei

Heilbronn geboren. Die Familie

Rothschild war dort

alteingesessen und Verwandte

mit dem Namen

Rothschild lebten dort seit

1828. Ihr Vater Max Rothschild

war zweimal verheiratet,

und so hatte Mathilde

einen Bruder Hermann

(1883-?) und die Stiefgeschwister

Hugo (1888-1918,

von Elisa-Marie Lühmann, Klasse 8s

Von links: Julie, Mathilde, Sigmund, davor Cilli und Hermann Weil,

um 1916. Foto: Edith Leuchter

gefallen) und Lina (1896-?), weitere sieben Geschwister starben als Kleinkinder. Mathilde

war verheiratet mit dem Metzger Seligmann Weil, der Sigmund genannt wurde. Dieser

wurde am 21. März 1871 geboren und verstarb am 03.01.1936 in Öhringen. Das Ehepaar

hatte zwei Töchter, deren Namen Julie und Cilli, genannt „Liesel“, waren. Julie war im Jahre

1902 geboren und Cilli im Jahre 1911. Mathilde und Seligmann hatten auch einen Sohn

namens Hermann Weil, der im Jahr 1908 geboren wurde und ebenfalls Metzger wurde.

Die Familie besaß ein Haus mit Scheune in der Poststraße 46 in Öhringen (Ecke zur

Kirchgasse, sehr zentral gelegen) und betrieb dort eine Metzgerei und eine Gastwirtschaft,

in denen das Ehepaar, ihre Kinder und drei bis vier Angestellte volltägig beschäftigt waren.

Die Betriebe hatten eine außerordentliche Beliebtheit in Öhringen, allerdings ging 1933

aufgrund des Boykotts das Geschäft erheblich zurück. Vor 1933 waren Vater und Sohn

in vielen Vereinen integriert, trotzdem wurden sie am 18.03.1933 zusammen mit anderen

Juden und Kommunisten von der SA durch die Stadt getrieben und schikaniert. Laut

ihrer Enkelin, Edith Leuchter, war Mathilde eine lustige, kleine, dünne Frau, die eine gute

Großmutter war. Mathilde war mit Edith sogar vertrauter als Ediths eigener Bruder Heinz.

Mathilde war gern unter Menschen und auch sehr tierlieb. Sie besaß zusammen mit ihrer

Familie sogar ein Pferd. In späteren Jahren war Enkelin Edith oft dort zu Besuch. Am

22.01.1936 verkaufte Mathilde die Geschäfte für 25000 RM, da ihr Mann verstorben war.

Am 16.04.1936 zog Mathilde zusammen mit Tochter Cilli nach Bruchsal in die Huttenstraße

26. Ihre Tochter Julie wohnte zu diesem Zeitpunkt schon mit ihrem Ehemann Max Löb

und ihren Kindern Edith und Heinz in Bruchsal, außerdem stammte Mathildes Schwiegertochter

Emmy Stroh aus Bruchsal. 1938 zog Julie mit ihren Kindern bei Mathilde ein,

denn ihr Ehemann war in die USA gereist, um dort den Weg für die Familie zu ebnen.

Da Mathilde durch den Verkauf des Betriebs genügend Geld zur Verfügung hatte, Julie

jedoch kein Geld hatte, gab vor allem

wohl Cilli, aber auch Mathilde den Ton

an. Heinz verließ kurz darauf Bruchsal.

Mathildes Vermögen bestand hauptsächlich

aus Wertpapieren im Wert von

14000 RM. Diese musste sie bei der Judenvermögensabgabe

zusammen mit

mehreren goldenen Schmuckstücken,

die zum Teil mit Diamanten besetzt

waren, abgeben. Die Einrichtung ihrer

Wohnung, die in der Entschädigungsakte

detailliert aufgeführt wurde, zeugt davon, dass sie sehr gut ausgestattet war. Mathilde

Aus: AUFBAU, Ausgabe vom 23.01.1942

und Cilli beantragten 1938 eine Auswanderung in die USA, die auch genehmigt wurde. Im

Mai 1939 gab Cilli jedoch an, ihren Pass noch nicht abgeholt zu haben, da sich die Ausreise

verzögert habe, jedoch plane sie eine 8 bis 10-tägige Reise zu Verwandten nach Amsterdam

wegen „mündlicher Besprechung einer Heiratsangelegenheit“. Auch diese Reise wurde

genehmigt, aber niemals angetreten. Im August oder September 1939 wanderte Cilli

stattdessen nach England aus und Hermann wanderte nach Israel aus, worüber Mathilde,

laut Enkelin Edith, sehr froh war. Mathilde wohnte bis zum 22.10.1940 in der Huttenstraße

26, dann wurde sie mit Tochter Julie und Enkelin Edith nach Gurs deportiert. Danach

kamen sie in das französische Haftlager Rivesaltes, das bei Perpignan lag. Mathilde blieb

dort vom 16.03.1941 bis zum 02.10.1941 und war dann bis zu ihrem Tod am 23.12.1941 im

Krankenhaus „St. Louis“ in Perpignan, wo sie an einem Herzfehler starb. Ihre Tochter Julie

und Enkelin Edith erfuhren noch im Haftlager von Mathildes Tod, konnten jedoch nicht

zu ihrer Beerdigung gehen. Mathilde wurde auf einem Friedhof in Perpignan beerdigt.

Biografien von Max Löb (1891-1968)

und Julie Löb geb. Weil (1902-1942)

von Lena Gräber, Klasse 8s

Max Löb wurde am 26.03.1891 in Odenheim

geboren. Seine Eltern waren Moses Löb (1866-

1931), welcher einen schwunghaften Tabakhandel

in Odenheim betrieb, und Johanna Löb geb.

Freund (1858-1917). Er hatte eine Schwester namens

Regina Dax geb. Löb, die in Esslingen lebte.

Nach dem Tod des Vaters wurde das Elternhaus

1931 durch Max Löb verkauft.

Wohnhaus Löb am Gaisberg in Odenheim,

damals Hauptstraße 269. Foto: Kurt Fay

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Julie und Max Löb, Hochzeit in Öhringen 1926 (li.);

Wohn- und Geschäftshaus mit Familie Löb in der

Friedrichstr. 55 (heute 53), 1931. Fotos: E. Leuchter

Während des 1. Weltkriegs diente Max Löb im Infanterie-Regiment 142. Am 25.03.1926

heiratete er die Wirtstochter Julie Weil, die am 19.07.1902 in Öhringen geboren wurde. Ihre

Eltern waren Sigmund und Mathilde Weil geb. Rothschild. Julie war die älteste von drei

Kindern. Da eine ebenfalls aus Öhringen stammende Cousine von Julie, Irene Kanders,

seit 1920 mit dem Bruchsaler Nathan Weil verheiratet war, kannte Julie sicher Bruchsal

schon länger. Max und Julie Löb zogen nach Bruchsal, wo sie 1928/30 in der Kaiserstr. 16

wohnten und mit Getreide, Hopfen und Futtermittel handelten. Von 1931 bis 1938 führte

Max Löb in der Friedrichsstraße 55 einen Einmannbetrieb, in welchem z. B. Därme und

Gewürze für den Metzgereibedarf und Kolonialwaren angeboten wurden. Teilweise besuchte

er seine auswärtige Kundschaft auch mit dem Motorrad. Die Familie gehörte einem

zionistischen Verein an und sammelte Geld für Israel. Der Verein organisierte aber auch

Tanzveranstaltungen und es wurde gesungen.

Auf Drängen seiner Frau ging Max Löb im Juli 1938 in die USA, um dort eine Arbeit

zu suchen und den Rest der Familie nachzuholen. Julie Löb arbeitete bis zum November

desselben Jahres in dem Laden, obwohl sie zuvor nur als Hausfrau und Mutter von Heinz

und Edith tätig war. Sie musste das Geschäft jedoch 1938 an Paula Wiedemann für lediglich

3000 RM verkaufen. Julie zog mit ihren Kindern zu ihrer Mutter Mathilde Weil,

die auch in Bruchsal (Huttenstraße 26) wohnhaft war. Von dort aus wurde sie zusammen

mit ihrer Mutter und ihrer Tochter am 22.10.1940 nach Gurs deportiert. Am 27.10.1940

kam sie im Internierungslager Gurs an, von wo sie am 15.03.1941 in das Lager Rivesaltes

gebracht wurde. Schweren Herzens stimmte sie zu, dass ihre Tochter Edith weg von ihr,

in die Hände der Hilfsorganisation OSE, gegeben wurde. Von Rivesaltes aus wurde Julie

Löb am 14.08.1942 über Drancy in das KZ Ausschwitz gebracht, und gilt seitdem als verschollen.

Max Löb arbeite nach seiner Auswanderung in die USA ebenfalls als Kaufmann

und wohnte in New York. Er hielt Briefkontakt zu seinem Sohn Heinz Löb und veranlasste

1946, dass seine Tochter Edith Frankreich verlassen und zu ihm nach New York reisen

konnte. Er starb am 1. Januar 1968 in New York.

Biografie von Edith Löb (geb. 1927)

von Ann-Zoi Verhaert, Klasse 8s

Am 31.12.1927 wurde

Edith Löb als erstes Kind

von Julie und Max Löb

in Bruchsal geboren. Ihre

Kindheit beschrieb sie bis

1936 als „normal“ – sie ging

in eine Bruchsaler Volksschule

und zusätzlich noch

in eine jüdische Schule. Sie

hatte jüdische Freunde und

ihre Familie hatte auch gute Edith und Kurt Leuchter, 1943 in Masgelier und ca. 2015 in Florida.

Beziehungen zu Nichtjuden. Dann sprachen manche Bruchsaler „Nazis“ nicht mehr mit

ihnen, man bewarf sie mit verdorbenen Äpfeln. Das Geschäft wurde aber nie beschmiert,

da das Haus Nichtjuden gehörte. Nach der Reichspogromnacht ging Edith nur noch in

eine jüdische Schule, wohl in Karlsruhe. Am 22.10.1940 kamen zwei Polizisten und teilten

der Familie mit, dass sie nur wenig Zeit hätten, um ihre Koffer zu packen. Sie mussten

ihnen zum Bahnhof folgen und hatten keine Ahnung, wohin die Reise führt. Nach

tagelanger Zugfahrt erreichten sie Gurs. Das entbehrungsreiche Leben im Lager bleibt

in schrecklicher Erinnerung. Im April konnten sie in das Lager Rivesaltes wechseln und

hofften, dass es dort besser sei, allerdings sahen die Baracken im Innern wie Tierkäfige aus.

Männer mussten dort arbeiten, die Kinder konnten „Kurse“ in einer Schule besuchen. Als

Mutter Julie hörte, dass Kinder durch die jüdische Hilfsorganisation OSE befreit werden

würden, ließ sie Edith auf die Liste setzen und sie trennten sich schweren Herzens im

November 1941 voneinander. Das letzte Lebenszeichen der Mutter war ein Telegramm

vom 01.08.1942, in dem sie ihr mitteilte, dass sie in Kürze und wahrscheinlich in den Tod

deportiert würde. Innerhalb eines Jahres war sie in verschiedenen Waisenhäusern, z. B. in

Palavas-les-Flos, und kam dann im November 1942 in das nicht-jüdische Internat „Chateau

de Masgelier“, wo sie unter dem Decknamen „Edith Labé“ bis zur Befreiung durch

die Alliierten im April 1944 überleben konnte. Im September 1944 mussten alle Masgelier

verlassen und Edith lebte dann bis April 1946 in einem Pfadfinderhaus in Mossiac, ging

dort zur Schule, lernte Stenografie und Schreibmaschinenschreiben und verdiente Geld

mit Babysitten. Zwischenzeitlich gelang es ihr, mit dem Vater in New York Kontakt aufzunehmen.

Sie kam im April 1946 mit Holzschuhen und einem Weidenkorb am Dock in

New York an, wo Vater Max sie nach acht Jahren wieder in die Arme schließen konnte. Da

der Vater nur ein Zimmer zur Untermiete hatte, lebte sie zunächst bei Tante und Onkel.

In New York traf sie auch Kurt Leuchter wieder, den sie in Masgelier kennen gelernt hatte.

Die beiden heirateten 1950, bekamen zwei Töchter, Debbie und Julie, und lebten lange in

Jackson Heights, NY. Ihren Lebensabend verbringen die Leuchters in Bayton Pat, Florida.

12 13


Biografie von Heinz Löb (1931-1944)

von Angelina Scholl, Klasse 8s

Heinz wurde am 01.03.1931 in Bruchsal geboren. Seine

Eltern waren Max und Julie Löb. Er ging in den katholischen

Vincentius-Kindergarten und besuchte von

April 1937 bis August 1938 die Volksschule in Bruchsal.

Wie Max Löb später berichtete, redete er mit dem Klassenlehrer

Karl Genannt, mit dem er seit Kriegszeiten

befreundet war, weil Heinz – so wörtlich – „ unter den

Edith u. Heinz, um 1936. F.: E. Leuchter Misshandlungen der Nazi-Generation litt.“ Der Lehrer

konnte das nicht unterbinden. 1938 zog Heinz zunächst zusammen mit seiner Mutter und

Schwester zur Großmutter und Tante. Entweder verließ er Bruchsal, weil die Wohnung zu

eng und das Essen zu knapp für alle gemeinsam war, oder aber man wollte Heinz in eine

jüdische Schule schicken, damit er ungestört lernen kann. Es ist nicht ganz klar, ob er nach

Esslingen in ein Waisenhaus kam oder dort nur seine Tante Regina Dax geb. Löb besuchte.

Wohl im März/April 1939 kam Heinz dann in das Israelitische Kinderheim am Roederbergweg

87 in Frankfurt/M., im Juli 1942 in das Haus in der Hans-Thoma-Str. 24. In

diesen Heimen kümmerte man sich aufopferungsvoll um die Kinder. Heinz schrieb während

der ganzen Zeit Briefe an seine Familie. Einige sind erhalten, auch Zeugnisse. Man

erfährt, dass Heinz nicht so stark in Mathe, dafür aber ein guter Zeichner war und enorme

Kenntnisse über jüdische Feiertage hatte. In seinem letzten Brief an seine Tante schrieb

er: „Bald können wir uns auch nicht mehr schreiben, da wir wahrscheinlich auch in aller

Kürze verreisen müssen.“ Sieben Tage später, am 15.09.1942, wurden fast alle Bewohner

des Kinderheims nach Theresienstadt deportiert. Er lebte dort im Kinderheim L 414, hat

sich dort auf seine Bar Mizwa vorbereitet und scheint sie am 11.03.1944 gefeiert zu haben.

Wenig später, am 18.05.1944, wurde er nach Ausschwitz gebracht. Er starb mit 13 Jahren.

Familie Sigmund und Mathilde Weil (Eltern von Julie Löb)

Sigmund Weil * 21.03.1871 Steinsfurt † 03.01.1936 Öhringen

(Sohn von Max Weil (1843-1907) und Cilli Buxbaum (1844-1910), Steinsfurt)

Metzgermeister in Öhringen, 1901-1936 gutgehende Gastwirtschaft in der Poststraße, Öhringen

verh. 14.10.1901 Eschenau

Mathilde Rothschild * 02.01.1878 Eschenau † 23.12.1941 Perpignan, F

(Tochter von Max Rothschild (1846-1925), Metzger, und Julie Dick (1854-1885/86), Eschenau)

1936 Anwesen in Öhringen verkauft und zusammen mit Tochter Cilli nach Bruchsal verzogen;

22.10.1940 nach Gurs deportiert, 15.03.1941 nach Rivesaltes, 02.10.1941 in Krankenhaus Perpignan

3 Kinder:

1. Julie Weil * 19.07.1902 Öhringen † 1942/45 KZ Auschwitz

22.10.1940 Deortation nach Gurs, 15.03.1941 Rivesaltes, 14.08.1942 Auschwitz

verh. 25.03.1926 Öhringen

Max Löb * 26.03.1891 Odenheim † 01.01.1968 New York, USA

(Sohn v. Moses Löb (1866-1931), Handelsmann in Odenheim, u. Johanna Freund (1859-1917))

Inhaber einer Darm- und Gewürzhandlung (Metzgereibedarf), 07.1938 Auswanderung USA

2 Kinder:

a) Edith Johanna Löb * 31.12.1927 Bruchsal

22.10.1940 Deportation nach Gurs, Flucht 04.1941 in Südfrankreich, 1946 in USA zu Vater

verh. 1950 Kurt Leuchter * 06.02.1929 Wien

2 Töchter

b) Heinz Löb * 01.03.1931 Bruchsal † 18.05.1944 Auschwitz

seit 1939 in Kinderheimen, von Frankfurt 15.09.1942 nach Theresienstadt, dann Auschwitz

2. Hermann Weil * 04.10.1906 Öhringen † 01.06.1976 Jenkintown, PA, USA

Metzger, war zus. mit seiner Frau in Palästina und wanderte 1938 über LeHavre in USA aus

verh. Emmy Stroh * 24.09.1908 Bruchsal † 03.12.1996 Jenkintown, PA, USA

1938 Auswanderung nach Philadelphia zur Mutter Mina Stroh aus Bruchsal (seit 1936 USA)

1 Kind:

a) Evelyn Weil * 10.01.1939 Philadelphia † 18.03.1989 Wilmington, DE

verh. Herbert Langerman * 23.07.1931, wohnhaft in Wilmington DE, USA, 2 Töchter

3. Cilli „Liesa“ Weil * 23.11.1911 Öhringen † 11.1983 New York, USA

1939 Auswanderung von Bruchsal aus, „ladies beltmaker“ in Lederfabrik New York (1960)

verh. 20.10.1960 New York

Salomon Schwab * 18.06.1888 Ditzingen † 09.1981 New York, USA

Kaufmann, kam 1946 mit seiner ebenfalls ledigen Schwester Rosa von Europa nach New York

kinderlos

Brief: GLA KA 480 Nr. 22649;

Anzeige: AUFBAU vom 12.04.1946

V. li.: Julie Löb geb. Weil, Max Löb, Mathilde u. Sigmund

Weil und Cilli Weil. Das Medaillon erreicht

nach fast 80 Jahren wieder Bruchsal. F.: E. Leuchter

14 15


Biografie von Friedrich Molitor (1907-1940)

von Cihan Kati und Jan Bühn, Klasse 8s

Geburtshaus von F. Molitor. Karlsruher Str. 16

(früher Durlacher Str. 160). Foto: F. Jung

Lina und Matthäus Molitor,

Hochzeit 1904. Foto: F. Boppel

Friedrich Molitor wurde am 03.08.1907 in der elterlichen

Wohnung in der Durlacher Str. 160 in Bruchsal geboren (heute:

Karlsruher Str. 16). Friedrichs Behinderungen waren sicher

schon seit der Geburt erkennbar. Er wurde am 18.08.1907 in

der Pauluskirche katholisch getauft.

Seine Mutter Karoline Grundel (später Molitor) wurde am

14.01.1878 in Bruchsal geboren. Ihr Vater Joseph Grundel

starb bereits 1878 und die Mutter Elisabeth geb. Schwaninger

1887. Ihre zwei älteren Schwestern waren in Freiburg und in

Karlsruhe verheiratet, Karolina blieb in Bruchsal und arbeitete

1904 als Näherin.

Sein Vater hieß Matthäus Molitor, er wurde am 31.10.1878 in

Bruchsal geboren als Sohn des Hilfsstationsmeisters Balthasar

Molitor (1851-1929) und der Elisabeth Einsmann (1849-

1925), wohnhaft in der Durlacher Str. 119. Matthäus Molitor

soll als Gipsermeister 100 Angestellte in seinem Gipsergeschäft

in der Durlacher Str. 160 beschäftigt haben. Man erzählt sich, dass seine Firma das

neu gebaute Bruchsaler Krankenhaus verputzte, weil es sonst kein so großes Gipsergeschäft

in Bruchsal gab. Als Matthäus Molitor auf der Jagd war, um Hasen zu schießen

für seinen Stammtisch, schoss er sich selbst in den Fuß und wurde erst zwei Tage später

aufgefunden. Er verweigerte seine Beinamputation. So starb er am 22.02.1909 im Alter

von 31 Jahren.

So stand die Mutter Karolina (genannt „Lina“) ohne Mann und mit drei Kindern alleine

da: Elisabeth (geb. 18.01.1905), Franz (geb. 01.04.1906) und eben Friedrich. Dazu kam

noch, dass sie schwanger war und am 26.05.1909 einen toten Jungen zur Welt brachte. Ihr

blieb nichts anderes übrig, als das Haus und das Geschäft billig an ihren Schwager Heinrich

Knoch abzugeben, welcher der Ehemann von

Anna Molitor war. Mit diesem Paar hatten Matthäus

und Karolina am 23.04.1904 eine Doppelhochzeit

gefeiert. Praktischerweise zog sie dann in die Durlacher

Str. 111, nahe ihrer Schwiegereltern. Vermutlich

war die finanzielle Lage der Mutter nicht gerade gut,

eventuell war sie überfordert, denn sie brachte ihren

Sohn Friedrich 1911, im Alter von 4 Jahren, in die

Kinderkrippe des Versorgungshauses Bruchsal. Widersprüchliche

Angaben in der Krankenakte (Bundesarchiv

Berlin) lassen nicht mehr feststellen, ob er

Durlacher Str. 111 bis 115. (heute Nr. 71 bis 73).

Im linken Haus wohnten Molitors um 1910/15. Foto: StA Bruchsal

von dort aus am 05.11.1911 oder am 05.09.1915 in die St.-Josefs-

Privat-Heil-und Pflege-Anstalt Herten kam. Im ärztlichen Zeugnis

vom 14.08.1937 heißt es: „Dort wurden mit ihm Bildungsversuche

unternommen, jedoch nur mit geringem Erfolg. Er ist

nur in ganz geringem Maße für leichtere mechanische Arbeiten

verwendbar und bedarf der ständigen Überwachung und Beaufsichtigung.“

Die Kosten wurden vom städt. Fürsorgeamt Bruchsal

übernommen, da die Mutter nicht das Geld dazu hatte.

Nach ca. 25 Jahren dort wurde Friedrich Molitor am 25.11.1937

auf Vermittlung der Stadt Bruchsal und aus unbekanntem Grund

in der Kreispflegeanstalt Hub aufgenommen. Bekannt ist allerdings,

wie er dorthin kam: Nach der Zugfahrt, die er zusammen

mit einem Angestellten von Herten zurücklegte, wurden die

beiden mit einem Wagen von der Station Ottersweier abgeholt. In seinem Besitz befanden

sich nur einige wenige Kleidungsstücke, immerhin zwei Anzüge und 3 Paar Schuhe.

Die Kreis-Pflegeanstalt Hub machte drei Einträge in seiner Akte: „10.12.1937: Molitor ist

durchaus harmlos und hilft mit. 20.01.1938: Patient hat sich gut eingelebt. 26.01.1939: Molitor

ist zu einer Mitarbeit unverwendbar.“

Am 10.07.1940 wurde Friedrich Molitor aus der Kreis-Pflegeanstalt Hub nach Grafeneck

deportiert und am selben Tag durch Gas ermordet (Aktion „T4“). Um die Ermordung von

10000 Behinderten zu verschleiern, bekamen die Angehörigen falsche Todesnachweise:

Friedrich Molitors Todesnachricht enthielt den falschen Todesort Hartheim/Österreich

und das Datum 23.07.1940. Die Angehörigen wurden von den Standesämtern angewie-

Auszug aus der Krankenakte der Anstalt Hub vom 25.11.1937. Foto: Bundesarchiv Berlin, R 179 Nr. 25515

16 17


sen, am Heimatort einen Urnengrabplatz bereit zu halten,

da ihr Angehöriger plötzlich verstorben sei. Mit dem Segen

der katholischen Kirche (St. Paul) wurde seine Urne am

15.08.1940 auf dem Bruchsaler Friedhof (Litera 80, Reihe 1,

Grab 6) beigesetzt, an einem Hauptweg, vermutlich im Familiengrab.

Der Kirchenbucheintrag von Pfarrer Weiskopf

enthält den Zusatz: „vergast und verbrannt“. Ob Pfarrer

Weiskopf hier Vermutungen anstellte oder „geheime Quellen“

hatte? Ob er die Mutter, Lina Molitor, davon in Kenntnis

setzte oder ob sie das trotz Täuschungsabsichten des

Staats ahnte – oder gar wusste? Wir wissen nicht, wie sich

die Mutter fühlte und wie sie darauf reagierte. Ob sie Friedrich

seit seiner Unterbringung im Heim 1911 überhaupt

jemals wiedersah? Ob sie ab und an wenigstens Nachricht

über ihn erhielt?

Elisabeth und Franz Molitor, um

1920. Foto: Rolf Molitor

Schicksalsschläge erlebte Lina Molitor viele in ihrem Leben: Arme Kindheit nach dem

frühen Tod der Eltern (Halbwaise als Säugling, Vollwaise mit 9 Jahren), früher Tod des

Mannes (sie war Witwe mit 31 Jahren, hatte drei Kinder und kaum Geld), Sorge um den

behinderten Sohn Friedrich, Aufziehen ihrer beiden anderen Kinder Elisabeth und Franz

als alleinerziehende Witwe (sie zogen zwischen 1914 und 1920 in die Salinenstr. 5), dann

am 21.05.1931 der Tod der Tochter Elisabeth, die an der Lungenkrankheit Tuberkulose

26-jährig starb. Elisabeth war von Beruf Näherin und hatte sich auf Ornamente von Altardecken

und Priestergewändern spezialisiert.

Ihr blieb nur der Sohn Franz (1906-1980), der Schreiner war und 1933 Anna Lang (1907-

1977) aus Rinklingen heiratete. Das Paar hatte drei Söhne, Anton (1936-1987), Rolf (geb.

1939) und Willi (1941-1941). Oma Lina zog kurzzeitig zur jungen Familie in die Büchenauer

Str. 19, später fand sie eine kleine Wohnung in der Bismarckstr. 9. Der nächste Schicksalsschlag

war, als Sohn Franz, Schreiner bei der Holzindustrie, 1941 einen Arbeitsunfall

erlitt: Stämme lösten sich von einem Wagen und begruben ihn, er lag drei Tage in Heidelberg

im Koma und war danach zeitlebens arbeitsunfähig und erhielt eine schmale Berufsunfähigkeitsrente.

Lina Molitor starb am 24.10.1962 im für damalige Verhältnisse hohen

Alter von 84 Jahren in einem Altersheim in Stutensee-Spöck.

V. li.: Cihan und Jan bei der Zeitzeugenbefragung: Rolf, Christa Molitor und Enkel Jonathan Brütsch, F.: F. Jung

Biografie von Friedrich Sem Bär (1889-1942)

von Serhat Tapan, Klasse 8t

Friedrich wurde am 25.02.1889 in Untergrombach

geboren und ist der Sohn von Leopold und Therese

Bär geb. Maier. Leopold Bär war in Untergrombach

Handelsmann. Friedrich, genannt „Fritz“, hatte acht

Geschwister und er war der Jüngste. Sein Vater starb,

als er neun Jahre alt war und seine Mutter wenige Wochen

nach seiner Hochzeit. Er hatte im 1. Weltkrieg

mitgekämpft, wurde verwundet und erhielt das Eiserne

Kreuz 1. Klasse. Bei seiner Hochzeit mit Franziska

Rosenstein, die am 09.11.1919 stattfand, waren die

Trauzeugen sein Bruder Hugo Bär, damals Kaufmann

in Untergrombach, und Aron Bär, damals ein 65-jähriger

Kaufmann in Bruchsal. Aron war ein Cousin von

Fritz‘ Vater, und Arons Ehefrau Sofie geb. Rosenstein

war eine Tante von Franziska, insofern hatten sich Fritz und Franziska wohl über diesen

Onkel und diese Tante kennen gelernt. Friedrich übernahm 1919 die Firma von Aron Bär

(Tabakwarengroßhandel) und kümmerte sich wohl auch um das alte, kinderlose Ehepaar,

da Fritz als derjenige in den Standesbüchern eingetragen ist, der dem Standesamt den Tod

von Aron und Sofie Bär anzeigte.

Er wohnte 1920 bis 1928/30 in der Friedrichstr. 38, Bruchsal. Im Adressbuch von 1931/32

steht, dass er in der Schwimmbadstr. 17 zusammen mit seiner Ehefrau und seiner einzigen

Tochter Therese wohnte. An dieser Adresse wohnte die Familie bis 1940. Friedrich Sem

Bär war Tabakgroßhändler und alleiniger Inhaber der Firma „A. Bär & Co. Rohtabake“

von 1919 bis 1938, teilweise sind jedoch auch Aron Bär oder Adolf Moser als Mitinhaber

genannt. Er handelte mit in- und ausländischen Tabaken

sowie Rohtabaken. Die Firma hatte in den 1920ern

ihren Sitz in der Bismarckstraße 4 und ab 1928/30 in

der Friedrichstraße 16. Zur Firmenaufgabe gibt es

unterschiedliche Angaben: Nach einer Liste des badischen

Innenministeriums war dies zum 01.01.1938, im

Handelsregister beim Amtsgericht Bruchsal ist sie bis

zum 13.07.1939 notiert. In den Wiedergutmachungsakten

wird erwähnt, dass sie durch einen Herrn Sinn

im November 1938 arisiert wurde. In der Weimarer

Zeit scheint es sich um ein florierendes Unternehmen

mit guten Umsätzen gehandelt zu haben, außerdem

Schwimmbadstr. 17. Foto: E. Habermann

18 19

Grabstein der Eltern von Fritz Bär, Jüdischer

Friedhof Obergrombach. F.: E. Baer

hatte Fritz eine Beteiligung am „Bankhaus Bär und

Co.“ in Eppingen. Das Vermögen, das zum 31.01.1942


vom Finanzamt Bruchsal kassiert wurde,

betrug bei Fritz Bär 16.960 RM. Es

sind 63 Familien in der Bruchsaler Liste

genannt, und nur vier Familien sind

wohlhabender.

Fritz Bär scheint ein gesellschaftlich

rühriger Mann gewesen zu sein. In den

1920ern war er aktives Mitglied im

„Turnerbund 1907“. Er war Mitglied

in der Ortsgruppe jüdischer Frontsoldaten,

über eine Funktion dort ist aber

Friedrich Sem Bär, um 1935 und um 1910. Fotos: S. Grosz

nichts bekannt. 1933 soll er einen Untergrombacher,

dem von Nazis eine Pracht Prügel drohte, einige Tage bei sich versteckt haben,

weil er sich als Frontkämpfer des ersten Weltkriegs sicher fühlte. Er war bis 08.03.1939

der Vorsitzende des Israelischen Landeswaisenvereins Baden, jedoch hält Fritz Bär eine

Rede in der Vorstandsitzung und möchte den Vorsitz abgeben. Er war von 1938 bis 1940

der Vorsteher der Israelitischen Gemeinde Bruchsals. Er fuhr in dieser Eigenschaft täglich

nach Karlsruhe zum Israelitischen Oberrat. Am 11.11.1938, zwei Tage nach der Reichspogromnacht,

wurde er in Dachau inhaftiert und erst am 26.11.1938 wieder entlassen.

Er wurde am 22.10.1940 nach Gurs deportiert. In Gurs wurde er gleich zu Beginn zum

Vorsteher seines Ilots gewählt und durfte daher eine Stunde pro Woche seine Frau sehen.

Er war vor allem zusammen mit seinem Bruder Hugo Bär, ab und zu dürfen sie 1941/42

auch die Frauenabteilung länger besuchen, denn dort war auch Hugos Frau Rosa Bär geb.

Heitlinger und auch die Schwester Friederike Oppenheimer geb. Bär. Sie scheinen gut

zusammengehalten zu haben. Es

gab auch Briefkontakt zur Tochter

Resi nach London und anderen

Verwandten. Im Februar 1942

wird Fritz Bärs Ilot aufgelöst und

er kommt in ein anderes, bis dahin

war er Vorsteher „seines“ Ilots.

Turnerriege des „Turnerbund 1907 Bruchsal“, in dem es viele jüdische

Mitglieder gab, 1925. Fritz Bär (2. Reihe, 2. von links) war

bestens ins Vereinsleben integriert. Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Am 06.08.1942 kam er ins Durchgangslager

Drancy und dann

am 10.08.1942 nach Ausschwitz.

Wahrscheinlich wurde er sofort

nach Ankunft ermordet. Seine

Tochter Resi erfuhr erst 1945, dass

die Eltern von Gurs nach Ausschwitz

kamen.

„Der Mensch denkt und Gott lenkt. Wohin wird er meine Schritte lenken? Nach USA, sonst wohin

oder wieder zurück? Ich war es gewohnt bis zu einem gewissen Grad mein Schicksal selbst zu meistern

u. hier bin ich seit einem Jahr zum Spielball zuerst böser Mächte und jetzt u. später hoffentlich

besserer Kräfte geworden. Ich selbst bin gefesselt an Händen und Füßen, selbst der Geist ist lahm und

ich vermag nicht und nichts zu denken. Unser ganzes Denken und Fühlen endigt in dem Gedanken

baldigen und guten Friedens für die Menschheit und damit auch für uns. Ob dieser Wunsch wohl in

den nächsten 6-8 Monaten in Erfüllung gehen wird?“

Brief von Fritz Bär aus Gurs am 26.10.1941 an Tochter Resi, nachdem er vom Tod seines Bruders Max in den USA

erfahren hat. Foto: Stephen Grosz

Biografie von Franziska Bär geb. Rosenstein

(1892-1942)

von Evangelos Karakas, Klasse 8t

Franziska Bär geb. Rosenstein wurde am 30.03.1892 in Oedheim geboren. Ihre Eltern waren

Josef (1855-1908) und Sophie Rosenstein geb. Maier (1868-1942) und die Familie lebte

seit Generationen dort. Um 1900 zog die Familie nach Weinsberg, Josef Rosenstein wurde

dort als Viehhändler vermögend und besaß ein großes Haus. Nach dem Tod des Vaters

zogen sie nach Heilbronn, wo Franziska auch 1919, zum Zeitpunkt ihrer Heirat mit Fritz

Bär, noch lebte. Franziska, genannt „Franzel“, hatte sieben Geschwister: Lina (1888-1945),

Helene (1890-1989, verh. Kahn), Mina (1893-1975, verh. Harsch), Ludwig (1896-1961),

Max (1897-1938), Fritz (1900-1956) und Wilhelm (1905-1964). Die meisten Geschwister

wanderten schon in den 1920ern in die USA aus. Nachdem sie heiratete, war sie Hausfrau

und wohnte in der Schwimmbadstr.

17 in einer gut ausgestatteten Vier-

Zimmer-Wohnung. Kurz bevor sie am

22.10.1940 deportiert wurde, zog sie in

die Bismarckstr. 5 um, was wahrscheinlich

mit dem Gesetz über die Mietverhältnisse

mit Juden vom 30.4.1939 zusammenhing.

In einem Antrag in der

Von links: Helene, Franziska und Mina

Rosenstein, um 1910. Foto: S. Grosz

20 21


Wiedergutmachungsakte berichtete die Tochter Resi Bär, dass

die Wohnung ihrer Eltern komplett demoliert wurde. Ihr Sofa

z.B. wurde komplett zertreten und mit den Kissen wurde auf der

Straße Fußball gespielt. Nachdem Franziska fast zwei Jahre in

Gurs gelebt hatte, überstellte man sie am 06.08.1942 nach Drancy.

Dann wurde sie am 10.08.1942 von Drancy nach Auschwitz

deportiert, weshalb kein klares Todesdatum vorliegt.

Franziska Bär, um 1935. Foto: S. Grosz

Liebes, gutes Röslein! 5. Dez. 1940

Kind kannst Du glauben, dass es Deiner Mutter schwer fällt an Dich zu schreiben, obgleich es mir

größtes Bedürfnis ist? Unser ganzes Leben ist derart verwandelt, dass wir uns kaum mehr zurecht

finden können. Nur eines von allem ist noch geblieben, die Liebe zu Dir und zu unserem Vaterle

und sie ist unser ganzer Halt. Du weißt jetzt sicher von unserem traurigen Schicksal und ich will

Dir nicht das Herz schwer machen und Dir Näheres erzählen. Die Hauptsache ist wir sind noch

gesund und haben trotz allem den Willen es zu bleiben. Das Härteste ist, dass Vater und ich getrennt

sind und wir uns sehr wenig sehen können, dabei sehen wir uns noch mehr als viele Andere,

da Vater „chef de baraque“ ist und 1 mal in der Woche 1 Stunde Ausgang hat. Du siehst auch hier

müht sich Vater für Andere und ist dadurch seelisch gottlob obenauf. Onkel Hugo ist bei ihm im

Lager und es geht ihm gesundheitlich besser als zu erwarten war. Tante Frida und Tante Rosl sind

im nächsten Ilot, aber wir sprechen uns öfters am Draht. Tante Frida war anfangs gar nicht wohl,

aber sie hat sich gut erholt, trotz primitivster Ernährung und vielem Frieren während der kalten

Nächte. Gute Menschen, vor allem Richards, haben uns mit dem Nötigsten Warmen versorgt, denn

Du kannst Dir denken, wir hatten 1

Stunde Zeit zum Packen, ehe wir alles

im Stich lassen mussten. Es war

unsagbar hart und ich war ganz

fassungslos. Bevor wir die Wohnung

verlassen mussten kam noch

ein Brief und im Rausgehen nahm

noch Dein letztes Bildchen von Dir

von der Wand, sonst haben wir kein

Bild und kein Erinnerungszeichen

von unseren Lieben bei uns.

Erster Brief aus Gurs von Franziska Bär an ihre Tochter am

05.12.1940. Foto: Stephen Grosz

Biografie von Therese „Resi“ Bär (1921-2015)

von Evangelos Karakas, Klasse 8t

Therese Bär wurde am 14.12.1921 in Karlsruhe geboren, sie war das einzige Kind von

Franziska und Fritz Bär. Ab dem 12.04.1932 besuchte sie die Sexta an der Mädchenrealschule

Bruchsal, welche eine Vorgängerschule des Justus-Knecht-Gymansiums ist. Am

03.11.1936 verließ sie die Schule aufgrund von Rassismus. Nach Auskunft des späteren

Direktor Schwab war sie eine gute bis durchschnittliche Schülerin. Eine Freundin ihrer

Mutter, Mina Moser geb. Odenheimer, meinte, dass die Eltern wollten, dass Therese stu-

diert, da sie sehr sprachbegabt war und sich für die Weltgeschichte

interessierte. Außerdem besuchte Thereses frühere

Lehrerin, Frau Erika Gauckler, sie im Jahr 1956 in London

und bestätigte dies. Am 10.11.1936 oder ein paar Tage davor

verließ Resi Bruchsal und kam in England bei einer Familie

namens Kahn in Bournemouth unter. Fritz Bär hatte in

der Zeitung von einer Privatschule in England erfahren, die

noch Schülerinnen suchte. Der erhaltene Briefwechsel zeigt,

wie schwer es den Eltern fiel, ihr geliebtes, einziges Kind in

die Fremde ziehen zu lassen. In den Sommerferien kam sie

immer nach Hause, weil sie Heimweh hatte. 1938 verbot ihr

Vater ihre Besuche aufgrund des Novemberpogroms. 1938

erhielt sie dann das Schulzertifikat B der Universität Oxford.

Walter Bär (Cousin) und Resi

Bär, März 1928. Foto: E. Baer

Darauf machte sie einen Einjahreskurs zur Krankenschwester, ihr Diplom bekam sie im

Februar 1940. Ihr erlernter Beruf war Kindergärtnerin an dem „Hants and Dorset Nursery

Training College“. In ihrem Abschlusszeugnis stand, dass sie immer sehr freundlich zu

Kindern war. Vor der Geburt ihrer Kinder und nach 1961 arbeitete sie als Buchhändlerin.

1944 heiratete sie den Ingenieur Emile Grosz in London. 1948 nahm sie die englische

Staatsangehörigkeit an. Sie hatte zwei Söhne, Peter (1949-2009) und Stephen (geb. 1953),

der heute mit seiner Familie in London lebt. In den 1950ern war Emile Grosz Ingenieur

und Direktor der Creighton & Partners, Ltd. London. Die Gesellschaft bezeichnete sich

als „Consulting Engineers and Maschine Designers“. Die Familie konnte sich schon bald

ein Eigenheim leisten. Nach dem frühen Tod von Emile 1961 nahm sie in ihrem Haus in

Golders Green auch Übernachtungsgäste auf. Theater und Oper besuchte sie sehr gerne.

1950 gab Resi einen Entschädigungszahlungsantrag in Deutschland ab, in dem sie schrieb:

„Bezahlen lässt sich ja der Verlust meiner Eltern und die aus der Tragödie meines jungen

Schicksals erwachsenen seelischen Erschütterungen niemals.“ Trotzdem blieb Resi Grosz

ihrer Heimatstadt Bruchsal zeitlebens treu, wie die Bilderfolge am Schlossgartenteich eindrucksvoll

zeigt. Selbst ihren 80. Geburtstag wollte sie in Bruchsal feiern. Am 09.01.2015

starb Therese mit 93 Jahren in Brighton, GB.

Resi Grosz geb. Bär am Brunnen im Bruchsaler Schlossgarten: 1926, 1949, 1986, 2002. Fotos: Stephen Grosz

22 23


Familie Leopold und Theresia Bär (Eltern von Friedrich Sem Bär)

Leopold Bär

* 26.01.1846 Untergrombach † 29.05.1898 Untergrombach

(Sohn von Samuel Bär (1805-vor 1862), Handelsmann in Untergrombach, und Johanna Metzger

(1816-1881) aus Eichtersheim, 4 Kinder) Handelsmann in Untergrombach

verh. 16.11.1869 Karlsruhe

Theresia Maier * 26.05.1847 Baiertal † 12.11.1919 Untergrombach

(Tochter von Simon Maier, Handelsmann aus Baiertal und 1869 in Heidelberg wohnhaft, und

Cäcilia Bär (1823-1896) aus Untergrombach)

9 Kinder:

1. Sofie Bär * 22.04.1870 Untergrombach † 02.08.1870 Untergrombach

2. Samuel Bär * 18.08.1871 Untergrombach † 18.09.1871 Untergrombach

3. Max Bär (Baer) * 01.03.1873 Untergrombach † 21.08.1941 Placerville, CA, USA

1890 Auswanderung nach USA; in Placerville Gemeinderat, Vorsitzender der Handelskammer

verh. 07.10.1911

Edith Bennett * 05.10.1884 Placerville, CA † 20.01.1967 Placerville, CA, USA

2 Kinder:

a) Maxine Baer * 20.09.1912 El Dorado, CA † 07.03.2002 USA

verh. Thomas Chard * 20.03.1895 Minnesota, USA † 23.05.1961 Placerville, 1 Kind

b) Helen Baer * 20.10.1916 Placerville, CA † 30.12.2008 Sacramento, CA

verh. 1946 Howard Fuller * 1915 Sacramento? † 21.01.2014 Sacram., 2 Kinder

4. Auguste Bär * 16.03.1875 Untergrombach † 04.07.1875 Untergrombach

5. Friederike „Frieda“ Bär * 21.01.1877 Untergrombach † 1942/45 KZ Auschwitz

wohnhaft in Untergrombach, 22.10.1940 Deportation nach Gurs, 12.08.42 Drancy/Auschwitz

verh. 29.04.1900 Heidelberg

Gustav Oppenheimer * 10.09.1869 Neidenstein † 13.07.1933 Untergrombach

Kaufmann (Glasereibedarf) in Untergrombach, 1933 wohnhaft Weingartener Str. 21, Untergr.

4 Kinder:

a) Jenny Oppenheimer * 26.03.1901 Untergrombach † 02.10.1987 Palm Beach, FL, USA

emigr. 1945 von England nach New York zur Schw. Gertrud, lebte 1965 in NY, 1977 Florida

vh. 1933 Paul Pinkus * 22.10.1892 Kattowitz † 1941 London, Kaufm. in Berlin

vh. 1945/52 Fred Kann * 18.03.1893? NY?

† 18.11.1977 Palm B., Kfm. in NY

b) Leopold Oppenheimer * 21.05.1902 Untergrombach † 07.08.1984 Palm B., FL

führte Geschäft der Eltern in Ugb. weiter, emigr. 1938 in USA, 1940/1968 Kfm. in NY

verh. 1938/40 Emmy Seligmann * 09.07.1913 Coerrenzig † 06.05.2008 Palm Beach, FL

c) Gertrud „Trude“ Oppenh. * 12.01.1905 Untergromb. † 05.1970 New York, USA

verh. Sigmund Brasch * 1905/06 Berlin † nach 1940

Elektriker in Berlin, emigr. zusammen mit seiner Frau Feb. 1940 über Triest nach NY

d) Ernst Oppenheimer * 30.06.1908 Untergrombach † 18.10.1978 Placerville, CA, USA

Kaufmann, wanderte 1938 von Untergr. in USA aus, lebte 1941 und 1967 in Placerville

24

6. Emilie Bär * 12.06.1879 Untergrombach † 08.07.1964 Buenos Aires, ARG

1938 Umzug von Leutershausen nach Untergrombach, 1939 Auswanderung nach Argentinien

verh. 10.07.1905 Untergrombach

Max Meir Haarburger * 11.08.1869 Leutershausen † 14.08.1937 Wiesloch

2 Kinder:

a) Leo Haarburger * 17.07.1908 Hirschberg † 14.02.1986 Buenos Aires, ARG

verh. 1935 Ruth Blum * 01.09.1909 Pforzheim † 26.11.2008 Buenos Aires, ARG

1936 Auswanderung der Familie über die Schweiz nach Buenos Aires, Argentinien, 1 Tochter

b) Richard „Reuven“ Haarb. * 16.12.1909 Leutershausen † 24.03.1983 Holon, ISR

vh. Hela Swiatlowski * 16.03.1909 Lodz, Polen † 07.04.1999 Holon, ISR, 1 Tochter

7. Simon Bär * 04.08.1881 Untergrombach † 20.08.1881 Untergrombach

8. Hugo Bär * 13.05.1885 Untergrombach † 1942/45 KZ Auschwitz

Kaufmann in Karlsruhe; 22.10.1940 Deportation nach Gurs, 10.08.1942 Drancy/ Auschwitz

verh. Rosa Heitlinger * 22.10.1890 Zabreh, Mähren † 1942/45 KZ Auschwitz

22.10.1940 Deportation nach Gurs, 10.08.1942 Drancy/Auschwitz

1 Kind:

a) Walter Leopold Bär * 17.09.1924 Karlsruhe † 17.08.2002 Valencia, ESP, 2 Kin.

überlebte bis 1945 versteckt in NL, lebte 1956/1967 in Naarden/Holland, seit 1982 Spanien

verh. Suze Cahn * 23.02.1923 Köln † 12.12.2016 Amsterdam, NL

9. Friedrich Sem Bär * 25.02.1889 Untergrombach † 1942/45 KZ Auschwitz

Tabakhändler in Bruchsal, 22.10.1940 Deportation nach Gurs, 10.08.1942 Drancy/Auschwitz

verh. 09.09.1919 Bruchsal

Franziska Rosenstein * 30.03.1892 Oedheim † 1942/45 KZ Auschwitz

(Tochter von Josef Rosenstein (1855-1908), Handelsmann in Weinsberg u. Sofie Maier (1868-1942))

wohnt vor 1919 in Heilbronn, 22.10.1940 Deportation nach Gurs, 10.08.1942 Drancy/Auschwitz

1 Kind:

a) Therese „Resi“ Bär * 14.12.1921 Karlsruhe † 09.01.2015 Brighton, GB

Auswanderung 1936 nach England, Kinderkrankenschwester, in London wohnhaft, 2 Kinder

verh. 1944 Emile Grosz * 17.10.1914 Ungarn † 14.02.1961 London, GB, Ing.

Hinten, v. li.: Friederike Oppenheimer, Fritz Bär, Franziska Bär, Leopold Oppenheimer (?); vorne, v. li.: Emilie

Haarburger, Rosa Bär, Resi Bär, Hugo Bär, Walter Bär, 1937. Foto: E. Baer. Kl. Bild: Max Bär. F.: A. Calzareth.

25


Biografie von Simon Marx (1876-1938)

von Mathias Böckle, Klasse 8s

Firmenschild vom Vater des Simon Marx.

Foto: Stolpersteine Wiesloch-Baiertal, 2013.

Simon Marx wurde am 13. März 1876 in Baiertal

geboren als Sohn von Bernhard Marx, der in Baiertal

eine Mehlhandlung betrieb, und Elise geb. Haber.

Simon hatte zwei Schwestern, Johanna Marx

(* 29.01.1878 Baiertal † 24.02.1962 Cincinnati)

und Betti Marx (* 13.05.1883 Baiertal † 1942

Auschwitz). Das Wohnhaus war in der Hauptstraße

39, heute Schatthäuser Str. 18, dort betrieben

die beiden unverheirateten Schwestern die elterliche

Mehlhandlung weiter und versorgten auch die alternde Mutter. Familie Marx war

alteingesessen in Baiertal und die meisten Baiertaler Juden waren verwandt, da der Urgroßvater

Marx einst fünf Häuser in derselben Straße für seine fünf Söhne bauen ließ.

Da der Großvater Simon Marx hieß, wurde das Haus und auch die Familie „Schimmes“

genannt und die Schwestern dementsprechend „Schimmes Johanna“ oder „Schimmes

Betti“, oder auch „Schimmese“. Es wird erzählt, dass eine Hausfrau, falls sie kein Geld

mehr hatte, zu „Schimmese“ ging, wo sie ihr Mehl ohne Bezahlung bekam und dann

zahlte, wenn es später möglich war. Beide Schwestern wurden 1940 nach Gurs deportiert,

wo sie auf ihre Schwägerin Rosa Marx aus Bruchsal trafen.

Simon erlernte das Bäckerhandwerk und übernahm – mit finanzieller Unterstützung

seines Vaters – 1906 in der Bismarckstraße 10 die Bäckerei von Bäckermeister Otto Emil

Hanser. 1907 heiratete er Rosalie Mayer aus Leimersheim. Simon Marx und Rosalie

Marx geb. Mayer, betrieben über 30 Jahre eine Brot- und Feinbäckerei in der Bismarckstraße

10 in Bruchsal. Dort waren sie auch wohnhaft und zogen ihre beiden Töchter auf.

Die Bäckerei wurde von Tochter Betty später als „lukratives Unternehmen“ bezeichnet

und war von 31.10.1929 bis 23.9.1935 in der Handwerksrolle der Handwerkskammer

Karlsruhe eingetragen. Im 1. Weltkrieg war Simon Marx, der nur 1,58 m groß war, ab

1914 Soldat.

Ab 1933 versuchten die Nationalsozialisten,

Marx aus dem Beruf

zu verdrängen. Am 09.07.1934

wurde er wegen Vergehen gegen

das Arbeitszeitgesetz vom Amtsgericht

Bruchsal zu einer Strafe

von 5 RM (!) verurteilt. Der Bäckereibetrieb

wurde dann am

21.09.1935 wegen angeblicher

Handschriftlicher Lebenslauf aus der Häftlingsakte von Simon

Marx, Sept. 1935. Foto: GLA Karlsruhe, 521 Nr. 8422

Lehrlingsmisshandlung und Unreinlichkeit

geschlossen (siehe

Artikel aus dem „Führer“).

Am 23.09.1935

wurde Marx der Handel

mit Lebensmitteln

untersagt. Marx hatte

zu diesem Zeitpunkt

einen Gesellen und

einen Lehrling in der

Backstube beschäftigt.

Simon Marx wurde direkt

am 21.09.1935 in Haft genommen und am 25.09.1935 als „jüdischer Volksschädling“

ins Konzentrationslager Kislau eingeliefert. Dort wurde er am 25.10.1935 vorläufig

wieder entlassen. Nach einem weiteren Artikel im „Führer“ wurde sein Fall im März

1936 in Karlsruhe verhandelt, Marx wurde mit vier Monaten Gefängnis und fünf Jahren

Berufsverbot belegt.

Den Töchtern Betty Marx und Trude Frank zufolge hat ihr Vater den Betrieb noch bis

zum Sommer 1937 weitergeführt. Daraus schließt man während des Wiedergutmachungsprozesses

in den 1960ern, dass Simon Marx Beschwerde gegen den Beschluss

eingelegt haben müsste, was jedoch eher als unwahrscheinlich gilt. Eine andere Version

gab 1962 sein ehemaliger Lehrling und Geselle Heinrich Schnepf, dort beschäftigt

1920 bis 1934, zu Protokoll. Marx‘ Fall sei 1935 in Karlsruhe verhandelt und Marx freigesprochen

worden. Außerdem,

dass der Lehrling, der ihn wegen

Ohrfeigen anzeigte, ein Halbjude

war, der später auswanderte. Anschließend

sei Marx dann einige

Wochen zu Hause gewesen und

wurde wieder abgeholt.

Im Sommer 1937 wurde Simon

Marx aus rassischen Gründen und

unwahrer Denunzierung abermals

verhaftet und ins Arbeitslager

Kislau geschafft. In der Zeit vom

24.06.1938 bis zu seiner Überstellung

in das Konzentrationslager

Dachau am 11.07.1938 war er

in polizeilichem Gewahrsam im

Gefängnis in Bruchsal. Drei Tage

später, am 14. Juli 1938, wurde er

angeblich auf dem SS-Schießplatz

Prittelbach bei Dachau exekutiert.

26 27

Erkennungsdienstliche Aufnahmen von Simon Marx, 25.09.1935. Foto: GLA

Karlsruhe, 521 Nr. 8422

Artikel im „Führer“, 25.09.1935. Man beachte den gehässigen Ton

dieser unbewiesenen Vorverurteilung. Foto: GLA KA, 521 Nr. 8422


Biografie von Rosalie Marx geb. Mayer (1878 – 1942)

von Julian Dominicus, Klasse 8s

Rosalie, genannt „Rosa“ Marx, wurde am 16.08.1878 in Leimersheim in der Pfalz als Rosa

Mayer geboren. Die Familie galt in Leimersheim als angesehen. Über Rosalies Kindheit

und Jugend ist nichts bekannt, nur, dass sie vier Geschwister hatte. Am 18.02.1907 heiratete

sie in Leimersheim den Bäcker Simon Marx. Woher die beiden sich kannten ist

unbekannt, aber Ehen wurden in dieser Zeit meist arrangiert. Der Leimersheimer Aron

Mayer, ein Cousin von Rosalies Vater, war mit Sophia Marx aus Baiertal verheiratet. Diese

war wiederum eine Cousine von Simon Marx‘ Vater, daher könnten sie sich so kennengelernt

haben. Mit Simon Marx hatte Rosalie drei Töchter: Betty, Trude und Johanna,

die aber aus nicht bekannten Gründen im Alter von nicht einmal einem Jahr starb.

Die Familie wohnte in Bruchsal in der Bismarckstraße 10. An derselben Adresse betrieben

die Eheleute Marx über 30 Jahre eine Brot- und Feinbäckerei. Laut der Wiedergutmachungsakte

hatte Rosalie Marx zwar keinen erlernten Beruf und es wurde als

Beruf Hausfrau angegeben, sie arbeitete aber wohl in der Bäckerei ihres Mannes mit. Im

Sommer 1935 bzw. 1937 aber wurde die Bäckerei durch Polizeimaßnahmen geschlossen,

Simon Marx kam ins Arbeitslager Kislau.

Für Rosalie Marx folgten mehrere Umzüge: Zwischen September 1937 und Juli 1938

zog sie zuerst in die Prinz-Wilhelm-Straße 9, dann, wahrscheinlich im 1. Halbjahr

1939, in die Friedrichstraße 76. Etwa seit Oktober 1939 wohnte sie zusammen mit ihrer

Schwester Charlotte Lina Mayer in der Huttenstraße 2. Am 22.10.1940 wurde Rosalie

Marx deportiert, Möbel und Haushaltsgegenstände

durch die Gestapo Württemberg-Baden beschlagnahmt.

Zunächst war sie vom 25.10.1940 bis zum

20.02.1941 im Internierungslager Gurs, dann vom

21.02.1941 bis 08.08.1942 im Konzentrationslager

Noé (Frankreich). Dort richtete sie zusammen mit

ihrer Schwester Lina Mayer eine Bitte an die Lagerverwaltung,

ihre Schwägerin Bertha-Betty Mayer

(Witwe des Bruders Samuel Mayer), deren Tochter

Sophie sowie die Schwägerinnen Betti und Johanna

Werbeanzeige aus einer Festschrift von 1926 sowie Haus der

Familie Mayer und der Eisenhandlung „J. Mayer & Sohn“

in Leimersheim, 1980. Fotos: Helmut Sittinger

28

Marx (Schwestern des Simon

Marx) und Babette Marx, eine

Cousine, auch nach Noé zu verlegen.

Das wurde genehmigt,

alle kamen am 24.03.1942 nach

Noé. Am 08.08.1942 wurde Rosalie

mit fünf der genannten

Frauen in das Konzentrationslager

Recebedou (Frankreich)

gebracht, nur die Schwägerinnen

Bertha-Betty Mayer und

Johanna Marx nicht - eventuell

waren sie zu krank. Bertha-Betty

wurde am 30.05.1944 doch

noch nach Auschwitz gebracht,

Häuserzeile der Bismarckstraße, das Eckhaus ist Nr. 12.

Im Haus rechts daneben war die Bäckerei Marx, 1931.

Foto: E. Habermann. Hochwasser. 1981. S. 45

Johanna überlebte im Lager Montauban und ging 1947 in die USA zu den Nichten. Rosalie

Marx kam danach kurzzeitig ins Sammellager Drancy (Frankreich) und am 14.8.1942

wurde sie ins Vernichtungslager Auschwitz gebracht. Bekannt ist, dass Frauen im Alter

über 35 oder 40 Jahre kurz nach ihrer Ankunft in Auschwitz in den Gaskammern umgebracht

wurden. Rosalie Marx war zu diesem Zeitpunkt 64 Jahre alt.

Biografie von Betty „Liesel“ Marx (1907 - 1989)

von Julian Dominicus, Klasse 8s

Betty „Liesel“ Marx wurde am 15.12.1907 in Bruchsal geboren. Die Eltern waren der Bäcker

Simon Marx und die Hausfrau Rosalie „Rosa“ Marx. Betty wuchs mit ihrer Schwester

Trude auf und besuchte die Höhere Töchterschule und ein Jahr die Höhere Handelsschule.

Dann war sie auf der Haushaltungsschule in Karlsruhe. Sie erlernte den Beruf der

Verkäuferin, machte eine Ausbildung in Konditorei und Feinbäckerei. So arbeitete sie im

elterlichen Geschäft, hauptsächlich im Verkauf bis 1937 und bekam hierfür ein Gehalt

von 250 Mark monatlich. Da die Bäckerei 1937 geschlossen wurde, war sie danach bei

der Bruchsaler jüdischen Familie Walther Fuchs-Marx, dann bei der Familie Samuel

Katzauer bis kurz vor ihrer Auswanderung als Hausangestellte tätig.

Im August 1939 floh sie über die Niederlande nach Großbritannien, lebte dort zuletzt in

London. Während ihrer Zeit in England arbeitete sie als Haushaltshilfe, unter anderem

bei Anni Erle geb. Moser aus Bruchsal, also wohl eine Anstellung aus Barmherzigkeit.

Am 13.08.1947 wanderte sie per Schiff von Southampton in die USA aus.

In den USA begann sie am 15.10.1947 eine Arbeit als Nurseaid (Hilfs-Krankenschwester)

im Jewish Hospital in Cincinnati, Ohio, mit einem Gehalt von 110 $ im Monat. In

Cincinnati lebte sie auch bis zu ihrem Tod und blieb ledig und kinderlos. Am 07.09.1989

starb sie im Jewish Hospital in Cincinnati im Alter von 81 Jahren.

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Biografie von Trude Marx (1909 - 1982)

von Julian Dominicus, Klasse 8s

Trude Frank wurde am 21.09.1909 in Bruchsal als Tochter von Simon und Rosalie Marx geboren.

Sie absolvierte wie ihre Schwester zunächst die Höhere Mädchenschule und danach

zwei Jahre die Handelsschule in Bruchsal, war dann über drei Jahre Lehrling bei der Süddeutschen

Diskonto Gesellschaft in Bruchsal und blieb danach noch ein Jahr dort. Danach

arbeitete sie als Buchhalterin bei der Tabakfabrik „Körner, Bürger & Co.“ in Bruchsal. Diese

Stelle verlor sie 1937/38, als der Betrieb arisiert wurde. Mit ihrer Cousine mütterlicherseits,

Ruth Mayer, wanderte sie am 01.12.1938 per Schiff von Hamburg in die USA aus. Ruth lebte

bereits 1935 in Bruchsal bei Familie Marx und konnte von hier aus täglich ihre Arbeitsstelle

in Karlsruhe, bei einer Bank, besser erreichen als von ihrem Heimatort Leimersheim aus.

Man erzählt sich in Leimersheim, dass Ruth in Bruchsal sogar eine Liebschaft mit einem SA-

Mann gehabt haben soll. Wie ihre Schwester Betty „Liesel“ Marx lebte Trude in Cincinnati,

Ohio. Zunächst arbeitete sie von 1938 bis zu ihrer Eheschließung im August 1944 bei der

Firma „Fashion Frocks“. Sie heiratete Berthold Frank, der 1998 starb. Nach der Eheschließung

war sie Hausfrau. Woher sie sich kannten und seit wann, ist nicht bekannt, auch nicht,

ob sie sich eventuell schon in Deutschland kannten. Die beiden hatten keine Kinder. Trude

Frank starb am 01.07.1982 in Cincinnati. Über das Leben der beiden Schwestern in den USA

ist nichts weiter bekannt. Nach Auskunft des Großcousins von Trude und Betty, Kurt Roberg,

der auch in die USA auswanderte und die beiden in den 1950ern einige Male in Cincinnati

besuchte, waren beide sehr hilfsbereite Menschen und kümmerten sich sehr – vor

allem die unverheiratete Betty Marx – um ihre Tante Johanna, die Gurs überlebt hatte und

1947 nach Cincinnati zu den beiden Nichten ausgewandert war. Auch blieb die ebenfalls

kinderlose Cousine Ruth Mayer, dann verheiratete Spiegel, ebenfalls zeitlebens in Cincinnati

und sicher in engem Kontakt mit Betty und Trude. Laut Kurt Roberg waren die Schwestern

Besitzliste der Charlotte Mayer zum Zeitpunkt der Deportation, mit Unterschriften ihrer Neffen und Nichten:

Betty Marx, Trude Frank, Ruth Spiegel, Wilhelm und Friedrich Mayer. Foto: GLA Karlsruhe, 480 Nr. 25183

desillusioniert und die ganze Familie hatte nur bittere Erinnerungen an Deutschland. Auch

wurden sie für die meisten Verluste ihres Vermögens nie entschädigt. Da der Wiedergutmachungsprozess

voller bürokratischer Hindernisse und Verzögerungen war, wollten sie nie

wieder in ein Land zurückkehren, das sie so schlecht behandelt hatte und den Tod so vieler

naher Verwandter und Freunde verursacht hatte.

Biografie von Charlotte „Lina“ Mayer (1880-1942)

von Jonas Gerzen, Klasse 8u

Charlotte, genannt „Lina“ Mayer wurde am 02.12.1880

in Leimersheim geboren. Ihr Vater Moses Mayer führte

ein gutgehendes Geschäft (Viehhandel und Eisenwaren)

in Leimersheim, das er 1891 von seinem Vater übernommen

hatte und bei seiner Schließung 1938 eine über

100-jährige Familientradition hatte. Moses Mayer war in

der Gemeinde wohl sehr anerkannt, da er von 1900 bis

1909 Gemeinderat war und auch weitere Ämter inne hatte.

Charlotte hatte vier Geschwister, mit denen sie in Leimersheim aufwuchs, darunter Rosalie

verh. Marx (siehe oben). Sie erlernte keinen Beruf und blieb unverheiratet und kinderlos. Ihr

Spitzname in Leimersheim war „Fules Lins“, Fules leitet sich dabei wohl von einem Namen

ab. Es ist anzunehmen, dass sie zeitlebens bei ihrer Mutter, die 1931 starb, und dann bei

der Familie ihres Bruders Samuel lebte. Samuel hatte das Geschäft seines Vaters übernommen,

war außerdem Vorsteher der israelitischen Kulturgemeinde und im Ehrenausschuss

des Krieger- und Militärvereins und konnte dank seiner Kutsche große Gewinne bei einem

Ziegeleifabrikanten der Gegend machen. Die Familie und auch das Eisenwarengeschäft „J.

Mayer und Sohn“ galten in Leimersheim als ehrenwert und wohlhabend. Nach Samuels

Tod 1936 führte es dessen Witwe Bertha-Betty zusammen mit ihrer Tochter Sophie weiter.

Nachdem die drei – Charlotte „Lina“, Bertha-Betty und Sophie Mayer – am 10.11.1938 aus

Leimersheim nach Bruchsal ausgewiesen wurden, wohnten sie bei Linas Schwester Rosalie

Marx. Eine Rückkehr in die Pfalz, selbst zum Verkauf des Geschäftshauses, wurde ihnen

von den Behörden verweigert. In mehreren Schreiben baten die drei um die Überweisung

der Pachtzinsen an die ledige und berufslose Lina, deren Äcker an mehrere Leimersheimer

Bauern verpachtet waren. Ob bezahlt wurde, ist mehr als fraglich. Bertha-Betty und Sophia

Mayer zogen bald weiter nach Karlsruhe, Charlotte „Lina“ und ihre Schwester Rosa Marx

wohnten zunächst in der Friedrichstr. 76, direkt neben der Synagoge im Haus des Synagogendieners.

Zuletzt wohnten sie in der Huttenstr. 2, bevor sie am 22.10.1940 durch die

Gestapo nach Gurs deportiert wurden. Ihre gesamten Möbel und Haushaltsgeräte im Wert

von 2043 RM (Reichsmark) wurden beschlagnahmt. 1941 wurde sie zusammen mit Rosa

Marx von Gurs weiterverlegt nach Noe und dort interniert. 1942 kam sie kurzzeitig nach

Recebedou und Drancy. Am 12.08.1942 wurde sie nach Auschwitz gebracht und dort sehr

wahrscheinlich direkt nach der Ankunft ermordet.

30 31

Unterschriften unter einem Brief vom

10.12.1938 an die NSDAP-Kreisleitung

Speyer. F.: Gemeindearchiv Leimersheim


Familie Moses und Babette Mayer

(Eltern von Rosa Marx und Charlotte Mayer)

Moses Mayer

* 01.10.1842 Leimersheim † 14.01.1912 Leimersheim

(Sohn von Josef Mayer und Charlotte Veiss, Leimersheim)

Handelsmann (Viehhandel und Eisenwaren) wohnhaft im Geschäftshaus Obere Hauptstraße 5,

Leimersheim, übernahm 1891 Eisenwarenhandel „J. Mayer & Sohn“ von seinem Vater; war 1900-

1909 Gemeinderatsmitglied in Leimersheim und ist 1907/09 auch als Weinkommissär genannt

verh. 31.05.1876 Leimersheim

Babette gen. Bertha Beissinger * 20.10.1852 Gondelsheim † 18.09.1931 Leimersheim

(Tochter von Veitel Beissinger, Metzger in Gondelsheim, und Rebekka Münzesheimer)

wohnhaft im Geschäftshaus Obere Hauptstraße 5, Leimersheim; 1912-1920 Besitzerin des Eisenwarenhande

ls „J. Mayer & Sohn“

5 Kinder:

1. Samuel Mayer * 19.04.1877 Leimersheim † 08.08.1936 Leimersheim

seit 1920 Inhaber der Eisenwarenhandlung „J. Mayer u. Sohn“ in Leimersheim, starb an Herzschlag

aufgrund der politischen Verhältnisse

verh. 17.02.1908 Leimersheim

Bertha gen. Betty Mayer * 11.01.1880 Leimersheim † 1944 KZ Auschwitz

(Tochter von Aron Mayer (1843-1925), Leimersheim, Cousin von Moses Mayer, s. o., und

Sophia Marx (1847-1906) aus Baiertal bei Wiesloch) übernahm zusammen mit ihrer Tochter

Sophie das Haushalts- und Eisenwarengeschäft in Leimersheim, wurde Nov. 1938 ausgewiesen

und wohnte 1938 kurzzeitig in Bruchsal, dann in Karlsruhe, 22.10.1940 Deportation nach

Gurs, 30.05.1944 über Drancy nach Auschwitz

3 Kinder:

a) Sophie Mayer * 23.05.1910 Leimersheim † 1942/45 KZ Auschwitz

kam zus. mit Mutter nach Bruchsal, dann Karlsruhe; 22.10.1940 Gurs, 12.08.1942 Auschwitz

b) Elsa Ruth Mayer * 25.04.1912 Leimersheim † 03.02.1913 Leimersheim

c) Ruth Judith Mayer * 21.06.1915 Karlsruhe † 29.06.2001 Warren, OH, USA

emigrierte 1938 von Bruchsal aus mit Trude Marx (s.u.) in USA, lebte Cincinnati, OH, kinderlos

vh. 1943 Josef E. Spiegel * 19.09.1906 Lindau † 28.03.2006 Warren, OH; Kaufm.

2. Rosalie „Rosa“ Mayer * 16.08.1878 Leimersheim † 1942/45 KZ Auschwitz

wohnte nach der Geschäftsschließung 1937/1938 in der Prinz-Wilhelm-Str. 9, Bruchsal und

kurz vor der Deportation zusammen mit ihrer Schwester Charlotte Lina (s. u.) Huttenstr. 2,

Bruchsal (Rabbinatsgebäude); 22.10.1940 Deportation nach Gurs, 14.08.1942 Auschwitz

verh. 18.02.1907 Leimersheim

Simon Marx * 13.03.1876 Baiertal † 14.07.1938 Dachau, erschossen

(Sohn von Bernhard Marx (1846-1918), Mehlhändler in Baiertal, und Elise Haber (1845-1935))

seit 1906 selbständiger Bäckermeister in Bruchsal, Bismarckstr. 10 (Wohn- und Geschäftshaus),

1937 erzwungene Geschäftsaufgabe und Inhaftierung in Kislau, Dachau

3 Kinder:

a) Betty „Liesel“ Marx * 15.12.1907 Bruchsal † 07.09.1989 Cincinnati, OH, USA

Verkäuferin im Geschäft des Vaters, emigrierte 1939 nach England, 1947 weiter in USA

b) Trude Marx * 21.09.1909 Bruchsal † 01.07.1982 Cincinnati, OH, USA

erlernter Beruf: Bankbeamtin/Buchhalterin; emigrierte 12.1938 in USA, lebte Cincinnati, OH

vh. 1944 Berthold Frank * 30.03.1911 Sögel/Emsland † 29.05.1998 Cincinnati, kinderlos

c) Johanna Marx * 11.11.1911 Bruchsal † 11.05.1912 Bruchsal

3. Sigmund Mayer * 24.09.1879 Leimersheim † 29.10.1942 Los Angel., CA, USA

Bankdirektor in Frankfurt/M.; 1939 nach London und 1940 in die USA emigriert, in L.A.

verh. 17.06.1914 Karlsruhe

Helena Hiller

* 13.11.1887 Mussbach/Pf. † 09.09.1949 Alameda, CA, USA

1939 nach London und 28.05.1940 zusammen mit Ehemann und Sohn Wilhelm in USA

2 Kinder:

a) Wilhelm „William“ Mayer * 21.12.1917 Hanau/M. † 17.03.1999 Mill Valley, CA

emigrierte mit den Eltern in die USA, wohnte San Mateo, CA, verheiratet und kinderlos

b) Friedrich „Frederick“ Mayer * 11.08.1921 Frankfurt/M. † 26.06.2006 Wien, Öst.

emigrierte 1936 in USA, Studium in Kalifornien, 1944 Promotion, 1944-1966 als Prof. an Univ. in

USA, 1968-2006 in Wien, Erziehungswissenschaftler, Kreativexperte, Autor

unverheiratet und kinderlos

4. Charlotte „Lina“ Mayer * 02.12.1880 Leimersheim † 1942/45 KZ Auschwitz

wohnhaft in Leimersheim bei der Mutter bzw. Familie, ohne Beruf, am 10.11.1938 aus Leimersheim

ausgewiesen, seither in Bruchsal bei der Schwester Rosa Marx, zuletzt Huttenstr. 2,

Bruchsal; 22.10.1940 Deportation nach Gurs, 14.08.1942 Auschwitz

unverheiratet und kinderlos

5. Hugo Mayer * 24.01.1885 Leimersheim † 18.02.1956 San Francisco, USA

Kaufmann, emigrierte ~1913 und kam 1923 über Mexiko in die USA, wohnte 1930 Beverly

Hills, CA, USA und 1948/1956 in Oakland, CA, USA

unverheiratet und kinderlos

Prof. Dr. Friedrich

„Frederick“ Mayer

siehe auch: https://de.wikipedia.org/

wiki/Frederick_Mayer

Von links: Sophie und

Ruth Mayer, um 1920

in Leimersheim.

Foto: Franz Pfadt

32 33


Preis für Erinnerungsarbeit

Die Obermayer German Jewish History Awards werden jedes Jahr von der Obermayer-Stiftung

aus den USA im Berliner Abgeordnetenhaus verliehen. Mit dieser Auszeichnung

werden deutsche Bürgerinnen und Bürger geehrt, die auf freiwilliger Basis

in ihren Heimatorten einen herausragenden Beitrag zur Wahrung des Gedenkens

an die jüdische Vergangenheit leisten. In diesem Jahr wurde dem Bruchsaler Rolf

Schmitt diese Ehrung zuteil. Mit dem Preisträger sprach der frühere SWR-Reporter

und Buchautor Rainer Kaufmann.

Rolf, Du bist einer der fünf diesjährigen Preisträger des Obermayer German Jewish History

Award. Wie sind Deine Empfindungen?

Ich freue mich sehr darüber, dass frühere jüdische Mitbürger und deren Nachfahren mich

dieses Preises als würdig empfanden. Unter anderen haben mich Leo Rosenberg vorgeschlagen,

der 1940 aus Bruchsal nach Gurs deportiert wurde, die Enkelkinder von Otto

Oppenheimer, also Hanne Ansell, Walter Bernkopf und der „Monuments Man“ Harry

Ettlinger oder Ludwig Marums Enkeltochter, Dominique Avery.

Wie kamst Du darauf, Dich mit der Geschichte der Bruchsaler jüdischen Mitbürger zu beschäftigen,

was waren Deine Beweggründe?

An meinem Interesse bist Du nicht unschuldig. Nach der Uraufführung von Dirk Weilers

Film „Ein grauenhafter Tag liegt hinter uns“ zur Zerstörung Bruchsals am 1. März

1945 saßen wir in großer Runde zusammen und Du stelltest die rhetorische Frage: „Im

Abspann des Filmes wurden 1.000 getötete Bruchsaler genannt – warum waren hier keine

jüdischen Mitbürger dabei? Wo waren die an diesem grauenhaften Tag?“ Diese Frage

war für mich die Initialzündung, mich mit dem Thema Juden in Bruchsal zu beschäftigen.

Ich stellte fest, dass der Dichter der heute noch gesungenen Lokalhymne „De Brusler

Dorscht“ Jude war und 1939 aus seiner Heimat fliehen musste, um nicht ermordet zu

werden. Es war Otto Oppenheimer, ein begeisterter Fastnachter. So entstand meine Idee,

einen innerstädtischen Platz nach Oppenheimer zu benennen. Nach einigen Querelen

wurde im Mai 2011 der Holzmarkt umbenannt. Das „Sahnehäubchen“ dabei: Der heutige

Otto-Oppenheimer-Platz hieß zu Nazi-Zeiten Adolf-Hitler-Platz.

Was meinst Du mit Querelen?

Ich will mal so sagen. Offene Türen habe ich keine eingerannt. Die Haltung von Verwaltung

oder Institutionen war je nachdem ablehnend oder bestenfalls nur unschlüssig.

Großen Rückhalt und Unterstützung erfuhr ich bei allen Initiativen von vielen Bruchsalerinnen

und Bruchsalern. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an alle, ohne die vieles

nicht möglich gewesen wäre. Den Preis nahm ich auch für diese Freunde, Helfer und

Unterstützer entgegen.

Ebenfalls recht groß war der Widerstand gegen Stolpersteine, die an die Bruchsaler Holocaust-Opfer

erinnern. Die Ablehnung wurde unter anderem damit begründet, es sei doch

ein übergeordnetes

Mahnmal geplant

- das allerdings bis

heute nicht realisiert

wurde - oder

mit leeren städtischen

Kassen.

Angeblich würde

das Verlegen von

Stolpersteinen ca.

120.000 Euro kosten.

Das war und

ist natürlich totaler

Quatsch.

Von links: Michael Simonson (Leo-Baeck-Institut New York), Sabine Schott (Schwägerin),

Ursula Schott (Ehefrau), Rolf Schmitt, Alessandro Liardo (Neffe) und dessen

Freundin Louisa im Berliner Abgeordnetenhaus. Foto: Anke Kalkbrenner

Mittlerweile hat sich aber einiges bewegt. Du nanntest schon den Otto-Oppenheimer-Platz

und die Stolpersteine. Welche weiteren Aktivitäten hast Du trotz des – nennen wir es einmal

hinhaltenden - Widerstandes noch ergriffen?

Bei meinen ersten Recherchen im New Yorker Leo-Baeck-Institut grub ich das von Paul

Schrag geschriebene Theaterstück „Die Geschichte vom Herrn Rat“ aus. Die familiären

Wurzeln der Schrags sind in Obergrombach, heute noch ist die frühere Bruchsaler Malzfabrik

Schrag ein Begriff. Die Badische Landesbühne griff dankenswerterweise meine

Idee auf, dieses Theaterstück, das das Schicksal von Schrags Verwandten im Holocaust

schildert, aufzuführen. Zur Premiere waren einige Nachfahren der Schrag-Familie in

Bruchsal.

Nicht geplant war die Herausgabe eines Buches zu Otto Oppenheimer. Doch die Fülle des

zwischenzeitlich vorliegenden Materials machte es sinnvoll, mehr als nur die zunächst

geplante 16-seitige Broschüre herauszugeben. Letztendlich entstand auf über 300 Seiten

eine spannende Chronik der Familie Oppenheimer. Von den Anfängen der Michelfelder

Tuchfabrik über den Bruchsaler Tuchgroßhandel der Oppenheimers bis zu dem „Monuments

Man“ Harry Ettlinger in New Jersey.

Du hast auch die Ehrentafel für Ludwig Marum initiiert. Wie kam es dazu?

Die Ehrentafel für Ludwig Marum ist einem zufälligen Zusammentreffen zu verdanken.

Wobei, es gibt keine Zufälle. Schiller schrieb mal: „Den Zufall gibt die Vorsehung – zum

Zwecke muss ihn der Mensch gestalten“. Im Oktober 2013 besuchte ich eine Veranstaltung

im Ratskeller. Ich setzte mich neben eine Dame, mit der ich ins Gespräch kam. So erfuhr

ich, dass sie aus den USA war, das ich zwei Jahre zuvor besuchte. Sie fragte mich, wo ich

überall war. Als ich erwähnte, dass ich in der Kleinstadt Simsbury in Connecticut war,

stutzte sie und sagte: „Da wohne ich“. Meine Gesprächspartnerin war Dominique Avery,

die Enkeltochter von Ludwig Marum. In Simsbury waren wir, um Jacob Oppenheimers

34 35


Von links: Ralf Wieland (Präsident des Berliner Abgeordnetenhauses),

Rolf Schmitt, Karen Franklin (Arthur Obermayer-

Stiftung). Foto: Landesarchiv Berlin/Thomas Platow

Enkelsohn Walter Bernkopf zu besuchen.

Ich versprach Dominique

mich darum zu bemühen, dass auch

in Bruchsal innerstädtisch ihres

Großvaters gedacht wird. Marum

wuchs in Bruchsal auf und ging hier

zu Schule. Im Oktober 2014 wurde

eine Erinnerungstafel für Ludwig

Marum beim Schloss eingeweiht.

Wie erlebtest Du die Preisverleihung

in Berlin?

Sagen wir mal so. Es war Stress.

Aber positiver Stress. Am Morgen

des Tages der Preisverleihung war

eine Pressekonferenz, auf der ich

mich Fragen der Journalisten stellen musste, gegen Mittag wurde die Abendveranstaltung

geprobt und abends war die Feierstunde mit über 300 geladenen Gästen, darunter bekannte

Politiker und andere Persönlichkeiten. Es war ein schöner Augenblick als ich den

Preis verliehen bekam und ja, den Applaus genoss ich schon ein wenig.

Danach waren wir noch gemeinsam in einer Alt-Berliner Kneipe.

Dieser Abend übertraf die eh schon bewegende Feierstunde im Berliner Abgeordnetenhaus

um Längen. Mit dabei waren unter anderem Michael Simonson vom New Yorker

Leo-Baeck-Institut, zwei Enkelkinder von Ludwig Marum und deren Familien, Steffen

Jacob, der ein Verwandter der Bruchsaler Schrag- und Fuchs-Familien ist, sowie Jeanette

Rosenberg mit Ehemann. Jeanette ist die Tochter von Leo Rosenberg, der 1940 als 7-jähriger

Bub nach Gurs deportiert wurde. Bewegend waren ihre Schilderungen über den

beschwerlichen Lebensweg ihres Vaters.

Es waren, vielleicht werde ich jetzt ein wenig pathetisch, drei magische Stunden mit Menschen,

die ein Hauptthema verband: Bruchsal – und die Juden natürlich. Mein Neffe, ein

ansonsten recht cooler 25-jähriger, der bei diesem Treffen mit dabei war, sagte später, er

werde diesen beeindruckenden Abend nie vergessen, das war „Geschichtsunterricht pur“.

Wie geht es jetzt weiter, was hast Du noch vor? In Deiner Rathaus-Rede erwähntest Du auch

das Otto-Oppenheimer-Platz-Denkmal.

Für mich wichtig ist, dass das Tahara-Haus beim Bruchsaler jüdischen Friedhof im Sinne

der Nachfahren der früheren jüdischen Bruchsaler Gemeinde ausgestattet wird. Michael

Tinz, die treibende Kraft hinter der Errichtung des Otto-Oppenheimer-Platz-Denkmals,

ist leider vor wenigen Wochen verstorben. Doch seine Idee darf nicht zu den Akten gelegt

werden. Dieses Denkmal ist wichtig, um an all die früheren jüdischen Bruchsaler Mitbürgerinnen

und Mitbürger zu erinnern, die ermordet oder ihrer Heimat beraubt wurden.

Mit einer Erinnerungs-Spur könnte an alle diese Menschen namentlich gedacht werden.

Dem Bildhauer Wolfgang Thiel gelang ein großer Wurf. Das Schicksal von Otto

Oppenheimer und dessen Familie ist auf dem Denkmal beispielhaft dargestellt. Thiel

zitiert aus Werken des Kraichgauer Malers Karl Hubbuch, der ebenso wie Oppenheimer

im 3. Reich drangsaliert wurde. Hubbuch erhielt im 3. Reich Berufsverbot und

hielt sich als keramischer Maler bei der Karlsruher Majolika Manufaktur über Wasser

- die Kacheln für das Platzdenkmal werden in der Karlsruher Majolika Manufaktur

gefertigt.

Und noch etwas finde ich wichtig. Bruchsal braucht wieder ein Forum, in dem alle

Interessierten die Geschichte unserer Stadt aufarbeiten können. Dabei sollte man die

Fehler der Vergangenheit nicht wiederholen, als die so genannte Historische Kommission

als offizielles Organ der Stadtverwaltung von deren Führung politisch einseitig

missbraucht wurde. Ich denke da eher an einen verwaltungsunabhängigen Arbeitskreis,

der aber trotzdem eng mit der Stadtverwaltung, dem Stadtarchiv zum Beispiel,

zusammen arbeitet.

Was könnten die Themen dieses Geschichts-Forums sein?

Ganz sicher die, die ich eben bereits genannt habe. Bestimmt auch der Umgang mit

den wenigen historischen Baudenkmälern, die es noch gibt, das Alte Wasserwerk

zum Beispiel. Oder: Wie gehen wir in Zukunft mit dem Feuerwehrhaus um, das in

den 1950er Jahren ausgerechnet auf dem Gelände der bei den Novemberpogromen

1938 bis auf die Grundmauern niedergebrannten Synagoge errichtet wurde – die

Feuerwehr löschte den Brand nicht. Darf man das Feuerwehrhaus bei einer möglichen

Neuplanung auf diesem hochwertigen innerstädtischen Areals einfach abreißen,

ohne diese einmalige historische Fehlleistung zu dokumentieren? Sollen künftige Generationen

nicht daraus lernen, um sensibler mit der Geschichte unserer Stadt umzugehen?

Aber auch das große Thema der Freiheitsbewegungen in Bruchsal sollte

thematisiert werden, beispielsweise die Benennung der Säle des Bürgerzentrums. Das

ist ja aber eher Dein Thema. Oder die Frage, ob wirklich alle Quellen und Dokumente

der NS-Zeit der Nachwelt erhalten und öffentlich gemacht wurden. Da gibt es einiges

an Fragen zu stellen und zu beantworten.

Du hast jetzt einige Male die Finger in die Wunden der Stadt Bruchsal gelegt, vorhin

sagte ich „hinhaltender Widerstand“, den Du erfahren musstest. Wie ist Dein Verhältnis

zu unserer Stadt?

Ich mag Bruchsal. An dieser Stelle möchte ich Dich gerne zitieren. In Deinem Kabarett

singst Du: „Bruchsal, ach wie bist Du so einmal, ach, was sag ich, so zweimal,

tief ins Herz mir gebrannt … Wenn Du traurig bist, leide ich Schmerz“. Das bringt es

schon auf den Punkt. Ich bin in Bruchsal groß geworden und meine Heimatstadt ist

mir ans Herz gewachsen – und darum wichtig. Trotz alledem.

Rolf, ich danke Dir für das Gespräch.

36 37


Rückblick auf die zweite Bruchsaler

Stolpersteinverlegung am 27.06.2016

von Florian Jung

Heike, Tobias und Vincent Scheuer und Christoph Lübbe umrahmen die Gedenkfeier musikalisch. Foto: M. Stock

Am Montag, den 27. Juni 2016 begegneten sich bei der rund

einstündigen Auftaktveranstaltung zur Stolpersteinverlegung

drei Gruppen Menschen, die sich sonst nicht begegnet

wären: Zum einen waren das die elf Opfer des Nationalsozialismus,

die von einer Projektgruppe aus Achtklässlern in

Wort und Bild vorgestellt und damit wieder in das Bewusstsein

gerückt wurden. Zum zweiten waren das ihre Angehörigen,

die aus nah und fern, teilweise gar aus den USA,

angereist waren, um diesen Momenten des Gedenkens beizuwohnen.

Und zum dritten ist das die Bruchsaler Bevölkerung,

die sich, wie der volle Saal zeigte, offen und interessiert

mit diesem dunklen und schmerzhaften Teil der Geschichte

auseinandersetzen wollte.

Deborah Boehm ist eine der

Angehörigen, die bei der Gedenkfeier

spricht. Foto: Martin Stock

Bei der Verlegung in der Gutleutstaße 5 für Oskar Bornhäuser, von links: Thomas Adam, Dennis Wagner,

Pfarrerin Elke Heckel-Bischof (spricht ein Gebet), Doris Bornhäuser, Helmgart Bornhäuser (am Cello), zwei

Teilnehmer der Gedenkfeier, Finan Kluge, Ruth Bornhäuser, Hildegard Hofer geb. Bornhäuser. Foto: F. Jung

Schüler der Projektgruppe des Justus-Knecht-Gymnasiums bei der Vorstellung der Opferbiografien im

Vortragssaal des Augenzentrums Bruchsal, das sich unter dem Dach des historischen A-Baus des Bruchsaler

Krankenhauses befindet. Foto: Walter Jung

Von links: Frédéric Weill, Avigail Weill, Muriel Weill geb. Franck, Nicole Franck geb. Metzger, Deborah Boehm,

Denise Dzialoszynski geb. Metzger, J Pam Weiner, Gaby Dzialoszynski (halb verdeckt), Oberbürgermeisterin

Cornelia Petzold-Schick und Anna Dzialoszynski bei den frisch verlegten Stolpersteinen für Wilhelm, Charlotte

und Mathilde Prager vor dem Haus Styrumstraße 20. Foto: Martin Stock

38 39


Gunter Demnig bei der Vorbereitung des Gehwegs

(notfalls mit Presslufthammer!) und dem Verlegen

der Stolpersteine. Fotos: Walter Jung

Bei der sich an die Gedenkfeier um 15.00 Uhr anschließenden Stolpersteinverlegung an

den Stationen Gutleutstraße 5 (Bornhäuser), Styrumstraße 20 (Prager), Friedrichstraße 8

(Bär), Kaiserstraße 15 (Kahn) und Bahnhofstraße 16a (Oppenheimer) war nicht nur

Gunter Demnig bei der Verlegung der Stolpersteine zu beobachten. Die Schüler der Projektgruppe

lasen an jeder Station die Inschriften der Stolpersteine vor und kamen auch

ins persönliche Gespräch mit den Angehörigen, zu denen sie meist schon in der Biografien-Recherchephase

Kontakt aufgenommen hatten. Die mitziehende Gruppe erlebte

zudem an jeder Station weitere Programmpunkte - sei es musikalische Umrahmung,

Worte der Hausbesitzer oder gar von diesen angebotene Getränke.

Eine besondere Begegnung hatten Jenny Knaub-Lowenthal, Urenkelin von Fanny Bär,

und die 96-jährige Edeltrude Schies. Diese kannte die ermordeten Verwandten noch

sehr gut aus ihrer Kindheit. Bei einem anschließenden, gemeinsamen Kaffee im privaten

Rahmen konnte Edeltrude Schies einen Seidenschal und ein silbernes Täschchen, die sie

Anfang der 1930er Jahre von eben jenen Vorfahren geschenkt bekommen hatte, an die

in den USA wohnende Jenny überreichen - ein wirklich bewegender Moment.

Vor dem Gebäude Friedrichstr. 8, wo Stolpersteine für Fanny, Anselm und Sofie Bär verlegt wurden, von links:

Florian Jung, Philipp Schlindwein, Marco Moschinski, Eduard Gross, Jenny Knaub-Lowenthal geb. Baer,

Edeltrude Schies, Bill Knaub, Julian Schleicher. Foto: Walter Jung

Nachbetrachtung

Was bleibt von der Stolpersteinverlegung? Zum einen die Stolpersteine

für die elf Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung

als stete Mahnung an deren Leid, eingelassen in die Gehwege

vor ihren letzten freiwillig gewählten Wohnadressen.

Zum zweiten die Erinnerungen an diesen auch an Emotionen

dichten Tag, bei manchen Teilnehmern der Gedenkveranstaltung

und auch – besonders wertvoll – bei den Schülerinnen und

Schülern, die sich intensiv mit den Biografien befassten. Zum

dritten konnten die 20 (!) Angehörigen aus den Opferfamilien,

die aus den USA, Frankreich und der Schweiz angereist waren

– wie sie uns später schrieben – mit dem guten Gefühl nach

Hause fahren, dass man sich in jener Stadt, aus der ihre Vorfahren

einst brutal vertrieben wurden, gern wieder ihrer erinnert.

Vermutlich Wilhelm Prager.

Eine seiner ehemaligen Schülerinnen

meint, ihn auf diesem

Bild wieder zu erkennen.

Foto: Stadtarchiv Bruchsal

Stellvertretend für die Reaktionen der Angehörigen wird hier der Brief von Nicole

Franck abgedruckt, da sie und ihre ebenfalls anwesende Schwester Denise Dzialoszynski

die einzigen Gäste waren, die direkt Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung

wurden. Als Kinder lebten sie, zusammen mit ihren Eltern, jahrelang versteckt in Frankreich,

von Ort zu Ort ziehend, stets in Angst vor Entdeckung – und mussten mit ansehen,

wie ihre Tante und ihr Opa verhaftet wurden. Diese beiden wurden in den Lagern

des Ostens ermordet.

Sehr geehrte Frau Oberbürgermeisterin, Straßburg, den 4. Juli 2016

ich kann Ihnen erst jetzt nach einer Woche schreiben, um meiner Bewunderung und Anerkennung

Ausdruck zu verleihen. Ich war bisher zu ergriffen, um ihnen schreiben zu können. Immer wieder

erzähle ich in meinem Umfeld von diesem denkwürdigen Tag.

Ich kann Ihnen versichern, dass es mir bis zu diesem Tag sehr schwer fiel Deutschland zu besuchen,

aber mir wurde jetzt bewusst, welche Erinnerungsarbeit die neue Generation leistet und wie sie

das, was sich ereignete, bedauert. Endlich kann auch ich beginnen, das Geschehene aufzuarbeiten.

Sie haben diese Stolperstein-Initiative ergriffen und Sie trafen die kluge Entscheidung, nicht alle

Steine auf einmal zu verlegen. Die bewegenden Feier, zu der Sie mich und meine Verwandten eingeladen

hatten, ließ jedes der Opfer wieder lebendig werden. Den Schülern, die diese wunderbare

Arbeit gemacht haben, wird ihr Tun eine Erkenntnis fürs Leben sein: „Jedes menschliche Dasein

ist ein Wert an sich“.

Wir kamen zahlreich, denn wir wollten, also meine Schwester an ihren Sohn und die zwei Enkel

aus Straßburg und ich an meine Tochter und meine Enkelin, dieses geschichtliche Ereignis und die

damit verbundene Erinnerung an unsere entferntere Verwandtschaft vermitteln. Alle waren sehr

beeindruckt. Vielen Dank für das schöne Buch über Bruchsal und den sehr herzlichen Empfang.

Bitte vermitteln Sie meine Glückwünsche dem ganzen Team, das an der Verwirklichung mit gearbeitet

hat, insbesondere den Herren Jung und Schmitt.

Mit unserem herzlichen Dank, Frau Oberbürgermeisterin, grüßen wir Sie hochachtungsvoll

Nicole Franck

Brief von N. Franck aus der Prager-Familie an Frau Petzold-Schick. Übersetzung: Bruno Wallisch

40 41


75 Jahre Deportation nach Izbica

von Rolf Schmitt

Genau 75 Jahre vor der dritten Stolpersteinverlegung, am 26. April 1942, wurden aus

Bruchsal die letzten jüdischen Mitbürger deportiert.

„Dann wurden wir zum ersten Mal gewahr, dass unsere Sprache nicht über die Worte verfügt,

um diesen Angriff, diese Zerstörung eines Menschen zu beschreiben… Wir hatten den

Tiefpunkt erreicht. Es ist unmöglich, noch tiefer zu sinken... Es gibt nichts mehr, das uns

gehört: Sie haben uns unsere Kleider genommen, unsere Schuhe, sogar unser Haar... Sie

werden uns sogar unseren Namen wegnehmen...“ (Primo Levi)

Von links: Randi Graves, Connor Graves

(Enkel von Ruth Graves geb. Kahn), Valerie

Kurz, Sarah Betz, Gerard Alexander

(Enkel von Hedwig Alexander geb. Kahn).

Foto: R. Schmitt

Stolpersteine für Johanna und Bertha Kahn, Kaiserstr. 15.

Gunter Demnig erhält Unterstützung durch Mitarbeiter des

städtischen Bauhofs. Hannelore Haas geb. Ihle (re.) und Rosemarie

Ihle (3. v. re.) wuchsen in dem Haus auf und sprechen

einige Worte. Foto: R. Schmitt

Zufällig nur fünf Wochen nach der Verlegung kam der 90-jährige

Enkel von Bertha Kahn, Ricardo Emilio Kahn aus Buenos Aires zusammen

mit zwei seiner Töchter nach Bruchsal, um endlich einmal

die Heimatstadt seiner Eltern zu sehen. Fritz Kahn (1896-1959) war

1919 nach Argentinien ausgewandert und holte 1922 seine evangelische

Braut Clara Ansmann nach, weil beide Familien gegen diese

Verbindung waren; der Kontakt nach Bruchsal brach gänzlich ab.

Durch Vermittlung des Bruchsaler Standesamts konnte jetzt der

Kontakt zu seinen Cousinen in den USA hergestellt werden!

42

Ricardo Emilio Kahn,

2016. Foto: Patricia Kahn

Vor dem Haus

Bahnhofstr. 16a und

den Stolpersteinen für

Hedwig und Berta

Oppenheimer, von

links: Jörg Friedmann

(Bürgerstiftung, halb

verdeckt), Nicolas Konrad,

Sascha Hermann,

Muhammed Ali Dana,

Gabriele Leger und

Christa Hurst (Enkelinnen

von Oppenheimers

Hausangestellter Theresia

Oster), Cornelia

Petzold Schick, Florian

Jung, Gunter Demnig.

Foto: Rolf Schmitt

Die Wannsee-Konferenz

Von der NS-Führung war mit der „Endlösung der Judenfrage“ Reinhard Heydrich beauftragt,

der Leiter des Reichssicherheitshauptamtes. Zur Vorstellung seiner Pläne lud er

für den 20. Januar 1942 Staatssekretäre und hohe NSDAP- und SS-Funktionäre ins Speisezimmer

einer Berliner Villa am Wannsee zu einer „Besprechung mit anschließendem

Frühstück“ ein.

Vorrangiges Ziel der Konferenz war, den Völkermord europaweit zu koordinieren und

zu systematisieren. Der Völkermord war aber zum Zeitpunkt der Besprechung bereits

in vollem Gange. Bis Januar 1942 wurden in Polen und der Sowjetunion schon über

500.000 Juden erschossen oder in Gaswagen qualvoll vergast. Prinzipiellen Widerspruch

gegen die Pläne gab es keinen, der Genozid wurde beschlossen.

Die Gestapo

Ausführende Organe für die Deportationen nach dem Osten waren die Dienststellen der

Geheimen Staatspolizei (Gestapo). Diese erhielten in Baden und Württemberg bereits

im März 1942 den Befehl, einen „Evakuierungstransport“ vorzubereiten, der Stuttgart

im April 1942 verlassen solle mit Ziel Ghetto Izbica bei Lublin in Polen. Die Gestapo

bediente sich in Baden geradezu satanisch der „Bezirksstelle der Reichsvereinigung der

Juden in Deutschland“. Diese hatte die von der „Auswanderung“ betroffenen Opfer über

die vorgesehene „Abreise“ zu unterrichten. Vor ihrer bevorstehenden „Abreise“ durften

die „Fahrtteilnehmer“ von ihrem eventuell noch vorhandenen Hab und Gut weder

etwas verkaufen, verschenken oder verleihen. Die Habseligkeiten wurden nach der Deportation

gegen Barzahlung versteigert.

Jüdische Mitbürger in Bruchsal

Anders als der Titel „Bruchsal judenfrei! Die letzten Juden verlassen Bruchsal“ der Filmsequenz

zur Deportation Bruchsaler Juden nach Gurs suggeriert, lebten im Frühjahr 1942

noch jüdische oder von den Behörden als Juden angesehene Mitbürger in unserer Stadt.

In Mischehe lebende jüdische Mitbürger waren von der Deportation nach Izbica aus-

43


genommen. Diese waren in Bruchsal Gertrud Lehmann (1881-1952), Frieda (Fanny)

Neuthard (1871-1950), Ida Stoeckhert (1887-1972) und die erst 1941/42 aus Heidelberg

zugezogene Anna-Maria Röder.

Auf der Deportationsliste der Gestapo standen diese drei Bruchsalerinnen: Die staatenlosen

Paula Frogel (geb. 1884) und Rosa Rosenberg (geb. 1891) sowie die verwitwete

Helene Oncken (geb. 1880). Letztere hatte durch die Auswanderung ihrer beiden evangelisch

getauften Kinder den schützenden Status verloren. Rosa Rosenberg wurde im

Oktober 1940 nicht nach Gurs deportiert, weil sie ihre kranke Schwester Nanette Lämmle

pflegen musste, die allerdings am 10. April 1941 verstarb.

Das Ghetto Izbica

Im Ghetto Izbica herrschten völlig verwahrloste Zustände. Auf den Straßen lag der

Schlamm knietief. Die Verpflegung war äußerst knapp, das mitgebrachte Gepäck wurde

den Deportierten nicht ausgehändigt. Ein Zeitzeuge berichtete, es fehle an allem, „nur

nicht an Ratten, Mäusen, Flöhen und Wanzen. Keine Abwasseranlage, in den Gassen

reicht der Schmutz kniehoch. Vor allem fehlt es an jeglichen Lebensmitteln.“

Mit großer Wahrscheinlichkeit wurden die Verschleppten schon wenige Wochen nach

ihrer Ankunft in den nahegelegenen Vernichtungslagern Belcec und Majdanek ermordet.

Dieser Deportationszug ist als reiner Todestransport zu bezeichnen. Von keinem

der über 600 deportierten Menschen aus diesem Todeszug kam jemals mehr ein Lebenszeichen.

Blick in das Ghetto Izbica. Foto: www.Bundesarchiv.de

44


Die am 26.04.2017 verlegten Stolpersteine wurden gespendet

von: für: Ort:

Ulrike Mältzer, Bruchsal Mathilde Weil Huttenstraße 26

Dr. Monika Hankeln, Forst Dr. Siegfried Grzymisch Huttenstraße 2

Dr. Monika Hankeln, Forst

Carola Grzymisch

Theo und Ellen Hager, Bruchsal Charlotte „Lina“ Mayer

Klezmer Ensemble Shtetl Tov u. C. Yim Max Löb Friedrichstraße 53

Klezmer Ensemble Shtetl Tov u. C. Yim Julie Löb

Nicole Franck, Straßburg

Edith Löb

Harald Sienel, Bruchsal

Heinz Löb

Rolf und Christa Molitor, Bruchsal Friedrich Molitor Durlacher Straße 71

BürgerStiftung Bruchsal Friedrich Sem Bär Schwimmbadstraße 17

Klezmer Ensemble Shtetl Tov u. C. Yim Franziska Bär

Klezmer Ensemble Shtetl Tov u. C. Yim Therese „Resi“ Bär

Werner Wachter, Bruchsal Simon Marx Bismarckstraße 10

Beate Schmitt, Bruchsal

Rosalie Marx

Stirumschule, Klasse 10a (2014/15) Betty „Liesel“ Marx

Klasse 10a, Doris Bornhäuser u. a. Trude Marx

Die BürgerStiftung Bruchsal hat die

wichtige Aufgabe übernommen, auch

künftig Mittel für weitere Stolpersteine

einzuwerben. Jeder Stein kostet 120 Euro –

dieser Betrag kann jederzeit zweckgebunden

an die BürgerStiftung Bruchsal

gespendet werden und wird in vollem

Umfang für dieses Projekt eingesetzt.

Jeder Spender erhält eine Einladung

zur nächsten Stolpersteinverlegung, daher

bitte auch die postalische Adresse beim

Verwendungszweck vermerken.

Sparkasse Kraichgau, IBAN DE 7566 3500 3600 0777 7777

Volksbank Bruchsal-Bretten, IBAN DE 5666 3912 0000 0080 0600

Impressum

Herausgeber: Stadtverwaltung Bruchsal

Auflage: 500 Stück, 1. Auflage April 2017

Redaktion: Florian Jung und Rolf Schmitt, Bruchsal

Layout & Druck: KAROLUS Media, Bruchsal

Die Rechte für die Beiträge liegen bei den jeweiligen Autoren.


Jenny Knaub-Lowenthal geb. Baer vor den Stolpersteinen

für Fanny, Anselm und Sofie Bär in der Friedrichstraße 8,

27.06.2016. Foto: Martin Stock

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